Kitabı oku: «Die Brücke zur Sonne»
Regan Holdridge
Die Brücke zur Sonne
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Die Brücke zur Sonne
Teil 1
Scheinbar endlos zog sich...
Aus den Lautsprechern...
Der darauffolgende Sonntag...
Auf den Koppeln...
Ostern kam und ging...
Das einzige Fenster...
Mit einem lauten Schlag...
Lange, dunkle Schatten...
Es war heiß...
Das Frühjahr brachte...
Teil 2
An der Südküste Englands...
Teil 3
Am 26. Juni des Jahres 1978...
Mit kräftigen Bewegungen...
Sommer 1980
Energisch...
Im Wartezimmer...
Der Samstagabend...
Teil 4
Übermütig sprang Geraldine...
Ein Jahr später, Sommer 1988
Die Lautsprecher...
7 Monate später
Wie beinahe jedes Frühjahr...
Mai 1993
Der Bogen aus Rosshaar...
Dezember 1994
Teil 5
Ein Jahr später
Impressum neobooks
Die Brücke zur Sonne
Regan Holdridge
Die Brücke zur Sonne
Texte: © Copyright 2003 by Regan Holdridge
Herausgeber:
Regina Honold
Alpenstr. 24a
87760 Lachen
autrice.blog@gmail.com
www.autrice.art
Für Doug McClure
Teil 1
1965 – 1966
Die ersten Strahlen der morgendlichen Märzsonne hatten den Nebel noch nicht vertrieben, der sich im Frühjahr oft in den Gärten der Villen am schmalen Flüsschen bildete. Schwer hingen die weißen Schleier über den Hecken und Sträuchern am Ufer und ließen kaum einen Blick über die gusseisernen, eingerankten Zäune in die Nachbargärten zu. Auf der kurzgeschnittenen, hellgrünen Rasenfläche, die sich wie ein Teppich bis an den schmalen Pfad nahe dem Ufer erstreckte, glitzerten die winzigen Tropfen des Taus in bunten, schimmernden Farben. Stille lag über der kleinen, vom direkten Stadtrand durch die Anhöhe abgeschnittenen Wohnsiedlung. Architektonisch vollendete, imposante Villen und ihre dazugehörigen, ausladenden Gärten säumten die Teerstraße zu ihrer Linken, die sich vor den Toren eines herrschaftlichen Schlösschens verlief.
Stille hüllte die Straße ein, die zu dieser frühen Stunde noch wie ausgestorben schien. Es gab keine fröhlichen Grüße, kein Schwätzchen auf der Straße. Niemand wusste mehr über seinen Nachbarn als unbedingt notwendig. Autos fuhren den Weg entlang und verschwanden in einer der Einfahrten, meist anonym, eines von wenigen. Man grüßte sich, wenn man einander zufällig zu Fuß begegnete, immer mit einer gewissen herablassenden Höflichkeit und immer darauf bedacht, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Hier lebten nur die Bürger der Stadt, die mit ihrem Geld nichts Besseres anzufangen wussten, als es in teure Häuser zu investieren – des Privilegs wegen und der Eitelkeit.
Zu dieser frühen Stunde schien sich noch niemand nach draußen, in die frische, zugige Morgenluft zu wagen. Nur hin und wieder durchdrang das Zwitschern eines einsamen, munteren Vogels den feuchten Dunst, als wollte er den allmählich beginnenden Tag begrüßen und nur leise war der Lärm der Großstadt zu vernehmen, wie durch eine Wand, gedämpft und fern.
Blasses Licht erfüllte die haushohe Eingangshalle der über hundertjährigen, antiquarisch eingerichteten Villa. Majestätisch zog sich die breite, graue Marmortreppe in einem sanften Bogen geschwungen ins obere Stockwerk hinauf. Durch die schmalen, hohen Fenster in Richtung Osten konnte die Sonne den Eingangsbereich durchfluten, wenn sie im Sommer über den Baumwipfeln aufstieg.
Unter der Treppe hatte die schwere, handgeschnitzte Standuhr aus Kirschbaumholz ihren Platz neben dem Telefontisch gefunden. Das laute, regelmäßige Schlagen ihres Pendels hallte als einziges Geräusch von den weißen Wänden wider. Alles schien so gewöhnlich wie jeden Tag zu sein und der Montagmorgen ging seinen gewohnten Gang. Gleich würde es Zeit sein um aufzustehen – halb sechs Uhr war vorbei und aus der Küche verbreitete sich der verlockende Duft von warmem Toastbrot und Spiegeleiern in die Eingangshalle, den kurzen Verbindungsflur und die angrenzenden Räume.
In diese fast malerische Stille hinein begann das schwarze, altmodische Telefon unerwartet und durchdringend zu schrillen. Es musste einige Zeit läuten, ehe eine ältere, rundlich gebaute Frau in korrekter schwarz-weißer Haushälterinnentracht aus der Küche geschossen kam.
„Auch das noch!“
Louisa Peters war es nicht gewohnt zu solch unhöflich früher Stunde schon in ihrer eingespielten, zur Routine gewordenen Tätigkeit unterbrochen zu werden. Energisch nahm sie den Hörer ab.
„Hier bei van Haren!“ Ihre laute Stimme hallte bis in die letzten Winkel des Erdgeschoßes. „Was? Nein, das geht jetzt nicht. Hast du einmal auf die Uhr gesehen?!“
Im oberen Stockwerk begann es zu rumoren: Eine Türe schlug laut, unbedacht ins Schloss, bevor eilige, leichte Schritte die Marmorstufen herabgerannt kamen. Neugierig beugte sich das junge Mädchen über das Treppengeländer hinab.
„Wer ist dran? Ist es für mich? Natürlich ist es für mich!“
Ihre zierliche, dabei durchaus weibliche Gestalt steckte in einem taillierten Kleid, dessen Rock durch den Petticoat weit schwang und den buntgemusterten Stoff damit umso besser zur Geltung brachte. Es war der neueste Chic der Londoner Modewoche und sie war ausgesprochen stolz darauf, denn es handelte sich um ein echtes Modellkleid. Passend dazu hatte sie sich ein weißes Seidenhalstuch um den Hals gebunden. Ihr hellbraunes, sanft gelocktes Haar fiel penibel gekämmt und mit Haarspray fixiert bis knapp über ihre Ohren herab. Die Schultern hielt sie auffallend straff und den Kopf stolz erhoben, während sie in flachen Ballerinas die letzten Stufen hinabhuschte.
„Gib mir den Hörer! Gib ihn mir!“
Ihr kindliches, dennoch schmales Gesicht zeigte bereits das, was einmal eine wahre Schönheit werden würde: Die großen, grauen Augen, die weit auseinanderstanden und dazu die zierliche Stupsnase – alles Eigenschaften, die sie ihrer Mutter unwahrscheinlich ähneln ließen. Mit einer abweisenden Handbewegung scheuchte Louisa das Mädchen zurück.
„Nein!“, erklärte sie und der Ton ihrer Stimme ließ keinen weiteren Widerspruch zu. „Miss van Haren hat jetzt keine Zeit und sie wird auch heute Abend ganz sicherlich zu keiner Geburtstagsparty erscheinen! Guten Tag!“ Der Hörer knallte auf die Gabel zurück.
Entrüstet schnappte das Mädchen nach Luft, während sie sich mit einem Aufschrei vor der Haushälterin aufbaute. Ihr Fuß stapfte zornig auf den Boden. „Wer war das? Von welcher Party ist die Rede? Ich bin überhaupt nicht unterrichtet! Wie können Sie da einfach auflegen?!“
Unwirsch stemmte Louisa ihre Arme in die runden Hüften. „Mein Kind, das ist jetzt vollkommen unwichtig! Sind deine Koffer fertig gepackt? Nein? Dann aber marsch, ab! Außerdem hast du in deinem Alter sowieso noch überhaupt nichts auf Partys verloren!“ Ihre Augen funkelten streng; sie kannte das vierzehnjährige Mädchen nur zu gut. Verzogene Göre, dachte sie, innerlich den Kopf schüttelnd, und zog mitleidig die Mundwinkel nach unten. „Andere Mädchen in deinem Alter sitzen abends Zuhause und erledigen ihre Schularbeiten! Diese ständigen Partys verderben den Charakter!“
Aufmüpfig warf das Mädchen den Kopf zurück. „Das behaupten Sie jedesmal und zu Ihrer Beruhigung: Meine Koffer sind gepackt! Wo steckt meine Mutter?“
Seufzend deutete die Haushälterin den breiten Flur hinab.
„Im Kaminzimmer“, antwortete sie, während sie sich gleichgültig abwandte. „Ich werde jetzt das Frühstück auftragen.“
„Tun Sie das! Jeder sollte sich um das kümmern, wofür er geschaffen wurde, nicht wahr?“ Absichtlich benutzte sie die Formulierung ihrer Mutter, die Louisa jedesmal fast zur Weißglut trieb, doch in ihrem Fall blieb die Haushälterin gelassen.
„Bloß gut, dass ich in wenigen, absehbaren Stunden für ein Jahr nichts mehr von dir sehen und hören muss! Erholung habe ich weiß Gott nötig!“ Louisa versetzte der Küchentüre einen achtlosen Tritt und ließ die Tochter ihrer Arbeitgeber allein zurück.
Wütend, dass ihre Worte nicht die gewünschte Wirkung erzielt hatten, lief das vierzehnjährige Mädchen davon, die beiden Stufen des kurzen Flurs hinauf, zur letzten Tür auf der rechten Seite. Ein kalter Luftzug schlug ihr entgegen und sie drückte die schwere Nussbaumtür eilig ins Schloss zurück. Die Glastür zur großen, gefliesten Terrasse stand weit offen und ließ die klare, frische Morgenluft herein.
„Für was besitzen wir eine moderne Zentralheizung?!“ Fröstelnd ließ das Mädchen sich auf das cremefarbene Samtsofa vor dem steinernen Kamin fallen. „Damit du uns erfrieren lässt?“
„Blödsinn!“ Ihre Mutter lehnte im Türrahmen und blickte hinaus in den ausladenden, riesigen Garten. Schließlich drehte sie sich um und ihre Tochter starrte sie für eine Sekunde überwältigt an. Rachel Antoinette van Haren trug ein perfekt aufeinander abgestimmtes, mintgrünes Kostüm, das die wohlgeformten Proportionen ihrer zierlichen Figur ideal zur Geltung brachte. Ihr hellblond gebleichtes Haar ließ sie sich seit etlichen Jahren im Stil der Monroe schneiden, was bei ihren von Natur aus glatten Strähnen jedoch regelmäßige Friseurbesuche voraussetzte. Die Absätze ihrer hochhackigen Schuhe erzeugten ein leises Klopfen, als sie über den hellen Parkettboden hinüber zum offenen Kamin schwebte.
Rachels Gesicht war von außergewöhnlicher, geradezu magischer Schönheit. Es war so ebenmäßig und zart, dass sie überall, wo sie auch erschien, die Blicke der Männer auf sich zog – und ihr gleichzeitig bei den Frauen ungezählte Neiderinnen schaffte. Dessen war Rachel sich vollstens bewusst und sie ließ keine Gelegenheit aus, ihre naturgegebenen Vorzüge zur Schau zu stellen. Obwohl sie mit diesem Jahr ihr vierzigstes vollendete, wirkte sie auf die Vertreter des anderen Geschlechts aller Altersklassen anziehend und oft genug versammelte sie bei entsprechenden Anlässen und Empfängen den Großteil der männlichen Gäste um sich. Erst bei genauerem Hinsehen fiel dem feinfühligen Gegenüber ihre kalte, gefasste und genaustens berechnete Ausstrahlung auf, die angesichts ihrer äußerlichen Schönheit allerdings völlig in den Hintergrund gedrängt wurde.
„Eben hat jemand für mich angerufen“, jammerte ihre jüngste Tochter in diesem Augenblick und starrte düster in den kalten, verrußten Kamin. „Aber Louisa hat mir einfach den Hörer nicht gegeben!“
Gereizt runzelte Rachel die Stirn. „Damit hatte sie auch völlig recht! Die Zeit ist knapp.“ Einen Moment herrschte Schweigen und das Mädchen beobachtete prüfend seine Mutter, wie diese die Porzellanfiguren auf dem Kaminsims neu ordnete.
„Ich will nicht mit!“, stieß das Mädchen plötzlich hervor. „Ich will einfach nicht!“
Rachel überhörte den Einwurf. „Haben sich deine Koffer mittlerweile in anderer Geschwindigkeit gefüllt als gestern Abend? In gut einer halben Stunde bringt uns das Taxi zum Flughafen.“
Verzweifelt stieß ihre Tochter ein Ächzen aus. „Was ist, wenn nur noch zwei Plätze frei sind? Es könnte doch sein, dass dringend jemand…“ Sie brach ab. Der eisige Blick ihrer Mutter verbot ihr den Mund.
„Hör endlich auf, meine Geduld mit unsinnigen Kommentaren zu strapazieren! Wir werden aus dem bevorstehenden nächsten Jahr das Beste machen. Manchmal denke ich zwar, dass die Entscheidung falsch ist und ich deinem Vater nicht hätte nachgeben dürfen – aber jetzt ist die Angelegenheit entschieden! Du weißt, was diese Stelle für ihn bedeuten kann! Wenn er in dieser Klinik in den Vereinigten Staaten gute Zeugnisse mit nach Hause bringt, wird er hier in London die Stelle des Chefarztes übertragen bekommen und das ist nun einmal enorm wichtig für ihn. Und unserem Namen und Ruf kann es auch nicht schaden. Außerdem ist Amerika das Land auf dieser Welt, in dem nun einmal die meisten und bedeutendsten Kinofilme produziert werden. Vielleicht läuft mir ja sogar ein Hollywoodstar über den Weg, Cary Grant zum Beispiel.“
„Es wäre bestimmt viel einfacher für euch, wenn ihr mich hier lassen würdet und ihr nehmt nur Jean mit!“ Das Mädchen verdrehte die Augen. Was interessierte sie denn Cary Grant oder sonst irgendein Filmschauspieler, wenn sie dafür alles zurücklassen musste, was ihr wichtig war? „Ich meine, Louisa ist doch da! Und Sallys Eltern würden bestimmt auch nach mir sehen, wenn es euch beruhigt und…“
„Diese Diskussion ist für mich längst beendet“, fiel Rachel ihr ungehalten ins Wort, wobei ihre Miene sich verfinsterte. „Hör endlich auf mit diesem Gezeter und benimm dich, wie ich es dich gelehrt habe!“
„Aber Mom!“, brauste das Mädchen verzweifelt auf. Ihre Lage schien aussichtslos und in ihren jungen, unerfahrenen Gedanken breitete sich eine Art von Abscheu aus – gegen das Leben, ihr Schicksal und gegen ihre Mutter, die sie zu zwingen vermochte. Keiner verstand sie! Keiner verstand, wie es in ihr aussah!
„Was haben wir denn in den Vereinigten Staaten schon verloren? Die Väter von anderen Mädchen in meinem Alter bleiben doch auch hier und haben bedeutende Stellungen in ihren Berufen! Wieso müsst ausgerechnet ihr derartig verrückt sein?“
„Erstens verbitte ich mir diesen Ausdruck und zweitens habe ich dir die Gründe bereits erklärt. Es geht um die Karriere deines Vaters. Ein Jahr ist schnell vorbei und jetzt reiß dich um Himmels Willen zusammen!“ Ungeduldig drehte Rachel sich auf dem Absatz um. „Ich muss zusehen, dass deine Schwester endlich das Chaos in ihrem Zimmer beseitigt. Dann schau ich nach, ob dein Vater die Koffer schon hinuntergetragen hat und ob ich das Taxi rufen kann. Außerdem solltest du noch gut frühstücken, bevor es losgeht.“ Sie eilte zur Tür, wobei die hohen Absätze ihrer Schuhe im Takt ihres schwebenden Ganges klapperten.
„Und was passiert jetzt mit mir?“ Mit einem letzten, aufbäumenden Versuch, dem Unvermeidbaren doch noch zu entrinnen, sprang das Mädchen auf. „Schön – für Paps ist es ein Aufstieg und für mich? Ich muss für ein Jahr alles aufgeben – meine Freunde, die Schule…“
„Patricia Lorena van Haren!“ Rachel hatte bereits die Türe aufgerissen. „Du hast vollkommen falsche Vorstellungen von einer amerikanischen Großstadt! Sie ähnelt London sehr, sei ganz beruhigt! Auch dort gibt es Mädchen, mit denen du dich anfreunden kannst, außerdem: Noch bestimme ich hier, was gut für dich ist und was nicht! Und ich erkläre dir hiermit zum allerletzten Mal: Wir fliegen!“
Rachel lief davon. Leise glitt die Tür hinter ihr ins Schloss. Regungslos hing Pattys Blick an den Schnitzereien im Nussbaumholz, als erhoffte sie sich von ihnen Hilfe oder eine Antwort. Alles hatte sie versucht, wirklich alles, um diesem einen Jahr in den Staaten zu entrinnen. Bis heute Morgen war sie so fest davon überzeugt gewesen, doch noch ihren Willen durchsetzen zu können, aber jetzt war auch diese Hoffnung geplatzt, wie eine schöne Seifenblase, die schon viel zu lange in der Luft geschwebt hatte.
Tränen der Wut und Enttäuschung brannten in ihren Augen und sie tat sich selbst entsetzlich leid. Allein die Vorstellung, in ein Land zu ziehen, das ihr vollkommen fremd war, jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Sie konnte das nicht, es war zuviel verlangt! Sie war nie, niemals in ihrem ganzen bisherigen Leben aus ihrer vertrauten Umgebung herausgekommen. Wie sollte sie ein ganzes Jahr in einem Land meistern, das sie schon jetzt verabscheute? Alle Mädchen in ihrer Schulklasse beneideten sie darum, dass sie zwölf Monate in den USA verbringen durfte – ein Land, das sie alle lediglich von der Leinwand des städtischen Kinos kannten. Nur Patty selbst brachte es beim besten Willen nicht fertig, es als neue, bereichernde Erfahrung zu empfinden.
Wenn ich nur mit jemandem tauschen könnte! Ihr genügte das Bild auf der Leinwand. Wozu dieses herrliche, sorgenfreie Leben hier aufgeben, wo es ihr gut ging und sie alles besaß, wovon andere Mädchen in ihrem Alter nur träumen konnten? Teure Kleider, zwei riesige Zimmer, ein eigenes Bad, eine eigene Lounge im Kino, die nur für ihre Familie reserviert war…
Die Wanduhr schlug laut und dröhnend die volle Stunde, ihr Gong hallte durch das Zimmer. Patty zuckte zusammen. Jeden Augenblick konnte es soweit sein. Vielleicht gab es noch einen letzten Ausweg, vielleicht bekam ihr Vater ja noch ein Einsehen! Ihr Vater – ihr letzter Strohhalm, an den sie sich klammern konnte, weil er viel nachgiebiger und weicher war als Rachel. Entschlossen warf Patty den Kopf zurück, ihr nach außen geföhntes Haar flog mit der Bewegung mit. Auch, wenn sie vor kurzem erst vierzehn geworden war, so besaß sie doch dieselben Eigenschaften wie ihre Mutter – nämlich Starrsinn und eisernen Willen und bisweilen sogar die gleiche unnahbare, schier unerträgliche Gefühlskälte.
Das Frühstück schmeckte Patty nicht und sie kaute lustlos darauf herum, bis sie den Teller schließlich beiseiteschob und wortlos das Speisezimmer verließ. Unter Louisas hartem Blick war ihr nichts anderes übriggeblieben, als die letzten Krümel doch noch zusammenzukratzen, denn die Haushälterin hätte es fertiggebracht und sich bei Rachel beschwert. Noch nie hatte Patty sich vom Leben derart ungerecht behandelt gefühlt. Es kam ihr beinahe vor, als bedeutete dies das Ende jeglicher Zukunftsaussichten. Sie strich sich den Stoff ihres Designerkleides zurecht und schlich hinaus in die Eingangshalle.
In der Zwischenzeit hatten sich dort die Koffer und Reisetaschen gestapelt, gefüllt mit dem Wenigen, was sie von all ihrem Besitz mitnehmen konnten und Patty stand eine Weile davor, um sie anzustarren. Auf einmal begann Rachels herrische Stimme aus dem oberen Stockwerk nach unten zu dringen. Wahrscheinlich bekam ihre dämliche, zwei Jahre ältere Schwester gerade wieder einmal eine Standpauke zu hören, weil sie zum einen nicht fertig war mit Packen und zum anderen wieder irgendetwas angestellt hatte, ohne es überhaupt zu bemerken.
Patty seufzte. Eigentlich wäre es überhaupt kein Problem, wenn ihre Eltern sie und Louisa alleine hier zurücklassen würden. Schließlich musste sich ja trotz allem jemand um die Villa kümmern, auch wenn niemand für ein Jahr darin wohnen würde. Die kostbaren Möbel würden mit Tüchern abgedeckt werden, um sie vor Staub und Schmutz zu schützen und die Blumenbeete blieben für einen Frühling ohne die prächtige Farbenpracht, weil Rachel sich das Geld für den Gärtner sparen wollte. Wer wusste, ob Louisa alleine, ohne Beaufsichtigung in der Lage sein würde, sich um alles anständig zu kümmern? Patty betrachtete sich im mannshohen Garderobenspiegel und überprüfte den Sitz ihrer Frisur. Eigentlich wäre sie durchaus eine würdige Vertretung für den Rest ihrer Familie, wie sie fand.
Eine Autohupe riss sie wüst aus den schönen Überlegungen. Die schwere, geschnitzte Haustür stand weit offen und am Ende der fünf Stufen parkte soeben das bestellte, schwarze Taxi ein. Neben ihren drei eigenen Gepäckstücken blieb Patty stehen und starrte ihrem Vater finster entgegen, der soeben herein eilte.
Matthew Cleavon van Haren war gut Einmeterneunzig groß und schlank und der lange Mantel in dunklem Blau ließ ihn ausgesprochen weltgewandt aussehen. Als er seine jüngere Tochter bemerkte, verlangsamte er seinen Schritt. Sein gutaussehendes, schmales Gesicht verzog sich zu einem zärtlichen Lächeln.
„Na, mein Mädchen? Hast du auch nichts vergessen?“
Wortlos schüttelte Patty den Kopf und schürzte unverhohlen die Lippen. Es war Verletzung und Angst in einem, was in ihr tobte. Regungslos beobachteten ihre rehbraunen, verdächtig glänzenden Augen, wie ihr Vater die nächsten beiden Koffer zum Taxi trug. Der blaugekleidete Fahrer nahm sie ihm ab und verstaute sie im Kofferraum. Matthew kam zurück und wollte wieder zu zwei Taschen greifen, es waren Pattys.
„Paps?“ Hastig packte seine vierzehnjährige Tochter ihn an den Armen, riss ihn zu sich herum. Sie musste es aufhalten, jetzt, sofort, ehe es zu spät für sie wäre, denn sie fühlte instinktiv, dass dieses ganze Vorhaben für sie entsetzlich enden würde und dass sie dieses Jahr womöglich nicht durchstehen konnte. Patty besaß weder die Fähigkeit, noch die Erfahrung, die Ausmaße eines solchen Aufenthalts einzuschätzen, denn sie war von Kleinkindesalter an verwöhnt und behütet. Das jüngste Kind ihrer Eltern und Rachels großer Liebling, von ihrem Vater heiß und innig geliebt und von ihrer Mutter immer daran erinnert, dass sie nicht irgendeiner Familie angehörte, sondern dass sie etwas Besonderes geworden war. Nie hatte sie für etwas, das sie haben wollte, arbeiten oder einen Finger rühren müssen und gerade deshalb brannte die Enttäuschung in ihr, diesmal ihren Willen nicht bekommen zu haben. Dieses Mal schienen ihre Eltern ihr eigenes Ziel durchzusetzen und das passte Patty ganz und gar nicht. Sie konnte nicht ahnen, dass Mädchen wie sie eines war, keine Enttäuschung im Leben erspart blieb und dass die Lektionen, die sie zu lernen haben würde, härter waren, als sie es sich in diesem Moment ausmalen konnte. Sie verstand das Leben nicht – sie verstand nur die Oberflächlichkeiten und das genügte ihr.
Liebevoll blickten Matthews hellbraune Augen, die genau dieselbe Farbe wie seine kurzgeschnittenen, an den Schläfen schon leicht ergrauten Haare besaßen, auf seine kleine Tochter herab. Seine schlanken, gepflegten Hände, die Rachel immer als „Medizinerhände“ bezeichnete, legten sich schwer auf Pattys Schultern. Sein einnehmender, vertrauenserweckender Charme stand im völligen Gegensatz zu der kalten Ausstrahlung seiner Frau und Außenstehende neigten gern dazu, das Ehepaar van Haren mit zwei sich abstoßenden Magneten zu vergleichen. Bei öffentlichen Anlässen – und auf solchen waren sie dank Rachels Modebewusstsein häufig vertreten – verhielt Matthew sich still und zurückhaltend und ließ seiner Frau den Vortritt. Er hatte sein Leben der Medizin und seinem Beruf als Chirurg verschrieben und für gewöhnlich blieb ihm wenig Zeit, sich tieferschürfend mit solchen Nebensächlichkeiten wie der neuesten Kreation eines Pariser Modeschöpfers zu beschäftigen. Außerdem fehlte ihm dafür jegliches Interesse und Verständnis. Für ihn sah seine Frau immer bezaubernd aus – ganz gleich, ob in einem Designerkleid oder in einer Tweedhose von der Stange aus dem Kaufhaus.
„Paps!“ Flehend schlang Patty jetzt ihre Arme um seinen Oberkörper. „Wenn du mir meinen größten Wunsch erfüllst, brauchst du nie, nie wieder irgendetwas für mich tun! Dann bin ich bis ans Ende meines Lebens wunschlos glücklich! Bitte, lass mich hier, bitte, bitte!“ Sie presste sich fest an ihn. Diese Masche half meistens, wenn sie ihren Kopf durchsetzen wollte. „Du kennst mich, Paps! Du weißt, dass ich in Amerika todunglücklich sein werde!“
Matthew musste sich sehr zusammennehmen, um Ruhe zu bewahren. Zu oft hatte sie ihm damit schon in den Ohren gelegen, seit Wochen, seit Monaten, seitdem sie wusste, dass es dieses Auslandsjahr geben würde.
„Dazu ist es zu spät“, erklärte er bedacht und schob sie sanft von sich fort. „Außerdem bildest du dir das alles nur ein! Es wird dir bestimmt gefallen, glaub mir! Sogar deine Mutter freut sich auf die Staaten und du weißt, wie schwer sie mit etwas zufriedenzustellen ist!“
Patty trat einen Schritt zurück und starrte ihn an. Tränen der Wut und des Trotzes brannten in ihren Augen. „Das ist ungerecht! Ihr seid meine Eltern und damit für mein Wohlbefinden verantwortlich, aber jetzt zwingt ihr mich, die schlimmsten zwölf Monate meines Lebens durchzustehen! Das verzeihe ich euch nie, niemals!“
Seufzend schloss ihr Vater für eine Sekunde die Augen. „Schon gut. Darüber können wir während des Fluges noch ausgiebig diskutieren.“ Er warf einen Blick auf die alte, schwere Standuhr. „Es wird Zeit. Wir müssen uns beeilen. Gib deiner Mutter und deiner Schwester Bescheid, dass wir allmählich fahren sollten. Das Flugzeug wartet nicht, nur weil sie ewig trödeln!“
Hastig drehte er sich auf dem Absatz herum und lief wieder hinaus, zum Taxi. Draußen blieb er stehen und atmete mehrere male tief durch. Wie sehr es doch seine Vorfreude trübte, seine jüngste Tochter so unglücklich sehen zu müssen, aber auf keinen Fall konnte er sie hier alleine zurücklassen, nicht einmal in Louisas Obhut. Patty gehörte zu ihnen, jedenfalls so lange, bis sie erwachsen sein und ihre eigenen Wege gehen würde. Er hatte ja auch gar nicht damit gerechnet, dass ihm, ausgerechnet ihm, auf einmal die Möglichkeit zuteil werden würde, ein ganzes Jahr im Ausland zu arbeiten. Die Entscheidung der amerikanischen Klinik war ganz plötzlich gefallen und er hatte nicht eine Sekunde gezögert, das Angebot anzunehmen. Sein Blick glitt über die Koffer hinweg, die sich im hinteren Teil des Taxis stapelten. Ein Jahr, ein ganzes langes Jahr fort von dieser lauten, stinkenden Stadt, fort von den ständigen Empfängen und Partys, endlich nur Arzt und Mensch sein, nichts weiter. Für ihn würde es das Jahr werden, in dem er sich daran erinnern konnte, welche Ziele und Träume ihn einst getrieben hatten – und was heute davon übriggeblieben war.
Lange stand Patricia entmutigt und hilflos in der Eingangshalle der riesigen Villa, die ihr Großvater einst hatte erbauen lassen. Fahren, jetzt, sofort, ohne, dass sie sich von Mabel und all ihren anderen Freunden verabschiedet hatte; ohne, dass sie auch nur die Möglichkeit gehabt hätte, einfach fortzulaufen und erst, wenn der Rest ihrer Familie abgereist war, wieder aufzutauchen!
Als hätte sie die Worte ihres Mannes gehört, trippelte in diesem Augenblick Rachel auf ihren hohen Absätzen die Treppe herab, gefolgt von ihrer älteren Tochter, die noch im Laufen in ihrer Handtasche wühlte.
„Nun beeil dich doch endlich! Es ist immer dasselbe mit dir!“
„Ich komme ja schon!“ Jean Frances van Haren eilte hinter ihrer Mutter her. Sie trug noch einen Ballerina in der Hand und einen Haargummi zwischen die Zähne geklemmt. Auf halber Höhe der Treppe hielt sie inne und schlüpfte schnell in den zweiten Schuh. Dann packte sie ihr schulterlanges, braunes Haar und band es zu einem Pferdeschwanz zusammen. „Ich muss nochmal schnell wohin!“
Patty verdrehte die Augen und warf ihrer sechzehnjährigen Schwester einen ungeduldigen Blick zu, beherrschte sich jedoch soweit, jeglichen Kommentar zu unterlassen. Was konnte sie von so einer Schwester auch schon erwarten? Sicherlich nicht, dass die Reise weniger anstrengend und nervenaufreibend verlaufen würde. Eilig schlüpfte Rachel nun in ihren Mantel und wirbelte gleichzeitig herum.
„Konnte dir das nicht früher einfallen?“, schimpfte sie ungehalten. „Nun mach’ doch endlich!“
„Ja, ja!“ Jean raste die Treppe wieder hinauf, zwei Stufen auf einmal nehmend.
„Und wieso trägst du dieses unmögliche, alte Kleid?“, schrie ihre Mutter ihr hinterher. „Kannst du dir nicht einmal ein Beispiel an deiner Schwester nehmen und ein bisschen auf dein Äußeres achten?“
Eine Tür schlug im oberen Stock mit einem lauten Knall ins Schloss. Rachel seufzte ungehalten.
„Kann sie nicht“, feixte Patty und ließ sich von Louisa in ihren neuerworbenen Trenchcoat helfen. „Sie hat eben nicht mein Modebewusstsein!“
Und sie ist hässlich, im Gegensatz zu mir, fügte sie in Gedanken hinzu, wobei sie unbewusst schnippisch grinste.
„Red keinen Unsinn, steig’ wenigstens du schon ein!“ Ihre Mutter packte sie am Arm und zerrte sie hinaus ins Freie. Ohne eigenen Willen fühlte Patty, wie sie, einer Puppe ähnlich, auf die Rücksitzbank des miefigen, engen Taxis geschoben wurde.
Endlich kam ihre Schwester angerannt, ihre Jacke – natürlich – auf dem Arm. Sie umarmte noch die Haushälterin überschwänglich.
„Auf Wiedersehen, Louisa! Passen Sie gut auf alles auf!“
„Jean!“ Der Schrei ihrer Mutter gellte über die Hofeinfahrt.
„Ja, ja! Bin schon da!“
Das sechzehnjährige Mädchen ließ sich neben ihre Schwester auf die Rücksitzbank fallen und ächzte. Das brachte ihr einen herabwerfenden Seitenblick Pattys ein, den Jean geflissentlich ignorierte. Sie zupfte das marinefarbene Baumwollkleid bestmöglich zurecht, das ihr so gut gefiel, weil es schlicht geschnitten war und keine Blicke auf sich zog. Im Gegensatz zu ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester besaß Jean den Körper eines Kindes. Während bei Patty sämtliche weibliche Attribute bereits mehr als deutlich ausgeprägt waren, hatten sich bei ihr noch nicht mal ansatzweise Brüste entwickelt. Oft beneidete Jean ihre Schwester darum, denn sie sah einfach in allen Kreationen, die ihre Mutter nach Haus brachte, umwerfend aus. Andererseits legte Jean nicht denselben Stellenwert auf Kleidung wie ihre Schwester, sodass es ihr häufig gelang, über Pattys Eitelkeit hinwegzusehen.
Im völligen Gegensatz zum Rest ihrer Familie schien Jean auf einen flüchtigen Blick hin nicht das, was als Schönheit hätte bezeichnet werden können. Zwar waren die Gesichtszüge ebenmäßig und fein, doch die grünen Augen wirkten zu klein und die Nase zu groß und lang geraten. Das Kinn stand zu weit vor und wirkte zu breit, während die Wangenknochen fast zu kantig ausgefallen waren.
„Winkt doch Louisa nochmal!“, befahl Rachel vorwurfsvoll ihren Töchtern, während sie durch das heruntergekurbelte Fenster zu der Haushälterin zurückblickte, die heftig ein weißes Taschentuch schwenkend im Eingang stand. Ihr Satz blieb bei Patty ohne Reaktion. Während Jean fröhlich ihren Arm zum Fenster hinausstreckte, wagte Patty es nicht, ihren Blick noch einmal umzuwenden. Sie war davon überzeugt, dass sie – sollte sie dieses Jahr überhaupt überleben – nie wieder glücklich werden konnte. Bis dahin würde sie längst an Heimweh und Langeweile oder allem beiden gestorben sein.
Der Motor heulte auf, als der Taxifahrer aufs Gaspedal trat und mit ihnen die Straße in Richtung Flughafen hinunterbrauste.
Der fast zwanzigstündige Flug, der von zwei Zwischenstopps unterbrochen wurde, machte beiden Mädchen mehr zu schaffen, als Rachel und Matthew erwartet hatten. Sie litten unter andauernder Übelkeit und erbrachen sich solange, bis ihre Mägen völlig entleert waren und sie nur noch die übelriechende Gallenflüssigkeit hervorwürgen konnten.
Patty glaubte, schon tot in Amerika anzukommen, doch zu ihrem Bedauern ging auch der schreckliche Flug irgendwann vorüber und sie lebte immer noch. Wahrscheinlich würde sie das Jahr in diesem Land ebenso hinter sich bringen, selbst wenn sie es verfluchte und hoffte, ihre Eltern bestrafen zu können, indem sie einfach starb, nachts, in ihrem Bett, wenn niemand es mitbekam. An irgendeiner Krankheit, die nicht einmal ihr Vater herausfinden konnte, damit sie einsahen, ihr Herz gebrochen zu haben. Sonst bekam sie auch alles, was sie sich wünschte, ob das nun ein neues Kleid, teurer Schmuck oder edles Parfüm waren – diese Anschaffungen stellten keinerlei Problem dar. Warum blieben sie nur in dieser einen, alles entscheidenden Hinsicht so stur? Weswegen taten sie ihr das an? Sie würde es niemals begreifen können, nie!
Scheinbar endlos zog sich...
Scheinbar endlos zog sich der Highway über die hügelige, abwechselnd mit grünen und braunen Grasbüscheln bewachsene Prärie dahin, trist und eintönig, sich immer wiederholend. Nur hier und dort säumten Sträucher oder kleinere Wälder die breite Asphaltstraße. In der Ferne erhoben sich hellgraue Felsketten wie Wegweiser aus dem Boden, während hinter den wenigen weißen Wolken am hellblauen Himmel die Mittagssonne hervorblinzelte und ihr wärmendes, grelles Licht spendete. Welch ein armseliger Unterschied zur grünen, fruchtbaren Landschaft Südenglands.
Leise eine Melodie pfeifend, lenkte Matthew den schwarzen, viertürigen Jeep die Straße entlang. Er hatte ihn sich gekauft, nachdem sie vor zwei Tagen in Salt Lake City im Bundesstaat Utah angekommen waren, dem Ziel ihres langen Fluges. Zunächst hatten sie sich in der großen Stadt von den Strapazen der Reise – dem ersten Flug für seine Familie überhaupt – erholt, ehe sie gestern weiter bis Shoshone, einer kleinen Stadt im Süden Idahos, gefahren waren. Dort hatten sie eine weitere Nacht verbracht und heute wollten sie die letzte Etappe bis Summersdale schaffen, ihrem neuen Zuhause, jedenfalls für das bevorstehende, nächste Jahr.
Durch das zur Hälfte heruntergekurbelte Fenster dröhnte das monotone, nervtötende Brummen des Motors noch lauter herein, als es ohnehin schon war. Der Jeep hatte bereits einen Besitzerwechsel hinter sich und war nur deshalb so günstig gewesen, weil eine breite, hässliche Beule quer über der Fahrerseite verlief. Matthew konnten derartige Schönheitsfehler nicht aus der Ruhe bringen, er genoss die Fahrt und die endlosen Weiten der vorbeiziehenden Landschaft.
Patty hatte die Beine über die Hälfte der hinteren Sitzbank gelegt und lehnte mit dem Rücken an der Außenverkleidung des Wagens. Er besaß nur vorne Türen, sodass sie nach hinten über die Lehnen der Vordersitze klettern mussten. Allein das wäre schon ein Grund gewesen, gar nicht erst einzusteigen. Sie hielt ihre Augen geschlossen und versuchte, ein wenig zu schlafen, was ihr aber nicht gelang. Immer wieder schreckte sie hoch und stellte zum zigsten Male frustriert fest, dass es kein böser Alptraum war, sondern dass sie wirklich heil und unversehrt, wenn auch geschwächt und elend, in den USA angekommen waren.
Seit sie das Flugzeug in London betreten hatten, schwieg Patty beharrlich, gab nur kurze, mürrische Antworten, wenn sie gefragt wurde und weigerte sich, mehr als irgendnötig zu essen. Jetzt war sie beinahe eingenickt. Schwer sank ihr Kopf gegen die Rückenlehne. Das ungewohnte Klima, die anstrengende Reise – oh, wenn sie doch endlich tief und fest schlafen könnte, eine ganze Nacht lang!
Ihre Schwester hingegen war wieder einmal ganz angetan von allem Neuen in ihrem Leben und das nervte Patty am meisten. Wie konnte sie dauernd zum Fenster hinausglotzen, um von Zeit zu Zeit mit einem Ruf der Entzückung auf irgendwelche hässlichen Felsen oder Bäume zu zeigen? Immerhin war Jean jetzt eingeschlafen und schnarchte leise vor sich hin. Patty spürte, wie sie erneut anfing wütend zu werden – nicht nur auf ihre Schwester, auch auf die ganze Situation in der sie feststeckte und aus der es keinen Ausweg zu geben schien. Sie verspürte großes Verlangen, einfach mit ihrem Fuß auszuholen und Jean damit kräftig zu treten.
Rachel hockte auf dem Beifahrersitz, die Straßenkarte auf dem Schoß und starrte schläfrig zur Frontscheibe hinaus. Es war bereits nach ein Uhr mittags. Seit über vier Stunden rollten sie nun über die penetrant gleich aussehende Ebene hinweg, wo jeder Fels und Hügel, jeder Wald und Strauch sich in gewissen Abständen zu wiederholen schien. Hin und wieder kamen sie an einsamen Tankstellen oder Ortschaften vorüber, die aus einer Handvoll Häuser bestanden. Mehr schien es hier nicht zu geben. Es erschreckte Rachel beinahe etwas, als ihr bewusst wurde, wie einsam und verlassen hier alles war, im Vergleich zu ihrer gewohnten Umgebung. Matthew stimmte ein neues Lied an, was ihm einen gereizten Blick seiner Frau einbrachte.
„Kannst du nicht endlich diesen Singsang einstellen?!“ Rachel richtete sich ächzend auf und streckte ihre Glieder, so gut es in dem engen Wagen möglich war. „Mir tut alles weh von dem elendigen Sitz dieser Schrottkarre!“ Ungehalten krachte ihre Faust gegen die Verkleidung der Beifahrertür. „Wozu musste dieser Fehlkauf überhaupt sein?! Wozu brauchst du ein solches Auto?! Erstens ist es gebraucht und zweitens gefällt es mir nicht. Diese Geländekübel erinnern mich immer an meine schreckliche Tante Minnie aus Irland – sie ist Bäuerin!“
„Du kannst ja aussteigen und zu Fuß gehen oder mit dem Bus nachkommen“, schlug Matthew ungerührt vor. „Außerdem“, seine Gesichtszüge nahmen einen verträumten Ausdruck an, „habe ich mir schon lange vorgestellt, mit meinem eigenen Jeep über einen amerikanischen Highway zu düsen!“
„Und? Erfüllt dieses stinkende Metallgehäuse auf vier Rädern deine Erwartungen?“ Spöttisch runzelte Rachel die Stirn. „Tu’ mir bloß einen Gefallen: Halte dich an die Geschwindigkeitsbegrenzung! Im Übrigen lässt sich deine plötzliche Leidenschaft für amerikanische Autos wohl auf deine häufigen Kinobesuche in den letzten beiden Jahren zurückführen? Soweit mich die Eintrittskarten, die du regelmäßig im Mülleimer vergraben hast, informiert haben, bist du Westernfilmen ja regelrecht verfallen!“
Eine Sekunde verschlug es Matthew die Sprache. Dass sie so gut über seine, wie er bisher geglaubt hatte, heimlichen Gepflogenheiten Bescheid wusste, hatte er nicht geahnt. Wütend über seine eigene Dummheit, die Eintrittskarten nicht gleich im Kamin verbrannt zu haben, stieß er hervor: „Oh, entschuldige bitte! Ich habe ja völlig vergessen, dass ich am Ende noch dein Geld verschwende! Hättest du eine bessere Idee gehabt, wie wir von Salt Lake City nach Summersdale kommen? Vielleicht im eigenen Privatjet?“
„Ich sage ja nicht, dass wir kein Auto brauchen“, lenkte Rachel ein, „aber wenn, dann doch wohl eines, das wir nach unseren Wünschen beim Händler bestellen! Das fängt schon bei der Farbe an! Schwarz! In dieser staubigen Gegend und bei den von dir erwähnten Durchschnittstemperaturen ist das eine Zumutung! Und gegen ein bisschen mehr Komfort hätte ich auch nichts einzuwenden…für meinen Standard jedenfalls.“ Sie seufzte. „Aber wir können das Ding ja immer noch verkaufen und uns dafür ein geeigneteres zulegen. Ich hätte gerne einen Cadillac. Was hältst du davon? Der sieht sehr schick aus!“
Matthew schaffte es gerade noch, ein Grinsen zu unterdrücken und erwiderte stattdessen überschnell: „Aber selbstverständlich!“
In diesem Augenblick erklang von hinten eine zornige Stimme: „Ach, das sind doch jetzt sowieso nur sinnlose Diskussionen, die zu nichts führen! Bis wir da sind, entscheidet ihr euch doch noch zehnmal um! Hauptsache, wir kommen endlich an!“
Stöhnend und mit missmutig verzogener Miene räkelte Patty sich auf dem Rücksitz, wobei sie ihrer Schwester einen unsanften Tritt gegen den Schenkel versetzte. Bisweilen musste man eben gewisse Verlangen auch ausleben, nachdem sie dieses nun lange genug unterdrückt hatte.
Jean schreckte aus ihrem Schlaf hoch. „Sind wir schon da?“
„Nein, schlaf weiter“, blaffte Patty sie an. „Bei der Karre geht’s nicht so schnell!“
„Erzähl uns doch mal, wie die Stadt aussieht“, bat Jean ihren Vater munter, ohne ihre Schwester zu beachten. Sie kannte diese Launen schon und machte sich nichts daraus. „Wie groß ist sie? Gibt es dort Museen, wo ich hingehen kann? Und haben sie eine Bibliothek? Das ist das allerwichtigste!“ Sie beugte sich nach vorn.
„Was ist los? Ich dachte, du wolltest schlafen?“, bemerkte Rachel unwirsch. „Für deinen kulturellen Wissensdurst hast du noch früh genug Zeit!“
„Ich will viel lieber wissen, ob es dort gute Modegeschäfte gibt!“, mischte Patty sich nun in das Gespräch ein. „Alles andere ist doch sowieso vollkommen gleichgültig!“
„Sie hat nicht ganz unrecht“, wandte Rachel sich an ihren Mann. „Erzähl uns doch ein wenig etwas! Besonders ausführlich hast du uns bislang ja nicht teilhaben lassen, außer, dass die Stadt Summersdale heißt und du dort in der Klinik arbeiten wirst.“
„Ja…also…“ Sichtlich in Verlegenheit gebracht, rang Matthew um die passenden Worte. „Die Klinik“, begann er nach kurzer Überlegung hastig, „ist natürlich nicht mit unserer in London zu vergleichen! Sie hat eine wesentlich überschaubarere Größe, ist aber trotzdem sehr modern ausgestattet und…“
„Matt!“, unterbrach Rachel ihn. „Die Klinik kann von mir aus lila mit froschgrünen Fenstern sein! Wie ist die Stadt? Ist sie klein oder groß? Ein Provinznest oder wird einem auch etwas geboten? Und ich schließe mich voll unserer Tochter an: Gibt es vernünftige Geschäfte? Ich kann nicht ein ganzes Jahr lang in denselben Kleidern herumlaufen!“
Plötzlich zornig schlug Matthew mit der flachen Hand auf das Lenkrad. „Himmel nochmal! Falls es dir entgangen ist, hatte ich während meines Besuchs nur drei Tage Zeit! Ich bin überhaupt nicht dazu gekommen, mich derartig unwichtigen Dingen zu widmen! Am ersten Tag habe ich mir die Klinik angesehen und die anderen beide Tage war ich damit beschäftigt, eine Bleibe für uns zu finden!“ Spöttelnd fügte er hinzu: „Schließlich bin ich als dein Mann gewöhnt, dass du in keinem Motel absteigst!“
Kopfschüttelnd überging Rachel den letzten Satz. „Schön, dann erzähl uns eben von dem Haus, das du uns organisiert hast. Schließlich wollen wir wissen, wo wir ein Jahr lang wohnen werden.“
„Das hat die letzten sechs Monate auch niemanden interessiert“, rutschte es ihrem Mann heraus. „Außerdem wird eure Geduld noch lange genug ausreichen.“
Patty seufzte genervt. „Gut. Was ist mit der Schule, in die ich gehen soll? Gibt es wenigstens dazu eine genauere Erläuterung? Ich hoffe bloß, sie hat einen ähnlichen Standard zu bieten, wie das Mädcheninternat in London!“
Ihr Vater stieß ein missfälliges Grunzen aus. „Das hier ist keine Gegend, in der die High Society absteigt! Die Schule hat einen sehr ordentlichen Eindruck auf mich gemacht mit netten Lehrern. Mit zweien und dem Direktor habe ich bereits gesprochen.“
„Das freut mich für dich.“ Düster starrte Patty zum Seitenfenster hinaus. Es wurde nicht besser, im Gegenteil. Ihr Leben war zerstört, sie musste in einem Provinznest eine Schule besuchen, vermutlich noch zwischen einfältigen Landkindern und Dummköpfen. Bei der erstbesten Gelegenheit würde sie ausreißen und nach London zurückfliegen, das schwor sie sich!
„Ich bin schon gespannt auf die neue Schule!“, rief Jean übermütig und rutschte ungeduldig auf ihrem Sitz hin und her. „Bestimmt haben ein paar Mädchen hier Pferde und ich kann endlich reiten lernen!“
„Das war ja klar!“ Patty kochte innerlich. „Du kannst ja auch gleich hierbleiben und unter die Kuhhirten gehen, das passt doch zu dir! Du immer mit deinem dämlichen Fimmel für Pferde!“
Ein wenig gekränkt blinzelte Jean ihre kleine Schwester an. „Es muss sich ja nicht jeder so unbeliebt machen wie du, mit deinem eingebildeten Getue!“
„Jetzt hört doch auf, euch zu streiten!“ Matt drückte demonstrativ einige Male auf die Hupe. „Es wird schon für jede von euch hier etwas geben, was euch gefällt!“
„Glaub’ das bloß nicht! Mir genügt schon allein der Gedanke an diese sogenannte Schule, in die ich gehen muss!“, rief Patty trotzig und warf sich gegen die Rückenlehne. „Wahrscheinlich laufen da nur so Trampel und Einfaltspinsel herum wie deine andere Tochter! Das ist ja wohl weit unterhalb meines Niveaus!“
Eine lange Minute herrschte Schweigen im Wagen und nur das unaufhörliche Dröhnen des Motors machte es erträglich. Rachel seufzte und fischte in ihrer Handtasche nach einem Spiegel, um den Sitz ihrer Frisur zu überprüfen.
„Siehst du“, sagte sie verständnislos, während sie an ihrem Pony zupfte, „jetzt sind wir genauso klug wie vorher. Das ist typisch dein Vater – er rückt mit der Wahrheit immer erst heraus, wenn er nicht mehr anders kann!“
Sie ahnte noch nicht, welche Wirkung dieser Satz zum jetzigen Zeitpunkt auf ihren Mann hatte, der beharrlich schweigend, geradezu stoisch seinen neuerworbenen Jeep weiter über den Highway lenkte.
Am frühen Nachmittag entdeckte Rachel zu ihrer Erleichterung das Schild an der Straßenkreuzung, nachdem sie schon geglaubt hatten, daran vorbeigefahren zu sein.
„Da, da steht Summersdale! Seht ihr?“ Ungeduldig deutete sie mit dem Finger darauf. „Gleich sind wir da!“ Lächelnd wandte sie sich zu ihren beiden Töchtern um. „Habt ihr gehört?“
Patty hatte sich wieder auf dem Rücksitz ausgestreckt und gab nur ein kurzes, mürrisches „Lass mich in Ruhe!“ zurück, während Jean den Hals reckte, um möglichst bald schon etwas zu entdecken.
Rachels Laune besserte sich mit jeder Minute. „Wieviele Meilen sind es denn nun noch?“
Matthew bog nach rechts, in die schmälere Asphaltstraße ab, die von da an nicht mehr als Highway gekennzeichnet war, sondern lediglich als Interstate.
„Nun, ich schätze, etwa zehn bis Summersdale“, antwortete er zögernd und starrte mit unbewegter Miene zur Frontscheibe hinaus. Prüfend ruhten Rachels schiefergraue Augen auf ihm. Er spürte es.
„Und weiter?“, hakte sie prompt nach, ein wenig triumphierend, ihn durchschaut zu haben. „Liebling! Vor seiner Frau darf man doch keine Geheimnisse haben!“
„Na…ja…“ Matt versuchte ein verzerrtes Lächeln. „Es ist nichts Dramatisches.“ Irgendwann musste er ja mit der Beichte der Tatsachen anfangen. Vielleicht war jetzt der richtige Zeitpunkt dafür gekommen. „Es ist bloß…das Haus liegt nicht direkt in Summersdale.“
Verblüfft wiederholte Rachel: „Nicht direkt in Summersdale?“
Mit einem Schlag war Patty wieder hellwach. Sie beugte sich nach vorn. „Heißt das, es gibt dort auch ein Villenviertel?“ Gespannt tippte sie ihrem Vater auf die Schulter. „Sag schon, Paps!“
Matthew sah ein, dass er nun beim besten Willen nicht länger ausweichen konnte – ob ihm vor den Folgen graute, spielte dabei keine Rolle. Er allein hatte sich dafür verantwortlich zu machen. Ein kurzer Seitenblick auf seine Frau genügte, um ihm klar zu machen, dass er ihre Geduld schon überstrapaziert hatte. Er schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass ihm einer ihrer Wutausbrüche erspart blieb.
„Ach, weißt du, Summersdale ist keine allzu schöne Stadt und auch recht laut, aber ein Stück südöstlich davon gibt es eine kleine Ortscha…“ Er schaffte es gerade noch, sich zu korrigieren: „…ein kleines Städtchen namens Silvertown. Dazu gehört unser Haus. Es ist wirklich ganz reizend und hat genau die richtige Größe für uns vier. Als ich es zum ersten Mal gesehen habe wusste ich sofort – das ist es, eine Art Lebenstraum, der in Erfüllung geht!“ Ohne Pause fügte er erklärend hinzu: „Die Entfernung bis Summersdale ist kaum nennenswert und es fährt dreimal am Tag ein Bus für die Schüler.“
„Ein Bus?!“, wiederholte Patty entsetzt. Ihr Leben lang war sie mit keinem Bus gefahren, schon gar nicht zur Schule! Damit ruinierte sie sich ja ihre sämtlichen Kleider!
Matthew tat, als habe er sie nicht gehört. „Ich kann jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit und du, mein Liebling, findest bestimmt auch bald Anschluss und eine nette Beschäftigung.“
„Das heißt“, fasste Rachel schroff zusammen, wobei sie jedes Wort betonte, „du hast für uns ein kleines Kuhdorf irgendwo in dieser staubigen, eintönigen Pampas ausgesucht?!“ Ihre Gesichtszüge unter dem weißen Puder wurden blass.
„So würde ich es nicht direkt nennen!“ Noch stand sie unter Schock, begriff noch nicht das ganze Ausmaß – das war Matthews Chance. „Du kannst dich immer noch aufregen, wenn du es gesehen hast! Aber zuerst will ich euch die Stadt zeigen, einverstanden?“
* * *
Auf der Brüstung, welche die Veranda zum Innenhof abgrenzte, saß ein junges Mädchen mit braunen Haaren, die sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte und ließ ihre Beine baumeln. Sie biss ein Stück von einem großen, gelben Apfel ab und blinzelte gegen die hochstehende, grelle Nachmittagssonne. Auf den Koppeln grasten einige Pferde und die Stille, die über der Waldschneise lag, erfüllte das Mädchen immer wieder aufs Neue mit Bewunderung für ihr Zuhause. Leise schwang die Haustür hinter ihr auf und gemächliche Schritte traten zu ihr.
„Na?“
Das Mädchen drehte sich lächelnd zu ihrem Vater um. „Was meinst du?“, wollte sie wissen, weiter auf ihrem Apfel kauend. „Wann werden sie da sein?“
Ein Schmunzeln trat auf das Gesicht ihres Vaters. „Irgendwann heute, nehme ich an, aber du musst dich schon noch ein bisschen gedulden!“
„Glaubst du, dass seine Töchter und seine Frau genauso nett sind, wie Doktor van Haren?“
„Oh, ganz bestimmt!“ Ihr Vater tätschelte ihr kurz die Wange. „Was ist? Hast du deine Schularbeiten schon erledigt?“
Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Nein, um die kümmere ich mich später. Ich gehe jetzt Kitty holen und reite ein wenig aus. Vielleicht sind sie ja schon da!“
Mit einem Kopfschütteln strich ihr Vater sich über das eckige, markante Gesicht. „Selbst wenn, dann werden sie erstmal ihre Ruhe wollen und sich ein wenig von der langen Reise erholen! Du wirst sie wohl kaum vor dem Fest kennenlernen und ich im Übrigen auch nicht – falls es dich beruhigt.“
Seine Tochter seufzte und sprang mit einem Satz von der Brüstung. „Vielleicht doch! Sie wollen bestimmt gleich die Pferde sehen!“
Bedenkliche Falten bildeten sich auf der Stirn des Ranchbesitzers. „Nicht jedes Mädchen ist so verrückt nach Pferden wie du, Amy. Und vergiss nicht, dass die beiden aus einer Großstadt kommen, sie haben womöglich noch nie etwas mit Pferden zu tun gehabt.“
„Ach, Blödsinn!“, winkte seine Tochter überzeugt ab. „Jedes Mädchen will reiten! Das weiß ich ganz bestimmt! Und wenn sie erst einmal da sind, dann habe ich endlich Freundinnen, die nicht so weit weg wohnen, wie die anderen Mädchen!“
Ihr Vater schüttelte lächelnd den Kopf und beobachtete seine Tochter, wie sie über den Innenhof zu einer der Koppeln davonrannte.
„Hoffentlich“, murmelte er leise, zu sich selbst. „Ich wünsche es dir wirklich!“
Er wusste, dass die Abgeschiedenheit und die Entfernung bis zur Stadt nicht einfach für sein einziges Kind waren. Sie lebten hier schon so lange und zu Anfang schien es sie nicht gestört zu haben. Jedoch jetzt, da sie anfing zu wachsen, eine junge Frau zu werden, begann auch die Sehnsucht in ihr zu erwachen, mehr Menschen um sich haben zu haben, Freundinnen, die mit ihr in Zeitschriften blätterten und von Filmstars schwärmten, mit denen sie die Platten der angesagten Bands und Musiker hören konnte. So eine Person gab es hier weit und breit nicht. Die Kinder der umliegenden Ranches waren entweder viel älter oder aber jünger als seine Tochter und wohl auch deshalb war sie so besonders aufgeregt, dass dieser englische Arzt mit dem außergewöhnlichen Namen hier in die Nähe zog – weil er zwei Töchter mitbrachte, von denen die größere genauso alt war wie Amy.
* * *
Silvertown entpuppte sich als kleiner, verschlafener Ort mit knapp dreitausend Einwohnern, für den die Bezeichnung „Städtchen“ schon fast übertrieben schien. Es lag irgendwo inmitten der weiten, blühenden Ebene zwischen Shoshone und Arco im Süden Idahos und erweckte den Anschein, als sei es aus völlig unerfindlichem Grund genau an dieser Stelle aus dem Boden gestampft worden. Sanfte Hügel, die jetzt im Frühjahr mit saftigem Gras bedeckt waren, umgaben es nach allen Seiten und betteten es schützend zwischen ihre Anhöhen. Seine Blütezeit hatte der Ort in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebt, als riesige Rinderherden daran vorbei, in Richtung der großen Schlachthöfe im Nordwesten getrieben worden waren. Jetzt lebte es hauptsächlich vom Tourismus und den Arbeitsplätzen im knapp zwölf Meilen entfernten Summersdale. Ein glücklicher Zufall, der dem Städtchen sein Überleben gesichert hatte, während andere seiner Art längst in sich zusammenfielen – verlassen und von den meisten Menschen vergessen, bis auch das letzte Haus, das einst mit Mühe und Schweiß errichtet worden war, einstürzte und der Witterung zum Opfer fiel.
Der Straßenzug, der von West nach Ost im südlichsten Teil durch die Stadt führte, war der ganze Stolz Silvertowns und seiner Bürger, denn es handelte sich um die ehemalige, zur Gründerzeit errichtete Hauptstraße. Sie befand sich bis auf ein paar einzelne Gebäude noch in ihrem original historischen Zustand. Sanft schlängelte sich die mit Sand und Rollsplitt aufgefüllte Straße an den im Norden angrenzenden Wohnblocks und Neubaugebieten vorbei, während entgegengesetzt, hinter den letzten beiden Häuserreihen, die Prärie begann.
Gemächlich rollte der schwarze Jeep auf Silvertown zu. Zwischen den ersten Wohnhäusern entlang war die Straße geteert, ehe sie plötzlich scharf nach links abbog. Geradeaus, hinter einigen niedrigen, sichtversperrenden Bäumen begann die historische Altstadt, während der Verkehr gezwungen wurde, diese zu umfahren.
Matthew entdeckte vor dem großen Supermarkt eine freie Parklücke. Er trat aufs Gaspedal, um einem grünen Chevrolet zuvorzukommen, der ebenfalls den Parkplatz anvisierte. Mit offenem Mund verfolgte Rachel die Sandstraße, soweit sie diese hinter dem grünen Geäst der Bäume erkennen konnte.
„Was ist denn das? Soll ich etwa im nächsten Hollywoodwestern die Hauptrolle übernehmen?“
Irritiert blickte Jean um sich. „Wieso? Was war denn?“
Patty verdrehte die Augen. „Sperr einfach deine Augen auf, dann musst du nicht dauernd nachfragen!“
„Jetzt seid doch endlich friedlich!“, kommandierte Matthew, allmählich von dem ständigen Gezanke seiner Töchter redlich entnervt und lenkte seinen Wagen geschickt zwischen die beiden anderen Autos. „Kommt mit! So etwas habt ihr mit Sicherheit noch nie gesehen! Ich zeige euch jetzt etwas ganz Besonderes! Ihr werdet begeistert sein!“
Mit unübersehbarer Eile sprang er aus dem Wagen. Rachel warf ihrer jüngeren Tochter einen langen, Böses ahnenden Blick zu, dann folgte sie der Aufforderung ihres Mannes mit Widerwillen.
„Wenn es dein unverzichtbarer Wunsch ist…ich würde mich lieber in unserem neuen Haus zuerst ein wenig frisch machen. Die Fahrt in diesem Blechkasten war schließlich kein reines Vergnügen!“
„Nachher, mein Schatz, nachher“, versprach Matthew schnell und hakte ihren Arm bei sich unter. „Jetzt kommt erst einmal mit!“
Er führte sie über die wenig befahrene Straße, eine schmale Gasse hindurch, in der schreiend und kreischend eine Horde Kinder spielte und dann um das Eck eines hohen, braunen Holzgebäudes. Im nächsten Moment tat sich vor ihnen die leicht kurvige, ruhige Sandstraße auf. Sie erinnerte tatsächlich an einen Film, wie sie ihn alle aus dem Kino kannten.
Die Gebäude waren fast ausschließlich aus Holz errichtet. Dazwischen stachen einzelne, rote Klinkerbauten heraus. Zur linken Seite hinab befanden sich hauptsächlich die Geschäfte mit den typischen, falschen Fronten, auf denen ihre Bestimmung in bunten Farben aufgemalt war. Nach rechts lag dagegen eine Art Wohnviertel mit kleinen, gut hundert Jahre alten Häusern, die erhalten geblieben und liebevoll im alten, traditionellen Stil hergerichtet waren.
Häufig sprossen zwischen dem Sand und Splitt Unkraut und kleine Wildsträucher, die aber niemanden weiter zu stören schienen, sondern sorglos vor sich hin wucherten. Gerade das Grün verlieh der Stadt eine persönliche Note, ja, etwas Wahrhaftiges, das in den reinen Filmstädten mit ihren Außenfassaden fehlte. Nur wenige Bürger kamen um diese Tageszeit auf den breiten Holzbohlen vor den Gebäuden entlang. Diese dienten als eine frühe Form der Gehsteige, um zumindest stellenweise den Morast von den Schuhen fernzuhalten, in den sich der Sand bei Regen verwandelte.
„Jetzt sieht es zwar aus, als sei es bloß eine Straße“, sagte Matthew in die Stille hinein und er konnte seine heimliche Begeisterung nicht länger verbergen, „aber wenn am ersten Mai die Touristensaison beginnt, könnt ihr euch nicht vorstellen, was hier los ist! Dann kommen sogar Stars von Film und Fernsehen hierher! Natürlich nur solche, die in Western mitspielen!“
Rachel schwieg und betrachtete den Straßenzug eingehend von rechts nach links und wieder nach rechts hinab.
„Grausam“, sagte sie auf einmal. „Einfach furchtbar!“ Verächtlich legte sie den Kopf schief. Ein höhnischer Blick traf ihren Mann. „Hoffentlich passen die Leute hier nicht zu der Straße. Ich kann mir nämlich sehr gut vorstellen was passiert, wenn erst einmal diese Art von Touristen Einzug hält, die sich hier wohl fühlen! Dann wimmelt es wahrscheinlich von Möchtegern-Revolverhelden! Seit dieser ganzen Westernmanie kann man ja sogar in London Cowboyhüte kaufen. Matt! Es wird höchste Zeit für dich aufzuwachen – wir leben im Jahr 1965! Wieso befassen sich die Leute heutzutage noch mit Dingen, die längst vorbei sind und auch niemals wiederkommen werden?“ Rachel machte eine gespannte, lauernde Pause, doch ihr Mann schürzte lediglich die Lippen und wandte den Blick von ihr ab. Sie hob die Brauen. „Kommt, lasst uns gehen. Nicht, dass wir noch in Gefahr laufen, versehentlich über den Haufen geschossen zu werden.“
Während Patty der Aufforrderung dankbar nachkam, hatte Jean weder Rachel, noch Matthew bei ihrem verhaltenen Zank zugehört. Ihr Herz schlug schneller. Fasziniert betrachtete sie die alten Gebäude und sie spürte, wie die Anziehungskraft, die von ihnen ausging, auch vor ihr nicht Halt machte. Welche Geschichten diese Häuser erzählen könnten! Gleich links, das erste Gebäude neben dem sie standen, war ein Saloon. Als Türen besaß er lediglich zwei halbhohe, typische Schwingklappen, wie sie es aus den Hollywoodfilmen kannte und unter dem Balkon baumelte ein riesiges Holzschild an zwei dicken Eisenketten, das dem Besucher seine Funktion verriet: „Big Bear Saloon“.
Neben dem Eingang, im Schatten, den der überstehende Balkon spendete, lehnten zwei Männer an der braunen Holzwand. Sie waren jung, kaum über zwanzig, und sprachen leise miteinander. Beide trugen Bluejeans und Cowboystiefel und einen dazu passenden Hut mit breiter Krempe und verziertem Band. Der vordere, der ihnen den Rücken zuwandte, zog genüsslich an einer Zigarette, während sein Gesprächspartner die Daumen lässig in den vorderen Gürtelschlaufen seiner Hose eingehängt hatte.
Ohne es zu merken, betrachtete Jean ihn unverhohlen. Er war groß und auffallend schlank und besaß strohblondes, leicht gelocktes Haar. Er sah recht gut aus, wobei seine schmalen, weichen Gesichtszüge an die eines Lausejungen erinnerten. Als er laut auflachte, zeigte er eine Reihe gerader, schneeweißer Zähne und plötzlich bemerkte er Jeans unverhohlen neugierige Blicke. Sein Lachen verwandelte sich zu einem breiten Grinsen und er tippte sich mit zwei Fingern zum Gruß an die Krempe seines Hutes.
Unwillkürlich musste Jean ebenfalls lächeln. Etwas an ihm gefiel ihr. Er erinnerte sie daran, wie sie heimlich mit ihren beiden besten Freundinnen und den Jungs aus der Stadt im Park umhergetobt hatte – bis zu dem Tag, an dem Rachel sie dabei erwischte. Das war nun bestimmt schon drei Jahre her. Seitdem verbrachte sie ihre Freizeit nur noch mit Mädchen gleichen Alters und nur noch mit solchen, die Rachel als angemessen empfand. Mit irgendwelchen Kindern von der Straße hatte sie sich nicht zu umgeben – das war ihr seither strengstens untersagt und die Jungs waren ohnehin merkwürdig geworden. Sie wollten sich wie Rebellen und Helden benehmen und taten die Mädchen als „Kinder“ ab. Jean konnte das nicht verstehen. Was war in sie gefahren? Sie waren ebenso erst sechzehn Jahre alt, doch dieser junge Amerikaner dort, keine zehn Schritte von ihr entfernt, schien anders zu sein, ganz anders. Nur äußerlich hatte er sich zu einem jungen Erwachsenen entwickelt, in seinen blauen Augen dagegen blitzte unverkennbar der Schalk – sie konnte sich seinem übermütigen, gutgelaunten Grinsen und der unschuldigen Ausstrahlung nicht entziehen.
In diesem Augenblick drehte Rachel sich um, da ihr auffiel, dass das vierte Mitglied ihrer Familie den Anschluss verloren hatte. Erschrocken zuckte Jean zusammen. „Wie bitte? Hast du mit mir gesprochen? Ich meine…ich wollte fragen: Was tun wir jetzt?“
Mit einem Wimpernschlag hatte ihre Mutter die Situation erfasst. Missbilligend zogen sich ihre Brauen zusammen. Ein eisiger Blick traf den jungen Mann.
„Dieser Umgang dürfte kaum der richtige für dich sein“, raunte sie scharf. „Und jetzt komm endlich!“
Jean fühlte, wie sie errötete und senkte beschämt den Kopf. Sie wusste, dass ihre Mutter es nicht ausstehen konnte, ja, geradezu hasste, wenn sie sich mit Personen abgab, die ihr nicht gut genug erschienen. Deshalb und nur deshalb hatte sie ihr das Spiel mit den Jungs im Park verboten – keiner von ihnen stammte aus der oberen Gesellschaftsschicht Londons. Verschüchtert, ohne sich noch einmal umzusehen, ließ Jean sich von ihrer Mutter zum Jeep zurück dirigieren, während Matt einige Schritte dahinter folgte.
Seine Begeisterung hatte einen gehörigen Dämpfer und sein Mut einen gewaltigen Rückschlag erlitten. In weitem Abstand folgte er seiner Familie zurück zum Wagen. Seine zuvor zumindest im Ansatz noch vorhandene Hoffnung, Rachel könnte sich vielleicht mit den Gegebenheiten abfinden, schwand mit jedem seiner Schritte und er ärgerte sich darüber. Die Minute der Wahrheit rückte unaufhaltsam näher und schon jetzt graute ihm vor dem, was ihm in Kürze bevorstand. Wortlos stiegen sie wieder in den schwarzen Jeep.
„Jetzt fahr endlich zu unserem neuen Haus“, kommandierte seine Frau unwirsch. „Du bist vielleicht noch als einziger bei Laune, beim Anblick deiner zur Wirklichkeit gewordenen Kinoträume!“
Mit einem tiefen Seufzer startete Matthew den Motor. Absichtlich langsam fuhr er die Teerstraße weiter hinab zum östlichen Ende Silvertowns. Sie ließen den Ort hinter sich und folgten der einspurigen Landstraße, immer weiter in die endlose Ebene hinaus. Etwa fünf Minuten später bremste Matt unvermittelt ab und bog nach rechts in einen für Unwissende kaum erkennbaren Feldweg ein.
Irritiert starrte Rachel ihn an. „Würdest du vielleicht die Güte besitzen und uns verraten, wohin du uns entführst?“
„Vielleicht bringt er uns in eine Höhle, irgendwo da draußen in der Wildnis!“, unkte Patty von hinten und wurde im selben Moment unsanft zur Seite geschleudert, als der Jeep ein Schlagloch erwischte.
„Nun…der Weg führt zu unserem Haus.“ Wie von einer großen Last befreit, atmete Matt tief durch – es war endlich ausgesprochen.
Der Wagen rumpelte über den regendurchweichten, unebenen Boden, der an einigen Stellen mit rauen Steinen übersät war, wodurch die Radfederung strapaziert und die Insassen gehörig durchgerüttelt wurden.
„Zu unserem Haus?“, wiederholte Rachel mit eigenartigem, ungläubigem Gesichtsausdruck. Sie verstand noch immer nicht recht.
„Es hat früher einem Siedlerehepaar gehört“, erklärte Matthew schnell, um sie nicht weiter zu Wort kommen zu lassen. „Als sie verstarben, kaufte die Stadt das Haus. Nun stand es geschlagene fünfzehn Jahre leer und entsprechend sieht es von außen natürlich aus. Das soll dich aber nicht irritieren! Wir müssen noch ein wenig an Reparaturkosten investieren, aber bis auf das Dach werden sie sich in Grenzen halten. Natürlich habe ich auch die alten Möbel rausgeworfen und neue gekauft. Sie sind auch schon geliefert worden und auf die richtigen Zimmer verteilt. Es wird euch gefallen – bestimmt!“ Ein schlechter Lügner bist du, Doktor van Haren.
„Siedlerehepaar!“, echote Patty empört von der Rücksitzbank. „Das mag ja vielleicht das richtige für Jean sein, aber wie kannst du mir so etwas zumuten?! Ein Haus, in dem womöglich schon die Spinnweben von den Decken fallen oder der Boden durchbricht, wenn ich mich traue, das obere Stockwerk zu betreten! Hoffentlich hat es wenigstens einen Swimmingpool. Bei der Hitze, die hier wohl im Sommer herrscht, ist das ja das Mindeste!“
Matthew musste sich auf die Lippen beißen, um nicht laut aufzulachen. Wenn seine kleine Tochter doch nur eine blasse Ahnung von dem Leben hier draußen, weit weg von jeder größeren Metropole hätte! Aber sie besaß leider ausschließlich Ahnung von den aktuellen Modetrends und den neuesten Meldungen aus den gehobenen Londoner Kreisen – ganz ähnlich seiner Frau. Sie waren sich einfach sehr ähnlich, für seinen Geschmack zu ähnlich.
Der Weg führte über einen Hügel, von dessen Kuppe aus die Sicht weit über das dahinterliegende Land reichte. Außer vereinzelten, kleinen Wäldchen und Sträuchern schien bis zum weit entfernten Horizont nichts mehr zu kommen, nur noch Präriegras.
„Wo soll denn hier ein Haus sein?“ Verwirrt blickte Jean sich nach allen Seiten um. „Ich sehe keins!“
„Aber ich…“ Rachels Gesicht hatte sich verfinstert. Ihr zorniger Blick wanderte zuerst zu der runden Ansammlung Sträucher, niedriger Tannen und Gestrüpp, in dessen Mitte die Spitze eines kleinen Windrads herausragte und dann zu ihrem Mann. Vorsichtig legte dieser den zweiten Gang ein und ließ den Jeep den sanften Hügel auf der anderen Seite hinabrollen.
„Ich hätte es wissen müssen!“ Unbeherrscht bearbeitete Rachel die Ablage hinter der Frontscheibe mit den Fäusten. „So eine Entscheidung darf man dich nicht alleine treffen lassen! Es kommt nur Blödsinn dabei heraus! Ich hätte dich gar nicht erst alleine hierher kommen lassen dürfen!“
Der unkenntlich gewordene, von Präriegras überwucherte Pfad bog scharf links ab, wo sich eine schmale Lücke zwischen den Sträuchern auftat.
„Ist das nicht eine unglaubliche Lage?“, rief Matt, sichtlich begeistert und strahlte über das ganze Gesicht. Er stellte den Motor ab. „Das ist es! Was sagt ihr?“
Zunächst geschah überhaupt nichts. Rachel und Patty beäugten wortlos und schockiert zugleich die einfache, kleine Holzhütte zu ihrer Linken und den halbverfallenen, alten Schuppen daneben. Direkt rechts von ihnen stand ein rostiges Eisengestänge, an dessen oberster Spitze ein schmutzig-weiß gestrichenes Windrad befestigt war, dessen Flügel sich quietschend und scheppernd im flauen Spätnachmittagswind drehten. Die Jahre und die Witterung hatten das Holz des Hauses dunkel und spröde werden lassen und es schien, als könnte es seine weit zurückreichenden Erinnerungen mit tiefer, sanfter Stimme erzählen. Das vergilbte Bild einer längst vergangenen Zeit schwebte über seinem steinernen Schornstein und die Spuren seiner früheren Bewohner und Erbauer schienen, wie von Geisterhand, eben erst verwischt worden zu sein.
Der runde, sandbedeckte Platz, der geschützt zwischen den wuchernden Sträuchern und Tannen lag, maß etwa fünfhundert Meter im Durchmesser. Zwischen Haus und Schuppen befand sich ein kleiner, mit Unkraut zersetzter Garten, dessen halbvermoderter und an allen vier Seiten eingefallener Holzzaun darauf wartete, erneuert zu werden. Das über zwei Meter hohe Gestrüpp, das die Grundstücksgrenze markierte, wuchs so dicht und zahlreich, dass von außen niemand hindurchsehen, geschweige denn, an anderer Stelle als der Einfahrt hineingelangen konnte.
Als Matt mit einem Mal die klappernde Autotüre aufdrückte und ausstieg, schrak Rachel aus ihrer Erstarrung hoch. Von einer Sekunde auf die nächste verwandelte sich ihre Sprachlosigkeit in überschäumenden Zorn. Eilig kletterte sie aus dem Jeep und lief ihrem Mann hinterher, der in Richtung Hütte zu verschwinden drohte.
„Von wem hast du dir dieses Ding da andrehen lassen? Siedlerhütte! Dass ich nicht lache! Eine Bruchbude ist das – mehr nicht!“ Sie stieg hinter ihm die beiden Stufen unter die offene, überdachte Veranda hinauf. In der Mitte der Längsseite befand sich die Haustüre, während rechts und links in selbem Abstand je zwei Fenster angebracht waren. Im hellen Sonnenlicht spiegelte sich der graue Staub auf den Scheiben und im völligen Gegensatz dazu stachen die neuen Vorhänge in zartem Gelb dahinter hervor.
„Sieh es dir doch erstmal von innen an“, bat Matt, wobei er versuchte, sachlich zu klingen. Er steckte einen verrosteten Schlüssel in das untauglich aussehende Schloss – die einfache Holztüre schwang, leise in ihren Angeln quietschend, auf.
„Aha!“, machte Rachel. „Einbrecher brauchen also nur anzuklopfen – dann öffnen sich ihnen unsere hier untergebrachten Reichtümer von selbst!“
„Na ja…das...das werde ich reparieren lassen“, stammelte Matt verlegen. Wenn er sich richtig entsinnen konnte, hatte er das Schloss bei seinem Besuch vor einem halben Jahr tatsächlich nicht getestet, sondern die Türe nur jedesmal zugezogen. Wie leichtsinnig er doch bisweilen sein konnte, wenn seine Gedanken wieder völlig woanders umherschwirrten und sich nicht auf das konzentrierten, was er gerade eben tat. Seltsam, dass ihm so etwas nur zu Hause passierte und nie in der Klinik.
„Oh, mein Gott!“ Patty und Jean waren einige Meter neben dem Wagen stehengeblieben, um sich nach allen Seiten umzuschauen.
„Glaubst du, es gibt hier giftige Schlangen oder so etwas?“, fragte Jean, während ihr Blick an dem Windrad hängenblieb, das sie irgendwie faszinierte.
„Pff!“, stieß ihre kleine Schwester hervor. Sie war damit beschäftigt, ihr schickes, rot-geblümtes Kleid vom Staub der Fahrt zu befreien. „Und selbst, wenn! Du wirst dich doch sicherlich bald den Eingeborenen angeschlossen haben und dann weißt du dich zu wehren!“
Jean schnappte beleidigt nach Luft und setzte zu einer Erwiderung an, doch ihre Schwester tippelte bereits auf Zehenspitzen über den Hof, in Richtung des alten Hauses, in dem ihre Eltern verschwunden waren. Eigentlich war es auch gleichgültig, ob sie etwas erwiderte – Patty hielt sich ohnehin für den Nabel der Welt und keine Aussage ihrer Schwester für beachtenswert. Jean seufzte trübsinnig. Wie das wohl werden sollte mit ihrer Mutter und ihrer Schwester, hier draußen, im Nichts, nur umgeben von Natur und völlig ohne den gewohnten Tumult des Großstadtlebens?
Das Erdgeschoß bestand aus drei Räumen: Dem Wohnzimmer, einem kleinen Schlafzimmer daneben und im hinteren Teil die Küche. Rechterhand, vor dem großen, steinernen Kamin, führte eine schmale, zwei Mal im rechten Winkel abknickende Treppe ins Obergeschoß hinauf.
„Die Möbel sind ganz neu“, erklärte Matthew noch einmal, nur um irgendetwas zu sagen und um seiner Frau zumindest einen positiven Punkt nennen zu können. „Und ich habe extra eine Innenarchitektin engagiert, die alles neu streichen hat lassen in den Farben, die im Moment gefragt sind und so weiter und so weiter. Natürlich ist jetzt alles nach den paar Monaten ein wenig eingestaubt…“ Sein Zeigefinger glitt über die Platte des Esstischs unter den Fenstern neben der Hautür und hinterließ einen schmalen Streifen in der dicken Schmutzschicht.
„Du wolltest sagen“, vollendete Rachel herausfordernd, „dass ich das schon alles sauber machen werde!“ Ihr Unmut flammte erneut auf. „Matthew Cleavon van Haren!“ Sie sprach ihn immer nur dann mit vollem Namen an, wenn sie ihren Zorn kaum noch beherrschen konnte. „Du erwartest von mir – von mir! – dass ich nicht nur hier wohnen soll, hier, in dieser ekelerregenden, widerlichen Bruchbude, in der ich nicht weiß, wo überall die Parasiten und Flöhe zu finden sind! Nein! Du gehst auch noch, wie selbstverständlich, davon aus, dass ich die Hausfrau für dich spielen werde!“ Wütend schlug sie mit der Faust auf die Lehne des dunkelroten Ledersofas, das vor dem Kamin stand. „Mein ganzes Leben lang hat niemand etwas Derartiges von mir verlangt und ich werde hier und heute mit Sicherheit nicht damit anfangen! Ich bestehe darauf, dass wir diesen grauenhaften Ort auf der Stelle verlassen! In Summersdale gibt es ganz sicher ein entsprechendes Haus, das meinem Status gerecht wird!“ Sie wirbelte auf dem Absatz herum und wollte zur offenstehenden Haustüre hinausstürmen. Stattdessen rannte sie jedoch mit Patty zusammen, die dort stehengeblieben war.
„Komm!“ Unsanft packte sie ihre Tochter am Arm. „Wir fahren!“
„Wohin denn jetzt schon wieder?“ Entnervt wanderte Pattys Blick von Rachel zu ihrem Vater und wieder zurück. Sie kannte die regelmäßigen Streitereien zwischen ihren Eltern nur zu gut und meistens fielen sie ihr schon gar nicht mehr groß auf.
„Patty hat recht“, stimmte Matthew mit einer erschöpften Handbewegung zu. „Wir bleiben hier! Ich habe dieses Haus für uns ausgesucht und deshalb werden wir hier auch wohnen! Außerdem meinte die Architektin, dass die Bausubstanz noch sehr gut sei! Also, mach’ dir bitte keine Sorgen bezüglich deiner Sicherheit!“ Er trat mit dem Fuß gegen die alte Holztüre, sodass sie in ihr rostiges Schloss donnerte.
„Vorsicht!“, mahnte Rachel sarkastisch. „Sonst fällt dieses Brett noch im Rahmen auseinander!“
Resigniert ließ Patty sich auf das Sofa vor dem Kamin fallen. Sie verdrehte die Augen.
„Ich will nicht mehr!“ Vielleicht half es, wenn sie nur laut genug jammerte. „Mir tut alles weh von dieser ausgedienten Seifenkiste namens Auto und der schrecklichen Holperei hierher! Ich bin müde und ich habe Kopfschmerzen!“
„In Summersdale gibt es bestimmt ein schönes Hotel, wo du dich erholen kannst“, versicherte Rachel eilig und legte ihrer jüngeren Tochter die Hände auf die Schultern.
„Ich fange schon mal an, die Koffer auszuladen!“, rief Matt, bereits nach draußen laufend, wo er seine zweite Tochter vorfand, die sich auf eine der Stufen vor der Veranda gesetzt hatte und ihn abwartend anschaute. Jean schien wenig Lust zu verspüren, sich in den Familienzwist einzumischen.
Mit einem entrüsteten Aufschrei rannte Rachel ihm hinterdrein. „Die Mühe kannst du dir sparen!“ Sie erwischte gerade noch den Griff ihrer Reisetasche, die Matthew aus dem Kofferraum heben wollte.
„Unser Schlafzimmer befindet sich gleich oben rechts“, erwiderte er, ohne sie anzusehen und entriss ihr die Tasche. „Links ist das Bad und geradeaus noch ein Schlafzimmer. Hier.“ Er drückte seiner Frau den nächsten Koffer in die Hand.
„Was glaubst du eigentlich, wer du bist?“ Wütend ließ Rachel die Gepäckstücke auf die Erde fallen.
„Dein Mann“, antwortete Matt mit überlegener Ruhe und sah ihr dabei fest in die zornig blitzenden, grauen Augen.
„Niemand zwingt mich, hierzubleiben, auch du nicht!“
„Schön, dann geh!“ Matt deutete auf die Lücke zwischen den Büschen und zur Prärie hinaus. „Wenn du ein gutes Tempo vorlegst, kannst du wieder in Silvertown sein, bevor es dunkel wird.“
Einen Moment herrschte Schweigen und knisternd, wie Strom geladene Luft, hingen die ungehaltenen Emotionen zwischen ihnen. Rachel überlegte fieberhaft.
„Ein Jahr ist doch keine Ewigkeit und wir können auch noch anbauen, wenn dir das alles zu eng ist und von mir aus auch nochmal alles komplett sanieren! Das spielt doch keine Rolle. Geld spielt in unserem Leben doch niemals eine Rolle…“
„In Ordnung“, lenkte Rachel plötzlich ein und lächelte leicht gequält.
Völlig perplex hielt Matthew in seiner Bewegung inne. „Bitte?!“ Er hatte mit einem nie wieder endenden Streit, einem großen Zerwürfnis, womöglich Scheidung gerechnet.
„Ich sagte, für heute bleibe ich! Ich habe keine Lust zu laufen! Schon gar nicht durch diese Gegend, in der ich mich nur verirren kann und wo mich am Ende noch ein Berglöwe zum Abendessen vernascht!“
„Oho!“
„Bilde dir nichts darauf ein!“, erteilte Rachel seiner aufsteigenden Freude einen unsanften Dämpfer. „Ich bleibe nur unter mehreren Bedingungen: Erstens, ich kaufe mir ein eigenes Auto und zweitens: Wir stellen eine Haushälterin ein und zwar morgen! Abgesehen davon werde ich einen Architekten suchen, der aus diesem…diesem Ding da vielleicht etwas zaubern kann!“
„Von mir aus.“ Zufrieden setzte Matthew seine Arbeit, das Gepäck auszuladen, fort. „Aber wirf dein teuer geerbtes Geld nicht unnötig zum Fenster hinaus – für ein Jahr rentiert es sich kaum, wenn du dir einen Swimmingpool bauen lässt!“
Währenddessen saß Patty noch immer auf dem kalten Ledersofa und starrte regungslos vor sich hin. Ihr war sterbenselend zumute und am liebsten wäre sie auf der Stelle tot umgefallen. Ihr Kopf dröhnte und sie war zu müde, um noch einen klaren Gedanken fassen zu können. Ihre Augen betrachteten den kleinen Wohnraum. Direkt vor ihr befand sich der in die Wand eingearbeitete, aus groben Steinen errichtete Kamin und darüber hing, an zwei dicken Nägeln, ein verbogenes, untaugliches Winchester-Gewehr. Die dunkle, mit kalter Asche gefüllte Kaminöffnung widerte sie an und sie spürte schreckliches Heimweh in sich aufsteigen. Sie sehnte sich nach ihrem großen, rosa-weiß tapezierten Zimmer mit dem flauschigen Himmelbett und dem angrenzenden, beinahe ebenso großen Bad. Dann gab es da noch den begehbaren Kleiderschrank, der immer gut bestückt war mit neuen, schicken Kleidern der Saison, von denen sie bisweilen auch welche besaß, die sie überhaupt nie trug. Es handelte sich jedoch um ausgefallene, schicke Einzelanfertigungen und nur das zählte. Jetzt hing ein Großteil von ihnen noch immer dort, unberührt und unbenutzt, weil sie nicht alle hatte mitnehmen können. Das mit Efeu eingerankte Schulgebäude erschien vor ihren Augen und sie dachte an die Geburtstagsparty, die sie vor drei Tagen versäumt hatte. Ein Jahr, ein ganzes, langes Jahr musst du es hier aushalten und jetzt auch noch diese Bruchbude! Eine unerträgliche Vorstellung! Lautlos sank Patty in sich zusammen. Sie stützte den Kopf in die Hände und schloss die Augen.
Wenn ihr Vater doch wenigstens nicht so stur wäre und sie nach Summersdale, in ein Hotel gehen ließe, bis sie ein vernünftiges und angemessenes Haus gefunden hätten! Hoffentlich fand ihre Mutter einen Ausweg, sie hatte bisher immer einen gewusst. Beim Anblick der ausgetretenen, schiefen Holzbohlen des Fußbodens schauderte Patty. Sie hasste dieses Land und alles, was dazu gehörte, jetzt noch viel mehr als zuvor. Keinen Tag länger als irgendnötig würde sie hier verbringen, das schwor sie sich und wenn es darin endete, dass sie heimlich ausreißen und den nächsten Flieger zurück nach London nehmen musste!
„Ist dir nicht gut?“ Die Hand ihrer Schwester legte sich auf ihre Haare und zerzauste ihre Frisur. Unwirsch stieß Patty sie fort. Sie hörte, wie mit lauten Geräuschen die Koffer auf der Veranda vor dem Eingang abgestellt wurden.
„Alles bestens! Das siehst du doch!“
„Du brauchst es nicht an mir auszulassen! Ich kann auch nichts dafür! Außerdem…“ Jean lächelte. „Ich finde es hier richtig abenteuerlich!“
„Das denke ich mir, dass es dir hier gefällt! Du bist ja auch ein Trampel!“ Patty fuhr vom Sofa hoch. „Eins sag ich dir: Das Schlafzimmer oben nehme ich! Das da hinten kannst du haben – oben können wenigstens keine Wölfe und Bären einsteigen!“
Die Sonne war hinter den Hügeln und der fast dreißig Meilen entfernten, hoch in den Himmel ragenden Felsenwand im Westen untergegangen, während die Dämmerung schnell aus dem feuchten Gras herauf kroch.
Jean van Haren hatte das Deckenlicht in ihrem Schlafzimmer angeknipst. In den vergangenen sechs Stunden war sie damit beschäftigt gewesen, ihre Koffer auszupacken und es sich in dem Schlafzimmer hinter dem Wohnraum etwas gemütlich zu machen. In dem verhältnismäßig winzigen Raum am östlichen Ende der Holzhütte fanden gerade das Bett, ein Kleiderschrank, eine kurze Spiegelkommode, sowie ein Schreibtisch mit Stuhl Platz. Jean verzog das Gesicht, als sie sich prüfend auf das schmale Holzbett mit der erschreckend harten Matratze setzte. Natürlich war es völlig anders als ihr bisheriges Leben. Nichts erfüllte den Standard, den sie alle gewohnt waren, aber Jean störte das nicht im Geringsten. Inmitten dieser Wildnis und Abgeschiedenheit fühlte sie sich wie in einem Abenteuerfilm. Es war herrlich! Hier konnte sie in Ruhe Bücher aus der Bibliothek verschlingen, ohne, dass es jemandem auffallen würde. Sie lächelte und legte sich auf dem Bett zurück.
Sicherlich, auch sie vermisste den Komfort ihrer Villa in London, die Geschäftigkeit der Großstadt und die Selbstverständlichkeiten, die ihnen täglich zugute kamen. Dort hatte jeder von ihnen ein eigenes Badezimmer für sich besessen – hier mussten sie sich nun ein einziges teilen. Das konnte bei ihrer Mutter und ihrer Schwester ja heiter werden, nachdem jede schon allein mindestens eine halbe Stunde am Morgen darin verbrachte!
Vom Wohnraum herüber drangen die streitenden, lauten Stimmen ihrer Eltern durch ihre Zimmertür. Das junge Mädchen seufzte. Der Kampf war noch lange nicht ausgefochten, auch, wenn es zunächst den Anschein erweckt hatte. Rachel wusste jetzt, dass sie ihren eigenen Weg gehen musste, wollte sie das Bild ihrer heilen Welt und gut situierten Familie wahren, in der sie in Wahrheit zwar gar nicht lebten, aber die ihr des Rufes wegen so ungeheuer wichtig war. Vermutlich stritt sie genau deshalb soeben mit Matt und natürlich wegen dieser unzumutbaren Umstände, in die er sie gebracht hatte. Jean konnte sich nicht vorstellen, dass ihre Mutter länger als notwendig hier in der Hütte verweilen würde. Es passte auch gar nicht zu ihr, sich den Wünschen ihres Mannes unterzuordnen.
Müde fielen Jean ganz von selbst die Augenlider zu und sie musste sich sehr zusammennehmen, um nicht augenblicklich auf der flauschigen, weiß-geblümten Daunendecke einzuschlafen.
Ein eigenartig schepperndes, dröhnendes Poltern hallte mit einem Mal laut und eindringlich durch das Holzhaus. Erschrocken fuhr Jean hoch und es dauerte einige Sekunden, bevor sie erkannte, woher das merkwürdige Geräusch entsprang. Achtlos ließ sie die rosa Seidenbluse, die sie eigentlich zu den anderen Kleidungsstücken in den Schrank hatte hängen wollen, auf den Boden fallen. Mit wenigen Sprüngen erreichte sie die Tür und rannte neugierig in das angrenzende Wohnzimmer, wo die Haustür nun weit offenstand.
„Nett, dass Sie extra bei uns vorbeischauen!“, hörte sie die Stimme ihres Vaters soeben sagen, hörbar erfreut. „Kommen Sie doch herein.“
Jean blieb neben dem Kamin stehen. Im Hauseingang erblickte sie einen großen, kräftigen Mann. Er musste fast zwei Meter messen und sein Bauch besaß einen solch gewaltigen Umfang, dass in Jean sofort der Zweifel aufkam, ob er ohne Probleme durch den Türrahmen passen würde. Der dunkelgraue Anzug und der Binder wollten nicht recht zu seiner Erscheinung passen, was der lange, schwarze, an den Enden gezwirbelte Schnurrbart und die kurzgeschorenen Stoppelhaare nicht verbesserten. Er betrat polternd, in Cowboystiefeln, den Wohnraum und deutete eine galante Verbeugung an.
„Jean!“ Matthew winkte. „Komm einmal her!“
Nach kurzem Zögern folgte das Mädchen der Aufforderung ihres Vaters, den fremden Mann jedoch keine Sekunde aus den Augen lassend. Von Natur aus zurückhaltend, benötigte sie stets allen Mut, um auf fremde Menschen zuzugehen.
Das runde, breite Gesicht verzog sich zu einem Lächeln, wobei der Bart schwungvoll nach oben kippte. „Ah, der Nachwuchs!“ Erfreut ergriff er ihre dünne Hand, die vollkommen zwischen seinen fleischigen, feuchten Fingern verschwand. „Stevie Bentley, Bürgermeister von Silvertown“, stellte er sich vor. „Im Namen aller Bürger unseres Bezirks heiße ich Sie auf das Herzlichste bei uns willkommen!“
„Vielen Dank!“, strahlte Matthew. „Mit so viel Aufmerksamkeit haben wir gar nicht gerechnet!“
„Sie werden noch mit mehr nicht rechnen“, lachte der Bürgermeister schallend. „Hoffentlich gefällt es Ihnen, sofern Sie überhaupt schon Zeit hatten, sich ein bisschen einzugewöhnen?“
„Oh, es ist großartig!“, versicherte Matt eifrig. „Die Landschaft ist nicht zu vergleichen mit dem, was wir aus London gewohnt sind!“
„Wir sind ja auch eines der meistbesuchten Gebiete Idahos“, erklärte Stevie Bentley mit stolzgeschwellter Brust.
„Dann habe ich mich ja richtig entschieden, für meine Frau und unsere beiden Töchter.“ Matt legte seinen Arm demonstrativ um Rachels Taille, die sich ein gezwungenes Lächeln abrang. „Apropos – wo steckt denn der Rest unserer Familie?“
Rachel nutzte die Gelegenheit, sich aus seiner Umarmung zu lösen und eilte zur Treppe. „Patty! Patty! Komm doch mal herunter!“
„Ich kann nicht!“ Die Antwort ertönte aus dem Badezimmer. „Ich mache mir gerade eine Maske!“
Rachel zuckte entschuldigend die Achseln. „Junge Mädchen! Sie hören es!“
Stevie Bentley winkte ab. „Nicht weiter schlimm! Ich lerne sie ja dann bald kennen!“
„Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“ Einladend deutete Matt auf die Couchgarnitur.
„Vielen Dank!“ Stevie Bentley lehnte ab. „Ich muss leider gleich weiter. Ich bin eigentlich nur gekommen, um Sie einzuladen!“
„Einladen?“, echote Rachel und es klang beinahe ein wenig entsetzt.
„Ein neuer Bewohner, besser gesagt, eine neue Familie, die sich bei uns niederlässt, braucht selbstverständlich einen entsprechenden Empfang“, klärte Stevie Bentley sie nun mit wichtigem Nicken auf, wobei sein Bart zu Jeans Belustigung im Takt mitwippte.
„Wirklich?“, entfuhr es Rachel gelangweilt.
„Natürlich, natürlich!“, versicherte der Bürgermeister prompt. Er schien den Tonfall ihrer Stimme völlig falsch zu deuten. „Sie müssen schließlich alle wichtigen Leute der Gegend und Ihre neuen Nachbarn kennenlernen! Das Begrüßungsfest für Sie findet morgen Abend ab sieben auf der Arkin Ranch statt!“ Er grinste breit. „Diese Überraschung wollte ich Ihnen unbedingt noch heute überbringen, damit Sie nicht anderweitig etwas planen. Aber kommen Sie schon etwas zeitiger hinüber, dann können wir uns in Ruhe noch ein wenig unterhalten, bevor sie von allen in Beschlag genommen werden!“
Das war eine unerwartete Ankündigung – selbst für Matthew. Er bedankte sich überschwenglich für die Einladung, die er selbstredend mehr als gerne annahm und brachte den Bürgermeister noch hinaus zu seinem Wagen, als dieser sich zum Gehen wandte.
Jean schaute ihnen durch die offene Haustüre nach, als sie ihre Mutter neben sich leise wispern hörte: „Manche Rufe haben ein ungeheuer gewaltiges Echo…“
Rachel warf den Kopf zurück, ihre grauen Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Sie murmelte einen unverständlichen Fluch und Jean war ganz froh, es nicht verstanden zu haben. Das war auch nicht nötig. Sie begriff sehr wohl, dass ihre Eltern sich über ihren Aufenthaltsort für das kommende Jahr noch längst nicht einig geworden waren. Es war eine vorübergehende, scheinheilige Kompromissbereitschaft von Seiten ihrer Mutter, um den perfekten Schein zu wahren, mehr nicht.
Die erste Nacht in der Blockhütte wollte nicht vorübergehen – und ohne Schlaf schienen die Minuten noch viel langsamer voranzuschreiten. Patty seufzte und warf zum mindestens fünfzigsten male einen Blick auf den Wecker: Gleich halb zwei Uhr. Die Federn der ungewohnt harten Matratze stachen ihr in den Rücken und durch das einen spaltbreit geöffnete Fenster trug der kalte Nachtwind das monotone Quietschen des sich drehenden Windrades herein.
Womit habe ich das verdient? Warum darf ich nicht zu Hause sein? Eine Träne der Wut und Verzweiflung rann über ihre Wange, in ihr dunkles, zerzaustes Haar. Immerhin lebten sie in einer modernen Zeit, wo auch vierzehnjährige Töchter schon mitreden und selbst Entscheidungen treffen durften! Sie gehörte hier nicht her, wollte auch gar nicht hier sein und sie tat sich selbst entsetzlich leid. Sie bekam immer ihren Willen, immer! Und jetzt musste sie zum ersten Mal in ihrem Leben eine Niederlage einstecken, die sie absolut nicht akzeptieren konnte.
Am nächsten Morgen marschierte Patty übel gelaunt und mit grimmigem Gesicht zum spartanischen Frühstückstisch hinab. Noch immer glaubte sie, das Quietschen des Windrades zu hören und sie konnte nicht genau sagen, welcher Teil ihres Körpers am meisten schmerzte. Zu allem Überdruss schien ihre große Schwester durchaus gute Laune zu haben, denn sie plapperte während des Frühstücks in einem fort und nur sinnloses Zeug. Danach verschwand sie auf eine Erkundungstour in der Wildnis. Patty lehnte es ab, sie zu begleiten. Niemand würde sie zwingen, plötzlich zu Fuß zu gehen und schon gar nicht in diese öde Landschaft hinaus! Was sollte sie dort schon Großartiges finden?
Den Vormittag nutzte sie stattdessen, um ihre restlichen Kleidungsstücke und persönlichen Gegenstände aus den Koffern zu räumen und im Schrank nach besten Möglichkeiten zu verstauen. Danach war ihr langweilig. Was sollte sie unternehmen hier draußen, weit entfernt von jeder menschlich-vernünftigen Zivilisation? Keine Freundinnen, mit denen sie stundenlang telefonieren konnte, keine Einkaufszentren, wo sie mit ihnen herumbummeln konnte und auch kein Café, in dem sie für den Rest des Tages mit ihnen verschwinden und die Leute beobachten konnte. Wenn ihr Zuhause dann doch einmal gar nichts eingefallen war, was sie mit ihrer freien Zeit anstellen konnte, so hatte sie zumindest in eine Ballettstunde gehen können. Zwar fand sie diese Art von Sport nicht gerade vergnüglich, denn es war eine ungeheure Anstrengung, aber ihre Mutter bestand darauf, um „Haltung und Geist zu straffen“. Patty seufzte. Nichts war hier wie Zuhause, gar nichts! Wenigstens besaß diese Bruchbude – unerwarteterweise – elektrischen Strom und damit einen funktionstüchtigen Fernseher, ihr einziger, winziger Trost. Dieser sollte voerst Pattys wichtigste Beschäftigung werden.
Kurz nach halb ein Uhr, nachdem sie nicht zum Mittagessen erschienen war, steckte ihre Mutter den Kopf zur Türe ihres Zimmers herein und verkündete gutgelaunt: „Dein Vater und ich fahren nach Summersdale, zum einkaufen! Jean kommt auch mit. Dann können wir beide uns ein paar neue Kleider für heute Abend besorgen, was meinst du?“
„Was soll es da schon groß an besonderen Geschäften geben? Männerhosen und Leinenkleider im Schnitt eines Mehlsacks oder wie?“ Mürrisch wandte Patty sich ab und beugte sich zum Fenster hinaus, wo die Sonne angenehm warm hereinschien.
„Vielleicht lernst du gleich ein paar Mädchen kennen, die in deine Klassen gehen werden“, versuchte Rachel, sie ohne viel Geduld anzutreiben.
„Ach! Das ist doch nicht die richtige Gesellschaft für mich! Aber nimm ruhig Jean mit! Die passt hervorragend in diesen Haufen!“ Trotzig vergrub Patty das Kinn in ihren Händen. „Lass mich in Ruhe!“
„Na, schön. Wie du willst.“ Achselzuckend schlug Rachel die Türe ins Schloss. Die Schritte ihrer Stöckelschuhe verhallten und gleich darauf hörte Patty den Motor des Jeeps laut aufheulen. Nicht lange und das Geräusch wurde leiser, bis es keine Minute später verstummt war.
Kälte kroch über ihren Rücken herauf und ein Gefühl der Angst überfiel sie. Schlagartig wurde ihr bewusst, dass sie jetzt ganz allein hier draußen in dieser Wildnis war, vollkommen allein und auf sich gestellt. Wenn nun ein wildes Tier oder sonst etwas Gefährliches aufkreuzte? Fieberhaft überlegte sie, welches wohl der sicherste Ort in dieser schrecklichen, baufälligen Hütte sein könnte und sie entschied, dass dies die Küche wäre. Wenn sie sich richtig erinnerte, führte eine Hintertür ins Freie, was bedeutete, dass ihr im Notfall zwei Fluchtmöglichkeiten zur Verfügung standen.
Vorsichtig schlich Patty die Treppe hinab in den Wohnraum, wo sie sicherheitshalber stehenblieb, um sich zu vergewissern, dass sie wirklich alleine war. Jedes Knacken des Holzes ließ sie zusammenzucken und sie horchte angestrengt, ob nicht irgendwo doch eine unbekannte Gefahr auf sie lauerte. Während sie so dastand, am Ende der Stufen, drang mit einem Mal ein Poltern an ihr Ohr. Jemand klopfte an die Tür! Regungslos hielt Patty den Atem an und horchte angestrengt, doch das Pochen kam nicht wieder. Dafür erklang plötzlich eine rufende, männliche Stimme von draußen: „Hallo! Ist jemand zu Hause?“
Entsetzt fuhr Patty herum. Wer, um Himmels Willen, konnte etwas von ihnen wollen?! Durch das Fenster, rechts neben der Haustür entdeckte sie unter den Stufen des Vorbaus ein goldbraunes Pferd mit schwarzen Beinen. Ein Mann stand daneben und blickte um sich, als suche er jemanden.
„Hallo!“, rief er jetzt noch einmal, diesmal langgezogen. „Ist denn niemand da?“
Pattys Herz raste und ihre Gedanken kreisten wild durcheinander. Was sollte sie tun? Hinausgehen? Sie kannte den Kerl nicht und ihre Mutter hatte ihr ein Leben lang eingeschärft, fremden Männern gegenüber vorsichtig zu sein. Wer konnte ihr garantieren, dass die seltsame Gestalt mit dem Pferd nicht ein entflohener Häftling oder ein gesuchter Verbrecher war, der sie womöglich als Geisel benutzen wollte? Aber vielleicht brauchte er ja auch ihre Hilfe und am Ende trug sie an einem schrecklichen Unglück die Schuld, weil ihr Mut sie im Stich gelassen hatte?
Noch während sie herumwirbelte, in der verzweifelten Hoffnung nach einem Ausweg, fiel Pattys Blick auf das rostige, unbrauchbare Gewehr über dem Kamin und endlich erkannte sie ihre Rettung. Mit zitternden Händen hob sie die Waffe von ihrer Halterung herab. Sie war schwerer, als das Mädchen erwartet hatte. Ungeschickt drückte sie sich den Kolben an den Oberarm, wie sie glaubte, es im Fernsehen, in den Westernserien ihres Vaters schon beobachtet zu haben. Es gelang ihr, sich soweit zu beruhigen, dass sie wenigstens ein mutiges Gesicht zu dieser verzwickten Situation machen konnte, auch wenn sie innerlich zitterte. Nach kurzem Zögern riss Patty die Haustüre auf und trat langsam hinaus unter das Vordach.
„Hey!“, rief sie unfreundlich und fand, dass es sich bereits erschreckend amerikanisch anhörte. „Sie da, auf dem Pferd!“
Erstaunt zügelte der Reiter seinen Wallach, den er bereits zu einer Wendung hatte ansetzen lassen, um wieder davonzureiten. Als er sich jetzt zu ihr herumdrehte, glaubte Patty, in ihm den jungen Mann mit dem rotblonden, lockigen Haar vom Vortag vor dem Saloon in Silvertown zu erkennen.
Entflohener Häftling! Von wegen! So dämlich kannst auch nur du sein, Patricia Lorena van Haren! Daran sind allein dein Vater und diese Bruchbude schuld!
Mit einem amüsierten, geradezu unverschämten Grinsen hob der Reiter kurz seinen hellbraunen Cowboyhut vom Kopf und meinte: „Na, da sieh einer an! Ich dachte schon, es seien alle ausgeflogen!“
„Sie haben aber schnell unsere Adresse herausgefunden!“ Die Waffe in ihrer Hand gab Patty ein Gefühl von Sicherheit. Misstrauisch blinzelte sie den jungen Mann im hellen Sonnenlicht an. „Aber ich muss Sie enttäuschen, meine Schwester ist in Ihre Filmstadt gefahren. Dort können Sie nach ihr suchen.“
„Trey Stockley“, stellte dieser sich mit gespielter Erschrockenheit vor. „Das nur, damit Sie meinen Namen wissen, wenn Sie mich unbeabsichtigt beerdigen müssen, junges Fräulein!“ Sein Pferd begann, ungeduldig mit dem Huf zu scharren und er tätschelte es beruhigend am Hals. „Ich stimme dir vollkommen zu: Aus irgendeinem Grund, der mir noch verborgen geblieben ist, scheinen wir der englischen Lady nicht zu gefallen!“
Sein witzelnder Tonfall weckte den Zorn in Patty, der im Moment ohnehin an der Oberfläche brodelte. Er schien sie nicht einmal für ernst zu nehmen!
„Was mit Ihnen passiert, liegt allein in Ihrer Hand!“ Verächtlich rümpfte sie die Nase. „Musst du übrigens nicht zu deinen Rindviechern zurück, damit sie nicht abhauen…Cowboy?“
Er sah tatsächlich wie einer aus: Der Hut, die beige Jeanshose, die Stiefel und die braune Lederjacke.
„Ach, die kennen mich! Die wissen, dass bei mir brav dageblieben wird!“ Er zwinkerte übermütig und pfiff leise durch die Zähne. „Ehrlich gesagt wäre mir wesentlich wohler, wenn Sie mit dem Gewehr nicht auf mich, sondern auf den Boden zielen würden. Ich meine nur, falls sich ein Schuss löst. Ich weiß nicht, ob Ihre Schwester unbedingt mein Grab ausheben möchte.“
Wütend hob Patty die Waffe wieder ein wenig höher, denn allmählich wurden ihre Arme lahm, von dem schweren Gewicht.
„Hoffentlich sind Sie sich darüber im Klaren, dass das vielleicht Ihre letzte Möglichkeit gewesen ist, sich über mich lustig zu machen?“
„Oh, Sie missverstehen mich völlig! Ich habe sogar gewaltigen Respekt vor kleinen Mädchen mit großen Gewehren!“ Nachdenklich kratzte er sich das glattrasierte Kinn. „Komisch. Jetzt ist es mir doch tatsächlich entfallen!“
„Was ist Ihnen entfallen?“, fragte Patty prompt und der Zorn über sein triumphierendes Grinsen ließ sie rot anlaufen. Sie wusste nicht recht weshalb, aber er machte sie wahnsinnig mit seiner ironischen Art!
„Ihre fabelhafte Vorstellung hat mich ganz aus dem Konzept gebracht, weshalb ich eigentlich hergeschickt worden bin.“ Scheinbar zutiefst entsetzt über seine Vergesslichkeit starrte er Patty aus seinen blitzenden, hellblauen Augen an.
„Dann brauchen Sie meine wertvolle Zeit ja nicht weiter unnötig zu verschwenden! Außerdem werden Sie von Ihren vierbeinigen Freunden bestimmt schon sehnsüchtig erwartet!“ Patty grinste boshaft. „Rechts neben dem Windrad ist der Ausgang. Nur als kleiner Tipp, damit Sie sich nicht verirren!“ Sie liebte ihre Schlagfertigkeit, mit der sie jedes Duell gewinnen konnte. „Ach ja, als kleiner Ratschlag: Rechts ist hier drüben!“ Sie deutete ihm mit dem Gewehrlauf eifrig in die besagte Richtung.
„Dann seien Sie bloß vorsichtig, damit Ihnen nicht noch eine Horde meuternder Indianer begegnet und es auf Ihre wertvolle Winchester abgesehen hat!“, rief der Cowboy, nun doch ein wenig verstimmt, während er sein Pferd aus dem Stand angaloppieren ließ und es geschickt durch den schmalen Durchlass in der Hecke lenkte, hinaus in die Prärie.
„Verwöhnte Ziege“, murmelte er noch, doch das konnte Patty nicht mehr hören.
Erleichtert blickte sie ihm nach und wartete, bis sie sicher sein konnte, dass er nicht zurückkam. Der Hufschlag verstummte.
Das musste einer dieser Verrückten sein, von denen ihre Mutter berichtet hatte, einer von denen, die sich für Rinderhüter hielten und sich auch dementsprechend benahmen; die noch die Zeit von vor hundert Jahren zurückholen wollten, anstatt dem Fortschritt mit Maschinen den Vorrang zu gewähren. Wütend wandte Patty sich ab. So eine Nervensäge! Der Lauf des Gewehrs schlug mit einem dumpfen, lauten Knall gegen die Holzbohlen vor der Haustüre und hinterließ dort eine tiefe Schramme. Genervt packte sie die Waffe mit beiden Händen und trug sie, den Kolben nach oben, weit von sich gestreckt ins Haus zurück. Nur weg damit, bevor wirklich noch etwas passierte! Sie hatte ja keine Ahnung, wie man mit einem solchen Ding umzugehen hatte.
Mit einiger Mühe gelang es ihr, das Gewehr an seinen ursprünglichen Platz zurückzubefördern und sie ärgerte sich maßlos über ihr eigenes, idiotisches Benehmen. Hätte sie sich ruhig verhalten, wäre er vermutlich einfach wieder verschwunden! Jetzt erzählte er bestimmt überall herum, was ihm hier widerfahren war und wie kindisch sie sich benommen hatte.
Aus den Lautsprechern...
Aus den Lautsprechern des schwarzen, neu erworbenen Radios spielte von der Fensterbank her leise Glenn Miller durch den Wohnraum, während Matt am rechteckigen Esstisch vor einem Stapel von exakt siebzehn Tageszeitungen, medizinischen Fachblättern und Zeitschriften saß. Der Nachmittag in Summersdale war äußerst erfolgreich verlaufen und hatte seinen Geländewagen auf die erste harte Probe gestellt: Nämlich die, ob der Kofferraum mitsamt dreiviertel der Rücksitzbank zum Verstauen sämtlicher Einkäufe ausreichen würde. Die Hütte entsprach natürlich längst nicht Rachels Ansprüchen und deshalb war ihr Eigentum nun auf fast das Doppelte dessen, was bei ihrer Ankunft vorhanden gewesen war, angewachsen. Außerdem hatte es sich Rachel nicht nehmen lassen, sofort einen Architekten zu engagieren, der sich um einen Umbau, den Anbau eines weiteren Raumes zum Zweck eines begehbaren Kleiderschranks und der Erneuerung des Badezimmers und des Dachs, sowie dem Einbau einer Zentralheizung kümmern würde. Matt beschloss, sich diesbezüglich vollkommen herauszuhalten und einfach Scheuklappen aufzusetzen. Es war schließlich nicht sein Geld, was sie hier unnötig verschwendete. Er war lange genug mit ihr verheiratet, um zu wissen, dass alles Reden nichts nützte, wenn sich Rachel einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte und im Grunde war er ja froh, dass sie immerhin seit dem Vormittag nichts mehr von einem Umzug nach Summersdale hatte verlauten lassen. Wozu sollte er sich also einmischen? Hauptsache, sie ließ ihn in Frieden und er konnte für das kommende Jahr in dieser Abgeschiedenheit leben, wie er es sich immer erträumt hatte. Es war ja sowieso nur für ein Jahr und aus seiner Sicht viel zu kurz. Wäre es nach ihm gegangen, er hätte London vermutlich für immer den Rücken gekehrt, aber ihn fragte niemand und er zählte in dieser Familie ohnehin nur am Rande, ganz zum Schluss, wenn seine Frauen ihre Wünsche befriedigt hatten.
Dadurch, dass die meisten ihrer Kleider in London hatten zurückbleiben müssen, war auch ein Besuch des teuersten Modegeschäfts in Summersdale unvermeidbar gewesen. Für die bevorstehende Feier war Rachels Wahl auf ein lachsfarbenes Kostüm mit Blazer und knöchellangem, schwingendem Rock gefallen und jetzt stand sie im oberen Stockwerk im Badezimmer vor dem Spiegel, um sich entsprechend herzurichten. Schließlich wollte sie gleich von vorn herein einen guten Eindruck hinterlassen und den hier ansässigen Hinterwäldlern klarmachen, welchen Status sie besaß.
Matthew rückte seine Fliege zurecht und warf einen bedenklichen Blick auf seine Armbanduhr, die ihm sagte, dass es gleich halb sieben war und sowohl von seiner Frau, als auch von seiner jüngsten Tochter hatte er bisher nichts gehört und gesehen – aber diese Situation war ihm ja hinlänglich bekannt.
In dem – wie alles in diesem Haus – viel zu kleinen Badezimmer schlüpfte Patty widerwillig in ihr hellblaues, mit Blumendruck verziertes Cocktailkleid, während Rachel ihrem Make-up den letzten Schliff verlieh. Das Schminkkästchen war mit allem gefüllt, was ihr Herz erfreuen konnte: Von Wimperntusche über mindestens zehn verschiedene Lippenstifte, Nagellacke bis hin zu Puder, Rouge und Grundierungen in verschiedenen Ausführungen und Farbnuancen – für jeden Anlass und jedes Kleid das passende. Rachel schminkte sich täglich. Es gab wohl niemanden, der sie je im Morgenmantel und ohne frisiertes Haar gesehen hatte, abgesehen von Matthew und das auch nur deshalb, weil sie als Ehepaar zwangsläufig ein Schlafzimmer miteinander teilten.
„Dieses Fest wird bestimmt nicht abgesagt werden, nur weil ich nicht dabei bin“, fand Patty und setzte sich mit mürrischer Miene auf den Rand der Badewanne.
„Vergiss es.“ In aller Seelenruhe zog Rachel ihren Lidstrich nach. „Das wird heute mein Abend! Außerdem ist es doch schade, wenn du nie Gelegenheit findest, das Kleid anzuziehen! Es war zu teuer, um nur im Schrank zu hängen.“ Zufrieden betrachtete sie ihr Spiegelbild. „Sei so gut und kümmere dich darum, dass deine Schwester halbwegs ordentlich aussieht! Ich möchte nicht, dass sie wieder herumläuft, als gehöre sie nicht zur Familie!“
„Aus ihr wirst du auch mit dem teuersten Kleid keine Schönheit basteln!“
„Ich habe dir gesagt, was ich von dir erwarte!“, kommandierte Rachel gereizt und machte den Platz vor dem Spiegel frei. „Los! Jetzt frisier’ dir noch die Haare und dann hilf deiner Schwester. Unpünktlichkeit wirft immer ein schlechtes Licht auf die Erziehung eines Menschen.“ Sie machte eine kurze Pause. „Das hat mich schon mein Vater gelehrt – und der musste es wissen!“
Patty machte sich daran, ihr rotbraunes, leicht welliges Haar ziepend und zwickend mit der Bürste immer wieder durchzukämmen, um es zuletzt mit Haarspray ein wenig zu toupieren.
„Ich hasse es!“, entfuhr es dem Mädchen plötzlich verzweifelt. Sie kämpfte mit den Tränen. „Ich will zurück nach Hause!“
„Schon gut. Mach’ dir keine Sorgen.“ Beruhigend streichelte Rachel ihrer Tochter kurz, fast hastig die Wange. „Ich werde auch nie mit diesen Leuten hier zurechtkommen. Du hättest heute in der Stadt dabei sein sollen! Man braucht nur zu sehen, wie sie sich geben und kleiden! Ein verrücktes Volk, diese Amerikaner, zumindest die, die in dieser Gegend hausen und ausgerechnet hierher musste es deinen Vater verschlagen! Ich hatte mir das alles ganz anders vorgestellt…“
„Ich auch!“, stimmte Patty eifrig zu und dachte an den zurückliegenden Nachmittag und ihre erste Begegnung mit ‚diesem verrückten Volk’.
Als hätte Rachel ihre Gedanken erraten, erzählte sie kopfschüttelnd: „Du wirst es nicht für möglich halten, aber heute sind uns sechs oder sieben Cowboys entgegengeritten kommen, als wir von der Stadt zurückfuhren. Richtige Cowboys, verstehst du? Wie aus einem Kinofilm! Das heißt, ich glaube sogar, eines davon war ein junges Mädchen. Entsetzlich!“
Patty schwieg und sie versuchte mit Grauen, sich innerlich auf das bevorstehende Fest einzustellen. Auf einmal beugte Rachel sich zu ihr hinab. Sie blickte ihrer Tochter fest in die Augen – schiefergrau traf auf grün und das Mädchen schluckte. Die Macht und der Wille, die von ihrer Mutter ausgingen, jagten ihr immer wieder großen Respekt, ja, manchmal sogar ein wenig Angst ein. Rachel bekam, was sie wollte – immer und völlig gleich, mit welchen Mitteln sie es erreichte. Verschwörerisch legten sich ihre Hände auf die dünnen Schultern ihrer Tochter. Der Griff wirkte eisern, unnachgiebig, fast herrisch und Patty versteifte sich unwillkürlich.
„Du darfst dich nicht an den Ansichten deines Vaters stören – er war schon immer ein hoffnungsloser Träumer. Schon, als ich ihn geheiratet habe und deshalb…“ Sie seufzte. „Nun ja, deshalb wollte ihn dein Großvater eigentlich auch nicht in der Familie haben.“ Sie schüttelte den Kopf und verhinderte, dass Patty ihr ins Wort fiel. „Du musst nur ganz klar unsere Meinung vor deinem Vater vertreten – und vor den anderen!“
„Natürlich!“, versicherte Patty überzeugt.
„Und“, fuhr Rachel leise fort, „du darfst niemals vergessen, wer du bist! Mein Vater hat mich sein Leben lang eines gelehrt: Was auch immer wir tun, wir müssen uns dabei vollauf bewusst sein, dass wir eine van Haren sind, alter, niederländischer Adel. Man kann ein Filmstar oder ein Millionär werden, aber als van Haren wird man nur geboren und darauf musst du stolz sein! Diese Ehre kann sich niemand erkaufen!“ Sie unterbrach sich und ein eigenartiges, kaltes Lächeln spielte um ihre vollen, roten Lippen. „Daran musst du auch immer denken, mein Mädchen! Du weißt, dass wir van Harens seit Jahrhunderten eine anerkannte, erfolgreiche Familie sind und wir können es noch bis in das nächste Jahrtausend hinein sein!“
„Ich schwöre dir, dass ich alles dafür tun werde, damit wir es bleiben“, erklärte Patty würdevoll und fühlte sich mit einem Mal unglaublich geehrt. Sie stammte aus einem alten Adelsgeschlecht. Wer konnte da schon mithalten?
„Es ist dir doch nicht gleichgültig, in welchem Umfeld du ein Jahr deines Lebens verbringst?“, fragte Rachel plötzlich, lauernd.
Irritiert schüttelte Patty den Kopf. „Nein, natürlich nicht!“
„Gut.“ Ihre Mutter nickte. „Du kennst das Problem und ich werde eine Möglichkeit finden, es zu lösen und zwar schneller, als es manchen Menschen lieb sein wird!“
Im grellen Licht der Scheinwerfer des schwarzen Jeeps waren die Unebenheiten auf dem schmalen Sandweg gut zu erkennen, doch zur Sicherheit hielt Matthew das Tempo gedrosselt. Auf der Asphaltstraße, die in linker Richtung nach Silvertown führte, bog er entgegengesetzt ab und trat aufs Gaspedal.
„Du scheinst ja genau zu wissen, wohin wir fahren müssen“, bemerkte Rachel herausfordernd, wobei sie ihren Lippenstift aus der Handtasche fischte.
„Es ist nicht schwer zu finden“, entgegnete Matt ruhig und konzentrierte sich auf die Straße.
Stumm saß Patty auf der Rückbank und starrte zum Seitenfenster hinaus, während ihre ältere Schwester leise eine Melodie vor sich hin summte. Sie schien aufgeregt, ja, geradezu erfreut zu sein, auf diese Feier gehen zu dürfen.
„Musst du meine Nerven schon wieder mit deinem falschen Gejodel strapazieren?“, blaffte sie Jean einige Sekunden später an, die überrumpelt verstummte. „Es ist ja schön, wenn du glücklich bist, in deinem Alter endlich einmal zu erfahren, was eine Party ist“, fuhr Patty keifend fort. Sie genoss es jedesmal, wenn sie ihrer zwei Jahre älteren Schwester hineinwürgen konnte, dass sie in vielerlei Hinsicht schon wesentlich besser informiert war als diese. „Wenn du dich mal anständig anziehen würdest und ein bisschen auf dich achten, würde dich vielleicht auch endlich mal ein Junge ausführen.“
„Patty!“, ermahnte Rachel sie, noch immer mit dem Lippenstift beschäftigt. Jean hingegen schwieg verletzt und starrte für den Rest der Fahrt regungslos zum Fenster hinaus. Sie kannte die Bosheiten ihrer kleinen Schwester zur Genüge und hatte keine Lust, sich davon den Abend verderben zu lassen. Was konnte sie dafür, dass sie nicht die Schönheit ihrer Mutter geerbt hatte?
Draußen war es bereits dunkel. Nur ganz weit im Westen, über den weithin sichtbaren Gipfeln des bereits zu Oregon gehörigen Columbia Plateaus, erhellten die Sonnenstrahlen den Abendhimmel und schenkten ihm eine tiefe, leuchtend-rote Farbe. Je länger Patty nachdachte, desto unerträglicher kam ihr dieses ganze Leben vor. Sie träumte von der riesigen Bibliothek und dem freundlichen, gerade an solchen Abenden, herrlich gemütlichen Kaminzimmer in ihrer Villa in London. Da war das leise plätschernde Flüsschen, der säuberlich kurz gehaltene Rasen, wo sich kein einziger Halm Unkraut fand und auf dem sie im Sommer so gerne barfuß lief, weil er sich anfühlte, wie ein Meer aus Federn. Der Garten in seinen verschiedensten, genaustens aufeinander abgestimmten Grüntönen und die aus Marmorfliesen gearbeitete Terrasse unter dem Balkon – wie wundervoll sie doch dort lebten!
Das Schlagloch, gleich zu Beginn des ungeteerten Weges, in den ihr Vater jetzt einbog, warf Patty unsanft gegen die Außenverkleidung und riss sie aus den ersten, schönen Gedanken, seitdem sie in diesem Land angekommen waren. Falsch, dachte sie, gelebt hatten muss es heißen!
„Kannst du nicht aufpassen?“, fauchte sie zornig. „Meine ganze Frisur ist verrutscht!“
„Gleich sind wir da. Dort hinten, am Wald“, rief Matthew, um den ausbrechenden Zoff im Keim zu ersticken. „Es wird bestimmt interessant werden, all unsere neuen Nachbarn kennenzulernen!“
„Sehr interessant, bestimmt!“ Rachels Stimme klang zynisch. „Ich bin ja schon so wahnsinnig gespannt! Ich habe noch nie einen ehemaligen Revolverhelden getroffen. Wahrscheinlich kann er mir das Fest mit Abenteuergeschichten aus dem Wilden Westen versüßen! Und du kannst ja dann mit den Inhalten der neuesten Kinostreifen mitmischen!“
Matthew fiel nicht sofort eine passende Antwort ein, aber er hielt es sowieso für angebracht, den Mund zu halten. Wenn sich seine Frau in einer derartig reizbaren, bissigen Stimmung befand, sollte niemand es wagen, sie zu veranlassen, ihre scharfe Zunge in Gebrauch zu nehmen, auch er nicht.
„Was ist denn das?“ Verblüfft beugte Jean sich nach vorn, um besser erkennen zu können. Fasziniert starrte sie auf das, was sich vor ihnen auftat: Der Waldrand, auf den der Weg eben noch zugeführt hatte, war mit einem Mal auf gut einer Meile verschwunden. Dafür stand – wie ein einsamer Wachposten zwischen den auseinandergerissenen Bäumen – ein Windrad, so riesig, wie sie es noch nie gesehen hatte. Es erhob sich bis über die Wipfel der Baumkronen und die weiße Farbe seines Gerüsts schimmerte grell im Licht der Autoscheinwerfer.
Matthew bremste ab. „Jetzt im Dunkeln ist es schlecht zu erkennen“, meinte er bedauernd.
„Ich sehe genug“, entgegnete Rachel kalt.
„Die Arkin Ranch liegt in einer Waldschneise“, fuhr Matthew ungerührt fort. „Sie wird nach hinten breiter, wie ein Wassertropfen. Ein Sturm hat das Loch vor vielen Jahren hineingerissen und Ende des letzten Jahrhunderts wurde dort die Ranch gegründet.“
„Wirklich?“ Gereizt verzog Rachel das Gesicht. „Von wem hast du denn diese Erkenntnisse? Etwa vom werten Herrn Bürgermeister?“ Triumphierend stellte sie fest, dass ihr Mann nichts mehr entgegnete und zwinkerte Patty aufmunternd zu.
„Und du“, sie deutete mit dem Zeigefinger auf Jean, „benimmst dich heute Abend bitte so, dass ich mich danach nicht für uns schämen muss!“
„Ja, Mom.“ Jean senkte ihren Blick in den Schoß. „Ich bemühe mich.“
„Das höre ich bedauerlicherweise jedesmal! Ich möchte nur wissen, woher du dieses ungeschickte Wesen hast.“
Ihre ältere Tochter erwiderte nichts, sondern starrte regungslos zum Fenster des Wagens hinaus. Sie fuhren unter einem breiten Torbogen hindurch, der sich quer über den Weg spannte. Die auf dem gebogenen, breiten Holz herausgeschnitzten Buchstaben verrieten den Namen des Anwesens: Arkin Ranch. Dadurch, dass jeder Buchstabe mit weißer Farbe nachgezeichnet war, konnten sie die Worte auch im Dunkeln erkennen. Jede Ranch, ganz gleichgültig in welchem Gebiet, besaß einen solchen oder ähnlichen Eingangsbogen. Er stellte eine Art Ehrenkodex dar, wie diese sich präsentierte und jeder Besitzer bemühte sich, ihn ganz individuell nach seinen Vorstellungen zu gestalten.
Der Weg führte zunächst direkt am linken Waldrand entlang, ehe er eine sanfte Rechtsbiegung an einer alten, großen Scheune vorbei machte. Gleich im Anschluss stand ein langes, ebenerdiges Holzgebäude mit vielen Fenstern an jeder Längsseite und zwei großen Toren an den Breitseiten – der Pferdestall. Dahinter befand sich ein kurzer, rechteckiger Pferch und in etwa zehn Metern Abstand dazu ein ebenerdiges, kleines Holzgebäude mit dem typischen, überdachten Vorbau. Vor den beiden Stufen waren Holzpfähle mit aufgeschraubten Querbalken zum Anbinden der Pferde in den Boden gerammt worden und einige Stühle sowie eine schlichte Bank standen neben der geschlossenen Haustüre. Aus den Fenstern des Erdgeschoßes strahlte Licht in die Nacht hinaus.
Im rechten Winkel zu diesem Gebäude thronte, genau an der gegenüberliegenden Seite der Einfahrt, das einstöckige Ranchhaus. Es war von weißer Farbe, die jedoch aufgrund der Witterung in einzelnen, bräunlichen Fetzen abblätterte. Es besaß ebenfalls eine überdachte Veranda, die über zwei Stufen erreicht werden konnte. Rechts davon drückten sich zwei niedrige Vorratshütten in den Windschatten, von den Cowboys lediglich witzelnd „Abstellkammern“ genannt.
Links des Ranchhauses, auf der freien Fläche neben dem Garten, hatte sich bereits eine Art Parkplatz gebildet, wo die eintreffenden Gäste neben– und hintereinander ihre Wagen abstellten und Matt beschloss, es ihnen gleichzutun.
Am Arm ihres Mannes schwebte Rachel die beiden Stufen zum Vorbau hinauf. „Na, denn!“ Sie setzte ihr strahlendstes Lächeln auf. „Lass uns feiern. Ah!“ Sie lachte geziert auf. „Mister Bentley! Wie schön, Sie wiederzusehen!“
Die Haustür war von innen geöffnet worden und als erstes trat ihnen der Bürgermeister Silvertowns entgegen, an diesem Abend im Nadelstreifenanzug und mit schwarzer Fliege. Sein roter Kopf glühte, während er ihnen nacheinander überschwänglich die Hände schüttelte.
„Wie schön, dass Sie da sind! Wir haben gerade von Ihnen gesprochen! Kommen Sie, kommen Sie! Der Hausherr möchte Sie doch auch endlich kennenlernen! Sie wissen ja überhaupt nicht, wieviel schon über Ihre Ankunft gesprochen wurde! Es kommt ja auch nicht alle Tage vor, dass sich eine echte, alt-eingestammte, englische Familie in unsere Gegend verirrt!“
Eingeschüchtert hielt Jean sich hinter ihren Eltern versteckt, während ihre jüngere Schwester selbstbewusst und voll strahlender Schönheit den Raum augenblicklich für sich gewann. Sie kokettierte mit dem Bürgermeister, als wäre sie mindestens einundzwanzig und hätte man ihr das junge Alter nicht angesehen, wäre sie bereits an diesem Abend eine wahre Konkurrenz für ihre eigene Mutter gewesen. Vermutlich hingen die beiden auch deshalb so sehr aneinander, weil sie sich so ähnlich waren, nicht nur in ihrer äußeren Erscheinung, auch charakterlich standen sie sich sehr nahe.
Jean seufzte. Es war wie immer, wenn sie sich nicht dazugehörig fühlte zu diesen schönen, von allen anderen bewunderten Menschen. Sie selbst blieb immer wie die adoptierte Tochter, die irgendwie nicht recht hineinpasste ins Bild. Sie kam zu sehr nach ihrem Vater, nicht nur vom Äußeren. Wie in Trance spürte Jean, dass die Pranke des Bürgermeisters sie an der Schulter vorwärtsschob, hinein in das Ranchhaus. Ohne ihr Zutun traten ihre Beine über die niedrige Schwelle in das quadratische Treppenhaus. Verbrauchte, stickige Luft, Zigarettenrauch und Stimmengewirr schlugen ihr entgegen. Unwillkürlich hielt sie den Atem an.
„Es sind zwar noch längst nicht alle da“, drang der sonore Bass Stevie Bentleys an ihr Ohr, „aber bei uns ist immer was los, aber das werden Sie schon noch feststellen!“
„Ah! Guten Abend! Da sind Sie ja!“, sagte plötzlich eine hellere, auffallend gefühlsbetonte Männerstimme neben ihnen, die Jean den Blick heben ließ. Zu ihren Eltern war ein Mann mit Bauchansatz und Doppelkinn, kaum größer als sie selbst, getreten. Sein langes, eckiges Gesicht mit den beiden tiefen Furchen neben den Mundwinkeln wirkte auf den ersten Blick ernst, fast griesgrämig, doch sobald er lächelte, verwandelte es sich auf unbeschreibliche Weise, da erschien dieser ihr fremde Mann schlagartig vertrauenserweckend und freundlich. Sein Haar war von dunklem, erdigem Braun, kraus und dick und mit einzelnen grauen Strähnen durchzogen. Er mochte höchstens Mitte fünfzig sein, obwohl er wesentlich älter wirkte.
„Freut mich, Sie kennenzulernen“, sagte er und reichte zuerst Rachel, dann Matthew die Hand. „Ich bin Ben Arkin. Schade, dass ich nicht hier war, als Sie mit Mister Bentley bei Ihrem ersten Besuch die Ranch besichtigt haben. Mein Vormann und meine Tochter haben mich aber hoffentlich würdig vertreten?“
„Du hast mir gar nichts von diesem entzückenden Häuschen berichtet“, warf Rachel ihrem Mann vor, ehe dieser dazu kam, etwas zu erwidern. „Aber Sie müssen wissen, Mister Arkin, Matt hat mit seiner Arbeit immer unbeschreiblich viel Stress und er trägt selbstredend große Verantwortung. Da vergisst er wichtige Punkte manchmal einfach zu erwähnen!“ Sie strahlte den Ranchbesitzer gütig an.
Entgeistert ruhte Matthews Blick einige Sekunden auf ihr, als wüsste er nicht, was er von diesen scheinheiligen Schwindeleien halten sollte. Was er soeben hatte erwidern wollen, war ihm mittlerweile entfallen.
„Nicht wahr, Liebling?“, flötete Rachel da und er rang sich zu einem Lächeln durch.
„Äh…ja…natürlich! Vielen Dank übrigens noch für die Einladung.“
„Ach was, keine Ursache! Das ist bei uns so üblich“, wehrte Ben Arkin ab. Erst jetzt wandte er sich den beiden jungen Mädchen zu. „Der Nachwuchs, wie ich annehme?“
„Ja, ja“, antwortete Matthew hastig, um seiner Frau zuvorzukommen. „Das sind unsere beiden Töchter – Jean und Patricia.“
„Jean Frances und Patrica Lorena“, fügte Rachel mit Nachdruck hinzu, um ihrer Korrektheit den genügenden Ausdruck zu verleihen.
Ben Arkin begrüßte die Mädchen und während er sie lächelnd aus seinen braunen Augen betrachtete, fühlte Jean, dass eine merkwürdige Verwandlung mit ihr geschah. Es war, als bohrte sein Blick ein winziges, millimetergroßes Loch in die stählerne Wand, die sie um sich errichtet hatte. Etwas von seiner entgegenkommenden, warmen Ausstrahlung, die mit einer geradezu drängenden Höflichkeit einherging, ergriff von ihr Besitz und ganz von selbst erwiderte sie sein Lächeln.
„Es freut mich, Sie kennenzulernen“, hörte Jean sich leise sagen und spürte im selben Moment, wie Rachels eisiger Blick sie traf.
„Wie alt bist du?“, wollte der Ranchbesitzer ungeniert wissen.
„Sechzehn“, gab Jean bereitwillig Auskunft.
„Und ich bin vierzehn“, fügte Patty ungefragt hinzu und nahm ihre Schultern noch mehr zurück, damit ihre ohnehin bereits üppige Oberweite noch deutlicher zum Vorschein kam. „Aber die meisten Leute sagen, dass ich viel erwachsener aussehe als meine Schwester.“
„Interessant.“ Ben Arkins linke Augenbraue zuckte und er wandte sich von den Mädchen ab. Er streckte sich, um besser nach links hinein, in den großen Wohnraum sehen zu können, in dem das Fest stattfand und die Gäste sich bereits über das üppige Buffet hermachten.
Geradeaus, gegenüber der Haustüre, wand sich die Treppe ins Obergeschoß hinauf und links dahinter gelangte man in die Küche. Rechts, vor den ersten Stufen, war die doppelflüglige Türe verschlossen; dahinter lag das Arbeitszimmer des Ranchbesitzers und an den Garderobenhaken an der Wand daneben stapelten sich die Jacken und Hüte. Jean blickte sich um. Alles war in dem hier üblichen, schlichten Stil eingerichtet und hatte doch eine ansprechende, heimelige Wirkung auf den Betrachter. Sie konnte nicht leugnen, dass es ihr hier gefiel.
„Amy!“, rief Ben Arkin jetzt laut. „Komm doch mal her!“
Er winkte heftig mit dem Arm und wenige Sekunden später hüpfte ein junges Mädchen schallend lachend aus dem Wohnraum heraus. Sie trug ein bodenlanges, gelbgeblümtes Kleid und flache, weiße Schnürschuhe. Ihre dunkelbraunen, langen Haare wurden von einem unsichtbaren Haarnetz zu einem hoch oben angesetzten Nest zusammengehalten. Ihre ein wenig rundlich gebaute, kräftige Figur fiel in dem Kleid nicht weiter auf, im Gegenteil. Sie wirkte ausgesprochen elegant, dabei jedoch sehr kindlich-unschuldig und Jean erschien ihre eigene Aufmachung auf einmal unpassend, ja, geradezu lächerlich. Eine Dame sollte sie heute Abend spielen! Sie, die sich völlig hilflos und überfordert vorkam zwischen all den fremden Menschen, die überhaupt nicht mehr wusste, wie es nun richtig war, sich zu verhalten! Sollte doch Patty sich als die Dame von Welt ausgeben, die Rolle lag ihr doch perfekt. Sie selbst gehörte nicht wirklich dazu – weder zu der einen Seite, noch zu der anderen. Sie stand irgendwo dazwischen und wusste nicht genau, wer sie sein wollte. Natürlich, sie war das Kind ihrer Eltern, mit denselben Vorzügen und Privilegien gesegnet und aufgewachsen wie Patty. Trotzdem hatten sie sich beide in völlig unterschiedliche Richtungen entwickelt. Patty ging in dieser Welt auf, während Jean immer noch nach etwas suchte, was sie dort nicht fand und das sie gar nicht benennen konnte. Es war diese Unruhe in ihr, die sie manchmal fast zur Verzweiflung trieb.
Amys rundes, hübsches Gesicht mit den roten Pausbacken und großen, dunklen Augen lächelte zurückhaltend. Sie war fast einen Kopf kleiner als Jean und verkörperte eine entwaffnende Natürlichkeit, die sie an die Straßenkinder erinnerte, mit denen sie früher so gerne gespielt hatte.
„Ja, Daddy?“ Sie stellte sich neben den Ranchbesitzer und musterte neugierig und unverfroren die Neuankömmlinge.
„Das sind die van Harens, die draußen das alte Blockhaus der Porters gekauft haben“, stellte Ben Arkin sie gegenseitig vor. „Und das ist Amy, meine Tochter.“
Höflich begrüßte das Mädchen die Gäste. Bei Jean verharrte sie einen Moment und die beiden musterten einander abschätzend. Jeans Herz schlug schneller und fühlte sich unwohl und verunsichert.
„Hallo!“ Die Rancherstochter streckte ihr die Hand entgegen. Ihre Augen funkelten interessiert. „Dein Vater hat mir schon viel von euch erzählt! Ich habe mich schon sehr darauf gefreut, dass ihr endlich da seid!“
Eine Sekunde überrumpelte das gleichaltrige, amerikanische Mädchen sie mit dieser Aussage. Verwirrt erwiderte sie den Gruß: „Äh…ja…hallo. Jean…ich meine, ich heiße Jean.“ Noch nie in ihrem ganzen Leben war sie sich so hilflos vorgekommen.
„Schön! Wie ich sehe, verstehen sich die beiden schon prächtig“, mischte sich zu ihrer Erleichterung Ben Arkin in diesem Moment ein. „Ich würde vorschlagen, Sie vertrauen Ihre Töchter für den Rest des Abends Amy an und kommen dafür mit mir! Ich werde Ihnen gleich einmal Ihre neuen Nachbarn und einige Bürger Silvertowns vorstellen!“
„Eine ausgezeichnete Idee!“, versicherte Rachel zur immer größer werdenden Verwunderung ihres Mannes und versetzte ihm einen auffordernden, unauffälligen Stoß mit dem Ellenbogen.
„Natürlich! Eine ausgezeichnete Idee!“, echote er zerstreut.
„Das sagte ich bereits!“
Die schrille, durchdringende Stimme ihrer Mutter zerriss den schützenden Dunst um Jeans Wahrnehmungen und brachte sie in die Welt der Realität zurück. Der mahnende, kalte Blick, den Rachel ihr zuwarf, erinnerte sie daran, was ihr bevorstand. Sie hasste diese Veranstaltungen und Partys, wusste sie doch nie richtig Small-Talk zu halten und war sie doch immer diejenige, die in irgendeiner Ecke stand, während ihre Mutter und ihre Schwester sich vor Gesprächs- und Tanzpartnern kaum retten konnten.
„Es ist herrlich, dass endlich jemand in meinem Alter in der Nähe wohnt“, sagte Amy in das eingetretene Schweigen hinein und strahlte die anderen beiden Mädchen ehrlich erfreut und ahnungslos an.
Spöttisch zog Patty die Stirn kraus. „Tut mir leid für dich, dass du keine Freundinnen hast!“
„Patty!“, zischte Jean entsetzt und spürte, wie sie peinlich berührt rot anlief. Wie konnte ihr Schwester nur?!
„Doch, doch, die habe ich schon!“, versicherte Amy schnell und noch immer lächelnd. „Nur wohnen die alle in Silvertown oder bis in Summersdale und haben natürlich nicht die Möglichkeit, andauernd den weiten Weg bis zu mir herauszukommen.“
„Ach so?“ Schnippisch warf Patty die Haare zurück.
Amy schaute sie aus ihren großen, braunen Augen nachdenklich an. „Kommt, ich zeige euch noch schnell unseren Stall und die Pferde, bevor es richtig losgeht!“, schlug sie nach einer langen Minute vor und riss die Haustüre auf. „Na, kommt schon!“
„Also, ihr entschuldigt mich bitte!“ Patty strich sich durch das Haar und schielte im Augenwinkel nach dem nächsten Spiegel. „Ich habe nun wirklich nicht vor, mein Kleid zu ruinieren.“ Sie grinste ihre Schwester herausfordernd an. „Aber geh du ruhig mit! Du wolltest doch sowieso reiten lernen!“
Jean fiel keine passende Erwiderung ein und sie verspürte auch keine Lust, sich jetzt schon wieder und dazu noch vor fremden Menschen mit ihrer Schwester zu streiten. So lächelte sie Amy höflich an und folgte ihr hinaus ins Freie. Obwohl Jean eine zum Cocktailkleid passende Jacke trug, fröstelte ihr in der kalten, zugigen Nachtluft. Neugierig und aufgeregt folgte sie der kleinen Rancherstochter, die angefangen hatte, unaufhörlich zu reden und wie ein junges Fohlen neben ihr her zu hüpfen.
„Was ist das denn eigentlich?“ Mit ihrem Kinn deutete Jean hinüber zu dem einstöckigen Holzgebäude, aus dem noch Licht aus den Fenstern fiel und an dem sie vorhin schon vorbei gekommen waren.
„Das ist das Bunkhouse“, erklärte Amy. „Dort sind die Männer untergebracht.“
„Die Männer?“, wiederholte Jean verständnislos.
Amy stieß ein kurzes, vergnügtes Lachen aus. „Na klar, die Männer!“
„In Ordnung und was tun sie da – die Männer in diesem Bunkhouse?“
„Na, wohnen natürlich! Im Sommer haben wir meistens acht bis zehn, die für uns arbeiten, im Winter weniger, je nachdem, wie das Jahr verlaufen ist. Aber seitdem in der ganzen Welt Westernfilme geschaut werden, ist der Tourismus eine echte Goldgrube, sagt Daddy immer! Vielleicht kommt dieses Jahr zum Stadtfest sogar Robert Mitchum als Stargast! Ist das nicht aufregend?“
„Robert Mitchum“, wiederholte Jean und Rachels Gesicht erschien vor ihren Augen. „Das erzählst du besser nicht meiner Mutter!“
„Wieso? Mag deine Mutter keine Schauspieler?“
„Doch, schon, aber keine, die in Westernfilmen spielen.“ Bedauernd hob Jean die Achseln. Sie kam sich auf seltsame Art und Weise völlig zweitklassig vor. Das hier, das waren Menschen, die hart für ihr Brot arbeiteten und sie? Was taten sie schon? Gut, ihr Vater war Arzt, aber ansonsten? Womit waren all der Luxus, in dem sie lebten, denn gerechtfertigt? Das Geld hatte ihr Großvater verdient und ihre Mutter gab es aus, mehr nicht. Sie brauchten nichts zu leisten, um sich alles gönnen zu können, was ihr Herz begehrte. Schnelle Schritte, die sie von hinten einholten, riss sie aus den Überlegungen.
„Ihr sollt euch beeilen!“ Patty schnitt ihrer älteren Schwester den Weg ab. „Mom schickt mich, dich zu holen, das Fest geht gleich los!“
„Wir schauen nur noch schnell die Pferde an!“ Jean scheuchte sie mit einer Handbewegung zur Seite. „Sag ihr, wir sind gleich da!“
„Komm doch kurz mit!“ Amy strahlte auf ihre natürliche Art zu Patty hinüber, bekam jedoch lediglich ein verächtliches Stirnrunzeln als Antwort.
„Weißt du schon, dass im Sommer Robert Mitchum in die Stadt kommt?“ Etwas Besseres fiel Jean spontan nicht ein, um die Situation zu retten, die Patty begonnen hatte, mit ihrer Überheblichkeit kaputtzumachen.
„Wen interessiert das schon? Der sieht ja noch nicht mal gut aus!“
„Zu uns in die Stadt kommen immer Hollywood-Stars!“, rief die Rancherstochter, als müsste sie Silvertown verteidigen. Zufrieden stellte Patty fest, dass Amys Stimme nun endlich ein wenig verärgert klang. Mitleidig legte sie den Kopf schief.
„Mach’ dich doch nicht lächerlich! Wir verkehren im vornehmsten Kino Londons! Da hat sogar die Queen eine Lounge reserviert und da darf bei Gott nicht jeder beliebige Knilch von der Straße hinein!“
„Eure Königin ist mir völlig gleich“, ereiferte sich das andere Mädchen. Ihre anfängliche Begeisterung für die Neuankömmlinge wich allmählich Verärgerung.
Bevor die beiden noch weiter in Zank geraten konnten, mischte Jean sich müde ein: „Lass uns doch bitte noch kurz die Pferde ansehen, ja?“
„Pff!“, machte ihre jüngere Schwester abfällig und warf den Kopf zurück. „Ich gehe wieder rein.“
„Tu’ das“, seufzte Jean und schloss für eine Sekunde die Augen. Wie peinlich! Weshalb musste ihre Schwester nur ständig so tun, als wäre sie etwas Außergewöhnliches? Konnte sie sich nicht einmal so benehmen, wie normale Menschen auch?! Amy erwiderte nichts mehr, sondern hastete davon. Jean lief ihr nach.
Das Tor zur Stallgasse war verschlossen und Amy drückte es gerade so weit auf, dass sie hineinschlüpfen konnte. Im Stall war die Luft wärmer als im Freien. Der intensive Geruch von Pferdefell, Leder, Mist und Heu schlug ihnen entgegen. Die kleine Amerikanerin knipste das elektrische Deckenlicht an und für eine Sekunde hörte das regelmäßige Malmen der Pferdezähne auf, als die Köpfe der Tiere sich aufmerksam hoben. Die Stallgasse war gut vierzig Meter lang und an beiden Seiten befanden sich halbhohe, große Holzverschläge, fünfzehn an jeder Seite, in denen je ein Pferd untergebracht war.
Gleich links, in den ersten beiden Boxen standen eine große, kräftige Stute und daneben ein noch höherer Braunschecke. Mit sichtlichem Stolz trat Amy zu dem Schimmel, deren Fell mit unzähligen, winzigen, braunen Punkten übersät war.
„Das ist Kitty. Sie gehört mir ganz allein. Mein Vater hat sie mir zum zwölften Geburtstag geschenkt. Sie ist große Klasse! Wann hast du eigentlich Geburtstag?“
„Am fünfzehnten März“, antwortete Jean gedankenverloren – sie grübelte noch immer über das Benehmen ihrer Schwester. Sie schämte sich fürchterlich vor dem anderen Mädchen. Sie musste ihr irgendwie beweisen, dass sie anders war und anders dachte als Patty.
„Was?“, rief Amy da schon und es klang begeistert. „Ich habe am vierundzwanzigsten! So ein Zufall! Dann sind wir ja fast gleich alt!“ Aufgeregt hüpfte sie zu Jean hinüber, die noch immer dicht hinter dem Tor stand. „Dann gehen wir in dieselbe Schulklasse! Ab wann musst du hin?“
„Wir haben noch Schonfrist bis Anfang nächsten Monats und dann…“ Das aufschwingende Tor neben ihr unterbrach ihren Satz. Ein kräftiger Mann, gut an die zwei Meter groß, erschien in der Stallgasse. Auch er trug einen Anzug, wie es scheinbar alle heute Abend taten.
„Habe ich mir doch gedacht!“ Gespielt tadelnd schüttelte er den Kopf. „Kaum komme ich aus dem Haus, sehe ich Licht im Stall! Wer könnte das wohl noch sein, zu so später Stunde? Hoffentlich ruiniert dir nicht noch ein hungriges Maul dein Kleid!“ Er grinste.
Munter deutete Amy auf Jean. „Das ist Dan, unser Vormann. Und das ist Jean van Haren. Du weißt schon, die Tochter von…“
„Ja, ja, richtig!“ Der grauhaarige Mann Mitte fünfzig tippte sich grüßend mit zwei Fingern an den breitkrempigen, braunen Hut. „Angenehm, Miss van Haren. Ich hoffe, es wird Ihnen und Ihrer Familie bei uns gefallen.“
Schmunzelnd betrachtete er ihr Kleid. Diese Mode heutzutage! Ein halbes Kind, wie diese Engländerin offenscheinlich noch war, in solch einen Fetzen zu stecken, der kaum ihre Knie bedeckte! Na, die verwöhnten Großstädter eben. Ja, als er jung gewesen war, da hatten die Mädchen noch herrlich lange, wallende Kleider mit drei Unterröcken zu tragen gehabt! Aber je weiter dieses Jahrhundert fortschritt, desto offenherziger schien der Geschmack zu werden.
Jean bemerkte den Blick des Vormann, der noch immer an ihrem Kleid hing und sie spürte, wie sie errötete. Vermutlich fand er, dass es ihr nicht stand, wie meistens, wenn ihre Schwester in der Nähe war; dann hatten alle nur Augen und Komplimente für sie und ihre außergewöhnliche Schönheit.
„Wir sollten vielleicht wieder zurückgehen“, murmelte Jean betrübt und trat eilig an ihm vorbei, in die Nacht hinaus.
Der Vormann starrte ihr nach. Er hob den Hut an und fuhr sich mit der Hand durch das stachelige, widerspenstige Haar.
„Habe ich was Falsches gesagt?“
„Hmm.“ Amy schob die Unterlippe vor. „Keine Ahnung! Sie sind beide etwas komisch, diese Engländerinnen…“
„Ach, es sind gleich zwei?!“
Amy stieß einen verächtlichen Laut aus. „Oh ja! Die hier geht ja noch, aber die andere! Eine echte Prinzessin ist das, sag ich dir! Wart’s nur ab, bis du sie erlebst!“
Gegen halb acht Uhr trafen die letzten Gäste ein und das Begrüßungsfest konnte offiziell beginnen. Die vierköpfige Musikgruppe sorgte für ununterbrochene Beschallung, was auf der kleinen Tanzfläche im überfüllten, dichtgedrängten Wohnraum zu dauernden Rempeleien führte. Die etwa sechzig Gäste amüsierten sich großartig und weil die meisten von ihnen abgeschieden auf ihren Ranches lebten, nahmen sie jede Feierlichkeit, zu der sie sich mit den Nachbarn und Freunden treffen konnten, begeistert wahr.
Rachel fand kaum eine Minute, die sie nicht auf der Tanzfläche zubrachte. Wie bei jeder Veranstaltung zog ihr schönes, makelloses Gesicht die Männer geradezu magisch an und nachdem es ihr gelungen war, Matt mit einigen Seitenhieben, die nur er verstehen konnte, in Verlegenheit zu bringen, befand sich ihre Stimmung auf dem Höhepunkt. Das war ihr Fest und sie würde den Anwohnern dieser Holzbudenstadt schon beweisen, wen sie hier vor sich hatten!
Matthew hingegen zog es vor, sich mit Ben Arkin und einem Glas gutem Whiskey in ein ruhigeres Eck zurückzuziehen. Die beiden Männer unterhielten sich schon den ganzen Abend angeregt und verstanden sich ausgesprochen gut. Beiden war die heimliche Leidenschaft für das Kino und das neue Medium Fernsehen gemein und ihre Unterhaltung glitt von einem Thema ins nächste, sodass sie kaum merkten, wie schnell der Abend voranschritt. Hin und wieder wurden sie durch andere Gäste gestört, die sich zu ihnen gesellten, doch sie fanden immer wieder einen Moment, in dem sie ihr Gespräch in Ruhe fortsetzen konnten.
„Sie werden sich bestimmt noch ein paar Tage erholen können, bevor die beruflichen Pflichten Sie rufen“, meinte der Ranchbesitzer jetzt.
„Oh nein“, musste Matt ihn belehren. „Nächsten Montag ist mein erster Arbeitstag. In der Klinik gibt es jede Menge für mich zu tun.“
Ben Arkin nickte in stummem Respekt. „Sie sind ja noch keine zwei Tage hier! Aber Ihr Ärzte scheint diese eiserne Disziplin alle in euch zu haben.“ Und mit einem Seitenblick auf Rachel bemerkte er: „Im Gegensatz zu den eher ländlich inspirierten Damen in unserer Gegend, ist Ihre Frau eine absolute Ausnahmeerscheinung. Verstehen Sie mich bitte um Himmels Willen nicht falsch!“, fügte er hastig hinzu. „Das war jetzt keineswegs negativ gemeint!“
„Ja, ja“, machte Matt, durchaus begreifend und lächelte gezwungen. „Rachel ist eben eine ganz andere Umgebung gewöhnt.“ Einen winzigen Moment gaben die tanzenden Paare den Blick auf Jean frei, die bei Amy neben der Türe an der Tanzfläche stand und zusah.
„Dann werden Ihre Töchter wohl auch nach Summersdale in die Schule gehen?“ Und ehe Matt etwas erwidern konnte, fügte er hinzu: „Sie sind beide ganz typische Engländerinnen – so, wie wir sie uns hier immer vorstellen, aber vermutlich haben Sie Zuhause auch Ihren Prototypen eines Amerikaners!“
Der Arzt seufzte, ein wenig nachdenklich. „Patty hat einen sehr eigenwilligen Kopf. Ich weiß nicht, ob ich das als typisch Englisch bezeichnen würde.“
„Ich denke, sie wird doch begeistert gewesen sein, ein Jahr im Ausland verbringen zu dürfen! Wenn ich von Amy ausgehe, träumen heutzutage alle jungen Leute davon, in der Weltgeschichte umher zu reisen!“
„Nun – sagen wir, sie benötigt eine gewisse Gewöhnungsphase“, erwiderte Matt ausweichend.
„Ach, dafür hat sie doch meine Tochter!“, warf der Ranchbesitzer zuversichtlich ein und deutete zu den beiden Mädchen hinüber, die noch immer den Tanzpaaren zuschauten. „Wie Sie sehen können, verstehen sich Jean und Amy schon recht gut!“
„Na, bei Jean sehe ich da weniger Probleme. Sie ist umgänglich und eher zurückhaltend, aber Patty…“ Zweifelnd runzelte Matt die Stirn. Die kleine, so unschuldig und kindlich wirkende Rancherstochter tat ihm bei dem Gedanken, ihr seine jüngste Tochter anzuvertrauen, jetzt schon leid. Ganz von selbst suchten seine Augen nach Rachel, die eben am Arm des Bürgermeisters an ihnen vorbeischwebte. Sie strahlte noch immer, als sei sie der glücklichste Mensch auf Erden und so sehr er sich auch den Kopf zerbrach, er kam nicht dahinter, was sie damit bezwecken wollte.
„Was halten Sie von Sonntag?“, schlug Ben Arkin in dieser Sekunde vor. „Wie ich mitbekommen habe, sind Sie nachmittags bei Stevie Bentley zu einer persönlichen Stadtführung eingeladen worden. Amy könnte Ihren Töchtern währenddessen ja ein wenig die Gegend zeigen.“
Matthew zögerte. Er gab seine Mädchen nur ungern in die Obhut anderer, doch allmählich musste er begreifen, dass sie sich von abhängigen Kindern zu selbständigen Jugendlichen entwickelt hatten, insbesondere Patty und dass Jean mit ihren sechzehn Jahren allmählich lernen musste, selbst Verantwortung für sich zu übernehmen. Beide mussten sich aus seiner und Rachels Abhängigkeit freimachen, auch, wenn er es verhindern, wenn er sie noch nicht gehenlassen wollte, sondern noch bei sich behalten. Er nickte.
„Einverstanden!“
Seit über einer halben Stunde standen Jean und Amy nun schon am Rande der Tanzfläche, in der Mitte des großen Wohnraums und beobachteten die Paare. Die Musik kam kaum noch gegen das Gemurmel, Lachen und Stimmengewirr der Unterhaltungen an, während Amy fröhlich immer wieder den Takt der Lieder mitklatschte.
Jean mühte sich eine freundliche Miene ab, doch in ihrem Inneren nagte die Unsicherheit, die ihr schon die Kälte in die Hände trieb. Oh Gott, warum konnte sie nicht ein bisschen so sein wie Patty? Diese war, ebenso wie ihre Mutter, von jungen Männern und anderen Mädchen umlagert, die sie alle anzuhimmeln schienen. Jedenfalls konnte Patty zur Genüge unter Beweis stellen, welch hervorragende Tänzerin sie war. Sie lachte ununterbrochen und ließ sich von einem Tanzpartner zum nächsten übers Parkett schwingen. Dabei gab sie ein unwerfendes Bild ab und die Schönheit, die von ihrem Gesicht ausging, sprach Bände darüber, wie sie sich noch entwickeln sollte. Jean seufzte. Sie war eben bloß das fünfte Rad am Wagen und daran würde sich heute Abend auch nichts ändern.
Vor ein paar Minuten war Amy in ein Gespräch mit einer älteren Frau aus Silvertown verwickelt worden und beachtete Jean nicht mehr, was dieser auch nicht unrecht kam. Seit dem Besuch im Stall hatte sich ihre nur schleppend aufrechterhaltene Kommunikation nicht verbessert. Jean fiel nichts ein, worüber sie sich mit dem fremden Mädchen hätte unterhalten können. Sie waren so verschieden und sie wollte sie auch nicht permanent irgendwelche Dinge fragen, die ihr neu und unbekannt waren. Am Ende hielt Amy sie noch für dumm.
Eben schien die Band ein ganz besonders bekanntes Lied zu spielen, denn unter Pfiffen und Johlen einiger männlicher Gäste, wurde die Melodie immer schneller und die schweren, glänzend-polierten Stiefel erzeugten auf den Holzboden ein lautes, rhythmisches Poltern. Plötzlich spürte Jean, wie jemand ihr auf die Schulter tippte. Erschrocken fuhr sie herum. Hinter ihr stand Dan, der Vormann, der ihr vorhin im Stall schon begegnet war.
„Hey, ihr beiden!“ Er drängte sich zwischen sie und die Rancherstochter. In der linken Hand balancierte er zwei Gläser mit Bowle. „Ich dachte mir, ihr steht hier so verlassen herum, darum bekommt ihr jetzt etwas besonders Feines von mir! Hauseigenes Rezept! Sehr empfehlenswert! Ist nur ein kleiner Schuss drin – das verzeihen euch eure Väter!“
„Als echter Gentleman gehört sich das wohl auch, dass man sich um die Damen kümmert!“, bemerkte Amy lachend, mit treuherzigem Blick und nahm ihm eines der Gläser ab.
Dan schmunzelte. „Als die rechte Hand deines Vaters gehört es selbstverständlich zu meinen Aufgaben dafür zu sorgen, dass du dich amüsierst!“
Auffordernd lächelnd hielt er Jean das andere Glas mit Bowle hin und zwinkerte. „Na, kleine Engländerin? Ist das nicht ein großartiges Fest? So etwas sollte es hier öfter geben!“
„Vielen Dank.“ Jean nahm es ihm ab und lächelte nervös. Wie hatte er sie eben genannt? Dans Augen wanderten über die Tanzfläche und blieben einen Augenblick an Patty hängen, die sich elegant von einem jungen Mann im Takt der Musik herumwirbeln ließ.
„Ist das etwa die andere Engländerin?!“ Ein leiser, bewundernder Pfiff entfuhr ihm.
Jean nickte wortlos, der Kloß in ihrem Hals wurde immer größer. Der Gesichtsausdruck des Mannes genügte – er schien ebenso überwältigt von der Schönheit des jungen Mädchens zu sein, wie alle anderen Gäste. Wie immer, alles drehte sich um Patty und Rachel und niemand interessierte sich weiter für sie. Es blieb ihr nur wieder die Rolle der großen, unscheinbaren Schwester, die in diese Familie irgendwie nicht hineinpasste.
Amy tippte ihr auf die Schulter. „Willst du etwas essen?“
„Essen?“ Gedankenverloren starrte Jean sie an. „Oh ja, gern.“
„Dann komm!“ Amy lächelte auf ihre eigene, einnehmende und bezaubernde Art und Jean fragte sich, ob es jemals etwas geben könnte, das diesem Mädchen die Laune verdarb. Auf eine ihr nicht zu erklärende Weise fühlte sie sich zu Amy hingezogen. Vielleicht konnten sie ja doch Freundinnen werden.
„Guten Abend ihr beiden!“, sagte in dieser Sekunde eine tiefe, lächelnde Männerstimme und die beiden Mädchen fuhren herum.
„Oh! Guten Abend, Chris!“ Mit einer eifrigen Handbewegung deutete Amy auf ihre neue Nachbarin. „Darf ich vorstellen? Das ist Jean, die Tochter von Doktor van Haren. Chris McKinley, einer unserer Cowboys.“
Er drückte Jean kurz die Hand und lächelte ihr höflich zu. „Freut mich. Seit einem halben Jahr ist die Familie, die drüben in der alten Porter-Hütte einzieht, Gesprächsthema Nummer eins! Ich hoffe, du wirst hier ein schönes Jahr erleben!“
Jean nickte ihm schüchtern zu. „Das hoffe ich auch.“
Der Cowboy lächelte höflich und nachdem von Jean kein weiterer Satz kam, wandte er sich Amy zu und begann mit ihr über deren Schimmelstute zu plaudern und fachzusimpeln.
Jean hörte nicht richtig zu. Wozu auch? Sie verstand nichts von Pferden und deshalb auch die Hälfte des Gesprächs nicht. Stattdessen gab sie vor, wieder den tanzenden Paaren zuzusehen. In Wirklichkeit jedoch wanderten ihre Augen immer wieder nach links, zu dem jungen Mann hinüber.
Chris McKinley war sechsundzwanzig Jahre alt, über einsachtzig groß und im Vergleich zu den anderen, meist schlaksigen Männern, die auf der Ranch arbeiteten, muskulöser und kräftiger gebaut. Sein pechschwarzes, kurzes Haar und seine braungebrannte Haut wollten nicht recht zu den auffällig hellbraunen Augen passen, die unter den dichten, dunklen Brauen hervorblickten. Sie schienen von derselben Farbe zu sein, wie der Sand der Prärie, hell und klar, manchmal wie Bernstein und mit einem dunkleren Rand umgeben, absolut einmalig. Seine Züge waren kantig, nicht außergewöhnlich gutaussehend und meistens spielte ein feines, kaum erkennbares Lächeln um seine zartgeschwungenen Lippen, jedoch lag in seiner Art etwas Ernsthaftes, fast Grüblerisches. Ohne sich dessen bewusst zu sein, zog seine eigenartige, schwer beschreibbare Ausstrahlung Jean völlig in den Bann: Einerseits umgab ihn etwas Geheimnisvolles, Distanziertes, schon Zurückhaltendes, andererseits jedoch war deutlich spürbar, dass er einen starken Willen besaß und genau wusste, wie er diesen durchzusetzen vermochte.
Als er sich jetzt von Amy verabschiedete, zwang Jean sich, ihren Kopf schnell beiseitezudrehen. Sie hielt es jedoch nur wenige Sekunden aus, dann blinzelte sie vorsichtig zurück nach ihrer linken Seite – der Cowboy war verschwunden. Beinahe enttäuscht nahm Jean einen großen Schluck von der Bowle.
„Oh je!“, hörte sie da Amy neben sich aufstöhnen. „Jetzt kommt auch das noch!“ Sie deutete zu dem niedrigen Podest, auf dem die Musiker saßen und das nun der Bürgermeister Silvertowns bestiegen hatte. Die Melodie brach ab und die tiefe, durchdringende Stimme Stevie Bentleys übertönte sämtliche anderen Geräusche. „Ruhe bitte! Darf ich einen Moment um Ruhe bitten!“
Tatsächlich trat in kurzer Zeit neugierige Stille im Wohnraum ein. Alle Blicke richteten sich gespannt auf den Bürgermeister, der noch einmal tief Luft holte, ehe er zu einer zehnminütigen Begrüßungsrede ansetzte, in der er weit ausschweifend alles zum Besten gab, was er bis dato über die Familie van Haren wusste. Immer wieder ging ein leises Tuscheln und Wispern durch die Zuhörer und mit einem Mal fühlte Jean sich beobachtet und wie zur Schau gestellt. Ihre Eltern warteten gleich neben dem Podest auf das knapp gefasste Ende ihres Lebenslaufs und betonten ihre Zusammengehörigkeit: Matthews Arm lag auf der beneidenswert schmalen Taille seiner Frau, während Rachel scheinbar unsagbar glücklich in die Runde lächelte.
„Da sieht man, was ein glückliches Ehepaar ist!“, hörte Jean hinter sich eine Frau flüstern und sie musste sich zusammenreißen, um nicht laut aufzulachen. „Und das dort hinten ist ihre jüngste Tochter – was für eine Schönheit, nicht wahr?“
Ach ja, dachte Jean und ihr Herz wurde von einem langen Dolch durchbohrt. Jetzt stehe ich hier, komme mir vor wie ein Fremdkörper und werde noch nicht einmal als die andere Tochter erkannt...wie immer eben, wenn Patty dabei ist. Alle haben nur Augen für sie und bewundern ihr makelloses Aussehen. Und ich? Was ist mit mir? Was kann ich dafür, dass ich nicht so aussehe wie Mom?!
Das Selbstmitleid überkam Jean, wie so häufig in solchen Momenten und überschattete für einige Minuten alle anderen Gefühle. Es war ihr unmöglich, sich auf die Worte des Bürgermeisters zu konzentrieren. Der kurze Applaus der Gäste ließ sie erschrocken zusammenzucken und sagte ihr, dass die Rede zu Ende sein musste. Stevie Bentley überließ das Podest wieder den Musikern, die sofort zum nächsten Lied ansetzten und keine Minute später war die Stimmung wieder so ausgelassen wie zuvor.
Am anderen Ende des Raums stand Patty van Haren umringt von jungen Männern und jugendlichen Vertretern ihres Alters. Auch einige Mädchen hatten sich neugierig zu ihr gesellt, um von ihr zu erfahren, wie sie lebte und wie es so war, dort drüben im „guten alten London“. Noch nie hatte Patty sich so außergewöhnlich und von Gott bevorzugt empfunden, wie an diesem Abend. Sie lachte kokett und warf die Haare zurück, während sie unbemerkt von Zeit zu Zeit ihr Aussehen in einer der Fensterscheiben überprüfte, in denen sie die Reflektion ihrer eigenen Schönheit bewundern konnte.
„Wie groß ist euer Haus in London?“, wollte eines der Mädchen nun wissen.
„Wir haben kein Haus“, berichtigte Patty, einer Schullehrerin nicht unähnlich, jedoch mit gekonnt süßlichem Unterton. „Wir bewohnen eine Villa. Das ist ein großer Unterschied!“
„Ach ja?“, fragte das Mädchen ahnungslos und runzelte die Stirn. „Ist das nicht dasselbe?“
„Nicht wirklich“, entgegnete Patty allmählich ungeduldig. Wozu sollte sie sich mit so einem Dummkopf abgeben und ihr wäre fast eine schnippische Bemerkung entfahren, hätte sich nicht in dieser Sekunde einer der Cowboys zu ihnen durch die Menge geschoben und lauthals verkündet: „Ja, sieh einer an! Welch eine Überraschung!“
Patty erstarrte, entsetzt über das, was ihr Gedächtnis ihr verriet. Sie kannte den Kerl, dem diese Stimme gehörte! Oh, Himmel hilf, ja, sie kannte ihn! Zuerst färbten sich ihre Wangen rot, dann weiß und schließlich noch röter als zuvor. Nur mit größter Vorsicht wagte sie es, den jungen Mann hinter sich anzusehen. Seine weißen Zähne blitzten, während er sie frech angrinste und seine Schadenfreude nicht verbergen konnte. Jetzt, nachdem er keinen Hut trug, leuchtete sein rotblondes Haar im Licht der Deckenlampen intensiver als sonst und die spitzbubenhafte Ausstrahlung seines Gesichtes kam noch deutlicher zur Geltung.
„Nach der ersten Abweisung bist du mir jetzt wenigstens einen Tanz schuldig!“, entschied er und nahm Patty ihr Glas weg, um es einem der Jungs in die Hand zu drücken. „Hoffentlich komme ich jetzt dazu, mich in aller Ruhe vorzustellen: Trey Stockley. Guten Abend, Patricia! Schön, dich unter anderen Umständen wiederzusehen! Junge Lady – darf ich bitten?“
Ehe sie protestieren konnte, hatte er schon seinen Arm um ihre Taille gelegt und sie auf die Tanzfläche, zwischen die anderen Paare dirigiert.
„Was soll denn das jetzt wieder?“, fragte der Junge, einzig das Glas in der Hand haltend, das ihm von seiner Auserkorenen noch geblieben war. „Kann Trey sich nicht einmal um seine eigenen Angelegenheiten kümmern?!“
„Das ist doch typisch!“, erwiderte eines der Mädchen und rümpfte die Nase. „Trey kennt doch jedes Mädchen im Umkreis von fünfzig Meilen, sagt mein Vater immer! Warum also sollte er Patty nicht auch schon irgendwo vorher getroffen haben?“
Währenddessen hatte der junge Cowboy längst angefangen, Patricia van Haren zu einem Tanz zu zwingen.
„Aber…“, stammelte Patty, völlig überrumpelt. „Das können Sie doch nicht machen!“
„Wieso nicht?“ Trey war nicht von seiner Idee abzubringen. „Ach ja, was ich dich unbedingt noch fragen wollte: Bist du noch überfallen worden? Hat womöglich ein Indianerhäuptling an deine Tür geklopft oder ein wilder Bär um Honig gebettelt? Davon gibt es eine Menge hier draußen, musst du wissen. Sie sind ganz leicht an ihrem Lätzchen zu erkennen, das sie um den Hals gebunden haben!“ Er schien seinen eigenen Witz äußerst lustig zu finden, denn er lachte laut auf.
Patty starrte ihn finster an. Sein sarkastischer Ton weckte den Trotz und vor allem den Zorn in ihr. „Danke der Nachfrage! Es ist wirklich unglaublich, was sich hier in der Gegend für Gestalten herumtreiben!“
„Oh ja!“ Trey mimte den Fassungslosen. „Dafür hat mein Gedächtnis tatsächlich wieder seinen Dienst angetreten und mir verraten, weshalb ich mir den erfreulichen Besuch bei euch angetan habe!“
„So? Interessiert das noch irgendjemanden?“
„Aber natürlich, mich!“ Er grinste frech. „Dan, das ist unser Vormann…du weißt, was ein Vormann ist? Warte, wo steckt er denn? Vorhin…“
„Ich bin bereits im Bilde, wer dieser Dan ist!“ Patty stieß einen ungeduldigen Ton hervor.
„Schön! Jedenfalls hat er mich in unser aller Namen beauftragt, eine anständige, wohlerzogene und nicht ganz unvermögende Arztfamilie, die sich in der bescheidenen Porter-Hütte niedergelassen hat, in unserem schmutzigen, einsamen Land willkommen zu heißen!“
„Seltsam, dass hier überhaupt jemandem auffällt, wenn ein Mensch sich gepflogen benehmen kann!“
„Na, na!“ Versöhnlich verzog Trey sein Gesicht zu einem gutgläubigen Schmunzeln. „Nicht gleich so empfindlich, kleine Engländerin!“
„Mein Name ist Patricia Lorena van Haren! Mir scheint, das haben hier noch mehr Leute nicht mitbekommen! Andere Titel trage ich nicht!“
„Oh ja! Verzeihung! Selbstverständlich!“ Er tat, als fiele ihm das erst jetzt wieder ein. Sie tanzten eine Weile schweigend miteinander, wobei Patty darum bemüht war, weiterhin hervorragend auszusehen, auch wenn sie innerlich kochte vor Wut.
„Übrigens“, hörte sie ihn da sagen. „Was die Sache mit dem Gewehr angeht, musst du noch jede Menge lernen…kleine Engländerin!“
Patty schnappte nach Luft und versuchte, sich von ihm loszureißen, doch er hielt sie fest. Es gab kein Entkommen, bis zum Ende des Liedes. Hätte sie doch jetzt eines zur Hand gehabt, hätte sie bloß, ihm wäre das Witze reißen schon vergangen! Wäre da nicht ihre aristokratische Einstellung gewesen und die Tatsache, dass ihre Mutter ihr zusah, sie hätte ihm hier, vor allen Leuten, eine Ohrfeige verpasst.
Der darauffolgende Sonntag...
Der darauffolgende Sonntag zeigte sich von seiner schönsten Seite und präsentierte den Anwohnern von Silvertown und Umgebung warmes, trockenes Frühjahrswetter, was nicht unbedingt typisch und selbstverständlich war für diese Jahreszeit.
Den Vormittag verbrachten Jean und Patty gleichermaßen damit, unzählige Briefe an all ihre Freunde zu Hause und an Louisa zu schreiben. Während Jeans Briefe sachlich und eher nüchtern formuliert waren, darauf bedacht, die tatsächlichen Geschehnisse zu schildern, waren Pattys gespickt mit Vorwürfen und Bezeugungen ihres Frusts, dass sie gefangen war in diesem Land, welches sie bereits jetzt verabscheute.
Währenddessen dröhnte das Klopfen von Matthews Hammer nervtötend durch das Haus. Er hatte sich daran gemacht, den Gartenzaun zu reparieren, damit – zumindest in seiner Vorstellung – Rachel dort Gemüse und Blumen anpflanzen konnte, während neben Jeans Schlafzimmerfenster noch ein Rosenspalier platziert werden sollte.
Das junge Mädchen seufzte, während ihr gedankenverlorener Blick an der braunen Holzwand hinter ihrem Schreibtisch hing. Wie es wohl weitergehen würde, hier, in diesem so völlig fremden Land? Ob Patty und ihre Mutter sich irgendwann beruhigen würden oder ob es nun ein ganzes Jahr lang mit dem Streit und den ständigen Vorwürfen gegen ihren Vater weiterging? Jean ertrug diesen Unfrieden nur schwer und sie sehnte sich nach einer ruhigen Ecke, in die sie sich zurückziehen konnte. Das Klopfen an ihrer Zimmertür riss sie unsanft aus den Gedanken und schon streckte ihr Vater den Kopf herein. Sie hatte nicht bemerkt, wie schnell die Zeit vergangen war und dass er seine handwerkliche Tätigkeit für heute beendet hatte.
„Bist du beschäftigt?“, wollte er wissen.
„Der letzte Brief ist fertig“, erwiderte Jean und deutete auf einen kleinen Stapel Briefumschläge.
„Oh!“ Verdutzt trat Matt ein. „Ist das etwa alles?“
„Habe ich jemanden vergessen?“ Jean begriff nicht.
„Ah ja“, machte ihr Vater gedehnt und nickte kurz. „Deine Schwester wird mich mit Portokosten arm machen, wenn es so weitergeht…“
„Mom macht sich wohl schon für die Stadtführung beim Herrn Bürgermeister schick“, vermutete Jean, worauf Matthew schnell nickte. „Ja, ja, wir fahren bald!“
„Dann werde ich wohl auch mal zusehen, ob ich etwas Passendes finde, um mich dort blicken lassen zu können.“ Sie stand auf und öffnete den schmalen Kleiderschrank, in dem ihre Garderobe, die sie mitgebracht hatte, nur mit Mühe Platz fand. „Nicht, dass Mom sich wieder für mich schämen muss…“
„Warte einen Moment.“
Ein wenig erstaunt drehte Jean sich um. Irgendetwas ging wieder einmal vor sich, sie spürte es genau.
„Weißt du, ich hatte mir das ein wenig anders vorgestellt.“ Schon den ganzen Vormittag war Matthew damit beschäftigt gewesen, sich die richtigen Worte zurechtzulegen. Immerhin musste er darauf gefasst sein, sich nicht nur von seiner jüngeren Tochter, sondern auch von Rachel zusammenstauchen lassen zu müssen. Deshalb hatte er sich dazu entschieden, zuerst an Jeans Zimmertür zu klopfen, da er sie in dieser Hinsicht für die Vernünftigste seiner Damen hielt und womöglich auch als seine Verbündete gewinnen konnte.
„Na ja, reden wir nicht lange um die Sache herum: Deine Mutter und ich gehen alleine zu Mr. Bentley.“
„Oh!“ Jeans dichte Augenbrauen schwangen nach oben. „Und was passiert mit mir und Patty?“
Matt schluckte. „Ich habe mir gedacht, dass es euch nur langweilen würde, so ein Kaffeeklatsch unter Erwachsenen. Du weißt schon, Politik und so weiter und deshalb habe ich für euch einen viel besseren Aufenthalt heute Nachmittag gefunden!“
Jean schwieg. Mit jedem Wort wuchs ihre Vermutung, was ihr Vater geplant hatte und sie malte sich bereits die Reaktion ihrer Schwester aus.
„Nachdem ihr beide ja noch etwas über dieses Land lernen sollt, habe ich mir überlegt, dass es doch das Beste ist, wenn ihr als erstes einmal unsere schöne Gegend hier kennenlernt“, begann er hastig, um ja nicht unterbrochen zu werden. „Und wer könnte das wohl besser, als jemand, der hier ansässig ist?“
Ahnungsvoll legte Jean den Kopf schief und schürzte die Lippen. „Du erwartest doch nicht, dass Patty von dieser Idee begeistert sein wird?“
„Ich habe keine Ahnung, was Amy und ihr Vater mit euch vorhaben“, gestand Matthew. „Ich möchte dich einfach nur bitten, darauf aufzupassen, dass deine Schwester sich benimmt!“
„Amy?“ Ein Lächeln hob Jeans Mundwinkel. „Dann wird es bestimmt sehr nett werden…jedenfalls für mich.“
Matthew brachte seine beiden Töchter im Wagen hinüber auf die Ranch. Patty sprach kein Wort seit der Abfahrt, während Jean sich keine Mühe gab, ihr Freude zu verbergen, die neuen Nachbarn wiederzusehen. Sie stiegen vor den Stufen der Veranda aus, wo Amy sie schon begrüßte. Wie immer war die Rancherstochter bester Laune und strahlte von einem Mundwinkel zum anderen.
„Ich gehe wieder an meine Arbeit“, erklärte Ben Arkin, als Matthews schwarzer Jeep um den Waldrand verschwunden war und wandte sich zum Gehen. „Falls ihr Probleme habt, weißt du, wo du mich findest!“
Seine Tochter nickte. „Keine Sorge, Daddy!“ Sie wandte sich wieder ihren beiden Gästen zu. Ein wenig kritisch glitt ihr Blick über Patty hinweg, die ein kurzes, geblümtes Kleid mit farblich abgestimmten Ballerinas trug.
„Hast du keine anderen Sachen zum Anziehen? Irgendetwas Altes? Du wirst dir dein schönes Kleid ruinieren!“
Empört verschränkte das vierzehnjährige Mädchen die Arme vor der Brust und betrachtete die Rancherstochter mit verächtlich gerunzelter Stirn. Amy steckte in ausgewaschenen Bluejeans, Cowboystiefeln und einer grünen, altmodischen Strickjacke.
„Etwas, das bei uns alt genannt wird, landet im Mülleimer und wird nicht mehr dazu verwendet, andere Leute zu erschrecken!“, erwiderte sie kühl und warf den Kopf zurück. Ihr schönes Gesicht glühte vor Entrüstung. Sie wollte einfach nur fort von hier und deshalb sah sie auch gar nicht ein, weshalb sie etwas anderes tun sollte, als Gift und Galle zu spucken. „Der grüne Wollsack stammt wohl noch aus der Zeit vor dem Krieg?“
„Patty!“ Entgeistert starrte Jean ihre jüngere Schwester an. Sie war schon immer davon überzeugt gewesen, dass Patty ein Miststück sein konnte, hatte dies jedoch bislang um des lieben Friedens Willen als Gerücht erachtet. Wie kam sie dazu, gegenüber der Tochter ihres Gastgebers so unverschämte Reden zu führen?!
Amy unterdrückte ihren aufsteigenden Ärger und deutete zum Pferdestall hinüber. „Komm. Vielleicht kannst du mir dann zeigen, wie du mit diesem Kleid im Sattel sitzen willst!“ Kopfschüttelnd ließ sie die beiden Engländerinnen stehen.
Eine Sekunde starrte Patty ihr fassungslos hinterdrein. Sie empfand ihr Erscheinen nicht als ungewöhnlich. Ihre Schwester dagegen, natürlich, hatte sich gleich dem gängigen Modetrend angepasst und sich zu einer Jeanshose hinreißen lassen. Dazu dieses scheußliche, altbackene Hemd, das sie aussehen ließ wie eine Schulmamsel…nun ja, es war wohl eindeutig, wer von ihnen beiden hier Flair und Chic besaß.
„Sattel?“, wiederholte das schöne, junge Mädchen plötzlich, während ein Ruck durch ihren Körper ging. „Wieso Sattel?“
„Halt endlich deinen Mund!“, zischte Jean ärgerlich. „Kannst du dich nicht wenigstens ein bisschen zusammenreißen? Was sollen sie von uns denken? Dass wir eingebildete, verzogene Gänse sind?“
Gleichgültig zuckte Patty die Schultern. „Sollen sie doch denken, was sie wollen. Ich werde mich garantiert nicht auf das Niveau dieser Bauerntölpel begeben!
Jean fiel dazu nichts mehr ein. Sie ließ ihre kleine Schwester stehen und lief stattdessen hinter Amy her, in Richtung Pferdestall.
„Was hast du denn mit uns vor?“, fragte sie höflich, als sie die Rancherstochter eingeholt hatte.
„Ich wollte euch eigentlich die Ranch zeigen, aber deine Schwester hat ja anscheinend keine Lust dazu!“, blaffte Amy sie an, ganz offensichtlich gekränkt.
„Doch, doch“, verteidigte Jean hastig ihre jüngere Schwester, die demonstrativ gelangweilt hinter ihnen her geschlendert kam. „Sie hat nur schreckliches Heimweh!“
Amy verdrehte die Augen. „Von mir aus. Deshalb braucht sie sich trotzdem nicht wie eine Prinzessin zu benehmen!“
Jean seufzte innerlich, denn im Grunde genommen hatte Amy ja recht. Nur leider war es unmöglich, Pattys Selbstüberschätzung und Selbstverliebtheit soweit einzudämmen, dass sie nicht dauernd an allem etwas herumzumäkeln hatte. Sie hörte auf niemanden, manchmal auf Rachel, aber auch nur, wenn es ihr in den Kram passte und schon gar nicht auf ihre große Schwester und je länger der Nachmittag fortschritt, desto schlimmer wurden Jeans Befürchtungen betreffend seines Ausgangs.
Das doppelflüglige Tor zum Pferdestall stand weit offen und bis auf einige wenige standen sämtliche Verschläge leer. Die meisten Pferde durften den Sonntagnachmittag beim Grasen auf den riesigen Koppeln verbringen.
Die weiße Schimmelstute im ersten Verschlag der linken Seite schob den Kopf neugierig über die halbhohe Türe und prustete laut durch die dunklen Nüstern.
„Na, meine Kleine?“ Zärtlich schob Amy ihr eine Karotte zwischen die Lippen, die sie in ihre hintere Hosentasche geklemmt hatte. „Jetzt machen wir einen Ausflug.“ Sie deutete auf einen kleinen, braunen Wallach in der nächsten Box und eine dicke, scheckige Stute dahinter. „Die zwei könnt ihr haben. Sind beide ganz brav und zuverlässig. Die Sättel hängen drüben in der Scheune, wir nehmen die Pferde mit und satteln sie dort.“
Patty war mittlerweile bei ihnen angekommen. „Was soll ich denn mit diesem Vieh?“ Angeekelt trat sie einen Schritt zurück. Sie hatte die Stallgasse noch nicht einmal betreten, sondern wartete Naserümpfend im offenen Tor.
„Na, was glaubst du wohl, macht man in der Regel mit einem Pferd?“ Amy schien allmählich die Geduld zu verlieren.
Entsetzt stieß Patty einen kurzen Schrei aus. „Ha! Reiten! Ich! Sehe ich etwa so aus?!“
„Nein, offen gestanden nicht“, gab Amy unumwunden zu und seufzte resigniert. „Und jetzt sag mir bloß noch, du kannst gar nicht reiten?“ Die Tatsache, dass jemand nicht wusste, wie man auf einem Pferd saß, erschien ihr unbegreiflich.
Patty lächelte mitleidig. „Bei uns in England gibt es bereits modernere Fortbewegungsmittel – sie nennen sich Autos. Außerdem: Pferde haaren, beißen, schlagen, machen Arbeit und das Schlimmste: Sie stinken!“
Als wollte sie ihre Stute schützen, baute Amy sich vor dem Verschlag auf. „Wie kannst du es wagen, in meiner Gegenwart so über die edelsten Tiere dieser Erde zu sprechen?!“
„Meine Güte! Woher soll ich denn wissen, dass du sie zu deinem engsten Freundeskreis zählst?!“, konterte Patty herablassend und machte ein böses Gesicht.
Jean bemühte sich, ruhig zu bleiben. Am liebsten hätte sie ihre kleine Schwester erwürgt! Sie mochte Amy. Die Amerikanerin zog sie auf eigenartige Weise in ihren Bann. Es faszinierte sie, wie jemand so frei und ungebunden leben konnte, mitten im Nichts dieser Prärie. Wild und ungezähmt schien sie zu sein, ohne eine herrschsüchtige Mutter und einen untergebutterten Vater, der lieber klein beigab, als seine eigenen Wünsche durchzusetzen. Alles an Amys Leben schien Jean erstrebenswert und fremdartig und ihre unsägliche, arrogante, kleine Schwester musste alles gleich wieder kaputtmachen!
„Schön“, seufzte das amerikanische Mädchen nun, müde vom ständigen Gezeter ihres Gastes und griff nach dem Halfter an der Türe der zweiten Box. „Dann fahren wir eben mit der Kutsche.“
„Davon wird mir bestimmt schlecht!“, beschwerte sich Patty prompt und verzog den Mund.
„Jetzt bist du aber ruhig!“, schnauzte Jean sie an und ballte die Fäuste. „Sonst erzähl ich Mom heute Abend, dass du ein Scheusal warst und unseren Namen überhaupt nicht verdient hast!“
Das half, jedenfalls vorübergehend. Verschnupft wandte Patty sich ab und stolzierte über den Hof davon, um sich an einem der Zäune demonstrativ gelangweilt anzulehnen und nichts weiter zu tun, als ein hübsches Bild abzugeben.
„Kann ich dir helfen?“, fragte Jean, so freundlich wie sie es nur zustandebrachte. Sie wurde das Gefühl nicht los, das Benehmen ihrer Schwester wieder gutmachen zu müssen.
„Nein, nein.“ Amy lächelte schon wieder. „Ich mache das jeden Tag. Wenn es dich interessiert, zeige ich’s dir bei anderer Gelegenheit mal.“
Jean verstand. Sie nickte eifrig. „Au ja, das machen wir!“
Geübt streifte Amy dem Rotbraunen die Lederriemen über den Kopf und führte ihn zum Stall hinaus, hinüber zur Scheune. Sie legte dem Pferd ein Geschirr an, das für Jean nur wie ein Haufen ungeordneter Lederstränge aussah. Als das Mädchen dann einen zweirädrigen Sulky aus der Scheune holte, war Patty bereits wieder zur Stelle und runzelte bedenklich die Stirn.
Sie betrachtete die dünnen Speichen der Räder. „Damit sollen wir fahren? Beim ersten Schlagloch sitzen wir in der Wiese oder auf was soll ich mich vorbereiten?“
Inzwischen hatte Amy den Wagen mit dem Pferdegeschirr verbunden und kletterte auf den Sitzbock. „Ich habe nichts dagegen, wenn du deine Figur trainieren und nebenher rennen willst!“ Sie nahm die Zügel auf.
„Schon gut, schon gut!“, lenkte Patty hastig ein. Jean kletterte dank ihrer Jeanshose ungehindert hinauf auf die Kutsche. Patty bemühte sich, eine besonders gute Figur zu machen beim Aufsteigen. Kaum, dass sie halb oben war, schnalzte Amy jedoch mit der Zunge und der Wallach zog an, woraufhin Patty unsanft auf den Sitz zurückgeworfen wurde.
„Auch auf eine Kutsche steigen will gelernt sein“, gluckste die Rancherstochter jetzt und ihr war anzuhören, dass sie sich das Lachen kaum verkneifen konnte.
„Es hat eben nicht jeder die Ehre, unter solch primitiven Bedingungen großzuwerden und sich in solchen Dingen zu üben!“, erwiderte Patty wütend und verschränkte die Arme trotzig vor der Brust.
Amy lenkte den Dunkelbraunen den Feldweg entlang, hinaus in die Prärie. Am Waldrand bog sie nach links ab und sie folgten einem kaum erkennbaren Pfad über die grasbewachsene, grüne Ebene. Der Sulky gab bei jedem Stein und jeder Unebenheit wippend nach, was Patty dazu veranlasste, ängstlich auf den Boden rechts unter sich zu starren, der im Trabtempo des Rotbraunen an ihr vorbeizog. Ihre Schwester dagegen schien kein Unbehagen zu kennen. Sie strahlte über das ganze Gesicht und betrachtete nach allen Seiten wie hypnotisiert die Landschaft.
„Sind durch dieses Gerüttel deine Gesichtsmuskeln schon gelähmt?“ Pattys schnippische Stimme riss Jean aus ihrer konzentrierten Observation der Umgebung. Ihr gefiel es hier.
„Nein, warum?“
„Dann solltest du deinen Mund wieder zumachen. Das sieht hässlich aus!“
Amy rief ihnen zu: „Wir haben einen herrlichen Wald, mit sehr vielen verschiedenen Baumarten und dahinter liegt ein wunderschönes Felsental, wo wir prima reiten können!“
„Danach habe ich mich schon immer gesehnt!“, entfuhr es Patty sarkastisch.
Amy schwieg verletzt und lenkte den Wallach sicher nach links, in einen schmalen Weg zwischen den Büschen am Waldrand hinein; sie ließ ihn langsamer werden. Die hohen, großzügig verteilten Bäume des Mischwaldes sprossen im ersten Grün des Jahres und ein Schwarm Vögel zwitscherte munter in den Ästen. Plötzlich rutschte es Amy unbedacht heraus: „Warum musst du eigentlich so eingebildet und ekelhaft sein?“
Zornig richtete Patty sich auf und löste ihre verkrampften Finger von der sicheren Lehne. „Ich bin weder das eine, noch das andere, verstanden?! Ich hasse ganz einfach dieses Land! Ich hasse die Leute hier, ich hasse eure Sitten und ich hasse es, dass ich hier sein muss! Begreifst du denn nicht, dass es auch Menschen gibt, die nichts von alternativen Lebensgewohnheiten, irgendwo im Urwald zwischen Rindviechern und stinkenden Gäulen halten? Das Leben findet woanders statt!“
„Ach ja?“ Allmählich was das Ende von Amys Geduldsstrang erreicht. „Das ist immer noch Einstellungssache, wenn ich mich nicht täusche!“
„Allerdings! Und meine Einstellung weiß, was sie will!“
„Dann bin ich ja bloß gespannt, wie das zukünftig in der Schule wird! Vielleicht kannst du ja die anderen mit deinem Luxuswahn beeindrucken!“
„Als eine van Haren brauche ich überhaupt niemanden zu beeindrucken! Es reicht völlig aus, diesen Namen zu tragen! Und im Übrigen tut es mir leid für dich, wenn du nicht weißt, was ein schönes Leben bedeutet!“
Amy lachte spöttisch auf. „Pah! Der Ruf der berühmten Familie van Haren aus London ist bis in unsere Provinzschule doch noch gar nicht durchgedrungen! Damit kannst du hier niemanden für dich gewinnen!“
Der Wald lichtete sich und ein breiter Sandweg schlängelte sich um unzählige, mannshohe Felsbrocken, zwischen denen hin und wieder Dornensträucher wucherten. Amy ließ den Rotbraunen jetzt nur noch Schritt gehen.
„Was deine einfältigen Mitschüler wissen oder nicht, interessiert mich nicht die Bohne!“ Pattys Stimme überschlug sich beinahe, so trieben die Konter der Rancherstochter sie zur Weißglut. „Außerdem ist es doch kein Geheimnis, inwieweit ihr Amerikaner in solchen Dingen ungebildet seid! Also, woher soll das einer wissen?“
„Du wagst es, dermaßen abfällig über mein Volk zu sprechen?!“
„Was glaubst du, was ich nicht noch alles wage?“ Patty fühlte sich in ihrem Element und ihr fiel ein Ausspruch ihrer Mutter ein: „Bildung und Entwicklung sind das halbe Leben! Und was veranstaltet ihr hier? Anstatt eure Zeit in die Zukunft zu investieren, hinkt ihr euren Vorfahren und Traditionen hinterher! Fortschritt heißt das Zauberwort und du schaukelst uns hier mit einer Kutsche spazieren!“
„Wie und womit wir unsere Zeit verbringen, bleibt immer noch uns selbst überlassen!“
„Nicht, wenn es um das Wohl der gesamten Weltbevölkerung geht! Und nicht, wenn du von mir erwartest, ich soll den ganzen Quatsch auch noch mitmachen!“
„Das habe ich nie behauptet!“
„Oh doch! Du verstehst meine Einstellung nicht und ich habe nicht vor, mich jemals näher mit deinem Unsinn zu beschäftigen!“
„Oh!!!“ Unbeherrscht kreischte Amy auf. „Was glaubst du eigentlich, ist an deiner Meinung so besonders? Dass dir nur oberflächliche Dinge wie Geld, Luxus und die neusten Modetrends wichtig sind?! Dass du deine freie Zeit auf Bällen und Empfängen verplemperst, wo vermutlich genau die gleichen, stumpfsinnigen, aufgetakelten Weiber unterwegs sind, wie du und deine Mutter?!“
„Das war von dir ja nicht anders zu erwarten! Wenn man selbst aussieht wie eine entflohene Buschhexe, ist es nicht schwer, einen gepflegten Menschen zu beneiden!“ Angewidert zupfte Patty über Jean hinweg an Amys tannengrüner Strickjacke. „Mit viel Glück verwechselt dich irgendwann einer eurer billigen Kuhtreiber mit einem morschen Baum und fällt dich!“
„Das sind keine billigen Kuhtreiber!“, verteidigte Amy die Angestellten ihres Vaters. „Sie sind Teil unserer Familie!“
„Ach?“ Patty lachte herablassend auf. „Tatsächlich? Vielleicht verwandeln sie sich ja nachts in die Revolverhelden aus euren Westernfilmen und überfallen die Bank in der Holzbudenstadt, was?!“
„Silvertown ist ein historisch vielbedeutender Ort!“ Amys Kopf hatte eine hochrote Farbe angenommen und Jean fragte sich, wann der Zeitpunkt gekommen wäre, da sie explodieren würde.
„So einen Blödsinn habe ich mein Leben lang noch nicht gehört!“, ereiferte sich Amy weiter. „Wovon, glaubst du, leben wir eigentlich?“
„Das ist mir so gleich, als ob du morgen von deinem Gaul fällst! Aber wenn ich dich so anschaue, frage ich mich das ehrlich gesagt auch!“
„Nicht jeder legt Wert darauf, mit ein paar Dollarscheinen herumwedeln zu können! Du beweist wieder einmal, wie unglaublich schwachsinnig ihr reichen, verwöhnten, verweichlichten Sesselhocker doch alle miteinander seid! In erster Linie ernährt uns die Rinderzucht und dann der Tourismus, aber dafür müssen wir eben hart arbeiten! Eine Ranch zu betreiben ist nicht dasselbe, wie bei Papi auf den Schreibtisch zu klopfen und treue Augen zu machen, weil er dann schon mit dem Geld herausrückt!“
„Ah! Ich verstehe!“ Zufrieden lehnte Patty sich zurück. „Du bist neidisch, weil dein Vater kein reicher, angesehener Arzt ist! Weil er selber auch nichts weiter ist, als ein stinkender, billiger Kuhhirte!“
„Hoo!“ Amy ließ den Wallach anhalten, dessen Blick schon irritiert zu ihnen nach hinten gerichtet war. Er begriff nicht, was das laute Geschrei zu bedeuten hatte.
„So redet keiner ungestraft über meinen Vater!“ Die Rancherstochter sprang so heftig auf, dass der Sulky gefährlich schaukelte.
„Doch, ich!“, brüllte Patty zurück. „Ihr glaubt doch alle noch daran, dass die Maschinen euch nicht eines Tages ersetzen könnten! Irgendwann braucht man Leute wie dich und deinen Vater überhaupt nicht mehr!“
Das war zuviel – Amy packte das andere Mädchen über Jean hinweg beim Jackenkragen, die erschrocken beiseiterutschte.
„So einen ausgeschämten, überheblichen und voreingenommenen Waschlappen wie dich…“
Mit aller Gewalt versuchte Patty, sich aus dem Griff zu befreien, doch es gelang ihr nicht. Unbeherrscht holte sie aus – eine schmerzhafte Ohrfeige traf die linke Wange der Rancherstochter. So schnell sie konnte, sprang Patty vom Sulky, um weiteren Angriffen zu entgehen, doch der Sand war weich und rutschig und ihre Ballerinas nicht für solchen Boden geeignet – sie verlor das Gleichgewicht und im nächsten Moment spürte sie schon, wie Amy ihren rechten Arm von hinten zu packen versuchte.
„Noch nie ist mir jemand begegnet, der so gemein sein kann, wie du!“, schrie das amerikanische Mädchen ihr unbeherrscht ins Ohr. Sie besaß mehr Kraft, als Patty ihrer kleinen, rundlichen Figur zugetraut hatte und nur durch einen harten Tritt in die Kniekehlen gelang es ihr, sie abzuschütteln.
„Wenigstens darf ich mir etwas darauf einbilden!“ Patty wollte über das andere Mädchen hinwegsteigen, doch da hatte sie Amy unterschätzt: Gerade noch fühlte sie die harten Stiefel schmerzhaft gegen ihr rechtes Schienbein donnern, ehe sie der Länge nach in den regendurchnässten Sand fiel. Ihr neues Kleid! Alles war schmutzig!
„Du glaubst wohl, dass ich bei euren primitiven Problemregelungen nicht mithalten kann?“, kreischte sie.
„Das kannst du auch nicht!“ Jetzt war Amy es, die nicht mit Patty gerechnet hatte.
Das vierzehnjährige Mädchen packte sie an den Schultern und drückte sie mit aller Kraft zu Boden, doch die Rancherstochter war stärker. Unter Jeans fassungslosem Blick, die mittlerweile ebenfalls von der Kutsche gestiegen war und das Schauspiel entgeistert verfolgte, wälzten sich die beiden Mädchen auf der Erde. Keine wollte aufgeben und jede ließ ihren Zorn an der anderen aus, aber allmählich ließen Pattys Kräfte nach und sie konnte die heftigen, hasserfüllten Schläge kaum noch abwehren. Sie musste von hier fort!
„Na, warte!“, stieß sie unbeherrscht hervor und schlug mit letzter Kraft ihre Faust gegen Amys Stirn. Mit einem Aufschrei rutschte das andere Mädchen beiseite und gab Patty für eine Sekunde frei. Die genügte ihr. Eilig sprang sie auf, taumelte ein paar Schritte vorwärts, um dann so gut es ihr auf dem nassen Boden möglich war, davonzurennen. Sie wagte einen kurzen Blick über die Schulter zurück, der sie dazu veranlasste, das letzte aus sich herauszuholen.
Mühsam und ein wenig benommen erhob sich Amy vom Erdboden und Patty lief, so schnell sie es nur vermochte. Sie hörte eine heisere, schluchzende Stimme hinter sich her brüllen: „Wir beide sind noch nicht fertig, darauf kannst du dich verlassen!“
Im Laufen wandte Patty sich kurz um und schrie zurück: „Ja, erzähl’ nur alles deinem Daddy! Der wird dir dann schon helfen!“
Sie rannte weiter, so schnell sie in ihren Ballerinas konnte und verschwand hinter dem nächsten Strauch und dem darauffolgenden Hügel.
Noch immer wie gelähmt, verharrte Jean neben der Kutsche. Sie konnte nicht glauben, was soeben geschehen war. Was war nur in ihre kleine Schwester gefahren?! Die Tracht Prügel hatte sie sich wahrlich verdient.
Amy trottete mit hängendem Kopf, über und über mit nassem Sand bedeckt zu ihr hinüber. Sie bedachte Jean keines Blickes, sondern ging zu dem Pferd vor dem Sulky, um es an der Stirn zu streicheln.
„Es…es tut mir so leid“, stammelte Jean und fühlte, wie sie rot anlief. Wie sehr schämte sie sich für das Verhalten ihrer Schwester und es gab doch keine passenden Worte, die ihr einfielen und die ein solches Benehmen irgendwie gerechtfertigt hätten. Es war nicht zu entschuldigen und das wussten sie beide in diesem Moment.
„Schon gut“, erwiderte das amerikanische Mädchen leise und nickte ihr zu. „Komm, ich bringe dich nach Hause.“
Das Arbeitszimmer des Ranchbesitzers lag nach Westen, was bedeutete, dass er seine Tochter, die hastig den Sulky verräumte und das Pferd zu den anderen auf die Koppel brachte, nicht entdecken konnte, solange er an seinem Schreibtisch gegenüber der Fensterfront saß. Sollte er allerdings etwas aus einem der Bücherregale benötigen, hatte er durch die beiden Fenster, die zum Hof hin zeigten, einen weiten Überblick.
All das schoss Amy nun durch den Kopf, während sie auf Zehenspitzen die beiden schmalen Stufen zum Vorbau hinauf schlich. Sie kannte die Holzbohlen seit ihrer Kindheit auswendig, die unter ihrem Gewicht knarrten. Zwei große Schritte und die Haustüre war erreicht. Ganz behutsam drehte sie den Knauf herum und schob die schwere Eichentüre gerade soweit auf, dass sie hineinschlüpfen konnte. Drinnen war alles still. Ihre Haushälterin hatte heute frei und ihr Vater arbeitete konzentriert an seiner Monatsabrechnung. Die Tür zu seinem Arbeitszimmer stand offen und jetzt konnte Amy ihn zwischen Papier und Ordnern rumoren hören.
Auf einmal rollte der Schreibtischstuhl scheppernd zurück und laute Schritte näherten sich dem Aktenschrank. Entsetzt ließ das Mädchen die Tür ins Schloss fallen, ungeachtet des erzeugenden Knalls und stürzte zur Treppe. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend raste sie zur Hälfte hinauf, bis von unten ein Aufschrei ertönte: „Amy! Du bist ja schon zurück! Wo willst du denn hin?!“
Verwundert stand Ben Arkin im Türrahmen seines Arbeitszimmers, die Hände in den Hosentaschen vergraben, wie meistens, wenn er sie gerade nicht benötigte. Seine Augen weiteten sich – das war tatsächlich seine Tochter, die dort, über und über verdreckt, auf den Stufen stand und zu ihm hinabstarrte.
„Du hast mir nicht zufällig etwas zu berichten? Ich meine nur, es hat mir so den Anschein…“ Abwartend legte er den Kopf schief und bemühte sich dabei um eine möglichst strenge Miene.
Hin und her gerissen verharrte Amy noch eine Weile regungslos auf der Stelle. Egal, was sie tun würde, es war immer falsch. Langsam drehte sie sich vollends um und kam die Treppe wieder herab, den Kopf tief gesenkt.
„Wie siehst du denn aus? Ist der Wallach etwa mit euch durchgegangen?“
Bei dieser Vorstellung musste Amy schmunzeln: „Durchgehen? Der alte Woody?“ Sie traute sich nicht, ihrem Vater in die Augen zu sehen.
„Hmm.“ Ein wenig besorgt fasste Ben das Kinn seiner Tochter und zwang sie, den Kopf zu heben. „Du siehst ja schlimmer aus, wie einer der Männer nach einer Prügelei!“
Amy hatte noch keine Gelegenheit gehabt, die blauen Flecken, das geschwollene linke Auge und den breiten, blutverschmierten Kratzer quer über ihrer rechten Wange im Spiegel zu bewundern. Sie schämte sich furchtbar für das, was passiert war und sie wusste, dass ihr Vater ihr Verhalten niemals tolerieren würde, wo er doch immer so stolz auf seine brave, wohlerzogene Tochter war. Sie konnte sich selbst nicht erklären, wie das Ganze überhaupt erst hatte derart ausufern können.
„Wir…“ Sie stockte und schluckte. „Na ja, wir hatten nur ein paar kleine Meinungsverschiedenheiten.“
„Wer? Etwa du und die Van-Haren-Mädchen?“
Verzweifelt warf Amy den Kopf zurück. „Nur mit der einen, Patty! Du kannst dir ja überhaupt nicht vorstellen, wie sie in Wahrheit ist!“ Tränen brannten in ihren Augen. „Sie ist eine Hexe! Ein Biest!“
Sprachlos starrte Ben seine Tochter mit offenem Mund eine lange Minute an. „War das denn wirklich nötig?“
Eine Träne kullerte Amy über die Wange. „Ich hasse dieses Miststück! Ich hasse sie! Und ich will sie nie wiedersehen! Einer der Männer kann ihr das Land zeigen! Vielleicht ärgern die sich lieber mit ihr herum oder sie versohlen ihr gleich den Hintern!“
„Na, na!“ Besänftigend wollte Ben sie in den Arm nehmen. „Sie braucht vermutlich nur etwas Zeit, um sich einzugewöhnen.“
Verletzt über sein Unverständnis stieß Amy ihn zurück und warf sich auf dem Absatz herum.
„Ach was! Das einzige, was sie braucht, ist eine ordentliche Tracht Prügel!“ Sie stürmte die Treppe hinauf in ihr Zimmer und knallte die Tür mit einem Schlag, der das ganze Haus erzittern ließ, hinter sich zu.
Ben blickte ihr kopfschüttelnd nach. So ganz konnte er das Geschehene noch immer nicht in vollem Ausmaß begreifen. Na, die Tracht Prügel hat sie, wie mir scheint, ja schon bekommen!
* * *
Leise rumpelnd und schaukelnd rollte die überdachte, vierrädrige, von zwei hellbraunen Pferden gezogene Kutsche über den schmalen Pfad im Präriegras. Auf den beiden hintereinander angebrachten Sitzbänken fanden jeweils zwei Personen Platz. Das schwarze Leder war bereits abgegriffen und zeugte von der jahrelangen, häufigen Nutzung. Gekonnt lenkte Ben die beiden Pferde den grasüberwucherten Weg entlang. Wann immer es ihm die Zeit und das Wetter erlaubten, spannte er seine Pferde vor einen der Wagen. Immer, wenn die Nachbarrancher ihn damit sahen, lächelten sie ihm ein wenig verständnislos hinterdrein – und stiegen in ihre Autos. Ben dagegen bevorzugte seine historischen Kutschen statt der Motorengeräusche. Ihm fehlte das Gefühl der Verbundenheit zu seinem Land, wenn er hinter dem Steuer des Wagens saß. Er hatte im Alter von fünf Jahren sein erstes Gespann gelenkt und die Zügel in seinen Händen schienen mit ihnen verwachsen zu sein, so sauber und fein gab er den Pferden die nötigen Hilfen.
Seit sie die Ranch verlassen hatten, schwieg Amy hartnäckig. Sie hatte sich trotzig auf dem Sitz neben ihrem Vater zusammengekauert und die Unterlippe nach vorn geschoben – ein sicheres Zeichen, dass sie beim geringsten Anlass ihrem Unmut Luft machen würde.
Irgendwann hielt Ben das angespannte Schweigen nicht länger aus. „Erzähl mir doch mal, wie es heute in der Schule gewesen ist“, schlug er vor und lächelte seine Tochter aufmunternd an.
„Das fragst du sonst nur, wenn Klausuren anstehen“, erwiderte Amy patzig und richtete sich auf. „Da vorn ist eine geeignete Stelle zum Wenden!“
„Wir werden nicht umdrehen.“
„Ich habe immer geglaubt, du könntest mich verstehen! Aber jetzt – nach allem, was passiert ist, auch noch das!“ Düster und vorwurfsvoll starrte Amy ihren Vater an.
„Wieso bist du in dieser Angelegenheit nur so stur?“, wollte Ben wissen und trieb die Pferde mit leisem Schnalzen an.
„Das, was ich bisher von Miss Patty van Haren kennengelernt habe, genügt mir vollkommen!“, erwiderte Amy mit Nachdruck. „Ich will sie niemals wiedersehen, außer, es lässt sich nicht vermeiden – wie in der Schule! Aber das habe ich dir ja schon alles erklärt!“
Kopfschüttelnd nahm Ben die Zügel in eine Hand, während die beiden Hellbraunen ruhig voran trabten. „Du hast doch gesagt, ihre Schwester sei ganz in Ordnung?“
„Jean? Ja, ich glaube, mit der könnte man auskommen.“
„Dann gib Patty doch auch noch eine Chance!“
„Patty ist eine verrückte Halbwilde, die sich einbildet, die geborene Prinzessin dieser Erdkugel zu sein!“
„Na, na!“ Beschwichtigend hob Ben die Hand. „Kannst du nicht verstehen, was in ihr vorgehen muss?“ Er machte eine kurze Pause, ehe er betont eindringlich fortfuhr: „Sie wird gegen ihren Willen, wie ich vermute, aus allem herausgerissen: Aus ihrem Zuhause, ihrer Schule, ihrem Freundeskreis…und kurzerhand hierher umgesiedelt, ob sie das wollte oder nicht! Wahrscheinlich ist ihr Verhalten nur eine Art Schutzmaßnahme. Sie fühlt sich bei uns unwohl und fremd, vielleicht auch allein gelassen – und das nicht nur von ihren Eltern. Sie hat hier ja niemanden!“
„Du kannst leicht reden! Du hast sie ja nicht erlebt!“, widersprach Amy verbissen. „Sie ist ganz einfach oberflächlich und bösartig!“
Ben seufzte. Es würde keine leichte Aufgabe werden.
Lustlos und mit halbgeschlossenen Lidern lag Patty auf dem dunkelroten Ledersofa und starrte in den Fernsehapparat, der in der Ecke des Raums auf einem Schränkchen stand. Wenigstens an diese Anschaffung hatte ihr Vater gedacht. Die Qualität der laufenden Bilder ließ allerdings sehr zu wünschen übrig – die Antenne auf dem Hausdach empfing die Signale auf solch weite Entfernung zur Sendeanstalt nur mit flimmernden Unterbrechungen. Irgendeine Nachrichtensendung lief soeben und der Sprecher erzählte von den Ergebnissen der letzten Baseballspiele. In der Küche wusch ihre Schwester gerade klappernd das Geschirr, wobei sie ein Lied völlig falsch und sehr laut trällerte.
„Du störst meine Fernsehsendung!“, schrie Patty nach einer Weile. „Wenn du schon singen musst, dann mach’s wenigstens draußen in dieser Pampas, wo dich niemand hört!“
Sie hatte noch eine angebrochene Tüte Kartoffelchips vom Vorabend gefunden, über die sie sich hermachte. Immer eine ganze Hand voll schob sie sich davon in den Mund. Sie schmeckten nicht einmal besonders, aber immerhin stellte das Essen eine Beschäftigung dar. Ach, nun folgte die bekannte Wettervorhersage und was kam danach? Irgendeine Serie, wenn sie sich recht erinnerte, doch die Stimme des Sprechers wurde durch lautes Pochen an der Haustür unterbrochen. Erschrocken ließ Patty die Tüte zu Boden fallen und verschluckte sich gleichzeitig an den Krümeln in ihrem Mund. Hustend und schimpfend kroch sie vom Sofa und wischte ihre fettigen Finger an dem einzigen Gegenstand ab, der gerade greifbar war: Ihrer teuren, schwarzen Satinhose. Erneut wurde von außen heftig geklopft, diesmal ungeduldiger.
„Ja, ja!“, rief Patty genervt. Eigentlich wollte sie niemanden sehen, denn sie und Jean waren wieder einmal alleine und sie verspürte wenig Lust auf Gesellschaft. Dennoch riss sie die Tür auf. Vor ihr stand, höflich lächelnd und den grauen Cowboyhut in der Hand, Ben Arkin und eine lange Minute starrte Patty ihn fassungslos an. Völlig verworrene, unzusammenhängende Gedanken durchzuckten sie und intuitiv legte sie den Kopf schief. Sie erwartete eine Zurechtweisung und mächtig Ärger wegen des vergangenen Nachmittags.
„Hallo Patricia!“, begrüßte der Rancher sie übertrieben fröhlich und nickte ihr zu. „Weil heute so herrliches Wetter ist, dachten Amy und ich, wir zeigen dir und deiner Schwester heute gemeinsam ein wenig unsere Ranch!“
Patty starrte ihn an, als wäre er nicht ganz bei Trost. Ihre Augen glitten hinüber zu dem zwei Jahre älteren Mädchen, das noch immer auf dem Kutschbock verharrte und den Blick stur auf das quietschende Windrad gerichtet hielt.
„Ich glaube, ich habe von Ihrer holden Ranch mehr als genug gesehen, vielen Dank“, erwiderte Patty mit einem Blick, als spräche sie zu einem geistig Verwirrten. Ausgerechnet in dieser Sekunde erschien ihre große Schwester hinter ihr und Patty hätte sie am liebsten dafür erwürgt. Sie rollte die Augen.
„Wer ist es denn? Oh, Mr. Arkin!“ Erfreut lächelnd lief Jean von der Küchentür herüber und schüttelte ihm die Hand. „Das ist ja schön. Kann ich Ihnen etwas anbieten?“
„Nein, nein“, versicherte Ben. „Ich bin mit Amy gekommen, um euren gestrigen Ausflug fortzusetzen.“
„Wirklich?“ Jean warf einen langen Blick zu der Rancherstochter hinüber, die noch immer, wie eine Statue, auf der Kutsche verweilte und konnte nicht verhindern, dass ihr Herz einen freudigen Sprung machte. „Dann können Sie mir ja vielleicht ein paar Rinder zeigen!“
„Natürlich!“ Ben lächelte. „Wir haben ja eine Menge davon!“
„Danke“, mischte Patty sich wieder ein, mehr als nur abgeneigt. „Mein Bedarf an Kühen ist gedeckt! Außerdem…“ Sie trat schutzsuchend einen Schritt zurück. „Unsere Eltern müssten bald zurückkommen. Sie sind nur kurz nach Summersdale etwas Essbares besorgen. Ich will nicht, dass sie sich Sorgen machen.“
„Das dürfte das kleinste Hindernis sein“, entgegnete Ben Arkin unnachgiebig. „Schreib’ ihnen einen kurzen Zettel!“ Nachdenklich glitt sein Blick über Pattys Kleidung hinweg. „Es könnte ein wenig staubig werden…“
„Ich schreibe schnell einen!“, rief Jean und lief zurück ins Haus, um nach Papier und Stift zu suchen. Der Blick ihrer Schwester, der ihr folgte, hätte sie auf der Stelle tot umfallen lassen müssen.
„Scheinbar muss ich meine Planungen für heute Nachmittag nun doch über den Haufen werfen“, stieß Patty hervor, ohne ihre Lustlosigkeit und den Ärger darüber zu verbergen. Wirklich geplant hatte sie ja im Grunde genommen nichts – außer vor dem Fernseher zu liegen, aber eine weitere Fahrt in die Prärie war das Letzte, was sie brauchte! Weshalb konnte ihre Schwester sich nicht einfach aus allem heraushalten? Nur ihretwegen sah sie sich jetzt gezwungen, schon wieder auf dieses schauklige Gefährt zu steigen!
„Los, hast du nicht gehört?“, stupste Jean sie im selben Moment auch schon an. „Zieh dich um, wir warten auf dich!“
Sie lief hinaus zur Kutsche, um Amy zu begrüßen. Patty schnitt eine Grimasse und verschwand für ein paar Minuten in ihrem Zimmer, um danach in einer marinefarbenen Baumwollhose und einem schicken, cremefarbenen Pullover zurückzukommen.
Inzwischen hatte Amy sich mit Jean auf die hintere Sitzbank verdrückt und Patty durfte nach vorn, neben Ben auf den Kutschbock steigen. Ungeschickt hangelte sie sich hinauf und setzte sich, ohne sich anzulehnen, kerzengerade auf den Rand der Bank.
„Na, worauf warten wir noch? Bringen wir’s hinter uns!“, stieß sie ungeduldig hervor, als der Rancher nicht sofort losfuhr. Er betrachtete sie einen Moment gedankenverloren, ehe er mit der Zunge schnalzte und die Zügel auf die Kruppen der beiden Pferde fallen ließ. In langsamem Trab rollten sie in die Prärie hinaus.
„Ihr habt sicherlich noch nie eine Rinderherde in freier Wildbahn gesehen“, brach Ben nach einer knappen Viertelstunde das beharrliche Schweigen seiner Begleiterinnen.
„Bei uns gibt es nur normale Kühe“, lautete die bissige Erwiderung des vierzehnjährigen Mädchens neben ihm. „Und die stehen in Ställen…soviel ich weiß.“
„Nein, haben wir noch nie!“ Jean beeilte sich, eine höfliche Bemerkung dazwischenzurufen. Sie wollte auf keinen Fall, dass Ben Arkin den Eindruck bekam, sie wäre ebenso arrogant und unleidig wie ihre kleine Schwester. Sie interessierte sich tatsächlich für das Leben hier draußen. Es war so ganz anders als alles, was sie bislang gesehen hatte. Alles hier roch nach Freiheit und Abenteuer und nach einem genau gegensätzlichen Leben zu dem, was sie seit ihrer Geburt erfahren hatte. Hier galten andere Werte, da zählte nicht das Geld auf dem Konto, die teuren Kleider oder das Auto in der Garage, um angesehener Bürger zu sein.
„Wir fahren jetzt hinaus auf die Ostweide“, fuhr Ben seine Erläuterungen fort. „Die Tiere sind auf mehrere, kleinere Gruppen verteilt, damit das Weideland optimal genutzt werden kann. Außerdem ist es leichter, den Touristen dann etwas zu erklären und zu zeigen. Viele wollen ja unbedingt mithelfen und bei einer einzigen großen Herde ist das recht schwierig. Die, zu der wir jetzt dann gleich kommen werden, umfasst etwas dreihundert Mutterkühe mit ihren Kälbern. Jetzt im Frühjahr gibt es immer jede Menge zu tun, vor allem, bevor in Silvertown die Touristensaison am ersten Mai beginnt. Bis dahin müssen alle wichtigen Arbeiten erledigt sein, denn vor Oktober kommt man dann zu keinen großartigen Aktionen mehr. Touristen sind manchmal ganz schön anstrengend!“
Spöttisch verzog Patty das Gesicht und verschränkte die Arme. „Gott sei Dank ist mir dieser der Teil der Menschheit bisher erspart geblieben!“
Ben Arkin fiel keine passende Erwiderung ein. Mit einem fragenden Blick drehte er sich zu seiner Tochter um, die ihm ein triumphierendes, schadenfrohes Lächeln zuwarf.
Jean dagegen ließ ihren Blick über die braune Ebene schweifen. Sie hatte keine Ahnung, wo sie sich im Moment befanden. Weit hinter ihnen lag der Wald und vor ihnen schien nichts weiter zu kommen, als eine von sanften Hügeln und einzelnen Sträuchern zersetzte Grasebene, die erst am Fuß einer Gebirgskette endete. Von der Kuppe des nächsten Hügels aus hatten sie einen weiten Blick über das dahinterliegende, langgestreckte grüne Tal, in dem – noch weit entfernt und nur als winzige Punkte erkennbar – die Rinderherde graste.
Der Ranchbesitzer versuchte, Patty auf andere Weise ein kleines Gespräch zu entlocken: „Welche Hobbys hast du denn bei dir Zuhause betrieben?“
„Hobbys?“, wiederholte das junge Mädchen verständnislos und zitierte ganz von selbst ihre Mutter: „Die Zeit eines Menschen besteht nicht darin, sie mit sinnlosen Beschäftigungen totzuschlagen. Vielmehr ist es von großer Bedeutung, wenn man schon etwas unternehmen möchte, sich immer im Rahmen seiner gesellschaftlichen Stellung zu bewegen.“
Ben starrte sie mit seinem typisch ernsten Gesicht ungläubig an, ehe er kurz den Kopf schütteln musste. „Es bleibt jedem selbst überlassen, womit er seine Lebenszeit verbringt. Für die einen sind Modeschauen, Bälle oder andauernde Partybesuche eben Zeitverschwendung und für die anderen nicht.“
„Schön“, erwiderte Patty schnippisch. „Dann hätten wir das ja endlich geklärt!“
Sie erreichten die Herde einige Minuten später und näherten sich bis auf wenige hundert Meter. Dort qualmte, neben einem abgestorbenen, halbvermoderten Baumstumpf, ein kleines Feuer und zwei Männer liefen in der Nähe umher.
„Hoo!“ Ben hielt die beiden Hellbraunen an und zog die Handbremse an.
Schmollend, ihm nicht mit ihren Ausführungen imponiert zu haben, lehnte Patty gleichgültig über der Armlehne. Einige Männer ritten mit ihren Pferden um die Herde herum und passten auf, dass die Tiere nicht nach einer Seite ausbrachen, während andere die jungen Kälber mit dem Lasso herausfingen.
„Jetzt im Frühjahr müssen wir alle neugeborenen Rinder brennen“, fuhr Ben mit seinen Erklärungen fort, noch immer geduldig und kletterte vom Kutschbock. „Wir haben hier in der Gegend kaum Stacheldraht und meine beiden Nachbarn und ich werden auch nicht mehr als irgendnötig aufstellen. Wir sortieren im Herbst lieber die Rinder, die uns nicht gehören, wieder heraus. Schon aus Sicherheitsgründen für die Tiere und bisweilen auch für ungeschickte Touristen. Aber deshalb ist es wichtig, dass jedes Tier seinen Brand trägt. Nachdem um diese Jahreszeit jeden Tag neue Kälber geboren werden, ist das immer ziemlich viel Arbeit für die Männer!“ Amy und Jean waren bereits von der Kutsche gesprungen. Energisch gab Ben Arkin seinem jüngsten Gast einen Wink. „Rinder brennen ist eine der wichtigsten Arbeiten eines Cowboys!“ Er lächelte stolz. „Aber dafür habe ich auch weit und breit die besten, die man sich als Rancher wünschen kann.“
„Dafür werden Sie von Ihnen ja wohl auch bezahlt, nicht wahr?! Ich habe trotzdem nicht vor, einer zu werden!“, fuhr Patty ihn ungehalten an, rutschte aber doch mit vorsichtigen Verrenkungen vom Wagen, da sie auf keinen Fall alleine zurückbleiben wollte. Es konnte ja passieren, dass die Pferde am Schluss noch mit ihr durchgingen! Eine düstere Miene machend vergrub sie ihre Hände in den Hosentaschen und folgte Ben in einigem Abstand.
Amy und Jean waren ihnen bereits vorausgelaufen und standen nun bei den Männern. Der eine war Trey Stockley und der andere der Vormann.
„Na, kleiner Teufel?“, neckte der rotblonde junge Mann die Rancherstochter und kniff ihr spielerisch mit zwei Fingern in die Wange.
„Du bist schon wieder ganz schön frech!“, wehrte das Mädchen ab und schlug mit der flachen Hand nach ihm.
„Tss…eine Laune ist das heute!“ Er wandte sich an Jean. „Na, mal zuschauen, was wir so treiben den ganzen Tag?“
„Ich habe so etwas noch nie gesehen!“ Jean strahlte und hüpfte wie ein kleines Kind vor Aufregung auf der Stelle. „Das ist alles so spannend hier!“
„Deine Schwester scheint da anderer Meinung“, erwiderte Amy mit einem Seitenblick auf Patty, die langsam mit Ben zu ihnen herübergeschlurft kam.
„Ich weiß.“ Jean seufzte. Warum musste Patty ihr nun schon wieder den Nachmittag verderben? „Sie war schon immer etwas kompliziert.“
„Hey!“, mischte sich Dan in dieser Sekunde streng ein und verpasste Trey einen Schlag auf den Rücken. „Sobald du den Rindviechern beigebracht hast, sich selber zu brennen, kannst du von mir aus deine Mittagspause verlängern!“ Er deutete mit dem Daumen hinter sich.
In diesem Moment kam Chris McKinley auf seinem weißen Wallach mit den kaum sichtbaren, hellen Flecken angetrabt. Er schleifte ein, sich mit allen Kräften zur Wehr setzendes, bockendes Kalb am Lasso hinter sich her.
„Diese Viecher machen mich noch wahnsinnig!“, rief er. „Das ist jetzt erst das zweite! Heute sind sie sowas von stur und widersetzlich!“
„Wenn du weniger danebenwerfen würdest, ginge es auch schneller!“, kommentierte Trey, frech grinsend.
Chris bedachte ihn mit einem vielsagenden, säuerlichen Blick, während er aus dem Sattel sprang und dem Vormann dabei half, das Kalb zu Boden zu ringen. Mit beiden Knien drückte Dan es auf die Erde.
„Jetzt pass auf!“, sagte Ben zu Patty, die drei Schritte neben ihm stand, als Trey sich nun nach dem im Lagerfeuer liegenden, glühenden Brandeisen bückte. Befremdet beobachtete sie, wie er prüfte, ob es heiß genug war.
„Na, sieh einer an!“, entfuhr es Chris in dieser Sekunde und er lachte leise auf. „Unserem Gast wird doch nicht etwa schwindlig werden?“
Tatsächlich hatte Pattys Gesicht eine merkwürdig blasse Farbe angenommen. Kichernd wandte sich Trey zu ihr um. „Rinderbrennen ist wahrscheinlich nichts für zarte, englische Gemüter!“
„Red’ nicht so viel, brenn’ lieber endlich das Kalb, bevor es sich die Sache anders überlegt!“, fuhr Dan ihn unwirsch an, konnte sich ein Schmunzeln über Pattys böse Blicke aber nicht verkneifen.
Trey seufzte und wandte sich abrupt wieder in die andere Richtung, das heiße Eisen noch immer in der Hand.
„Aaaah!“ Mit einem gellenden Schrei sprang der Vormann auf die Beine. „Doch nicht mich! Das Kalb, du Idiot!“, brüllte er, sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Hintern reibend. Muhend und bockend, mit einer gewandten Bewegung das Lasso von seinem Hals streifend, sprang das braun-gefleckte Kalb auf und raste zur Herde zurück.
„Nun ist es weg“, meinte Amy bedauernd und blickte zu Chris hinüber. Schuldbewusst lächelnd zuckte Trey die Schultern. „Das kann passieren!“
„Na, prima!“ Ärgerlich schlug Chris sich mit der Hand den Oberschenkel. „Und wer darf es jetzt wieder einfangen? Ich natürlich!“
„Ganz ruhig!“ Beschwichtigend hob der Vormann die Arme. „Noch tut mir der Hintern weh! Und jetzt steig’ wieder auf deinen Gaul und hol’ dieses Mistvieh zurück!“
Zornig brauste Chris auf: „Was kann denn ich dafür wenn dieser zweitklassige Handlanger noch immer nicht weiß, wie man Kühe brennt?“
„Das verbitte ich mir!“, protestierte Trey verschnupft. „Immerhin bist du schon länger hier und ich befinde mich noch in der Lernphase!“
Mit vor den Mund gepresster Hand stand Amy neben ihrem Vater und schaffte es nur mit Mühe, das Lachen zu unterdrücken. Kopfschüttelnd schloss Ben für einen Moment die Augen.
„Kindsköpfe“, knurrte er, seine Mundwinkel zuckten jedoch verräterisch.
Jean hatte die Szene belustigt beobachtet. Sie lächelte vor sich hin, ohne eine Bemerkung dazu zu machen. Ihre stille, zurückhaltende Art hinderte sie daran, einen Scherz darüber zu machen, dass das Kalb nun entwischt und dem Vormann ein Loch in die Hose gebrannt war. Sie fühlte sich noch fremd und neu und wollte nicht gleich einen schlechten Eindruck hinterlassen. Außerdem war da wieder dieser Chris McKinley, von dem sie kaum die Augen abwenden konnte.
„Welch außergewöhnliche Cowboys Sie haben, Mr. Arkin!“, hörte sie in diesem Augenblick ihre Schwester sticheln. Ihr Tonfall verriet den innerlichen Triumph, den sie empfand. Patty hatte den Satz absichtlich laut ausgesprochen und prompt wirbelte Trey ärgerlich herum.
„Hör zu!“, blaffte er das junge Mädchen ungehalten an. „Vielleicht bin ich kein so gescheites, gebildetes Köpfchen wie du, ja, von mir aus! Aber daherkommen, noch nie eine Kuh gesehen haben und mir dann schlaue Ratschläge erteilen wollen…“ Drohend schwang er das Brandeisen neben sich in der Luft. „Wenn du willst, darfst du gleich als nachweislich zugehöriges Rind der Arkin Ranch deinen Artgenossen da drüben Gesellschaft leisten! Ich kenne da zufällig jemanden, der mir liebend gerne dabei zur Hand gehen wird!“
„Trey!“, ermahnte sein Arbeitgeber ihn halbherzig.
Empört stapfte Patty mit dem Fuß auf den Boden, ähnlich einem trotzigen, kleinen Kind. „Ich will auf der Stelle zurück! Hier herrschen Sitten und ein Benehmen, wie bei den schlimmsten, primitivsten Urvölkern!“ Sie warf dem jungen Cowboy einen hasserfüllten Blick zu. „Jetzt ist mir endgültig klar geworden, dass bestimmte Berufsgruppen nicht ganz zurechnungsfähig sind!“
„Jetzt hör’ doch endlich auf, dich wie ein Idiot zu benehmen!“ Jeans Geduld mit ihrer kleinen Schwester war nun ebenfalls zu Ende. „Mr. Arkin war so freundlich, uns mit hierher zu nehmen. Mit Kühen kann eben mal etwas schiefgehen, das sind Tiere! Wieso musst du dich einmischen?!“
„Ich sehe, du fühlst dich hier bereits heimisch. Das freut mich für dich. Dann hast du ja auch endlich passenden Anschluss gefunden. Du wirst aber auch entschuldigen, wenn ich nichts in dieser Richtung vorhabe!“
Außer sich über eine derartige Unverschämtheit, lief Patty zur Kutsche zurück. Es war endgültig genug! Nicht eine Sekunde blieb sie länger hier und setzte sich irgendwelchen ungeahnten Gefahren aus! Wer wusste, wozu diese Kerle tatsächlich fähig wären?!
Mit einem vorwurfsvollen Blick auf Trey vergrub der Ranchbesitzer seine Hände in den Hosentaschen. Resignierend verzog er das Gesicht und rang sich dazu durch, Pattys Wunsch nachzugeben.
„Hä?“, machte Dan und begriff nicht ganz, während er den Brandschaden an seiner Bluejeans begutachtete. „Was hat sie eben gesagt?“
„Sie hat uns hiermit alle für verrückt erklärt“, half Chris ihm schmunzelnd auf die Sprünge und griff nach den Zügeln seines Pferdes.
Aufmunternd klopfte Amy dem Vormann auf die Schulter. „Manchmal ist es für einen selbst besser, wenn man nicht alles versteht!“
„Ich sollte mich wohl an solche Auftritte gewöhnen, wie?“, vermutete Dan ahnungsvoll.
„Wenn du dich nicht auch irgendwann mit ihr prügeln willst, wäre das kein übler Einfall!“
Außer ein paar wenigen, belanglosen Worten zwischen Ben Arkin und seiner Tochter verlief die Rückfahrt schweigend. Im Innenhof der Strauchansammlung angelangt, sprang Patty wortlos und ohne sich zu verabschieden vom Wagen. Der Jeep ihres Vaters stand bereits neben dem halbverfallenen Schuppen, der nach der Restauration einmal eine Garage werden sollte. Jean blieb noch einige Sekunden auf der Bank neben Amy sitzen.
„Mr. Arkin?“
„Ja?“ Ben drehte sich gedankenverloren zu ihr um. Er musste seine Ansicht revidieren und sich wohl oder übel dem Urteil seiner Tochter anschließen. Im Gegensatz zu ihm, hatte sie die jüngere der beiden Arzttöchter sofort richtig eingeschätzt.
„Es tut mir sehr leid, wie meine Schwester sich heute wieder benommen hat.“ Sie schluckte und atmete tief durch. Ihr Herz raste aus Furcht vor seiner Reaktion. „Auch für ihr Benehmen von gestern möchte ich mich entschuldigen.“
„Dafür musst du dich doch nicht entschuldigen!“, rief Amy fassungslos. „Du hast doch nichts gemacht!“
Jean lächelte vorsichtig. „Wenn ich darf, würde ich trotzdem gerne zu Ihnen kommen und mir das reiten zeigen lassen. Ich wollte schon immer reiten lernen!“
Ben erwiderte ihr Lächeln und zwinkerte. „Jean, du bist jederzeit herzlich auf der Arkin Ranch willkommen!“
Auf den Koppeln...
Auf den Koppeln des Waldeinschnitts genossen kleine Pferdeherden ihre Freiheit und knabberten das junge, dank das beginnende Frühjahrs, sprießende Präriegras. Gemächlich drehten sich die Flügel des Windrades in der kühlen, böigen Spätnachmittagsbrise und schienen den nicht allzulang zurückliegenden Winter noch mit sich zu tragen. Der Geländewagen stand nicht, wie sonst, neben dem Ranchhaus und eine entspannte Ruhe lag über der tropfenförmigen Schneise. Nur im runden Pferch, zwanzig Schritte neben der Scheune, standen drei Männer. Ein hübscher, zierlicher Braunscheckwallach tänzelte unruhig um Dan herum, während Trey versuchte, das Tier am Halfter festzuhalten. Ärgerlich tippte der Vormann dem jungen Cowboy auf die Schultern.
„Wäre es eine zu anstrengende Aufgabe für dich, ihn für fünf Sekunden zu beruhigen? Dann könnte ich das Seil heute noch dort befestigen, wo es hingehört!“
Mit hochrotem Kopf bemühte Trey sich um kurzes, ruhiges Stillstehen des jungen, unausgebildeten Pferdes.
„Aus dem wird höchstens mal ein Männerpferd!“, keuchte er und hängte sich mit seinem ganzen Körpergewicht an den Führstrick.
Blitzschnell hakte Dan das lange Seil an der Metallöse ein und in beinahe demselben Augenblick den Führstrick aus. Sofort suchte der Braunschecke das Weite und begann ganz von selbst, ohne Aufforderung, im Galopp seine Runden am Zaun des Pferchs entlang zu drehen.
Mit einem geistesgegenwärtigen Sprung rettete Trey sich vor dem erregten Pferd auf den hohen Lattenzaun und machte es sich auf der obersten Stange gemütlich. Ein wenig außer Atem schob er sich den hellbraunen, verstaubten Hut aus der Stirn.
„Man könnte nicht meinen, dass der hier der erste für heute ist.“
Chris McKinley, der außerhalb des Zauns lehnte und alles genau verfolgt hatte, grinste belustigt: „Na, es wird ja für heute auch der letzte sein, wenn ich so auf die Uhr schaue“, entgegnete er zuversichtlich und versetzte Trey einen spielerischen Schlag gegen die Schulter. „Dann kannst du dich von deiner anstrengenden Aufgabe erstmal wieder erholen!“
Die Ironie in seiner Stimme ärgerte Trey. „Hey! Keine derartigen Witze gegenüber seinen besten Freunden, ja? Außerdem will ich etwas dazulernen, bezüglich dem Zureiten junger Pferde. Dan kennt noch die alten Traditionen, die will ich auch beherrschen.“
„Hört, hört! Welch weise Worte aus deinem Mund!“ Chris lachte auf und legte sein Kinn auf die Unterarme, die er auf der oberste Zaunlatte gestützt hatte. „Da musst du dir von unserem Boss aber noch eine Menge zeigen lassen!“
„Wieso nur ich?“ Entrüstet boxte ihm Trey den Ellenbogen zwischen die Rippen. „Du bist auch nicht perfekt! Wenn ich mir deinen Gaul manchmal ankucke…“ Er vollendete den Satz mit einem leisen Pfiff.
„Ich weiß. Er ist noch lange nicht so gut, wie er als Arbeitspferd sein sollte“, gab Chris zu und seufzte. „So, jetzt hoffe ich, dass meine Reitschülerin bald kommt!“
„Welche Reitschülerin?“ Fragend zog Trey die Brauen hoch.
„Mich erwartet heute Abend noch Arbeit!“
„Mich nicht mehr!“ Voller Vorfreude rieb Trey sich die Hände und zwinkerte seinem Kollegen übermütig zu. „Mich armen, einsamen Cowboy empfängt später nämlich noch die entzückende, kleine Tochter unseres allseits hochgeschätzten Hotelbesitzers zum Essen!“
„Dann lass dich bloß nicht von ihrem Alten erwischen!“ Chris beobachtete unaufhörlich den Vormann im Pferch, der mit fast unsichtbaren Zeichen und Handbewegungen und einem beneidenswerten Fingerspitzengefühl das junge, aufgeregte Pferd dazu bewegte, sich immer mehr auf ihn zu konzentrieren und das Tempo zu verlangsamen.
„Du weißt, was mit Lucys letztem potentiellen Verehrer passiert ist, der dem werten Herrn Vater nicht gepasst hat?“, fügte Chris seelenruhig hinzu.
„Hör auf“, befahl Trey. „Das ist mir gleich! Außerdem gehöre ich nicht zur Sorte der potentiellen Verehrer!“
Der schwarzhaarige Cowboy grinste. „Entschuldigung! Ich habe ja völlig vergessen: Du gönnst dir nur mal eine Abwechslung zu deinem eigenen, einsamen Bett!“
„Hast du schlechte Laune, weil der alte Mann dich heute Morgen in sein Büro zitiert hat?“
Als „den alten Mann“ bezeichneten die Männer, mehr freundschaftlich und respektvoll, ihren Arbeitgeber.
„Hmm.“ Chris’ Gesicht verzog sich geheimnisvoll. „Er hat jemand für eine besonders heikle Aufgabe gesucht.“
Neugierig drehte Trey sich auf der Zaunlatte herum. „Aha! Und dafür sucht er sich ausgerechnet dich aus? Da wäre ich doch genau der Richtige gewesen!“
Der Jeep ihres Vaters rollte die Straße entlang. Er hatte sich gerne dazu breitschlagen lassen, seine ältere Tochter zur Ranch hinüberzufahren. Sie trug ihre neuen Bluejeans, ein kariertes Hemd, genau wie Amy es besaß und nagelneue Cowboystiefel. All das hatte Matthew ihr zur ersten Reitstunde geschenkt.
Aufgeregt rutschte Jean auf ihrem Sitz hin und her. Ihre erste Reitstunde, endlich! Schon als kleines Kind hatte sie davon geträumt, einmal auf dem Rücken eines Pferdes sitzen zu dürfen, aber das wäre für ihre Mutter niemals in Frage gekommen. Hier draußen, in diesem Land, da war es etwas anderes. Hier schienen alle reiten zu können, weil es einfach notwendig war und von Anbeginn so gehandhabt wurde und sie wollte jetzt auch endlich ihre Wünsche erfüllen. Es kam ihr vor, als sei es längst überfällig.
Drei Tage hatte sie gebraucht, um sich mit ihrer Vorstellung gegen Rachel durchzusetzen. Ihre Mutter hatte geschrien und getobt, aber alles vergebens. Jean spürte tief in ihrem Inneren, dass sie kein kleines Kind mehr war und bereit dazu, sich selbst in der Welt ihren Weg zu suchen. Sie wollte nicht länger ihren Lebenspfad von ihrer Mutter vordiktieren lassen. Sie war anders als Rachel und auch anders als Patty. Beide besaßen diesen Drang nach Modebewusstsein und Schönheit, nach Bewunderung und Macht, aber bei beiden lag das auf der Hand, denn sie waren beide makellos und anziehend und wurden von allen Menschen bewundert. Sie, Jean, jedoch besaß nicht diese außergewöhnlich ebenmäßigen Gesichtszüge. Sie sah ihrem Vater ähnlicher und war sich durchaus bewusst, dass sie gegenüber ihrer Schwester in Bezug auf das Äußere keine Chance hatte. Patty war zwei Jahre jünger und besaß bereits den weiblicheren Körper von ihnen beiden. Sie war wohlgeformt, mit großen Brüsten, während Jean hochgewachsen und dünn blieb, ein Streichholz, wie ihre Mitschülerinnen sie bisweilen hänselten. Oft beneidete sie ihre kleine Schwester, wenn sie wieder einmal hübsch zurechtgemacht auf eine Party verschwand, stets begleitet von einem gutaussehenden Jungen und selten kam derselbe zweimal, um sie abzuholen. Dagegen hatte Jean noch nie jemand zu einer Party ausgeführt. Sie verblasste neben Patty und in ihrer Gegenwart kam sie sich stets nur zweitklassig vor. Gerade deshalb war es ihr so wichtig, für sich selbst etwas zu finden, was nur ihr etwas bedeutete. Sie wollte das mit der Reiterei mit niemandem teilen aus ihrer Familie. Es war wie eine Art Schatz, der ihr das Selbstbewusstsein schenkte, das ihr bisher gemangelt hatte.
„Ich bin sehr stolz auf dich“, sagte Matthew plötzlich und riss sie unvermutet aus ihren Grübeleien. Er warf ihr einen langen Blick zu.
Erstaunt hob Jean die Brauen. „Stolz? Auf mich?“
Sein linker Mundwinkel zuckte. „Ja, du hast dich gegenüber deiner Mutter behauptet und du machst jetzt das, wozu du alleine Lust hast.“
„Ja“, gab Jean zu. „Ich bin auch ein bisschen stolz auf mich.“
„Du musst das tun, was dir selber gefällt“, fuhr ihr Vater fort und verlieh jedem seiner Worte Nachdruck. „Lass dich nicht von deiner Mutter beirren. Du führst irgendwann dein eigenes Leben und dann wird sie nicht mehr da sein, aber du musst für dich selbst geradestehen können.“
Jean lauschte seinen nachdenklich gesprochenen Worten. Sie fragte sich häufig, ob er glücklich war mit dem Leben, das er führte oder ob er sich einfach damit arrangiert und abgefunden hatte.
„Ich danke dir, Paps.“
„Keine Ursache.“ Matthew nickte ihr zu. „Gib dein Bestes und finde heraus, ob es dir taugt. Du allein musst glücklich werden mit deinen Entscheidungen und sonst niemand!“
Als sie in den Innenhof fuhren, kam Amy aus dem Ranchhaus gelaufen. Sie winkte und lachte auf ihre herzliche, einnehmende Art.
„Guten Tag, Doktor van Haren!“, rief sie fröhlich und wartete, bis Jean ausgestiegen war. Ihr Blick glitt an der neuen Kleidung der englischen Arzttochter herunter. „Gut siehst du aus! Fast, wie eine von uns!“
„Hallo Amy!“, erwiderte Matt lächelnd. „Pass mir gut auf mein Mädchen auf!“
„Keine Sorge!“, versicherte die Rancherstochter und packte Jean am Arm. „Mein Vater hat den besten unserer Männer ausgewählt!“
„Na, das will ich hoffen!“ Matthew lachte, noch ein wenig zweifelnd, und blieb in der offenen Wagentür stehen, während seine Tochter bereits mit Amy in Richtung den Umzäunungen verschwand, wo noch immer die drei Männer beisammenstanden und miteinander schwatzten.
„Ruf mich an, wenn ich dich wieder holen soll!“, rief er ihr nach und schüttelte den Kopf. Sie hatte ihn schon nicht mehr gehört.
Bei der Einpferchung angekommen, deutete Amy auf einen der Männer. „Jean, du kennst Chris ja schon. Daddy und ich haben entschieden, dass er der Beste ist, dir das Reiten beizubringen. Er macht das andauernd mit irgendwelchen Touristen.“
„Na ja, übertreib mal nicht!“ Grinsend winkte der schwarzhaarige junge Mann ab. „Jetzt fangen wir erstmal an!“
Inzwischen hatte Dan seine Arbeit mit dem jungen Braunschecken beendet, der sich wesentlich ruhiger und gelassener wie zu Anfang neben ihm her zum Tor führen ließ. Trey schwang seine Beine über den Zaun und sprang auf der Außenseite des Pferchs in den Sand.
„Ich gehe mich umziehen. Bin mal wieder spät dran. Viel Spaß!“
Jetzt kam der grauhaarige Vormann mit dem Wallach am Halfter zu ihnen. Er deutete auf das zierliche, elegante Pferd und nickte Jean eifrig zu: „Das wäre ein Bursche für dich, Mädchen! Aus dem wird einmal ein richtig tolles Reitpferd! Trey ist zwar der Ansicht, den könnte nur ein Mann bändigen, aber ich sage dir: Liberty wird ein richtiger Kracher!“
„So weit sind wir noch lange nicht!“, wimmelte Chris ihn ab, als er bemerkte, wie Jeans Gesicht einen unsicheren Ausdruck bekam. „Jetzt muss sie erstmal sattelfest werden.“ Mit einer Kopfbewegung forderte er das Mädchen auf, ihm zu folgen. „Dort hinten steht dein heutiges Reitpferd.“
Jean und Amy folgten ihm hinüber zur Scheune, an deren Frontseite, am Anbindebalken eine dunkelbraune, kleine Stute mit hängendem Kopf und halbgeschlossenen Augenlidern stand. Sie hatte nur ein Stallhalfter übergestreift und ihr kurzes, weiches Fell glänzte im Sonnenlicht kastanienrot.
„Das ist Lady“, stellte Chris dem jungen Mädchen das Pferd vor und tätschelte ihm die Kruppe. „Sie ist ausgesprochen ruhig und geduldig, das ideale Anfängerpferd. Fangen wir also mit der Theorie an.“
Jeans Herz raste. Der Augenblick rückte näher. Sie erfüllte sich einen Traum. „Ich habe mir extra ein Buch gekauft über Pferde und reiten und es auch schon gelesen!“
Einen Augenblick starrte Chris sie amüsiert an. Für ihn war der Umgang mit Pferden normal und hier kam dieses junge Mädchen, voller Begeisterung und Vorfreude auf das, was er täglich machte. Es erschien ihm irgendwie surreal.
„Umso besser! Da spare ich mir jede Menge Atem!“ Er löste den Führstrick vom Balken und hielt ihn Jean auffordernd entgegen. „Hier, nimm du sie gleich!“
Eifrig griff das junge Mädchen zu. Sie ließ den rauen Strick durch ihre Finger gleiten, während sie mit ihrer anderen sanft die weichen Nüstern der Stute berührte. Der warme Atem des Tieres suchte in ihrer Hand nach einer Leckerei und als sie keine fand, wanderte sie forschend mit ihren Lippen Jeans Arm hinauf.
„Hey!“, lachte Amy. „Lass ihr nicht gleich alles durchgehen! Sonst tanzt sie dir auf der Nase herum.“
Das Tor zum Pferch stand offen. Jean brachte die Stute hinein und nachdem Chris ihr befohlen hatte, sie erst einmal herumzuführen, damit sie sich aneinander gewöhnen konnten, marschierte sie zuversichtlich und nicht ohne einem Gefühl von Stolz in der Umzäumung umher.
„Glaubst du, sie lernt es?“, fragte Amy leise, nachdem sie das Tor hinter dem Cowboy geschlossen hatte. „Ich würde so gerne jemanden haben, mit dem ich ausreiten gehen kann!“
Ein leises Lachen drang aus Chris’ Kehle. „Diesen Monat nicht mehr! Sie muss erst ein bisschen sicher werden, damit sie dir nicht bei deinen wilden Galoppaden verloren geht! Im Sommer vielleicht, je nachdem wie sie sich anstellt.“
„Du machst das schon!“ Amy nickte mit zuversichtlicher Miene und ihre runden Backen leuchteten. „Darum hat Daddy dich ja ausgesucht!“
„So“, sagte Chris McKinley laut in Richtung der Engländerin. „Jetzt lass uns mal loslegen.“ Mit großen Schritten durchquerte er den Platz und nahm dem jungen Mädchen den Strick wieder aus der Hand. „Wir fangen ganz klein an. Einverstanden?“
„Alles, was Sie sagen, Herr Reitlehrer!“ Jean lächelte und wippte aufgeregt auf ihren Zehenspitzen. „Darf ich rauf?“
Chris lachte. „Von mir aus!“
Er bot ihr seine Hand, damit sie ihr linkes Knie hineinlegen konnte. Mit Schwung hob er sie hoch, in Richtung Pferderücken. Als hätte sie noch nie etwas anderes getan, hob Jean das rechte Bein über die Kruppe der Stute. Ehe sie wusste, wie ihr geschah, saß sie auf dem blanken, warmen Rücken des Pferdes.
Chris nahm den Führstrick von Ladys Hals. Er trat ein paar Schritte zurück. „Am besten hältst du dich erstmal an der Mähne fest und dann geht’s los!“
Auf ein Zeichen mit seiner Hand hin, setzte die Stute sich in Bewegung. Ruhig ging sie im Schritt um Chris im Kreis herum. Der harte Pferderücken fühlte sich fremd und ein wenig unbequem an und durch die Bewegung des Tieres wurde Jean vor und zurück geschaukelt. Sie sah den Boden unter sich vorbeiziehen und schluckte erschrocken. Nie hätte sie erwartet, auf einem Pferd der sicheren Erde so weit entfernt zu sein! Das Büschel Mähnenhaar gab ihr nur wenig Halt. Es war schwieriger als es aussah, sich dort oben im Gleichgewicht zu halten.
Chris bemerkte es. „Entspann dich!“, rief er. „Du brauchst keine Angst zu haben. Lady tut keiner Fliege was zuleide!“
„Ich will nur nicht herunterfallen!“
„Wirst du nicht! Vertrau mir!“
Runde um Runde zog Lady ihre Bahnen in der Umzäunung. Ganz allmählich verlor Jean ihre Unsicherheit. Von hier oben hatte sie einen weiten Blick über die Ranch und alles wirkte mit einem Mal ganz anders als zuvor, viel weiter und größer. Ihr gefiel das Geschaukel des Pferderückens noch besser, als sie es sich in ihren Träumen je ausgemalt hatte. Irgendwie glaubte sie, hier ihrer ersehnten Freiheit ein Stück näher zu sein – der Freiheit, für sich selbst zu entscheiden und auch in London ihren Interessen nachgehen zu dürfen, zu denen sie sich bislang nicht getraut hatte zu stehen.
Es schien nur kurze Zeit, viel zu kurz, bis Chris erklärte: „Okay, für heute ist es genug!“ Er hielt die Stute in der Mitte des Corrals an und schaute prüfend zu Jean hinauf.
„Schade…“ Ihre Finger streichelten über das weiche Fell des Pferdes.
„Du wirst ab sofort ja öfter Gelegenheit haben!“ Er grinste. „Zum Absteigen das rechte Bein nach hinten über den Rücken schwingen!“
Jean überlegte, wie sie dies anstellen sollte und kam schließlich seiner Aufforderung nach. Der Schwung, mit dem ihr rechtes Bein über die Kruppe des Pferdes schwang und sie zu Boden riss, war stärker als erwartet und bei der Landung verlor sie das Gleichgewicht. Hätte Chris sie nicht noch geistesgegenwärtig mit einem Arm an der Taille gepackt, sie wäre im Sand der Arkin Ranch gelandet.
Unangenehm berührt, dass es nicht so funktioniert hatte wie gewünscht, murmelte sie verlegen: „Danke.“
Sie spürte seinen Blick und fühlte seinen Atem, der an ihrem Haar entlang strich. Noch nie war sie einem Mann, abgesehen von ihrem Vater, so nahe gekommen. Sie wollte von ihm zurücktreten, doch er hatte sie bereits losgelassen.
Jean wagte es, den Blick zu heben. Chris betrachtete sie noch immer aus seinen hellbraunen Augen, die an den Sand der Prärie erinnerten, wobei ein kaum merkliches Lächeln um seine vollen, geschwungenen Lippen spielte.
„Ich glaube, aus dir könnte eine ganz hervorragende Reiterin werden.“
Er nahm Ladys Führstrick und ging mit ihr zum Tor, das Amy für ihn öffnete. Regungslos starrte Jean ihm nach. Seine Worte und seine Gegenwart brachten sie auf eigenartige Weise völlig aus der Fassung. Nie zuvor hatte sie solche Emotionen erlebt. Sie würde zu Fuß hinüber zur Hütte gehen, anstatt ihren Vater anzurufen. Sie musste ein wenig alleine sein. Das Gefühl auf diesem Pferd, alles, was ihr heute widerfahren war, verwirrte sie und sie wusste in ihrem tiefsten Inneren, dass etwas mit ihr geschehen war – etwas, das sich niemals wieder würde auslöschen lassen.
* * *
Die Schule startete Anfang des neuen Monats für die beiden Schwestern und Jean konnte sich freuen, mit Amy in einer Klasse zu sein. Patty hingegen kannte noch niemanden, als sie die Schule von Summersdale das erste Mal betrat. Diese Tatsache konnte das selbstbewusste, junge Mädchen jedoch nicht stören. Sie sah es mehr als Wettstreit an, sofort der neue Klassenliebling zu werden, mit dem alle anderen Mädchen befreundet sein wollten und der die Jungs auch aus den höheren Klassen im Schulhof hinterher pfiffen. Sie wusste ihre Schönheit gezielt einzusetzen. Mit grazilen Bewegungen lief sie täglich den Flur der Schule entlang, gefolgt von ihren neugewonnenen Freundinnen oder denen, die sich zumindest dafür hielten und nur nicht verstanden hatten, dass sie für Patty lediglich ein Mittel zum Zweck waren, um ihren Status als unübertroffene Königin der Schule zu unterstreichen.
Patty hatte noch nie Probleme gehabt, sofort Anschluss zu finden oder gleich die Führung zu übernehmen. Sie hatte nicht nur äußerlich sehr viel Ähnlichkeit mit ihrer Mutter, auch im Wesen waren ihre Parallelen nicht abzustreiten. Das unerschütterliche Selbstbewusstsein und die ausgeprägte Arroganz waren wohl die beiden herausstechendsten Eigenschaften, doch ihre faszinierende Schönheit machte es möglich, dass weder Patty, noch Rachel jemand diese übelzunehmen schien. Ihre äußerliche Makellosigkeit blendete ihre Mitmenschen und zog sie gleichzeitig in ihren Bann. Jedes Mädchen wollte so schön und begehrenswert sein wie Patricia van Haren und genauso von den Jungs angehimmelt werden. Natürlich gab es auch Neiderinnen, doch die konnten Pattys Selbstverliebtheit nicht im Mindesten beeinträchtigen. Sie hatte sich vorgenommen, in dem einen Jahr in den Staaten das beliebteste Mädchen der Schule zu werden und das würde ihr auch gelingen.
Das Gegenteil zu ihrer jüngeren Schwester war hingegen Jean. Mit Erleichterung stellte sie fest, dass Amy in ihre Klasse ging und sie sich erst einmal an die Rancherstochter halten konnte. Diese machte sie mit allen Mitschülern bekannt und so brauchte Jean nicht selbst auf die Klassenkameraden zuzugehen, was ihr ohnehin mehr als schwergefallen wäre.
Meistens verbrachte sie auch die Zeit nach der Schule mit Amy und fuhr mit ihr auf die Arkin Ranch, wo sie gemeinsam Hausaufgaben machten und danach zum Reiten gingen oder sich um die Pferde kümmerten. So entstand zwischen Jean und Patty eine noch größere Kluft, als sie ohnehin bereits vorhanden war. Beide sahen sich nur noch selten und wechselten auch nur noch wenige Worte miteinander. Es blieb beim oberflächlichen Austausch der wichtigsten Informationen ihrer beider Leben, ohne, dass die eine sich mehr um die Angelegenheiten der anderen kümmerte als notwendig.
* * *
Im offenen, aus großen, rauen Steinen erbauten Kamin knisterte das herunterbrennende Feuer und hüllte den Raum in rauchige Wärme. Draußen hatte die Dunkelheit die Sonne vertrieben und die Cowboys waren längst entweder nach Hause, zu ihren Familien gegangen oder in der Unterkunft verschwunden. Durch das Fenster seines Arbeitszimmers, neben dem mächtigen, antiquarischen Bücherregal konnte der Ranchbesitzer sehen, dass Licht im Bunkhouse brannte – wie beinahe jeden Abend spielten die Männer noch Karten. Amy hatte sich in ihr Zimmer zurückgezogen und Abigail, ihre Haushälterin, hatte längst Feierabend und war nach Silvertown, zu ihrem Mann in ihr kleines Häuschen zurückgefahren.
Konzentriert saß Ben hinter seinem riesigen Mahagonischreibtisch über einer Reihe Rechnungen, die sich im Laufe der vergangenen Woche angesammelt hatten. Bisher war er nicht dazu gekommen, sie abzuarbeiten. Auch heute Abend war er im Grunde viel zu müde, um sich ihnen noch lange zu widmen. Den Nachmittag hatte er bei der Stadtratsversammlung in Silvertown verbracht, wo die letzten großen Beschlüsse zum Start der Touristensaison gefällt worden waren. Wie immer waren Stunden darüber vergangen und jeder der Stadträte hatte seine Ansichten und Kommentare mindestens zweimal wiederholt, bevor endlich eine Entscheidung getroffen worden war. Bisweilen fiel ihm diese Aufgabe auf die Nerven. Wieso konnte dies alles nicht unkomplizierter und ohne große Debatten geregelt werden?
Erschrocken zuckte Ben aus seinen Überlegungen hoch – es klopfte leise scheppernd an der Haustür.
„Ach, richtig!“ Ahnend ging er zur Türe und trat erfreut einen Schritt beiseite. „Guten Abend, Matt! Komm rein!“
Die beiden Männer schüttelten sich kurz die Hand.
„Zu lange kann ich leider nicht bleiben, sonst schöpft meine Frau am Ende noch Verdacht“, bedauerte der Arzt und verzog entschuldigend das Gesicht. „Sie weiß ja, wann Feierabend ist und zur Zeit ist sie nicht gerade bester Laune. Der Architekt arbeitet ihr nicht schnell genug. Eine Diskussion ertrage ich heute beim besten Willen nicht mehr! Es war ein verdammt harter Tag!“
„Das wollen wir natürlich nicht riskieren!“ Ben ging ihm voraus ins Arbeitszimmer. „Cognac?“
„Oh – ein Gläschen nach einem anstrengenden Arbeitstag dürfte auch einem Chirurgen nicht schaden.“ Dankend nahm Matt nach einer auffordernden Handbewegung des Ranchbesitzers in einem der beiden schwarzen, tiefen Ledersessel vor dem Kamin Platz.
„Die scheinen dich in der Klinik ja dringender zu brauchen, als erwartet!“ Ben reichte Matthew das volle Glas. „Bist du zufrieden?“
„Es ist natürlich ein gewaltiger Unterschied zu dem, was ich aus London gewöhnt bin. Bei der nächsten Gelegenheit werde ich unserem Leiter mal ein wenig unter die Arme greifen, aber es ist sehr viel zeitraubender, in einem kleinen, nicht so anonymen Krankenhaus arbeiten zu können. Man verbringt viel mehr Zeit mit den einzelnen Patienten.“ Er stockte. „Und die einzelnen Fälle berühren einen wesentlich tiefer, als ich das je zuvor erlebt habe.“
Verständnisvoll nickend ließ Ben sich ihm gegenüber, im anderen Sessel, nieder. „Der Mensch ist anpassungsfähig – jedenfalls wenn er will.“
Matt zog die Brauen hoch. „Wenn er will, ja.“ Nachdenklich starrte er in sein Glas. „Rachel hat damit keinerlei Mühe, jedenfalls inzwischen nicht mehr. Sie hat sich gestern einen neuen Cadillac gekauft, in marineblau mit passenden Ledersitzen! Und sie möchte die Damen von Summersdale für die neueste Mode begeistern und einen Verein gründen!“
Bei dieser Vorstellung musste Ben schmunzeln. „Beides äußerst interessante Aspekte. Bis zum Wintereinbruch kommt sie mit diesem Auto ohne Probleme zu eurer Hütte hinaus. Bei Schnee wird sie allerdings wohl oder übel ihre Beine benutzen müssen!“
Matthew verdrehte Augen. „Falsch! Dann werde ich meine Kondition trainieren dürfen und sie wird meinen Jeep in Beschlag nehmen!“
„Ich bin ja gespannt, ob sie unsere Damen hier mit Mode begeistern wird können. Die meisten haben keinen Gebrauch dafür“, meinte Ben, wie nebenbei, und nahm einen kräftigen Schluck des Cognacs.
„Hmm.“ Matt legte den Kopf schief und überlegte kurz. „Sie steckt schon mitten in ihren Planungen für diesen Club, mit dem sie durch ganz Amerika reisen will. Manchmal bekomme ich sie tagelang nicht zu Gesicht. Rachel findet schnell Leute, in deren Gegenwart sie sich gut aufgehoben fühlt.“ Er stockte. „Und bei Patty ist es nicht viel anders.“
„Tja“, machte Ben und schürzte die Lippen. „Sie hat eindeutig die Gene ihrer Mutter.“
„Sie ist das Abbild ihrer Mutter in jungen Jahren“, verbesserte Matt rasch. „Zum Glück ist Jean bodenständiger und bei Amy in besten Händen!“
„Ich dachte“, gestand Ben und kam sich dabei fast lächerlich vor, „ich könnte deiner jüngeren Tochter auch die Natur und unser Land näherbringen und sie vielleicht sogar ein wenig dafür begeistern, genau wie Jean. Sie hat sehr viel Talent fürs Reiten, weißt du das?“
„Ach – der Ausflug, als Rachel und ich einen dreistündigen Gewaltmarsch hinter Stevie Bentley her, quer durch ganz Silvertown absolvieren durften!“ Matt lachte leise auf und probierte das teure Getränk, das ihm schon nach dem ersten Schluck im Hals brannte. „Manchmal frage ich mich ernsthaft, ob Patty je erfahren hat, was das Wort Erziehung überhaupt bedeutet.“
„Damals schien sie sich jedenfalls nur dunkel daran zu erinnern“, meinte Ben ungeniert und verzog das Gesicht zu einem versöhnlichen Lächeln.
„Details solltest du mir meinen Nerven zuliebe besser ersparen!“
„Na, wenigstens hast du mit Jean ein wenig mehr Glück“, warf Ben schmunzelnd ein. „Sie passt ja irgendwie so gar nicht zum Rest deiner Familie…“
„Wahrhaftig nicht!“ Matthew seufzte tief und hörbar. „Sie hat zu viel von mir mitbekommen. Das ist in unserer Gesellschaft nicht gut. Sie hat sich dort noch nie zurechtgefunden und ich fürchte, sie wird es auch niemals ernsthaft tun.“
„Hmm...“ Bens Gedanken arbeiteten angestrengt. „Dann hat sie zumindest jetzt die Möglichkeit, ihren eigenen Weg zu finden. Oder glaubst du, Patty wird sich später viel von deiner Frau unterscheiden?“
Nur ungern ging Matt auf dieses Thema ein. Es bereitete ihm häufig genug Kopfzerbrechen und er hatte sich angewöhnt, es beiseitezuschieben und bestmöglich zu verdrängen.
„Manchmal frage ich mich, wo ich da hineingeraten bin.“ Seine Stirn legte sich in tiefe Sorgenfalten. „Zu Anfang unserer Ehe war alles vollkommen anders. Damals stand Rachel hinter dem, was ich entschieden habe und sie hat mich dabei unterstützt. Sie war da, wenn ich sie brauchte und hatte nicht bloß ihre eigenen Interessen im Kopf. Wäre nur dieses verfluchte Erbe nicht gewesen!“
Fragend legte Ben den Kopf schief. Seine linke Augenbraue bog sich in gewohnter Manier nach oben, wenn er stark über etwas nachdachte.
Matthew seufzte, als er den Blick des anderen Mannes bemerkte und fuhr erläuternd fort: „Rachels Vater besaß eine nicht unbedeutende Textilfabrik. Sie war seit ihrer Jugend seine Privatsekretärin, weil die Mutter früh verstorben ist und hat alle wichtigen Dinge für ihn geregelt.“
„Sie hat studiert?“
„Nein. Sie hätte beginnen sollen, Betriebswirtschaft zu studieren, ja. Allerdings kam es nie dazu, weil, nun ja, leider kam ich dazwischen! Ich – der einfache, nichtssagende Medizinstudent, neun Jahre älter und sie – die reiche, vergötterte und von allen angehimmelte Tochter eines angesehenen, harten Mannes, der nie über den frühen Tod seiner Frau hinweggekommen ist. Rachel war für ihn der einzige Ersatz. In ihr lebte seine Frau weiter und sein ganzes Leben hat sich nur um seine Tochter gedreht. Er hat ihr alles zu Füßen gelegt, was sie sich nur erträumte. Er entschied für sie und sie ist von klein an gewohnt, alles, was sie will, zu bekommen, ohne etwas dafür tun zu müssen. Als er vor zehn Jahren starb, fiel das gesamte Vermögen an Rachel: Die Firma, die Immobilien, die Aktien und Wertpapiere, das Barvermögen, die Antiquitäten… Wir haben heimlich geheiratet, ohne ihren Vater und nur mit zwei guten Freunden als Trauzeugen. Ihren eigenen Willen besaß sie schon immer!“ Er seufzte tief. „Oh, ich entsprach keineswegs den Vorstellungen von Mr. van Haren senior! Ein Geschäftsmann hätte ins Haus gehört, einer, der etwas von seinem dubiosen Wertpapierhandel versteht und vor allen Dingen von Textilien! Kein Wunder, dass er mich in seinem Testament keines Wortes bedacht hat. Allerdings zeigte auch Rachel keinerlei Interesse daran, die Hinterlassenschaften ihres Vaters fortzuführen. Wozu auch? Das meiste davon hat sie gewinnbringend verkauft: Die Firma ging an das höchstbietende Konkurrenzunternehmen, bis auf die Villa verschacherte ihr Anwalt sämtliche Immobilien zu Wucherpreisen und ein Teil der antiquarischen Einlagerungen ging an Museen oder private Sammler. So waren wir zwar hinterher an Sachgegenständen ärmer, aber auf dem Bankkonto um noch mehr Stellen vor dem Komma reicher und das konnte Rachel durchaus befriedigen.“
„Du hast dich also für deine Frau entschieden, obwohl du wusstest, was dich erwartet“, sagte Ben.
„Keine Ahnung, ob…nein, falsch.“ Matt schüttelte den Kopf. „Eigentlich war mir durchaus bewusst, worauf ich mich einlasse.“ Er lächelte und ein merkwürdiger Ausdruck legte sich auf seine schmalen Gesichtszüge. „Zum ersten Mal getroffen haben wir uns auf der Feier zu Ehren ihres Vaters, der der Universität einen neuen Chemiesaal gesponsert hat. Sie stand dort oben, auf der Bühne, in einem berauschenden Kleid aus weißer Organza, mit roten Stickereien besetzt. Sie war so wunderschön! Der Himmel weiß, woher ich den Mut genommen habe, sie hinterher anzusprechen. Es war wie ein Zwang, ich konnte nicht anders, ich musste sie um ein Treffen bitten. Du hast keine Vorstellung, wie schön sie war…“
Er sah sie vor sich, wie sie damals die Stufen herabschwebte, auf ihn zukam, charmant lächelte. Von dieser Sekunde an hatte er sie geliebt, liebte sie mehr, als er es selbst begreifen konnte, würde niemals wieder von ihr los kommen. Und Rachel? Was empfand sie für ihn? Liebte sie ihn auf dieselbe Weise? Nein, das war seine Illusion, der er sich immer dann hingab, wenn ihr gemeinsames Leben wieder einmal in völlig unterschiedlichen Richtungen verlief.
„Manchmal denke ich, sie hat mich nur geheiratet, weil ich als einziger des unzählbar großen Haufens von Verehrern so dumm war, meinen Namen herzugeben.“
Ben konnte ihm nicht ganz folgen. „Du hast deinen Name für eure Ehe geopfert?“
„Sozusagen. Bedingung im Ehevertrag war, dass ich ihren Namen annehmen würde – mein Geburtsname lautet Cordick.“ Matt seufzte. „Ohne diese Bedingung zu erfüllen, hätte sie mich nie geheiratet. Van Haren – alter, niederländischer Adel! So etwas gibt eine Frau wie Rachel nicht einfach her. Er ist ihr wichtigstes Argument in allen Streitfragen.“ Seine Miene verfinsterte sich und er äffte seine Frau nach: „‘Ich bin eine van Haren – was erwartest du?! Ich habe eine Pflicht zu erfüllen.‘“
Ben konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Von irgendwoher muss deine jüngste Tochter ihr Wesen ja mitbekommen haben!“
„Ich habe schon oft versucht, Rachel klarzumachen, dass das der falsche Ansatz ist – sie kann aus ihrer Tochter kein Ebenbild schaffen, aber auf dem Ohr ist sie taub!“ Matt machte eine resignierte Handbewegung. „Ich fürchte, Patty hat sich schon zu sehr mit ihr identifiziert. Jean dagegen…“ Er lächelte. „Sie ist eigensinnig und im Grunde ihres Herzens mutiger, als sie es selbst im Moment einschätzen kann. Sie lässt sich von ihrer Mutter keinen Stempel aufdrücken.“
Bens Blick wanderte hinüber zum Kamin, blieben an den züngelnden Flammen hängen, die allmählich niederbrannten. „Dann pass gut darauf auf, dass niemand ihr diesen Eigensinn wegnimmt. Er wird sie davor bewahren, ein Leben zu führen, das sie unglücklich macht.“
Matt ließ die Worte des Ranchers auf sich wirken. Er konnte nicht ahnen, wie häufig er sie sich in den kommenden Jahren ins Gedächtnis zurückrufen und sich fragen würde, warum alles so gekommen war. Mutig zu sein bedeutete auch, sich manchmal gegen Menschen zu stellen, die einem etwas bedeuteten, doch das erkannte Matthew erst später, sehr viel später.
* * *
Um die Zeit des späten Nachmittags lagen die Gebäude und Koppeln der Arkin Ranch für gewöhnlich ruhig und verlassen in ihrer schützenden Einfriedung zwischen den Bäumen. Die Mittagspause war vorüber, die Männer schon längst wieder draußen bei der Arbeit. Die Tore des Pferdestalls standen weit offen, sodass der auffrischende Mittagswind hineinblasen konnte. Nur in der ersten Box links stand Kitty, Amys Schimmelstute. Alle anderen Verschläge lagen leer und frisch gemistet da und schienen die dazugehörigen Tiere zurückzuerwarten.
Die Boxentür war geöffnet worden und mit besorgtem Gesicht hielt die Rancherstochter ihr Pferd am Halfter fest, während Chris McKinley immer und immer wieder mit beiden Händen am linken Vorderbein hinabstrich. Endlich richtete er sich auf.
„Was ist denn jetzt?“, brach Amy ungeduldig das bedrückende Schweigen.
Zweifelnd hob Chris die Schultern. „Meines Erachtens hat sie sich eine Sehne gezerrt, aber am besten wir holen morgen den Tierarzt, wenn es nicht besser wird, damit der sich das mal ansieht.“ Er drehte sich um und wollte den Verschlag verlassen, hielt jedoch mitten in der Bewegung inne. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. „Hallo Jean!“
Ein wenig nervös, wie immer in seiner Gegenwart, die Hände ineinandergekrampft, verharrte das junge Mädchen im offenen Tor. Sie stand schon einige Minuten unbemerkt dort, hatte jedoch nicht gewagt, sich bemerkbar zu machen.
„Hallo“, entgegnete sie und spürte, wie sie leicht errötete. „Ich bin eigentlich nur gekommen um zu fragen, wann wir die nächste Reitstunde machen können. “
Verblüfft starrte Amy sie an. „Wolltest du nicht für die Klausur morgen lernen?“
„Ach!“ Jean winkte ab. „Die kann warten bis heute Abend.“
„Na ja“, mischte Chris sich zweifelnd ein. „Wenn du wegen meiner Reitstunde eine schlechte Note schreibst…“
„Blödsinn“, rief Jean hastig. „Ich bin spitze in Englisch!“
Ein amüsiertes Grinsen spielte um Chris’ Lippen. „Von mir aus steht im Augenblick nichts im Weg!“
Jean jubilierte innerlich. Amy half ihr, eines der Pferde von der Koppel zu holen und erzählte ihr dabei betrübt von der Verletzung ihrer Stute. So leid es Jean tat, aber sie konnte sich nicht richtig auf die Worte ihrer neuen Freundin konzentrieren. Ihre Freude, eine Stunde mit Chris auf dem Reitplatz zu verbringen, beflügelte sie förmlich und nahm jeden ihrer Gedanken vollkommen ein.
* * *
Zusammengesunken saß Matthew am Esstisch und studierte die aktuelle Tageszeitung, als seine älteste Tochter eintrat. Er war alleine. Weder von Rachel, noch von Patty hatte er seit den Morgenstunden etwas gesehen. Vielleicht vergnügten sie sich wieder damit, die Modegeschäfte abzuklappern, stundenlang Kleider anzuprobieren und sich danach in ein Café zu setzen, um allen zu zeigen, wie schick sie angezogen waren. Er seufzte. Er kannte das alles ja lang genug und es wäre wirklich an der Zeit für ihn, sich daran zu gewöhnen. Schließlich konnte er seiner Frau nicht einmal den Vorwurf machen, sein hart verdientes Geld für solchen Quatsch zu verschwenden, sie besaß ja genug eigenes, mehr als genug, erheblich mehr als er selbst jemals haben würde.
„Wo sind die anderen?“, wollte Jean, scheinbar gleichgültig wissen, aber eigentlich war die Frage überflüssig – der Cadillac stand nicht draußen, im Hof. Matthew hob den Blick und nahm sich die Lesebrille von der Nase.
„Das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, Kleines. Deine Mutter wird wohl erst spät heute Abend zurück sein. Die Vorbereitungen für diese Modenschau in Summersdale beanspruchen sie voll und ganz. Und deine Schwester – ich habe keinen blassen Schimmer, wo sie sich jeden Nachmittag herumtreibt. Vielleicht ist sie mit deiner Mutter unterwegs, ich weiß es nicht. Sie erzählen einem ja nicht gerade ausführlich, womit sie ihre Zeit totschlagen.“
„Hmm.“ Jean senkte den Kopf. Sie wusste es auch nicht genau und nachdem das Verhältnis zwischen ihnen ohnehin nicht berauschend war, musste sie ehrlicherweise gestehen, dass es sie auch nicht sonderlich interessierte. Dafür musste sie die Gunst der ruhigen Minute nutzen. Ihr Vater war doch Arzt, er musste ihr all die Fragen beantworten können, die sie beschäftigten, denn wenn nicht er – wer dann?
„Daddy?“
„Ja?“
Es war ihr peinlich, entsetzlich peinlich sogar. Wenn sie irgendjemanden sonst gehabt hätte – sie wäre damit nicht zu ihm gekommen. Ihrer Mutter konnte sie allerdings unmöglich derartige Fragen stellen. Sie würde sie ihr nie beantworten, sondern glauben, ihre Tochter hätte irgendetwas Verbotenes getan. Sie hatte sich nicht für „gewisse Dinge“ zu interessieren. Sie sei zu jung und solle erst einmal zusehen, dass sie den Rest ihres Lebens auf die Reihe bekam, bevor sie mit Sachen anfing, die nicht gut für sie wären. Jean hörte noch immer den Tonfall, in dem Rachel diese Ermahnung hervorgebracht hatte im Zusammenhang mit dem vergangenen Schulball und der Tatsache, dass dort eine Menge Jungs herumliefen.
Aber Jean musste es wissen, sie musste erfahren, woher diese eigenartigen Gefühle in ihr kamen, sobald sie in seiner Nähe war. Sie kannte dieses Kribbeln, diese Ungeduld von sich nicht. Es war ihr neu und es machte sie fast verrückt, nicht zu wissen, was genau diese Sehnsucht zu stillen vermochte.
„Ich habe wirklich keine solchen Zeitschriften gelesen!“, beteuerte sie vorneweg, ehe sie überhaupt auf den eigentlichen, ihr so kritisch erscheinenden Punkt zu sprechen kam. „Wirklich nicht! Aber…nun ja, die anderen Mädchen in der Schule reden immer über solche…Sachen und…das verstehe ich nicht!“
So, jetzt war es heraus und sie konnte durchatmen. Das entsprach zumindest zum Teil den Tatsachen, obwohl erst Chris McKinleys Gegenwart sie völlig verwirrte, aber das konnte sie ihrem Vater unmöglich beichten – er würde ihr am Ende die Reitstunden verbieten.
Matthew musste sich zurücklehnen. Oh Gott – weshalb war in solchen Situationen seine Frau bloß nie da? Rachel könnte damit bestimmt viel gewandter umgehen als er!
„Was denn…für Sachen?“ Welch blödsinnige Frage! Natürlich erriet er es, sie war längst in dem Alter, in dem das Interesse daran erwachte, das war nur natürlich! Er konnte sie jetzt nicht fortschicken, wie ein kleines Kind. Sie war sechzehn, eigentlich schon eine junge Frau und war es nicht seine Pflicht, sie darüber zu unterrichten, was zwischen beiden Geschlechtern alles passierte? Könnte er es jemals verantworten, sie ahnungslos ins offene Messer laufenzulassen? Waren die Zeiten des bisweilen bösen Erwachens für die Frau in der Hochzeitsnacht nicht endlich vorbei? Es lag in seiner Hand.
Jean hielt den Kopf noch immer gesenkt, damit ihr Vater nicht sehen konnte, wie sie vor Scham errötete. Sie sprach so leise und undeutlich, dass er sie kaum verstand. „Nun ja, sie reden darüber mit einem Mann zu schlafen…“
„Ja, weißt du…“ Unruhig rutschte Matt auf dem harten, ungepolsterten Stuhl hin und her. „Das ist ein wenig kompliziert!“ Meine Güte, du bist doch Arzt! Also, benimm dich auch wie einer! „Nein, eigentlich ist es ganz einfach: Deine Schulkameradinnen reden darüber, wie Babys entstehen. Ich meine, so werden sie gezeugt, sie kommen nicht mit dem Storch. Das ist genau wie bei den Hunden oder den Pferden. Hast du das auf der Ranch noch nie gesehen? Wenn der eine auf den anderen drauf springt und…“ Er schloss die Augen. Herrgott – brachte er denn keinen vernünftigen Satz zustande?
„Nein“, antwortete Jean zögernd. „Die Pferde spielen zwar miteinander, aber aufeinander drauf springen? Nein, das haben sie noch nie getan!“
„Gut, gut!“ Matthew raufte sich das hellbraune Haar. „Hör zu: Ich gebe dir ein Buch darüber, ja? Da kannst du bis ins letzte Detail alles nachlesen! Das scheint mir am praktischsten, ja, das ist wahrscheinlich das Beste.“ Er sprang hastig auf und trat ans Bücherregal, um das entsprechende Werk herauszusuchen. Als er es seiner Tochter in die Hand drückte, blickten ihre grünen Augen ihn noch immer schüchtern und fragend an. Er musste lächeln. „Mach’ dir keine Gedanken! Irgendwann hättest du es sowieso erfahren müssen und – wenn du irgendetwas nicht verstehst: Du weißt ja, wer der medizinische Fachmann in der Familie ist, einverstanden?“
Jean nickte wortlos. Sie starrte den dünnen Band in ihren Händen an. „Die Sexualität des Menschen“ stand in großen Druckbuchstaben auf dem Umschlag.
„Danke“, murmelte sie und drehte sich um. Eiligen Schrittes lief sie zu ihrem Zimmer hinüber, erleichtert, von ihrem Vater mit so großem Verständnis behandelt worden zu sein. Sie schloss die Türe hinter sich und setzte sich an den Schreibtisch. Schnell schlugen ihre Finger das Buch auf und sie begann, die Zeilen aufgeregt zu verschlingen. Jetzt würde sie dem dunklen Schatten endlich Licht einhauchen! Endlich würde auch sie Bescheid wissen und mitreden können! Immer schneller glitten ihre Augen über die Buchstaben, saugten sie auf, um die unerträglich gewordene Neugierde zu stillen.
Jean war noch nie verliebt gewesen, jedenfalls nicht vor Chris. War sie verliebt in Chris? Vielleicht bin ich in ihn verliebt und deshalb fühlt es sich so schön an, wenn er in meiner Nähe ist.
Früher, in London, vor einigen Jahren hatte sie mit einer Gruppe von Jungen eine innige Freundschaft geschlossen und jeden Tag, nach der Schule mit ihnen gespielt – bis Rachel es unterbunden hatte. Nicht standesgemäßer Umgang waren sie gewesen, diese Gassenjungs, die Jean so angehimmelt hatte, weil sie den Mut besaßen, Süßigkeiten aus einem Geschäft zu stehlen und mit Kirschkernen Wettspucken in anderer Leute geöffnete Fenster zu veranstalten. Elf oder zwölf war sie damals gewesen. Die endgültige Trennung war ihr unerträglich erschienen. Nachdem ihre Mutter dahintergekommen war, weshalb die Schule für ihre älteste Tochter immer so ungewöhnlich lang dauerte, war sie zuerst vor Zorn völlig außer sich geraten, um Jean dann sofort in die beste und nobelste Mädchenschule Londons zu stecken – ganz gleich, dass sie monatlich ein Heidengeld kostete. Dort gab es keine Jungs und auch aus Jeans Freizeit blieben sie fortan verschwunden. In der Nachbarschaft lebten nur Mädchen ihres Alters. Die Jungen waren entweder viel älter oder noch Babys. Beides taugte nicht, um gemeinsam den Tagträumen nachzuhängen, denen sich Jean und ihre Freundin Sally so häufig hingaben, wenn sie sich vorstellten, einmal große Damen zu sein. Männer gab es da nicht – abgesehen von der Tatsache, dass sie beide natürlich verheiratet sein würden. Wieso Ehepaare Kinder bekamen, hatte Jean nie interessiert. Sie waren noch viel zu klein gewesen und ihre Gedanken und Spiele noch voll kindlicher Unschuld. Ihre Körper hatten noch keine Signale gesendet, die sie dafür empfänglich machten, aber jetzt war alles anders. Jetzt war sie sechzehn und es gab einen jungen Mann namens Chris McKinley in ihrem Leben.
Je länger Jeans Augen über die Zeilen glitten, desto aufgeregter wurde sie. Obwohl der Text sehr theoretisch gehalten war, spürte sie das Pochen in ihrem Schoss und ein Verlangen, das ihr zuvor unbekannt gewesen war. Sie konnte es nicht recht deuten, aber sie ahnte, wer es befriedigen konnte und das widerum trieb ihr die Schamesröte ins Gesicht. Oh Gott! Ich bin doch gar nicht attraktiv und schön genug! Wie komme ich darauf, mir zu wünschen, dass er dasselbe für mich empfindet, wie ich für ihn?
* * *
Das Fenster über dem Esstisch im Wohnraum stand weit offen und die noch kühle Frühjahrsluft zog herein. Überall auf den Sträuchern und Bäumen, sogar auf den Grashalmen hing glitzernder Tau. Das Radio spielte leise die Countrymusik des Lokalsenders, während auf der gesamten Tischplatte Jeans Schulunterlagen verstreut lagen. Aus dem Mathematikordner gähnte sie das leere, weiße Karoblatt an und wartete auf die Bearbeitung der Hausaufgaben. Völlig in Gedanken versunken starrte Jean vor sich hin.
Für den morgigen Tag hatte ihre Mutter angekündigt, ihre beiden Töchter mit zu einer Modenschau nehmen zu wollen. Jean graute ein wenig bei der Vorstellung, neben ihrer Mutter und Patty und weiteren Snobs, Smalltalk halten zu müssen. Insbesondere, da sie keinerlei Interesse daran hatte, welches Kleid gerade modern war oder auch nicht. Sie wollte einfach nur zu Amy auf die Ranch und reiten!
Nachdem Rachel vor drei Tagen plötzlich aufgefallen war, dass sie ihre Familie über all ihren anderen Tätigkeiten ein wenig vernachlässigt hatte, bestand sie nun auf gemeinsamer Freizeitgestaltung. Jean seufzte unglücklich. Erst am vorigen Abend hatten sich ihre Eltern deshalb wieder lautstark gestritten. Die halbe Nacht waren ihre Stimmen durch das Haus gedrungen und heute Morgen hatte Patty ihrer älteren Schwester erklärt: „Eigentlich bist nur du daran Schuld, dass ich kein Auge zugetan habe. Bei dem Krach…“
„Wieso ich?“, hatte Jean gefragt.
„Na, weil Paps auf deiner Seite steht und Mom nicht möchte, dass du dich noch länger mit diesem Gesindel auf der Ranch herumtreibst – verständlicherweise.“
Jean seufzte noch einmal und legte den Stift beiseite. Sie fürchtete um ihre Reitstunden und die Zeit mit Amy auf der Arkin Ranch. Hoffentlich würde ihr Vater sich nicht von Rachel unterbuttern lassen! Sie wollte nichts anderes machen in ihrer Freizeit und Amy war ihre beste Freundin, die beste, die sie je gehabt hatte!
Das laute Knattern eines Automotors ließ Jean aufspringen. Eilig lief sie zum Fenster neben der Haustüre und schob den weißen Vorhang zurück.
Der alte, knallrote Pickup mit dem rostenden, eingedellten Dach bog durch die Einfahrt im Gestrüpp. Ruckartig kam das uralte, klapprige Gefährt mitten im Hof zum Stehen. Amy stöhnte schmerzhaft auf.
„Ich möchte bloß einmal wissen, was du immer mit der armen Rostbeule anstellst!“ Sie rieb sich das Steißbein, das durch die holprige Fahrt von der Ranch herüber auf dem harten, durchgesessenen Sitz äußerst mitgenommen worden war.
Beleidigt schob Trey sich den Hut aus der Stirn. „Nächstes Mal darfst du gerne hinterherlaufen!“
„Nimm es mir nicht übel“, bat Amy mit entschuldigendem Achselzucken, „aber bei den anderen bockt er wirklich nicht wie eine junge Kuh. Warte hier.“ Schnell stieg sie den hohen Absatz auf die gefrorene Erde hinunter. „Ich bin gleich zurück!“
Ahnend verzog Trey das Gesicht. „Das behaupten Frauen immer!“ Er stellte den Motor ab.
Gut gelaunt eine Melodie vor sich hin summend, rannte Amy zur Hütte hinüber, nahm die beiden Stufen vor dem Eingang mit einem Satz und schlug mit der Hand gegen die Tür. Ungeduldig trat sie von einem Bein aufs andere, während sie kleine Wölkchen in die beißend-kalte Luft hauchte. Als sich auch nach einigen Sekunden nichts rührte, donnerte ihre Faust erneut gegen das Holz.
„Hey!“, schrie Trey kopfschüttelnd vom Wagen herüber. „Du solltest den armen Leuten wenigstens Zeit geben, bis zur Tür zu gelangen, bevor du sie einschlägst!“
„Das kannst gerne du übernehmen!“, rief Amy zurück. „Ich kuck mal ums Haus!“
„Aber pass auf, dass du nicht in die Fänge der Giftschlange gerätst!“, warnte der junge Mann. Rachels Ruf als schöne, aber unerbittliche Leiterin des Modevereins hatte sich innerhalb weniger Wochen herumgesprochen und sie wurde zwar überall respektvoll behandelt, aber nur die wenigstens hatten wirklich das Bedürfnis, mehr Zeit als nötig mit ihr zu verbringen. „Mit mir als rettendem Helden wirst du nicht rechnen können!“
Amy kümmerte sich nicht um ihn, sondern lief rechts um das Blockhaus herum und hätte in ihrer Aufregung und Vorfreude beinahe das offenstehende Fenster übersehen. Erstaunt hielt sie inne. Flink blickte sie um sich, ehe sie sich kurz entschlossen hineinbeugte. Unverkennbar – das waren Jeans Schulsachen, die dort lagen und aus dem Radio drang noch immer leise Musik. Ohne lange darüber nachzudenken schwang Amy ihre Beine aufs Fensterbrett und kletterte auf allen Vieren über den Tisch.
„Jean?“, rief sie leise und sah sich neugierig im Inneren des Wohnraums um, bevor sie mit lautem Poltern zu Boden sprang. „Jetzt komm schon! Wo steckst du?“ Sie verharrte einen Augenblick. Da vernahm sie das leise Klappern einer Tür.
In ihren gewohnten Bluejeans und einer Jacke über dem Arm kam Jean aus ihrem Zimmer geeilt. „Abfahrbereit!“
„Sehr gut! Hast du Geld?“
„Geld?“ Jean starrte sie verständnislos an. „Bevor meine Mutter mir Geld gibt, muss ich genau erklären, wofür ich es haben will! Außerdem: Was soll ich damit?!“
„Auch egal!“ Amy packte sie am Arm. „Daddy hat mir nämlich eine ganze Menge Scheine mitgegeben und mir aufgetragen, für uns beide ein paar neue Klamotten zu besorgen. Wir fahren nach Silvertown zum Einkaufen! Trey bringt uns hin!“
„Das ist ja spitze!“ Jean lachte. Sie klappte das Mathematikbuch zu und schloss das Fenster. „Ich zahle es dir zurück, sobald ich meinen Vater alleine erwische. Hoffen wir, dass niemand von meiner Familie so bald nach Hause kommt.“
„Will deine Mutter immer noch Familientage einführen?“
„Ich fürchte, ja!“
Von draußen erklang ungeduldiges Hupen und Treys laute Stimme: „Hey ihr beiden! Die Geschäfte haben sogar in Silvertown nicht länger geöffnet wegen euch! Also, haltet euer Kaffeekränzchen auf der Fahrt ab!“ Demonstrativ drückte er noch einige Male auf die Hupe, die quietschend über den Hof trompetete.
Jean kicherte. Die Vorstellung, nach Silvertown zu fahren und durch die Läden zu bummeln, gefiel ihr. Sie hakte sich bei Amy und gemeinsam rannten die beiden Mädchen hinaus in das kalte Frühjahr.
Ostern kam und ging...
Ostern kam und ging und bald darauf war Rachel wieder mit ihren eigenen Aktivitäten beschäftigt. Niemand kümmerte sich großartig um den anderen, wie es eben zuvor und in all den zurückliegenden Jahren auch schon der Fall gewesen war. Es änderte sich nichts daran, wie der eine mit dem anderen umging, nur war es inzwischen an Jean, sich von ihrer Familie immer mehr abzunabeln und ohne, dass es überhaupt jemandem groß aufzufallen schien. Matthew verbrachte fast immer sieben Tage die Woche in der Klinik und Patty hatte unter ihren Freundinnen einige gefunden, die gerne mit ihr in die größeren Städte in der weiteren Umgebung fuhren. Meistens fanden sich dafür ältere Geschwister, die bereits ein Auto oder zumindest einen Führerschein besaßen. Ebenso verhielt es sich mit entsprechenden Partys, über die Patty stets bestens informiert war.
Das Verhältnis zwischen Jean und ihrer Schwester glich nur noch einer oberflächlichen Bekanntschaft. Wenn sie gemeinsam in der Hütte anzutreffen waren – was ohnehin sehr selten der Fall war – wechselten sie belanglose Worte miteinander und Jean war froh, den schnippischen, besserwisserischen Bemerkungen ihrer Schwester bald wieder entkommen zu können.
Die ersten Sonnenstrahlen des frühen Sommers brachten schon bald wärmere Temperaturen und luden dazu ein, die Pferde zu satteln und hinauszureiten in die Weiten der Prärie. Jeans reiterliche Fähigkeiten waren mittlerweile so weit fortgeschritten, dass sie in Amys Gegenwart auf Lady, dem brävsten Pferd auf der Ranch, auch ausreiten durfte.
Laut rufend rannte eine kleine Gestalt über den Ranchhof. Ausnahmsweise trug sie saubere Bluejeans und ein dunkelrotes, gebügeltes Hemd unter ihrer Lederjacke. Dazu passend steckte in den Schlaufen der Hose ein hellbrauner Ledergürtel und ein Cowboyhut in derselben Farbe hing an einem Lederband um ihren Hals auf die Schultern hinab. Als sie am Bunkhouse der Cowboys vorbeischoss, das offene, braue Haar wild hinter sich her fliegend, erklang unerwartet an der Ecke ein lauter Schlag. Trey stöhnte mit schmerzverzerrtem Gesicht und der Sattel, den er eigentlich hatte aufräumen wollen, fiel ihm aus der Hand, auf die nasse Erde.
„Entschuldige!“, keuchte Amy außer Atem. Sie merkte kaum, dass ihr die Wange vom Zusammenprall mit dem großen, schlaksigen Cowboy wehtat.
Vorwurfsvoll rieb der junge Mann sich das Kinn. „Da biegt man nichtsahnend ums Hauseck und wird über den Haufen galoppiert!“
„Jeden Moment kann der Bus mit den ersten Touristen für diese Saison ankommen!“
Verständnislos zuckte Trey die Achseln. „Und deshalb setzt du das Leben deiner Mitmenschen aufs Spiel?! Die werden sich seit dem letzen Jahr nicht viel verändert haben.“ Er hob seine Hände zur Aufzählung: „Ausländer, Besserwisser, Nervensägen, Möchtegern-Helden, Leute, die beim Reiten ihren angefutterten Speck loswerden wollen und hysterische Tanten, die schon beim bloßen Anblick eines Gewehrs aus den Stiefeln kippen. Wobei mir die ersten noch die liebsten sind – die verstehen mich nicht und ich verstehe ihr Gequatsche auch nicht. Das schont die Nerven!“ Er machte zu all dem eine äußerst wichtige Miene und Amy musste lachen.
„Und sie sichern dir deinen Job!“ Sie ließ ihn stehen und rannte weiter, zum Pferdestall: „Jean! Jean!“, schrie sie aus Leibeskräften und bog ungebremst in die Stallgasse ein.
Erschrocken machte das andere junge Mädchen einen rettenden Satz beiseite, wobei ihr beinahe der Arm voll Pferdeputzutensilien, mit denen sie eben in Richtung Scheune unterwegs war, zu Boden fiel. Erstaunt schaute sie die Rancherstochter an.
„Ist was passiert?“
„Noch nicht! Aber wenn wir uns nicht beeilen, verpassen wir das Beste!“ Aufgeregt schob Amy ihre Freundin zum offenen Stalltor hinaus. „Los, los! Mach’ schon! Ich hab’ den Bus vom Hügel aus schon kommen sehen!“
„Lass mich doch zuerst meinen Kram verräumen!“, rief Jean und sammelte die Striegel wieder zusammen. „Sonst schimpft Dan wieder, wenn wir alles liegenlassen!“
Auch das doppelflüglige Scheunentor stand weit offen, sodass der helle Schein des Tageslichts bis fast in den letzten Winkel des alten, großen Gebäudes fiel. Außer Atem lehnte Amy sich an einen der breiten, schweren Holzstämme, die das Dach der dämmerigen Scheune abstützten. Sie beobachtete die englische Arzttochter dabei, wie sie den Deckel einer Holzkiste öffnete und die Putzsachen fein säuberlich hineinlegte und nebeneinander ordnete. Die Scheune war durch eine Decke geteilt: Im oberen Teil lagerte das Heu und Stroh und hier unten befand sich sämtliches Zubehör für die Pferde. Obwohl die Scheune eine große Grundfläche maß, hatte es ständig den Anschein, als platze sie jeden Moment aus allen Ecken und Enden.
„Wenn deine Mutter und deine Schwester dich so sehen könnten!“, gluckste sie und verdrehte die Augen.
„Lieber nicht!“, winkte Jean entsetzt ab. „Sie würden mich sofort nach London zurückschicken, damit ich wieder bessere Manieren lerne!“
„Meine Mutter wäre sehr stolz auf mich“, sagte Amy, plötzlich sehr leise und in sich gekehrt.
„Deiner Mutter hat es hier wohl nicht gefallen?“, fragte Jean vorsichtig. Sie hatten noch nie über die Tatsache gesprochen, dass Amy mit ihrem Vater alleine auf der Ranch lebte.
„Doch, ich glaube schon, dass es ihr hier sehr gut gefallen hätte…es kann einem hier nur gefallen.“
„Hmm.“ In Gedanken vertieft schloss Jean den Deckel der Kiste.
„Du wunderst dich vielleicht, warum mein Vater nicht mehr geheiratet hat“, fasste Amy jetzt Jeans ummantelte Frage in klare Worte. Ein eigenartig steifes Lächeln spielte um ihre Lippen, das die unendliche Traurigkeit und Melancholie verbergen sollte, die ihr Innerstes erfüllten. „Weißt du, ich hätte meine Mutter so gerne kennengelernt, aber sie ist an Krebs gestorben, als ich drei Jahre alt war. Ich kann mich nicht an sie erinnern. Früher, besser gesagt, bis zu ihrem Tod lebten wir alle zusammen in Seattle. Daddy arbeitete als Rechtsanwalt und er war sehr erfolgreich und überall angesehen. Sein großes Ziel sah er immer darin, eines Tages Richter zu werden.“ Sie hielt kurz inne, ehe sie leise fortfuhr: „Aber nachdem meine Mutter gestorben war, hat er alles zurückgelassen: Seinen Beruf, seine Freunde, sein Zuhause… Dafür hat er sich seinen Kindheitstraum erfüllt, nämlich, eine Ranch zu kaufen. Lange Jahre musste er dafür kämpfen und schuften, um sie am Leben zu erhalten. Er war auch maßgeblich daran beteiligt, Silvertown zu dem zu machen, was es heute ist.“ Amy lächelte stolz. „Daddy und ich – wir würden niemals von hier fort gehen!“
Es tat Jean plötzlich leid, so neugierig gewesen zu sein und sie wollte sich entschuldigen.
„Ach, Unsinn!“, winkte das andere Mädchen energisch ab und setzte sich vor sie auf den staubigen, harten Boden. Ernst blickte Amy ihrer Freundin in die Augen. „Was hast du in London gemacht? Du hast mir nie davon erzählt, wie es dort aussieht und wie ihr gelebt habt. Ich meine, warst du dort glücklich?“
Die Frage traf Jean unvorbereitet und sie brauchte einige Minuten, um die wirren Überlegungen in ihrem Kopf zu sortieren. Seit vielen Wochen hatte sie nicht mehr eine Sekunde an ihre Villa, an ihr Zuhause gedacht, hatte es fast völlig aus ihrer Erinnerung gestrichen; es existierte einfach nicht mehr. London – um was handelte es sich bei diesem Namen doch gleich? Richtig, um eine langweilige, riesige, anonyme Metropole, irgendwo viele tausend Meilen entfernt. Das, was dort gewesen war, kam ihr so absurd, so unwirklich vor. Sie konnte nicht glauben, dass sie einmal dort gelebt haben sollte, in einer Villa, in einer lauten, stinkenden Stadt. Die Mädchen, mit denen sie ihre Zeit verbracht hatte und von denen jede immer nur damit beschäftigt gewesen war, der anderen überlegen zu sein – wie hatte sie sie nur ertragen? Das allerwichtigste waren teure Kleider und der Besuch edler Restaurants und Cafés gewesen, in denen sich nur die gehobene Gesellschaft die Klinke in die Hand gab, aber sonst? Womit hatten sie ihre Zeit sonst totgeschlagen? Sie erinnerte sich nicht.
„Genauso habe ich dich eingeschätzt, als wir uns kennengelernt haben“, nickte Amy und Jean zuckte erschrocken zusammen. Ihr war nicht aufgefallen, dass sie ihre Überlegungen laut ausgesprochen hatte.
„Ich war nie so, ich habe es mitgemacht und über mich ergehen lassen“, realisierte Jean sehr klar und erwachsen. „Patty ist das, was du gesehen hast. Sie ist so, wie sie sich gibt, genau wie meine Mutter.“
„Und dein Vater?“
Jean musste kurz überlegen. „Mein Vater?“ Sie zuckte die Achseln. „Ich weiß es nicht. Er redet nie viel und ich glaube, er versteht mich besser als er zugibt.“
Eigentlich bin ich mehr Paps’ Kind, schon immer gewesen. Wieso ist mir das bloß nie aufgefallen?
Dabei musste sie lächeln. Immer hatte ihre Mutter es geschafft, sich in den Vordergrund zu spielen, jeden Tag. Ihre Meinung, ihre Ansichten waren entscheidend, sonst nichts. Ihr Vater war dabei stets untergegangen.
Während Jean nun an Amys Arm über den Hof, zum Ranchhaus hinüberspazierte, wurde ihr mit einem Mal bewusst, was es bedeutete, sich an einem Ort Zuhause zu fühlen. Sie atmete den warmen Wind ein, spürte die strahlende Sonne in ihrem langen, braunen Haar. Es hatte nichts mit Luxus oder einer riesigen Villa zu tun, auch, wenn sie nichts anderes in ihrem Leben bisher gelernt hatte. Ihren Instinkt konnte das nicht täuschen. Es zählte etwas völlig anderes: Allein die Menschen, die einen umgaben, machten einen Ort zu dem Heim, das einen unbezahlbaren Wert besaß – eben ein Zuhause.
* * *
Leise prasselte der Regen seit nunmehr einem halben Tag gegen die Scheiben im Wohnraum der Arkin Ranch. Der Radio lief im Hintergrund und die Sendung wurde immer wieder durch aktuelle Durchsagen zur Schlechtwetterfront unterbrochen, die auch noch die kommenden beiden Tage über das Gebiet hinwegziehen sollte.
„Igitt!“, sagte Jean und beobachtete die Tropfen, wie sie langsam am Glas herabliefen. „Das hört ja überhaupt nicht mehr auf! Wenn dein Vater sich nicht beeilt, wird er noch mitsamt dem Pickup weggeschwemmt!“
„Ach, verflixt!“ Zornig schlug Amys flache Hand auf die Tasten des Spinetts, das scheppernd und protestierend einen hässlichen Misston von sich gab. „Warum muss bei dieser bescheuerten Note bloß ein Kreuz davorstehen?! Jetzt übe ich seit einer halben Stunde nichts anderes als diese vier Takte!“ Entmutigt pfefferte sie das Liederbuch beiseite.
„Warte doch mal!“ Jean hob es auf. „Wie wäre es, wenn ich dazu singe? Vielleicht hilft dir das!“
„Du kannst doch überhaupt nicht singen!“
„Vielen Dank!“ Schmollend wandte Jean sich ab. „Dann üb’ doch alleine weiter!“
Von der Haustüre her ertönte ein zaghaftes, dreimaliges Klopfen. Erstaunt wechselten die beiden Mädchen einen Blick.
„Erwartet ihr Besuch?“, fragte Jean.
„Nein, aber vielleicht hat Trey wieder mal was angestellt!“
Neugierig liefen die beiden Mädchen hinaus, ins Treppenhaus. Amy griff nach dem Türknauf, öffnete – und stutzte. Das war nicht Trey, der da unter dem Vorbau stand.
„Hallo!“, sagte die tropfende Gestalt unter dem langen, grauen Wachsmantel. „Entschuldigt bitte die Störung. Ich habe die Ranch zufällig gefunden und…“
Mit großen Augen betrachteten die zwei Freundinnen einige Sekunden lang den jungen Mann, über dessen nasses Gesicht der Regen lief, weil sein Hut so durchtränkt war, dass er das Wasser nicht mehr abzuweisen vermochte. Ein wenig verunsichert ob der Störung stand er vor ihnen, während sich rings um ihn langsam eine Pfütze bildete. Sein Anblick verschlug Amy und Jean zunächst die Sprache. Sie wechselten einen kurzen, abstimmenden Blick. Irgendeine von ihnen musste jetzt die Initiative ergreifen und den Mund aufmachen.
„Hallo! Können wir Ihnen helfen?“ Es klang zögernd. Amy hatte den jungen Mann noch nie zuvor gesehen. „Wollen Sie vielleicht hereinkommen und sich trocknen?“
Der Fremde schob sich den Hut ein Stück aus dem Gesicht und schüttelte sich, wie es ein Hund tat, der die Feuchtigkeit in seinem Fell loswerden wollte. Wasser spritzte nach allen Seiten und er versuchte ein zuversichtliches Lächeln aufzusetzen. Sein goldbraunes, viel zu langes Haar, das sich in wilder Naturkrause unter der Hutkrempe lockte, stand nach allen Himmelsrichtungen ab. An seiner schlanken Gestalt klebten nichts weiter als durchnässte und ausgewaschene Bluejeans, ein T-Shirt und darüber der ausgediente, triefende Ledermantel, der ihm viel zu groß war. In der Hand hielt er einen ausgebeulten, bis an den Rand vollgestopften Rucksack.
Wie ein Landstreicher, durchzuckte es Amy. Ihr Blick wanderte über ihn hinweg und blieb an seinen schmalen, jedoch kantigen Gesichtszügen hängen. Freundliche, haselnussbraune Augen schauten sie an. Er mochte kaum älter sein als Trey, vielleicht dreiundzwanzig, jedoch zu dessen hochgewachsenem, schlankem Körperbau, einen guten halben Kopf kleiner.
„Entschuldigen Sie!“ Hastig nickte er den beiden Mädchen zu. „Mein Name ist Alec Galbraith und ich bin auf der Suche nach Arbeit!“
Wie er so dastand, fast verschüchtert und völlig durchtränkt vom kübelnden Regen, tat er Amy leid. Sie konnte ihn nicht wegschicken, jedenfalls nicht in seinem derzeitigen Zustand. Das würde auch ihr Vater einsehen.
„Sehen Sie den Mann dort hinten, in dem gelben Regenumhang?“ Sie deutete zur Scheune hinüber, wo einige der Cowboys die neuen Stacheldrahtrollen zu kleinen Häufen stapelten. „Das ist unser Vormann. Er kann Ihnen auf jeden Fall erstmal ein Zimmer geben, damit Sie sich aufwärmen können!“
Gottfroh, nicht gleich fortgejagt worden zu sein, strahlte der junge Mann sie an. „Vielen Dank, Miss! Vielen Dank!“ Er trat drei Schritte rückwärts und fiel dabei fast die beiden Stufen zur Veranda hinab. Hochroten Kopfes wandte er sich um und marschierte durch den matschigen Sand, wo die Regentropfen in den Pfützen ihre Kreise zogen, zu Dan hinüber. Lange blickten die beiden Mädchen ihm nach.
„Komischer Kerl“, fand Jean. „Sieht aus, wie ein Zigeuner!“
„Aber nett“, entgegnete Amy nachdenklich. „Sogar sehr nett!“
Verständnislos schüttelte Jean den Kopf. „Wie willst du das beurteilen? Du hast ihn vor zwei Minuten das erste Mal gesehen!“
„Er ist nett! Das weiß ich! Hast du seine Augen nicht bemerkt?“
„Das, was ich bemerkt habe, war ein Haufen lumpiger Klamotten, die außerdem auch noch völlig nass sind“, erwiderte Jean seufzend. Sie verstand nicht, was plötzlich in ihre Freundin gefahren war. „Komm jetzt! Wenn Dan ihn einstellt, können wir ja noch herausfinden, ob du recht hast!“ Jean zupfte an Amys Bluse. „Lass uns weiter üben! Ich singe und du spielst, sonst klappt das nie!“
Nur widerwillig ließ die Rancherstochter sich aus dem Türrahmen zerren, damit Jean diese schließen konnte. Noch immer hing ihr Blick an dem jungen Mann, der inzwischen mit dem Vormann in ein Gespräch verwickelt war. Diese wunderschönen, sanften Augen und dieses Lächeln! Er war nicht unbedingt sonderlich gutaussehend. Seine Nase schien zu schmal, sein Mund ein wenig schief – und dennoch…wenn es nicht sein Aussehen war, was war es dann? Warum spürte sie plötzlich dieses eigenartige Ziehen in ihrer Magengegend? Weshalb konnte sie so fest davon überzeugt sein, ihm vertrauen zu können?
Seine Augen, dachte Amy, es müssen seine Augen sein!
* * *
Längst war der Klinikalltag in Summersdale für Matthew zur Routine geworden. Er genoss die ruhigere, bedachtere Arbeitsweise, wie er sie aus London nicht kannte und er hätte sich daran gewöhnen können, wäre da nicht der ständige Druck gewesen, dem er sich selbst aussetzte. Wenn er zurückkehrte nach England, dann nur, um die Stelle des Chefarztes anzutreten und dazu erwartete die Klinikleitung gute Zeugnisse von ihm, sehr gute sogar. Sie mussten besser sein, als die jedes seiner Mitbewerber und dann – ja, dann würde er im obersten Stock, hinter dem riesigen Schreibtisch sitzen, die jungen Assistenzärzte einweisen, ihnen Ratschläge erteilen und sie zu fähigen, verantwortungsbewussten Medizinern ausbilden.
Diese Woche war Matt zum Schichtdienst eingetragen und somit konnte er vormittags zunächst ausschlafen und hinterher eine Runde joggen gehen, was ihm die normale Arbeitszeit selten vergönnte. Mit bester Laune und schon im blauen Jogginganzug kam er die Treppe der Blockhütte herunter geeilt.
„Rachel! Liebling!“, rief er und beim Anblick des üppig gedeckten Frühstückstisches meldete sich sein Hunger. Aus der Küche klirrte das unsanft ineinandergestellte Geschirr. Matt kümmerte sich nicht weiter darum, ob seine Frau sich nun zu ihm setzen würde oder nicht. Er hatte es sich abgewöhnt, danach zu fragen und sich schlecht gelaunte Antworten einzufangen.
In bester Stimmung griff er nach dem Glas frischgepressten Orangensafts. Da wurde die Klapptür zur Küche mit Schwung aufgetreten und Rachel stolzierte auf hohen Pfennigabsätzen herein. Auf den ersten Blick erkannte Matthew, dass er heute lieber die Zügel annahm und sich am Riemen riss, sollte er nicht wert auf einen Streit legen.
Mit zusammengekniffenen Lippen ließ Rachel sich ihm gegenüber am rechteckigen Tisch nieder und schenkte sich eine Tasse heißen, dampfenden Kaffee ein. Beim Anblick ihres zufrieden lächelnden Mannes, der sich jetzt eines der noch warmen, frisch aus dem Ofen kommenden Brötchen aufschnitt, runzelte sie missmutig die Stirn.
„Nicht wahr – meine hausfraulichen Fähigkeiten haben sich sehr zu deinen Gunsten verbessert, seitdem wir hier sind?“
„Oh ja“, bestätigte Matthew mit vollem Mund. „Ich glaube, wir werden Louisa in Ruhestand schicken, sobald wir wieder zwischen Marmor und Zement leben! Es sei denn, wir legen unser Geld in einer anderen Immobilie an.“ Eigentlich hatte er etwas ganz anderes sagen wollen, es war ihm nur so herausgerutscht.
Mit lautem Scheppern stellte Rachel ihre Kaffeetasse so heftig ab, dass der Inhalt überschwappte und sich über den Tisch ergoss, doch das war ihr gleichgültig. Sie lächelte gereizt.
„So? Wie ich deiner Aussage wohl entnehmen soll, liebäugelst du anscheinend mit Plänen bezüglich örtlicher Veränderungen, wenn du erst einmal in Rente bist?“
„Daran denke ich doch jetzt noch nicht“, widersprach Matthew schnell. „Meine Karriere fängt doch gerade erst an!“
„Wir haben auch im Augenblick wichtigere Dinge zu besprechen.“ Schlagartig wurde Rachel sehr ernst. Mit einer Serviette begann sie, den übergeschwappten Kaffee vom Tisch zu wischen. „Ist dir aufgefallen, dass unsere jüngste Tochter sich völlig von uns zurückgezogen hat?“
„Nein, ehrlich gesagt nicht.“ Matt schluckte und holte hörbar Luft. „Sie ist doch ohnehin die ganze Zeit mit dir unterwegs.“
Eine Sekunde starrte Rachel ihn verständnislos an. „Mit mir? Wie kommst du darauf? Ich habe seit Wochen nicht viel mehr von ihr gesehen, als dass sie abends zum Schlafen hierherkommt – wenn überhaupt.“
„Hmm“, machte Matt und schürzte die Lippen. Ihre Kommunikation schien noch schlechter zu sein, als früher in der Villa und er selbst war viel zu sehr mit seiner Arbeit beschäftigt, als dass es ihm jemals aufgefallen wäre, dass eine seiner Töchter sich kaum noch in der Hütte blicken ließ. Er überlegte, wann er Patty das letzte Mal zu Gesicht bekommen hatte, doch es fiel ihm beim besten Willen nicht ein.
„Ich mache mir ernsthaft Gedanken.“ Rachels Stimme klang fordernd und bissig. „Ich habe gestern mit ihrer Klassenlehrerin gesprochen. Sie sagt, dass Patty regelmäßig zu spät kommt oder die Schule ganz schwänzt!“
„Ach, jetzt komm schon!“ Beschwichtigend hob Matt die Arme. „Sie ist jung und in einem Alter, in dem junge Leute eben ihre Grenzen austesten! Lass sie doch! In ein paar Monaten gehen wir sowieso zurück nach England, was soll’s?“
„Was es soll?!“ Rachels Stimme überschlug sich. „Sie ruiniert sich ihren Ruf! Ich möchte mir gar nicht ausmalen, was sie so alles treibt, wenn wir nicht wissen, wo sie sich aufhält!“
Beruhigend schüttelte Matt den Kopf. „So schnell bricht sich niemand den Hals – auch unser kleines, verwöhntes Töchterchen nicht!“
„Ich meine damit keine Halsbrüche!“ Rachel war aufgesprungen. Ihre Faust krachte auf den Tisch. „Sie treibt sich mit Jungs herum und sie hat angefangen zu rauchen! Möchtest du dir vorstellen, was sie sonst noch alles anstellt? Ich lieber nicht, nach allem, was mir ihre Lehrerin erzählt hat!“
„Ach so?“, machte ihr Mann und biss nachdenklich in ein Stück Apfelkuchen. „Von was war denn die Rede, wenn ich das erfahren darf?“
„Unsere Tochter genießt inzwischen den Ruf der Schulmatratze! Und ich glaube kaum, dass ich dich darüber aufklären muss, was das zu bedeuten hat, oder?“
Ein wenig verdutzt starrte Matthew zu ihr hinauf, während Rachel immer noch über dem Tisch lehnte, sich beinahe drohend vor ihm aufbauend. Er würgte den Bissen hinunter.
„Patty wird doch erst fünfzehn! Sie hat doch noch keine Ahnung!“
„Derart blauäugig kannst auch nur du sein! Weil du dich mit deinem überschwänglichen, väterlichen Einsatz ja auch so ausführlich darum kümmerst, was deine Töchter den ganzen Tag lang treiben!“
„Ich soll mich darum kümmern, ja?“ Langsam schob Matt den Stuhl zurück. Mit einem leisen Schlag landete seine Serviette auf den Tisch. „Und wie wäre es, wenn du dich deiner Töchter annehmen würdest?! Falls es dir entgangen sein sollte: Ich habe einen anstrengenden Job zu erfüllen! Du dagegen treibst dich ja nur mit deinem Modeverein herum!“
„Fängst du etwa schon wieder damit an, mir meinen Modeverein schlechtreden zu wollen?!“ Wutentbrannt gingen die beiden aufeinander los, wie zwei wilde Tiere und Matt zögerte nicht lange, noch eins draufzusetzen: „Das einzige, was dir in deinem Leben überhaupt von Bedeutung ist, sind Geld und dein Name! Nur darum machst du dir Sorgen, nicht um unsere Tochter! Nein, du machst dir nur darum Gedanken, dass sie deinen geheiligten Namen in den Dreck ziehen könnte!“
„Es ist dir wohl völlig entfallen, dass dies auch dein Name ist!“, entgegnete Rachel überlegen und warf mit einer heftigen Bewegung den Kopf zurück. „Außerdem lebst du ja auch nicht schlecht auf die Kosten des Vermögens, das mein Vater mir hinterlassen hat!“
Matt musste die Augen schließen, um sich beherrschen zu können. „Hör endlich auf damit! Dieses leidige Thema steht mir bis sonstwo!“
„Und weißt du, warum? Weil es die Wahrheit ist! Du kannst nicht damit leben, dass mir das Vermögen allein gehört!“
„Stell dir vor: Dass ich keinen Cent davon erben würde, war mir schon vor unserer Hochzeit klar! Du und dein Vater – ihr habt mehr voneinander, als euren Mitmenschen lieb sein kann!“
„Vater war der gütigste Mensch, den ich jemals gekannt habe!“, brauste Rachel auf und schlug erneut mit der Faust auf den Tisch, diesmal fester. Einer ihrer Fingernägel brach ab, sie registrierte es nicht. „Es ist doch wohl selbstverständlich, dass er Angst um seine Tochter hatte!“
„Natürlich“, stimmte Matthew großmütig zu. „Es ist ja auch ganz selbstverständlich, dass bis zu dem Tag, an dem er endlich unter der Erde verscharrt wurde, seine Lieblingsbeschäftigung darin bestand, seinen Schwiegersohn zu tyrannisieren!“ Gespielt entsetzt schlug er die Hände ineinander und drehte die Augen gen Decke. „Ach, Matthew, mein Sohn!“, flötete er mit verstellter Stimme. „Wirst du denn überhaupt jemals fähig sein, meiner Tochter den nötigen Lebensstandard zu bieten? Einen Arzt hatte ich mir nun wirklich nicht als zukünftigen Schwiegersohn vorgestellt!“ Matts Fäuste donnerten krachend auf die Tischplatte. „Nein! Ich hatte mir auch keinen solchen Schwiegervater vorgestellt und erst recht keine Frau, die ihm, je länger ich mit ihr verheiratet bin, ähnlich wird wie ein Zwilling!“
Empört stieß Rachel einen Schrei aus: „Niemand wagt es, ungestraft so über meinen Vater zu sprechen!“
„Oh doch! Ich! Ich wage es! Und ich wage sogar noch viel mehr! Hätte ich damals nämlich schon erkannt, was ich heute weiß, dann hätte ich dich irgendeinem Wirtschaftsboss oder Finanzheini überlassen, von dem dein Vater immer geträumt hat! Vielleicht wärst du dann zur berühmten Londoner Modeschöpferin aufgestiegen und hättest die Firma nicht an den erstbesten, reichen Konzernchef verhökert, der mit den nötigen Scheinchen unter deiner Nase gewedelt hat! Also, tu’ nicht so scheinheilig! So viel kann dir das Lebenswerk deines werten Herrn Vaters nicht bedeutet haben!“
„Gut, dass du mir jetzt endlich die Augen geöffnet hast! Dann weiß ich ja, was ich als nächstes zu tun habe!“
„Das freut mich für dich, aber lass mich dabei bitte aus dem Spiel!“
Ohne Rachel die Chance zu geben, etwas zu erwidern, lief er mit großen Schritten zur Haustür und ließ sie hinter sich offenstehen. Er rannte zur Einfahrt hinaus, quer über die Grasebene. Immer schneller trugen seine Beine ihn den Hügel hinauf, bis er völlig außer Atem stehenbleiben und verschnaufen musste. Schon nach wenigen Sekunden jedoch trieb der Zorn ihn weiter und erst, als er den Waldrand erreichte, merkte er, wie er sich innerlich wieder ein wenig beruhigte.
* * *
An diesem Donnerstagnachmittag brannte die Sonne besonders heiß und stechend auf den Landstrich zwischen der Silver Range und dem Snake River herab. Der Hochsommer drängte seinem Höhepunkt entgegen und ließ manchen der Männer sehnsüchtig vom weit entfernten Wintereinbruch träumen. Die vor wenigen Wochen noch grünen Weiden der Prärien hatten sich in ödes, eintöniges Braun verwandelt, das nur von den immergrünen Laubbaumwäldchen durchbrochen wurde. Über den Sandflächen, nahe der im Norden liegenden Felsen, flimmerte ein dünner Streifen Hitze dicht über dem Boden und das Bett des schmalen Flüsschens lag bis auf ein schmales Rinnsal ausgetrocknet.
Träge grasten die Rinder der großen, über gut eine Meile verteilten Herde die dürren Halme ab oder lagen müde von den niederbrennenden Sonnenstrahlen mit fast geschlossenen Lidern im Halbschlaf. Der schwüle Wind trug ihr Muhen und Kauen weit über die stille Ebene hinweg, fast bis hinüber nach Silvertown.
Gegen Mittag frischte die Brise von Westen her auf und brachte endlich die ersehnte Abkühlung. Erschöpft nahm Trey sich den verstaubten, grauen Hut vom Kopf und wischte mit dem Ärmel seines Hemds über die mit Schweißperlen bedeckte Stirn. Von dem langgestreckten, grasbewachsenen Hügel aus hatte er einen weiten Blick über die Herde und das Land und erleichtert stellte er fest, dass die Rinder heute ausgesprochen ruhig und gehfaul waren.
Plötzlich vernahm er Hufgetrappel hinter sich und eine Stimme rief: „Na, deinen schlauen Job möchte ich auch Mal kriegen! Eben habe ich wieder eins dieser verflixten Viecher eingefangen! War schon auf dem Weg in Richtung Canyon!“
„Oho!“ Gespielt bemitleidend verzog Trey das Gesicht. „Dabei sind die lieben Tierchen heute doch so brav und anständig!“
Alec dirigierte seine Fuchsstute neben den goldfarbenen Wallach mit den vier schwarzen Beinen.
„Schläfst du, während du hier aufpassen sollst?“ Er schmunzelte. „Aber, wenn ich das richtig sehe, gibt’s jetzt erstmal Pause!“ Er deutete auf einen noch weit entfernten Punkt in der östlichen Prärie, der schnell näher kam und dabei eine große Staubwolke aufwirbelte.
„Das ist Joey mit unserem Mittagessen“, mutmaßte Trey und grinste zufrieden. „Hoffen wir, dass der Wagen es noch bis zu uns herüber schafft. Mit der Ölpumpe stimmt was nicht.“
„Hoffentlich muss ich mich nicht mit den aufgewärmten Bohnen von gestern begnügen.“ Alec trieb seine Stute an.
Trey wollte ihm schon folgen, als er hinter sich eine Bewegung wahrnahm. Im Sattel umdrehend, zügelte er seinen Wallach.
„Hey!“, rief er dem anderen Cowboy nach. „Nervensägen im Anmarsch!“
Nicht weit entfernt preschten zwei Pferde in vollem Galopp heran, das eine weiß, das andere braun-gescheckt. Ein wenig irritiert blickten die beiden jungen Männer den schnell näherkommenden Tieren entgegen.
Im Vorbeijagen schrie Amy ihnen zu: „Nicht schlafen! Mein Vater hat euch zum Arbeiten eingestellt!“ Schon waren sie und Jean vorüber und galoppierten nebeneinander den Hügel hinab, rechts an der Herde vorbei.
„Ich glaub’s ja nicht!“, brüllte Trey ihnen lachend nach und stieß einen Pfiff aus, woraufhin sein Goldbrauner mit den schwarzen Beinen augenblicklich in die Höhe stieg, um danach anzugaloppieren. Alec verstand. Die beiden jungen Männer gaben ihren Pferden die Zügel frei und nahmen die Verfolgung auf. Die beiden Mädchen hatten einigen Vorsprung gewonnen und ihre Pferde waren eben erst aus dem Stall gekommen und ausgeruht, während sich die Tiere der beiden Cowboys schon seit den Morgenstunden im Einsatz befanden. Nahe der Stelle, wo der Pickup abgestellt werden würde, zügelten Trey und Alec ihre Pferde und ließen die beiden Mädchen entkommen.
„Tja…“ Trey grinste anerkennend. „Das nennt sich Schicksal! Zuerst bringt man ihnen das Reiten bei und dann beweisen sie einem, dass sie besser sind als du!“
„Reiten beibringen?“, wiederholte Alec, wobei er verständnislos die Augen aufriss. „Wer? Du?“
„Natürlich!“, versicherte Trey mit ernstem Gesicht. „Alles, was die kleine Engländerin kann, hat sie sich doch von mir abgeschaut! Chris’ theoretische Sandplatzrunden tragen höchstens dazu bei, dass sie beim ersten Galopp nicht gleich davonfliegt!“
Im nächsten Augenblick grinste er verschmitzt und trieb sein Pferd wieder an, ehe Alecs Stiefel ihn am Oberschenkel treffen konnte.
* * *
Genüsslich zog der junge Mann an seiner Zigarette und lehnte sich mit dem Rücken an die raue Holzwand der Scheune. Er streckte die Beine aus und gähnte. Ein anstrengender Tag lag hinter ihm und er war froh, es endlich geschafft zu haben. Die Sonne schien warm auf sein Gesicht und er war kurz davor einzudösen, als eine fröhliche Stimme plötzlich über ihm sagte: „Hallo Alec! Hast du Feierabend?“
Erstaunt schlug er die Augen auf und blinzelte. „Ja, für heute bin ich fertig! Im wahrsten Sinne des Wortes!“ Er spickte die Asche seiner Zigarette in den Sand.
„Dan ist sehr zufrieden mit deiner Arbeit, was ich so gehört habe!“
Es klang beiläufig, doch Amys große, dunkle Augen beobachteten seine Reaktion genau. Nach kurzem Zögern setzte sie sich neben ihn.
„Oh, vielen Dank!“ Alec schob sich den verbeulten Hut aus der Stirn. „Ich gebe mein Bestes, obwohl ich – ehrlich gesagt – solch harte Arbeit nicht unbedingt gewohnt bin!“
„Warst du denn vorher noch nie auf einer Ranch angestellt?“ Neugierig blinzelte Amy ihn an. Sie fühlte keine Skrupel, ihn so direkt danach zu fragen und er spürte das. Während er sprach, musste sie ihn unentwegt betrachten. Ihr Herz klopfte wie wild. Was löste er nur für Gefühle in ihr aus? Sie waren fremd und neu und doch ganz einzigartig schön. Am liebsten hätte sie den Arm ausgestreckt und ihn berührt, doch sie unterdrückte dieses zwanghafte Bedürfnis und faltete ihre Hände stattdessen in ihrem Schoß.
„Nicht wirklich.“ Alec zuckte die Schultern. „Dafür war ich so ziemlich alles andere: Autowäscher, Zeitungsausträger, Regaleinräumer im Supermarkt…alles, was du dir vorstellen kannst. Irgendwie nichts Vernünftiges und nichts, wofür man hätte etwas Großartiges lernen müssen. Idiotenarbeit eben.“
„Was ist schon etwas Vernünftiges?“ Amy seufzte. „Jeder muss doch für sich selbst herausfinden, was ihm gefällt und was nicht.“
Langsam wandte er den Kopf. Ihr unschuldiges, hübsches Gesicht, das ihn mit solch unerschütterlichem Vertrauen betrachtete, verwirrte ihn. Was wollte sie wirklich von ihm? Nur mit ihm plaudern? Vermutlich. Vielleicht war ihr langweilig. Sie schien ihm so naiv, fast weltfremd und voll überschwänglicher Liebenswürdigkeit zu sein und dabei so unbeschreiblich, hinreißend süß. Wäre sie nur nicht die Tochter seines Arbeitgebers gewesen…
„Na ja…“ Er zögerte. „Vernünftig im Sinne, was die Gesellschaft darunter versteht. Ich war noch nie wie die anderen.“
„Wo kommst du her?“
Sie konnte aber auch hartnäckig sein! Er schmunzelte. „Geboren bin ich in der Nähe von Amarillo, Texas. Aber als meine Eltern starben – da war ich acht – kam ich in ein Heim. Irgendwann bin ich von dort abgehauen, ich glaube, das war mit siebzehn und von da an habe ich mir eben meinen Lebensunterhalt mit allem verdient, was ich gerade tun konnte, bin von hier nach dort gereist, zu Fuß, per Anhalter oder mit dem Bus. Irgendwo landet man immer, wie du siehst!“
Amy hatte ihm schweigend zugehört und als er jetzt den Blick hob, lächelte sie zurückhaltend.
„Und du?“, wollte Alec wissen. „Welche Pläne hast du für deine Zukunft?“
„Ich?“ Sie lachte leise auf. „Eigentlich gar keine. Man macht doch meistens umsonst Pläne und das Leben spielt ganz anders. Ich warte einfach ab, was das Leben mit mir so vorhat.“ Und auf seine verblüffte Miene hin, fügte sie hastig hinzu: „Ich bin nicht dafür geeignet, irgendwann zu studieren oder einen Beruf zu lernen. Bei Jean ist das etwas anderes – sie besitzt Ehrgeiz, unglaublichen Ehrgeiz sogar und sie hat genaue Vorstellungen von dem, was ihr wichtig ist, auch, wenn sie es vielleicht nicht umsetzen kann. Aber ich? Ich weiß nicht. Vielleicht übernehme ich einfach nur die Ranch.“
Alec grinste. „Dann sieh zu, dass du eines Tages Cowgirl wirst! Wir könnten weibliche Verstärkung gebrauchen!“
„Vielleicht. Mal abwarten, was Daddy dazu meint! Ich glaube kaum, dass ich ihn dafür begeistern kann!“
Der junge Mann drückte seine Zigarette im Sand aus. „Dann hoffe ich für dich, dass schon bald ein Märchenprinz vorbeikommt und dich in sein Schloss entführt! Das heißt, eigentlich muss er sich ja von dir auf die Ranch entführen lassen!“
„Oh!“ Amy lächelte geheimnisvoll und gleichzeitig ein wenig unbeholfen. „Den Prinzen kenne ich schon! Er weiß es nur noch nicht!“
Die Überzeugung in ihrer Stimme ließ ihn erstaunt innehalten. Er wollte etwas erwidern, doch Amy sprang bereits auf und lief ohne ein weiteres Wort über den Hof, zum Wohnhaus hinüber. Verwundert ließ sie ihn zurück. Was sie mit dieser Aussage wohl meinte? Er schüttelte den Kopf – ein verrücktes, kleines Mädchen, diese Amy Arkin! Aber süß, einfach bezaubernd. Wenn sie nur ein bisschen älter gewesen wäre, zwei, drei Jahre, dann…er verbot sich den Gedanken rasch, denn sie war es nicht. Sie war ein sechzehnjähriges Kind und er war ein junger, vernünftiger Mann – zumindest glaubte er das von sich. Da verstand es sich von selbst, dass er seine Finger von ihr ließ. Er hatte ohnehin nicht vor, zu lange hierzubleiben. Zu viele Monate an ein und demselben Flecken Erde lagen ihm nicht.
Schade, dachte er. Zu schade, dass ich nicht mehr miterleben werde, wie sie sich entwickelt und was sie nach der Schule wirklich tun wird.
Das einzige Fenster...
Das einzige Fenster des kleinen Schlafzimmers stand offen, sodass die kühle, herrlich frische Nachtluft in den Raum drang. Am Himmel leuchtete die schmale Sichel des halbvollen Mondes bleich und unauffällig und warf lange, scharfe Schatten neben die einzelnen Ranchgebäude, in den von der Dunkelheit grauen Sand. Eine schläfrige Ruhe hatte sich über dem Waldeinschnitt breitgemacht und selbst bei den Cowboys brannte an diesem Abend kein Licht mehr.
Amys Zimmer befand sich im Obergeschoß des Wohnhauses und war kaum größer, als das von Jean in der Blockhütte. Links neben der Tür stand eine lange Kommode, daneben, ums Eck, der Kleiderschrank und unter dem Fenster das Bett. Rechts hingegen befand sich ein kleiner Schreibtisch und ein Stuhl, worauf sich Amys Schulhefte und Bücher ungeordnet stapelten.
Wie schnell waren die vergangenen Wochen vorbeigeflogen. Jean seufzte leise und blinzelte. Es erschien ihr unmöglich, dass sie seit nunmehr fünf Monaten hier lebte. Es kam ihr viel länger vor, beinahe wie ein halbes Leben. Sie wollte auch nicht daran denken, dass ihr Aufenthalt sich im kommenden Frühjahr schon wieder dem Ende nähern würde. Am liebsten wäre sie für immer hiergeblieben. Sie hatte gelernt, das Land und die Menschen zu lieben – es war ihr unvorstellbar, wie sie ihr Leben zuvor verbracht hatte, in London und dass es zukünftig wieder in diesen Bahnen verlaufen sollte.
Es ist eine so völlig andere Welt, dachte Jean, so weit fort von hier und so ganz anders. Längst hatte sie begonnen, die Denkweise der Menschen zu übernehmen, die sie täglich umgaben, Amys Ansichten und ihren Lebensstil. Es war ganz von allein geschehen, ohne ihr Zutun und ohne, dass sie es überhaupt richtig wahrgenommen hatte.
Die Zeit verging, jeder Tag schien viel zu schnell vorüber. Sie spürte die Veränderungen ihres Körpers und ihrer Gefühle. Irgendetwas war anders geworden und doch auch nicht. Sie wagte nicht, es in Worte zu formulieren, aber sie konnte immer spüren, dass es da war – dieses Neue, die Veränderung. Es hatte schon viel früher angefangen, an dem Tag, als sie festgestellt hatte, dass sie blutete. Rachel war darum bemüht gewesen, es ihr als notwendiges Übel einer Frau zu erläutern und vermutlich war es das auch ganz einfach. Aber damals, mit ihrer ersten Periode, hatte sich ihr Geist, ihr Denken verändert. Sie war nun kein kleines Mädchen mehr, sie reifte und ihr jungenhafter Körper bekam weiblichere Rundungen und Formen, ähnlich der erwachsener Frauen.
Vielleicht ist es auch bloß eine Weiterentwicklung, dachte Jean und warf einen Blick über ihre Schulter zurück. Wir sind keine kleinen Kinder mehr, Amy und ich und doch auch noch längst nicht erwachsen. Was ist das, was wir sind? Suchen wir noch nach etwas, das die Erwachsenen schon längst gefunden haben?
Der kleine, laut tickende Wecker auf dem Nachttisch zeigte halb zehn, doch Amy schien sich noch nicht müde zu fühlen. Die Rancherstochter saß aufrecht in ihrem Bett, während Jean daneben, auf einer notdürftig hergerichteten Matratze lag und ein Gähnen unterdrückte.
„Eigentlich…“, begann sie und kuschelte sich in das Kissen.
„Psst!“, unterbrach Amy sie unwirsch. Angestrengt horchte sie in die Stille hinein, wo ab und zu das arbeitende Holz der Böden und Wände knarrte.
„Was ist?“, flüsterte das englische Mädchen verständnislos.
„Ich glaube, er schläft!“ Hastig schob Amy ihre Beine unter der Bettdecke hervor.
Erstaunt setzte Jean sich auf. „Wir wollten heute früh schlafen gehen, damit wir morgen bei den ersten Sonnenstrahlen ausreiten gehen, wenn es noch nicht so heiß ist?! Du erinnerst dich?!“
„Ach!“ Ungeduldig winkte Amy ab. „Wer spricht vom Reiten? Mir tut doch ohnehin schon der Hintern weh!“ Eilig schlüpfte sie aus ihrem Schlafanzug und kramte im Dunkeln in ihrem Kleiderschrank. „Wenn du schon bei mir übernachten darfst, müssen wir das auch entsprechend nutzen!“
Langsam erhob Jean sich von der unbequemen Matratze. Sie begriff nicht recht, was die Rancherstochter vorhatte. „Aha! Und es gibt nicht zufällig einen bestimmten Grund, weshalb du dich mitten in der Nacht anziehst?!“
„Hast du vergessen? Heute ist Samstag!“, jubilierte Amy mit gedämpfter Stimme und zog ein knielanges, zartrosa Kleid aus dem vollgestopften Schrank.
Jean seufzte. „Hat diese Tatsache vielleicht etwas mit dieser undurchsichtigen Aktion zu tun?“
Aufgeregt streifte Amy sich das Kleid über. „Samstag ist doch in Silvertown immer großer Tanzabend! Da ist jedesmal halb Idaho versammelt und das ist so herrlich aufregend!“ Sie verzog bedauernd den Mund. „Aber Daddy findet, dass wir beide zu jung sind, um hinzugehen. Ich hab’ schon alles versucht, ihn zu überreden.“ Sie grinste schelmisch. „Leider hat der Grippevirus ausgerechnet ihn ja erwischt! Jetzt ist er erst einmal außer Gefecht gesetzt.“
Jean musste schmunzeln. Langsam dämmerte ihr, was ihre beste Freundin plante. „Aha! Und daher fährst du jetzt nach Silvertown und…“
„Wir“, verbesserte Amy schnell.
„Hmm“, machte Jean und blickte an sich herab. „Es stellt sich nur die Frage, ob ich mich im Pyjama so gut mache!“
„Ach was!“ Ungeduldig drehte Amy das elektrische Licht an. „Los, mein Kleiderschrank ist voll! Such’ dir was aus!“
Keine zwanzig Minuten später waren die beiden Mädchen angezogen und fertig frisiert. Sie verließen das Schlafzimmer und Amy drückte sich den Zeigefinger auf die Lippen: „Wir dürfen kein Geräusch machen! Daddy hat einen sehr leichten Schlaf!“
In völliger Dunkelheit tasteten sie sich an der Wand des Flurs entlang und am Geländer die steile Treppe ins Erdgeschoß hinab. Amy kannte jeden Winkel des Hauses, aber Jean tat sich schwer, ihr ohne Zusammenstöße mit Möbeln oder an der Wand hängenden Bildern zu folgen. Erst, als sie draußen unter dem Vorbau standen, atmeten die beiden erleichtert auf.
„Brr.“ Fröstelnd rieb Jean sich die nackten Arme unter dem kurzarmigen, dunkelblauen Kleid. Es passte ihr nicht wirklich – Amys Proportionen waren wesentlich weiblicher als die ihren. Sie musterte ihre Freundin aus den Augenwinkeln. Wie attraktiv Amys wohlgeformter Körper in dem zartrosa Kleid wirkte und fast stieg Neid in Jean auf. Sie selbst besaß noch immer mehr die dünne, schlaksige Figur eines Jungen, als die einer Frau und sie hatte Angst, dass dies so bleiben könnte. Von weiblichen Rundungen konnte bei ihr kaum die Rede sein. Bisher hatte sie das nie gestört, aber nun? Unauffällig strich sie das Kleid über ihren mehr oder weniger nicht vorhandenen Brüsten glatt, weil es dort Falten schlug.
An Amy würde es sehr viel besser aussehen, stellte Jean frustriert fest und fühlte sich neben ihrer besten Freundin auf einmal sehr hässlich und minderwertig, beinahe ebenso wie neben ihrer kleinen Schwester. Alle jungen Männer an der Schule fanden Patty van Haren unwiderstehlich – und das war sie ja auch. Jean dagegen konnte von sich nicht gerade behaupten, von der Natur besonders bevorzugt worden zu sein und das ärgerte sie bisweilen.
Als sie im Juni bei der Geburtstagsfeier des Bürgermeisters von Silvertown eingeladen gewesen waren, hatte Jean nur zweimal tanzen können – einmal mit ihrem Vater und einmal mit Ben – ganz im Gegensatz zu Amy, die den ganzen Abend immer wieder aufgefordert worden war. Mit ihr jedoch hatte keiner tanzen wollen, nicht ein einziger. Wie furchtbar beschämend das gewesen war und wie entsetzlich minderwertig sie sich vorkam – ein echtes Mauerblümchen eben. Ganz zu schweigen natürlich von der Aufmerksamkeit, die ihre Schwester auf sich zog. Patty besaß inzwischen den Ruf der außergewöhnlichsten Schönheit weit und breit in der Gegend und das war sie auch. Jean konnte es nicht leugnen. Ihre Schwester besaß ein geradezu makelloses Gesicht und trotz ihres jungen Alters von gerade einmal vierzehn Jahren bereits den Körper einer jungen Frau mit einer Wespentaille und vollen Brüsten. Zudem verstand sie es zu flirten und die Männer um den Finger zu wickeln mit ihrem Charme und einer Schlagfertigkeit, die auf den ersten Blick niemand hinter ihr vermutete. Zwischen ihr und Jean hatte sich in den vergangenen Monaten eine breite Kluft gebildet. Sie sprachen selten mehr als fünf Worte miteinander, wenn sie in der Hütte aufeinandertrafen und wenn, dann endete es meist im Streit.
„Du hast leider nichts von mir mitbekommen“, hatte Rache äußerst unsensibel, noch während der Feier ihrer älteren Tochter erklärt. „Wenn du so wie ich und Patty aussehen würdest, könntest du dich vor Verehrern kaum retten! Alle Männer würden dich lieben und du könntest jeden haben, den du wolltest!“ Und mit einem mitleidigen Blick hatte sie angefügt: „Du bist halt nur wie das hässliche kleine Entlein aus dem Märchen – allerdings ist aus dem noch ein schöner Schwan geworden. An deiner Stelle würde ich mir aber lieber keine allzu großen Hoffnungen machen. In deinem Alter passiert da nicht mehr viel!“
Hastig versuchte Jean, die Erinnerung an diese verletzende Äußerung ihrer Mutter zu verdrängen. Sie wollte auch gar keinen Mann und sie wollte auch nicht so oberflächlich und arrogant sein wie ihre Schwester! Jean seufzte, mit wirren Gedanken im Kopf. So vieles hatte sich verändert, war in wenigen Wochen anders geworden.
„Hast du die Autoschlüssel?“, fragte Jean auf einmal, um sich von ihren Gedanken abzulenken. Das alles übertönende Gefühl, im Gegensatz zum Rest ihrer Familie nur zweitklassig zu sein, jagte ihr Angst ein. Und das, obwohl meine Mutter zu den schönsten Frauen gehört, die ich jemals gesehen habe...
„Wozu?“ Erstaunt zog Amy die Stirn in Falten. „Ich hab’ ja nicht mal einen Führerschein!“
„Oh nein! Zu Fuß sind wir ja über eine Stunde unterwegs!“ Jean warf einen gequälten Blick auf ihre Füße, die in etwas zu engen, hochhackigen Pumps steckten.
„Du hast etwas Entscheidendes vergessen!“ Amy packte sie an der Hand. „Los, hilf mir und stell keine nervigen Fragen!“
Das Licht des Mondes half ihnen, den Weg zur Scheune zu finden. Die langen Schatten wirkten gespenstisch und unheimlich verzerrt und Jean war froh, nicht alleine zu sein.
„Ein zweirädriger Sulky fällt nicht weiter auf“, versicherte die Rancherstochter und öffnete mit ein wenig Anstrengung das schwere Scheunentor. „Es kommen viele mit dem Pferd oder der Kutsche! Hol’ du den braunen Wallach in der zweiten Box rechts! Als die Männer weg waren, habe ich ihn wieder heimlich von der Koppel geholt, damit wir ihn nachts nicht einfangen müssen.“
Jean seufzte ergeben. „Damit hast du dir bestimmt keinen neuen Pferdefreund gemacht!“ Eines verstand sie noch immer nicht: „Wir könnten doch an irgendeinem anderen Tag zum Tanzen gehen! Vielleicht würde dein Vater es erlauben, wenn nicht so viel los ist wie heute und einer der Männer uns begleiten würde! Trey, zum Beispiel, der tut das bestimmt! Dann bräuchten wir nicht eine solche Geheimaktion veranstalten! Nachts, mit dem Sulky quer über die Prärie! Wenn der Wallach in ein Kaninchenloch tritt oder ähnliches!“
„Nein, nein!“, wehrte Amy heftig ab. „Samstag ist…besser!“ Es klang ausweichend und Jean merkte, dass die Richtung des Gesprächs ihr unangenehm war.
„Beeil’ dich!“, trieb Amy sie stattdessen an. „Sonst können wir gleich hierbleiben, weil der Abend schon vorbei ist!“
„Na, schön!“ Hilflos zuckte Jean die Schultern. „Dein Vater wird uns zwar umbringen, aber gut!“
„Dich nicht! Mich vermutlich schon!“ Sie fuchtelte scheuchend mit den Armen. „Das ist nicht dein Problem! Und jetzt beeil’ dich doch endlich! Wir müssen los!“
Erstaunlich sicher fand der dunkelbraune, große Wallach seinen Weg durch die Nacht. Zwar hatte Amy vorn am Kutschbock die beiden Petroleumlampen angezündet, doch halfen diese kaum, die holprige, ungeteerte Straße besser zu erkennen.
Jean hatte sich von der Aufregung und Vorfreude des anderen Mädchens anstecken lassen und rutschte ungeduldig auf dem Sitz hin und her. Ihr erstes Fest ohne ihre Eltern oder sonst einen Erwachsenen als Begleitung! Nur sie und Amy, ganz allein und das auch noch unerlaubt! Es war ihr auch völlig gleich, weswegen Amy schlagartig und ohne ihr vorher etwas davon zu erzählen, aufgebrochen war. Jean fand es einfach nur herrlich, etwas Verbotenes zu tun und dazu noch, wo wirklich niemand etwas davon ahnte!
Nach einer kurzen Strecke auf der Asphaltstraße bogen sie wieder in einen schmalen, unebenen Pfad ein, auf dem sie das Pferd traben lassen konnten. Nicht lange und sie entdeckten die ersten Lichter der Stadt vor sich, die sie von Nordosten her auf dieser Nebenstrecke, die zugleich eine Abkürzung war, erreichten. Vor den ersten Häusern nahm Amy den Dunkelbraunen zurück in den Schritt, dennoch erzeugten seine Hufe auf dem Teer der Gassen ein lautes, rhythmisches Klappern und die beiden Mädchen waren froh, als sie sich der belebten Hauptstraße der historischen Altstadt näherten, wo die Tritte nicht mehr ganz so einsam und durchdringend zwischen den Gebäuden hallten.
Jean hatte völlig die Orientierung verloren, doch die Rancherstochter kannte den Weg genau. „Wir können auch einmal herreiten“, sagte sie jetzt und hielt den Wallach an. „Hier kann man die Pferde prima allein zurücklassen.“
Sie befanden sich in einer schmalen Seitengasse, gleich hinter der Hauptstraße und bekamen das rege Treiben von dort bereits mit: Stimmen und Gelächter, das Knirschen der Schritte auf dem Split-Sand-Gemisch und das Klopfen schwerer Stiefel auf den Holzbohlen der Gehsteige drang bis zu ihnen herüber. Im Dunkeln der Seitengasse, die gerade breit genug war, um mit dem Sulky nicht steckenzubleiben, konnte Jean nicht erkennen, in welchem Teil der Stadt sie sich befanden.
„Hoffentlich will heute Nacht hier keiner mehr durch – sonst kriegen wir womöglich noch richtig Ärger“, meinte Jean, während Amy den Strick am Zaum des Dunkelbraunen an einem Haken in der Holzwand verknotete, den Unwissende in der Dunkelheit zwischen den Häusern unmöglich erkennen konnten – die Dächer verhinderten den Einfall des Mondlichts. Aber Amy wusste genau, wo sie zu suchen hatte.
„Du scheinst dich hier ja bestens auszukennen!“ Jean konnte sich den Kommentar nicht verkneifen.
Es war dem anderen Mädchen sichtlich unangenehm und sie senkte den Kopf. „Das ist mein Geheimnis“, gestand sie leise. „Niemand weiß davon!“
Beruhigend legte Jean ihr die Hand auf die Schulter. „Es braucht ja auch niemand zu wissen!“
Dankbar lächelte Amy sie an und für einen Augenblick hatte sie das Gefühl, sie wäre viel mehr ihre Schwester als Patty es je gewesen war.
„In dem Haus da wohnt unser alter Hufschmied“, verriet sie und deutete hinter sich. „Ich bin schon oft abends hierher geritten und habe die Leute beobachtet, aber alleine habe ich mich nie getraut, mich einfach unter sie zu mischen. Was glaubst du, wäre passiert, wenn mich einer der Männer entdeckt und es Daddy erzählt hätte?!“
„Das kann uns heute auch noch passieren! Aber macht nichts, dann hängen wir wenigstens beide drin!“ Jean hakte sich bei ihrer Freundin unter. „Los! Wir tun einfach so, als hätten wir die Erlaubnis dazu!“ Aufgeregt eilten die beiden jungen Mädchen bis zum Ende der Gasse, wo diese in die breite Hauptstraße mündete.
„Wohin?“, wollte Jean wissen.
Amy drückte sie nach rechts. „Lass uns zuerst in den großen Saloon schauen! Da ist immer am meisten los!“
Auf den Gehsteigen standen hin und wieder kleine Grüppchen von Touristen oder Bewohnern der Stadt zusammen und plauderten. Fünf oder sechs junge Männer lehnten an einem Hauseck und stimmten schräge, misstönige Lieder an.
Herablassend verzog Amy das Gesicht. „Wer keinen Alkohol verträgt, sollte auch keinen trinken! Das sagt Daddy immer!“
Jean grinste. „Ich glaube, das interessiert die betreffenden Personen erst morgen Früh!“
„Guten Abend, die jungen Ladys!“, grüßte da ein Herr mittleren Alters und zog lächelnd seinen Hut.
„Guten Abend!“, erwiderten die beiden synchron und fühlten sich dabei sehr erwachsen und weltgewandt. Sie wurden auf offener Straße gegrüßt und einige Männer blickten ihnen nach!
So, wie sie es sonst bei Mom und Patty tun, dachte Jean und sie fühlte, wie ihre Stimmung sich besserte. Aber jetzt machen sie es bei mir genauso!
Durch die beiden Klapptüren des „Big Bear Saloon“ drangen weithin hörbar Musik und Stimmen und Gelächter auf die Straße hinaus. Amy stieg als erste die beiden Stufen zum Gehsteig hinauf. Bevor sie das Innere des langgestreckten Gebäudes betrat, warf sie einen kurzen Blick hinein. Neugierig stellte Jean sich auf die Zehenspitzen, um über sie hinwegsehen zu können. Sie war noch nie im Saloon gewesen und erstaunt stellte sie fest, dass er viel größer war, als es von außen den Anschein hatte. An der gesamten rechten Längsseite zog sich die brusthohe Theke entlang, an der sich in erster Linie Männer drängten. Die Wände waren mit einer grün-gemusterten Tapete versehen, was die Wirkung der weißen Stofflampen an der Decke noch verstärkte. Gegenüber dem Eingang befand sich eine kleine Bühne, auf der eine Sechs-Mann-Band mit passender Western- und Countrymusic für Stimmung sorgte. Gleich links daneben führte eine Treppe ins Obergeschoß, während der ganze restliche Raum mit den typisch runden, kleinen Tischen und den schmalen Holzstühlen vollgestellt war. Die dunklen Rundholzpfeiler, die die Decke stützten, wirkten dazwischen wie kleine Rettungsinseln inmitten des Gedränges der unzählbar vielen Gäste.
Whiskeydunst und Tabakrauch schlug den beiden Mädchen entgegen, als sie den Saloon schließlich betraten. Jean fühlte sich mit einem Mal unangenehm auffällig beobachtet und fand in der Helligkeit des Deckenlichts, dass Amys Kleid wie ein nasser Sack an ihr herabhing – es war ihr an den wichtigen Stellen viel zu weit. Mit angespannter Miene hielt Jean sich dicht hinter ihrer Freundin, die sich einen Weg zwischen den besetzten Tischen und Stühlen hindurch bahnte. Diejenigen, die keinen Platz mehr ergatterten, standen irgendwo dazwischen herum und blockierten den begrenzten Raum noch zusätzlich. Im Vergleich zu draußen, war es im Inneren des Saloons drückend warm, obwohl die Klimaanlage ohne Unterbrechung surrte. Vor den ersten Stufen der Treppe führte ein offener Durchgang in ein rauchverhangenes, dämmriges Nebenzimmer.
„Was ist das?“, wollte Jean wissen und musste Amy regelrecht ins Ohr brüllen, damit diese sie verstehen konnte.
„…Glückspiele! Poker und so“, war alles, was bis zu ihr von der Antwort durchdrang, aber sie konnte sich den Rest zusammenreimen. Sie drückte und quetschte sich noch immer hinter der Rancherstochter her durch den riesigen Saloon und langsam fragte sie sich, weshalb sie eigentlich hergekommen waren. Das Ganze wirkte eher nervtötend und anstrengend auf sie, als sonderlich amüsierend und der Lärmpegel der vielen Stimmen wurde nur noch durch das Gefiedel und schon heisere Singen der Musikgruppe gekrönt.
Sie hatten jetzt die Tanzfläche direkt vor der Bühne erreicht, wo noch ein viel dichteres Gedränge herrschte als im restlichen Teil des Gebäudes. Neugierig sah Jean sich um. Unzählige Bilder, Plakate, Blechschilder und andere Souvenirs, wie etwa ein ausgestopfter Büffelkopf zierten die Wände. Ein Riesenplakat von John Wayne in der Uniform eines Kavalleristen mit einer original unterzeichneten Widmung hing an der Wand über der Bühne.
Der flotte Takt der Musik ging in die Beine und während sie die Paare so beim Tanzen beobachtete, überkam sie mit einem Mal auch die Lust, mitzumachen. Ihr Blick fiel auf Amy, die versuchte, die umherstehenden Besucher zu überblicken. Ihre Augen wanderten suchend über die Menschen und als das junge Mädchen sich jetzt eine Haarsträhne zurückstrich, bemerkte Jean erstaunt, dass ihre Hand dabei ein wenig zitterte. Sie beugte sich nach vorn und schrie ihrer Freundin, gerade so laut, dass nur sie es verstehen konnte, ins Ohr: „Du hast nicht zufällig eine Verabredung heute Abend?“
„Ich?“ Amy tat empört, doch sie lief rot an, als habe jemand sie bei etwas Verbotenem erwischt.
Also doch, dachte Jean und ein merkwürdiges Gefühl überkam sie. Amy interessierte sich für einen Mann und zwar nicht nur aus freundschaftlicher Sicht, sonst wäre sie ihr gegenüber offen und ehrlich! Jean fühlte fast so etwas wie Eifersucht in sich aufsteigen. Amy war ihre beste Freundin und sie wollte sie nicht mit einem Mann teilen, auch, wenn ihr klar war, dass dies unvermeidlich eines Tages geschehen würde. Aber noch nicht jetzt, da sie gerade angefangen hatte, ihr Leben zu genießen, so wie es jetzt war! Sie wollte nicht, dass sich schon alles änderte! Das tat es noch früh genug, nämlich spätestens, wenn sie mit ihrer Familie zurück nach England musste.
„Komm!“, brüllte Amy gegen den Lärmpegel an und packte Jean am Arm. Bereitwillig ließ sie sich von ihr durch die Menschenmassen ziehen, wobei sie jeden, an dem sie näher vorbeikam, genau betrachtete. Viele Frauen trugen herrliche, bodenlange Kleider mit wallenden Röcken, die an den Stil der Pionierdamen erinnerten und Jean seufzte sehnsüchtig. Wie gerne hätte sie auch ein solch schönes Kleid angehabt! Ein junger, hübscher Kerl saß an einem der Tische und spielte mit seinem Hut, während er genüsslich an einer Zigarette zog. Sein Blick fiel auf Jean und prompt lächelte er ihr zu. Fasziniert erwiderte sie die Geste. Schlagartig wurde ihr bewusst, dass sie ebenfalls kein kleines Mädchen mehr war – trotz der körperlichen Differenzen, die sie von ihrer Freundin unterschied. Plötzlich spürte sie vor sich ein Hindernis – Amy war abrupt stehengeblieben. Ihre Hand hatte Jeans Arm losgelassen.
„Hast du endlich den Grund für unsere Anwesenheit gefunden?“ Jean grinste, doch Amy reagierte nicht. Ihr Gesicht wirkte wie versteinert und sie starrte zur etwa acht Schritte entfernten Theke hinüber. Irritiert folgten Jeans Augen ihrem Blick. Zuerst entdeckte sie nichts weiter, als fremde Gesichter und einem großen Andrang. Neugierig beugte sie sich ein wenig zur Seite. Als nächstes erhaschten ihre Augen einen kurzen Moment eine wohlbekannte, hellbraune Jacke und dann…
„Ach, richtig!“, entfuhr es Jean, ein wenig enttäuscht. „Trey hat mir erzählt, dass sie alle am Samstag immer hier sind.“
Amy reagierte noch immer nicht. Regungslos starrte sie zur Theke hinüber. Dort lehnte Alec, ein volles Glas Whiskey in der Hand, lässig mit den Ellenbogen auf der Oberkante der Holzplatte hängend. Neugierig und gleichzeitig ein wenig befremdet beobachtete Jean, wie er seine Lippen zu einem übertriebenen Lächeln verzog und sie schloss daraus, dass er bereits ein wenig zu viel der hochprozentigen Flüssigkeit genossen hatte. Die drei um ihn versammelten, jungen Frauen, vermutlich Touristinnen, flirteten ungeniert mit ihm, was der junge Cowboy sichtlich genoss. Die schlanke, langbeinige Blondine zu seiner Linken schien es ihm besonders angetan zu haben. Er umfasste ihre schmale Taille und zog sie dicht zu sich heran. Kindisch kichernd drückte sie ihren vollen, sich unter dem Kleid deutlich abzeichnenden Busen an ihn und erwiderte seinen stürmischen Kuss.
Mit einem Ruck warf Amy sich herum, ohne Jean zu beachten, die noch immer hinter ihr stand. Ehe sie sich versah, verschwand ihre beste Freundin irgendwo in der Menge, zwischen den anderen Saloongästen.
„Hey!“, rief Jean ihr nach und dachte, es hörte sich an, wie Treys texanischer Akzent. „Warte doch mal!“
Mit keiner Reaktion zeigte Amy, ob sie sie überhaupt gehört hatte oder nicht. Erst an der gegenüberliegenden Wand konnte Jean sie einholen. Dort hatte die Rancherstochter einen Tisch entdeckt, der soeben frei wurde und an dem sie sich niederließ. Jean setzte sich auf den anderen Stuhl und wartete. Ihre Gedanken überschlugen sich. Oh ja, allmählich wurde ihr so einiges klar! Wieso war ihr nicht schon viel früher aufgefallen, wie häufig ihre beste Freundin in den letzten Wochen in der Nähe des jungen Mannes zu finden gewesen war? Vom ersten Tag an, seit Alec auf der Ranch arbeitete, spielte immer, wenn sie von ihm sprach, dieses merkwürdige, weggetretene Lächeln um ihre Lippen.
Herrje, schoss es Jean durch den Kopf. Ausgerechnet Alec, der keinen Deut besser ist als Trey, was Frauen anbelangt. Ausgerechnet er! Wir sind doch für die Männer nur kleine Kinder – nichts weiter!
Die Tatsache schmerzte sie ein wenig und sie verzog den Mund. Sie wollte kein Kind mehr sein! Sie wollte…ja, was wollte sie eigentlich genau? Die Freundin eines Mannes sein…und danach? Was würde danach kommen, wenn sie einen gefunden hatte?
In diesem Moment kam eine Serviererin vorbei und ganz entgegen Amys sonstiger höflicher und zurückhaltender Art, packte sie die junge Frau unvermittelt am Handgelenk.
„Eine Flasche Whiskey, aber ein bisschen plötzlich!“
„Du bist doch nie und nimmer volljährig!“ Die grell geschminkte Dunkelhaarige zog kritisch die Brauen hoch.
„Heute einundzwanzig geworden!“, fuhr Amy sie ungeduldig an. „Und jetzt will ich feiern, verstanden?“
Mit einem gleichgültigen Achselzucken drehte die Bedienung sich um. Ein wenig vorwurfsvoll beugte Jean sich über den Tisch und raunte: „Das ist eine glatte Lüge! Was ist, wenn dich jemand erwischt?“
Zuerst starrte die Rancherstochter mit leerem Blick auf die zerkratzte, braune Holzplatte vor sich und schwieg.
„Heute ist mir alles egal“, entgegnete sie dann und kramte in ihrem linken Ärmel nach ein paar Dollarscheinen, die sie der dunkelhaarigen Serviererin jetzt zum Tausch gegen die gewünschte Flasche Whiskey und zwei Gläser in die Hand drückte. Mit eigenartig glasigen Augen zog Amy den Pfropfen aus der Flasche und schenkte in beide Gläser das braune Getränk ein, dessen Geruch Jean beinahe den Magen umdrehte.
Mit zornigem Lächeln hob Amy das Glas. „Und jetzt lass uns trinken! Auf die Dummheit aller Mädchen dieser Welt!“
Energisch wehrte Jean ab. Soweit reichte ihr Verstand noch aus. „Ohne mich!“ Entsetzt riss sie die Augen auf, als Amy das Glas mit einem Zug leerte. „Darf ich daran erinnern, wie abfällig du dich noch vor wenigen Minuten über den Konsum von Alkohol geäußert hast?!“
Ein Schütteln überkam die Rancherstochter. „Das war vorhin! Jetzt ist jetzt!“ Es schien ihr erster Versuch mit solcher Art Alkohol zu sein, doch sie griff auch nach dem anderen Glas.
„Bist du verrückt?“ Jean wollte es verhindern, doch Amy war schneller. Tief Luft holend meinte sie: „Je mehr man davon trinkt, desto besser erträgt man es!“ Sie lächelte zerstreut. „Wenn ich die Flasche leer habe, geht es mir wieder viel besser!“ Plötzlich glänzten Tränen in ihren Augen.
„Lass den Unsinn!“, befahl Jean ärgerlich und griff nach der Whiskeyflasche. „Deshalb wird Alec die Blondine auch nicht stehenlassen!“
Unvermittelt riss Amy sie ihr wieder aus der Hand. „Halt den Mund!“, rief sie zornig und schenkte sich das nächste Glas ein. „Das weiß ich selber! Dieser Vollidiot! Wenigstens bekomme ich es dann nicht mehr mit!“
„Ich weiß zwar nicht, wie du zu so einer schwachsinnigen Erkenntnis kommst“, entgegnete Jean, beleidigt über die barsche Behandlung, „aber mein Kopf ist es ja nicht!“ Mit verschränkten Armen lehnte sie sich im Stuhl zurück und ließ geschehen, was offensichtlich geschehen musste. Innerhalb der nächsten zehn Minuten schwand der Inhalt der Flasche um mehr als die Hälfte. Der ungewohnte Alkohol hatte schon nach dem dritten Glas begonnen, bei Amy seine Wirkung zu zeigen.
„Und jetzt will ich etwas essen!“ Ihre Stimme klang undeutlich und schwer verständlich. Das selige Lächeln um ihre Lippen und die halbgeschlossenen Augenlider ließen Jean alarmiert aufsitzen.
„Trotz meines vollen Verständnisses für dein Besäufnis, wäre es darum doch zu schade!“ Sie wollte ihrer Freundin nun endgültig die Flasche wegnehmen. „Deine Probleme sind schon längst in der Alkoholflut untergegangen!“
„Nein!“ Entrüstet drückte Amy die Flasche an ihren Körper, wobei sie fast das Übergewicht nach vorn verlor und sich nur mit Hilfe des Tisches noch auf dem Stuhl halten konnte. Ein leiser Aufschrei drang erschrocken aus Jeans Kehle. Sie sprang auf. „Jetzt reicht’s aber wirklich!“
„Was treibt ihr denn hier?!“, ertönte in dieser Sekunde eine wohlbekannte, fassungslose Stimme hinter ihr. Jean wirbelte herum. Erleichtert atmete sie auf: „Gott sei Dank!“
Entgeistert glitt Chris’ Blick von ihr zu Amy und dann wieder zurück.
„Wie seid ihr denn an den Whiskey gekommen?“ Er schüttelte den Kopf, als müsste er testen, ob es sich nicht bloß um eine Einbildung handelte. „Und vor allem: Was treibt Amy um alles in der Welt damit?! Will sie sich vergiften?!“
Verzweifelt verdrehte Jean die Augen. „Das ist alles ausgesprochen kompliziert! Jedenfalls war sie einfach nicht zu bremsen und jetzt will sie unbedingt die Flasche leer bekommen! Das heißt, zuerst wünscht Miss Arkin noch die Speisekarte!“
Seufzend trat Chris an den Tisch. Energisch griff er nach der offenen Flasche. „Vernünftige Mädchen hören auf, wenn sie betrunken sind!“
„Ich bin vollkommen nüchtern!“, rief Amy lallend, wobei sie gefährlich von rechts nach links schwankte.
„Oh ja, eindeutig!“, kommentierte Chris sarkastisch. „Das wirst du spätestens morgen früh bitter bereuen, glaub’ mir!“
Amy streckte den Arm aus. „Und jetzt will ich weitertrinken!“
„Was du willst und was du tust, sind zwei Paar Stiefel“, entschied der junge, dunkelhaarige Mann und nahm ihr auch das leere Glas weg. „Mit wem seid ihr hierher gekommen?“, wollte er wissen und blickte suchend um sich.
Jean seufzte. „Mit einem dunkelbraunen Wallach.“
Chris glaubte, sich verhört zu haben. „Mit…was?!“ Er starrte sie an. Schließlich nickte er, allmählich die ganze Lage erfassend. „Ich brauche wohl nicht zu fragen, wer auf diese Glanzidee gekommen ist, wenn ich mir den Zustand einer bestimmten jungen Dame so betrachte!“
Kurzentschlossen packte er Amy an den Schultern und zog sie auf die Füße. Sie war kaum fähig, auf ihren eigenen Beinen zu stehen. Behutsam drehte Chris sie um, sie an den Oberarmen festhaltend.
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