Kitabı oku: «Bildung»

UTB 3522
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Rebekka Horlacher, geb. 1968, Dr. phil. Oberassistentin am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich und Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Doktorat 2002 zur Genese der Bildungstheorie im 18. Jahrhundert, Mitherausgeberin der Sämtlichen Briefe an Pestalozzi, Redaktionsmitglied der Zeitschrift für historische Bildungsforschung.
Forschungsschwerpunkte: Bildungstheorie, Pestalozzi im Kontext, Pragmatismus, Historische Methoden.
1. Auflage: 2011
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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-8252-3522-2
ISBN 978-3-846-33522-2 (E-Book)
Satz: Verlag die Werkstatt, Göttingen
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Inhaltsverzeichnis
Titel Impressum Hinweis zur Zitierfähigkeit Warum Bildung?
Was ist Bildung? Literatur
Bildung im Profil 1 - Die Grundlagen des Bildungsbegriffs im 18. Jahrhundert
«Bildung»: Neuankömmling im späten 18. Jahrhundert Die Bedeutung der Religion Die Bedeutung der englischen Philosophie Die politischen Voraussetzungen der «Politeness». Ein Exkurs Das Konzept der «Politeness» als neue soziale Unterscheidung Die Verbindung von Ethik und Ästhetik Literatur
2 - Die Pädagogisierung der Bildung um 1800
Die Rolle des Third Earl of Shaftesbury bei der Herausbildung des Bildungsbegriffs Der pädagogische Bildungsbegriff bei Herder Der Bildungsroman als Verkörperung des Bildungsbegriffs Die (neue) Bedeutung der Antike Literatur
3 - Bildung als nationales Konstrukt
Die Morphologie von Ideen in ihrem Kontext Nationalbildung um 1800 Politische Bildung als staatsbürgerliche Tugenderziehung Sprache als Legitimation des Nationalstaates Die Steigerung der Politik in der Pädagogik Universität als institutionalisierte Bildung Literatur
4 - Bildung als soziale Unterscheidung
Bildung als Allgemein- oder Berufsbildung? Der Bürger als Verkörperung von Bildung Wissenschaft und Bildung im 19. Jahrhundert Antibürgerliche Bewegungen des «Fin-de-Siècle» Literatur
5 - Bildung in der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik
Hermeneutik als Methode der Geisteswissenschaften Bildung als Theorie der deutschen Bewegung Autonomie und pädagogischer Bezug als Kernkonzepte der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik Bildung als Begriff der geisteswissenschaftlichen Psychologie Bildung als Persönlichkeit und völkische Erziehung Literatur
6 - Bildung als «kritischer» Begriff
Die Kritische Theorie als neue Wissenschaft einer neuen Gesellschaft Bildung als Erziehung zur Mündigkeit Kritische Bildungstheorie Bildungstheoretische Didaktik Die Empirische Wende in der Erziehungswissenschaft und die Feststellung einer «Bildungskatastrophe» Literatur
7 - Das Revival der Bildung als Erlösung von PISA
Bildung als Einheit in der Vielheit Bildung als Wissensbestand und Versicherung der kulturellen Identität Kompetenz als Bildung Bildung in der «philosophy of education» Bildung als konser vativer Kampfbegriff Literatur
Bildung im 21. Jahrhundert
Literatur
Anhang
Literaturverzeichnis
Personen- und Körperschaftsregister Sachregister
Warum Bildung?
Sind wir noch das Volk der Dichter und Denker? ist der Titel zweier unterschiedlicher Publikationen, die im Jahre 1964 in Hamburg und 2004 in Heidelberg erschienen sind. Die Wahl des Titels weist auf ein bestimmtes kulturelles Selbstverständnis, das Geist, Kultur und Kunst als zentrale Aspekte der eigenen Identität begreift. Der Titel beansprucht keine Originalität, lehnt er sich doch an ein von Madame de Staël geprägtes Diktum an, das aus in ihrem 1813 in London erschienenen Buch De l’Allemagne stammt. Die französische Schriftstellerin und Salonière bezeichnete darin – das Buch war eigentlich schon 1810 erschienen, aber sogleich von der Zensur verboten worden – die Deutschen als «Peuple des poètes et penseurs», was von ihr durchaus polemisch gemeint war: Das tiefsinnige und geistig-poetische Deutschland wurde dem verkommenen Frankreich Napoleons als Vorbild entgegengesetzt.
In den 1960er-Jahren griff der Hessische Rundfunk diese Frage auf und stellte sie bei 14 Personen des öffentlichen Lebens, Philologen, Philosophen, Soziologen und Schriftstellern zur Diskussion, die sich in kürzeren oder längeren Abhandlungen dazu äußerten. Die Absicht dahinter war, einen Slogan zu entmystifizieren, der zwar vordergründig schmeichelhaft sei, so der Herausgeber in der Einleitung, in Wahrheit aber das Verhältnis zur eigenen Geschichte und zur eigenen Tradition verstelle und damit Einsicht im Sinne von Selbsterkenntnis verhindere. Die Vorstellung, ein industrialisiertes, technisiertes und sich im Aufbruch befindliches Land werde von einer Gruppe von schöngeistigen Literaten geführt, sei ohnehin eine eher beängstigende Vorstellung. Die Absicht des Herausgebers war es deshalb auch, die in der Wissenschaft schon stattgefundene Aufarbeitung der Verklärung der eigenen Vergangenheit einem breiteren Publikum bekannt zu machen um auf dieser Basis – wahrhaft aufgeklärt – «zukunftsfähig» zu werden.
Anders sieht die Ausgangslage bei der neueren Publikation aus dem Jahre 2004 aus. Standen im ersten Buch der Aufbruch der OECD und die Anpassung an ihre Forderungen nach mehr Investitionen in die Bildungssysteme im Vordergrund, präsentiert sich die 2004- Publikation als Gegenreaktion auf PISA als Flaggschiff der OECD. Diesem Buch liegt eine Vortragsreihe an der Universität Heidelberg zugrunde, die im Anschluss an die Publikation der Ergebnisse der PISA-Studie 2001 sowie des internationalen Hochschulrankings konzipiert worden war. Die Studie und das Ranking hätten in Deutschland im Stil einer «Katastrophenmeldung» eingeschlagen, so die Herausgeber in der Einleitung, und das Selbstverständnis Vieler infrage gestellt, da die deutsche Schule nach wie vor als Ort der Bildung gelte. Der Titel wird hier nicht als Mythos verstanden, der dekonstruiert werden soll, sondern eher als normative Leitlinie, der unter geänderten gesellschaftlichen Voraussetzungen immer noch zu folgen sei. Die «Aufklärung» in den 1960er-Jahren scheint demnach höchstens partiell erfolgreich gewesen zu sein, da der damit verbundene Mythos – Deutschland als Ort, in dem Bildung möglich ist – immer noch dominant ist. Zudem wird er auch als stark genug angesehen, um auf eine als Krise empfundene Situation reagieren zu können und den eigenen (bildungs-)politischen Lösungsvorschlägen Bedeutung zu verleihen.
Was ist Bildung?
Die Übereinstimmung der beiden Titel mag Zufall sein, verweist aber gerade deswegen auch auf ein Phänomen, das genauer analysiert werden muss, da damit ein bestimmtes kulturelles Selbstverständnis – Bildung – zum Ausdruck kommt. Mit dem Begriff Bildung wird in der Regel auf etwas hingewiesen, das die Begriffe Erziehung, Sozialisation und Unterricht nicht vollumfänglich beschreiben (können). Bildung bezeichnet in diesem Verständnis das Ziel eines gelingenden Lebens, wobei sich Bildung im Verlauf dieses gelingenden Lebens immer mehr vervollkommnet. Mit Bildung wird ein nicht-quantifizierbarer «Mehrwert» beschrieben, der zwar an der Schule oder an der Universität stattfinden und damit durchaus institutionell abgesichert sein kann, der aber ebenso als flüchtig, unsicher und undefinierbar erscheint. «Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn alles vergessen wurde, was man gelernt hat», ist denn auch ein beliebtes Bonmot, um zu umschreiben, was mit Bildung gemeint ist. Doch ungeachtet dessen, dass dieses Bonmot nicht wirklich dabei hilft, irgendeine Unklarheit in Bezug auf Bildung zu beseitigen, besitzt der Begriff eine nicht nachlassende Anziehungskraft, fehlt das Stichwort Bildung doch in keinem einschlägigen Wörterbuch, Lexikon oder Einführungswerk für Studienanfänger der Erziehungswissenschaft, ja es erscheinen sogar Bücher, die ausschließlich auf diesen Begriff setzen.
Mit dem Bildungsbegriff werden aber nicht nur bestimmte Aspekte der erzieherischen und schulischen Praxis bezeichnet, er findet auch in der öffentlichen und in der wissenschaftlichen Debatte Verwendung: Die Bildungstheorie gilt als Teilgebiet der Allgemeinen Pädagogik und kennt eigene Professuren mit dieser Denomination. Der Begriff Bildung ist aber auch in der empirischen Bildungsforschung sowie in der Bildungsverwaltung enthalten. Privatschulen werben mit dem Begriff für ihr Angebot und Bildung ist ein politisches Thema, wenn es darum geht zu klären, wer wie viel wofür zu bezahlen hat und ob es zumutbar und im Sinne der Chancengleichheit verträglich sei, ein Hochschulstudium teilweise über Studiengebühren zu finanzieren.
Bildung ist zudem in der Rhetorik der internationalen und globalisierten Ökonomie zu einem unverzichtbaren Bestandteil geworden und wird als Rohstoff für arme Länder angepriesen. Die Entwicklung der Ressource Bildung ermöglicht ökonomisches Wachstum und damit Wohlstand, so die Überzeugung der Weltbank aber auch vieler anderer global tätiger Organisationen. Damit wird Bildung als Möglichkeit gesehen, die ökonomischen Unterschiede in einer globalisierten Welt zu verkleinern und Wohlstand breiter zu verteilen, womit auch die Hoffnung verbunden ist, dass kein Land den Anschluss an die Wissensgesellschaft verliert. Der Begriff Bildung und die damit verbundenen Überzeugungen werden so zu einer Chiffre, die den Einstieg in eine bessere Zukunft verspricht.
Aber was ist Bildung? Wie entsteht Bildung und woher kommt der Begriff? Wer hat Bildung erfunden und wie kam es dazu, dass Bildung diese prominente Stellung im Reden über Erziehung einnehmen konnte und zu einem der Grundbegriffe der Pädagogik geworden ist, zumindest im deutschsprachigen Raum?
Bildung hat, so die These, die hier im Weiteren verfolgt werden soll, vielfältige Wurzeln in den religiösen und philosophischen Diskussionen im politischen und gesellschaftlich-kulturellen Kontext des 18. Jahrhunderts. Die Kulturgeschichte Englands erweist sich dabei als besonders wirkungsmächtig, durchlebte die englische Gesellschaft doch im 17. Jahrhundert einschneidende politische und soziale Veränderungen. Diese fanden ihren Niederschlag in Publikationen, welche in einem interessanten Transformationsprozess in Deutschland anschlussfähig wurden. Im Zentrum dieser Publikationen stand das Konzept der Politeness, das im deutschen Sprachraum große Beachtung fand (Kapitel 1). Diese verschiedenen Ansätze und Anregungen wurden gegen Ende des 18. Jahrhunderts systematisiert und fanden Eingang in die pädagogische Diskussion (Kapitel 2). Gleichzeitig wurde Bildung aber auch durch die damals dominanten kulturellen Ansprüche, Vorstellungen und Erwartungen zu einem Unterscheidungsmerkmal im Kontext der nationalen Identitätsfindung. Diese Verbindung prägt das Reden über Bildung bis heute (Kapitel 3). Im 19. Jahrhundert wurde der Begriff zudem zu einer Möglichkeit der sozialen Unterscheidung und brachte mit dem «Bildungsbürger» einen eigenen «Stand» hervor, wobei diese Entwicklung auch Kritik hervorrief (Kapitel 4). Der Bildungsbegriff spielte im 19. Jahrhundert aber auch disziplinpolitisch eine große Rolle, da darauf Bezug genommen wurde, um die Geisteswissenschaften gegenüber den Naturwissenschaften zu profilieren.
Die Erziehungswissenschaft nutzte dieses Angebot und entwickelte mit der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik ein wissenschaftliches Selbstverständnis, das den Bildungsbegriff in Rückgriff auf die Diskussionen um 1800 zu einem ihrer Grundpfeiler machte (Kapitel 5). Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Bildungsbegriff «kritisch». Damit ist seine Verwendung im Rahmen der Kritischen Theorie angesprochen, die – wiederum auf die Debatten um 1800 zurückgreifend – Bildung von den historischen Verfälschungen reinigen wollte und in diesem Bildungsbegriff eine Möglichkeit sah, eine bessere – im Sinne einer gerechteren und demokratischen – Gesellschaft zu generieren (Kapitel 6). An der Wende zum 21. Jahrhundert erlebt der Bildungsbegriff erneut ein Revival. Mit dem Begriff der Bildung wird diesmal gegen die Ökonomisierung der Welt argumentiert, aber auch konservative Erziehungsvorstellungen vertreten (Kapitel 7). Dabei zeigt sich, dass der Begriff immer dann intensiv diskutiert bzw. politisch aufgeladen verwendet wird, wenn es darum geht, Lösungen für eine als Krise empfundene Situation zu formulieren.
Vor diesem Hintergrund soll Bildung hier nicht als Begriff endgültig geklärt, definiert und systematisch beschrieben werden, sondern es geht darum zu zeigen, wie und in welchen Kontexten er weshalb und wie verwendet wurde. Damit können die impliziten Erwartungen und Ideen, die mit dem Bildungsbegriff verbunden sind, sichtbar gemacht werden. Es wird zu zeigen sein, dass sich mit dem Begriff «Bildung» Vorstellungen von Innerlichkeit und Selbstbildung verbinden, dass er als ästhetisches Ideal gilt und dass er sowohl unpolitisch im Sinne einer Abgrenzung von der Gesellschaft als auch als politischer Kampfbegriff verwendet werden kann. Damit zeigt sich auch die große Anpassungsfähigkeit dieses Begriffes, der sich damit als perfektes Beispiel dafür erweist, was der britische Erziehungsphilosoph Israel Scheffler in seinem 1960 erschienenen Buch The Language of Education als «pädagogischen Slogan» bezeichnet hat.
Diese Einführung konzentriert sich – bedingt durch die Geschichte des Begriffs – auf die deutschsprachige Diskussion, die wesentlich von Deutschland bestimmt wurde. Eine Ausnahme bilden die Diskussionen im 18. Jahrhundert, da hier die europäische Herkunft des Bildungsbegriffs nachgezeichnet wird, die von der deutschsprachigen Entwicklung genutzt wurde, um den Bildungsbegriff in expliziter Abgrenzung dazu als eigenen Begriff neu zu definieren. Eine weitere Ausnahme ist auch das siebte Kapitel, das sich mit der zeitgenössischen Verwendung des Bildungsbegriffs befasst. Sowohl in der englischen als auch in der skandinavischen Philosophy of Education lassen sich nämlich Bemühungen finden, Bildung als Konzept für die eigene Theoriediskussion fruchtbar zu machen. Bildung ist aber auch im spanischen Kontext zu einem Begriff geworden, und auch hier zeigt sich, dass mit dem Begriff der Bildung Politik betrieben werden kann.
Bildung hat in der deutsch(sprachig)en Diskussion offenbar das Potenzial, sich verschiedenen historischen, sozialen und kulturellen Kontexten anzupassen, ohne dadurch seine Bedeutungs- und Strahlkraft einzubüßen. Die Stärke von Bildung dürfte wohl gerade in dieser Wandelbarkeit, Offenheit oder Beliebigkeit liegen. Zudem scheint mit den Versuchen, Bildung in der postmodernen Gesellschaft als Konzept zu formulieren, das als Citizenship Education den Menschen befähigt, vernünftig, selbst bestimmt und verantwortlich in einer komplexen Gesellschaft zu agieren, auch der Sprung ins 21. Jahrhundert zu gelingen.
Literatur
Ehrenpreis, Stefan (2010): Schule und Bildung im vormodernen Rheinland. Überlegungen zur Periodisierung und regionalen Vernetzung. In: Andreas Rutz (Hg.): Das Rheinland als Schul- und Bildungslandschaft (1250 – 1750). Köln: Böhlau, S. 295 – 325
Koselleck, Reinhart (1990): Einleitung – Zur anthropologischen und semantischen Struktur der Bildung. In: Reinhart Koselleck (Hg.): Bildungsbürgertum im 19. Jahrhundert. Teil II: Bildungsgüter und Bildungswissen. Stuttgart: Klett-Cotta, S. 11 – 46
Manhart, Sebastian (2009): Der Preis der Freiheit. Bildung, Wissen, Organisation. In: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation 29, H. 1, S. 80 – 96
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Bildung im Profil
1
Die Grundlagen des Bildungsbegriffs im 18. Jahrhundert
Bildung als Begriff wird im späten 18. Jahrhundert konstruiert. Ganz unterschiedliche Faktoren dienen dabei als Anregungen, die zudem oft auch nichts miteinander zu tun hatten. Zunächst spielte der Pietismus eine wichtige Rolle, eine Reformbewegung des europäischen Protestantismus mit dem Ziel, das religiöse und gesellschaftliche Leben durch die Etablierung einer inneren Glaubenshaltung des Individuums zu erneuern. Bedeutend wurde sodann die englische Philosophie des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts, die die beiden Konzepte Vernunft und Glauben theoretisch zu verbinden suchte und damit eine Alternative zur rationalen und materialistischen Aufklärungsphilosophie anbot. Aus dem englischen Kontext stammte auch das Konzept der «Politeness», das eine Möglichkeit der sozialen Selektion formulierte, ohne dafür auf ständische Herkunft zurückzugreifen. «Politeness» ist aber nicht ohne Rückgriff auf die konkrete politische und religiöse Situation Englands im 16. und 17. Jahrhundert zu verstehen. Zudem spielte die Frage nach dem Zusammenhang von Ästhetik und Ethik eine Rolle, weil damit die Frage von Moral und Tugend diskutiert werden konnte.
«Bildung»: Neuankömmling im späten 18. Jahrhundert
1783 stellte der Berliner Pfarrer Johann Friedrich Zöllner in der Berlinischen Monatsschrift skeptisch die Frage, was «Aufklärung» überhaupt sei. Ein Jahr später veröffentlichte dieselbe Zeitschrift verschiedene Antworten auf diese Frage, darunter auch die später berühmt gewordene Abhandlung Immanuel Kants mit dem programmatischen Titel Was ist Aufklärung? (1784). Eine – damals – nicht weniger prominente Stellungnahme stammte vom jüdischen Aufklärungsphilosophen Moses |12◄ ►13| Mendelssohn, der gleich zu Beginn seiner Überlegungen festhielt, dass Aufklärung, Kultur und Bildung neue Worte innerhalb der deutschen Sprache seien. Damit beschrieb er die historische Situation gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Bezug auf den Bildungsbegriff im deutschsprachigen Kontext und verwies darauf, dass diese drei Begriffe nicht an bestehende Traditionen anknüpften, sondern etwas «Neues» bezeichneten. Für Mendelssohn hing diese Einschätzung der Neuheit damit zusammen, dass der Begriff nur in spezifischen Fachdiskursen Eingang gefunden habe und sich als breites, pädagogisch ausgerichtetes Konzept erst zu etablieren beginne. Damit charakterisierte Mendelssohn treffend die zeitgenössische Verwendung des Begriffs. Er wurde in verschiedenen Kontexten und in unterschiedlichen Bedeutungen gebraucht und war in dem Sinne noch kein Begriff oder Konzept, sondern ein Wort, das uneinheitlich und nicht aufeinander Bezug nehmend gebraucht wurde.
Mendelssohn bestimmte Kultur und Aufklärung als Teile der Bildung. Mit dem Begriff der Kultur bezeichnete er Fertigkeiten und praktische Fähigkeiten; heute würde dafür auch der Begriff der Skills oder Literacy verwendet werden. «Aufklärung» wiederum war der Begriff für das Theoretische, für die vernünftige Erkenntnis. Eine gebildete Nation, eine gebildete Sprache oder ein gebildeter Mensch waren demnach Begriffe, welche die Vereinigung von Kultur und Aufklärung bezeichneten. Gebildet war in dieser Vorstellung jemand, der praktische Fähigkeiten mit theoretischen, vernunftgeleiteten Überlegungen in Übereinstimmung bringen konnte.
Freilich: Auch wenn Mendelssohn den Begriff Bildung in seiner Abhandlung als «neuen Begriff» bezeichnete, tauchte er schon in früheren Texten des 18. Jahrhunderts auf und war von Konzepten geprägt, die auf lange Traditionen zurückblicken konnten. Seine Bedeutung speiste er dabei aus spezifischen Vorstellungen, die ihrerseits nicht ohne ihre sozialgeschichtlichen Rahmenbedingungen zu verstehen sind.
Der Schweizer Philosoph Johann Georg Sulzer etwa benutzte den Begriff in seinem Versuch von der Erziehung und Unterweisung der Kinder (1745), in welchem er von der «Bildung des Verstandes und des Urteils» als Hauptziel der Erziehung und vor allem auch der Schule sprach. Für Sulzer ist Bildung in erster Linie die Ausbildung des Verstandes, also die Entwicklung der rationalen Fähigkeiten des Kindes, da nur diese den Menschen zu vernünftigen, das heißt tugendhaften Handlungen führen können. Die Entwicklung des Verstandes allein war für Sulzer keine Garantie für das angestrebte Erziehungsziel. Genauso wichtig sei die Bildung des Gemütes, da erst dadurch tugendhafte Handlungen möglich würden. |13◄ ►14| Besonders geeignet für diese Art der Erziehung seien Beispiele und Vorbilder, da mit diesen mehr Eindruck erzeugt werden könne als durch die Belehrung mit reinen Worten. Da diese Möglichkeit aber gerade in der Schule nur im beschränkten Umfang zur Verfügung stand, wurde die Kunst als Hilfsmittel herangezogen. Durch Beispiele aus der Malerei und Plastik konnten den Kindern Szenen aus dem Leben vorgestellt werden, die durch ihre Ästhetik einen direkten Zugang zum Gemüt ermöglichten und so die gewünschte erzieherische Wirkung entfalten könnten.
Bildung nimmt auch in Friedrich Gottlieb Klopstocks Messias (1748) eine zentrale Rolle ein, eine Ode, die bei den Zeitgenossen fast schon Kultstatus erreichte. Das Werk Messias steht zwar in einer epischen Tradition, es wandte sich aber von dem traditionellen Heldenepos ab und steigerte den Wert des Epischen grundsätzlich dadurch, dass es sich einem religiösen «Helden» zuwandte. Klopstock reduzierte zudem die sonst übliche Handlungszentriertheit der Epik und konzentrierte sich auf den Aspekt der Teilnahme. Der Messias sollte deshalb nicht durch eine mitreißende Geschichte «wirken», sondern durch das Hervorrufen von Gefühlen bei den Lesenden, womit der Anknüpfungspunkt für Bildung gegeben war: Nicht nur die Figuren des Epos, sondern auch die Leserschaft sollten in eine teilnehmende Haltung mit dem Ziel der moralischen Läuterung versetzt werden. Zweck dieser pädagogisierten Literatur war die Erschaffung des Bildes von Gott im Menschen, wobei vorausgesetzt wurde, dass die moralische Instanz auf Erden im Individuum angelegt, das heißt innerlich sei. Ähnlich wie Sulzer war auch für Klopstock nicht der ‹reine› Verstand, sondern das Gemüt entscheidend für die Beeinflussung durch Erziehung. Damit wird deutlich, dass Bildung in diesen Texten immer im Zusammenhang von mentalen und emotionalen Entwicklungsprozessen diskutiert wurde. Es ging um die Frage, mit welchen Mitteln ein bestimmtes Ziel erreicht werden könne.
Im Unterschied zu Klopstock oder Sulzer formulierte Mendelssohn in seinem Aufsatz keine Verbindung von Bildung und Erziehung; diese konstruierte erst die pädagogische Geschichtsschreibung. Mendelssohns Bildungsbegriff beschäftigte sich nicht mit einem (unklaren) Mehrwert bei erzieherischen, sozialisatorischen oder unterrichtlichen Prozessen, sondern mit der Verbindung von praktischen und theoretischen Fähigkeiten beim Menschen. Mit seinem Verweis, dass noch lange nicht alles, wofür keine Begriffe vorhanden seien, auch nicht existiere, relativierte Mendelssohn seine eigene Aussage von der Neuheit des Bildungsbegriffs. Er betonte, dass Bildung, Kultur und Aufklärung für ihn denn auch ein Ausdruck des gesellschaftlichen Lebens und Resultat der |14◄ ►15| Bemühungen seien, das Zusammenleben der Menschen zu verfeinern, stilvoll zu gestalten, zu «kultivieren». Bildung beschrieb bei Mendelssohn das Bemühen einer Gesellschaft, sich den Anforderungen der Zeit in einem positiven Sinn anzupassen.
Für Mendelssohn waren die Griechen das Vorbild einer gebildeten Nation, die Franzosen verkörperten für ihn das negative Beispiel. Sprache bezeichnete er als wichtiger Indikator für das Maß der Bildung, ein Aspekt, der später auch für die klassische Bildungstheorie des Neuhumanismus wichtig wurde (vgl. Kapitel 3). Mendelssohn unterschied zudem die Bestimmung des Menschen für einen öffentlichen und einen privaten Bereich und reihte sich damit in eine Gruppe von Autoren ein, die eine Trennung von Mensch als Bürger und Mensch als Mensch postulierten. Diese Systematisierung wurde in der pädagogischen Geschichtsschreibung des 19. und 20. Jahrhunderts wieder aufgegriffen, erlaubte sie doch nicht nur einen Gegensatz zwischen Berufsbildung und Allgemeinbildung zu formulieren, sondern ermöglichte auch eine zeitliche Gliederung (vgl. Kapitel 4).
In der historiographischen Rekonstruktion der konzeptionellen Trennung von Mensch und Bürger stützte sich die pädagogische Geschichtsschreibung auf die Rousseau-Rezeption der deutschen Aufklärungspädagogik und stellte die Idee der perfectibilité – was in der Regel mit Vervollkommnung oder Vervollkommnungsfähigkeit übersetzt wurde – ins Zentrum ihrer Überlegungen. Die Begründung für dieses Konzept wurde bei Jean-Jacques Rousseaus zweitem Discours (Discours sur l’Origine et les Fondements de l’Inégalité parmi les Hommes, 1755) gesehen, in welchem ein Naturzustand von einem gesellschaftlichen Zustand unterschieden wurde, der sich aufgrund der Vorstellung der menschlichen perfectibilité zwangsmäßig ergab. Während bei Rousseau aber ein Gegensatz zwischen Natur und Gesellschaft bestehen blieb und die Entwicklung der Menschheit als eigentliche Verfallsgeschichte dargestellt wurde, verband die deutschsprachige Rezeption die Idee der Vervollkommnung mit der Natur des Menschen; eine Verbindung, die in der Folge mit dem Begriff Bildung bezeichnet wurde. Mit Bildung wurde damit die Möglichkeit geschaffen, die Natur, verstanden als Wesen des Menschen, auch innerhalb der Gesellschaft zu vervollkommnen und so zur inneren Moralität zu gelangen.
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Die Bedeutung der Religion
Bildung als Konzept weist aber auch religiöse Wurzeln auf. Mit Bildung wurde eine äußere Erscheinung bezeichnet, aber auch die innere Gestalt, was den Begriff für die im Deutschland des 18. Jahrhunderts dominante religiöse Strömung des Pietismus, eine der bedeutendsten Reformbewegungen des europäischen Protestantismus zwischen Reformation und Aufklärung, anschlussfähig machte. Während sich in England und vor allem auch in Frankreich die «Aufklärung» bzw. die «Aufklärer» mehr oder weniger deutlich und dezidiert gegen Kirche und Religion abgrenzten, waren die meisten deutschsprachigen Aufklärer eng mit dem lutherischen Protestantismus verbunden. Diese Verbundenheit bezog sich nicht zwingend auf die Kirche als konkrete Organisationsform, sondern viel mehr auf eine religiöse Grundhaltung. Unter diesen Voraussetzungen ist es deshalb auch nicht erstaunlich, dass im deutschsprachigen Kontext immer auch die Frage wichtig war, wie «Aufklärung», verstanden als Vorherrschaft der Vernunft, mit der Religion verbunden werden könne. Eine Frage, die auch die Formulierung von Bildung entscheidend prägte.
Der Pietismus verfolgte das Ziel, das religiöse und gesellschaftliche Leben durch die geistliche Wiedergeburt des Individuums biblisch zu erneuern. Als Programmschrift gilt Philipp Jakob Speners Pia Desideria (1675), ein umfassendes Reformprogramm für die lutherische Kirche, die eine individuelle Frömmigkeit propagierte. Spener ging in dieser Schrift von einer allgemeinen Reformbedürftigkeit der Kirche aus, da bei den Gläubigen, aber vor allem auch bei den Geistlichen zu wenig wahrer Glaube zu spüren sei. Dies musste seiner Ansicht nach verändert werden, wobei die Veränderungsabsicht nicht primär auf die Institution Kirche zielte, sondern auf die Veränderung der Einstellung und Haltung des einzelnen Gläubigen, das heißt auf die persönliche Seele. Erreicht werden sollte dieses Ziel durch eine vertiefte und breit stattfindende Auseinandersetzung mit den biblischen Texten, die durchaus auch außerhalb der Organisation Kirche stattfinden konnte. Mit dieser sich auf das Neue Testament berufenden Interpretation des christlichen Glaubens erhielten die Gläubigen eine eigenständige religiöse Identität zugesprochen und die persönliche Glaubensüberzeugung rückte auf Kosten einer dogmatischen Lehre in den Mittelpunkt. Damit knüpfte diese auch als Innerlichkeitsbewegung bezeichnete Reformbewegung an spätmittelalterliche, mystische Traditionen an, da sie sich auf die innere Gestaltbarkeit und Gestaltung des Menschen konzentrierte und das allgemeine Priestertum aller Gläubigen betonte.
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Definition
Mystik: Als mystisch werden religiöse oder spirituelle Erfahrungen bezeichnet, die nicht objektiv zugänglich sind. In der Religionsgeschichte bezeichnet Mystik eine Form des religiösen und damit auf ein Absolutes ausgerichtetes Erlebens und den damit verbundenen sprachlichen Ausdrucks, der in den theistischen Religionen auf Gott bezogen ist. Einen «Boom» erlebte die christliche Mystik im Hoch-und Spätmittelalter, wobei sie sich immer auch gegen den Vorwurf der Häresie verteidigen musste.
Die Anknüpfung an die mittelalterliche Mystik ist auch in Bezug auf den Bildungsbegriff bedeutsam. Die deutschen Mystiker übersetzten Teile der Bibel in die deutsche Sprache, damit auch die nicht des Lateins kundigen Nonnen und Laienbrüder Zugang zum «Wort Gottes» erhielten. Diese Übersetzungen boten einige Probleme, wies doch die gelehrte lateinische Sprache einen begrifflichen Differenzierungsgrad auf, den das Deutsche als Alltagssprache nie erreichte. Viele Begriffe mussten deshalb für eine adäquate Bibelübersetzung erst «erfunden» werden.
Eine Möglichkeit war dabei die Eindeutschung vorliegender lateinischer Begriffe, die andere die Neudeutung bzw. Spiritualisierung bestehender Begriffe. Letzteres passierte im Fall von «Bildung». «Bildunga» bezeichnete im Althochdeutschen das schaffende Herstellen von Dingen, speziell von Töpfen. Dieser Begriff wurde dazu auserwählt, das lateinische Wort «imago» aus der Schöpfungsgeschichte zu übersetzen, womit der ursprünglich konkrete Begriff «Bildunga» auch eine transzendente Bedeutung erhielt. Diese transzendente Dimension hat sich bis heute gehalten, wie das Zitat aus der Schöpfungsgeschichte in der Version der Zürcher Bibel (2007) zeigt.
Zitat
Schöpfungsgeschichte
«Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich. Und sie sollen herrschen über die Fische des Meers und über die Vögel des Himmels, über das Vieh und über die ganze Erde und über alle Kriechtiere, die sich auf der Erde regen. Und Gott schuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.» (Genesis I, 26 – 27)
Der Mensch war aufgefordert, sich seiner Gottesebenbildlichkeit würdig zu erweisen und Gott in seiner eigenen Seele wieder zu finden, da |17◄ ►18| dieser durch den Sündenfall und die sündige Welt verdeckt worden war. Die Bilder der sündigen Welt mussten abgeschüttelt und durch das reine Bild Gottes ersetzt werden.
Die Bedeutung der englischen Philosophie
Eine Hinwendung zum Konzept der inneren Gestaltung und damit ähnlichen Überlegungen, wie sie auch schon im Kontext des Pietismus formuliert worden waren, lassen sich auch bei den Cambridge Platonists finden, einer parallel zum Pietismus entstandenen einflussreichen Richtung der englischen Philosophie des 17. Jahrhunderts. Sie propagierten eine platonisch geprägte Philosophie in Abgrenzung zu einer atheistischen oder mechanistischen Philosophie und boten sich damit als Alternative zu einer naturwissenschaftlich geprägten Aufklärung an. Im Zentrum dieser Gruppe standen Henry More, Ralph Cudworth, Benjamin Whichcote und John Smith, die nicht zufälligerweise alle aus einem puritanisch-calvinistischen Milieu stammten, in welchem die Vorstellung der Prädestination bestimmend war.
Definition
Prädestinationslehre: Mit dem Begriff der Prädestination («Vorherbestimmung») wird ein theologisches Konzept bezeichnet, das davon ausgeht, dass Gott von Anfang an jedes individuelle Schicksal sowie auch das Schicksal der Welt vorherbestimmt hat. Die Prädestinationslehre gründet in den Schriften des Kirchenvaters Augustinus und wurde später vor allem vom Genfer Jean Calvin vertreten. Er bejahte die grundsätzliche Vorherbestimmung des Menschen, womit sowohl Seligkeit als auch Verdammnis von Gott allein abhängig und mit menschlichen Handlungen nicht beeinflussbar sind. Der materielle Wohlstand wurde von den Calvinisten als göttlicher Hinweis auf das jenseitige Schicksal interpretiert. Auf dieser Basis entwickelte Max Weber im frühen 20. Jahrhundert seine Theorie des Zusammenhangs von protestantischer Ethik und Kapitalismus.
In der Auseinandersetzung mit ihrem Herkunftsmilieu und vor allem auch in Abgrenzung dazu entwickelten die Cambridge Platonists eine Philosophie, die wesentlich von der Vorstellung der Gewissensfreiheit und der Toleranz geprägt war. Sie vertraten die Überzeugung, dass Gott die Welt vernünftig geordnet habe, womit sich auch Wissenschaft und Religion in Übereinstimmung bringen lassen. Gott handle stets vernünftig,|18◄ ►19| so ihre Überzeugung, also nicht zufällig und willkürlich. Daher könne die Vernunft die Ordnung der Welt erkennen, die Seele zudem durch Selbstbetrachtung Einsicht in die Natur und in göttliche Eigenschaften gewinnen, was auch für die Offenbarung gelte. Glauben und Vernunft ist in ihrer Vorstellung deshalb kein Widerspruch.
Ein besonderes Gewicht erhielt in der Philosophie der Cambridge Platonists die Lehre von der Willensfreiheit, mit der Folge, dass dem Individuum eine große Verantwortung zugesprochen wurde. Nicht mehr Gott, das Schicksal oder eine andere höhere Macht konnte für das eigene Tun und Handeln verantwortlich gemacht werden, sondern der individuelle Mensch sollte in der Verantwortung stehen. Zudem wurde auch die Bedeutung der Erbsünde insgesamt infrage gestellt, da diese nicht mit der Vorstellung einer menschlichen Willensfreiheit kompatibel sei. Gemäß der platonischen und vor allem auch der neuplatonischen Tradition gingen die Vertreter der Cambridge Platonists davon aus, dass der Mensch durch das richtige Verhalten gottähnlich werden könne.
Die Vorstellung, dass Glauben und Vernunft sich nicht zwingend widersprechen müssen, vertrat auch die Naturphilosophie des 16. und 17. Jahrhunderts. Bei ihren Vertretern stand die reale Welt bzw. ihre methodische Erforschung im Zentrum: In der von Gott erschaffenen Natur würden die göttlichen Gesetze sichtbar und könnten so vom menschlichen Verstand erkannt und erforscht werden. Jeder Same oder jeder Keim habe etwa schon von Anfang an die endgültige Gestalt in sich, aber in viel kleinerer und deshalb dem menschlichen Auge nicht erkennbarer Form. Die göttlich vorbestimmte Form musste also nur noch gebildet, das heißt ausgebildet oder entwickelt werden.
Die Formulierung einer Seelenlehre, welche die Selbstbetrachtung betonte, mit deren Hilfe die Welt und die Natur erkannt werden konnten, wurde für die Begründung des deutschen Bildungsbegriffs wichtig. Die Verbreitung dieses Konzepts im deutschsprachigen Raum war eng mit den Übersetzungen der Schriften von Anthony Ashley Cooper, Third Earl of Shaftesbury verbunden, dem Enkel des First Earl of Shaftesbury, einem einflussreichen englischen Politiker, dessen Leibarzt John Locke gewesen war. Shaftesbury gilt als Vertreter einer Philosophy of Politeness, womit ein Konzept bezeichnet wird, das in der englischen Philosophie des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts zu einem Schlüsselbegriff wurde, da es eine Möglichkeit eröffnete, neue soziale, ökonomische und politische Herausforderungen mit traditionellen Vorstellungen von Tugend zu verbinden. Dies war vor dem Hintergrund der Erfahrungen |19◄ ►20| Englands mit religiösen Konflikten und Bürgerkrieg sowie den daraus folgenden politischen Umwälzungen wichtig geworden.
Die politischen Voraussetzungen der «Politeness». Ein Exkurs
1534 hatte sich der englische König Henry VIII. zum Oberhaupt der anglikanischen Kirche ernannt, nachdem er sich wegen seiner Heirats- und Machtpolitik mit der katholischen Kirche überworfen hatte. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion war damit zu einer politischen Frage geworden. Das galt nicht nur für die verschiedenen Gruppierungen der Dissenters, womit Glaubensgemeinschaften bezeichnet werden, die sich von der anglikanischen Kirche getrennt hatten, sondern vor allem auch für die Katholiken, da ein Teil des englischen Königshauses katholisch geblieben war und einige offiziell anglikanische Königshausmitglieder zudem zumindest mit dem Übertritt zum Katholizismus liebäugelten.
1559 war der englische König zum Supreme Governor of the Church ernannt worden, womit die Trennung von Rom und die damit verbundene Eigenständigkeit der anglikanischen Kirche zementiert wurden. Die Einführung eines neuen Book of Common Prayer wiederum entzweite die neue Kirche und führte zur Abspaltung der puritanischen Bewegung, die für eine weit reichende Reform der Kirche nach calvinistischen Grundsätzen eintrat. Die Puritaner erhielten in den folgenden Jahren immer größeren Zulauf und forderten neben einer strengen Sittenlehre auch die Trennung der Kirche vom König. Daneben entwickelte sich eine immer stärker werdende antikatholische Bewegung, die durch außenpolitische Ereignisse unterstützt wurde, die immer auch durch eine religiöse Brille interpretiert wurden: 1570 war die englische Königin Elisabeth I. vom Papst exkommuniziert worden, 1588 hatte die spanische, das heißt katholische Armada die englische Flotte angegriffen (diese Seeschlacht allerdings verloren) und 1605 wurde der Gunpowder Plot aufgedeckt, eine katholische Verschwörung gegen den König James I. und das Parlament. All diese Ereignisse schürten Ängste vor einer katholischen Invasion in den 1620er-Jahren. Der Ausbruch der Irischen Rebellion 1641 passte so in ein Selbstbild der englischen Gesellschaft des 17. Jahrhunderts, in welcher der «Antipapismus» zu einem wesentlichen Teil der Identität nicht nur auf nationaler, sondern auch auf lokaler Ebene geworden war.
Im Gegensatz dazu stand die Politik der Krone, die sich mit einer politischen Annäherung zuerst an Spanien, später auch an Frankreich |20◄ ►21| deutlich gegen die Erwartungen eines Großteils der Bevölkerung stellte. Die von König Charles I. geplanten kirchlichen Veränderungen wurden denn auch als Versuch interpretiert, die ursprüngliche Kirche wieder zu restaurieren. An der Finanzierung des Feldzuges gegen Schottland kam der versteckte Machtkampf zwischen Krone und Parlament, das sich als Vertretung der Bevölkerung und damit des «Antipapismus» sah, zum Ausbruch. Charles I. brauchte Geld für seine Kriege, das ihm aber nur das Parlament bewilligen konnte. Nachdem ein erster Versuch 1640 gescheitert war (das Parlament verweigerte dem König den Kredit und wurde schon drei Wochen später wieder entlassen), war Charles I. aufgrund seiner Finanznot gezwungen, noch im selben Jahr erneut das Parlament einzuberufen. Diesmal musste er dem Parlament Zugeständnisse machen und einen Teil seiner Souveränität abgeben: Die Bezahlung der Armee war neu eine Aufgabe des Parlaments. Damit konnte sich das Parlament zum ersten Mal in der Geschichte gegen einen Monarchen durchsetzen und seinen politischen Einflussbereich auf Kosten der Monarchie erweitern, womit die organisierte politische Vertretung der Gesellschaft eine bisher nicht gekannte Machtposition erhielt.
Die Streitigkeiten um Macht, Geld und Einfluss zwischen Parlament und König eskalierten in der Folge der Irischen Revolution und endeten mit der Hinrichtung des englischen Königs auf Befehl der führenden Offiziere am 30. Januar 1649: England wurde zur Republik und damit zu einem Modell für eine politische Ordnung, bei dem die Herrschaft auf eine breitere Schicht der Bevölkerung verteilt wurde.
Der Anfang der Republik war geprägt durch die Auflösung des Parlaments und den darauf folgenden Aufstieg Oliver Cromwells zum Lord Protector, einem Amt mit monarchischen Zügen. Cromwell herrschte vor allem in Irland mit großer Brutalität; Erfahrungen, die das englisch-irische Zusammenleben bis weit ins 20. Jahrhundert hinein prägten. Kurze Zeit nach seinem Tod 1658 wurde die Monarchie wieder eingesetzt und Charles II. zum König gekrönt. Seine Herrschaft war von gegenseitigem Misstrauen zwischen Anhängern der Monarchie und der Republik bestimmt, wobei sich die Differenzen nicht nur auf die Frage nach der legitimen politischen Staatsform beschränkten, sondern immer auch mit konfessionellen Fragen vermischt wurden. Die weit verbreitete Furcht vor der Erstarkung der streng religiösen Protestanten auf der einen und der Katholiken auf der anderen Seite führte dazu, dass die Katholiken von sämtlichen zivilen und militärischen Staatsämtern ausgeschlossen wurden.
Nachdem Charles II. erst kurz vor seinem Tod offiziell zum Katholizismus übergetreten war, setzte sich sein Bruder und Nachfolger James |21◄ ►22| II., ebenfalls katholisch, offensiv für eine weitgehende Toleranz gegenüber dem Katholizismus in England ein. Von dieser Toleranzpolitik profitierten zwar die reformierten Splittergruppen, gleichzeitig verschärfte sich aber der konfessionelle Konflikt sowohl innerhalb der Gesellschaft als auch auf der politischen Ebene und gipfelte in der Weigerung von sieben Bischöfen, eine im Mai 1688 vom König erlassene Toleranzerklärung offiziell zu verkünden, weil diese nach ihrer Ansicht die Rechte der Anglikanischen Kirche schmälerte. Die Bischöfe wurden daraufhin verhaftet, von der Kirche sowie von der Bevölkerung aber als Märtyrer gefeiert, womit sich die Verhaftung für die königliche Politik als Bumerang erwies. Darüber hinaus wurden sie im anschließenden Prozess auch noch freigesprochen, was die Niederlage des Königs zementierte und die verschiedenen Oppositionsgruppen vereinte. Von da an verlor die Regierung immer mehr die politische Kontrolle über das lokale Geschehen und die Kluft zwischen König und lokalen Machthabern, die auch im Parlament vertreten waren, wurde immer größer.
Mit Wilhelm III. von Oranien-Nassau, dem Schwiegersohn von James II., stand ein potenzieller protestantischer Nachfolger bereit, der nun von der Opposition eingeladen wurde, den als «vakant» bezeichneten Thron einzunehmen, da James II. seine Frau und seinen Sohn aus Sicherheitsgründen nach Frankreich hatte bringen lassen. Damit wurde auch deutlich, dass diese Auseinandersetzungen immer auch eine europäische Dimension hatten, da die Frage nach der Konfession des englischen Königshauses entscheidend für die Machkonstellation in Europa war. Ein katholischer König würde sich «naturgemäß» mit Frankreich und Spanien verbünden, ein protestantischer hingegen mit den deutschen Fürsten. Mit dem zeitweiligen Wechsel der Staatsform zu einer Republik und der Stärkung des Parlaments war zudem die Unantastbarkeit des Königs bzw. der Monarchie gebrochen und eine andere politische Organisationsform, die auch entscheidende Veränderung für die Gesellschaft bedeutete, denkbar geworden. Die Ereignisse in England wurden deshalb auch auf dem Kontinent interessiert beobachtet.
Im Januar 1689 wurde die Krone Wilhelm III. angeboten und dem Parlament wesentliche Machtbefugnisse schriftlich zugesichert. Mit diesem als Glorious Revolution (1688/89) bezeichneten Ereignis hatten sich in England und Schottland die Gegner des Absolutismus durchgesetzt – Frankreich erlebte zeitgleich den Höhepunkt der absolutistischen Herrschaft Louis XIV. – und die blutigen Wirren des Englischen Bürgerkriegs gehörten definitiv der Vergangenheit an. Mit der Verabschiedung der |22◄ ►23| Bill of Rights wurde die Grundlage für das noch heute bestehende parlamentarische System geschaffen, mit dem Parlament als Verkörperung der Staatssouveränität.
Das Konzept der «Politeness» als neue soziale Unterscheidung
Die neue politische Ordnung hatte konkrete Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben. Sie ließ bisherige soziale Unterscheidungsmerkmale obsolet werden und erforderte die Schaffung neuer, wofür sich der Begriff der Politeness anbot. Mit diesem Begriff wurden nicht mehr zwingend standes- oder herkunftsabhängige Eigenschaften bezeichnet, die zudem auch nicht mehr dem Schema der konfessionellen Trennung und der damit verbundenen Parteigebundenheit in Tories und Whigs folgte. Mit dem Konzept der Politeness konnte nicht nur zwischen der Elite und der Masse unterschieden werden, sondern es ermöglichte auch eine Differenzierung innerhalb der Elite selber, indem damit das richtige Benehmen und der gute Geschmack bezeichnet wurden. Wichtig an diesem Konzept war die Idee des «Gefallens», weil damit die Hoffnung verbunden war, dadurch nicht nur das Gefühl des Menschen für sich selber verbessern zu können, sondern auch die Art, wie und auf welche Weise soziale Beziehungen zu pflegen seien. Politeness bezeichnet damit eine verbesserte Gesellschaftlichkeit, die ästhetische und ethische Anliegen in eine enge Verbindung brachte.
Damit löste Politeness auch das ältere Konzept des Virtuoso ab, welches im England des 17. Jahrhunderts sehr beliebt gewesen war. Der ursprünglich aus dem Italienischen stammende Begriff bezeichnete die «adeligen Virtuosi», womit Menschen bezeichnet wurden, die sich hauptsächlich für antike Gegenstände, Malerei und naturphilosophische Themen interessierten, wobei in der englischen Ausprägung die beiden ersten Themen zugunsten der Naturwissenschaften marginalisiert wurden. Ein Virtuoso war aber auch jemand, der diese Beschäftigung als Möglichkeit ansah, seine freie Zeit sinnvoll zu nutzen und dabei gleichzeitig zur gesellschaftlichen Unterhaltung beizutragen. Mit der zunehmenden Bedeutung der Industrie, womit nicht nur eine bestimmte Produktionsart, sondern auch eine Geisteshaltung bezeichnet wurde, geriet dieser Lebensstil immer stärker in eine Krise und wurde durch das Konzept der Politeness abgelöst. Dabei wirkte unterstützend, dass das Betätigungsfeld des Virtuoso zunehmend von professionellen Sachverständigen besetzt worden war und deshalb immer weniger Spielraum für Amateure bot.
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Mit dem Konzept der Politeness war eine radikale soziale Revolution verbunden. Es bot eine Alternative zu Tugendvorstellungen des 17. Jahrhunderts an und war eine Möglichkeit, veränderliche und auf Austausch basierende Vorstellungen von zwischenmenschlichen Beziehungen zu bestimmen, während die traditionellen Tugendkonzepte diese Beziehungen eher träge und statisch fassten. Vereinfachend können diese beiden Tugendkonzepte deshalb mit unterschiedlichen sozialen Gruppierungen und Lebensentwürfen innerhalb der Gentry in Verbindung gebracht werden. Mit dem Begriff Gentry wird eine nicht genau abgrenzbare Schicht des englischen gehobenen Bürgertums und des niederen Adels bezeichnet, die nicht dem Klerus oder dem Hochadel, aber auch nicht dem niederen Bürgertum angehört.
Während sich die agrarische Oberschicht (Tories) an einem traditionellen Tugendbegriff orientierte, bevorzugte die handelsorientierte Oberschicht (Whigs) ein moderneres Konzept, das zudem mit ihren beruflichen Erfahrungen kompatibel war. Politeness schien eine Möglichkeit zu bieten, den Dualismus zwischen Moral und Fortschritt zu überwinden, indem Fortschritt und Tugend verbunden wurden, was gerade für die Vertreter einer auf Handel und wirtschaftlichem Austausch konzentrierten Bevölkerungsgruppe sehr attraktiv war. Es bot aber auch eine soziale Selektionsfunktion an, die nicht primär Oberschicht von Unterschicht trennte, sondern Möglichkeiten der Unterscheidung innerhalb der Oberschicht eröffnete. Damit zeigen sich Parallelen zur Situation in Deutschland zur Zeit der Herausbildung des Bildungsbegriffs, mit welchem ebenfalls eine Möglichkeit der sozialen Unterscheidung geschaffen wurde (vgl. Kapitel 4).
Die Verbindung von Ethik und Ästhetik
Eine letzte, für die Entwicklung des Bildungsbegriffs wichtige kulturelle Voraussetzung war die Verbindung von Ethik und Ästhetik. Diese wurde nicht nur im Rahmen des Konzepts der Politeness diskutiert, sondern gilt als eine der philosophischen Hauptdebatten des 18. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen stand die Frage, ob das Schöne bloß subjektiv und damit einer begrifflichen Bestimmung nicht zugänglich sei oder ob das Schöne in einer ästhetischen Theorie formuliert werden könne. Damit eng verbunden war die Frage, was der Orientierungspunkt für das Schöne sein könne. Die möglichst genaue Abbildung der Wirklichkeit oder die Umsetzung individueller Phantasie? Ist das Ziel der Ästhetik die Abbildung der Vollkommenheit der Natur oder der (künstlerische) Ausdruck der Phantasie?
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Die Beantwortung dieser Frage war Anlass des berühmten «Literaturstreits» zwischen den beiden Zürcher Philologen und Professoren Johann Jakob Bodmer und Johann Jakob Breitinger auf der einen Seite sowie dem Hallenser Schriftsteller Johann Christoph Gottsched auf der anderen. Der literaturtheoretische Streit konzentrierte sich auf die Frage nach dem Grad der «Naturähnlichkeit» von Dichtung und hatte sich an der 1732 von Bodmer verfassten Übersetzung von John Miltons Paradise Lost (1667) entzündet, einem epischen Gedicht, das die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies aus puritanischer Sicht beschreibt. « Naturähnlich» hieß in diesem Kontext die möglichst vollständige und realistische Abbildung des Vorbildes, da die Natur als vollkommen angesehen wurde. Die gegenteilige Position vertrat den Standpunkt, dass der schöpferischen Kraft des Autors, also der Phantasie, ein angemessener Platz einzuräumen sei.
In diesem Streit wurde somit eine ähnliche Fragestellung diskutiert, wie sie einige Jahrzehnte zuvor schon die französische Literatur und Kunst beschäftigt hatte, wobei sich die damalige Debatte, die als Querelles des Anciens et des Modernes bekannt geworden ist, explizit an der Frage nach der Vorbildfunktion der Antike entzündet hatte. Die Antike galt bis dahin – nicht nur für die Literatur und Kunst, sondern während vielen Jahrhunderten auch für die Naturwissenschaften, Medizin und Philosophie – als unübertreffbar und damit als oberste Instanz für Wahrheit. Mit der Vorbildfunktion der Antike war auch die Frage angesprochen, ob es angesichts der vorausgesetzten Vollkommenheit der Antike überhaupt noch möglich sei, Neues zu erschaffen. Während diese Frage für die Naturwissenschaften und die Medizin immer bedeutungsloser wurde, da neue Erkenntnisse die antiken Theorien je länger je deutlicher revidierten, zeigte sich dieses Verhältnis sowohl in der Philosophie als auch in der Ästhetik sehr viel weniger eindeutig.
Im Literaturstreit des 18. Jahrhunderts konnten sich die beiden Zürcher durchsetzen und wurden zu den Wegbereitern des Geniekults und der deutschen Romantik, weil sie der Phantasie in der Ästhetik eine bedeutende Rolle zusprachen. Das schöpferische Element wurde immer mehr zu einem entscheidenden Kriterium der Kunst. Es setzte sich eine ästhetische Theorie durch, die das Schöne nicht in einer reinen Abbildung der Wirklichkeit verkörpert sah, sondern in der Umsetzung von künstlerischen Vorstellungen. Trotzdem orientierte sie sich immer noch an der antiken platonischen Tradition, die von einer Übereinstimmung des Schönen und des Guten ausging. Das hatte zur Folge, dass die Fähigkeit, das Schöne zu erkennen, was Aufgabe des Geschmacks war, entwickelt|25◄ ►26| oder «gebildet» werden musste. Der Geschmack war dabei nicht unvernünftig, da man davon ausging, dass sich im Geschmack die Seele zeige, die als Teil des Verstands angesehen wurde.
Definition
Das Schöne und das Gute bei Platon: Die Vorstellung, dass das Schöne gleichzeitig auch das Gute sei, dass also Ästhetik und Ethik übereinstimmen, stammt aus der Ideenlehre des antiken griechischen Philosophen Platon, der diese aber nie als Gesamtkonzept formuliert hat. Trotzdem ist sie in der Geschichte der Philosophie äußerst wirkungsmächtig geworden. Ideen sind bei Platon keine Einfälle oder Gedanken, sondern der Ursprung alles Denkbarem und damit des Seins, das, mit der Idee des Guten als oberstem Prinzip, zudem hierarchisch geordnet ist. Alles dem Menschen Erkennbare wiederum ist nur ein Abbild der eigentlichen Idee und kann deshalb nur unvollständig und verzerrt erkannt werden. Verhältnismäßig ausführlich wird die Ideenlehre in der Politeia ausgeführt, einer Abhandlung über die gerechte Staatsordnung. Die Idee des Guten wird dabei als oberstes Leitprinzip verstanden, an welchem sich ein Staatswesen zu orientieren hat. Diesem Prinzip folgend, muss die Idee des Schönen mit der Idee des Guten übereinstimmen.
Die Aufgabe der Geschmacksbildung wurde nun den literarisch-ästhetischen Erfahrungen übertragen, wodurch Literatur – und dadurch auch die Schriftsteller und Autoren – eine ganz neue Funktion erhielt. Nicht zufällig entstand in dieser Zeit in England die Literatur des Sentiment, die im deutschsprachigen Raum ihre Entsprechung in der Tradition der Empfindsamkeit hatte. Aus dieser wiederum entwickelte sich der Sturm und Drang, der seinerseits einer der literarischen Träger der Bildungstheorie wurde (vgl. Kapitel 2). Die Literatur sollte mit Beispielen und der Erzählung von Ereignissen den Leser dazu motivieren, Gutes zu tun. Ein ästhetisches Vorbild wurde demnach dasjenige Kunstwerk, das fähig war, diese Handlung im Betrachter hervorzurufen. Damit wurde nicht nur eine moralisch gute Handlung vollbracht, sondern es wurde gleichzeitig auch die eigene Seele gebildet, womit eine Annäherung an die eigene Vollkommenheit, die sich in Schönheit ausdrückt, möglich wurde.
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Literatur
Bollenbeck, Georg (1996): Bildung und Kultur. Glanz und Elend eines deutschen Deutungsmusters (1994). Frankfurt am Main: Suhrkamp
Cassirer, Ernst (2007): Die Philosophie der Aufklärung (1932). Hamburg: Meiner
Klein, Lawrence E. (2002): Politeness and the Interpretation of the Eighteenth Century. In: The Historical Journal, Vol. 45, No. 4, S. 869 – 898
Osterwalder, Fritz (1999): Pädagogik im Umfeld moderner Naturwissenschaft im 17. Jahrhundert. In: Jürgen Oelkers & Daniel Tröhler (Hg.): Die Leidenschaft der Aufklärung. Studien über Zusammenhänge von bürgerlicher Gesellschaft und Bildung. Weinheim & Basel: Beltz, S. 31 – 51
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