Kitabı oku: «Augusta Theler - Mit dem Hebammenkoffer um die Welt»


Inhalt
Einleitung
Augusta Thelers Spitalalltag
Spätdienst
Unerwartete Komplikationen
Magie und Schrecken der Geburt
Eine Grossfamilie im Wallis
Kindheit in einfachen Verhältnissen
Stürmische Schul- und Lehrjahre
Einsatz rund um die Welt
Mit dem Auslandsvirus infiziert
Allein in Eritrea
Im Flüchtlingscamp in Kamerun
Einsatz in Haiti
Cholera in der Karibik
Anna Heynen, Grossmutter und Dorfhebamme
Hände, so zart wie Samt
Unterwegs bei Nacht und Nebel
Ein Bergdorf im Wandel
Illegale Vorgänge im «Negerdorf»
Es geht jetzt himmelwärts
Aspekte zur Entwicklung des Hebammenwesens
Lehrbuchwissen für Geburtshelferinnen
Die ersten Hebammenkurse im Wallis
Strenges Regime an der Hebammenschule in Genf . .
Hungerlöhne und Einflussverlust im Wallis
Der Kampf um Anerkennung
Schwangerschaftsabbruch und Verhütung
Genfer Hebammen und der Verdacht auf Abtreibungen
«Fruchtverhütung» in den 1920er-Jahren
Die Geburt als Spiegel der Zeit
Ein Kaiserschnitt vor mehr als 100 Jahren
Von der Haus- zur Spitalgeburt
Einsatz nach dem Erdbeben in Nepal
Hoffnung nach der Katastrophe
Rückkehr in die Zerstörung
Die Welt ist klein
Kräuter, Salben und Essenzen
Auf Hausbesuch
Nachwort
Anmerkungen
Autorin
Einleitung
Was hat man Ihnen über Ihre Geburt erzählt? War Ihre Mutter im Kino, bei der Arbeit oder am Kochen, als die Wehen einsetzten? Wissen Sie, wer bei der Geburt dabei war? Ihr Vater oder eine gute Freundin Ihrer Mutter? Ein Arzt, eine Ärztin, eine Hebamme? Die meisten von uns wissen es nicht so genau. Allenfalls erinnert man sich an Schilderungen der Eltern, wie die Geburt verlaufen ist: kurz und heftig, unter ungeheuerlichen Schmerzen, hektisch, langwierig, nervenaufreibend, kompliziert, schwierig und angstvoll – oder schnell, einfach und sanft. Vielleicht hat man Ihnen erzählt, dass Sie im Gebärsaal eines Spitals zur Welt kamen oder durch einen Kaiserschnitt in einem Operationssaal; vielleicht in einem Geburtshaus oder bei einer Hausgeburt daheim. Egal, was und wie viel man über die eigene Geburt mitbekommen hat: Wenn man ein Kind ist, bleibt sie ein Rätsel. Das kindliche Vorstellungsvermögen reicht nicht aus, um sich auszumalen, wie man im Bauch der Mutter zu einem lebensfähigen Wesen heranwächst. Und erst recht unvorstellbar bleibt, wie man nach neun Monaten aus diesem kugelrunden Bauch geschlüpft sein soll.
Spätestens als Erwachsener weiss man: Die Geburt ist kein Rätsel. Eine Geburt gehört wie die Liebe und die Schwangerschaft zu den natürlichsten Sachen der Welt. Milliarden von Frauen haben geboren. Jährlich kommen 83 Millionen Kinder zur Welt, 159 pro Minute, mehr als zwei pro Sekunde. Dennoch ist jede Geburt ein Ausnahmezustand und ein magischer Moment – für die Mutter, für das Kind, für Hebammen, Ärztinnen, Ärzte und Angehörige, welche die Gebärende bei diesem Akt unterstützen. Seit alters waren es vor allem Frauen, die anderen Frauen bei der Geburt halfen. Daraus entstand der Beruf der Hebamme, schlecht entlohnt, anspruchsvoll, bewundert, aber auch Vorurteilen und Ängsten ausgesetzt.
Hebamme ist einer der ältesten Frauenberufe der Welt. Die Geschichte der Hebammen ist ein Teil der Frauengeschichte. Hebammenverordnungen kennt man seit dem Mittelalter. Ab dem 16. Jahrhundert begannen in der Schweiz einzelne Städte Hebammen anzustellen, sie wurden vereidigt und erhielten eine Pension.1 Um die Ausbildung kümmerte man sich ab Mitte des 16. Jahrhunderts, aber das waren meist punktuelle Ansätze. In der Mehrheit handelte es sich bei den Hebammen um ältere Frauen, die selbst geboren hatten, oftmals Analphabetinnen waren und vor allem wegen ihrer Erfahrung bei Geburten halfen. Eine stetige Professionalisierung setzte zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein. Nun rekrutierte man jüngere Frauen, die lesen und schreiben konnten, und in den meisten Kantonen wurden dreimonatige Kurse angeboten, die Ende des 19. Jahrhunderts auf neun bis zwölf Monate verlängert wurden. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es ein halbes Dutzend Hebammenschulen in der Schweiz, und auch anschliessend entwickelte sich das Hebammenwesen laufend weiter.
Nach dem Zweiten Weltkrieg begannen die Spitalgeburten zu dominieren, und eine immer stärkere Bedeutung der Ärzte machte die Hebamme mehr und mehr zur untergeordneten Hilfskraft. Die Weiterentwicklung des Hebammenberufs führt mit der Akademisierung in der ganzen Schweiz seit 2008 bis in die Gegenwart: Heute braucht es eine Matura für den Abschluss Bachelor of Science Hebamme an einer der vier Fachhochschulen in Genf, Bern, Lausanne oder Winterthur. Die Ausbildung steht selbstverständlich auch Männern offen. Da ist es nur folgerichtig, dass es in der Schweiz mittlerweile auch ein paar wenige männliche Hebammen gibt.
Ist Gebären immer noch die natürlichste Sache der Welt, wenn 2015 in der Schweiz fast 98 Prozent der Babys in einem Spital zur Welt kamen und ein Drittel davon per Kaiserschnitt? Ein Kind zu bekommen, ist heute in unserem Land ein von viel moderner Technik begleiteter Prozess, in dem kaum mehr etwas dem Zufall überlassen und kein Risiko eingegangen wird; weitgehend sicher für Mutter und Kind. Doch es gibt viele Ecken dieser Welt, in denen Kinder unter anderen Umständen geboren werden. Geburten ohne Ultraschalluntersuchungen, ohne Anästhesien und unter prekären sozialen und hygienischen Bedingungen.
Angesichts des medizinischen Fortschritts geht leicht vergessen, dass auch in der ländlichen Schweiz vor noch nicht allzu langer Zeit vorwiegend zu Hause und nicht im Spital geboren wurde, es keine Verhütungsmittel gab, Frauen zehn und mehr Kinder gebaren, die Gefahr bestand, im Kindbett zu sterben, und Kaiserschnitte nur im äussersten Notfall und ohne Narkose durchgeführt wurden. Eine andere Welt, eine andere Zeit – und sie ist gerade mal gut 100 Jahre her.
Hebamme Augusta Theler, von der das Buch handelt, sind diese Unterschiede sehr bewusst. Einerseits, weil ihre Grossmutter mütterlicherseits, Anna Heynen, zu Beginn des 20. Jahrhunderts Hebamme im Walliser Dorf Ausserberg war; und anderseits, weil sie neben ihrer wohlgeordneten Arbeit im Spital Thun, wo sie umgeben ist von moderner Technik, genügend Medikamenten und einem qualifizierten Team, Notfalleinsätze in Krisengebieten im Ausland leistet. So erlebt sie, wie in Kamerun ein Zwilling bei über 40 Grad Celsius Hitze wenige Tage nach der Geburt wegen mangelnder Flüssigkeitsversorgung stirbt, und dann, in Thun, wie ein Kind bei gedämpftem Licht in komfortabler Umgebung im warmen Wasser geboren wird.
Die Spanne zwischen den Welten, in denen sich Augusta Theler bewegt, ist gross. Die Verarbeitung des im Ausland Erlebten fällt nicht immer leicht, aber sie nimmt von ihren Einsätzen vieles mit. Sie lernt dazu und ist sich der schnellen medizinischen Entwicklung seit der Zeit, als ihre Grossmutter Hebamme war, bewusst. In diesem Spannungsfeld zwischen moderner Geburtshilfe in der Schweiz, Einsätzen in den Krisenregionen der Welt und dem Blick in die Vergangenheit bewegt sich die folgende Geschichte.
Augusta Thelers Spitalalltag
Spätdienst
Im Spital Thun kommen durchschnittlich drei Kinder pro Tag zur Welt; 2016 zählte man über 1000 Neugeborene. Und obschon sich die Geburtshilfe in den letzten 100 Jahren stark entwickelt hat, kann man nicht wissen, wie jede einzelne Geburt ausgeht. Jede Schwangerschaft und jede Geburt verläuft in jener geheimnisvollen Sphäre zwischen Leben und Tod, die als zauberhaft in Erinnerung bleibt, wenn alles gut gegangen ist. Umso schlimmer ist es, wenn sich Lebensträume zerschlagen, wenn Schmerzen und Enttäuschungen verkraftet werden müssen, wenn Glück zerrinnt. Augusta Theler weiss, dass Schwangerschaften und Geburten mit vielen Unwägbarkeiten verbunden sind – auch in unserer Zeit und in unseren Breitengraden, wo die Medizin so viele Möglichkeiten bietet wie nie zuvor und wo durch intensive Forschung laufend Fortschritte gemacht werden. Dennoch wird die Tätigkeit der Hebamme nie zur Routine. Nie verläuft eine Geburt genau gleich wie eine andere, denn nicht der Mensch, sondern die Natur gibt den Takt an. Augusta Theler sagt, dieses Bewusstsein rufe bei ihr auch nach vielen Jahren der Erfahrung eine gewisse Anspannung hervor. Jedes Mal begibt sie sich in eine Situation, in der sie nicht weiss, was auf sie zukommt und was passieren wird.
Der Himmel ist an diesem Tag mit Wolken verhangen, während sie ihr Auto auf der Autobahn nach Thun steuert, wo sie am Nachmittag die Spätschicht antreten wird. Bald wird es im Unterland zu regnen beginnen. Die Hebamme ist, bedingt durch ihre Familiensituation und ihren Beruf, viel unterwegs. Sie lebt mit ihrem Partner, einem Arzt, in der Stadt Bern, arbeitet im Spital Thun und pendelt wöchentlich ins Wallis. Dort pflegt sie im Turnus mit ihren Geschwistern ihre demente Mutter. An das viele Herumreisen hat sie sich gewöhnt, zumal sie mitunter grössere, schwierigere Reisen unternimmt. In den vergangenen Jahren hat sie, unter anderem für das Schweizerische Rote Kreuz, mehrere Hilfseinsätze bei Katastrophen geleistet. So reiste sie nach dem schweren Erdbeben 2010 nach Haiti und im Jahr 2015 zwei Mal nach Nepal. Während diesen Einsätzen hat sie gelernt, unter prekärsten Umständen, oft nur in einem eiligst aufgestellten Zelt, Geburten zu leiten und medizinische Notfälle zu bewältigen.
Jetzt, an diesem Nachmittag, daheim in der Schweiz, empfindet sie die Parkplatzsuche vor Schichtbeginn als grössten Stress. Die Autos stehen kreuz und quer auf dem Trottoir der Zufahrtsstrasse zum Spital. Da in der Nähe gerade einige Baustellen sind, ist das Parkplatzangebot knapper als sonst. Mit Glück gelingt es der Hebamme, eine Lücke zu finden. Sie steigt aus, nimmt ihre Tasche vom Rücksitz und eilt schnellen Schrittes in Richtung Frauenklinik, die sich in einem grauen Betongebäude befindet. Augusta Theler hat Jahrgang 1965. Sie bewegt sich flink, ist von schlanker Gestalt und strahlt neben einer jugendlichen, zupackenden Stärke auch Empfindsamkeit aus, einen Sinn für die Fragilität des Lebens. Sie nimmt die Hühnerleiter, wie sie sie nennt, die Feuertreppe, die zum Hintereingang führt, und gelangt durch einen menschenleeren Arbeitsraum in die Gebärabteilung. Im Stationszimmer begrüsst sie gutgelaunt drei Kolleginnen, die auf der einen Seite des Raums am Computer arbeiten. In der Mitte befindet sich ein grosser Tisch, auf dem ein Teller mit Salat und Besteck liegt. Es sieht aus, als wäre jemand während des Essens weggerufen worden. Für den Spätdienst, der um 15 Uhr beginnt, sind an diesem Tag drei Hebammen und eine Praktikantin eingeteilt. Noch haben sie keine Ahnung, was sie während dieser Schicht erwartet, die bis in die Nacht hinein dauert. Augusta Theler verlässt kurz den Raum, um sich für die Arbeit umzuziehen. Minuten später ist sie zurück, in schwarzen Hosen und mit grünem Oberteil. An den Füssen trägt sie Schnürsandalen, mit denen sie in den folgenden Stunden in den langen Gängen der Klinik einige Kilometer zurücklegen wird.
Um Punkt 15 Uhr sitzen die Hebammen der Früh- und der Spätschicht rund um den Tisch in der Mitte des Stationszimmers: Übergabe der Patientinnenakten. In Nummer 2 von insgesamt vier Gebärzimmern liegt eine 23-jährige Frau. «Primäre Sectio, Beckenendlage», ein geplanter Kaiserschnitt, wie eine Kollegin von Augusta Theler berichtet, die etliche Papiere vor sich liegen hat. Die Patientin hat um 12.30 Uhr ihr zweites Kind geboren. Für den Kaiserschnitt hat man sich entschieden, da das Mädchen mit dem Kopf nach oben im Mutterleib lag. In der Regel dreht sich das Baby während der Schwangerschaft, sodass der Kopf nach unten zu liegen kommt. Tut es das nicht, spricht man von einer Beckenend- oder Steisslage. Nach der Operation hat man die Frau auf die Gebärabteilung gebracht, wo sie nun ein paar Stunden bleibt, bevor sie auf die Wochenbettstation verlegt wird. «Alles ist gut gegangen», erklärt die Hebamme der Frühschicht. Nach der Operation sei kaum eine Blutung feststellbar gewesen. Allerdings sei der Blutdruck der Patientin während der Operation vorübergehend recht stark gesunken, worauf man ihr ein Medikament verabreicht habe. «Sie ist immer noch weiss im Gesicht und sieht nicht gut aus, aber sie fühlt sich nicht schlecht», schliesst die Hebamme ihre Ausführungen, nicht ohne zu erwähnen, dass das Baby «super ausgestiegen» sei. «Es wollte schon im Operationssaal an die Brust.»
Im Spital Thun befinden sich die Geburts- und die Wochenbettabteilung auf demselben Geschoss, sie werden aber getrennt voneinander geführt. Während in den Gebärzimmern ausschliesslich Hebammen tätig sind, arbeiten auf der Wochenbettabteilung vorwiegend Pflegefachfrauen. In hektischen Zeiten mit vielen gleichzeitigen Geburten hilft man sich gegenseitig aus. Schon bald ins Wochenbett verlegt wird an diesem Nachmittag eine 24-jährige Frau. «Sie ist gestern mit vorzeitigem Blasensprung eingetreten», erklärt eine zweite Hebamme der Frühschicht. Ist die Fruchtblase geplatzt, ist dies in der Regel ein Anzeichen, dass die Geburt bevorsteht. Die Schwangere habe zunächst nur schwache Wehen gehabt, erzählt die Hebamme weiter. Nach dem Wechsel in die Badewanne seien sie plötzlich stärker geworden, und kurze Zeit später sei das Kind, ein Bub, zur Welt gekommen. «Er macht es gut, hatte allerdings Stress bei der Geburt.» Dies habe die Kardiotokografie (CTG) gezeigt, die gleichzeitige Aufzeichnung der Herztöne des Kinds und der Wehentätigkeit der Mutter. Die beiden Fälle werden unter den Hebammen der Spätschicht aufgeteilt: «Ich übernehme gern die Frau nach der Sectio», sagt Augusta Theler. Nach der Übergabe verabschieden sich die Kolleginnen des Frühdiensts.
Augusta Theler geht durch den breiten Korridor vom Stationszimmer ins Gebärzimmer 2. Sie gratuliert der frischgebackenen Mutter, die im Bett liegt, zur Geburt. Die Frau, die aus Albanien stammt, lächelt zwar, scheint aber kaum ein Wort zu verstehen. Die Hebamme beginnt, mit den Händen zu sprechen. Auf ihre Fragen bekommt sie zur Antwort ein Lächeln. Der Blutdruck der Patientin hat sich inzwischen stabilisiert. Augusta Theler hebt die Decke und das Nachthemd der Frau etwas an. Sie tastet am Bauch die Gebärmutter ab, um zu prüfen, ob sie sich nach der Geburt gut zusammengezogen hat und eine schöne Kugel bildet. Dann wirft sie einen Blick auf die Naht des Kaiserschnitts, die von Klammern zusammengehalten wird, und auf die Binde. Es blutet nur wenig. Sie kontrolliert die Urinausscheidung durch den Katheter.
Das Baby, das seit gut drei Stunden auf der Welt ist, schläft in seinem Bettchen. Behutsam hebt die Hebamme das Kind, das in ein weisses Frotteetuch eingewickelt ist, in die Höhe und legt es auf die Waage. 2,9 Kilogramm. Dann bettet sie das Baby auf eine Wickelunterlage, über der eine Heizlampe Wärme spendet. Vorsichtig platziert sie ein Thermometer unter dem Arm des Babys, dann misst sie mit einem Messband den Kopfumfang und die Länge des Neugeborenen, streicht über die Fontanellen, prüft mit ein paar geübten Handgriffen die Reflexe. Die Ergebnisse der Untersuchungen notiert sie auf einem Blatt.
Inzwischen ist der Vater, der Deutsch spricht, ins Zimmer getreten. Augusta Theler streift sich Handschuhe über und nimmt eine sterile Schere aus der Verpackung. Nachdem sie die Nabelschnur des Neugeborenen desinfiziert und gekürzt hat, setzt sie die Lesebrille auf und begutachtet das abgeschnittene Stück, das sie in der Hand hält. Drei Gefässe führen durch die Nabelschnur, die im Mutterleib über die Plazenta die Versorgung des Babys gewährleistet. Die Hebamme fragt den Vater, ob er erfahren möchte, wie sich das Durchschneiden der Nabelschnur anfühlt. Während dies die Männer bei Spontangeburten häufig im Gebärsaal übernehmen dürfen, durchtrennt bei einem Kaiserschnitt der Arzt oder die Ärztin die Nabelschnur.
Der junge Vater greift etwas unsicher nach der Schere und schneidet unter Anleitung der Hebamme einmal durch das vorher abgetrennte Stück. Ganz wohl scheint es ihm dabei nicht zu sein. Augusta Theler zieht dem Baby eine Windel für Neugeborene an, greift in den Wärmeschrank unter dem Wickeltisch und entnimmt ihm einen himbeerroten Body sowie einen winzigen, grünen Schlafanzug. Rosarote Finken und eine signalrote Strickmütze ergänzen die Ausstattung. Sie nimmt ein frisches Frotteetuch aus dem Wärmeschrank, wickelt das Baby wie ein Päckchen darin ein und übergibt es der Mutter. Bevor Augusta Theler das Zimmer verlässt, fragt sie die Frau, ob sie Schmerzen habe. Der Kaiserschnitt wurde unter Teilnarkose durchgeführt; die untere Körperhälfte war vollständig betäubt.
In einem der Arbeitsräume in der Geburtenabteilung steht den Hebammen ein Schrank mit Medikamenten zur Verfügung, der durch ein elektronisches Schliesssystem gesichert ist. Er lässt sich nur mit einem Badge öffnen. Gewisse Medikamente dürfen die Hebammen von sich aus verabreichen, für andere braucht es die Verordnung einer Ärztin oder eines Arztes. Während sieben Tagen die Woche ist im Spital Thun rund um die Uhr stets mindestens eine Assistenzärztin oder ein Assistenzarzt der Gynäkologie im Dienst. Die Hebammen arbeiten als Team eng mit den Ärzten zusammen. Augusta Theler entnimmt dem Schrank jetzt eine Schmerztablette, die sie der Patientin später vorbeibringen wird. Sie wendet im Spital Thun aber auch Alternativen zur Schulmedizin an, etwa Akupunktur. Im Korridor vor den Gebärsälen finden sich zwei Schränkchen mit homöopathischen Globuli und ätherischen Ölen. In Absprache mit den Patientinnen wird entschieden, welche Methoden gewählt werden. «Essenzen mit Zimt oder Eisenkraut, die am Bauch eingerieben werden, können die Wehen anregen. Dieselbe Wirkung hat Wehentee mit Ingwer, Eisenkraut, Nelke, Zimt oder Himbeerblättern», sagt Augusta Theler. «Häufig empfehlen wir den Frauen aber auch einfach, eine Weile Treppen zu steigen oder spazieren zu gehen, wenn es mit der Geburt nicht vorwärtsgeht.»
Seit Beginn der Spätschicht sind etwas mehr als zwei Stunden vergangen. In einem Schulungsraum des Spitals ist gerade eine Weiterbildung im Gang. Geübt wird das Nähen von Dammrissen. Ein Dammriss entsteht, wenn das Gewebe zwischen Scheide und Darmausgang bei einer Spontangeburt so fest gedehnt wird, dass es reisst. Zwar sind die Gynäkologen für das Nähen von Dammrissen und -schnitten zuständig, doch die Hebammen sind ebenfalls an die Schulung eingeladen. Als Augusta Theler mit ein paar Minuten Verspätung im Schulungsraum eintrifft, sitzen bereits ein Dutzend Ärztinnen und Ärzte an den Tischen und rüsten sich mit Gummihandschuhen aus. Vor sich haben sie eine beschichtete weisse Unterlage und ein grosses, rosarotes Stück Schweinefleisch, das von Fett und einer dicken Hautschicht überzogen ist. Daran soll das Nähen geübt werden. Noch bevor es richtig losgeht, meldet sich Augusta Thelers Piepser. Sie eilt aus dem Raum. Eine Schwangere mit Blasensprung hat sich telefonisch in der Gebärabteilung angemeldet. Sie erwartet ihr drittes Kind. Die Frau verspürt bereits erste Wehen, die in einem Rhythmus von ungefähr 15 Minuten auftreten. Allerdings wohnt sie im Simmental – nicht gerade um die Ecke. Sie muss zuerst ihren Mann informieren und die zwei grösseren Kinder bei der Grossmutter unterbringen, bevor sie losfahren kann. Das bedeutet, dass schätzungsweise eineinhalb Stunden vergehen werden, bis sie im Spital Thun eintreffen wird.
Augusta Theler wirkt plötzlich angespannt. Ihre sonst weichen Gesichtszüge werden härter, ihre Augen scheinen dunkler und konzentrierter, und ihr Gang ist spürbar schneller. Bereits am Telefon hatte die Schwangere aus dem Simmental den Wunsch geäussert, die Badewanne im Gebärsaal benutzen zu dürfen. Sie hofft, dadurch die erwarteten Schmerzen besser zu ertragen. Die Frau weiss, wovon sie spricht, schliesslich ist sie nicht zum ersten Mal schwanger. Augusta Thelers Hebammenkollegin lässt in Gebärzimmer 1 zusammen mit der Praktikantin schon einmal das Wasser in die grosse, runde Wanne einfliessen und bereitet Tücher und sterile Instrumente vor. In der Zwischenzeit richtet Augusta Theler im Stationszimmer den Tisch fürs Abendessen her, das aus der Spitalküche angeliefert wird. Die kalte Mahlzeit wird in aller Eile im Kreis der Kolleginnen eingenommen.
Nach dem Abendessen nimmt Augusta Theler einen Augenschein im Gebärsaal, wo alles bereit ist für die Frau aus dem Simmental, die sich auf dem Weg ins Krankenhaus befindet. Die Badewanne ist für die Wassergeburt gefüllt. Grundsätzlich sind ganz viele Gebärhaltungen möglich; im Sitzen, im Liegen, im Stehen, auf allen Vieren. In den Gebärsälen im Spital Thun stehen Hilfsmittel wie grosse Gummibälle oder dicke, verknotete Tücher zur Verfügung, die an der Decke befestigt sind und an denen sich die Schwangere festhalten kann. «Wenn ich unser Gebärzimmer 1 betrete, erinnere ich mich immer an eine bestimmte Patientin», sagt Augusta Theler, während sie sich in dem Raum mit dem gedämpften Licht umsieht. Die Frau hatte einen Spätabort erlitten. Man wusste, dass das Kind im Mutterleib tot war. «Die Frau wünschte sich, das Kind im Wasser zu gebären», erzählt die Hebamme. «Die zuständige Assistenzärztin war zuerst nicht einverstanden. Sie argumentierte, es könnte Komplikationen geben, und wollte darum eine Geburt im Spitalbett durchsetzen. Mir war wichtig, den Wunsch der Frau zu erfüllen, die mit einem tragischen Verlust fertigwerden musste.» Die junge Schwangere brachte das tote Baby schliesslich im Wasser zur Welt. «Sie brauchte keine PDA, also keine Periduralanästhesie, mit der die Schmerzen während der Geburt gelindert werden können», erinnert sich Augusta Theler. «Die Frau half aktiv mit. Sie wollte bewusst spüren, wie das Kind geboren wird.»
Eine Totgeburt ist für eine Frau traumatisch. «Der seelische Schmerz ist sehr gross», sagt die Hebamme. «Für die betroffene Frau ist es ganz schwierig, diesen Weg zu gehen. Meine Aufgabe ist es, sie dabei zu begleiten. Wie eine Bergführerin erklimme ich mit ihr diese Steigung, auch wenn von Anfang an klar ist, dass es kein Gipfelgeschenk geben wird.» Freilich äusserten viele Frauen im ersten Moment den Wunsch nach einer Geburt mit Kaiserschnitt, erzählt sie. «Wenn sie erfahren, dass ihr Kind tot ist, wollen sie nur noch, dass man es ihnen aus dem Bauch nimmt. Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Um bewusst Abschied zu nehmen, für den Trauerprozess und die Verarbeitung ist das Erleben der Geburt in meinen Augen aber wichtig.»
Es ist kurz vor 18 Uhr. Augusta Theler ist seit gut drei Stunden im Dienst. Die Hebamme schaut nach der Patientin in Gebärzimmer 2, die am Nachmittag ein Mädchen geboren hat. «Wie geht es Ihnen?», fragt Augusta Theler, während sie ans Bett tritt. Die junge Frau lächelt sie an, nickt, hebt das Duvet an und gibt der Hebamme zu verstehen, dass ihr heiss ist. «Möchten Sie duschen?» Wieder nickt die junge Mutter. Als klar ist, dass der Kreislauf stabil ist, hilft Augusta Theler der Patientin langsam aus dem Bett. Die Frau schlurft am Arm der Hebamme in die Nasszelle. Das Baby schläft friedlich in seinem Bettchen.
Unerwartete Komplikationen
Die Patientin aus dem Simmental ist da. Mit den Händen in den Hosentaschen steht die blonde, schlanke Frau um 19.15 Uhr im Korridor der Geburtenabteilung im Spital Thun. Unter der Bluse zeichnet sich der Babybauch ab. Hinter ihr steht ihr Mann. Augusta Theler bittet sie ins Aufnahmezimmer, wo sie eine erste Untersuchung durchführen wird. Sie will herausfinden, ob die Frau nur Fruchtwasser verloren oder ob sich der Muttermund bereits geöffnet hat. Häufig setzten innerhalb von 24 Stunden nach dem Blasensprung die Wehen ein, erklärt sie. Sei das nicht der Fall, würde man dann in der Regel die Geburt mit Medikamenten einleiten.
Augusta Theler desinfiziert die Hände, während sich die Frau aufs Untersuchungsbett legt. Der Mann setzt sich auf einen Stuhl am Fenster. «Hatten Sie eine normale Schwangerschaft?», fragt die Hebamme und will wissen, ob die Frau die Bewegungen des Kinds gut spüre. Die Patientin, die 40 Jahre alt ist, bejaht beide Fragen und erklärt, am Nachmittag sei ein Schleimpfropfen abgegangen, wonach sie einen Schwall Fruchtwasser verloren habe. Die Wehen spüre sie etwa alle 10 oder 15 Minuten. Augusta Theler tastet den Bauch der Schwangeren ab. Sie führt die sogenannten Leopold-Handgriffe aus, um die Lage des Kinds durch die Bauchdecke zu ertasten. «Ich schätze das Gewicht des Kinds auf eher unter 3000 Gramm. Das Köpfchen sitzt schön im Becken», sagt die Hebamme, bevor sie das CTG-Gerät anschliesst.
Die Frau trägt jetzt eine Art Stoffgurt mit Sensoren um den Bauch. Die Herztöne des Kinds und die Wehentätigkeit werden laufend auf einen Papierstreifen aufgezeichnet. «Das Baby macht es gut, alles im grünen Bereich», hält Augusta Theler fest, setzt sich auf den Bettrand, nimmt die Lesebrille zur Hand und notiert die Ergebnisse ihrer Untersuchung. «Wir warten einfach ab», sagt sie zu den Eltern, die keine Spur von Nervosität zeigen. «Noch sind die Wehen schwach, aber da Sie einen Blasensprung hatten, ist klar: Sie bleiben bei uns.»
Die Hebamme lässt die beiden allein und geht ins Stationszimmer, um sich dort mit der Assistenzärztin zu besprechen. Zusammen kehren sie zurück zum Paar. Da sich die Frau eine Wassergeburt wünscht, kommt eine PDA nicht infrage. Auch starke Schmerzmedikamente, intravenös verabreicht, werden bei einer Geburt in der Badewanne aus Sicherheitsgründen zurückhaltend eingesetzt. Augusta Theler schlägt vor, falls nötig Lachgas zu verwenden. «Sie atmen das Gasgemisch über eine Gesichtsmaske aus Kunststoff ein, die Sie selbst halten», erklärt sie. «Mir haben Frauen gesagt, allein das Halten der Maske habe ihnen während der Geburt geholfen. Und das Lachgas besitzt die Eigenschaft, die Spitze des Schmerzes etwas abzudämpfen.»
Dann geht plötzlich alles sehr schnell. Die Frau verspürt nun Wehen in immer kürzeren Abständen. Die Hebamme versucht, einen Venenkatheter an ihrem Handrücken zu platzieren. Sie muss die Handlung unterbrechen, als eine weitere Wehe die schwangere Frau erreicht. Sie wimmert, der Schmerz wird schlimmer. Es ist höchste Zeit, ins Gebärzimmer zu wechseln.
Eine Stunde nach Eintreffen im Spital liegt die Frau nun, nur noch mit einem T-Shirt bekleidet, im Wasser in der Wanne. Ihre übrigen Kleider sind mit den Schuhen auf einem Haufen am Boden gelandet. Es musste schnell gehen. Eine Lichterkette bringt etwas Helligkeit in den abgedunkelten Raum mit der dunkelrot gestrichenen Wand. Die Vorhänge sind zugezogen, draussen ist es dunkel. Eine Zeitlang ist nichts als das Schnaufen der Frau zu hören. «Schön in den Schmerz atmen.» Augusta Theler wendet sich der Gebärenden zu und spricht mit leiser Stimme. Sie hat sich Gummihandschuhe übergestreift und beugt sich auf der linken Seite über die Wanne. Der Mann befindet sich am Kopfende. «Aber Sie geben mir dann schon noch etwas gegen diese Schmerzen», bittet die werdende Mutter, als sie die nächste Wehe spürt. Die Hebamme reicht ihr die Gesichtsmaske für das Lachgas und fordert sie auf, tief einzuatmen. Erst als sich der Schmerz wieder verzogen hat, geht Augusta Theler zum Lavabo in den anderen Teil des geräumigen Gebärsaals und befeuchtet einen weissen Waschlappen mit kaltem Wasser. Damit kehrt sie zurück zur Gebärenden und legt ihn ihr auf die Stirn. «Ich bin ein wenig geflasht», stellt die Frau fest, bevor sie erneut nach der Gesichtsmaske greift. Die nächste Wehe setzt ein.
Augusta Theler wirkt ganz ruhig, aber voll konzentriert. Sie spricht nun eindringlich zu der Frau: «Wenn das Baby kommt, bleiben Sie mit dem Becken schön unten», sagt sie. «Versuchen Sie, das Kind hinauszuschnaufen und nur vorsichtig mitzuschieben. Wir schaffen das zusammen.» Die Hebamme möchte einen Dammriss vermeiden. In der letzten Phase wird sie den Kopf des Kinds während der Wehen mit den Fingern zurückhalten. Mit geübten Handgriffen wird sie ihn so führen, dass die Geburt für Mutter und Kind möglichst sanft und schadlos erfolgen kann.
Aus der Wanne ist ein schnorchelndes Geräusch zu hören. Der Atem der Gebärenden geht schneller. «Das Baby kommt», kommentiert Augusta Theler und fragt: «Wollen Sie mit dem Finger selbst spüren, wo das Köpfchen ist?» «Nein», antwortet die Frau, sie merke, dass es gleich so weit sei. Die Hebamme beugt sich nun tief zum Kopf der Gebärenden hinunter. Der Sekundenzeiger der Uhr, die an der Wand über der Türe hängt, scheint über die Stunden- und Minutenanzeige zu schleichen. «Die nächste Wehe kommt. Volle Konzentration. Ja, sehr gut, schieben Sie mit. Es ist gleich so weit.»
Die Frau gibt sich ihrem Schmerz nun hin, schreit ihn aus sich heraus. Jetzt steht auch die Ärztin am Rand der Wanne. Die Gebärende atmet lange und tief aus. Die Gynäkologin dreht ihren Kopf zum Gerät, das noch immer die Herztöne des Kinds aufzeichnet. Alles in Ordnung, sagt ihr Blick. Während sie die Wehen wie Wellen überfluten, packt die Frau den Arm der Hebamme mit aller Kraft und hält sich wie eine Ertrinkende daran fest. «Es tut so weh!», schreit sie. Augusta Thelers Gesichtszüge sind härter geworden, ihre braunen Augen glänzen wie zwei dunkle Punkte. In einem strengen Tonfall, aber voller Zuversicht sagt sie: «Wir müssen da durch. Schon bald haben Sie es geschafft. Tief atmen. Das Köpfchen kommt. Sehr gut!»
Die letzten Minuten und Sekunden sind voller Dramatik. Der Mann, der während der ganzen Zeit die Hand seiner Frau gehalten hatte, bleibt mäuschenstill. Nur seine Gesichtsmuskeln sind aufs Äusserste angespannt. Sie verraten, wie ihm zumute ist. Eine Presswehe noch, ein Schmerzenslaut der Frau, dann ist mit einem Mal das Baby da. Augusta Theler hebt es sofort aus dem Wasser, legt es der Mutter auf die Brust und deckt es mit einem Tuch zu. Das Kind – es ist ein Knabe – beginnt zu weinen, ein gutes Zeichen. «Hallo du! Schön bist du da!» Es ist 21.20 Uhr. Die Mutter begrüsst ihr Neugeborenes.
Noch während die Frau im Wasser liegt, nabelt die Hebamme das Baby ab. Die Mutter erhält eine Infusion mit einem Wehenmittel, um die Ablösung der Nachgeburt voranzutreiben. Im Gebärsaal bleibt es einige Minuten andächtig ruhig. Mutter und Vater betrachten stumm den Kleinen, der nun ganz still daliegt. Die Hebamme wickelt das Baby in ein warmes Tuch ein, zieht ihm ein gestricktes Mützchen an und übergibt es dem Vater. Dann hilft sie der Mutter, aus der Wanne zu steigen, hüllt sie ebenfalls in ein frisches Tuch, führt sie hinüber zum Bett und deckt sie zu. Noch fehlt die Nachgeburt; die Plazenta, der Mutterkuchen, sollte austreten. Die Hebamme drückt der Frau leicht auf den Bauch und fordert sie auf zu husten. Derweil hört man das Baby, das in den Armen des Vaters liegt, zufrieden schmatzen. Die Plazenta ist nun da, allerdings ohne die Eihäute, die das Baby in der Gebärmutter umhüllt und die Fruchtblase gebildet hatten. In der Regel werden diese mit der Plazenta ausgestossen. In diesem Fall sind aber vorerst nur Fetzen der Eihaut vorhanden.
Die Ärztin holt aus einem Schrank sterile Klemmen. «Es blutet, wir müssen uns etwas beeilen», sagt Augusta Theler ruhig, aber bestimmt. «Wir müssen schauen, dass nichts mehr zurückbleibt.» Mit den sterilen Klemmen versuchen Ärztin und Hebamme, die fehlenden Teile der Eihäute aus dem Gebärmutterhals zu holen. Bleiben Teile des Mutterkuchens oder der Eihäute zurück, so kann es zu Blutungen kommen. Als anzunehmen ist, dass keine Reste in der Gebärmutter verblieben sind, kontrollieren Ärztin und Hebamme gemeinsam den Damm der jungen Mutter. Da es aus der Vagina leicht blutet, platzieren sie dort einen sterilen Tupfer mit einem Lokalanästhetikum. Der Damm ist unversehrt geblieben. Die Mutter, die nach der unangenehmen Prozedur um die Eihaut fröstelt, wird mit einem weiteren warmen Tuch zugedeckt.
Erst jetzt findet Augusta Theler Zeit und Ruhe, um den Eltern zu gratulieren. Dann lässt sie die drei allein. Die Plazenta mit der Nabelschnur und den Eihäuten hat sie in eine weisse, beschichtete Unterlage gepackt und bringt alles in eines der Arbeitszimmer, wo sie das Päckchen auf eine Ablage legt. Dann tritt die Ärztin dazu, und die blutige Plazenta wird von Auge auf ihre Vollständigkeit geprüft. Sie versorgte das Baby im Mutterleib mit Nährstoffen. Die Plazenta ist von schwammiger Konsistenz, hat einen Durchmesser von etwa 20 Zentimetern und ist ungefähr ein Sechstel so schwer wie das Kind. Sie wird nach dieser Untersuchung in einem Gefrierschrank gelagert und später mit anderen Spitalabfällen verbrannt.
Der Mutterkuchen gehört zum Kind, darum werden die Eltern gefragt, ob sie ihn mit nach Hause nehmen möchten. Hin und wieder machen Eltern von dieser Möglichkeit Gebrauch, um die Plazenta später im Garten zu vergraben und an diesem Ort einen Baum zu pflanzen. Im Internet kursieren Berichte über den Verzehr der Plazenta als Wundermittel. Augusta Theler hat jedoch noch nie Eltern kennengelernt, die ihr von derartigen Absichten erzählt hätten. Bekannt ist auch, dass man in bestimmten Apotheken homöopathische Plazenta-Globuli für Mutter und Kind herstellen lassen kann. Diese sollen die Immunabwehr stärken und diverse gesundheitliche Beschwerden lindern.
«Ich muss etwas trinken.» Nur kurz ist der Hebamme nach dieser Geburt anzumerken, dass sie gefordert war. Kaum hat sie sich im Stationszimmer an den Tisch gesetzt, wird sie schon wieder in Gebärsaal 1 gerufen. Die Patientin hat das Gefühl, dass sie vermehrt blutet. Augusta Theler geht nachschauen. Sie erneuert den Tupfer und wird den Verlauf der Blutung verfolgen. Dann nimmt sie dem Vater, der immer noch mit dem Baby im Arm auf dem Sofa sitzt, das Kind ab. Die Hebamme übergibt das Neugeborene der Mutter, die es an die Brust setzt. Trinken will der Kleine noch nicht, er weint leise und schläft dann ein. Während dieser Zeit räumt Augusta Theler das Gebärzimmer auf, trocknet die Überschwemmung neben der Wanne, hebt Tücher vom Boden auf, die in der Eile dort gelandet sind, wirft gebrauchte Gummihandschuhe in den Abfall. Bevor sie das Zimmer wieder verlässt, erfährt sie den Namen des Babys. Der Kleine wird Noah heissen.
Es ist nach 22 Uhr, als die Hebamme ins Zimmer der Frau mit dem Kaiserschnitt zurückkehrt. Die junge Mutter hat das Handy am Ohr, spricht Albanisch, verabschiedet sich nun aber eilig. Der Mann sitzt im Zimmer auf einem Stuhl und scheint vor Müdigkeit immer tiefer zu rutschen. Die junge Frau wird mit dem Baby für die Nacht auf die Wochenbettabteilung verlegt. Mit Unterstützung des Mannes und einer zweiten Hebamme packt Augusta Theler alle persönlichen Sachen zusammen, räumt die Blumen, die der Besuch gebracht hat, auf ein fahrbares Tischchen. Zu zweit stossen die Hebammen das Bett, in dem die junge Mutter liegt, durch den Gang auf die Wochenbettstation, wo ein Platz in einem Zweierzimmer reserviert ist. Das Krankenbett wird in der Nähe der Tür kopfseitig an die Zimmerwand geschoben; der Platz am Fenster ist bereits durch eine andere junge Mutter mit ihrem Baby besetzt. Im Zimmer brennen nur noch die Leselichter. Im Spital ist es still geworden. Augusta Theler misst ein letztes Mal heute den Blutdruck und die Körpertemperatur der Frau, tastet auf der Bauchdecke nach ihrer Gebärmutter, kontrolliert den Verband. Sie blutet nach wie vor nur ganz wenig. Die Hebamme verabschiedet sich und wünscht eine gute Nacht.
Zurück im Stationszimmer, beginnt für Augusta Thehler die Schreibarbeit. Überwachungsblatt, Geburtsverlauf, Formulare für Mutter und Kind. Ein ganzes Bündel Dokumente gehört zu jeder Geburt. Einige Papiere müssen von Hand ausgefüllt und kopiert werden, andere werden am Computer ergänzt. Die Hebamme beugt sich tief über den Schreibtisch und führt den Kugelschreiber flink übers Papier. Das Kopiergerät piepst, während kurz vor 23 Uhr die Kolleginnen der Nachtschicht eintreffen. Es folgt dieselbe Übergabesitzung wie vor acht Stunden, als Augusta Thelers Spätschicht begann. Die Hebammen der Nachtschicht werden über die Geburt von Noah informiert und erfahren, dass im Verlauf des Abends eine weitere schwangere Frau ins Spital eingetreten ist. Die Geburt des Kinds ist überfällig. Die Patientin hat die 40 Wochen Schwangerschaft – ab dem ersten Tag der letzten Menstruation gerechnet – um gut eine Woche überschritten. Man befürchtet, dass das Baby nicht mehr gut versorgt ist. Darum versucht man, die Geburt mit einem Medikament einzuleiten, das vaginal als Zäpfchen verabreicht wird. Es soll die Gebärmutterkontraktionen künstlich anregen.
Augusta Theler widmet sich nach dieser Sitzung weiter den Papieren, die komplett ausgefüllt sein müssen, bevor sie ihre Schicht beendet. Dabei geht es nicht nur um die Dokumentation medizinischer Einzelheiten, sondern auch um die korrekte Abrechnung der Leistungen. Jeder einzelne Posten, von den Medikamenten bis zum benötigten Material, muss detailliert aufgeführt werden. Eine ihrer Kolleginnen verschwindet in der Zwischenzeit in Gebärsaal 1, wo vor gut zwei Stunden der kleine Noah zur Welt gekommen ist. Plötzlich ertönt im Stationszimmer der Alarm, worauf Augusta Theler blitzartig von ihrer Schreibarbeit aufsteht und zusammen mit zwei weiteren Hebammen und der Assistenzärztin aus dem Raum eilt. Die Kollegin in Gebärzimmer 1 braucht Hilfe, denn bei der Patientin hat sich die Blutung deutlich verstärkt. Es ist anzunehmen, dass in der Gebärmutter doch noch Stücke der Eihäute verblieben sind, die zur vermehrten Blutung führen. Kurz vor Mitternacht entscheidet sich die Assistenzärztin nach Rücksprache mit den Hebammen, eine Curettage durchführen zu lassen. Unter Narkose soll durch die Vagina ein Instrument eingeführt werden, mit dem die Gebärmutter ausgekratzt beziehungsweise ausgeschabt wird. Die Ärztin lässt den Operationssaal für den bevorstehenden Eingriff vorbereiten. Die Patientin, die ihr Kind so schnell und problemlos geboren hatte, muss nun doch noch mitten in der Nacht operiert werden. Sie lässt alles mit stoischer Ruhe über sich ergehen. Als sie im Bett durch den Spitalgang gefahren wird, scheint sie zu dösen. Ihr Mann hatte sich schon eine halbe Stunde vorher im Spital verabschiedet. Er ist nach Hause ins Simmental gefahren, um sich um die zwei älteren Kinder zu kümmern. Die Hebammen werden ihn telefonisch über den Verlauf der Operation informieren.
Mitternacht ist vorbei, als Augusta Theler die fertig ausgefüllten Formulare in ein Sichtmäppchen steckt. Ihre Schicht ist zu Ende, und so tritt sie aus dem Stationszimmer auf den Spitalgang, um sich umziehen zu gehen. Danach kehrt sie kurz ins Stationszimmer zurück und verabschiedet sich von den Kolleginnen der Nachtschicht. Es regnet, als sie vor dem Spital durch die Dunkelheit in Richtung Parkplatz geht, das Auto aufschliesst und einsteigt. Dicke Tropfen prallen auf die Windschutzscheibe.
Magie und Schrecken der Geburt
«Ich erlebe bei jeder Geburt magische, intensive Momente», sagt Augusta Theler. «Jede Geburt hat etwas Bezauberndes und ist etwas Einmaliges. Die Zeit bleibt einen Augenblick stehen.» Sie empfindet es als riesiges Privileg, in diesen Momenten ganz nah dabei zu sein und ein Teil der Geschichte jedes Paars und jedes Kinds zu werden; auch wenn diese sich später nicht mehr an die Hebamme erinnern. «Dieses Ereignis bleibt prägend für die ganze Familie.»
Die Hebamme sagt, sie empfinde höchsten Respekt vor jeder Geburt und habe eine grosse Achtung vor jeder Gebärenden. Sie selbst hat keine eigenen Kinder und besitzt damit auch keine persönliche Geburtsgeschichte, die sie in ihrem Beruf beflügeln oder belasten könnte.
«Ich finde es schön, einen verantwortungsvollen Beruf zu haben», sagt sie. «Aber freilich kann Verantwortung auch belastend sein, wenn es um Leben und Tod geht. Als Hebamme kann ich die Verantwortung nicht einfach abschieben, sondern muss mich in die Situation schicken.» Im Spital ist sie in eine Gruppe von Spezialisten eingebunden und fühlt sich dadurch nie allein. Sie findet, diese Teamarbeit entspreche ihr. «Ich bin ein Rudeltier und kann mir nicht vorstellen, anders zu arbeiten.»
Obschon das Team sie unterstützt, ist die Hebamme bei jeder Geburt mit ihrer ganzen Präsenz gefordert. «Man braucht viel Einfühlungsvermögen, um auf jede Frau individuell eingehen zu können. Und es braucht eine gewisse Spontaneität und Flexibilität, um in unerwarteten Situationen schnell reagieren zu können.» Augusta Theler ist sich bewusst, dass viele Schwangerschaften mit langen, komplizierten Vorgeschichten verbunden sind. Nicht bei allen Paaren klappt es sofort mit dem Kinderkriegen. Manche haben einen Leidensweg voller Bangen und Hoffen hinter sich, bis die Frau endlich schwanger ist. Nicht selten haben die Paare viel Zeit und Energie, manchmal auch viel Geld investiert, bis die Schwangerschaft geglückt ist, etwa durch eine künstliche Befruchtung. «Dann lastet ein doppelter, meist unausgesprochener Druck auf uns Hebammen, dass alles gut geht.»
Die Ansprüche und Erwartungen der werdenden Eltern würden immer grösser, sagt Augusta Theler. «Durch die Möglichkeiten der pränatalen Diagnostik wiegen sich viele Leute in Sicherheit. Die instinktive, natürliche Beziehung mancher Frauen zum werdenden Leben ist damit gestört worden. Bluttests, Chromosomenuntersuchungen und Baby Watching dank Ultraschall vermitteln das Gefühl, jederzeit alles unter Kontrolle zu haben. Doch die absolute Sicherheit gibt es nicht.» Auch romantisch verklärte Vorstellungen von einer sanften Geburt bei Kerzenlicht seien verbreitet, stellt sie fest. «Gebären ist aber ein natürlicher Prozess, der nicht immer nach Plan abläuft. Wenn die Geburt beispielsweise nicht voranschreitet und es dem Kind zunehmend schlechter geht, muss man etwas unternehmen, um den Verlauf zu beschleunigen.» Unter Umständen wird der Arzt mit der Saugglocke oder der Zange nachhelfen, oder es wird ein Notfallkaiserschnitt durchgeführt – nicht das, was sich die Frauen wünschen. «Man darf nicht vergessen, dass die meisten Geburten normal und ohne Komplikationen verlaufen», sagt Augusta Theler. «Hier in der Schweiz bin ich als Spitalhebamme trotzdem froh um die Diagnose- und Operationsmöglichkeiten, die für den Notfall vorhanden sind.»
Ein Notfall mit einem Kampf um Leben und Tod geht ihr noch heute unter die Haut. «Es war 6 Uhr morgens, gegen Ende der Nachtschicht, und es war wenig los im Spital», erinnert sie sich. «Meine Kollegin wollte mich schon heimschicken. Sie meinte, sie käme gut allein zurecht. Ich bestand darauf, bis zur Ablösung zu bleiben, und zog mich ins Stillzimmer zurück, um ein wenig zu schlafen. Ich lag noch nicht lange auf der Couch, da kam die Meldung aus dem Notfall, sie würden eine schwangere Frau zu uns hinaufbegleiten. Die Frau war mit ihrem Mann im Privatauto zum Spital gefahren. Sie konnte nicht selbst aus dem Auto steigen, so schlecht war ihr Allgemeinzustand. Vom Notfall brachte man sie mit der Bahre auf die Gebärabteilung: ein schlechtes Zeichen.
Ich erschrak. Die Frau war fahl im Gesicht und fast nicht mehr ansprechbar. Ich legte ihr die Hand auf den Bauch, um die Spannung der Gebärmutter oder Wehen zu spüren. In diesem Augenblick merkte ich, dass die Bauchdecke weich war wie ein Schwamm. Schlagartig wurde mir der Ernst der Lage bewusst. Ich rief nach der Ärztin und meiner Kollegin. Die Patientin wurde immer fahler und grauer, sie war fast bewusstlos. Ihr Puls war sehr hoch, der Blutdruck sehr tief, alles Anzeichen für einen Schock. Die Herztöne des Kinds waren schwach. Wir brachten die Frau sofort nach unten in den Operationssaal. Notfallsectio. Ich machte mir grosse Sorgen um die Mutter und das Kind. Die beiden Leben hingen an einem seidenen Faden. Es ging alles so schnell, ich hatte nicht einmal Zeit, um dem Mann die Dramatik der Situation zu erklären. Die Gebärmutter war gerissen – eine seltene, lebensgefährliche Komplikation: Der Bauchraum füllt sich mit Blut und Fruchtwasser, und die Versorgung des Kinds wird unterbrochen. Schliesslich überlebte die Frau die Operation, doch für den Säugling kam die Hilfe zu spät. Wir haben noch versucht, das Kind zu reanimieren, konnten es jedoch nicht zurückholen.
Ich musste dem Mann, zusammen mit dem Arzt, die traurige Nachricht überbringen. Tragödien wie diese machen mich sprachlos, es tat mir so weh, dass das Kind gegangen war. Ich konnte meine Ohnmacht und meine Fassungslosigkeit nicht verbergen. In diesen Momenten trauern wir mit den Eltern mit. Aber ich war auch erleichtert, dass die junge Frau überlebt hatte. Sie hatte eine grössere Tochter zu Hause. Diese Geschichte war für mich sehr prägend. Ich bin froh, mich auf mein Gefühl verlassen zu haben; zum Glück war ich nicht nach Hause gegangen und hatte meine Kollegin nicht allein gelassen.» Augusta Thelers Stimme wird brüchig, wenn sie davon erzählt. «Das kennt man ja heute in unseren Breitengraden kaum mehr, extreme Sachen wie einen Gebärmutterriss, der für die Schwangere tödlich ausgehen kann.»
Der Notfall im Spital brachte die Hebamme vollkommen aus der Fassung. Sie haderte mit sich und mit dem Unglück. Die Walliserin sieht sich als starke Person, doch sie sagt, in manchen Situationen wirke sie stärker, als sie sei.
Sie lache gern, sei temperamentvoll, fröhlich und gesellig. Aber sie sei auch ein emotionaler Mensch, manchmal dünnhäutig, mit einer nachdenklichen Seite.
Eine Grossfamilie im Wallis
Kindheit in einfachen Verhältnissen
Zwei Frauen spielen in Augusta Thelers Leben eine wichtige Rolle: ihre Mutter Julie Theler und ihre Grossmutter Anna Heynen, geboren 1895 als Anna Schmid. Anna Heynen war lange Jahre die Dorfhebamme von Ausserberg im Kanton Wallis gewesen. Bei Wind und Wetter eilte sie in ihren Kleidern, die an eine Tracht erinnerten, und nur mit ledernen Halbschuhen an den Füssen zu Frauen, die in den Wehen lagen und auf ihre Hilfe warteten. Strassen und Autos wie heute gab es damals noch nicht. So marschierte Anna Heynen mit ihrem Hebammenkoffer viele Kilometer allein durch die dunkle Nacht. Die Entbehrungen, welche die Grossmutter auf sich nahm, und die Kraft, die sie in die Ausübung ihres Berufs steckte, müssen immens gewesen sein. Als Hebamme ist die Grossmutter, die 1981 gestorben ist, für Augusta Theler ein grosses Vorbild geworden – davon später mehr.
Zu ihrer Mutter Julie Theler pflegt Augusta Theler eine enge Beziehung. Der Vater, Lukas Theler, ist 2008 gestorben. Julie Theler hat Jahrgang 1926 und lebt in ihrem eigenen Universum. Sie ist dement, doch lichte Augenblicke, in denen sie ganz in der Gegenwart ist und sich mit einer starken Präsenz am Gespräch beteiligt, sind nicht etwa rar. Immer wieder, manchmal ganz unerwartet, blitzt der Schalk aus ihren Augen, die voller Licht und Lebensfreude sind.
Julie Theler lebt im Briger Stadtteil Glis im Haus, das sie 1958 mit ihrem Mann gekauft hatte und in das sie damals mit den ältesten drei Kindern gezogen waren. Sieben weitere Kinder sollten folgen. Lukas Theler hatte eine neue Anstellung als Schlosser und Schmied im Zeughaus von Brig-Glis gefunden. Im Zeughaus reparierte er Werkzeug fürs Militär. Für den Kauf des bescheidenen Häuschens an der Zenhäusernstrasse mussten sich Augusta Thelers Eltern in Schulden stürzen. Viel Geld, um zu sparen, war nicht vorhanden, und je grösser die Familie wurde, desto schmaler wurde das Haushaltsbudget. Vor dem Umzug nach Brig-Glis hatten Julie und Lukas Theler ihr Heimatdorf Ausserberg nie für längere Zeit verlassen.
Augusta Theler und ihre neun Geschwister sind also in diesem kleinen, in die Jahre gekommenen Einfamilienhaus aufgewachsen; in dem Haus mit dem Giebeldach und der Rampe zur Garage, mit dem Weg durch den Vorgarten und der Treppe, die hinauf zum Eingang führt. Das Häuschen wirkt in dem bis auf den letzten Meter überbauten Quartier wie eine Insel in einem Meer von wahr gewordenen Architektenträumen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Lässt man den Blick in die Ferne schweifen, sieht man hohe Berge mit ewigem Schnee, die sich steil in den blauen Himmel erheben. Der Garten von Familie Theler ist ein romantisches Plätzchen, und er ist perfekt gepflegt. Da und dort spriessen ein paar Blumen, und man sieht, dass die kleine Grasfläche regelmässig geschnitten wird.
In der Küche stehen eine massive Eckbank aus Holz und ein paar Stühle um den Esstisch. Allerdings sass früher nicht oft die ganze zwölfköpfige Familie am Tisch. Es seien selten alle zehn Kinder gleichzeitig zu Hause gewesen, erklärt Augusta Theler. Kari, der älteste Sohn mit Jahrgang 1954, war bereits 15 Jahre alt, als 1969 die Jüngste, Hildi, zur Welt kam. Wenn trotzdem einmal alle da waren und es eng wurde, verbannte man Nesthäkchen Hildi vom Tisch. Augusta Theler erzählt, wie die Mutter den Küchenschrank mit dem Pfannenauszug öffnete und die Kochtöpfe neben den Kochherd räumte. Hildis Teller stellte sie auf den Schubladenauszug und platzierte einen Stuhl davor, sodass das Mädchen seine Suppe dort auslöffeln konnte. Beschwert habe sich die kleinste Schwester nie.
«Meine Mutter war eine Weltmeisterin im Improvisieren», erinnert sich Augusta Theler. Die Eltern mussten die Schulden vom Hauskauf abzahlen, sodass Julie Theler auch am Essen sparte. Fleisch gab es in der Familie immer, weil die Männer auf die Jagd gingen. Die grosse Tiefkühltruhe steht jetzt noch in der Garage. Zudem bewirtschaftete Julie Theler zwei Gärten: einen hinter dem Haus an der Zenhäusernstrasse, einen zweiten weiter unten in der Ortschaft, eine Viertelstunde Fussmarsch entfernt. Oft nahm die Mutter die Kinder mit. Diese Spaziergänge hat Augusta Theler als Höhepunkte in Erinnerung. «Wir fühlten uns, als würden wir eine Reise unternehmen.» Im Garten, wo es einen kleinen Teich hatte, gab es für die Kinder ständig neue Sachen zu entdecken. «Wir spielten am Wasser und fingen Kaulquappen, die wir in Konfitüregläsern mit nach Hause nahmen.»
Als Kinder hätten sie die meiste Zeit im Freien verbracht, sagt Augusta Theler. Hinter dem Haus spielten sie mit den Nachbarskindern, kletterten auf Bäume und bauten Hütten aus alten Militärdecken. Im Haus war nur wenig Platz. Neben der Küche und einer Stube im Erdgeschoss sind im oberen Stockwerk vier Zimmer. Eines davon ist nur eine kleine Kammer: wenig Raum für zehn Kinder und zwei Erwachsene. Zeitweise schliefen die Kinder zu dritt in einem Zimmer. «Wir hatten eine einfache, aber wunderschöne Kindheit», fasst Augusta Theler zusammen und fügt an, sie seien streng erzogen worden. «Am Sonntag gingen wir immer in die Messe, wo wir mäuschenstill sein mussten und uns nicht bewegen durften. Die Eltern legten Wert darauf, dass wir die Leute auf der Strasse freundlich grüssten und ihnen in die Augen schauten, wenn wir ihnen die Hand gaben.» Das Leben in der Grossfamilie habe sie geprägt, sagt Augusta Theler. Als Kind mit neun Geschwistern habe sie sich meist den anderen angepasst. «Wenn ich mich durchsetzen wollte, konnte ich aber ein Trotzkopf sein.» Viel Erfolg habe sie mit diesem Verhalten jedoch nicht gehabt. «Unsere Eltern haben uns beigebracht, dass es nichts bringt, wenn jeder nur für sich schaut.» Diese Einstellung habe sie übernommen. Egoismus sei ihr zuwider, und sie ertrage es fast nicht, wenn jemand falsch oder ungerecht sei.
In den Ferien war an eine Reise ans Meer nicht zu denken, zu knapp war das Geld. Fast alle Kinder der Familie Theler arbeiteten, sobald sie alt genug waren, einige Sommer in einem einfachen Berghotel auf der Almagelleralp. Während die Mädchen die Zimmer putzten und hungrigen Wanderern Mahlzeiten servierten, brachten die Buben Lebensmittel und andere Waren mit Maultieren auf die Alp. Als Jugendliche lagen die Geschwister am Abend auf den warmen Steinen und schauten zu, wie die Sonne hinter den Berggipfeln verschwand. Anschliessend spielte man ein paar Musikkassetten ab und tanzte. Manchmal fand sich unter den Gästen, zu denen stets einige Bergführer gehörten, auch einer, der Handorgel oder Mundharmonika spielen konnte. Das Geld, das die Kinder während der Ferien auf der Almagelleralp verdienten, behielten sie nicht etwa für sich. Sie gaben den Eltern den Verdienst ab, wenn der Sommer vorüber war.
Eine Ahnung von der grossen, weiten Welt bekamen die zehn Kinder durch einen Cousin des Vaters. Er war Mönch im Kapuzinerkloster in Brig-Glis und begab sich mit einem Mitbruder auf Missionsreisen. In Tansania schlossen sich die beiden einmal einer Safari an. Fasziniert erzählt Augusta Theler von den Dia-Abenden, welche die Klosterbrüder nach ihrer Rückkehr im Haus an der Zenhäusernstrasse veranstalteten. Dafür hängte man ein weisses Leintuch an die Wand, über das alsbald Elefanten und Leoparden zu ziehen schienen. Kiloweise schleppten die zwei Mönche Dias an, und sie vermochten die Kinderschar damit zu begeistern: Die Dia-Abende waren für alle ein grosses Vergnügen, das die Familie, die finanziell nicht auf Rosen gebettet war, keinen Rappen kostete.
Augusta Theler erinnert sich, dass die Mutter nachts, wenn die Kinder schon schliefen, oft wach blieb und nähte. Aus alten, an einzelnen Stellen abgenutzten Erwachsenenkleidern seien in diesen einsamen nächtlichen Stunden kleine Röcke oder Hosen für die Kinder entstanden. Der Vater, ein geselliger Mann, habe einen grossen Freundeskreis gehabt. «Da er handwerklich sehr begabt war, bat ihn ständig jemand, etwas zu flicken», erzählt Augusta Theler. «Manchmal brachte er mitten in der Nacht Besuch nach Hause, was aber nie ein Problem war. Weil sich das Elternschlafzimmer direkt über der Küche befand, wurde die Mutter wach und ging nach unten, um Kaffee zu kochen.» Ihre Eltern, erzählt Augusta Theler, seien ein starkes Paar gewesen; zwei Menschen, die miteinander durch dick und dünn gingen. Zu einem Arbeitskollegen, der sich einmal über die Kinderzulagen mokierte, die Vater Theler erhielt, sagte er einmal mit leiser Anspielung: «Ich habe zehn Kinder, aber mir reicht eine Frau.»
Augusta Thelers Vater hatte bereits als Kind erfahren, was es heisst, kein Geld zu haben. Sein eigener Vater war bei der Chemiefabrik Lonza in Visp tätig gewesen, wo er einen Unfall erlitt, durch den er arbeitsunfähig wurde. Man erzählte sich, dass der Grossvater kein Geld von der Versicherung bekommen habe, sodass er sich im «Konsum» in Ausserberg verschuldet habe. Um die Familie zu ernähren, wilderte der Grossvater das ganze Jahr über. Der Wildhüter liess ihn gewähren, weil allgemein bekannt war, dass die Familie Hunger litt. Lukas Theler hatte demnach als Kind echte Armut erlebt. Umso mehr schien er es als Familienvater zu geniessen, wenn er Frau und Kinder mit seinen beschränkten Mitteln verwöhnen konnte. Den Zahltag im Zeughaus liess er sich immer auf die Hand auszahlen, erzählt Augusta Thelers Schwester Olga: «Als Erstes ging er in die Beiz und dann in die Metzgerei, wo er Sauschwänzchen, Wädli oder frisch geschnittenes Euter kaufte. Anschliessend besorgte er im Laden schwarze Schokolade, Erdnüsse und ein Pfünderli Weissbrot, eine Büchse in Tomaten eingelegte Sardellen und gedörrte Feigen. Je nachdem, wie lange sein Aufenthalt in der Beiz gedauert hatte, kamen diese Köstlichkeiten früher oder später zu Hause auf den Tisch.» Die Eltern und die Kinder versammelten sich am Küchentisch und schnabulierten, egal, ob sie die Zähne vorher schon geputzt hatten.
Sonntags, nach der Messe, brachte der Vater jeweils zwölf Crèmeschnitten nach Hause, und das traditionelle Sonntagsmahl bestand aus zwei Poulets und Bratkartoffeln. Auch sonst wurden bei Familie Theler zu bestimmten Anlässen oder Festivitäten besondere Esswaren aufgetischt. Augusta Thelers Schwester Olga, mit Jahrgang 1957 die Drittälteste, erlebte sieben Mal, wie die Mutter schwanger war und ein Kind zur Welt brachte. Die meisten Kinder, darunter Augusta im Jahr 1965, gebar die Mutter zu Hause in Brig-Glis. «Wenn die Mutter geboren hatte, gab es immer Gschwellti mit Käse und Cervelats», erzählt Olga. Und wie erfuhren die Kinder jeweils, dass Julie Theler wieder schwanger und ein neues Geschwister unterwegs war? «Die ganze Familie versammelte sich im Schlafzimmer der Eltern. Dann wurde gebetet, damit mit dem Kind alles gut kommt. Das genügte, damit wir Bescheid wussten.» Die jüngste Schwester, Hildi, übernachtete nach ihrer Geburt aus Platzgründen im «Graben» im Ehebett der Eltern. Dass dies der Grund war, weshalb die Mutter danach kein weiteres Mal schwanger wurde, ist nur eine Vermutung. Fragt man Julie Theler nach solchen Dingen, lächelt sie verschmitzt und sagt, sie könne sich nicht erinnern.
Zum Leben der zwölfköpfigen Familie in Brig-Glis gehörten stets auch Tiere. Da waren einerseits die Haustiere der Kinder wie Tauben, Katzen, Hamster, Meerschweinchen oder Kaninchen. Letztere wurden vom Vater regelmässig geschlachtet und kamen auf den Tisch. Anderseits sind die Thelers seit Generationen leidenschaftliche Jäger. Jedes Jahr im Herbst verwandelt sich das Häuschen der Familie heute noch ins Basislager der Jagdbegeisterten, die noch vor dem Morgengrauen losziehen. Zwei Wochen lang herrscht fast ununterbrochen, Tag und Nacht, Betrieb. In der Garage werden die erbeuteten Gämsen, Rehe oder Hirsche ausgenommen und halbiert, anschliessend lässt man sie im Erdkeller abhängen. Die Tradition wird von den Kindern und Kindeskindern fortgeführt.
Die Wochen der Jagd fordern Augusta Theler einiges ab. Sie kocht für die Jäger, die sich nach Stunden der Pirsch hungrig und durstig an den Küchentisch setzen. Und sie betreut ihre demente Mutter, die in dieser Zeit besonders fordernd sein kann, weil sie die Jägerszenen an früher erinnern. Sie will dann anpacken, ist unruhig und sucht Beschäftigung, und hin und wieder läuft sie auch weg. Jetzt ist nicht mehr Augusta Theler das trotzige Kind. Nun ist Julie Theler die Trotzige. Dennoch empfindet es die Tochter als Privileg, ihrer Mutter im hohen Alter so nahe zu sein und diesen Weg bis zum Schluss mit ihr gehen zu dürfen. Um sie zu beruhigen, erfindet Augusta Theler Geschichten, taucht mit ihr ein in die Vergangenheit, packt sie ins Auto, fährt mit ihr nach Ausserberg und lässt die Erinnerungen an früher nochmals lebendig werden.
Julie Theler spricht mit grosser Bewunderung von ihrer Mutter Anna Heynen. «Meine Mutter war Hebamme», wird die demente Frau nicht müde zu betonen, und sie wiederholt auch immer wieder, dass sie streng gearbeitet hatte, im Haus und auf dem Feld. Als Augusta Theler ihrer Mutter eine Radiosendung über Hebammen vorspielt, die sie auf ihren Computer geladen hat, möchte Julie Theler sich die Sendung immer und immer wieder anhören. Noch Tage später verlangt sie, ihre Mutter müsse die Sendung unbedingt auch zu hören bekommen. Die alte Frau, die doch selbst Hebamme war, sei bestimmt interessiert an dem Gesagten.
Dem Vergessen, das die Demenz mit sich bringt, lassen sich auch positive Seiten abgewinnen. Julie Theler durchlebt noch einmal ihre Vergangenheit und scheint dabei nur das Schöne wahrzunehmen.
Stürmische Schul- und Lehrjahre
Augusta Theler war ein eigensinniges Kind, das schon früh wusste, was es wollte, und auch bereit war, dafür zu kämpfen. Sie eiferte ihrer Grossmutter Anna Heynen nach, wollte Hebamme werden wie sie. Nach der sechsten Primarschulklasse reichten ihre Noten für die Realschule. Schon im ersten Jahr war für sie jedoch klar, dass sie das nächste Schuljahr unbedingt in die Sekundarschule wechseln wollte. Denn sie war sich bewusst, dass sie nur so ihren Berufstraum würde realisieren können.
Doch nach der Sekundarschule traute sie sich die Ausbildung an der Hebammenschule noch nicht zu. Zu gross war damals ihre Angst, intellektuell nicht zu genügen; zu gross war ihr Respekt – auch vor dem, was ihre Grossmutter Anna Heynen ihr vorgelebt hatte. Augusta Theler absolvierte deshalb zuerst eine Lehre als Arztgehilfin, was der heutigen Ausbildung zur Medizinischen Praxisassistentin entspricht. Um die Ausbildung an einer Privatschule in Bern bezahlen zu können, war sie auf ein Darlehen der Eltern angewiesen, das sie mit schlechtem Gewissen annahm und zurückbezahlte, so rasch es ging. Nach einem Jahr Schule kehrte sie ins Wallis zurück und beendete die Ausbildung mit einem eineinhalbjährigen Praktikum bei einem Internisten. Ein gutes Jahr später wechselte sie in eine Gruppenpraxis mit zwei Ärzten in Gstaad.
Die folgende Zeit war neben dieser Arbeit in Gstaad geprägt von der schweren Erkrankung ihrer besten Freundin, bei der Knochenkrebs diagnostiziert worden war. Die Ärzte rieten kurz nach dem Befund der Krankheit, ein Bein zu amputieren. Doch die Amputation konnte zunächst abgewendet werden. Die Freundin kam ins Kinderspital Basel, wo sie sich mehreren Chemotherapien unterziehen musste. Immer, wenn es ihre Gesundheit zuliess, kehrte sie ins Wallis zurück.
«Durch die Krankheit wurde alles noch intensiver. Wir kosteten die Zeit aus und dachten nicht darüber nach, was andere Leute über uns sagten.» Augusta Theler erlebte mit ihrer Freundin eine Achterbahn der Gefühle. Es gab Zeiten voller Hoffnung, in denen sich der Kampf zu lohnen schien, dann wieder gab es erschütternde Nachrichten. Die Ärzte entdeckten Metastasen, und das Bein musste schliesslich doch amputiert werden. Augusta Theler setzte sich dafür ein, dass die Freundin eine gute Therapie erhalten sollte. Doch es kam anders. Ihre beste Freundin starb, noch nicht ganz 20-jährig, zu Hause bei ihren Eltern.
«Es war das erste Mal, dass mich der Tod so direkt berührte», sagt Augusta Theler. «Die Krankheit und der Tod meiner besten Freundin waren für mich ein intensives Erlebnis, das mich mit grosser Trauer erfüllte. Als sie gestorben war, blieb in mir eine Leere zurück. Ich stand vor der schwer begreifbaren Tatsache, dass meine Freundin – ein junger, lebensfroher Mensch wie ich – gegangen war.» Es war eine Geschichte voller Hoffnung, Glück, Enttäuschung und Trauer, die sie tief erschütterte.
Nach dem Tod der besten Freundin verliess Augusta Theler die Gruppenpraxis in Gstaad und kehrte zurück ins Wallis, nach Visp. Dort fand sie bei einem Gynäkologen, der aus Afrika stammte, eine neue Anstellung. Er hatte gerade seine erste eigene Praxis eröffnet. Da der Arzt nicht Auto fahren konnte, chauffierte ihn Augusta Theler tagsüber in ihrem roten VW-Käfer ins Spital, wenn eine Geburt bevorstand. In der Nacht übernahm seine Frau diese Aufgabe. «Die Patientinnen rannten uns die Hütte ein», erinnert sich Augusta Theler. «Ein schwarzer Gynäkologe im katholischen Wallis; das war etwas Besonderes. Er war beliebt, weil er so anders war.» Dabei sei er ein schüchterner, zurückhaltender Mensch gewesen. «Die Patientinnen kamen mit ihren Geschichten auch oft direkt zu mir, etwa wenn sie die Pille vergessen hatten oder ein Malheur mit einem Kondom passiert war. Viele Unsicherheiten konnte ich schon am Telefon klären. Ich wurde für die Frauen zu einer Vertrauensperson.» In dieser Zeit flammte in ihr erneut der Wunsch auf, Hebamme zu werden. Sie hatte das Gefühl, sich beruflich in einer Einbahnstrasse zu befinden. Sie wollte mehr Verantwortung übernehmen, ihr Wissen erweitern und mehr erleben.
Augusta Theler vertraute sich ihrem Chef an, der positiv reagierte, ihr gleichzeitig aber auch klarmachte, dass er ihren Weggang bedauern würde. Sie meldete sich an der Hebammenschule in Bern an, doch schon das erste Gespräch erlebte sie als derart einschüchternd, dass sie von ihrem Plan wieder absah. Etwas später zog sie mit ihrem damaligen Freund nach Bern und arbeitete während einiger Jahre in einer Gruppenpraxis für zwei Internisten. Als sie 30 war, trennte sie sich von ihrem Jugendfreund. Sie kündigte ihre Stelle und fuhr nach Cambridge, wo sie eine Englischschule besuchte. Danach kehrte sie ins Wallis zurück, wohnte eine kurze Zeit wieder bei den Eltern, war aber unschlüssig, wie es weitergehen sollte. Da tat sich eine Chance auf, als ihr eine Stelle in einer Arztpraxis in Bern angeboten wurde. Sie sagte zu.
Die Praxis gehörte ihrem jetzigen Partner Martin Weber, mit dem sie seit Ende 1996 zusammen ist. Als Augusta Theler den Allgemein- und Tropenarzt kennenlernte, befand er sich in einer schwierigen Lebensphase. Seine Frau war schwer krank, und die beiden Kinder waren im Primarschulalter. Martin Weber war während der Bewerbungsphase für die Anstellung einer neuen Arztgehilfin präsent. Dann aber zog er sich für ein Jahr aus der Praxis zurück, um für seine Kinder und seine Frau da zu sein. Seine Frau verlor den Kampf gegen die Krankheit und starb. Da der Arzt mit seiner Familie in einer Wohnung über der Praxis lebte, ging er während dieser Zeit im Haus ein und aus. Augusta Theler und er begannen, zusammen Sport zu treiben, und so wuchs langsam das gegenseitige Vertrauen. Sie war fasziniert von Martin Weber, der 17 Jahre älter ist als sie und weit herumgekommen ist. Als junger Mann hatte er sein Medizinstudium unterbrochen, um mit einem Kollegen die Welt zu bereisen. Sein Ziel, als Arzt auch im Ausland zu arbeiten und humanitäre Einsätze zu leisten, hatte er über Jahre hartnäckig verfolgt und schliesslich erreicht – ähnlich wie Augusta Theler, die sich in den Kopf gesetzt hatte, Hebamme zu werden.
Der Altersunterschied war zwischen ihnen nur ein Thema, als sie die Kinderfrage diskutierten. Für ihn, der bereits einen Sohn und eine Tochter hatte, als sie sich kennenlernten, war klar, dass er wegen einer Unterbindung keine weiteren Kinder haben würde. Augusta Theler hätte sich eigene Kinder gewünscht. Ihr war aber bewusst, dass ihr diese Beziehung andere Perspektiven und Möglichkeiten bieten würde, und sie setzte Prioritäten. Schon früh empfand sie es als Geschenk, diesen Mann kennengelernt zu haben, der ihr einen Zugang zu spannenden, ihr noch unbekannten Welten öffnete. «Unser Leben entwickelte sich innerhalb kurzer Zeit so turbulent, abwechslungsreich und glücklich, dass ich es nie bereut habe, diesen Weg eingeschlagen zu haben», sagt sie. Martin Weber ermunterte sie, einen neuen Anlauf zu nehmen und sich noch einmal an der Hebammenschule zu bewerben. 1998 begann sie in Bern mit der Ausbildung.
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