Kitabı oku: «Zwischen Verfolgung und Selbstbehauptung»
Frank Ahland (Hg.)
Zwischen Verfolgung und SelbstbehauptungSchwul-lesbische Lebenswelten an Ruhr und Emscher im 20. Jahrhundert
Impressum
Die Titelabbildungen zeigen von links nach rechts: Stolperstein Otto Meinecke (Foto privat), Ernst August Papies 1945 (Foto privat), Helene Wolff, Margarete Herz (Privatarchiv Diane Herz), Cover der Rosa Zone Juni 1995 (Rosa Zone), Rosenmontagszug 1936 (Landesarchiv NRW, Abteilung Rheinland, RWB 29036), Flyer einer Lesbengruppe im Bochumer Frauenladen (Frauenarchiv ausZeiten), Michael Jähme, Günter Müllenberg (Foto privat), das Dortmunder Polizeigefängnis Steinwache (Stadtarchiv Dortmund), Cover der Rosa Zone Juni 1994 (Rosa Zone), Cover der Rosa Zone Januar 1995 (Rosa Zone), Polizeirevier und Sitz der Gestapo für den den Regierungsbezirk Arnsberg um 1938 (Foto Stadtarchiv Dortmund), Cover der Rosa Zone April 1995 (Rosa Zone), Ernst August Papies 1965 (Foto privat), Cover der Rosa Zone Februar 1995 (Rosa Zone), Porträtaufnahme Hilde Radusch (Foto FFBIZ), Cover der Rosa Zone Oktober 1994 (Rosa Zone), die erste Ausgabe der Zeitschrift IHRSINN Januar 1990 (IHRSINN), Informationsstand der Aids-Hilfe in der Kamener Fußgängerzone, ca. 1987/1988 (Foto privat)
Beiträge der Dortmunder Tagung gleichen Titels vom 14. November 2015, einer Veranstaltung des Arbeitskreises Schwule Geschichte Dortmunds im
in Kooperation mit dem
gefördert von


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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN: 978-3-86408-213-9
© Copyright: Vergangenheitsverlag, Berlin / 2016
www.vergangenheitsverlag.de
Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen und digitalen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten.
Inhaltsverzeichnis
Grußworte
Erkundungen in der logischen Familie
Umrisse einer homosexuellen Geschichte des Ruhrgebiets
Teil 1 – Entrechtung und Verfolgung
„Alle sind nach meiner Meinung typische Homosexuelle”
Der Essener Theaterskandal 1936
Schwulenverfolgung in Dortmund im Nationalsozialismus
Vorläufige Ergebnisse neuerer Forschungen
Seitenwechsel – Spurensuche auf der Täterseite
Werkstattbericht zur Dokumentation der Verfolgung
„So zerpitzelte er die Vergangenheit in kleinste Fetzen und opferte sie dem Gully.”
Das Zeitzeug_innen-Projekt zu Biografien in der frühen Bundesrepublik
Teil 2 – Erinnern und Gedenken
Mehr als Stolpersteine
Eine persönliche Annäherung an das Gedenken homosexueller Männer
Der Gedenkort Hilde Radusch
Eine queer-feministische Intervention in andronormative Gedenkpolitiken
Perspektiven in einer neuen Dauerausstellung
Homosexuellenverfolgung als Teil der Gedenkkultur am Beispiel der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache
Teil 3 – Stationen der Selbstbehauptung
Leben, Lieben und Arbeiten im Ruhrgebiet
Ein feministisches Netzwerk um 1900
Im Dazwischen
Zur paradoxen Situation von Lesben in den Neuen Sozialen Bewegungen (Homosexuellen- und Frauenbewegungen)
Blitzlichter, Dauerbrenner und Sehnsuchtsmomente
Lesbenzeiten, Lesbenorte, Lesbenleben – Lesbenbewegung im Ruhrgebiet
AIDS-Shock goes Ruhr
HIV und AIDS im Ruhrgebiet in den 1980er Jahren
Queere Körperbilder im Revier?
Männlichkeits- und Körperdiskurse in Zeitschriften für nicht-heterosexuelle Männer am Beispiel der Rosa Zone
Anmerkungen
Autorinnen und Autoren
Dieses Buch wurde ermöglicht über eine Crowdfundingaktion auf www.startnext.de und die Unterstützung von:
Bodo Busch, Nina Schuster, Claudia Tekampe, Josef Jürgens, Christian Köther, Jochen Fischer, Michael Jähme, Markus Willeke, Manfred Buhl, Manuel Izdebski, Volker Borchers, Eugen Furch, Rainer Clauss, Pia Honikel, Michael Meyer, Dr. Axel Wippermann, Gerben van der Linden, Käthe Hientz, Andreas Boscher, Christoph Kremer, Ralf Wahlenmaier, Nico Olejniczak, Malte Kloeckner, Thomas Maschek, Reinhard Wiesemann, Daniel Thäsler, Peter Stukenborg, Jan Villwock, Uwe Rentrop und zahlreiche anonyme Spender.
Grußworte
Manfred Sauer
Grußwort des Bürgermeisters der Stadt Dortmund
Am 5. November 2015 ist mit Hans Mommsen einer der wichtigsten Historiker der NS-Zeit gestorben. In einem Nachruf hat die Süddeutsche Zeitung seine „unbequemen Blicke auf die Vergangenheit” gewürdigt und an sein historisches Credo von 1964 erinnert: Zeitgeschichte, so Mommsen, dürfe „nicht dabei stehen bleiben, eine Kritik der Vergangenheit zugunsten der gelebten Gegenwart zu liefern”, sondern müsse „die Geschichte der jüngsten Vergangenheit von den Fragen her neu durchdenken, die von ihr her über Tage oder unterirdisch auf das gegenwärtige Handeln einwirken”.1 Diesem Ansatz wird auch die heutige Veranstaltung gerecht, denn sie gibt nicht nur Zeugnis über die „schwul-lesbischen Lebenswelten an Ruhr und Emscher im 20. Jahrhundert”, sondern setzt diese auch in Verbindung mit der „Jetztzeit”.
Diese Tagung nimmt sich zudem eines Themas an, das zeigt, dass sich Geschichte meist nicht zum Besseren verändert: Während die Antike keinen Unterscheid zwischen hetero- und homosexueller Veranlagung kannte, ist bereits im Alten Testament nachzulesen: „Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau, es ist ein Gräuel.” (3. Buch Mose) Im Spätmittelalter wurde gleichgeschlechtlicher Liebe auf dem Scheiterhaufen ein Ende gesetzt – und selbst im 19. und 20. Jahrhundert wurde eine homosexuelle Liaison noch mit Gefängnis bestraft. Nachdem das Reichsstrafgesetzbuch 1871 den sexuellen Akt zwischen Männern als „widernatürliche Unzucht” definierte und einflussreiche Psychiater Homosexuellen eine angeblich erbliche neuropsychologische Störung attestierten, war der Boden für eine erneute Radikalisierung strafrechtlicher Verfolgung bereitet. Heute sind wir in einer Gedenkstätte versammelt, die als eine der ersten in Deutschland die Verfolgung homosexueller Männer und Frauen zum Thema gemacht hat. Heute wissen wir, dass während der NS-Zeit an diesem Ort 650 homosexuelle Männer inhaftiert waren – weit mehr als bisher bekannt.
Hinter diesen erschreckenden Zahlen stehen die persönlichen Schicksale einer Häftlingsgruppe, die in der Wahrnehmung der Nationalsozialisten am unteren Ende der Hierarchie aller Inhaftierten rangierten. Es sind Geschichten wie die von Louis Schild, die uns nahegehen – einer von mehreren hundert Männern aus dem Ruhrgebiet, die das nationalsozialistische Terrorregime aufgrund ihrer Homosexualität ermordete. Am 18. November 2015 jährt sich zum 80. Mal der Todestag dieses Dortmunder Bürgers, der am Dortmunder Westenhellweg in eine deutsch-jüdische Kaufmannsfamilie hineingeboren wurde. Wir erinnern uns heute an Schicksale wie das von Otto Meinecke, der in Dortmund als Feilenfabrikant arbeitete, und der Ende der 1930er Jahre von der Kriminalpolizei in das Polizeigefängnis Steinwache eingeliefert wurde. Er wurde 1942 in das KZ Sachsenhausen verschleppt und bei einem angeblichen Fluchtversuch getötet. Tatsächlich war sein Tod Teil einer groß angelegten Mordaktion an homosexuellen Männern.
Als Erinnerung und Mahnung zugleich liegen für Louis Schild in Essen und für Otto Meinecke in Dortmund sogenannte Stolpersteine. In wenigen Monaten wird bei uns in Dortmund eine Straße zwischen den neuen Berufsschulen am U und dem Bahndamm den Namen von Otto Meinecke tragen: Dann wird zum ersten Mal in Deutschland ein Straßenname an einen wegen seiner Homosexualität ermordeten Mann erinnern.2 Das ist nur ein kleines Zeichen der Stadt für großes Unrecht – aber es ist ein Zeichen.
„Ohne Erinnerung gibt es weder Überwindung des Bösen noch Lehren für die Zukunft”, hat unser ehemaliger Bundespräsident Roman Herzog einmal gesagt. Daher ist es ausdrücklich zu loben, dass diese Tagung daran erinnert, was am Anfang der Verfolgung von homosexuellen Menschen in der NS-Zeit stand: Hass, Verachtung und die Ignoranz vieler Bürger, die einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollten, was mit gleichgeschlechtlich orientierten Menschen in ihrer Nachbarschaft geschah. Hass, Verachtung, Ignoranz, aber auch Angst waren der Boden, auf dem der Nationalsozialismus gedeihen konnte. Und leider kommt auch heute diese „unheilvolle Allianz” wieder gegenüber allem „Fremden” auf, die es zu überwinden gilt – auch, um den Auftrag zu erfüllen, der sich aus dem Erinnern ergibt: dem Schutz und der Bewahrung der Mitmenschlichkeit. Die Gemeinschaft, in der wir alle leben wollen, wird nur dort gedeihen, wo die Würde des Einzelnen geachtet und Solidarität gelebt wird.
Die heutige Veranstaltung ist ein guter und wichtiger Schritt, diesen Weg zu gehen, und ich hoffe, dass das Zeichen, das heute von der Steinwache ausgeht, in Dortmund – aber auch über unsere Stadtgrenzen hinaus – gehört wird.
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Markus Günnewig
Grußwort der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache
Ich freue mich sehr, dass die Tagung „Zwischen Verfolgung und Selbstbehauptung – schwul-lesbische Lebenswelten im 20. Jahrhundert” in der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache stattfinden konnte. Mein großer Dank gebührt den Organisator_innen vom Arbeitskreis Schwule Geschichte Dortmunds und dem Forum Geschichtskultur an Ruhr und Emscher.
Dass die Steinwache mit ihrer Geschichte als Polizeigefängnis in Demokratie und Nationalsozialismus der passende Ort für eine solche Tagung ist, haben die jüngsten Forschungen von Frank Ahland ein weiteres Mal deutlich unterstrichen. Etwa 650 Männer wurden auf Grundlage des § 175 StGB in diesen Jahren verschärfter Verfolgung hier eingeliefert, weil Staat und Gesellschaft meinten, sich in ihr Privatleben einmischen zu dürfen oder zu müssen. Viele kamen von hier aus vor Gericht und in Justizgefängnisse, Zuchthäuser oder wurden direkt in Konzentrationslager deportiert und bezahlten den Hass oder das verquere Pflichtbewusstsein ihrer Verfolger nicht selten mit dem Leben. Bei der Aufarbeitung dieses Verfolgungsgeschehens stehen wir für Dortmund und für das Ruhrgebiet immer noch weitgehend am Anfang.
Aber natürlich geht es nicht nur um die NS-Zeit, wenn wir über homophobe Verfolgung durch Staat und Gesellschaft sprechen. Der nationalsozialistische Staat hat mit seiner Verschärfung des § 175, der radikalen Ächtung und Verfolgung letztlich nur das zugespitzt, was bis heute virulent ist, nämlich den immer wieder auch gewalttätigen Hass auf sexuelle Differenz. Dieser fordert weiterhin überall auf der Welt zahlreiche Opfer. Denn auch wenn wir mittlerweile in der liberalsten Gesellschaft leben, die es je auf deutschem Boden gegeben hat, sind wir doch auch hier weit davon entfernt, dass Menschen öffentlich, zu jeder Zeit und an jedem Ort ohne Angst verschieden sein können.
Es ist ein elementarer Bestandteil der Liberalisierung einer Gesellschaft, die eigene Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Dazu gehört in unserem Fall auch, dass wir das historische Verfolgungsgeschehen, seinen Kontext und seine Ursachen aufarbeiten, analysieren und nicht zuletzt versuchen, den Opfern posthum ihre Würde zurückzugeben.
Dabei ist Forschung immer der erste Schritt, um zunächst aufzuarbeiten, was passiert ist. Gleichzeitig braucht es aber auch ein öffentliches Thematisieren und Diskutieren dieser Vergangenheit, sei es durch Ausstellungen, Veranstaltungen, Tagungen wie diese, Texte etc. Dadurch tragen wir zur gesellschaftlichen Diskussion über die unabgeschlossene, bis in die Gegenwart reichende Vergangenheit bei und gestalten eben auch das Selbstverständnis unserer Gesellschaft mit. Dies werden wir versuchen, im Rahmen der Neukonzeption der Steinwache aufzugreifen und umzusetzen. Hier wird es auch darum gehen, nicht nur die genuin nationalsozialistische Verfolgung zu thematisieren, sondern auch Kontinuitäten der Zeit vor 1933 und nach 1945, also die Fragen nach einem Wandel sowie nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden aufzuwerfen und zu beantworten. Dabei wird es nicht nur um das Wirken der Polizisten, die Festnahmen aufgrund von § 175 vornahmen, und ihre Opfer gehen. Die unmittelbaren Verfolger der Dortmunder Kriminalpolizei handelten ja nicht isoliert, sondern waren genau wie heute eingespannt in ein gesellschaftliches Netzwerk, waren angewiesen auf die Kooperation weiterer staatlicher Institutionen, wie beispielsweise der Justiz, deren Staatsanwälte Homosexuelle anklagten und deren Richter sie verurteilten. Gleichzeitig waren es aber auch unterschiedliche Teile der Gesellschaft, die am Verfolgungsgeschehen teilnahmen. Es waren Anzeigen, die einen Verfolgungsvorgang initiierten und Menschen in die Hände der Polizei brachten. Es war eine Gesellschaft, die das Verfolgungsgeschehen zumindest tolerierte, wenn nicht gar forcierte und weder 1933 noch 1945 ausgetauscht wurde. Somit ist der Blick ausschließlich auf die Staatsorgane genauso wie ausschließlich auf die NS-Zeit ein verkürzter.
Ich hoffe, dass die hier vorgestellten Forschungsergebnisse erst der Anfang sind, dass von ihnen Impulse für weitere Forschungen ausgehen und die entsprechenden Kooperationen weiterhin fruchtbar sein werden. Gleichzeitig ist es wünschenswert, dass sie auch in möglichst vielfältiger Weise Anstoß für weitere gesellschaftliche Diskussionen sein werden.
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Jörg Litwinschuh, Andreas Pretzel
Grußwort der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld
Wie wohl die meisten von Ihnen wissen, wurde die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld im Oktober 2011 von der Bundesregierung ins Leben gerufen. Sie ging aus Bestrebungen hervor, eine Form der Kollektiventschädigung für das Unrecht auf den Weg zu bringen, das Homosexuellen während der NS-Zeit angetan wurde und für das es nach der NS-Zeit in beiden deutschen Staaten keinerlei Wiedergutmachung oder Entschädigung gegeben hat. Die Bundesstiftung hat deshalb die Aufgabe übertragen bekommen, Bildung, Wissenschaft und Forschung zu fördern, um – wie es in der Satzung bestimmt wurde – zum einen „die nationalsozialistische Verfolgung Homosexueller in Erinnerung zu halten”, zum zweiten „das Leben und die gesellschaftliche Lebenswelt homosexueller Männer und Frauen, die in Deutschland gelebt haben und leben, wissenschaftlich zu erforschen und darzustellen” und zum dritten „einer gesellschaftlichen Diskriminierung homosexueller Männer und Frauen in Deutschland entgegenzuwirken”.
Ihre Tagung, die sich schwul-lesbischen Lebenswelten an Ruhr und Emscher im 20. Jahrhundert widmet, dazu Forschungsergebnisse und Gedenkaktivitäten vorstellt und nicht zuletzt weitere Forschungsimpulse vermitteln und Anstöße zur Vernetzung der Forschungen geben möchte, entspricht den Aufgabenstellungen der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Deshalb war es uns eine Freude, dass der Förderantrag zur Veranstaltung dieser Tagung auch vom Fachbeirat und dem Kuratorium der Bundesstiftung Zustimmung erfuhr und die Stiftung diese Tagung finanziell unterstützen konnte.
Die Tagung leistet einen bedeutsamen Beitrag für die weitere Forschung und Erinnerungspolitik. Sie zeigt – oder wird zeigen –, was mit intensiver Recherche ans Licht gebracht werden kann und lohnend ist, in Erinnerung gerufen und im kollektiven Bewusstsein bewahrt zu werden. Die Tagung vermag einen Eindruck davon zu vermitteln, welche Quellen in diversen Archiven gehoben werden können, und zugleich, dass es möglich ist, selbst Quellen zu schaffen, etwa das angestrebte Zeitzeug_innenarchiv der ARCUS-Stiftung zu Erfahrungen von Lesben, Schwulen, Bi-, Inter- und Transsexuellen in der frühen Bundesrepublik. Auch hierzu gab es eine Unterstützung durch die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, die mit ihrem eigenen Zeitzeug_innenprojekt, dem „Archiv der anderen Erinnerungen”, Impulse und Know-how vermitteln konnte.
Die Vorträge dieser Tagung nehmen lesbisch-schwule Netzwerke und Protagonisten, Verfolgte und Verfolger, emanzipationspolitisch Bewegte und ihre Bewegungszeitschriften zur Selbstverständigung, auch über Emanzipationsziele, in den Blick – ein vielfältiges und auch vielversprechendes Tagungsprogramm. Der Tagungstitel „Zwischen Verfolgung und Selbstbehauptung” greift zudem eine Forschungsperspektive auf, mit der in den letzten Jahren dafür plädiert wird, die herkömmlichen Blickwinkel auf Verfolgung und Unterdrückung, Diskriminierung und Fremdbestimmung zu erweitern und auf bislang unbeleuchtete Aspekte auszudehnen. Und das heißt: Homosexuelle auch als Akteurinnen und Akteure wahrzunehmen, den Formen ihrer Selbstbehauptungen, ihren unterschiedlichen Handlungsmöglichkeiten und differierenden Erfahrungen nachzuspüren. Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld freut es sehr, dass diese Tagung ein solches Plädoyer, wie es auf dem ersten Wissenschaftskongress der Bundesstiftung 2013 gehalten wurde, aufgegriffen und zum programmatischen Titel erhoben hat. Mit großem Interesse freuen wir uns daher auf die Ergebnisse dieser Tagung.
Frank Ahland, Susanne Abeck
Erkundungen in der logischen Familie
Umrisse einer homosexuellen Geschichte des Ruhrgebiets
Armistead Maupin, der Autor der Stadtgeschichten, die er seit 1974 als junger Journalist für den San Francisco Chronicle schrieb, unterscheidet zwischen seiner biologischen, der Herkunftsfamilie, und seiner logischen Familie, der Gay Community. Maupin lässt keinen Zweifel daran, wo er seine Prioritäten setzt: „Seine logische Familie sucht man sich selbst aus. Das sind die Leute, die man nachts anruft, wenn es einem schlechtgeht. Von denen man weiß, dass sie im Notfall für einen da sind. Vor denen man sich nicht verstellen muss und so sein kann, wie man ist. Viele Schwule wissen sehr genau, wie es ist, wenn man einen großen Teil seiner Persönlichkeit vor der biologischen Familie verbergen muss. Aber das betrifft nicht nur Schwule. Ich glaube niemandem, der behauptet, er könne seiner biologischen Familie wirklich alles so anvertrauen wie der logischen Familie.”3
Vielen Lesben und Schwulen ist ebenso wie Bi-, Trans- und Intersexuellen ein Gefühl der Vertrautheit untereinander, bei gleichzeitiger Entfremdung von ihrer Herkunftsfamilie und der sozialen Umgebung ihrer Kindheit und Jugend wohlbekannt. Ursächlich dafür dürfte die gemeinsame Erfahrung sowohl der Ausgrenzung als auch des Coming-outs sein.4 Dennoch, das zeigt die Erfahrung, bei aller Empathie gegenüber den verfolgten und ermordeten Homosexuellen, gegenüber den Vorreiter_innen5 der Selbstbehauptung, ist die Kenntnis der Geschichte der Homosexuellen und der Homosexualität selbst unter Homosexuellen gering. Dieser Band will dem, bezogen auf das Ruhrgebiet, entgegenwirken. Vor allem aber will er einer breiteren Öffentlichkeit Einblicke in ein einst als „schmutzig” denunziertes Thema6 verschaffen.
Und er will dazu anregen, die ohne Zweifel in jedem Archiv der Region vorhandenen Quellen bekannt und der Forschung zugänglich zu machen. Allen, die in Archiven forschen, werden Zufallsfunde bestens vertraut sein, so wie jener aus dem Wittener Stadtarchiv: Ein Vollziehungsbeamter und Flurschütz der Amtsgemeinde Annen fiel 1895 auf, weil er seinen Dienst betrunken in nichtvorschriftsmäßiger Kleidung versah. Im Rahmen ihrer Erkundigungen stellte die Polizei fest, dass der einfache Beamte während seines Militärdienstes 1879 als Vize-Feldwebel wegen widernatürlicher Unzucht zum Gemeinen degradiert und zu sechs Monaten Gefängnis im Festungsgefängnis Wesel verurteilt wurde. Das war auch der Grund dafür, dass er keinen Zivilversorgungsschein erhielt, der einem ehemaligen Berufssoldaten die bevorzugte Einstellung in den Öffentlichen Dienst ermöglicht hätte.7 Wie oft werden solche Funde schamhaft beiseite gelegt? Wie oft werden sie vielleicht sogar dann unter den Tisch fallen gelassen, wenn sie für das bearbeitete Thema ebenso relevant wie interessant wären? Von wie vielen wegen sogenannter Unzucht angestrengten Hexenprozessen der Frühen Neuzeit erfahren wir nicht, weil selbst in Quelleneditionen die Berichte gekürzt wiedergegeben werden, wenn sie nicht gar gänzlich herausfallen? Wie oft wird in Biografien über Männer und Frauen des Ruhrgebietes noch immer schamhaft verschwiegen, dass sie schwul, dass sie lesbisch waren, weil es Privatsache sei und niemanden etwas anginge? Wie oft heißt es in Darstellungen über die Nazizeit, dass zwar Homosexuelle verfolgt wurden, man aber aufgrund der schlechten Quellenlage dazu nichts sagen könne? Das war bis vor wenigen Jahren auch in Dortmund der Fall und ist es nach unserem Kenntnisstand heute noch in den anderen 52 Städten und Gemeinden des Ruhrgebiets.8
So viel ist sicher: Die Geschichte der Homosexuellen und der Homosexualität im Ruhrgebiet stellt noch immer eines der drängendsten Desiderate in der lokalen wie der regionalen historischen Forschung dar. Damit fällt das Ruhrgebiet auch deutlich ab gegenüber anderen deutschen Ballungsregionen wie Berlin, Hamburg oder auch Köln.9 Noch immer fehlen sowohl ein umfassender Überblick zur Entwicklung in der Region als auch lokale Fallstudien in ausreichender Anzahl und Tiefe. Vereinzelte Initiativen und engagierte Einzelpersonen, die sich des Themas bisher annahmen, konnten der Nichtbeachtung in Archiven und Universitäten der Region, aber auch in den historischen Vereinen nur wenig entgegensetzen. In der etablierten Geschichtswissenschaft, in den kommunalen Archiven und Geschichtsvereinen der Region, ihren Gedenkstätten, in der allgemeinen Erinnerung an das Vergangene ist das Thema offenkundig noch längst nicht angekommen, auch wenn, anders als noch vor wenigen Jahrzehnten, den zum Thema Forschenden in den Institutionen kaum mehr Gegenwind entgegenschlägt.10
Ziel der am 14. November 2015 in der Dortmunder Mahn- und Gedenkstätte Steinwache stattgefundenen Tagung war es denn auch, geltend zu machen, dass Homosexuelle einen Platz in der Erinnerungs- und Geschichtskultur des Ruhrgebiets einnehmen. Zu diesem Zweck galt es, in einem ersten Schritt all diejenigen zusammenzuführen, die zu diesem Themenfeld gearbeitet haben oder aktuell arbeiten. Denn die bisherigen Forschungen zur Geschichte der Homosexuellen und der Homosexualität im Ruhrgebiet blieben unkoordiniert und unverbunden. Zur Besonderheit des Ruhrgebietes gehört es, dass die Region, obwohl als homogener Raum empfunden, vielfach zersplittert und in sich differenziert ist. Trotz der Nähe der Städte zueinander fehlt es oft an Zusammenarbeit und Zusammengehörigkeitsgefühl.
Als Initiator der Tagung hat sich der 2003 von Historiker_innen und Laien gegründete Arbeitskreis Schwule Geschichte Dortmunds das Forum Geschichtskultur an Ruhr und Emscher gesucht, ein seit 1992 bestehendes offenes Netzwerk zwecks Erfahrungs- und Informationsaustausch innerhalb der Geschichtsszene des Ruhrgebiets, zum Teil zu wenig bearbeiteten Themenfeldern.11 Gemeinsam wollen sie die Zusammenarbeit lokaler Initiativen zur schwulen und lesbischen Geschichte verbessern und fördern und zugleich den Kontakt zu den Institutionen der Geschichts- und Sozialwissenschaften stärken. Zudem möchten sie Interessierte aus Wissenschaft und Laienschaft anregen, sich mit den umrissenen Themen zu befassen und zu ihnen zu forschen, um die sogenannten weißen Flecken in der Geschichte zu füllen.

Der Tagungsband lässt eine breite Erinnerungskultur um die schwul-lesbischen Lebenswelten an Ruhr und Emscher erkennen, die jedoch der systematischen Erfassung harrt.12 Die Beiträge verdeutlichen, dass die verschiedenen Aspekte der Verfolgung und die Erinnerung daran breiten Raum einnehmen, was zweifellos ein notwendiges Unterfangen ist, wofür auch der Tagungsort stand, die Mahn- und Gedenkstätte Steinwache.13 Sie erhellen aber zugleich, dass Schwule und Lesben an der Ruhr ihre Lebenswelten, die ihnen die notwendigen Entfaltungsmöglichkeiten zwischen Subkultur und Integration boten, suchten und fanden. Auch wenn der Band nicht alle Themen ausreichend ausloten kann, so zeigt er doch, dass sich selbst bei der oftmals schlechten Quellenlage ein spannendes Bild der Schwulen und Lesben an Ruhr und Emscher zeichnen lässt.
Zu Beginn des ersten Teils über Entrechtung und Verfolgung der Homosexuellen zwischen Nationalsozialismus und Adenauer-Ära erinnert der Essener Historiker Wolfgang D. Berude an den Essener Theaterskandal. Als Otto Zedler, ein beliebter Schauspieler der Essener Bühnen, 1936 als Karnevalsprinz gefeiert wurde, nahm die Gestapo den schon seit längerem der Homosexualität Verdächtigen ins Visier. Mithilfe von Denunzianten gelang es, Zedler mit weiteren am Theater beschäftigten Männern vor Gericht zu stellen. Dennoch musste die Gestapo eine Niederlage hinnehmen, als ein Angeklagter freigesprochen wurde, nachdem ein Belastungszeuge sein zuvor gegenüber der Gestapo gemachtes Geständnis zurückgezogen und ausgesagt hatte, er sei mit Gewalt dazu gepresst worden. Berude gibt eine detaillierte Schilderung der Abläufe aufgrund aufgefundener Akten der Gestapo.
Der Dortmunder Historiker Frank Ahland widmet sich der Schwulenverfolgung in Dortmund im Nationalsozialismus. Anhand der Haftbücher des Dortmunder Polizeigefängnisses Steinwache hat er rund 650 aufgrund homosexueller Handlungen eingelieferte Männer ermittelt. Seine Auswertungen lassen eine intensive nächtliche Verfolgung Homosexueller in öffentlichen Toiletten- und Parkanlagen seitens der Polizei, aber auch einen hohen Anteil denunzierter Männer erkennen. Sie zeigen zudem einen engen, bisher wenig beachteten Zusammenhang des massiven Anstiegs der Verfolgung nach einer Rede Heinrich Himmlers am „Tag der deutschen Polizei” im Januar 1937, in der er in der Homosexualität eine Bedrohung des nationalsozialistischen Männlichkeitskultes erkannt zu haben glaubte. Eine umgehend gestartete Pressekampagne diente der ideologischen Rechtfertigung einer verstärkten Verfolgung durch Polizei, Gestapo und SS. Ahland verweist damit die Einschätzung des Bundesverfassungsgerichts, das 1957 darauf verwies, dass die Verschärfung des § 175 im Jahr 1935 rechtsstaatlich zustande gekommen und daher kein NS-Unrecht sei, ins Reich der Legende.
Einen Seitenwechsel vollzieht der Weetzener Historiker Alexander Wäldner. Anhand von Dortmunder Beispielen begibt er sich auf die Täterseite, die noch immer zu selten in den Fokus genommen wird. Während die meisten wegen homosexueller Handlungen verfolgten Männer ihre Rehabilitierung nicht mehr erlebten und die sehr wenigen noch lebenden Betroffenen bis heute aus Scham dazu schwiegen, konnten die Verfolger in den Reihen der Polizei nach 1945 ihren Dienst weiter versehen und waren teils weiterhin an der Verfolgung homosexueller Männer beteiligt. Wäldner hat die NSDAP-Mitglieder unter den Polizisten, die Männer aufgrund homosexueller Handlungen in das Dortmunder Polizeigefängnis Steinwache einlieferten, ermittelt und einzelne Täterbiografien recherchiert. Nicht ein Richter, Staatsanwalt, Justizbeamter oder KZ-Aufseher wurde bisher für seine Mittäterschaft an der Homosexuellenverfolgung zur Rechenschaft gezogen. Wäldner erkennt darin weiterhin aktives staatliches Unrecht gegenüber den homosexuellen weiblichen und männlichen NS-Opfern.
Der Kölner Sozialpädagoge Michael Jähme berichtet von seiner Arbeit im Facharbeitskreis Zeitzeug_innen der ARCUS-Stiftung, der es sich zur Aufgabe gesetzt hat, Biografien von Schwulen, Lesben, Trans- und Intersexuellen in der frühen Bundesrepublik zu sichern und zu dokumentieren. Gerade weil von Verfolgung bedrohte Männer häufig Fotos, Briefe und andere Erinnerungen an Partner und Freunde vernichten mussten, um sich nicht selbst zu belasten, fehlen der Geschichtswissenschaft Quellen. Mit den Interviews werden daher Quellen geschaffen, um diese Lücken aufzufüllen. Das Projekt soll die Lebenserfahrungen von Menschen dokumentieren, denen eine freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit aufgrund einer heteronormativen Moral und der gesellschaftlichen Situation kaum möglich war. Erstmals berichtet Jähme öffentlich von den im Rahmen des Projekts gewonnenen Erfahrungen und Eindrücken und davon, wie die Kontakte zu den Zeitzeugen zustande kamen und die Interviews verliefen. Nach seiner Erfahrung sind alte schwule Männer sehr wohl bereit, aus ihrem Leben zu berichten, wenn sie auf echtes Interesse an ihren Erfahrungen stoßen.
Den zweiten, mit Erinnern und Gedenken überschriebenen Teil eröffnet Jürgen Wenke. Der Bochumer Psychotherapeut und langjährige Leiter der Rosa Strippe, einer psychosozialen Beratungsstelle für Lesben und Schwule, gibt einen kursorischen Überblick seines Engagements für die Erinnerung an die von der NS-Diktatur verfolgten und ermordeten schwulen Männer aus dem Ruhrgebiet. Es reicht von der Initiierung von Stolpersteinen in zahlreichen Ruhrgebietsstädten und Gedenktafeln in mehreren KZ-Gedenkstätten bis hin zu Publikationen. Dem ersten Stolperstein in Bochum folgten, stets verbunden mit Archivrecherchen, bisher weitere 19 Stolpersteine. Ruhrgebietsweit hat der Künstler Günter Demnig inzwischen 22, an ermordete Homosexuelle erinnernde Stolpersteine verlegt. Wenke nennt Stolpersteine gewachsene Kunstwerke, die es ermöglichen, die Öffentlichkeit vielfältig einzubeziehen.
Einen kritischen Blick auf die andronormative Gedenkkultur wirft die Mannheimer Historikerin Ilona Scheidle, die den Gedenkort Hilde Radusch vorstellt. Dieser erste Gedenkort für eine im Nationalsozialismus verfolgte, lesbisch lebende Frau wurde im Juni 2012 in Berlin-Schöneberg eingeweiht. 1903 geboren, war Hilde Radusch Kommunistin, später Sozialdemokratin, Politikerin, Frauenrechtlerin und lesbische Aktivistin. Scheidle kritisiert neben neben der androzentrischen auch die heteronormative Gedenk- und Erinnerungskultur, die es immer wieder zu hinterfragen gilt. Im Berliner Gedenk-ort sieht sie exemplarische und signifikante Möglichkeiten für das Gedenken anderenorts, in diesem Sinne regt sie feministische Stadtrundgänge an und diskutiert einen Gedenkort für die in Gelsenkirchen geborene Chansonnière Claire Waldoff.
Der Direktor des Dortmunder Stadtarchivs und Leiter der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache Stefan Mühlhofer erläutert das Konzept der anstehenden Überarbeitung der Dauerausstellung in der Steinwache, in dessen Leitlinien sich die Homosexuellenverfolgung einbinden lasse. Seit 2004 erinnert zwar ein Raum der Steinwache an dieses Thema, bietet aber aufgrund des damaligen Forschungsstands kaum lokalspezifische Informationen. Der Forschungsstand des Stadtarchivs hat sich seither nicht wesentlich verändert. Mühlhofer sieht nun aber die Chance, im Zuge der Neugestaltung auch das Thema Homosexuellenverfolgung im Mikrokosmos Dortmund sowohl auf Seiten der Opfer als auch auf Täterseite angemessen darstellen zu können. In das neue Konzept wird die Zusammenarbeit von Kriminalpolizei, Gestapo und Staatsanwaltschaft bei der Verfolgung von Homosexuellen in den Blick genommen. Die Verfolgung seitens der Polizeibehörden stellt ohnehin ein Desiderat dar. Mit der Neugestaltung der Dauerausstellung wird man hoffentlich, so Mühlhofer, bei der Darstellung der Homosexuellenverfolgung ein großes Stück weiterkommen. Er regt weitere Forschungsprojekte an, die er für lohnenswert hält.
Die Bonner Historikerin Ingeborg Boxhammer stellt zu Beginn des dritten Teils über Stationen der Selbstbehauptung ein feministisches Netzwerk an der Ruhr vor und fragt nach der Verknüpfung von Berufs- und Privatleben von vier Frauen, die um die Jahrhundertwende um 1900 im Ruhrgebiet lebten und als Dentistinnen, als sogenannte Zahnkünstlerinnen ohne akademische Ausbildung, tätig waren. Ob sie homosexuell waren, muss aufgrund fehlender Zeugnisse offen bleiben, Boxhammer weist ihnen jedoch überzeugend das Attribut lesbian-like zu. Trotz schwieriger Quellenlage und zahlreicher Fehlstellen gelingt es ihr, einen lebendigen Ausschnitt aus diesen selbstbestimmten, der Frauenbewegung nahestehenden Frauenleben aus den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts nachzuzeichnen, zu einer Zeit, in denen Frauen weder Wahlrecht noch Universität offen standen.

Der paradoxen Situation von Lesben in den Neuen Sozialen Bewegungen in Westdeutschland im Spannungsfeld zwischen Homosexellen- und Frauenbewegung widmet sich die Essener Soziologin Lisa Mense. Aufgrund der Diskriminierung ihrer Lebensweise schlossen sich zu Beginn der 1970er Jahre homosexuell lebende Frauen zunächst den entstehenden homosexuellen Gruppen und Bewegungen an. Um sich sowohl hier als auch in der Öffentlichkeit Sichtbarkeit zu verschaffen und ihre spezifischen Diskriminierungen als lesbische Frauen wahrnehmbar werden zu lassen, gründeten sie zunächst innerhalb der Bewegung eigene Lesbengruppen und -zentren, so auch im Ruhrgebiet. Mense erinnert an die diffamierende Berichterstattung über einen Mordprozess gegen zwei Frauen im Herbst 1973. Während die lesbische Beziehung den Prozessverlauf und die Berichterstattung dominierte, blieb die Gewalttätigkeit des getöteten Ehemannes beinahe unberücksichtigt. Gewalt gegen Frauen bildete seither einen gemeinsamen Bezugspunkt mit den Frauenbewegungen, die sich in diesen Protesten mit lesbischen Frauen solidarisierten, wie sich auch lesbische Frauen zunehmend den feministischen Ideen und Bewegungen zuwandten. In der Folge differenzierten sich die Frauenbewegungen Mitte der 1970er Jahre weiter aus und es entstand eine sich als radikal verstehende lesbisch-feministische Teilbewegung, die eine eigene lesbisch-feministische Gegenkultur aufbaute. Damit wechselte ein Teil der Bewegung das politische Konzept, an die Stelle der gesellschaftlichen Befreiung trat ein Modell der kollektiven lesbisch-feministischen Identität.
Die Dortmunder Psychologin Ulrike Janz widmet sich der Lesbenbewegung im Ruhrgebiet seit Anfang der 1970er Jahre. Erstmals listet sie Gruppen und Treffpunkte systematisch auf, verweist jedoch darauf, dass zahlreiche Lücken noch gefüllt werden müssen. In den 1970er Jahren entstand nach und nach eine Lesbenwegung, die sich politisch als Teil der autonomen feministischen Frauenbewegung verstand. Lesben bewegten sich politisch und privat gemeinsam mit heterosexuellen Frauen, aber auch in eigenständigen Gruppen, Organisationen und an eigenen Orten. Die Lesbenbewegung umfasste die lesbische Selbsthilfe in Fragen des Coming-outs, in Beziehungs- und sonstigen Lebenskrisen, bot aber auch schlicht Lebenshilfe durch umfassende Information. Wenig später begannen Lesben, in ihren neu entstandenen frauenbezogenen Zusammenhängen auch miteinander zu feiern und zu tanzen. An den Universitäten im Ruhrgebiet entstanden ab Ende der 1970er Jahre Autonome Frauenreferate. Die Lesbenwegung an der Ruhr vernetzte sich zudem regional und überregional.
Einer der Gründerväter der Aidshilfe-Bewegung im Ruhrgebiet, der heute in Düsseldorf lebende Frank Laubenburg, berichtet über die mit HIV und Aids im Ruhrgebiet in den 1980er Jahren einhergehenden Veränderungen in der Gesellschaft, aber auch in der Schwulenbewegung. Er beleuchtet einige Schlaglichter der Schwulenbewegung seit Ende der 1970er Jahre, als die Gründung eines Dachverbandes desaströs scheiterte. Anlässlich der ersten Berichte über Aids 1983/84 machte sich das Fehlen einer gesellschaftlich wahrnehmbaren schwulen Gegenwehr schmerzhaft bemerkbar. Mit der Berichterstattung über Aids als Schwulen- oder Lustseuche wurde die Risikogruppe der Schwulen konstruiert. Zudem führte Aids zur Verunsicherung schwuler Männer, aber auch zu hysterischen Reaktionen der Öffentlichkeit und zu repressiven Absichten von Teilen der Politik. In dieser Situation wurden die Aidshilfen an der Ruhr 1985/86 gegründet. Die Schwulenbewegung nahm zunächst ein ambivalentes Verhältnis ein, da man sich der Stigmatisierung nicht unterordnen wollte, Schwulenbewegung und Aidshilfen verfolgten unterschiedliche Ansätze. Für schwule Männer war es nach Laubenburg eine neue Erfahrung, von staatlichen Stellen wahr- und ernst genommen zu werden. Die Institutionalisierung der Aidshilfen-Bewegung ließ die erlahmte Schwulenbewegung erstarken und zunehmend Einfluss auf die Präventionskonzepte nehmen. Erst seit dem Beginn der 1990er Jahre können die Aidshilfen als Selbstorganisation der Schwulen gelten.
Abschließend untersucht der Siegener Historiker und Germanist Tim Veith die Männlichkeits- und Körperdiskurse in Zeitschriften für nicht-heterosexuelle Männer anhand der Rosa Zone. Dazu stellt er normierende, sich am hetero- und homonormativen Ideal orientierende Körper queeren Körpern gegenüber, die sich durch performative Akte von Homo- und Heteronormativität abgrenzen, und analysiert sie auf dem Hintergrund soziologischer und queertheoretischer Ansätze. Besonders Zeitschriften für nicht-heterosexuelle Männer spielten bei der Konstruktion von Körper- und Männlichkeitsidealen eine wichtige Rolle für ihre Identifikation und ihre Identität. In jeder Ausgabe der seit 1991 in Dortmund erscheinenden Rosa Zone finden sich Körper- und Männlichkeitsbilder, die von normierenden zu queeren Körpern reichen und ein heterogenes Bild vom Macho über den Bären- und Ledertyp hin zum Twink zeichnen. Auf dem Hintergrund ihres Erscheinens im Ruhrgebiet stellt Veith die Frage, ob die aufgezeigten Männlichkeits- und Körperideale an lokale Kontexte angebunden oder sie von diesen losgelöst genutzt werden.
Wie zu erwarten war, ließ die Tagung eine Reihe wichtiger Fragen unbeantwortet.14 Das konnte gar nicht anders sein, bietet aber zugleich für die kommenden Jahre zahlreiche Forschungsmöglichkeiten. Die Ausgrenzung und Verfolgung gilt es in all ihren Erscheinungsformen zwischen Polizei und Justiz, Religion und Gesellschaft, Psychiatrie und Schule, Arbeitswelt und Erinnerungskultur sichtbar zu machen. Gerade in einer schwerindustriell geprägten Region wie dem Ruhrgebiet lässt sich fragen, inwiefern sich schwul-lesbische Lebenswelten im Bürgertum von jenen der Arbeiterschaft unterschieden. Waren Arbeiter häufiger von Verfolgung betroffen, konnten Bürgerliche der Verfolgung aufgrund ihrer Lebensumstände leichter entgehen oder war die Fokussierung auf Arbeiter Teil der allgemeinen Repression in einer Region, in der der Nationalsozialismus anfänglich auf keinen großen Zuspruch, wohl aber auf umfangreiches widerständiges Verhalten gestoßen war? Gab es Unterschiede zwischen den ländlichen Rändern des Ruhrgebiets und seinen urbanen Zentren? Unterschied sich die Verfolgung schwuler Männer zwischen der Rheinprovinz und Westfalen, zwischen den drei das Ruhrgebiet tangierenden Bezirksregierungen? Welche Rolle spielte die Gestapo, welche die Sittendezernate der Kriminalpolizei, wer machte sich die Verfolgung mit besonderem Eifer zu eigen? Welche Spielräume verblieben der Justiz bei der Verfolgung der Homosexuellen? Welche Rolle nahmen die Kirchen bei der Verfolgung schwuler Männer und lesbischer Frauen vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik ein? Und welche Rolle spielten Vorwürfe wegen Homosexualität bei den so genannten Klosterprozessen 1936/37 tatsächlich?
Ein zweifelsohne dringendes Desiderat stellt die Verfolgung lesbischer Frauen dar. Die systematische Aufarbeitung der Schwulenverfolgung im Ruhrgebiet zwischen 1933 und 1969 lässt ebenfalls auf sich warten, aber auch die Rolle staatlicher und städtischer Instanzen von der Medizin über die Jugendämter bis zu den psychiatrischen Anstalten bei der Verfolgung bis in die 1960er und 1970er Jahre.
Wie gestaltet sich die Erinnerungskultur in Bezug auf schwule Männer und lesbische Frauen? Welche Erfahrungen wurden in den Mahn- und Gedenkstätten, den historischen Vereinen und den Archiven der Region gemacht? Wie lässt sich der Unterdrückung lesbischer Frauen angemessen gedenken? Welche Formen nahm die Selbstbehauptung zwischen Subkultur und Integration ein? Welche Rolle spielten die Städte der Region nach der Liberalisierung des Strafrechts bei der Zulassung schwuler und lesbischer Etablissements und Vereine, bei der Genehmigung von Demonstrationen, bei der allmählichen Zurückdrängung von Repressionen? Welche Erkenntnisse bietet die Untersuchung der schwulen und lesbischen Hochschulgruppen in Bezug auf das Entstehen einer homosexuellen Bewegung, auch des Kommunikationscentrums Ruhr (KCR), des ältesten noch bestehenden Lesben- und Schwulenzentrums in Deutschland? Dessen über 40-jährige Geschichte harrt noch immer einer wissenschaftlich fundierten Aufarbeitung: Noch sind Quellen vorhanden, noch leben die Zeitzeug_innen. Und es lässt sich der Frage nachgehen, welche Bedeutung die bürgerliche Homophilenbewegung im Ruhrgebiet einnahm. Welche Auseinandersetzungen gab es zwischen ihr und der neuen Schwulen- und Lesbenbewegung der 1970er Jahre? Ein noch völlig unbeackertes Feld schließlich ist die Geschichte bisexueller, transsexueller und intersexueller Menschen an der Ruhr, wobei zu erwarten steht, dass die Quellenlage noch sehr viel schlechter als bei der Situation der Homosexuellen sein dürfte. Aber auch hier lohnen die Anstrengungen. Auch fehlt es an vergleichenden Studien sowohl innerhalb des Ruhrgebiets als auch zwischen verschiedenen Regionen der Bundesrepublik.
Wenn der von der Dortmunder Tagung ausgehende starke Impuls nicht wirkungslos verpuffen soll, bedarf es der weiteren Vernetzung aller zu diesen Themen Forschenden. Es muss nicht immer eine ganztägige Veranstaltung werden, eine Diskussionsrunde ein- oder zweimal im Jahr, bei der aktuelle Projekte vorgestellt, aber auch Probleme besprochen werden, wäre bereits weiterführend. Wenn es der Tagung und diesem Tagungsband gelingen sollte, Initialzündung für eine kontinuierliche Zusammenarbeit zu sein, versprechen die kommenden Jahre einen reichen Forschungsertrag. Dazu können auch die Archive und Museen der Region ihren Beitrag leisten und sich verstärkt diesem Thema widmen. Die Archive könnten beispielsweise entsprechende Archivalien erschließen, Museen gezielte Sammlung anlegen, aber auch die Schwulen- und Lesbenbewegung selbst könnte ein dem Centrum Schwule Geschichte Kölns (CSG) oder dem Schwulen Museum* Berlins vergleichbares Archiv auf die Beine stellen.
Zum Schluss heißt es, Dank zu sagen für die Unterstützung bei der Vorbereitung und der Durchführung der Tagung und für das Zustandekommen des Tagungsbandes. Der Dank gilt der Stadt Dortmund als dem Schirmherrn, der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, dem Schwulen Netzwerk NRW und der Landesarbeitsgemeinschaft Lesben in NRW als den Geldgebern, dem Lesben- und Schwulenzentrum KCR und der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache als Veranstaltungsorte, dem Medienprojekt Queerblick und Stefan Nies für ihre technische Unterstützung, den Moderatorinnen und Moderatoren Manuel Izdebski und Frank Siekmann, den Referentinnen und Referenten, den Autorinnen und Autoren der Beiträge dieses Bandes, den vielen helfenden Händen, besonders denen der Teams des KCR und der Steinwache, und last, but not least Hans-Jürgen Vorbeck, Daniel Thäsler und Francesco Menga.
Teil 1
Entrechtung und Verfolgung
Wolfgang D. Berude
„Alle sind nach meiner Meinung typische Homosexuelle”
Der Essener Theaterskandal 1936
Jene Lokale, in denen ausschließlich oder überwiegend Personen verkehrten, die „der widernatürlichen Unzucht huldigen”, seien zu schließen, ordnete der kommissarische preußische Ministerpräsident Hermann Göring am 23. Februar 1933 an. Damit begann die sich zunehmend verschärfende Verfolgung der Homosexuellen unter dem Nationalsozialismus. Auf Grundlage dieser Verordnung verfügte der Essener Polizeipräsident Anfang April die Schließung eines Trefflokals, das in den 1920er Jahren über die Stadtgrenzen hinaus bekannt gewesen war: das Eldorado am Gerlingplatz 4. Zur Begründung führte er an, es handele sich um eine Schankwirtschaft, „die überwiegend von Homosexuellen besucht wurde”. Am 2. Mai wurde das Lokal geschlossen, am 10. Mai organisierten die Nazis vor dem Lokal auf dem Gerlingplatz die Bücherverbrennung. Der Aktion zur Vernichtung sogenannter Schmutz- und Schundliteratur fielen auch die Arbeiten des Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld zum Opfer, eines Vorkämpfers für die Abschaffung des § 175 StGB.15
Damit begannen die Repressalien gegen gleichgeschlechtlich orientierte Männer und Frauen. Im Juni 1934 wurden der SA-Stabschef Ernst Röhm und ca. 200 weitere SA-Führer im Deutschen Reich umgebracht, um die SA als Konkurrent um die Macht im Reich auszuschalten. Die NS-Propaganda beschuldigte viele einer homosexuellen Veranlagung. Adolf Hitler selbst gab den Befehl zur „rücksichtslosen Ausrottung dieser Pestbeule”.16 Im September 1935 wurde der Strafrechtsparagraf 175, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte, deutlich verschärft. 1936 wurde in Berlin die Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und der Abtreibung gegründet, um die Verfolgung von Homosexuellen systematisch angehen zu können.
Auch in Essen nahm die Verfolgung zu. Bei einer Razzia in der Wirtschaft Schmitz, Ecke Steeler- und Söllingstraße, nahm die Polizei etwa 60 bis 80 Personen fest – unter ihnen auch ein Staatsanwalt. Bis Ende April 1936 wurden erneut mehr als 50 Männer festgenommen. Am 25. September 1936 verurteilte die Erste Große Strafkammer des Landgerichtes 14 Angeklagte, sie stammten aus unterschiedlichen Schichten und Berufsgruppen. Einer der Verurteilten war ein 18-jähriger Autoschlosser, der nach der Verbüßung seiner Gefängnisstrafe ins KZ Sachsenhausen überführt wurde. Von dort aus folgten Jahre in den Konzentrationslagern Flossenbürg und Dachau. Dokumentiert sind die vergeblichen Bemühungen seiner Eltern und Geschwister um Begnadigung. Der Bedarf an wehrfähigen Männern für den Krieg rettete den jungen Mann schließlich vor weiterer Lagerhaft: Am 11. Juni 1943 entließ man ihn aus dem Lager mit der Auflage, unverzüglich dem Einberufungsbefehl zur Wehrmacht zu folgen.
Zu den NS-Maßnahmen zur vorbeugenden Verbrechensbekämpfung, die alle sogenannten Volksschädlinge erfassen sollten, gehörte auch die Verhängung der sogenannten Vorbeuge- oder Schutzhaft und die willkürliche Einweisung in Konzentrationslager. Das belegen zahlreiche Gestapo-Akten, die die Verfolgung Essener homosexueller Männer belegen. „Da die Ermittlungen einen derartigen Umfang angenommen haben, daß eine sachgemäße Bearbeitung in der kurzen zur Verfügung stehenden Zeit nicht möglich ist […], halte ich Schutzhaft bis auf weiteres für dringend erforderlich”, heißt es etwa in einem Brief vom 7. April 1936.17 Auch sind Suizide in der Gefängniszelle aus Angst vor Misshandlung und aus Scham in den Akten der Essener Gestapo dokumentiert. Ein ehemaliger Kellner, der vor Gericht sein gegenüber der Gestapo abgelegtes Geständnis widerrief, wird in indirekter Rede mit den Worten wiedergegeben, „unter Druck erreichte man meine Geständnisse – der vernehmende SS-Oberscharführer habe eine Peitsche in der Hand gehabt und […] Kastration und Konzentrationslager angedroht. Er habe das Geständnis nur zu dem Zwecke abgelegt, um nicht öfter vernommen zu werden”.
„Homosexuell veranlagte Angestellte der Essener Bühnen”
Im Frühjahr 1936 folgte mit dem Essener Theaterskandal eine Gestapo-Aktion gegen Homosexuelle. Wie weit seine Wellen schlugen, wird nicht zuletzt daran deutlich, dass Reichspropagandaminister Joseph Goebbels ihn in seinem Tagebuch vermerkte. Drei Jahre zuvor war das Essener Theaterensemble von rund 20 jüdischen Künstlern und sogenannten Salonbolschewisten „gesäubert” und mit Alfred Noller ein linientreuer Intendant eingesetzt worden. Damit standen die Essener Bühnen ganz „im Dienste der nationalsozialistischen Kulturpolitik”.18 Im Zusammenwirken mit Oberbürgermeister Dr. Theodor Reismann-Grone propagierte Alfred Noller nun das Ziel, „mit dem Volkstheater zur Volksgemeinschaft” beizutragen.
Auch der Oberbürgermeister beabsichtigte, die „Kultur der Stadt zu heben” und „die Mitbürger durch die Taten zu überzeugen vom Wert des Nationalsozialismus”.19 Obwohl die Stadt, die durch die Weltwirtschaftskrise in große finanzielle und ökonomische Probleme geraten war, jahrelang die Schließung der Städtischen Bühnen oder eine Fusion mit dem Duisburger Stadttheater nicht ausschließen konnte, zeigte sich Reismann-Grone überzeugt, „daß wir vor einer großen nationalen Kunst stehen”. Die Unsicherheit um den Fortbestand der Essener Bühnen prägte nicht nur die Auseinandersetzungen zwischen dem Stadtoberhaupt und seinem Intendanten Noller, sie dürften auch nicht ohne Folgen auf das Arbeitsklima unter den Ensemblemitgliedern geblieben sein. Hinter den Kulissen erreichte im Sommer 1935 das Gerangel zwischen den NSDAP-Parteigenossen auf der einen und den übrigen Ensemblemitgliedern auf der anderen Seite eine neue Dimension. Linientreue Parteigenossen suchten Unterstützung bei Reichsminister Joseph Goebbels, dem als Minister für Propaganda und Volksaufklärung der gesamte Kulturbereich unterstand. Der Minister forderte daraufhin, fünf Parteimitglieder einzustellen, die Noller zuvor als „ganz unbrauchbare Sänger” beschrieben hatte. Dies berichtete der Intendant dem Oberbürgermeister am 29. August 1935.20
Während dieser Auseinandersetzungen wurde im Reich die Verschärfung des §175 StGB öffentlich vorbereitet, die schließlich am 1. September 1935 in Kraft trat.21 Im Essener Ensemble gerieten nun jene, von denen angenommen wurde, sie gehörten zur „Clique” der „homosexuell veranlagten Angestellten der Städt. Bühnen”, in die Schusslinie.22 Bereits zwei Tage später sah sich Operettenspielleiter und Schauspieler Otto Zedler23 veranlasst, gegen die „gemeine Verächtlichmachung” seiner Person und die „durch nichts gerechtfertigten erotischen Klatschereien” vorzugehen. In Schreiben vom 3. und 4. September forderte er die Operettensängerin Klara K. auf, die „üblen Nachreden” sofort zu unterlassen, was jedoch unterblieb. Ob Bühnenmaler, Gewandmeisterin oder Opernsängerin – alle tuschelten, unterstellten, vermuteten und bestellten den Boden der Denunziation.
„Ein treuer und lustiger Herrscher”
Als Otto Zedler am 12. Februar 1936 von den Essener Bühnen im Rahmen eines „frohen Festes” der 14 Essener Karnevalsgesellschaften im großen Festsaal des Saalbaues zum Prinz Karneval Otto I. der Stadt Essen ernannt wurde, versprach er seinen ausgelassenen Untertanen, ein „treuer und lustiger Herrscher” zu sein. Von den neuen Gerüchten um seine Person, die im Umlauf waren, wird er zu diesem Zeitpunkt gehört haben. Bei den Gerüchten blieb es aber nicht. „Von absolut glaubwürdiger Seite” und „streng vertraulich” bekam Kriminalkommissar Peter Nohles von der Gestapo-Außenstelle Essen Informationen über Zedler selbst und die Verhältnisse am Stadttheater. In seinen Aufzeichnungen vom 20. Februar notierte er, die homosexuelle Veranlagung Zedlers sei in weiten Bevölkerungskreisen bekannt. Deshalb habe man an seiner Wahl zum Prinz Karneval nicht nur Anstoß genommen, sie habe vielmehr ausgesprochenes Befremden ausgelöst. Nohles resümierte: „So erscheint es doch schon jetzt angezeigt, sich mit seiner Person näher zu befassen und zu erwägen, ob man ihn trotz der Gerüchte als Prinz Karneval auftreten läßt, um ggf. einen etwaigen späteren für die Stadt Essen blamablen Skandal vorzubeugen”. Auch Intendant Noller wurde zur Zielscheibe der Kritik. Nohles nannte ihn in seinen Aufzeichnungen einen „ehemaligen Kommunisten”, der NS-Parteigenossen an den Städtischen Bühnen wirtschaftlich benachteilige. Einige der wenige Wochen später Verhafteten wurden bereits hier mit Namen genannt. Nohles schloss, daß „eine eingehende Prüfung all dieser Dinge dringend geboten erscheint, da zu besorgen ist, daß sie sich zu einem Skandal auswachsen”.24
Wer der Geheimen Staatspolizei als Quelle diente, muss Vermutung bleiben. Im Theaterskandal verwickelte Personen wie die Operettensängerin Glanka Z. bezogen sich in ihren Aussagen vor der Gestapo auf einen gewissen Heinrich oder Heinz M.,25 der nach eigenen Angaben Kreispropagandaleiter der NSDAP und maßgeblich an der Denunziation beteiligt war. Opernsänger Erwin R., zugleich NSDAP-Parteigenosse und Bühnenfachschaftsleiter, berichtete der Gestapo, Glanka Z. habe ihm vertraulich mitgeteilt, die Gestapo beabsichtige, Otto Zedler während der großen Karnevalsprunksitzung, der er als Prinz Karneval beiwohnen werde, zu verhaften und im Ornat abzuführen. Doch sahen die seit Wochen ermittelnden Beamten der Geheimen Staatspolizei von einem derart spektakulären Zugriff auf Otto Zedler ab.

Beim Rosenmontagszug schließlich jubelten dem Prinzen Karneval Otto I. und seiner Prinzessin Assindia, mit bürgerlichem Namen Hilde, „Zuschauer wie noch nie” zu, wie der Essener Anzeiger in großer Aufmachung titelte. Weiter heißt es: „Prinz Otto I. war in solcher angenehmen Hochzeitsstimmung, dass er warme Worte des Dankes für die Unterstützung des Essener Karnevals durch die Stadtverwaltung, Bevölkerung und Presse fand.”26 Die „warmen Worte des Dankes”27 und der Jubel von vielen tausend Narren in den Straßen der Essener Innenstadt dürften SS-Sturmführer Albert Schweim von der Gestapo-Außenstelle nicht beeindruckt haben. Er hatte schon am 15. Februar mit sofortiger Wirkung die Postkontrolle über Otto Zedler veranlasst, doch „noch hatten sich keine positiven Beweise für seine anormale Veranlagung und strafbare Beziehungen” erbringen lassen. Fünf Wochen später lagen die gesuchten Beweise jedoch vor und der umjubelte Prinz Karneval Otto I. wurde festgenommen.
„Alle sind nach meiner Meinung typische Homosexuelle”
Doch nicht die Überwachung der Post lieferte der Gestapo die notwendigen Beweise der Homosexualität Otto Zedlers, sie fielen ihr vielmehr als Folge einer weiteren Denunziation nebenbei in die Hände. Am 15. Februar 1936 erreichte die Essener Gestapo eine kurze Mitteilung des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS: „Betrifft: Lothar Sch., Essen, Rellinghauser Str., Abteilungsleiter beim Ruhrverband. Der Genannte ist homosexuell.”28 Diese Mitteilung veranlasste die Essener Gestapo, gegen die „homosexuellen Umtriebe” einzuschreiten, und löste damit den Theaterskandal und die Aktion gegen Homosexuelle in Essen aus.
Durch Denunziation eines Nachbarn geriet der gutsituierte 53-jährige Abteilungsleiter ins Blickfeld der Gestapo. Der Nachbar, ein NSDAP-Parteigenosse, gab an, seit fünf Jahren „das Treiben in der Wohnung des Sch.” beobachtet zu haben, und bot an, bei dem nächsten, Anfang des Monats stattfindenden Sonntagnachmittagstreffen mit „5-6 jungen Burschen” der Gestapo telefonisch Nachricht zu geben. Dass es sich dabei um ein geselliges Treffen zum Kartenspiel, einen Rommé-Kreis unter Gleichgesinnten handelte, spielte in den kommenden Monaten keine Rolle mehr. Die Festnahmen vom 4. März boten der Gestapo den Anlass für die große Aktion gegen homosexuelle Umtriebe in Essen. An den Verhören beteiligte sich neben Kriminalkommissar Nohles auch der junge Kriminalkommissar-Anwärter Erich Weiler, der später durch seine Erfolge gegen Homosexuelle in Essen, Duisburg und Düsseldorf schnell Karriere machen sollte. Im Organisations- und Geschäftsverteilungsplan der Gestapo-Leitstelle Düsseldorf wurde er 1938 als Referatsleiter für „Sonderaufträge”, „Homosexuelle und Abtreibungen” aufgeführt, später stand er im Rang eines SS-Oberscharführers.29
Gemeinsam mit Lothar Sch. wurde auch der junge Tänzer Walter B. in Polizeigewahrsam genommen und intensiven Verhören unterzogen. Gezielt wurden beide nach den Essener Bühnen und den „dortigen Umständen” befragt. Auf Fragen nach dem Opernsänger Otto Zedler oder dem Kapellmeister Puhlmann gab Lothar Sch. zur Antwort: „Von den Herren Zedler u. Puhlmann weiß ich aus eigener Kenntnis nichts. Es ist mir jedoch zu Ohren gekommen, das Zedler mit einem Freund namens Brand zusammen wohnt.”30 Tatsächlich wohnten und lebten beide seit 1927 zusammen, Brand bestritt aber im Gestapo-Verhör, mit Zedler sexuelle Handlungen begangen zu haben.31 Auch weitere Ensemblemitglieder wurden verhört. Der Opernsänger Kurt R. gab am 6. März der Gestapo zu Protokoll: „Ich kenne auch die Gerüchte, die über homosexuell veranlagte Personen an der Essener Oper im Umlauf sind. Nach dem Verhalten der Tänzertruppe zu urteilen – alle sind nach meiner Ansicht typische Homosexuelle […]. Auch über den Operettenspielleiter Zedler kursiert das Gerücht, daß er homosexuell veranlagt sei.”32
„Es ist ein schlimmer Skandal für Essen”
Mitte März 1936 bat Intendant Noller wegen des sich abzeichnenden Skandals Oberbürgermeister Reismann-Grone um Hilfe. Der Angesprochene äußerte sich in seinen Aufzeichnungen ebenso knapp wie dramatisch: „Ein böser Schlag: Am Freitag, den 13. 3., kommt Noller blaß.” Als der – so der OB – „lähmende Skandal am Theater ausbrach”, „angeblich auf Grund eines Klatsches eines entlassenen Parteigenossen”, wurden von der Gestapo nach §175 StGB verhaftet: Bühnenbildner Paul Sträter, Schauspieler Otto Zedler, Kapellmeister Kurt Puhlmann und Opernspielleiter H. Intendant Noller bat den OB „um Hilfe”.33
Am nächsten Tag suchte der Oberbürgermeister Kriminalpolizeirat Braschwitz auf, den Leiter der „Politischen Inspektion Essen” der Gestapo.34 Den „nationalgesinnten Verleger” Reismann-Grone, dessen Herz „an Kunst und Kultur im weitesten Sinne” hing und der 1933 als 72-Jähriger mit der Absicht angetreten war, „Essen zu einem Weimar zu machen”, dürften die Nachrichten aus der Gestapo-Außenstelle schockiert haben. In seiner Chronik hielt er fest: „Es ist ein schlimmer Skandal für Essen.”35 In den Märztagen kam es zu immer neuen Verhaftungen. Intendant Noller „brach darüber ganz zusammen”, als Bühnenbildner Sträter und Operettenspielleiter und Faschingsprinz Otto Zedler, wenige Tage zuvor noch „von den Massen bejubelt”, verhaftet wurden. Auf Anraten des Oberbürgermeisters musste der „schwer zerrüttete” Noller für „wenige Tage” in den Erholungsurlaub geschickt werden. Noller ließ den Oberbürgermeister wissen, die Sängerin Glanka Z. habe ihm über eine „gewisse Affäre” berichtet. Im Zusammenhang mit der Verhaftung Otto Zedlers gab sie in „aller Bescheidenheit” an, „dass doch die auf Grund der Sonderaktion engagierte Klara K., die wegen künstlerischer Unzulänglichkeit in der nächsten Spielzeit nicht wiederverpflichtet wird, eine Hauptperson in dieser Affäre abgibt”. Mit Brief vom 17. März fragte Noller weiter, „ob nicht in diesem Fall die allseitig unbeliebte und künstlerisch vollkommen unzulängliche Klara K., die mich und unser Theater bereits bei der Reichstheaterkammer denunziert hatte, fristlos zu entlassen ist. Eine solche Maßnahme würde die ganze Atmosphäre um unser Theater säubern […].”
Er konnte nicht ahnen, dass die Verhaftung des Tänzers Peter Roleff am 23. März dem „Skandal” neue Brisanz verleihen und für die Beamten der Gestapo-Außenstelle Essen zu einer öffentlichen Blamage werden sollte. Denn nicht der Lebensgefährte von Otto Zedler erbrachte die gesuchten Beweise, die zur Verhaftung notwendig waren. Erst die Aussagen des Ballettmeisters Peter Roleff, der über seine intimen Kontakte zu Zedler und anderen Personen Auskunft gab, führten am 30. März zur Verhaftung des Operettenspielleiters. In seinen Aussagen, die mutmaßlich nicht ohne physischen und psychischen Druck zustande kamen, nannte er zahlreiche Personen, die homosexuell veranlagt seien. Unter ihnen der von Noller geschätzte Bühnenbildner Paul Sträter.36
Im März 1936 wurden fast täglich Männer unter dem Verdacht verhaftet, homosexuell zu sein. Die mehr als zwanzig Festnahmen zwischen dem 4. März und dem Monatsende sorgten in breiten Bevölkerungsteilen der Ruhrmetropole für Klatsch. Die National-Zeitung sah sich am 5. April 1936 genötigt, auf die Gerüchte zu reagieren. Bevor der anonyme Autor des Artikels auf die „Reihe der Verhaftungen” dieser Tage einging, legte er die generelle Position des Nationalsozialismus „gegen die Erscheinung des Verfalles” dar: „Mit einer verschärften Gesetzgebung hat der Nationalsozialismus die Grundlage für diesen Kampf um die Reinhaltung unseres Volkskörpers geschaffen.” Dann erst ging er auf die lokalen Verhaftungen ein, „die aus dieser unerbittlichen Kampfhaltung […] herrühren. In der Öffentlichkeit gehen darüber Gerüchte mit den üblichen Übertreibungen und Entstellungen um. […] Uns darf das Bewußtsein genügen, daß der neue Staat von der Waffe, die er sich in der verschärften Gesetzgebung geschaffen hat, rücksichtslos Gebrauch macht, wo immer er auf Eiterbeulen stößt, ohne Ansehung des Namens wie des Standes.”37
Einen Eindruck von der Atmosphäre in der Stadt in jenen Wochen vermitteln die Aussagen, die später Verhaftete gegenüber der Gestapo machten. „Als die Festnahmen von Homosexuellen-Mitgliedern des Essener Stadttheaters von der Polizei vorgenommen worden waren, erschien eines nachmittags ‚Natascha’ reisefertig mit einem Koffer in der Wohnung von K. und erklärte, er müsse flüchten […]. K. hatte ihm einen Paß besorgt.”38 Ein Ende 1936 verdächtigter Folkwang-Schüler sagte aus: „Während der Mahlzeit sagte mir Frau D., daß ich auf ihren Sohn recht aufpassen solle. Er wäre so leichtsinnig. Die Worte von Frau D. wurden deshalb zu mir gesprochen, da das Gespräch sich beim Essen auf die Vorkommnisse homosexueller Art im Stadttheater in Essen bezog.”39 Noch liefen die Ermittlungen und Razzien der Geheimen Staatspolizei gegen die „homosexuellen Umtriebe” auf Hochtouren, denn die Kripo-Beamten konnten nicht ahnen, dass mit der Eröffnung des ersten Prozesses gegen den Bühnenbildner Paul Sträter der Öffentlichkeit neuer Gesprächsstoff über die Gestapo geliefert werden sollte.
„Das Ende eines unerquicklichen Prozesses”
Bis Ende April 1936 hatte sich die Zahl der Verhafteten auf über 50 erhöht. Während die Verdächtigen anfänglich die Vorwürfe bestritten, gelang es der Gestapo durch tagelange Verhöre und Gegenüberstellungen, die Festgenommenen zu überführen. Welche Rolle Folter oder die Androhung von Folter dabei spielte, kann nur vermutet werden. Aus dem Blickfeld geriet dabei der zuvor umjubelte Prinz Karneval, der seine „Bisexualität” gestand.40 Die Staatsmacht plante, ihn mit weiteren geständigen Verhafteten, die sich der „widernatürlichen Unzucht” schuldig gemacht hatten, in einem groß angelegten Prozess in den Sommermonaten vor Gericht zu stellen. „In allernächster Zeit sollte nun gegen 23 Angeklagte, die des Verbrechens nach §§ 175, 175a StGB überführt sind, die Hauptverhandlung beim hiesigen Landgericht stattfinden”, hielt Kriminalkommissar Schweim in einem Bericht fest und fuhr fort: „Aus nicht durchsichtigen Gründen wurde das Verfahren gegen den Bühnenbildner Sträter abgetrennt und aus dem gesamten Komplex herausgenommen. Weil ein sichtbarer Grund hierfür nicht vorhanden war, erregte diese Maßnahme einiges Befremden.”41
Der seit Herbst 1935 verheiratete Bühnenbildner Sträter war durch die Aussagen mehrerer Beschäftigter der Essener Bühnen der widernatürlichen Unzucht bezichtigt worden. Der Bühnenmaler Willi D. sagte aus, dass Sträter sich selbst als „warm” bezeichnet hätte und dass „im ganzen Hause allgemein die homosexuelle Veranlagung Sträters bekannt gewesen sei und aus der er […] keinen Hehl machte”.42 Doch erst die Verhöre des Ballettmeisters Peter Roleff und sein Eingeständnis, es sei zu sexuellen Handlungen mit Sträter gekommen, genügten der Geheimen Staatspolizei, Sträter als überführt zu betrachten. Sträter selbst bestritt die Tat. In den kommenden Wochen bemühten sich sowohl Intendant Noller als auch Oberbürgermeister Grone-Reismann um Sträter – das Schicksal der anderen festgenommenen Ensemblemitglieder berührte sie jedoch wenig.
Zur Verwunderung der Geheimen Staatspolizei wurde zunächst gegen Sträter verhandelt, am 19. Juni 1936 begann der Prozess. „Sträter als erster Angeklagter” überschrieb die National-Zeitung vom 20. Juni ihren Artikel. Doch nach vier Verhandlungstagen konnten die Leserinnen und Leser der Essener Volkszeitung am 29. Juni Details über „Das Ende eines unerquicklichen Prozesses” erfahren. Der Hauptbelastungszeuge Peter Roleff, der drei Monate zuvor den Bühnenbildner Paul Sträter beschuldigt hatte, erschien am 23. Juni vor der III. Strafkammer des Landgerichts Essen und widerrief sein belastendes Geständnis.43 In Anwesenheit der Presse und der Gestapo-Beamten Nohles und Schweim behauptete der Ballettmeister, „daß ihm gerade dieses Geständnis, und zwar dieses allein, von dem vernehmenden Beamten der Staatspolizei durch Schläge pp. erpresst worden sei”.44
In einem internen Bericht der beiden Beamten, die sich bloßgestellt sahen, kam ihr Unmut über den gesamten Hergang des Verfahrens zum Ausdruck. Sie erhoben schwere Vorwürfe über die Zusammensetzung der Strafkammer, besonders über das Verhalten des Vorsitzenden Kammerpräsidenten Thiel und die „Art seiner schlappen Verhandlungsführung”. Den Anwürfen gegen die Staatspolizei sei Präsident Thiel nicht energisch entgegengetreten. In seinen Ausführungen über die Methoden der Verhöre des Kommissars Nohles erklärte der Zeuge Peter Roleff, „er sei von Nohles mehrmals über den Tisch hinweg auf den Kopf geschlagen worden. Hierbei sei der Schreibtisch umgefallen.”45 Zwar widersprach die Protokollantin der Staatspolizei, die das Verhör des Peter Roleff niedergeschrieben hatte, in ihrer Vernehmung den Aussagen des Ballettmeisters. Sie verneinte auch die Frage des Kammerpräsidenten Thiel, „ob Kommissar Nohles während der Vernehmung des Roleffs geboxt bzw. so geschlagen hätte, daß der Tisch umgefallen sei”.46 Die beiden Kriminalkommissare weiter: „Es sei bezeichnend für die Art der Verhandlungsführung des Präsidenten Thiel, daß […] man von dem Verfahren gegen Sträter in ein anderes gekommen wäre!” Jedem Außenstehenden war klar, daß mit diesem anderen Verfahren nur eines gegen die Staatspolizei und deren Vernehmungsmethoden gemeint sein konnte.
Den sich anbahnenden Freispruch Sträters aufgrund des „Umfalles” des Zeugen Roleff versuchte die Staatsanwaltschaft mit dem Antrag zu verhindern, das Verfahren zu vertagen. Der Staatsanwalt versuchte, die Verhandlung gegen Sträter, wie ursprünglich wohl auch vorgesehen, zusammen mit dem „demnächst kommenden großen Prozeß gegen Homosexuelle” führen zu lassen. Die Herausnahme, die sich als „Fehler erwiesen hätte”, sei aus „rein objektiven Gründen erfolgt”, so der Staatsanwalt in seinem Antrag zur Vertagung, „da man Sträter nicht für einen typischen Homosexuellen gehalten habe”. Angemerkt sei hier die Aussage des als weiterem Zeugen vernommenen Intendanten der Essener Bühnen. Noller erklärte vor Gericht, „daß Künstler in ihren Aussagen nicht immer mit den Maßstäben des reinen Verstandes zu messen seien, sondern dass sie von der künstlerischen Fantasie stark beeinflußt würden […], so daß sie zuletzt selber nicht mehr zwischen Wahrheit und Dichtung zu unterscheiden wüßten”.47 Diese Aussage Nollers soll unter den Angestellten der Essener Bühnen große Empörung ausgelöst haben, vermerkte die Gestapo in ihrem Bericht. Auch der Hinweis der Staatsanwaltschaft, „daß derartige Verfehlungen nach der heutigen strengen Auffassung in unserem Staate aus gesundheitlichen und moralischen Erwägungen heraus empfindlich geahndet werden”, und die Beantragung einer Gefängnisstrafe von neun Monaten brachten Kammerpräsident Thiel nicht davon ab, den Angeklagten Paul Sträter freizusprechen.
„Unwahre Behauptungen über angebliche Geständniserpressungen”
Wie sehr sich die Essener Gestapo-Leitstelle blamiert hatte, dokumentierte die Berichterstattung der lokalen und überregionalen Presse. Die Schlagzeilen über „Das Ende eines unerquicklichen Prozesses” und die Umstände, die durch den „Umfall” des „unerklärlichen Zeugen Roleff” einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurden, sollten von der Geheimen Staatspolizei nicht einfach hingenommen werden.48 Am 26. Juni erging ein Schutzhaftbefehl gegen Paul Sträter. Seine Ehefrau wandte sich an den Oberbürgermeister, der ihr versicherte, er „verlange Freilassung von Sträter”. In seiner Chronik fuhr er fort: „Ich rufe die Gestapo an. Kommissar Nohles weicht aus, sagt, es lägen gegen Sträter noch andere Sachen vor.” Und den „erregten” Kommissar Schweim zitiert er mit den Worten: „Die Gestapo sei bloß gestellt und das lasse er sich nicht gefallen, er glaube nicht an Sträters Unschuld”. Schweim verwies darauf, dass der Polizeipräsident von Essen, SS-Brigadeführer Zech, „seine Auffassung teile”. Der Oberbürgermeister antwortete, „das Vorgebrachte gehe Roleff an, nicht Sträter. Ich warte bis zum Urteil, dann muß ich für meinen Angestellten eintreten.” Am selben Tag ließ der Oberbürgermeister sich von Stadtrechtsrat Russel berichten: „Sträters Freispruch sei ganz sicher”, aber er sei von der Gestapo nicht freigelassen worden. Im „Schutzhaftbefehl” heiße es, dass „durch die Beeinflussung der Öffentlichkeit das Ansehen der Staatspolizei durch unwahre Behauptungen über angebliche Geständniserpressungen” und somit „die Staatssicherheit erheblich gefährdet” sei. Trotz intensiver Bemühungen anderer Gestapo-Dienststellen, neue Erkenntnisse über Sträter zu erlangen, blieben die Ermittlungen ohne Erfolg.
Oberbürgermeister und Intendant versuchten in den Sommermonaten, durch Eingaben und Entlassungsgesuche an die Essener Gestapo die Freilassung Sträters zu erreichen. Nach einem Gespräch mit dessen Anwalt notierte der OB am 31. Juli in seiner Chronik: „In sechs Tagen werde ich Oberleitung der Gestapo [Himmler] bitten, sich zu entscheiden, da Sträter eventuell ersetzt werden muss, [und da er] auch in Antwerpen nötig ist.” Schließlich zeigte das Engagement um die Entlassung aus der Schutzhaft Wirkung. Einen Auftrag an Sträter, Entwürfe für die Königlich Flämische Oper in Antwerpen zu erstellen, nahm der Präsident der Reichstheaterkammer zum Anlass, sich in einem Schreiben an Kriminalkommissar Schweim für die Freilassung zu verwenden. Anfang September 1936 wurde Paul Sträter aus der Schutzhaft entlassen.
Die Geheime Staatspolizei hielt es in den folgenden Jahren in Schreiben an den Präsidenten der Reichstheaterkammer in Berlin „noch nicht für ratsam”, „Sträter an einem Theater der öffentlichen Hand zu beschäftigen”.49 Obwohl im August 1938 in der Gestapo-Außenstelle Braunschweig erneut der Verdacht der homosexuellen Betätigung aufkam, blieb Paul Sträter unbehelligt.50 Noller nahm Sträter später mit an die Staatsoper Hamburg.
„Verantwortungslose Volks- und Staatsfeinde”
Anders erging es den 14 Personen, deren Schicksal mit dem Essener Theaterskandal in Verbindung stand. Sie mussten am 25. September 1936 vor der I. Großen Strafkammer des Landgerichts Essen ihre Urteile entgegennehmen. Im Gegensatz zum ersten Prozess fand dieser unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Der Bericht des Deutschen Nachrichtenbüros wird sicher auch die Zustimmung der Essener Gestapo gefunden haben. Die Namen der 14 Angeklagten aus den „verschieden-sten Volksschichten und Berufskreisen” wurden nicht mehr genannt. Darunter befanden sich der ehemalige Operettenspielleiter und Regisseur Otto Zedler und der Tänzer Peter Roleff. Zedler wurde zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr und Roleff, der in der Urteilsbegründung als „der typische Homosexuelle” bezeichnet wurde, zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren verurteilt. Laut Essener Anzeiger vom 26. September bezeichnete der Vorsitzende der Strafkammer „die Straftaten als dekadente, anormale Erscheinungsformen, die den gesunden Volkskörper schwer bedrohen […]. Wir alle wissen, zu welchen Zersetzungs- und Verfallserscheinungen die Zustände vergangener Zeiten führten, da ein Magnus Hirschfeld und andere ‚Wissenschaftler’ darauf drängten, den § 175 überhaupt aufzuheben […]. Im neuen Reich werden diese Kreise als das bezeichnet und behandelt, was sie sind, als verantwortungslose Volks- und Staatsfeinde, mit denen rücksichtslos aufgeräumt werden muss und wird.” In der folgenden Ausgabe wurde die National-Zeitung zitiert, die sich über die Urteile ausließ und bedauerte, „daß das Essener Gericht in seiner Urteilsfindung dem ausdrücklichen Willen des nationalsozialistischen Staates und des deutschen Volkes, in schärfster Form der Gefahr der Volksverseuchung entgegenzutreten, in offensichtlich ungenügender Form begegnet sei”. Das Blatt empörte sich: „Hier liegen doch Straftaten vor, die diejenige, welche sie begangen haben, einwandfrei als verantwortungslose Volks- und Staatsfeinde charakterisieren, so daß mit ihnen wirklich rücksichtslos aufgeräumt werden müßte.”51
Die Künstler der Städtischen Bühnen in Essen, die von der Geheimen Staatspolizei im Rahmen der „Aktion gegen Homosexuelle” überführt oder verdächtigt worden waren, wurden im Februar 1938 in einer „Künstlerliste” erfasst. Per Erlass forderte das Geheime Staatspolizeiamt Berlin sie an.52 Otto Zedler und sein Lebensgefährte wurden in den Jahren nach der Verbüßung der Gefängnisstrafe weiterhin überwacht. In einem Schreiben vom 28. September 1938 teilte das Geheime Staatspolizeiamt Berlin der Staatspolizei Düsseldorf mit: „Trotz der Bestrafung sind beide wieder zusammengezogen.” Sogleich wurde Zedler auferlegt, nicht nur die gemeinsame Wohnung mit seinem Lebensgefährten aufzugeben, sondern seinen Aufenthaltsort zu verlegen, „widrigenfalls er mit der Inschutzhaftnahme zu rechnen hat. Vollzugsmeldung ist erforderlich”.53 Erst im Januar 1938 wurde die „Aktion gegen Homosexuelle” in Essen von der Gestapo-Außenstelle Essen für beendet erklärt.54 Bis zum Kriegsende wurden den verfolgten Bühnenkünstlern Auftritte verboten und die Betätigung als Künstler verwehrt.
Eine Stunde Null gab es für die homosexuellen Opfer nicht. Auf den 1985 in Berlin und München angebrachten Gedenktafeln steht zu lesen: „Totgeschlagen – Totgeschwiegen. Den homosexuellen Opfern des Nationalsozialismus!” Totgeschwiegen wurde bis vor wenigen Jahren auch die Geschichte des Essener Karnevalsprinzen von 1936, Otto I. Noch heute sucht man in der Chronik des Essener Karnevalskomitees vergebens nach Otto Zedler, dem Karnevalsprinzen, der als Schauspieler und Regisseur in dem Lustspiel „Morgen geht´s uns gut!” von Ralph Benatzky an den Essener Bühnen Erfolge gefeiert und am Rosenmontag 1936 tausende Essener unterhalten hatte. Ignoriert wurde auch seine Nachkriegskarriere in der DDR. Zedler, der seit 1945 im Ostteil Berlins tätig war, starb 1978. Seit dem 8. Mai 2014 erinnern zwei Stolpersteine am Haupteingang des Essener Grillo-Theaters an die „Aktion gegen Homosexelle” an den Essener Bühnen und an die Opfer, die wegen ihrer sexuellen Orientierung denunziert, verhaftet und verurteilt wurden.
Frank Ahland
Schwulenverfolgung in Dortmund im Nationalsozialismus
Vorläufige Ergebnisse neuerer Forschungen
Den von den Nazis verfolgten Homosexuellen konnte „aufgrund der mangelnden lokalgeschichtlichen Quellenlage im Rahmen unserer Dokumentation leider kein Platz eingeräumt werden konnte”, heißt es noch 2002 im Katalog zur Dauerausstellung „Widerstand und Verfolgung in Dortmund 1933-1945” im ehemaligen Dortmunder Polizeigefängnis, der heutigen Mahn- und Gedenkstätte Steinwache.55 Schon 1969 hatte Kurt Klotzbach in seiner verdienstvollen Lokalstudie zum selben Thema die Homosexuellenverfolgung ausgespart, obwohl er die Haftbücher des Polizeigefängnisses Steinwache systematisch ausgewertet hatte.56 Nicht entgangen sein konnte ihm, dass unter den rund 65.000 Personen, die von Polizei und Gestapo durch die Steinwache geschleust worden waren, jeder Hundertste wegen Verstoßes gegen § 175 StGB eingesperrt, dass von diesen rund 600 verfolgten Homosexuellen etwa jeder zwölfte als politischer Häftling eingestuft und rund ebenso viele von der Gestapo eingeliefert, ja dass zwei dieser Männer auf direktem Wege von der Steinwache in Konzentrationslager verschleppt worden waren. All das ist den Haftbüchern bei gründlicher Durchsicht ohne Weiteres zu entnehmen. Dennoch ließ Klotzbach es unerwähnt. Man mag einwenden, dass Klotzbach den Fokus auf den politischen Widerstand und dessen Verfolgung richtete, schließlich betrachtete er selbst die Verfolgung der Juden auf sehr wenigen Seiten und eher summarisch. Doch spätestens mit der Konzeption der Ausstellung zu Widerstand und Verfolgung in Dortmund hatte sich der Fokus geweitet.
Die Gründe deutete Günther Högl, der die Ausstellung maßgeblich erarbeitet hatte, an, auch wenn er ausdrücklich von anderen Opfergruppen, den Zwangsarbeitern, Polen, Sinti und Roma, den Opfern der sogenannten Euthanasie und den Wehrmachtsdeserteuren sprach: „Ist nach teilweise kontroverser gesellschaftspolitischer Diskussion, sogar unter ehemals von den Nazis verfolgten Gruppen und Personen selbst, inzwischen in vielen Fällen eine Akzeptanz als ‚Opfer’ erfolgt, so vermag man immer noch eine gesellschaftliche Diskriminierung im Vergleich zu anderen Opfern des NS-Regimes zu verspüren.”57 Sie galten mithin als Opfer zweiter Klasse. Um wie viel mehr das für die Homosexuellen galt, brachte Wolfgang Benz deutlich zum Ausdruck: „Die Ausgrenzung marginaler Opfergruppen [seitens der ehemaligen politischen Häftlinge] erfolgt automatisch durch das Beharren auf der Exklusivität der eigenen Verfolgung. Der eigene Opferstatus wird in der Reinheit des eigenen Leidens verteidigt.”58 Zwar wird inzwischen auf Initiative der lesbisch-schwulen Community und auf Beschluss des Rates der Stadt Dortmund in der Steinwache in einem eigenen Raum an die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus erinnert, jedoch noch ohne konkrete Bezugnahme auf Dortmund. Inzwischen steht eine Neukonzeptionierung der Ausstellung an, sie wird die aktuellen Erkenntnisse einbeziehen.59
Homosexuelle in den Haftbüchern der Steinwache
Aus den überlieferten Akten der Dortmunder Staatsanwaltschaft sind bislang rund 50 Verfolgungsschicksale bekannt, dabei handelt es sich fast ausschließlich um vor dem Landgericht geführte Prozesse, teils wegen sogenannter Unzucht mit Jugendlichen oder Schutzbefohlenen.60 Einvernehmliche Sexualität zwischen erwachsenen Männern ohne Ausnutzung eines Abhängigkeitsverhältnisses fehlt in diesen Akten weitgehend, sie wäre überwiegend vor dem Amtsgericht verhandelt worden, dessen Akten jedoch nicht überliefert sind. Diesen eingeschränkten Fokus können neuere Forschungen überwinden. Die erstmals vorgenommene systematische Auswertung der Haftbücher der Steinwache nach dem Haftgrund § 175 erfasst die gesamte Bandbreite der von den Nazis verfolgten mann-männlichen Sexualität. Neben den Haftbüchern der Steinwache blieben bisher auch die Daten der Dortmunder Kriminalitätsstatistik unausgewertet.61
Die Haftbücher der Steinwache sind beinahe vollständig überliefert.62 Sie umfassen zunächst Angaben zur Person: Name und Vorname, Beruf, Geburtsdatum und -ort, Adresse. Dazu kommen Datum und Uhrzeit der Einlieferung und der Entlassung, der Haftgrund, Name und Dienstgrad der einliefernden Beamten. Alle Einträge sind handschriftlich. Zieht man die mehrfach inhaftierten Personen ab, so verbleiben 593 aufgrund des § 175 eingelieferte Männer.63 Mithin war fast jeder Hundertste der etwa 65.000 während des Nationalsozialismus in das Polizeigefängnis eingelieferten Häftlinge der Steinwache ein wegen sogenannter widernatürlicher Unzucht verhafteter Mann – eine Quantität, die schwerlich zu übersehen ist. Geht man davon aus, dass zwischen 1933 und 1945 im Deutschen Reich rund 100.000 homosexuelle Männer strafrechtlich verfolgt wurden, so lässt sich für eine Stadt von der Einwohnerzahl Dortmunds auf rund 675 Männer schließen. Berücksichtigt man ferner, dass Dortmund die Funktion eines Oberzentrums der Region einnimmt, so dürfte die Zahl deutlich höher liegen. Zwar wurde nur ein, in seinem Umfang noch unbekannter Teil der in der Steinwache verhafteten Männer strafrechtlich verfolgt, dennoch lässt sich nun ein bedeutender Teilbereich der in Dortmund verfolgten Männer beschreiben.
Die eingelieferten Männer waren zum weit überwiegenden Teil zwischen 21 und 40 Jahren alt, das Durchschnittsalter betrug 35 Jahre. Die jüngsten waren jedoch noch minderjährig. Neben 28 Jugendlichen unter 18 Jahren wurden 48 Heranwachsende unter 21 Jahren festgenommen. Der 15-jährige Schüler Gustav Adolf H. kam im Juni 1944 in die Steinwache, verhaftet hatte ihn die Gestapo. In der Steinwache wurde er zunächst als „politisch” geführt – ein Hinweis darauf, dass er womöglich in einer NS-Organisation wie der HJ aufgefallen war –, der Eintrag wurde jedoch wieder durchgestrichen und der Junge entlassen. Auch elf Männer über 65 Jahren fielen den Verfolgungsbehörden in die Hände, der älteste verhaftete Mann war der 78-jährige Egon W., der im Juni 1938 eingeliefert wurde. Nicht alle Verhafteten waren Dortmunder, jeder zehnte kam aus den umliegenden Städten, teils waren es auch Durchreisende aus Hamburg oder Köln. Die weitaus meisten verhafteten Dortmunder wohnten in den innerstädtischen Bezirken, insbesondere in den Arbeiterquartieren der Nordstadt und der westlichen Innenstadt, hier lebten 150 bzw. 58 von ihnen. In der östlichen Innenstadt wohnten 23, innerhalb des Wallrings im Stadtzentrum 40 betroffene Männer. Die besondere Häufung der der Steinwache benachbarten Wohnviertel der Innenstadt lässt darauf schließen, dass die in den entfernter gelegenen Vororten verhafteten Männer nicht sämtlich in die Steinwache verbracht wurden. Lassen bereits die Wohngebiete auf einen hohen Arbeiteranteil schließen, wird diese Beobachtung durch einen Blick auf die Berufsstruktur bestätigt. Arbeiter und Angestellte überwogen die Bürgerlichen deutlich, wie in einer Arbeiterstadt wie Dortmund zu erwarten.64
Betrachtet man die Einlieferungen im Zeitverlauf, so fällt eine in etwa parallel zum Reich verlaufende Entwicklung auf: Während 1931 keine und 1932 eine Verhaftung vorgenommen wurde, stieg mit dem Beginn des Nationalsozialismus 1933 die Zahl der Verhaftungen sogleich auf elf an und blieb 1934 und 1935 mit sieben und zehn auf dem gleichen Niveau. 1936 stieg zwar die Zahl deutlich auf nun 37, doch erst 1937 schnellte sie in die Höhe: Mit 165 Verhaftungen erreichte sie ihren Höhepunkt und blieb in den beiden Folgejahren mit je 157 Verhaftungen auf einem extrem hohen Niveau. Mit Kriegsbeginn sank die Zahl rapide, 1940 waren es 60, 1941 24 Männer. In den letzten drei Jahren wurden kaum noch Männer eingeliefert.
Hintergründe der verschärften Verfolgung
Von dem in der Literatur oftmals behaupteten Zusammenhang des Anstiegs mit der Verschärfung des § 175 zum 1. September 193565 kann folglich nur sehr eingeschränkt die Rede sein. Schaut man genauer auf die Dortmunder Zahlen, fällt zunächst auf, dass bis 1936 die Verhaftungen weit überwiegend in den Sommermonaten vorgenommen wurden. Dieses Indiz spricht für eine eher zufällige, wenig systematische Praxis der staatlichen Verfolgungsbehörden. Vermutlich wurden die meisten Männer in öffentlichen Bedürfnisanstalten, Grünanlagen oder ähnlichen Orten in flagranti überführt. Im Januar 1937 schnellten die Zahlen in die Höhe, bis zum August 1939 lagen sie in kaum einem Monat unter zehn. Im April 1939 erreichten sie ihren monatlichen Höchstwert mit 26 Verhaftungen. Mit Kriegsbeginn 1939 sank die Zahl wieder auf unter zehn pro Monat. Seit August 1944 wurde kein Mann wegen Verstoßes gegen § 175 in die Steinwache eingeliefert. Das bedeutet freilich nicht, dass keine Verhaftungen mehr vorgenommen wurden, vieles spricht für die Annahme, dass nicht alle Verhafteten hierher gebracht wurden. Zudem benötigte das Regime in der Endphase des Krieges das Polizeigefängnis vor allem für die Verfolgung von Zwangsarbeitern.
Nicht in erster Linie die Gesetzesverschärfung 1935 war mithin Auslöser der verstärkten Verfolgung. Auch nicht, dass im Dezember 1937 in der in Dortmund-Hörde ansässigen Gestapo-Zentrale für den Regierungsbezirk Arnsberg ein Referat zur Bekämpfung der Homosexualität eingerichtet wurde, denn zu diesem Zeitpunkt lagen die Zahlen längst extrem hoch. Stattdessen lässt sich ein direkter zeitlicher wie inhaltlicher Zusammenhang mit einer Rede Heinrich Himmlers herstellen, inzwischen faktischer Chef der deutschen Polizei, der Gestapo und der SS. Anlässlich des „Tages der deutschen Polizei” fabulierte Himmler am 15. Januar 1937 im Rundfunk, die Pflicht des Regimes läge „in dem unnachsichtlichen und unbarmherzigen Vorgehen gegen die Verführer und Täter”. Wenig später führte er in einer Geheimrede aus, die männliche Kameradschaft des neuen Regimes, dieser „Männerstaat”, sei im Begriff, sich durch Homosexualität selbst „kaputt zu machen”.66 Publizistisch begleitet wurde Himmlers Furor nicht zuletzt durch eine Artikelserie in der SS-Zeitschrift Das schwarze Korps, die zugleich Pflichtblatt der deutschen Polizei war.67 Die verschärfte Verfolgung der Homosexualität lag mithin nicht allein im sittlich-bürgerlichen Rechtsempfinden insbesondere der beiden großen christlichen Konfessionen begründet, sondern im Männlichkeitskult des Nationalsozialismus selbst.68
Neben den Männerbünden des Regimes sollte auch die Jugend von der als Gefährdung verstandenen Homosexualität geschützt werden. So schwor Oberamtsrichter Dr. Reining Vertreter von NSDAP, Hitler-Jugend, Reichsarbeitsdienst, Polizei, Staatsanwaltschaft und anderer staatlicher und kommunaler Stellen im September 1937 bei einer Besprechung in Dortmund unter dem Titel „Wie ist der Schutz sittlich gefährdeter Jugendlicher wirksam zu gestalten?” auf die „die furchtbare Gefahr der Pest der Homosexualität” ein. Reining forderte Wachsamkeit aller Beteiligten: „Leider ist es eine traurige Tatsache, daß Eltern, Erzieher und Lehrherren ihre Aufsichts- und Aufklärungspflicht oft in einem Maße vernachlässigen, daß sie ebensogut vor den Strafrichter gehörten wie die Verführer selbst.” Gemeinsam mit Landgerichtsdirektor Plöger berichtete er von Fällen aus den vergangenen Jahren. Der Bericht in der Dortmunder Tagespresse schloss mit den Worten: „Es ist uns oft verdacht worden, daß wir die Jugendschänder anprangerten, wo wir sie trafen. Die gestrige Zusammenkunft, in der verantwortungsvolle Männer und Frauen aus dem reichen Schatz ihrer leider oft sehr trüben Erfahrungen sprachen, war ein weiterer Beweis dafür, daß die Presse gar nicht genug Aufklärungsarbeit leisten kann und die Arbeit der Polizei und der Gerichte noch weit mehr unterstützen muß als bisher.”69
Rundfunkrede und Zeitungsartikel machten denn auch dreierlei deutlich: Erstens geschah die anschließende, in der Geschichte beispiellose Jagd auf homosexuelle Männer geschah in aller Öffentlichkeit. Zweitens spann Himmler nicht allein die Gestapo für diese Aufgabe ein, er machte sie zur Aufgabe der gesamten Polizei. Und drittens bot er jedem Regimetreuen willkommenen Anlass zur verstärkten Denunziation von homosexuellen Nachbarn oder Arbeitskollegen. Wie sich das auf Dortmund auswirkte, lässt sich nun wenigstens in Umrissen darstellen:
Die Kriminalpolizei und die Homosexuellenverfolgung
In den ersten vier Jahren des Regimes bis Januar 1937 wurden etwa 70 Männer verhaftet. Nur zwölf dieser Männer wurden nachts zwischen 21.00 und 6.00 Uhr in die Steinwache eingeliefert. Ein Drittel wurde zudem von Polizeirevieren und der der Steinwache benachbarten Bahnhofswache eingeliefert. Noch dazu wurden neun dieser Männer zur selben Zeit festgenommen.70 Zwar trat auch jetzt schon das für Sittlichkeitsdelikte zuständige 9. Kommissariat der Kriminalpolizei auf den Plan, doch deutet alles darauf hin, dass es noch keine gezielte Jagd auf homosexuelle Männer machte. Eher beiläufig ergriff es vereinzelt Männer aufgrund von Vergehen nach § 175. So nahm es im März und Juni 1934 drei Männer wegen Kuppelei und Zuhälterei fest, denen es zudem ein Vergehen nach § 175 zur Last legen konnte. Bereits Mitte Januar 1937, unmittelbar im Anschluss an die Himmler-Rede, lässt sich eine Veränderung feststellen: Die Einlieferungen seitens der Polizeireviere traten deutlich in den Hintergrund, das 9. Kommissariat dominierte von nun an die Homosexuellenverfolgung deutlich.
Insbesondere zwei Beamte dieses Kommissariats taten sich in der Homosexuellenverfolgung besonders hervor: Karl Wehmeyer und Fritz Bieder. Wehmeyer war, teils allein, teils mit einem Kollegen, an rund 250 Verhaftungen beteiligt. Bereits bei seinen ersten Einsätzen im Oktober 1936 war er nachts tätig, exakt die Hälfte seiner Verhaftungen nahm er zwischen 21.00 Uhr abends und 6.00 Uhr morgens vor. Besonders erfolgreich war seine Suche in den vier Stunden um Mitternacht: Zwischen 22.00 und 2.00 Uhr nahm er 102 Männer fest. Sein besonderer Eifer wurde ihm gelohnt, der Kriminalassistent wurde im Frühjahr 1937 zum Kriminaloberassistenten und im April 1939 zum Kriminalsekretär befördert. Wehmeyer blieb mindestens bis Mitte 1944 bei der Dortmunder Kripo. Nach Kriegsende diente er als Kriminalpolizeimeister bei der Dortmunder Stadtpolizei, wurde aber am 4. Oktober 1937 im Rahmen der Entnazifizierung entlassen.71 Ob er später im Rahmen der Amnestiegesetze wieder eingestellt wurde, muss derzeit offen bleiben. Sein Kollege Bieder, der ebenfalls als Kriminalassistent begonnen hatte, überstand das Ende des Regimes unbeschadet, 1964 wurde der Beamte des mittleren Polizeivollzugsdienstes als Kriminalhauptmeister in den Ruhestand versetzt.72 Auch ihn belohnte das Regime im Frühjahr 1937 mit einer Beförderung zum Kriminal-oberassistenten, eine weitere Beförderung unterblieb jedoch. Auch er stellte sehr häufig nachts homosexuellen Männern hinterher. Mit Kriegsbeginn trat Bieder zunächst nicht mehr in Erscheinung. Zwischen Februar und Mai 1941 nahm er erneut Verhaftungen vor.
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