Kitabı oku: «Wanderung nach dem Schlachtfelde von Leipzig im October 1813»


Carl Bertuch (1777–1815)
Wanderung nach dem
Schlachtfelde von Leipzig
im October 1813
Ein Augenzeugenbericht zur Völkerschlacht
von Carl Bertuch

Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen
von Siegfried Seifert und Peter Seifert

Schriftenreihe des Freundeskreises des Goethe-Nationalmuseums e.V. – Band 5
Veröffentlicht mit freundlicher Unterstützung
des Thüringer Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur
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ISBN 978-3-86729-511-6 (EPUB)
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© Sax-Verlag, Beucha • Markkleeberg 2013
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Inhalt
Erste Abtheilung
Wanderung nach Leipzig und über das Schlachtfeld
| Erster Brief. | – | Abreise von W[eimar]. Naumburg. Zeitz |
| Zweiter Brief. | – | Fahrt von Zeitz nach Pegau. Das große Lager daselbst. Fortsetzung der Reise bis Leipzig. Schilderung der nächsten Umgebungen |
| Dritter Brief. | – | Wanderung über das Schlachtfeld. Uebergang der Sachsen. Einzug der siegreichen Monarchen |
| Vierter Brief. | – | Betrachtungen über die gegenwärtige Zeit |
| Fünfter Brief. | – | Die Monarchen verlassen Leipzig. Vermischte Bemerkungen |
Zweite Abtheilung
Die Schlacht von Leipzig
Aus zuverlässigen Quellen geschildert, und durch zwei Pläne und mehrere Beilagen erläutert
Beilagen
| Erste Beilage. | – | Bestand der alliirten Haupt-Armee, unter dem Befehle des Feldmarschalls Fürsten von Schwarzenberg |
| Zweite Beilage. | – | Uebersicht der Armee-Corps der Französischen Armee an den Tagen der Schlacht von Leipzig. – Bestand des Corps unter dem Marschall Augereau, Herzog von Castiglione |
| Dritte Beilage. | – | Antheil des Königlich-Preußischen IIten Armee-Corps unter dem General-Lieutenant von Kleist an der Schlacht von Leipzig vom 16ten – 19ten October 1813 |
| Vierte Beilage. | – | Einige Nachrichten über den Antheil der Armee von Polen, oder der Russischen Armee-Abtheilung unter dem General der Cavallerie, Freiherrn von Bennigsen, an der Schlacht von Leipzig |
| Fünfte Beilage. | – | Ungefähre Berechnung der Gesammtkräfte der beiderseitigen Armeen |
| Sechste Beilage. | – | Uebersicht der Armee-Abtheilung unter dem General der Cavallerie, Grafen von Wittgenstein |

Anhang
Die Kapelle der Eintracht auf dem Schlachtfelde von Leipzig. Ein Versuch
Französische militärische Fachausdrücke
Nachwort. Von Siegfried Seifert und Peter Seifert
Vorbericht des Verfassers

Der Verfasser dieser kleinen Schrift kam unmittelbar nach der glorreichen Schlacht von Leipzig dahin, und hatte Gelegenheit, über dieses große Ereigniß an Ort und Stelle, durch die Bekanntschaft mit mehreren Generalstabs-Officieren der alliirten Armeen, viele, bisher noch nicht bekannte, Bemerkungen und Beiträge zu sammeln.
Diese übergiebt er hiermit anspruchslos seinen Zeitgenossen; sie sollen nichts seyn, als ein bloßer Beitrag zur künftigen ausführlichen Geschichte der Schlacht von Leipzig.
Was wir mit einem Gesammtnamen: die Schlacht von Leipzig, benennen, besteht eigentlich aus dem viertägigen Völkerkampfe vom 16ten bis 19ten October 1813, wo nach und nach fünf Armeen auf dem Wahlplatze erschienen, und wo endlich die gerechte Sache der Menschheit gegen verhaßte Tyrannie siegte. Durch das allmähliche Ineinandergreifen dieser Anfangs von verschiedenen Punkten sich nähernden fünf großen Heeresmassen, ist eine, allen mitkämpfenden Theilen genugthuende, Beschreibung dieser Schlacht eine schwere Aufgabe, deren Auflösung nach gänzlicher Waffenruhe den ausgezeichneten Köpfen des Generalstabs der vereinigten Armeen vorbehalten bleibt.
Gegenwärtige kleine Schrift, nur ein Beitrag zum Ganzen also, zerfällt in zwei Abtheilungen. In der Ersten: Wanderung nach Leipzig und über das Schlachtfeld, giebt der Verfasser die an Ort und Stelle niedergeschriebenen Bemerkungen in Briefen an einen Freund, die bloß dadurch nicht überflüssig erscheinen mögen, daß sie gleichzeitig mit möglichster Umsicht aufgefaßt, einige Localtöne dieses großen, zwar schauderhaften, aber für uns Deutsche doch so herrlichen Gemäldes wiederzugeben bemüht sind.
Alle Nachrichten und Beiträge, die der Verfasser aus officiellen Quellen und von kenntnißreichen Officiers, die der Schlacht beiwohnten, erhalten konnte, hat er nebst Benutzung der bis jetzt erschienenen Bulletins in der 2ten Abtheilung: Die Schlacht von Leipzig überschrieben, nach der Folge der Schlachttage aneinander gereiht, und die erläuternden Belege dazu in den angehängten sechs Beilagen geliefert.
Die eigenthümlichen, bisher noch nicht bekannten, Nachrichten, die in dieser 2ten Abtheilung enthalten sind, beschränken sich auf die Alliirte Haupt-Armee, unter dem Commando des Feldmarschalls Fürsten von Schwarzenberg, so wie auf die Armee von Polen, unter dem General Freiherrn von Bennigsen. Von der Schlesischen, so wie von der Nord-Armee gelang es dem Verfasser nicht, specielle Nachrichten einzuziehen, weswegen er bei diesen Armeen bloß die über ihre Operationen erschienenen officiellen Bulletins benutzen konnte.
Was den Schlacht-Plan betrifft, so wurde derselbe nach den vorhandenen besten Charten entworfen, und in Hinsicht des Terrains nach dem flüchtigen Entwurfe, von einem Generalstabs-Officier gütigst mitgetheilt, ergänzt. Der Verfasser bestrebte sich vorzüglichvorzüglich, so weit es die Kleinheit des Maßstabs erlaubte, die Operationen der alliirten Haupt-Armee, über deren Bewegungen er die meisten, bisher noch unbekannten Mittheilungen erhielt, darauf zu verzeichnen. Die Stellungen der Schlesischen, so wie der Nord-Armee sind nur im Allgemeinen angedeutet, da zu genauerer Bezeichnung noch speciellere Angaben erforderlich sind, als die in den beiden oberwähnten Bulletins enthaltenen. Deswegen begreift das Chärtchen auch nach Norden zu einen kleinern Raum als nach Süden.
Der Plan Taf. I. giebt diesemnach die Schlacht am 16ten October, so wie durch zwei allgemeine Linien ausgedrückt, die Stellung der Alliirten Haupt-Armee, so wie der Französischen am 17ten, wo auf dieser Seite Waffenruhe Statt fand.
Der Plan Taf. II. enthält die Schlacht am 18ten October, so wie die Stellungen am 19ten Morgens. — Zur Vergleichung sind die Positionen des 16ten auf dem zweiten Plan mit zwei Farben blaß colorirt, nämlich die Alliirten Stellungen violet, die französischen braun.
Der Verfasser glaubte diese etwas weitläufige Rechenschaft über seine Arbeit geben zu müssen, damit sie nach den verschiedenen Abtheilungen aus dem rechten Gesichtspunkte beurtheilt werden möge.
Noch muß derselbe die Titelvignette erläutern, auf welcher er die Idee zu einer Gedächtniß-Medaille auf die Schlacht von Leipzig aufzustellen wagt. Er dachte sich als Vorderseite: die vereinte Macht der vier verbündeten Monarchen (vier zusammengelegte Ritterhände) sprengt durch ihre geschleuderten Blitze die, Deutschland schmachvoll fesselnde, Kette. Die Unterschrift giebt die Erläuterung:
VINCULIS RUPTIS GERMANIA LIBERATA,
GALLIS LIPSIAE PROFLIGATIS.
(Nach gesprengten Fesseln wurde Deutschland frei, durch die Niederlage der Franzosen bei Leipzig.)
Auf der Kehrseite erblickt man den Genius der Humanität. Er hat in den Hainen von Leipzig an einer deutschen Eiche ein ehernes Schild aufgehängt, welches er kniend hält, und auf welches Klio die gefeierten Namen: Alexander, Franz, Friedrich Wilhelm und Carl Johann, als Weihe der dankbaren Mit- und Nachwelt gräbt.
Die Umschrift giebt das in Wien erschienene passende Chronodistichon 1813:
VICIT CONCCORDIA REGUM.
(Es siegte die Eintracht der Herrscher.)
Der untere Abschnitt enthält die Zeitbestimmung
XVI — XIX OCTBR. MDCCCXIII.
Großes hat die Eintracht der Herrscher bewirkt. Gott erhalte Sie, und segne Ihre fernern Schritte zum Wohl der Menschheit. Dieses wird mit mir jeder Deutsche an diesem Ersten Morgen eines mit den schönsten Hoffnungen beginnenden Jahres ausrufen !
W[eimar] den 1sten Januar 1814
Wanderung
nach
Leipzig und über das Schlachtfeld

Erster Brief
Zeitz, den 19ten October 1813
Ich schreibe hier aus dem Gasthofe zur Traube, wo wir diesen Abend in der Dunkelheit ankamen, Alles im kriegerischen Gewühl fanden, und von dem Wirthe als eine fremde Erscheinung angestaunt wurden, da wir seit sechs Wochen, wie er versicherte, die ersten friedlichen Reisenden waren, die bei ihm Logis nahmen.
Mancherlei Scenen wechselten am heutigen Tage, sie sind vielleicht Vorboten von noch wichtigeren, denen wir Morgen entgegen gehen.
Sie wissen, daß wir gestern in W[eimar] durch sichere Hand die Nachricht erhielten, daß Leipzig schon am 16ten mit Sturm von den siegreichen Alliirten genommen, und die französische Armee sich fliehend nach Magdeburg gewendet habe. Dieses bestimmte uns zur Abreise nach Leipzig. Wir verließen gestern Abend W[eimar] gegen Mitternacht. Die Nacht war schön, die Pferde gut, der Postillon rasch, unsere Phantasie mit dem stolzen Gefühl erfüllt, daß wir nicht mehr Rheinbündner, sondern wieder Deutsche geworden, so vereinte sich Alles, um uns schnell nach Eckartsberge zu bringen, wo das muntere Posthorn die vom Mondenlicht schauerlich beleuchtete alte Ruine frohlockend begrüßte.
In Eckartsberge schon fanden sich aber Schwierigkeiten. Der Postmeister erklärte: die Kösener Brücke sey von den Oesterreichischen Vorposten stark besetzt, und selbst des Nachts gesperrt, so daß Niemand dann passiren könne. Wir mußten daher bis zum Tages Anbruche warten, wo es weiter gieng; doch weder auf der Kösener Höhe, (dieser oft nicht genug beachtete Schlüssel der Saalposition,) noch im Thale an der Brücke, trafen wir Truppen. Diese hatten sich schon am vorigen Abend auf ihr Haupt-Corps nach Naumburg zurückgezogen. In Naumburg lebte Alles in der größten Spannung. Die früher erhaltene Nachricht, daß Leipzig schon am 16ten von den Alliirten genommen worden, bestätigte sich nicht. Im Gegentheil hörten wir bis Mittags gegen 1 Uhr eine heftige Kanonade gegen Leipzig hin. Es waren gestern Abend Meldungen eingegangen, daß sich ein retirirendes französisches Corps von Leipzig nach Weißenfels zöge, und einzelne Versprengte waren schon vorwärts erblickt worden. Deswegen hatte der Commendant von Naumburg, Major Graf Gatterburg, die bis Schulpforte und Kösen vorpoussirten Oesterreichischen Detachements an sich gezogen, und marschirte mit seiner Besatzung, welche aus fünf Compagnien Erzherzog Ludwig Infanterie und etwas Cavallerie, beides von der Division Murray des Giulayschen Corps, (welche Division die Saal-Gegend bei Naumburg und Weißenfels beobachtete,) bestand, sogleich vorwärts zu einer Recognoscirung gegen Weißenfels.
Noch war er nicht zurück, als wir diesen Morgen mit einer großen Volksmenge in Naumburg vor dem Thore nach Weißenfels an der Chaussee standen. Die Gefechte schienen sich zu nähern, denn vor unsern Augen wurden auf der ersten Anhöhe zehn bis zwölf versprengte Franzosen von den Kosaken und Oesterreichischen Dragonern gefangen genommen. Alles harrte mit banger Erwartung auf den Ausgang. Eine heransprengende Ordonnanz kündigte an, die Oesterreicher hätten die Franzosen zurückgedrängt, Graf Gatterburg werde mit den Truppen sogleich zurückkehren. Dieses geschah auch, er kam an der Spitze von leichter Infanterie, und wurde von den biedern Naumburgern, welche in den Oesterreichern, so wie in den Alliirten die längst ersehnten Befreier vom fremden Joche, welches eisern wie auf ganz Deutschland, so ganz vorzüglich auch auf Sachsen gelastet hatte, erblickten, jubelnd empfangen. Graf Gatterburg hatte durch zweckmäßig-genommene Stellungen das weitere Vordringen der Franzosen verhindert, und ihnen glaubend gemacht, daß ein starkes Corps entgegenstünde. Beruhigt kehrten jetzt Alle zur Stadt zurück. Bald darauf zog eine Abtheilung Preußischer Jäger und Kosaken ein. An ihrer Spitze ritt, mit zahlreichem Gefolge, ein Kosakenchef; sein Gepäcke trug ein Kameel, mit bunten Teppichen behangen, und Glöckchen verziert; das Ganze bildete eine malerisch-morgenländische Gruppe.
Entschlossen unsern Weg nach Leipzig fortzusetzen, wählten wir, da Weißenfels noch von den Franzosen besetzt war, nach dem Rathe des Postmeisters, den Weg nach Zeitz. Die Chaussee dahin geht bekanntlich eine Stunde von Naumburg bei dem Dorfe Wethau von der nach Weißenfels führenden Straße Rechts ab. Bis dahin trafen wir noch einzelne Truppen-Abtheilungen der Alliirten, welche noch mehrere Gefangene einbrachten.
Von Wethau bis Zeitz war die Straße vollkommen ruhig. Auf diesem Terrain hatten schon am 10ten October heftige Gefechte Statt. Der Feld-M. Lieut. Fürst Moritz Lichtenstein, welcher mit der ersten leichten Division sich mit dem Streif-Corps des Gen. Lieut. von Thielemann vereinigt hatte, sollte den Marsch des Marschalls Augereau, welcher mit 10,000 Mann Infanterie, und 3000 (aus Spanien kommende) alter Eliten-Cavallerie aus Zwickau durch das Saalthal zur französischen Haupt-Armee eilte, beobachten und möglichst aufhalten. Fürst Lichtenstein ließ deswegen in der Nacht vom 9ten das schon vom Feinde besetzte Dorf Wethau durch das 7te Jäger-Bataillon unter dem Oberst Veyder nehmen, und hielt dadurch den am 10ten mit seinem ganzen Corps von Naumburg in Schlachtordnung anrückenden Marschall Augereau bedeutend auf. Als aber die zahlreiche Cavallerie des Feindes die linke Flanke des Fürsten Lichtenstein umgieng, so zog sich dieser in bester Ordnung zurück, zuerst bis Stößen, dann bis Pretsch. Da entstanden mörderische Cavallerie-Gefechte, wo von beiden Seiten ruhmvoll gekämpft wurde, aber der Verlust auch ansehnlich war. Die Spuren dieser Gefechte waren zu beiden Seiten der Straße noch allenthalben sichtbar.
Die Chaussee endigte ungefähr eine Stunde vor Zeitz, die verdorbenen Wege hielten aber unsere Fahrt auf, und erst in der Dunkelheit kamen wir bei dieser Stadt an. Ringsum brannten die Wachtfeuer des Giulayschen Corps, welches hier größtentheils bivouacquirte. Wir waren an der angeschwollenen Elster, die Fuhrt war nicht zu wagen, doch glücklicherweise fand der Postillon eine militärische Nothbrücke, über die er uns, nicht ohne Gefahr, doch sicher brachte.
Die Brigade des General-Majors von Salins liegt hier in der Stadt, sie rückt noch diese Nacht in die Position von Teuchern, und wird die Franzosen, wenn sie durchbrechen sollten, kräftig empfangen.
Noch kann uns der Oesterreichische Commendant, von dem wir so eben kommen, nicht mit Gewißheit sagen, ob Leipzig in den Händen der Alliirten sey. Unsere Pässe sind weiter auf das Kais[erlich] Oesterr[eichische] Hauptquartier nach Rötha visirt worden, wohin wir Morgen früh abgehen.

Zweiter Brief
Leipzig, den 20sten October
Freuen Sie sich mit mir. Die gute Sache hat nach viertägigem blutigen Kampfe gesiegt. Die Franzosen sind total geschlagen, Napoleon flieht, und die Morgenröthe deutscher Freiheit ist angebrochen. Dank sey es der Eintracht der erhabenen Monarchen, so wie der Tapferkeit Ihrer Heere, welche diese Riesenschlacht ruhmvoll auskämpften. Die alten Fesseln sind zerbrochen, Deutschland wird sich ermannen, und wie ein neuer Phönix aus der Asche hervortreten.
Ich suche mich von den Schreckensbildern, die mich hier so eben umgaben, zu erholen, und mich zu sammeln, um das Tagebuch unserer heutigen Reise fortzuführen. Wir verließen diesen Morgen mit Tagesanbruche Zeitz, um über Pegau nach Rötha ins Oesterreichische Hauptquartier zu fahren. Zeitz und Pegau bilden jetzt die Sustentations-Basis der großen alliirten Armee; in Zeitz sind die Brodmagazine und übrigen Verpflegungen; in Pegau hingegen befinden sich die Reserve-Vorräthe für die Munition. In der ersten Stunde begegneten wir daher vielem Fuhrwerk, welches zwischen beiden Städten wechselte. Eine Stunde vor Pegau eröffnete sich aber ein neues, wirklich imposantes Schauspiel. Zu beiden Seiten der Chaussee lagerten die Russisch-Preußischen Garden und Grenadier-Reserven unter dem Großfürsten Constantin und dem General Miloradowitsch. Hier erfuhren wir zuerst mit Gewißheit die große Nachricht der glorreichen Schlacht. Diese Eliten-Truppen hatten sich gestern gleich vom Schlachtfelde hierher gewendet, um die fliehenden Franzosen in der linken Flanke zu beunruhigen. Während die ganze Gegend umher ein Lustlager der schönsten Truppen zu seyn schien, so kamen uns auf der Heerstraße die ersten Colonnen der Oesterreichischen Armee, das Colloredo’sche Corps, entgegen. Sie verfolgen den geschlagenen Feind, und suchen ihm über Zeitz, Jena und Weimar zuvorzueilen.
Die prächtigen Garde-Regimenter begrüßten aus ihren Bivouacqs die vorüberziehenden Cameraden mit ihren Musikchören, welches die defilirenden Oesterreicher mit schallender Feldmusik erwiederten. Cavallerie und Infanterie waren gleich kernhaft, vorzüglich zeichnete sich die vorüberfahrende russische reitende Artillerie, durch Bespannung und Mannschaft, aus. — Es war ein heiterer schöner Herbstmorgen; so weit das Auge reichte, war Alles mit jubelnden, theils ruhenden, theils vorüberziehenden Truppen bedeckt, es schien ein zusammenhängender Triumphzug zu seyn. Ich hätte das Talent eines Wouverman oder Rugendas haben mögen, um alle diese malerischen Lagerscenen bleibend aufzufassen.
In dem kleinen Städtchen Pegau war das Truppengewühl ungemein groß, man erwartete mit jedem Augenblick das große Hauptquartier unter dem Feldmarschall Fürsten Schwarzenberg. Der General von Langenau, welcher unter dem Chef des Generalstabs, dem Feld-M. Lieut. Grafen Radetzky, mit dem General Trapp die Leitung des Ganzen hat, war bereits angekommen. Da bei dem General von Langenau auch alle Pässe vorgezeigt werden müssen, so waren wir erfreuet, nun der Seitentour nach Rötha überhoben zu seyn. Unsere Pässe wurden noch in derselben Stunde visirt, und man hatte selbst die Güte, uns einen Erlaubniß-Schein auf Postpferde zu bewilligen.
Jedermann prophezeite uns zwar, daß wir dessenungeachtet, da wir der ganzen, von Leipzig auf Pegau im Marsch begriffenen, großen Armee entgegenfuhren, wahrscheinlich auf dem Schlachtfelde bivouacquiren müßten. Doch auf gut Glück beschlossen wir weiter zu fahren, und unser Muth wurde belohnt. Nicht weit von Pegau trafen wir eine Wagen-Colonne kais[erlich] russischer Equipagen, welche sich, unter der Bedeckung von Garde-Kosaken, einen Weg durch die Armee bahnten: an diese mußte sich unser Postillon anschließen, und so gelangten wir ohne Aufenthalt, durch alle Truppenmassen hindurch, Nachmittags 2 Uhr bei Leipzig an. Unser Weg führte uns über Gautsch nach der Brücke von Connewitz, wo wir die ersten Scenen des Schlachtfeldes trafen. Hier am linken Ufer der Pleiße kämpften am 16ten die Oesterreicher vom Meerveldtschen Corps gegen die Franzosen. Letztere, durch das Terrain begünstigt, machten es den Oesterreichern unmöglich, mit Erfolg den Uebergang auf das rechte Pleiße-Ufer zu bewerkstelligen. Viele Tode von den braven Regimentern Bellegarde und Strauch lagen noch auf den Waldwiesen längs dem Flusse zerstreut. Die Brücke war wieder hergestellt. In dem Dorfe Connewitz, bekannt durch die schönen Sommerwohnungen der Leipziger Familien, sah man allenthalben Zerstörung. Diese Scenen häuften sich bis zur Stadt. Die Alleen längs der Chaussee waren niedergehauen, die Garten-Mauern durch Schießscharten zur Vertheidigung eingerichtet; das äußere Petersthor hatten die Franzosen durch vorgesetzte starke Pallisaden verschanzt, die man aber eingeschossen und erstürmt hatte.
Auf dem Peters-Steinwege lagen noch allenthalben tode Menschen und Pferde. Schwer Verwundete suchten sich, auf Händen und Füßen kriechend, hart an die Häuser angeschmiegt, gegen das militärische Getümmel, welches die Mitte der Straße füllte, und wo der Menschenstrom über die Toden, wie über Pflastersteine weggieng, zu sichern. So war auch der schöne Platz um die Bildsäule des Kurfürsten jetzt ein scheußlicher Anblick. Am Petersthore sah man an den, aus den architektonischen Steinmassen herausgesprungenen Stücken, wie heftig es beschossen worden war.
Wir gelangten in die innere Stadt. Von der Petersstraße bis zum Markte, und von da durch die übrigen Hauptstraßen, drängte sich Kopf an Kopf; es war eine unabsehbare Krieger-Menge aller verbündeten Heere, die aus ihren Bivouacqs hereinströmend, bei dem großen Mangel an Lebensmitteln hier etwas aufzufinden hofften. In den großen Seitenstraßen, dem alten und neuen Neumarkte, wo das Gedränge geringer war, hatten sich die Plätze mit Verwundeten gefüllt. Die Zahl der Verwundeten und Kranken kam der Population von Leipzig, welche man auf 33,000 Seelen schätzt, fast gleich, da man die Zahl der Erstern gegen 30,000 angiebt. Bei der großen Mildthätigkeit der Leipziger war es jetzt, wo diese unglückliche Stadt durch die Franzosen in den letztern Monaten namenlos gelitten und planmäßig ausgeplündert worden war, nicht möglich, ihre Bedürfnisse schnell zu befriedigen.
Als wir glücklicherweise eine Wohnung für uns bereitet fanden, so ließen wir schnell abpacken, und eilten noch vor einbrechender Nacht die nächsten Umgebungen der Stadt vor dem Peters- und Rannstädter-Thore zu besehen. Als wir zum Petersthore heraustraten, und uns Rechts zur Promenade wendeten, fanden wir diese reizenden Anlagen ganz zerstört, die Barrieren niedergerissen, die Pflanzungen ausländischer Gesträuche, die unser Auge im Frühjahr so oft ergötzt hatten, zertreten, und allenthalben die frischen Spuren eines wüthenden Kampfes. Bei jedem Schritte stießen wir auf Tode, nackend oder bis auf’s Hemde entkleidet. Eben so häufig lagen Pferde umher. Von der Gegend des Barfüßer Pförtchens gegen den Reichelschen Garten und dem Rannstädter Steinwege zu häuften sich die Bilder des gräßlichsten Mordkampfes. Von hier fiengen die Ueberbleibsel der französischen Niederlage an.
Als Napoleon bei seiner Flucht durch das äußere Rannstädter Thor die steinerne Brücke zwischen der kleinen Funkenburg und dem Zollhause hatte sprengen lassen, so geriethen die Colonnen von Artillerie, Bagage, so wie die zurückgebliebenen Truppen in die fürchterlichste Verwirrung. Gedrängt von den nacheilenden siegreichen Truppen, suchte sich Alles über die kleinen hölzernen Brücken, welche über die eigentliche Pleiße in die Gärten führen, zu retten. Die Brücken stürzten unter der Last der Darüberhineilenden zusammen, zahllose Menschen ertranken, die Uebrigen wurden gefangen, Kanonen und Fuhrwesen erbeutet. Als wie von einem Sturmwind auf die Erde hingeschleudert, lagen hier umgestürzt zahllose Wagen und Kanonen über einander, und füllten den ganzen Raum der Promenade bis zum Hallischen Thore an. Man soll hier allein über 100 Kanonen, und gegen 800 Wagen erbeutet haben. Sehr viele dieser Wagen gehörten der Garde, und hatten die Aufschrift: Fourgon de la Garde Imperiale. Vom Place de Repos an, besonders aber auch auf dem sogenannten Fleischerplatze, an dem Richterschen Garten, so wie am Hahnrey-Brückchen, lagen ganze Leichenhügel und hohe Haufen von Gewehren, welche man bereits aus dem Flusse herausgezogen hatte. Nahe der Brücke nach dem Richterschen, sonst Hermannschen Garten lag am Flußrande, neben andern entkleideten Leichnamen, ein Toder von edler Bildung. Die Nachbarn erzählten, wie sie ihn hier im Wasser hätten mit dem Tode kämpfen sehen; es sey ein stattlicher Mann in französischer Generals-Uniform gewesen. Man hielt ihn für Poniatowsky1), von dem die allgemeine Sage gieng, daß er in dieser Gegend ertrunken sey. Mit Wehmuth betrachteten wir den ritterlichen Mann, dessen Verdienste Freund und Feind anerkennen, und der verdient hätte, für eine bessere Sache, als die der französischen Tyrannie, zu fallen.
Hier auf diesem Platze trug noch Alles das Gepräge der gestrigen Zerstörung; es dünkte uns ein ungeheurer Schiffbruch auf festem Lande. Kaum konnten wir durch die Trümmer des zahllosen Fuhrwerks uns hindurchwinden, zwischen denen Sterbende ächzten, und schwer Verwundete, aus Liebe zum Leben, mit den letzten Anstrengungen ihrer Kräfte am Boden fortkrochen. Schon wurde es dämmerig, einzelne Wachfeuer loderten zwischen diesen Leichenhügeln auf, an denen der, gegen menschliche Leiden abgehärtete Krieger ruhig sich sein Abendessen bereitete. Ich fand, daß diese gehäuften fürchterlichen Scenen menschlichen Elends das gewöhnliche Mitleid unterdrücken; sie erzeugen einen dumpfen Ernst, der bei dem ältern Krieger eine Gleichgültigkeit gegen Gefahr und Tod, aber freilich meistens auch gegen die Leiden Anderer, hervorbringt. Wohl dem, der dann noch ein menschlich-theilnehmendes Herz sich erhält !
Wir wollten versuchen, bis zum äußern Rannstädter Thore zu kommen, doch war dieses unmöglich. Es zogen so eben Russische Truppen (ich glaube von der Bennig’schen Armee) zur Verfolgung des Feindes mit klingendem Spiele in gedrängten Reihen den Rannstädter Steinweg hinaus. — Die gesprengte Brücke am Thore ist bereits wieder hergestellt, noch brannten aber rechts über dem Mühlgraben einige Gebäude, welche durch die Sprengung in Brand geriethen.
Diese Brücke wird in der Geschichte Napoleon’s, so wie der Schlacht von Leipzig, ewig denkwürdig bleiben. Billig sollte sie künftig den Namen ihres kaiserlichen Zerstörers2) tragen.
Ueber den Weg, welchen der Kaiser, als er gestern Morgen Leipzig verließ, einschlug, herrschen verschiedene Meinungen, doch ist Folgendes die glaubwürdigste. Napoleon brachte die Nacht vom 18ten auf den 19ten October im Gasthofe, dem Hotel de Prusse, am Petersplatze zu; der König von Neapel und seine Begleitung in den nahgelegenen Häusern. Gestern Morgen, als der Kaiser zu Pferd steigen wollte, erhielt er durch einen Adjudanten des Königs von Sachsen einen Brief dieses Monarchen, er las ihn, und sagte dem Ueberbringer, daß er im Begriff sey, sich selbst zum König zu begeben, welches auch geschah. Er blieb eine halbe Stunde bei dem Könige, im lebhaftesten Gespräch begriffen. Als er ihn verließ, (der König wohnte, wie immer, im Apelschen Hause am Markte,) sagte er dem vor dem Logis aufmarschirten Sächs[ischen] Garde-Grenadier-Bataillon: Adieu, Saxons, gardez bien votre Roi! Der Kaiser setzte sich zu Pferde, neben ihm ritt der König von Neapel, hinter ihm Berthier, Caulaincourt, Marschälle, Generale und Escorte der Garde zu Pferd. Als der Kaiser an das innere Rannstädter Thor kam, war es mit fliehenden französischen Truppen so angefüllt, daß es unmöglich war, durchzudringen. Der Kaiser ritt durch die Fleischergasse und Burgstraße zurück, zum Petersthore hinaus. Hier trieb er seine, auf dem Roßplatze aufgestellten Truppen, welche gegen die eindringenden Russen zu weichen anfiengen, noch einmal vorwärts, und entfloh für seine Person mit der vorigen Begleitung rechts die Allee entlang, wo er auf Nebenwegen das äußere Rannstädter Thor erreichte, und durch Sprengung der Brücke den weiteren Rückzug für den ersten Andrang der siegreichen Alliirten sicherte. —
Ueber den Einzug der alliirten Monarchen hoffe ich noch einige genauere Nachrichten einzuziehen, welche mein nächster Brief enthalten soll.

1)Dieses war falsch. Der Fürst Joseph Poniatowsky, seit dem 16ten October zum französischen Marschall ernannt, war zwar am 19ten October Morgens auf der Flucht ertrunken, aber nicht in der Pleiße, sondern in der Elster.
Spätere Anmerk.
2)Mehrere spätere Nachrichten bestätigen es, daß diese Brücke auf unmittelbaren Befehl Napoleon’s in die Luft flog. Der sachkundige Bericht in den Deutschen Blättern, Nro. 58. sagt : „Der Kaiser Napoleon selbst wiederholte den Befehl zur Sprengung der Brücke, als er am Ende des Saales der großen Funkenburg hielt. Hinter dem Kuhthurme ließ er noch die über den Lindenauer Mühlwehrgraben und die vor dem Gasthofe zu Lindenau über die Luppe gehenden Brücken ebenfalls sprengen, und blieb darauf in Lindenau bis gegen 3 Uhr, ehe er von dannen ritt.“
Spätere Anmerk.
Dritter Brief
Leipzig, den 21sten October 1813
Der heutige Tag war zu einer Wanderung auf das ewig denkwürdige Schlachtfeld bestimmt, die ich, da in der jetzigen Lage von Leipzig weder Reitpferde noch Miethwagen zu bekommen sind, mit einigen Freunden zu Fuße unternahm, indem wir von der Gegend des Petersthors an ausgiengen. Noch bis an das äußere Thor lagen einzelne entkleidete Tode. Die starken Pallisaden, wodurch die Franzosen das äußere Thor in Vertheidigungszustand gesetzt hatten, waren durch das österreichische Geschütz am 19ten Morgens zum Theil niedergeschmettert worden. Gegen dieses Thor kämpften am vorgestrigen Morgen die österreichischen Truppen von dem Colloredoschen Corps, so wie von der Reserve unter dem Erbprinzen von Hessen-Homburg. Zunächst stand die Division Greth von Colloredo. Vor derselben war eine Batterie 6 Pfünder, hinter derselben eine Batterie 12 Pfünder aufgefahren, die Franzosen vertheidigten noch hartnäckig die dem Thore nahgelegenen Gärten, deren Mauern sie allenthalben mit Schießscharten versehen hatten. Die österreichischen Batterien waren zur Beschießung der Stadt, im Fall sich die Franzosen darin noch länger hätten halten wollen, bestimmt; sie erwarteten von den Straßenhäusern bei Stötteritz, wo sich der commandirende Feldmarschall Fürst Schwarzenberg befand, durch 6 Kanonenschüsse das Signal zum Angriff. In der Zwischenzeit kamen zum Petersthor heraus mehrere sächsische Parlamentärs aus der Stadt, welche sich den österreichischen Vorposten mit dem Gesuche näherten, sie zum Kaiser Alexander und dem Fürsten Schwarzenberg zu bringen, indem sie Unterhandlungen des Königs von Sachsen, so wie Bitten der Stadt Leipzig, welche in der jetzigen fürchterlichen Lage das Wohl derselben allein befördern könnten, zu überbringen hätten. Ein österreichischer Major begleitete sie daher zu den Straßenhäusern, wo der Kaiser Alexander, der König von Preußen, der Fürst Schwarzenberg und die ganze Generalität der großen alliirten Armee hielt. Der Kaiser Alexander nahm die Sendung an. Der Stadt wurde Schonung versprochen, alle übrige Unterhandlungen aber abgelehnt. Der Chef des Russischen Generalstabs, General Toll, begleitete die in die Stadt rückkehrenden Parlamentärs, um jedem Mißverständnisse über die Meinung des Kaisers vorzubeugen. Sie nahmen den Weg wieder durch das Petersthor, da am Grimmaischen Thore, welches den Straßenhäusern näher lag, die Armee des Kronprinzen bereits unter heftiger Kanonade vorrückte. Diese Operationen wurden auch während des Unterhandelns keineswegs gehemmt, da man vermuthete, daß der Kaiser Napoleon noch in der Stadt sey, und durch alle Mittel Zeit für den, seiner Armee so nachtheiligen Rückzug gewinnen wollte. Der von der Nord-Armee auf die Grimmaische Vorstadt muthvoll ausgeführte Sturm, und die Besetzung der Stadt, machte nun die Beschießung Leipzigs von der Seite des Petersthors, welche sich der menschenfreundliche Kaiser Alexander auch nur als äußerste Maßregel vorbehielt, unnöthig. —
Wir wanderten weiter gegen Connewitz und Dölitz, wo am 16ten und 18ten die heftigsten Gefechte Statt fanden. Diese Dörfer, so wie Lößnig liegen nahe am rechten Ufer der Pleiße. An dieses stützte sich am 16ten, so wie am 18ten der französische äußerste rechte Flügel. Die Behauptung dieses wichtigen Postens war den Polen unter ihrem Heerführer, dem Fürsten Joseph Poniatowsky, anvertrauet; sie entsprachen der Erwartung des Kaisers Napoleon, und schlugen sich mit ungemeiner Tapferkeit. Zum Soutien Poniatowsky’s war am 16ten und 17ten zwischen Lößnig und Dösen die alte französische Garde aufgestellt; man sieht hieraus, daß der französische Kaiser diesen Punkt mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln halten wollte. Fürst Schwarzenberg gründete am 16ten eine Haupt-Operation auf diesen Punkt. Er ließ deswegen das Meerveldtische Corps am linken Pleißenufer gegen Dölitz und Connewitz vorrücken, stellte die Oesterreichische Reserve zwischen der Pleiße und Elster bei Gautsch auf, und leitete selbst diese Operationen. Gelang es dem Fürsten Schwarzenberg, den Uebergang bei Connewitz mit bedeutenden Massen zu bewerkstelligen, und so den französischen rechten Flügel zu tourniren und aufzurollen, so war die Schlacht am 16ten gewiß gewonnen. Doch die Schwierigkeiten des Terrains, die Tapferkeit der gegenüber stehenden Truppen, vereitelten diese schönen Entwürfe. Der Feldmarschall, welcher durch einige Officiere des Oesterreichischen Generalstabs (bei denen von Russischer Seite auch General Jomini, und der Oberst vom Generalstab, Baron Wolzogen waren) den Gang der Schlacht auf dem Kirchthurme zu Gautsch beobachten ließ, erhielt von ihnen mehrere Meldungen, daß General Graf Wittgenstein, der nebst den Generalen Kleist und Klenau diesen Morgen den Haupt-Angriff gegen die feindliche Position bei Markkleeberg, Wachau und Liebertwolkwitz unternommen hatte, gedrängt werde. Da auch Adjudanten von Wittgenstein herbeieilten, welche um Verstärkung baten, so gieng nun der Fürst Schwarzenberg mit der österreichischen Reserve über Deuben auf das rechte Ufer der Pleiße, ließ durch die Oesterreich[ischen] Reserve-Truppen die ermüdeten Preußisch-Russischen Truppen ablösen, und sicherte so das Schlachtfeld für die folgenden Tage.
Ein aufmerksamer Beobachter, welcher während der Schlachttage in und bei Connewitz gewesen war, theilte uns hier folgende Nachrichten mit, die einige uns noch nicht bekannte Thatsachen enthielten.
„Am 15ten,“ sagte uns der Freund, „war völlige Waffenruhe; Napoleon und der König von Sachsen musterten bei Wachau die Polen.“
„Am 16ten früh gegen 9 Uhr drangen die Alliirten auf der ganzen Linie, und besonders auf der Landstraße von Borna vor, nahmen Crostewitz, Markkleeberg weg, und die Oesterreicher behaupteten auch am linken Pleißenufer das Rittergut Dölitz. An den Pleißenbrücken wurde tiraillirt. Im Ganzen blieben ungefähr die alten Stellungen.“
„Am 17ten war, außer einzelnen Postengefechten, von dieser Seite Ruhe.“
„Am 18ten begann der Kampf schon Morgens ½ 8 Uhr. Gegen 10 Uhr verloren die Franzosen den größten Theil des Dorfes Lößnig und wurden beinahe bis Connewitz zurückgetrieben. Hier setzten sie sich aber unter dem Schutze einer starken Batterie von 15 bis 20 Kanonen, die seitwärts Connewitz aufgestellt war, drangen von Neuem vorwärts, und eroberten wieder die Lößniger Mühle. Der fürchterlichste Kanonendonner rollte beinahe ununterbrochen zwischen Dösen und Meisdorf; starkes Infanterie-Gefecht war an den Brücken, die durch zwei immer abgelöste Compagnien französischer Tirailleurs und durch zwei Kanonen vertheidigt wurden; in allen Dörfern im Umkreise war Feuer. Der Kaiser Napoleon befand sich mit den Garden bei der Quandt’schen Tabacks-Windmühle. Der Marschall Augereau war von 10 bis gegen 1 Uhr am äußersten Ende von Connewitz. Er ließ dem Kaiser einigemal kleine Erfolge rapportiren, bat aber zugleich wiederholt um Verstärkung. Napoleon selbst war gegen 3 Uhr in dieser Gegend. Erst am Abend gegen 10 Uhr hörte die Schlacht auf, bis auf einzelne Postengefechte, welche die ganze Nacht fortdauerten. Das Dorf Lößnig blieb beiden Theilen gemeinschaftlich, und alle französische Corps blieben in der Direction von Probstheida und Stötteritz unter den Waffen. In Connewitz blieben die Franzosen während der ganzen Nacht1), und rund herum bivouacquirten einzelne Abtheilungen.“
„Am 19ten gegen Morgen schienen sich die verschiedenen Corps der Franzosen mehr zu concentriren; doch blieben noch immer einzelne im Dorfe, und viele giengen ab und zu, bis gegen 8 Uhr ganz unerwartet Oesterreichische Landwehr erschien, mehrere Gefangene machte, und die Uebrigen bis gegen Leipzig hin verfolgte. Alle Franzosen, mit denen unser Referent in dieser Nacht zu sprechen Gelegenheit hatte, glaubten, der anbrechende Tag würde die Schlacht erneuern, und die ganze rückgängige Bewegung wurde überhaupt so still vollführt, daß der Erzähler und Mehrere, welche die Nacht in einem, unmittelbar an die Landstraße anstoßenden Garten wachend bivouacquirt hatten, nicht das Geringste davon bemerkten.“
„Am 19ten von 10 Uhr des Morgens an defilirten die Oesterreichischen Truppen, nämlich das Colloredo’sche Corps, so wie die Reserve durch Connewitz zurück. Sie schlugen die Straße nach Pegau ein, um dem fliehenden Feind zuvorzueilen.“
So weit die Privat-Relation, welche als Beitrag zum Ganzen nicht überflüssig seyn wird. In Dölitz wurde am 18ten der tapfere Erbprinz von Hessen-Homburg verwundet. Er hielt zu Pferde im Dorfe, als er einen Streifschuß am Stiefel erhielt. Er stieg vom Pferde, um zu sehen, ob der Fuß verletzt sey, doch war es nicht von Bedeutung. Indem er noch stand, erhielt er einen neuen Schuß in den Schenkel, der ihm nicht erlaubte, das Commando fortzuführen. Er gab es an den F. M. Lieut. Bianchi ab, und ließ sich nach Rötha bringen2).
Von Lößnig wendeten wir uns, Dösen rechts lassend, links, und giengen an einem Wäldchen hin, wo wir starke Verhaue3) bemerkten. Von hier aus erhebt sich das Terrain, und wir kamen zur Schäferei Meisdorf, welche, glaube ich, zum Rittergut von Wachau gehört; die Gebäude dieser Schäferei trugen noch die Spuren des hartnäckigen Kampfes, und waren ganz zerschossen. Jetzt standen wir auf einem Plateau, welches sich oberhalb Wachau nach Liebertwolkwitz hinzieht, und am 16ten October die Haupt-Position der französischen Armee bildete, weswegen der Kaiser Napoleon auch diesen Tag die Schlacht von Wachau nennt, so wie den 18ten die Schlacht von Leipzig.
Vor uns lag in einer Vertiefung, und südlich von Gehölz umgeben, das Dorf Wachau, als Geburtsort des berühmten Satyrikers Rabner schon früher bekannt. Einige Hohlwege bilden von der einen Seite die Zugänge. Im Dorfe war man beschäftigt, die Blessirten fortzuschaffen; wir bemerkten mehrere Truppen, und vermieden daher hinein zu gehen. Noch war es, da kein Bulletin erschienen, für uns unmöglich, den eigentlichen Gang der Schlacht, und die Ausdehnung des Schlachtfeldes auszumitteln. Man nannte uns vorzüglich Wachau und Liebertwolkwitz, als die Central-Punkte. Von Wachau wanderten wir daher zum Flecken Liebertwolkwitz4), der zum Theil abgebrannt, ganz ausgeplündert, und von seinen Bewohnern verlassen war. Bis hierher hatten wir, obgleich mitten auf dem Schlachtfelde, doch nur einzelne Tode bemerkt: von Leichenhügeln, die sich unsere Phantasie vorgestellt hatte, erblickten wir nichts. Ueberhaupt war das Schlachtfeld in keinem Vergleich mit den grausenvollen Scenen in den nächsten Umgebungen von Leipzig, von denen mein gestriger Brief eine schwache Schilderung enthielt. Verhältnißmäßig lagen mehr Pferde als Menschen da. Wir konnten deutlich sehen, wo Cavallerie-Attaquen gewesen waren; sicher blieben dabei auch viel Reiter. Sie waren verschwunden, also mußten hier Viele begraben worden seyn, wahrscheinlich bereits am 17ten, wo Waffenruhe war.
Liebertwolkwitz war schon bei den Gefechten am 14ten October genommen und wieder verloren worden. Ein Theil des Fleckens war abgebrannt. Hier lagen noch viele Tode, halbverbrannt, vorzüglich auf dem Kirchhofe, der die Kirche umgiebt, und mit einer Mauer eingeschlossen ist. Allenthalben waren die Verwundeten schon transportirt, und wir bemerkten im Freien keinen mehr. Die ganze Kirche war aber mit Verwundeten angefüllt, welche möglichst gut auf Stroh gelegt waren. Mit Wehmuth und thränenden Augen kamen so eben viele der geflüchteten Einwohner wieder in ihren Wohnort zurück. Viele fanden zwar noch ihre Häuser, aber von Allem entblößt und nichts, als die leeren Mauern; andere weinten auf den bis zur Erde niedergebrannten Trümmern ihres sonstigen Wohlstandes. Man kann wohl gegen 20 Dörfer rechnen, welche in dem Umkreise von zwei Stunden um Leipzig entweder ganz, oder zum Theil niedergebrannt sind.
Von Liebertwolkwitz schlugen wir den Weg nach Probstheida ein. Er führt an einer kleinen Anhöhe vorbei (wo auf der Charte die Ziegelscheune angegeben ist). Zuletzt standen einige Wirtschafts-Gebäude da, früher mag eine Ziegelscheune hier gewesen seyn; die Gruben, wo man den Lehm herausnahm, bilden eine Art Wallgraben, und geben der Anhöhe das Ansehen einer Schanze. Die vor der Schlacht da stehenden Gebäude waren bis auf einiges Gemäuer ganz niedergeschossen und niedergerissen; in diesen Ruinen fanden wir die einzigen, noch auf dem Schlachtfelde liegenden Verwundeten, und suchten sie durch etwas Brod, Aepfel und Wein zu stärken. —
Dieser Hügel wird in der Geschichte ewig denkwürdig bleiben. Hier hielten am Nachmittag des glorreichen 18ten Octobers die drei verbündeten Monarchen, Alexander, Franz und Wilhelm Friedrich, nebst dem commandirenden Feldmarschall Fürsten Schwarzenberg, und leiteten die Operationen der siegreich vordringenden Heeresmassen. Von dieser Stelle überblickt man, wie ein Panorama, größtentheils das Schlachtfeld des 18ten und 19ten. Kein Platz ist schicklicher, durch ein würdiges Monument das Andenken dieser großen Zeit auch hier von Seiten der Deutschen dankbar zu bezeichnen, als dieser Hügel. Hier erhebe sich ein Obelisk, an dem außer passenden Emblemen, die Namen unserer hohen Befreier, die Namen der Heerführer, welche die verschiedenen Armee-Abtheilungen zum heiligen Kampfe siegreich anführten, eingegraben zu lesen wären! Dieses aus Liebe, Dankbarkeit und Verehrung entsprungene Denkmal strafe jenen prahlerischen Entwurf zu dem der Menschheit hohnsprechenden Monumente auf dem Mont-Cenis Lügen, dessen Entstehung die Schlacht von Leipzig in der Geburt erstickte.
Von dem Hügel folgten wir der Landstraße nach Probstheida, welches Dorf am 18ten, trotz dem tapfersten Sturme, zuerst der Russischen Truppen unter Fürst Gortschakoff, dann der Preußischen des Kleistischen Armee-Corps, zuletzt von den Franzosen behauptet wurde. Die Franzosen behaupteten dieses Dorf durch immer abwechselnde neue Truppen, die in tiefen Massen dahinter aufgestellt waren. Die Verbündeten hatten in der Nähe noch große, disponible Kräfte, die sämmtlichen Russisch-Preußischen Garden und Reserven, welche an diesem Schlachttage nicht zum Angriff gekommen waren. Die Proposition soll gemacht worden seyn, die Corps von Klenau, Wittgenstein, von Kleist, unterstützt durch das Grenadier-Corps des Generals Miloradowitsch, links und rechts hinter Probstheida zu concentriren, um durch diese Masse von 80,000 Mann den feindlichen rechten Flügel bei Connewitz à revers zu nehmen, während der Erbprinz von Hessen-Homburg und Colloredo den Front-Angriff gemacht hätten. Die Garden mit einem Grenadier-Corps sollten als Reserve bleiben. Doch andere Gründe traten ein, weswegen diese erste Idee nicht zur Ausführung kam. —
Bei Probstheida waren die Spuren des mörderischen Kampfes noch sichtbar. Hier lagen die Toden über einander geschichtet, die meisten durch Kanonenschüsse verstümmelt, die vorstehenden Häuser in Probstheida waren ganz durchlöchert, und die umliegenden Felder mit Kanonenkugeln bedeckt. — Nicht weit davon liegt die Windmühle, welche auf holländische Art mit gemauerter Basis erbauet ist, und für die Quandtsche Tabacksfabrik arbeitet. Hier hatte Napoleon am 18ten seine Garden concentrirt; dies war der Central-Punkt, von dem aus er wirkte. Gegen Abend scheint sich der Kaiser, allen Nachrichten zu Folge, mit einem Theile seiner Garden gegen Reudnitz gewendet zu haben, da dort von der vordringenden Nord-Armee Gefahr drohte.
Längs der Straßenhäuser bei Stötteritz (eine Reihe von Häusern, größtentheils von Arbeitern bewohnt, die in Leipzig Beschäftigung finden), wo Alles zerstört war, wendeten wir uns gegen das Grimmaische Thor von Leipzig. Die nächsten Umgebungen der Stadt waren noch mit starken Corps Preußischer Truppen umgeben, welche hier bivouacquirten. So stehen in der Gegend von Reudnitz die Schweden und das Bülowsche Corps. — Zunächst bei uns waren die braven Sächsischen Truppen, Infanterie und Cavallerie, welche am 18ten der großen heiligen Sache des deutschen Vaterlands beigetreten waren. Aus mehreren Aeußerungen französischer Generale am Morgen des 19ten sieht man im Voraus, daß der französische Kaiser die verlorne Schlacht größtentheils dem Uebergange deutscher Truppen (welche außer den Sachsen, auch eine Brigade würtembergischer Cavallerie machte) zuschreibt. Wie nichtig diese Behauptung sey, zeigt der nähere Gang der Schlacht am 18ten October. Als an diesem Tage, hauptsächlich erst gegen Abend, die sächsischen Truppen unter dem General Ryssel, zwischen Paunsdorf und Sellershausen, mitten unter dem Kartätschenfeuer der Franzosen, so wie eine Brigade würtembergischer Cavallerie unter dem General Normann (wo? weiß ich nicht) zu den Alliirten übergiengen, war das Schicksal des Tages schon entschieden, und Napoleon hatte bereits den Rückzug seiner Armee angeordnet. Die Armeen des Kronprinzen von Schweden, so wie des Generals Bennigsen, hatten zu dieser Zeit ihre Vereinigung in der Gegend von Zweinaundorf und Paunsdorf schon bewirkt. Würden die Sachsen gegen diese concentrisch-andringenden siegreichen Massen ihre, keineswegs befestigte, Position haben behaupten können? Gewiß nicht; und auf keinem Fall kann der französische Kaiser durch diesen Uebergang seine Niederlage bei Leipzig entschuldigen5).
Was den Uebergang der Sachsen zur großen deutschen Sache betrifft, so ist Folgendes die Ansicht partheiloser Männer. Die sächsischen Truppen hatten bis zur Schlacht von Leipzig gegen ihre Ueberzeugung mit den Franzosen, welche Sachsen noch in der letzten Zeit so gränzenlos unglücklich gemacht hatten, fechten müssen, und aus angestammtem Pflichtgefühl als brave Soldaten dieses auch gethan. Doch seit dem 16ten October stieg ihre Hoffnung, ein verhaßtes Joch abzuwerfen, von Stunde zu Stunde. Am 18ten, als sich feindliche Cavallerie näherte, konnten die sächsischen Officiere die allgemeine Stimmung ihrer Soldaten, für die gute Sache und nicht ferner gegen dieselbe zu fechten, nicht länger zurückhalten. Sie fühlten, daß jetzt der große Augenblick gekommen sey, durch einen kühnen Entschluß den sächsischen Kriegern, ja ihrem ganzen Volksstamme, bei der Befreiung Deutschlands einen ehrenvollen Antheil zu sichern. Doch auch diesen Schritt sollte der rechtliche Sinn, den der Sachse gegen seinen Regenten und die gesetzlichen Behörden stets mit gewissenhafter Hingebung zeigte, leiten. Durch mehrere abgeordnete Officiere ließen sie ihrem commandirenden General, so wie nachher selbst dem Könige ehrerbietig ihren Entschluß eröffnen, die Sache der Tyrannie zu verlassen, und als freie Deutsche zu handeln, mit der gewissen Hoffnung beiderseitiger Genehmigung. Doch es erfolgte eine abschlägliche Antwort. — In der Brust der sächsischen Krieger waren die Verdienste Friedrich Augusts, die er sich früher durch die kluge Regierung seines Landes (wodurch er die Wunden des siebenjährigen Krieges heilte) erworben hatte, keineswegs erkaltet. Doch in der jetzigen Lage des unglücklichen Monarchen mußte sich ein Jeder sagen, daß derselbe keine freie Bestimmung mehr über sich und das Wohl des Landes habe, daß die erhaltene schriftliche abschlägliche Antwort, die nicht von der Hand des Königs war, im Sinne des fremden Eroberers gefaßt sey, der, unter der gleißnerischen Maske der Religion und inniger Anhänglichkeit, mit einem Herz ohne Erbarmen, bereit sey, für seine gränzenlose Herrschsucht, wie er die schöne Hauptstadt elend gemacht und das Land des treuen Bundesgenossen ausgeplündert habe, auch dessen Krieger bis auf den letzten Mann zu würgen, mit der, wie gewöhnlich in seinem Sinne, ausgesprochenen jesuitischen Entschuldigung: daß der Zweck die Mittel heilige.
Jetzt mußte also schnelle Selbsthülfe eintreten. Wohl konnten die sächsischen Krieger mit Schiller6) ausrufen:
„Es bringt die Zeit ein anderes Gesetz,
Wer ist so feig, der jetzt noch könnte zagen!“
Der feste Entschluß mußte nun, trotz aller umgebenden Gefahren, ohne Zögerung ausgeführt werden. Die Sächsische Cavallerie gieng der feindlichen entgegen, doch statt einzuhauen, steckte sie die Säbel ein, und vereinigte sich mit derselben. Wahrscheinlich war es die Cavallerie des Oesterreichischen Generals Bubna, der mit seiner leichten Division den rechten Flügel der Bennig’schen Armee ausmachte. Unterdessen hatte sich die Infanterie und Artillerie gesammelt; sie trat Nachmittags zwischen 4 – 5 Uhr über. Der als Parlamentär vorausgeschickte Officier traf auf den Hettmann Platow und seine Kosaken. Dieser schickte mehrere Regimenter entgegen, um den Marsch des Sachsen gegen die französische Artillerie und Cavallerie, welche ihn zu hindern suchten, zu decken. Die commandirenden Officiere der Sachsen wurden hierauf den alliirten Monarchen, oberhalb Probstheida bei dem Hügel der Ziegelscheune, vorgestellt.
Dieses ist im Allgemeinen die richtige Ansicht, aus der Sie den Uebergang der Sachsen betrachten müssen. Napoleon kann darinn ein neues warnendes Beispiel erblicken, daß sich die geheiligten Rechte edler Völker nur bis auf einen gewissen Punkt unterdrücken lassen, daß durch den Druck die innere moralische Kraft solcher Völker sich erst in ihrem vollen Umfange entwickelt, und nun wie eine rächende Nemesis auf den Unterdrücker vernichtend zurückfällt; daß die Völker, wie ihre Pflichten, auch ihre unveräußerlichen Rechte haben; daß ihnen das Recht zusteht, im Fall ihr Fürst für ihr Wohl nicht mehr frei handeln kann, ohne als Rebellen zu erscheinen, im äußersten Drange der Nothwendigkeit für ihre Selbsterhaltung auch selbstständig zu handeln!
Baiern hat sich bereits auch für die deutsche Sache erklärt, welches hier mit allgemeinem Jubel bekannt wurde. Der Beitritt dieser ersten Macht des Rheinbundes muß die wichtigsten Folgen haben. Der Rheinbund, dieses politisch-militärische Zauberband einer vorgespiegelten Souveränität, womit Napoleon die Deutschen bisher gängelte, ist dadurch zerrissen. Sie wissen, was wir uns auch für die Zukunft, wenn die Stürme des Krieges schweigen, für deutsche Art und Kunst von dem Kronprinzen von Baiern, dessen innerer Sinn stets dem guten Fortgange der deutschen Sache zugewendet war, versprechen dürfen. Allenthalben sehe ich aus den düstern Gewitterwolken, welche sich theilen, eine lichte schöne Morgenröthe hervorschimmern!
Lassen Sie mich nach dieser Abschweifung auf meinen heutigen Reisepfad wieder zurückkehren. Noch muß ich bemerken, daß wir bis jetzt eine heftige Kanonade in der Richtung von Weißenfels hörten; wahrscheinlich ist es dort zu einem Treffen gekommen 7). Wir verließen die sächsischen Krieger, welche, wie man sagt, bald nach Pegau zur weitern Organisirung aufbrechen werden, und näherten uns dem äußern Grimmaischen Thore. Hier drangen am Morgen des 19ten Oсtobers die Truppen des Kronprinzen von Schweden siegreich ein. Alles trug auf dem Grimmaischen Steinwege noch die Spuren des hartnäckigsten Kampfes. Die Franzosen vertheidigten sich auch hier mit Tapferkeit, und warfen sich in die zum Theil großen Häuser dieser Vorstadt, welche gleich Schanzen einzeln mit Sturm genommen werden mußten. Daß die Gebäude dabei sehr litten, läßt sich denken. Die Fenster waren eingeschossen, und die Außenseiten der Häuser ganz von Kugeln durchlöchert. Viele Tode lagen noch umher. An der Promenade vor dem innern Grimmaischen Thore wendeten sich die Gefechte Rechts und Links gegen das Hallische und Petersthor. In der Stadt entstand eine kurze bange Stille, als auf einmal die Flügelhörner des Jäger-Detachements der Ostpreußischen Landwehr im fröhlichen Unisono durch die Grimmaische Straße erschallten, und mit thränenden Augen von den zujauchzenden Einwohnern als die Tuba der Erlösung begrüßt wurden.
Ich erwähnte in meinem letzten Briefe, daß ich suchen würde, über den Einzug der siegreichen Monarchen noch einige sichere Nachrichten einzuziehen. Das was mir am glaubwürdigsten scheint, theile ich Ihnen hier mit, Sie wissen aber, wie schwer es ist, bei großen Weltbegebenheiten in den ersten Tagen an Ort und Stelle auf ein sicheres Resultat zu kommen.
Der Kronprinz von Schweden hielt mit einem zahlreichen und glänzenden Gefolge zuerst den Einzug, da er wegen des von seinen Truppen glücklich ausgeführten Sturmes der Stadt am Nächsten war. Jedermann war erfreut; diesen ausgezeichneten Fürsten, gleichgroß als Staatsmann, so wie als Feldherr, in der Nähe zu sehen. Der Kronprinz ritt nach dem Markte, wo er vor dem Apelschen Hause hielt, vom Pferde stieg, um dem Könige von Sachsen seinen Besuch abzustatten. Er mochte ungefähr eine halbe Stunde da gewesen seyn, als die Meldung kam, daß sich der Kaiser Alexander nähere. Dieser suchte den Kronprinzen von Schweden, den er seit der Zusammenkunft zu Trachenberg in Schlesien nicht wiedergesehen hatte, auf. Der Kronprinz von Schweden trat, als der Kaiser angekommen war, aus dem Hause heraus, worauf Letzterer abstieg, und ihn umarmte. Nach einer kurzen Unterredung stiegen die Monarchen (ich glaube auch der König von Preußen war gegenwärtig) zu Pferde, und der Kaiser Alexander eilte gegen den Rannstädter Steinweg zu, wohin sich die siegreichen Truppen, um die fliehenden Franzosen zu verfolgen, gewendet hatten. Hier aber, in dieser noch Rechts durch den Mühlgraben beengten Straße war es wegen des Andrangs der Truppen unmöglich weiter vorzudringen. Noch schlugen mehrere Granaten in der Nähe des Kaisers nieder, wo es die Generalität für Pflicht hielt, den angebeteten Monarchen, der sich jeder Gefahr nur zu muthig aussetzt, zu beschwören, diesen gefährlichen Platz zu verlassen. Der Kaiser erfüllte die heißen Bitten seiner Umgebung, doch das Gedränge war so groß, daß die Garde-Kosaken nur mit Mühe Platz machen konnten. Man schlug eine kleine Seitengasse ein, und der Kaiser Alexander gelangte wieder auf den Fleischerplatz. Deг Monarch übertrug dem Kronprinzen von Schweden das Commando über die anwesenden Truppen; Fürst Schwarzenberg war bereits seinem Kaiser und den Oesterreichischen Truppen zum Petersthore hinaus nach Rötha und Pegau gefolgt. Da die Schweden noch im Lager (ich glaube bei Reudnitz) standen, so nahm der Kaiser Alexander die Einladung des Kronprinzen an, und ritt mit ihm dahin, um Musterung über diese schönen Truppen zu halten. Hierauf traten die verbündeten Monarchen in die für Sie bereiteten Wohnungen ab, nämlich der Kaiser von Rußland im Hause des Doctor Hillich in der Catharinenstraße, der König von Preußen, so wie der Kronprinz von Schweden in zwei großen Häusern am Markte. Unter dem zahlreichen Gefolge gewähren mehrere Englische Generale und Gesandte eine neue Erscheinung. Diese Vorboten einer künftigen Handelsfreiheit sind für die Stadt Leipzig sehr erwünscht, doch wird eine weise Regierung in Sachsen auch dafür sorgen, daß die inländischen Fabriken, deren Erzeugnisse sich während der Handelssperre sehr gehoben hatten, nicht dadurch zurückgesetzt werden.

1)Mitten durch die französischen Posten waren schon einzelne Detachements der Oesterreicher gedrungen. So wissen wir bestimmt, daß in der Nacht vom 18ten auf den 19ten October der Oberst Ilessy von Palatinat-Husaren vorwärts Connewitz an den beiden zusammenstoßenden Wegen, rechts des Kirchhofes (Capelle auf dem Plan Taf. 1.) stand.
2)Dieser ausgezeichnete Feldherr ist von seiner Wunde glücklich hergestellt, und befindet sich wieder bei der großen Armee.
Spät. Anm.
3)Das ist wahrscheinlich das Gehölz, welches nach dem französischen Bulletin, der Marschall Augereau im Centro der Armee vertheidigte.
Spät. Anm.
4)Liebertwolkwitz ist eine Sächsische kleine Vasallenstadt. Am 1sten September 1707 wurden hier vor Carl XII. und den kaiserlichen Ministern die vorher in Altranstädt wegen der Schlesischen Religionsfreiheit abgeschlossenen Tractaten unterschrieben.
5)Und doch ist es in dem darüber erschienenen französischen Bulletin mit gewöhnlicher Dreistigkeit geschehen. Doch die Zeitgenossen lassen sich nicht mehr durch leere Worte täuschen; die Geschichte wird auch diesen Uebergang aus dem richtigen Gesichtspunkt, wie den der braven Preußischen Truppen unter General York, zu würdigen wissen.
Spätere Anmerk.
6)Melchthal im Wilhelm Tell.
7)Es war die Kanonade, wodurch der Feldmarschall Blücher bei Weißenfels die französische Armee vom linken Ufer der Saale vertrieb, und seine Truppen zu deren Verfolgung übersetzen ließ.
Spätere Anmerk.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.