Kitabı oku: «Verstehen in der Psychiatrischen Pflege»

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Die Herausgeberinnen


Prof. Dr. rer. cur. Sabine Weißflog, Krankenschwester mit 20-jähriger Berufserfahrung in der psychiatrischen Pflege, promovierte an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar (PTHV) Fakultät Pflegewissenschaft, studierte an der PTHV Pflegewissenschaft (MScN), an der TU Kaiserslautern Erwachsenenbildung (M. A.) und an der Hamburger Fernhochschule Pflegemanagement (Diplom-Pflegewirtin FH). Seit 2015 Professorin an der Frankfurt University of Applied Sciences für Pflegewissenschaft mit dem Schwerpunkt Psychiatrische Pflege, Studiengangsleitung Pflege – Advanced Practice Nursing (M. Sc.), Studienleitung CAS Häusliche Psychiatrische Pflege, Sprecherin der Sektion Psychiatrische Pflegeforschung bei der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft e. V., Mitglied Jury Nachwuchspreis der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e. V. und im Beirat des Deutschen Netzwerkes Advanced Practice Nursing g. e. V. & Advanced Nursing Practice, davor als Pflegewissenschaftlerin der Psychiatrischen Dienste Thurgau (Schweiz) in den Bereichen Bildung sowie Forschung und Entwicklung tätig, Gutachterin für Abschlussarbeiten an der FHS St. Gallen (Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Fachbereich Gesundheit).


Prof. Dr. Julia Lademann, seit 12 Jahren Professorin für Pflegewissenschaft, zunächst an der Hochschule München, seit 2013 an der Frankfurt University of Applied Sciences. An beiden Hochschulen Entwicklung und Leitung grundständiger Bachelor-Pflegestudiengänge. Die Schwerpunkte in Lehre und Forschung sind Professionalisierung und Akademisierung der Pflegeberufe, Beziehungsgestaltung in der Pflege, Pflege und Familie (pflegende Angehörige, ambulante Schwerstkrankenpflege), Gesundheitswissenschaften sowie qualitative Gesundheits- und Pflegeforschung.

Sabine Weißflog/Julia Lademann (Hrsg.)

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1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-039688-3

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pdf: ISBN 978-3-17-039689-0

epub: ISBN 978-3-17-039690-6

Vorwort

Wir möchten wissen und verstehen, was die Welt zusammenhält. Geliehen ist diese Aussage aus Goethes Lebenswerk »Faust«: Ihn beschäftigte ein Leben lang die Frage: »Was hält die Welt im Innersten zusammen?«1 Genauso wenig wie Goethe interessiert uns eine naturwissenschaftlich fundierte Antwort auf diese Frage, wenn die »Welt« hier einmal als die der Psychiatrie mit allen Beteiligten gemeint ist. »Gute« psychiatrische Pflege möchte erkrankte Menschen auf dem Genesungsweg hin zum selbstbestimmten Handeln unterstützen. Dem entgegen steht jedoch die Herausforderung, dass die Welt dieser Menschen nicht immer einfach zu erklären und zu verstehen ist.

Damit sind wir bereits mitten im Diskurs bezüglich des Verhältnisses zwischen Verstehen und Erklären, welches an folgendem Beispiel aus pflegewissenschaftlicher Perspektive gut veranschaulicht werden kann. Eine rasante Dynamik erfuhr in den letzten Jahren das Konzept »Recovery« in der Sozialpsychiatrie. In seiner Bedeutung aus der Selbsthilfe und der Betroffenen-Bewegung kommend, beschreibt es den Prozess der Genesung, des Wachstums und der Entwicklung sowie des Wiedererlangens von Wohlbefinden und Lebensqualität. Betroffene berichten, dass sie die psychische Erkrankung überwinden konnten und ein zufriedenes Leben führen, auch wenn Symptome weiterhin bestehen. Sie möchten als Experten2 ihres Lebens verstanden werden.

Die klinische Perspektive definiert Recovery als ein Ziel der Behandlung: Symptomreduktion und Remission. Die psychiatrische Pflegeforschung untersucht, wie der Genesungsweg psychisch erkrankter Menschen am besten unterstützt werden kann. Mit ihrer Hilfe können theoretisch-fundierte Voraussetzungen für eine recovery-orientierte Praxis entwickelt werden. Mit der Erforschung der Grundlagen psychosozialen Handelns und der pflegerisch-therapeutischen Angebote bis zur Messung der Lebensqualität erkrankter Menschen ist ein weiter Weg zu beschreiten, der unterschiedliche Wissenszugänge erfordert. In Anbetracht der aktuellen Entwicklungen in der Pflegewissenschaft ist es aus Sicht der Herausgeberinnen nun ein angemessener Zeitpunkt für eine kritische und um verschiedene Perspektiven erweiternde Debatte über zentrale Begriffe, Konzepte und Phänomene im Kontext klinisch-psychiatrischer Pflege. Ein wichtiges Anliegen der Veröffentlichung ist ein Nach- und Weiterdenken auf dem Weg zur Evolution einer pflegewissenschaftlich fundierten psychiatrischen Pflege.

Sabine Weißflog und Julia Lademann

1 Vgl. Johann Wolfgang von Goethe: Faust I, V. 382 f.

2 Zugunsten einer lesefreundlichen Darstellung wird in diesem Text bei personenbezogenen Bezeichnungen in der Regel die männliche Form verwendet. Diese schließt, wo nicht anders angegeben, alle Geschlechtsformen ein (weiblich, männlich, divers).

Inhalt

1  Vorwort

2  Einleitung

3  1 Von der Emanzipation des Verstehens in der psychiatrischen Pflege

4 Sabine Weißflog

5  1.1 Einleitung

6  1.2 Subjektivierung der psychiatrischen Pflege

7  1.3 Diskurs gesellschaftlicher Verhältnisse

8  1.4 Phänomenologie und Lebenswelt: Edmund Husserl

9  1.5 Lebenswelt: Alfred Schütz und Thomas Luckmann

10  1.5.1 Räumlich-zeitliche Aufschichtung der Lebenswelt

11  1.5.2 Sozial- und Kulturwelt

12  1.5.3 Verstehen

13  1.5.4 Sinnkonstitution

14  1.5.5 Bewältigung und Veränderung

15  1.5.6 Handeln und Handlung

16  1.6 Bedeutung der Phänomenologie und des Konzepts Lebenswelt für die psychiatrische Pflege

17  2 Bilderfahrzeuge in der psychiatrischen Pflege

18 Günter Meyer

19  2.1 Einleitung

20  2.2 Wer war Aby Warburg?

21  2.3 Krankheitsgeschichte

22  2.4 Mnemosyne

23  2.5 Ikonologie

24  2.6 Historische Forschung der psychiatrischen Pflege

25  2.7 Fazit

26  3 Von den Herausforderungen einer kritischen Selbstbetrachtung in der psychiatrischen Pflege

27 Michael Theune

28  3.1 Problemhintergrund

29  3.2 Fragestellung(en)

30  3.3 Handlungsrahmen und Evidenz

31  3.4 Empirie und Empirismus

32  3.5 Die Pflegewissenschaft als Instanz der Verwissenschaftlichung von Pflege

33  3.5.1 Evidenz in der (ambulanten psychiatrischen) Pflege?

34  3.5.2 Der Pflegeprozess im Dilemma der Evidenzen

35  3.5.3 Pflege und Interdisziplinarität

36  3.5.4 Exkurs zu Pflegetheorien

37  3.5.5 Sprache

38  3.5.6 Der Gegenstand Mensch und die professionelle Interaktion

39  3.6 Erklärungsansätze oder die Bedeutung der Pflegewissenschaften

40  3.6.1 Transfererfahrungen

41  3.6.2 Das Problem mit dem Profil

42  3.6.3 Extrinsisch wird formativ

43  3.6.4 Cure und Care

44  3.7 Fazit

45  4 Werteorientiertes Recovery

46 Ingo Tschinke

47  4.1 Einführung

48  4.2 Recovery-Orientierung

49  4.2.1 Transformation durch Recovery

50  4.2.2 Phasen des persönlichen Recovery

51  4.2.3 Werteverständnis in der Recovery-Orientierung

52  4.3 CHIME-Modell

53  4.3.1 Connectedness – Verbundenheit

54  4.3.2 Hope – Hoffnung

55  4.3.3 Identity – Identität

56  4.3.4 Meaning – Sinngebung

57  4.3.5 Empowerment

58  4.4 Sinnorientierte Psychotherapie – Logotherapie nach Viktor E. Frankl

59  4.5 Recovery-orientierte psychiatrische Pflege

60  4.6 Prinzipien einer werteorientierten psychiatrischen Pflegepraxis

61  4.7 Zusammenfassung und Ausblick

62  5 Ethische Diskussion der Möglichkeiten und Grenzen des Konzepts der offenen Tür

63 Maren Fries

64  5.1 Einleitung

65  5.2 Das Konzept der offenen Tür

66  5.2.1 Bedingungen für das Gelingen des Konzepts der offenen Tür

67  5.2.2 Möglichkeiten des Konzepts der offenen Tür

68  5.2.3 Grenzen des Konzepts

69  5.3 Ethische Diskussion

70  5.4 Fazit

71  6 Advanced Practice Nursing – Profilentwicklung einer »APN-Suizidprävention und -Suizidpostvention« für den deutschsprachigen Raum

72 Sonja Freyer

73  6.1 Einleitung

74  6.2 Forschungsfragen und Zielsetzung

75  6.3 Theoretische Grundlagen

76  6.4 Methodisches Vorgehen

77  6.5 Suizidprävention

78  6.6 Suizidpostvention

79  6.6.1 Postvention – Betroffenenliteratur

80  6.6.2 Postvention – wissenschaftliche Literatur

81  6.7 Profilentwicklung APN-Suizidprävention und -Suizidpostvention

82  6.8 Zusammenfassung und Ausblick

83  7 Beziehungsgestaltung in der psychiatrischen Pflege: pflegewissenschaftlich relevante Erkenntnisse

84 Julia Lademann

85  7.1 Einleitung

86  7.2 Professionelle Beziehungsgestaltung in der Pflege: Bedeutung und Besonderheiten

87  7.2.1 Konfrontation mit existenziellen Situationen: massive Identitätskrisen

88  7.2.2 Asymmetrie der Beziehung: Macht in der Psychiatrie

89  7.2.3 Kontakt mit Körper und Leib: Zwang und Gewalt

90  7.2.4 Verschränkung mit der Lebenswelt: fremde Welten verstehen

91  7.3 Beziehungsgestaltung in der psychiatrischen Pflege: von Peplau bis heute

92  7.3.1 Peplaus Interaktionstheorie: zwischenmenschliche Beziehungen in der Pflege

93  7.3.2 Pflegerische Beziehung in der psychiatrischen Pflege heute

94  7.4 Voraussetzungen und Entwicklungsbedarfe für eine professionelle pflegerische Beziehungsgestaltung in der Psychiatrie

95  7.4.1 Berufsverständnis und -ethik

96  7.4.2 Pflegewissenschaftlich fundierte Beziehungskonzepte und Forschung

97  7.4.3 Pflegerische Kompetenzentwicklung

98  7.4.4 Rahmenbedingungen in Gesellschaft und Institution

99  7.5 Fazit

100  Die Autorinnen, die Autoren

101  Stichwortverzeichnis

Einleitung

Welche Denkansätze zur Frage des »Verstehen« gibt es für die klinisch-psychiatrische Pflege in der Wissenschaft? Unter dieser Fragestellung werden sozial- und geisteswissenschaftlich ausgerichtete Betrachtungsweisen zum Verstehen in der psychiatrischen Pflege herangezogen, die in der Diskussion um anwendungsorientierte alternative Entwicklungen von zentraler Bedeutung sind. Ihre Konkretisierung erfahren die jeweiligen Diskurse an spezifischen Gegenstandsbereichen der psychiatrischen Pflege.

Der Beitrag von Sabine Weißflog möchte mit einer kritischen Haltung zur Korrektur des unerreichbaren Ideals quantitativer Verfahren objektivistischer Ansätze anregen – zugunsten verstehender Methoden. Expliziert wird für die psychiatrische Pflege das Konzept Lebenswelt nach Edmund Husserl und Alfred Schütz. Der Blick auf die Neuverteilung von Selbst- und Fremdregierung offenbart im Konzept Lebenswelt einen emanzipatorischen Charakter für die psychiatrische Pflege und für psychisch erkrankte Menschen. Der Auseinandersetzung mit dem Subjekt-Begriff Michel Foucaults folgt die gesellschaftstheoretische Perspektive einer Argumentationslinie von Ulrich Beck bis zu Andreas Reckwitz. Das Wissen um die sinnhafte Vorstrukturiertheit der Sozialwelt hat Konsequenzen für die psychiatrische Pflegepraxis. Das Spezifische des pflegewissenschaftlich-psychiatrischen Gegenstandsbereichs basiert auf dem Verstehen.

Günter Meyer setzt die psychiatrische Pflege in einen größeren kulturellen Zusammenhang, um deren Bedeutsamkeit herauszuarbeiten. Psychische Störungen sind in allen Kulturen und Epochen festzustellen, sie erscheinen wie Bilderfahrzeuge im kulturellen Kontext. Doch die Begriffe »Normalität«, »Krankheit« und »Gesundheit« variieren in der geschichtlichen Entwicklung und ein scheinbar objektives Urteil ist letztlich immer ein kulturelles Konstrukt. In der psychiatrischen Pflegeforschung ist daher vorsichtig mit dem Begriff »Objektivität« umzugehen. Auch wenn der »Mainstream« der Wissenschaft eine Überwindung der subjektiven Betrachtung zugunsten einer größtmöglichen Objektivität anstrebt, sollte diese Objektivität nie ahistorisch betrachtet und der kulturelle Kontext nicht unterdrückt werden.

Der Artikel von Michael Theune nimmt eine berufspolitisch-kritische Haltung ein. Der Autor möchte ein Bewusstsein für die dysfunktionale Systematik generieren und gleichzeitig ein proaktives Interesse für die durchaus bestehenden Wissensbestände wecken. In die Betrachtung einbezogen wird der pflegewissenschaftliche Selbstverpflichtungsanspruch nach Erkenntnisgewinn und der Erkenntnistransfer für das klinische Handlungsfeld. Die Diskussion erfährt ihre Erweiterung im gesellschaftlichen Professionalisierungsdiskurs der Pflegeberufe, dem bidirektionalen Innenverhältnis der Gesundheitsberufe Pflege und Medizin sowie durch eine intrinsische und extrinsische Modellierung des Berufsbildes Pflege. Die theoretische Bezugnahme auf Ulrich Oevermanns doppelte Handlungslogik formt den gedanklichen Rahmen.

Ingo Tschinke möchte in seinem Beitrag zur Auseinandersetzung mit der philosophischen Sichtweise auf die Seins-Ebene und die Sinnhaftigkeit von Leben anregen. Die Werte-Orientierung des Recovery-Konzeptes sieht er als Brücke für das Verstehen der Wandlung psychisch erkrankter Menschen hin zu Menschen, die sich auf ihrem Genesungsweg befinden. Zur Vertiefung werden die Bezugsvariablen des CHIME-Modells unter philosophischen Aspekten der Phänomenologie und des Existenzialismus betrachtet. Zur Werte-Orientierung des Recovery wird die sinnorientierte Psychotherapie (Logotherapie) von Viktor E. Frankl herangezogen. Zukünftige Projekte der Pflegeforschung sollten werteorientiertes Pflegehandeln vor dem Hintergrund der werteorientierten Betroffenenerwartungen aufgreifen.

Das Kapitel von Maren Fries beschäftigt sich mit den Persönlichkeitsrechten psychisch erkrankter Menschen und untersucht die Möglichkeiten und Grenzen des Konzepts der offenen Tür in der stationären akutpsychiatrischen Behandlung. Theoriegestützt und auf der Grundlage von Expertenmeinungen wird die gängige Praxis des Konzepts der geschlossenen Tür und das konkurrierende Konzept der offenen Tür diskutiert; dabei reflektiert die Autorin ethische Aspekte anhand der biomedizinischen Prinzipienethik nach Beauchamps und Childress (2009). Obwohl das Konzept der offenen Tür den Zwang und die Einschränkungen der Persönlichkeitsrechte verringern kann, sind die Eingangstüren von Stationen, auf denen psychiatrische Akutbehandlungen erfolgen, auch weiterhin überwiegend verschlossen. Daher sollten sowohl wissenschaftliche Erkenntnisse als auch ethische Kriterien herangezogen werden, um zu entscheiden, wie eine gute Praxis bei minimaler Anwendung von Zwang und Einschränkung der Persönlichkeitsrechte für psychisch erkrankte Patienten sichergestellt werden kann.

Der Beitrag von Sonja Freyer thematisiert die Betroffenheit und die Bedürfnisse Angehöriger nach einem vollendeten Suizid von Klienten. Steigende Suizidraten verdeutlichen die Relevanz, sich mit den Themen Suizidprävention und Suizidpostvention auseinanderzusetzen. Für den deutschsprachigen Raum wird die Profilentwicklung einer Advanced Practice Nurse (APN) mit der Spezialisierung auf Suizidprävention und -postvention mittels einer Meta-Synthese (in Anlehnung an die Meta-Ethnographie nach Noblit und Hare, 1988) dargestellt. Zukünftige APNs in diesem Bereich benötigen ausgeprägte kommunikative Kompetenzen, ein hohes Reflexionsvermögen, Fähigkeiten zur Suizidrisikoeinschätzung und umfassende Kenntnisse zu den Auswirkungen eines Suizids auf das familiäre Umfeld. Die Datenlage ist insbesondere zu den Aufgaben, Tätigkeiten und Kompetenzen von Pflegenden im Bereich der Suizidpostvention international gering und für den deutschsprachigen Raum liegen gar keine Daten vor. Hier besteht eine eklatante Forschungslücke, die es mit gezielten pflegewissenschaftlichen Fragestellungen zu verringern gilt.

Im letzten Beitrag geht es um die Beziehungsgestaltung in der psychiatrischen Pflege, denn Verstehen und Verständnis kann nur im Rahmen einer positiven Gestaltung von Beziehungen entwickelt werden. Julia Lademann bezieht sich auf erste pflegewissenschaftliche Theorien und stellt fest, dass ein wissenschaftlich fundiertes Hintergrundwissen, eine gezielte Kompetenzentwicklung bei Pflegefachpersonen sowie angemessene Rahmenbedingungen zur praktischen Umsetzung notwendig sind. Es gilt, psychisch erkrankte Menschen sowohl auf der Grundlage evidenzbasierter Erkenntnisse als auch im Hinblick auf ihre Individualität und Persönlichkeit anerkennend und einbeziehend zu begleiten. In diesem Beitrag werden die in dem vorliegenden Band präsentierten Themen mit Blick auf eine verstehensorientierte Beziehungsgestaltung zusammenfassend und beispielhaft diskutiert.

1 Von der Emanzipation des Verstehens in der psychiatrischen Pflege
Sabine Weißflog
1.1 Einleitung

»Sie dürfen nicht alles glauben, was Sie denken!« Dieser Spruch wird Heinz Erhardt (1909–1979), einem deutschen Kabarettisten, in den Mund gelegt. Wenn ich dies beherzige, fallen mir genug Situationen ein, in denen ich mich im Nachhinein bei so manchem Irrtum ertappt habe. Diese Selbsterkenntnis bezieht sich natürlich auch auf Begegnungen, Beobachtungen und Annahmen. Ob ich also mit meinen Gedanken das getroffen habe, was mein Gegenüber meinte, konnte ich nicht wissen, denn ich hatte ja nicht gefragt.

Nun trifft diese Reflexion natürlich auch für das jeweilige Gegenüber zu: sowohl als Person als auch im Hinblick auf die Annahmen und Erwartungen aus und in institutionalisierten Settings. In meinem Berufsleben als Fachperson in der psychiatrischen Pflege stand ich vor Aufgaben, die aus meiner Sicht mit widersprüchlichen und zum Teil paradoxen Erwartungen gepaart waren. Psychiatrisch-pflegerisches Handeln sollte fördern/unterstützen und/oder sanktionieren sowie führen und/oder wachsen lassen. Diese Widersprüchlichkeit gilt auch für die moralisch aufgeladenen Imperative um die Nähe- und/oder Distanz-Diskurse, die wie eine magische Formel von Generation zu Generation Pflegender weitergetragen wurden. Ich traf meine Entscheidungen zumeist also rational und den gegebenen Glaubenssätzen folgend, das glaubte ich jedenfalls.

Dass Entscheidungen und Verstehen von Erlebtem nicht immer im erlebten Moment situationsgerecht stattfinden können, soll an einem Beispiel veranschaulicht werden.

Fallbeispiel Herr D.

Stellen Sie sich dafür folgendes Szenario auf einer stationären Behandlungseinheit des niederschwelligen Drogenentzugs vor: Es ist um die Mittagszeit. Das Team ist mit neu aufgenommenen Klienten beschäftigt, es herrscht eine rege Betriebsamkeit und alle sind bemüht, »fertig« zu werden – das Team mit der Arbeit und die neu aufgenommenen Klienten mit dem Aufnahmeprozedere. Plötzlich wird es laut. Von dem Lärm aufgeschreckt treffen sich Pflegefachpersonen und Klienten auf dem Stationsgang und beobachten, wie Herr D. mit dem Fuß gegen Türen und Wände tritt. Als Herr D. die Pflegefachpersonen wahrnimmt, bricht er sein Tun ab und setzt sich auf den Boden des Flures. Die Interpretation der Pflegenden zu diesem Zeitpunkt lautete: »Herr D. ist aggressiv – er hat Suchtdruck –, vielleicht möchte er die Behandlung abbrechen.« Diese Interpretation wird anschließend in den Pflegebericht geschrieben und an die nächste Schicht übergeben. Diese weiß dann gleich, auch ohne den Klienten kennen zu müssen, dass Herr D. aggressiv ist und zum Selbstschutz einer engmaschigen Überwachung bedarf.

Aus diesem Problemlösungsansatz können wir ableiten, dass Pflegefachpersonen ihren Fokus auf das Verhalten des Klienten und nicht auf die individuelle Handlung und dem damit verbundenen Wissen um das Handlungsmotiv richteten. Das Ziel dieser diskursiv entstandenen Wahrheit führte zum Sanktionieren und dem Erzwingen einer Verhaltensänderung. Die subjektivierte pflegerische Fürsorge diente in ihrer Funktion der sozialen Regulierung.

Einen anderen Verlauf nahm das Geschehen als die Pflegefachpersonen, vor dem Hintergrund ihrer Beobachtung und der eingeschlossenen Interpretation, Herrn D. folgende Frage stellten: »Sie treten gegen Türen und Wände. Wir haben den Eindruck, sie sind gereizt. Warum tun sie das?« Herr D. schaute auf und antwortete: »Es ist Mittag, auf der Rampe steht der Essenswagen und keiner holt ihn rein – ich habe Hunger.«

Mit dieser Frage an Herrn D. sind wir bei der individuellen Handlung und dem Handlungsmotiv: dem Verstehen des subjektiven Sinns, um den Genesungsweg des Klienten begleiten und unterstützen zu können. Die Fürsorge und damit verbunden das Verstehen um das subjektive Erleben des Klienten wurden für die Pflegefachpersonen handlungsleitend.

Dieses Beispiel fasst sehr gut zusammen, worum es in diesem Aufsatz gehen soll. Die erste Problemlösung zeigt, dass die Pflegefachpersonen die Individualität der sozialen Regulierung angenommen haben. Sie fungieren im gesellschaftlichen Diskurs als Subjekt, und als Teil der Gesellschaft können sie nicht über das Ablösen aus gesellschaftlichen Verhältnissen ent-subjektiviert werden.

Beim zweiten Lösungsansatz wurde das beobachtete Geschehen nicht in bestehendes Vorwissen eingeordnet. Die Differenzerfahrung löste einen Problemlöseprozess aus, in dessen Verlauf der gegebene Fall neu interpretiert werden konnte.

Die Fallbearbeitung und Problemlösung erfolgen auf der Grundlage von Assessments, lebensweltorientiert und unter Zuhilfenahme hermeneutischer Verfahren. Im Ergebnis können Pflegefachpersonen beobachtete Phänomene mit Hilfe eines fachlichen Repertoires interpretieren und reflektieren sowie ihr Handeln gegenüber der eigenen Professionsgemeinschaft und auch über diese hinaus theoriegestützt begründen, was wiederum einer lokalen Ent-Subjektivierung der psychiatrischen Pflege entsprechen würde.

Wie wir gesehen haben, ist mit jedem Lösungsansatz Wissen verbunden. Um die Relevanz der Phänomenologie und des Konzepts der Lebenswelt für die psychiatrische Pflege begreifen zu können, deren Einführung das Ziel dieser Arbeit ist, werde ich im theoretischen Rahmen sozial- und geisteswissenschaftliche Theorien und Quellen aufgreifen. Nach der Auseinandersetzung mit dem Subjekt-Begriff nach Michel Foucault (1926–1984) nutze ich die gesellschaftlichen Verhältnisse als Verstehenszugang und gehe dabei u. a. auf die Argumentationslinie von Ulrich Beck (1944–2015) bis Andreas Reckwitz (*1970) ein. Anschließend werde ich die Analyse der Lebenswelt nach Edmund Husserl (1859–1938) und Alfred Schütz (1899–1959) beschreiben und die Bedeutung der Phänomenologie im Konzept der Lebenswelt für die psychiatrische Pflege herausarbeiten.

1.2 Subjektivierung der psychiatrischen Pflege

Spätestens seit den kritischen Diskursen gesellschaftlicher Verhältnisse in den Werken von Michel Foucault wissen wir, dass die diskursiv entstandene Wahrheit festhält, wie etwas zu wissen ist und nicht, wie die Dinge sind. Sie ist das Ergebnis der Trennung des Wahren vom Falschen – mithilfe der Diskurskontrolle und sanktionierter Abweichungen und getragen von Machtmechanismen (Foucault 1976). Ich erinnere mich an Menschen, die zur stationären Behandlung in die psychiatrische Klinik kamen und sich mit den Worten: »Ich bin Borderline« vorstellten oder die während der Behandlung äußerten: »Ich bin agitiert.« Sie haben eine Individualität angenommen, »[…] die ihnen das Gesetz einer Wahrheit auferlegt, die sie in sich selbst und die anderen in ihnen zu erkennen haben. Diese Machtform verwandelt die Individuen in Subjekte.« (Foucault [1982] 2005, S. 275) Nicht das Subjekt ist dann der Ausgangspunkt der schöpferischen Tätigkeit, sondern die Art und Weise, wie wir uns selbst verstehen, ist eine schöpferische Tätigkeit und der Effekt diskursiver Strukturen (Foucault 2010). Die Selbstständigkeit – autonom und reflexiv – ist an das vernünftige Denken des Subjekts gebunden und die Wahrheit ist nichts anderes als die Artikulation von Macht. Vernunft und Macht sind eng miteinander verbunden. Das Subjekt ist das Ergebnis des Zusammenspiels, weil im Subjekt das Zusammenwirken stattfindet.

»[…] die Macht [ist], wie überall, niemals das, was jemand besitzt, sie ist auch niemals das, was von jemanden ausgeht. Die Macht gehört weder einem Jemand noch übrigens einer Gruppe, es gibt Macht nur, weil es Streuungen, Relais, Geflechte, wechselseitige Stützen, Unterschiede des Potenzials, Abstände usw. gibt.«

(Foucault 2005, S. 17)

Foucaults Machtanalytik geht nicht von einer ökonomischen Herrschaft aus, sondern von einer gesellschaftlichen Maxime. U. a. analysierte er Techniken, die das Handeln des Individuums regulieren (Weißflog 2014). Weil Pflegefachpersonen staatliche, individuelle und kollektive Anforderungen zu erfüllen haben, arbeiten sie zwischen den anatomisch-politischen und bio-politischen Bereichen der Macht und des Lebens. Sie besetzen eine strategische Position, tragen zur Regulation des Sozialen bei und stehen so im Zentrum der Bio-Macht (Weißflog 2014).

Definition Bio-Macht

Der Foucaultsche Begriff Bio-Macht kann in seiner Funktion u. a. als Regulierung des Gesundheitsniveaus verstanden werden. Die Bio-Macht ist auf die Fürsorge der Bevölkerung gerichtet. Sie vereint das Individuum und die Bevölkerung als Gegenstand der Macht, indem sie aufgrund ökonomischer Berechnungen direkt Einfluss auf die Bevölkerung nimmt (Weißflog 2014).

Worauf ich hinaus möchte ist, dass im Feld der Psychiatrie seit der Psychiatrie-Enquete (1975) Fragen über Macht, Gewalt und Zwang im psychiatrischen Alltag und in der psychiatrischen Publizistik eine zentrale Rolle spielen. Bereits vor zwanzig Jahren zeigte Kate Irving (2002) auf, dass eine körperliche Fixierung zur Kontaktbarriere im Pflege-Klienten-Geschehen führen kann, da das Monopol auf die absolute Wahrheit beim Gesundheitsteam liegt und diese Art der Ausgrenzung schließlich nicht zur Förderung eines selbstbestimmten Lebens der erkrankten Menschen beiträgt (Irving 2002). Das Studienergebnis von Irving eröffnet, dass die Fürsorge, u. a. die Unterstützung psychisch erkrankter Menschen auf dem Weg zu einem selbstbestimmten Leben, durch diskursive Prozesse subjektiviert wurde. Als Objekt der Macht, der Subjektmacht, hat sie die Funktion, das Verhalten der »Patienten« zu ändern. »Through these discursive practices we can understand how staff maintain a monopoly over the truth and perpetuate claims about the inevitability of restraint use.« (Irving 2002, S. 405)

Wie uns die Geschichte aufzeigt, hatte die staatliche Repression des Wahns ihren Ursprung im »[…] Dekret der Gründung des Hôpital général in Paris [1656].« (Foucault 1969, S. 71) Diese Einrichtung spiegelte die monarchisch-bürgerliche Ordnung in Frankreich und eine Politik der Fürsorge den Armen gegenüber wider. Zum Ende des 18. Jahrhunderts wurden die ersten Irrenhäuser errichtet, denen neben dem Behandlungsauftrag eine Ordnungsaufgabe zugewiesen wurde (Foucault 1969). Die Aufseher sollten den Psychiater über die Kranken informieren. Mit Muskeln und Stärke, einer unerschrockenen Haltung, Rechtschaffenheit und lauteren Sitten waren sie für die Ausführung der Anordnungen des Arztes zuständig. In der Hierarchie den Aufsehern untergeordnet, waren es die Wärter, die mit besonderer Feinfühligkeit und Sauberkeit den Kranken auf einer Alltagsebene »umdrehen« sollten. Indem sie vortäuschten, dem Kranken zu Diensten zu sein, erhielten sie Kenntnisse über die innere Seite des Menschen. Das Wissen gaben sie an die Aufseher weiter, die dann den Arzt informierten. Die fraktionierten Aufgaben und Funktionen bildeten die innere Ordnung der Irrenanstalt und dienten gleichzeitig als Grundlage für das Machtsystem, welches darauf ausgerichtet war, den Irren zu beherrschen (Foucault 2005). Kontrolle und Überwachung stellten zentrale Aspekte der »Wahrheit« um die Behandlung der Irren dar. Die Aufseher und Wärter übernahmen diese Aufgaben. In diesem unverwechselbaren Tätigkeitsbereich erkannten sie sich selbst und wurden von anderen erkannt; sie wurden zum Subjekt und gleichzeitig zum Objekt und Gegenstand der Machttypen Disziplinarmacht und Körperpolitik, die auf die Bevölkerung und deren Lebensoptimierung sowie auf die Kontrolle über das Leben zielen (Foucault 1976).

Die diskursiven Praktiken führten also dazu, dass sich Pflegefachpersonen im Feld der psychiatrischen Behandlung mit der Funktion sozialer Regulierung identifizierten. Nicht das subjektive Erleben der Menschen, sondern die »Patienten« und deren Krankheit sowie beobachtbare Symptome wurden handlungsleitend, wofür es der Stimme des erkrankten Menschen nicht bedurfte (Weißflog 2014). Auch wenn Foucault gesamtgesellschaftliche Prozesse analysierte, die über Lebenswelten der Individuen hinausgingen, sehen wir die Wirkung der Prozesse und Praktiken in der Subjektivierung mit dem Einfluss auf die Lebenswelt, so wie sich die Individuen selbst wahrnehmen, an ihrem Denken und an ihren Handlungsweisen. Herr D. äußerte über weitere Gespräche an den nächsten Tagen: »Ich bin immer übersehen worden – erst als ich laut wurde, hat man etwas für mich getan.« An dieser Äußerung wird deutlich, dass der Diskurs durch die Macht reguliert und im Sinn ausgetragen wird.

»Wenn die Macht zur sozialen Existenz gehört, […] dann geht es nicht um Freiheit, sondern nur um lokale, temporare Befreiungen, also Praktiken, die eine lokale Machtbeziehung verändern, ihre Rationalität angreifen, untergraben, ihr die Grundlagen entziehen. Doch an die Stelle dieser Macht wird eine andere treten.«

(Demirović 2008, S. 58)

Eine Strategie des Widerstandes könnte zu einer temporären Befreiung führen, wäre aber letztlich nicht zielführend. Vielmehr scheint mir an dieser Stelle ein Ansatz der kritischen Haltung passender zu sein, den Foucault als »[…] die Kunst nicht dermaßen regiert zu werden« (Foucault 1992, S. 12)3 charakterisiert. Für Foucault ist der »[…] Entstehungsherd der Kritik im wesentlichen das Bündel der Beziehungen zwischen der Macht, der Wahrheit und dem Subjekt […].« (Foucault 1992, S. 14 f.) Er versteht unter der Kritik eine moralische und politische Haltung und eine Denkart. Das Subjekt nimmt sich das Recht heraus, die Wahrheit auf die Machteffekte und die Macht auf die Wahrheitsdiskurse hin zu befragen. Für Foucault ist die Funktion der Kritik die Entunterwerfung. (Foucault 1992) Folgen wir dem foucaultschen Gedanken, geht es um »[…] ein Denken der Transformation, der Metamorphose« (Foucault & Trombadori 1996, S. 32) und um eine Neuverteilung von Selbst- und Fremdregierung mit einem letztendlich emanzipatorischen Ziel. »Ein solches Unternehmen ist das einer Ent-Subjektivierung.« (Foucault & Trombadori 1996, S. 27) Die Auseinandersetzung mit und an sich selbst verfolgt das Ziel, dass »wir […] zu dem, um das es geht, in neue Beziehungen treten können.« (Foucault & Trombadori 1996, S. 29)

Meine Frage ist nun: Welche theoretische Grundlage ermöglicht die Entidentifizierung bzw. Ent-Subjektivierung der psychiatrischen Pflege als lokale Emanzipation? Wie wir seit Foucault wissen, ist nicht das Individuum/Subjekt die gesellschaftliche Substanz, sondern das gesellschaftliche Verhältnis (Demirović 2008). Folglich können wir die Transformation des Subjekts nicht losgelöst von den gesellschaftlichen Verhältnissen behandeln. Auch wenn existierende gesellschaftliche Praktiken Veränderungen bedürfen würden, stellen sich gesellschaftliche Verhältnisse so dar, dass uns Kritik nicht möglich erscheint. Wir leben in einer empirischen Epoche – des Positivismus, der Objektivität und der Rationalisierung, die sich durch Vernunft auszeichnet. Das ist der allgemeine Rahmen meines Textes.

1.3 Diskurs gesellschaftlicher Verhältnisse

Die gesellschaftstheoretische Perspektive, mit der ich mich nun in Auszügen auseinandersetzen möchte, eröffnet uns auf der einen Seite eine Struktur der Standardisierung, Messbarkeit, Verifizierbarkeit und Verallgemeinerbarkeit. Wissenschaftliche Erklärungen, welche auf standardisierte Verfahren der empirischen Sozialforschung zurückzuführen sind, wie die randomisierte kontrollierte Untersuchung (RCT), die als »Goldstandard« betrachtet wird, versprechen den höchsten Evidenzgrad. Die Wirkungen von Interventionen sind an größeren Fallzahlen untersucht, das Studiendesign arbeitet mit einer Kontrollgruppe, die Zuordnung zur Behandlungsgruppe unterliegt dem Zufall und die Einflussnahme des Untersuchers ist ausgeschlossen. Das Untersuchungsergebnis belegt die aufgestellte Hypothese empirisch und die Aussage kann verallgemeinert werden. In der medizinischen Behandlung und gestützt auf naturwissenschaftliche Modelle müssen patientenorientierte Entscheidungen auf der Grundlage dieser empirisch nachgewiesenen Wirksamkeit getroffen werden. Die Behandlungsleitlinien geben den aktuellen Standard der Wissenschaft wieder. Ihre Empfehlungen sollen die Behandlungsqualität verbessern und Interventionen, die nicht durch Evidenz begründet sind, verringern (AWMF 2019). »Gute« psychiatrische Pflege möchte erkrankte Menschen auf dem Genesungsweg selbstbestimmten Handelns unterstützen. Dem entgegen stehen jedoch häufig Herausforderungen aufgrund von Phänomenen, die nicht immer einfach zu erklären und vorhersagbar sind. Um das alltagspraktische Handeln zu stärken, knüpft z. B. das Training der Alltagsfertigkeiten an den Voraussetzungen, Bedürfnissen und Wünschen der Menschen an. Auch wenn durch das Training die Symptomschwere positiv beeinflusst werden kann, sind die gemessenen Effekte auf die Verbesserung der Lebensqualität und auf die Behandlungszufriedenheit eher gering (AWMF 2019). Damit sind wir erkenntnistheoretisch bei einer Wahrheit, die eine subjektive Auffassung von Wahrheit nur zu einer bestimmten Zeit abbilden kann und bei einem guten Übergang zur zweiten Seite der gesellschaftlichen Perspektive.

Spätestens mit der Studentenbewegung Ende der 1960er Jahre vollzog sich in Deutschland ein gesellschaftlicher Wertewandel von der Fügsamkeit zur Selbstbestimmung. Die Thematisierung der Individualisierung als Phänomen geht auf die soziologischen Klassiker der Jahrhundertwende zurück. Die stark kritische Begründungslinie führt zu den Arbeiten von Foucault. Eine weitere Argumentationslinie führt von Georg Simmel über Norbert Elias zu Ulrich Beck. Die Modernisierung der Gesellschaft führte nach Beck zu einer dreifachen Individualisierung:

»Herauslösung aus historisch vorgegebenen Sozialformen und -bindungen im Sinne traditionaler Herrschafts- und Versorgungszusammenhänge (Freisetzungsdimension), Verlust von traditionalen Sicherheiten im Hinblick auf Handlungswissen, Glauben und leitende Normen (Entzauberungsdimension) und - womit die Bedeutung des Begriffs gleichsam in ihr Gegenteil verkehrt wird - eine neue Art der sozialen Einbindung (Kontroll- bzw. Reintegrationsdimension).« (Beck 1986, S. 206)

Individualisierung bewirkt auf diese Weise »eine Rationalisierung sozialer Beziehungen im Hinblick auf ihren persönlich-privaten Sinn.« (Brock 1994, S. 259)

Die biographische Sichtweise hob die Norm der Familie und der Klasse auf, an ihre Stelle trat die Norm des Arbeitsmarktes. Auch wenn die Individuallage von der institutionsabhängigen Kontrollstruktur, aufgrund der Abhängigkeit vom Arbeitsmarkt, der Bildung und den sozialrechtlichen Regelungen, vergesellschaftet wurde, hätte die industrielle Moderne zu einer klassenlosen Gesellschaft führen können. Als Folge der ökonomischen Vernunft, in Strukturen der Macht unterlag die Individualisierung dem Herrschaftsverhältnis. Rückblickend ist die Herrschaftsfreiheit in der nachindustriellen Gesellschaft für Andreas Reckwitz (2020) eine optische Täuschung und in der Folge »[…] die Singularisierung des Sozialen in der Spätmoderne nicht das Ende, sondern [der] Anfang einer neuen Klassengesellschaft […].« (Reckwitz 2020, S. 276) Die spätmoderne Gesellschaft löste die Moderne ab und folgt der sozialen Logik des Besonderen: »[Die] Etablierung einer postindustriellen Ökonomie der Singularitäten und der Aufstieg der digitalen Kulturmaschine bilden das strukturelle Rückgrat der spätmodernen Gesellschaft der Singularitäten.« (Reckwitz 2020, S. 273) »[…] [A]llgemeine Prozesse der Ökonomie, der Technologien und auch des Wertewandels wirken sich auf die gesamte Gesellschaft und auf alle in ihr lebenden Subjekte in sämtlichen Milieus aus.« (Reckwitz 2020, S. 274) Der singularistische Lebensstil ist getragen von Authentizität und Selbstverwirklichung sowie von Lebensqualität und Kreativität, in seiner reinsten Form in der neuen Mittelklasse, die über ein hohes kulturelles Kapital in Form akademischer Bildungsabschlüsse verfügt und in Berufen der Wissens- und Kulturökonomie tätig ist. Auch wenn es sich bei dieser Klasse um ein Drittel der Bevölkerung in der westlichen Welt handelt, wirkt die Sozialstruktur auf alle Klassen. Die materiellen Ressourcen (Einkommen und Vermögen) bestimmen den Lebensstil und unterscheiden die Klassen voneinander. Die ehemalige Mitte – mit ihrem »sozialdemokratischen Konsens« und niederem oder auch keinem kulturellen und ökonomischen Kapital – bildet die neue Unterklasse, die auch ein Drittel der Bevölkerung ausmacht. Zwischen der neuen Mittelklasse und der neuen Unterklasse befindet sich die alte nichtakademische Mittelklasse. Die Klassenunterschiede und soziale Ungleichheiten werden durch materielle Ressourcen bestimmt, wobei für die Akademikerklasse das kulturelle Kapital bestimmend ist. In der spätmodernen Gesellschaft entscheidet der Faktor Bildung über den Lebensstandard und Lebensstil (Reckwitz 2020). Auch wenn der singularistische Lebensstil der Spätmoderne allen Individuen die Selbstverwirklichung verspricht, können nicht alle davon profitieren. Deshalb stellt sich an dieser Stelle fast zwingend die Frage: Welche Antworten hat die Sozialpolitik auf die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft?

Die Theorie der deutschen Sozialpolitik geht auf Gerhard Weisser und die Verteilung von Lebenslagen zurück. Eng verknüpft ist dieses Lebenslagenkonzept mit dem Godesberger Programm der SPD (1959): »[…] gerechte Beteiligung aller am Ertrag der Volkswirtschaft [und] Lebensbedingungen schaffen, unter denen alle Menschen […] eigenes Vermögen bilden können.« (Godesberger Programm 1959).

Definition Lebenslage

Unter der Lebenslage versteht die Sozialpolitik »[…] ressourcenabhängige Handlungsspielräume der Person im Lebenszyklus.« (Schulz-Nieswandt 2006, S. 29) In der Annahme, dass die Entwicklung der Persönlichkeit von An- und Herausforderungen im Lebensverlauf geprägt ist, sehen die Akteure der Sozialpolitik ihre Aufgabe, »[…] als [eine] grundrechtlich fundierte Einflussnahme auf die Gestaltung und Verteilung von Lebenslagen.« (Schulz-Nieswandt 2006, S. 13)

Das lebenslagenorientierte Teilhaberecht des Individuums basiert auf der Verteilung des sozialgesetzgeberisch verallgemeinerbaren Wohlstands, ist ökonomisch organisiert und objektivierbar. Die individuellen Fähigkeiten, z. B. der psychisch erkrankten Menschen, die für eine freie Persönlichkeitsentfaltung über den gesamten Lebenslauf notwendig sind, berücksichtigt das lebenslagenorientierte Teilhaberecht nicht – womit wir wieder bei der Berufsgruppe psychiatrische Pflege wären, auf deren mögliche Entidentifizierung bzw. Ent-Subjektivierung/Emanzipation ich hinaus möchte.

Das Handeln der psychiatrischen Pflegefachpersonen ist von kollektiven und institutionellen, rechtlichen und gesellschaftlichen Zuschreibungen abhängig und muss sich an den ressourcenabhängigen Handlungsspielräumen der Klienten orientieren. Ihre Sorge gilt einer »guten« Pflege und sie haben die Befürchtung, den Bedürfnissen der psychisch erkrankten Menschen nicht gerecht werden zu können (Weißflog et al. 2010; Weißflog 2014). Auch wenn ich sie nicht als homogene Gruppe sehen kann, verbindet sie ihr Aufgaben- und Tätigkeitsbereich, der zwischen den verschiedenen Feldern der psychiatrischen Versorgung und in Abhängigkeit des interdisziplinären Teams divergiert.

Grundpflegerische Tätigkeiten sind laut Gesetz (Pflegeberufereformgesetz § 4) den entsprechend ausgebildeten Pflegepersonen vorbehalten (Bundesgesetzblatt 2017). Das Ziel (Pflegeberufereformgesetz § 5) der beruflichen Ausbildung in der Pflege ist die »[…] selbstständige, umfassende und prozessorientierte Pflege [der Pflegeprozess] von Menschen aller Altersstufen […].« (Bundesgesetzblatt 2017, S. 2583)

Pflege »[…] umfasst präventive, kurative, rehabilitative, palliative und sozialpflegerische Maßnahmen zur Erhaltung, Förderung, Wiedererlangung oder Verbesserung der physischen und psychischen Situation der zu pflegenden Menschen, ihre Beratung sowie ihre Begleitung in allen Lebensphasen und die Begleitung Sterbender. Sie erfolgt entsprechend dem allgemein anerkannten Stand pflegewissenschaftlicher, medizinischer und weiterer bezugswissenschaftlicher Erkenntnisse auf Grundlage einer professionellen Ethik. Sie berücksichtigt die konkrete Lebenssituation […]. Sie unterstützt die Selbstständigkeit der zu Pflegenden und achtet deren Recht auf Selbstbestimmung.«

(Bundesgesetzblatt 2017, S. 2583)

Die zur selbstständigen, umfassenden und prozessorientierten Pflege hinzukommende ärztliche Assistenz führte zu einem Doppelmandat und im Arbeitsfeld zu einer Profilunschärfe.

»Je höher der kurative und damit ärztliche Aufwand in der Patientenbetreuung ist, desto höher ist meist auch der weisungsgebundene Anteil der Pflegearbeit (Medikamentengabe, Überwachungs-, Kontroll- und Maschinenarbeit) und desto geringer ist in Relation dazu der autonome Anteil im Sinne direkter Pflege. […] [W]ird ein chronischer Krankheitsverlauf absehbar oder liegt ein Mensch im Sterben […] nimmt die autonome Pflege zu.«

(Hofmann 1999, S. 3293)

In der psychiatrischen Akutbehandlung überwiegt die Mitarbeit an diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen dann, wenn die medikamentöse Therapie im Fokus steht.

Die Pflegeausbildung befähigt zur selbstständigen Ausführung des Pflegeprozesses, der als Vorbehaltsaufgabe einem kybernetischen Regelkreis unterliegt. Nach Verena Fiechter und Martha Meier (1992) muss die Pflege als strukturierter Problemlöseprozess gestaltet werden. Sie definierten den Pflegeprozess als erste für den deutschsprachigen Raum und erweiterten das Pflegeprozessmodell in ein 6-Phasen-Modell (Informationssammlung, Festlegen des Pflegeproblems, Festlegen der Pflegeziele, Planung der Pflegemaßnahmen, Durchführung der Pflege, Beurteilung der Wirkung der Pflege) als eine »[…] systematische patientenorientierte Pflegeplanung im Sinne der Problemlösung […] .« (Fiechter & Meier 1992, S. 17)

Seinen Ursprung hat der Pflegeprozess in der Systemtheorie und Kybernetik. Dem 6-Phasen-Modell schloss sich im Rahmen einer Studie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) an (Ashworth et al. 1987). Je nach Denkschule und pflegetheoretischem Ansatz wurde und wird der Pflegeprozess als normiertes, bedürfnisorientiertes oder standardisiertes Verfahren umgesetzt und gegenstandsbezogen an objektivierbaren Pflegeproblemen geführt (Weißflog 2014). Die Pflegetheoretikerinnen Nancy Roper, Winifried W. Logan und Alison J. Tierney (The Elements of Nursing 1980), basierend auf den Arbeiten von Nancy Roper (1976), sahen den Pflegeprozess als einen Beitrag zur Förderung der individuellen Krankenpflege (Roper et al. 1980). Nach Ansicht der Pflegetheoretikerinnen benötigt der Pflegeprozess einen konzeptionellen Rahmen, da er keine eigenständige Handlungsmethode darstellt (Roper et al. 1993).

Merke

Der Pflegeprozess bildet als Konstrukt einen gedanklichen Vorgang ab, der nicht den Anspruch erhebt, gleichzeitig einen theoriegestützten Interaktionsprozess zu definieren. Um den Genesungsweg psychisch erkrankter Menschen begleitend unterstützen zu können, benötigen Pflegefachpersonen im Feld der psychiatrischen Versorgung Kompetenzen in lebensweltorientierter interaktiver Kommunikation.

Der Betroffenenbewegung ist es ein wichtiges Anliegen, dass Pflegefachpersonen neben der Behandlung objektivierbarer Krankheitssymptome die subjektive Sichtweise der erkrankten Menschen einnehmen – »verhandeln statt behandeln«, um zu einem gemeinsamen Verstehen der subjektiven Wirklichkeiten gelangen zu können. Der Literatur folgend möchten psychisch erkrankte Menschen von Pflegefachpersonen auf dem Weg zu selbstbestimmtem Handeln unterstützt werden. In diesem Zusammenhang beziehe ich mich bewusst auf die Literatur, weil auch psychisch erkrankte Menschen keine homogene Gruppe bilden. Ob sie überhaupt in einer Gruppe zusammengefasst werden können, möchte ich bezweifeln, an dieser Stelle aber nicht weiter vertiefen, weil es zu einer eigenen Abhandlung der Subjektivierung psychisch erkrankter Menschen führen würde.

Aus der US-amerikanischen Selbsthilfe- und Betroffenenbewegung ging die Recovery-Haltung hervor, die den Prozess von persönlichem Wachstum und Entwicklung zu einem erfüllten, sinnhaften und selbstbestimmten Leben beschreibt (Schrank & Amering 2007). Der Genesungsweg sollte getragen sein von Connectedness (Beziehungen, in Gemeinschaft leben), Hope (Glaube an Recovery, Motivation für Veränderung), Identity (Neudefinition des Sinns von Identität), Meaning in life (Neuorientierung, Lebensqualität) und Empowerment (Verantwortungsübernahme, Kontrolle zurückgewinnen) (Leamy et al. 2011).

Der Recovery-Ansatz, mit dem Anspruch eines singularisierten Lebensstils, ist ein Produkt der spätmodernen Gesellschaft, welches dem wissenschaftlichen Menschenbild, der standardisierten und problemorientierten Behandlung psychisch erkrankter Menschen, widerspricht. So können wir ableitend, auch im Hinblick auf die Recovery-Bewegung, von einem Weg der Entidentifizierung bzw. Ent-Subjektivierung psychisch erkrankter Menschen sprechen. Gehen wir davon aus, dass das gesellschaftliche Verhältnis die gesellschaftliche Substanz bildet, dann sehen wir in der Spätmoderne eine Substanz der Polarisierung zwischen der Standardisierung und Singularisierung. Bis auf die Akademikerklasse, in welcher der Faktor Bildung entscheidend ist, werden die Klassenunterschiede und soziale Ungleichheiten durch materielle Ressourcen bestimmt. Das gesellschaftliche Teilhaberecht der Individuen aus sozial schwächeren Klassen ist von ökonomischen Faktoren begrenzt. Die Ermöglichung der freien Persönlichkeitsentfaltung bleibt unberücksichtigt.

Die Fürsorge der Pflegepersonen, vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Teilhabe psychisch erkrankter Menschen, wurde durch diskursive Prozesse subjektiviert. Das sehen wir sehr gut daran, dass Pflegefachpersonen aus dem Feld der psychiatrischen Versorgung in einem sehr breit angelegten Aufgaben- und Tätigkeitsbereich arbeiten, aber im gesellschaftlichen Diskurs in erster Linie auf die Themenfelder Aggressions- und Gewaltereignisse sowie Zwangsmaßnahmen reduziert werden. Pflegefachpersonen selbst sehen sich im Kontext von Zwangsmaßnahmen in einer Schlüsselrolle, mit der sie sich identifizieren können, weil sie wichtige Informationen zur Auslösung oder Beendigung der Maßnahme beitragen und die Maßnahmen überwachen. Sie wurden zum Subjekt und zum Objekt der Disziplinarmacht und Körperpolitik. Als Objekt der Macht haben sie die Funktion, das Verhalten der »Patienten« zu ändern.

Merke

Die gesellschaftlichen Verhältnisse zeigen uns diskursive kollektive und institutionelle Zuschreibungen, die mit unterschiedlichen Erwartungen an die psychiatrische Pflege verbunden sind. Da auch die psychiatrische Pflege Teil der Gesellschaft ist, kann die Ent-Subjektivierung nicht über das Ablösen aus gesellschaftlichen Verhältnissen herbeigeführt werden. Mit Foucault wissen wir, dass Wissen und Wahrheit im gesellschaftlichen Diskurs durch diskursive Praktiken nach Regeln produziert werden. Es ist für einen bestimmten Zeitraum festgelegt, was geschrieben werden darf.

Eine Option auf dem Weg zur Emanzipation psychiatrischer Pflege wäre weiter zu warten, bis die diskursiven Praktiken grundlegend geändert werden. Eine weitere Option könnte den Grundwiderspruch zugunsten einer lokalen Ent-Subjektivierung auflösen. Die Pflege psychisch erkrankter Menschen ist ein Prozess der Sinnfindung, Bedeutungszuschreibung und des Verstehens des Handelns im Ablauf und in der Wirkung, als Vorbehaltsaufgabe im Rahmen des Pflegeprozesses. Der Fokus pflegerischer Interventionen ist auf die individuelle Handlung bzw. das individuelle Handeln im Alltag gerichtet, welches im Gegensatz zum bloßen Verhalten auf Handlungsentwürfen basiert. Hier liegt die Schnittstelle von Handlung und Wissen. Wissen ist die Grundlage allen Handelns und es bestimmt, wie wir das Handeln anderer verstehen. Handelnde im Alltag zu verstehen und zwischen Handeln und Handlung und zwischen unterschiedlichen Handlungsmotivationen unterscheiden zu können, eröffnet der theoretische Ansatz der Lebenswelt, der den Pflegeprozess theoretisch fundieren und zur lokalen Ent-Subjektivierung der psychiatrischen Pflege beitragen kann. Lassen Sie uns nun vom Allgemeinen zum Besonderen kommen.

1.4 Phänomenologie und Lebenswelt: Edmund Husserl

Beginnen möchte ich mit Edmund Husserl, dem Begründer der Phänomenologie, und seinem Zentralbegriff Lebenswelt aus der Spätphilosophie (Husserl 2018).

»Um das erwachsende praktische und theoretische Problem, das sich aus dem Fragwürdig-werden des bisher Selbstverständlichen ergibt, zu lösen, haben wir in dessen Horizonte auslegend einzudringen.« (Schütz 1971, S. 154)

Die europäische Wissenschaftsentwicklung in den 1930er Jahren folgte zunehmend der Idee einer wissenschaftlichen Objektivität der wahren, vorurteilsfreien und messbaren Erkenntnis, die mit der modernen Naturwissenschaft im 17. Jahrhundert begann. Die theoretische Beschreibung von Naturphänomenen führte in den Folgejahren zu einer raschen Zunahme an Wissen, weshalb es möglich wurde, die Welt empirisch zu erschließen.

Durch die systematische Erhebung von Daten im Feld oder durch das Experiment aus Sicht der dritten Person – dem Anspruch einer beweisbaren Wahrheit folgend – entfernte sich die Wissenschaft zunehmend vom Subjekt und den subjektiven Gegebenheiten, wie dem Erleben und dem Erfahren einer Sache, wie Husserl feststellte (Husserl 2018).

Merke

Der Diskurs um die Wahrheit stellte eine zentrale Problematik der Philosophie dar. Der Naturwissenschaft reicht es nicht aus, andere Menschen von einer Hypothese zu überzeugen. Die Hypothese muss durch empirische Befunde überprüfbar und wiederholbar sein. Für die Naturwissenschaft ist die Reproduzierbarkeit der Ergebnisse zentral, um Regelmäßigkeiten erkennen zu können.

Auch wenn Husserl von einer vorurteilsfreien Wissenschaft ausging, bestritt er, dass der naturwissenschaftliche Ansatz der einzige Weg sei, um Erkenntnisse gewinnen zu können. Er sah die Sachnähe, den objektiven Erkenntnisgewinn im Bereich des Bewusstseinslebens der Menschen wissenschaftlich vernachlässigt, dem er sich deshalb in seinen Untersuchungen zuwandte. Für eine vorurteilsfreie Wissenschaft reduzierte er die Subjektivität der menschlichen Wahrnehmung, die Vorannahmen und Interpretationen und intendierte so zu reinen psychischen Phänomenen zu gelangen. Diese für ihn vorurteilsfreie Sachnähe, die sich an der Sache und damit an den subjektiven Gegebenheitsweisen ausrichtete, nannte er Phänomenologie. Die Phänomenologie möchte die Menschen im unmittelbar Gegebenen verstehen, so wie die Welt dem Menschen als absolute Wahrheit erscheint. Unter den subjektiven Gegebenheitsweisen verstand Husserl das Erfahren, das Erleben und das Erkennen (Husserl 2018). »Die Gegenstände im Wie ihres Erscheinens in zugeordneten Gegebenheitsweisen sind die ›Phänomene‹, die ›Erscheinungen‹, von denen die danach benannte ›Phänomenologie‹ handelt.« (Husserl 2018, S. 16)

Wie wir nun durch Husserl wissen, möchte die Phänomenologie das essentiell Individuelle vom Allgemeinen abheben. In einer Zeit, in der die psychiatrische Pflege den Recovery-Ansatz diskutiert und zunehmend umsetzt, genauer gesagt die Sichtweise Betroffener stärker beachtet und ihre Erfahrungen einbeziehen möchte, scheint mir eine theoretische Fundierung für die psychiatrische Pflege des Individuums notwendig. Für die Auseinandersetzung mit und an der psychiatrischen Pflege, mit dem Ziel, in eine neue Beziehung treten zu können, ist es aus meiner Sicht unverzichtbar, die gegenstandsbezogenen Grundbegrifflichkeiten und den theoriegeschichtlichen Zusammenhang der Arbeiten von Edmund Husserl und Alfred Schütz zur Phänomenologie und dem Konzept Lebenswelt für die Pflegewissenschaft und das Handlungsfeld zu explizieren. Weil meine Ausführungen detaillierter werden, bleibt es nicht aus, dass die Zitatdichte höher wird.

Die Phänomenologie versteht unter den Phänomenen alle Erscheinungen im Bewusstsein der Menschen und das Bewusstsein der Menschen ist immer das Bewusstsein von etwas. Dieser neue philosophische Denkansatz eröffnete Husserl einen Analysezugang, um zu erkennen, wie die Menschen subjektiv und intersubjektiv die Welt, sich selbst und andere Menschen erleben. Unter dem Begriff Welt verstand Husserl die Gegenstände im Wie ihres Erscheinens. Die objektiven materiellen oder realen Gegenstände und das subjektive Erleben sowie Erkennen standen für Husserl immer in Beziehung zueinander. Deshalb untersuchte er sie aus der Perspektive der ersten Person und in ihren verschiedenen Weisen des Erscheinens. Die für die Menschen objektiv bestehenden Gegebenheitsweisen der Gegenstände verknüpfte er mit dem subjektiven Erleben und Erkennen.

»Durch Sehen, Tasten, Hören usw., in den verschiedenen Weisen sinnlicher Wahrnehmung sind körperliche Dinge in irgendeiner räumlichen Verteilung für mich einfach da, im wörtlichen oder bildlichen Sinne ›vorhanden‹, ob ich auf sie besonders achtsam und mit ihnen betrachtend, denkend, fühlend, wollend beschäftigt bin oder nicht. Auch animalische Wesen, etwa Menschen […] sind in meinem Anschauungsfeld als Wirklichkeit vorhanden, selbst wenn ich nicht auf sie achte.«

(Husserl 2018, S. 131)

Die Welt bestand für Husserl nicht nur aus der räumlichen, sondern auch aus der zeitlichen Welt, die neben dem Gegenwärtigen eine »[…] unmittelbar lebendige und unlebendige Vergangenheit und Zukunft […] [hat] […].« (Husserl 2018, S. 132)

In Rück- und Vorbezogenheit erhalten Dinge durch das Erleben und Erfahren einen Sinn und eine Bedeutungszuschreibung. Weil die Menschen auch Dinge unabhängig vom eigenen Bewusstsein erleben, bezeichnete Husserl diesen Teil als Umwelt, respektive als äußere Welt und erklärte:

»Es ist aber nicht nötig, daß sie, und ebenso sonstige Gegenstände, sich gerade in meinem Wahrnehmungsfelde befinden. Für mich da sind wirkliche Objekte […] [und die] unmittelbar mitbewußte Umgebung […], [die] einen beständigen Umring des aktuellen Wahrnehmungsfeldes ausmacht […].«

(Husserl 2018, S. 132)

Auch wenn aus objektiver Sicht die Menschen ihre Umwelt als dieselbe auffassen, betrachten und interpretieren sie die Dinge mit einem anderen Bewusstsein. Deshalb müssen wir sie mit ihren subjektiven Gegebenheitsweisen auf ihre natürliche Umwelt beziehen.

Der natürlichen Welt, als das aktuell Wahrgenommene und Mitgegenwärtige, schrieb Husserl eine unbestimmte Wirklichkeit zu. Erinnerungen schließen sich mit dem aktuellen Wahrnehmungsfeld »[…] als der zentralen Umgebung […] [zusammen] […] [Die] […] Unbestimmtheit bevölkert sich mit […] Vermutlichkeiten, und nur die ›Form‹ der Welt, eben als ›Welt‹ ist vorgezeichnet.« (Husserl 2018, S. 132)

Den Gegebenheiten sprechen die Menschen einen Sinn zu und geben ihnen Bedeutungszuschreibungen. Denn das Bewusstsein, immer bezogen auf die Umwelt, wechselt zwischen »[…] forschenden Betrachtens, des Explizierens und Auf-Begriffe-bringens in der Beschreibung, des Vergleichens und Unterscheidens, des Kolligierens und Zählens, des Voraussetzens und Folgerns, kurzum des theoretisierenden Bewußtseins in seinen verschiedenen Formen und Stufen. Ebenso die vielgestaltigen Akte und Zustände des Gemüts und des Wollens […].« (Husserl 2018, S. 134)

Das Denken über die erscheinende Welt führte Husserl zum Lebensweltbegriff. Im Verlauf seiner Analysen wurde aus der Welt die natürliche Welt und schließlich die Lebenswelt. Die Menschen leben in ihrer alltäglichen Lebenswelt, die ihnen jederzeit verfügbar ist (Husserl 2018).

Die subjektive menschliche Wahrnehmung wollte Husserl um die transzendentale Phänomenologie »[…] in konsequenter phänomenologischer Reduktion das Eigenwesentliche der Bewußtseinssubjekte in eidetischer Allgemeinheit […] enthüllen, nach allen seinen möglichen Gestalten.« (Husserl 2018, S. 210 f.) Um die intersubjektive Verständigung untersuchen zu können, versuchte Husserl den Schritt von der Subjektivität menschlicher Wahrnehmung zur intersubjektiven Verständigung. »Ich und Wir setzt ein (apperzipierendes) Ich und Wir voraus, f ü r das es vorhanden ist, das aber nicht selbst wieder im selben Sinn vorhanden ist.« (Husserl 2018, S. 213)

Die Phänomenologie, die Lehre vom Erscheinen und das Erscheinen, hatte für Husserl einen Doppelsinn: das Erscheinen aus Sicht des jeweiligen Subjektes (wie es dem Menschen erscheint) und das objektive Vorliegen einer Erscheinung. Das Subjekt kann über eine Sache nur dann objektiv reden, wenn es sie auch objektiv selbst erlebt hat. Eine vorurteilsfreie Erkenntnis von der Welt erfassen zu wollen heißt, von Deutungen und Theorien abzusehen und die Sache zu beschreiben, um so den wahren Wesensgehalt der Sache erkennen zu können. Da die menschliche Wahrnehmung grundsätzlich subjektiv geprägt ist, möchte die Phänomenologie für einen vorurteilsfreien Erkenntnisgewinn die Sachen im Bereich des Bewusstseinslebens, als reines sich im Bewusstsein der Menschen befindendes Phänomen, ohne Vorannahmen und Interpretationen beschreiben. Das Bewusstseinsleben nannte Husserl die Transzendentale Subjektivität. Um das Bewusstseinsleben beschreiben zu können, bediente er sich der Reduktion. Für das Erkennen des wahren Wesensgehalts eines Gegenstandes muss die Einstellung zum Gegenstand geändert und jegliches (Vor-)Urteil ihm gegenüber zurückgehalten werden. Damit Husserl die intersubjektive Verständigung erforschen konnte, erweiterte er die Subjektivität um die transzendentale Intersubjektivität, die nur durch die Konstitution des Anderen und in der Folge durch die Konstitution der objektiven Welt möglich wurde. Nur reduzierte er dafür im Rahmen seiner analytischen Betrachtung der Dinge des unmittelbar Erscheinenden die subjektiven Anteile der menschlichen Wahrnehmung: die Anteile der äußeren Welt und die Anteile der inneren Welt, wie die Gefühle der Personen und ihre Verhaltensweisen. Husserl richtete den Blick auf den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn. Dennoch versetzt er uns in den Stand, Fragen des Alltags besser beantworten zu können.

Einen Schritt weiter geht Alfred Schütz, der die Sozialwissenschaften durch eine phänomenologische Analyse der Lebenswelt und differenziert in lebensweltliche Strukturen – räumliche, zeitliche und soziale Aufschichtung der Lebenswelt, Struktur subjektiven Wissensvorrates, Theorie der Typik und Relevanz – begründen wollte. Seine Theorie des Fremdverstehens vertieft die Bedeutung der Phänomenologie für das Handlungsfeld der psychiatrischen Pflege.

1.5 Lebenswelt: Alfred Schütz und Thomas Luckmann

Die soziale Welt aus Sicht der phänomenologischen Methode fundieren und die intersubjektive Verständigung erforschen war das Anliegen von Alfred Schütz (Schütz 1971).

Er stützte die phänomenologisch fundierte Soziologie auf zwei große Denkrichtungen des frühen 20. Jahrhunderts: auf die phänomenologische Philosophie Husserls und die verstehende soziologische Handlungstheorie Max Webers. Damit eröffnete er sich einen Weg zwischen Handeln und Handlung und zwischen unterschiedlichen Handlungsmotivationen, die er als »Um-zu-« und »Weil«-Motive bezeichnete. Im Verlauf seiner Forschungen fokussierte er sich auf Erkenntnisse zum Verstehen Handelnder im Alltag und auf Gemeinsamkeiten von Wissensvorräten und Deutungsmustern – den Grundstrukturen der für die Menschen selbstverständlichen Wirklichkeit (Schütz 1971). Einer seiner Schüler war Thomas Luckmann. Da Schütz seine Arbeiten nicht beenden konnte, war es Luckmann, der auf die Notizen von Schütz zurückgriff und dessen Entwurf ausarbeitete (Schütz & Luckmann 2017).

Das unvollendete Werk Husserls beschloss mit der Aussage, dass der Wirklichkeitsbereich der Menschen die alltägliche Lebenswelt sei, die sie als schlicht gegeben vorfinden, und der Überlegung einer phänomenologischen Reduktion, um von der transzendentalen Intersubjektivität zum transzendentalen Wir zu gelangen. Schütz4 war davon überzeugt, »[…] daß Husserls Phänomenologie eine konsequente Methode zur deskriptiven Analyse der Konstitution von Alltagswelt im menschlichen Erfahrungsbereich bereitstellte.« (Schütz & Luckmann 2017, S. 15) An die phänomenologische Methode und den Begriff der Alltagswelt schloss Schütz an, um die intersubjektive Verständigung analysieren zu können. Sein Interesse galt den allgemeinen Strukturen unseres Denkens und Handelns und nicht den individuellen Besonderheiten der Weltsicht einzelner Menschen.

Anders als Husserl, der über die Reduktion analysierte, erfahren die Menschen für Schütz ihre Welt durch das Handeln. Die Alltagswelt ist Teil der Lebenswelt und das Erleben sowie Gestalten erfolgt in der natürlichen Einstellung normaler Erwachsener. Die Konstanz der Gültigkeit unserer Erfahrungen und unserer Möglichkeiten, um in der Welt und auf die Welt wirken zu können, ist für die natürlichen Einstellungen in der Lebenswelt charakteristisch (Schütz 1971).

Für die psychiatrische Pflege ist die Beziehungsgestaltung eine zentrale Aufgabe, um psychisch erkrankte Menschen psychosozial unterstützen zu können. U. a. begleiten Pflegefachpersonen erkrankte Menschen, ausgerichtet am Pflegebedarf und unter Einbezug der Erfahrung der Menschen, um ihre persönliche Entwicklung im Rahmen des Pflegeprozesses zu fördern (Weißflog et al. 2016). Das Wesen der psychiatrischen Pflege ist, im Gegensatz zur naturwissenschaftlichen Behandlung objektivierbarer Krankheitssymptome, das Verstehen der subjektiven Wirklichkeit, das Erkennen der Motivation für Veränderung und die Unterstützung bei der Neudefinition des Sinns von Identität, die Unterstützung bei der Bewältigung von Auswirkungen der Erkrankung und Veränderung sowie das Handeln, um den Genesungsweg mit Interventionen begleiten zu können. »Das Ziel der Interventionen ist die Stabilisierung oder Verbesserung der Lebensqualität […] damit die Menschen trotz ihrer Einschränkungen am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.« (Weißflog et al. 2016, S. 69) Unter welchen Voraussetzungen sich Pflegefachpersonen und erkrankte Menschen verstehen und ob Wissensvorräte und Deutungsmuster zwischen Pflegefachpersonen und erkrankten Menschen Gemeinsamkeiten aufweisen, werde ich an den Konzepten räumlich-zeitliche Aufschichtung der Lebenswelt, Sozial- und Kulturwelt, Verstehen, Sinnkonstitution, Bewältigung und Veränderung sowie Handeln und Handlung explizieren.

1.5.1 Räumlich-zeitliche Aufschichtung der Lebenswelt

Für die Analyse der Alltagswelt, in welcher das Handeln stattfindet und welche die Grundstruktur jeglicher Erfahrung ist, »[…] die jedermann auferlegt sind […]« (Schütz & Luckmann 2017, S. 140) erkannte Schütz die räumliche und zeitliche Aufschichtung der Lebenswelt.

Erfahrbar wird die Lebenswelt im Jetzt (Gegenwart) der aktuellen Reichweite (Hörweite, Sehweite, in meinem Manipulationsbereich usw.). Hier können die Menschen direkt einwirken, unmittelbare Erfahrungen machen, ihre Aufmerksamkeit auf aktuelle Gegenstände richten und handeln (Schütz & Luckmann 2017).

Wird die Aktualität verlassen, transzendiert die aktuelle Reichweite in die potentiell wiederherstellbare Reichweite (Erinnerung). Die Erinnerung überbrückt und reiht die Einzelsituationen im Bewusstsein aneinander. Die Menschen vertrauen darauf, dass »[…] ich dieses Zimmer mit dem Tisch und Buch, von dem ich nun abgekehrt bin, wieder vorfinden werde […].« (Schütz & Luckmann 2017, S. 72) Ich vertraue auf die Konstanz der Weltstruktur.

Beispiel

Ich verlasse mein Haus für ein Wochenende und plane am Sonntag wieder in mein Auto zu steigen, um in mein Haus zurückzukehren. Dabei vertraue ich, dass mein Haus am Sonntag noch am gleichen Ort steht. Ich gehe davon aus, dass ich am Sonntag fahrfähig sein werde. Hingegen denke ich, dass meine Pflanzen im Garten nicht mehr so gut aussehen, weil der Wetterbericht ein sehr heißes Wochenende vorhergesagt hat.

Diese Sicherheit um die Gegebenheiten gibt mir mein Wissensvorrat und meine Erfahrung. Die fraglos gegebene Welt gibt mir die Sicherheit.

Auch wenn Erinnerungen eine große subjektive Bedeutung haben, verblassen sie im Verlauf des Lebens, weil sie in Bedeutungszusammenhänge eingebettet werden (Schütz & Luckmann 2017). Die potentielle wiederherstellbare Reichweite hat »[…] den Zeitcharakter der – erinnerten – Vergangenheit […].« (Schütz & Luckmann 2017, S. 73) Wenn ich an den Ort meiner Kindheit zurückkehre, stelle ich fest, dass der Garten und das Haus meiner Eltern viel größer waren.

Auf die Zukunft gerichtet und mit Erwartungen assoziiert ist die erlangbare Reichweite. Innerhalb dieser Reichweite können Handlungen, vor dem Hintergrund des erworbenen Wissens, abgewogen werden (Schütz & Luckmann 2017). Ich war noch nie auf Bora Bora, ich könnte dorthin reisen. Auch war ich noch nie in Neuseeland, ich könnte dorthin reisen. Beliebige Orte auf der Welt kann ich in meine Reichweite bringen.

Die Lebenswelt hat eine Zeitlichkeit – Gegenwart, Erinnerung und Zukunft. Das subjektive Bewusstseinserleben hingegen hat eine eigene Zeitlichkeit. Der Urlaub geht rasend schnell vorbei. Das Flugzeug hatte 15 Minuten Verspätung, mir kam die Zeit sehr lang vor.

Die lebensweltliche Zeit umfasst die subjektive Zeit des Bewusstseinsstroms, den Rhythmus des Körpers (die biologische Zeit), die Jahreszeit und die Weltzeit (Schütz & Luckmann 2017).

Die Weltzeit ist den Menschen zwangsläufig gegeben. Sie beeinflusst in ihrer Gleichzeitigkeit den lebensweltlichen Alltag. Diese Zwangsläufigkeit ist den Menschen in der natürlichen Einstellung ebenso auferlegt wie die Endlichkeit, wodurch dem Handeln Grenzen gesetzt werden. Die Weltzeit ist unumkehrbar. Situationen im Hier und Jetzt werden zur Geschichte.

Die Menschen wissen, dass ihr Leben durch den Tod endlich ist, und gleichzeitig wissen sie, dass die Welt weiter bestehen bleibt. Aus diesem Wissen heraus setzen sie ihre Prioritäten und leiten Lebensentwürfe ab, bestimmt von der Zeitstruktur und den Zwangsläufigkeiten des Alltags sowie den Ereignissen aus der äußeren Welt. Der »[…] Bereich des Bewirkbaren […], Wissensvorrat aus […] vormalig aktuellen Wirkzonen […] findet seine absolute Begrenzung in der unmodifizierbaren ontologischen Struktur der Lebenswelt, vornehmlich in der Zeitstruktur.« (Schütz & Luckmann 2017, S. 87)

Erkrankte Menschen wissen, dass sie auf den Heilungsprozess einer Erkrankung warten müssen. »Im Warten begegnen wir einer uns auferlegten Zeitstruktur.« (Schütz & Luckmann 2017, S. 84)

Zu einer für die Menschen gemeinsamen Umwelt kommt es dann, wenn sich die jeweiligen Reichweiten überschneiden. »Was für mich erlangbar ist, mag auch für ihn prinzipiell erlangbar sein, aber – angesichts der Abstufung der subjektiven Wahrscheinlichkeit und des Vermögens – wird es von ihm wahrscheinlich doch nicht erlangt werden.« (Schütz & Luckmann 2017, S. 76)

Der Theorie folgend können wir für das Pflege-Klienten-Geschehen ableiten, dass eine gemeinsam geteilte Umwelt noch keine geteilte Wirklichkeit darstellt. Aufgrund der unterschiedlichen Biographien, Erfahrungen und Erinnerungen und der jeweiligen Ressourcen zur Bewältigung des Alltags ist diese verschieden charakterisiert. Auch wenn die Pflegefachpersonen über Fachwissen und berufliche Erfahrungen verfügen, kann dieses Wissen von psychisch erkrankten Menschen nur bedingt angenommen werden.

1.5.2 Sozial- und Kulturwelt

Die Wirklichkeitsbereiche Erwachsener sind die Sozial- und Kulturwelt. In diesen Welten werden die Dinge zu Erfahrungsgegenständen. Zusammen mit den Einstellungen, der Wachheit und Bewusstseinsspannung erkannte Schütz Strukturmerkmale im lebensweltlichen Denken. Die Wirklichkeit finden die Erwachsenen als selbstverständlich und gegeben vor. In diesen Bereich können sie eingreifen, sich mit Mitmenschen verständigen und eine gemeinsame kommunikative Umwelt bilden. Sachverhalte werden nicht hinterfragt, wenn sie unproblematisch erscheinen. Die Menschen gehen davon aus, dass die Grundstruktur der Wirklichkeit für alle eine gemeinsame ist (Schütz & Luckmann 2017).

Dass in der eigenen Lebenswelt auch andere Menschen existieren, als Gegenstände oder im Bewusstsein, nehmen die Menschen als intersubjektive Lebenswelt gegeben. Vor dem Hintergrund eines gemeinsamen Interpretationsrahmens und der prinzipiell gleichen Betrachtungsweise von Gegenständen der äußeren Umwelt, erfahren die Menschen das Erleben anderer (Schütz & Luckmann 2017).

Die Sozialwelt ist ein wichtiges Element der sozialen Beziehungen. Für die Analyse untergliederte Schütz die Sozialwelt, neben der zeitlichen Dimension, in Umwelt, Mitwelt und Vorwelt. Im Bereich der Umwelt können wir als Mitmenschen interagieren (unmittelbare Beziehung). Hier besteht auch die größte Chance für die Erfassung eines gemeinsamen Sinns des Denkens und Handelns. Die Mitwelt beschreibt die Interaktion als Nebenmensch (mittelbare Beziehung). In der Vorwelt ist der Sinn des Handelns noch nicht erkennbar. Betrachten wir die soziale Differenzierung Intimität und Anonymität, sehen wir einen wichtigen Aspekt der subjektiven Erfahrung in der Lebenswelt, wenn wir z. B. von der Heimat und von den Fremden sprechen. Die Abstufungen können auch in Reichweiten unterteilt werden – aktuell, wiederherstellbar und erlangbar (Schütz & Luckmann 2017). »So bestehen zum Beispiel spezifische, mehr oder minder hohe Chancen der Wiederherstellbarkeit einer freundschaftlichen Beziehung zu einem Jugendfreund, den ich lange nicht gesehen habe.« (Schütz & Luckmann 2017, S. 76)

Geht die Pflegebeziehung von einem gemeinsamen Interpretationsrahmen aus, dann entsteht eine Wirklichkeit, die als selbstverständlich und gegeben angesehen und deshalb nicht hinterfragt wird. Dies ist nicht immer unproblematisch. Weil die Reichweiten innerhalb der Sozialwelt nicht immer kongruent und die Biographien der Menschen andere sind, variiert die Auslegung der Ereignisse. Die Lebenswelten und damit die Wirklichkeiten der Pflegefachpersonen und der erkrankten Menschen divergieren. Die Diskrepanz zwischen einer angenommenen gemeinsam geteilten Wirklichkeit und der durch individuelle Auslegung entstandenen Wirklichkeit benötigt eine Erklärung dafür, wie das intersubjektive Verstehen im Pflege-Klienten-Geschehen möglich ist.

1.5.3 Verstehen

Die grundlegende Voraussetzung für das intersubjektive Verstehen sind die von Schütz beschriebenen Grundaxiome:

1. »Die Grundaxiome der sozialisierten natürlichen Einstellung sind erstens die Existenz intelligenter (mit Bewußtsein ausgestatteter) Mitmenschen und zweitens die – prinzipiell meiner Erfahrung ähnliche – Erfahrbarkeit der Gegenstände der Lebenswelt für meine Mitmenschen.« (Schütz & Luckmann 2017, S. 89)

2. »Aus der Erfahrung jener Strukturen wächst mir das Wissen zu, daß ›dasselbe‹ Objekt notwendig für jeden von uns Unterschiede aufweisen muß; […].« (Schütz & Luckmann 2017, S. 89)

Lassen Sie uns diese Aussagen von Schütz vertiefen. Alle Menschen erleben Gesundheit, Krankheit, den Lebenszyklus, den Rhythmus der Natur und stehen in wechselseitigen Beziehungen als Mitglieder sozialer Gefüge. Um handeln und wirken zu können, müssen sie ihre eigene Lebenswelt verstehen. Auf der Basis eines Wissensvorrates aus früheren eigenen Erfahrungen und aus Erfahrungen, die Mitmenschen berichten, wird die Welt ausgelegt (Schütz & Luckmann 2017). In Situationen des praktischen Alltags, verbunden mit praktischen Motiven, weicht diese Art der Konstitution von Alltagswelt der zweifachen Idealisierung. Hier schrieb Schütz von der Generalthese der wechselseitigen Perspektiven, welche die Grundlage für die soziale Ausformung der Lebenswelt bildet. Die Menschen nehmen die Weltsicht ein, weil sie davon ausgehen, dass sie die Dinge in gleicher Perspektive erfahren, wenn sie mit Mitmenschen die Rollen tauschen würden. Es handelt sich also um die »Vertauschbarkeit der Standpunkte« und »[z]weitens die Idealisierung der Kongruenz der Relevanzsysteme.« (Schütz & Luckmann 2017, S. 99) Unterschiede sind für den praktischen Zweck irrelevant, weil es in der Sozialwelt andere Menschen gibt, die »wie ich« sind. Soziales Zusammenwirken und Verstehen wird erst durch sozialisiertes Wissen möglich. Wir verfügen über objektives Wissen, leiten Wissen von der Welt ab und erschließen individuelles Wissen, u. a. aus unserem Beruf. »Wir lernen als gegeben hinzunehmen, daß wir grundsätzlich auf diese Weise fortfahren können: daß also nicht nur unsere schon gemeinsame erfahrene Welt sozialisiert ist, sondern daß meine noch erfahrbare Welt prinzipiell sozialisierbar ist.« (Schütz & Luckmann 2017, S. 99)

Die Menschen verstehen die Einzigartigkeit ihrer Mitmenschen in nur sehr spezifischen Situationen. Überwiegend erfassen sie durch Typisierungen. Den Ansatz der Typik führte Schütz ein, um zu erklären, wie sich Menschen verständigen. Sie greifen auf Typen, also typische Vertreter einer sozialen Rolle zurück. »[…] Wenn ich einem Mitmenschen begegne, so ist es auch immer ein bestimmter Mensch, oder jedenfalls ein bestimmter Typ von Mensch, mit seinen Besonderheiten.« (Schütz & Luckmann 2017, S. 102)

Das Erfahren der Sozialwelt, unter dem Ansatz der Typik, beschrieb Schütz im Übergang von lebendigen Wir- Beziehungen zu sozialen Beziehungen unter Zeitgenossen, der Grenze zwischen unmittelbarer und mittelbarer Erfahrung (Schütz & Luckmann 2017). Unmittelbar erfahren sich die Menschen in einer gemeinsam geteilten räumlichen Lebenswelt, in der Weltzeit und in ihrer Existenz. »Er und ich altern zusammen. Die Begegnung (face-to-face situation) ist die einzige soziale Situation, die durch zeitliche und räumliche Unmittelbarkeit gekennzeichnet ist.« (Schütz & Luckmann 2017, S. 101)

Die Voraussetzung, um erfahren zu können, ist die gegenseitige Zuwendung und Aufmerksamkeit. Schütz benannte diese Art Zuwendung als Du-Einstellung, die einseitig und wechselseitig verlaufen kann. Zu einer wechselseitigen Du-Einstellung kommt es nur in einer sozialen Beziehung, die Schütz als Wir-Beziehung bezeichnete. Allein in der Wir-Beziehung können die Menschen am bewussten Leben des anderen teilnehmen. Im gemeinsamen Gespräch wird die objektive Bedeutung der Worte des anderen ausgelegt und die Sprache, »wie er es sagt«, als subjektive Sinnkonfiguration, auf Erfahrung gestützt, erlebt. Die Angemessenheit der in die Interaktion eingebrachten Deutungsschemata kann direkt überprüft werden. Man versichert sich der Existenz der Welt und gemeinsamer Sichtweisen. »Den Erlebnisablauf des Mitmenschen erfasse ich nur ›mittelbar‹, indem ich seine Bewegungen, seinen Ausdruck, seine Mitteilungen als Anzeichen von subjektiv sinnvollen Erfahrungen eines fremden Ich auslege.« (Schütz & Luckmann 2017, S. 103)

Die Wir-Beziehung findet nur in der Unmittelbarkeit statt und nur in der Wir-Beziehung wird die Intersubjektivität der Lebenswelt ausgebildet und kontinuierlich bestätigt. Wie die Du-Einstellung in der Typisierung des Du aktualisiert sich auch die Wir-Beziehung »[…] in [der] […] Typisierung des Anderen […].« (Schütz & Luckmann 2017, S. 102) »Die Lebenswelt ist weder meine private Welt noch deine private Welt, auch nicht die meine und deine addiert, sondern die Welt unserer gemeinsamen Erfahrung.« (Schütz & Luckmann 2017, S. 109)

Die Reflexion über die Beziehung, wobei hier lebendige Erlebnisse die Voraussetzung dafür sind, steht außerhalb der Wir-Beziehung. Je mehr über die Beziehung reflektiert und weniger am bewussten Leben des anderen teilgenommen wird, umso weniger leben die Menschen in der Wir-Beziehung gemeinsamer Erfahrungen. Da die räumliche und zeitliche Unmittelbarkeit der Wir-Beziehung in Nähe und Distanz ausgeprägt ist, entfernen sich die Menschen von der Beziehung, hin zu mittelbarer Erfahrung (Schütz & Luckmann 2017).

Die ursprünglichste Form der sozialen Beziehung in der alltäglichen Lebenswelt ist die Begegnung. Menschen sprechen in der Unmittelbarkeit miteinander, wodurch das Bewusstseinserleben des anderen zugänglich wird. In der Folge verändern sich die jeweiligen Erfahrungen der Menschen; sie verabschieden sich und werden zum jeweiligen Zeitgenossen, weil sie eine gemeinsame Weltzeit teilten. Die aktuelle Erfahrung erfährt keine Veränderung (Schütz & Luckmann 2017, S 102 ff.).

»Dies ist ein Grund dafür, warum die Unmittelbarkeit oder Mittelbarkeit einer Erfahrung bzw. sozialen Beziehung nicht zum Problem wird und im Alltag der Auslegung nicht bedarf. […] Die aktuelle unmittelbare Erfahrung wird zur vergangenen, nun wieder erinnerten unmittelbaren Erfahrung.«

(Schütz & Luckmann 2017, S. 111)

Die Menschen erinnern sich an die Mitmenschen, im Guten oder Schlechten. Dass es bei den Menschen durch die Begegnung dennoch zu einer Veränderung der Erfahrung kommt, bringt der Abschied vom Mitmenschen mit sich, ebenso wie das nicht weiter teilnehmen können an dessen Leben in der Unmittelbarkeit des Bewusstseinsstroms. Die Menschen wissen, dass sich die anderen nach der Verabschiedung verändern. Ohne die Reflexion wird in der natürlichen Einstellung des Alltags am Vertrauten festgehalten, bis die Menschen gegenteiliges Wissen erfahren. Die räumliche Erfahrung der alltäglichen Lebenswelt kann dem subjektiven Erleben der Sozialwelt in ihrer Erlangbarkeit und Wiederherstellbarkeit gleichgesetzt werden. Auf eine Ebene mit der Wiederherstellbarkeit einer freundschaftlichen Beziehung kann die Wiederherstellbarkeit einer Wir-Beziehung verstanden werden (Schütz & Luckmann 2017).

Wir-Beziehungen bilden sich in der Unmittelbarkeit aus. So wie die Ehe, die auf eine bestimmte Zeit angelegt ist, oder die Beziehung zwischen Eltern und Kindern, aber auch Wahlbeziehungen, für die eine bestimmte Erlebnisnähe und -tiefe konstitutiv sind (Schütz & Luckmann 2017).

Die Aussicht auf eine lebendige Wir-Pflege-Beziehung ist von ihrer Wiederherstellbarkeit abhängig. Umso weiter weg die räumliche Unmittelbarkeit der Erfahrung rückt, umso mehr nähert sie sich der mittelbaren Erfahrung der Sozialwelt. Aus lebendigen Wir-Beziehungen können herstellbare, aber auch nicht wiederherstellbare Beziehungen folgen. Mittelbare und in der Anonymität liegende Systeme, wie das Gesundheits- oder Sozialsystem, werden von den erkrankten Menschen nicht erfahren, weshalb für sie die Regelungen im Sozialgesetzbuch nicht immer nachvollziehbar sind. Als soziale Zeitbeziehung kann die Pflegebeziehung im Sinnzusammenhang angelegt werden, weil sie über die Handlung vorentworfen ist. Ihr Sinn bestimmt sich vom Handlungsziel her. Weil der Sinn nur über die subjektiven Sinnzusammenhänge der Handelnden erklärt werden kann, ist der Sinn der Pflegebeziehung von Individuum zu Individuum divergierend. Was müssen wir in diesem Zusammenhang unter dem Begriff Sinnkonstitution verstehen und wie kommt es zur Neudefinition des Sinns?

1.5.4 Sinnkonstitution

Im Sinnbereich der Sozialwelt der alltäglichen Lebenswelt erkennen die Menschen sich selbst in ihren Mitmenschen. »Sinndeutung, ›Verstehen‹, ist ein Grundprinzip der natürlichen Einstellung mit Bezug auf Mitmenschen.« (Schütz & Luckmann 2017, S. 45)

Den Menschen erscheint die Lebenswelt als subjektiver Sinnzusammenhang und ihren Mitmenschen unterstellen sie, dass auch ihr Handeln in Sinnzusammenhängen geschieht und auch sie zielstrebig und subjektiv motiviert sind. Zugleich unterstellen sie ihren Mitmenschen sinnvolle Handlungen und sinnvolles Verhalten. Damit den Menschen das Verhalten ihrer Mitmenschen verständlich wird, greifen sie auf ihren eigenen Wissensvorrat zurück und reflektieren vor dem Hintergrund ihrer Wirklichkeit. Der Sinn ist das Ergebnis der Auslegung vergangener Erlebnisse und des Handelns, das im Jetzt reflektiert wird. Solange die Menschen im Erlebnis und im Handeln gefangen sind, ergibt für sie dieses Erleben keinen Sinn (Schütz & Luckmann 2017). Die Erlebnisse sind erst dann sinnvoll, wenn sie »[…] über ihre Aktualität hinaus erinnert, auf ihre Konstitution befragt und auf ihre Position in einem zuhandenen Bezugsschema ausgelegt werden. Demzufolge wird mir mein eigenes Verhalten erst in Auslegung sinnvoll.« (Schütz & Luckmann 2017, S. 44)

Der Sinn einer Handlung ist also die Selbstauslegung des eigenen Handlungsentwurfs. »Durch diese Auslegung ›verstehe‹ ich den Zweck des Werkzeugs, erfasse, wofür ein Zeichen steht, wie sich ein Mensch in seinem Verhalten an einer sozialen Einrichtung orientiert.« (Schütz & Luckmann 2017, S. 45)

Im Gegensatz zur Handlung, die im Sinn vorentworfen ist, werden das Verhalten und das Handeln in die Vergangenheit gerichtet reflektiert und erst dann sinnvoll. Da übergreifende sinnhafte Handlungszusammenhänge unterschiedliche Spannweiten haben und nur der Mensch selbst weiß, welchen Teil er reflektiert, muss der Sinn auf das subjektive Bewusstsein des Handelnden zurückgeführt werden. Dabei ist zu beachten, dass die Sinndeutung zu unterschiedlichen Zeitpunkten der Auslegung variiert. Wird die Sinnstruktur erschüttert, werden Einstellungen, die auf der Wirklichkeit beruhen, aufgegeben (Schütz & Luckmann 2017).

Wieder übertragen auf das Pflege-Klienten-Geschehen und auf den Problemlöseprozess kann theoretisch begründet werden, dass Pflegefachpersonen die Interventionen nicht aus der Beobachtung der Handlungen der erkrankten Menschen ableiten können, sondern nur über das Erfahren der Menschen zu Rückschlüssen kommen. Wie bei einer Forschungsreise in unerschlossene Regionen sollten sich Pflegefachpersonen und psychisch erkrankte Menschen in der Lebenswelt des anderen besuchen. Auch wenn beide Lebenswelten Unterschiedlichkeiten aufweisen, stehen sie sich gleichwertig gegenüber. Vor dem Hintergrund der Gleichwertigkeit können die Unterschiedlichkeiten im Erleben verstanden und anerkannt sowie Gemeinsamkeiten erlebt werden, z. B. in den Grundfragen des Menschen. Das gegenseitige Lernen lässt Neuinterpretationen zu und veranlasst zu weitergehender Entdeckung. Die Grundvoraussetzung für die Pflegefachpersonen, in ihrer Funktion der Expeditionsleitung, ist wissenschaftlich fundiertes Hintergrundwissen.

1.5.5 Bewältigung und Veränderung

Allem Tun liegt das Vertrauen auf die Konstanz der Weltstruktur und dem eigenen Bewältigungsvermögen zugrunde. Die jeweilige Auslegung muss für die Bewältigung der lebensweltlichen Situation ausreichen und sollte als Gebrauchsanweisung vorliegen, damit praktische Probleme gelöst werden können. Erscheinen aktuelle Erfahrungen als vertraut und unproblematisch, können sie in den Erfahrungsvorrat eingeordnet werden. Stößt die Einordnung der aktuellen Erfahrung auf Widerspruch, dann ist diese Erfahrung mit vorangegangenen Erfahrungen inkongruent und fraglos übernommene Dinge werden im Nachhinein in Frage gestellt (Schütz & Luckmann 2017).

»Die lebensweltliche Wirklichkeit fordert mich sozusagen zur Neuauslegung meiner Erfahrung auf und unterbricht den Ablauf der Selbstverständlichkeitskette. Der Kern meiner Erfahrung, den ich auf Grund meines Wissensvorrats ›bis auf weiteres‹ als selbstverständlich an mir vorbeipassieren ließ, ist mir problematisch geworden, und ich muss mich ihm nun zuwenden.« (Schütz & Luckmann 2017, S. 38 f.)

Folgen wir den Analysen von Schütz, dann möchten die Menschen durch ihr Wirken Veränderungen am Auferlegten herbeiführen. Die Motivation zur Neuauslegung der Erfahrung ist die Diskrepanz und Kongruenz zwischen dem Erfahrungsvorrat und der aktuellen Erfahrung. Diese Erkenntnisse treffen auf Begriffe im Rahmen der psychiatrischen Behandlung wie Non-Compliance, fehlende Änderungsmotivation und fehlende Therapiemotivation. Wenn Therapieangebote nicht angenommen werden und die Behandlung abgebrochen wird, könnte es sein, dass die psychisch erkrankten Menschen mit den Angeboten nichts anfangen können und ein »Nicht-Verstanden-Werden« erleben. Auf der Seite der Pflegefachpersonen kann die Ablehnung ein Gefühl der Frustration hinterlassen. Lassen Sie mich an dieser Stelle auf das Beispiel von Herrn D. zurückkommen:

Fallbeispiel Herr D.

Herrn D. fehlte es während der Behandlung nicht per se an der Motivation, in Zukunft ein Leben ohne Drogen führen zu wollen, auch wenn er an einigen Tagen davon sprach, die Behandlung abbrechen zu wollen. Eine pflegerische Intervention beinhaltete als Maßnahme die Beratung des Klienten, um über das Erfahren der Widersprüchlichkeit zwischen den Sachverhalten reflektierend unterstützen zu können. So war das Klienten-Pflege-Ziel die gemeinsame Wahrnehmung der Diskrepanz zwischen dem Erfahrungsvorrat des Klienten (Drogenkonsum, Haft, Freunde und Familie) und der aktuellen Erfahrung (erste Tage ohne Drogenkonsum, Zukunftsplan eigene Familie). Als methodisches Vorgehen wurde der Beratungsansatz »Motivational Interviewing« nach William R. Miller und Stephen Rollnick genutzt.

1.5.6 Handeln und Handlung

Mit dem Handeln wird die Handlung erzeugt. Deshalb findet das Handeln im Handlungsentwurf seinen Sinn. Welcher Sinn in einer gegebenen Situation tatsächlich ins Bewusstsein tritt und wodurch dann die Partizipation gelingen kann, ist nach Schütz von Relevanzsystemen abhängig: der Thematischen Relevanz (Thema), der Interpretationsrelevanz (Deutungsmuster) und der Motivationsrelevanz (Schütz & Luckmann 2017).

Die Motivationsrelevanz umfasst den Vergangenheits- und Zukunftsbezug der Motive. Die Sinnstruktur des Handelns ist vom Um-zu-Motiv und dem Weil-Motiv (den Gründen für das Handeln) bestimmt. Das heißt, in der Phase der Handlungsplanung wird das Um-zu-Motiv und in der Phase der Handlungsreflexion das Weil-Motiv formiert (Schütz & Luckmann 2017). Fragen wir Menschen nach dem Motiv des Handelns, werden wir eine Antwort mit Um-zu erhalten, wenn das Handlungsziel in der Zukunft liegt und das Handeln noch nicht realisiert ist.

Merke

Die Lebenswelt ist die Praxis, in der es zum Handeln kommt, und die Rolle des pragmatischen Motivs in der natürlichen Einstellung ist bestimmt durch das Wissen »[…] ›Und-so-weiter‹ und ›Ich-kann-immer-wieder‹.« (Schütz & Luckmann 2017, S. 48)

Die Sicherheit, die aufgrund der fraglos gegebenen Wirklichkeit besteht, baut im Bewusstsein zwei Identitäten auf, die Aspekte des Denkens in der natürlichen Einstellung sind. Bei der Und-so-weiter-Identität vertrauen die Menschen darauf, dass die Welt weiter so bleiben wird. Die Ich-kann-immer-wieder-Identität lässt mich annehmen, dass ich meine früheren erfolgreichen Handlungen auch erfolgreich wiederholen kann. Zukünftige Ereignisse können nicht beeinflusst werden, deshalb sind sie von Sorge und Hoffnung getragen und die Menschen müssen entscheiden, ob und wie sie handeln wollen.

Fallbeispiel Herr D.

Herr D. sprach sehr oft von der Sorge, wieder mit Drogen »rückfällig« werden zu können, wenn er auch nach dieser Behandlung wieder in sein Wohnumfeld zurückkehrt. Er habe nur Freunde, die Drogen konsumieren. »Hinter mir liegt viel Müll, Haft und ein Leben auf der Straße. Ich möchte dort nicht wieder hin, aber das Leben ist mir vertraut. Vor mir sehe ich eine geöffnete Tür. Ich schaue auf eine Wiese mit Blumen im Sonnenschein. Ich würde gerne durch die Tür gehen, aber ich schaffe es nicht, weil mir dieses Leben fremd ist.«

Herr D. hat Sorge in sein Wohnumfeld aufgrund gemachter Erfahrungen aus der Vergangenheit zurückzukehren (Weil-Motiv). Der in der Zukunft liegende Handlungsentwurf, ein Leben ohne Drogen (Um-zu-Motiv), vergegenwärtigt uns das noch nicht Gewordene. Da die Vergangenheit und der Entwurf eng zusammenhängen, wird Herrn D. sein Handlungsentwurf erst durch die Reflexion der Vorgeschichte – »Hinter mir liegt viel Müll, Haft und ein Leben auf der Straße. Ich möchte dort nicht wieder hin, aber das Leben ist mir vertraut.« – greifbar. Wir können das Handeln also nicht ohne das Gedächtnis und die Erinnerung verstehen.

Mit Schütz wissen wir, dass vergangene Entscheidungen und Projekte zu einem Plansystem werden, auch wenn es von außen betrachtet nicht immer homogen erscheint.

»Im täglichen Leben sind Handlungen Teilhandlungen innerhalb eines übergeordneten Plansystems – für einen bestimmten lebensweltlichen Bereich, für den Tag, für das Jahr, für die Arbeit und Freizeit –, die wiederum in einem mehr oder minder bestimmten Lebensplan ihren Platz haben.«

(Schütz & Luckmann 2017, S. 49)

1.6 Bedeutung der Phänomenologie und des Konzepts Lebenswelt für die psychiatrische Pflege

Die Phänomenologie nach Schütz erweist sich für die psychiatrische Pflege als nützlich für die Analyse der Lebenswelt, die das Verstehen sowie die Sinnkonstitutions- und Sinndeutungs-Prozesse im subjektiven Bewusstsein strukturiert. Das Wissen um die sinnhafte Vorstrukturiertheit der Sozialwelt hat Konsequenzen für die psychiatrische Pflegepraxis. Ihre Aufgaben und Tätigkeiten orientieren sich am Alltagshandeln und der individuellen Wirklichkeit des einzelnen Menschen. Vor dem Hintergrund ihrer Vorbehaltsaufgabe liegt die Konsequenz im individualisierten Arbeitshandeln, welches Manfred Hülsken-Giesler als ein nicht standardisierbares und situatives Handeln bezeichnet (Hülsken-Giesler 2008).

Sowohl inhaltlich wie auch methodisch hielt sich Schütz eng an Husserl. In der phänomenologischen Klärung lebensweltlichen Verstehens setzte er sich jedoch von Husserl ab. Die Analyse der Strukturen der Lebenswelt begründen auf den »Idealmenschen«, weil Schütz nicht die individuellen Wirklichkeiten der Menschen untersuchte. Auf diese Weise vernachlässigte er die Leiblichkeit und damit die leibliche Perspektive, die unsere Erkenntnis erst ermöglicht und gleichzeitig auch begrenzt. Um mit der Hinwendung zum Alltag der Menschen auch die Umweltbedingungen berücksichtigen zu können, fügt Björn Kraus (2006) dem Lebensweltansatz aus konstruktivistischer Sicht der Wirklichkeit die Realität hinzu und führt im Kontext der Lebenswelt den Lebenslagenbegriff ein, den er auf Marx, Neurath (1931) und Weisser (1956) rückbindet (Kraus 2006).

Psychisch erkrankten Menschen stehen objektive (ökonomische) Handlungsbedingungen nach festgelegten Regeln, aufgrund staatlicher Absicherung und des Teilhaberechts, zur Verfügung. Ihre subjektiv wahrgenommene Wirklichkeit ist deshalb auch das Ergebnis der subjektiv wahrgenommenen Lebenslage. Die subjektive Wirklichkeit kann die Realität Lebenslage nicht abbilden. Die Lebenslage stellt aber die Voraussetzung zum Konstruieren dar (Kraus 2006). Im Hinblick auf das Pflege-Klienten-Geschehen im Rahmen des Pflegeprozesses und handlungstheoretischer Problemkonstellationen sollte die objektive (Lebenslage) und subjektive Perspektive (Lebenswelt) verbunden werden.

Den Alltag erleben auch psychisch erkrankte Menschen als gegeben. Sie möchten durch ihr Wirken Veränderungen am Auferlegten herbeiführen. Sie erfahren und verstehen in einer gemeinsam geteilten räumlichen Lebenswelt, wie im Rahmen der Pflegebeziehung, über die Wir-Beziehung in der Unmittelbarkeit. Auch im Rahmen einer Beziehung vertrauen die Menschen bei jeglichem Handeln und Tun auf das eigene Bewältigungsvermögen. Die psychische Krise erschüttert die Sinnstruktur und das Vertrauen, weil sie mit einer erfahrbaren Diskrepanz zwischen dem Erfahrungsvorrat und der aktuellen Erfahrung einhergeht. Die Motivation für Veränderungen liegt im Auflösen der Diskrepanz, wonach das Handeln im Handlungsentwurf seinen Sinn findet. Dem Recovery-Ansatz folgend kann Gesundung/Genesung nur dann gelingen, wenn die Menschen, ihre Familien und Freunde und u. a. auch die Pflegefachpersonen an der Hoffnung festhalten. Ein hoffnungsvolles und erfülltes Leben trotz bestehender Einschränkungen aufgrund der Erkrankung führen zu können, bedeutet für psychisch erkrankte Menschen einen persönlichen und einzigartigen Veränderungsprozess der freien Persönlichkeitsentfaltung gehen zu können und gleichzeitig die Ermöglichung eines Weges zu Entidentifizierung bzw. Ent-Subjektivierung.

Unterdessen läuft der Recovery-Ansatz, der Elemente des singularistischen Lebensstils der Spätmoderne aufgreift – Authentizität, Selbstverwirklichung und Lebensqualität –, Gefahr, unter dem Begriff »Eigenverantwortung« institutionalisiert zu werden, wenn von Seiten der Behandlungsinstitutionen nicht die Perspektive der individuellen Fähigkeiten eingenommen wird (Rankin & Petty 2016). Um Gesundheitsleistungen messen, erklären und finanzieren zu können, ist die am Individuum orientierte Grundhaltung in verallgemeinerbaren und standardisierten Richtlinien operationalisiert, die ihrer eigenen dynamischen Logik folgt. In der Folge wurden aus den Individuen die Patienten.

Nach den ersten Versuchen, die psychiatrische Pflege mit naturwissenschaftlichen Methoden erklären zu wollen, ausgerichtet am Vorbild der Medizin, wird es zunehmend wichtiger, die Methode des Verstehens zu erschließen. Im Rahmen des Pflegeprozesses werden objektive Rahmenbedingungen, wie z. B. die materiellen Ressourcen und daraus ableitend die Handlungsmöglichkeiten der erkrankten Menschen, erhoben und objektivierbar sowie messbar aufbereitet. Dafür wird u. a. das Verhalten der »Patienten« beobachtet und anschließend interpretiert. Wie wir seit Schütz wissen, führt die Interpretation ohne die gemeinsame Reflexion nicht zum gemeinsamen Verstehen. Denn auch wenn die Pflegebeziehung eine räumliche und zeitliche Nähe zwischen den Pflegefachpersonen, den von Erkrankung betroffenen Menschen und den Angehörigen herstellt, können die jeweiligen subjektiven Bedeutungszuschreibungen divergieren. Haben die Pflegefachpersonen das gemeinsame Gespräch gesucht und mit ihren Gesprächspartnern die jeweiligen Wirklichkeiten erfahren, teilen sie sich in der Situation eine gemeinsame Wirklichkeit – wobei die gemeinsam geteilte Wirklichkeit noch nichts darüber aussagt, ob es auch zu einem gemeinsamen Verstehen kommt. Denn die »[…] Fraglosigkeit und Vertrautheit dieser Welt ist nämlich keineswegs homogen. Unser Wissen von ihr und unsere Vermöglichkeit, in ihr und auf sie zu wirken, zeigen mannigfache Aufschichtungen« (Schütz 1971, S. 154).

Merke

Das Wissen in unterschiedlichen Graden der Deutlichkeit ist die Grundlage aller Handlungsentwürfe sowie allen Handelns und es bestimmt, wie wir das Handeln anderer verstehen. Der Lebensweltansatz ist eine Möglichkeit der theoretischen Fundierung der Vorbehaltsaufgabe Pflegeprozess und ein möglicher Weg der Entidentifizierung bzw. Ent-Subjektivierung als lokale Emanzipation lebensweltorientierter psychiatrischer Pflege.

Abschließend sei mir ein Vorgriff auf die weitere pflegewissenschaftlich-psychiatrische Entwicklung erlaubt. Von zentraler Bedeutung wird die Weiterentwicklung jener theoretischen Ansätze sein, die die psychiatrische Pflegewissenschaft unterstützen, um methodologisch ihrem Gegenstand entsprechen zu können. Das Spezifische des pflegewissenschaftlich-psychiatrischen Gegenstandsbereichs basiert auf dem Verstehen. Eine Definition der Methode muss daher in einer Analyse des Fremdverstehens bestehen. Wie wir mit Schütz auch wissen, müssen psychiatrisch-pflegerische Phänomene in ihrem subjektiven Charakter verstanden werden. Denn die Sinnhaftigkeit der Handlungen psychisch erkrankter Menschen verbirgt sich dem äußerlichen Zugriff. Ohne die quantitativen und qualitativen Verfahren polarisieren zu wollen, kann die Beobachtung im naturwissenschaftlichen Sinne Zustände erheben und Merkmalsausprägungen quantifizieren. Damit wird die psychiatrische Pflege nur ihrem Gegenstand nicht gerecht. Das Verstehen in der Wissenschaft hat einen ähnlichen Charakter wie das Verstehen im Alltag. Die Lebenswelt der Menschen hat eine Grundstruktur, wonach methodologische Konsequenzen für die Pflegewissenschaft abgeleitet werden können – im Sinne des wissenschaftlichen Verstehens und methodisch das professionelle pflegerische Selbstverständnis der psychiatrischen Pflege reflektierend. Korrigieren wir vor diesem Hintergrund das unerreichbare Ideal quantitativer Verfahren objektivistischer Ansätze zugunsten verstehender Methoden.

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3 »Nach Foucault ist ›Regierung‹ die ›Gesamtheit der Institutionen und Praktiken, mittels dere[r] man die Menschen lenkt, von der Verwaltung bis zur Erziehung‹.« (DE IV, S. 116, zit. n. Beljan 2014, S. 284) »Der Begriff der Regierung meint bei Foucault nicht allein staatliche Institutionen und politische Systeme, sondern ›[s]ämtliche Prozeduren, mit denen die Menschen einander führen‹.« (DE IV, S. 117, zit. n. Beljan 2014, S. 284).

4 Entwurf Alfred Schütz, Ausarbeitung Thomas Luckmann

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19 aralık 2025
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