Kitabı oku: «minimal lernen»

Regina Hunter
minimal lernen
ISBN Print: 978-3-03905-731-3
ISBN E-Book: 978-3-03905-909-6
Umschlagbild: Lichtwolken, 2006, Therese Grossenbacher
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
1. Auflage 2011
Alle Rechte vorbehalten
© 2011 hep verlag ag, Bern
hep verlag ag
Gutenbergstrasse 31
CH-3011 Bern
www.hep-verlag.ch
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Erfolg beruht auf Wissen, nicht auf Begabung und IQ
Lernen wird als schwierig angesehen …
… und Lernen wird vermieden
Den Minimalismus der Lernenden respektieren
Eigentlich ist lernen anders und leicht
Das Gehirn arbeitet nach dem Prinzip des Minimalen
Minimalismus als Prinzip
Minimal lernen
1 MASTERING – OBERHAND GEWINNEN
Einleitung
Die Gefühle bestimmen …
… und wenn negative Gefühle dominieren
Fehlerfreundlichkeit
Mastering umgesetzt
Vorgehen
2 DAS MINIMALE
Beispiele für die Verwandlung des Stoffes in minimales Lernen und Mastering
Für die Grundstufe
Mathematik
Deutsch
Für die Mittel- und Oberstufe
Fremdsprachen
Grammatik der eigenen Sprache
Aufsätze
Grössere Texte in Gebieten wie Geschichte usw.
Definitionen
Lernen von Tätigkeiten: Tastaturschreiben
Für den universitären und den übrigen Hochschul-Bereich
Fachtexte und Fremdwörter
Umfangreiche Texte in Gebieten wie Biochemie usw.
Eine Arbeit / ein Buch schreiben
Wie Lernprozesse funktionieren – Theorien und Forschungsresultate
Lernprozesse im Gehirn
Lernen als aktiver Vorgang
Das Gehirn verarbeitet mittels Regeln und Reduktion
Die Geschwindigkeit des Lernvorganges
Lernen leichter gemacht
Positive Emotionen beim Lernen
Die Belohnung von Lernen
Spass und Spiel
3 MINIMALE ZEIT BEREITSTELLEN
Organisation des Lernens: 1 Stunde pro Tag
Planung und Strukturierung
Wenig sinnvolle Organisation
Motivation und Fokus
Die Umsetzung in gute Prüfungen
Vor der Prüfung
In der Prüfung
Die Prüfenden
Glück
Zu den Möglichkeiten der Eltern
Grundsätzliches
Was können Eltern konkret tun?
Exkurs: Handlungssteuerung bei Jugendlichen
Diskussion
Eine Wissensgesellschaft
Vorteile der Teilhabe an dieser Wissensgesellschaft
Schulerfolg als starker Faktor von Resilienz
Status quo
Lernerfolg
Mentale Bedingungen für die Teilhabe
Ein Beziehungsangebot
Über das Wissen hinaus – Ausblick
Wissen für möglichst alle
Die Herausforderungen
Die Notwendigkeit von Innovation
Über das Wissen hinaus zu Inspiration und Verbindung
Dank
Literaturverzeichnis
Verzeichnis der Lehrmittel
Einleitung
Es ist eine Tatsache, dass das Lernen bis in akademische Kreise als etwas Schwieriges und Mühevolles erlebt und repräsentiert wird. Nun sind wir aber mehr oder minder darauf angelegt, Unangenehmes und Schwieriges zu vermeiden. So gehen sehr viele Menschen dem Lernen und neuen Erfahrungen aus dem Weg. Dabei kann man sich in einer Wissensgesellschaft aber nur unter hohen Kosten vom Lernen verabschieden. Zudem unterliegt das Gelernte in einer sich so rasch wandelnden Zeit einer immer kürzeren Halbwertszeit, und immer schneller muss immer mehr Neues bewältigt werden. Zu viele Kinder, Jugendliche und Lernende werden in ihrer Lernmotivation verletzt. Davon zeugen massiv gestiegene Stütz-, Therapie- und Sondermassnahmen für Kinder mit Lernschwierigkeiten und die zunehmend in Anspruch genommenen privaten Schulungsmöglichkeiten. Durch die fehlende Lernmotivation und durch Schulversagen entsteht viel Leid, und wertvolles Potenzial geht für die Einzelnen und die Gemeinschaft verloren. Wenn Eltern spüren, dass ihre Kinder im Schulsystem unglücklich sind und leiden, wird zu oft unter Druck versucht, die Kinder anzupassen, oder das Schulsystem wird als Leistungssystem abgelehnt – und damit auch die Leistung selbst. Es soll gezeigt werden, dass Leistung zu einer Herausforderung und Stärkung werden kann, wenn sie sorgsam begleitet wird.
Erfolgreiches Lernen ist, und das soll in diesem Buch gezeigt werden, machbar und sogar angenehm. Es sollen im Folgenden die drei Bedingungen dazu gezeigt werden:
1. das Schaffen eines Gefühls von Erfolg und Meisterschaft,
2. das Lernen von minimal Wichtigem / Wenigem gemäss der Funktionsweise des Gehirns und
3. das Zurverfügungstellen einer garantierten, minimalen Zeit, sich mit dem Stoff zu konfrontieren.
Es gibt zahlreiche, verschiedenste, meist umfangreiche Beiträge zu Lerntechniken. Zumeist wird dabei von einer Optimierung eines schwierigen, grossen Gebietes ausgegangen. Es geht hier um eine radikal andere Sicht auf das Lernen, das als etwas Kleines, sehr bewältigbar Gemachtes erfahren werden soll. Wenn, auf das Wesentliche ausgerichtet, auf eine minimale Art gelernt wird, geschieht dies in der Sprache und gemäss der Funktionsweise des Gehirns. Das Gehirn strukturiert Inhalte nach den sparenden Prinzipien des Minimalen.
Es geht in erster Linie darum, dass alle – auch diejenigen, die glücklich sind, hauptsächlich mit den Händen zu arbeiten – mit Leichtigkeit und ohne Scheu über Wissen verfügen und es sich aneignen können. Zu wünschen wäre ein selbstverständlicher Umgang mit Wissen und Wissenschaft, unbelastet von Scheu oder Angst.
Die Kinder und Jugendlichen und diejenigen Menschen, die sie unterstützen, benötigen eine sehr kurze und einfache Hilfe, damit sie das Lernen wieder angehen und in einen ermutigenden, positiven Kreis gelangen können. Es soll das Ziel sein, zu zeigen, dass das Gehirn Neues nach minimalen Prinzipien aufnimmt und speichert und dass Lernen als etwas sehr Einfaches leicht zu schaffen ist. So kann Lernen möglichst vielen offenstehen, während wir uns auf eine immer immateriellere Wissensgesellschaft zubewegen.
Das vorliegende Buch richtet sich an ein breites Publikum, angefangen bei jungen Lernenden und ihren Eltern über Studierende bis hin zu Fachpersonen der Pädagogik und Didaktik. Es besteht entsprechend aus praktischen wie auch sehr theoretischen Teilen. Diese theoretischen Teile sind formal dadurch gekennzeichnet, dass die Literaturangaben im Text selbst erscheinen. Damit soll die wissenschaftliche Nachprüfbarkeit in den theoretischen Teilen erleichtert werden. In den praktischen Teilen wurde auf diese Angaben im Text verzichtet, damit die Texte möglichst leicht lesbar bleiben.
Erfolg beruht auf Wissen, nicht auf Begabung und IQ
Es wird immer klarer und es besteht breite Einigkeit darüber, dass hohe Leistungen nicht über Begabung, Intelligenz oder Genetik, sondern über Lernen und Wissen erbracht werden.1 Wissen und Motivation erweisen sich im Verlauf der Schulkarriere als entscheidender als Intelligenz.2 «Zugespitzt kann man sagen: Wissen schlägt Intelligenz» und «der grösste Teil der Gehirnleistung ist wenig genetisch determiniert».3 «Wir müssen ‹nur› die internen Motivationen wecken und den didaktisch effektiven Zugang finden.»4
Dies spricht klar und eindeutig für das Lernen. Dieses muss aber zugänglicher und einfacher werden.
Lernen wird als schwierig angesehen …
Leider wird nicht nur von der Allgemeinheit, sondern auch von Forschenden vertreten, Lernen sei anspruchsvoll und schwierig.5 Es gebe keine «Taschenspielertricks», um einfach zu lernen.6 Spitzer formuliert dies so: «Lernen hat ein negatives Image. Es wird als unangenehm angesehen.»7 Weiter sagt er aber auch, dass diese verbreitete Haltung dem Lernen gegenüber nicht der menschlichen Natur entspreche, sondern dass der Mensch vielmehr zum Lernen prädestiniert sei und gar nicht könne ohne. Das Gehirn bezeichnet er sogar als die beste Lernmaschine der Welt.
Dass Lernen nicht Spass macht, ist also auch nur gelernt.
… und Lernen wird vermieden
Es ist eine der psychologischen Grundlagen, dass Reize mit negativen Konsequenzen möglichst vermieden werden.8 So wird auch gelernt, Lernen zu vermeiden, wenn dieses mit Negativem verbunden ist. Tief in uns sitzen alle die Erfahrungen, die Lernen verbinden mit Korrekturen, Rotstiftkorrekturen, auch mit schlechten Noten, Beschämungen, letztlich unguten Gefühlen, die man in der Folge zu vermeiden sucht. Von daher kann es nur logisch sein, dass gegenüber dem Lernen schlechte Gefühle und eine Abwehr entstehen. Dies führt verständlicherweise dazu, das Lernen möglichst zu meiden. Und dies wiederum zieht weitere Schwierigkeiten und negative Erfahrungen nach sich.
Es wird unüberlegt viel dafür getan, Lernen zu verbinden mit Erfahrungen von Rückweisungen. Oft werden Fehler negativ bewertet, statt als interessante Hinweise und Hilfe für eine Änderung gesehen, besser und kompetenter zu werden. Weiter wird der Schule und dem Schulerfolg vom familiären Umfeld meist ein hohes Gewicht beigemessen. Dies fügt negativen Erfahrungen in diesem Bereich weitere Belastungen hinzu. Ist man unbeeindruckt von negativen Lernerfahrungen und entscheidet sich doch, zu lernen und in der Schule gute Resultate zu erreichen, bringt das einem zumindest bei den Mitschülerinnen und Mitschülern oft in die äusserst unerfreuliche Aussenseiterrolle des Strebers bzw. der Streberin. Es spricht also eigentlich leider nicht sehr viel fürs Lernen.
Dies führt dazu, dass viele Schülerinnen und Schüler sich vom Lernen als etwas Freiwilligem oder Lustbetontem verabschieden und nur unter grösstem Druck wenig und ineffektiv lernen. Sie wenden sich innerlich von der Schule ab.
Lernen ist die Hauptbeschäftigung der Kinder und Jugendlichen und bestimmt die Hauptzeit ihrer Tage – oft über die ganze Kindheit und Jugendzeit. Ist es akzeptabel, dass für so viele diese Zeit belastend und negativ ist? Ist es verwunderlich, wenn daraus grösste Schwierigkeiten entstehen?
Den Minimalismus der Lernenden respektieren
Man muss also diesem Minimalismus (und der teilweise gänzlichen Lernabstinenz als logischer und rational nachvollziehbarer Folge) Verständnis und Respekt entgegenbringen – es handelt sich um eine Wahrnehmung der Schülerinnen und Schüler, die passend und zutreffend ist. Dass viele nicht lernen wollen, ist also folgerichtig, und es ist wichtig, diese Tatsache ernst zu nehmen und ihr Wertschätzung entgegenzubringen.
Diesen Minimalismus der Lernenden gilt es weiter auszunutzen, aber nicht, indem man sich einfach vor dem Lernen flüchtet, wenn es nicht auf Anhieb angenehm ist. Vielmehr braucht es einen kultivierten Minimalismus. Den Minimalismus und die vermeintliche Faulheit der Schülerinnen und Schüler gilt es also nicht auszutreiben, sondern umzuwandeln und als Ausgangspunkt für eine weiterführende Lösung zu verstehen. Der Minimalismus der Lernenden ist ein Geschenk, das es für ein minimales, kreatives Lernen zu nutzen gilt.
Milton Erickson, der Begründer der modernen Hypnosetherapie, geht in seinem Utilisationsansatz genau davon aus, wenn er vorschlägt, die vorgebrachten (zunächst wohl auch schädlichen) Bedürfnisse der Patienten zu nutzen, damit weiterzugehen und «wirkungsvoll zu demonstrieren, dass sie absolut annehmbar sind, und dass der Therapeut trotz ihres Verhaltens effektiv mit ihnen umgehen kann. Diese Technik entspricht zum einen den vorgebrachten Bedürfnissen des Patienten und nutzt zum anderen als entscheidenden Teil der Induktion genau das Verhalten, das den Patienten beherrscht».9
Wenn man nicht lernen mag, wird man mit vielen negativen Auswirkungen konfrontiert, von den Erwachsenen kritisiert, mit Schwierigkeiten in der Zukunft bedroht. So spricht vieles dafür zu lernen (und gelernt zu haben). Wenn dann diese bedrängenden Gedanken, man müsse lernen, entstehen, wird zu oft mit Vermeidung reagiert. Wirklich toll wäre, lernen zu können in möglichst kurzer Zeit, möglichst angenehm.
Das Lernen muss also verändert werden, indem man gerade die Vorbehalte und die Bequemlichkeit sowie den Wunsch, nicht zu viel zu machen, nutzt.
Eigentlich ist Lernen anders und leicht
Lernen müsste nicht eine Last sein, denn «Lernen ist buchstäblich kinderleicht».10 Das Gehirn «kann nichts besser und tut nichts lieber» als lernen. Als Babys haben wir sehr gern und ausdauernd gelernt. Wir sind Tausende Male umgefallen und wieder aufgestanden, um laufen zu lernen, und das Ganze war lustig – was man sieht, wenn man sich die Fotos anschaut.
«Lebewesen, die Natur und deren Strukturen, Prinzipien überhaupt, unser Zusammenleben und wie alles entstanden ist und wo wir herkommen – das ist alles höchst spannend. Es bedarf im Grunde schon erheblicher Anstrengungen, um Kindern das Fragen nach diesen Inhalten abzugewöhnen»,11 denn Motivation und Kooperation scheinen neurobiologisch verankert zu sein.12 Man müsste also eigentlich nicht motivieren,13 sondern Motivation ist generell verfügbar. Gehirne sind «wahre Lernmaschinen, Informationsaufsauger, Regelgeneratoren und zudem Motivationskünstler».14 Das Lernen ist «nach der Liebe und Nahrungsaufnahme das Wichtigste im Leben eines Kindes».15
Das Gehirn arbeitet nach dem Prinzip des Minimalen
Das Gehirn steht laufend einer riesigen Menge an einstürmenden Eindrücken und Informationen gegenüber. Diesem Datenüberfluss gegenüber bedient sich das Gehirn einer effizienten Informationsverarbeitung und -speicherung durch radikale Reduktionsprozesse. Gedächtnisinhalte werden dabei in einer Form gespeichert, die das Wesentliche einfängt und Einzelheiten wenig festhält. Es wird nach den Regeln einer minimalen Mustererkennung vorgegangen. In der Gesichtserkennung z. B. werden Prototypen gespeichert, und in der Folge wird nur noch auf deren Abweichungen hingewiesen. So besteht ein natürlicher Drang des Gehirns, Muster, Regeln, Kategorien und Allgemeines zu erkennen. 70 % der neuronalen Aktivität im Gehirn wird denn auch von regelverarbeitenden Neuronen geleistet.16 Der Zugang zu den untergeordneten Informationen und Details wird über herausragende, wichtige Informationen, über markante Orientierungspunkte gelegt. Diese markanten Informationen wirken wie Leuchttürme, die in den vielen Informationen und Verbindungen Orientierung und Halt bieten und das Abrufen von ganzen Gebieten leiten und ermöglichen. Dabei werden aufgrund von minimalen Hinweisen und Regeln Zuordnungen vorgenommen, und diese führen zu einem Netz von neuronal aktivierbaren weiteren Inhalten. Wie im Gebiet der Sprache wird in einem generativen Prozess mit einer sehr kleinen Anzahl von Grundregeln und Elementen eine unendliche Anzahl von Sätzen und Ideen möglich.
Lernen besteht dann im Setzen von minimalen Begriffen, die einen später wie Leuchttürme wieder durch das gelernte Gebiet führen werden.
Minimalismus als Prinzip
In verschiedensten Gebieten wird Minimalismus als sinnvolles Prinzip und zu erreichendes Ziel erkannt und angestrebt. So nimmt z. B. in der Architektur und der Kunst das Minimale als Stilrichtung bedeutenden Raum ein.
Pflanzen, Organsysteme, genetische Codierungen und Sozialsysteme können nicht nur über ihre hochkomplexen geometrischen Formen beschrieben werden, sondern in der Fraktaltheorie durch die Wiederholung einfacher Regeln sogenannter Iterationen. «Was bei diesen Iterationen weiter auffällt, ist deren Einfachheit: Mandelbrot […] schreibt, dass der Algorithmus, um Fraktale zu erzeugen, normalerweise so ausserordentlich kurz ist, dass er geradezu dumm scheint.»17
Diese Kürze und Einfachheit gilt ja z. B. auch für Einsteins Formel der Relativitätstheorie, und es könnte vielleicht gleichzeitig ergänzt werden, dass diese Einfachheit auch wunderschön ist. Einstein selbst schreibt: «Eine Theorie ist desto eindrucksvoller, je grösser die Einfachheit ihrer Prämissen ist, je verschiedenartigere Dinge sie verknüpft und je weiter ihr Anwendungsbereich ist.» Und: «Alles sollte so einfach wie möglich gemacht werden, aber nicht einfacher.»18
Informationsreduzierende Strategien sind notwendig, um ein Grundproblem der menschlichen Informationsverarbeitung und Kommunikation zu bewältigen. «Angesichts der begrenzten Kapazität unseres Arbeitsspeichers (…) ist das menschliche kognitive System auf effektive informationsreduzierende und -organisierende Strategien angewiesen.»19 Aus der Fülle an Information muss das jeweils Wesentliche ausgewählt und verarbeitet werden.
Kommt hinzu, dass in unserer Zeit der Globalisierung, der Beschleunigung und der im Westen hohen Verfügbarkeit an Waren Beschränkung eine Überlebensnotwendigkeit wird. Dies manifestiert sich im psychischen Bereich in einer Reihe von Schwierigkeiten. Den Überblick zu behalten in einer Zeit des sich immer schneller produzierenden Überflusses, ist nur möglich durch Strukturierung und Beschränkung.
Für einen sinnvollen und produktiven Umgang mit dem unermesslichen Wissen, das wir durch das Internet erhalten können, brauchen wir zwei Dinge: erstens eine Wissensbasis und zweitens die Fähigkeit, Wichtiges auszuwählen und Unwichtiges wegzulassen bzw. zu vergessen. Wir müssen von minimalem Wissen aus funktionieren. Dazu ist es auch notwendig und angebracht, sich zu verabschieden davon, dass Bildung etwas Feststehendes, Grosses, Unbewältigbares sei.
Der Ökonome Pareto hat die nach ihm benannte Regel gefunden, die festhält, dass mit 20 % an Aufwand 80 % Ertrag erbracht werden kann.20 Minimalismus scheint also sinnvoll zu funktionieren. Es ginge dann darum, 80 % an Lernstoff wegzulassen und die 20 % an Wichtigem für den Lernerfolg zurückzuhalten.
Minimal lernen
Schon Seneca (4 v. Chr. bis 65 n. Chr.) meinte: «Ein Jammer, dass auch die Römer die eitele Sucht ergriffen hat, sich mit überflüssigem Lernstoff zu belasten», wie er dann weiter die Griechen kritisiert: «Es war ein krankhaftes Bestreben der Griechen, zu untersuchen, wie viele Ruderknechte Ulixes gehabt habe, was früher abgefasst sei, die Ilias oder die Odyssee, überdies, ob der Verfasser beider der nämliche sei, und noch manches andere dieser Art, das, wenn man es bei sich behält, als stiller geistiger Besitz uns nichts hilft, oder, wenn man es veröffentlicht, uns mehr lästig als gelehrt erscheinen lässt.»
Wird minimal gelernt, kann das Gelernte als bewältigbar und einfach erfahren, erfasst und gespeichert werden. So können Lust, Erfolg und Beherrschung des Gelernten entstehen.
Diese Minimierung ermöglicht auch, dass im Gehirn Raum und Kapazität entsteht für Neuverknüpfungen, die notwendig sind für das Lösen ähnlicher und andersartiger Aufgaben und die erst Kreativität ermöglichen. Dies ist nur möglich über einfache, minimale Konzepte oder in vereinfachte Kategorien übergeführte Konzepte. Diese gelernten Konzepte können auf den Kopf gestellt, neu verbunden werden – und daraus kann Neues geschaffen werden. Man kann nicht zu innovativen Erkenntnissen und Leistungen gelangen, indem man nur auf schon Bekanntes und Gewohntes aufbaut. Neue Erkenntnisse entstehen, indem man Komplexes in Einfaches zerlegt und daraus Neues kreiert.
Dazu braucht es ein minimales Lernen, damit nicht zu vieles und zu Kompliziertes den Kopf zustellt und die Freude und Lust am Probieren und Spielen nimmt.
Es geht nicht darum, möglichst viel oder alles zu lernen. Die Aufgabe ist vielmehr, Lernen von «viel und schwierig» zu «minimal und bewältigbar» zu verändern. In den nächsten drei Kapiteln folgen deshalb drei Bedingungen für ein Gelingen von Lernen und Beispiele.
1 MASTERING – OBERHAND GEWINNEN
Einleitung
Was ist an Computerspielen so attraktiv und faszinierend und warum werden sie von so vielen v. a. männlichen Kindern und Jugendlichen so intensiv gespielt? Dies ist vor allem bei Jungen der Fall, die schwieriger als Mädchen fürs Lernen zu erreichen sind. Und oft, wenn man sie zum Lernen animieren möchte, sind sie vor diesen Computerspielen zu finden und kaum wegzubringen. Wenn man hinsieht, was dort passiert, wird als eine Hauptsache klar, dass man bei diesen Spielen als Sieger aus dem Ganzen hervorgehen wird. Und sollte man nicht als hoch dekorierter, gefeierter Sieger hervorgehen, spielt das überhaupt keine Rolle. In einem solchen Fall wird das Spiel einfach abgebrochen und neu gestartet, oder es werden mit cheats die Regeln umgangen und herangezaubert, was gebraucht und gewünscht wird. Und so ist klar, dass ich immer wieder Sieger werden kann. Zudem sind die Anweisungen so einfach, klar und sich immer wiederholend, dass eine Überforderung kaum möglich ist. Ich brauche nur Übung. Viele Spiele werden unter diesen Voraussetzungen mit der Zeit langweilig. Weiter wird der Schwierigkeitsgrad oft über das Tempo gesteuert, das selbst bestimmt wird. Viele Spiele sind so stark in der Fantasiewelt beheimatet, dass dann sowieso alles nach üblicherweise geltenden Kriterien keine Rolle spielt. Schliesslich ist es dann noch so, dass wenn ich diese Figuren nur schon ansehe, ich mich unter muskulösen, in der Sache und beim anderen Geschlecht erfolgreichen Siegertypen befinde, dazugehöre und selbst ein Held bin. Klar ist also, ich bin schon Sieger, wenn ich anfange. Dies sind klare Anweisungen für das Entstehen von Motivation und Beherrschung. Bergmann äussert sich folgendermassen dazu: «Die nervösen, hyperaktiven Jungen, die sich realen Ordnungen nicht fügen und realen Anforderungen nicht folgen können, bewegen sich in den digitalen Symbol- und Möglichkeitsräumen sicher und geduldig und mit hoher Ausdauer, als seien sie seelisch endlich zu Hause.»21
Die Gefühle bestimmen …
Lernstoff und Lernumgebungen präsentieren sich ganz anders als Computerspiele. Es ist aber absolut entscheidend, dass bezüglich des Lernstoffes und Lernprozesses ein Gefühl des Beherrschens entsteht – ansonsten ist der Zugang zum Lernen nicht möglich.
Bevor die konkrete Bearbeitung des Lernstoffes gezeigt werden soll, soll zunächst auf die psychischen und mentalen Mechanismen und Voraussetzungen für Lernen eingegangen werden.
Von der Motivation und im Speziellen dem Gefühl, etwas beherrschen und erfolgreich sein zu können, hängt sehr viel ab. Schiefele und Streblow meinen, dass es von der Lernmotivation abhänge, ob ein Schüler oder eine Schülerin überhaupt eine Lernaktivität ausführe und wie lange und intensiv er oder sie lerne.22
Es ist hinreichend bekannt, dass das emotionale Erfahrungsgedächtnis blitzschnell, in Millisekunden, und unterhalb der Bewusstseinsschwelle reagiert und dem Organismus mitteilt, ob eine positive oder negative Erfahrung vorliegt und eine annähernde oder abwendende Reaktion erfolgen soll.23 Dabei hinterlässt jede Begegnung, die der Organismus gemacht hat, einen sogenannten «somatischen Marker», der die Bewertung dieser Erfahrung speichert. Diese Bewertung erfolgt nach dem System «Gut gewesen, wieder aufsuchen» oder «Schlecht gewesen, das nächste Mal lieber meiden».24 Die «Neurowissenschaften gehen davon aus, dass in evolutionär älteren Gehirnstrukturen, über das emotionale System, fortwährend Reaktionsselektionen stattfinden, ‹deren sich der Organismus nicht bewusst ist und die infolgedessen auch nicht willentlich vorgenommen werden›».25 Auch für Roth ist, ausgehend von den neurobiologischen Erkenntnissen, klar: «Lernen ist ein Prozess, dessen Erfolg überwiegend von unbewusst wirkenden Faktoren abhängt, und zwar im Wesentlichen von Emotionen […]. Nur wenn die Frage bejaht wird [ob sich der Aufwand lohnt, R. H.], ‹lernt› das Gehirn.»26 «Bei allem, was wir tun wollen und uns vorstellen», so Roth weiter, «wird etwa eine Sekunde vorher im limbischen System abgefragt, ob das Beabsichtigte passend bzw. gut oder unpassend bzw. schlecht für den Organismus ist, und zwar im Lichte vergangener Erfahrung».27 Wenn Lern- und Schulerfahrungen negativ besetzt waren, werden diese in Zukunft automatisch, unbewusst und sehr schnell vermieden. Storch und Krause schreiben, dass: «Verhaltensweisen, die aufgrund der Erfahrungen, die ein Organismus gesammelt hat, unerwünschte Ergebnisse nach sich ziehen würden, mithilfe von negativen somatischen Markern aus der Palette der Wahlmöglichkeiten ausgeschieden werden».28 So wird gelernt, Lernmöglichkeiten zu vermeiden.
Die höheren kognitiven, rationalen Funktionen, die über den Wert des Lernens Bescheid wissen, arbeiten demgegenüber deutlich langsamer.
Für das Lernen sind demnach positiv verbundene Gefühle von Erfolg und Beherrschung unabdingbar. Es gilt, «den bedrückenden Eindruck zu vermeiden, dass man sich vor einer riesengrossen Aufgabe befindet, ein Gefühl, das insbesondere vom limbischen System gefürchtet wird».29 Vielleicht wird überhaupt erst gelernt, wenn das Gehirn ‹sagt›: «Ich bringe etwas zuwege, und deshalb fühle ich mich wohl.»30 Durch diese Beruhigung kann der Kortex alle seine Funktionen einsetzen. «Wir brauchen schon im Vorfeld das Gefühl der Machbarkeit.»31 Dieses Gefühl von «Das ist doch kinderleicht, und ich kann das spielend» ist dann die Grundlage, um weitere Lernerfahrungen zu suchen und anzugehen.32 Durch das schrittweise Lernen und einen emotional angenehmeren Zugang zum Lernen wird weiteres Lernen erleichtert.33 Es wird dabei davon ausgegangen, dass die Intentionsbildung an das Auftauchen von positiven Emotionen gekoppelt ist.34 Es ist für einen Lerneffekt nicht ausreichend, nur zu lernen und zu wiederholen, sondern dies muss mit einem positiven Gefühl von Erfolg gekoppelt sein. Es wird dann gelernt und die neuronale Übertragungseffizienz erhöht, wenn zwei Bedingungen an Neuronen gegeben sind: «Sie müssen häufig benutzt werden und sie müssen erfolgreich benutzt werden.»35
Wird dem Gehirn vermittelt, dass das Angetroffene bewältigbar und Erfolg versprechend ist, wird (über Neurotransmitter als Botenstoffe) eine Reihe von gehirninternen Prozessen ausgelöst. So wird bei Erfolgserlebnissen u. a. der Neurotransmitter Dopamin ausgeschüttet. Dies wird auf der Gefühlsebene als angenehm und beflügelnd erlebt und wirkt in der Folge auch motivationsbildend. «Es bewirkt, dass wir uns über unsere Erfolge freuen und zum Weitermachen (Weiterlernen) höher motiviert sind. […] Lob, Anerkennung, Erfolg, Belohnung wirken als Verstärkungen für das geleistete Verhalten, also auch für das Lernen. Verstärkungen sind dadurch oft der Motor unseres Handelns.»36 Umgekehrt kann bei depressiven Zuständen eine Unterversorgung mit Dopamin festgestellt werden. Werden beim Lernen Bedingungen geschaffen, in denen Dopamin ausgeschüttet wird, führt dies dazu, dass vermehrt und eigeninitiativ gelernt wird. Dieses mit dem Lernen verbundene gute Gefühl muss vom Gehirn nicht einmal tatsächlich erlebt werden, sondern wird auch nur schon in der Vorstellung aktiv, beides bildet Erinnerungsspuren,37 es entsteht ein positiver Kreislauf.38
«Je eher ein Mensch das Gefühl hat, mit eigenen Kräften ein bestimmtes Ziel auch erreichen zu können, desto grösser ist die Motivation, sich nachhaltig für dieses Ziel einzusetzen.»39 Die Entstehung von Selbstvertrauen führt zu einem weiteren, selbstständigen Verfolgen der eigenen Ziele, und es wird beschrieben, dass «Menschen mit hohem Selbstwertgefühl über mehr selbstbestimmte, intrinsische Ziele verfügen»40 Ist Selbstwirksamkeit erreicht als die Überzeugung, eine spezifische Tätigkeit oder Herausforderung erfolgreich meistern zu können, kann sie als Quelle für Motivation und weiteres Handeln wirken41 So entsteht eine Grundhaltung, die in der Psychologie als Selbstwirksamkeit oder Kontrollüberzeugung bezeichnet wird und mit weiteren positiven Faktoren wie Selbstverantwortlichkeit, Stressresistenz und psychischer Gesundheit überhaupt einhergeht42 Storch und Riedener benutzen hierfür und für ihr Selbstmanagement-Training die somatischen Marker: «Somatische Marker, wahrnehmbar als Körperempfindungen und / oder als Emotionen, können in psychotherapeutischer und pädagogischer Hinsicht als Diagnostikum genutzt werden für Kohärenz, Selbstkongruenz oder generellen Selbstwert, für Einheit, Passung oder gelingende Identitätsarbeit.»43 Die somatischen Marker funktionieren dabei als Go- oder Stopp-Signal für geplante Handlungen.44 Schiffer meint, dass ein starkes Kohärenzgefühl, d. h. das Gefühl, dass die Welt verständlich, die Aufgaben lösbar und Anstrengungen sinnvoll sind, zu positiven Lernprozessen führt, indem es entscheidend Einfluss auf die Genaktivität und Gehirnentwicklung nimmt45
Psychische Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Wertschätzung sind weitere entscheidende Faktoren. Für das intrinsische Lernen müssen die grundlegenden Bedürfnisse nach Kompetenz, Selbstbestimmung und sozialer Einbindung erfüllt sein46 «Entscheidende Voraussetzungen für die biologische Funktionstüchtigkeit unserer Motivationssysteme sind das Interesse, die soziale Anerkennung und die persönliche Wertschätzung, die einem Menschen von anderen entgegengebracht werden.»47 Noch konkreter könnte man sagen: «Für Lernen, auch für das Lernen in der Schule, muss das Motivationssystem aktiviert werden. Dies geschieht durch gute zwischenmenschliche Beziehungen, durch soziale Anerkennung und durch Erfolgserlebnisse beim Lernen.»48 Diese Befunde und Aussagen stellen, wenn das Hauptziel Lernen sein soll, die schulische Selektion infrage.
Unsere Identität bestimmt den allergrössten Teil des psychischen Geschehens wie die automatisierte Wahrnehmung, Informationsverarbeitung und Handlungssteuerung. Dementsprechend sind ein Selbstkonzept und eine Identität als erfolgreich Lernende / r handlungsbestimmend und -wirksam.49 Dilts erklärt dies folgendermassen: «Weil Überzeugungen in tieferen Gehirnstrukturen entstehen, verändern sie grundlegende physiologische Funktionen im Körper, die viele unserer unbewussten Reaktionen beeinflussen.»50
Letztlich wirkt die Motivation sogar als entscheidender Faktor für Erfolg oder Misserfolg von Ausbildungen überhaupt.51 «Selbstkonzept und Selbstwertgefühl steuern in einem hohen Masse die Handlungen von Personen.»52 Dazu kommt, dass «die Selbstkonzepte eines Menschen für die Wahl und für den Erfolg seiner Handlungen tendenziell wichtiger sind als seine intellektuellen und physischen Fähigkeiten und zum Teil auch wichtiger als die situativen Gegebenheiten».53 So scheint es nur folgerichtig, in einem Förderungsprogramm zur Problemlösung in den Ingenieurwissenschaften an erste Stelle folgenden Punkt zu stellen: «Motivation: Ich kann es schaffen, ich möchte es schaffen.»54
Wenn man nicht motiviert ist, kann man auch Lernstrategien nicht umsetzen.55 Erfolgreiche, intrinsische Lernerinnen und Lerner setzen Techniken ein, die das Lernen erleichtern und die Motivation weiter erhalten.56 «Generell scheint zu gelten, dass begabte Menschen sich von Natur aus effizienterer Strategien bei der Verarbeitung und Speicherung von Informationen bedienen, wobei diese in den meisten Fällen nicht bewusst angewendet werden, sondern vermutlich auf frühe erfolgreiche Lernerfahrungen zurückgeführt werden können.»57 Diese Prozesse für selbstgesteuertes und reguliertes Lernen basieren auf internen Bedingungen der Lernenden wie ihren Kontroll- und Selbstwirksamkeitsüberzeugungen, die in den unbewusst arbeitenden Hirnarealen beheimatet sind.58 Die Motorik, die über das Sich-Hinsetzen vor Lernmaterial bestimmt, wird zuerst über Gefühle und nicht über das rationale Denken gesteuert.
Messmer stellt in ihren Vorschlägen zur Frühförderung fest: «Es [das Kind, R. H.] soll das Gefühl entwickeln, etwas leicht zu Bewältigendes zu tun, denn schon die geringste Überforderung wird den gegenteiligen Effekt hervorrufen, nämlich die Angst vor Schwierigkeiten und das Gefühl, es nicht schaffen zu können.»59
Largo meint zu den Zielen einer kindgerechten Schule: «An erster Stelle steht für mich das Selbstwertgefühl […]. Ein gutes Selbstwertgefühl hat ein Schüler dann, wenn die Schule für ihn eine positive Erfahrung war, das heisst, die schulischen Anforderungen waren für ihn mehrheitlich zu bewältigen und überwiegend mit Erfolg verbunden.»60
Eine breite Forschung bestätigt, dass das Gefühl, dass man etwas beherrscht, und das Gefühl von Erfolg von grosser und entscheidender Bedeutung ist.
… und wenn negative Gefühle dominieren
Lernen wird, sobald es vom Gehirn als unangenehm im Sinne eines somatischen Markers (vgl. oben) taxiert wird, automatisch und sehr schnell mit Reaktionen von Abwendung und Flucht beantwortet. Sämtliche negativen Lernerfahrungen wirken in der Zukunft als Vermeidungshinweise für weiteres Lernen. Daraus entsteht eine Reaktion dem Lernen gegenüber, die dann etwa so aussieht: «Ich lerne, aber lieber später … und am besten gar nicht, wenn es geht.» Wenn jemand dann weiter sagt, er habe keine Lust zu lernen, meint er wahrscheinlich vor allem auch, er habe Angst zu lernen.
Wenn Verwirrung und Verunsicherung vorherrschen, wenn man sich nicht zurechtfindet, wenn einem der Lernstoff wie ein Dschungel vorkommt, wird das limbische System, das im Gehirn Gefühle bearbeitet, aktiv und reagiert mit Angst und Abwehr. Dasselbe Prinzip ist beobachtbar, wenn Kinder Tätigkeiten vorziehen, bei denen sie sich kompetent fühlen, und solche vermeiden, bei denen dies nicht der Fall ist.61 Da sich der Lernstoff generell eben nicht wie ein Computerspiel, sondern zu oft eher wie ein unübersichtlicher und unbewältigbar grosser Dschungel darstellt, entsteht folgerichtig diese Angst und Abwendung vom Lernen. Diese Angst, etwas sei zu kompliziert oder zu schwer, löst nicht nur eine Fluchtreaktion aus, sondern blockiert das Gehirn. Wenn dann noch weiter die Haltung besteht, Lernen sei schwierig, und wenn Selektion droht, nehmen Angst und Stress weiter zu. Daher ist ein Pfad, d. h. ein klares Vorgehen, wichtig. Es ist des Weiteren auch wichtig, zu wissen, dass man irgendwie erfolgreich sein wird, wenn man diesem Pfad folgt.
Wenn die beschriebene Angst und Abwendung vom Lernen sich durchsetzt, entsteht ein Teufelskreis.62 Immer dann, wenn die Anforderung grösser ist als das Können, kommt es zu Frustration und Vermeidung des Lerngebiets, was erneut beiträgt zu einer weiteren Diskrepanz zwischen Anforderung und Können. So kommt es zu immer weniger Lernen und immer weniger Können. Immer dann, wenn das Können hingegen grösser ist als die Anforderung, führt dies zu Befriedigung und zu einem wiederholten Aufsuchen des Lerngebiets, was wiederum zu einem erhöhten Können und weitergehend zu erneutem Lernen führt. Auch Steiner bestätigt, dass Frustration und eine negative Dynamik entstehen, wenn die Anforderungen unser Können übersteigen.63

Abb. 1: Teufelkreis (nach Butterworth) im Mathematikunterricht. Quelle: Spitzer, 2007

Abb. 2: Virtuoser Kreis des Lernens (nach Butterworth), der sicherlich nicht nur für die Mathematik gilt! Quelle: Spitzer, 2007
Wenn Lernende annehmen, einer Aufgabe nicht gewachsen zu sein, versuchen sie, ihre Unfähigkeit zu verbergen. Sie haben weiter die Tendenz, Lernen zu vermeiden, um negativen Gefühlen wie Scham aus dem Weg zu gehen, und Aufgaben zu wählen, die entweder zu schwierig oder zu einfach sind.64 Werden jedoch mittelschwere Aufgaben gewählt, ist dort ein Zuwachs an eigener Kompetenz besonders gut zu sehen. Erfolg kann den eigenen Fähigkeiten und Anstrengungen zugerechnet werden, während Misserfolg auf fehlende Anstrengungen und Pech zurückgeführt werden kann. Wird Misserfolg auf fehlende Anstrengung zurückgeführt, scheint er auch beeinflussbar.65 Vollmeyer meint, dass Lernende sich dann optimal herausgefordert fühlen, wenn die Aufgabenschwierigkeit die eigenen Fähigkeiten knapp übersteigt.66 Es wird auch von «dosierter Diskrepanz» gesprochen.67
Werden schon im Vorschulbereich Kinder mit dem Ziel, ihnen selbstständiges Denken beizubringen, mit Lernspielen ohne anleitende Erklärungen alleingelassen und ist es ihnen zudem untersagt, einander zu fragen und zu helfen, bringen diese Kinder folgende Einstellung mit nach Hause: «Ich kann es nicht, ich bin dumm.» Dies ist eine verheerende Sicht, die kleinen Kindern mitgegeben wird auf den Weg in die Schule und in ein Leben, das immer mehr mit lebenslangem Lernen verbunden ist.68
Der Erwerb von Wissen und Kompetenz führt letztlich dazu, ein Gefühl von Sicherheit zu schaffen, das hilft, der immer wieder auftauchenden individuellen Angst zu begegnen,69 und zu einem Schatz an erreichten Erfolgen führt.
Fehlerfreundlichkeit
Kleine Kinder, die z. B. laufen lernen, tun dies nicht in einem Defizitdenken. In ihrem Kopf spielt sich nicht ab: «Ich muss laufen lernen, mit dem Blick auf die Erwachsenen, die das perfekt, sogar auf einem Bein, rückwärts usw., beherrschen.» Sie vergleichen den Stand ihrer Leistung nicht dauernd mit dem der Erwachsenen. Die Kleinen machen einfach, ohne das Ziel im Auge zu haben. Und sie scheinen auch Spass und Freude zu haben – auch an dem, was nicht klappt. Sie gehen auch genau nach der Devise der Computerspiele vor: «Es kommt überhaupt nicht darauf an; jede Bewegung ist später mal zu irgendetwas zu gebrauchen, und wenn es doch zu nichts führt, ist das auch interessant, dann mach ich das anders, und wir fangen sowieso einfach wieder von vorne an.» Der Wissens- bzw. Kompetenzerwerb wird also nicht laufend als sich in einem Minus befindend taxiert. Und dass dieses Vorgehen für das Erlernen eines so hochkomplexen Bewegungssystems überaus erfolgreich ist, und zwar fast immer und überall, zeigt ja die Tatsache, dass wir fast ausnahmslos alle perfekt gelernt haben, zu laufen.
Dies gilt aber nicht nur für motorische Fähigkeiten. Kleine Kinder lernen auch eine neue Sprache so leicht, denn «sie sind aufgeschlossener, treten der Sprache unbefangener gegenüber und haben keine Angst, Fehler zu machen. Sie wiederholen und assoziieren, sie hören aufmerksam, kopieren und imitieren.»70
Daraus kann ganz generell für ein Mastering geschlossen werden, dass es hilfreich und erforderlich ist, eine Atmosphäre nicht nur der Fehlertoleranz, sondern explizit der Fehlerfreundlichkeit zu schaffen. Fehler allein ermöglichen das Erkennen eines Unterschiedes. Von daher kann man sagen, dass Fehler für ein effektives Lernen und kreatives Wissen notwendig sind. Nur sie ermöglichen es, zu erkennen, zu differenzieren und mit Möglichkeiten zu spielen. Wenn ich beim Singen einen Ton, der ausserhalb einer Melodie schwierig zu treffen ist, lernen will, muss ich ihn zu hoch und zu tief singen. Ich muss mir sagen, dies wären auch Möglichkeiten für den Komponisten oder die Komponistin gewesen. Wenn ich ihn zu hoch singe, kann ich meinem Gehirn sagen: «Das war zu hoch, so tönt der Ton zu hoch.» Dazu notwendig ist nicht nur ein Tolerieren, d. h. ein gelassenes Ertragen von Fehlern, sondern das aktive Aufsuchen von Fehlern als Erfahrung und Hinweis auf das, wozu man sich nicht entscheiden will. Und unter Umständen werde ich mich in einem fortgeschrittenen Stadium gerade für einen Fehler, für eine spannende Dissonanz entscheiden wollen. Lernen wird dann zu einem spannenden Spiel mit verschiedenen Möglichkeiten und nicht zu einer angstbesetzten Geschichte von Versagen und Ausgrenzung. Wird diese Fehlerfreundlichkeit gelebt, kann Lernen spannend sein und Spass machen und es geschieht das einzig Wichtige beim Lernen, nämlich dass man dabeibleibt und lernt.
Verschiedene Autoren (wie z. B. Stedtnitz) meinen, dass Fehler und Rückschläge nicht nur gelassen hinzunehmen, sondern gegenüber dem Kind immer wieder als Lernmöglichkeiten umzudeuten sind.71 Köhler spricht davon, «dass Schule ein Ort sein sollte, wo Fehler, wo das Misslingen als Quelle des Schöpferischen gelobt und zugelassen wird, wo die Schüler lernen, dass Lernen auch immer durch Misserfolge zum Erfolg führt, dass Lernen ein Versuchen ist».72
So haben Grundschülerinnen und Grundschüler, die nach einer Textlektüre eine bewusst teilweise verfälschte Concept Map über einen Text korrigieren und ergänzen durften, in ihrem erreichten Wissen effektiver abgeschnitten als Schülerinnen und Schüler, die selbst eine solche Map konstruierten.73
Das Ziel wäre, Fehler und möglichst viele Fehler als positiv und bereichernd willkommen zu heissen. Ist diese Fehlerfreundlichkeit und Gelassenheit etabliert, kann manchmal auch ein massives Über-die-eigenen-Möglichkeiten-Hinausgehen und eine momentane Überforderung zu grossen Schritten oder quantitativen Sprüngen führen. Dies geschieht dann nicht in einem Rahmen, der bedrohlich wäre.
Wird diese Fehlerfreundlichkeit gelebt, kann weiter auch dem etablierten Wissen mit einer Haltung von Mut und Entdeckergeist entgegengetreten werden. Dann darf angenommen werden, dass Erkenntnisse noch unvollkommen und vielleicht auch teilweise falsch sein können. Dazu sei an alle früheren Lehrsätze erinnert, die durch neues Wissen über Bord geworfen werden konnten: So wurde z. B. als Lehrsatz doziert, dass das zentrale Nervensystem als unveränderbar anzusehen sei. Heute jedoch ist klar, dass das Gehirn stark veränderbar ist und sich sogar je nach Nutzung anders strukturiert.74 Diese kritische und lustvolle, entdeckerische Begegnung und Haltung ist jedem Wissen gegenüber notwendig und angebracht. Sie ermöglicht dann auch die Infragestellung und Erneuerung von bereits vorhandenem Wissen.
«Das allen sehr vertraute ‹Rotstift-Milieu› bewirkt eine geistige Defizitorientierung, die schleichend zu einer Haltung werden kann, die nicht nur geistige Kapazitäten blockiert, sondern auch die Seele einengt». Dieser, von Bach nicht nur für die Schüler-, sondern auch für die Lehrerseite beschriebene Mechanismus gilt es zu verlassen und zu ersetzen.75 Alternativen formuliert Müller: «Schriftlich formulierte Vergleichswerte bilden eine der Grundlagen für eine kompetenzorientierte (im Gegensatz zu einer selektionsorientierten) Lernkultur. Lernen findet dann eben nicht in einem verminten und fallendurchsetzten Gelände von Noten und Prüfungen statt.»76 Wissen und Lernen können so auch zu einem andauernden Experiment werden, an dem wir teilhaben können.
Mastering umgesetzt
Gefühle von Beherrschung und Erfolg prägen uns schon sehr früh. Arnold verweist auf eine Studie von Brinck (2007) zur elterlichen Kommunikation und zu deren schichtspezifischer Abhängigkeit, die die Anzahl Ermunterungen bzw. Entmutigungen, die Kinder bis zu einem bestimmten Alter erfahren haben, erfasst: «Bis zum dritten Lebensjahr hatten die Mittel- und Oberschichtkinder 500 000 Ermunterungen und 80 000 Entmutigungen gehört. Die Kinder von Sozialhilfeempfängern erlebten es umgekehrt: Sie hörten von ihren Eltern 75 000 Ermunterungen und 200 000 Entmutigungen.»77 Wenn zusätzlich zu den Ermutigungen zu Hause Wissen zur Verfügung steht und vorgelernt wird, erfährt man nachher in der Schule, dass man einiges schon weiss: Es entstehen Erfolgsgefühle und das Erleben: «Das ist ja gar nicht schwer.» Dieser Vorsprung der bildungsnahen Schichten vergrössert sich in der Schule immer weiter. Lernen wird dann als einfach, erfolgsbringend und angenehm vom Gehirn erlebt und verarbeitet. Bei Kindern aus bildungsnahen Schichten führt ein Vorsprung im Wissen so zu Mastering. Tatsächlich haben Kinder, die mit deutlichen Vorkenntnissen die Schule beginnen, nachweislich den grössten Schulerfolg in den betreffenden Fächern.78 Inhaltliches Vorwissen als Lernvoraussetzung spielt ganz generell für den weiteren Wissenserwerb eine herausragende Rolle.79 Diese positive Lerngeschichte führt zu einer steten Aufwärtsspirale bezüglich des Schulerfolgs, aber auch bezüglich der positiven Beziehung zu Lehrpersonen und Klassenkameraden. «Deshalb kann dem Aufbau einer möglichst positiven Lerngeschichte besonders in den ersten Schuljahren gar nicht genug Bedeutung beigemessen werden.»80
In internationalen Vergleichstests in Mathematik sind Kinder aus China, Japan und Korea westlichen Kindern regelmässig überlegen.81 Da chinesische Zahlwörter, z. B. «si» für 4 und «qi» für 7, sehr viel kürzer sind als «vier» und «sieben» im Deutschen (oder «four» und «seven» im Englischen), können Kinder, die chinesischer, japanischer oder koreanischer Muttersprache sind, sich Ziffern einfacher und schneller merken und sie leichter aneinanderreihen. Chinesische Kinder können sich z. B. Zahlenfolgen von sieben Ziffern merken, was nur die Hälfte der westlichen Kinder schafft. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, «dass wir die Zahlen zwischen 13 und 99 nicht in der Reihenfolge aussprechen, in der wir sie schreiben: Wir schreiben 14, 15, 18, aber wir sprechen vier-zehn, fünf-zehn, acht-zehn. Im Deutschen ist das Zahlensystem also äusserst unregelmässig. Anders im Chinesischen, Japanischen und im Koreanischen, die ein vollkommen logisches Zahlensystem besitzen: 11 ist zehneins, 12 ist zehn-zwei, 24 ist zwei-zehner-vier und so weiter.»82 Wenn ein deutschsprachiges Kind dann siebenunddreissig und zweiundzwanzig addieren soll, muss es diese Zahlen zuerst im Kopf in die richtigen Ziffern verwandeln, also in 37 + 22. Erst dann ist es möglich, die entsprechende Rechenoperation durchzuführen. Ein asiatisches Kind muss hingegen nur drei-zehner-sieben und zwei-zehner-zwei addieren, das heisst, die Rechenaufgabe ist in der sprachlichen Formulierung bereits enthalten. Während wir weiter beim Bruchrechnen von drei Fünfteln sprechen, heisst es im Chinesischen bildlich «von fünf Teilen nimm drei», was eine Erklärung des Bruchs ergibt und die eindeutige Unterscheidung zwischen Zähler und Nenner ermöglicht. Fuson meint, dass das asiatische Zahlensystem transparent sei und sich dadurch die gesamte Einstellung zur Mathematik positiv verändere zu: «Ich erwarte, dass ich das kann und dass es einfach ist.»83
Choon Tan «hält Mathematik für ein Grundbedürfnis, das vor dem Lesen komme, da unsere Weltordnung mathematischen Gesetzmässigkeiten unterliege».84 So kann Wissen das Zurechtfinden und Sicherheit in der Welt ermöglichen und dieses uns eigentlich mitgegebene Lernbedürfnis erklären.
Dilts beschreibt die schöne Art, wie einem Kind mit einer Lernbehinderung mit der bisherigen Strategie des Abzählens mit den Fingern beigebracht wurde, grössere Zahlen zusammenzuzählen: «‹Ich habe eine Idee! Egal, um was für zwei Zahlen es geht, in jedem Fall bist du die grössere Zahl, und die kleinere Zahl zählst du an den Fingern ab. Wenn es um die Dreizehn und die Vier geht, dann bist du die Dreizehn. Halte jetzt einmal vier Finger hoch und zähle.› […] ‹Gut. Was ist hundertfünfundzwanzig und sieben?› Zuerst zögerte das Kind. Die Zahlen erschienen ihm so ‹gross›. Der Psychologe erinnerte den Jungen. ‹Du bist die Hundertfünfundzwanzig. Halte jetzt sieben Finger in die Höhe und zähle.› ‹Hundertzweiunddreissig›, kam die erfreute Antwort […]. Als Nächstes wurde dem Jungen klar, dass man selbst beim Addieren vielstelliger Zahlen nie mehr als zwei Zahlen auf einmal zu addieren braucht, vorausgesetzt, man lernt, überzählige Zehner auf die nächste Stelle (links) zu übertragen. Plötzlich konnte dieses Kind, das nie zuvor Zahlen hatte addieren können, deren Summe höher als zehn gewesen war, mehrstellige Zahlen addieren […]. Ich glaube, da war noch etwas anderes, sehr Subtiles, das sehr wichtig war: dass der Lehrer das Kind aufforderte, sich mit den grossen Zahlen zu identifizieren. ‹Ich bin die grosse Zahl.›»85
Ein Beispiel für den Rückgriff auf eine sichere Lernerfahrung ist folgende Geschichte: Der Hypnosetherapeut Milton Erickson brachte einer Patientin und Bäuerin im Ruhestand das Schreiben und Lesen bei, indem er ihr zeigte, dass sie alles dazu notwendige Wissen schon zur Verfügung hatte und nur Buchstaben wie ihr bereits bekannte Dinge zusammenzubauen hatte. «Nun machen Sie zwei schräggestellte Zeichen, wie die eine Seite des Dachgiebels des Heuschobers und wie die andere Seite.»86 So erreichte er erfolgreiches Lernen, aufbauend auf dem Gefühl von Beherrschung.
Vorgehen
Einerseits ist es unbedingt notwendig, Lernen mit positiven Gefühlen von Beherrschung und Erfolg zu verbinden. Auf der anderen Seite ist dies nur möglich, wenn der Lernstoff so bearbeitet wird, dass sich diese Gefühle auch einstellen können.
Es ist möglich und unverzichtbar, dieses Gefühl von Beherrschung zu schaffen, indem der Lernstoff reduziert und minimalisiert wird. Für die Förderung von Interesse und Kompetenz ist es sehr bedeutsam, dass der Stoff einfach, d. h. klar statt kompliziert, und anschaulich, d. h. beispielhaft statt abstrakt, vermittelt wird. Konkret bedeutet dies, dass das Lerngebiet so verändert und angepasst werden muss, damit dieses Gefühl entsteht: «Pah, das ist ja total leicht, ich schaff das.»
Es ist notwendig, Wege zu suchen, wie das Lernen und der Stoff eingeteilt werden kann, dass unter allen Umständen, immer (!), bei den Lernenden dieses Gefühl entsteht: «Ich schaff das». Es darf aufs Mal immer nur ein kleines, kurzes, überschaubares Stück gelernt werden und nicht ein Sammelsurium, das überfordert und nur mit Mühe eingeordnet werden kann. Es ist entscheidend, nur so viel zu lernen, dass man ganz sicher ist, das perfekt zu können. Andernfalls geht man zurück, beschränkt sich und wiederholt. Man lernt in kleinen Stücken und Schritten vorwärts, sodass mit der entstandenen Sicherheit, dass man etwas ganz sicher kann, das Dopaminsystem aktiviert ist und keine Abwendung vom Lernen entsteht. Ebenso bedeutet dies, dass Lernmarathons keinen Sinn machen – in erster Linie auch nicht bei Jüngeren.
Es muss nach dem Lernen auf jeden Fall, ganz sicher das Gefühl da sein:
Das ist gar nicht viel.
Das ist ganz einfach.
Es ist keine Frage, ich kann das.
Dieser Gefühlszustand muss unbedingt vorhanden sein, andernfalls muss vorher aufgehört werden. Es geht also darum, wenig, dies aber sehr gut zu lernen, damit dieses Gefühl der Kompetenz und der Motivation entsteht: «Ich kann's». Lernen muss also so gestaltet, so einfach sein, dass automatisch der Ausspruch kommt: «Das ist ja total einfach». Dies kann als Bestätigung genommen werden, dass Mastering erreicht ist.
Das Ziel von Lernen ist, dieses gute Gefühl von Kompetenz zu erreichen. Die Herangehensweise, etwas in kleinen Schritten und minimal zu lernen, ist eine Grundvoraussetzung für dieses Gefühl von Mastering, von «Ich kann’s», «Das ist ganz einfach». Diese Erreichung eines Gefühls von Meisterschaft ist die erste Grundvoraussetzung für ein angenehmes und dann auch wiederholtes Lernen.
Es soll nun weiter nicht nur theoretisch beschrieben werden, wie gelernt werden kann und soll, sondern dies soll gezeigt werden. Dann kann Lernen neu gesehen werden. Deshalb geht es im Folgenden um die praktische Verwandlung des Stoffes in Minimales und die theoretische Basis, wie das Gehirn Informationen nach den Prinzipien des Minimalen verarbeitet.
2 DAS MINIMALE
Beispiele für die Verwandlung des Stoffes in minimales Lernen und Mastering
Beim Lernen geht es um das Setzen von minimalen Begriffen und Schlüsselinhalten, die einen später wie Leuchttürme durch das Gebiet leiten werden.
Für die Grundstufe
Mathematik
Multiplikationsreihen
Bei den Multiplikationsreihen handelt es sich um eine Grundfunktion von Mathematik, die allen weiteren Operationen zugrunde liegt und die man beherrschen sollte, wenn Mathematik nachher Spass machen soll.
Da es sich dabei um Rechnungen, beispielsweise 7 x 8 = 56, mit insgesamt 240 Zahlen handelt, ist eine Verkürzung im Sinne einer Minimierung für das Erlernen dieser Operationen hilfreich. Das eigentlich Wichtige und Minimale dieser Rechnungen sind die Resultate, somit also noch 80 Zahlen. Als Beschränkung lässt man daher die Rechnungszahlen und Operationszeichen weg und lernt nur die Endzahlen und -resultate. Für die 8er-Reihe sieht dies folgendermassen aus:
nicht:
1 x 8 = 8, 2 x 8 = 16, 3 x 8 = 24, 4 x 8 = 32, 5 x 8 = 40, 6 x 8 = 48, 7 x 8 = 56, 8 x 8 = 64, 9 x 8 = 72, 10 x 8 = 80
sondern:
8, 16, 24, 32, 40, 48, 56, 64, 72, 80
Diese Folge sieht schon sehr viel überschaubarer und bewältigbarer aus.
Weiter kann man dann auch sehen, dass die Zahlenfolge sich auf der Einerstelle immer um 2 reduziert, d. h., es geht immer 2 Zahlen herunter, also:
86, 24, 32, 40, 48, 56, 64, 72, 80
Dies vereinfacht das Lernen der Reihe weiter, weil es sich so eigentlich nur noch um ein Retourzählen um 2 handelt. Einige «sehen» diese Zahlen auch in der Reihe.
Wenn man weiter bei 40 eine Pause macht und das als Halbzeit bezeichnet, ist das Ende schon in Sicht und ein allen Sportlerinnen und Sportlern bekannter Begriff und eine angenehme Verbindung zum Spiel gegeben. Damit wird die Reihe in zwei kleine, gut aufnehmbare Einheiten zerlegt (und der Zerlegung von Lernmengen in Sequenzen kleiner als 7 oder 5Genüge getan)87:
86, 24, 32, 40 und 48, 56, 64, 72, 80
Eine schwierigere Reihe ist die 7-er Reihe:
7, 14, 21, 28, 35, 42, 49, 56, 63, 70
Mit Halbzeit 35 ist diese schon überschaubarer:
7, 14, 21, 28, 35 Halbzeit 42, 49, 56, 63, 70
Weiter kann man bei dieser Reihe sehen, dass eine Besonderheit und Einfachheit darin besteht, dass in zwei Zehnern zwei Zahlen «wohnen», was bei einer hohen Zahl wie 7 eine doch bemerkenswerte Tatsache für eine Multiplikationsreihe darstellt:
21, 28
und
42, 49
Und schon sieht diese Reihe noch einfacher aus:
7, 14 21 / 28 35 Halbzeit 42 / 49 56, 63, 70
Über die 9er-Reihe ist nicht viel zu sagen:
Diese Reihe geht auf der Seite der Einer einfach immer um eine Zahl herunter und auf der anderen Seite, bei den Zehnern, immer eine Zahl hoch. Wie eine Wippe, eigentlich doch wie ein Spiel, und es ist nichts weiter zu tun, als rückwärts- und vorwärtszuzählen:
9, 18, 27, 36 usw.
Um sich an die 3er-Reihe zu erinnern und um diese bildhaft zu sehen, kann die Anordnung der Tasten auf den Telefonen genommen werden:
1 2 3
4 5 6
7 8 9
Dabei wird in der hintersten Reihe von oben nach unten begonnen: 3, 6, 9,
dann in der mittleren Reihe, zu den 10ern, die 2, 5 und 8 angehängt: 12, 15, 18,
und schliesslich wird in der letzten Reihe, zu den 20ern, die 1, 4 und 7 angehängt: 21, 24, 27.
Nicht zu vergessen ist, dass für alle Reihen gilt, dass 1 x … und 10 x … der betreffenden Reihe von Beginn weg nicht zu beachten ist, da diese Resultate sowieso klar und einfach sind.
Weiter gibt es dann noch die Möglichkeit der Wahrscheinlichkeit und des Ratens. Ist die Halbzeit zusätzlich ein Begriff und eine Hilfe der Strukturierung, fallen einem auch sehr schnell 6 x 8 ein, da dies ja das erste Resultat nach der Halbzeit ist. Dies macht ein Auswendiglernen von 6 x 8 = 48 unnötig. Sicher ist es weiter möglich, zu raten, dass 3 x 8 wohl eher 24 als 32 oder 16 ergibt.
Für eine Strukturierung des Lernens ist auch erleichternd, bestimmte Inhalte mit Emotionen zu verbinden. Man kann sich also z. B. sagen: «Ich lerne die schwierigste Rechnung», z. B. 7 x 8 = 56. Man wird sich dann leicht erinnern, weil eine zusätzliche Erinnerungsspur gelegt wurde. Oder man sagt sich: «Die 5er-Reihe lerne ich gar nicht, weil die so einfach ist.»
Nun kann man diese Reihen bzw. Resultate auf Zeit, z. B. in 5 Sekunden, lernen, um dies effizient zu gestalten und keine Langeweile entstehen zu lassen.
Schriftliches Rechnen
Hier ist es hilfreich und schön, bei jüngeren Kindern mit Bildern zu arbeiten.
Bei der Multiplikation beispielsweise kann man zunächst erklären, dass man alles Grosse und Schwierige immer aufteilt, um es überhaupt lösen zu können und einfacher zu machen. Man isst einen Apfel ja auch nicht aufs Mal und würde sich sonst den Mund ausrenken. Bei 83 x 24 =
kann man je nach Interessengebiet des Kindes z. B. erklären, dass man – wie ein Pferd – mit der 3 zuerst zur 4 und dann zur 2 springt, um zu rechnen, und dann mit der 8 zuerst zur 4 und dann zur 2 geht. Dabei wäre es einfach unfair, eine Zahl auszulassen. Dieser Hinweis kann Kindern einleuchten und sie erinnern, denn für sie ist Fairness ein vertrautes, sehr wichtiges Gesetz.
Bei der Division wird ähnlich vorgegangen, und auch hier wird in kleinen Teilen gearbeitet, bis sehr einfache Rechnungen entstehen. Es wird nur ein Teil nach dem anderen genommen. Wie beim Regen lässt man einen Tropfen, eine Zahl nach der anderen herunterfallen – wie dies die Divisionszeichen zeigen, die ja mit ihren Punkten an Regentropfen erinnern. Wird für die Kinder diese Operation mit dem Konzept von Tropfen, Wasser-, Regentropfen verbunden, wird klar, dass aufs Mal nur eine Zahl herunterzunehmen ist. Tropfen fallen ja auch immer einzeln und nicht zu zweit oder in Gruppen, sonst handelt es sich dabei nicht mehr um Tropfen, sondern um ein Rinnsal:
840 :4 =
8 : 4 = 2
4 : 4 = 1
0 : 4 = 0
= 210
Umfangreichere Rechnungen
Und auch anhand von Rechnungen, die schon nach sehr viel aussehen, wie
426 + 231 =
kann man erklären, dass Mathematik etwas Einfaches sein kann, da man, genau genommen, nur mit den Zahlen von 0 bis 9 arbeitet, einfach aufgeteilt in kleine Pakete. Dies sieht dann so aus (wissen muss man noch, dass es einen zugewiesenen Platz für die Einer, Zehner, Hunderter usw. gibt):
426 + 231 =
6 + 1 = 7
2 + 3 = 5
4 + 2 = 6
= 657
Etwas mehr Respekt abverlangen könnte:
923 + 587 =
Auch hier sind nur die Zahlen von 0 bis 9 vorhanden. Sobald man aber sieht, dass die Zahlen, die an der gleichen Position stehen und so zusammengehören, grösser sind und zusammen 10 übersteigen, ragen sie in die nächste Position hinein und müssen dort als Gäste berücksichtigt werden. In diesem obigen Beispiel machen 3 und 7 eine 10, sodass die 1 als Gast zu 2 und 8 stösst, die dann alle zusammen 11 geben und diese 1 dann wiederum zur Position 9 + 5 kommt, was dann die 15 ergibt.
= 1510
Weiter auch
923 – 587 =
Hier braucht ein Rechnen auf der Position «Wie viel gibt 7 auf 3?» auch mehr Platz, als ihm zusteht, und eine Erweiterung auf 13; d. h., es wird wieder fremdes Gebiet betreten und diese 1 von der 13 darf nicht verloren gehen und kommt zur 8 dazu, was bedeutet, es geht weiter mit 9 auf 2, wo wir wieder eine 1 holen müssen und eine 12 hervorzaubern, die dann aber ihre 1 auch zur 5 wieder zurückgeben muss:
= 336
Und man kann dann auch etwas raten, und es macht noch mehr Spass … Es muss ja auch nicht alles richtig sein! Und tut man das oft, «sieht» man vielleicht der Rechnung das Resultat bald schon an.
Deutsch
Lesen ist eine Schlüsselkompetenz – und muss regelmässig geübt werden. Über Bücher oder Internet werden Erfahrungen der Menschen weitergeben, ob über Physik, Sport, Sprachen oder Liebe … Wir haben weder die Zeit noch die Möglichkeiten, uns dieses Wissen anders, z. B. in persönlichen Gesprächen, zu erschliessen. «Lesen ist Grundvoraussetzung für das Lernen und für die Teilhabe an einem verantwortlichen Leben.»88
Es ist weiter so, dass beim Lesen auf einfache Art nebenbei und unbemerkt Orthografie und Grammatik gelernt werden. Deshalb soll so viel wie möglich und alles Mögliche gelesen werden.
Orthografie, Rechtschreibung
Zunächst ist eine einleuchtende Erklärung vonnöten, wieso Orthografie existiert und gelernt werden soll. Die Orthografie ist eigentlich nur eine Übereinkunft, dass alle Menschen dieselben Wörter auf dieselbe, festgelegte Art schreiben. Man kann sich dabei auch vorstellen, dass ganz andere Übereinkünfte hätten getroffen werden können, und kann sich auch überlegen, welche Übereinkünfte man selbst gerne getroffen hätte. Die geltende Orthografie und Schreibweise der Wörter ist zwar abgeleitet und geschichtlich gewachsen, aber es besteht auch eine gewisse Willkürlichkeit, und in Duden-Revisionen werden die Regeln auch wieder abgeändert und angepasst. Diese Übereinkünfte der Rechtschreibung erleichtern und beschleunigen das Lesen sehr. Es werden dann nicht mehr einzelne Buchstaben gelesen, sondern das Wort wird auch in seinem Bild und seiner Form «gesehen».89 So wird beim Lesen bei einem Wort wie «Haus» oder «Schiff» schliesslich nur der Anfangsbuchstabe, vielleicht die Endung und die Wortform angeschaut. Bei einem Wort wie «lachen» kann dies auch der Anfangsbuchstabe und dessen Mittelform sein. Man erkennt dann das betreffende Wort wie einen alten Freund sehr schnell, und darum muss dieses auf die immer gleiche Art, eben richtig, d. h., wie alle es vereinbart haben und machen, geschrieben werden. Dann kann sehr schnell, ohne Mühe gelesen werden, indem man sich nur schnell an alte Freunde erinnern lässt.
Man kann auch mit dem Folgenden trösten: «Es gibt im Deutschen eine Gruppe von etwa fünfzig Wörtern, die in dem gesamten Schriftmaterial ein Drittel der Textmenge repräsentieren. Theoretisch gesagt: Jedes dritte Wort, das Sie lesen, ist eines aus dieser Gruppe von genau fünfzig. Wir nennen sie Arbeitspferdewörter.»90
Es sollte klargemacht werden, dass es bei der Orthografie nur um ein paar Grundregeln geht, wie u. a. die Dehnung, das Schreiben mit ie (wo nach einem i ein e beigefügt wird) oder die Verdoppelung von Konsonanten (bei der man einen zweiten Buchstaben dazuschreibt, wie z. B. «ss» bei «Wasser»).
Es können dann auch die wichtigsten Besonderheiten der Orthografie im Deutschen, die man beim Sprechen nicht hört, aufgelistet werden, wie z. B.
ein verdoppelter Konsonant
ein eingefügtes e
ein eingefügtes c
ein eingefügtes h
Damit das einfach gelernt werden kann, können den Kindern Wörter diktiert werden, z. B. 10 Wörter, d. h. eine sehr kleine, überschaubare Menge an Wörtern. Dabei wird gesagt: «Passt auf, es wird überall ein ‹ie› geschrieben, ausser bei einem Wort.» Das heisst, die Kinder wissen: «Ich mache 9 / 10 sowieso richtig und kann nur einen Fehler machen. So kann es spannend werden, dieses eine Wort mit ‹i› zu finden», also:
Lied
Wiese
lieber
wieder
dieser
sieben
wie
wiegen
Licht
niemand
Es ist klar, was die Kinder machen müssen. Es wird so auch eine implizite Anleitung gegeben: «Du musst aufpassen, ob nach einem i noch ein e kommt», die auch dem entspricht, was das Gehirn später genau so tun soll. Es handelt sich also um eine Anleitung, wie später das Gehirn und Könner vorgehen. Also: «Ich passe bei bestimmten Buchstaben auf und weiss ein paar minimale Regeln.» Später können in dieser diktierten Liste zwei, drei Wörter mit anderer Schreibweise dazugenommen werden bis zu einer Liste, die gemischt ist. Bei Kindern, die damit unterfordert sind, kann leicht festgestellt werden, dass diese auch so gelernt haben, einfach schon früher.
Wenn es z. B. um die Verdoppelung von Konsonanten geht, kann man ebenso eine überschaubare Liste von 10 Wörtern diktieren mit folgendem Hinweis: «Du bist der Detektiv (oder die Detektivin), alle Wörter haben eine Konsonantenverdoppelung. Du weisst, dass diese Doppelkonsonanten länger, schärfer usw. ausgesprochen werden. So entscheidest du, wo diese Verdoppelungen vorkommen.» Dabei wird den Lernenden nicht kompliziert und ausführlich beigebracht, dass es Konsonantenverdoppelungen gibt, sondern dieses Konzept wird im Rahmen eines Spiels als selbstverständlich eingeführt; und dies gleicht spannender Detektivarbeit:91 «Du bist ein Detektiv und suchst diese Verdoppelungen.»92 Man hat damit mit Leichtigkeit klargemacht, dass es diese Konsonantenverdoppelungen gibt und dass es nur ein interessantes Spiel ist, herauszufinden, wo diese sind. Und weiter bedeutet dies auch: «Immer wenn dir diktiert wird oder du selbst schreibst, kannst du dich daran erinnern: Du kannst dich auf die Suche machen als Detektiv oder Detektivin, der bzw. die Verdoppelungen findet. Du bist wie ein Detektiv, der einen Dieb überführt.» Es wird dabei auch erfahren: «Es ist einfach, ich mache keine Fehler, ich muss nur schauen, wo die Verdoppelungen sind.» Die Tatsache, dass es Verdoppelungen gibt, ist implementiert: «Es gibt Verdoppelungen; ich muss beim Schreiben nur schauen, wo.»
In jeder Sprache existiert eine Reihe von Wörtern, die speziell schwierig, kompliziert, uneinleuchtend und vielleicht unsinnig zu schreiben sind. Diese als Liste zu sehen, ist zunächst schon eine Unterstützung, weil man dann davon ausgeht, nicht bei jedem Wort in der Muttersprache überlegen zu müssen, wie man es schreibt – sondern man weiss, dass es sich nur um wenige handelt.
| Zu dieser Liste gehören im Deutschen z. B. | quälen |
| spazieren | |
| Eifersucht | |
| und Rhythmus, als überaus schwieriges Wort |
Bei einem Kind, das Orthografie zu lernen hat, kann es auch wieder Sinn machen, die Aufgaben auseinanderzunehmen. Man erlaubt also z. B. dem Kind, so unleserlich wie gewünscht zu schreiben, solange dies noch irgendwie lesbar ist; nur die Buchstaben müssen richtig sein.
Die Erfahrung, dass etwas richtig geschrieben werden muss, um zum gewünschten Ziel zu gelangen, können die Kinder dann auch im Internet mit Suchmaschinen machen.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.