Kitabı oku: «Am Ende bleiben nur die Träume»
Am Ende bleiben nur die Träume
1 Am Ende bleiben nur die Träume
2 Prolog
3 Kapitel 1
4 Kapitel 2
5 Kapitel 3
6 Kapitel 4
7 Kapitel 5
8 Kapitel 6
9 Kapitel 7
10 Kapitel 8
11 Kapitel 9
12 Kapitel 10
13 Kapitel 11
14 Kapitel 12
15 Epilog
Am Ende bleiben nur die Träume
Regan Holdridge
Texte: © Copyright by Regan Holdridge, 2002
Herausgeber:
Regina Honold
Alpenstr. 24a
87760 Lachen
autrice.blog@gmail.com
Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Die Geschichte eines Jungen, eines Pferdes und einer Vision.
Zur Erinnerung
an einen schwarzen American Saddlebred Hengst
namens „Highland Dale“.
Niemand hat mein Leben mehr beeinflusst als er.
Prolog
Der Junge saß auf einem der harten Holzstühle in dem langen, schmalen Flur. Wie lange er schon dort saß, das konnte er nicht genau sagen, vielleicht eine halbe Stunde, vielleicht auch eine ganze. Nichts geschah um ihn herum, außer, dass ab und zu jemand an ihm vorbeilief, ihn neugierig anschaute und sich dann wieder auf den dunkelblauen Teppichboden des Flurs konzentrierte. Zu einer der Türen, die genau dieselbe Farbe besaßen, wanderten die braunen Augen des Jungen immer wieder hinüber. Irgendwann, vor einiger Zeit, die er nicht benennen konnte, war darin sein großer Bruder verschwunden. Ein Bruder, der sechzehn Jahre älter war als er und den er eigentlich nicht kannte. Dennoch entschied dieser große Bruder soeben über sein Schicksal und darüber, wie es mit ihm weitergehen würde: Wo er leben und aufwachsen sollte, obwohl er schließlich mit seinen elf Lebensjahren durchaus in der Lage gewesen wäre, diese Frage für sich selbst zu entscheiden. Und was ihm ganz und gar nicht behagte, war die Vorstellung, dass sein zukünftiges Dasein sich womöglich in einer engen Stadtwohnung zutragen könnte, weit fort von seinem Zuhause und dem, was ihm wichtig war, ja, eigentlich alles bedeutete.
Dieses Amt hier, das nur dafür zuständig war, die Belange von Kindern und Jugendlichen zu vertreten, würde die Entscheidung treffen, die er selbst vor dem Gesetz und dem Richter noch nicht für sich einfordern durfte. Auch das gefiel dem Jungen nicht und je länger er hier saß und wartete und nichts tun konnte, desto unleidiger wurde seine Stimmung. Dass sein Vater zu schnell gefahren war – dafür konnte er doch nichts und dass er zu seinem großen Bruder im Grunde keinerlei Beziehung hatte, dafür doch auch nicht! Nein, weggehen würde er nicht, niemals! Da konnte niemand etwas daran ändern, auch keine Beamten und kein großer Bruder.
Trotzig verschränkte der Junge die Arme vor der Brust und warf sich auf dem Stuhl zurück. Er wollte endlich wissen, was hinter dieser Tür vor sich ging, welche Entscheidungen die Erwachsenen trafen, obwohl es doch eigentlich ihn betraf! Ihn und sein Leben, seine Zukunft!
Laute Stimmen ließen ihn den Blick heben. Zwei Frauen schoben einen braunhaarigen Jungen, etwa in seinem Alter, den Flur hinab, der sich wild schreiend und weinend zur Wehr setzte. Er schlug wütend um sich, trat und biss und die beiden Frauen hatten ganz offensichtlich größte Mühe, ihn irgendwie vorwärts zu zerren. Sie öffneten eine Tür, bugsierten ihn hinein und schlugen sie hinter sich zu; das schrille Geschrei verstummte.
Der Junge biss sich auf die Unterlippe. Ein Schauer jagte ihm über den Rücken und einen kurzen Moment war er verführt, einfach aufzustehen und davonzulaufen. Warum eigentlich nicht? Wieso sollte er bei seinem großen Bruder bleiben? Er war ihm mehr fremd als vertraut, sie hatten gerade erst begonnen, sich kennenzulernen. Er schüttelte für sich selbst den Kopf. Nein, das wäre unfair und gemein. Das konnte er ihm nicht antun, diesem großen, blonden Mann, der ihrem gemeinsamen Vater sehr ähnlich sah. Er war das genaue Gegenteil zu ihm selbst. Der Junge runzelte die Stirn. Er besaß die braunen Augen und die rötlich schimmernden Haare seiner Mutter, ähnlich der Farbe einer reifen Kastanie, die gerade vom Baum gefallen war. Jedenfalls hatte sein Vater das immer wieder betont. Er selbst konnte dazu nichts sagen – er erinnerte sich nicht an seine Mutter, wusste nicht, wie sie ausgesehen oder sich angefühlt hatte. Das einzige, was ihm geblieben war von seiner Familie, das war ein sechzehn Jahre älterer Bruder.
Immer wieder kreisten seine Gedanken darum, wie schwer es seit diesem Tag vor wenigen Wochen für sie alle plötzlich geworden war, seit dem Tag, an dem sein Vater in das Auto gestiegen und zu schnell gefahren war. Der Junge hasste ihn manchmal dafür, dass er sich nicht an die vorgeschriebene Geschwindigkeit gehalten hatte; dann wäre alles jetzt ganz einfach und normal, wie immer. So jedoch herrschte in ihrer aller Leben Chaos und Ungewissheit und Angst.
Der Junge schloss die Augen und verharrte auf dem harten Holzstuhl, versunken in seine Überlegungen und die Aussichten, was sein weiteres Leben betraf. Irgendwann hörte er, wie eine Türe aufschwang und er öffnete seine Augenlider einen Spalt. Die schlanke, hochgewachsene Gestalt trat zu ihm und eine Hand streckte sich nach ihm aus.
Fragend hob der Junge den Blick und als er in das Gesicht blickte, das ihn an das seines Vaters erinnerte, ahnte er es. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht und er ergriff die ihm angebotene Hand. Sie waren allein mit sich und ihrer verzwickten Brüderbeziehung. Seine kleine Kinderhand verschwand vollkommen in den langen, kräftigen Fingern des jungen Mannes und er marschierte neben ihm her, den Flur entlang, den Weg zurück, den sie gekommen waren und von dem er nicht wusste, ob es der richtige sein würde.
Kapitel 1
Ein Jahr später
Die angelehnte Haustür des kleinen, einstöckigen Ranchhauses schnellte quietschend auf und ein gesetzter, dürrer Mann trat heraus, unter das Vordach. Er formte seine runzeligen, rauen Hände zu einem Trichter, was seine krächzende Stimme noch lauter über den Hof schallen ließ: „Das Abendessen ist fertig! Lasst mich ja nicht wieder eine Stunde warten!“
Abwartend stemmte er die Hände in die Hüften. Sein lockiges, ungekämmtes Haar besaß eine dunkelgraue Farbe, die beinahe schon ins Weiße überging, obwohl er erst wenig über sechzig war. Die Sonne hatte sein schmales Gesicht im Laufe der vielen Jahre, die er in der freien Natur zugebracht hatte, braun gebrannt und die feinen Äderchen hervortreten lassen. Tiefe Furchen verliefen von der Nase, an den Mundwinkeln vorbei, bis zu seinem kantigen Kinn. Manche Leute, die ihn nicht kannten, bezeichneten sein Gesicht als „gegerbt“ und „typisch“: Typisch für das Land und die Menschen, typisch für die rauhen Witterungen und die jahrzehntelange, harte Arbeit.
„Himmel nochmal!“, fluchte er laut und trat einen Schritt unter der überdachten Veranda heraus. „Hey! Habt ihr Bohnen in den Ohren? Das Abendessen ist fertig!“
In der Mitte des überschaubaren Hofes parkte ein mit Rostflecken und Dellen übersäter Ford Pick-up, dessen hellblaue Farbe unter der Schicht aus Staub und Morast nur schwerlich zu erkennen war. Die Motorhaube stand offen und zwei Männer beugten sich mit kritischen Mienen über den Antrieb des Fahrzeugs.
„Tja“, stieß der eine hervor und fuhr sich mit den Fingern durch das wellige, schwarze Haar. „Er scheint sich allen Ernstes dazu entschlossen zu haben, bald auf den Schrottplatz zu wandern!“ Seine tiefe, markante Stimme drang dem schlankeren, ihn um fast einen Kopf überragenden, jungen Mann wie aus weiter Entfernung ans Ohr.
„Ich fürchte, diesmal hat sogar dein technischer Verstand recht“, lautete die Erwiderung. Mit einem Seufzer richtete er sich auf, wobei sein Kennerblick das Innere des Motorraums begutachtete. Er schüttelte den Kopf, was eine Strähne seines blonden, glatten Haares nach vorn, in die Stirn fallen ließ. „Offen gestanden hat mir das gerade noch gefehlt! Als ob wir nicht schon genug...“ Er brach ab. „Ach, vergiss es. Ist ja auch egal, ändert nichts mehr an dem ganzen Mist!“
Morton Patterson war achtundzwanzig Jahre alt und seit er die Ranch vor einem Jahr von seinem verstorbenen Vater übernommen hatte, war es nicht das erste Mal, dass ihn das Auto im Stich zu lassen drohte. Sein auffallend schlanker, durchtrainierter Körper maß über einen Meter neunzig, was ihn in den alten, ausgewaschenen Jeans fast mager aussehen ließ. Wie immer, wenn ihm etwas Sorgen bereitete, traten auch jetzt seine breiten Kiefernknochen hervor und seine hohe Stirn über den hellblauen Augen runzelte sich in vielen, kurzen Fältchen.
„Lass uns morgen versuchen, ob wir ihn nochmal retten können“, schlug Ray McGill leise seufzend vor und klopfte seinem Arbeitgeber aufmunternd auf die Schulter. „Vielleicht erspart er uns den Gang zum Autohändler, wenn er eine Nacht darüber geschlafen hat, dass wir ihn wirklich entsorgen, wenn er nicht spurt!“
„Jetzt sagt mir mein Magen erstmal, dass Onkel Hank nicht umsonst zum Essen gerufen hat“, erwiderte Morton mit einem verzerrten Lächeln, das seine wahre, deprimierte Stimmung überspielen sollte. Er gab dem anderen jungen Mann einen auffordernden Wink.
Sein zwei Jahre jüngerer Reitlehrer und Pferdetrainer verstand und trat einen Schritt zurück, damit seine Finger nicht dazwischen gerieten, als Morton die Motorhaube mit einem lauten Knall zufallen ließ.
„Na, endlich!“, erklang der Ausruf des Alten vom Wohnhaus her. „Ich schlage schon Wurzeln!“
Morton musste grinsen. „Geh’ du schon vor und versuch’ zu verhindern, dass er wieder zu rotieren anfängt! Ich hole Toby.“
„Geht klar, Boss!“ Ray lachte auf seine sehr eigene Art, wie nur er es mit seiner tiefen Stimme zu tun vermochte.
Wer Ray McGill zum ersten Mal begegnete, dem stach immer zuerst sein kantiges Gesicht ins Auge, das von ungewöhnlicher Ebenmäßigkeit, ja geradezu auffallender Attraktivität war. Die dichten, schwarzen Brauen betonten das Türkisblau seiner Augen noch deutlicher, was zu seiner bräunlichen, von der Sonne gedunkelten Haut beinahe exotisch wirkte. Jetzt grinste er, wobei seine geraden, weißen Zähne zwischen den geschwungenen, vollen Lippen aufblitzten. Er bemerkte den sorgenvollen Blick, mit dem Morton Patterson das Auto bedachte.
„Schau nicht, als wäre er abgebrannt! Noch fährt er doch!“
„Noch, ja!“, bestätigte der junge Ranchbesitzer mit düsterer Miene und trat mit dem Stiefel gegen den linken Vorderreifen. „Zu seiner eigenen Sicherheit würde ich ihm auch raten, das noch länger zu tun!“
Von Südwesten, den flachen, langgezogenen Hügel herab, wand sich der schmale, geteerte Weg in Richtung Stadt zwischen hohem Präriegras und vereinzelten Sträuchern in den gut dreißig Fuß breiten, sandbedeckten Innenhof hinab. Zur linken Straßenseite hin befanden sich die ausgedehnten, unterteilten Pferdekoppeln mit ihren dreireihigen, schiefen Zaunlatten aus den Stämmen junger Bäume. Rechts, versteckt hinter wucherndem Gestrüpp und Brombeeren stand das Ranchhaus und etwa zehn Schritte dahinter begann der ausgedehnte, mehrere Quadratmeilen große Mischwald mit seinen mächtigen Kiefern, deren Alter zu bestimmen unmöglich war. Sichelförmig erstreckten sich die Bäume in weitem Bogen über das Land, zunächst nach Nordosten, um dann, gut zwölf Meilen entfernt, in Richtung Westen abzuknicken. Die letzten Ausläufer im Süden grenzten unmittelbar an die Gebäude der kleinen Ranch, die sich schützend in den Waldsaum drückten.
Hinter den letzten Koppelzäunen stand der lange, flache Pferdestall, den Hank zusammen mit Randall Patterson vor knapp fünfzehn Jahren neu gebaut hatte. Ein doppelflügliges Tor, das von Frühjahr bis in den Herbst hinein den Tag über offen stand, führte in eine breite, helle Stallgasse, von der aus die Pferde gefüttert wurden.
Genau in der Mitte zwischen Stall und Ranchhaus erhob sich die stattliche, alte Scheune aus Gründerzeiten mit ihren fast drei Meter hohen Toren und nur das weiße Windrad zu ihrer Rechten, dessen Flügel sich unaufhörlich im frischen Spätsommerwind drehten, überragte ihre imposante Erscheinung noch.
Um die letzten, alleinstehenden Bäume des Waldes, von denen eine Handvoll bis zwischen Pferdestall und Scheune heranreichten, war ein weiterer Koppelzaun errichtet worden, auf dessen oberster Stange zwei zwölfjährige Jungen saßen. Neben ihnen döste eine kleine, wohlgenährte Stute von rostbrauner Farbe. Eine breite, weiße Blesse verlief unregelmäßig über ihrer Nase. Sie hielt den Kopf gesenkt, während der Führstrick am Halfter unbeachtet auf die Erde herabhing.
„Ihr seid unmöglich, ihr alle zusammen!“, schimpfte Hank, als er Ray nun kommen sah und trommelte mit seiner rechten Stiefelspitze demonstrativ auf den trockenen Erdboden. „Dass man euch doch immer eine halbe Stunde eher rufen muss, damit ihr euch bequemt, zu meinem mühevoll bereiteten Mahl zu erscheinen!“
„Dann wollen wir dich nicht länger enttäuschen! Was gibt’s denn heute?“ Ray schnupperte. Der verlockende Duft aus der Küche stieg ihm in die Nase und er schob Hank kurz entschlossen zur Haustüre.
„Wir sind immer noch nicht vollzählig!“, protestierte der Alte, da es ihm nicht gelang, sich aus dem Griff des jungen Mannes freizumachen.
Morton legte sich die Hand schützend über die Augen und blickte abwartend zu der Koppel zwischen Pferdestall und Scheune hinüber.
„Toby!“, rief er seinem kleinen Bruder schließlich zu, als dieser noch immer keine Anstalten machte, sich zu rühren. „Kommst du?“
Die beiden Jungen unterbrachen ihre lachende Unterhaltung. Endlich sprangen sie von der Zaunlatte.
„Dann treffen wir uns morgen, vor der Schule!“, sagte Aaron, der kleinere der beiden, ein wenig rundlich geraten und mit einer dunkelblonden Stoppelfrisur. Er griff nach dem Führstrick am Halfter seiner Stute.
„Leider!“, knirschte Toby und verzog gequält das Gesicht. „Was haben wir denn eigentlich für Schularbeiten auf? Darüber bist du doch immer informiert!“
„Oh, oh“, machte Aaron, Böses ahnend und seine braunen Augen weiteten sich bedenklich. „Wenn du sie morgen wieder nicht hast…“
„Ach was!“, fiel sein bester Freund ihm mit einer scheinbar lässigen Handbewegung ins Wort. „Was soll denn schon groß passieren? Dann gibt Miss Shaughnessy mir eben wieder einen Strich auf dieser lächerlichen ‚Hausaufgaben-Vergessens-Liste‘! Na, und?“
Das klang sehr erwachsen und mutig, auch, wenn ihm bei der Vorstellung an den Zorn und das Geschrei seiner Klassenlehrerin nicht ganz wohl zumute war.
„Na, du musst es ja wissen! Den Ärger erspare ich mir jedenfalls lieber! Darum muss der Fernseher heute Abend auch aus bleiben. Mathe ist angesagt. Vielleicht kapiere ich das doch noch eines Tages!“ Aaron zog seine träge Stute ungeduldig hinter sich her. „Nun komm schon, Bella! Du darfst doch zu den anderen auf die Koppel! Wenn sie bloß nicht immer so faul wäre! Nicht einmal der Gedanke an frisches Gras kann sie beschleunigen!“
„Probier’s doch mal mit einer doppelten Ration Hafer“, riet Toby und lief seinem Freund voraus, um den Riegel beiseitezuschieben und das Tor zu öffnen. Kaum, dass sich die Lücke im Zaun auftat, schien die Stute ihr Ziel zu erkennen. Sie stieß ein kurzes, übermütiges Quietschen aus und trabte unerwartet los.
„Hey!“ Hastig versuchte Aaron, das Halfter über ihre Ohren zu ziehen, doch seine kurzen Beine konnten mit der ungewöhnlich schnellen Gangart seines Pferdes nicht mithalten. Zwei Meter vor dem Tor beschloss Bella, das hinderliche Stück Leder ohne Hilfe ihres Besitzers abzuwerfen. Die ruckartige Bewegung brachte den Jungen, der ohnehin schon auf Höhe ihrer Hinterbeine zurückgefallen war, ins Straucheln. Ein dumpfer Schlag übertönte das Trappeln der Hufe. Toby grinste, während er das Tor hinter der Stute wieder verschloss und Aaron sich ächzend auf die Beine rappelte.
„Oh man! Ich möchte nur ein einziges Mal erleben, dass sie beim Reiten auch freiwillig so rennt!“ Aaron klopfte sich den Sand von der Jeans. „Irgendwann kriege ich richtig Ärger wegen ihr! Zum Beispiel, wenn sie wieder mitten auf der Straße zu pennen anfängt und den ganzen Verkehr aufhält!“
„Den Ärger kriegst du auch so“, meinte Toby trocken und nahm seinem besten Freund das Halfter aus der Hand. „Und zwar dann, wenn du heute schon wieder zu spät nach Hause kommst!“
„Au backe! Wie spät ist es denn?“ Aaron warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Was?! Schon halb sechs? Ach du Schande! Meine Eltern reißen mir den Kopf ab!“
Entsetzt stürzte Aaron zu seinem Fahrrad, das den ganzen Nachmittag über achtlos neben dem Koppelzaun, im Gras gelegen hatte. „Bis morgen!“, rief er über die Schulter zurück, während er bereits mit aller Kraft in die Pedale trat und das Rad den leichten Anstieg der schmalen Straße hinauf lenkte.
Eilig hängte Toby das Halfter an den Anbindebalken vor dem Koppelzaun und lief zu seinem Bruder hinüber, der noch immer vor dem Haus stand und auf ihn wartete. „Ich komme schon!“
„Wo ist Butch?“, wollte Morton wissen.
„Da – noch draußen!“ Der braunhaarige Junge deutete hinter sich, zur Koppel, auf deren Zaunlatte er und sein Freund eben noch gesessen hatten und wo jetzt ein goldfarbener, großer Hengst neugierig seinen zierlichen, hübschen Kopf darüber streckte.
„Ich bringe ihn erst nachher in den Stall. Jetzt ist es noch so warm!“
„Von mir aus!“ Fürsorglich legte Morton ihm die Hände auf die Schultern. „Allerdings hoffe ich, dass Bellas Halfter nicht morgen früh noch dort hängt, wo es nichts verloren hat!“
„Natürlich nicht!“, versicherte Toby entrüstet und verzog beleidigt sein rundes Jungengesicht mit der Stupsnase und den vielen, kleinen Sommersprossen.
Seufzend winkte Morton ab. „Schon gut. Und was treibt der Hund?“
„Hmm!“ Suchend drehte Toby den Kopf in alle Richtungen. „Vorhin war er noch da! Wirklich! Ich schwöre es!“
„Du weißt, dass er nicht herumstreunen soll!“ Mahnend zog der junge Mann die Brauen hoch. „Sollte er zu wildern anfangen…“
„Das tut er nicht! Niemals! Dazu ist er doch viel zu faul!“, verteidigte Toby seinen Hund fest überzeugt und schrie aus Leibeskräften: „Shaggy! Shaggy! Komm hierher!“
Keine zwei Wimpernschläge später kam um das Eck des Pferdestalls ein gelbbrauner, zottiger Hund geschossen.
„Siehst du, was habe ich gesagt?“ Triumphierend kraulte Toby dem Tier das Kinn. Schwanzwedelnd blickten die treuen, dunklen Knopfaugen zu dem Jungen hinauf. Das dichte Fell kringelte sich um den stämmigen Körper und verdeckte die kleinen Schlappohren fast vollständig. Obwohl er jeden zweiten Tag gebürstet werden musste, sah ihm das nie jemand an, weil sich immer irgendwelcher Unrat in seinem Fell verfing.
„Komm, du kriegst jetzt auch was zu Abendessen!“, versprach Toby und klopfte sich auf den Schenkel, was bei Shaggy erfreutes Kläffen auslöste und ihn wie einen Gummiball auf und ab springen ließ.
Zufrieden ächzend lehnte Toby sich auf dem Stuhl zurück und schob den leeren Teller in die Mitte des kurzen, rechteckigen Tisches.
„Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es ein solches Steak!“, erklärte er und rieb sich den vollen Bauch.
„Na, ist ja schön, dass wir dich doch noch satt bekommen haben“, kommentierte sein großer Bruder und schmunzelte. Er schien jedesmal wieder verblüfft, wieviel Essbares doch in einem kleinen Jungen Platz fand. „Bald besteht unsere größte Geldausgabe in deinen Essensvorräten!“
Er und Ray saßen bereits seit fast zehn Minuten bei ihrem allabendlichen Kaffee, bei dem sie stets die Ereignisse des Tages besprachen und den Terminplan für den darauffolgenden gleich mit.
Der Wohnraum der Ranch nahm die größte Fläche im Erdgeschoß ein. An der Wand gegenüber der Haustüre führte die schmale Holztreppe ins obere Stockwerk hinauf und direkt links war ein offener Kamin mit großen, rauen Steinen in die Wand eingebaut. Im Anschluss ging ein offener Durchgang in die schmale Küche. In der Mitte des Raumes hatte der alte Holztisch mit der breiten Schramme quer über der Platte seinen Platz eingenommen. Dort saßen sie in der Regel jeden Abend zusammen, diskutierten die Geschehnisse des vergangenen Tages und planten die bevorstehenden Arbeiten.
„Es freut einen immer, wenn man erfährt, dass man auf seine alten Tage hin nicht ganz unnütz geworden ist“, meinte Hank mit einem Augenzwinkern und trug den Teller hinüber in die Küche zum restlichen Abwasch.
„Sollte es jemals soweit sein“, rief Morton, „erhältst du es von mir ohnehin schriftlich!“
„Das hat dein Vater auch sein Leben lang zu mir gesagt und im Laufe der vergangenen zweiunddreißig Jahre bestimmt schon mehr als fünfhundert Mal, aber wie du feststellen musst, hat er auch immer nur davon gesprochen. Das heißt…“ Verschmitzt grinsend kratzte er sich das unrasierte Kinn, das mit grauen Bartstoppeln übersät war. „Eigentlich auch nur dann, wenn mein vorlautes Mundwerk wieder einmal schneller war als mein Verstand!“
„Jetzt will ich noch Kuchen“, verkündete Toby mit leuchtenden Augen. Allmählich fand sich in seinem Magen wieder Platz für neue Genüsse. Außerdem wollte er noch dableiben, bei den Männern und mitreden, wenn sie den Ablauf für den morgigen Tag besprachen. Auch, wenn ihm das leider nichts brachte, denn auf ihn wartete ja diese leidige Schule mit der neuen Lehrerin, die er nicht ausstehen konnte. Aber immerhin würde ihm die Ranch ja eines Tages einmal gehören, da konnte er nicht früh genug anfangen, sich mit allen wichtigen Dingen zu beschäftigen, die diese betrafen.
„Kommt nicht in Frage!“, widersprach sein großer Bruder prompt und machte eine energische Handbewegung. „Sonst kannst du heute Nacht wieder nicht schlafen, weil dir schlecht ist!“
„Oh man! Das ist gemein!“ Enttäuscht vergrub Toby den Kopf zwischen den Händen. Was verstand denn Morton schon davon? „Und dann soll ich mich jetzt auch noch auf meine Schularbeiten konzentrieren können, wenn mein Magen knurrt!“
„Der hat überhaupt keinen Grund mehr zu knurren!“, beharrte Morton unnachgiebig. „Was macht die Schule überhaupt?“
„Ach, hör mir bloß damit auf!“ Genervt verdrehte Toby die Augen. „Diese neue Lehrerin! Sie ist eine Zumutung – jedenfalls für mich!“
„Neue Lehrerin?“ Fragend blickte Ray den jungen Ranchbesitzer an. Bisher hatte er dem kleinen Zank der beiden Brüder lediglich amüsiert zugehört.
„Nachdem Mr. Bingham doch in Pension gegangen ist, haben sie eine junge Frau eingestellt – frisch vom Studium“, gab Morton achselzuckend Auskunft. „Sie muss ungewöhnlich gute Noten und Zeugnisse aufzuweisen haben. Direktor Okonek ist jedenfalls völlig begeistert von ihren Fähigkeiten!“
„Ich nicht“, warf Toby ein. Die Aussicht, am anderen Morgen wieder zu ihr in den Unterricht zu müssen, behagte ihm schon jetzt herzlich wenig. „Sie ist furchtbar streng und lässt wirklich überhaupt nichts durchgehen! Und dann die Masse an Hausaufgaben, die sie aufgibt – ein Wahnsinn! Ich weiß gar nicht, wer das alles schaffen soll!“ Frustriert verdrehte der Junge die Augen. „Hoffentlich bessert die sich noch!“
Mortons Mundwinkel zuckten verdächtig. „Am besten fängst du gleich damit an“, schlug er vor, „bevor du Butch von der Koppel holst! Dann wirkt der restliche Teil vielleicht nicht mehr ganz so abschreckend!“
„Das werde ich auch müssen“, knurrte Toby verstimmt und erhob sich widerstrebend von seinem Platz. „Sonst werde ich heute nämlich überhaupt nicht mehr fertig!“
„Vielleicht sollte ich mich mal eingehender mit deiner Lehrerin beschäftigen“, schlug Ray hinter seiner Kaffeetasse heraus vor und grinste. „Wie sieht sie denn aus?“
„Lass Tobys Lehrerin in Frieden!“, befahl Morton und rollte die Augen. „Es reicht schon, wenn die Hälfte der Damen in der Stadt nicht mehr sicher sind!“
„Warum sind sie nicht mehr sicher?“, wollte Toby von der Treppe her wissen. „Wegen Ray? Was macht er denn mit ihnen?“
Morton drehte sich auf seinem Stuhl zu ihm herum. „Das erklär’ ich dir anderes mal und in der Hoffnung, dass du dir Ray niemals zum Vorbild nimmst. Vorher machst du aber deine Hausaufgaben!“
Toby wusste, es hatte keinen Sinn, mit seinem großen Bruder zu streiten, wenn es um die Schularbeit ging. Da hatte er bereits mehrmals den Kürzeren gezogen.
„Shaggy!“ Augenblicklich tapsten die Pfoten des gelbbraunen Hundes auf den Holzbohlen des Fußbodens.
„Ich hoffe, er hat sich nicht wieder im Schlamm gewälzt, wenn er heute Nacht dein Bett seiner Decke als Schlafstätte vorziehen sollte“, wünschte sich Morton mit prüfendem Blick auf den Hund.
„Selbst wenn“, meinte Ray mit unbeteiligter Miene und stand auf, um sich in der Küche noch Kaffee nachzuschenken. „Er hat heute schon im Wassertrog gebadet! Zwar nicht unbedingt freiwillig, aber sauber ist er auf alle Fälle!“
„Ach, darum sieht er so zerzaust aus!“ Vorwurfsvoll stemmte Toby die Arme in die Hüften. „Du sollst ihn nicht immer aus Rache in den Trog werfen, wenn du selber schuld bist! Wieso lässt du dich auch jedesmal von ihm ärgern?“
„Wer spricht von seiner Unerzogenheit? Er war so gehorsam und anständig wie selten!“ Grinsend lehnte Ray sich an den Türrahmen zur Küche. „Wir haben gespielt – und dabei meinte er mir beweisen zu müssen, was für ein unübertrefflich toller Hochspringer er doch ist! Nun – seine Füße sind leider für ein Hindernis in der Größenordnung des Wassertrogs doch ein wenig zu kurz!“
Toby seufzte versöhnlich. „Diese Geschichte hätte ich mir an deiner Stelle jetzt auch ausgedacht! Komm, Shaggy! Wir müssen noch Schularbeiten machen!“ Mit der linken Hand am Geländer zog er sich lustlos und ohne großen Einsatzwillen die Stufen der Treppe hinauf.
„Den Vorwurf lasse ich nicht auf mir sitzen!“, rief Ray ihm, gespielt schmollend, nach.
Kläffend jagte Shaggy seinem Herrn hinterher und überholte ihn mit wenigen, mühelosen Sätzen. Toby ließ sich auf das Spiel ein und versuchte, den kleinen Hund einzuholen und er hatte ihn schon fast erreicht. Noch, ein, zwei große Schritte, doch – der Boden! Was geschah mit den Stufen? Sie wankten plötzlich unter ihm, als befände er sich auf einem Schiff bei Windstärke zehn! Zuerst gingen sie von rechts nach links und dann zurück, als balancierte er auf einem wild schlagenden Pendel und schließlich drehte sich seine gesamte Umgebung wie ein Karussell um seinen Kopf. Mit beiden Armen ruderte Toby nach dem stützenden Halt des Treppengeländers. Die Wellen schlugen donnernd und tosend über ihm zusammen, wollten ihn zu Boden reißen, doch das harte Holz des Geländers, um das sich seine Finger mit aller Kraft schlossen, hielt ihn, hielt ihn auf den Beinen, ließ ihn zurück in die Wirklichkeit finden. Der schier unerträgliche Krach, das Hämmern und Pochen in seinem Schädel verlor an Intensität, wurde leiser von Sekunde zu Sekunde.
„Hey! Was ist denn?“ Von sehr weit her hörte Toby, wie sein großer Bruder aufsprang, die Stuhlbeine schabten über den Boden und eine Hand packte ihn durch die Sprossen am Wadenbein. Er spürte, wie er leicht geschüttelt wurde. „Ist dir nicht gut?“
Genauso unerwartet wie es über ihn gekommen war, verschwand es auch wieder. Der Nebel um sein Bewusstsein lichtete sich. Die verschwommene, dunkel und grau gewordene Welt, die den Wohnraum darstellte, nahm wieder ihre vertrauten Konturen an. Ein wenig blass um die Nase hob Toby den auf die Arme gestützten Kopf.
„Doch, doch!“, murmelte er schnell. Wie merkwürdig hohl seine Stimme klang, als hallte sie zigtausendmal in seinem Körper wider. „Alles in Ordnung! Ich bin nur gestern vom Fahrrad gefallen.“ Das war nicht einmal gelogen. „Aber ist nicht weiter schlimm!“
Noch war ihm ein wenig flau im Magen und in seinem Schädel pochte ein eigenartiger, stechender Schmerz im Rhythmus seines Pulsschlags und jagte ihm einen Angstschauer über den Rücken, doch mit letzter Mühe brachte Toby ein Lächeln zustande.
„Ich fange jetzt endlich mit den Hausaufgaben an“, erklärte er leise und stieg behutsam, um sein unsicheres Gleichgewicht und die zittrigen Knie zu verbergen, die restlichen Stufen empor, in den Flur, wo Shaggy schon die ganze Zeit auf ihn wartete. Niemand sollte sich um ihn sorgen müssen – erst recht nicht Morton oder Ray, die schon genug eigene Probleme hatten.
Kaum, dass oben die Zimmertüre in den Angeln knarrte, brach Hank das eingetretene Schweigen: „Er ist vom Fahrrad gefallen, ja, aber davon hat er sich nicht mal eine Schürfwunde eingefangen!“ Unverkennbar kritisch fixierte er den jungen, blonden Mann.
Müde winkte Morton ab. Obwohl sein Verstand ihn eines Besseren belehren wollte, tat er, als ob ihn die Geschehnisse von eben nicht beunruhigen konnten. „Vielleicht ist er einfach in der Schule zur Zeit ein wenig überfordert. Obwohl ich mir eigentlich überhaupt nicht vorstellen kann, dass es dort tatsächlich so schlimm ist, wie er immer tut. Ich meine, ich habe diese Miss Shaughnessy als sehr offene, freundliche…“
„Seine Lehrerin wird kaum an Tobys Zustand schuld sein!“, warf Ray ernst ein.
Morton seufzte und starrte regungslos vor sich hin. „Vielleicht ist es auch bloß ein Wachstumsschub. So was soll’s geben...“
„Tatsächlich?“ Zerstreut nahm Ray einen großen Schluck seines heißen, schwarzen Kaffees. Der eigenartige Anfall des Jungen von eben, den er nicht so recht zu deuten vermochte, beschäftigte ihn. „Hoffen wir, dass Toby keine Gehirnerschütterung hat! Das ist nicht besonders angenehm, wie ich aus eigener Erfahrung weiß!“
„So verweichlicht ist er nun wirklich nicht, dass er vom Zusammenstoß mit einem Brombeerstrauch gleich einen derartigen Schaden davonträgt!“ Eindringlich schaute Hank zu Morton hinüber, der noch immer an der Treppe lehnte und den Blick starr auf seine schmutzigen Stiefel gerichtet hielt. Schonungslos fuhr der Alte fort: „Es war nicht das erste Mal, dass Toby schwindelig geworden ist. Er ist zwar verflixt gut darin, irgendetwas zu verheimlichen, aber mich haut er so schnell nicht übers Ohr! Das erste Mal ist es mir schon vor etwa einem Monat aufgefallen.“
Die hellblauen Augen des jungen Mannes weiteten sich. „Ein Monat?!“
Er versuchte, sich sein kaum nennenswertes Wissen über Medizin in Erinnerung zu rufen, doch das half ihm auch nicht sonderlich. Nur seine feinhörige, innere Stimme jagte ihm einen erschreckenden Schauer über den Rücken, aber er war zu gut darin geübt, die Ohren zuzuhalten, als dass er sie wirklich beachtet hätte.
„Ach, vielleicht liegt es wirklich nur daran, dass er größer wird“, versuchte Ray ihn und noch mehr sich selbst, zu beruhigen, doch es klang nicht sehr überzeugend. „Du siehst ja, was er den ganzen Tag so vertilgt! Sei kein Pessimist, Hank!“
Seufzend raufte Morton sich das kurze, blonde Haar. „Lass uns das mit Toby einfach mal beobachten! Vielleicht vergeht es ja von selbst wieder!“ Erschöpft legte er sich einen Moment die Hand über die geschlossenen Augen. „Und apropos Pessimist: Unser hochgeschätzter fahrbarer Untersatz scheint sich dazu entschlossen zu haben, in nächster Zeit wieder einmal zu versagen!“
„Oh!“, machte Hank gedehnt und zog unheilvoll die Stirne kraus. „Dann wäre da aber auch noch die defekte Wasserpumpe!“
„Tja“, kommentierte Ray, wie nur sein realistisch veranlagter Kopf dazu imstande war. „Bei der gibt es nur noch die radikalste Möglichkeit und zwar die der Verschrottung! Gut, im Moment können wir das Wasser noch mit dem Schlauch von der Scheune herüberleiten – aber im Winter?! Wenn wir jeden einzelnen Eimer schleppen müssen?!“ Auf seinem gutaussehenden Gesicht konnte jeder deutlich ablesen, dass er sich diese entsetzliche Schufterei gerade bildlich ausmalte.
„Antrag gestrichen!“ Morton schüttelte den Kopf. „Jedenfalls für die nächsten Wochen. Hast du dir schon einmal diese kleine Zettelchen angesehen, die sich Preisschilder nennen?!“
„Das mit der Wasserpumpe hab’ ich schon lange gesagt“, kommentierte Hank.
„Vielleicht sollte sich jeder von uns eine reiche Witwe angeln“, warf Morton zynisch ein und schlenderte an den Tisch zurück, um seinen nur noch lauwarmen Kaffee in einem Zug auszutrinken. „Oder wir fahren nach Vegas und spielen Roulette!“
Hank kicherte. „Und welchen Einsatz willst du bringen, du gescheites Köpfchen, wenn du nichts hast?“
Kraftlos ließ Morton sich auf einen der Stühle sinken. „Manchmal frage ich mich, was uns denn noch passieren kann? Und kaum, dass ich das getan habe, kommt wieder jemand vorbei und steckt mir das nächste Problem in den Kragen!“
Eine lange Minute herrschte bedrücktes Schweigen im Wohnraum und nur das leise Ticken der Wanduhr über dem Kamin, zeugte als einziger Beweis davon, dass die Zeit unaufhörlich fortschritt. Keiner wusste so recht, was er darauf antworten sollte, denn die Tatsache, dass die Worte Mortons zweifellos korrekt zu sein schienen, bestürzte sie alle ein wenig.
Als erster traute Ray sich, den Mund wieder aufzumachen, wie immer in heiklen Momenten. Es gab sowieso kaum etwas, wovor er zurückschreckte. Weshalb auch? Er hatte in seinem sechsundzwanzigjährigen Leben schon zuviel gesehen, als dass ihn noch irgendetwas wirklich aus der Fassung bringen konnte.
„Ich schau mir den Karren morgen auf jeden Fall nochmal an und diese verfluchte Pumpe auch“, versprach er, wobei seine blauen Augen ein wenig verunsichert auf dem jungen Ranchbesitzer ruhten. So hoffnungslos kannte er ihn überhaupt nicht. „Vielleicht lässt sich ja doch noch etwas retten!“
Mit einem dankbaren Lächeln drehte Morton den Kopf herum: „Morgen kommt ein Züchter aus Utah, um sich unsere Jungpferde anzusehen.“
„Ich weiß“, erwiderte Ray und nickte leicht. „Du hast das erwähnt. Ich kenne ihn flüchtig. Wenn ich ihn nicht völlig falsch in Erinnerung habe, werden wir ein paar Pferde zu einem sehr guten Preis an ihn verkaufen können!“
Die beiden jungen Männer warfen sich einen langen, vielsagenden Blick zu. Sie wussten beide, dass dieses gewöhnliche Geschäft viel bedeutender wog, als sie es sich gegenseitig eingestanden.
Keiner der Männer ahnte, dass hinter der Mauer, am Rand der Treppe, Toby stand und jedes Wort belauschen konnte. Er hatte zwar die Türe seines Zimmers geöffnet, ja, aber dann war er zurückgeschlichen, weil er gewusst hatte, dass sie über ihn und den Schwindelanfall sprechen würden.
Neben ihm verharrte regungslos der gelbbraune, zottige Hund, als belausche auch er die Gespräche. Langsam wandte Toby sich ab. Auf Zehenspitzen ging er in sein Zimmer zurück, um sich dort an den Schreibtisch zu setzen. Das offene Fenster vor ihm zeigte in Richtung des Stalls und er konnte die Pferde auf den Koppeln beobachten. Nein, er durfte auf keinen Fall krank werden und er konnte niemandem – weder Ray, noch Hank und schon gar nicht Morton – anvertrauen, dass diese Kopfschmerzen und das Schwindelgefühl ihn schon sehr viel länger quälten, als sie alle vermuteten. Das musste sein Geheimnis bleiben.. Sie hatten schon genug Sorgen – auch ohne die seinen.
Gedankenverloren kraulte er seinen Hund hinter den Schlappohren, während er mit der anderen Hand die Seiten des Mathematikbuchs umschlug. Als Morton vor mehr als einem Jahr sein Leben in Kansas City aufgegeben und zurück auf die Ranch gekommen war, hatte Toby geglaubt, alles würde gut werden. Das hatte sich jedoch als Trugschluss erwiesen, dumme, törichte Kinderträume waren das gewesen, nichts weiter.
Morton hat sich nie für die Ranch interessiert, dachte er und diese Tatsache schmerzte ihn. Genauso wenig, wie für mich oder für Dad. Wir waren ihm beide gleichgültig.
Bis zu Randalls Tod – dann war Morton auf einmal mit all dem konfrontiert worden, was er gemieden hatte, solange Toby sich erinnern konnte. Natürlich – sein Vater hatte ihn hin und wieder in den Bus gesetzt, damit er zu seinem großen Bruder fahren konnte, in den Schulferien. Zuerst war da immer diese Frau gewesen, die er nicht hatte ausstehen können und dann, irgendwann, hatten sie sich immer seltener gesehen. Als ihr Vater den tödlichen Unfall gehabt hatte, war ihr letztes Treffen über ein Jahr zurückgelegen und der junge, blonde Mann, der plötzlich in der Tür gestanden hatte, fast ein Fremder für ihn gewesen.
Aber das ist er nicht mehr, dachte Toby. Er ist einfach mein Bruder, genau wie Ray und Hank meine Freunde sind.
Diese drei Männer waren die einzige Familie, die er hatte und er durfte auf keinen Fall zulassen, dass sie einander wieder verloren, nur, weil es ihm gerade nicht gut ging. Wegen ihm waren sie alle auf der Ranch vereint und jetzt bestand seine Aufgabe darin, dafür zu sorgen, dass sie es auch bleiben würden.
Kapitel 2
Das lange, einstöckige Schulgebäude der kleinen Stadt im mittleren Westen des Bundesstaates Colorado lag ruhig und von einem großen, geteerten Pausenhof umgeben am Rande der südlichen Stadtgrenze. Hinter einem Holzzaun erstreckte sich der Pausenhof und neben der breiten, schweren Eingangstür des Gebäudes lehnten unzählige Fahrräder quer neben- und durcheinander unter den Fenstern. Das Haus selbst stammte aus den 30er Jahren und wirkte mit seinen hohen Fenstern fast ein wenig antiquarisch und überholt.
Der Unterricht hatte schon längst begonnen und im langen Flur des Erdgeschoßes herrschte andächtige Stille, als auf einmal die Tür aufschwang und ein Junge in Bluejeans und grün-kariertem Hemd hereinstürmte. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, rannte er die Treppe ins Obergeschoß hinauf. Mit Schrecken entdeckte er die Uhr an der Wand. Ihm graute bei der Vorstellung dessen, was ihm nun wohl blühen würde und er konnte nicht leugnen, dass ihm dabei ausgesprochen mulmig zumute wurde. Er kannte die Zornesausbrüche seiner Lehrerin mittlerweile nur allzu gut.
Schweigend und aufmerksam horchten die einundzwanzig Kinder auf die Stimme der jungen Frau vor der grünen, breiten Tafel, die hinter dem Lehrerpult an der Wand hing. Eine lange Reihe Zahlen und Rechnungen waren dort mit weißer Kreide angeschrieben und sie begann eben mit ihren Erläuterungen: „Wenn ihr diese beiden Summen, die sich wiederum aus der Addition der beiden Klammern ergeben, subtrahiert und…“ Das leise Klicken der Türklinke unterbrach ihre Ausführung, während ihre Miene sich gefährlich verdüsterte. „Na, sieh einer an! Das Wunder des heutigen Tages! Wie schön, dass du dich doch noch dazu entschließen kannst, meinem Unterricht beizuwohnen!“
Ganz von selbst hob sie den linken Arm, um auf ihre Uhr zu blicken. „Heute haben wir den vierzehnten Schultag nach Ende der Sommerferien und Beginn des neuen Schuljahres und du bist zum fünften Mal unpünktlich!“
Verärgert schüttelte sie den Kopf, wobei sich eine Strähne aus ihrer streng zurückgekämmten Frisur löste und ihr in die Stirn fiel. Die auffällige Farbe ihres feuerroten Haares lenkte von ihren ebenmäßigen, fast aristokratischen Gesichtszügen mit der spitzen Nase ab, auf denen sich immer eine gewisse hochnäsige Unantastbarkeit spiegelte. Der entschlossene, harte Zug um ihre vollen, ausdrucksstarken Lippen machte deutlich, dass sie weder Widerspruch, noch Niederlagen kampflos hinnahm und dass sie dieselbe Disziplin auch von ihren Schülern erwartete.
Eilig suchte Toby seinen Platz in der letzten Reihe neben Aaron auf, der ihn mit einem warnenden Blick bedachte, doch er kam gar nicht erst dazu, sich hinzusetzen.
„Guten Morgen, heißt das, wenn ich mich recht erinnere. Oder zumindest haben das deine Mitschüler mittlerweile begriffen!“
„Guten Morgen, Miss Shaughnessy“, stieß der Junge mit vollem Mund hervor und schluckte hastig.
Erst jetzt entdeckte die junge Lehrerin den Apfel in Tobys rechter Hand. Er biss erneut davon ab und schien keinen Hehl daraus machen zu wollen, wie gut dieser ihm schmeckte.
„Tut mir leid, dass ich zu spät bin“, erklärte er jetzt, sichtlich verlegen und zog seinen Stuhl zurück.
„Einen Moment!“ Der schrille Aufschrei ließ ihn innehalten. Sie schien wieder einmal kurz vor einer Explosion zu stehen und er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass sein Zuspätkommen daran schuld sein sollte.
Langsam, mit verschränkten Armen, schritt die junge Frau auf ihren Schüler zu. Der vernichtende Blick ihrer grauen Augen ließ Tobys Herz schneller schlagen. Hilfe suchend zog er die Schultern hoch. Was sie jetzt wohl mit ihm vorhatte?
„Nachdem du schon wieder zu spät kommst, möchte ich jetzt gerne Näheres über deine schulische Arbeitsweise erfahren. Bitte gib mir dein Heft mit den Hausaufgaben. Ich werde dir darauf eine außerordentliche Note geben!“
Einen langen Augenblick starrte Toby sie flehend an. Bitte lass das nicht wahr sein! Er konnte sie doch nicht anlügen! Damit würde sich seine Situation nur noch mehr verschlimmern und darauf wollte er es nun wirklich nicht ankommen lassen. Seine Gedanken überschlugen sich, doch er fand keinen Ausweg, der ihn irgendwie hätte retten können. So blieb ihm also nur, die Wahrheit zu gestehen, ganz gleich, mit welchen Konsequenzen das für ihn verbunden sein würde.
„Ich…ich habe sie nicht“, murmelte er so leise, dass es gerade sein bester Freund neben ihm verstehen konnte. Wie erschlagen sank Aaron neben ihm in sich zusammen und verdrehte fassungslos die Augen.
„Wie bitte?!“ Lorraine Shaughnessys wutentbrannte, schrille Stimme hallte durch das Zimmer und durch die gekippte Fensterreihe hinaus in den Pausenhof. Ungnädig klopften ihre langen Fingernägel auf eine der Schulbänke neben Toby. „Leider haben wir deine Aussage eben nicht richtig verstanden!“
Der Junge räusperte sich. Seine Ohren klingelten – nicht etwa von der Lautstärke ihrer Stimme, oh nein, für alle anderen Kinder klang sie vermutlich wie immer. Nur ihm erschien sie wie durch einen Verstärker in seinem Gehör zu dröhnen.
„Es…es tut mir leid!“, stotterte er mit klopfendem Herzen. „Aber ich habe sie leider nicht!“
„Du hast sie nicht“, wiederholte seine Lehrerin, wobei Zornessröte in ihre Wangen stieg. „Wenn ich mich richtig erinnere, hattest du sie vorgestern auch schon nicht! Und vorige Woche mindestens dreimal nicht!“
Betreten senkte Toby den Kopf. Er war am zurückliegenden Abend wirklich nicht mehr dazu fähig gewesen, sie zu erledigen. Er hatte doch noch im Stall helfen und das Chaos, das er beim Reinigen von Butchs Sattel und Zaumzeug in der Sattelkammer hinterlassen hatte, beseitigen müssen. Aber das durfte er Miss Shaughnessy gegenüber natürlich nicht zugeben, sonst würde sie ihm vermutlich ohne mit der Wimper zu zucken eine schriftliche Abmahnung ausstellen und was das dann zu Hause wieder für Ärger geben würde...
„Hast du die Aufgaben vielleicht wieder einmal nicht begriffen? Oder ist meine Ausdrucksweise über die zu erledigenden Nummern für dich so unklar?“ Nur mit Mühe schien es Lorraine Shaughnessy zu gelingen, sich zu beherrschen. „Ehrlich gesagt ist mir in allen Schulklassen, die ich bisher unterrichtet habe, noch kein solch fauler, unverschämter und verantwortungsloser Lümmel begegnet, wie du es bist – Toby Patterson!“
Ruckartig warf der Junge den Kopf zurück. Aus dunklen, funkelnden Augen starrte er die rothaarige Lehrerin zutiefst verletzt und zornig an. Sie wusste ganz genau, dass sie ihn ungerecht behandelte! Damit versuchte sie nur wieder, einen Keil zwischen ihn und seine Mitschüler zu treiben! Er mochte sie nicht und sie konnte ihn genauso wenig leiden und das ließ sie ihn auch deutlich spüren. Ihre vereinnahmende, besserwisserische Art war ihm schlichtweg zuwider und trotzig brach es aus ihm heraus: „Im Gegensatz zu anderen Kindern habe ich noch andere Arbeiten zu erledigen, als nur die für die Schule!“
„Tatsächlich?“ Ungläubig rümpfte Lorraine Shaughnessy die Nase. „Und was soll das, bitteschön, sein?“
„Immerhin habe ich zu Hause ein eigenes Pferd! Wir züchten nämlich Pferde, auf unserer Ranch, müssen Sie wissen!“
„Oh!“ Sie zog den Ausruf unnötig in die Länge, was ihn spöttisch klingen ließ. „Dein Pferd? So, so! Schade, dass mir deine Eltern von dem Abend, an dem ich mich vorgestellt habe, nicht in Erinnerung geblieben sind!“
Toby verstand nicht, was sie damit sagen wollte, aber er spürte, dass es sich um nichts Positives handelte. Grübelnd schlenderte Lorraine Shaughnessy zurück nach vorn an der Tafel und zu ihrem Pult.
„Kann es sein, dass das liebe Tier dich ein wenig überfordert?“
„Nein, nein!“, rief Toby erschrocken. Diese Anspielung war selbst für ihn unmissverständlich. „Ganz und gar nicht!“
„Und was hat es dann mit deinem ständigen Zuspätkommen auf sich? Kannst du mir dafür irgendwelche plausiblen Gründe nennen?“
Toby schluckte. Seine Gedanken arbeiteten fieberhaft. Wenn er sie jetzt belog, würde der Ärger wohl nie ein Ende nehmen. „Na ja...“ Es passte ihm nicht, ihr nun doch zustimmen zu müssen. „Am Morgen gehe ich meistens zuerst noch in den Stall.“
„Aha!“ Genau das schien sie erwartet zu haben. „Und wie sieht dein morgendlicher Ablauf an einem ganz normalen Tag wie heute, denn zum Beispiel so aus?“
Verständnislos kam der Junge ihrer Aufforderung nach: „Nun, ich stehe auf, füttere den Hund, dann gehe ich in den Stall. Dort helfe ich beim Misten und Füttern, hinterher gibt es Frühstück – das heißt, nicht immer. Manchmal ist es dafür schon zu spät. Dann esse ich auf dem Weg hierher.“
„Auf dem Weg? Ich denke, du kommst mit dem Fahrrad?“
„Ja, ja, aber essen und Fahrradfahren klappt prima zusammen! Ich brauche ja keinen Lenker, ich kann auch ohne fahren!“ Plötzlich durchzuckte ihn ein Geistesblitz und seine braunen Augen begannen siegessicher zu leuchten. „Sie sollten wissen, mein Fahrrad ist nicht mehr das Beste und es hat auch schon einige schlechte Erlebnisse hinter sich. Darum kann ich mit ihm auch nicht besonders schnell fahren – sonst springt die Kette jedesmal runter und dieser Ärger dann? Nein, danke! Da komme ich lieber erst ein paar Minuten nach dem Gong!“
Eine lange Minute starrte Lorraine Shaughnessy ihn mit einer Mischung aus Wut und Fassungslosigkeit an. Keines der anderen Kinder wagte, einen Laut von sich zu geben. Ihre Blicke flogen ununterbrochen zwischen ihrem Klassenkameraden und der jungen Lehrerin hin und her.
„Das Problem ließe sich wohl auf ganz einfache Art lösen“, sagte Lorraine Shaughnessy leise und ihr Tonfall machte deutlich, dass es nur noch eine Frage von Sekunden war, ehe sie die Geduld verlieren und ihren Schüler kräftig am Kragen packen würde. „Was hältst du davon, ganz einfach zehn Minuten früher von Zuhause wegzufahren?!“
„Zehn Minuten früher?“, wiederholte Toby bedenklich. Sein Verstand setzte einen Moment aus und so zuckte er selbst ein wenig zusammen, als er sich rufen hörte: „Dann muss ich ja auch früher aufstehen!“
Die Faust der Lehrerin schlug krachend auf das Pult. „Was denkst du eigentlich, was du dir herausnehmen kannst?!“ Ihr Aufschrei ließ Toby eingeschüchtert in sich zusammensinken. „Unter den gegebenen Umständen sehe ich mich leider gezwungen, mit deinen Eltern ein ernsthaftes Gespräch zu führen! Und jetzt möchte ich gerne mit dem Unterricht fortfahren. Dazu solltest du allerdings noch zwei Dinge beachten: Erstens werden in meinem Unterricht keine Äpfel gegessen und…“
„Aber…“, wollte Toby protestieren. Der schöne Apfel! Er konnte ihn doch nicht bis zur Pause liegenlassen!
„Ruhe!“, schrie Lorraine Shaughnessy unbeherrscht. Ihre Erfahrung und Qualifikation verboten ihr, den schier überschäumenden Zorn noch länger offen zu zeigen und so schluckte sie einige male, bevor sie zwanghaft bedacht fortfuhr: „Und zum zweiten: Du hältst jetzt den Mund! Die einzige, die hier redet bin ich! Außer, ich erlaube dir, dass du einen Beitrag zum Unterrichtsthema leisten darfst! Das tue ich allerdings nicht und jetzt wirf den Apfel weg! Na, los!“
Widerstrebend ging Toby hinüber zum Mülleimer und ließ das erst halbgegessene Obst hineinfallen. Mit finsterer Miene schlurfte er an seinen Platz zurück.
„Ich habe dich ja gewarnt!“, zischte Aaron ihm zu, als er sah, dass ihre Lehrerin sich wieder den Rechnungen an der Tafel zuwandte. „Du wolltest mir ja nicht glauben!“
Toby erwiderte nichts. Ein flaues Gefühl machte sich in seiner Magengegend breit und es wurde schlimmer, je länger er darüber nachdachte, was wohl passieren würde, wenn Lorraine Shaughnessy ihre Drohung tatsächlich wahrmachen und sich mit seinem Bruder in Verbindung setzen würde...
* * *
Verlassen lag der Innenhof der kleinen Ranch im Licht der tiefstehenden, orange-gelben Spätnachmittagssonne, als Toby mit quietschenden Bremsen vor dem überdachten Eingang des Wohnhauses zum Stehen kam. Achtlos lehnte er das Rad an das Holzgeländer, das den schmalen Vorbau zum Hof hin abgrenzte. Prüfend zog er die Brauen hoch und betrachtete die langen Schatten, die der Pferdestall und die Scheune auf den trockenen Sandboden malten. Die Sonnenstunden verringerten sich – es wurde mit jeder Woche spürbarer, wie der Herbst an den Abenden kühl und jeden Tag ein paar Minuten früher aus dem Wald hervorkroch und seine feuchten Nebelschwaden über die Pferdekoppeln verteilte.
Leises, dunkles Wiehern drang aus dem offenstehenden Stalltor ins Freie und Hufe polterten laut und ungeduldig gegen das Holz des Verschlags.
„Sei ruhig, Butch!“, rief Toby und steckte zwei Finger in den Mund. Auf den kurzen, schrillen Pfiff hin kam Shaggy ums Hauseck getrippelt und kläffte ein paarmal zur Begrüßung.
„Klar!“ Lächelnd beugte Toby sich zu ihm hinab und drückte seine Wange an das strohige, lockige Fell des kleinen Hundes. „Du darfst auch mit!“
„Dachte ich es mir doch!“, erklang eine schmunzelnde Stimme über ihm und ließ ihn erschrocken zusammenzucken. „Wenn Shaggy so schnell aus der Küche verschwindet, kannst nur du aufgetaucht sein!“
Toby blickte nicht auf. Er spürte auch so, dass Hank neben ihm stand und ihn beobachtete. „Ich habe vorhin Kirschkuchen gebacken“, verkündete der Alte und wartete gespannt auf die Wirkung seiner Worte.
Doch Toby hob nur gleichgültig die Schultern. Ihm war jetzt nicht nach dem süßen, klebrigen Kuchen zumute, so gut er ihm sonst auch schmeckte. „Ich habe keinen Hunger. Vielleicht später!“ Langsam richtete er sich auf.
„Ist dir nicht gut?“ Besorgt legte Hank seine abgearbeitete, raue Hand auf die Stirn des Jungen. „Hast du wieder Kopfschmerzen?“
„Nein, nein!“ Genervt schüttelte Toby ihn ab. „Ich geh’ jetzt ausreiten, das ist wichtiger.“ Er zögerte kurz, ehe er hinzufügte: „Diese verdammte Schule ist das schlimmste, was mir je passiert ist!“
„Da sind mir aber von anderen Jahren völlig gegenteilige Aussagen im Gedächtnis geblieben“, erinnerte Hank ihn und schüttelte den Kopf. Was war nur in letzter Zeit mit dem Jungen los? Wo war seine übermütige, gute Laune geblieben? „Mir gegenüber kannst du doch zugeben, wenn etwas nicht in Ordnung ist!“
„Ach!“ Ärgerlich kickte Toby ein Steinchen mit dem Stiefel fort. „Früher hatte ich auch diese nervtötende Ziege von Lehrerin noch nicht!“
„Was sind denn das für Ausdrücke?!“
„Mensch, du hast doch keine Ahnung!“ Er ließ Hank stehen und rannte schnell über den Hof, in den Stall, wo der goldfarbene Hengst bereits ungeduldig in seiner geräumigen Box hin und her lief.
Auf der rechten Seite des langen, schmalen Gebäudes befanden sich die Einzelboxen für die Pferde, die sich nur zum Beritt bei ihnen aufhielten. Links hingegen waren drei große Laufställe mit nach vorn angrenzenden Koppeln unterteilt, wo die Tiere nach Lust und Laune umherspazieren konnten. Darin standen die Schulpferde und ihre eigenen Reitpferde.
Nur Butch, als einziger Hengst auf der Ranch, bewohnte den vordersten Verschlag, direkt hinter dem Tor. Wie alle Pferde konnte er über die halbhohe Türe hinaus in die Stallgasse und durch das Tor ins Freie blicken. Freudig brummelnd schob er seinen schönen, edlen Kopf über das Holz, als er sah, wie sein Besitzer, gefolgt von Shaggy, über den Hof gelaufen kam.
„Hallo Butch!“, begrüßte der Junge ihn und kramte in seinen Jackentaschen nach einer Karotte. „Jetzt darfst du dich ein bisschen austoben!“
Toby beeilte sich, den Hengst zu putzen und das Zaumzeug anzulegen. Wie meistens ritt er ihn auch an diesem Nachmittag ohne Sattel und verließ den Hof nach Süden hinab, wo sich der Weg in die Stadt gabelte und die linke Abzweigung hinaus in die weite, braune Prärie führte. Er musste jetzt alleine sein. Er hoffte, sich durch den Ausritt ablenken zu können, doch immer wieder kreisten seine Gedanken um Lorraine Shaughnessy und ihre ernstgemeinte Warnung. Wenn sie tatsächlich mit Morton sprechen sollte – wie würde dieser reagieren? Und vor allem: Was würde er unternehmen?
Er wird enttäuscht sein, dachte Toby, und vielleicht sogar noch mehr.
Nachdenklich glitten seine Finger über das weiche, warme Fell des Pferdes, das durch die Strahlen der Sonne in mattem Goldton schimmerte. Bestimmt werde ich dann nur noch zu bestimmten Zeiten mit Butch zusammen sein dürfen und ansonsten für die Schule lernen müssen.
Unter dem Vordach, vor der Haustüre, saß Hank in seinem alten, knarrenden Schaukelstuhl. Er hatte sich seinen zerknautschen, schmutzigen Stetson zum Schutz gegen die Sonne aufs Gesicht gelegt und schien zu schlafen. Doch seinen kleinen, schon etwas getrübten Augen entging nicht, wie Toby den Hengst nach einem kurzen Stück antraben ließ und mit ihm hinter den Büschen und der Wegbiegung verschwand, wohin Shaggy ihnen schon vorausgelaufen war.
* * *
Der Pausenhof des Schulgeländes lag leer und still zwischen den Einfamilienhäusern. Nicht ein Kind lief mehr umher und auch die Fahrräder waren allesamt verschwunden. Der Unterricht hatte vor gut einer Stunde für den heutigen Tag geendet und auch die meisten Lehrkräfte befanden sich schon auf dem Nachhauseweg. Nur aus dem Büro des Direktors, ganz am Ende des Flurs im Erdgeschoß, drangen noch laute, aufgebrachte Stimmen.
Seufzend erhob sich Marc Okonek aus seinem Drehstuhl. „Ich kann Ihre Aufregung ja verstehen“, versicherte der kleine, unscheinbare Mann mit dem graumelierten Haar ein wenig hilflos. „Wir kennen das Problem schon lange!“
„Und wieso hat sich dann bisher niemand dafür zuständig gefühlt und etwas dagegen unternommen?“ Entrüstet sprang die junge Frau mit den feuerroten Haaren von ihrem Stuhl auf und begann, erregt im Büro auf und ab zu laufen. „Es ist einfach nicht tragbar, dass ein Junge von zwölf Jahren ununterbrochen zu spät kommt, in den seltensten Fällen seine Hausaufgaben gemacht hat und dann auch noch mit fadenscheinigen, ausgekochten Schwindeleien versucht, sich aus der Affäre zu ziehen!“
„Nun ja, wir haben doch früher alle unsere Grenzen ein wenig ausgetestet“, winkte der Direktor müde ab und räusperte sich. Er stand mit dem Rücken zur Wand, denn er konnte an keinem ihrer Argumente einen Fehler erkennen.
„Sie vielleicht“, lautete die scharfe Erwiderung. „Bei einer vernünftigen Erziehung kommt es allerdings gar nicht erst zu solchen Auswüchsen, wie bei Toby!“
„Tja“, bemerkte der Direktor gedehnt. „Sie können nicht wissen, dass wir – also das Lehrerkollegium und ich – vor gut einem Jahr beschlossen haben, bei Toby Patterson in nächster Zeit ein wenig die Augen zuzudrücken.“
„Vor einem Jahr?!“ Sie schien es nicht fassen zu können. „Haben Sie etwa geglaubt, dadurch seine Leistungen verbessern zu können oder wie darf ich diese Aussage nun wieder verstehen?“
Ausweichend zog Marc Okonek die Schultern hoch. „Vielleicht war es falsch, das will ich ja gar nicht abstreiten. Um das nachvollziehen zu können, muss ich Ihnen vermutlich ein bisschen mehr über den Jungen erzählen.“
Gespannt verschränkte die junge Lehrerin die Arme vor der Brust. „Hoffentlich fangen Sie jetzt nicht auch so an, wie Toby heute morgen!“
Der Direktor stützte sich auf die Platte seines Schreibtischs. „Um es kurz zu machen, Tobys Vater kam letzten Herbst bei einem Autounfall ums Leben.“ Er versuchte, einen sachlichen Tonfall anzuschlagen. Das energische, selbstbewusste Auftreten seiner neuen Lehrerin, von deren Fähigkeiten er aufs Höchste überzeugt war, verunsicherte ihn. Er und die anderen Lehrkräfte hatten damals versucht, es sich mit dem schon zuvor nicht gerade einfachen Jungen so leicht wie möglich zu machen. Doch jetzt nagten auf einmal die Zweifel an seinem Gewissen, ob der Richtigkeit dieser Entscheidung.
„Oh!“ Sichtlich betroffen senkte Lorraine Shaughnessy den Blick.
„Daraufhin“, Marc Okonek brachte seine kurze Erzählung zu einem schnellen Ende, „hat sein sechzehn Jahre älterer Bruder die Ranch übernommen. Er führt jetzt auch die Pferdezucht weiter.“
„Und seine Mutter?“
„Die starb schon vor Jahren, kurz nach Tobys Geburt. Die Leute in der Stadt munkeln, sie hätte sich das Leben genommen – aber sie wissen ja, wie das ist mit dem, was so geredet wird…“
„Ja, aber…“ Kopfschüttelnd rieb sich die rothaarige, junge Frau die Stirn. „Wollen Sie damit etwa sagen, dass der Junge irgendwo dort draußen in der Wildnis, ganz alleine mit seinem Bruder eine Ranch bewirtschaftet?!“ Aufgebracht stemmte sie die Arme in die Hüften. „Jetzt wundern mich einige seiner Aussagen überhaupt nicht mehr!“
„Oh, nein, nein!“, winkte der Direktor rasch ab, als er bemerkte, wie Lorraine Shaughnessys Zorn ermeut auffackelte. „Sein Onkel ist lebt noch dort, der Bruder seiner verstorbenen Mutter. Er ist sehr zuverlässig und hilft mit, so gut es mit seiner beginnenden Gicht eben möglich ist.“ Schmunzelnd schüttelte Marc Okonek kurz den Kopf. „Und dann hat Mr. Patterson vor einem Jahr noch einen Freund bei sich aufgenommen. Dessen Vorgeschichte ist nicht ganz so rein, aber er scheint sich zu mausern.“
„Was für eine Vorgeschichte?“
„Anscheinend saß er mal im Gefängnis.“ Der Direktor hob die Arme. „Ich muss ehrlicherweise gestehen, dass ich diesen McGill nicht persönlich kenne. Zwar hatte ich mit Tobys Bruder einmal ein Gespräch, aber auf der Ranch draußen war ich selbst noch nie. Von daher konnte ich mir also auch noch kein Bild von den Verhältnissen dort machen. Dass sich der Junge immerzu im Stall bei den Pferden herumtreibt, statt sich um seine Schularbeiten zu kümmern, ist allerdings seit seiner Einschulung kein Geheimnis!“
Betont langsam und noch immer ungläubig legte die junge Lehrerin den Kopf schief. Ihr rundes, blasses Gesicht verzog sich zu einem zornigen Lächeln.
„Das sind ja wunderbare Neuigkeiten“, erwiderte sie mit solcher Entschlossenheit, dass Marc Okonek nicht wagte, sie zu unterbrechen. „Zuerst habe ich ja noch geglaubt, dass meine Unterredung hier mit Ihnen nicht richtig gewesen wäre, aber jetzt kann ich es einfach nicht fassen!“
„Toby ist glücklich dort, auf der Ranch“, betonte der Direktor, doch Lorraine Shaughnessy schnitt ihm das Wort ab.
„Das tut in diesem Fall nichts zur Sache! Ein Kind braucht eine Familie – eine Mutter, einen Vater, jemanden, der ihm den richtigen Weg ins Leben weist!“
„Ich bin zwar vermutlich nicht der Richtige, um hierüber ein Urteil zu fällen. Ich denke allerdings, diese Menschen hat er“, entgegnete Marc Okonek, doch die junge Lehrerin schien ihm nicht einmal mehr zugehört zu haben. Sie wirbelte herum und verließ grußlos das Zimmer, um die Tür mit einem lauten Knall hinter sich ins Schloss zu werfen.
* * *
Es dämmerte bereits, als Ray den Besen hinter dem Tor zum Pferdestall abstellte, mit dem er, wie jeden Abend, den Staub und Dreck aus der Stallgasse gefegt hatte. Der Abschluss eines jeden Tages – einen ordentlich gepflegten Stall zu hinterlassen, das war ihm wichtig. Neben dem Anbindebalken, links des Pferdestalls, lagen noch einige Striegel und Bürsten auf der Erde, die wohl von den Reitschülern dort vergessen worden waren. Kurzerhand sammelte Ray sie zusammen, um sie gleich noch aufzuräumen. In derselben Sekunde, als er sich aufrichtete, um die Utensilien hinüber zur Scheune zu tragen, kam ein dunkelroter, fünftüriger Jeep ungebremst den Weg in Richtung Stadt herab gebraust, eine feine Staubwolke hinter sich aufwirbelnd.
Verwundert hielt der junge Mann inne und schob sich den schwarzen Hut aus der Stirn. Wer wollte denn um diese Uhrzeit noch etwas? Hier heraus fand, abgesehen von den Reitschülern, nur selten jemand und wenn, dann war der Besuch entweder angekündigt oder die Leute hatten sich verfahren. Er ließ die Striegel und Bürsten in eine Schubkarre fallen, die wenige Meter daneben stand.
Vor dem Wohnhaus kam das Auto mit einem Ruck zum Stehen und eine Frau mit feuerroten Haaren, etwa in seinem Alter, stieg aus. Neugierig schaute sie sich um. Ihr Blick blieb an Hank hängen, der den geschlagenen Nachmittag nichts anderes getan hatte, als in seinem Schaukelstuhl zu dösen und der sich auch jetzt nicht rührte, obwohl er ihren Wagen mit Sicherheit gehört haben musste. Sie bedachte ihn mit einem ungefälligen Stirnrunzeln.
Abschätzend musterten Rays blaue Augen die junge Frau. Er kniff die Augen zusammen. Sie kam ihm bekannt vor. Diese zur Schau getragene Hochnäsigkeit, das rote Haar...er glaubte, jemand würde ihm eine Faust in den Magen rammen. Sein Herzschlag setzte eine Sekunde aus. Das musste ein Irrtum sein, absolut unmöglich, solche Zufälle gab es im Leben nicht. Weshalb sollte von allen Frauen auf dieser Welt ausgerechnet sie hier, auf der Ranch, aufkreuzen? Jetzt entdeckte sie ihn. Energischen Schrittes stapfte sie über den Hof, ihm entgegen.
„Hallo!“, grüßte Ray zögerlich. Hätte er gekonnt, er wäre längst über alle Berge gewesen. „Wie geht’s?“ Der Klang seiner ungewöhnlich tiefen, rauchigen Stimme schien ihr für eine Sekunde die Sprache zu verschlagen und sie vergessen zu lassen, weshalb sie eigentlich gekommen war.
„Hallo Ray“, entgegnete sie endlich, jedoch kühl, fast abweisend. „Wie dir vielleicht bekannt sein dürfte, bin ich Tobys neue Lehrerin.“
„Ähm...ja“, machte Ray und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Er erinnerte sich an Tobys nicht sonderlich positive Beschreibungen von ihr. Weshalb hatte er nur nicht viel eher auf den Namen geachtet? Dann hätte es ihm doch dämmern müssen!
„Was ist?“, fuhr sie ihn augenblicklich verärgert an. „Ich finde es nicht sonderlich witzig, dass ich aufgrund dieser Tatsache extra hier herauskurven musste! Ein grässlicher Weg ist das! Fast zu schade für mein Auto!“
„Ist ja schon gut!“, wehrte der junge Mann ab. „Ich dachte nur gerade daran, was Toby alles über dich erzählt hat!“
„Ich kann mir vorstellen, dass es nicht gerade zu meinem Vorteil ausgefallen sein dürfte!“ Ihr Blick glitt prüfend über ihn hinweg. Er merkte es und es war ihm mehr als unangenehm. Sie gehörte nicht zu den Kapiteln in seinem Leben, auf die er gerne zurückblickte.
„Tut mir leid, Mort ist im Augenblick nicht da, falls es um Toby geht.“
„Auch das noch!“ Sie ächzte bedauerlich und verärgert zugleich. „Es wäre wirklich sehr dringend gewesen!“ Plötzlich nahm ihr Gesicht einen eigentümlichen Ausdruck an. Ihre grauen Augen bohrten sich in seine ozeanblauen, als ob sie es darauf anlegte, dass er den Blick zuerst abwandte. „Dass es dich mal zu einer solchen Arbeit verschlägt, hätte ich auch niemals gedacht.“ Ihre Mundwinkel zuckten ein wenig verächtlich. „Wolltest du nicht Stuntman werden?“
„Das war ich auch eine Weile“, bestätigte er, ein wenig zögernd und wollte sich abwenden. Er verspürte wenig Lust, sich mit ihr über die vergangenen Jahre seines Lebens zu unterhalten und was darin alles vorgefallen war, seitdem sie sich das letzte Mal gesehen hatten. „Da ich trotz allem nicht Tobys Bruder bin, musst du eben ein anderes mal wiederkommen!“
„Kein Problem, dann werde ich halt mit dir vorliebnehmen!“
Ray stutzte. „Ich glaube, es ist besser, wenn du die Angelegenheit mit Morton selber klärst“, erwiderte er ruhig und deutete zum Wohnhaus hinüber. „Wenn du unbedingt warten willst, kannst du es dir ja so lange da drüben bequem machen. Hank wird dir bestimmt gerne Gesellschaft leisten und wenn du möchtest, kannst du auch ein Stück Kirschkuchen haben!“
„Moment!“ Kurzentschlossen trat Lorraine Shaughnessy ihm in den Weg, als er sie stehenlassen wollte. „Ich habe nicht teures Benzin verfahren, um mich jetzt auf eine harte Holzbank zu setzen und auf Tobys ehrenwerten Bruder zu warten!“
„Und ich habe keine Lust auf irgendeine Art von Unterhaltung mit dir! Schon gar nicht über unsere Vergangenheit!“, entfuhr es Ray. Ihr arrogantes Auftreten, gepaart mit Feindseligkeit ärgerte ihn. Was wollte sie eigentlich? Er spürte, wie sein Temperament von ihm Besitz ergriff, ohne, dass er etwas dagegen hätte unternehmen können.
Triumphierend warf Lorraine Shaughnessy den Kopf zurück. „Du sagst es – zum Glück ist es Vergangenheit. Es ist umso bedauerlicher, dass wir uns in Zukunft vermutlich wieder öfter begegnen werden, bis sich mein schwierigster Schüler gebessert hat.“
Eine Sekunde starrte Ray sie an, als hätte sie ihm gerade erklärt, sie sei in Wirklichkeit vom FBI und nur gekommen, um ihn so, wie er vor ihr stand, mitzunehmen.
„Am besten“, schlug er mit zusammengebissenen Zähnen vor, „du setzt dich jetzt da in deinen teuren Wagen und lenkst ihn genau den Weg zurück, den du gekommen bist!“
„Oh nein!“, rief die rothaarige Lehrerin. „So leicht wirst du mich nicht los! Ich bin von offizieller Seite hier und ich kann wirklich nichts dafür, dass du hier zum...“ Wieder glitt ihr Blick über ihn hinweg und er wusste, dass er in seinen schmutzigen Jeans und dem verschwitzten Hemd wahrlich keinen allzu ansehnlichen Anblick bot. „Vom Stuntman zum Stallburschen. Eine beachtliche Karriere, mein Lieber. Ich bin beeindruckt.“
Wütend kniff Ray die Augen zusammen. „Entschuldige mich! Ich habe Wichtigeres zu tun, als mir deine Beleidigungen anzuhören!“
„Du verträgst die Wahrheit wohl immer noch nicht, was?!“
Ray schloss für eine Sekunde die Augen, um diese junge Frau, die sich als Lehrerin bezeichnen durfte, zumindest nicht mehr ansehen zu müssen. Er dachte an Tobys Erzählungen und fand mit einem Schlag, dass der Junge absolut recht hatte. Ganz ruhig, sagte er sich und versuchte, einen bedachteren Tonfall anzuschlagen: „Schau, meine Arbeit erledigt sich nicht von alleine! Du kannst entweder warten oder ein anderes Mal wiederkommen – handhabe das, wie du willst!“
„Da sehen wir uns nach...lass mich nachdenken...beinahe fünf Jahren wieder und dann willst du nicht einmal einen kleinen Plausch mit mir halten?“ Hartnäckig versperrte Lorraine Shaughnessy ihm den Weg. „Sieh mal, ein Kind braucht Eltern, damit es fähig wird, sich richtig und zu einem gesellschaftlich anerkannten Menschen zu entwickeln, der voll in diese Welt integriert wird.“ Mit entschuldigendem Lächeln deutete sie zum Ranchhaus hinüber. „Wenn ich mir das alles so ansehe, glaube ich kaum, dass Toby hier das bekommt, was er zu seiner Entwicklung dringend benötigt! Versteh’ mich nicht falsch, aber die Erfahrungen der Psychologie haben immer wieder einen wichtigen Aspekt bewiesen und von daher kann ich mir kaum vorstellen, dass du der richtige Umgang für einen zwölfjährigen Jungen sind!“
„Aha!“, machte Ray zornig. Er merkte, dass ein weiteres, falsches Wort genügen würde, um seinen Hitzkopf wieder die Oberhand gewinnen zu lassen. Doch da war sein Versprechen gegenüber Morton, sich zusammenzunehmen, sich am Riemen zu reißen und nicht ständig mit irgendwelchen Leuten in Streit zu geraten, nur weil er ihnen gerne seine Meinung geigte. Bevor er den Mund aufmachen und eine wohlüberlegte, sachlich-nüchterne Antwort geben konnte, hörte er die kalte, berechnende Stimme neben sich: „Und diese Erfahrung sagt: Einmal Verbrecher, immer Verbrecher. Kinder lernen nun einmal von uns Erwachsenen. Das, was ich bisher von Toby weiß, ist die unabwendbare Tatsache, dass er bereits anfängt, von dir die falschen Dinge abzuschauen!“
„Wie bitte?!“ Ray wirbelte herum, die unsichtbare Leine, die ihn bislang zurückgehalten hatte, riss. „Willst du mir etwa unterstellen, dass ich es darauf anlege, aus Toby einen schlechten Menschen zu machen?! Willst du mir vorwerfen, dass ich irgendwann einmal ein bisschen über die Strenge geschlagen habe? Das ist verdammt lange her!“
„Nicht lange genug“, wies Lorraine Shaughnessy seinen Vorwurf mit einem überheblichen Lächeln zurück. „Bewusst tust du das vermutlich nicht. Wenn ein Mensch jedoch einmal ein Verbrechen begangen hat, wenn er einmal diese Hemmschwelle überschritten hat, ist er immer wieder dazu fähig, ob er das will oder nicht! Und genau dieses Verhalten ist es, das sich negativ auf das Kind auswirkt.“
„Du weißt genau, was ich alles hinter mir habe und du hast nichts Besseres zu tun, als es heute gegen mich auszuspielen?!“ Rays tiefe Stimme zitterte. In seinen blauen Augen spiegelte sich genau das wider, was er in diesem Moment empfand: Hass – und sie spürte es. „Verschwinde endlich! Los! Ich habe genug von deinen bescheuerten Weisheiten!“
„Ah ja!“ Bedauernd klatschte Lorraine Shaughnessy in die Hände. „Schade! Jetzt kommen deine unterdrückten Aggressionen doch wieder zum Vorschein!“
„Wenn du dich nicht auf der Stelle in deinen Wagen setzt“, stieß Ray leise hervor, „kann ich für nichts mehr garantieren!“
Lorraine Shaughnessy schien zu realisieren, dass die Drohung, die hinter diesen Worten steckte, ernst gemeint war, denn sie trat zwei Schritte zurück.
In diesem Augenblick rumpelte der hellblaue Ford mit dem großen Pferdehänger in den Hof und Morton stieg aus. Erstaunt fiel sein Blick zuerst auf den ihm unbekannten Wagen und dann auf seinen besten Freund, der mit unverkennbar zorniger Miene einer ihm unbekannten, rothaarigen Frau gegenüberstand.
„Hab’ ich was verpasst?“, wollte er von Hank wissen, der amüsiert grinsend mit den Ellenbogen über dem Geländer des Vorbaus lehnte.
„Oh – nur einen kleinen Streit zwischen unserem Hitzkopf und Tobys, in ihren Ansichten und Meinungen etwas beschränkten, Klassenlehrerin! Aber gut, dass du kommst! Ich glaube, es ist Zeit, dass jemand dazwischen geht, bevor einer der beiden handgreiflich wird!“
Eine Sekunde starrte Morton ihn irritiert an, dann jedoch eilte er hinüber zum Pferdestall, vor dem Ray noch immer heftig mit der jungen Frau diskutierte.
„Woher willst du wissen, was die Psychologie über ehemalige Sträflinge aussagt?!“, rief Lorraine Shaughnessy in diesem Moment. „Du kennst vielleicht ein Gefängnis von innen, aber…“
„Was interessiert mich denn deine dämliche Psychologie?! Dass wir zufällig hier ineinander rennen, war nicht meine Absicht und ich hätte weiß Gott darauf verzichten können!“
„Siehst du etwa mich in Begeisterungsstürme ausbrechen? Du hast mich damals behandelt wie einen Müllsack, den man einfach entsorgen kann! Es war dir völlig gleichgültig, wie ich mich gefühlt habe!“
„Meine Güte! Es tut mir leid! Ich war jung und da probiert man eben mal ein bisschen etwas aus!“
„Ganz genau! Auf Kosten meiner Gefühle, ja? Ich hoffe, es hat dir Spaß gemacht!“
„Darf ich erfahren, was sich hier abspielt?“ Entschlossen trat Morton dazwischen und legte Ray beschwörend einen Moment die Hand auf die Schulter. Er kannte das Temperament und die bisweilige Unbeherrschtheit seines Pferdetrainers.
„Sie sind Tobys Bruder!“, erkannte die Lehrerin sofort – die Ähnlichkeit zwischen diesem Mann und ihrem Schüler war zu eindeutig, um übersehen zu werden. „Shaughnessy – ich bin Tobys Klassenlehrerin!“
„Ich hatte etwas in der Richtung vermutet“, erwiderte der junge Ranchbesitzer ruhig und nickte ihr zu. „Gibt es einen bestimmten Grund für Ihren Besuch?“
„Allerdings!“ Aufgebracht musterten ihre grauen Augen ihn abschätzend. Er schien in ihren Augen einen ebenso wenig guten Eindruck zu hinterlassen wie Ray. „Es geht um Tobys schulische Leistungen!“
Morton hob bedenklich die Brauen. Fast hatte er etwas in dieser Art befürchtet.
„Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass ich alles andere als zufrieden damit sein kann“, fuhr Lorraine Shaughnessy ungerührt fort. „Zum einen kommt er ununterbrochen zu spät und außerdem tue ich mir leichter, eine Strichliste mit den Tagen zu führen, an denen er seine Hausaufgaben gemacht hat, als eine, an denen er sie nicht hat!“
Betreten zuckte Morton die Schultern.
„Ich habe es schon Ihrem ungehobelten Cowboy hier erklärt: Lange sehe ich mir diese unerträglichen Zustände, in denen Toby leben muss, nicht mehr an! Entweder, Sie sehen zu, dass Sie endlich in vernünftigem und angemessenem Ausmaß die Rolle des Erziehungsberechtigten übernehmen oder ich werde alles in die Wege leiten, damit Ihnen dieses Recht ein für allemal entzogen wird!“ Zufrieden bemerkte sie, wie Morton blass wurde. „Ich wünsche den Herren noch einen vergnüglichen Abend! Auf Wiedersehen!“ Ruckartig warf sie sich auf dem Absatz herum und stapfte hinüber, zu ihrem Auto. Mit quietschenden Reifen und Vollgas setzte der dunkelrote Jeep zurück und raste den schmalen Asphaltweg in Richtung Stadt hinauf.
Wie erstarrt lehnte Hank noch immer über der Brüstung; er hatte jedes Wort genau verstanden.
„Willst du dir das wirklich bieten lassen?“ Fassungslos versetzte Ray seinem besten Freund einen Stoß mit dem Ellbogen.
Mit einem tiefen, bedrückten Seufzer schob der junge Rancher sich den hellbraunen Cowboyhut ins Genick. „Was soll ich denn deiner Meinung nach tun? Ihr Prügel androhen? Oder versuchen, mich vernünftig mit ihr darüber auseinanderzusetzen? Du hast sie doch gerade erlebt!“
„Es geht nicht um Lorraine“, wies Ray ihn, noch immer innerlich aufgebracht, zurecht. „Wenn das stimmt, was sie sagt, dann bist du derjenige, der sich über seine Rolle gegenüber Toby Gedanken machen muss!“
„Ich bin nur sein Bruder! Ich habe keine Ahnung von Kindererziehung!“
„Entweder bist du für ihn verantwortlich oder du bist es nicht! Such’ es dir aus!“ Ray wusste nicht weshalb, aber er hatte das Gefühl, als versuchte Morton, sich genau davor zu drücken. „Er hat doch nur noch dich!“
Entnervt verdrehte Morton die Augen. „Erklär’ du mir lieber, was das zwischen euch gerade war!“, konterte er und deutete auf den Pferdehänger. „Drei Stuten zum Beritt, von Ambrose Lacey!“
Dankbar, nicht näher auf diese Forderung eingehen zu müssen, entgegnete Ray: „Das heißt, wir haben wieder jede Menge zu tun in den nächsten Wochen!“
„Allerdings! Und für gute Arbeit gibt es bei Mr. Lacey immer noch einen extra Aufschlag! Den könnten wir gut gebrauchen!“ Ein zufriedenes Lächeln machte sich auf dem schmalen Gesicht des jungen Ranchbesitzers breit. „Wenigstens etwas Positives!“
Ray nickte. „Wurde auch langsam Zeit!“
„Wo steckt Toby überhaupt?“, wollte Morton plötzlich wissen. Die Worte der jungen Lehrerin ließen ihn doch nicht ganz so schnell los, wie er gerne vorgegaukelt hätte.
„Er ist ausgeritten, gleich nach der Schule“, antwortete Ray und verzog sein gutaussehendes, braungebranntes Gesicht zu einem verständnisvollen Lächeln. „Vielleicht wollte er sich den Ärger ersparen…“
Zwischen Mortons Augenbrauen bildete sich eine tiefe, ernste Falte. „Natürlich hat er es nicht leicht…aber wenn das alles wahr ist! Oh, verdammt!“
Er ließ Ray bei seiner Arbeit zurück und marschierte mit großen Schritten und in seinen Gedanken versunken hinüber zum Hänger, um die drei neuen Pferde auszuladen.
Nur Hank lehnte noch immer am Geländer des Vorbaus, die Hände darauf abgestützt. Irgendetwas lief hier schief und zwar gründlich. Irgendwelche Dinge passierten hier, die nicht sein durften. Er wusste nur nicht, was das genau war, er konnte den Finger nicht darauf legen, jedenfalls noch nicht.
Kapitel 3
Laut hallten die Schritte von knapp zwanzig Paar Turnschuhen durch die schulische Turnhalle.
„Hopp, hopp!“, feuerte der Lehrer die Jungs aus den beiden Parallelklassen energisch an und klatschte in die Hände. „Keine Müdigkeit vortäuschen! Noch eine Runde!“
Ein Stöhnen und Ächzen ging durch den unsportlicheren Teil der Schüler und sie setzten zu einer erneuten Aufwärmrunde an.
„Der will uns nur wieder absichtlich rannehmen, weil wir das letzte Mal versucht haben, seine unsachgemäßen Lehrmethoden zu sabotieren! Da versteht er wohl echt keinen Spaß!“, keuchte Aaron mit hochrotem Kopf und mühte sich neben Toby ab, das Tempo zu halten.
Sein bester Freund musste grinsen. „Dann darfst du dich aber als letzter beschweren! Du warst doch ganz vorn bei eurer Protestaktion dabei!“
„Es war ja auch nur ein Versuch! Nächstes Mal müssen wir es geschickter anstellen!“, verteidigte sich sein bester Freund.
„Vielleicht solltet ihr euch überlegen, ob es überhaupt ein nächstes Mal gibt!“
„Du hast gut reden! Für dich ist der Sportunterricht ja kein größeres Problem!“
„Aaron!“, rief ihr Sportlehrer da und hob mahnend den Arm. „Wenn du dir deinen Atem lieber fürs Laufen, anstatt fürs Tratschen sparen würdest, kämst du eventuell doch einmal zwei Runden um die Halle!“
Mit finsterem Blick starrte der angesprochene, füllige Junge mit den blonden Haaren stur zu Boden.
„Was habe ich eben gesagt?“, zischte er, nur für seinen besten Freund hörbar und biss die Zähne zusammen. „Nennst du das studierte Lehrmethoden?“
Toby hatte Mühe, sich das Lachen zu verkneifen und er dachte, dass er Aaron dazu überreden sollte, mit ihm zusammen an den Wochenenden ein wenig zu laufen. Vielleicht täte sein bester Freund sich dann doch leichter und würde nicht schon eine Stunde vorher keinen anderen Gedanken als den Sportunterricht mehr zustandekriegen – vor lauter Angst, sich zu blamieren. Er hatte diese Idee noch nicht ganz zu Ende gebracht, als er auf einmal wieder da war – dieser eigenartige, stechende Druck. Ohne Vorwarnung, ohne Zeichen, überfiel er ihn einfach. Der Schmerz hämmerte im Rhythmus des Pulsschlags in seinem Schädel und verdrängte jede andere Wahrnehmung. Mit aller Gewalt versuchte Toby, es zu ignorieren. Es ist nicht da! Es ist nicht da! Ich bilde mir das nur ein!
Doch mit jedem Schritt, den er tat, wurde das Klopfen lauter. Es dröhnte in seinen Ohren und der Boden vor seinen Füßen verschwamm zu einer undeutlichen, grau-grünen Masse, die sich wie ein Kreisel um ihn drehte. Immer dunkler wurde die Welt um ihn, bis sie nur noch aus Klumpen und verzerrten Ovalen bestand. Von irgendwoher hörte er laute, erschrockene Stimmen, die er nicht verstehen konnte und er wollte um Hilfe schreien, doch sein Körper gehorchte ihm nicht mehr. Das letzte, was Tobys Augen entdeckten, war ein winziger, heller Ausschnitt der Turnhallendecke, so groß etwa wie sein Daumen, bevor ein dicker, schwarzer Schleier ihn einhüllte und endlich erlöste.
* * *
Die Glastür des Medizinschranks klapperte leise und grelles Sonnenlicht fiel durch die beiden großen Fensterscheiben hinter den Buchsbäumchen in den engen, vollgestellten Behandlungsraum. Es roch durchdringend, geradezu penetrant, nach Medikamenten und Desinfektionsmittel, während von draußen das laute Zwitschern der Vögel hereindrang. Wie unpassend, schoss es Toby durch den Kopf und er musste würgen. Dieser Gestank! Er hielt ihn nicht aus.
„Na, na, schon gut. Wie ich sehe, hast du dich dazu entschlossen, wieder in die Welt der Lebenden zurückzukehren.“ Der Mann mit der freundlichen Stimme beugte sich über ihn, zog ihn ein wenig hoch und hielt ihm eine silberne Schale unter den Mund, in die er sich übergeben konnte. Er würgte und würgte, obwohl sein Magen völlig leer war und nur die stinkende, bleiche Gallenflüssigkeit in die Schale rann. Endlich hörte es auf. Noch nie zuvor in seinem Leben hatte er sich so elend gefühlt.
Der Doktor rief nach seiner Arzthelferin, damit sie sein Erbrochenes entsorgte.
„Wie geht’s ihm?“, wollte sie wissen.
„Na ja, ich will mich mal vorerst lieber zu keiner Diagnose hinreißen lassen…“ Der Arzt räusperte sich und betrachtete den blassen Jungen mit ernstem Blick.
Langsam und vorsichtig schlug Toby die Augen nun endlich ganz auf. Er musste einige male blinzeln, bis die Sonnenstrahlen ihn nicht mehr so stark blendeten und er seine Umgebung erkennen konnte. Als erstes fiel sein Blick auf Doktor Wilcox, den überall bekannten und geschätzten Allgemeinmediziner, der für die Stadt und das Umland zuständig war. Der große, schlanke Mann mit dem schwarzen Schnauzbart nickte beruhigend und stieß einen tiefen Seufzer aus: „Du jagst deinen Mitmenschen ja einen ganz schönen Schrecken ein!“
Noch immer verwirrt versuchte Toby sich an das zu erinnern, was eigentlich geschehen war.
„Wo bin ich?“ Er sah sich um. „Ich bin umgefallen, beim Sportunterricht, nicht wahr?“
Er lag auf der Pritsche im Behandlungszimmer von Doktor Wilcox’ Arztpraxis und hatte keine Ahnung, was zwischen seinem Schwindelanfall und jetzt vor sich gegangen war.
Als hätte er Tobys Gedanken erraten, sagte der Arzt im nächsten Augenblick: „Dein Sportlehrer hat dich vor gut zwanzig Minuten her gebracht!“
„Erst? Mir kommt es vor, als wären es schon zehn Stunden!“ Seine Stimme klang so schwerfällig – was war nur mit ihm geschehen? Zaghaft stützte Toby sich auf die Ellbogen. Allmählich verschwand der Nebel um ihn herum.
„Langsam! Bleib besser noch ein wenig liegen!“, mahnte der Arzt und drückte ihn energisch auf die Pritsche zurück. „Dein Lehrer sagte mir, du bist einfach ohnmächtig geworden, ohne, dass er irgendeinen Grund dafür hätte feststellen können?“
„Na ja…“ Ein wenig verlegen senkte Toby den Kopf. Wieso musste das ausgerechnet während des Sportunterrichts passieren, wo jeder es mitbekam? Sonst war es doch immer nur abends gekommen, meistens, wenn er alleine in seinem Zimmer oder im Stall gewesen war! Er hatte es sich selber nie eingestanden und immer geglaubt, es verginge schon irgendwann von alleine wieder. Und nun? Er war Manns genug um zu wissen, dass er Doktor Wilcox nicht anlügen durfte.
„Mir…mir ist plötzlich schwindlig geworden!“ Er gab das nur ausgesprochen widerwillig zu. Ärzte fragten immer so viel und am Schluss bekam man sowieso immer eine Spritze! Bitte, flehte er, keine Spritze heute! „Das ist überhaupt nicht schlimm! Ich bin schon wieder völlig in Ordnung!“
Aufhorchend zog Doktor Wilcox die Brauen hoch. „War es das erste mal oder hattest du das schon öfter?“ Er durchschaute Tobys nervöse Reaktion. In seiner über dreißigjährigen Karriere war ihm schon allerlei begegnet – und vor allen Dingen Patienten, die ihm aus Furcht nur die Hälfte berichteten.
Nur ungern ging Toby auf seine Frage ein. Ich will keine Spritze! „Nein!“
„Hör zu!“ Beschwörend beugte der Arzt sich nach vorn. Mit zwei Fingern fasste er das Kinn des Jungen und drehte das blasse Gesicht zu sich herum. „Schau mich an!“
Toby versuchte, ihm sein Kinn zu entziehen, doch der Arzt zwang ihn, seinen Blick auf ihn zu richten. Die braunen Kinderaugen weiteten sich ängstlich.
„Es ist wichtig, dass du mir jetzt alles erzählst“, erklärte Doktor Wilcox mit leiser Stimme. „Hörst du, Toby? Es kann wichtiger sein, als du es dir im Augenblick vorstellen kannst! Also – du brauchst keine Angst zu haben! Hast du etwas angestellt? Hattest du dabei einen Unfall? Bist du mit deinem Kopf irgendwo angeschlagen?“
Sein eindringlicher Tonfall jagte Toby einen Schrecken ein. Eine innere Stimme ließ ihn ahnen, dass es um weit mehr ging, als um eine lächerliche Spritze.
„Nun ja…“ Was blieb ihm schon anderes übrig, als mit der Wahrheit herauszurücken? „Dieser komische Schwindel ist schon seit ein paar Wochen immer wieder da. Ich weiß auch nicht, warum. Er kommt ganz plötzlich und genauso schnell ist es dann auch wieder vorbei!“
„Hmm.“ Bedenklich schürzte der Arzt die Lippen. Endlich ließ er das Kinn des Jungen los, auf dem die beiden Druckstellen seiner Finger rot unterliefen.
Flehend blickte Toby ihn an. „Kann ich jetzt endlich nach Hause gehen?“
„Sag mal“, Doktor Wilcox schien ihn nicht einmal gehört zu haben, „gab es in letzter Zeit noch andere Beschwerden, die dir zu schaffen gemacht haben? Ich meine, vielleicht plötzliche Übelkeit? Oder Sehstörungen? Kopfschmerzen?“
Verunsichert biss Toby sich auf die Lippen. Woher wusste der Arzt das alles? Jetzt war es genug! Wenn er noch mehr verriet, durfte er bestimmt nicht heim!
„Also liege ich richtig“, erkannte Doktor Wilcox auf das hartnäckige Schweigen hin. Beruhigend drückte er kurz Tobys rechten Unterarm, obwohl er sich kaum vorstellen konnte, dass der Junge ihm die folgende, winzige Schwindelei in der Erklärungsnot abnehmen würde: „Keine Sorge! Das muss noch lange nichts Schlimmes bedeuten! Zur Sicherheit werde ich dich aber in die Klinik von Colorado Springs einweisen!“
„In die Klinik?!“, wiederholte Toby erschrocken und fuhr ruckartig hoch. „Ich will da nicht hin! Ich muss nach Hause! Mein Bruder wartet auf mich! Er hat so viel Arbeit und jede Menge Probleme! Bitte, Doktor, verraten Sie niemandem davon, was heute passiert ist! Ich kann ihn jetzt nicht im Stich lassen!“
„Tut mir leid, mein Junge, aber das geht beim besten Willen nicht!“ Bedauernd schüttelte der Arzt den Kopf. „Glaub mir, es ist zu deiner eigenen Sicherheit! Mach’ dir keine Sorgen – ich kenne den Chefarzt der Kinderabteilung sehr gut. Du wirst ihn mögen.“ Er drückte ihn erneut zurück auf die Pritsche und wandte sich zum Gehen.
„Ich will jetzt aber nach Hause!“, rief Toby ihm trotzig hinterher.
„Und ich“, erwiderte Doktor Wilcox, bereits auf dem Weg nach draußen, „rufe jetzt in der Klinik und dann bei deinem Bruder an, um ihm Bescheid zu sagen, dass er dich später dort abholen kann!“
Er ließ Toby allein im Behandlungsraum zurück und verschwand im Vorzimmer, wo die Arzthelferin seine Anweisungen entgegennahm.
Das Herz schlug Toby bis zum Hals. Warum schickte der Doktor ihn in die Klinik? Vielleicht hätte er besser doch lügen und ihm die ganze Sache verschweigen sollen. Dann würde er jetzt bestimmt nicht dorthin müssen! Tobys Gedanken arbeiteten wild durcheinander und er wünschte sich, Butch wäre jetzt hier und könnte ihm Mut und Zuversicht schenken, doch er war allein, ganz allein und niemand war da, der ihm seine Angst nehmen konnte.
* * *
Das Telefon schrillte durchdringend und unnachgiebig durch die offenstehende Haustüre hinaus in den Hof, wo der große, hellblaue Ford parkte. Mit einem Werkzeugkasten bewaffnet hatte Morton damit begonnen, den Versuch einer Rettung zu starten, während Ray auf dem Sandplatz vor dem Stall eines der jungen Pferde, das erst seit fünf Tagen unter dem Sattel ging, in langsamem Schritt und ein wenig Trab laufen ließ.
„Ja, ja!“, meckerte Hank und schlurfte aus der Küche zum Telefontischchen unter der Treppe, wobei er sich die mehlbestäubten Hände noch schnell an der weißen Schürze abwischte, die er sich um den Bauch gebunden hatte.
„Ich bin keine zwanzig mehr! Ja, doch!“ Unwirsch riss er den Hörer von der Gabel des altmodischen, schwarzen Schnurtelefons. „Hallo?!“ Erstaunt klappte ihm die Kinnlade herunter. „Mensch, Wilcox! Sieh einer an! Gibt es dich auch noch? Was…“ Er verstummte. Angestrengt lauschte der Alte den hastigen Worten am anderen Ende der Leitung. Seine Augen weiteten sich erschrocken. „Was sagst du? In die Klinik?“ Eine kurze Pause entstand. Mit einem leisen „Danke“ legte Hank auf. Eine lange Minute verharrte er noch wie erstarrt, dann lief er, so schnell es seine steifen Beine vermochten, hinaus in den Hof.
* * *
Das rechteckige, mehrstöckige Klinikgebäude lag ein gutes Stück außerhalb des Zentrums von Colorado Springs, am Rande des großzügig begrünten, weitläufigen Stadtparks. Nach der Abzweigung des dreispurigen Highways, befand sich zunächst ein riesiger, kaum überschaubarer Parkplatz, zwischen dessen Fahrwegen sich immer wieder niedrige, dürre Bäumchen von der grauen Betonfläche abhoben. Nie kam das Leben hier zum Stillstand: Besucher und Angehörige der Patienten fuhren vor, andere gingen. Schwestern und Ärzte begannen ihren Dienst oder hatten Feierabend. Notarztwagen rollten ein und aus, einige mit Blaulicht und Sirenen, andere fast lautlos, unbeachtet.
Kaum, dass sich die Türen des Fahrstuhls im vierten Stockwerk öffneten, schlug Morton den direkten Weg zu der brusthohen Theke an der gegenüberliegenden Wand ein, hinter der zwei Frauen in hellblauen Schwesterntrachten standen. Diese etwas andere Art von Rezeption war – wie in jeder der anderen Etagen auch – Schaltzentrale für Ärzte und Schwestern, Organisationsbüro und Informationsstelle jeglichen Anlasses. Hier hatte sich zu melden, wer einen Kranken besuchen wollte. Hier hatten die Angestellten Überblick über die Neuzugänge, die Verlegungen oder Entlassungen, die Dienstpläne – alles war straff organisiert.
„Entschuldigung!“ Nervös tippten Mortons schlanke Finger auf die Theke.
„Wie kann ich Ihnen helfen?“ Die ältere, dunkelhäutige Schwester wandte ihm ihre Aufmerksamkeit zu und lächelte höflich.
„Heute wurde hier ein Junge eingeliefert, vor etwa zwei Stunden. Er heißt Toby Patterson. Wo kann ich ihn finden? Ich bin sein Bruder und…“
„Patterson“, unterbrach die Schwester seinen Redefluss und überflog die Patientenkartei, aufgelistet nach Uhrzeit der Einlieferung, die immer griffbereit auf dem Bildschirm des Computers hinterlegt war.
„Ja, richtig! Der wurde heute Mittag von einem gewissen Doktor Wilcox hergebracht! Er müsste…“ Sie stockte. Ihre Finger flogen klappernd über die Tastatur. Immer wieder glitt ihr Blick die Zeile entlang. „Warten Sie bitte einen Moment!“ Sie griff zum Telefonhörer und wählte. „Ist der Junge, der im Schulsport zusammengebrochen ist, noch bei euch?“
Eine Frauenstimme plapperte etwas Unverständliches am anderen Ende der Leitung.
Schon seit sie die Ranch verlassen hatten, lagen die für ihn typischen, feinen Sorgenfalten auf Mortons hoher Stirn. Wie lange dauerte das denn noch? Wieso konnte sie ihm nicht einfach sagen, wo er seinen kleinen Bruder finden konnte? Die Anspannung in ihm stieg mit jeder Minute, die ungenützt verstrich.
Aus den Augenwinkeln beobachtete Ray den jungen Ranchbesitzer und er war froh, dass er ihn dazu gezwungen hatte, ihm die Schlüssel des Wagens zu überlassen, damit er nicht selbst fahren konnte.
„Ist gut!“, sagte die Schwester jetzt endlich und legte den Hörer auf die Gabel zurück. „Sie müssen sich noch ein wenig gedulden. Unser Chefarzt, Doktor Tyrell, ist noch nicht ganz mit den Untersuchungen fertig, aber Sie können gern warten!“ Mit dem Arm deutete sie nach links, einige Meter den Flur hinab. „Gleich dort hinten befindet sich der Warteraum. Dort gibt es auch einen Kaffee- und Getränkeautomaten.“
Eine Sekunde starrte Morton sie fassungslos an. „Hören Sie…“, wollte er aufbrausen. Was interessierte ihn irgendein Chefarzt? Er wollte zu Toby!
„Komm schon!“ Energisch packte Ray ihn am Arm und zog ihn mit sich fort. „Das bringt jetzt auch nichts!“
„Aber ich…“
„Halt den Mund und komm!“, zischte der schwarzhaarige, junge Mann und zog energischer.
Nur widerwillig gab der blonde Rancher nach. Schweigend betrachtete er seine Hände, die noch immer mit Motoröl beschmiert waren.
Ray bemerkte es. „Hoffentlich erwecken wir nicht den Eindruck, wir laufen immer so ungepflegt herum!“
Ein leichtes Lächeln spielte um Mortons Lippen. Ohne sich umzuziehen waren sie in ihrer Arbeitskleidung ins Auto gesprungen und eine dementsprechende Erscheinung boten sie nun auch.
„Na ja“, amüsiert glitt sein Blick über sich und Ray hinweg, „man kann nicht jeden Tag vorteilhaft aussehen! Von dir könnte man meinen, du wärst eben noch mit einem Viehtreck unterwegs gewesen und ich sehe aus, als würde ich den ganzen Tag nichts anderes tun, als Autos reparieren!“
„Damit liegen die Leute dann nicht einmal daneben!“ Er bemerkte das Kopfschütteln einer kleinen Personengruppe, die wohl einen Patienten besucht hatte und ihnen nun entgegenkam. Ray beschloss, sich nun doch lieber den verstaubten, schwarzen Cowboyhut vom Kopf zu nehmen und möglichst unauffällig den angetrockneten Schmutz von seiner Jeans zu klopfen.
Durch den breiten, türlosen Durchgang betraten sie den, nur mit einfachen Stühlen und zwei kleinen Tischen möblierten, engen Raum. Unvermittelt bremste Morton scharf, was dazu führte, dass Ray in ihn hineinrannte.
„Hey! Hat irgendjemand was von Anhalten gesagt?!“
„Sie hier?!“ Verblüfft schüttelte der blonde Rancher den Kopf. „Darf ich erfahren, was Sie hier zu suchen haben?“
Noch bevor die weibliche Gestalt in dem cremefarbenen Hosenanzug sich erhob, hatte Ray sie entdeckt. Sein gutaussehendes Gesicht verfinsterte sich und er spürte, wie die Wut langsam in ihm zu brodeln begann. Wie immer ergriff sie seinen klar arbeitenden Verstand und begrub ihn tief unter den Emotionen, die nun allein all sein Tun bestimmten.
„Welch herzliche Begrüßung!“ Ein leises, spöttisches Lachen drang aus ihrer Kehle. „Schön, dass Sie auch endlich da sind!“
Das unverfrorene, herablassende Lächeln um Lorraine Shaughnessys knallrot geschminkte Lippen wurde breiter, als sie drei Schritte auf die beiden jungen Männer zu stolzierte.
„Meine Pflicht als Tobys Klassenlehrerin wahrnehmend, habe ich ihn hierher begleitet, nachdem mich mein Kollege darüber informiert hatte, was passiert ist.“ Sie machte eine kurze Pause, ehe sie kalt, jedes Wort betonend hinzufügte: „Außerdem konnte ich so gleich ein sehr ausführliches, höchst interessantes Gespräch mit Doktor Wilcox führen!“
Finster starrten Rays blaue Augen sie an. Einige Aussagen von ihrer letzten Begegnung drängten sich in sein Gedächtnis.
„Und? Hat er Ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen gehabt?“ Morton tat, als sei es ihm gleichgültig. Irgendeine Taktik musste es ihnen doch ermöglichen, die Oberhand gegen diese unverschämte Person zu gewinnen!
„Sie stellen die Frage falsch! Es war nicht nur etwas Wichtiges, womöglich war es viel zu viel!“ Sie stockte. „Mehr, als es mich womöglich sogar angeht. Mir scheint sogar, hier liegt ein Fall von schwerer Verletzung der Erziehungspflicht vor oder besser: Der Verantwortung gegenüber einem Minderjährigen.“
„Wollen Sie sich nicht endlich vernünftig ausdrücken?!“ Allmählich hatte Morton genug von ihrer überheblichen Geheimnistuerei. Er fand jetzt wirklich keinen Nerv für irgendwelche Machtspielchen. Das einzige, was er wissen wollte war, wie es Toby ging!
„Schön! Wenn Sie unbedingt wünschen, dass ausgerechnet ich es Ihnen unter die Nase reibe…“ Sie seufzte laut, fast bedauernd. „Meiner Meinung nach gehört es nun einmal zu den Pflichten eines Mannes – wenn er schon ein Kind alleine großzuziehen versucht und wenn es sich auch nur um den kleinen Bruder handelt – dass er bestimmte Krankheitssymptome nicht unbeachtet lässt, sondern einen Arzt konsultiert!“
„Symptome?“, wiederholte Morton leise, tonlos. Ein schrecklicher Gedanke durchzuckte ihn. Hank – er hatte doch noch erwähnt, dass ihm dieser merkwürdige Schwindel nicht das erste Mal aufgefallen sei! Wieso hatte er darauf nur nicht reagiert? Verdrängung war die Lösung gewesen – aus Angst vor noch mehr Sorgen, in der einfältigen, naiven Annahme, es würde sich dann schon von selbst erledigen. Du Idiot, dachte er, du verdammter Feigling!
„Ach, spielen Sie hier doch nicht den armen, überforderten, nichtswissenden großen Bruder!“, brauste die junge Lehrerin zornig auf und stapfte mit dem Fuß auf den Boden, dass ihr spitzer Absatz einen lauten Knall erzeugte. „Faule Ausreden sind jetzt nicht mehr angebracht, wenn sich Doktor Wilcox’ Verdacht bestätigten sollte, Mr. Patterson! Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, dass Sie dann nicht nur ein schlechtes Gewissen haben werden, sondern auch für den Rest Ihres Lebens die Folgen dafür tragen!“
Bisher hatte Ray es geschafft, sich zurückzuhalten und nur stumm, wenn auch innerlich vor Zorn platzend, zuzuhören. Doch jetzt merkte er, wie Morton sich verunsichern ließ, wie die Vorwürfe der jungen Frau ihm ein schlechtes Gewissen einzureden versuchten. Mit vier schnellen Schritten hatte er sie erreicht. Wutentbrannt packte er grob ihre Oberarme und begann, sie heftig zu schütteln.
„Jetzt hör auf, deine ‚Ich-weiß-alles’-Spielchen mit uns zu treiben! Rück’ endlich mit deiner Weisheit heraus, sofern du eine hast! Was hat Doktor Wilcox dir erzählt?“ Er musste sie noch einmal vor und zurückwerfen. Es war wie eine Befreiung – jetzt war er der Stärkere.
„Aua!“ Entrüstet versuchte sie, sich aus seinem Griff zu winden. „Du tust mir weh! Lass mich auf der Stelle los oder ich schreie!“
„Bitte, bitte! Lass dich nicht aufhalten!“ Rays Finger schlossen sich noch fester um ihre Arme, drückten, so fest er dazu nur imstande war. Es ging ihm nicht nur darum, was sie eben zu Morton gesagt hatte. Oh nein! ‚Einmal Verbrecher, immer Verbrecher‘ – oder wie hatte ihre psychologische Erkenntnis doch gleich gelautet? „Dazu wirst du erst in der Lage sein, wenn du uns die ganze Geschichte erzählt hast! Fangen wir mit Doktor Wilcox an! Die Fahrt hierher scheint ja ausgesprochen informativ gewesen zu sein!“
„Ray!“ Beschwichtigend legte sich Mortons Hand auf die Schulter des jungen Mannes, doch er schüttelte ihn heftig ab.
„Es gibt da sowieso noch einiges zwischen uns beiden zu klären, nicht wahr, Lorrie?“
„Lass den Unsinn!“, befahl Morton scharf. Ihm blieb der ungebremste, kurz vor dem ungezügelten Ausbruch stehende Zorn seines Freundes nicht verborgen. Der schwarzhaarige, junge Mann hielt inne.
„Hast du nicht verstanden?“, blaffte die rothaarige Lehrerin ihn an und riss sich aus seinem Griff. „Dein Boss hat dir befohlen, deine schmutzigen Pranken von mir wegzunehmen!“
Zögernd trat Ray zwei Schritte zurück. Verärgert rieb Lorraine Shaughnessy die schmerzenden Stellen an ihren Armen.
„Außerdem“, doch schon lächelte sie wieder und warf überheblich den Kopf zurück, „werdet ihr die Diagnose mit Sicherheit in wenigen Minuten vom zuständigen Chefarzt erfahren! Schade, dass ich nicht dabei sein kann und eure Gesichter sehen!“
Rays Hände ballten sich zu Fäusten. „Raus hier!“, zischte er leise und seine tiefe, rauchige Stimme bebte. „Und an deiner Stelle würde ich mich beeilen!“
„Du hast hier niemanden herumzukommandieren und schon gar nicht mich, verstanden?“ Der Blick, mit dem der gutaussehende, junge Mann sie bedachte, ließ sie erschrocken zurückfahren.
„Ich sagte, dass du diesen Raum und diese Klinik innerhalb der nächsten Minute verlassen haben wirst!“, wiederholte Ray leise. „Denn jetzt sind ja wir hier und das heißt, deine Zuständigkeit hat sich erledigt! Genauer gesagt, es geht dich nichts mehr an!“
Einen langen Moment standen sie sich wie zwei Raubkatzen gegenüber, von denen jede nur auf den Angriff und Biss der anderen wartete. Böses ahnend hielt Morton sich schon bereit, dazwischenzugehen. Er fasste Rays linkes Handgelenk, drückte das Blut darin ab.
Plötzlich hob die junge Lehrerin, scheinbar großmütig, die Schultern. „Hoffentlich täuschst du dich da nicht! Es wird mir das größte Vergnügen bereiten, das Untersuchungsergebnis aus dem Mund des werten Herrn Bruders zu erfahren!“ Betont freundlich nickte sie Morton zu. „Ach, übrigens, das Jugendamt weiß schon Bescheid und wird sich schnellstmöglich dem Fall Toby Patterson zuwenden. Der zuständige Beamte kennt Sie übrigens bereits. Einen vergnüglichen Tag noch, die Herren!“
Sie reckte das Kinn nach vorn und stolzierte hocherhobenen Hauptes hinaus in den Flur. Noch kurze Zeit war das laute Klacken ihrer hohen, spitzen Absätze auf dem harten Plastikboden zu vernehmen, dann sank Morton erschöpft auf einen der Stühle.
„Findest du es nicht allmählich an der Zeit, mich über dieses eigenartige Verhältnis zwischen euch aufzuklären?“ Gereizt ruhten Mortons Augen auf Ray. Er hatte genug vom Rätselraten und dem Gefühl, ihm würde etwas Entscheidendes entgehen. „Immerhin ist sie Tobys Klassenlehrerin!“
„Na, und?!“ Aufgebracht pfefferte Ray seinen Hut auf einen der mit Zeitschriften überladenen Tische. „Deshalb brauchst du dir trotzdem nicht alles von ihr bieten zu lassen!“ Er ließ sich auf einen der Stühle fallen und stützte seinen Kopf in die Hände. Lange Zeit grübelte er vor sich hin und keiner von ihnen sprach ein Wort. Schließlich seufzte Ray tief. „Wir kennen uns von früher. Da war mal was und ich hab’ sie betrogen. Keine meiner Glanzleistungen und nachtragend ist sie außerdem.“
„Puh!“, machte Morton und verdrehte die Augen. Er kannte seinen besten Freund mittlerweile einige Jahre und wusste, dass es da einige Stellen in seinem Lebenslauf gab, die für ihn noch im Dunkeln lagen. Aber dass er ausgerechnet mit Tobys neuer Lehrerin auch einmal ein Verhältnis gehabt hatte?! Er schüttelte den Kopf. „Bei dir muss man wirklich bei jeder Frau aufpassen, die man trifft! Könnten alles ehemalige Geliebte sein!“
„Quatsch!“, schimpfte Ray; es war ihm sichtlich unangenehm. „So schlimm bin ich nun auch nicht. Aber ich frage mich...“
„Was?“, wollte Morton wissen, als Ray nicht sofort fortfuhr. „Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass sie deshalb so darauf herumreitet, wie wir leben?!“
Ray starrte gegen die Decke. „Ich kenne sie. Sie war noch nie anders und ich habe ziemlich an ihrem Stolz gekratzt. Glaubst du, sie hätte sich ohne meine Anwesenheit auch nur einen Deut mehr darum gekümmert, ob Toby seine Hausaufgaben gemacht hat oder nicht?! Nein! Sie hätte brav ihre Strichliste geführt und dich dann irgendwann, wenn sie dazu keine Lust mehr gehabt hätte, zu einem netten Gespräch über Tobys schulische Leistungen oder besser gesagt, über das, was er davon nicht bringt, eingeladen!“ Wütend stieß er seinen Atem durch die Nase. „Merkst du denn überhaupt nicht, was sie versucht?“
„Sie hat es ja soeben in verständlichen Worte ausgedrückt“, erwiderte Morton, noch immer relativ gefasst. „Das Jugendamt! Als ob wir ohne die nicht schon genug anderen Ärger hätten! Und wenn das wirklich derselbe verstaubte Kerl wie vor einem Jahr ist…“ Erschöpft streckte er die Beine aus und gaffte regungslos die öde, weiße Wand an der gegenüberliegenden Seite des Zimmers an. Wie trostlos hier doch alles zu sein schien. Dieses kalte, abstoßende Weiß überall und dann der penetrante Gestank des Desinfektionsmittels, an den sich seine Nase überhaupt gewöhnen konnte.
Einige lange Minuten herrschte bedrücktes Schweigen und nur die vielen, durcheinander redenden Stimmen und Geräusche aus dem langen, verwinkelten Krankenhausflur drangen durch den offenen Durchgang zu ihnen herein.
„Noch weißt du doch gar nicht, was bei der Untersuchung herauskommt“, warf Ray schließlich ein und presste mit eigenartigem, beklemmendem Gefühl die Lippen zusammen. Er verhinderte, dass sein realistisch veranlagter Kopf ihm einen Hieb versetzte und die Mauer, hinter der sich die verdrängten Überlegungen versteckten, zusammenbrach.
„Es kann nicht nur eine Schürfwunde Schuld an seinem Zusammenbruch sein“, erwiderte Morton und schaute ihm fest in die blauen Augen. „Manchmal sollte man auf das Wissen eines alten Mannes mehr geben, als ihm bloß zuzuhören.“
Hastig senkte Ray den Blick und rieb die schmutzigen, rauen Hände aneinander. Innerlich stimmte er Morton zu – aber durfte er das ihm gegenüber auch laut eingestehen? Sich selbst ablenkend, stieß er ungeduldig hervor: „Wie lange dauert das denn noch?“
„Du weißt doch, wie das in Krankenhäusern so ist – bis man die ganzen Untersuchungen über sich hat ergehen lassen…“ Es klang nicht sonderlich überzeugt und Morton legte müde den Kopf gegen die Wand. In manchen Augenblicken, solchen wie diesem, da hatte er das Gefühl, all der Verantwortung nicht gewachsen zu sein und am einfachsten wäre es jetzt wohl gewesen, alles hinzuwerfen und woanders neu anzufangen, doch er wusste: Das war unmöglich – jedenfalls für ihn. Oh, diese frustrierende, ungerechte Wirklichkeit, die ihn nicht loslassen wollte! Toby brauchte ihn, er würde es niemals fertigbringen, ihn im Stich zu lassen, auch wenn er am liebsten seine Koffer packen und losstürmen wollte, um seine fast schon vergessenen Pläne zu verwirklichen. Unmerklich bildete sich ein verträumtes, ja, beinahe seliges Lächeln auf seinem schmalen, ernsten Gesicht und seine Gedanken flogen davon. Weit, weit weg von hier, weg von all den Sorgen und ungelösten Problemen, irgendwohin, wo er jetzt sein könnte, wäre sein Leben anders verlaufen.
Die lauten, stapfenden Schritte im Einklang mit der durchdringenden, krächzenden Stimme ließ die beiden jungen Männer von ihren Stühlen, auf denen sie nun seit über einer Stunde verharrten, hochfahren.
„Sie müssen Mr. Patterson sein! Diese Ähnlichkeit! Verblüffend!“ Ein kleiner Mann mit enormem Bauchumfang und Hornbrille kam auf sie zu. Der spärliche Haarkranz um seinen Kopf war von intensiv silbergrauer Farbe und hinter den dicken Brillengläsern lugten zwei kleine, grüne Augen hervor.
„Mein Name ist Tyrell – ich bin der Chefarzt der Kinderstation. Es tut mir leid, dass ich Sie so lange warten lassen musste.“ Mit einem breiten, abschätzenden Lächeln schüttelte er ihnen die Hände.
Nicht eine Sekunde ließ Morton den Mediziner aus den Augen, der mit keiner Bewegung verriet, welche Überlegungen sich in ihm abspielten.
„Wie geht es Toby?“ Er ertrug die Ungewissheit nicht länger.
„Oh, recht gut, soweit“, antwortete Doktor Tyrell. Es klang wie eine Art von Standardausrede, im selben Moment schmunzelte er jedoch. „Er hat mir schon alles über die Ranch berichtet!“
Oh je, dachte Morton und senkte mit einem innerlichen Seufzer den Kopf. „Ich hoffe bloß, er hat sich nicht nur an das Schlechte gehalten. Kann ich ihn sehen?“
„Nun…“ Zögernd vergrub der Chefarzt seine Hände in den Taschen seiner weißen Schürze. „Vorher möchte ich Sie bitten, mich noch kurz in mein Büro zu begleiten.“
Morton zuckte zusammen. Er schluckte. Also, doch. Miss Shaughnessy hatte nicht absichtlich übertrieben, um ihn zu erschrecken. „Ja…natürlich!“
„Und er?“ Fragend deutete Doktor Tyrell mit dem Daumen auf Ray.
„Genauso gut hätten Sie ihn um ein Gespräch bitten können“, erwiderte Morton mit Nachdruck. „Mr. McGill ist sozusagen Tobys adoptierter, zweiter Bruder.“
„Ah ja! Verstehe!“ Mit einem leichten Lächeln gab der Chefarzt ihnen einen Wink, ihm zu folgen.
Das Büro am Ende des Flurs war klein und dämmrig und die eingestaubten, teilweise in zweiter Reihe stehenden Bücher schienen die Regale an den Wänden zum Einsturz bringen zu wollen. Lediglich in der Mitte, unter dem einzigen, breiten Fenster fand noch der mit Krankenakten überladene Schreibtisch Platz.
Entschuldigend zuckte Doktor Tyrell die Schultern. „Leider habe ich nur einen Stuhl im Augenblick hier. Den zweiten hat mir eine der Schwestern heute Morgen entführt. Na, egal! Jedenfalls hat es sich seitdem jemand anders darauf gemütlich gemacht!“
„Keine Sorge – meine Beine sind noch recht brauchbar“, versicherte Ray, über die Ausdrucksweise des Arztes schmunzelnd und überließ Morton großzügig den harten, spartanischen Plastikstuhl.
„Na, hoffentlich bleiben Sie das im Laufe der nächsten Minuten auch noch“, murmelte Doktor Tyrell undeutlich, mehr zu sich selbst, doch Ray verstand ihn genau.
„Nun, denn!“ Mit einem Räuspern lehnte Doktor Tyrell seinen fülligen Körper schwer gegen den Schreibtisch. Abwartend ruhten die Blicke der beiden jungen Männer auf ihm. Noch vor wenigen Minuten hatte Doktor Tyrell mit zwei der anderen, erfahrenen Ärzte aus der Inneren Abteilung die Ergebnisse der Untersuchungen ausgewertet. Nun gehörte es allerdings ganz allein zu seinen Aufgaben als Chefarzt der Kinderstation, dieses Ergebnis dem älteren Bruder des Jungen irgendwie begreiflich zu machen.
„Wie Sie vermutlich wissen“, begann er in gelassenem, sachlichem Tonfall, als fiele es ihm leicht, „hat Doktor Wilcox Toby zu uns gebracht, nachdem er im Schulsport zusammengebrochen ist.“
Morton konnte nicht sprechen. Seine Stimmbänder verweigerten ihm den Gehorsam. Mit klopfendem Herzen hielt er den Atem an. Sein Instinkt ließ ihn ahnen, dass ihn etwas so Furchtbares erwartete, wie er es sich im Augenblick nicht einmal vorzustellen vermochte und zu seiner eigenen Beruhigung legte er sich die Hände auf die Knie. Er nickte stumm.
„Hmm.“ Doktor Tyrell fuhr sich mit der Hand über das Kinn und trat zu den großen, rechteckigen Lichtröhren, an denen eine einzelne Röntgenaufnahme hing. Das grelle Licht sprang an und auf der zuvor unscharfen, dunklen Folie zeichneten sich schlagartig erkennbare Umrisse einer Röntgenaufnahme ab.
„Wissen Sie, was das ist?“, wollte er von ihnen wissen, als beginne er einen Vortrag.
„Ein menschlicher Schädel“, erwiderte Ray sofort.
„Ganz recht!“ Bedächtig zog der Chefarzt den Kugelschreiber aus der Brusttasche seines weißen Kittels. „Wissen Sie, ich hatte ja bis zuletzt gehofft, dass sich Doktor Wilcox’ Verdacht nicht bestätigen würde. Ich kenne den alten Mike seit vielen Jahren – und ich schwöre Ihnen bei Gott, er hat sich noch nie geirrt.“
Mit einem leisen Klicken blieb die Metallspitze des Stifts an einem im Durchmesser etwa drei Zentimeter großen, ovalen Punkt stehen.
Mit hochgezogenen Brauen drehte der Chefarzt den Kopf herum und betrachtete Morton prüfend. „Sie sehen das?“
Das schmale, ebenmäßige Gesicht des jungen, blonden Mannes war aschfahl geworden. Noch im selben Augenblick, als Doktor Tyrell auf die seltsame, helle Stelle tippte, wusste er es. Es fühlte sich an, wie ein brutaler Schlag ins Gesicht, der ihn zu betäuben schien. Ein Schwindelgefühl überkam ihn und für eine Sekunde musste Morton die Augen schließen.
„Es tut mir sehr leid“, drang die wohlbedachte Stimme des Chefarztes an sein Ohr, „aber ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Bruder an einem Gehirntumor leidet.“
Der Satz hing wie beißender Rauch, der einem die Luft zum Atmen raubte im Zimmer und er verzog sich nicht. Er hing in der Luft, hing und schlug ihnen immer wieder ins Gesicht, hörte nicht auf, ihnen die Atemwege zuzuschnüren. Froh, dass er neben dem Türrahmen stand, lehnte Ray sich dagegen. Seine Knie zitterten. Bestimmt hatte er sich verhört! Das konnte unmöglich wahr sein!
„Wir werden natürlich alles tun, um den Jungen zu retten“, fügte Doktor Tyrell nach einer kurzen Pause hinzu. Er wollte nicht bloß den beiden jungen Männern die Gelegenheit geben, das eben Gehörte soweit zu verarbeiten, dass sie ihm wieder zuhören konnten. Auch er brauchte ein paar Sekunden, um sich die nächsten Sätze zurechtzulegen.
Gehirntumor – für Morton klang es wie ein unausweichliches Todesurteil. Gehirntumor, schrie es in ihm, aus, vorbei!
„Sie müssen sich irren!“ Plötzlich ungehalten sprang er so heftig auf, dass der Stuhl hintenüber kippte. Er konnte nicht glauben, was der Arzt eben behauptet hatte – er wollte es auch gar nicht. „Sie müssen ihn mit einem anderen Kind verwechseln! Ich meine, Toby ist jeden Tag an der frischen Luft, er hat Bewegung und…“
„Leider erkranken auch Kinder immer häufiger an Krebs“, entgegnete der Chefarzt besonnen und hob den Stuhl wieder auf. Kurzerhand drückte er Morton darauf zurück. Toby war nicht sein erster Krebspatient und doch war es jedesmal gleich schlimm, wenn er die verhasste Aufgabe zu erfüllen hatte, den Angehörigen die grausame Wahrheit vor Augen zu führen.
„Leider war das noch nicht alles!“ Mit einem tiefen Seufzer lehnte er sich auf den Rand der Schreibtischplatte. „Sind Sie soweit fähig, meinen Worten wieder zu folgen?“, wollte er von Morton wissen.
Langsam hob der junge Mann den Kopf. Leer betrachteten seine hellblauen Augen das runde Gesicht des Chefarztes. Krebs – Gehirntumor – Toby?!
„Ich glaube schon“, hörte er sich leise, undeutlich murmeln.
Doktor Tyrell nickte. Was blieb ihm schon anderes übrig, als ihn gleich noch weiter mit den Tatsachen zu konfrontieren? Ob er es jetzt erfuhr oder später – es würde deshalb nicht leichter für ihn werden.
„Wie Sie selbst sehen können, ist der Tumor bereits recht groß und wir dürfen keine Zeit verlieren, ihn zu entfernen. Noch kann ich Ihnen nicht mit Sicherheit sagen, ob die Wucherung gut- oder bösartig ist. Das lässt sich erst nach der Operation und einer damit gewonnenen Gewebeprobe feststellen. Heraus muss er aber auf alle Fälle, weil er auf wichtige Teile des Gehirns zu drücken beginnt.“
Morton hielt den Atem an, bis er glaubte, zu ersticken. Endlich lichtete sich der Nebel um seinen dröhnenden Schädel und er fühlte sich wieder halbwegs fähig, klare Gedanken zu fassen. Der erste Schock wich einer ungläubigen Nüchternheit, als erzählte ihm jemand ein hässliches Märchen, dessen Ende er überhaupt nicht wissen wollte. Schön, nahm er also an, das, was dieser Arzt eben von sich gegeben hatte, stimmte und Toby litt tatsächlich an einem Gehirntumor. Was bedeutete das dann für den Jungen und welche Auswirkungen hatte es für ihn selbst? Wenn sich der Tumor nun als bösartig herausstellen würde und der Größe nach zu schließen…
„Wie sehen Sie das aus medizinischer Sicht?“, hörte er Ray plötzlich hinter sich fragen. Jetzt war der schwarzhaarige, junge Mann dafür dankbar, sich in solchen Augenblicken soweit unter Kontrolle zu haben, dass er jede Gefühlsregung unterdrücken konnte.
Doktor Tyrell überlegte kurz. „Bei einem gutartigen Tumor“, er schob die Unterlippe vor, „können wir Toby vermutlich nach der Operation bald wieder entlassen. Natürlich nur unter der Voraussetzung, dass der Eingriff ohne Komplikationen verläuft.“ Er brach ab und legte den Kopf in den Nacken, um irgendeinen Punkt an der Decke zu fixieren.
Hastig drehte Morton sich um. Er blickte Ray an, flehend, als könne dieser ihm heraushelfen, aus diesem Alptraum, in den er ohne Vorwarnung hineingeschleudert worden war.
„Ist der Tumor allerdings bösartig…“ Verärgert über seine eigene Unsicherheit schlug Doktor Tyrell sich auf die Oberschenkel. „Dann sehe ich die Prognose leider schlecht. Bei einer solchen Größe dürfte der Tumor mit ziemlicher Sicherheit bereits Metastasen gestreut haben. Natürlich – die Heilungschancen bei Kindern sind im Vergleich zu Erwachsenen recht hoch und wir werden zusätzlich auch eine Chemotherapie einsetzen. Dennoch sollten Sie sich auf das Schlimmste gefasst machen.“ Endlich war es ausgesprochen.
Obwohl Morton mit dieser Antwort gerechnet hatte, wirkte sie wie ein Hieb in die Magengrube. Kraftlos sank er nach vorn. Natürlich, alle hatten sie schon irgendwann, irgendwo einmal etwas von einem Kind gehört oder gelesen, das an Krebs erkrankt war. Aber das waren doch immer nur die anderen gewesen, die er gar nicht kannte! Er hatte Mitleid empfunden, solange er es vor Augen gehabt hatte und danach vergessen. Und jetzt? Gott im Himmel – das schien geradezu absurd! Es gab da nur noch einen Punkt über den er Gewissheit haben musste, wenn er jemals wieder eine Nacht lang durchschlafen wollte. Und Morton wusste, wenn er eine ehrliche Antwort bekommen wollte, musste er den Chefarzt jetzt und sofort darauf ansprechen. Später würde er vielleicht nicht mehr fähig sein, diese Frage überhaupt zu stellen.
„Bitte…ich möchte, dass Sie mir die Wahrheit sagen: Wie lange noch?“
Mitfühlend sah der Chefarzt ihn an. „Ich gebe keine Schätzungen ab, solange ich nicht weiß, ob der Tumor gutartig ist oder nicht.“
„Wie lange noch?!“
„Ich werde Ihnen keinen Zeitraum nennen zum jetzigen Stand…“
Morton verzog den Mund. Vermutlich würde es gleich noch härter für ihn kommen: „Und jetzt erzählen Sie mir bloß, dass Toby bessere Überlebenschancen hätte, wenn der Tumor früher entdeckt worden wäre!“
„Natürlich!“, versicherte der Chefarzt prompt. „Je früher, desto besser! Wie bei den meisten Dingen im Leben…“
Es war seine Schuld, ganz allein seine eigene Schuld. Er hatte nicht auf Hank gehört und ihm selbst waren Tobys Schwindelanfälle zwischen streikenden Autos, defekten Wasserpumpen und nicht stimmigen Monatsbilanzen, unter denen rote Zahlen standen, noch nicht einmal aufgefallen. Wie erschlagen legte der blonde, junge Mann sich die Hände vors Gesicht.
„Solange ein Tumor sich noch im Anfangsstadium befindet, streut er häufig keine Metastasen!“ Sacht tippte der Chefarzt ihm auf die Schulter. „Warten wir doch erst einmal die Operation ab, dann sehen wir weiter.“ Er bemühte sich, ein zuversichtlich aussehendes Lächeln zustandezubringen. „Wenn Sie möchten, können Sie jetzt zu ihm.“
Dankbar stieß Ray sich vom Türrahmen ab. Raus hier! Seine Beine fühlten sich weich und schwach an und er trat zwei unsichere Schritte beiseite, als Doktor Tyrell ihnen die Türe öffnete.
„Gleich zwei Zimmer weiter rechts. Er wartet schon, seit ich ihm gesagt habe, dass Sie da sind.“
Morton nickte. „Danke, Doktor.“
Der Lärm und die Menschen im langen, verwinkelten Flur erschienen ihm plötzlich unerträglich laut und der Geruch des Desinfektionsmittels drehte ihm fast den Magen um. Die Tür zum Büro des Chefarztes schloss sich leise hinter ihnen.
„Komm!“ Er spürte, wie Ray ihn sacht, aber unnachgiebig vorwärtsschob.
„Warte!“ Morton drückte ihn zurück. Gläsern ruhten seine hellblauen Augen auf dem anderen, jungen Mann. „Hast du das eben auch gehört? Ich meine, das mit dem Gehirntumor. Hat er wirklich Gehirntumor gesagt?“
Ray biss die Zähne zusammen. „Ja“, raunte er leise, wobei seine tiefe, rauchige Stimme leicht bebte.
„Schade.“ Ein bitteres Lächeln spielte um Mortons Lippen. „Ich hatte gehofft, es handle sich doch nur um eine Wahnvorstellung.“
„Toby wartet!“, stieß Ray eindringlich hervor und packte Morton erneut. Er konnte jetzt nicht darüber sprechen, noch nicht gleich. Erst musste er selbst lernen, damit irgendwie klarzukommen.
„Nein!“ Morton wehrte sich. „Ich kann da jetzt nicht hineingehen!“
„Was?!“
„Du hast mich schon richtig verstanden! Ich gehe da jetzt nicht rein!“
Fassungslos schnappte Ray nach Luft. Was, um alles in der Welt, war bloß in Morton gefahren?
„Jetzt hör mir mal zu!“ Er versetzte dem Rancher einen harten Stoß gegen die Brust. „Toby hat von nichts eine Ahnung! Wie willst du ihm erklären, dass wir einfach wieder weggefahren sind? Du weißt, wie sehr es ihn verletzen würde, wenn wir das tun!“
„Ich bin für Toby verantwortlich!“, brauste der blonde, junge Mann zornig auf. „Ich ganz allein!“
„Eben!“ Ray schlug ihm mit der Hand so hart auf den Rücken, dass er zwei Schritte vorwärts taumelte. „Dann benimm dich auch so! Los jetzt! Er hat niemanden mehr außer dir!“
Beschämt senkte Morton den Kopf. Ray hatte ja ganz recht, er reagierte feige und verantwortungslos. „Manchmal wünschte ich, es wäre nicht so!“
Er sprach so leise, dass Ray ihn kaum verstehen konnte, doch er begriff. „Jeder von uns muss einmal über seinen eigenen Schatten springen.“
Mit einem sonderbaren, fast befremdeten Ausdruck im Gesicht starrte Morton ihn an, ehe er an ihm vorbeitrat, zu der Zimmertür, die Doktor Tyrell ihnen beschrieben hatte.
Die fliederfarbenen Jalousien waren zur Hälfte heruntergelassen. Dafür brannte das blasse Neonlicht an der Decke, was den Behandlungsraum noch kälter und abweisender wirken ließ, als er es mit seinen weißen Wänden ohnehin schon war. Zaghaft, sich genau umschauend, betrat Morton das kurze, mit vielen, eigentümlichen Apparaten ausgestattete Zimmer. Ein Schauer überlief ihn, als er in der Mitte das einzelne, viel zu groß erscheinende Bett stehen sah.
„Mort!“, erklang eine schwache, piepsende Stimme unter der dünnen, weißen Bettdecke hervor, kaum, dass sich die Türe mit einem leisen Klicken schloss.
„Toby!“ Er eilte an das Bett. Vorsichtig beugte er sich über seinen kleinen Bruder. „Meine Güte! Was machst du denn für Sachen?“ Zärtlich strichen seine ölverschmierten, rauen Finger die braunen, zerzausten Haarsträhnen aus der Stirn des Jungen.
„Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte!“ Toby wollte sich aufrichten, doch Mortons kräftige Hand drückte ihn zurück in das Kissen. „Noch hat der Doktor dir dazu keine Erlaubnis gegeben!“
„Es geht ihm zumindest schon wieder so gut, dass er gleich die Flucht antreten will“, witzelte Ray unbeholfen vom Bettende her. Gequält versuchte er ein Lächeln. Immer wieder erschien die Röntgenaufnahme vor ihm, der Fleck darauf, so unscheinbar und doch entscheidend über Leben oder Tod.
„Du bist auch hier?“ Verblüfft zog Toby die Brauen hoch.
„Was dachtest du denn?“ Scheinbar schmollend stemmte der schwarzhaarige, junge Mann die Arme in die Hüften. „Wir haben sofort alles wegen dir stehen- und liegengelassen, als Doktor Wilcox angerufen hat!“
„Oh, gut! Dann kann ich ja gleich wieder mit nach Hause!“ Erleichtert atmete Toby auf. Nur weg, raus! Wie erschreckend und angsteinflößend hier alles wirkte. Fast die gesamte Einrichtung bestand aus Plastik oder glänzendem, silbernen Metall; sie war kalt oder glitschig oder stank nach scharfen Medikamenten. Und dann diese Schwestern und die Ärzte, die alle an ihm herumfummelten und scheinbar nichts Besseres zu tun hatten, als sich aufs Genaueste mit seinem Körper zu befassen, der ganz allein ihm gehörte und sonst niemandem.
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