Kitabı oku: «Der Ruf des Kojoten»

Yazı tipi:

Regan Holdridge

Der Ruf des Kojoten

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Der Ruf des Kojoten

Prolog

Gegenwart

1952 – 53

Gegenwart

1967 – 69

Der Sommer des Jahres...

Strömender Regen...

Stacy klopfte...

Bereits seit einigen...

Krieg

Langsam zog...

Gegenwart

1972 – 75

In dieser Nacht...

Im warmen Schein...

Das folgende Frühjahr...

Die schweren Regentropfen...

Die warme Junisonne...

Gegenwart

1981

Gegenwart

1988 – 89

Die Schneeflocken...

Gegenwart

Epilog

Impressum neobooks

Der Ruf des Kojoten

Regan Holdridge

Der Ruf des Kojoten

Texte: © Copyright by Regan Holdridge

Herausgeber:

Regina Honold

Alpenstr. 24a

87760 Lachen

autrice.blog@gmail.com

www.autrice.art

In liebevoller Erinnerung an einen schwarzhaarigen Cowboy,

der geradewegs durch mein zartes, zehnjähriges Herz geritten kam,

um mir Werte wie Freundschaft, Respekt, Loyalität

und die Bedeutung von Träumen zu vermitteln.

Ohne ihn würde ich heute nicht hier sitzen,

um eine Geschichte zu schreiben,

denn einen Teil meines Herzens

hat er damals behalten.

Dieses Buch ist für ihn.

Prolog

Cast your eyes to the ranch house,

Cast your eyes to the prairie,

when a coyote is howling,

please, remember thee!

Richte deinen Blick auf das Ranchhaus, richte deinen Blick auf die Prärie, wenn ein Kojote heult, bitte, erinnert euch – Auszug aus dem Gedicht eines unbekannten Verfassers aus dem 19. Jahrhundert.

Er streckte die Hand aus und berührte den braunen, abgegriffenen Lederumschlag – ein Familienerbstück, so alt wie diese Ranch, begonnen im Jahr 1861, an dem Tag, an dem Hiram McCullough die Pfosten in den Boden gerammt hatte, um damit seinen Claim, seine Parzelle, abzustecken und das Land für sich zu beanspruchen. Er hatte eine gute Wahl getroffen – der Boden war saftig und fruchtbar und im Laufe der Jahre und Generationen hatte sich die Ranch vergrößert, war gewachsen und vom Vater dem Sohn übergeben worden – beinahe, wie es bei ihnen sein würde, wenn er eines Tages fortgegangen war, jedoch, nur beinahe.

Seine blauen Augen wanderten zu dem großen, verblichenen Schwarzweißfoto auf dem Kaminsims – es stand schon seit Ewigkeiten dort, so lange, dass er sich nicht mehr an die Zahl der Jahre erinnern konnte. Er wusste, dass auf der Rückseite ein Datum notiert war, der Tag der Aufnahme, viele Jahrzehnte, lange vor diesem heutigen Tag. Damals, als er noch jung gewesen war und vor Energie und Kraft gestrotzt hatte.

Bedacht schlugen seine Hände das Album auf. Die Seiten waren verblichen, zerknittert vom unzähligen Blättern und Anschauen, Ergänzen und Hinzufügen von Daten und Namen, die in ihrer Familienchronik eine Rolle gespielt hatten. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Fast glaubte er, die Stimme seiner Schwester zu hören, die jetzt sagen würde: „Schau nicht zurück auf das, was vorbei ist! Wir sind nie eine richtige Familie gewesen und ich...ich habe auch nicht gerade meinen Teil dazu beigetragen, dass wir es werden. Also, schau nach vorn und lass das Vergangene hinter dir!“

‚Genauso wenig habe ich dazu beigetragen‘, sagte eine Stimme in ihm und er schlug die nächste Seite um. Seine blauen Augen flogen über die Zahlen hinweg, die Namen, die Stammbäume – bis zum heutigen Tag, penibel notiert und für die Nachwelt hinterlassen – dort stand sein Name, die seiner Geschwister und darüber...er schluckte, die Sicht verschwamm unter den Tränen, die ihm in die Augen schossen und er konnte nicht verhindern, dass eine davon auf seinen Handrücken hinabtropfte.

Durch das offene Fenster des Arbeitszimmers drang der starke, durchdringende Geruch der braunen Farbe herein, die er zwei Tage zuvor an die Außenfassade gestrichen hatte. Hämmern erklang von irgendwoher und laute, vertraute Männerstimmen – sie schienen sich uneinig über etwas zu sein.

Er richtete sich auf und trat ans Fenster, vor dem der zartgelbe Rosenstrauch blühte. Sein Blick wanderte hinauf zu dem kleinen Wäldchen am oberen Rand des Hügels, wo er unter den ausladenden Zweigen der über hundertjährigen Fichten und Pinien die Gräber seiner Familie wusste. Auch sie existierten bereits seit einem Jahrhundert und mehr und jetzt, da er hinüberschaute und sich ihre Existenz ins Bewusstsein zurückrief, überkam ihn die Wucht der Wahrheit: Alles hatte seinen Anfang und sein Ende, seinen Sinn und seine Berechnung. Es gab ein Morgen und ein Übermorgen, von dem niemand wusste, was darin geschehen würde, welch unerwartete Vorfälle ihn übermannten und erdrückten. Nur vom Gestern konnte er sagen, ob es richtig oder falsch, schön oder hässlich gewesen war und daraus schöpfte er seinen Mut. Das Gestern, das schon Jahre zurücklag und doch immerfort in ihm allgegenwärtig war. Diese Unrast, die in ihm brannte, genau wie in seinen Vorfahren, die kam und ging, jedoch nie völlig versiegte. Sie war da und sie war sein Erbe, das er an die beiden jungen Männer weitergeben konnte. Dieses Verlangen und Streben nach Neuem und Schönem, es ließ ihn nicht zur Ruhe kommen, würde es niemals und eines Tages würde er draußen auf der Veranda sitzen und ihnen davon erzählen...

Gegenwart

Als ich die Ranch zum ersten Mal betrat, brannte die Sonne Kaliforniens heiß und unerbittlich auf uns herab.

„Wenn du Recherchen betreiben möchtest, wie es auf einer richtigen Ranch zugeht, dann bist du hier genau richtig“, hatte meine Freundin Myrtle mir erklärt, nachdem ich sie Zuhause, in San Francisco von Deutsschland aus angerufen hatte. „Sie führen die Ranch in der ich weiß nicht wievielten Generation und wenn die dir nichts erklären und zeigen können, dann fällt mir auch niemand ein!“

Für mein neues Buch wollte ich vorher unbedingt eine Weile auf einer Ranch mitarbeiten – gar nicht so einfach, wie sich herausstellte. Von Europa aus hatte ich versucht, jemanden ausfindig zu machen, der mir eine Möglichkeit bot, hautnah dabei zu sein. Ich wollte die Realität kennenlernen, nicht die romantische Vorstellung, die sich durch zu viele Stunden vor dem Fernsehgerät meiner Großeltern eingebrannt hatte. Die erste Ernüchterung folgte auf dem Fuß, als ich – abgesehen von herkömmlichen Touristenranches – niemanden auftreiben konnte, der bereit war, eine ahnungslose Deutsche bei sich aufzunehmen und ihr die Grundlagen des Rancherdaseins zu offenbaren. Ich wollte jedoch nicht irgendwo auf eine Ferienanlage, wo unzählige Leute umherrannten, die tatsächlich vorher noch niemals ein Pferd gesehen hatten. Ich konnte reiten und das nicht einmal ganz schlecht, ich war auf dem Land groß geworden, besaß landwirtschaftliche Grundkenntnisse und sah mich durchaus in der Lage, bei entsprechend harter Arbeit zuzupacken. Doch erst der Anruf bei meiner Freundin Myrtle brachte die Lösung.

„Ich bin beruflich doch sowieso ständig mit irgendwelchen Cowboys unterwegs! Warum fragst du eigentlich nicht gleich?“

Ein wenig kleinlaut musste ich zugeben, dass ich zunächst gar nicht auf den Gedanken gekommen war. So setzte ich mich also eines sonnigen Frühsommertages in den Flieger mit dem Endziel San Francisco und freute mich auf hoffentlich äußerst erlebnisreiche drei Monate irgendwo im Nichts der dortigen Wildnis. Der Flug selbst gestaltete sich als Herausforderung, da ich nicht an Reisetabletten gedacht hatte und nach vierzehn Stunden Dauerübelkeit meine Gedärme kräftig zu rebellieren begannen. Mit zittrigen Knien und einem brennenden Gefühl oberhalb des Bauchnabels verließ ich die Gepäckabfertigung, selten so glücklich, wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren.

Myrtle holte mich vom Flughafen ab. Wir verbrachten zuerst noch einige Tage bei ihr in San Francisco, wo sie mir jeden Tag andere Sehenswürdigkeiten und Museen zeigte. Wir besuchten eine Vorstellung in einem alten Kino aus den 50er Jahren, die nur Streifen aus der goldenen Nachkriegsära zeigten. An diesem Abend ritten die glorreichen Sieben in Übergröße an uns vorbei – was für ein Unterschied zu dem kleinen Fernsehbildschirm Zuhause! Horst Buchholz, mein Landsmann, damals noch jung und schön, neben dem nicht minder attraktiven, glatzköpfigen Yul Brynner. Mir wäre die Entscheidung zwischen den beiden schwergefallen.

Schließlich kam der Tag, an dem ich von Myrtles Haus auf die Ranch ziehen sollte. Ich hatte in der Nacht zuvor kaum schlafen können und ständig verfolgte mich das Gefühl, irgendetwas in Deutschland vergessen zu haben, was ich nun dringend brauchen würde. Mein dickes, noch fast leeres Notizbuch und mehrere Kugelschreiber lagen bereit. Die ersten Seiten hatte ich mit allerlei Informationen aus dem Wells-Fargo-Museum bekritzelt. Nun wollte ich auch noch auf einer Postkutsche mitfahren, was bei Myrtle lediglich Kopfschütteln auslöste.

„Davon kann ich dir keine besorgen. Die fahren nicht mehr und die paar wenigen, die noch irgendwo herumgeistern, sind maximal im Schritt unterwegs für die Touristen, aus Sicherheitsgründen.“

„Mist! Ich wollte unbedingt einmal wissen, wie das ist, wenn man da oben im Galopp mitfährt.“

Myrtle starrte mich einen Moment an, als hielte sie mich für verrückt.

„Damit du dir den Hals brechen kannst? Nein, nein! Ich werde dafür sorgen, dass du heil und gesund nach deinem Abenteuer da draußen wieder zurückfliegen kannst! Deine Familie köpft mich sonst!“

„Ach, Unsinn! Die kennen mich! Die würden dir nie die Schuld dafür geben, wenn ich von einer Postkutsche falle!“

„Dann kann ich mich ja mal erkundigen...“

Ich schlurfte meinen Kaffee, während meine Freundin vier Toastscheiben im Toaster versenkte.

„Ich sollte dich vielleicht lieber gleich vorwarnen...“

„Wozu? Ich kann mich im Sattel halten, auch auf verrückten Pferden. Ich habe weder Angst vor Rindviechern, noch vor Grizzlybären oder Pumas, auch nicht vor Spinnen, Mäusen oder anderem Viechzeug. Und schießen lernen wollte ich schon lange!“

„Davon bin ich ausgegangen. Nein, das ist nicht der Punkt. Es geht um einen der Juniorrancher dort.“

„Was ist mit ihm?“

„Nun ja, du musst wissen, er ist einer der begehrtesten Junggesellen weit und breit. Alle Frauen in der Gegend sind hinter ihm her!“

Ich prustete in meinen Kaffee und verschüttete dabei die Hälfte über den ganzen Tisch. „Du willst mich nicht ernsthaft wegen eines Mannes warnen?!“

Myrtle fummelte an ihrer zerknüllten Serviette und tunkte damit den verschütteten Kaffee auf. „Nur zu deiner Sicherheit! Du bist ja bloß ein paar Monate hier und ich will nicht, dass du in irgendetwas hineingerätst...“

Ich beugte mich ein wenig nach vorn, näher zu meiner Freundin, die sich eifrig bemühte, den Toaster zu bedienen. „Glaub mir, nach dem, was ich mit Männern hinter mir habe, werde ich ganz sicher kein weiteres Mal so dumm sein!“

„Ja, ich weiß. Ist die Scheidung schon durch?“

„Bedauerlicherweise nein.“ Ich schenkte mir neuen Kaffee ein. „Jedenfalls habe ich nach diesem Desaster verstanden, dass man als Frau nur alleine durchs Leben kommt, garantiert nicht mit einem Klotz wie einem untreuen Mann am Bein.“

„Na, es gibt ja auch Klötze, die nicht nur dein Geld ausgeben und dich als Sklaven halten wollen...“

„Vielleicht, aber ein zweites Mal werde ich das Risiko trotzdem nicht eingehen, wieder an eine solche Pfeife zu geraten.“ Ich schnaufte zornig, in Erinnerung an meine Ehe – die bislang einzige Entscheidung, die ich in meinem Leben bereute und das ziemlich bitter. „Von daher ist es mir gerade recht, wenn dieser Rancher so ein Frauenschwarm ist. Damit kommt er noch nicht einmal in den Dunstkreis der näheren Auswahl!“

Die endlose Straße schlängelte sich über flaches Land und sanfte Hügel, an Wäldern vorbei und über die Brücke eines schmalen Flusses. Ein Stück danach bog Myrtle rechts in einen ungeteerten Weg ab, der uns noch einmal über weite Wiesen brachte, bevor er nach einem Wäldchen scharf rechts abbog. Wenige Meter entfernt erhob sich ein niedriges, langes Holzgebäude. Dahinter stand ein weiteres, jedoch wesentlich größeres und im rechten Winkel dazu befand sich eines, das offensichtlich das Wohngebäude sein musste. Zu dessen linker Hand entdeckte ich eine schmale, einstöckige Holzhütte, die wie ein zu groß geratenes Gartenhaus wirkte und zu dessen Eingangstür jetzt ein junger Mann heraustrat. Ich rutschte schon seit einigen Meilen ungeduldig auf dem Beifahrersitz hin und her.

„Ah“, machte Myrtle und lächelte. „Als hätte er uns kommen hören!“

Ich ließ meinen Blick über die Gebäude gleiten. Sie waren von dunkler, abgewaschener Farbe, genau wie ich es mir immer ausgemalt hatte. Ich seufzte zufrieden. Es kam mir überhaupt nicht vor, als würde ich einen fremden Ort betreten. Etwas Vertrautes umgab das Gelände, als wäre ich schon einmal hier gewesen.

Myrtle parkte ihren Wagen neben dem Ranchhaus und gab mir einen Wink, während sie selbst bereits die Türe aufstieß.

„Randy!“ Ihre Stimme hallte über den Hof.

„Grüß dich, Myrtle!“ Er schlenderte auf seinen schlanken Beinen und der dazugehörigen, schlaksigen Figur zu uns herüber, die Hände in den Hosentaschen seiner schmutzigen Bluejeans vergraben und lachte. Er mochte höchstens Anfang zwanzig sein. Sein halblang geschnittenes Haar war von undefinierbarer Farbe, von haselnussbraun über dunkelbraun mit hellen Strähnen, alles ineinander gemischt.

Höflich erlaubte er meiner Freundin, uns miteinander bekanntzumachen und ratterte in kaum verständlichem Cowboy-Kauderwelsch einen Begrüßungsspruch herunter. Dabei hatte ich Zuhause noch alle Westernserien extra im Original auf Englisch geschaut, um auch gut gewappnet zu sein! Ich verstand kein Wort.

„Du musst ein bisschen Geduld mit ihr haben“, erklärte Myrtle und lachte. „Sie tut sich noch ein bisschen schwer mit unserer Sprache.“

„Oh, tut mir leid!“ Der junge Mann schaute ein wenig ratlos und nach einem kurzen Moment des Schweigens deutete er hinter sich, auf das Wohnhaus. „Es ist leider keiner da. Tante und Onkel sind beide in die Stadt zum Einkäufe erledigen und mein Bruder ist draußen, bei den Rinderherden.“

„Pech gehabt, aber macht ja nichts! Ich kann ihr doch trotzdem gleich alles zeigen?“

„Klar! Du kennst dich ja aus!“ Randy lachte wieder, von einem Ohr zum anderen, wobei er eine Reihe gerader, weißer Zähne zeigte. „Ihr müsst bloß ohne mich auskommen. Ein paar der Schulpferde brauchen neue Eisen und um fünf muss ich Reitstunden geben.“

„Natürlich! Wir wollen dich keinesfalls von der Arbeit abhalten!“

Der junge Rancher entfernte sich, eine Melodie pfeifend, in Richtung der großen, braunen Scheune, deren doppelflügliges Tor weit offenstand und den Blick in ein sauberes, aufgeräumtes Inneres freigab. Meine Augen wanderten umher. Die Welt hier schien auf eigentümliche Weise stehengeblieben zu sein. Nichts erinnerte an den Lärm und die Hektik von San Francisco mit all seinen vielen Menschen. Das hier war anders, völlig verschieden von dem, was ich jemals zuvor erlebt hatte. Erinnerungen drängten sich in mein Gedächtnis: Bilder von einem kleinen Mädchen, das in der Stube des alten Bauernhauses zusammen mit ihrem Großvater auf einem durchgesessenen Sofa hockte. Es roch nach vielen Jahren Geschichte in sämtlichen Räumen des alten Gemäuers, dessen Ställe längst leerstanden und in denen sich Gerümpel, Brennholz und diverse Werkzeuge sammelten. Das Klappern von Omas 50er-Jahre-Nachkriegsgeschirr drang durch den Flur bis in die Stube, wo soeben der magische Knopf von Opas starkem Daumen gedrückt wurde. Das Bild des altertümlichen, mächtigen Fernsehgeräts, das andere Leute längst auf den Sperrmüll geworfen hätten, flackerte und ab und an – wenn nur der Ton zu hören war – brauchte es einen herzhaften Schlag auf das Gehäuse, damit auch ein Bild erschien.

Und dann saßen wir dort, häufig zusammen mit meiner Schwester und warteten darauf, bis die Männer mit ihren breitkrempigen Hüten auf ihren stolzen Pferden über die Prärien des Wilden Westens galoppierten. Von der Broken Wheel Ranch, wo der wilde, schwarze Hengst Fury mit seinem kleinen Besitzer Joey spannende Abenteuer erlebte, hinüber auf die Shiloh Ranch, wo der Virginian und Trampas sich mit Viehdieben herumschlugen und von dort wiederum zum Fuß der blauen Berge, um Slim Sherman und Jess Harper Gesellschaft zu leisten, wenn wieder einmal eine Postkutsche in Schwierigkeiten steckte. Wenn wir gemeinsam darauf warteten, dass endlich die Landkarte entflammte und vier Cartwrights herausgeritten kamen, John Wayne seine Fäuste sprechen ließ oder Winnetou an der Seite seines Blutsbruders für die Gerechtigkeit und das rote Volk kämpfte, dann waren dies die schönsten Erinnerungen an meine Kindheit. Und immer, immer hörte ich dazu Opas tiefe, unverkennbare Stimme: „Jetzt komm, Mädel, mach’ mal lauter!“ Auf der Fernbedienung gingen nämlich die Knöpfe für die Lautsprecher nicht mehr, sodass jemand direkt am Fernseher drücken musste und dieser jemand waren immer wir.

All das zog in diesen Sekunden an meinem geistigen Auge vorbei und ich verspürte das große Verlangen, hier und auf der Stelle weinen zu können, Tränen zu vergießen um die glückliche, sorgenfreie Kindheit, die längst vorüber war und nie zurückkommen sollte. Um die vielen Verwandten, die ich im Laufe der Jahre verloren hatte und mit ihnen all die schönen Erinnerungen an Familientreffen und die unvergesslichen Stunden auf dem Speicher des alten Hofs. Nie wieder war ich danach so glücklich gewesen, wie in diesen Tagen. Vielleicht war auch das der Grund, weshalb die Liebe zum Western, die Leidenschaft für die Pferde und das Reiten und die Sehnsucht nach unendlicher Freiheit bis zu diesem Tage tief in meinem Herzen verwurzelt blieben.

Wenn ich heute eines der Fotoalben aufschlage, muss ich mit Erschrecken feststellen, wieviele der dort abgelichteten Menschen nicht mehr unter uns sind. Hätte ich einen einzigen Wunsch frei gehabt, ich wäre noch einmal zurückgekehrt – zu den Sommern im hohen Gras, zwischen Ameisen, Sperlingen und dicken, summenden Hummeln. Hätte mir noch einmal gewünscht, den Geruch von Opas Pfeife vom lauen Sommerwind zugeweht zu bekommen, wenn er in seinem Bienenhaus saß und damit seine Honigbringenden Insekten einräucherte, um sie daran zu hindern, ihn zu stechen. Sie taten es trotzdem jedesmal... Ich wollte ihn noch einmal schimpfen, seine dröhnende, donnernde Stimme hören, den großen, kräftigen Körper auf der Bank vor dem Kamin in der Stube sitzen sehen, bei seinem abendlichen Bier. Ihn, der für mich immer wie ein Bruder von John Wayne gewesen war, physisch, wie auch in vielen seiner Charakterzüge. Mein Held, mein Beschützer, der wohl wichtigste Mann meiner Kindheit.

„Gefällt’s dir hier?“

Myrtles Stimme riss mich abrupt und brutal aus den Träumereien, die mich die Realität völlig hatten vergessen lassen. „Ja“, hörte ich mich auf Deutsch erwidern und lächelte. „Es ist wirklich schön hier. Genauso, wie ich es mir vorgestellt habe.“

„Komm, ich führ’ dich herum! Du hast ja keine Ahnung von einer Ranch!“

Ich musste beinahe laut auflachen. Oh, ich konnte mir sehr wohl einige Details ins Gedächtnis rufen und außerdem ließen unzählige Werke englischer Literatur über den historischen Wilden Westen die Bretter meiner Bücherregale beinahe durchbrechen.

Myrtle erklärte und erzählte, lief mir voraus und deutete mal hierhin und mal dorthin. Schräg hinter dem Wohnhaus, zwischen einigen Büschen, parkte ein fast vollständig verrosteter Wagen, der auch schon bessere Zeiten gesehen hatte. Auf meine Frage, warum dieser hier immer noch herumstand, anstatt auf den Schrottplatz umzuziehen, zuckte Myrtle gleichgültig die Achseln.

„Die Leute hier sehen das etwas anders als bei euch in Deutschland, weißt du? Hier werden die Autos halt in den Garten gestellt, bis sie sich von selbst aufgelöst haben.“

„Aber das dauert ja Ewigkeiten! Das erlebt ja keiner!“

„In der Regel nicht, nein“, erwiderte meine Freundin trocken. „Aber das macht ja nichts. Wir hatten auch jahrelang so ein Ding hinter dem Haus stehen, bis ich zu meinem damaligen Mann sagte, dass er sich jetzt entscheiden muss: Entweder die Schrottkarre kommt weg oder ich ziehe aus!“

Wir wanderten umher, an Pferdekoppeln und Zäunen entlang, um die verschiedenen Gebäude der Ranch herum und schließlich zurück in den Innenhof. Myrtle schien sehr zufrieden, mir so viel Neues zeigen und berichten zu können. Ich wollte eigentlich noch viel mehr wissen, aber fürs Erste reichte das, was ich erfahren hatte, um wieder mehrere Seiten meines Notizbuches zu füllen.

„Wir können ja in ein paar Tagen mal zusammen hinausreiten und die Wildpferdeherden suchen“, schlug sie, wie beiläufig, vor und zwinkerte mir zu. „Sobald du dich hier ein bisschen eingelebt hast!“

Sie kam häufig hierher, um sich ein Pferd zu leihen und damit durch die Gegend zu reiten, meistens mit irgendeiner ihrer Freundinnen. Auch deshalb war es überhaupt möglich gewesen, mich für eine solch lange Zeit von mehreren Wochen hier unterzubringen. Als Dank und anstelle einer Bezahlung sollte ich dafür im Haushalt und bei allen Arbeiten rund um die Ranch helfen.

Das leise, allmählich näher kommende Klopfen von Pferdehufen, die im Takt des Galopps über die trockene Erde stampften, ließ mich den Kopf zur anderen Seite wenden. Den schmalen Feldweg entlang, der zwischen Wohnhaus und der ersten Koppel hinausführte in die Ebene, kam ein einzelner Reiter auf einem pechschwarzen Pferd daher. Es war viel größer als die anderen, die ich bisher auf der Ranch entdeckt hatte. Es trug seinen schlanken Hals hoch aufgerichtet und sein prächtiger Schweif schwebte hinter ihm her, sodass die seidenen Haare bei jedem Galoppsprung wippten. Mein Herzschlag setzte einen Moment aus.

Niemals, solange ich lebe, werde ich den Anblick des Hengstes und des Mannes vergessen, wie sie gemeinsam, als könnte nichts sie trennen, ruhig und harmonisch den Weg entlang galoppierten. Er saß sicher im Sattel, als hätte er nie etwas anderes getan, immer in der Bewegung des Pferdes, die Zügel locker herabhängend, den Hengst scheinbar mit unsichtbaren Hilfen dirigierend. Über seinen Hosen trug er die typischen, ledernen Chaps mit Fransen an den Seiten, wie Cowboys sie häufig zu tragen pflegen und sein Gesicht wurde von der Krempe seines tief ins Gesicht gezogenen, schwarzen Hutes verdeckt.

Als er näher kam, zügelte er sein Pferd mühelos und ließ es auf uns in ruhigem Schritt zukommen. Noch immer war ich völlig eingenommen von der Erscheinung – mein Kindheitstraum vom schwarzen Hengst stand mit einem Schlag leibhaftig vor mir. Der Mann tippte mit zwei Fingern an die Krempe seines Hutes und lächelte, als er Myrtle erkannte.

„Grüß dich! Ich fürchte, du bist umsonst gekommen!“

„Randy hat mich schon informiert, dass alle ausgeflogen sind!“ Myrtle lachte und hielt sich die Hand über die Augen, zum Schutz gegen die blendende Sonne.

„Apropos – wo steckt der überhaupt?“ Suchend schaute der Reiter sich um.

„Er wollte ein paar Pferde beschlagen“, erinnerte sich Myrtle und deutete auf mich, die regungslos zwei Schritte hinter ihr verharrte. „Das ist übrigens meine Freundin aus Deutschland, die die nächsten Wochen bei euch bleibt.“

„Ah, richtig! Die bei uns lernen soll, was es heißt, anständige Arbeit zu verrichten!“ Ein breites, amüsiertes Grinsen breitete sich auf dem braungebrannten Gesicht aus. „Das kann noch spannend werden!“

Ich spürte, wie mein Temperament in mir aufflammte, ungehalten und wie so häufig auch unkontrollierbar. Anständige Arbeit verrichten! Aha! Der gnädige Herr glaubte wohl, irgendso ein Püppchen vor sich zu haben!

„Danke!“, knirschte ich zwischen zusammengebissenen Zähnen. Was für eine Unverschämtheit, mich gleich mit dem ersten Satz so zu provozieren! „Es ist allerdings sehr spannend für mich! Seitdem ich hier bin, entdecke ich ständig etwas Neues!“

„Das musst du mir bei Gelegenheit näher erläutern!“ Er trieb seinen schwarzen Hengst wieder an. „Leider habe ich jetzt überhaupt keine Zeit! Entschuldigt mich, aber ich hab’ noch eine Menge zu tun!“

„Oh, warte bitte einen Moment!“ Myrtle eilte ihm hinterher, sodass er sich schon fast gezwungen sah, erneut durchzuparieren. Ein wenig genervt schaute er auf meine Freundin hinab. „Nachdem gerade sonst niemand hier ist, um ihr zu zeigen, wo sie wohnen wird und so weiter...nun ja, dein Bruder ist ja beschäftigt und deshalb...“

„Deshalb dachtest du“, fiel der Rancher ihr ahnungsvoll ins Wort, „dass ich das ja erledigen könnte.“

„Ja, genau! Und dann kannst du ihr ja auch gleich zeigen, wo sie loslegen soll.“

Seinem Gesichtsausdruck nach zu schließen, hätte er Myrtle am liebsten erzählt, dass sie sich zum Teufel scheren solle. Doch stattdessen riss er sich, ganz Gentleman, zusammen und brachte sogar eine Art Lächeln zustande, als er erwiderte: „Das mit der Unterkunft musst du mit meiner Tante bereden, das ist ihre Zuständigkeit. Und wegen der Mithilfe...na ja...“ Sein Blick wanderte mit einer Mischung aus Zweifel und unverhohlener Abneigung an mir auf und ab. „Weißt du, ganz ehrlich, mit diesen Touris und ihren sogenannten Erfahrungen in Sachen Umgang mit Pferden hab’ ich ehrlicherweise ziemlich die Schnauze voll. Aber nachdem mein Onkel noch der Boss hier ist und es für eine großartige Idee hielt, sich auf deinen Vorschlag einzulassen...warte einfach, bis er hier aufkreuzt. Ich bin sicher, er hat noch mehr famose Ideen in petto!“

Myrtle bedankte sich herzlich und versprach, genau dies zu tun, woraufhin der dunkelhaarige Mann sich auf seinem Rapphengst entfernte. Es war offensichtlich, dass er mich nicht länger und öfter als nötig antreffen wollte. Das waren ja heitere Aussichten! Entschuldigend zuckte meine Freundin die Schultern.

„Nimm es nicht so ernst. Er ist ein bisschen schwierig ab und an, aber das täuscht. Das sind bloß seine Launen. Im Grunde genommen ist er ein sehr anständiger und feiner Mensch.“

„Ach ja?! Davon merkt man auf den ersten Blick nicht allzu viel!“, knurrte ich beleidigt und machte ein finsteres Gesicht dazu. Ich hatte mich so sehr auf meinen Aufenthalt auf der Ranch gefreut und dann tauchte ausgerechnet ein solches Exemplar von Mann auf und wollte mir alles vermiesen! Kam daher geritten, als fände er sich unwiderstehlich – was er vermutlich auch tat – und benahm sich auch noch wie ein arroganter Schnösel! Was fiel diesem Kerl eigentlich ein?! Der würde mich schon noch kennenlernen! Ich stammte nicht umsonst aus einer Linie von starken, eigensinnigen Frauen! Von wegen keine Stallarbeit erledigen können!

„Du siehst aus, als hättest du vor, ihn gleich zu erschießen!“ Myrtle zerrte an meinem Arm. „Nimm es ihm nicht übel und tu’ mir den Gefallen und leg’ dich nicht gleich mit ihm an. Komm, wir gehen rüber zu Randy und warten dort, bis der Rest der Familie auftaucht. Er kann dir vielleicht gleich ein bisschen etwas darüber erzählen, was sie so mit dir vorhaben.“

„Von mir aus.“ Ich stapfte noch immer aufgebracht hinter meiner Freundin her. Dem würde ich es schon zeigen!

„Na, wenigstens muss ich mir jetzt schon keine anderweitigen Sorgen machen!“ Myrtle atmete auf. „Das hätte mir gerade noch gefehlt, dass du dich in einen Rancher verliebst! In den heißbegehrtesten Junggesellen in der ganzen Gegend noch dazu!“

„Keine Ahnung, wie er zu dem Titel überhaupt kommt“, schnaufte ich und wusste gar nicht, weshalb ich eigentlich so wütend war auf diesen Kerl. Ich kannte ihn ja noch nicht einmal, es konnte mir doch völlig egal sein, was er von mir hielt! Doch meine Gedanken waren wie gefangen von ihm. Das Bild, wie er auf dem rabenschwarzen Hengst den Weg entlang galoppierte, wiederholte sich permanent vor meinem inneren Auge.

‚Kein Wunder, dass die Frauen verrückt nach ihm sind‘, dachte ich und musste grinsen. ‚Kein Wunder...er sieht ja auch aus, wie Adam Cartwright von Bonanza...‘

1952 – 53

Als Byron McCullough an diesem Morgen seine Augen aufschlug, spürte er sofort die klirrende Kälte, die sich im Schlafzimmer festgesetzt hatte und er wusste instinktiv: Es hatte über Nacht geschneit. Er blinzelte, rieb sich die verschlafenen Lider und gähnte, während er sich langsam aufrichtete. Heute war erster Advent und somit Sonntag, was wiederum bedeutete, es war keine Schule. Der zwölfjährige Junge gähnte noch einmal, seine dunklen Augen wanderten hinüber zum Nachtkästchen und zu dem unaufhörlich tickenden Wecker. Er zeigte bereits kurz nach halb acht Uhr; er erschrak. Du liebe Güte! Er hatte ihn nicht klingeln gehört und verschlafen! Ruckartig warf der Junge die Bettdecke zurück und sprang hinüber zum Fenster. Wieso hatte ihre Mutter sie denn nicht geweckt? Sie mussten doch pünktlich zur Kirche fertig sein, sonst tobte Vater wieder!

In dem anderen Bett, am Ende des Zimmers, das er sich mit seinem ein Jahr jüngeren Bruder teilte, rührte sich noch nichts. Byron rannte hinüber, schüttelte ihn durch das Federbett hindurch energisch an der Schulter.

„Mensch, Stace! Wach auf! Wir haben verschlafen!“

Lediglich ein unwilliges Grunzen war die Antwort. Der andere Junge zerrte an der Decke und zog sie sich über die Ohren. Byron verzog das Gesicht. Typisch, sein kleiner Bruder eben! Er wollte sich jedoch den Ärger gerne ersparen, wenn sie wieder einmal nicht rechtzeitig zur Abfahrt bereit, in ihrem besten Sonntagsstaat in der Tür standen, wenn ihr Vater mit dem alten Lieferwagen vorfuhr.

Eilig zog Byron sein kariertes Hemd und seine Bluejeans über und zögerte noch einen Moment, ehe er in die Cowboystiefel schlüpfte. Er wusste, dass seine Mutter es nur ungern sah, wenn er in diesem Aufzug am Sonntag umherlief. Nein, vielleicht gab es noch etwas draußen zu tun, Holz holen oder die Hühner füttern und dabei konnte er sich nun wirklich nicht erlauben, seine beste Kleidung zu ruinieren. Flink knotete er sich das rote Halstuch um und lief den Flur entlang und die Treppenstufen hinab in den Wohnraum des Ranchhauses, in dem er geboren und aufgewachsen war.

„Mom? Pa?“ Auf der untersten Stufe blieb der Junge stehen, niemand antwortete. Er trat zwei Schritte nach vorn, wo zu seiner Linken die Tür zum Arbeitszimmer seines Vaters nur anlehnte. Er stieß sie vollends auf, doch auch hier war alles still und leer.

„Pa? Mutter?“ Seine Eltern mussten doch irgendwo stecken! „Sarah? Charlie?“ Doch auch seine beiden kleinen Schwestern gaben keine Antwort. Vielleicht schliefen sie noch.

Byron begann zu laufen – in die Küche neben dem großen Wohnraum, der die gesamte Westseite des Erdgeschoßes einnahm. Nein, niemand schien hier zu sein. Irgendetwas musste passiert sein! Sie hatten ihn und Stacy nicht geweckt und einfach alleine zurückgelassen!

Hastig rannte der Junge hinaus, unter den Vorbau der Veranda. Der Schnee, der sich vor ihm auftürmte, reichte ihm bis zu den Oberschenkeln und als er die beiden Stufen hinabtreten wollte, versank er fast vollständig darin. Solche Massen erlebten sie hier in der Gegend nur selten. Er ließ seinen Blick noch einmal gründlich über die mächtige Scheune, den Pferdestall, das kleine Bunkhouse – die Unterkunft der Cowboys – und die Koppeln gleiten. Fußstapfen führten vom Wohnhaus bis hinüber zum Pferdestall. Byron seufzte. Ihm war sehr unwohl zumute.

Mit einem Mal erklang das Wiehern eines Pferdes. Byron riss die Augen auf, er kannte diese Art von Wiehern – nur ein Hengst gab es von sich, so tief und laut. Jetzt siegte die Neugier über die Besorgnis. Schnell folgte der Junge dem Trampelpfad durch den Schnee, vorbei an der großen, alten Scheune, um zum Pferdestall zu gelangen. Womöglich war dem Hengst heute Nacht etwas zugestoßen, sodass seine ganze Familie sich jetzt um ihn kümmern musste!

Als Byron durch das angelehnte, doppelflüglige Tor in den hellen, kurzen Stall eintrat, bemerkte er zu allererst den großen, feurigen Rapphengst seines Vaters, der mitten in der Gasse, zwischen den Verschlägen, an einem der Stützpfosten des Daches angebunden stand. Hinter dem Jungen, aus einer der Pferdeboxen, erklang plötzlich das Rascheln von Stroh und Schritte. Byron fuhr herum.

„Na, auch schon wach!“ Lachend wandte sein Vater sich ihm zu, einen Hammer in der Hand und jetzt konnte Byron auch den Grund für die morgendliche Unruhe entdecken: Black Pearl musste über Nacht einige Bretter seines Verschlags weggetreten und sich dabei verletzt haben, denn in diesem Augenblick kam seine Mutter aus der Sattelkammer, den Verbandskasten in der Hand.

„Wo ist deine Jacke? Willst du dir den Tod holen?“, herrschte sie ihn mit strenger Miene an.

„Oh!“, machte Byron verlegen. „Hab’ ich ganz vergessen!“

„Dann sieh zu, dass du wieder ins Haus kommst“, befahl Fey McCullough streng und beugte sich mit vielsagendem Blick über die klaffende Wunde an der Flanke des schwarz-blau glänzenden, edlen Pferdes. „Und auf dem Weg dorthin kannst du gleich Jon Bescheid geben, dass er herkommen und deinem Vater zur Hand gehen soll!“

Byron nickte ergeben. Die lauten Hammerschläge hinderten ihn daran, etwas zu erwidern. Sein Vater fuhr fort, die zerborstenen Bretter notdürftig zu flicken.

„Das muss vorerst genügen. Morgen soll einer der Männer es anständig reparieren.“ Harold McCullough runzelte die Stirn, als er seinen Erstgeborenen noch immer wie hypnotisiert dastehen und glotzen sah. „Was ist, Junge? Hast du nicht gehört, was deine Mutter gesagt hat?“

„Ja, doch, schon“, beeilte Byron sich einzuwerfen und trat zwei Schritte zurück. Er kannte die schnelle Hand seines Vaters nur zu gut. „Soll ich die anderen wecken?“

„Nein“, entschied Fey auf ihre bestimmte, eigensinnige Art und schüttelte den Kopf. Ihr dunkelblondes, langes Haar fiel über die Schultern nach vorn; sie streifte es genervt zurück. Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit, niemals ungekämmt am Frühstückstisch zu erscheinen, schien sie heute noch keine Zeit dazu gefunden zu haben.

„Nein?“, wiederholte Byron, ein wenig ungläubig.

„Nein!“, sagte seine Mutter noch einmal, diesmal ungeduldig. „Wir gehen heute nicht zur Kirche! Ich wüsste auch gar nicht, wie wir dort hinkommen sollten! Bei diesem Schnee kommen wir mit dem alten Klapperwagen gar nicht durch!“

„Oh ja, gut!“ Byron konnte nicht verhindern, grinsen zu müssen. Keine Kirche! Wie herrlich! Und das bei diesem Neuschnee! Da wusste er viel Besseres mit seiner freien Zeit anzufangen, die ohnehin recht knapp bemessen war, als in der Kirche zu sitzen und sich langweilige Predigten anzuhören!

„Ich hole Onkel Jon!“

Mit einem Ruck warf er sich auf dem Absatz herum und verschwand zum Stalltor hinaus.

„Dieser Junge! Aus dem wird noch ein prächtiger Rancher!“ Harold McCullough lächelte zufrieden.

„Meinst du?“, erwiderte seine Frau und es klang beinahe sarkastisch. Ein wenig erstaunt hob er die Brauen, doch sie widmete sich bereits wieder der Wunde des Hengstes, um sie zu reinigen und zu desinfizieren.

Harold McCullough war ein hochgewachsener, kräftiger Mann mit kastanienbraunem Haar und einem wettergegerbten Gesicht, wie es nur jemand besaß, der sein Leben lang draußen, in der freien Natur gearbeitet hatte. Den dichten Schnurrbart trug er meist zu lang, sodass dieser im Takt seiner Worte wippte, wenn er sprach. Harold wirkte auf seine Mitmenschen für gewöhnlich sehr selbstbewusst und unnachgiebig, beinahe hart und dieser äußere Eindruck täuschte nicht. Er gehörte zu den stolzen, schwer arbeitenden Ranchern, die in ihrer Jugend dem rauhen Klima von Wyoming getrotzt hatten. In Kalifornien erging es ihm heute wesentlich besser und es gab für ihn nichts Wichtigeres und Schöneres, als über Kälber, Pferde und die zu erwartenden Ernten bei einem guten Glas Whiskey zu philosophieren. Häufig geschah dies in Gesellschaft der Nachbarrancher oder im Rahmen von Versammlungen des Viehzüchterverbandes in Reno.

Der genaue Gegensatz zu ihm war seine Frau. Fey McCullough reichte ihrem Mann gerade bis zu den Achselhöhlen und besaß einen dünnen, beinahe mageren Körper. Ihr sanftes, hübsches Gesicht verbarg die Härte, die ihrem Charakter entsprach und der nur selten und in der Regel dann, wenn ihr etwas nicht recht war, aus ihr herausbrach. Dafür jedoch wurden diese Ausbrüche von all ihren Mitmenschen umso mehr gefürchtet.

Währenddessen stapfte Byron durch den hohen Schnee hinüber zum Bunkhouse. Seine Faust donnerte gegen die Eingangstür der Unterkunft. „Onkel Jon! Onkel Jon!“

Es vergingen einige Sekunden und allmählich merkte er, dass es doch sehr kalt geworden war über Nacht. Er bibberte, aber er hatte einen Auftrag von seiner Mutter erhalten und den würde er auch ausführen. Er klopfte noch einmal und endlich wurde die Türe von innen aufgezogen. Dahinter erschien ein schlanker, großer Mann mit graumelierten Haaren, das Hemd noch offen und mit schläfrigem Blick.

„Gott, Junge, was soll dieser Lärm schon in aller Herrgottsfrüh?!“ Der Vormann der Coyote Canyon Ranch kratzte sich den Dreitagebart.

„Du sollst sofort kommen! Black Pearl hat heute Nacht seinen Verschlag zusammengehauen und sich dabei verletzt!“

„Ah?“, war die einzige Antwort. Schließlich nickte der Mann und legte seine Hand auf den Kopf des Jungen. „Und du, geh wieder rein, bevor du dir eine Lungenentzündung holst! Ich bin schon auf dem Weg!“

Byron wandte sich dankbar um. Er war froh, wieder ins warme Haus zurückgehen zu können. Eigentlich war Jonathan Sanfors nicht sein Onkel, aber sie alle nannten ihn so. Er arbeitete bereits seit vielen Jahren für ihren Vater und sie wussten nicht, wie es ohne ihn auf der Ranch wäre. Schon von Beginn an hatten sie ihn als eine Art Onkel betrachtet, den es nicht gab in ihrem Leben. Fey besaß keine Geschwister mehr und die Brüder von Harold waren in alle Winde zerstreut. Byron konnte sich kaum an eine Begegnung mit einem von ihnen erinnern. Für ihn, wie für seine Geschwister, war Jon der Ersatz für Großvater, Onkel und all die anderen Verwandten, die sie nicht kannten.

Als Byron das Haus betrat, fand er im Wohnraum seine drei jüngeren Geschwister versammelt. Die vierjährigen Zwillinge weinten und schrien und Stacy tat sein Möglichstes, sie zu beruhigen.

„Na, endlich!“, fuhr er seinen älteren Bruder zornig an, als dieser wieder in der Tür erschien. „Ich dachte schon, ihr seid alle verschollen!“

Byrons Blick verfinsterte sich. „Du wirst es ja wohl noch hinbekommen, zwei kleine Mädchen zum Schweigen zu bringen!“

„Dann mach’ es doch selber!“, rief Stacy aufgebracht und sprang vom Sofa auf, wohin er seine beiden kleinen Schwestern gesetzt hatte. „Ich geh’ mir was anziehen!“

„Klar, hau’ ruhig ab und überlass’ mir mal wieder die ganze Arbeit!“

„Du bist doch eh der Klugscheißer in der Familie!“, schrie Stacy zurück und rannte die Treppe hinauf, so schnell er konnte. Manchmal, da konnte es Byron richtig fertigbringen, dass er ihn hasste.

Den Vormittag verbrachten die Kinder draußen, im Schnee und waren kaum dazu zu bewegen, wenigstens zum Mittagessen hereinzukommen. Wie jeden Tag brachte Fey auch zu Jon und den anderen beiden Männern, die für sie arbeiteten – Bruce und Craig – etwas davon hinüber zum Bunkhouse. Morgen würden die beiden für drei Monate fortgehen. Im Winter über brauchten sie keine zusätzlichen Arbeitskräfte und die Cowboys fuhren entweder nach Hause, um sich dort während dieser Zeit etwas Geld dazuzuverdienen oder sie gingen gleich irgendwo in die nahegelegenen Städte und suchten sich dort übergangsweise Arbeit. Nur Jon blieb. Er hatte keine Familie mehr irgendwo in diesem Land. Er war allein und seine einzige Familie, die er besaß, waren Harold und Fey und deren vier Kinder.

Fey wusste das und deshalb lud sie ihn seit vielen Jahren schon ein, das Weihnachtsfest mit ihnen zu verbringen, seit dem Tag, an dem Harold ihn aus der Stadt mitgebracht und ihn als ihren neuen Vormann vorgestellt hatte. Das war gleich nach dem völlig unerwarteten Unfalltod von Mike gewesen, der die Position vorher innegehabt hatte. Er war an einem sonnigen Frühjahrsmorgen hinausgeritten, um ein paar verschwundene Rinder zu suchen und nicht wiedergekommen. Irgendwann war Harold ihm gefolgt, weil er anfing, sich Sorgen zu machen. Er hatte ihn nur wenige Meilen von der Ranch entfernt gefunden – mit gebrochenem Genick. Sein Pferd stand ruhig, nur ein paar Meter daneben und graste. Mike war ein hervorragender Reiter gewesen und niemand konnte sich erklären, wie er so unglücklich hatte vom Pferd fallen können, dass er dabei genau auf dem umgestürzten Baumstamm gelandet war. Und so kam Jon zwei Wochen später auf die Ranch.

Nach dem Mittagessen stürmten die beiden Jungs wieder hinaus in den Schnee. Die Zwillinge ließ Fey lieber nicht mehr in die Nässe und Kälte. Sie waren mit ihren vier Jahren noch klein und zart und sie wollte nicht riskieren, dass sie sich erkälteten.

Am Nachmittag musste sie Byron und Stacy trennen, die sich in der Wolle hatten. Nun, das war nichts Neues, die beiden stritten sich wegen jeder Kleinigkeit. Eigentlich hatte Fey geglaubt, wenn zwei Brüder nur knapp elf Monate hintereinander geboren wurden, müssten sie glänzend miteinander auskommen. Das war jedoch im Bezug auf ihre Söhne so gar nicht der Fall. Die beiden gerieten aneinander, wann immer sie konnten. Manchmal glaubte Fey, es würde ihnen regelrecht Freude bereiten, auf dem jeweils anderen herumzuhacken und eine Auseinandersetzung zu provozieren. Auch im Pausenhof der Schule waren sie schon einmal so heftig miteinander in Streit geraten, dass es fast in einer Schlägerei geendet hätte und mehrere Lehrer sie trennen mussten.

Meistens vertrugen sich Byron und Stacy bald wieder, doch der Friede währte leider in der Regel nur kurz. Ab und an hegte Fey zwar den Verdacht, dass Byron nicht unbedingt das Unschuldslamm war, das er immer gerne vorgab zu sein. Doch bisher hatte sie noch keine Gelegenheit gehabt, ihn dabei zu ertappen, dass er seinen jüngeren Bruder in irgendeiner Form herausforderte.

Die Tischlampe im großen Wohnraum brannte als einziges Licht. Der festlich geschmückte Weihnachtsbaum stand in der Ecke und verbreitete eine warme, gemütliche Atmosphäre. Feys Platz unter dem Fenster, in dem kleinen, gelben Sessel hatte einige Meter in Richtung der Türe zum Arbeitszimmer verschoben werden müssen, weil die Zweige der prächtigen Tanne zu weit in den Raum hineinragten. Obwohl es noch nicht spät am Abend war, konnte Fey sich nicht mehr auf ihre Stickarbeit konzentrieren. Gedankenverloren starrte sie in das Zimmer hinein, die Umrisse der Möbel verschwammen vor ihren Augen. Als sie damals, vor beinahe vierzehn Jahren hierher auf die Ranch bekommen war, als die junge Frau an der Seite Harold McColloughs, hatte sie nur so gestrotzt vor wild-romantischen Träumen. Sie hatte noch nicht geahnt, dass sie einen Patriarchen geheiratet hatte und ihr Leben von nun an in der Einsamkeit dieser trostlosen Prärie stattfinden würde. Geboren und aufgewachsen im Kreis ihrer Familie in einer Kleinstadt, hatte sie sich eher vorgestellt, wie auf einer Art Südstaatenplantage zu landen, anstatt in diesem mehr schlecht als recht eingerichteten Holzgebäude, das sich mit dem Titel Wohnhaus schmückte.

Zu Anfang war sie schüchtern gewesen, beinahe verängstigt ob all der rauen Burschen, die sie plötzlich umgaben. Die Cowboys und auch ihr Mann waren keine hochgebildeten Plantagenbesitzer, die eine Schule im Osten besucht hatten, wie sie es in „Vom Winde verweht“ gelesen hatte. Sie waren einfache, harte Arbeiter mit eigenem Wortschatz, den sie erst lernen musste und nicht wenige von ihnen konnten weder lesen, noch schreiben. Das brauchten sie auch nicht. Die Hauptsache war, sie konnten Pferde gut zureiten und die Rinder „lesen“, wie sie es nannten, wenn sie deren nächste Reaktion schon im Vorfeld erahnten. Feys Aufgaben bestanden aus der Zubereitung der Mahlzeiten für die Männer und dass sie sich um das Kleinvieh kümmerte, was so am Hof zu finden war, die Hühner und Ziegen und die Hunde, wenn diese nicht gerade mit draußen bei den Rinderherden waren. Oft blieb sie alleine zurück und da sie das Schießen erst mühsam lernen musste, fürchtete sie sich häufig vor Pumas, die im Frühjahr und Herbst aus den Bergen herabkamen und auch einmal versuchten, sich eins der Pferde aus der Umzäunung zu holen. Manchmal weinte sie dann vor Verzweiflung, weil sie niemanden hatte, der ihr zur Hilfe kommen konnte und das einzige, was sie beherrschte war, das Gewehr in die Luft abzufeuern und zu hoffen, dass es genügte, um die Raubtiere von den Zäunen fernzuhalten. Erst im Laufe der darauffolgenden Jahre begann Fey, sich selbst beizubringen, wie man eine Waffe handhabte und ihr blieb genügend Zeit, die Blechdosen von den Baumstümpfen hinter dem Haus zu schießen, während sie alleine auf der Ranch ihr Dasein fristete.

Harold sah es nicht gern, wenn er es mitbekam. Er wollte keine Frau, die sich wie ein Mann benahm. Außerdem war er es gewohnt, dass jeder seinen Kommandos Folge leisteten. Fey allerdings fand irgendwann zwischen ihrer Trostlosigkeit und dem Frust den Mut, sich zu wehren und zu protestieren, wenn ihr etwas nicht passte. Sie merkte bald, dass es Harold nicht gefiel, wenn sie widersprach, doch da sie im weiten Umkreis für einige Jahre die einzige Frau blieb, konnte sie sich durchaus erlauben, ihre Ernüchterung über das plötzliche Erwachen in dieser langweiligen, schnöden Umgebung an ihm auszulassen. Irgendwann fügte er sich und nahm ihre Wutanfälle nur noch gelassen hin. Ihm blieb auch nicht viel anderes übrig, wollte er nicht versuchen, sich irgendwo eine andere Frau zu suchen, die bereit war, dieses eintönige, von Schmutz und Witterungseinflüssen bestimmte Leben mit ihm zu teilen. Viele Rancher in der Gegend suchten vergeblich Jahre nach einer geeigneten Frau und wenn sie dann eine fanden, war sie selten eine außergewöhnliche Schönheit. Von daher durfte Harold sich nicht beschweren. Fey entwickelte im Laufe ihrer Ehe zwar einen ordentlichen Starrsinn, war aber recht hübsch anzusehen und ihre zarte, weibliche Figur entsprach ganz seinem Geschmack. Dass seine Frau womöglich unglücklich sein könnte mit ihrem Leben, mit dem täglichen Trott auf der Ranch, der Ausweglosigkeit, jemals mehr zu erreichen als das, was sie hatten – diese Idee kam Harold nicht in den Sinn. Für ihn gab es nichts Schöneres und Größeres als die Ranch seiner Ahnen fortzuführen und deshalb war ihm der Gedanke völlig fremd, jemand könnte diese Ansicht nicht teilen.

Fey seufzte tief und verbittert. Morgen war Silvesterabend und danach begann das neue Jahr 1953. Zwölf neue, jungfräuliche Monate von denen sie noch nicht recht abzuschätzen wagte, worauf sie hoffen durfte.

‚Vielleicht’, dachte Fey, ‚hilft es ja, wenn ich viel zur Kirche gehe und viel bete. Vielleicht bleibt mir dann noch genügend Zeit...’

Heute Morgen war sie mit Jon in die Stadt gefahren, unter dem Vorwand, sich im Damenmodengeschäft ein bisschen die neuesten Kleider und Mäntel anzusehen. In Wirklichkeit jedoch war sie bei Doktor Milford gewesen. Sie hatte es schon lange geahnt. Es war ein merkwürdiges, bedrückendes Gefühl nun die Bestätigung von einem Mediziner bekommen zu haben. Das Jahr, das auf sie alle wartete, würde nicht leicht werden, aber Fey war fest entschlossen, die wahren Tatsachen vor ihrer Familie und ihren wenigen Freunden zu verbergen und niemandem Kummer zu bereiten. Insbesondere nicht Harold oder den Kindern, die sie so dringend brauchten. Sie wusste, dass sie gebraucht wurde und das war vielleicht das einzige, was sie immer davon abgehalten hatte, nicht irgendwann verzweifelt die Flucht zu ergreifen oder ihrem Leben einfach ein Ende zu bereiten.

‚Nur – was passiert, wenn ich nicht lange genug durchhalte, bis die Mädchen größer sind? Wenn all die Gebete nichts nützen und Doktor Milford rechtbehält?’

Fey schloss die Augen und lehnte ihren Kopf zurück. Ihr Mann – sie hörte ihn in seinem Arbeitszimmer rumoren, die Papiere in Ordnung bringen, wie er es immer nannte. Die Kinder schliefen längst und Fey fühlte sich auch schrecklich müde. Sie beschloss, es wäre vermutlich das Beste, ins Bett zu gehen – ganz gleich, ob sich Harold darüber wunderte. Sie brauchte jetzt einfach mehr Schlaf. Mit einer langsamen, fast schwerfälligen Bewegung legte sie ihre Stickarbeit auf den kleinen Beistelltisch und knipste die Lampe aus. Im Haus war es still, bis auf das Rascheln von Papier aus dem Arbeitszimmer und das bisweilige Husten von Harold. Sie schlich auf Zehenspitzen zur Garderobe und als sie dort ihren Mantel am Haken entdeckte, hob sie ihn kurzentschlossen herunter. Irgendetwas zog sie noch hinaus, in die klare, frische Winterluft, den sternklaren Himmel betrachten und für ein paar Minuten vergessen.

Sie trat hinaus auf die Veranda und lehnte sich schwer gegen einen der Pfosten, die das Vordach stützten. Aus den Stallfenstern fiel Licht auf den Schnee. Jon arbeitete noch. Eines der Pferde hatte sich beim Toben auf der Koppel verletzt und die Wunde musste versorgt werden. Es war immer dasselbe. Jedesmal, wenn sie glaubte, jetzt hätten sie die schlimmste Zeit überstanden, passierte wieder etwas Unerwartetes das sie zurückwarf. In der Vergangenheit waren es missratene Ernten, Rinderseuchen oder Pferdediebstahl gewesen, der nie aufgeklärt wurde. Aber im Augenblick kämpften sie gegen ein ganz anderes Problem, für das es vermutlich keine Lösung geben würde.

Die Stille, die sie umgab, jagte Fey einen Schauer über den Rücken. Sie machte sie verrückt und sie sehnte sich plötzlich schrecklich nach ihren Kindern. Hastig betrat sie das Haus wieder durch die vordere Tür. Harold hatte nichts davon bemerkt, dass seine Frau nach draußen gegangen war und sie beabsichtigte nicht, es ihn wissen zu lassen. Mühsam zog Fey sich am Geländer die Treppe ins Obergeschoß hinauf. Sie brauchte keine Lampe, sie kannte jede Stufe, jede Holzbohle im Schlaf. Sie stellte sich vor, dass es ähnlich sein musste, wenn sie eines Tages sterben würde – dass sie eine Treppe hinaufging und oben warteten ihre Eltern, um ihr die Hand entgegenzustrecken und ihr das restliche Stück hinaufzuhelfen. Vielleicht war diese Krankheit auch ihre Strafe, weil sie so unzufrieden mit ihrem Leben und ihrer Entscheidung war. Hätte sie die Wahl gehabt, Fey wäre längst von hier fort gewesen, irgendwo zurück in einer Stadt und hätte sich eine Stellung gesucht, ganz gleich als was. Nur weg von dieser Ranch und der Knochenarbeit und dem Wissen, dass es bis zum Ende so weitergehen würde.

Der letzte Januartag begann mit Sonnenschein und sehr viel Schnee, der überall um die Gebäude der Ranch und auf den Koppeln glitzerte und funkelte. Die Welt um sie herum wirkte wie eine Märchenlandschaft, ganz rein und klar. In Wirklichkeit jedoch war sie für Fey wie ein Gefängnis, denn mit dem vielen Schnee kamen sie kaum hier heraus; vielleicht morgen, wenn sie Einkäufe erledigen musste.

Besorgt legte sich Jons Stirn in tiefe Falten. Er beobachtete Fey nun schon eine ganze Weile bei ihren Vorbereitungen für das Festtagsessen in der Küche, ohne dass sie ihn bemerkte. Vielleicht bildete er es sich nur ein, doch seit dem Tod ihrer Mutter vergangenes Frühjahr, war sie irgendwie stiller und verschlossen geworden. Sie schien oft gedankenverloren in die Gegend zu starren, ohne etwas davon wahrzunehmen, was um sie herum geschah. Harold schien von den Veränderungen an seiner Frau nichts zu bemerken, für Jon jedoch waren sie nicht zu übersehen. Jetzt, als Fey sich von dem schmalen Tisch neben der Hintertür umdrehte, fiel ihr Blick auf den alten Vormann und Freund. Er war beinahe so lange hier, wie sie selbst. Sie lächelte sanft.

„Probleme?“

„Ich wollte nachsehen, wie weit du mit dem Essen bist.“

„Es ginge schneller, wenn nicht alle zehn Minuten jemand käme und verkündete, er habe Hunger!“

Jon seufzte ungeduldig. Er war schlecht im unsinnige Reden halten. „Wie geht es dir, Fey?“ Er wusste, dass sie ihm nicht ehrlich antworten würde, aber auf irgendeine Art musste er versuchen, an sie heranzukommen. „Ich meine, wie fühlst du dich wirklich?“

„Gut“, antwortete Fey prompt und nickte heftig, doch ihre blauen Augen blieben trüb und ausdruckslos, ohne Licht. „Es geht mir sehr gut.“

Jonathan erwiderte nichts. Es war eine Lüge und er wusste es, doch er wusste auch, dass er kein Recht besaß, sie mit weiteren Fragen zu drangsalieren. Er war nur der Vormann, der sich als Freund der Familie fühlte, nichts weiter. Langsam wandte er sich ab und verließ das Wohnhaus über die Veranda.

Am nächsten Tag waren die Schneemassen vom Winterdienst so weit von den Straßen geschoben worden, dass ein Versuch gewagt werden konnte, mit dem Lieferwagen in die Stadt zu fahren. Jon übernahm die Aufgabe, eine neue Ladung benötigter Lebensmittel zu holen. Die Straßen der Stadt waren schmutzig und nass, weil der Schnee dort bereits taute oder von den Reifen der Räder platt gedrückt wurde. Die Fahrt war ein kleines Abenteuer gewesen und mehrmals wäre er fast steckengeblieben, weil die Nebenstrecken nicht gut geräumt waren. Ächzend kletterte Jonathan aus dem alten Lieferwagen. Sein Kreuz machte ihm heute wieder einmal besonders schwer zu schaffen, das war dieses merkwürdige Wetter, die Kälte und der Schnee. Er fluchte leise.

„Ah! Schön, Sie wieder einmal zu sehen, Jon!“, erklang in derselben Sekunde eine Stimme hinter ihm, die ihn erschrocken zusammenzucken ließ.

Der Vormann wirbelte herum. Vor ihm stand Doktor Frederik Milford, der Allgemeinarzt, der in Quincy seine Praxis betrieb. Der einzige Mediziner in einem weiten Umkreis, der aufgrund dessen immer auf dem Sprung zu seinen Patienten war und auch jetzt in Eile zu sein schien. Auf dem sich lichtenden braunen Haar trug er einen schicken Hut, der ihn mit seiner runden Brille wie einen Oststaatler wirken ließ. Die tiefliegenden, dunklen Augen hinter den dünnen Gläsern wirkten müde und erschöpft, beinahe ausgemergelt.

„Wie geht es Ihnen?“ Aufrichtig erfreut schüttelte Doktor Milford dem anderen Mann die Hand. „Und vor allem: Wie geht es Mrs. McCullough?“

„Oh, danke der Nachfrage! Wie Sie sehen, lebe und gedeihe ich prächtiger denn je!“ Eigentlich konnte auch Jon keine Zeit für ein Schwätzchen erübrigen, aber wie lange hatte er den Arzt nun schon nicht gesehen? Viel zu lange jedenfalls! Da musste eben selbst die Ranch einmal warten. „Ehrlich gesagt, um Fey mache ich mir ein wenig Sorgen. Vielleicht könnten Sie ja, wenn der Schnee es zulässt, im Laufe der Woche mal rein zufällig bei uns vorbeischauen? Sie verstehen schon.“

Der Ausdruck auf Doktor Milfords Gesicht wechselte von Erstaunen zu Ungläubigkeit. „Ja, aber…“ Seine Brauen zuckten. „Sie war doch erst vor einigen Wochen bei mir!“

„Wie?!“ Verdutzt blieb Jon der Mund offenstehen. Seine Gedanken überschlugen sich, er wagte kaum zu atmen. Also, doch! Sein Instinkt hatte ihn auch diesmal nicht getäuscht!

„Aber ja, natürlich!“ Unangenehm berührt trat Doktor Milford auf der Stelle. Er war Arzt, er hatte ein Schweigegelübde abgelegt, auch, wenn er es in diesem Fall unmöglich einhalten konnte. Das hier war eine Ausnahme, es war seine moralische Pflicht, dieses Gelübde zu brechen und die Wahrheit auszusprechen, selbst, wenn genau dies von seiner Patientin offensichtlich vermieden worden war.

„Haben Sie etwas Zeit, Jon? Dann würde ich Sie bitten, kurz mit mir in meine Praxis zu kommen.“

Den ausgetrampelten Pfad zwischen den Schneehäufen zum Wohnhaus war er wohl noch nie in dieser Geschwindigkeit entlang gestürmt. Er war völlig außer sich, als er oben die Haustür aufriss und in den Wohnraum stürzte.

„Fey!“

Das Haus war ruhig. Er wusste, dass Harold hinausgeritten war, zu den Winterquartieren der Jungpferde, um dort nach dem Rechten zu sehen und dass die beiden Jungs auf der Nachbarranch mit dem dortigen Sohn verabredet waren. Aber die Zwillinge mussten hier sein und damit auch Fey irgendwo in der Nähe.

Jon rannte mit langen Schritten in die Küche, in der sicheren Annahme, Fey dort vorzufinden. Er täuschte sich, dort herrschte gähnende Leere und kein Anzeichen, dass seit dem Frühstück jemand hier gewesen war. Ohne lange zu überlegen, eilte er ins Obergeschoß hinauf. Er hatte hier nichts zu suchen und er war auch noch nie hier oben gewesen, doch das hier war eine Situation der besonderen Art.

„Fey?“

Die Tür zu ihrem Schlafzimmer war nur angelehnt, ungeduldig trommelte er mit der Hand dagegen – sie schwang lautlos auf. Die Vorhänge waren zugezogen, sodass ein dämmriges Licht den großen Raum beherrschte. Es dauerte eine Sekunde, ehe Jon die Umrisse der Möbel erkennen konnte und dann entdeckte er sie: Sie lag auf dem Bett, angekleidet und friedlich schlafend. Erleichtert trat er zu ihr, mit einer Hand schüttelte er die Frau seines Arbeitgebers sacht an der Schulter. Ihre eingefallenen, ohnehin schon schmalen Gesichtszüge wirkten erschreckend blass, als seien sie nicht von einem lebenden, sondern von einem toten Menschen und das, obwohl sie gerade einmal fünfunddreißig Jahre alt war. Der Gedanke erschreckte Jon so sehr, dass ein Schauer über seinen Rücken jagte.

„Fey? Bitte, wach auf!“ Er schüttelte sie kräftiger und endlich erhielt er eine Reaktion.

Sie regte sich und öffnete verwundert die Augen. Sie schien nicht zu wissen, wo sie sich befand. „Was…Jon! Wie kommst du…“

„Entschuldige, Fey!“ Zuvorkommend half er ihr, sich aufzusetzen. „Ich hab’ überall nach dir gesucht. Aber das spielt jetzt keine Rolle, erzähl mir lieber endlich die Wahrheit, wenn du schon deinem Mann gegenüber offenbar nicht ehrlich bist! Ich habe Doktor Milford in der Stadt getroffen!“

Feys Atem ging schwer und unregelmäßig. Es dauerte einige Minuten, ehe sich ihr Zustand besserte. „Dann weißt du es also“, brachte sie endlich zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. Sie hielt sich die Hände vor den Bauch.

„Oh, Fey! Wenn…wenn dir etwas passiert wäre!“ Es klang schärfer und vorwurfsvoller als er beabsichtigt hatte.

„Viel kann mir wohl nicht mehr zustoßen“, entgegnete sie zynisch und legte die Stirn in Falten. „Außer, dass ich in absehbarer Zeit dahinscheiden werde.“

„Fey, bitte!“ Er wollte so etwas nicht hören.

„Hat dir Doktor Milford nicht alles gesagt? Ach ja, die Schweigepflicht!“ Es klang beinahe verächtlich. „Nun gut, wenn dich die grausame Realität wirklich interessiert: Ich bin krank und kein Arzt dieser Welt kann mir noch helfen! Doktor Milford meint, es ginge vielleicht noch ein paar Monate, aber länger nicht.“

„Das kann nicht wahr sein!“ Der Schmerz war so stark, dass Jon glaubte, er würde sein Innerstes zerreißen. Sie war noch viel zu jung! Sie hatte vier kleine Kinder, die ihre Mutter brauchten, ihre Fürsorge, ihre Liebe! Das konnte nicht gerecht sein, das konnte auch nicht gewollt sein von dem da oben, von diesem Gott, zu dem er täglich betete. Das durfte, durfte, durfte einfach nicht passieren! Seine großen, mit Hornschwielen übersäten Hände pressten die ihren ineinander.

„Wir müssen es akzeptieren.“ Plötzlich klang ihre Stimme wieder ganz gewohnt – ruhig, überzeugt und beherrscht. Sie schien sich auch damit bereits abgefunden zu haben, genau wie mit allem anderen, was ihr Leben bestimmte. „Wir können nur lernen damit umzugehen, mehr nicht. Es wird geschehen und niemand kann es aufhalten. Manche Menschen sterben eben früher als andere.“ Die Resignation sprach aus jedem ihrer Worte.

Verzweifelt presste Jon ihre Hände zwischen die seinen. Oh, lieber Gott – weshalb? Warum ausgerechnet sie? Ihm fiel nichts ein, was er darauf erwidern konnte. Alles in ihm schien leer und verzweifelt.

„Nur um eines möchte ich dich unter allen Umständen bitten.“ Fey holte tief Luft. Sie war sich nicht schlüssig, wie er reagieren würde. „Erwähne bitte Harold gegenüber nichts davon und schon gar kein Wort zu den Kindern!“

„Aber…“ Jon wollte protestieren. Er konnte doch unmöglich gegenüber ihrem Mann weiterhin so tun, als sei ihre Welt heil und in Ordnung! Es stimmte ja nicht! Sie würde es nie wieder sein und er hatte das meiste Recht von allen, die Wahrheit zu kennen.

„Nein!“ Fey ließ ihn nicht aussprechen. „Ganz gleich, was du tust – aber Harold darf es nicht erfahren! Er kämpft für diese Ranch jeden Tag aufs Neue und es würde ihm vermutlich das Genick brechen, wenn er von meiner Krankheit erfährt! Das tut er schon noch früh genug…“

„Aber erst, wenn es zu spät ist“, warf Jon leise ein.

„Zu spät wäre es nur dann, wenn er die Ranch hinten anstellen würde wegen mir. Harold braucht die Gewissheit, dass sich dieses Leben lohnt, dass es möglich ist, alle Hindernisse zu überwinden und mit allen Schicksalsschlägen fertigzuwerden. Er wird es lernen, denn er hat die Kinder und seine ganzen Gedanken kreisen nur darum, dass er diese Ranch eines Tages an Byron übergeben kann. Dafür lebt er, nur dafür, nicht für mich, nicht wegen mir…auch nicht wegen der anderen drei.“ Sie seufzte. Es war ihr schon vor langer Zeit bewusst geworden. „Du weißt von nichts, ja?“ Es klang scharf und forschend.

„Wie du willst.“ Verständnislos erhob Jon sich. Er war der Ansicht, der Mann und die eigenen Kinder hatten das Recht zu wissen, dass die Ehefrau und Mutter nicht mehr lange bei ihnen sein würde, aber es war nicht seine Entscheidung. Er konnte sie, genau wie alles andere, nur akzeptieren und versuchen, auf irgendeine Art und Weise damit umzugehen. Er verließ das Zimmer, ließ das Ranchhaus hinter sich und stieg die wenigen Meter hinauf, zu den Familiengräbern der McCulloughs. Er starrte lange auf die verschiedenen Grabsteine und deren Inschriften und ein ungeheurer Zorn über die Ungerechtigkeit des Schicksals begann in ihm zu erwachen.

‚Am Ende’, dachte er, ‚liegen wir doch nur hier oder irgendwo sonst in der Erde und all die Qualen, die wir auf uns genommen haben, waren völlig vergeblich und umsonst. Wir haben diese Welt nicht verbessert. Noch immer gibt es Kriege, Hass und Mord. Vielleicht wird sich das niemals ändern, egal wie klug und gebildet diese Menschheit eines Tages sein wird. Vielleicht sind wir einfach zu schwach dazu, um den Weg zu finden, von diesen Lastern fortzukommen.’

„Stacy?“

Feys Stimme klang streng und unnachgiebig, als ihr Sohn an diesem Abend das Ranchhaus betrat. Der Junge war müde und erschöpft. Gleich nach der Schule hatte er draußen helfen müssen ein paar Zäune zu reparieren, durch welche die Rinder auf die Weiden der Nachbarranch gelangen konnten. Mit Bruce und Craig fort, mussten die beiden Jungs bei der Männerarbeit anpacken.

„Ja, Mom?“ Langsam schlurfte er hinüber zur Küche und drückte die angelehnte Tür auf. Fey stand an der Spüle, die sauberen Bestecke in der Hand, die sie soeben in die Schubladen verteilte.

„Gut, dass ihr endlich da seid! Wurde auch Zeit.“ Ihre Mutter wandte sich um und lächelte plötzlich. „Entschuldige. Ich sehe, du hast hart gearbeitet.“

„Allerdings.“ Es klang verbissen. Der Junge verschränkte trotzig die Arme vor der Brust.

„Ich möchte nur sicherstellen, dass deine schulischen Leistungen nicht einbrechen, wenn du auch Zuhause helfen musst.“

Stacy zuckte die Schultern. „Das tun andere Jungs auch! Byron und ich, wir sind schon richtig gut und wenn wir eines Tages die Ranch leiten, dann…“

„Ach, Dummerchen!“, sagte Fey und lächelte, beinahe mitleidig. „Byron ist der Erstgeborene! Er wird die Ranch eines Tages bekommen!“

„Das ist nicht fair! Byron ist ein eingebildeter Besserwisser und…“

„Sprich nicht so respektlos über deinen Bruder!“, schnitt Fey ihm scharf das Wort ab und warf das restliche Besteck mit einem lauten Knall in die Schublade, bevor sie diese zuschlug.

Stacy zuckte zusammen und zog automatisch ein wenig seinen Kopf ein. Er hatte schon öfter zu spüren bekommen, dass die Hand seiner Mutter nicht minder schnell war als die seines Vaters. Irgendwie glaubte er zu begreifen, dass diese Angelegenheit für Fey sehr ernst war. Er schwieg abwartend.

„Du musst viel lernen für die Schule, damit du gute Noten bekommst und später aufs College gehen oder sogar studieren kannst, denn du hast nicht die Möglichkeit hierzubleiben, auf der Ranch.“ Sie holte tief Luft. ‚Das würde vermutlich auch nicht gutgehen mit dir und Byron zusammen‘, fügte sie in Gedanken hinzu.

„Ja, Mom.“ Der elfjährige Junge fühlte sich viel zu müde und erschöpft, um ihr zu widersprechen.

„Stacy?“

„Hmm?“

Feys blasse Gesichtshaut wirkte im Schein der Deckenlampe glasig und durchsichtig. Sie lächelte zärtlich.

„Weißt du eigentlich, dass ich euch alle sehr lieb habe?“

Einen langen Moment verlor der Junge die Fassung. Was war nur heute los? So kannte er seine Mutter überhaupt nicht, hatte sie nur selten zuvor erlebt.

„Ich hab’ dich auch lieb, Mom“, erwiderte er nach kurzer Überlegung, weil er glaubte, dass man so etwas darauf wohl zu sagen hatte.

Fey trat zu ihm, ihre Arme schlangen sich um seinen Körper und sie küsste ihn auf die Stirn. „Ich liebe alle meine Kinder, hörst du? Ihr seid für mich das Wichtigste in meinem Leben!“

Stacy zögerte kurz, bevor es aus ihm herausbrach: „Ich dachte immer, du hast nur Byron lieb. Du hast mir immer vorgehalten, was er alles kann und macht und was ich mir von ihm abschauen soll. Aber ich bin nicht wie er!“

„Nein, das bist du nicht.“ Fey betonte jedes Wort. „Aber ich habe dich deshalb niemals weniger lieb gehabt und ich möchte, dass du das weißt. Hörst du?“

Hastig wandte sie sich wieder dem Spülbecken zu. Ein Teller schlug klirrend gegen den Rand.

„Ja, ich hab’ es gehört“, erwiderte Stacy leise. „Ich weiß es.“

„Und egal, was passiert, du darfst dich von Byron nicht zu sehr herausfordern lassen, ja? Er hat sehr viel von eurem Vater, aber das bedeutet nicht, dass du ein schlechterer Mensch bist, Stacy. Du bist genauso besonders und einmalig, wie jeder andere Mensch auf der Welt. Versprich mir, dass du das nie vergessen wirst und immer, wenn Byron dich ärgert, erinnerst du dich daran und lässt nicht zu, dass er dich dazu bringt, mit ihm zu streiten, einverstanden?“

Stacy nickte vage. Er kannte seinen großen Bruder und seine verletzende, berechnende Art, die er bisweilen an den Tag legte, um ihn herauszufordern und zu provozieren, doch er wollte auch seine Mutter nicht enttäuschen.

„Okay, ich versprech’s.“

Das Feuer im offenen Kamin des Arbeitszimmers war fast heruntergebrannt. Draußen hatte die Nacht den Tag verdrängt. Die Luft war noch immer sehr kalt und der Wind von Westen frischte immer wieder auf. Fey saß in dem linken der beiden Sessel neben dem steinernen Kamin, eines von Stacys Hemden in der Hand.

Sie seufzte. „Ich möchte wissen, wie er es immer anstellt. Keiner von euch bringt mir dermaßen zerfetzte und zugerichtete Hemden zum Flicken, nur dein jüngster Sohn!“

Harold blickte von seiner Schreibtischarbeit auf. Ein feines Lächeln spielte um seine Mundwinkel als er die Lesebrille abnahm, um seine Frau besser betrachten zu können.

„Tja, er ist eben der Unvorsichtigste von den Männern in deiner Familie. Er ist ein kleiner Hitzkopf, manchmal zumindest. Bevor er Byron, Bruce oder Craig um Hilfe bittet, bricht er sich wieder mindestens eine Rippe.“ Er lachte leise in sich hinein.

„Ich kann daran nichts komisch finden!“ Vorwurfsvoll ließ Fey das Hemd in ihren Schoß sinken. Heute war der richtige Zeitpunkt. Sie konnte es auch nicht länger hinauszögern. Es war höchste Zeit, dass sie es Harold versuchte begreiflich zu machen. Jon hatte recht gehabt – es wurde nicht besser, indem sie es verschwieg und verheimlichte, denn irgendwann würde es ohnehin offensichtlich sein.

„Ach, nimm es nicht gleich so ernst! Stacy ist noch ein Kind!“

„Ja, aber er wird sehr bald erwachsen sein und dann wünsche ich mir, dass er ein Vorbild wird für seine beiden Schwestern. Die Mädchen brauchen hier draußen auch etwas anderes, als nur wilde Männer wie dich und Jon und die Cowboys! Sie verrohen mir ja völlig, wenn auch noch ihre eigenen Brüder kein Benehmen kennen!“ Wie, um Himmels Willen, sollte sie nur anfangen?

Harold starrte sie einen langen Moment wortlos an. Er konnte die Besorgnis seiner Frau ja ansatzweise nachvollziehen. Die beiden Mädchen waren Nachzügler gewesen, nicht mehr eingeplant und mit ständiger Besorgnis erwartet. Stacy war sieben Jahre älter und Byron sogar acht und beide Schwangerschaften hatten Fey bereits eine Menge Kraft gekostet und durch die monatelange Übelkeit ein Magengeschwür verursacht. Deshalb blieb sie auch immer dünn, fast mager, weil sie nie mehr viel essen konnte. Sie war einunddreißig gewesen, als Sarah und Charlotte geboren wurden und eigentlich hatten sie nicht mehr damit gerechnet, dass sie noch einmal ein Kind bekommen würden. Die schwere Nierenbeckenentzündung, an der Fey im Winter zuvor erkrankt gewesen war, hatte ihre letzten Hoffnungen auf weitere Kinder zunichte gemacht und dann war sie unerwartet doch wieder schwanger geworden. Dass es dann ausgerechnet auch noch Zwillinge sein würden und zwei Mädchen, das hatten sie am allerwenigsten erwartet, aber sie hatten Fey noch einmal alles abverlangt. Monatelang war sie gezwungen gewesen das Bett hüten, um keine vorzeitigen Wehen zu riskieren und die Geburt an sich war beinahe mehr gewesen, als sie hatte körperlich ertragen können. Es war kein Wunder, dass sie sich um die beiden kleinen Mädchen ganz besonders sorgte.

„Die Jungs sind nunmal gerne draußen“, warf Harold gedehnt ein. „Sie sind beide Rancher aus vollem Herzen! Gönn’ ihnen doch das Vergnügen, solange sie Zeit dafür haben!“

Fey seufzte tief. „Darum geht es nicht, Harold.“ Sie stockte. „Ich möchte nicht, dass sie keinen Platz in der Gesellschaft finden, wenn ich nicht mehr da bin, um sie zu führen.“

Ihre Wortwahl ließ ihren Mann von seinem Buch, in dem er während des Gesprächs bisher immer wieder geblättert hatte, aufblicken. „Was soll das heißen – wenn du nicht mehr da bist?“

Unbemerkt von seinen Eltern war Byron vor wenigen Minuten die Treppe herabgekommen. Er verspürte schrecklichen Durst und obwohl er wusste, dass seine Mutter es nicht gerne sah, wollte er die Gunst der Stunde nutzen und sich am nagelneuen Kühlschrank, den sein Vater erst im Herbst vom hart ersparten Geld erworben hatte, an der Milch bedienen. Wenn seine Eltern im Arbeitszimmer saßen, wie jeden Abend und die Ereignisse des Tages besprachen, bekamen sie meist ohnehin nichts mit. Oft spielte dazu das Radio recht laut und dann hatte er sie auch schon dabei beobachtet, dass sie miteinander tanzten. Doch an diesem Abend war es still und die einzigen Geräusche, die er vernahm, waren ihre Stimmen und das Knistern des Feuers im Kamin.

Der Junge verharrte auf der letzten Stufe und machte einen großen Schritt vorwärts, weil er wusste, dass die Planke direkt vor der Treppe knarrte und ihn verraten würde. Auf Zehenspitzen schob er sich an der Wand entlang, in Richtung Küche. Die Türe zum Arbeitszimmers seines Vaters stand halb offen und als er nun allmählich näher kam, konnte er auch verstehen, was sie sprachen.

„…muss ein Irrtum sein!“, hörte er Harold in Erregung ausrufen und zu seinem großen Erstaunen konnte er hören, dass sein Vater weinte. Er hatte seinen Vater noch niemals eine einzige Träne vergießen sehen und vielleicht führte diese Tatsache dazu, dass er wie gebannt auf der Stelle verharrte und den Stimmen lauschte.

„Nein, Harold, es tut mir leid, aber Doktor Milford hat mit mehreren Kollegen aus der Klinik in Sacramento Rücksprache gehalten und sie kamen alle zu dem selben Ergebnis.“ Das war seine Mutter. Sie schien ganz gefasst und sehr ruhig zu sein.

„Oh Gott, Fey!“ Sein Vater schluchzte, er weinte wirklich! Byron biss sich auf die Lippen. Was konnte seinen Vater nur dazu gebracht haben, derart seine Selbstbeherrschung zu verlieren?

„Ich weiß nicht, wie lange ich noch durchhalte. Doktor Milford sagt, dieser Krebs käme immer sehr schleichend und zu einem späteren Stadium wird er sehr schmerzhaft sein. Im Moment ertrage ich es noch, aber irgendwann werde ich Schmerzmittel brauchen und dann…versprich mir, dass du den Kindern ersparst, mich zu sehen, wenn ich nur noch vor mich hin sieche! Versprich’ mir das! Sie haben es nicht verdient, ihre eigene Mutter in so einem Zustand sehen zu müssen!“

Der Junge blies seinen Atem pfeifend durch die Nase. Krebs. Das Wort hämmerte in seinem Schädel. Er wusste, was es bedeutete. Die Mutter eines Freundes aus seiner früheren Schulklasse war daran gestorben und danach waren er und sein Vater fortgezogen. Sie hatte auch Krebs gehabt.

Byron verspürte den sehnlichen Wunsch, jetzt ins Arbeitszimmer zu stürzen und seiner Mutter um den Hals zu fallen, doch er wusste, das durfte er nicht. Sonst bekämen seine Eltern heraus, dass er gelauscht hatte, heimlich, weil er Milch vom Kühlschrank stehlen wollte und dann würde sein Vater ihn wieder übers Knie legen.

So biss er sich auf die Lippen, ganz fest, bis es weh tat und der Schmerz in seinem Herzen ein wenig nachließ. Er würde mit niemandem darüber sprechen, auch nicht mit Stacy. Die beiden Mädchen konnten ohnehin noch nicht begreifen, was mit ihrer Mutter geschah und er wollte ihnen auch keine unnötigen Schmerzen zufügen – genauso wenig wie Stacy. Er wusste, dass sein jüngerer Bruder nicht sehr stark war, dass er es vermutlich nicht verkraften konnte, wenn er vorher davon erführe, dass ihre Mutter sterben würde.

Behutsam, um keine Geräusche zu verursachen, wandte Byron sich ab, um in sein Zimmer zurückzuschleichen. Dort legte er sich ins Bett, zog die Federdecke über seinen Kopf und weinte.

Im großen Schlafzimmer begrüßte der Sonnenschein des neuen Apriltages den sterbenden, vom Krebs geschwächten Körper Fey McCulloughs. Ihre letzten Kräfte schwanden mit jedem Herzschlag, die Krankheit siegte. Sie konnte ihre Augen kaum offenhalten, als sie tastend nach den Händen ihres Mannes suchte.

„Bist du da?“ Sie brachte die flüsternden Worte nur schwer und fast unhörbar hervor.

„Ja, ich bin bei dir.“ Tränen liefen über Harolds Gesicht. Jetzt konnte er seinen Gefühlen noch freien Lauf lassen, später musste er sich zusammennehmen – seinen Kindern zuliebe.

„Du hast ihnen nichts gesagt?“ Fey schien die Bestätigung zu brauchen, sie geradezu begierig zu erwarten.

„Nein.“ Harold schluckte und schüttelte den Kopf. Sie war so entsetzlich krank und seine innere Stimme sagte ihm, dass es besser war, jetzt vernünftig zu sein und einzusehen, dass es zu Ende ging. Der Krebs hatte sie längst umgebracht, es war nur noch eine Frage von Wochen gewesen, bis er ihren ganzen Körper befallen hatte. Der seidene Faden, an dem Feys Leben noch hing, drohte jede Sekunde zu zerreißen.

„Gut.“ Trotz der Schwäche, die sie in sich fühlte und trotz des immer stärker werdenden Gefühls, gleich Abschied nehmen zu müssen, brachte Fey ein Lächeln zustande. „Sehr gut. Ich danke dir, Harold…“ Sie musste abbrechen. Es ging nicht mehr.

„Es war dein Wunsch und ich habe ihn erfüllt. Jon ist mit den Kindern zum See hinuntergegangen.“ Seine Hände hielten ihre kalten, zarten Finger in den seinen. Er konnte nichts fürs sie tun und diese entsetzliche Hilflosigkeit, diese Lähmung machte ihn wahnsinnig. Beinahe zornig wischte er sich mit dem Ärmel des Hemds das nasse Gesicht ab. Die unrasierten Bartstoppel zupften an dem Stoff.

„Pass gut auf sie auf.“ Feys Kopf sank zur rechten Seite. „Sie brauchen dich jetzt mehr als irgendjemanden sonst auf der Welt.“

„Natürlich. Ich kümmere mich um sie, du musst dir keine Sorgen machen.“

Seine Tante Harriet würde aus San Francisco zu ihnen ziehen und ihm bei der Erziehung der Kinder beistehen, bis sie groß genug sein würden, sich um sich selbst um ihr Leben zu kümmern. Es war alles bereits seit einigen Wochen arrangiert. Es war Feys Idee gewesen; sie wollte, dass wieder eine Frau und dazu noch eine, die die Kinder bereits kannten, im Haushalt Einzug hielt, damit der weibliche Einfluss nicht völlig verloren ging. Tante Harriet wartete nur auf den Anruf ihres Neffen, dann würde sie in den nächsten Zug steigen. Sie war seit einigen Jahren Witwe und dazu noch kinderlos geblieben. Fey wusste, dass sie sich um ihre Kinder keine Sorgen zu machen brauchte, wenn Tante Harriet ihre überquellende Liebe und Fürsorge über ihnen ausschütten würde und das beruhigte sie immens.

Von irgendwoher hörte Fey eine beruhigende, wohlbekannte Stimme, während ihre Sinne dahinschwanden. Ein helles Licht fing sie auf, als sie glaubte zu fallen. Es hielt seine warmen, weichen Strahlen um sie gelegt und geleitete sie einen unsichtbaren Pfad hinauf, immer höher und höher, als stiege sie der Sonne entgegen. Fey stockte ein letztes Mal, sie warf einen langen Blick zurück über ihre Schulter. Dort unten saß ihr Mann auf dem Rand ihres Bettes, die Hände ihres toten Leibs an seine Wange gepresst und weinte hemmungslos. Es war vorüber und zu ihrem Erstaunen empfand sie es weder als tragisch, noch als bedauerlich. Der Wunsch weiterzugehen wurde stärker und irgendwo, dort wo die Strahlen einen weiten, wunderschönen Torbogen bildeten, standen zwei Gestalten. Sie lächelten und streckten ihr die Hände entgegen und da wusste Fey, dass sie einfach nur nach Hause gegangen war.

Während der Pastor die letzten Worte sprach, wurde der Sarg langsam von den vier Männern hinab in die Grube gelassen. Die Familiengrabstätte am Fuße des Hügels war dicht bevölkert mit Nachbarn und Bekannten, die Fey McCullough die letzte Ehre erweisen wollten.

Während sich die Reihe der Trauergäste an Harold vorbeischob, um ihm ihr Beileid auszusprechen, starrten Byron und Stacy regungslos hinüber zu dem Loch, in dem der Sarg ihrer Mutter soeben verschwunden war. Tante Harriet und die Zwillinge waren im Haus zurückgeblieben, weil sie glaubte – und damit auch wohl recht hatte – dass die Mädchen noch viel zu klein waren, um sie begreifen, was es mit der Beerdigung ihrer Mutter auf sich hatte.

Soeben kam Charlie Hickman an ihnen vorbei. Er strich ihnen beiden übers Haar, ehe er sich an Harold wandte. Charlie Hickman besaß die Pine Tree Ranch, deren Land im Norden an das der Coyote Canyon Ranch grenzte. Er und Harold waren bereits seit Jahren eng befreundet und regelmäßig verbrachte einer beim anderen die Abende oder sie zogen gemeinsam los, in die Kneipen und Saloons der Stadt.

„Es tut mir so unendlich leid, Harold. Ich kann es gar nicht in Worte fassen.“

„Danke, Charlie, danke.“ Die Stimme des Ranchers klang ruhig und sicher, als habe er in den vergangenen beiden Tagen zuerst seine Fassung verloren und dann stärker zurückgewonnen als je zuvor. „Mein einziger Trost ist, dass ich einen Sohn habe, der eines Tages mein Erbe antreten kann. Wenigstens das ist mir geblieben.“ Und mit diesen Worten legte er seinen Arm um Byron, der sich widerstandslos von seinem Vater näher heranziehen ließ.

Für einen kurzen Augenblick vergaß Stacy an diesem Tag die bleierne Traurigkeit, die der plötzliche Tod seiner Mutter mit sich gebracht hatte und die Wut begann wieder einmal in ihm zu brodeln. Das war ungerecht! Wieso konnte nicht er der Erstgeborene sein? Warum ausgerechnet Byron? Er wollte die Ranch genauso gerne übernehmen, aber ihm würde sein Vater niemals die Chance dazu geben!

Als hätte er die Gefühle des Jungen gespürt, legte Jon seine Hand auf Stacys Schulter. Der Junge blickte auf und schaute den Vormann ein wenig fragend und zweifelnd an. Er erinnerte sich an das Versprechen, das er seiner Mutter gegeben hatte und das besänftigte ihn ein wenig. Er wollte sie nicht enttäuschen, erst recht nicht jetzt, da sie tot war. Er fand das Wort scheußlich und als er so darüber nachdachte, was es eigentlich bedeutete, wenn jemand starb, so hoffte er mit inständiger Grimmigkeit, dass Byron wenigstens derjenige sein würde, der als letzter von ihnen hier stehen würde, wenn er schon die Ranch bekam. Dann sollte er auch diesen Schmerz noch oft miterleben müssen, wenn jemand hier beerdigt wurde, den er geliebt hatte. Wenigstens das konnte ihm keiner nehmen – ein kurzes Lächeln huschte über das Gesicht des Jungen: Wenn er einmal sterben würde, dann hätte er das Recht, zumindest auf der Ranch beerdigt zu werden, wenn er sie schon nicht übernehmen durfte. Das war vielleicht ein kleiner Trost, wenn er als weit gereister und gebildeter Professor oder was auch immer eines Tages nach Hause zurückkehren würde. Auch in einem Sarg, genau wie seine Mutter.

Gegenwart

Sie brachten mich im Gartenhaus unter, das eigentlich das Bunkhouse war, in dem früher die Cowboys gehaust hatten und das sie mittlerweile für Gäste nutzten. Es war rustikal eingerichtet und es roch nach altem, vor vielen Jahrzehnten gefälltem Holz, aber ich hatte sogar einen eigenen Fernseher und eine kleine Küche, wobei ich die Mahlzeiten immer mit der Familie im großen Ranchhaus einnahm. Das Bunkhouse war fast wie eine eigene, kleine Wohnung.

Ich half überall, wo ich gebraucht wurde und fühlte mich dazu auch verplichtet, denn die McCulloughs zeigten mir im Gegenzug alles, was sie glaubten, könnte für meine Recherchen von Bedeutung sein. Dazu gehörten auch unzählige historische Dokumente, die sie in den Schränken des Büros gesammelt hatten.

Das Ehepaar, die Senior-Chefs sozusagen, hatten mich schnell in ihr Herz geschlossen, wie Myrtle es prophezeit hatte. Ich kam hervorragend mit ihnen aus. Sie gaben mir nie das Gefühl, ihnen eine Last zu sein, wenn ich mit meinem Notizbuch anrückte und sie mit Fragen löcherte. Sie bestanden lediglich darauf, dass ich mein Buch nach Fertigstellung unbedingt ins Englische übersetzen müsse, denn sie wollten es auch lesen.

Randy war ebenfalls ein guter Lehrer. Die ersten Wochen verbrachte ich die meiste Zeit mit ihm. Er zeigte Geduld und Einfühlungsvermögen, trotz seiner Jugend von gerade einmal Anfang zwanzig. Manchmal kam er mir vor, wie ein kleines Kind, in ihm schlug noch immer das Herz eines Jungen, voll naiver Hoffnungen und Träume, mit jeder Menge Unfug und Spinnereien im Kopf und das mochte ich besonders an ihm. Er war ein Kumpel, wir konnten unwahrscheinlich gut miteinander herumalbern. Er zeigte mir alles rund um die Pferde und manchmal, wenn seine Freundin Claire gerade auch zufälligerweise auf der Ranch war, ritten wir gemeinsam aus. Claire war genauso nett und umgänglich wie Randy und ich hatte das Gefühl bei ihnen, mit Freunden unterwegs zu sein, obwohl ich sie gerade erst kennengelernt hatte.

Auch mein Verständnis der amerikanischen Sprache und insbesondere der vielen Cowboyausdrücke, die kein Wörterbuch mir preisgab, verbesserte sich zusehends. Obwohl natürlich jeder sofort hörte, woher ich kam, kaum dass ich den Mund aufmachte, verstand ich inzwischen doch beinahe jedes Wort. Gut, es gab immer wieder Slogans, die mir neu waren oder manche Leute redeten einfach zu schnell und nuschelig, als dass ich eine Chance gehabt hätte. Überhaupt kam es mir hier so vor, als hätte mich jemand in eine Zeitmaschine gesetzt und mehrere Generationen zurückversetzt. Im Vergleich zu Deutschland war hier alles unwirklich und viel einfacher und durch die Weite und Einsamkeit des Landes völlig anders strukturiert.

Randy wartete schon vor dem Pferdestall, als ich das Bunkhouse nach einer kurzen Mittagspause verließ. Sein großer, schlanker Fuchs mit den vier weißen Beinen und der Blesse auf der langen, geraden Nase, stand gesattelt am Anbindebalken, während er der kleinen, braunen Stute, die mir als Lehrpferd diente, soeben den Sattel auflegte.

„Wir reiten heute aus“, verkündete er. „Das Wetter ist viel zu schön, um bloß auf dem Platz herum zu eiern!“

Ich liebte es, hinaus in die Prärien zu reiten und mir den Wind um die Nase wehen zu lassen. Ich sah ein, dass die Platzstunden zu Anfang bitter nötig gewesen waren, um mich auf die doch ganz anders trainierten Arbeitspferde einzustellen. Ich fand, dass es mir nicht schlecht gelang, aber dass ich noch einen weiten Weg vor mir hatte, bevor ich auch nur annähernd so entspannt und selbstverständlich auf einem Pferd sitzen würde wie Randy oder sein großer Bruder. Mein Ehrgeiz war erwacht. Ich wollte auch so reiten können!

Tom war ständig irgendwo auf der Ranch unterwegs und gab sich auch gar keine Mühe, mich mitzunehmen oder sich großartig mit mir zu befassen. Ich war mir zu Anfang nicht schlüssig, ob das grundsätzlich ein Wesenszug von ihm war, weil er wenig Geduld zeigte mit Reitschülern und Touristen an sich und diese Aufgaben seinem kleinen Bruder überließ oder ob er speziell meinetwegen von den Gebäuden fernblieb.

Seit meinem Einzug hatte ich ihn meistens mehr zufällig und im Vorbeigehen zu Gesicht bekommen und ich fürchtete mich fast davor, ihm wieder über den Weg zu laufen – ob er vielleicht einmal mehr als nur zwei dahingeworfene Worte mit mir wechseln oder mir womöglich sogar einmal ein Lächeln schenken würde? Doch nichts dergleichen geschah, denn Tom tauchte gar nicht erst auf, außer zu den Mahlzeiten.

Auch heute war er nirgends zu entdecken, was mich ein wenig enttäuschte und zugleich verärgerte, weil ich mir von der An- beziehungsweise Abwesenheit eines Mannes die Stimmung verderben ließ. Männer waren für mich seit meiner gescheiterten Ehe kein Thema mehr. Ich wollte alleine bleiben. Unter keinen, unter überhaupt gar keinen Umständen würde ich zulassen, dass jetzt so ein arroganter, flegelhafter Amerikaner daherkam und all meine hart erarbeiteten und erkämpften Prioritäten wieder über den Haufen warf.

„Wir reiten heut’ mal ein bisschen raus zu den Rindern“, erklärte Randy in diesem Moment und brachte mich damit unsanft zurück in die Gegenwart. „Du bist langsam soweit, dass du das mal ausprobieren kannst.“

„Zu den Rindern?“, wiederholte ich gedehnt und ließ mir die Zügel meines Pferdes überreichen. Randy sattelte eigentlich selten Pferde für die Schüler – das hatten sie selbst zu lernen, wenn sie schon aufs Pferd hinauf wollten. Heute schien er es jedoch eilig zu haben.

Er lachte und zeigte dabei seine schönen, weißen Zähne. „Keine Angst! Ich lass dich schon nicht allein mitten rein! Aber wir können uns ja mal langsam vortasten.“

Mit einem leisen Seufzer gab ich meine Zustimmung und kletterte auf die Stute, die ich seit Beginn meines Aufenthalts zugeteilt bekommen hatte. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine genaue Vorstellung davon, was ‚Arbeit an den Rindern‘ bedeutete, denn auf der Ranch selbst war den Sommer über kein einziges Tier zu finden. Sie befanden sich alle auf den Hochweiden, wo sie die Monate bis zum Spätherbst verbrachten, um dann ausgesondert und entweder in die Winterquartiere gebracht oder an die Schlachthöfe verkauft zu werden.

„Wie sieht’s eigentlich aus“, fragte Randy nach einer Weile, in der sie im Schritt nebeneinander her geritten waren. „Du hast doch Erfahrung mit Pferden in Deutschland. Ich dachte mir, falls du Lust hättest ein bisschen mehr zuzupacken, könntest du doch jeden Morgen die Ställe misten.“

„Ställe misten?“ Ich seufzte leise. Ich hatte jahrelang in Deutschland Ställe gemistet, weil wir die Pferde direkt am Haus hielten. Meine Erfahrungswerte darin waren also reichlich und deshalb wusste ich auch, was das für ein Knochenjob war. Aber gut, ich hatte mich bereiterklärt, überall mitzuhelfen, wo sie mich brauchten.

„Ja, genau!“ Randy nickte. „Ein Kumpel von mir hat uns sonst ab und an unter die Arme gegriffen, um sich nebenher ein paar Dollar zu verdienen. Aber er hat sich beim Baseball den Knöchel gebrochen und fällt erstmal aus. Ich dachte, das ist mal was anderes, als immer nur meiner Tante im Haushalt zur Hand zu gehen.“

„Das bedeutet, ich fange morgen damit an?“

„So in etwa!“ Randy lachte. Er schien zufrieden mit dem Ausgang unseres Gesprächs.

„Und du kannst das einfach so alleine entscheiden?“

„Mein Onkel sagt, ihm sei es gleich. Hauptsache, du könntest die Ställe und die Sattelkammer ordentlich sauberhalten!“

„Und dein Bruder?“

„Ach, der!“ Randy winkte abweisend mit dem Arm. „Vergiss ihn! Er wird sich schon damit abfinden!“

Tom McCullough fand sich nicht damit ab, dass seine Familie über seinen Kopf hinweg und gegen seinen Willen die junge Deutsche, die – laut seiner Meinung – noch nicht mal anständig im Sattel sitzen konnte, von der Haushaltshilfe zur Stallmisterin befördert hatte. Mit finsterer Miene lief er die ersten Tage umher und würdigte mich kaum eines Blickes. Wenigstens grüßte er, allerdings nur, wenn ich ihn zuerst ansprach. Ich begann, mir einen Spaß daraus zu machen, ihn zu ärgern und ein bisschen zu reizen. Meine Angst vor ihm verflog. Ich merkte, dass er äußerst schlagfertig war und mir aufgrund meiner Sprachhürde deshalb bedauerlicherweise weit überlegen. Ansonsten aber hatte er eben seine Launen und schien am liebsten mit sich allein zu sein. Mit meinem Hang zum Einzelgänger verstand ich deshalb einige seiner Reaktionen ganz gut und dachte mir nichts dabei, wo andere sich längst angegriffen gefühlt hätten. Tom war eben mit seinen Ende Dreißig nicht mehr zu ändern und ich, die ja nur unerheblich jünger war, ebensowenig. Das konnte auf Dauer nur dazu führen, dass wir uns gegenseitig angingen wie zwei Raubkatzen, die auf den großen Kampf warteten. Ich konnte warten.

An einem Morgen, nachdem ich mit der Arbeit fertig und diese von seinem Onkel kontrolliert und als gut befunden worden war, hatte ich mich wie immer zum Mittagessen gesellt. Dort redeten wir ein wenig über das, was ich in Deutschland bezüglich Pferden schon alles erlebt hatte und über unsere eigenen. All das hatte Tom wenig beeindrucken können. Er war die ganze Zeit mit unverhohlen spöttischem Gesichtsausdruck dagesessen und hatte mit keinem Wort an der Konversation teilgenommen.

Am nächsten Tag war ich dann zufällig Zeuge eines Zanks zwischen ihm und seinem kleinen Bruder geworden, deren Gegenstand ich gewesen war. Randy glaubte fest, dass ich durchaus dazu in der Lage wäre, ihre Arbeit hier anständig zu erledigen.

„Das hat doch alles keinen Sinn!“, hatte Tom geschimpft. „Sie hat keine Ahnung von unserem Leben hier draußen und ich wette mit dir, dass sie nach spätestens zwei Wochen das Handtuch wirft, weil ihre Fingernägel ruiniert sind und sie Schwielen an den Händen bekommen hat!“

Ich starrte auf meine Hände hinab und konnte nicht leugnen, dass sie schlimmer ausschauten, als ich mir je hätte erträumen lassen. Fingernägel hatte sie ohnehin nie welche gehabt, von daher konnte mich deren Zustand wenig erschüttern. Genauso wenig wie die Blasen an meinen Fingern und die Hornhaut auf meiner Handfläche, die sich dort innerhalb der ersten paar Tage schon gebildet hatte.

Ich würde es ihm schon zeigen, diesem arroganten, überheblichen Klugscheißer von Rancher, der er sich einbildete zu sein! Wütend kratzte ich die Harke über den Boden der Box, um Streu und Mist auf einen Haufen zusammenzuschieben. Von wegen aufgeben! Der würde sich noch umschauen! Das wäre ja gelacht, wenn ich es nicht schaffen würde, jeden Tag eine geradezu lächerlich geringe Zahl von Boxen zu misten – vierundzwanzig, um genau zu sein und das war ja nun wirklich keine Herausforderung!

Während ich so meiner Aufgabe nachging und in meine Überlegungen versunken war, bemerkte ich durch das offenstehende Tor auf einmal, dass draußen im Hof ein Auto vorfuhr. Eine junge, sehr schick gekleidete Frau entstieg der Limousine. Dadurch, dass ich gerade erst bei der zweiten Box angelangt war und damit nicht weit entfernt vom Eingang stand, konnte ich jedes Wort, das draußen gesprochen wurde, verstehen. Neugier war selten etwas, was ich zähmen konnte und deshalb äugte ich erst einmal aus der Box heraus, was dort vor sich ging.

Tom hatte heute in aller Früh angefangen, ein paar der jungen, noch ungerittenen Pferde an den Sattel zu gewöhnen und stand jetzt mit einem von ihnen am Anbindebalken neben dem Tor, als der unerwartete Besuch vorfuhr.

„Was willst du hier?“ Es klang schroff und genervt.

„Mit dir sprechen, das ist alles!“ Die junge Frau strich sich das blonde Haar aus dem Gesicht und ich fand – nicht ganz ohne Neid – dass sie sehr hübsch aussah. Kein Wunder, dass sie der Typ Frau war, auf die Männer wie Tom McCullough abfuhren. Ich konnte nicht anders und die Augen verdrehen – alle Klischees erfüllt. Ich gab mir einen Ruck und kratzte weiter den Mist zusammen, jedoch nun sehr darauf bedacht, keine Geräusche zu verursachen.

„Ich wüsste nicht, worüber wir noch sprechen sollten!“ Sein tiefer Bariton ließ vermuten, dass die Konversation hiermit für ihn beendet war. „Und jetzt muss ich weiter arbeiten.“

„Ach, Tom!“ Der Tonfall der jungen Frau klang genervt und flehend zugleich. „Könnten wir nicht alles bei einem Abendessen in Ruhe bereden?“

„Hör zu“, sagte er und es war offensichtlich, dass seine Geduld bald am Ende angelangt sein würde. „Ich habe weder Zeit, noch das Verlangen, irgendetwas mit dir durchzukauen, was sich für mich schon längst erledigt hat! Würdest du jetzt bitte so nett sein und mit deinem Wagen da wegfahren? Du stehst im Weg.“

Selbst diese Frage klang aus seinem Mund irgendwie sarkastisch und ich warf einen schnellen Blick hinaus in den Hof. Ihn konnte ich nicht sehen, weil er hinter dem Tor stand, doch die junge Frau verharrte genau in meinem Winkel und zu meinem Erstaunen entdeckte ich auf ihrem hübschen Gesicht einen Anflug von Zorn.

„Dann mach’ doch was du willst!“ Sie wirbelte herum und stapfte auf ihren hohen Absätzen wenig damenhaft zurück zu ihrem Wagen. „Aber bild’ dir ja nicht, dass du dann eines Tages daherkommen könntest!“

„Habe ich nie vorgehabt!“

Der Motor heulte auf und im nächsten Moment brauste das Auto davon. Ich grinste still in mich hinein, während ich den Rancher von draußen leise fluchen und schimpfen hörte, jedoch keines der Worte verstand, was vielleicht auch besser war. Meine Augen wanderten zurück in Richtung Tor, von wo nun Schritte zu vernehmen waren. Im nächsten Augenblick erschien seine große, kräftige Gestalt in der Tür zur Box.

„Na?“, fragte er und seine Stimme brachte mein Herz zum Stolpern. Ich starrte ihn eine Sekunde regungslos an…diese dunklen, unergründlichen Augen. Was hatte Randy erzählt? Sein Vater sei ein Halbblut-Indianer gewesen? Daher vermutlich auch die dunklen Haare und der braune Teint, der bei allen anderen Hellhäutigen wohl nur durch regelmäßige Solariumbesuche zu erreichen war.

„Mein Bruder meinte, du machst dich ganz gut und ich kann auch nicht klagen.“ Er schaute sich die Box an, die ich bereits fertig gemistet und frisch eingestreut hatte. „Vielleicht schaffst du’s, dir heut noch ein paar Sättel vorzunehmen. Müssen dringend geölt werden.“

„Mal sehen, was sich machen lässt.“ Ich fühlte, wie meine Wangen heiß wurden. Verdammt! Was war denn nur in mich gefahren?

„Gut“, sagte Tom, nickte, lächelte kurz und wandte sich in die andere Richtung, um wieder zum Tor hinaus zu verschwinden.

Ich atmete aus und merkte erst jetzt, dass ich die ganze Zeit wie ein Soldat vor dem General dagestanden hatte. Zornig schaufelte ich den Pferdemist weiter zusammen. Ich ärgerte mich nicht nur über mich selbst, sondern über die ganze Situation und wie sie verlaufen war. Ich wollte ihn nicht attraktiv finden! Ich hatte mir geschworen, mich niemals wieder zu verlieben und das war auch bislang nicht allzu schwer gewesen, bei der Auswahl an Männern, die zur Verfügung standen. Aber bei ihm…er war so anders, so außergewöhnlich. Er hatte etwas mit mir angestellt, vom ersten Augenblick an, das mich niemals wieder loslassen würde und das ärgerte mich noch viel mehr. Hatte Myrtle mich nicht extra noch vor ihm gewarnt?

Gegen Mittag kam sein Onkel, der meist irgendwo rund um das Gelände anzutreffen war und die schwereren Arbeiten, draußen bei den Rindern, seinen beiden Neffen zu überlassen pflegte. Immer wieder betonte er, dass er in seinem Leben mehr als genug Rindviecher gescheucht und gebrannt hätte – jetzt könne er es auch ein bisschen ruhiger angehen lassen mit fast siebzig.

„Bist du fertig?“ Mit diesem Satz steckte er den Kopf zur Tür herein. Ich hockte auf dem Boden der Sattelkammer, mit einem der Zaumzeuge beschäftigt und fuhr erschrocken herum.

„Fast“, gab ich ihm zur Antwort und betrachtete ihn für einen langen Augenblick. Der alte Rancher war immer höflich und freundlich zu mir und wenn ich sein faltiges Gesicht mit den grauen Haaren so betrachtete, glaubte ich immer, die Schönheit darin noch erkennen zu können, die es einstmals ausgezeichnet haben mussten.

„Na, dann mach’ mal Schluss für heute!“ Er zwinkerte mir übermütig zu. „Meine Frau hat vor einer halben Stunde frischen Kuchen aus dem Ofen geholt. Es gibt ihren Spezialkaffee dazu – na, was ist?“

Beim Wort „Kaffee“ konnte ich noch niemals widerstehen – auch, wenn ich mittlerweile wusste, dass die Spezialausführung hierzulande gefühlt zehnmal stärker war als der, den ich von Zuhause kannte. Er löste regelmäßig Herzrasen bei mir aus und doch war ich nicht fähig, dem lockenden Duft und der Vorfreude auf den Geschmack zu entsagen.

Die Sonne schien warm und einladend vom blauen Himmel herab, während ich es mir auf der überdachten Veranda vor dem Eingang zum Ranchhaus gemütlich machte. Die Senior-Chefin hatte bereits den rechteckigen Tisch gedeckt und der Kuchen stand darauf, unter einer Haube geschützt, aufgeschnitten und bereit zum Verzehr. Der Rancher lud uns beiden ein großes Stück auf die Teller und schenkte in die Pötte Kaffee ein. Seine Frau hatte an alles gedacht – Milch und Zucker für mich standen ebenfalls bereit.

„Na, er lässt dich ganz schön malochen, was?“, sagte er nach einer Weile und lächelte mir zu. „Mach’ dir nichts draus, er versucht dich bloß zu testen!“

„Sowas dachte ich mir schon“, erwiderte ich grinsend und schob eine Gabel Apple-Pie in den Mund. Ein entschlossener Ausdruck trat auf mein Gesicht. „Aber keine Sorge! Der wird sich noch wundern!“

Ein Schmunzeln zuckte um die Lippen des Ranchers. „Ah, mach’ dich nicht verrückt. Er ist halt ein bisschen kompliziert, aber ansonsten der beste Nachfolger, den jemand wie ich sich wünschen könnte.“

Ich hob die Brauen. Meine Augen fixierten ihn für einen Moment durchdringend. „Willst du dich etwa ganz zurückziehen?“

„Der Tag wird kommen, mein Kind!“ Er lächelte und schob seinen leeren Teller ans andere Ende des Tisches. „Aber ich mach’ mir keine Gedanken darüber, ob Tom der Sache hier gewachsen sein wird. Er ist ein Rancher, wie ich immer einer gewesen bin: Mit Herz und Seele, verstehst du? Das muss man sein, wenn man hier draußen, in der Einsamkeit und Wildnis durchkommen will.“

Ich nickte. Die Inbrunst und Überzeugung, mit der er diese Worte aussprach, beeindruckten mich. Ich hatte schon länger verstanden, dass die Menschen hier anders waren, traditionsbewusster, mehr verwurzelt mit ihrer eigenen Geschichte und denen ihrer Vorfahren, als es bei uns noch üblich war.

„Es ist besser geworden wie früher, als noch zu meiner Kindheit. Es gibt schnelle Autos, Radio, Fernsehen, Telefon, sogar dieses…dieses Internet haben wir. Davon versteh’ ich zwar nichts, aber es ist nicht mehr dasselbe, völlig von der Außenwelt abgeschottete Leben wie früher.“

„Trotzdem“, fiel ich ihm ins Wort und mein Blick schweifte über den Innenhof hinweg, „ist es, als ob hier die Zeit langsamer vorangegangen wäre als anderswo.“

Der alte Rancher betrachtete mich prüfend und ein Lächeln hob seine Mundwinkel. „Du kannst verstehen, was ich meine, was uns antreibt hierzubleiben, trotz der harten Arbeit, der wenigen Freizeit, wenn wir so etwas überhaupt kennen. All das kann uns nicht schrecken.“

„Ja“, sagte ich leise und ohne mir dessen bewusst zu sein, legte sich ein verträumter Schleier über mein Gesicht, der verriet, dass ich eine Reise in eine andere Zeit und Welt angetreten hatte. „Ich würde sofort hierbleiben, wenn ich könnte. Jeden Tag nichts anderes tun als Pferde versorgen von morgens bis abends, Heu schaufeln und den Hühnerstall misten. Hinausreiten und Rinder brennen, sie im Herbst wieder zusammentreiben… Es ist genauso wie damals, als Opa und ich vor dem Fernseher gesessen haben. Er war John Wayne und ich war das wilde, ungezähmte Cowgirl.“ Ein Ruck ging durch meinen Körper. „Gott, hör’ bloß nicht auf mein Geschwätz!“

„Wieso nicht? Ich wünschte, Tom wäre ein einziges Mal an eine Frau wie dich geraten in seinem Leben, anstatt an diese Schicksen, die er immer anbringt! Die halten es hier doch sowieso nicht lange aus und wenn sie dann fort sind, hat er wieder schlechte Laune.“

Ich erinnerte mich an den Vorfall vom Vormittag und konnte ein leises Lachen nicht unterdrücken. „Sie scheinen ihn aber auch wirklich nicht in Ruhe lassen zu wollen, die Damen, meine ich.“

„Ach!“ Der Rancher machte eine wegwerfende Handbewegung und brachte aus der Brusttasche seines Hemds eine Schachtel Zigarillos zum Vorschein. Einladend hielt er sie mir hin, einladend und herausfordernd zugleich, wie mir schien. Dankend nahm ich eine heraus. Sie rochen nach Vanille und besaßen keinen Filter.

„Ich wusste gar nicht, dass du rauchst“, bemerkte er. Seine linke Braue hob sich, während er zuerst mir Feuer gab und dann seinen Glimmstängel anzündete.

„Tue ich auch nicht, jedenfalls nicht regelmäßig“, erwiderte ich mit einem Zwinkern. „Ich mag keine normalen Zigaretten, nur solche Dinger da.“ Ich deutete auf den Zigarillo. „Das andere Zeugs schmeckt nicht – aber das schon.“

Ein leises, tiefes Lachen drang aus der Kehle des Ranchers. „Ich habe noch nie eine Frau getroffen, die eine von mir genommen hat!“

„Ich bin keine richtige Frau“, erwiderte ich selbstbewusst und lehnte mich zurück. „Darum kann ich die auch rauchen, ganz einfach.“

„Ja, ich glaube, das ist das Problem.“ Er blies den Rauch gegen die Überdachung der Veranda. „Tom glaubt, du seihst nicht ganz richtig im Kopf.“

Diesmal war es an mir zu lachen. „Quatsch“, sagte ich und noch einmal: „Quatsch. Er kennt nur keine Frauen, die mit Rückgrat durchs Leben gehen und sich bewusst dagegen entscheiden, zwei Schritte hinter ihrem Mann zu folgen und damit ihre eigenen Ziele und Träume zu opfern.“

Der Rancher runzelte die Stirn. Seine blauen Augen blitzten mich an. „Du hast von Zuhause auch einen ganz guten Eigensinn mitbekommen.“

„Ich bin dazu erzogen worden, meine Meinung zu äußern, meine Freiheit zu leben und dass Ehrlichkeit wichtiger ist, als anderen Leuten zu gefallen.“ Herausfordernd warf ich den Kopf zurück. „Und ich bin stolz darauf.“

„Weißt du“, begann der alte Mann und seine blauen Augen wanderten hinüber zu dem kleinen Wäldchen schräg hinter dem Ranchhaus. „Tom hat den McCullough-Sturkopf geerbt. Er ist meinem Bruder verdammt ähnlich. Der hat auch selten an sich oder seinen Fähigkeiten gezweifelt und er hatte auch diese merkwürdige Eigenschaft, sich von anderen Menschen irgendwie immer fernzuhalten. Heute glaube ich, dass er im Grunde seines Herzens ein Einzelgänger gewesen ist – er wusste es bloß nicht.“

„Und Tom hat ihn sich zum Vorbild genommen?“ Meine Neugier war erwacht. Ich wollte mehr wissen über diese Familie, über Tom McCullough, den großen, dunklen, gutaussehenden Rancher, der mich so unglaublich faszinierte, wie noch nie ein Mann in meinem Leben zuvor.

„Nein, die beiden sind sich nie begegnet.“ Das einst attraktive Gesicht nahm einen melancholischen Ausdruck an. „Das letzte Mal, als ich meinen Bruder getroffen habe, war Tom noch nicht mal geboren. Und das nächste Mal haben wir ihn da drüben, unter den Bäumen, bei den anderen, beerdigt…“

Mir fiel dazu keine Antwort ein und deshalb war ich froh, als mein Gastgeber von alleine fortfuhr: „Ach, Tom und die Frauen, das ist so ein leidiges Thema, das meine Frau und mich schon seit seiner Jugendzeit nicht loslässt. Sie sind ihm immer nachgelaufen, schon zu Schulzeiten und das hat sein Ego natürlich noch gestärkt. Es war manchmal wirklich kaum zu ertragen und Tom, nun, du kannst dir denken, dass er nicht unbedingt ein Kind von Traurigkeit war.“ Der alte Rancher grinste. „Das hat er vielleicht von mir – ich war auch ein ziemlich wilder Hund in jungen Jahren. Aber ein Mann wird ruhiger, wenn die ersten Zeichen des Älterwerdens sich nicht länger verheimlichen lassen.“

„Und Tom?“

Mein Gegenüber zuckte die Schultern. „Ich weiß nicht. Er redet nie über sich oder seine Gefühle, das macht er immer mit sich selbst aus. Aber ich bin ja schon Gottfroh, dass er sich von dieser schrecklichen Tussi wieder hat scheiden lassen, die er damals anschleppte! Ein entsetzliches Mädchen, jedenfalls in meinen Augen! Absolut nervtötend!“

Die Erinnerung an sie schien ihn noch heute völlig aus der Fassung zu bringen und ich konnte mein Amüsement über seine Reaktion kaum verbergen.

„Sie war eine Schönheitskönigin und gerade mal achtzehn“, erzählte der alte Rancher weiter und vergaß darüber völlig seinen Zigarillo. „Wobei ich anmerken sollte, dass Tom auch nur fünf Jahre älter war, dieser Grünschnabel! Jedenfalls wollte sie hier alles umbauen und eine Ferienranch oder sowas draus machen. Sie hat wohl erwartet, dass Tom irgendwann nachgeben würde, aber da hatte sie sich geschnitten! Und eines Tages, ohne, dass er einer Menschenseele was davon gesagt hätte, war sie fort. Er hat sie in aller Früh zum Flughafen gebracht und nach Hause geschickt! Kannst du dir das vorstellen?“

Ich rief mir Tom McCullough ins Gedächtnis und grinste. „Ja“, sagte ich. „Kann ich mir sehr gut vorstellen!“

Der Rancher lachte leise. „Denke ich mir!“

Wenige Tage später, als ich gerade eine volle Schubkarre vom Stall nach draußen zum Misthof schob, bemerkte ich eine Bewegung auf dem Reitplatz, der sich schräg dahinter befand und ich hielt inne. Der schlanke, langbeinige Hengst, dessen schwarzes Fell bläulich im Schein der Morgensonne glänzte, galoppierte Runde um Runde. Sein Reiter saß sicher im Sattel, jede Bewegung seines Pferdes auf seinen eigenen Körper übertragend, spielerisch, mühelos. Seine Hände schienen keinen Kontakt zu den Zügeln nötig zu haben, er lenkte das Tier lediglich mit seinem Gewicht und unsichtbaren Schenkelhilfen.

Der schwarze Hengst wendete auf der Hinterhand, wirbelte Sand auf, galoppierte weiter, nur um am anderen Ende wieder ruhig und geradezu sanft zu stoppen. Sein Atem ging schnell, seine Ohren hielt er nach hinten gerichtet, auf jede leiseste Aufforderung seines Besitzers achtend. Ein leichter Hauch von Schenkelanlegen genügte und er galoppierte wieder an. Fliegende Wechsel, bei jedem Galoppsprung an der langen Seite der Reitbahn, gefolgt von einer Travesale – einem Seitwärtsgang, ausgeführt im Galopp, den für gewöhnlich nur klassische Dressurreiter beherrschten. Er und sein Hengst, sie konnten es auch, am losen Zügel, scheinbar genauso mühelos wie der ganze Rest, den sie hier zauberten. Es folgte eine Pirouette im Galopp, ebenfalls eine Lektion aus der Dressur, doch bei diesen beiden hier fast noch schöner anzusehen, weil die Anspannung des Reiters und der ständige Druck auf das Pferd fehlte. Der Hengst erfüllte seinem Besitzer einfach den Wunsch, weil dieser wusste, wie er es von ihm abfragen konnte, ohne Rohheit, ohne Gewalt.

Und während ich das Paar Tom McCullough und Wind Chaser dabei beobachtete, wie sie miteinander über den Reitplatz tanzten, wurde mir mit einem Schlag der Unterschied bewusst zwischen dem, was in meiner Heimat unter Westernreiten betrieben wurde und dem, was es tatsächlich war. Diese Vollendung zwischen Pferd und Mensch, die konnte niemand erreichen, der lediglich nach Schleifchen und Pokalen strebte, der nicht bereit war, ebenso viel von sich selbst in die Arbeit einzubringen, als er von seinem Pferd erwartete. Das hier, das war das Werk von eiserner Selbstdisziplin und dem Willen, sich über Jahre und vielleicht sogar Jahrzehnte hinweg von den besten Lehrern unterrichten zu lassen, Rückschläge und Kritik immer wieder stoisch zu ertragen, sie als Förderung und nicht als Beleidigung des eigenen Egos anzunehmen.

All das schoss mir durch den Kopf, während meine Augen geradezu hypnotisiert dem Schauspiel folgten, das sich wenige Meter vor mir abspielte. Es gab nicht viele Reiter, die zu solchen Höhenflügen in der Lage waren. Die meisten von ihnen scheiterten irgendwann an ihrer eigenen Eitelkeit. Tom McCullough jedoch war anders, das hatte ich vom ersten Moment an gespürt.

Deshalb war ich Zuhause nie in einen Reitverein oder sonst etwas in dieser Richtung eingetreten: Weil ich diese Einheit zwischen Tier und Mensch dort immer vergeblich gesucht hatte, wohin ich auch schaute und ich war, bei Gott, viel in meinem Land herumgekommen! Die Suche nach Harmonie war erfolglos verlaufen. Ich hatte nichts von dem gefunden, wonach ich strebte und jetzt, so weit fort von Zuhause, von dem gewohnten Reitstall mit seinem Lärm, den engen, miefigen Boxen und der großen Reithalle, in der Pferde mit Sporen traktiert und mit Gerten gefügig gemacht wurden, fand ich in der Wildnis von Amerika einen Mann, der so individuell war wie dieses Land selbst und der die Kunst beherrschte, sein Pferd nicht zum Sklaven, sondern zum Partner zu machen. Oh, könnte er mir doch nur beibringen, ebenso zu reiten!

Obwohl ich mich minutenlang nicht bewegt hatte und meine Arme lahm geworden waren vom Gewicht des vollen Schubkarrens, bemerkte er mich schließlich. Er parierte den schwarzen Hengst zum Schritt durch und ritt zu mir hinüber an den Zaun. Eines dieser Lächeln, die wohl keiner zu deuten vermochte, spielte um seine Lippen: War es Sarkasmus, Spott oder tatsächlich Höflichkeit? Ich traute mir nicht zu, es zu beurteilen als er seinen Hut aus der Stirn schob und sich lässig auf das Horn seines Sattels lehnte.

„Na?“ Nur das, mehr nicht.

„Das war wundervoll“, erwiderte ich nach kurzem Zögern. „Das war mit Abstand das Beste, was ich seit langem gesehen habe.“

Das Lächeln um seine Lippen wurde breiter, die Fältchen um seine Augenwinkel vertieften sich. „Danke.“

Wieder – nur das, keine Silbe mehr. Er ließ den Hengst herumtreten und lenkte ihn in Richtung Tor. Dort stieg er ab, lockerte den Sattelgurt und führte das Pferd hinüber zum Stall, wo beide gleich darauf hinter dem Eck des Gebäudes verschwunden waren.

Heuballen aufschneiden und die Lagen aufzuschütteln, es vor den einzelnen Pferdeboxen für die Abendfütterung bereitzulegen, all das gehörte zu meinen Aufgaben, die ich bis Mittag zu erledigen hatte. Danach half ich weiterhin im Haushalt oder im Garten, putzte Fenster oder reparierte nach einem Gewitter einmal das Dach meines Bunkhouses.

Das Hinaufklettern an der langen, senkrechten Leiter zum Heuboden machte mir nichts aus. Ich mochte den Geruch des getrockneten Grases und den Staub der aufstieg, wenn ich mit der Gabel hineinstach und es auseinanderzuschütteln begann. Dann versprühte es noch mehr seines einzigartigen Geruchs, den ich tief in mir aufsog.

‚Eigentlich‘, dachte ich an diesem regnerischen Vormittag, als ich wieder dort oben stand und meiner Arbeit nachging, ‚wäre ich nicht hier, wenn alles anders gekommen wäre, aber so… Manche Wendungen im Leben haben vielleicht doch ihren Sinn.‘

Einen langen Moment dachte ich darüber nach, dann musste ich mich korrigieren. Nein, nicht die Wendungen waren es gewesen, sondern meine eigenen Entscheidungen. Ich hatte für mich gewählt, was in meinem Leben Priorität hatte – das Schreiben und meine Freiheit. Ich konnte zu viel Nähe zu Menschen noch nie ertragen, ich brauchte schon immer meinen Freiraum wie die Luft zum Atmen.

‚Wahrscheinlich bin ich auch ein Einzelgänger oder zumindest bin ich einer geworden‘, dachte ich und musste lächeln. Die Vorstellung störte mich nicht. Menschenaufläufe in Diskotheken oder Bars waren mir von jeher zuwider gewesen. Als Teenager hatte ich eine Zeit lang versucht, mich zu ändern, mich meinen Mitschülerinnen anzupassen und Spaß daran zu finden, mir die Nächte in vollen Kneipen um die Ohren zu schlagen, bei Alkohol, Zigaretten und lauter Musik, bei unsinnigem Geplänkel und der schier unerträglichen Müdigkeit, die mich spätestens um Mitternacht überfiel. Eine Weile hatte ich das mitgemacht und geglaubt, mich selbst so stark verändern zu können, dass mir diese Art des menschlichen Zusammenseins eines Tages gefallen könnte. Aber schon bald war es mir auf die Nerven gegangen und ich hatte aufgehört, mich wie die anderen zu benehmen oder so sein zu wollen wie sie. Es ging nicht, ganz einfach. Ich war einfach anders als der Großteil meiner Mitmenschen, dass es mir schlicht unmöglich war, mich ihnen anzupassen und daran auch noch Gefallen zu finden. Die einzige Befriedigung, die ich wirklich fand, bestand darin, alleine mit einem Pferd im Gelände zu reiten oder mit einem der Hunde aus dem Tierheim Gassi zu gehen – auch alleine. Da konnte ich meine Batterien wieder laden, mich erholen und nachdenken. Es war nicht, dass ich dann nicht auch gerne mit meinen Arbeitskollegen gescherzt und gelacht hätte oder mit ihnen mittags auf einen Kaffee gegangen wäre – das war etwas anderes. Aber abendelang sinnlos in Diskotheken herumhängen? Nein, danke, davon hatte ich mich schon vor Vollendung meines achtzehnten Lebensjahres verabschiedet. Das war eine andere Welt, in die ich nicht hineingehörte. Meine Welt war die meiner Fantasie, die meiner Romane. Sie hatten immer oberste Priorität. Arbeit zu haben war nötig, um Geld zu verdienen und zu überleben, mehr nicht. Jede freie Minute galt meinen Passionen und der Rest war eben notwendiges Übel.

Irgendwann ging unten die eine Seite des großen, quietschenden Scheunentors auf und eine Gestalt in langem Regenmantel betrat das Gebäude. Sie schüttelte sich und die Tropfen spritzten nach allen Seiten.

„Hey!“, rief Tom nach oben und befreite sich von dem nassen Umhang und dem Hut. „Wenn du fertig bist, kannst du mir helfen, die Pferde von der Koppel rein treiben! Es wird ziemlich matschig draußen und es ist besser, wir holen sie!“

Ich beugte mich über den Rand des Zwischenbodens, auf dem das Heu lagerte, um hinabzusehen. Dieser reichte bis etwa zur Mitte der Scheune, bevor er abrupt endete. „Ich bin gleich fertig!“

Tom verzog den Mund. „Ich komm rauf und helf’ dir, dann geht’s schneller.“

„Nein!“ Mein wütender Aufschrei ließ ihn an der untersten Sprosse der Leiter innehalten. „Ich kann das sehr gut alleine und ich sagte, ich bin gleich fertig!“

Eine Sekunde starrte er mich mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Erstaunen an. „Was?!“

„Ich sagte“, wiederholte ich, jedes Wort betonend, „dass ich keine Hilfe brauche! Ich bin vielleicht eine Frau, aber ich bin kein Schwächling! Ich kann das sehr gut alleine!“

Das typische, leicht spöttische Lächeln bildete sich auf seinem regenfeuchten, gutaussehenden Gesicht.

„Dass du keine richtige Frau bist im Sinne, was man normalerweise darunter versteht, habe ich inzwischen begriffen. Tut mir leid, wenn ich so offen bin.“

„Lieber geradeheraus, als auf einer Schleimspur durch’s Leben schlittern.“ Ich warf eine Gabel Heu neben ihm hinab auf den Boden der Scheune.

„Na ja, nimm’s mir nicht übel! Du entsprichst nicht ganz meiner Vorstellung von dem, was eine Frau normalerweise ausmacht!“

„Das ist mir nicht entgangen!“ Mein Zorn wuchs und wuchs und ich wusste nicht, wann ich die Kontrolle darüber verlieren würde. „Aber vielleicht ist das auch ganz gut! Sonst müsste ich noch befürchten, in dein Beuteschema zu passen und darauf lege ich nun wirklich gar keinen Wert!“

Ein leises, tiefes Lachen drang aus seiner Kehle. „Mach’ nicht den Fehler und beurteil’ mich danach, dass hier ständig irgendwelche Reitschülerinnen versuchen, sich an mich ranzuschmeißen!“

„Ja, natürlich! Ihr armen, armen Männer, die ihr euch nicht mehr retten könnt vor Verehrerinnen, die ihr eigentlich überhaupt nicht wollt und auch gar nicht brauchen könnt in eurem Leben!“

Wieder lachte er auf seine eigene, ironische Art. „Das habe ich nicht gesagt!“

„Nicht nötig! Ich konnte dich jetzt lange genug beobachten!“

Für einen Moment schien ich ihn um eine Antwort verlegen gemacht zu haben, denn er starrte ein paar Sekunden lang nur regungslos zu mir hinauf.

„Sieh an, sieh an! Ein bisschen widerspenstig da oben, was?“

„Ich und widerspenstig?!“ Ich stieß einen gespielt empörten Schrei aus. „Der einzige, der sich hier nicht zu benehmen weiß, bist du!“

„Ich gebe ja zu“, lenkte er sachlich ein, „dass ich manchmal etwas schwierig sein kann, aber das liegt nicht an dir! Das sind halt meine Launen.“

„Oh, wie bedauerlich! Die Frau, die dich eines Tages als Ehemann ertragen muss, tut mir jetzt schon leid!“

Er konnte sich ein weiteres, amüsiertes Lachen nicht verkneifen. „Woher willst du beurteilen, dass ich als Ehemann nichts tauge?“

„Neunzig Prozent aller Männer taugen nicht zum Ehemann, aber die Frauen reden es sich ein, weil sie nicht alleine alt und runzelig werden wollen und dann lassen sie sich von ihnen alles gefallen! Darum ist es besser als Frau allein zu bleiben und unter keinen Umständen jemals zu heiraten!“ Ich machte eine kurze Pause, ehe ich hinzufügte: „Und ja, ich spreche aus leidiger Erfahrung!“

Während ich redete, hatte er sich mit der Hüfte gegen die Leiter gelehnt und die Arme vor seiner kräftigen Brust verschränkt. Mit einem teils belustigten, teils ungläubigen Ausdruck schaute er mir zu, während ich Gabel für Gabel vom Heuboden hinab beförderte.

„Ach, komm schon! Die meisten Frauen bleiben ja doch irgendwann bei einem hängen, vor allem die, die zuerst am lautesten schreien!“

„Keine Sorge! Ich bin aus dem Alter raus, in dem man sich noch darüber Illusionen macht, dass das Leben wie ein Heimatfilm verläuft! Von mir gibt’s keine Kinder, weil ich keine will und ich werde auch nie einen auf brave Ehefrau machen, die daheim hinterm Herd steht!“

Ein Grinsen zuckte um seine Mundwinkel. „Das sagst du bloß, bis du den richtigen Mann triffst und dann geht alles ganz schnell!“

„Blödsinn!“, schrie ich, kurz davor, die Geduld zu verlieren. Er schaffte es tatsächlich, mein Temperament zu entzünden. „Ich kann immerhin behaupten, es probiert zu haben! Taugt nichts für mich!“

„Dann war’s eben nicht der richtige Mann!“

Ich beugte mich wieder über den Rand des Heubodens und warf ihm einen wütenden Blick zu. „Dito. Dasselbe kann ich ja in deinem Fall nur zurückgeben! Bei dir scheint’s auch des öfteren ein Griff ins Klo gewesen zu sein!“

Er hob die Hände, als müsste er sich verteidigen. „Schon gut! Bring mich nicht gleich um, aber Verzeihung, wenn ich das so sage – ihr Frauen seid euch alle irgendwie ähnlich. Ihr wollt alle eines Tages eine Familie mit Kindern und einem braven Mann, egal, wie ihr in jungen Jahren unterwegs seid. Die wenigsten ziehen die andere Möglichkeit rigoros durch.“

„Aha! Und du glaubst, ich wäre auch bloß eine von denen oder wie?!“

„Um ehrlich zu sein: Ja, das denke ich. Ich glaube nicht, dass du durchhalten wirst, wenn dir ein entsprechender Mann begegnet.“

„Na, du musst es ja wissen! Du schmeißt die Frauen, die sich so gerne an deiner starken Brust anlehnen möchten, ja gleich hochkant vom Hof!“

Er zog ein fragendes Gesicht, bevor er begriff. „Ah, verstehe, ja, ich erinnere mich. Was zu viel ist, ist zu viel, du verstehst?“

„Nein, aber erspar’ mir die Details! Und wenn du die Pferde möglichst bald reinholen willst, solltest du mich jetzt einfach in Ruhe weiterarbeiten lassen!“

„Ich komm jetzt rauf“, entschied er kurzerhand und setzte seinen rechten Stiefel auf die unterste Sprosse der Leiter, als eine Ladung Heu ihn unter sich begrub. Für einen langen Moment herrschte absolute Stille. Nur der Regen trommelte auf das Dach und erfüllte das Innere des großen, alten Gebäudes.

Langsam, fast bedächtig schüttelte Tom das Heu von seinen Schultern und zupfte die Halme aus seinem schwarzen Haar. Schließlich hob er den Kopf. Oben, am Rand der Leiter lehnte ich auf dem Stiel der Gabel und schaute abwartend zu ihm hinunter.

„Wie ungeschickt von mir…“

Ohne ihn weiter zu beachten, fuhr ich fort, das aufgeschüttelte Heu hinab in die Scheune zu werfen, mich nicht darum scherend, ob er noch immer dort stand oder nicht. Nach einer Weile hörte ich ihn leise fluchen und das Scheunentor quietschen. Jetzt trieb er seine Pferde vermutlich alleine ein. Nun, konnte er sich im Regen wenigstens ein bisschen abkühlen.

Ich schmunzelte. Ein klarer Sieg für mich. Niemals würde ich sein fassungsloses Gesicht vergessen, das unter dem Heuberg zum Vorschein gekommen war. Das hier war meine eigene, persönliche kleine Rache gewesen und ich schwor mir, dass er mich nie wieder so von oben herab behandeln würde, wie in der Vergangenheit. Ich besaß auch einen gehörigen Batzen Sarkasmus und wenn er meinte, er müsste die Herausforderung annehmen – bitte, ich war bereit.

1967 – 69

Byron McCullough lenkte seinen kräftigen, temperamentvollen Schimmel den vertrauten Weg entlang. Es war derselbe Weg, den er schon hunderte male zuvor geritten war und der ihn hinauf zu den östlichen Weiden brachte, wo er die Herde Jungpferde weiter zur nächsten Koppel treiben musste. Über ihm zog ein Adler seine Bahnen, hin und wieder einen Schrei ausstoßend. Der Tag war noch jung; er war vor allen anderen aufgestanden. Die Sonne blinzelte soeben erst hinter den Hügeln im Osten hervor und tauchte die Ebene in sanfte Brauntöne. Er kannte das alles sein Leben lang und nahm es deshalb auch kaum noch wahr. Es war eben so, ein Teil dessen, was zu seinem Alltag gehörte.

Seine Gedanken kreisten noch immer um den Brief in seiner Tasche und dessen Inhalt. Es war das, worauf er einerseits gehofft hatte und vor dem es ihm andererseits graute. Schön, er hätte bereits bei der Musterung ahnen können, dass sie ihn nicht ablehnen würden, jedenfalls nicht in solchen Zeiten. Da spielte es auch keine Rolle, dass er sich als Jugendlicher bei einem Sturz vom Pferd einmal das Becken gebrochen hatte. Er konnte noch ablehnen, anstatt sich zu verpflichten. Er fühlte sich hin und her gerissen zwischen seinem Wunsch nach Freiheit und dem Bestreben, den Erwartungen gerecht zu werden, die in ihn gesetzt wurden.

Äußerlich war Byron im Laufe seiner Entwicklung seinem Vater immer ähnlicher geworden: Dieselben, kastanienbraunen Haare und braunen Augen mit dem breiten, auf den ersten Blick nicht sonderlich attraktiven Zügen. Die gleiche hochgewachsene, muskulöse Statur mit den enormen Oberarmen und innerlich erfüllt mit dem ständigen Verlangen, über andere zu bestimmen. Ansonsten jedoch hatten sie nicht viel gemein, im Gegenteil. Die unendliche Liebe Harolds zu dieser Ranch und dem unerbittlichen, einsamen Land blieben Byron ein ewiges Rätsel. Schön, die Ranch befand sich nun in der vierten Generation in Familienbesitz, immer vom Vater an den ältesten Sohn vererbt und seine Bestimmung war es, der nächste in dieser Reihe zu sein.

Der junge Mann seufzte tief. Er war nun siebenundzwanzig Jahre alt und manchmal überkam in das geradezu panische Gefühl, dass sein Leben an ihm vorüberzog, ohne dass er es jemals wirklich genossen hatte oder auch nur verspürt, was es bedeutete, glücklich zu sein. Genau, wie seine verstorbene Mutter Fey vor vielen Jahren, fand er die Befriedigung nur im geschriebenen Wort, in Büchern und Zeitungen und damit in der Gewissheit, dass diese Welt noch mehr zu bieten hatte als ein Fleckchen Erde im Westen dieses unüberschaubar riesigen Landes. Er war schon immer getrieben von dem unstillbaren Verlangen, danach zu greifen, alles daran zu setzen, dass es ein „Mehr“ wurde. Ein Mehr an allem, nicht nur an materiellem Besitz, in erster Linie an Selbstbestätigung und dem Bewusstsein, dass er Größeres für sich schaffen konnte als lediglich der Erbe einer einfachen Rinderranch zu sein. Die Vorstellung bekam mit jedem Mal, da er sich dies vor Augen führte, einen bittereren Nachgeschmack.

Sein Schimmel scheute vor einem Vogel, der aus einem Gestrüpp flog und sprang mit einem mächtigen Satz zur Seite. Im letzten Moment gelang es Byron, sich am Sattelhorn festzuklammern, um nicht im hohen Bogen herabzustürzen. Er stieß einen leisen Fluch aus und griff in die Zügel. Der Wallach schnaubte und rammte seine Beine in den Boden. Byron richtete sich auf und drückte seinen schmutzigen Stetson tiefer ins Gesicht. Es war eben ein Tag, wie so viele andere davor und doch war er es nicht.

Die grelle Sonne stand hoch am Himmel, ließ den Sand im Innenhof beinahe weiß erscheinen; das Zwitschern der Vögel drang durch die offenen Fenster zum Wohnraum hinein. Das Pendel der schweren, alten Standuhr schwang tickend hin und her und brachte Charlotte dazu, alle paar Minuten auf das Ziffernblatt zu sehen – schon gleich halb fünf Uhr nachmittags! Entsetzlich! Draußen herrschte das herrlichste Wetter und sie saß nutzlos hier im Haus herum und weshalb?

„Kuck doch nicht immer, wann du endlich gehen kannst“, bemerkte Sarah schließlich gereizt, als ihre Schwester schon wieder nach der Uhr schielte und setzte den nächsten Stich, um den Knopf an Stacys Hemd anzunähen. „Deine Ballettstunde läuft dir schon nicht davon!“

„Ach, du hast doch keine Ahnung!“ Genervt verzog Charlotte das Gesicht zu einer bösen Grimasse und schüttelte den Kopf so heftig, dass ihr Pferdeschwanz rechts und links gegen ihre Ohren schlug. „Es ist jedesmal dasselbe, seitdem Tante Harriet ins Altersheim gezogen ist! Ständig müssen wir ran und den Haushalt schmeißen!“

Rügend verzog Sarah die Lippen. „Tante Harriet hat sich seit Mutters Tod um uns gekümmert und alles für uns getan! Sie hat ein gutes Recht, sich einen schönen Lebensabend zu gönnen, jetzt, wo wir erwachsen sind! Außerdem kann sie sich kaum noch selbst versorgen, das weißt du. Wie sollte sie uns da eine Hilfe sein?“

„Ja, ja, ich weiß“, versuchte ihre Zwillingsschwester beinahe verzweifelt vor lauter Ungeduld, den Haussegen zu wahren. „Es ist doch bloß, dass ich es hasse, zu spät zu kommen! Und nachdem der Wagen ja mal wieder nicht da ist, muss ich das Fahrrad nehmen!“

„Das kann dir nicht schaden!“ Es war nicht so böse gemeint, wie es klang, doch Charlottes hellbraune Augen blitzten zornig auf.

„Du bist ja nur neidisch!“, rief sie aufgebracht. „Weil du zum Tanzen überhaupt kein Talent hast! Darum hast du nach ein paar Stunden auch schon aufgegeben!“

Sarah seufzte und schüttelte den Kopf. „So ein Blödsinn! Früher habe ich für die Schule lernen müssen und jetzt habe ich einen Job! Außerdem gehe ich lieber reiten als ins Ballett!“

„Sicher“, kommentierte ihre Schwester ungerührt. „Ich erinnere mich noch sehr lebhaft daran, dass du jahrelang von nichts anderem gesprochen hast als davon, Mannequin zu werden oder sowas!“

„Mach’ dich nicht lächerlich!“ Sarah biss sich auf die Lippen und stach sich mit der Nadel in den Finger. „Dazu bin ich überhaupt nicht hübsch genug.“

„Nein, du nicht!“, erwiderte Charlotte giftig und fuhr fort, das Loch in der Hose ihres ältesten Bruders zu stopfen. Oh, wie sie sie hasste, diese lästigen Hausarbeiten!

Die beiden 19jährigen Zwillingsschwestern schwiegen für eine lange Weile. Sie wollten sich nicht zanken und doch geschah es in den letzten Monaten beinahe täglich, dass sie aneinandergerieten. Es schien wie eine Art Zwang – beide mussten der jeweils anderen beweisen, dass sie recht hatte.

Nach Beendigung ihrer Schullaufbahn hatte für beide das Arbeitsleben begonnen. Charlotte fand eine Anstellung in einer Modeboutique, was ihr recht gut gefiel. Ihre natürlich-elegante Art, ihr hübsches, zartes Gesicht mit den vielen, kleinen Sommersprossen und der unwiderstehliche Charme, mit dem sie jede Kundin einzuwickeln vermochte, machten sie für den Laden mittlerweile fast unentbehrlich. Es war nicht das, was sie sich für ihr Leben erträumt hatte, aber immer noch besser als die meisten anderen Optionen, die ihr nach der Highschool offengestanden hatten.

Sarah hingegen hatte keine allzu großen Wahlmöglichkeiten gehabt. Ihre Noten waren trotz aller Bemühungen nicht die besten gewesen und zudem besaß sie weder das hübsche Gesicht, noch die Ausstrahlung ihrer Schwester. Obwohl sie Zwillinge waren, so entwickelten sich im Laufe ihres Heranwachsens doch unterschiedliche Eigenschaften sehr prägnant aus; sie waren eben zweieiige Zwillinge und das nicht nur äußerlich. Für Sarah war schließlich eine Stelle im Büro in einem der Supermärkte übriggeblieben. Sie half bei der Buchhaltung und dem Schriftverkehr und brachte dem Chef den Kaffee, wenn er danach plärrte, war sozusagen Mädchen für alles.

„Ach, ich hab’ die Nase voll!“ Charlotte schleuderte die Hose beiseite. Sie musste sich nun wirklich beeilen, wenn sie noch halbwegs pünktlich zu ihrer Ballettstunde kommen wollte. Sie rannte hinüber zur Garderobe, wo bereits ihr Turnbeutel mit den Schuhen und ihrer Kleidung lag.

Sarah warf einen kurzen Blick über ihre Schulter zurück. Es hatte keinen Sinn, sich deswegen schon wieder zu streiten, sie wusste es. Ihr Vater stand in solchen Fragen immer und ohne Ausnahme hinter Charlotte. Irgendetwas bewog ihn zu glauben, sie habe ein großes Talent fürs Ballett und das Tanzen – im Gegensatz zu seiner anderen Tochter, die eigentlich gar nichts richtig konnte. Sarah verdrängte den Gedanken schnell und widmete sich wieder Stacys Hemd. Dann würde eben sie die Näharbeiten erledigen, damit ihre Brüder und ihr Vater wieder ordentlich herumlaufen konnten.

„Wenn Pa zurückkommt und nach mir fragt, kannst du ihm ja sagen, dass ich nicht länger warten konnte!“ Charlotte stürmte hinaus, die Haustür flog mit einem Knall ins Schloss. Lange blickte Sarah ihr nach, ihr Kopf fühlte sich leer und müde an. Sie seufzte tief. Ach ja, das waren noch schöne Zeiten gewesen, als Tante Harriet sich um alles gekümmert, ihnen die Mutter ersetzt hatte! Wenn wenigstens Charlotte nicht ständig motzen und dann abhauen würde, wenn sie keine Lust hatte, sich um etwas zu kümmern! Aber nein, Charlotte konnte es sich ja erlauben, Charlotte durfte alles, was sie wollte!

„Ich dachte, du wolltest noch mit der Stute ausreiten?“ Sarah zuckte erschrocken zusammen. Es war Stacy. Sie hatte ihn nicht kommen bemerkt. Er stand in der jetzt wieder offenen Haustür und klopfte seinen hellbraunen, verstaubten Hut an den ledernen Überziehhosen ab. „Onkel Jon will auch mit.“

„Oh, Stace!“ Entrüstet legte Sarah ihre Näharbeit beiseite und schob ihren Bruder zurück, über die Türschwelle, auf die überdachte Veranda. „Ich habe erst heute Morgen frisch den Boden gewischt und jetzt liegt wieder alles voller Dreck und Sand!“

Entschuldigend verzog ihr Bruder sein hübsches Gesicht. „Das mit dem Sand lässt sich so schlecht vermeiden! Er klebt nunmal überall!“

„Das sagt Pa auch immer und ich habe dann die Arbeit damit!“

Stacy seufzte. „Ich finde, du hast für heute genug geschuftet. Du hast jetzt schon zwei Tage nicht mehr reiten können, weil ständig irgendetwas wichtiger gewesen ist!“

Sarah zögerte einen Moment. Sie ging in Gedanken all die Dinge durch, die im Haus noch auf Erledigung warteten. Wenn sie ehrlich gegenüber sich selbst war, konnte sie es sich gar nicht erlauben, auch nur eine Minute an ihr Pferd zu verschwenden.

„Na, komm schon! Vater ist rüber zu Charlie Hickman und du weißt ja – das kann dauern, wenn die beiden zusammenhocken! Und Byron muss schon wieder irgendwas brennend Wichtiges in der Stadt erledigen!“ Stacy gab ihr einen Knuff gegen die Schulter. „Onkel Jon wartet!“

„Na, schön, von mir aus!“ Sie gab nach. Ihr Bruder beobachtete, wie Sarah zur Garderobe rannte, ihren Stetson vom Haken riss und ihm dann hinterher lief als er herumwirbelte und ihr voraus in den Innenhof und von dort zum Pferdestall rannte.

Durch die nur angelehnte Tür ihres kleinen Schlafzimmers am Ende des Flurs konnte Sarah hören, wie Byron und Stacy sich im Erdgeschoß wieder einmal zofften. Es war beinahe wie bei ihr und Charlotte – auch ihre Brüder schienen nicht recht etwas mit dem anderen anfangen zu können, jedenfalls nicht mehr, seitdem sie erwachsen geworden waren. Früher war ihr das nie so sehr ins Bewusstsein gedrungen, aber in den letzten Monaten erschien es ihr beinahe unerträglich, dass die beiden sich ständig stritten. Sarah drehte sich auf dem Bett herum und zog den großen, schweren Bildband vom Nachttisch, den sie sich am Vortag in der Stadt gekauft hatte. Er zeigte Pferde aus aller Welt und sie genoss den Anblick der fremdartigen Kulturen und all der Rassen, von denen sie nie zuvor gehört hatte.

Die Stimmen wurden lauter. Es war Samstagabend und die beiden wollten vermutlich nach Quincy zum Tanzen fahren, wie jeden Samstagabend. Es schien das wichtigste Ereignis der ganzen Woche in der Stadt zu sein, denn dann füllten sich die Kneipen und Saloons mit jungen Leuten, den Heiratswilligen und auch denen, die nur ein wenig Abwechslung zum harten, rauen Alltag suchten.

Sarah richtete sich auf. Sie lauschte auf die Worte ihrer Brüder im unteren Stockwerk und auf einmal mischte sich auch ihr Vater ein, der die beiden zurechtwies, sich jetzt endlich zusammenzureißen und die Klappe zu halten, insbesondere Stacy. Nicht Byron, der gab ihm niemals Anlass zur Sorge. Byron besaß einen umsichtigen, ruhigen Charakter, der sich nicht leicht provozieren ließ und vernünftig genug war, mit dem Alkohol aufzuhören, bevor er sich seines Namens nicht mehr erinnerte. Stacy hingegen vergaß bisweilen nicht nur seine Manieren, sondern auch sein Selbstbewusstsein überstieg einige Grenzen, die er besser eingehalten hätte. Obwohl weder sein Vater herausragend gutaussehend, noch seine Mutter außergewöhnlich schön gewesen war, besaßen seine Gesichtszüge eine solche Vollkommenheit, dass es selbst seine eigene Familie immer wieder erstaunte. Sein braungebranntes Gesicht zu den hellblonden, kurzen Haaren wirkte bisweilen so unglaublich makellos wie das einer Puppe, wie eine Erscheinung im Traum. Er schien die Verkörperung des Märchenprinzen zu sein, der das Mädchen, das er liebte, vor dem bösen Drachen rettete. Die Nase war gerade, an der Spitze leicht gen Himmel zeigend und seine großen, hellblauen Augen besaßen eine faszinierende Eindringlichkeit. Wenn er lächelte und seine weißen, geraden Zähne zeigte, lagen ihm die Mädchen in Quincy haufenweise zu Füßen und dessen war er sich durchaus in vollem Ausmaß bewusst. Stacy genoss die Bewunderung des weiblichen Geschlechts und er kannte seine Wirkung auf sämtliche Mädchen der Umgebung, wenn er seinen Charme hinter der bisweilen unnahbaren, schwer zu fassenden Fassade zum Vorschein kommen ließ. Die meisten drangen eh nicht bis unter seine Oberfläche durch. Sie waren bereits von seinem Äußeren so geblendet, dass er gar keine große Mühe mehr aufbringen musste.

„Und wehe, ich höre wieder irgendwelche Beschwerden!“, sagte Harold mit strenger Miene und richtete seine mächtige Gestalt auf. Sein jüngerer Sohn verzog das Gesicht. Er wirkte genervt und gab sich nicht erst die Mühe, dies vor seinem Vater zu verheimlichen.

„Es wird doch wohl noch erlaubt sein, dass ich einmal die Woche ein bisschen Spaß habe! Einmal in sieben Tagen!“ Sein Gesicht zeigte keine Veränderung, bis auf die Wangenknochen, die hervortraten, weil er die Zähne fest aufeinanderbiss. Das tat er jedesmal, wenn er sich kaum noch zusammenreißen konnte. „Ich arbeite schließlich hart genug hier auf der Ranch!“

„Deshalb musst du dich trotzdem nicht benehmen, wie der hinterletzte Dorftrottel“, warf sein älterer Bruder ruhig ein und bedachte ihn mit einem herablassenden Blick. „Oder denkst du, es ist für mich besonders angenehm, wenn ich ständig irgendwelche Geschichten zu hören kriege, wie du dich wieder mal aufgeführt hast?!“

„Dann hör’ halt einfach nicht hin!“ Stacy baute sich vor ihm auf, warf den Kopf zurück. Zwei braune Augen fixierten ihn gelassen und beinahe abfällig.

„Wenn du dich heute wieder aufführst und irgendwelche Schlägereien oder sonst was anfängst“, Harolds Stimme klang beinahe drohend, „dann werde ich alles in die Wege leiten, damit du zukünftig deinen Lebensunterhalt woanders als hier auf der Ranch verdingen kannst!“

Die Worte wirkten wie ein Hammerschlag. Schweigend starrte Stacy seinen Vater an. Ja, er wusste, dass sein Vater eigentlich damit gerechnet hatte, dass sein jüngerer Sohn irgendwann die Ranch verlassen und sich woanders etwas Eigenes aufbauen würde. Aber er war noch immer hier, auch mit sechsundzwanzig und hoffte darauf, dass sich sein Traum erfüllen würde und er eines Tages doch die Ranch seiner Vorfahren erben würde. Was genau ihn, trotz aller Ausweglosigkeit, an diesem Wunsch festhalten ließ, konnte er nicht sagen. Er wusste nur, dass er niemals bereit sein würde, dieses Land hinter sich zu lassen, ohne zumindest dafür gekämpft zu haben.

„Komm jetzt.“ Byron boxte ihm den Ellenbogen in die Seite und riss ihn damit aus den Überlegungen. „Wir sind schon spät dran und wir wollen deine ganzen Verehrerinnen doch nicht warten lassen!“

„Sehr witzig“, brachte Stacy zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Er hielt dem mahnenden Blick seines Vaters stand, bis er zur Haustür hinaus war. Dann atmete er mehrere male tief durch, um sich zu beruhigen und die Stufen in den Innenhof hinabzuspurten, wo bereits der alte Ford Pickup parkte.

Sarah hörte, wie der Motor ansprang. Ein paar Fehlzündungen hallten durch die Nacht und plötzlich fand sie es ungerecht, dass sie immer alleine zurückblieb, während der Rest ihrer Geschwister sich in irgendwelchen Bars und Kneipen vergnügte. Aber es half ja nichts, es lud sie ja nie ein Mann ein und alleine fortgehen war nichts für sie, da fühlte sie sich viel zu unsicher dafür. Sarah seufzte tief und blätterte eine weitere Seite ihres Buches um.

Charlotte, ja, die wurde an manchen Abenden gleich von zwei, drei jungen Männern abgeholt, aber sie? Ein tiefer Schmerz bohrte sich in Sarahs Herz. Sie war nicht unbedingt hässlich, eben gewöhnlich, nicht hübscher als die meisten anderen Mädchen und genau das war vermutlich das Problem. Dazu noch ihre Schüchternheit und Zurückhaltung – das kam bei den jungen Männern nicht an. So hatte erst zweimal einer sie darum gebeten, mit ihr ins Kino zu gehen – und das mit neunzehn Jahren, die sie nun alt war! Das war nun wirklich mehr als peinlich! Sarah vergrub ihr Gesicht in den Kissen. Sie hatte so viele Träume und Ideen für ihr Leben gehabt und auf merkwürdige Weise schienen alle bereits in unerreichbare Ferne gerückt zu sein. Designerin hatte ihr als Berufsziel vorgeschwebt oder Model – den Laufsteg entlang schreiten, mit schlanken, langen Beinen und einem zarten Gesicht – alles Eigenschaften, die sie nicht besaß. Sie war klein und kräftig und ihr Gesicht beinahe so rund wie der Vollmond.

Der kühle Nachtwind trug das leise, entfernte Heulen eines Kojoten an ihr Ohr. Sie wusste, dass er in dem schmalen Tal, das der Fluss am südlichen Ende kreuzte, nach einem Weibchen schrie. Diese für fremde Ohren scheußlichen, schaurigen Töne aus dem Rachen eines in der Gegend beinahe ausgerotteten Raubtieres. Als ihr Urgroßvater, Hiram McCullough, die Ranch vor mehr als hundert Jahren an dieser Stelle gegründet hatte, war das Tal voll gewesen mit Kojoten. Darum hatte er ihm den Namen „Coyote Canyon“ gegeben und seine Ranch danach benannt. Ihr Brandzeichen, das alle Tiere auf die Hinterflanke gebrannt bekamen, zeigte ein umgedrehtes C neben einem korrekten, am Bogen sich überschneidend. Jeder konnte anhand dieses Symbols identifizieren, woher ein Kalb oder ein Pferd stammte. Es hing auch aus Holz über dem Eingang zur großen, alten Scheune und auf dem Torbogen, der am Ende der Hofeinfahrt den Weg überspannte.

Wieder heulte der Kojote mehrere male hintereinander, doch Sarah fand, es hörte sich schön, durchdringend, herzergreifend an. Es war der Gesang ihrer Heimat, dieser Ranch und dieses Landes, das ihr so unbeschreiblich viel bedeutete. Wenn jemand sie fragte, woher sie stammte, gab sie immer dieselbe, stolze und leidenschaftliche Antwort: „Meinem Vater gehört die Coyote Canyon Ranch in der Nähe von Quincy!“

Der Name war weit über die Grenzen der Stadt hinaus ein Begriff, nicht nur wegen ihrer Rinder, vor allem aufgrund der hervorragenden Pferdezucht. Harold McCullough hatte sich vor vier Jahren zwei ungewöhnliche Stuten geleistet, als er einen entfernten Verwandten in Kentucky besucht hatte: American Saddlebred Horses. Es seien die schönsten Pferde, die er je gesehen habe, so Harold zu seiner Begründung, als er mit den beiden Tieren auf der Ranch angekommen war. Es störte ihn auch nicht im Mindesten, dass sie nur bedingt oder gar nicht für die Rancharbeit geeignet waren mit ihren langen Beinen, den wohlproportionierten, edlen Körpern und den wachen, feinen Köpfen. Sie besaßen nicht die Geduld, einer Rinderherde über viele Stunden zu folgen. Sie wollten laufen, ihre Schönheit und Ausdauer unter Beweis stellen. Plantagenpferde, als was sie ursprünglich gezüchtet worden waren, weil die Rasse in den Südstaaten ins Leben gerufen worden war, um die reichen Baumwollpflanzer noch zu Zeiten der Sklaverei elegant und mit viel Aufsehen von einem Ort zum anderen zu tragen. Im Laufe der Jahrzehnte waren ein Zuchtbuch gegründet worden und das Stammbuch der besten Hengste streng reglimentiert, um die Charaktereigenschaften und den Körperbau dieser Pferde immer weiter zu verbessern und zu verfeinern und an der Optik eines American Saddlebred Horses blieben die meisten anderen außer Konkurrenz.

Besonders Stacy hatte im Laufe der vergangenen Jahre einen unglaublichen Instinkt für die Pferdezucht entwickelt. Vermutlich auch deshalb, weil es ihn interessierte und Pferde zu den wenigen Dingen gehörten, die ihn wirklich zu begeistern vermochten. Er konnte meist im Voraus schon sagen, welche Stute mit welchem Hengst die besten Fohlen bringen würde und es geschah nur sehr selten, dass er sich einmal täuschte. Er war es auch, der seinen Schwestern immer wieder klarmachte, wie wertvoll dieses Land für sie war, diese lange Tradition von Pionieren und Ranchern und Pferdeleuten: „Es gibt nichts, was vermag, dich stärker an sich zu binden, als ein Stück Land, das deine Vorfahren erstanden und urbar gemacht haben, für das sie geschwitzt und geblutet und gekämpft haben. Der Pulsschlag dieser Ranch ist dein eigener! Du kannst ihn niemals abschütteln! Er wird für immer ein Teil deiner selbst sein!“

Die vielen Kneipen und Bars von Quincy quollen bereits über, als die zwei McCullough-Brüder dort einliefen. Sie parkten den alten Ford wie immer in einer Seitenstraße.

„Ich werde erstmal Randy suchen“, erklärte Stacy, bereits aus dem Wagen springend und schlug gleich die Richtung der großen West Side Bar ums nächste Straßeneck ein.

Byron hob bedenklich die Brauen. Wenn sein kleiner Bruder und dessen bester Kumpel aufeinandertrafen, ging es in der Regel hoch her. Nicht, weil Randy Pratt ein eben solcher Draufgänger und Hitzkopf war, wie sein Bruder, im Gegenteil. Aber er ließ sich von Stacy jedesmal anstecken und Byron ahnte, dass ihm dieser Abend wieder einigen Ärger bescheren würde.

„Reiß dich bloß zusammen!“, warnte er den blonden, jungen Mann, der pfeifend von der Straße auf den Bürgersteig sprang. „Wehe dir, wenn du wieder eine Schlägerei anfängst! Ich hab’ keine Lust, dich schon wieder im Polizeirevier abzuholen!“

„Ich fange nie Schlägereien an!“, verteidigte Stacy seine Ehre und grinste verwegen. „Ich beende sie nur!“

Byron fluchte leise, während er ausstieg und den Zündschlüssel in seiner Hosentasche verstaute. Er wandte sich ab und verschwand in entgegengesetzter Richtung in der Dunkelheit, wo sich ein Saloon befand, ganz nostalgisch eingerichtet und wo eine bestimmte blonde, junge Frau jeden Samstag bediente.

Stacy zuckte die Achseln und zog eine Schachtel Zigarillos aus seiner Brusttasche, um sich eine anzustecken. Zu Hause konnte er dieser Sucht nur selten in Ruhe nachgehen, wollte er nicht mit seinem Vater aneinandergeraten, der seine eigenen Pfeifenqualmerei zwar als erträglich empfand, aber keinesfalls seine Söhne dabei erwischen wollte, wenn sie ihr Geld für billige Zigarillos zum Fenster hinauswarfen. Stacy warf ihm dann jedesmal vor, er würde mit zweierlei Maß messen und nur seine eigene Raucherei rechtfertigen. Das wiederum führte dann ebenso sicher zu einem Wutanfall Harolds und die Diskussion war beendet.

Stacy eilte den Bürgersteig entlang. Einige junge Mädchen kamen ihm entgegen. Sie grüßten ihn kichernd und sichtlich erfreut und er erwiderte ihren Gruß mit übertriebener Höflichkeit. Er zwängte sich an mehreren jungen Kerlen vorbei, die vor der Kneipe zusammenstanden und drückte die Türe auf, die ihn noch von einem weiteren vergnüglichen Abend trennte.

Lautes Gelächter und Zigarettenqualm schlugen ihm entgegen. Der große Raum schien vollgestopft mit Männern und leicht bekleideten Kellnerinnen. Stacy reckte den Hals. Für gewöhnlich fand er seinen besten Freund am Tresen, beim Versuch, ein Getränk zu organisieren. Das war schon seit Langem ihr unabgesprochener Treffpunkt.

Randy war im selben Jahr wie Stacy geboren, braunhaarig und der Sohn eines einfachen Schreinermeisters, der vor einigen Jahren nach einem schweren Arbeitsunfall verstorben war. Seitdem lebten er und seine Mutter allein in der winzigen Wohnung unter dem Dach seines Onkels und er war es, der das Geld für den Lebensunterhalt verdienen musste – ebenfalls in derselben Branche, wie sein Vater. Er arbeitete in einer Möbelschreinerei, was ihm zwar wenig Spaß bereitete, aber ein gesichertes Einkommen versprach. Hin und wieder, wenn im Frühjahr die jungen Kälber gebrannt wurden und im Sommer die Heuernte anstand, kam er hinaus auf die Ranch der McCulloughs, um zu helfen – Taschengeld nannte er das. Hätte Randy die Wahlmöglichkeit gehabt, wäre er vermutlich Musiker geworden, Sänger in einer Band oder ähnliches. Seine ganze Leidenschaft gehörte seiner Gitarre und der Gesang, den er mit seinem vollen Bariton zustandebrachte, war immerhin gut genug, um regelmäßig als Alleinunterhalter in den verschiedenen Kneipen der Stadt aufzutreten.

Obwohl längst nicht so gutaussehend wie sein bester Freund, besaß Randy sehr viel Charme und eine Ausstrahlung, welche die Mädchen nie an seiner Unschuld zweifeln ließen. So, wie die hübsche Brünette, die Stacy noch nie zuvor gesehen hatte und die seinem besten Freund anscheinend im Moment nicht von der Seite weichen wollte, als er ihn nun entdeckte.

Randy grinste, als er Stacy dabei beobachtete, wie er sich durch die Menge schob und stellte ihm seine neueste Eroberung als „Vivien Sowieso“ vor. Sie schien beeindruckt von Stacys Schönheit und genoss es offensichtlich, dass gleich zwei junge Männer versuchten, ihr den Kopf zu verdrehen. Was sie jedoch nicht bemerkte, war Stacys Blick, der immer wieder zum Ausgang wanderte, bis er auf einmal lächelte und „Ah!“ sagte, als würde sich etwas erfüllen, womit er schon lange gerechnet hatte.

„Willst du uns etwa schon verlassen?“, fragte Vivien mit Bedauern und hielt ihn am Arm fest, als er sich gerade davonmachen wollte.

„Tut mir leid!“ Stacys blaue Augen hingen an einer Frau, die unweit des Eingangs stehengeblieben war und ihm kurz, nur mit der Hand, zuwinkte.

Randy erkannte sie und er seufzte. „Schon wieder?“

„Warum nicht?“ Unschuldig zuckte Stacy die Schultern. „Heute ist Samstag!“

Randy lachte, die Stimme dämpfend, sodass nur sein bester Freund es verstehen konnte: „Aber besser nicht wieder in den Schreibwarenladen – vollkommen egal, ob die Hintertür offen ist oder nicht!“

„Nein, keine Sorge!“ Stacy erwiderte das Grinsen. „Diesmal gehen wir ins Hotel!“

Randy boxte dem anderen jungen Mann den Ellenbogen zwischen die Rippen. „Sag mal, entwickelt sich da etwa Ernsteres zwischen dir und Molly? Ich meine nur, weil das nun schon der vierte Samstag in Folge ist, an dem du mit ihr verduftest.“

Stacy wandte den Blick zu der wohlgeformten, grell geschminkten Blondine, die noch immer an der Tür stand und auf ihn wartete. Mit einem Augenzwinkern zog er die Schachtel Zigarillos aus der Brusttasche seines Hemds. „Ich glaube kaum. Sie ist bloß…nun, sagen wir, im Vergleich zu anderen Mädchen recht unkompliziert.“

Randy schmunzelte vielsagend und wandte sich wieder der schlanken Brünetten in dem grünen Kleid zu. Sie schaute Stacy ein wenig enttäuscht hinterdrein, als dieser sie jetzt stehenließ und sich zwischen den umherstehenden Männern in Richtung Ausgang drängte.

„Dein Freund sieht unverschämt gut aus“, bemerkte sie unverhohlen und starrte ihm bewundernd nach.

„Kann sein“, entgegnete Randy und fasste mit seinen langen, dünnen Musikerfingern sacht ihr Kinn, sodass sie ihn ansehen musste. „Aber dafür hängen an ihm ja auch alle Mädchen dieser Stadt wie Kletten. Mich dagegen hast du ganz für dich allein!“

Das kleine, billige Zimmer im ersten Stock des Hotels lag am Ende des Flurs neben der Rumpelkammer. Es besaß nur das eine Fenster, durch das die Straßenlaterne ihr Licht warf. Molly war Stammgast in diesem Raum; der Hotelportier kannte sie und hielt es für sie frei, wann immer er konnte. Sie erschien hier fast täglich in wechselnder Männergesellschaft, mit der sie sich ihren Lebensunterhalt finanzierte.

Stacy wusste das, doch es störte ihn nicht im Geringsten. Er liebte diese Frau in keinster Weise, er genoss lediglich ihre Leidenschaft und ihre Erfahrung. Von anderen Männern, auch das wusste er, ließ sie sich ihre Dienste bezahlen – von ihm nahm sie niemals Geld, hatte es auch noch nie getan, obwohl er es ihr hin und wieder anbot. Sie begnügte sich immer mit ein paar Drinks oder einer Einladung zum Abendessen.

Sie war es, die dem jungen, makellosen Körper des schönen Rancherssohnes verfallen war. Der Anblick seiner nackten Männlichkeit genügte, um sie ihre Einnahmequelle vergessen zu lassen. Sie war stolz darauf, ihn verführen zu dürfen, weil sie wusste, dass es sonst in seinem Leben derzeit kein Mädchen gab. Ab und an ein kleines Techtelmechtel ohne Folgen, nichts Ernsthaftes und nur deshalb, weil es ihm Vergnügen bereitete, seine Reize am anderen Geschlecht auszuloten. Molly hielt ihn durchaus nicht für oberflächlich, denn sie kannte sich mit Männern wie Stacy McCullough aus. Irgendwann, wenn sie sich die Hörner abgestoßen hatten und das richtige Mädchen trafen, heirateten sie ja doch alle. Jetzt wollte er noch frei und unabhängig sein, seinem strengen Vater die Stirn bieten und rebellieren, einfach bloß deswegen, weil es ihm Spaß machte und er sich dabei bestätigt fühlte.

Was sie nicht ahnte, waren Stacys innere Kämpfe, dieses Verlangen irgendwie zu kontrollieren, das ihn dazu zwang, sich von den anderen zu unterscheiden, sich abzuheben und nicht angepasst zu sein, wie die Gesellschaft es von ihm erwartete. Diese Art von Rebellion lag ihm im Blut und er konnte sie nicht besiegen, denn es waren dieselben Eigenschaften, die Harold zu seinen vielen Einsätzen für andere trieb. Sie erkannten nur nicht, wie ähnlich sie sich im Grunde genommen waren und dass diese innere Verknüpfung, die sich lediglich unterschiedlich äußerte, zu ihren ständigen Differenzen führte.

„Würdest du nicht aussehen wie der griechische Gott der Schönheit“, sagte Molly einmal, „würde ich dich überhaupt nicht mit hier heraufnehmen, Jungchen. Bist ja noch grün hinter den Ohren!“

Als Stacy das Hotelzimmer nach zwei Stunden ein wenig erschöpft, aber überaus befriedigt wieder verließ und auf den Bürgersteig vor dem Gebäude trat, bemerkte er nicht, dass jemand im selben Moment seinen scharfen Blick auf ihn richtete. Er zündete sich einen Zigarillo an und blies den Rauch gegen den sternenklaren, dunklen Nachthimmel. Die Stunden mit Molly, die er mit ihr verbrachte, zählten zu den intensivsten, die er je kennengelernt hatte. Es war nicht nur deshalb, weil sie die bisher einzige Prostituierte war, mit der er schlief, sondern ihr Verständnis. Sie kannte diese Sehnsucht nach Streit und Provokation, die immer unter seiner scheinbar attraktiven, gefälligen Oberfläche brodelte – und sie verstand. Er brauchte sich ihr gegenüber nicht zu rechtfertigen und seine Aktionen zu verteidigen, wie er es Zuhause stets tun musste.

Zufrieden lächelnd schlug Stacy den Weg zurück zur West Side Bar ein, um nach Randy und seiner Begleiterin zu schauen. Er wollte sehen, was sein Kumpel so anstellte, ob er ihn wieder völlig betrunken zu Hause abliefern musste oder ob diese Brünette – wie hieß sie doch gleich? – einen guten Einfluss auf ihn hatte.

„Hey! McCullough!“ Eine Gestalt trat aus dem Schatten eines Gebäudes in das Licht der Straßenlaterne. Stacy erkannte ihn sofort an seinem hünenhaften, massigen Körperbau. Er seufzte. Im Augenblick besaß er wirklich keinen Nerv, sich mit ihm herumzuärgern. Sie gerieten regelmäßig aneinander, nicht nur an den Samstagabenden.

„Was denn?!“ Stacys Zigarillo fiel auf den Asphalt der Straße, qualmte dort vor sich hin. Er trat ihn mit dem Absatz seines Stiefels aus.

„Das weißt du ganz genau!“ Der andere junge Mann baute sich vor ihm auf, die Arme herausfordernd in die Hüften gestemmt.

„Hör zu“, wehrte Stacy genervt ab. Es juckte ihm in den Fingern, diesem Großmaul endlich eine Lektion zu erteilen. Doch er hatte seinem Vater und Byron versprochen, sich zusammenzureißen und anständig zu benehmen und er wollte es diesmal wirklich tun. „Was auch immer es ist: Lass uns das anderes mal klären, okay?“

„Ein anderes mal? Ach ja?!“ Seine Pratze stieß Stacy vor die Brust, er taumelte drei Schritte zurück, noch immer nicht bereit, sich auf einen Kampf einzulassen. Vermutlich würde er ohnehin den Kürzeren ziehen. Mit Tyrone Clifton war nicht zu scherzen. Als Sohn des ansässigen Schmieds und mit seinem Vater das Geschäft führend, besaß er nicht nur ein hitziges Temperament, sondern auch enorme Kräfte, die ihm einigen Respekt bei den hiesigen Männern eingebracht hatte. Außerdem überragte er Stacy um fast einen Kopf, was die Angelegenheit nicht unbedingt vereinfachte. Stacy selbst war noch nie Zeuge einer Schlägerei geworden, bei der Tyrone sämtliche Teilnehmer entweder vertrieben oder ohnmächtig geprügelt hatte. Er kannte die Geschichten nur vom Hörensagen, doch jetzt, als die beiden Fäuste ihn am Kragen packten und gegen den Stützpfosten eines Vordachs pressten, war er gewillt, diesen durchaus Glauben zu schenken. Er schnappte nach Luft, der harte Griff raubte ihm den Atem. Gut, es ging nicht anders. Sein Stolz verbot es ihm, ohne Gegenwehr eine solche Behandlung zu dulden.

„Lass mich los!“

„Das denkst du dir, Freundchen, häh?!“ Tyrones whiskeygeschwängerter Atem schlug ihm ins Gesicht. „Nach allem, was du mir angetan hast, du verdammter Scheißkerl?!“

Stacy verstand noch immer kein Wort. Wusste der Henker, um was es sich handelte, das Tyrone hatte so wütend auf ihn werden lassen. Jedenfalls wollte er jetzt wieder weiter und den restlichen Abend genießen oder besser gesagt, noch ein wenig Zeit mit anderen Mädchen verbringen. Er ballte seine Hände und schlug blind zu, denn er konnte in der schlecht beleuchteten Straße nur erahnen, wo sich das Gesicht seines Gegenübers befinden musste. Tyrone schrie auf, sein Griff lockerte sich. Stacy spürte kaum den stechenden Schmerz in seiner Hand, er versetzte dem Schmied einen weiteren Kinnhaken. Tyrone fiel rücklings auf den Asphalt der zum Glück unbefahrenen Straße. Sein lauter Aufschrei lockte Neugierige aus den nahe gelegenen Kneipen, die sich um sie versammelten. Keiner machte Anstalten sich einzumischen. Alle beobachteten sie das Geschehen, tuschelten oder kicherten.

Tyrone rappelte sich auf und obwohl Stacy damit gerechnet hatte, konnte er dem zornigen Mann nichts entgegensetzen. Sie flogen beide hart und schmerzhaft auf den asphaltierten Bürgersteig und im nächsten Moment wurde er wieder nach oben gerissen. Der Würgegriff drückte ihm die Luft ab, er kam nicht frei.

„Du verdammter Hurensohn!“, gellte die Stimme in sein Ohr. „Du hast nicht das Recht, sie mir wegzunehmen! Ich liebe sie! Ich! Ich! Ich ganz allein!“

Endlich dämmerte Stacy der Grund für Tyrones Wut: Es ging um Molly. Es war ein offenes Geheimnis, über das viel getratscht und getuschelt wurde, dass der Schmied hoffnungslos in die wenig ehrbare Frau aus dem dritten Stock des Mietshauses neben der Stadtbibliothek verschossen war und sie ihm bei all seinen Bemühungen stets die kalte Schulter zeigte. Irgendwie schien er von den samstäglichen Treffen zwischen ihr und Stacy McCullough Wind bekommen zu haben.

Er hustete, seine Kräfte verließen ihn und wenn Tyrone ihn nicht bald losließ, würde er wohl über kurz oder lang das Bewusstsein verlieren. Seine Chancen standen gleich null, seine Kraft reichte einfach nicht aus, um gegen einen Mann mit solchen Muskeln anzukommen. Wieso sah sich eigentlich von diesen ganzen Feiglingen, die um sie herumstanden, keiner dafür zuständig, ihm zu helfen?! Er versuchte noch einmal nach seinem Gegner zu schlagen, doch in diesem Augenblick wurde Tyrone von ihm fort, nach hinten gezerrt. Stacy fiel auf den Teer, mit dem Gesicht voraus. Er hustete und keuchte. Luft, nur endlich Sauerstoff! Er spürte etwas Warmes aus seiner Nase laufen und seine linke Handfläche brannte wie Feuer.

„Hau ab, du Schwachkopf, bevor ich die Polizei rufe! Na, mach’ schon!“

Das war eine vertraute Stimme, die er unter anderen Umständen und zu anderer Gelegenheit vermutlich gern zu seiner Hilfe hätte kommen sehen. Jedoch in diesem Fall war sich Stacy nicht ganz schlüssig, ob er nicht besser an Tyrones Griff erstickt wäre. Nur allmählich lichtete sich der Nebel um sein Bewusstsein. Langsam hob er den Kopf, nur um auf den kalten, verständnislosen Blick seines großen Bruders zu treffen, der ihn an den Oberarmen packte und auf die Füße zerrte.

„Los, wir gehen. Du hast für heute mal wieder genug fertiggebracht! Bist du jetzt wenigstens zufrieden?“

„Aber...“ Er konnte nicht sprechen, noch immer bekam er zu wenig Luft. Er wischte sich mit dem Rücken seiner Hand das Blut weg, das ihm aus der Nase lief. „Nicht...meine Schuld...hab...nicht...angefangen...wirklich...“

„Halt einfach dein Maul!“, fuhr Byron ihn wütend an. Durch die Menge der Schaulustigen, die sich allmählich auflöste, zerrte er seinen kleinen Bruder hinter sich her, die Straße hinab, wo der Ford geparkt war. Stacy wehrte sich nicht und er machte auch keine Anstalten zu widersprechen. Sein Schädel dröhnte, was wohl an der langen fehlenden Sauerstoffversorgung lag und er ließ sich auch ohne Protest von Byron auf den Beifahrersitz stoßen. Der Ärmel seiner Jacke war das einzige, womit er versuchen konnte, das Blut aus seiner Nase aufzufangen, das noch immer dort heraus tropfte.

Sein großer Bruder ließ den Motor an und lenkte den Wagen sicher zwischen den anderen parkenden Fahrzeugen heraus. Von Zeit zu Zeit warf Stacy ihm einen fragenden Blick zu, während sie durch die Nacht fuhren – das einzige Geräusch zwischen ihnen blieb das Dröhnen das Motors. Byrons Gesichtsausdruck war nicht sehr vielversprechend, sodass er es für besser hielt, kein Wort mit ihm zu wechseln.

Die Ranch lag im Dunkeln, keine Lichter brannten mehr hinter einer Fensterscheibe, als sie in den Hof einbogen. Erleichtert atmete Stacy auf. So blieb ihm der Ärger zumindest bis zum anderen Tag erspart. Das Nasenbluten hatte aufgehört, wenn auch dafür in seinem Schädel sein Puls jetzt dröhnte.

Während sie langsam vom Wagen, den sie immer neben dem Wohnhaus parkten, zur Haustür hinüber wanderten, fragte Byron plötzlich in die Stille hinein: „Ist es wahr?“

Stacy begriff sofort, worauf er hinauswollte, hielt es jedoch für geschickter, erstmal den Ahnungslosen zu spielen: „Was?“

„Das mit dir und Molly?“ Der scharfe, durchdringende Blick aus zwei braunen Augen schien ihn durchbohren zu wollen.

Er hob die Schultern. „Wir haben uns ein paar Mal getroffen...“

Byrons Hände packten seinen Hemdkragen, schüttelten ihn. „Bist du eigentlich noch zu retten?! Eine Nutte, ja? So tief sind wir also schon gesunken?! Genügen dir deine hunderte von Verehrerinnen nicht mehr, oder was?!“

„Molly ist in Ordnung!“ Er schlug die Hände seines Bruders fort. Schon wieder! Immer diese Bevormundung, diese Erzieherei, die er an ihm versuchte! Er war bloß ein Jahr älter! Das Feuer flammte wieder einmal in ihm auf.

Fassungslos richtete Byron seinen Blick gegen den sternenklaren Nachthimmel. „Du bist...du bist...“

„Ja, was?!“ Wenn er Streit wollte – nur zu! Er war gerade in Stimmung! „Was bin ich?! Ha?!“

Sein großer Bruder presste die Lippen zu einem schmalen Streifen zusammen, starrte ihn angewidert an. „Bei dir gibt es nichts! Kein Gefühl dafür, was recht und was unrecht ist, keine Verantwortung und schon gar kein Benehmen! Du bist einfach nur...das Allerletzte!“

Er trat an ihm vorbei zu den beiden Stufen, die zur Veranda hinaufführten und versäumte es aber nicht, seinen kleinen Bruder dabei absichtlich an der Schulter anzurempeln. Oben, vor der Haustür, blieb er noch einen Moment stehen, blickte zurück und spuckte dann laut und demonstrativ auf die Planken der Veranda, bevor er ihm Haus verschwand.

Stacy atmete tief durch, sehr lange, bis er sich wieder halbwegs beruhigt hatte. Irgendwann, da würde er sich vergessen. Eines Tages, da wäre es soweit und es kam zum ganz großen Eklat zwischen ihnen und selbst, wenn er danach der Familie verstoßen werden sollte. Der Moment rückte jedoch verdammt nahe, an dem sein Temperament mit ihm durchgehen und Byron nicht länger sein Bruder sein würde.

Das dröhnende Gefühl in seinem Schädel ließ Stacy leise stöhnend in sein Kissen zurücksinken, als wenige Stunden später der Wecker auf seinem Nachttisch laut und grausam rasselte. Sonntag, der Kirchenbesuch schwebte wieder einmal in drohender Aussicht über ihm. Er stöhnte gequält vor sich hin. Harold achtete stets streng darauf, dass seine Familie regelmäßig zum Gottesdienst erschien. Er konnte mehr als nur ungnädig sein, wenn eines seiner Kinder sich aus welchen Gründen auch immer zu weigern versuchte.

Stacy schloss noch einmal die Augen, er fühlte sich alles andere als einer solchen Veranstaltung, wie der Predigt ihres protestantischen Pfarrers gewachsen, die ausschweifend und oft über eine Stunde vor sich hin plätscherte und ihn schon in ausgeschlafenem Zustand kaum zu fesseln vermochte. Aber gut, es half nichts, sein Vater würde erst recht darauf bestehen, würde er ahnen können, was am vorigen Abend vorgefallen war.

Stacy schauderte bei der Vorstellung. Das Hämmern hinter seiner Stirn ließ nur allmählich nach und er wagte es, vorsichtig gegen das morgendliche Sonnenlicht anzublinzeln – es ging sogar halbwegs, ohne dass ihm gleich der Schädel zersprang. Vielleicht hätte er auf die letzten beiden Whiskeys mit Molly doch lieber verzichten sollen. Gestern Abend – Stacy musste grinsen. Sie war ganz einfach eine großartige Frau. Er räkelte sich bei der Erinnerung an die vergnüglichen Stunden im Hotelzimmer. Es störte ihn nicht, dass sie fast zehn Jahre älter war als er und sich auch mit anderen Männern traf. Sie war verrucht, natürlich, das wusste jeder in der Stadt, aber sie besaß Erfahrung und vor allem musste er sich bei ihr keine Gedanken wegen Heirat und Kindern oder derart Verbindlichkeiten machen, die er keinesfalls bereits war einzugehen. Das war einfach nicht ihr Lebensstil und manchmal dachte er, seiner vielleicht auch nicht. Vielleicht war er einfach nicht dazu geschaffen, eines Tages ein braver Ehemann und Vater zu sein, wie es alle von ihm erwarteten. Er wusste eigentlich überhaupt nicht so genau, was für sich und sein Leben in dieser Hinsicht gut sein könnte.

Weniger schön kehrte jetzt das in seine Erinnerung zurück, was danach geschehen war. Hoffentlich würde Byron nichts davon ausplaudern, ansonsten...die Konsequenzen wollte Stacy sich gar nicht erst ausmalen. Bisher war er immer nur wegen Schlägereien negativ aufgefallen, aber wenn innerhalb seiner Familie bekannt wurde, dass er Stammgast bei Molly wäre... Das laute Klopfen an der Tür ließ den jungen Mann zusammenzucken.

„Bist du endlich soweit? Ich will nicht wieder ewig auf dich warten müssen!“ Nur sein Vater – wer auch sonst? – brachte es fertig, schon am frühen Morgen herumzubrüllen wie ein General.

„Ja, ja“, knurrte Stacy missgestimmt und schob seine Beine aus dem Bett. ‚Ich könnte wirklich darauf verzichten’, dachte er. ‚Sogar mehr als das!’

Als er in den Spiegel über seiner Kommode blickte, erschrak er über seinen eigenen Anblick: Dunkle Ränder zeichneten sich unter seinen Augen ab und an der Stelle am Hals, wo Tyrone Clifton ihn gewürgt hatte, prangte eine blau unterlaufene Linie. Seine rechte Hand schmerzte außerdem von den beiden Schlägen, die er dem Schmied verpasst hatte. Auch seine Nase war noch ein wenig geschwollen, auch wenn er sich nicht erinnerte, weshalb sie überhaupt geblutet hatte. Nein, er sah sich wirklich außerstande für einen Kirchenbesuch.

Stacy betrat als letzter den Wohnraum, wo der Frühstückstisch gedeckt auf ihn wartete. Die einzigen beiden, die ihm keinen vorwurfsvollen Blick zuwarfen, waren seine beiden Schwestern. Sie schenkten ihm ein Lächeln und ein munteres „Guten Morgen!“, das er jedoch aufgrund seiner Kopfschmerzen kaum ertrug. Liebevoll strich er Sarah im Vorübergehen kurz durch das goldbraune Haar, bevor er sich neben seinem Vater ums Tischeck, auf seinem Stammplatz niederließ. Der Geruch des Rühreis mit Speck drehte ihm fast den Magen um, doch er bemühte sich, es zu verbergen. Er besaß noch keinen Nerv, sich – wie meistens nach diesen Tanzveranstaltungen und schon überhaupt nicht nach der gestrigen – eine Standpauke seines Vaters anzuhören.

Wortlos nahm Sarah den Teller ihres Bruders und füllte ihn. Immer wieder wanderte ihr Blick zu seinem blassen Gesicht und den rotgeschwollenen, müden Augen. Sie hatte ihn nie danach gefragt, weshalb er sich Samstagabend immer so lange in der Stadt herumtrieb, aber sie konnte es sich denken und ihr waren auch entsprechende Gerüchte zugetragen worden. Andere junge Männer und auch Byron schienen sich da wesentlich besser im Griff zu haben als Stacy und sie fragte sich, was ihn wohl dazu brachte, sich so schrecklich danebenzubenehmen, wo er doch wusste, dass ihr Vater regelmäßig einen Wutanfall deswegen bekam.

„Ich hoffe, dein Gesichtsausdruck ändert sich noch zum Positiven, bis wir bei der Kirche angelangt sind“, bemerkte Harold wie nebenbei, doch sein strenger, finsterer Blick offenbarte Stacy sehr genau, was sich hinter diesen Worten verbarg.

„Ich werde mich bemühen“, murmelte er so leise, dass sein Vater ihn kaum verstand. Ihm gegenüber saß Byron, der ihn regungslos anstarrte, als wartete er auf irgendetwas und Stacy erahnte die Zusammenhänge. Dieser Verräter!

„Hoffentlich.“ Harolds Stirn legte sich in tiefe, kritische Falten. „Es ist mehr als entrüstend zu erfahren, dass der eigene Sohn sich mit einer bestimmten Art…“ Er hüstelte unangenehm berührt, als er die gespannten, fragenden Blicke seiner Töchter spürte. „…nun, nennen wir es Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts abgibt.“

Ruckartig warf Stacy den Kopf zurück. Seine Kopfschmerzen waren vergessen. „Wieso sprichst du nicht einfach aus, was du denkst und schon weißt?! Dass ich mich regelmäßig mit einer Nu…“ Er biss sich gerade noch rechtzeitig auf die Zunge und warf einen raschen Seitenblick auf seine kleinen Schwestern, die ihn ein wenig verwirrt und ahnungslos anstarrten. Sie begriffen nicht, weshalb ihr Vater und Stacy sich auf einmal stritten. Sie hatten beide keinen Schimmer, worum sich das Gespräch überhaupt drehte.

„Also, mit einer bestimmten Frau treffe!“, vollendete er schließlich. Seine blauen Augen blitzten zornig.

„Dass du dich dauernd mit irgendwelchen Mädchen triffst, ist ja nichts Neues“, bemerkte Charlotte prompt und grinste herausfordernd. „Es ist doch im weiten Umkreis bekannt, dass niemand außer dir so viele Verehrerinnen um sich scharen kann!“

Harold erstarrte, seine Miene verfinsterte sich noch mehr. „Ich glaube kaum, dass dies ein geeignetes Thema für einen Frühstückstisch am Sonntagmorgen ist!“, donnerte seine tiefe Stimme durch den Raum und erstickte jeglichen Wunsch seiner Tochter, noch mehr stichelnde Kommentare von sich zu geben. „Beeilt euch lieber, pünktlich in der Kirche zu erscheinen, wie es sich gehört!“

Byron hatte Mühe, sich ein Grinsen zu verkneifen und senkte daher schnell den Kopf, damit niemand das Zucken um seine Mundwinkel bemerkte. Er konnte nicht unbedingt behaupten, dass er Schadenfreude verspürte – er hasste es, wenn sein Vater wegen seines kleinen Bruders üble Laune verbreitete. Ihm lag lediglich die Bemerkung auf der Zunge, dass Charlotte in der Hinsicht Stacy in nichts nachstand. Nur mit dem Unterschied, dass sie es nicht gleich soweit kommen ließ, dass es ihretwegen zum Streit kam.

„Nein!“, schrie Stacy plötzlich wütend und sprang auf. Er schleuderte die Serviette auf sein unberührtes Essen. Hunger verspürte er sowieso keinen. „Ich habe diese ständige Bevormundung satt! Vater, du musst endlich begreifen, dass ich nicht vorhabe, schon mit Ende zwanzig an die Leine genommen zu werden!“

„In welchem Tonfall sprichst du denn mit mir?“, brauste Harold auf und erhob sich langsam von seinem Stuhl, es wirkte beinahe wie eine Drohgebärde. Er hatte geglaubt, seinen jüngsten Sohn zumindest halbwegs gut und anständig erzogen zu haben nach Feys Tod. Dass ihm das nicht wirklich gelungen war, dämmerte ihm schon seit längerem, aber dann erfuhr er von Byron gleich am Morgen, nach dem Aufstehen, was sein zweiter Sohn sich alles zu getrauen schien. Bisher hatte er versucht, dessen unmögliches Benehmen und die ständigen Raufereien, nach denen er ihn regelmäßig am anderen Morgen beim Sheriff abholen konnte, zu ignorieren und sie als jugendliche Ausschweifungen abzutun. Doch das hier ging entschieden zu weit!

„Ich bin trotz der Tatsache, dass du dich für erwachsen hältst, noch immer dein Vater! Und ich möchte keinen Sohn, der sich zum Stadtgespräch im negativen Sinne macht!“

„Ach nein? Und was sagst du dazu, wenn mich das ganz und gar nicht stört? Ich habe meinen Spaß und nur darauf kommt es an! Ich will nicht meine besten Jahre kaputtmachen, indem ich mir die Verantwortung für eine Frau und einen Haufen schreiender Bälger aufhalse! Das reicht noch, wenn…“

Der harte Schlag gegen seine linke Wange unterbrach seinen Ausbruch. Der Schmerz schoss ihm in den ohnehin schon dröhnenden Schädel. Regungslos starrte Stacy seinen Vater mit offenem Mund an. Es lag lange zurück, dass er sich das letzte Mal eine Ohrfeige von ihm eingefangen hatte. Er schluckte, seine Wange brannte und fühlte sich an wie taub, während das Blut in seinen Gehirnwindungen schmerzend pulsierte. Beinahe noch schlimmer empfand er jedoch den triumphierenden Blick aus Byrons dunklen Augen, der ihn, ruhig auf seinem Stuhl sitzend, anlächelte, als wollte er damit sagen: ‚Was bist du bloß für ein Vollidiot!‘

Harolds Gesicht hatte sich knallrot verfärbt und seine großen, kräftigen Pranken packten die Oberarme seines Sohnes unerwartet schnell und grob.

„Setz dich hin“, zischte er leise, „und iss dein Frühstück, damit wir endlich in die Kirche fahren können!“ Seine Stimme klang warnend, sie zitterte ein wenig vor überschäumendem Zorn. Als Stacy dem Befehl nicht sofort nachkam, packte Harold ihn unsanft und warf ihn auf den Stuhl zurück.

Im Wohnraum herrschte lähmende Stille. Nur das Ticken der Standuhr machte ihnen klar, dass die Zeit unaufhörlich voranschritt und diese schreckliche Situation irgendwann vorbei sein würde. Die Stuhlfüße kratzten auf den Holzbohlen, als Sarah sich behutsam erhob. Ihre kleine, zarte Hand legte sich auf den Unterarm ihres Vaters.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺165,79

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
490 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783754170106
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar