Kitabı oku: «Kreative Stangenarbeit»
Natural Horse
Das Magazin über den achtsamen Umgang mit Pferden.
Für Pferdefreunde, die mehr als reiten wollen.
• Natural Horse bietet Beschäftigungsideen für Pferd und Mensch von kompetenten Autoren und gibt Hilfestellungen für ein besseres und schonendes Reiten sowie Tipps für die natürliche und ganzheitliche Gesunderhaltung der Pferde.
• Natural Horse hilft, eine tiefere Bindung zu Pferden aufzubauen und „pferdisch“ zu denken.
• Natural Horse setzt sich für artgerechte Haltung und Fütterung ein.
| www.naturalhorse.de | |
REGINA JOHANNSEN
Kreative
Stangenarbeit
Die natürliche Balance finden – ein Übungsbuch
„Die einzige Emotion, die immer da sein darf und muss, ist die Liebe zum Pferd.“
Haftungsausschluss
Autorin und Verlag haben den Inhalt dieses Buches mit großer Sorgfalt und nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt. Für eventuelle Schäden an Mensch und Tier, die als Folge von Handlungen und/oder gefassten Beschlüssen aufgrund der gegebenen Informationen entstehen, kann dennoch keine Haftung übernommen werden.
Copyright © 2017 by Crystal Verlag, Wentorf
Gestaltung und Satz: jb:design, Johanna Böhm, Dassendorf
Titelfoto: Christiane Slawik
Fotos im Innenteil: Julia Moll, Christiane Slawik
Zeichnungen: Johanna Böhm, Anja Klafki (Seite 6,42)
Lektorat: Alessandra Kreibaum
Druck: Westermann Druck, Zwickau
Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Alle Rechte vorbehalten.
Abdruck oder Speicherung in elektronischen Medien nur nach vorheriger schriftlicher Genehmigung durch den Verlag.
Printed in Germany
ISBN: 978-95847-017-0
Inhalt
Vorwort
Eine Herzensangelegenheit als Einleitung
The Easy Way – die Trainingsmethode
Kreative Stangenarbeit
Vor dem Start
Signale
Stimme
Schnalzen und andere Laute
Arme und Gestik
Aktivieren statt Treiben
Führpositionen
Führen und Halten
Entspannen und Loben durch Pausen
Der Platz
Die Ausrüstung
Zaum, Longe & Co
Gerte, Stick und Peitsche
Die Stangen
Schutz für die Pferdebeine
Hütchen und Markierungen
Zur Balance
Arbeiten mit dem Leitseil ohne Stangen
Eine Übung für ein besseres Balancegefühl
So überprüfen Sie die Balance Ihres Pferdes
Balance und Reitersitz
Übung 1 – In jeder Ecke eine Volte
Übung 2 – Zirkel und Zirkel aus der ganzen Bahn verschieben
Übung 3 – Großer Kreis, kleiner Kreis
Übung 4 – Doppel-T
Übung 5 – Hufeisen
Übung 6 – Quadrat
Übung 7 – Dreieck
Übung 8 – Mikado
Übung 9 – Raute
Übung 10 – Hütchenspiele
Übung 11 – Sanduhr
Übung 12 – Haus vom Nikolaus
Übung 13 – Haus vom Nikolaus mit Garage
Übung 14 – Haus vom Nikolaus mit Grill
Übung 15 – Haus vom Nikolaus im Überflug
Zum Schluss
Stichwortverzeichnis

(Foto: Christiane Slawik)
Vorwort
Expo 2000 in Hannover. Am Rande der Messe zelebrieren die Golfstaaten mit dem Asil Cup das arabische Pferd. Es gibt Showklassen und Unterhaltungsprogramm für das internationale Publikum. Unter all den Reitern fällt mir ein Pferd besonders ins Auge. Es ist einer der wenigen Araber, die man als wirklich korrekt geritten bezeichnen kann. Der Rücken ist locker, die Anlehnung fein und die Dressuraufgaben fallen ihm offensichtlich leicht. Erstaunlich, denn die hier anwesenden Rassekollegen scheinen eher weniger in den Genuss einer fundierten Reitausbildung gekommen zu sein. Wer sitzt auf diesem Vollblutaraber? Ich spreche die Reiterin an. Sie heißt Regina Johannsen. Seit dieser Zeit arbeiten wir zusammen.
Viele berufliche, private, reiterliche und menschliche Höhen und Tiefen hat die Hamburgerin seither durchlaufen. Am Ende ist sie immer gestärkt daraus hervorgegangen, hat Erkenntnisse gesammelt, verinnerlicht und ihre Beobachtungsgabe für Mensch und Tier geschärft. Gesundheit und Verhalten ihrer eigenen Hunde und Pferde stellten sie oft vor die größten Probleme. Nie hat sie aufgegeben, gemeinsam mithilfe versierter Spezialisten Lösungen zu finden. Reginas Wissen rund ums Pferd wurde weiter vertieft, ihr Gefühl für das Wesen der Vierbeiner, ihre besondere Art der Kommunikation und Kontaktaufnahme mit den Menschen verfeinert.
Die seltene Kombination von klassischer Ausbildung bei Helmut Beck-Broichsitter, er war einer der letzten großen Reitmeister, und empathischem Fühlen und Denken machen Regina zu einer außergewöhnlichen Trainerin. Ihr geht es nicht um Leistung und Gehorsam, sondern um ein harmonisches Miteinander von Mensch und Pferd im wahrsten Sinne des Wortes. Das Pferd als hochsensibler Spiegel des Besitzers, das ist Reginas Thema. Sein unermüdliches Feedback auf menschliche Stimmungen, das ständige Bemühen um Kooperation und Kommunikation. Seine Reaktionen, wenn die Zweibeiner nicht pferdegerecht reagieren können oder wollen. Für Regina Johannsen gibt es keine Problempferde – höchstens ein problematisches Umfeld, an dem man mit genügend Wissen und Einfühlungsvermögen jederzeit arbeiten kann. Als kompetenter Vermittler zwischen Mensch und Tier ermöglichte sie schon so manchem Schüler einen Blick in sein tiefstes Inneres. Das Verhalten des Pferdes brachte alles an den Tag.
Harmonische Paare trainiert sie mit originellen und gut durchdachten Übungen, die das Miteinander abwechslungsreich und effektiv gestalten. Ihre Vorgehensweise umschifft gekonnt und spielerisch eventuell auftauchende Probleme, fördert die Aufmerksamkeit im Umgang miteinander und hilft dem Menschen, wieder zu sich selbst und damit den Weg zurück zu seinem Pferd zu finden. Und was hat das alles mit kreativer Stangenarbeit zu tun? Eine Menge! Sie ist nicht einfach nur ein Weg, um das Pferd zu gymnastizieren und seine Balance zu schulen, oder eine spaßige Abwechslung zum üblichen Training. Regina Johannsens Methode „The Easy Way“ verbindet alle diese Elemente zu einer völlig neuen Art der harmonischen Kommunikation zwischen Pferd und Mensch.
In diesem Buch beschreibt sie viele selbst entwickelte und gut begründete Möglichkeiten vom Sattel und Boden aus, mit dem Pferd zu arbeiten. Kleine Details machen dabei große Unterschiede – längst ist nicht alles gut, nur weil es schon immer so war. Pferde sind wunderbare Wesen, die so viel mehr können und tun, als uns heute noch bewusst ist. Sie tragen uns nicht nur auf ihrem Rücken, sondern auch auf einer emotionalen Ebene, die in unserer leistungs- und konsumorientierten Gesellschaft zunehmend verloren gegangen ist. Wenn das Pferd nicht funktioniert, heißt es oft nur: „Es will nicht.“ Doch diese Aussage ist in der Regel schlicht falsch, weil sie nicht vom Pferd ausgeht, sondern von den Ansprüchen und Wünschen, die wir Menschen gegenüber dem Pferd hegen. Wenn Sie Ihrem Pferd ein wirklich guter Partner sind, will es immer. Hinter Widersetzlichkeiten oder Problemen steckt meistens ein „Ich kann nicht“ oder ein „Ich verstehe dich nicht“. Mehr Verständnis und Miteinander erreichen Sie auch durch eine pferdegerechte, abwechslungsreiche Gestaltung der gemeinsamen Zeit.
Lassen Sie sich wieder ein auf Ihren Partner Pferd! Dieses Buch gibt Ihnen einige Anregungen dazu.
Christiane Slawik

Christiane, Araberstute Missunde und Regina bei einem Fotokurs.
(Foto: privat)

(Foto: Christiane Slawik)
Eine Herzensangelegenheit als Einleitung
1977. Helmut Schmidt war Kanzler, die Hosen hatten Schlag und im Kinderprogramm zogen Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer ihre Kreise um Lummerland. Ich war wie alle achtjährigen Mädchen, die mit jeder Faser ihres Herzens dem Pferdevirus verfallen waren. Das dachte ich zumindest. Für mich war es normal, möglichst jede freie Minute mit Pferden zu verbringen, alles für sie zu tun und die Box und den Sattelschrank sauberer zu halten als das eigene Zimmer. Immer ansprechbar zu sein, wenn eines der viel bestaunten sogenannten „Privatpferde“ auf dem Hof trocken geführt oder geritten werden musste; das war eine große Ehre, und kleine Handlangerdienste waren eine Selbstverständlichkeit. Etwas, wovon meine Mutter zu Hause nur träumte …
Diese Ruhe und Zufriedenheit, die die Pferde in mir auslösten, das Gefühl des stillen Miteinanders, des wortlosen Dialogs – all das, so dachte ich, würde jeder so erleben. Irgendwann merkte ich, dass mir im Umgang mit den Pferden vieles wesentlich leichter fiel als anderen. Wo sie kämpften, arbeitete ich mit den Pferden zusammen. Ich sog alles auf, was mir mein damaliger Reitlehrer und heutiger Meister Helmut Beck-Broichsitter über Pferde vermittelte. Es war für mich selbstverständlich, anderen dabei zu helfen, ebenfalls mit ihren Tieren Freude zu empfinden. Turniere zu bestreiten gehörte irgendwie dazu, war für mich aber nie der eigentliche Antrieb zum Reiten.
Ich liebte es, mit Menschen zusammen zu sein, im Team zu arbeiten. So rutschte ich automatisch in den Beruf der Reitlehrerin. Anfangs dachte ich noch, es ginge um die Vervollkommnung bestimmter Reittechniken. Doch je länger ich diesen Beruf ausübe, desto mehr weiß und erlebe ich, dass es um andere Dinge geht, sich alles auf einer anderen Ebene abspielt. Das hängt mit der gewandelten Rolle des Pferdes zusammen.
Pferde waren nach dem Zweiten Weltkrieg in der Landwirtschaft und beim Militär überflüssig geworden. Traktoren und Autos ersetzten ihre Arbeitskraft in kürzester Zeit. Der Pferdebestand sank so stark, dass mancher schon fürchtete, Pferde seien bald nur noch im Zoo zu bestaunen. Dass es anders kam, liegt an den Freizeitreitern.
Diese Pferdeliebhaber holten besondere Rassen nach Deutschland, ritten auf Pferden, über die Sportreiter damals die Nase rümpften. Dass heute Isländer, Iberer und Barockpferde im Stall selbstverständlich neben Hannoveranern und Holsteinern stehen, ist das Verdienst dieser Freizeitreiter: Menschen wie Ursula Bruns, die Erfinderin der „Immenhof“-Filme und Gründerin des „Reit-Zentrums Reken“. Menschen wie Wolf Kröber, der 1972 die „Equitana“ aus der Taufe hob, inzwischen die größte Pferdemesse der Welt. Sie prägten Generationen von Reitern, die nach neuen Wegen suchten, sich dem Tier zu nähern – auch meine.
Bei dieser Suche haben wir etwas wiedergefunden, was uns selbst durch unsere Gesellschaft, unseren hektischen Alltag und die Technisierung verloren ging: innezuhalten, sich Zeit zu nehmen, im Hier und Jetzt zu leben, wertfrei auf das Innerste eines Lebewesens zu reagieren sowie Wahrhaftigkeit, Gemeinschaftsgefühl und tiefe Ruhe.
Indem wir uns auf die Pferde einlassen, öffnen sie uns die Tür zu einer Welt, die viele von uns längst verloren haben. Doch genau diese ist es, die uns heilen und gesunden lässt. Das mag sich pathetisch anhören, aber jetzt sind es die Pferde, die unsere Seelen retten können – wenn wir es zulassen.
In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, wie die Kunden mithilfe ihres Pferdes an Themen arbeiten, die nur dem Anschein nach mit reiterlichen, dafür aber viel mit persönlichen Problemen zu tun haben. Fast immer geht es darum, loszulassen, sich stark zu machen, Position zu beziehen, sich einzulassen, hinzugeben, Ziele zu formulieren und so unendlich viel mehr. Pferde sind für mich daher der Schlüssel zu den Menschen.
Ich wünsche Ihnen eine erfüllende und spannende Reise mit Ihrem vierbeinigen Freund!
Mein großer Dank gilt meinen Pferden Pecado, Surprise, Lancelot, Elegido, Salut, Missunde, Poor Boy, Graaf Bobby und Leven.
Ihre Regina Johannsen

Ein Bild des gegenseitigen Vertrauens.
(Foto: Christiane Slawik)

(Foto: Julia Moll)
The Easy Way – die Trainingsmethode
„The Easy Way“ (TEW) ist eine leicht nachvollziehbare Trainingsmethode, die kaum Aufwand benötigt. Sie gibt Menschen die Möglichkeit, die Arbeit mit ihren Pferden mit wenigen Mitteln und auf effektive Weise zu bereichern und abwechslungsreich zu gestalten. Mit TEW kann jeder seinem Pferd sanft und gezielt helfen, seine natürliche Balance in der Arbeit mit dem Menschen zu finden, zu behalten und unter dem Reiter anzuwenden. Das Training ist unabhängig von Pferdetyp und -größe, da es bei den Trainingsabläufen in erster Linie darum geht, ein inneres und äußeres Gleichgewicht zu finden: Fühlt sich das Pferd mit seinem Menschen sicher, kann es sich auch ausbalancieren. Selbst bei gesundheitlichen Einschränkungen wie Arthrosen, Fehlstellungen der Gliedmaßen, Spat oder Kissing Spines kann TEW nach Anleitung ein wertvoller Helfer sein. Das gilt auch bei sogenannter „erlernter Hilflosigkeit“ aufgrund vorheriger Trainingsfehler. TEW kann am Boden ebenso trainiert werden wie unter dem Sattel, denn es beschäftigt die Pferde mit Kopf und Körper. Dabei ist die Balance der Schlüssel zur gesunden Gymnastizierung. TEW ist mit oder ohne Sattel möglich, mit oder ohne Gebiss.
Es gibt jedoch zwei Einschränkungen.
Die erste ist: Das Pferd muss gesundheitlich in der Lage sein, das zu tun, was ich von ihm möchte. Das ist das oberste Gebot – immer. Einschränkungen wie Gelenkveränderungen, Huferkrankungen, falscher Beschlag, Probleme mit den Augen, Zähnen oder dem Rücken oder Schmerzen durch unpassendes Equipment müssen stets behoben werden. Das Training ist dem Gesundheitszustand des Pferdes anzupassen.
Die zweite Einschränkung ist: Hilfszügel sind absolut tabu!
Wenn Sie das beherzigen, steht dem Trainingserfolg und dem gemeinsamen Spaß bei der Arbeit nichts mehr im Weg.
Mir ist es wichtig, Mensch und Pferd optimale Hinweise für die gemeinsamen Aufgaben zu geben. Wenn ich im Folgenden vom Unterrichten spreche, so meine ich damit nicht, formelhaftes Wissen oder Lektionen einzutrichtern. Ich möchte Mensch und Pferd vielmehr auf die Situation abgestimmte Hinweise und Übungen geben und nachfragen, was in diesem Moment wichtig ist.
Ich glaube, so kann jeder lernen, auf sein Gefühl zu hören und sich einzulassen auf das Pferd. Indem er es beobachtet, nicht immer etwas tut, sondern nur mal hinspürt und aufmerksam den Moment erlebt. Entschleunigen ist eines meiner Lieblingswörter, das ich versuche, meinen Schülern nahezubringen. Denn Pferde leben im Hier und Jetzt. Sie planen nicht in die Zukunft, suchen aber Sicherheit. Damit wir ihnen diese geben können, brauchen wir selbst einen Plan. In meinem Unterricht frage ich den Schüler immer erst, woran er gern arbeiten möchte. Viele sind zunächst verunsichert und sagen, dass sie offen für alles sind und gern Neues ausprobieren möchten. Das ist gut, war aber nicht die Frage. Ich kann weder von einem Menschen und erst recht nicht von einem Pferd verlangen, dass es sich mir anvertraut, wenn ich keinen Plan habe. Deswegen habe ich sogar immer drei in der Tasche: A, B und C. Geht Plan A nicht, versuche ich Plan B. Geht der auch nicht auf, probiere ich es mit Plan C. Bleibt der ebenfalls ohne Erfolg, dann gehe ich noch einmal zurück zu Plan A oder ich lege eine Pause ein und kuschle mit dem Pferd, genieße seine Nähe und nehme später noch einmal einen Anlauf. Das kostet zugegebenermaßen Zeit.
Und Zeit ist heute wertvoll: Wenn wir sie uns nehmen, dann soll in der zur Verfügung stehenden Spanne auch möglichst viel passieren und geschafft werden. Wir schauen zu den anderen und was sie alles in ihrer Zeit schaffen. Häufig kommen wir dann zu dem Schluss, dass wir selbst zu faul und ineffektiv sind. Wettstreit, wohin man sieht. Dabei geht es doch um die Freizeit, also im besten Sinne freie Zeit – ohne Verpflichtungen, Termine und Wertungen. Dieser Freiraum sollte allein uns und unserem Pferd gehören. Denn entspannender kann man seine Freizeit kaum verbringen.
Sie können sich auch einfach zu Ihrem Pferd auf die Koppel setzen oder ihm beim Fressen in der Box zuschauen. Die gemeinsame Zeit ist niemals vertan – im Gegenteil. Dieses Miteinander kann kraftspendender sein als eine nach Schema F durchgezogene Reitstunde. Kreative Stangenarbeit ist dabei ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu einer harmonischen Partnerschaft zwischen Mensch und Pferd. Sie steht allerdings nie allein für sich, sondern sollte das Reittraining immer nur ergänzen.
Dabei kommt es auf zwei wesentliche Punkte an: Körperbewusstsein und Achtsamkeit. Das gilt besonders für alte und nicht mehr reitbare Pferde, für die sich TEW auch eignet. Viele von uns haben in ihren langjährigen Erfahrungen mit Pferden bereits Horsemanship in der einen oder anderen Ausprägung erlebt. Die meisten schon, bevor dieser Begriff überhaupt populär wurde. Wir lernten, wie man ein Pferd stressfrei auf den Anhänger bringt, wie man es über eine Plane gehen lässt, über eine Brücke und vieles mehr. Diese Dinge gehörten zur Ausbildung eines Freizeitpferdes dazu, weil wir es uns so wünschten. Das ist heute auch noch so. Allerdings fällt uns die Umsetzung ungleich schwerer. Nach meiner Einschätzung liegt das an einem deutlich gesunkenen Körperbewusstsein.
Möglicherweise tragen unsere heutigen Lebensumstände und Alltagsanforderungen daran eine Mitschuld. Wie soll sich der Mensch über Körpersprache verständlich machen, wenn er seinen Körper nicht mehr bewusst nutzt? Pferde hingegen sind absolut körperliche Wesen. Sie kennen kein Smartphone und keinen Computer. Sie sind das, was sie immer waren: Pferde. Nur wenn wir uns auf ihre Welt, ihre Natürlichkeit einlassen, verstehen wir sie auch und finden damit zu einem Teil von uns selbst zurück.
Tipp
EIN BEISPIEL ZUR ACHTSAMKEIT
Mir fällt dabei immer eine Unterrichtssituation ein: Meine Schülerin betrat mit ihrer Stute die Reitbahn, die mit einem Zaun zur Koppel begrenzt war. Auf der Nebenkoppel, etwa 10 Meter mit Blickkontakt entfernt, döste die Herde vor sich hin. Eine neue, junge Stute stand auf dem Reitplatz. Die Schülerin erzählte, dass ihre Stute gerade zur Eingewöhnung mit dem neuen Pferd zusammenstünde. Von ihr aus könne die Neue neben dem Platz beim Unterricht zusehen. Ich führte die Stute zu einer Koppel direkt neben dem Reitplatz. Sie wurde sofort unruhig, ging auf und ab und versuchte, einen anderen Eingang auf den Platz zu finden. Das Pferd meiner Schülerin interessierte sich hingegen nicht für die umhertigernde Stute.
Die Neue wurde immer aufgebrachter, galoppierte auf und ab und versuchte schließlich sogar, den Zaun einzudrücken, um wieder auf den Platz zu gelangen. Ich brach den Unterricht ab und bat um Lösung für dieses Problem. Da die Besitzerin der Stute nicht so schnell kommen konnte, wurde ein Jährling mit zu ihr auf die Koppel gestellt. Dieser wurde von der Neuen kurz registriert, dann ignoriert. Sie lief weiter auf und ab und war mittlerweile klatschnass. Es war offensichtlich, dass diese Stute panische Angst hatte. Warum? Schließlich hatte sie einen jungen Kollegen zur Begleitung, die Freundin nebenan und die Herde in Sichtweite. Von den ganzen Menschen drum herum ganz zu schweigen. Was war los? Wie sich herausstellte, war das Pferd meiner Schülerin die Leitstute der Herde. Prinzipiell war es eine gute Idee, das neue Pferd mit ihr zusammenzustellen. Nur hatten wir der Neuen unabsichtlich die Sicherheit genommen, als wir sie von der Leitstute trennten. Es reicht nicht, eine sichernde Hand zu sehen. In der Not muss man sie auch anfassen können. So entschloss ich mich, die Neue wieder auf den Reitplatz zu lassen. Da das Reitpferd ranghöher war, sah ich kein Gefahrenpotenzial auf mein Paar zukommen. Auf dem Platz angekommen, entspannte sich die Neue sofort und wälzte sich den Schweiß ab. Dann lief sie zwar ein paar Runden hinterher, stellte sich anschließend aber in die Mitte des Platzes und fing an zu grasen.
In dieser Situation galt es, Mensch und Pferd abzustimmen, die eigenen Bedürfnisse hintanzustellen, den Menschen in die Situation einzubeziehen und die Instinkte des Pferdes zu deuten. Oft erkennen die Menschen nicht, dass das Fluchttier Pferd immer Sicherheit braucht, um sich wohlzufühlen. Die Lösung war simpel, aber nicht jeder hätte so gehandelt. Das war achtsam im Umgang miteinander − mit Mensch und Pferd. Hier gilt es, neue Wege zu gehen, weg vom Chefgehabe, nicht mit Angst zu regieren, sondern das Pferd ins Vertrauen zu holen! Ein Weg dorthin ist die kreative Stangenarbeit nach „The Easy Way“.
Achtsamkeit – auch dieses Wort hört man in der Pferdeszene seit einiger Zeit immer häufiger. Was bedeutet es für Reiter oder den Menschen allgemein? Und was für das Pferd?
Kreative Stangenarbeit
Wir alle wünschen uns eine harmonische Partnerschaft mit unserem Pferd. Kreative Stangenarbeit erleichtert den Weg dorthin. Dieses Buch soll Ihnen zeigen, wie es funktioniert – einfach, planvoll, mit leicht nachvollziehbaren Schritt-für-Schritt-Übungen, die Abwechslung ins Training bringen. Der Ablauf soll sanft sein, denn unser Ziel ist nicht das exakte, lehrbuchmäßige Nachreiten von Bahnfiguren. Es geht vielmehr darum, Sie und Ihr Pferd durch Spaß an der gemeinsamen Bewegung in Balance zu bringen – und zwar nicht nur dem Wortsinn nach ins Gleichgewicht, sondern auch in Einklang. Balance ist der Schlüssel zu einem harmonischen und vertrauensvollen Verhältnis zwischen Pferd und Reiter.
Es gibt drei Dinge, an die sich ein Reitpferd erst gewöhnen muss: das Gewicht des Reiters, die einengenden Begrenzungen von Dressurviereck und -platz sowie Bewegungen auf Kreislinien. Alle drei sind menschengemacht und stimmen noch in einem weiteren Punkt überein: Sie stören die Balance des Pferdes. Ein Pferd, das sich nicht im Gleichgewicht bewegen kann, ist stets ein unsicheres Pferd, das im schlimmsten Fall vor etwas davonläuft – und wenn es das Gewicht des eigenen Reiters ist. Dieses Stangentraining schafft Abhilfe: Es befähigt das Pferd, Kopf und Hals selbstständig und ohne Zwang aus der Schulter heraus anzuheben. Sie werden sehen, dass das Pferd dann genau so läuft, wie wir es auf der Weide beobachten können. Dabei kommt seine ganze Persönlichkeit zur Geltung.
Bei diesem Training stehen die Freude aneinander und das Verständnis füreinander im Vordergrund, denn Zwang und Angst sind schlechte Lehrmeister. Sie gehören weder in unsere Schulen noch in unsere Reitbetriebe. Stattdessen brauchen Reiter und Pferd freien Raum, um sich gemeinsam in einer vertrauensvollen, harmonischen Beziehung entfalten zu können. Das Training ist so ausgelegt, dass jede Übung auf der vorigen aufbaut. Je nach Ihrem Ausbildungsstand und dem Ihres Pferdes können Sie aber auch an jeder beliebigen Stelle einsteigen. Lassen Sie sich von den Übungen inspirieren. Sie können jeden Parcours nach Belieben ändern, wenn Sie und Ihr Pferd damit besser zurechtkommen. Generell eignen sich alle vorgestellten Übungen für gesunde Pferde aller Rassen und Typen sowie aller Reitweisen. Das Wichtigste ist jedoch: Sie können bei dieser Art der Stangenarbeit nichts falsch machen. Im schlimmsten Fall hat das Training keinen Effekt. Schaden kann es Ihnen und Ihrem Pferd jedoch nicht.
Legen Sie los!
Haben Sie Spaß!

Mit Leven in Selbsthaltung in Harmonie.
(Foto: Christiane Slawik)

(Foto: Julia Moll)
Vor dem Start
Wenn Sie mit Ihrem Pferd arbeiten, dann mit Liebe, sonst aber ohne Emotionen. Wenn Ihr Pferd nicht macht, was Sie möchten, nehmen Sie es nicht persönlich. Es lebt im Hier und Jetzt, plant weder Ihnen etwas Böses zu tun noch Sie zu veralbern. Es reagiert lediglich auf Außenreize sowie Ihre Hilfen und Ihre Körpersprache. Wenn Sie als Reiter nicht eindeutige oder gegensätzliche Signale senden, verwirren Sie das Pferd nur. Es versucht dann zu interpretieren, was Sie wirklich von ihm wollen – und liegt mit seiner Auslegung möglicherweise falsch. Je präziser Sie mit Ihrem Pferd kommunizieren, desto besser wird es auf Sie reagieren. Wut, Anspannung und Nervosität stören diese Kommunikation erheblich.
Das muss nicht sein: Lassen Sie sich stattdessen Zeit, um innerlich zur Ruhe zu kommen. Beschäftigen Sie sich erst mit anderen Dingen im Stall: Putzen Sie Ihr Sattelzeug, stopfen Sie Heunetze – es gibt immer etwas zu tun. Und vor allem: Nutzen Sie diese Zeit, um sich einen Plan für die gemeinsame Zeit mit Ihrem Pferd zu machen. So werden nicht nur Sie selbst gelassener, sondern auch Ihr Pferd. Und planvolles Vorgehen in der Reitstunde steigert nicht nur den Übungseffekt, sondern Ihre Führung gibt dem Pferd Sicherheit. Sie ist die Grundlage für eine vertrauensvolle Partnerschaft.
Tipp
Viele Reiter kommen gestresst und genervt vom Alltag in den Stall. Diese Stimmung überträgt sich auf ihr Pferd und die Situation wird auch dadurch nicht besser, dass sie gleich in die Box stürmen, das Pferd herausziehen und es satteln. So machen sie sich die geplante entspannte Reitstunde schon im Ansatz selbst kaputt und fahren anschließend höchstwahrscheinlich noch gestresster und frustrierter nach Hause, weil mal wieder nichts geklappt hat.

Die Peitsche ist der verlängerte Arm des Menschen. Zusammen mit dem Leitseil rahmt es das Pferd ein.
(Foto: Julia Moll)
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