Kitabı oku: «Die Kunst, sich zu verlieren»

Yazı tipi:

REBECCA SOLNIT

Die Kunst,
sich zu verlieren

Ein Wegweiser

Aus dem amerikanischen Englisch

von Michael Mundhenk


Inhalt

Offene Tür

Das Blau der Ferne

Gänseblümchenketten

Das Blau der Ferne

Verlassenheit und Hingabe

Das Blau der Ferne

Zwei Pfeilspitzen

Das Blau der Ferne

Eingeschossiges Haus

Literaturhinweise

Offene Tür

Das erste Mal betrank ich mich mit Elias’ Wein. Ich war acht oder so. Es war Passah, das Fest, an dem die Flucht aus Ägypten und, allgemeiner, die Freiheit gefeiert wird. Ich saß bei den Großen am Tisch, denn meine Eltern und dieses andere Ehepaar hatten zusammen insgesamt fünf Jungen, weshalb die Erwachsenen beschlossen hatten, es wäre besser für mich, ich würde von ihrer statt von meiner Generation ignoriert. Die Decke war orange-rot gemustert und der ganze Tisch voller Gläser, Teller, Schüsseln, Silberbestecke und Kerzen. Ich verwechselte den Stielkelch, der für den Propheten hingestellt worden war, mit meinem Schnapsglas, das direkt daneben stand und ebenfalls süßen rubinroten Wein enthielt, und trank versehentlich den Kelch aus. Als meine Mutter es schließlich merkte, ließ ich mich etwas zur Seite sacken und grinste leicht, doch als sie eine verärgerte Miene aufsetzte, spielte ich die Nüchterne statt die Beschwipste.

Sie war eine abtrünnige Katholikin, die andere Frau eine ehemalige Protestantin, aber die beiden Männer waren Juden, und die Frauen meinten, für die Kinder wäre es gut, den alten Brauch weiter zu pflegen. Weshalb für Elias das Passah-Weinglas hingestellt wurde. In manchen Versionen kehrt er am Ende der Zeit auf die Erde zurück und beantwortet alle unbeantwortbaren Fragen. In anderen wandert er, in Lumpen gehüllt, auf der Erde umher und beantwortet den Gelehrten schwierige Fragen. Ich weiß nicht, ob damals auch der Rest der Tradition befolgt und eine Tür aufgelassen wurde, damit er hereinkommen konnte, doch kann ich mir durchaus vorstellen, dass die orangefarbene Haustür oder eine der gläsernen Schiebetüren, die in den Garten dieses in einem kleinen Tal gelegenen, im Rancherstil gebauten Hauses führten, für die kühle Luft der Frühlingsnacht offen stand. Normalerweise schlossen wir die Türen immer ab, obwohl in diesem nördlichsten Wohngebiet des Countys nichts Unerwartetes die Straße herunterkam, außer Wild – Rehe, die in den frühen Morgenstunden mit ihren Hufen über den Asphalt klapp-klapp-klapperten, Waschbären und Stinktiere, die sich im Gebüsch versteckten. Dieses Öffnen der Tür für die Nacht, für die Prophezeiung und das Ende der Zeit wäre ein aufregender Verstoß gegen die üblichen Regeln gewesen. Und ich weiß auch nicht mehr, was sich mir durch den Wein eröffnete – vielleicht ein unbeschwerterer Abstand zu der Unterhaltung, die im wahrsten Sinne des Wortes über meinen Kopf hinweg stattfand, ein Gefühl der Gelassenheit in der plötzlich spürbaren Schwere eines kleinen Körpers auf diesem mittelgroßen Planeten.

Lass die Tür offen für das Unbekannte, die Tür in die Dunkelheit. Dort kommen die wichtigsten Dinge her, dort bist du selbst hergekommen, und dort wirst du auch wieder hingehen. Vor drei Jahren veranstaltete ich einen Workshop in den Rocky Mountains. Eine Studentin brachte ein Zitat mit, das, wie sie sagte, von dem vorsokratischen Philosophen Menon stammte. Es lautete: »Auf welche Weise willst du dasjenige suchen, wovon du ganz und gar nicht weißt, was es ist?« Ich schrieb es mir auf und habe es seither nicht mehr vergessen. Die Studentin machte großformatige transparente Unterwasserfotografien von Schwimmern und hängte sie an die Decke, damit das Licht durch sie hindurchscheinen konnte, sodass die Schatten der Schwimmer über einen hinwegglitten, während man sich in dem Raum bewegte, einem Raum, der selbst aquatisch und geheimnisvoll wirkte. Die Frage, die sie bei sich trug, schien mir die grundlegende taktische Frage des Lebens überhaupt zu sein. Die Dinge, die wir uns wünschen, sind transformativ, und wir wissen nicht oder glauben nur zu wissen, was auf der anderen Seite dieser Verwandlung liegt. Liebe, Weisheit, Würde, Inspiration – wie soll man diese Dinge suchen und finden, Dinge, bei denen es in gewisser Hinsicht auch darum geht, die Grenzen des Ichs auf unbekanntes Territorium zu erweitern, jemand anderes zu werden?

Auf jeden Fall ist das Unbekannte, die Idee oder Form oder Geschichte, die sich noch nicht eingestellt hat, das, was alle Künstler und Künstlerinnen finden müssen. Es ist ihre Aufgabe, Türen zu öffnen und Prophezeiungen, das Unbekannte, das Ungewohnte einzuladen – dort hat ihre Arbeit ihren Ursprung; hat es sich dann eingefunden, signalisiert dies den Beginn des langen, disziplinierten Prozesses, es sich zu eigen zu machen. Auch Wissenschaftler, wie J. Robert Oppenheimer einmal bemerkte, »leben immer am ›Rand des Mysteriums‹ – an der Grenze des Unbekannten«. Doch transformieren sie das Unbekannte in das Bekannte, holen es wie Fischer ein; Künstler und Künstlerinnen dagegen nehmen einen mit hinaus auf jene dunkle See.

Edgar Allan Poe verkündete: »Was philosophische Entdeckungen anbelangt, so lehrt uns alle Erfahrung, dass es bei solchen Entdeckungen das Unvorhergesehene ist, das wir am meisten in Rechnung stellen müssen.« Ganz bewusst setzt Poe den Begriff »in Rechnung stellen«, der ein kaltes Zusammenzählen von Fakten oder Zahlen impliziert, neben das »Unvorhergesehene«, das nicht gemessen oder gezählt, sondern nur antizipiert werden kann. Wie stellt man das Unvorhergesehene in Rechnung? Es scheint eine Kunst zu sein, die Rolle des Unvorhergesehenen zu erkennen, inmitten von Überraschungen das Gleichgewicht zu bewahren, mit dem Zufall zusammenzuarbeiten, zu begreifen, dass es auf der Welt einige grundlegende Mysterien gibt und das Berechnen, das Planen, das Lenken daher Grenzen hat. Das Unvorhergesehene in Rechnung zu stellen ist vielleicht genau die paradoxe Tätigkeit, die das Leben am meisten von uns verlangt.

An einem berühmten Mittwinterabend im Jahre 1817 unterhielt sich der Dichter John Keats auf dem Heimweg mit mehreren Freunden:

… manches leuchtete mir ein und plötzlich verstand ich, welche Eigenschaft es ist, die einen Mann bedeutend macht, besonders in der Literatur… ich meine die Negative Befähigung, das heißt, wenn jemand fähig ist, das Ungewisse, die Mysterien, die Zweifel zu ertragen, ohne alles aufgeregte Greifen nach Fakten und Verstandesgründen.

Auf die eine oder andere Art und Weise taucht dieser Gedanke immer wieder auf, wie die »Terra incognita« genannten Flecken auf alten Landkarten.

»Sich in einer Stadt nicht zurechtzufinden – das mag uninteressant und banal sein. Unkenntnis braucht es dazu – sonst nichts«, schreibt der Philosoph und Essayist Walter Benjamin. »In einer Stadt sich aber zu verirren – wie man in einem Wald sich verirrt –, das bedarf schon einer ganz anderen Schulung.« Sich verirren, verlieren: ein sinnliches Sich-Aufgeben, verloren in deinen Armen, verloren für die Welt, vollkommen eingetaucht in das, was gegenwärtig ist, sodass die Umgebung verblasst. Benjamin zufolge bedeutet sich verirrt zu haben, völlig gegenwärtig zu sein, und völlig gegenwärtig zu sein heißt, es auszuhalten im Ungewissen und Unergründlichen. Und man wird nicht in die Irre geführt, sondern man geht in die Irre, man verirrt sich, was bedeutet, dass es eine bewusste Wahl ist, ein selbst gewähltes Sich-Aufgeben, ein psychischer, mithilfe der Geografie erreichbarer Zustand.

Dasjenige, wovon man gar nicht weiß, was es ist, ist gewöhnlich genau das, was man finden muss, und es zu finden ist eine Frage des In-die-Irre-Gehens. »Lost«, das englische Wort für »verirrt«, für »verloren«, kommt vom altnordischen »los«, was so viel bedeutet wie die »Auflösung eines Heeres«; so verbindet sich die ursprüngliche Wortbedeutung mit der Vorstellung von Soldaten, die sich aus ihrer Formation lösen, um heimzukehren – ein Waffenstillstand mit der weiten Welt. Ich befürchte, heutzutage lösen viele nie ihre Heere auf, gehen nie über das hinaus, was sie wissen. Alles wirkt darauf hin: die Werbung, alarmierende Nachrichten, Technologien, die ständige Geschäftigkeit sowie die Gestaltung des öffentlichen und privaten Raumes. Ein kürzlich veröffentlichter Artikel über die Rückkehr wilder Tiere in die Vorstädte beschreibt schneebedeckte Gärten, die zwar voller Tierspuren sind, wo sich jedoch keine Fußabdrücke von Kindern finden. Was die Tiere anlangt, so sind die Vororte eine verlassene Landschaft, in der sie voller Selbstvertrauen umherstreifen. Kinder dagegen streifen nur selten umher, selbst in den sichersten Gegenden. Da ihre Eltern Angst haben vor den ungeheuerlichen Dingen, die passieren könnten (und auch tatsächlich passieren, aber nur selten), werden sie der wunderbaren Dinge beraubt, die ganz selbstverständlich geschehen. Mir gab das Umherstreifen in der Kindheit Eigenständigkeit, einen Richtungssinn, ein Gespür für Abenteuer, Fantasie, den Willen, etwas zu erforschen, mich ein bisschen zu verirren und dann den Weg zurück zu finden. Ich frage mich, wozu es wohl führt, wenn man die heutige Generation unter Hausarrest stellt.

In jenem Sommer in den Rockies, als ich Menons Frage hörte, wanderte ich mit den Studenten in eine Landschaft hinein, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Zwischen weißen Espensäulen wuchsen zierliche, kniehohe grüne Pflanzen, deren Blätter wie grüne Fächer, wie Hustenbonbons, wie Muscheln aussahen und deren Stängel sich mit ihren weißen und violetten Blüten im leichten Wind wiegten. Der Pfad führte zu einem Fluss hinunter, den die Bären gern besuchten. Als wir zurückkamen, wartete am Weganfang eine kräftige, sonnengebräunte Frau, die ich zehn Jahre zuvor kurz kennengelernt hatte. Dass sie mich erkannte und ich mich an sie erinnerte, war eine Überraschung; dass wir uns nach diesem zweiten Treffen anfreundeten, das war mein Glück. Sallie war schon lange Mitglied des Bergrettungsdienstes, und als wir sie an jenem Tag trafen, war sie auf einem Routineeinsatz – eine jener Suchaktionen nach verirrten Wanderern, die, wie sie sagte, normalerweise irgendwo in der Nähe der Stelle wieder auftauchen, an der sie auch verschwunden sind. Sie lauschte an ihrem Funkgerät und passte auf, wer den Weg heraufkam, einer der Wege, auf dem die verirrte Gruppe voraussichtlich auftauchen würde, und so fand sie mich. In jener Gegend sehen die Rockies aus wie zerknitterter Stoff, eine steile Landschaft aus Bergkämmen und Tälern, die in die verschiedensten Richtungen verlaufen, wo es leicht ist, sich zu verirren, und nicht allzu schwer, wieder herauszufinden, immer zu den Straßen hinab, die durch viele Talsohlen führen. Für die freiwilligen Mitarbeiter des Bergrettungsdienstes jedoch ist jede Rettungsaktion ein Ausflug ins Unbekannte. Sie können einen dankbaren Menschen finden oder eine Leiche, sie können die Gesuchten schnell oder erst nach wochenlangem intensiven Einsatz finden, oder aber sie finden die Vermissten oder lösen deren Geheimnis nie.

Drei Jahre später fuhr ich zurück, um Sallie und ihre Berge zu besuchen und sie zu fragen, wie es mit dem Sich-Verirren sei. Im Laufe meines Besuches wanderten wir einmal entlang der Kontinentalscheide, auf einem Weg, der aus einer Höhe von 3600 Metern anstieg und über Grate führte und durch die alpine Tundra, die sich oberhalb der Baumgrenze wie ein Teppich ausbreitet. Während wir immer weiter emporstiegen, eröffnete sich uns ein Blick in alle Richtungen, bis unser Weg die Mittelnaht einer Welt zu sein schien, die am gesamten Horizont von gezackten blauen Bergketten gesäumt war. Der Begriff »Kontinentalscheide« ließ das Bild von Wasser entstehen, das zu beiden Ozeanen hinabfließt, von einem Rückgrat der Berge, das sich fast über den gesamten Kontinent erstreckt, es rief die Vorstellung von den vier strahlenförmig von dort ausgehenden Himmelsrichtungen hervor und vermittelte, wenn nicht im praktischsten, so doch im metaphysischsten Sinne, ein Gefühl davon, wo man gerade war. Ich wäre ewig weiter in diese Gipfelwelt hineingelaufen, doch ein Donnern in den zusammengeballten Wolken und ein langer Blitzstrahl ließen Sallie umkehren. Auf dem Weg hinunter fragte ich sie, welche Rettungsaktionen sie besonders deutlich in Erinnerung habe. Bei einem ihrer Einsätze hatten sie versucht, einen Mann zu retten, der, wie sich herausstellte, von einem Blitz erschlagen worden war, was dort oben keine ungewöhnliche Todesart ist, weshalb wir jetzt auch von diesem herrlichen Bergkamm hinabstiegen.

Beim Abstieg erzählte sie mir von einem verirrten elfjährigen Jungen, der nicht nur taub war, sondern, da er an einer degenerativen Krankheit litt, die letztendlich sein Leben verkürzen sollte, auch langsam das Augenlicht verlor. Er war in einem Ferienlager gewesen, und die Betreuer hatten mit den Kindern einen Ausflug gemacht und dann Verstecken mit ihnen gespielt. Er musste sich zu gut versteckt haben, denn als der Tag vorüber war, konnte ihn niemand finden, und er selbst fand auch nicht zurück. Der Rettungsdienst wurde gerufen, als es bereits dunkel war, und Sallie brach mit einem unguten Gefühl in das sumpfige Gebiet auf und mit der Erwartung, dass sie in der fast frostigen Nacht nur noch eine Leiche finden würden. Sie durchkämmten die ganze Gegend, und gerade, als die Sonne über den Horizont kam, hörte Sallie schließlich ein Pfeifen und rannte los. Es war der Junge, der vor Kälte zitternd in eine Pfeife blies; sie nahm ihn in die Arme, und dann streifte sie die meisten ihrer Sachen ab und zog sie ihm über. Er hatte alles richtig gemacht – seine Pfeife war nicht laut genug gewesen, dass die Betreuer sie bei dem Rauschen des Flusses hätten hören können, aber er hatte bis zum Einbruch der Dunkelheit gepfiffen, sich dann zwischen zwei umgestürzten Bäumen zusammengerollt und, sobald es hell wurde, wieder zu pfeifen begonnen. Er strahlte, weil er gefunden worden war, und sie war in Tränen aufgelöst, weil sie ihn gefunden hatte.

Rettungsmannschaften haben das Finden zu einer Kunst und das In-die-Irre-Gehen zu einer Wissenschaft gemacht, obwohl die Hälfte aller Einsätze, wenn nicht sogar mehr, zum Ziel hat, Verletzte zu bergen oder Gestrandete zu retten. Heutzutage ist die einfachste Antwort auf die Frage, warum Menschen sich im buchstäblichen Sinne verirren, die Tatsache, dass viele einfach nicht aufpassen, nicht wissen, was sie tun sollen, wenn sie merken, dass sie nicht zurückfinden, oder nicht zugeben, dass sie es nicht wissen. Es ist eine Kunst, auf das Wetter zu achten, auf den Weg, auf die Orientierungspunkte entlang des Weges, darauf, dass der Rückweg, wenn man sich umdreht, vollkommen anders aussieht als der Hinweg, es ist eine Kunst, die Sonne, den Mond und die Sterne zu lesen und sich an ihnen zu orientieren, auf die Richtung, in die das Wasser fließt, achtzugeben, auf die tausend Dinge, die aus der Wildnis einen Text machen, der von Lesekundigen entziffert werden kann. Die Verirrten können diese Sprache oft nicht lesen, diese Sprache der Erde, oder sie halten nicht inne, um es zu tun. Und es gibt auch noch eine andere Kunst, im Unbekannten zu Hause zu sein, sodass man, wenn man sich mittendrin befindet, nicht in Panik ausbricht oder Schaden leidet: die Kunst, in der Irre zu Hause zu sein. Diese Fähigkeit ist vielleicht gar nicht so weit entfernt von Keats’ Fähigkeit, »das Ungewisse, die Mysterien, die Zweifel zu ertragen«. (Heute wird diese Fähigkeit durch Mobiltelefone und das Globale Positionierungssystem GPS ersetzt, mit deren Hilfe immer mehr Menschen ihre eigene Rettung wie Pizza bestellen, auch wenn es noch immer viele Gegenden ohne Funksignale gibt.)

Jäger verirrten sich in diesem Teil der Rockies oft, erzählte mir Sallies Freundin Landon, während sie an ihrem Schreibtisch saß, umgeben von Bildern von ihrer Familie und von den Tieren der Ranch, die sie mit ihrem Mann betrieb, denn bei der Jagd auf Wild kämen sie ständig vom Weg ab. Sie erzählte mir von einem Rotwildjäger, der sich auf einem Plateau, wo die einander gegenüberliegenden Gipfel identisch aussehen, umblickte. Dort, wo er stand, wurde eine dieser Gipfelgruppen von Bäumen verdeckt, weshalb er dann später genau in die falsche Richtung weiterging. Überzeugt davon, dass er hinter dem nächsten oder übernächsten Bergkamm am Ziel wäre, ging er den ganzen Tag und die ganze Nacht weiter, erschöpfte allmählich seine Kräfte, kühlte zunehmend aus und begann dann irgendwann, aufgrund von Wahnvorstellungen, die mit einer starken Unterkühlung einhergehen, sich heiß zu fühlen und seine Kleider abzuwerfen, was dazu führte, dass er eine Spur von Kleidungsstücken hinterließ, der man auf den letzten Kilometern folgen konnte. Kinder, meinte Landon, könnten sich gut verirren, denn »das Überleben hängt entscheidend davon ab, ob man weiß, dass man sich verirrt hat«: Sie irren nicht weit umher, rollen sich nachts an einem geschützten Ort zusammen, wissen, dass sie Hilfe brauchen. Landon erzählte von den alten Fertigkeiten und Instinkten, die man in der Wildnis braucht, und von der geradezu unheimlichen Intuition ihres Mannes, die sie genauso zu jenen Fähigkeiten zählt wie all die konkreten Techniken des Sich-Zurechtfindens, des Spurenlesens und des Überlebens, die sie gelernt hatte. Einmal hatte er ein Schneemobil bis direkt vor die Füße eines Arztes gefahren, der sich verirrt hatte, als ein Spaziergang bei mildem Winterwetter in einem dichten Schneesturm endete; von einem unerklärlichen Instinkt geleitet, hatte er gewusst, wo der frierende Mann war: abseits des Weges und am anderen Ende einer verschneiten Wiese. Ein Rancharbeiter hatte erzählt, wie eigenartig eine andere Rettungsaktion gewesen sei, weil sie, statt zu rufen, stumm in die Schneenacht hinausgegangen waren. Der Rancher hatte nicht gerufen, weil er wusste, in welche Richtung er gehen musste, und blieb dann am Rand des Felsvorsprungs stehen, unter dem der verirrte Skiläufer festsaß. Dieser hatte versucht, am Wildbach entlang zurückzufinden, was normalerweise eine gute Strategie ist, doch dieser Bach wurde immer schmaler und tiefer, bis er eine Reihe von Wasserfällen bildete und steil hinabstürzte. Und so saß der Skiläufer, zusammengekauert, den Pullover über die Knie gezogen, unter einem Felsvorsprung fest. Sein Pullover war so hart gefroren, dass man den Mann fast aus ihm herausmeißeln musste.

Mir selbst brachte ein Outdoorexperte bei, dass man auf jeder noch so kleinen Wanderung immer Regenkleidung, Wasser und andere Vorräte bei sich haben sollte, dass man darauf vorbereitet sein sollte, lange Zeit im Freien zu verbringen, da Pläne oft schiefgingen und man sich im Hinblick auf das Wetter nur auf eins verlassen könne, nämlich, dass es sich ändert. Ich besitze keine besonderen Fertigkeiten, doch scheine ich auf Straßen und Wanderwegen und Highways und manchmal auch beim Querfeldeinwandern mit dem In-die-Irre-Gehen immer nur zu kokettieren und lediglich den Rand des Unbekannten, der die Sinne schärft, zu streifen. Ich mag es, vom Weg abzuweichen, das mir bekannte Terrain zu verlassen, ein paar Extrakilometer zu gehen und auf einem anderen Weg zurückzufinden, mit einem Kompass, der der Landkarte widerspricht, mit den gegensätzlichen anekdotischen Richtungsangaben von Fremden. Nächte allein in Motels in abgelegenen Orten im Westen, wo ich niemanden kenne und wo niemand, den ich kenne, weiß, wo ich bin, Nächte mit den seltsamen Bildern, den geblümten Bettdecken und dem Kabelfernsehen, die mir eine Atempause von meiner eigenen Lebensgeschichte verschaffen, wo ich, um mit Benjamin zu sprechen, mich verirrt, mich verloren habe, obwohl ich weiß, wo ich bin. Augenblicke, wo ich mir, wenn meine Füße oder mein Auto einen Bergkamm überqueren oder um eine Ecke biegen, sage, dass ich diesen Ort noch nie gesehen habe. Zeiten, wo mir eine architektonische Einzelheit oder Perspektive, die mir während all dieser Jahre entgangen war, sagt, dass ich nie wirklich wusste, wo ich war, selbst bei mir zu Hause nicht. Geschichten, die das Bekannte wieder verfremden, wie die Geschichten, die die verschwundenen Landschaften, die verschwundenen Friedhöfe, die verschwundenen Tier- und Pflanzenarten aus der Umgebung meiner Wohnung wieder zum Vorschein brachten. Unterhaltungen, die alles um sie herum verschwinden lassen. Träume, die ich vergesse, bis mir klar wird, dass sie alles gefärbt haben, was ich an jenem Tag gefühlt und getan habe. Sich dergestalt zu verlieren scheint mir der Beginn eines Prozesses zu sein, bei dem man seinen eigenen oder einen anderen Weg findet, wenngleich man sich auch noch auf andere Weise verirren kann.

Im 19. Jahrhundert scheinen Amerikaner selten auf so katastrophale Weise in die Irre gegangen zu sein wie die Menschen, die heute von Rettungsmannschaften verirrt oder tot geborgen werden. Ich machte mich auf die Suche nach ihren Geschichten darüber, wie sie sich verirrt hatten, und stellte fest, dass es für diejenigen, die keinen vollgepackten Zeitplan hatten, die sich aus der Natur ernähren konnten, die Fährten lesen konnten, die sich in noch unkartografierten Gegenden an Himmelskörpern, Wasserwegen und mündlichen Wegbeschreibungen orientieren konnten, keine Katastrophe war, einen Tag oder auch eine Woche vom Weg abzukommen. »Ich habe mich in meinem ganzen Leben nie in den Wäldern verirrt«, sagte Daniel Boone, »obwohl ich einmal drei Tage lang verwirrt war.« Für Boone ist das eine legitime Unterscheidung, da er es letztendlich schaffte, wieder dorthin zurückzufinden, wo er sich auskannte, und wusste, was er in der Zwischenzeit tun musste. Die gefeierte Rolle, die Sacajawea bei der Lewis-und-Clark-Expedition spielte, war in erster Linie nicht die einer Kundschafterin; sie machte ihnen, wenn sie sich verirrt hatten, das Leben durch ihre Kenntnis nützlicher Pflanzen leichter, durch ihre Sprachkenntnisse, dadurch, dass sie und ihr Baby den Indianerstämmen, denen sie begegneten, klarmachten, dass es sich nicht um einen Kriegstrupp handelte, und vielleicht auch durch ihr Gespür dafür, dass die ganze Landschaft ein Zuhause war, zumindest für irgendjemanden. Genau wie sie fühlten sich viele weiße Scouts, Trapper und Forschungsreisende im Unbekannten zu Hause, denn obwohl ihnen eine bestimmte Gegend nicht vertraut gewesen sein konnte, war die Wildnis als solche in vielen Fällen ihre Wahlheimat. »Forschungsreisende«, schrieb mir der Historiker Aaron Sachs als Antwort auf eine Frage,

verirrten sich ständig, da sie in diesen Gegenden noch nie gewesen waren. Sie haben nie erwartet, genau zu wissen, wo sie gerade waren. Gleichzeitig kannten sich viele jedoch ziemlich gut mit ihren Messgeräten aus, und auch ihre Route kannten sie einigermaßen genau. Meiner Meinung nach war ihre wichtigste Eigenschaft einfach ein Gefühl von Optimismus, dass sie überleben und sich zurechtfinden würden.

Verirrt zu sein, halfen mir meine Gesprächspartner zu verstehen, war hauptsächlich ein Geisteszustand, und das trifft auf all die metaphysischen und metaphorischen Verirrungen genauso zu wie auf das Herumstolpern in irgendwelchen entlegenen Gegenden.

Die Frage ist also, wie man sich verirren soll. Sich nie zu verirren heißt, nicht zu leben, nicht zu wissen, wie das In-die-Irre-Gehen einen in den Untergang führt, und irgendwo in der Terra incognita dazwischen liegt ein Leben voller Entdeckungen. Zusammen mit seinen eigenen Worten schickte Sachs mir ein paar Zeilen von Thoreau, für den es ein und dieselbe Kunst ist, sich im Leben, in der Wildnis und in der Welt der Bedeutungen zu orientieren, und der innerhalb eines einzigen Satzes auf subtile Weise von einem zum anderen überwechselt. »Es ist eine ebenso überraschende und merkwürdige wie wertvolle Erfahrung, sich im Walde zu irgendeiner Zeit zu verirren«, schrieb er in Walden.

Erst bis wir uns ganz verirrt oder umgedreht haben – denn der Mensch braucht nur einmal in dieser Welt mit geschlossenen Augen herumgedreht zu werden, um verirrt zu sein –, lernen wir die Weite und Fremdartigkeit der Natur schätzen. Nicht eher, als bis wir verloren sind – mit anderen Worten: bis wir die Welt verloren haben –, fangen wir an, uns selbst zu finden und gewahr zu werden, wo wir sind und wie endlos ausgedehnt unsere Verbindungen sind.

Thoreau spielt hier mit der biblischen Frage, was es dem Menschen hülfe, so er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele. Verliere die ganze Welt, erklärt er, verliere dich in ihr und finde deine Seele.

»Auf welche Weise willst du dasjenige suchen, wovon du ganz und gar nicht weißt, was es ist?« Jahrelang trug ich Menons Frage mit mir herum, und dann, als so ziemlich alles schiefging, brachten mir Freunde und Freundinnen lauter Geschichten, eine nach der anderen, die, wenn schon keine Antworten, so doch zumindest Meilensteine und Wegweiser zu sein schienen. May schickte mir aus heiterem Himmel ein langes Zitat von Virginia Woolf, das sie in runden schwarzen Buchstaben auf dickes unliniertes Papier geschrieben hatte. Es handelte von einer Mutter und Ehefrau, allein, am Ende eines Tages:

Denn jetzt brauchte sie über niemanden nachzudenken. Sie konnte sie selbst sein, allein sein. Und das war es, wonach sie jetzt oft das Bedürfnis verspürte – nachzudenken; nein, nicht einmal nachzudenken. Still zu sein; allein zu sein. All das Sein und Tun, das raumgreifende, glitzernde, vernehmliche, verdunstete; und man schrumpfte, mit einem gewissen Gefühl der Feierlichkeit, darauf zusammen, man selbst zu sein, ein keilförmiges Kerngehäuse im Dunkeln, etwas für andere Unsichtbares. Obwohl sie zu stricken fortfuhr und aufrecht saß, empfand sie sich gerade so; und dies Ich, das seine Bindungen abgeworfen hatte, war frei für die seltsamsten Abenteuer. Wenn das Leben für einen Augenblick Ruhe gab, schien die Reichweite der Erfahrung grenzenlos … Darunter ist es ganz dunkel, weitet sich alles, ist es unauslotbar tief; doch ab und zu steigen wir an die Oberfläche, und das ist es, wodurch man uns sieht. Ihr Horizont erschien ihr grenzenlos.

Diese Passage aus Zum Leuchtturm erinnerte mich an eine andere Arbeit von Virginia Woolf, die ich bereits kannte, nämlich ihren Essay über das Spazierengehen, in dem sie erklärte:

Wenn wir an einem schönen frühen Abend zwischen vier und sechs aus dem Haus treten, werfen wir das Ich ab, an dem uns unsere Freunde erkennen, und werden Teil jener großen republikanischen Armee anonymer Wanderer, deren Gesellschaft so angenehm ist nach der Einsamkeit des eigenen Zimmers … In jedes dieser Leben konnte man ein kleines Stück eindringen, weit genug, um sich der Illusion hinzugeben, dass man nicht an einen einzigen Geist gebunden ist, sondern kurz, für einige Minuten, Körper und Geist anderer anlegen kann.

Für Woolf war das Sich-Verlieren nicht so sehr eine Frage der Geografie als der Identität, ein leidenschaftlicher Wunsch, ja sogar eine dringende Notwendigkeit, niemand und jeder zu werden, die Ketten abzuwerfen, die einen daran erinnern, wer man ist, wer man anderen zufolge ist. Denjenigen, die in fremde Gegenden und entlegene Refugien reisen, ist diese Auflösung der Identität vertraut, doch Woolf, mit ihrer feinen Wahrnehmung der Schattierungen des Bewusstseins, konnte sie auf einem Spaziergang die Straße hinunter finden, in einem kurzen Augenblick der Einsamkeit in einem Lehnstuhl. Woolf war keine Romantikerin, feierte nicht die Art des Sich-Verlierens, die die erotische Liebe vorstellt, wo die geliebte Person als Einladung gesehen wird, das zu werden, was man insgeheim, latent bereits ist – wie eine Zikade, die unter der Erde darauf wartet, bis sie in siebzehn Jahren gerufen wird –, diese Liebe für den anderen, die auch den Wunsch darstellt, im Mysterium anderer im eigenen Mysterium zu leben. Ihre Art des Sich-Verlierens war, genau wie die von Thoreau, einsam.

Malcolm erwähnte, vollkommen unvermittelt, die im Norden Zentralkaliforniens lebenden Wintu, die zur Beschreibung ihres Körpers nicht die Wörter »links« und »rechts« heranziehen, sondern die Himmelsrichtungen. Ich war völlig hingerissen von dieser Schilderung einer Sprache und der ihr zugrunde liegenden kulturellen Vorstellungswelt, in der das Ich nur in Bezug auf den Rest der Welt existiert, es kein Du ohne Berge gibt, ohne Sonne, ohne Himmel. Wie Dorothy Lee schreibt:

Wenn ein Wintu flussaufwärts geht, sind die Berge im Westen, der Fluss ist im Osten, und eine Mücke sticht ihn in den westlichen Arm. Wenn er zurückkehrt, sind die Berge immer noch im Westen, aber wenn er sich an dem Mückenstich kratzt, dann kratzt er sich den östlichen Arm.

In dieser Sprache ist das Selbst nie so verloren, wie viele Menschen heutzutage verloren sind, wenn sie sich in der Wildnis verirren, ohne die Himmelsrichtungen zu kennen, ohne ihre Beziehung nicht nur zu ihrer Wegroute, sondern auch zum Horizont und dem Licht und den Sternen im Auge zu behalten, doch jemand, der diese Sprache spricht, wäre verloren ohne eine Welt, mit der er in Verbindung treten kann, wäre verloren in den modernen Schattenwelten von U-Bahnen und Kaufhäusern. In der Sprache der Wintu ist die Welt stabil und man selbst ist bedingt, ist, losgelöst von seiner Umgebung, nichts.

Ich habe nie von einem ausgeprägteren Orts- und Richtungssinn gehört, doch ist dieses Richtungsbewusstsein in eine fast verlorene Sprache eingebettet. Vor zehn Jahren lebten noch sechs bis zehn Muttersprachler des Wintu, sechs bis zehn Menschen, die eine Sprache fließend sprachen, in der das Ich nicht das autonome Gebilde war, für das wir es halten, wenn wir unser »Rechts« und »Links« mit uns herumtragen. Die letzte Muttersprachlerin des nördlichen Wintu, Flora Jones, starb 2003, doch Matt Root, der Mann, der mir diese Information per Mail zukommen ließ, erwähnte auch, dass drei Wintu und ein Pit-River-Nachbar »noch Teile der alten Wintu-Umgangssprache und ihres Aussprachesystems kennen«. Er selbst habe die Sprache studiert und hoffe, sie werde wieder aufleben, sodass sein Volk beginnen könne,

durch unsere Sprache Verbindungen zu unserer Vergangenheit herzustellen. Die Weltsicht der Wintu ist in der Tat einzigartig; unsere enge Vertrautheit mit unserer Umwelt rundet diese Einzigartigkeit ab, und die zukünftige Neuansiedlung von Menschen in unseren traditionellen Gebieten sowie die Wiedereinführung unserer Kultur und Geschichte werden dazu führen, dass die alten Narben langsam wieder verheilen können, die Narben der Umsiedlung und des offenen Genozids. Die Wegbereiter unseres heutigen Sprachverlusts.

Oder, wie es in einem 2004 veröffentlichten Artikel über die einhundert rasch aussterbenden Indianersprachen Kaliforniens heißt:

Solch eine Sprachendifferenzierung kann durchaus mit einer ökologischen Differenzierung verknüpft sein. Nach dieser Sichtweise haben die Menschen ihre Wörter den ökologischen Nischen, die sie bewohnten, angepasst – und Kaliforniens äußerst vielfältige Ökologie förderte seine linguistische Vielfalt. Diese Theorie wird unterstützt durch Landkarten, die zeigen, dass es in Gebieten mit einem größeren Artenreichtum auch mehr Sprachen gibt.

Es wäre eine schöne Vorstellung, dass die Wintu einst in einer so perfekten Welt lebten, dass sie alle Grenzen kannten und nie die Erfahrung machten, sich verirrt zu haben oder verloren zu sein, doch das Leben ihrer nördlichen Nachbarn, der Achumawi- oder Pit-River-Indianer, legt nahe, dass das wahrscheinlich nicht der Fall war. Als ich einmal Freunde bei einer Aufführung in einem Stadtpark treffen wollte und sie in der Menschenmenge nicht finden konnte, ging ich in ein Antiquariat und entdeckte ein altes Buch. Darin schreibt Jaime de Angulo, der wilde spanische Erzähler und Anthropologe, der vor achtzig Jahren eine beträchtliche Zeit bei diesem Volk verbrachte:

Ich möchte jetzt von einem seltsamen Phänomen berichten, das unter den Pit-River-Indianern auftritt. Die Indianer nennen es auf Englisch »wandering«. Sie sagen über einen bestimmten Menschen: »Er wandert gerade« oder »Er hat angefangen zu wandern«. Für manch einen scheint es bei bestimmten seelischen Belastungen einfach zu schwer zu sein, das Leben in der gewohnten Umgebung auszuhalten. Solch ein Mensch beginnt zu wandern. Ziellos streift er durchs Land. Hier und dort verweilt er kurz in den Lagern von Freunden oder Verwandten, doch dann zieht er weiter, bleibt nirgendwo länger als ein paar Tage. Nie drückt er seinen Schmerz, seinen Kummer oder seine Sorge äußerlich aus … Der Wanderer, ob Mann oder Frau, meidet Lager und Dörfer, bleibt lieber in wilden, einsamen Gegenden, auf den Gipfeln der Berge, am Grund der Canyons.

Dieser Wanderer ist gar nicht so weit entfernt von Woolf – auch sie kannte die Verzweiflung und den Wunsch nach dem, was die Buddhisten »Erlöschen« nennen, ein Wunsch, der sie schließlich, die Manteltaschen voller Steine, in einen Fluss trieb. Hier geht es nicht darum, dass man sich verirrt hat, sondern darum, dass man sich verlieren will.

De Angulo schreibt weiter, dass das Wandern zum Tod, zur Hoffnungslosigkeit, zum Wahnsinn, zu verschiedenen Formen der Verzweiflung führen kann, aber auch zu Begegnungen mit anderen Mächten in den entlegeneren Gegenden, in die ein Wanderer ziehen kann. Er endet mit den Worten:

Wenn man selbst schon ziemlich wild geworden ist, dann kommen vielleicht einige der wilden Wesen und schauen sich einen an, und eins von ihnen wendet einem vielleicht seine Aufmerksamkeit zu, nicht, weil man leidet und friert, sondern einfach, weil es zufällig mag, wie man aussieht. Wenn dies geschieht, ist das Wandern vorbei, und der Indianer wird Schamane.

Man verliert sich, weil man den Wunsch hat, sich zu verlieren. Doch dort, wo man sich verliert, findet man seltsame Dinge, merkt de Angulos Herausgeber an: »Die Alten sagen, alle Weißen sind Wanderer.«

Während jener langen Zeit, als die Geschichten nur so auf mich einprasselten, gab ich eine Lesung in einer Bar in einer Straße, die früher einmal am Wasser entlang verlief, bevor das Ufer aufgefüllt wurde, um an der Nordküste der Halbinsel, auf der San Francisco liegt, noch ein paar Häuserblöcke herauszuquetschen. Ich las ein kurzes Stück, das mit einem Wolkenbruch endete, und ein zweites über die See, und dann ging ich mir einen Drink holen. Carol, die Frau des Mannes, der mich zu der Lesung eingeladen hatte, winkte mich zu dem Barhocker neben sich herüber und erzählte mir schließlich von dem Tätowierkünstler, der über viele Jahre ihr Nachbar gewesen war. Er war jahrzehntelang ein Junkie gewesen, und irgendwann hatte sich dann an seiner Hand, dort, wo er sich einen Schuss gesetzt hatte, Schorf entzündet. Er landete mit einer fast tödlichen systemischen Infektion im Krankenhaus, und es musste ihm der Arm, der rechte Arm, der Arm, mit dem er arbeitete, amputiert werden. Doch am Ende jener langen Zeit, als er bis an den Rand des Todes gegangen und wieder zurückgekehrt war, meinte der Arzt zu seiner Verwunderung, er sei von seiner Abhängigkeit geheilt. Er wurde zwar ohne sein Handwerk, aber »clean« aus dem Krankenhaus entlassen und musste bei null anfangen, ein ebenso abruptes und überwältigendes In-die-Welt-geworfen-Werden wie die Geburt. Auf den Arm war ein Drache tätowiert gewesen, der jetzt bis auf den Kopf völlig verschwunden war.

Meine Freundin Suzie erzählte mir, während ich sie von jener Bar nach Hause fuhr, von der wahren Bedeutung der Figur der Justitia, die mit verbundenen Augen eine Waage in der Hand hält. Suzie malte ihre eigenen Tarotkarten und durchdachte dabei jede Karte neu. Justitia stand, laut einem Buch über die antike Mythologie, vor den Toren des Hades und entschied, wer hineindurfte; in den Hades einzugehen bedeutete, auserwählt zu sein für eine Verfeinerung durch Leiden, Abenteuer und Verwandlung, ein Weg der Bestrafung, dessen Belohnung das verwandelte Selbst ist. Das warf ein anderes Licht auf den Gang in die Hölle. Und es legte nahe, dass die Gerechtigkeit viel komplizierter und unberechenbarer ist, als wir es uns oft vorstellen, dass das Ende weiter weg als erwartet und viel schwerer abzuschätzen ist, wenn am Ende alles ausgeglichen sein soll. Außerdem legt es nahe, dass ein behagliches Leben zu führen bedeuten kann, auf der Strecke geblieben zu sein. Geh in die Hölle, doch wenn du dort bist, geh weiter und komm am anderen Ende wieder heraus! Schließlich malte Suzie eine Gruppe am Lagerfeuer, ihr Bild der Gerechtigkeit, und meinte, für sie sei Gerechtigkeit, wenn man sich auf dem Weg gegenseitig hilft. An einem anderen Abend erzählte mir ihr Partner David von einem seiner Bekannten, einem Biologen auf Hawaii, der neue Arten entdeckt, indem er sich absichtlich im Regenwald verirrt. Das dichte Blattwerk und der bedeckte Himmel machen einem diese Aufgabe dort leichter als auf dem Hochplateau der Wintu.

David fotografierte schon seit Jahren im Regenwald von Hawaii und anderswo gefährdete Arten, und seine Bildersammlung und Suzies Tarotkarten schienen irgendwie zusammenzupassen. Da viele Arten verschwinden, wenn ihr Lebensraum verschwindet, fotografierte er sie vor dem Nichts eines schwarzen Hintergrunds (was manchmal bedeutete, dass er an den unmöglichsten Orten und im unerbittlichsten Klima ein schwarzes Samttuch aufhängen musste), wodurch jedes Tier, jede Pflanze, allein vor dem Dunkel, wie für eine Porträtaufnahme arrangiert schien. Und die Bilder sahen auch aus wie Karten, Karten aus dem Kartenspiel der Welt, wo jedes Tier eine Geschichte beschreibt, eine Art des Daseins in der Welt, ein Bündel von Möglichkeiten, ein Spiel, aus dem ständig Karten weggeworfen werden, eine nach der anderen. Pflanzen und Tiere sind auch eine Sprache, selbst in unserem reduzierten, domestizierten Englisch, wo Kinder wie Unkraut wachsen oder auf Rosen gebettet sind, wo der Markt aus Bullen und Bären besteht und die Politik aus Falken und Tauben. Wie Karten, so kann auch die Flora und Fauna immer wieder gelesen werden, nicht nur für sich allein, sondern im Zusammenhang, in den sich endlos verändernden Zusammenhängen einer Natur, die ihre eigenen Geschichten erzählt und die unseren färbt, eine Natur, die wir zunehmend verlieren, ohne überhaupt das Ausmaß dieses Verlusts zu erkennen.

Tatsächlich hat der Begriff des »Verlierens« zwei verschiedene Bedeutungen. Dinge zu verlieren hat damit zu tun, dass Bekanntes wegfällt; sich zu verlieren hat damit zu tun, dass Unbekanntes auftaucht. Es gibt Dinge und Menschen, die verschwinden, und dann sieht, kennt oder besitzt man sie nicht mehr – man verliert ein Armband, einen Freund, einen Schlüssel. Aber man weiß immer noch, wo man selbst ist. Alles ist vertraut, nur dass da ein Gegenstand weniger ist, ein fehlendes Element. Verliert man dagegen sich, ist die Welt größer geworden als das Wissen, das man von ihr hat. So oder so entsteht ein Verlust an Kontrolle. Man stelle sich vor, man strömt durch die Zeit und legt Handschuhe, Schirme, Schraubenschlüssel, Bücher, Freunde und Freundinnen, Wohnungen, Namen ab. So sieht die Welt aus, wenn man sich mit dem Rücken zur Fahrtrichtung in einen Zug setzt. Blickt man nach vorn, erfährt man ständig Momente der Ankunft, Momente der Erkenntnis, Momente der Entdeckung. Der Wind weht einem die Haare zurück, und man wird von Dingen begrüßt, die man noch nie gesehen hat. Das Materielle fällt angesichts der auf einen einstürmenden Eindrücke von einem ab. Es schält sich ab wie die Hüllen einer sich häutenden Schlange. Die Vergangenheit zu vergessen bedeutet natürlich, das Gefühl von Verlust zu verlieren, das auch eine Erinnerung an einen fehlenden Reichtum darstellt und eine Reihe von Anhaltspunkten liefert, mit deren Hilfe man sich in der Gegenwart orientieren kann; die Kunst besteht nicht darin, zu vergessen, sondern darin, loszulassen. Ist alles andere verschwunden, so kann man durchaus reich an Verlusten sein.

Schließlich machte ich mich auf die Suche nach Menon. Ich hatte gedacht, seine Frage sei Teil einer Sammlung von Aphorismen oder Fragmenten, wie beispielsweise den Fragmenten des Heraklit. Ich sah deutlich ein Buch vor mir, das gar nicht existiert. Sollte ich es je gewusst haben, so hatte ich wieder vergessen, dass Menon der Titel eines Dialogs von Platon ist. Sokrates tritt gegen den Sophisten Menon an und macht seinen Gegner, wie in allen manipulierten Boxkämpfen Platons, zunichte. Manchmal sehe ich beim Spazierengehen etwas, was aus einer gewissen Entfernung wie ein Edelstein oder eine Blume aussieht und sich ein paar Schritte später als ein Stück Abfall erweist. Doch bevor es deutlich zu erkennen ist, sieht es wunderschön aus. Genauso ist es auch mit Menons Frage, vielleicht allerdings nur in der blumigen Übersetzung, in der ich sie zuerst, aus dem Zusammenhang gerissen, gehört hatte. Sokrates antwortet auf jene Frage:

Ich begreife, was du sagen willst, Menon! Siehst du, daß es eine eristische Frage ist, die du vorbringst? Daß es nämlich einem Menschen nicht möglich sei, etwas zu erforschen, weder das, was er weiß, noch das, was er nicht weiß? Denn das, was er weiß, wird er wohl nicht erforschen wollen; er weiß es ja, und für so etwas braucht es kein Erforschen mehr. Aber auch das nicht, was er nicht weiß, denn da weiß er ja nicht, was er erforschen soll.

Das Entscheidende ist nicht, dass Elias eventuell eines Tages auftaucht. Das Entscheidende ist, dass die Türen jedes Jahr für die Dunkelheit offen gelassen werden. Die jüdische Tradition besagt, dass manche Fragen wichtiger sind als die Antworten, und das ist auch hier der Fall. Die Frage, so wie sie die Wasserfotografin gestellt hatte, war wie eine Glocke, deren Nachklänge noch lange in der Luft hängen und immer leiser werden, aber nie einfach aufzuhören scheinen. Sokrates oder Platon scheinen fest entschlossen, alles zu tun, damit sie aufhören. Hier stellt sich die Frage, die sich bei vielen Kunstwerken stellt: Hat das Kunstwerk die Bedeutung, die der Künstler oder die Künstlerin ihm geben wollte, mit anderen Worten, hat Menons Argument die Bedeutung, die er oder Platon ihm geben wollten? Oder geht sie darüber hinaus? Denn letzten Endes ist es keine Frage danach, ob man das Unbekannte kennen, ob man in ihm ankommen kann, sondern vielmehr die Frage danach, wie man es suchen, wie man den Weg dorthin zurücklegen soll.

Während des Großteils dieses Dialogs widerlegt Sokrates Menon und greift ihn mithilfe von Logik, Argumenten und sogar Mathematik an. Bei dieser Frage weicht er jedoch auf den Mystizismus aus, das heißt auf durch nichts zu untermauernde, poetische Behauptungen. Nach seiner ersten abweisenden Antwort fügt er hinzu:

Was sie aber sagen, ist Folgendes: – überlege dir, ob dir richtig scheint, was sie sagen – sie behaupten, die Seele des Menschen sei unsterblich; sie beendige zwar ihr Dasein, was man »sterben« nenne, erstehe aber immer wieder; zugrunde gehe sie nie. Deswegen müsse man sein Leben so fromm als möglich verbringen, denn von welchen Persephone die Sühne alten Leides / empfangen, deren Seelen gibt sie zur Sonne hinauf / im neunten Jahre zurück; / aus ihnen erstehen erhabene Kön’ge und Männer, / behende in Kraft und gewaltig an Weisheit; / in kommender Zeit aber nennen die Menschen sie heil’ge Heroen. Da die Seele also unsterblich ist und immer wieder ersteht, und da sie alles gesehen hat, was hier und was im Hades ist, so ist auch nichts, so gibt es auch nichts, was sie nicht kennt; es ist deshalb nicht verwunderlich, daß sie sich … an das erinnern kann, was sie schon gewußt hat.

Sokrates sagt, man könne das Unbekannte kennen, weil man sich daran erinnert. Man kenne bereits das, was unbekannt zu sein scheint; man sei bereits hier gewesen, allerdings nur als jemand anderes. Das verlagert das Unbekannte lediglich vom unbekannten Anderen zum unbekannten Ich. Menon sagt: »Ein Geheimnis.« Sokrates sagt: »Im Gegenteil, ein Geheimnis.« So viel steht fest. Es kann eine Art Kompass sein.

Was folgt, sind einige meiner eigenen Landkarten.

Das Blau der Ferne

Die Welt ist an den Rändern und in den Tiefen blau. Dieses Blau ist das Licht, das verloren gegangen ist. Das Licht am blauen Ende des Spektrums pflanzt sich nicht über die ganze Distanz von der Sonne bis zu uns fort. Zwischen den Luftmolekülen verteilt es sich, im Wasser wird es gestreut. Wasser ist farblos: Flaches Wasser scheint die Farbe dessen zu haben, was sich darunter befindet, doch tiefes Wasser ist voll von diesem gestreuten Licht – je sauberer das Wasser, desto tiefer das Blau. Aus genau dem gleichen Grund ist der Himmel blau, doch das Blau am Horizont, das Blau der Erde, das sich im Himmel aufzulösen scheint, ist ein tieferes, träumerischeres, melancholischeres Blau, das Blau in den entlegensten Gegenden, dort, wo man kilometerweit sehen kann, das Blau der Ferne. Dieses Licht, das uns nicht berührt, das sich nicht über die ganze Distanz fortpflanzt, das Licht, das verloren geht, schenkt uns die Schönheit der Welt, die zu einem großen Teil die Farbe Blau hat.

Seit vielen Jahren schon bewegt mich das Blau am äußersten Rand des Sichtbaren, diese Farbe der Horizonte, der fernen Bergketten, all dessen, was weit weg ist. Die Farbe jener Ferne ist die Farbe einer Emotion, die Farbe der Einsamkeit und des Begehrens, die Farbe von dort, gesehen von hier, die Farbe von dort, wo man nicht ist. Und die Farbe von dort, wo man nie hingehen kann. Denn das Blau befindet sich nicht an jenem kilometerweit entfernten Ort am Horizont, sondern in der atmosphärischen Entfernung zwischen einem selbst und den Bergen. »Verlangen«, sagt der Dichter Robert Hass, »weil sich Begierde aus unendlichen Distanzen addiert.« Blau ist die Farbe des Verlangens nach den fernen Orten, an denen man nie ankommt, nach der blauen Welt. Als ich an einem milden, feuchten Frühlingsmorgen einer Straße folgte, die sich über den gleich nördlich der Golden Gate Bridge gelegenen 750 Meter hohen Mount Tamalpais schlängelt, bot sich mir hinter einer Kurve plötzlich ein Bild von San Francisco in den verschiedensten Blauschattierungen, eine Stadt in einem Traum, und ich war von der enormen Sehnsucht erfüllt, in dieser Stadt der blauen Hügel und blauen Häuser zu leben, obwohl ich doch dort wohne. Ich war nach dem Frühstück losgefahren – weder der braune Kaffee noch die gelben Eier oder die grünen Ampellichter hatten mich mit einem derartigen Verlangen erfüllt, und außerdem freute ich mich bereits darauf, an der Westseite des Berges wandern zu gehen.

Wir betrachten unser Begehren nach etwas als ein Problem, das es zu lösen gilt, analysieren, worauf das Begehren gerichtet ist, und konzentrieren uns dann auf diesen Gegenstand und darauf, wie wir ihn uns beschaffen können, statt auf die Natur und das Gefühl des Begehrens, obwohl es oft die Distanz zwischen uns und dem Objekt unseres Begehrens ist, die den Zwischenraum mit dem Blau der Sehnsucht füllt. Manchmal frage ich mich, ob man es mithilfe eines kleinen Perspektivenwechsels nicht als ein eigenständiges Gefühl schätzen lernen könnte, da das Begehren genauso zum menschlichen Dasein gehört wie das Blau zur Distanz. Ob man in diese Ferne hineinblicken kann, ohne sie gleich aufheben zu wollen, ob man seine Sehnsucht genauso annehmen kann wie die Schönheit jenes Blaus, das man nie besitzen kann. Denn ein Teil dieser Sehnsucht wird, so wie das Blau der Ferne, durch Beschaffungen oder Ankünfte nur verlagert, nicht gestillt, so wie die Berge aufhören, blau zu sein, sobald man in ihnen ankommt, und das Blau stattdessen die nächste Ferne färbt. Irgendwo hier liegt der geheimnisvolle Grund dafür, dass Tragödien schöner sind als Komödien und dass uns die Traurigkeit bestimmter Lieder und Geschichten einen so großen Genuss bereitet. Irgendetwas ist immer weit weg.

Die Mystikerin Simone Weil schrieb an einen Freund auf einem anderen Kontinent: »Lieben wir diese ganz aus Freundschaft zusammengesponnene Ferne, die, die sich nicht lieben, werden nicht getrennt.« Für Weil ist die Liebe die Atmosphäre, die die Distanz zwischen ihr und ihrem Freund füllt und färbt. Selbst wenn dieser Freund dann auf der Türschwelle steht, bleibt etwas an ihm unsagbar fern: Tritt man vor, um ihn zu umarmen, so schlingen sich die Arme um ein Mysterium, um das Unbekannte, das Nicht-Kennbare, um das, was sich nicht besitzen lässt. Die Ferne sickert selbst in das Allernächste. Schließlich kennen wir ja kaum unsere eigenen Tiefen.

Im 15. Jahrhundert begannen europäische Maler, das Blau der Ferne zu malen. Frühere Künstler hatten sich in ihren Werken für das, was weit entfernt war, nicht übermäßig interessiert. Manchmal waren die Heiligen und Patrone auf Goldgrund gemalt, manchmal wölbte sich der Raum, als sei die Erde tatsächlich eine Kugel, der Mensch allerdings in ihrem Inneren. Jetzt legten Maler mehr Wert auf Naturtreue, auf eine Darstellung der Welt so, wie sie sich dem menschlichen Auge präsentierte, und so packten sie zu jener Zeit, als die Kunst der Perspektive gerade erst entdeckt wurde, die Gelegenheit beim Schopf, das Blau der Ferne als ein zusätzliches Mittel einzusetzen, um ihren Werken Tiefe und Dimension zu verleihen. Oft scheint der blaue Streifen am Horizont übertrieben: Er erstreckt sich zu weit nach vorn, wechselt zu abrupt die Farbe, ist zu blau, als frohlockten sie so sehr über dieses Phänomen, dass sie zu viel des Guten taten. Unterhalb des Himmels, über dem vermeintlichen Sujet des Gemäldes, in den Bildräumen vor dem Horizont, malten sie eine kleine blaue Welt: blaue Schafe, einen blauen Schäfer, blaue Häuser, blaue Berge, eine blaue Straße und einen blauen Wagen.

Man sieht sie immer wieder, die blaue Weite, die in Solarios Gemälde von 1503 auf der gleichen Höhe wie der gekreuzigte Christus beginnt; die in einem Gemälde aus Raphaels Werkstatt über die Ruinen hinausgeht, vor denen eine wunderschöne Jungfrau Maria ihren auf einem Tuch von hellerem Blau schlafenden Sohn bewundert; in Niccolò dell’Abbates Gemälde von 1571, auf dem eine blaue Stadt und blauer Himmel zu sehen sind, hinter einer klassischen Gruppierung von, wie es aussieht, Grazien, die, inkongruent wirkend und wie nebenbei, Moses aus dem Schilf eines prächtigen Flusses ziehen, dessen Farbe aus dem Hintergrund zu kommen scheint, wie ein Färbemittel, das sich immer weiter ausbreitet. Man findet sie sowohl in der italienischen als auch in der nordischen Malerei. In Hans Memlings Auferstehungs-Triptychon von circa 1490 fahren die Zehen und der Gewandsaum einer schwebenden Figur aus dem Bildrahmen hinaus, gewagt beschnitten wie eine Figur auf einer Fotografie, obwohl es ja von Wundern keine Fotografien gibt. Darunter blickt eine Gruppe braunhaariger Männer, die Hände im Gebet und voller Verwunderung erhoben, aufwärts. Direkt über ihren Köpfen sieht man das nahe Ufer eines Sees. Der See ist blau, und dahinter liegen blaue Berge, als gäbe es drei Reiche: den Himmel, in dessen Sonnenuntergangsfarben die schwebende Figur hineinreicht, die vielfarbige Erde unten und das ferne blaue Reich, das weder zum einen noch zum anderen gehört, das nicht Teil dieser christlichen Dualität ist. In Joachim Patinirs berühmtem, rund dreißig Jahre zuvor gemaltem Bild vom Hl. Hieronymus in der Wüste ist diese Wirkung sogar noch ausgeprägter. Hieronymus kauert, unter einem zerfetztem Pultdach, in einer Art Unterstand vor einer tiefgrauen Felsformation, und die Welt dahinter ist zum Großteil blau – ein blauer Fluss, blaue Felsen, blaue Berge –, als sei er nicht vor der Zivilisation ins Exil geflohen, sondern vor jener besonderen Himmelstönung. Allerdings ist Hieronymus, genau wie eine der Figuren in Memlings Gemälde, in ein mattes Blau gekleidet, so wie viele Marien wirken, als wären sie in die Ferne gekleidet, als hätte sich ein Teil dieser mehrdeutigen Ferne nach vorne verschoben.

In seinem Bildnis der Ginevra de’ Benci von 1474 malte Leonardo da Vinci im Hintergrund lediglich einen schmalen Streifen blauer Bäume und blauen Horizonts, hinter den bräunlichen Bäumen, die die strenge, blasse Frau einrahmen, deren Oberteil mit Bändern desselben Blautons zusammengeschnürt ist, doch er hatte ja eine Vorliebe für stimmungsvolle Wirkungen. Er schrieb, wolle man Gebäude so malen, dass

eines weiter entfernt ist als das andere, dann mußt du das mit einer etwas dichteren Luft darstellen … Also wirst du das erste Gebäude … in seiner natürlichen Farbe malen, das weiter entferntere weniger scharf umrissen und blauer, und dasjenige, das noch einmal so weit entfernt sein soll, male noch einmal so blau; dasjenige, das fünfmal so weit entfernt sein soll, male fünfmal so blau …

Die Maler schienen ganz hingerissen von dem Blau der Ferne; sieht man sich diese Gemälde an, kann man sich eine Welt vorstellen, in der man durch eine weite Fläche mit grünem Gras, braunen Baumstämmen und weiß getünchten Häusern gehen könnte, und irgendwann käme man dann im blauen Land an: Gras, Bäume und Häuser würden blau, und blickte man an sich herunter, wäre man eventuell auch blau, so wie der hinduistische Gott Krishna.

In den Cyanotypien, den blauen Fotografien, des 19. Jahrhunderts, wurde diese Welt dann Wirklichkeit – »cyan« bedeutet »blau«, obwohl ich immer gedacht hatte, dieser Begriff beziehe sich auf das Cyanid, mit dessen Hilfe die Abzüge hergestellt wurden. Cyanotypien waren billig und leicht herzustellen, weshalb manche Amateure ausschließlich mit der Cyanotypie arbeiteten und manche professionellen Fotografen das Medium benutzten, um Probeabzüge anzufertigen, die sie so behandelt hatten, dass die Bilder innerhalb weniger Wochen verblassen und verschwinden würden: Diese verschwindenden Bilder waren als Muster gedacht, von denen man dauerhafte Abzüge in anderen Farbtönen bestellen konnte. In den Cyanotypien betritt man eine Welt, wo Dunkel und Hell blau und weiß sind, wo Brücken und Menschen und Äpfel so blau wie Seen sind, als wäre alles, was man sieht, geprägt durch die melancholische Stimmung, die das Cyanid hier hervorruft. Auf Postkarten überlebte diese Farbe bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts: Ich besitze einige Karten von blauen Palästen und blauen Gletschern, blauen Denkmälern und blauen Bahnhöfen.

Es gibt ein Fotoalbum mit ovalen Bildern, aufgenommen gegen Ende des 19. Jahrhunderts von einem Mann namens Henry Bosse. Es sind alles Bilder vom oberen Mississippi, und es sind alles blaue Cyanotypien. Zunächst scheinen sie ein Zauberreich darzustellen, den Fluss, wie er einmal war, doch Bosse arbeitete mit den Ingenieuren zusammen, die den Strom regulierten und begradigten, die aus einem wilden, mäandernden Ungetüm mit Inseln und Strudeln und sumpfigen Ufern ein schmaleres und schneller fließendes Gewässer machten, einen ausgebaggerten, eingedämmten Strom für einen zügigen Handelsverkehr. Sie bauten Flügeldeiche, die in den Fluss hineinragten, die Sedimente festhielten und die natürlichen Flussränder auslöschten, baggerten ihn aus und versiegelten ihn, doch Bosses Bilder sind schöner, als es reine Dokumente und Bauunterlagen sein müssen – jedes einzelne eine Kamee in Blau, blau bis hin zum Vordergrund, den blauen Rangierbahnhöfen und den sich im Bau befindlichen blauen Brücken. Doch in der Welt, in der wir tatsächlich leben, ist die Ferne, sobald wir in ihr ankommen, nicht mehr fern, nicht mehr blau. Aus der Ferne wird Nähe, allein es sind nicht dieselben Orte.

Während eines trockenen Jahres sank der Wasserspiegel im Great Salt Lake einmal so stark ab, dass ein Großteil des Sees zu Land wurde, und ich ging hinaus in Richtung Antelope Island, das über seinem Spiegelbild schwebte, ein solides, symmetrisches Objekt wie ein Edelstein, im fernen Blau vor mir schwebend. Was bis vor Kurzem noch See gewesen war, war jetzt ein kilometerweit reichendes Puzzle aus Wasserlachen und feuchtem und trockenem Sand, aus seichten Lagunen mit klarem Wasser und langen Sandfingern, die auf die Insel und ihr Spiegelbild in dem in der Ferne gelegenen tieferen blauen Wasser zuliefen. Manchmal endeten die Sandbänke im Wasser und ich musste mir einen anderen Weg suchen, doch konnte ich stundenlang und kilometerweit mehr oder weniger direkt auf die Insel zugehen. Der Boden, über den ich ging, war zuweilen gerippter Sand, zuweilen glatt, manchmal brach er unter mir ein, als lägen Luftlöcher darunter, manchmal quatschte er unter meinen Füßen, sodass meine Fußabdrücke dort, wo mein Gewicht das Wasser verdrängt hatte, von hellerem Sand umgeben waren. Da sich hinter mir ein langes Band von Fußstapfen entrollte, konnte ich mich nicht wirklich verlaufen, doch ich verlor die Zeit aus den Augen, verlor mich auf jene andere Art, die nichts damit zu tun hat, dass man sich verirrt, sondern damit, dass man dort eintaucht, wo alles andere wegfällt.

Hier und da lagen kleine Zweige mit braunen Eichenblättern auf dem Boden, obwohl es in Sichtweite keinerlei Bäume gab und das Ufer weit entfernt war; da und dort durchnässte, zusammengeschrumpfte Klumpen aus Federn und Knochen, die einmal Vögel gewesen waren. Wie die Blätter dort hingekommen waren, wie die Vögel gestorben waren, war nicht zu ergründen – diese Tiefen ließen sich nicht ausloten. Hinter mir sah ich, hoch oben in die Felsen und Berge jenseits des Great Salt Lake eingegraben, die Wasserlinie des Lake Bonneville, der so viel größer, so viel tiefer gewesen war, damals, vor langer Zeit, in einer feuchteren Erdepoche, als in Arizona Redwood-Bäume wuchsen und das Death Valley ebenfalls ein See war. Zehntausend Jahre oder mehr ist es her, seit es diesen See nicht mehr gibt, doch sein Ring um die ganze Landschaft herum machte mir klar, dass der Boden, über den ich lief, einmal tief unter Wasser gelegen hatte, genau wie das Strandgut und der weiche Sand mich daran erinnerten, dass ich dort vor nicht allzu langer Zeit hätte rudern oder schwimmen können. Dies war neues Land, temporäres Land, das im Winter wieder unter Wasser liegen würde, und es könnten Jahre vergehen, bis man dort wieder entlanglaufen konnte, oder auch Jahrhunderte. Je weiter ich ging, desto größer und klarer wurde Antelope Island, golden im harten Licht, blieb jedoch stets weit vor mir, wie ein Traum oder eine Hoffnung. Das übrig gebliebene Wasser war hellblau, und an jenem sengend heißen Oktobernachmittag traf es in weiter Ferne mit einem blassen Himmel zusammen, sodass der Unterschied zwischen Wasser und Luft nur schwer zu erkennen war.

Während ich gedankenverloren weiterlief, herausgelöst aus der Verankerung in der Zeit, musste ich an den Vortrag denken, den ich in Salt Lake City gehalten hatte. Bei meinem Versuch, die Tiefe der derzeitigen Veränderungen zu beschreiben, die zur Kenntnis zu nehmen wir versäumen, hatte ich eine Geschichte von einem anderen See erzählt, vom Titicacasee. Als ich zwei war, lebten wir ein Jahr lang in Lima, und einmal machten wir alle, Mutter, Vater, die Brüder und ich, einen Ausflug in die Anden und fuhren dann über den Titicacasee von Peru nach Bolivien. Der Titicacasee – wie der Lake Tahoe, der Lago di Como, der Bodensee und der Lago de Atitlán einer jener hoch gelegenen Seen, die wie blaue Augen zum blauen Himmel zurückstarren.

Vor ein paar Jahren holte meine Mutter eines Tages aus ihrer Zederntruhe die türkise Bluse, die sie mir auf jenem Ausflug nach Bolivien gekauft hatte, Indianerkleidung im Miniaturformat, die ich damals zu besonderen Anlässen getragen hatte. Als sie die kleine Bluse auseinanderfaltete und mir überreichte, kollidierte die lebendige Erinnerung daran, sie einmal getragen zu haben, auf schockierende Weise mit der Tatsache, dass sie so winzig war, dass die Ärmel nicht einmal 30 Zentimeter lang waren, dass darin nur ein klitzekleiner Grillenkäfig von einem Brustkorb, der nicht mehr der meine war, Platz hatte; der Schock rührte daher, dass ich mich zwar noch lebhaft daran erinnern konnte, wie es sich in dieser Brokatbluse angefühlt hatte, nicht aber daran, dass ich darin so winzig klein gewesen war, so vollkommen anders als die Erwachsene, die diese Erinnerung hatte. Die Kontinuität der Erinnerung konnte nicht die Kluft ermessen, die zwischen dem Körper eines kleinen Kindes und dem einer Frau besteht.

Als ich die Bluse wiederbekam, verlor ich die Erinnerung, denn beides gleichzeitig war nicht miteinander zu vereinbaren. Sie verschwand im Nu, ich konnte dabei zusehen. Ab und zu hört man von Wandgemälden und wie durch ein Wunder erhaltenen Leichen, die Hunderte oder auch Tausende von Jahren vergraben, luftdicht abgeschlossen und vor dem Licht geschützt waren. Wenn sie das erste Mal der frischen Luft und dem Licht ausgesetzt werden, beginnen sie zu verblassen, zu zerbröckeln, zu verschwinden. Manchmal sind Gewinn und Verlust enger miteinander verknüpft, als wir uns eingestehen wollen. Und manche Dinge lassen sich nicht bewegen oder besitzen. Manches Licht schafft nicht den ganzen Weg durch die Atmosphäre, sondern wird gestreut.

Ich legte die Bluse in meine eigene Kleiderkiste, und als ich wieder an sie denken musste, holte ich sie hervor und merkte, dass meine Erinnerung sie in etwas verwandelt hatte, was mir vertrauter war, nämlich in die Samtblusen, die Navajofrauen und -mädchen tragen. Die bolivianische Bluse war mit Perlen bestickt und hatte einen mit einer hellblauen Paspel besetzten Zickzackausschnitt sowie zwei blaue Schleifen, deren Bänder vor langer Zeit flachgedrückt worden waren, doch das Material war gestreifter Brokat. Es war türkis, das Blau von Swimmingpools und Halbedelsteinen, heller als der Himmel.

Als ich mit dem Schreiben begann, war ich fast mein ganzes Leben lang ein Kind gewesen, und meine Kindheitserinnerungen waren stark und lebendig, waren die Kräfte, die mich damals prägten. Die meisten sind im Laufe der Zeit schwächer geworden, und jedes Mal, wenn ich eine Erinnerung aufschreibe, gebe ich sie preis: Sie hört auf, das Schattenleben einer Erinnerung zu führen, und wird in Buchstaben fixiert, sie hört auf, mir zu gehören. Sie verliert die Unbeständigkeit und Unzuverlässigkeit all dessen, was lebt – genau wie die Bluse aufhörte etwas zu sein, in dem ich meiner Erinnerung nach einmal selbst gesteckt hatte, und stattdessen ein Kleidungsstück wurde, das, als man es mir gab, von jenem nicht wiederzuerkennenden kleinen Kind auf dem Schnappschuss getragen worden war. Eine Frau in ihren Zwanzigern ist fast ihr ganzes Leben lang ein Kind gewesen, doch im Laufe der Zeit wird der Teil, der ihre Kindheit ausgemacht hat, kleiner und kleiner, rückt ferner und ferner, wird blasser und blasser, obwohl es heißt, dass am Ende des Lebens der Anfang wieder lebendig wird, als sei man um die ganze Welt gesegelt und wieder in die Dunkelheit zurückgekehrt, aus der man gekommen war. Für ältere Menschen wird oft das Nahe und kurz Zurückliegende recht vage und nur das zeitlich und räumlich Ferne ist lebendig.

Für Kinder ist die Distanz von geringem Interesse. Gary Paul Nabhan schreibt davon, wie er mit seinen Kindern zum Grand Canyon fuhr und ihm dort klar wurde,

wie viel Zeit Erwachsene damit verbringen, in der Landschaft nach malerischen Rundblicken und reizvollen Ausblicken zu suchen. Während die Kinder auf Händen und Knien herumkrochen und sich mit dem beschäftigten, was direkt vor ihnen war, bewegten wir Erwachsene uns mittels der Abstraktion.

Er fügt hinzu, dass sein Sohn und seine Tochter jedes Mal, wenn sie sich einem Felsvorsprung näherten, »unvermittelt meine Hand losließen, um auf der Erde Knochen, Kiefernzapfen, glitzernden Sandstein, Federn oder Wildblumen zu suchen«. In der Kindheit gibt es keine Distanz: Für ein Baby ist die Mutter im Nebenzimmer für immer verschwunden, für ein Kind dauert es bis zu seinem Geburtstag endlos lange. Was nicht da ist, ist unmöglich, unwiederbringlich, unerreichbar. Die mentale Landschaft von Kindern ähnelt der von mittelalterlichen Gemälden: ein Vordergrund voller lebendiger Dinge und dann eine Wand. Das Blau der Ferne entsteht mit der Zeit, mit der Entdeckung der Melancholie, des Verlusts, des Wesens der Sehnsucht, der Komplexität des Terrains, das wir durchmessen, und mit den Jahren des Reisens. Wenn Kummer und Schönheit zusammengehören, dann bringt die Reife vielleicht nicht das mit sich, was Nabhan »Abstraktion« nennt, sondern ein ästhetisches Bewusstsein, das die Verluste, die die Zeit bringt, teilweise wettmacht und uns Schönheit in der Ferne finden lässt.

Antelope Island kam näher und näher, wurde größer und klarer, aber schließlich kam ein Punkt, an dem es nicht mehr weiterging. Oder es wäre vielleicht doch gegangen, hätte allerdings bedeutet, in dem See schwimmen zu müssen, der selbst unter normalen Umständen sehr viel salziger als das Meer ist und in dem während jener Trockenperiode das Salz extrem konzentriert gewesen sein muss. Ich kann mir auch eine andere Variante jenes Ausflugs vorstellen, wo ich mich ausgezogen hätte und losgeschwommen wäre, mir den Rücken verbrannt und mich wie ein Korken auf und ab bewegt hätte, bis hin zur Insel, aber ich habe keine Ahnung, was ich dort nach meiner Ankunft getan hätte. Und ich bin mir nicht sicher, ob die Insel überhaupt dazu bestimmt war, dass man dort ankam, denn aus der Nähe hätte sich ihr glühendes Gold in Buschwerk und Erde aufgelöst.

Als ich so weit gegangen war, wie ich konnte, blickte ich nach unten, und die bogenförmigen Ränder von Land und Wasser verloren ihren Maßstab und sahen aus wie die Welt aus dem Flugzeug. Flüge verbinden normalerweise Städte miteinander, doch dazwischen liegen die unbetretenen Gegenden, denen man nur ungefähre Namen geben kann: irgendwo in Neufundland, irgendwo in Nebraska oder den Dakotas. Von oben am Himmel, aus einer Höhe von mehreren Kilometern betrachtet, sieht das Land aus wie eine Landkarte von sich selbst, allerdings ohne all die Bezugspunkte, ohne die Karten keinen Sinn ergeben. Die Altwasserseen und Tafelberge, die man durchs Fenster sieht, sind anonym, unergründbar, eine Landkarte ohne Wörter. Ich habe festgestellt, dass der Wunsch, das Flugzeug würde auf einem von ihnen notlanden, unter denjenigen, die arbeitshalber von Stadt zu Stadt fliegen, weitverbreitet ist. Diese namenlosen Gegenden erwecken den Wunsch, verloren zu sein, weit weg zu sein, den Wunsch nach jenem melancholischen Wunder, das das Blau der Ferne darstellt. Und als ich an jenem Tag am Great Salt Lake auf meine Füße hinabblickte, da schienen selbst meine Füße weit weg zu sein, in diesem maßstablosen Terrain, wo sich das Nahe und das Ferne ineinander verschränkten, wo Pfützen Meere waren und Sandrippen Bergketten.

Ich ging zurück, die Insel hinter mir und vor mir der ruinenhafte Salt Palace, wo mein Wagen auf mich wartete, zurück in die Welt des alltäglichen Durcheinanders. Doch in der Nähe meines Ausgangspunkts wartete in jener Landschaft noch eine Überraschung auf mich: eine Reihe von kleinen Einbuchtungen, wo das Wasser verdunstet war und sich Salzkristalle gebildet hatten. Eine war ein Rosenteppich, eine ein Strohhaufen, eine ein Schneeflockenfeld, alle aus schlammigem Salz, doch als ich versuchte, einen kleinen Strauß der hellbraunen Rosen abzuschneiden, um ihn mit nach Hause zu nehmen, büßten sie sofort an Schönheit ein. Manche Dinge besitzen wir nur so lange, wie sie verloren bleiben, manche Dinge sind nur so lange nicht verloren, wie sie in der Ferne sind.

Gänseblümchenketten

Manche Dinge verschwinden in meiner Familie einfach. Vor langer Zeit zeigte mir die jüngere Schwester meines Vaters eine ganze Schachtel voller Familienfotos, und die leere Wand, die hinter meinen eigenen Anfängen stand, gab nach unter einem Schwall von auf Papp-Passepartouts aufgezogenen Porträtaufnahmen und fremden, namenlosen Gesichtern in allen Schattierungen, von Sepia bis hin zum Grau von Silbergelatineabzügen. Lange saßen meine Tante und ich mit der Schachtel in ihrem von Redwood-Bäumen fast durchgehend in eine düstere Stimmung getauchten Wohnzimmer und blätterten die Bilder durch, während sie mir bekannte und unbekannte Namen rezitierte. Das Foto, das den größten Eindruck auf mich machte, zeigte meine Großmutter und ihre beiden jüngeren Brüder auf Ellis Island oder ungefähr zu der Zeit, als sie durch diese große Einwandererschleuse im Hafen von New York gekommen waren. Sie standen, sich gegenseitig leicht verdeckend, gemäß den Konventionen der damaligen Porträtfotografie wie die Orgelpfeifen nebeneinander. Ihre Köpfe waren kahl geschoren, vielleicht wegen Läusen oder Kopfflechten, und sie hatten hohläugige, gespenstische Gesichter, wie so viele Einwanderer damals, diese drei Kinder in ihren identischen weißen Matrosenanzügen, die es durch ganz Europa und über den Atlantik geschafft hatten und die noch einen weiteren Kontinent allein durchqueren würden.

Als ich mich lange Zeit später nach den Fotos erkundigte, meinte meine Tante, so eine Schachtel mit Bildern gebe es nicht und ich müsse mir das Ganze eingebildet haben. Nach ein paar Jahren fragte ich sie noch einmal, und sie gab zu, dass die Schachtel existiert habe, meinte aber, sie sei verschwunden. Fotografien, die als Anker einer objektiven Vergangenheit dienen sollen, sind genauso unzuverlässig wie alles andere, was meine Familiengeschichte väterlicherseits ausmacht. Mein Vater und meine Tante leben nicht mehr, ihre Eltern sind lange vor ihnen gestorben, und es gibt niemanden, der die wenigen verstreuten Geschichten, die sie erzählt haben, wiederholen oder ihnen widersprechen könnte. Jede Geschichte kam als Überraschung daher – eine Äußerung, die ihnen nicht entlockt, die nicht infrage gestellt und nicht wiederholt werden durfte – und hatte die rätselhafte Kürze eines Orakels oder eines Lückenfüllers in Zeitungen. In gewisser Weise ähnelt diese Familiengeschichte väterlicherseits der Weltengegend, aus der sie kam, wo ganze Länder von Imperien verschlungen und wieder ausgespien wurden, wo sich die Grenzen unabhängig von Sprache und Kultur änderten, wo der Kommunismus mit seiner berühmten Gehilfin, der Fotoretusche, die Vergangenheit unterdrückte, sodass die Bilder mit der Zeit Schritt hielten und diejenigen, die aus der Welt verschwanden, auch von den Bildern dieser Welt verschwanden. Die drei Kinder mit den kahl geschorenen Köpfen waren aus Białystok ausgewandert, das lange zu Litauen gehörte, dann zu Polen, dann zu Preußen, einmal von Napoleons Truppen besetzt war, zur Zeit ihrer Auswanderung in Russland lag, während des Ersten Weltkriegs, als Schlachtfeld zwischen Deutschland und Russland, zerbombt und während des nächsten Weltkriegs erneut von den Deutschen besetzt wurde, die jetzt die Juden verschwinden ließen.

Es kann auch sein, dass Wahrheit für meine Familie keine feste Größe war, da sie ständig zwischen den verschiedenen Sprachen, in denen sie sich unterhielten, hin- und herschwankte, genauso wie die Auswanderung für Menschen, deren Diaspora bereits sehr viel früher begonnen hatte, nicht die gleiche Art von Heimatlosigkeit darstellte. Zu Hause sprachen sie weder Russisch noch Polnisch, sondern Jiddisch, ursprünglich ein mittelalterlicher deutscher Dialekt, obwohl sie auch keine Deutschen waren, sondern Erben der Diaspora, die fast zwei Jahrtausende zuvor in Israel begonnen hatte (wenn auch nicht, wie die blauen Augen und das blonde Haar in unserer Familie bezeugen, »reine« Nachfahren). Von ihrer Sprache ist nichts in meine Generation hinübergerettet worden außer ein paar Beschimpfungen: Das Jiddische kann Charaktermängel mit der gleichen Genauigkeit beschreiben, mit der die Inuit-Sprachen Eis beschreiben und das Japanische den Regen. Für andere Zwecke bewahrte man sich eine andere Sprache, das Hebräische, und das nicht auszulöschende Bild eines damals imaginären Heimatlandes bewahrte seine Sprecher davor, mit ihrer Umgebung zu verschmelzen. Manchmal frage ich mich, was jene erstaunliche Hartnäckigkeit, jenes Festhalten an einer verlorenen Landschaft und einer alternden Sprache für einen Sinn hatte. Es ließe sich die These aufstellen, dass es besser für sie gewesen wäre, wenn sie mit der Landschaft verschmolzen wären, wie es zweifelsohne bei vielen heute Vergessenen der Fall gewesen ist, wenn sie einheimische Sprachen und Geschichten übernommen und irgendwelche Landstriche lieb gewonnen hätten, wenn sie aufgehört hätten, Verbannte zu sein, indem sie aufhörten, sich an das Land zu erinnern, aus dem sie verbannt worden waren, damit sie das Land, in dem sie lebten, vollkommen annehmen konnten. Nur wenn sie jene Vergangenheit hinter sich ließen, würden sie auch den Zustand der Verbannung hinter sich lassen können, denn das Land, aus dem sie verbannt worden waren, existierte nicht mehr, und sie waren auch nicht mehr die Menschen, die es einmal verlassen hatten. Vielleicht entsprang dieses willentliche Vergessen, die Weigerung, Geschichten zu erzählen, dem Wunsch, wir könnten in der Neuen Welt auf eine Art und Weise heimisch werden, wie sie es in der Alten nie geschafft, nie vermocht hatten.

Alle aus unserer Familie, die den Holocaust überlebten, überlebten ihn, weil sie jenes feindliche zwischenzeitliche Heimatland verlassen hatten, und nur eine einzige Frau kehrte je dorthin zurück. Sie war durch die Liebe gerettet worden, erzählte mir ihre Tochter sehr viel später in Los Angeles. Sie hatte sich in einen Russen verliebt, den zu heiraten ihr ihre Familie ausreden wollte, folgte ihrem Herzen jedoch trotzdem nach Russland und überlebte dort den Zweiten Weltkrieg, der ihren Mann, als sie mit ihrem jüngsten Kind, einem Sohn, schwanger war, das Leben kostete. Nach dem Krieg kehrte diese Witwe nach Polen zurück, um sich wieder ihrer Familie anzuschließen, doch sie waren alle ausgerottet worden. So blieb sie allein mit ihren Kindern dort, bis sie, als diese noch klein waren, an Tuberkulose starb. Die Kinder wurden in ein von antisemitischen Nonnen geleitetes Waisenhaus gesteckt und, als man ihre ethnische Herkunft feststellte, nach Israel geschickt. Der Sohn lebt, soweit ich weiß, immer noch dort, aber die Tochter ging zum Studium nach Frankreich und kam später in die Vereinigten Staaten. Sie hatte in der Wüste Negev unter Beduinen gelebt, in Kaschmir mit einem Fürsten, in Arizona mit Architekten. Auf dem Tisch in ihrem Schlafzimmer standen kleine Gläser voller Erde, wunderschöne ocker-, rot- und sogar lavendelfarbene Pulver, die sie in den Wüsten der ganzen Welt eingesammelt hatte, und es schien, als sei dies für sie, die so oft Entwurzelte, alles, was an Heimatland übrig geblieben war, diese Sammlung von verschiedener Erde, wie die Rouge- und Pudergläschen, die bei anderen Frauen auf dem Frisiertisch stehen. Seither haben wir den Kontakt verloren. Allerdings ist sie mit meinem Großvater verwandt, nicht mit meiner Großmutter.

Die Mutter meiner Großmutter verschwand ebenfalls, zumindest wurde es mir so erzählt. Wie es damals oft geschah, ging ihr Vater zuerst fort und ließ seine Frau nachkommen, als er sich in der Neuen Welt, in Los Angeles, etabliert und das Geld für ihre Überfahrt verdient hatte. Später ließ er dann auch die Kinder, die nach der Abreise ihrer Eltern bei Verwandten gewohnt hatten, kommen. Zumindest hörte ich es einmal so, als man mir erzählte, dass meine Urgroßmutter irgendwo zwischen Osteuropa und der Westküste der Vereinigten Staaten verschwunden sei. Ich habe mir immer ausgemalt, was zwischen diesen beiden Punkten passiert sein könnte, habe mir vorgestellt, wie sie irgendwo in der Prärie aus dem Zug gestiegen ist, sich verirrt und nicht mehr zurückgefunden hat, ein unvorstellbares neues Leben begann, das so anders war als das, was von ihrer Familie und ihrer ethnischen Herkunft her für sie vorgesehen gewesen war, wie sie aus der lauten Dichte einer Erzählung von Isaac B. Singer in die ausgedehnte Stille eines Romans von Willa Cather trat. Die weiten Räume des amerikanischen Westens, die Einwanderer auch heute noch kaum kennen, haben Reisende schon immer dazu eingeladen, ihre Vergangenheit wie Gepäck zu verlieren und sich neu zu erfinden.

Heute ist mir klar, dass ich mir selbst gewünscht hatte, ich könnte aus dem Zug aussteigen, aus dem Auto, der Unterhaltung, der Pflicht, und in die Landschaft treten, die ich jener imaginären Vorfahrin schenkte. Ich wurde mit der Vorstellung von Landschaft als Zufluchtsort groß, mit der Möglichkeit, die horizontale Welt gesellschaftlicher Beziehungen zu verlassen zugunsten einer vertikalen Ausrichtung an Erde und Himmel, dem Stofflichen und dem Geistigen. Weite, offene Räume können dieses Verlangen am besten stillen, die Räume, die ich selbst zuerst in der Wüste fand und dann in den westlichen Prärien. Solche Räume zu betreten ist nicht so leicht, wie man es sich vielleicht vorstellt; oft sind sie privates Land, an dem man auf dem Weg zum öffentlichen Land mit seinen Bäumen und Steilhängen vorbeifährt, privat deshalb, weil es leichter ist, den Wert von etwas als den des Nichts zu erkennen, und weil es, sofern es sich nicht um die absolute Leere wüstentrockener Seebetten handelt, zum Anbauen oder Abweiden geeignet ist.

Vor einigen Jahren war ich am Unabhängigkeitstag bei einem Picknick auf einer riesigen Rinderfarm im Nordosten von New Mexico, wo ich, abgesehen von den Freunden, die mich eingeladen hatten, keinen Menschen kannte. Während jener Monsunzeit war das Gras ein grüner Teppich mit einem Muster aus kleinen Erdhöhlen, kugelförmigen Kakteen und Wildblumen, aus denen jedes Mal, wenn ich mich ihnen näherte, leuchtend helle Insekten hochsprangen. Dieser Teppich erstreckte sich ohne Unterbrechung bis zu den blauen Bergen, die einen Tagesmarsch oder weiter entfernt lagen, eine weitflächige Landschaft, in der man, so schien es, nie stehen bleiben müsste oder aber, hätte man die ganze Strecke durchmessen, verwandelt worden wäre. Ich entschuldigte mich bei den anderen und ging hinein in diese Landschaft, bis die Gruppe von Schwarzpappeln und Ulmen, die einzigen Bäume in dieser unermesslichen Weite, ganz klein geworden war, lange nachdem die Menschen darunter bereits verschwunden waren. Leichte Sommerwinde streichelten mich, meine Füße schritten voran, als verfügten sie über einen eigenen Antrieb, und die Berge waren stets voller Versprechen. Ich machte halt, bevor die Bäume außer Sichtweite waren, wollte an jenem Tag nicht völlig in die Weite entschwinden. Diese Räume sind vielleicht das beste Äquivalent der Wahrheit, der Klarheit, der Unabhängigkeit, das ich kenne.

»Leere ist der Pfad, auf dem der Mensch geht, der seine Mitte gefunden hat«, sagte ein tibetischer Mönch vor sechshundert Jahren, und in dem Buch, in dem ich diese Verkündigung fand, folgte darauf eine Erklärung des tibetischen Wortes für »Pfad«: »Shul«, ein

Zeichen, das bleibt, wenn das, wodurch es entstanden ist, schon nicht mehr da ist – zum Beispiel ein Fußabdruck. Shul kann auch die vernarbte Mulde sein, wo einst ein Haus gestanden hat, oder eine Rinne im Gestein, die nur bei starken Niederschlägen tatsächlich Wasser führt, die flach gedrückte Stelle im Gras, wo letzte Nacht ein Tier gelegen hat. All das ist Shul: der Eindruck oder Abdruck von etwas, was einmal da war. Auch ein Pfad ist Shul: ein im Laufe der Zeit entstandener Eindruck, von vielen Füßen geschaffen und für andere frei und gangbar gehalten. Als Shul kann auch die Leere als Abdruck von etwas verstanden werden, das einst da war. Der Abdruck ist in diesem Fall durch die Narben gegeben, die das selbstsüchtige Begehren hinterlässt.

Im Jiddischen ist Shul eine Synagoge – allerdings versuchte ich damals nicht, meine verschollene Vorfahrin in einen Tempel zu schicken, sondern auf einen Pfad durch eine unbewohnte Weite, wo der Himmel bis zu den Füßen herunterzukommen scheint.

Lange stellte ich mir vor, sie sei die Frau auf Lewis Hines Foto Junge russische Jüdin auf Ellis Island von 1905. Für einen für seine Sozialdokumentationen bekannten Fotografen ist es ein eigenartiges Bild, mit diesem ernsten, grüblerischen Gesicht und dem undeutlichen, weichgezeichneten Hintergrund. Ellis Island, auf den meisten Bildern von Menschen überlaufen, ist hier leer und still. Der einzige Hinweis auf den Ort selbst sind die verschwommenen Geländerreihen, durch welche die Menschenschlangen in die Große Halle geschleust wurden. Dieses Bild eines derart privaten und einsamen Moments inmitten des dichten Gewühls von Ellis Island dokumentiert eine Ausnahme sowohl auf der Insel selbst als auch in Hines Werk. Hier geht es nicht um gesellschaftliche Zustände. Hier geht es um die Seele. Eine Frau mit einem Schal oder Kopftuch, gerade weit genug zurückgeschoben, dass man ihre schwarzen Haare sehen kann, die in der Mitte gescheitelt sind und schon länger nicht mehr gewaschen wurden, blickt auf irgendetwas jenseits der Kamera, weder eingeschüchtert noch gefesselt. Nur ihr Stoffmantel mit dem asymmetrischen Verschluss macht sie als jemanden kenntlich, der aus den östlichsten Randgebieten Europas kommt. Aus der Nähe betrachtet ist sie fast schön, jung und irgendwie empfindlich, doch von weiter weg oder auf einer kleineren oder dunkleren Abbildung kann man den Schädel in dem ausdruckslosen Gesicht dieser Emigrantin sehen, als hätten Hunger, Erschöpfung und Angst sie an andere als nationale Grenzen geführt. Die Stirn über ihren schattendunklen Augenhöhlen glänzt so weiß wie der Himmel hinter ihr. Es ist, als könnten wir durch sie hindurchsehen zu der gleichen Blässe des fernen Himmels, oder als wären beide nur leere Stellen auf dem Fotopapier.

Lange nachdem das Bild der in die Prärie tretenden Frau ein für mich sicherer Talisman war, erzählte man mir, dass meine Urgroßmutter gar nicht verschwunden war. Ihr Mann hatte sie, als sie in Kalifornien ankam, in eine Nervenheilanstalt einweisen lassen, und als ihre drei Kinder eintrafen, mussten sie feststellen, dass ihr Vater erneut geheiratet hatte, diesmal eine Amerikanerin, und eine neue Tochter hatte. Den Rest malte ich mir aus, etwa wie meine Großmutter ankam und entdecken musste, dass sie von einer Halbschwester verdrängt worden war, die die englische Sprache fließend beherrschte, die sie erst lernen musste und für den Rest ihres Lebens mit einem starken Akzent sprechen sollte. Anfangs schien sie sich zurechtgefunden zu haben und trat, einem anderen Foto zufolge, einem Wanderklub für Frauen bei: kräftige junge Frauen in kniehohen Schnürstiefeln und Pumphosen, so einheitlich gekleidet, dass sie aussahen wie ein Militärtrupp, oben in den jungen, kiefernbestandenen Bergen von Los Angeles. Erkennen kann ich sie in dieser Gruppe von olivhäutigen Mädchen mit ihren hoffnungsvollen Blicken nicht. Irgendwann gegen Ende der Zwanzigerjahre heiratete sie meinen Großvater, einen anderen Einwanderer aus einem nahe gelegenen Ort im russischen Ansiedlungsrayon, der in die Wirren der Russischen Revolution geraten und von seinem älteren Bruder herübergeholt worden war. Sie lernten sich, wie irgendjemand einmal erwähnte, in einem jüdischen Wanderklub kennen, und diese Tatsache passt überhaupt nicht in das allgemeine Bild von ihnen, denn sie schienen absolute Stadtmenschen zu sein, zusammengeschrumpft in ihren Körpern, die für sie Wohnungen des Fleisches waren, nicht jedoch ein Mittel, um in dem offenen Raum der Neuen Welt Abenteuer zu erleben. Näher kommt die Wirklichkeit, in der diese Vorfahren lebten, nicht an meine Fantasievorstellung von der in der Prärie aus dem Zug gestiegenen Frau heran.

Meine Urgroßmutter verschwand aus dem Leben ihrer Kinder. Und es stellt sich die Frage, ob sie es freiwillig tat oder ob sie keinen Weg zurück aus ihren Gedanken finden konnte. War sie nur für ihre Kinder verloren, weil sie einen anderen Weg gefunden hatte, oder war sie auch für sich selbst verloren, der Fähigkeit beraubt, sich in der Welt und ihrem eigenen Verstand zurechtzufinden? Auch den Verstand kann man sich als Landschaft vorstellen, doch allein der Verstand von Weisen ähnelt unter Umständen der Kurzgrasprärie, in der ich mit dem In-die-Irre-Gehen und Verschwinden gespielt hatte. Bei uns anderen gibt es Höhlen, Gletscher, reißende Flüsse, dicke Nebel, Abgründe, die sich direkt vor unseren Füßen auftun, ja sogar wilde, räuberische Tiere, die Namen aus unserer Familie tragen. Es ist eine Landschaft, in der man sich leicht verirren kann, und manche Gegenden machen einem Angst und Bange. Es gibt eine buddhistische Erzählung von einem Mann, der an einem Mönch vorbeigaloppiert, welcher ihn fragt: »Wohin reitest du?« – »Da musst du mein Pferd fragen«, antwortet der Mann. Diese unkontrollierbare Emotion erlaubt es einem nicht, sich sein Ziel auszusuchen oder es gar zu sehen. Es ist die einfachste Form des Wahnsinns, von der die meisten von uns gelegentlich auch kosten.

Meine Großmutter tauchte in meinem Leben genauso plötzlich auf, wie ihre Mutter verschwunden sein musste. Niemand hatte mir erzählt, dass ich eine andere Großmutter hatte als die irischamerikanische Mutter meiner Mutter im Ostteil des Landes, die wir nur selten sahen, bis wir eines Tages, nicht lange nachdem wir zurück nach Kalifornien gezogen waren, aber noch vor meiner Einschulung, nach Los Angeles fuhren. Wir hielten vor einer von einem Asphaltmeer umgebenen riesigen Betonanstalt, und dann kam diese unerwartete Vorfahrin herunter und gab mir, während wir alle draußen standen, einen Kuss. Auf meiner Wange blieb etwas Lippenstift zurück, und meine Mutter wandte sich um und stieß einen spitzen Schrei aus, weil sie dachte, es sei Blut. Später wurde meine Großmutter dann in die staatliche Heilanstalt in Napa überwiesen, gar nicht weit von unserem Wohnort entfernt. Jahrelang dachte ich, es sei ein Altersheim, da sie in einer Abteilung war, auf der ausschließlich ältere Frauen lebten, die es danach dürstete, Kinder zu sehen, und die sich deshalb bei unseren Besuchen immer um uns scharten und uns Münzen schenkten, und außerdem hatte mir auch niemand etwas anderes gesagt. Es war eine geradezu unheimlich stille Anlage mit vielen großen Rasenflächen, auf denen verstreut Bäume standen, die einen angenehmen Schatten warfen. Versuche ich mich heute daran zu erinnern, so fallen mir die Rotschulterstärlinge ein, die wir auf der Fahrt dorthin immer in den Sümpfen der San Pablo Bay sahen; und ein Nachmittag oder viele Nachmittage, die mein jüngerer Bruder und ich damit verbrachten, auf einer dieser Rasenflächen Gänseblümchenketten zu flechten, die meine Großmutter dann immer trug, bis sie rund um ihren enormen Busen und buckligen Rücken herum verwelkt waren; und mir fällt der Kirschmoststand unter dem riesigen Baum ein, wo wir auf dem Heimweg immer anhielten, und der Geschmack der Kirschen. Es kam mir nie in den Sinn, sie nach der Vergangenheit zu fragen, und wahrscheinlich hätte sie auch nicht viel zu sagen gehabt.

Angeblich litt sie an paranoider Schizophrenie. So lautete jedenfalls die Diagnose, aufgrund derer sie die letzten Jahrzehnte ihres Lebens in einer Anstalt verbrachte. Ich dachte allerdings immer, ihr Weltbild sei unter den gegebenen Umständen vielleicht sogar völlig vernünftig, obwohl sie damals, als ich sie kennenlernte, ein menschliches Wrack war, dessen Verstand durch Schockbehandlungen, jahrelange Medikamenteneinnahme und den Tribut, den Anstalten fordern, verändert worden war. Es ist schwer zu sagen, ob tatsächlich ihr Schmerz oder ob ihre Vergangenheit beseitigt wurde oder ob beides dasselbe war. Die sie behandelnden Ärzte haben aller Wahrscheinlichkeit nach selbst nie eine so tiefe Instabilität erfahren wie sie: verschwindende Mütter, die enorme Kluft zwischen dem mittelalterlichen russisch-polnischen Ansiedlungsrayon und dem funkelnden amnestischen Los Angeles, die drei oder vier Sprachen, die sie zurückließ, und das Englisch, das sie nie richtig lernte, die Auslöschung der Welt, aus der sie kam, und der Verwandten, die sie zurückließ. »Posttraumatische Belastungsstörung« lautete eine andere Diagnose, die ein Therapeut einmal für ihr Verhalten angeboten hatte, ein Zustand, der den vielen Arten von Krieg, die sie überlebte, Rechnung trug und einer Welt, in der nichts so weit hergeholt oder so schrecklich war, als dass es nicht hätte passieren können.

Die Geschichten, die mein Vater mir über seine Kindheit und Familie erzählt hat, kann ich an einer Hand abzählen. Er war rund 30 Zentimeter größer als seine Eltern und mit seinen blauen Augen und einst blonden Haaren weit, weit heller als seine Mutter, als stammte er direkt aus Südkalifornien mit all seinem Sonnenlicht und Überfluss. Er war Teil jener großen Assimilationswelle der Fünfzigerjahre, als die ethnische Herkunft als überflüssiger Ballast betrachtet wurde, als Amerika an die Zukunft wie an eine Religion glaubte. Es ist nicht schwer sich vorzustellen, warum er seinen schurkischen Vater und seine verrückte Mutter aus seiner Identität ausradieren wollte, obwohl er ihnen mehr ähnelte, als es äußerlich den Anschein hatte, so wie sein ganzes Leben lang immer wieder die Pferde mit ihm durchgegangen sind. Die jüngere Schwester meines Vaters, meine Tante, war genauso dunkel wie ihre Mutter und wurde als junges Mädchen, als sie mit ihrem Vater in El Paso lebte, stets für eine Mexikanerin gehalten, weshalb sie oft Probleme hatte, aus Juárez über den Rio Grande zurückzukommen. Von ihrem zweiten Mann bekam sie dann einen Nachnamen, der zu ihrem Äußeren passte, und ging von da an als Latina durch. Sie war sarkastisch, literarisch gebildet und radikal, diejenige, die die Familiengeschichten und -fotos aufbewahrte, obwohl diese weniger als Stützen eines fest gefügten Bildes von der Vergangenheit dienten, sondern eher als Phantasmen und Fiktionen, die sich entsprechend den Anforderungen der Gegenwart ständig veränderten. Doch das tun alle Geschichten und Fotografien, die öffentlichen ebenso wie die privaten.

Ein andermal hängte meine Tante in ihrem Haus ein Foto von ihrer Mutter, meiner Großmutter, auf – ein weiteres Bild, das ich dort nur ein einziges Mal sah. Es zeigte ein Kind, das neben einem grob gearbeiteten hölzernen landwirtschaftlichen Gerät stand. Wäre die Fotografie bereits vor fünfhundert Jahren erfunden gewesen, man hätte sich leicht vorstellen können, dieses Bild stamme aus jener Zeit. Es vermittelte einen Eindruck davon, wie rückständig die Welt gewesen war, aus der meine Großmutter in den Zehner- oder Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts ins sonnige, optimistische, wirtschaftlich blühende Los Angeles gekommen war. Mit mir schienen die Menschen auf den Fotos, die meine Tante mir manchmal zeigte, wenig oder gar nichts zu tun zu haben; ihre Gesichter, ihre Posen, ihre Kleidung verrieten mehr über eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Ort als über unsere Familie und Verwandtschaft. Die Technologie und die Konventionen der Fotografie haben den Bildern einer jeden Generation ein ganz bestimmtes Aussehen verliehen, während die Geschichte, die Mode und die Ernährung auf jedem einzelnen Körper ihre Spuren hinterließen, sodass fast alle Menschen einer bestimmten Epoche auf eine Art miteinander verwandt sind, die sie nicht mit anderen Generationen teilen. Vor den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts schienen das Licht und die Luft selbst fast eine Tiefe und Leuchtkraft wie unter Wasser gehabt zu haben: Die Haut glänzte schillernd und alles wirkte, als hätte es eine schwache Aura, die dann von den neueren Schwarz-Weiß-Filmen, welche weniger Silber in der Emulsion hatten, zerstört wurde. Ich glaube, die meisten Amerikaner, die die Weltwirtschaftskrise nicht selbst miterlebten, sind der Meinung, sie habe sich in einer Welt mit groben, aber insgeheim doch verführerischen schwarz-weißen Oberflächen zugetragen, als stellte die Textur selbst eine Art Reichtum dar, der die ganze Armut wettmachen konnte. Und zu Beginn des letzten Jahrhunderts, als das Licht grell war und von weit oben kam, gab es viele ernste, hohläugige Gesichter über Kleidern, die den Körper kaschierten. Hoch oben im Himalaja gibt es Fossilien von Muscheln – was war und was ist, das ist zweierlei.

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09 aralık 2024
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ISBN:
9783751803038
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