Kitabı oku: «Krähenflüstern»
Regine Kölpin
Krähenflüstern
Kriminalroman

Zum Autor
Regine Kölpin ist 1964 in Oberhausen geboren, lebt seit dem 5. Lebensjahr an der Nordseeküste und schreibt Romane und Geschichten unterschiedlicher Genres. Sie ist auch als Herausgeberin tätig und an verschiedenen Musik- und Bühnenproduktionen beteiligt. Außerdem hat sie etliche Kurztexte publiziert. Regine Kölpin ist verheiratet mit dem Musiker Frank Kölpin. Sie haben 5 erwachsene Kinder, mehrere Enkel und leben in einem kleinen Dorf an der Nordsee. In ihrer Freizeit vereisen sie gern mit ihrem Wohnmobil, um sich für neue Projekte inspirieren zu lassen. Dabei haben sie auch Usedom entdeckt und lieben gelernt. Ihre Lesungen gestaltet die Autorin oft mit dem Gitarrenduo »Rostfrei«. Mehr unter www.regine-koelpin.de
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
(Originalausgabe erschienen 2007 im Leda-Verlag)
Herstellung: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: Katrin Lahmer
unter Verwendung eines Fotos von: © Andreas / stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-6444-7
Freitag, 10.2.
Elfriede Lambacher legte sich eine Decke über die Beine. Es zog. Dieser stürmische Ostwind fegte nicht nur lautstark über den Jadebusen, er drang auch durch die feinsten Poren der Wände in die Häuser. Elfriede rührte in ihrer Tasse und sah auf die Uhr. Gleich musste Hubert kommen, wie jeden Tag.
Sie trank den Nachmittagstee stets zusammen mit ihrem Sohn und nahm ihn nicht mit den anderen Heimbewohnern im Speisesaal ein. Ihre Mitmenschen gingen ihr auf die Nerven, deshalb hatte sie auch keinen engeren Kontakt zu irgendjemandem.
Elfriede sah ungeduldig auf die Uhr. Hubert hätte längst hier sein müssen, er kam immer auf die Minute pünktlich. Der Löffel klirrte überlaut, als sie ihn auf die Untertasse zurücklegte. Sie würde den Tee nicht trinken. Nicht allein.
Ungehalten rollte sie mit dem Rollstuhl zentimeterweise hin und her. Hubert gehörte einfach des Nachmittags an ihre Seite. Es war gut, dass er es normalerweise auch so sah. Sie hatten schließlich viel Zeit nachzuholen. Und sie hatten nur sich.
Elfriede kurvte zu der überdimensionalen Fensterfront. Die bescherte ihr zwar eine erstklassige Sicht auf den Jadebusen, aber ließ im Sommer auch die Sonne aufdringlich ins Zimmer scheinen. Jetzt vermittelte sie ihr das Gefühl, inmitten dieses Sturmes zu sitzen, der selbst die vorwitzigen Silbermöwen aus der Bahn warf.
Der Jadebusen war weiß von der aufgewühlten Gischt und die Wellen donnerten bedrohlich ans Ufer. Sie leckten teilweise schon an dem Betonweg, auf dem sie sonst mit Hubert spazieren fuhr.
Elfriede verzog das Gesicht. Laufen konnte sie seit drei Jahren nicht mehr. Seitdem sie ihr die Beine oberhalb des Knies abgenommen und sie zu einem hilflosen Krüppel gemacht hatten. Wie gern wäre sie nur noch einmal auf eigenen Füßen dort entlangspaziert. Nur ein einziges Mal. Eine Windböe donnerte gegen die Scheibe. Elfriede sackte ergeben in ihrem Rollstuhl zusammen.
Im Heim war es heute außergewöhnlich ruhig. Keine Schritte auf dem Flur, kein Geschirrklappern störte. Vielleicht hatte ihr Donnerwetter, das sie in der letzten Woche beim Geschäftsführer abgelassen hatte, ja doch Wirkung gezeigt.
Das einzige Geräusch war dieses Windgetöse, das jetzt von dem lauten Klingeln des Telefons zerhackt wurde. Elfriede rollte zum Tisch. Dort stand ein altmodisches Gerät, überzogen mit rot-samtigem Stoff. »Ja?«, sagte sie unwirsch.
»Hallo, Mutter! Mein Auto ist kaputt. Ein Reifen zerstochen. Ich komme heute nicht«, sagte Hubert.
Elfriede ließ den Hörer kommentarlos auf die Gabel sinken.
Er könnte den Bus nehmen, dachte sie. Aber er tut es nicht. Er tut es einfach nicht.
Es war das erste Mal, dass er nicht kam. Resigniert rollte sie zum Fenster zurück und verfolgte weiter das Spiel des Windes mit den Wellen, bis das Hinausschauen durch die aufkommende Dunkelheit zu anstrengend wurde.
Der Tee stand schal, mit einer feinen, dünnen Haut bedeckt, auf dem Tischchen. Das Marmeladentöpfchen der Zwischenmahlzeit war unberührt.
Elfriede wusste, dass es wegen ihres Diabetes nicht gut war, das Brot stehen zu lassen, zumal sie schon das Mittagessen kaum angerührt hatte. Es war völlig versalzen gewesen, aber anscheinend hatte nur sie das gemerkt; den anderen schmeckte es. Elfriede war bekannt für ihr ständiges Genörgel, wurde nicht mehr ernst genommen.
Sie starrte stumpf gegen die Scheibe, die noch immer leise unter den Windböen ächzte, dann nickte sie ein.
Nach einer Weile schreckte Elfriede hoch, das Zimmer lag völlig im Dunkeln. Sie merkte, dass ihre Hände leicht zitterten und ihre Bluse feucht war. Sie musste die Schwester rufen.
Gerade als Elfriede zum Lichtschalter rollen wollte, klackte die Tür. Nur leise – sicher hatte die Pflegerin schon ein schlechtes Gewissen, weil sie sich so lange nicht hatte blicken lassen. Aber wahrscheinlich dachte sie, dass Hubert bei ihr sei. Wie jeden Nachmittag.
»Schwester, Sie waren lange nicht da und mir geht es nicht gut. Mein Sohn ist nämlich gar nicht gekommen!«, sagte Elfriede in schneidendem Ton. Das ging immer, egal wie sie sich fühlte. Sie zählte es zu ihren Aufgaben, das Personal frühzeitig auf seine Fehler aufmerksam zu machen, damit keine Luscherei einsetzte. So hatte sie das stets gehalten und sich Respekt verschafft.
Die Tür klackte ein zweites Mal, aber der erwartete Lichtschein blieb aus.
Offenbar war die Schwester gar nicht erst ins Zimmer gekommen, hatte nur kurz hereingeschaut und war wieder gegangen. Es war eine Schande, wie Elfriede heute behandelt wurde. Das würde Ärger geben, da konnte sich das Personal sicher sein. Nun musste sie klingeln und sich um etwas zu essen kümmern, denn das Zittern der Hände hatte zugenommen. Die Müdigkeit umklammerte ihre Oberschenkel wie ein Schraubstock.
Doch als sie ihre Hand an den Bügel des Rollstuhlrades legte, hielt sie inne. Ein leichtes Atemgeräusch wehte zu ihr herüber. Es war doch jemand im Zimmer.
»Hubert?«, flüsterte sie. »Bist du es?«
Das leise Atmen setzte für einen Moment aus.
Elfriede versuchte den Rollstuhl zu drehen, um die rettende Klingel zu erreichen, aber sie rutschte mit ihren schweißnassen Händen ab. Sie fiel vornüber und konnte sich gerade noch ausbalancieren.
Dann wurde sie von hinten gepackt und fest in den Rollstuhl gezogen.
Der Stich durch die Perlonstrumpfhose in den Oberschenkel kam gezielt. Einen Moment klammerte sich Elfriede an die Hoffnung, es möge doch einfach nur die Schwester sein, die ihr heute das Insulin eigenhändig verabreichte, weil sie selbst häufig recht nachlässig damit umging.
»Sie müssen erst den Zucker messen, ich habe kaum gegessen«, flüsterte sie. »Seit heute …«
Elfriede hörte am Klacken, dass es einer ihrer Pens war, der in ihrem Fleisch steckte. Sie hatte beide stets auf der Kommode am Eingang in einer Schale liegen.
»Ich habe …«, versuchte sie es wieder und wollte sich aus dem Griff befreien.
Aber gerade, als sie schreien wollte, wurde die Nadel aus ihrem Bein gezogen. Ein Lederhandschuh legte sich über ihren Mund. Sie hörte ein ersticktes Glucksen, das sie erst kurze Zeit später sich selbst zuordnete. Ihre Minuten liefen ab. Elfriede konnte die Sekunden auf der beleuchteten Zifferntafel des Weckers verfolgen. Sie lauschte dem monotonen Klacken, und ihr wurde bewusst, dass dieses Ticken wohl das Letzte war, was sie in ihrem Leben hören würde.
Irgendwann, der große Zeiger war ein gutes Stück weitergekommen, ließ die Hand Elfriede los. Ein schwarzer Schleier legte sich auf die alte Frau, unter dem sie nun rasch verschwand.
*
Thiemo Hanken steckte den Stecker der Baulampe in das Aggregat. Kaltes Licht durchflutete den Neubau.
»Wie ungemütlich!« Linda griff nach seiner Hand. Bei dem kalten und stürmischen Wetter war sie froh, sich im Inneren des Hauses aufhalten zu können, obwohl sich der Wind seinen Weg auch hier hinein suchte. Ihre Körper warfen große Schatten an die Wände. Linda konnte der Versuchung nicht widerstehen, mit Zeige- und Ringfinger ein Häschen an die Wand zu werfen.
»Lass das!« Thiemo fuhr sich mit der Hand durch sein dunkles, akkurat geschnittenes Haar. »Laurin ist doch gar nicht da!«
Er küsste seine Frau, dass die bunte Norwegermütze, die sie über ihre blonden Haare gezogen hatte, zur Seite rutschte.
»Nun zeig, was du mir zeigen wolltest«, sagte Linda. Sie schob ihn vorsichtig weg, als er begann, ihre Jacke zu öffnen. »Nicht! Es ist hier einfach … zu kalt, keine Atmosphäre …« Linda zuckte mit den Schultern und rümpfte die Nase. »Geht halt nicht. Noch nicht.«
Es war zur Zeit weder im Haus selbst noch außen herum besonders schön. Die Straße konnte man kaum als solche bezeichnen. Tiefe, mit Wasser gefüllte Schlaglöcher wechselten sich mit schlammüberzogenem Asphalt ab und die Grundstücke ringsum waren noch lehmige Graswüsten. Ihr Haus war erst das dritte, das im letzten Teil des Neubaugebietes in Neustadtgödens gebaut wurde.
Das Grundstück neben ihnen war aber bereits ausgebaggert, nur lag es wegen des Frostes brach. Ein Grundstück weiter stand das Haus von Sinje und Hanno Probst.
Linda hatte die beiden in der letzten Zeit nicht oft zu Gesicht bekommen, es hatte sich einfach nicht ergeben. Aber das würde sich bestimmt bald ändern. Sie waren Freunde von Thiemo. Linda war erst wenige Male dabeigewesen, wenn sie zusammengesessen hatten, aber sie waren gut miteinander klargekommen.
»Bin froh, wenn wir erst tapezieren und schöne Fußböden drin haben«, sagte Linda. »Dann ist das schon anders hier.« Ihre Stimme weckte ein Echo in den kahlen Räumen. Noch hatte sie keine Beziehung zu dem Haus.
Linda zog die Schultern fröstelnd zusammen. Die Räume wirkten gedrungen und düster. Der graue Putz der Wände und die Leiter, die an Stelle einer Treppe den Zugang zum oberen Stockwerk ermöglichte, ließen nicht einen Moment vergessen, dass sie sich auf einer Baustelle befanden. Dazu kam das schreckliche Wetter draußen.
»Lass uns gleich noch etwas zu Abend bei dir essen«, sagte Linda. »Ich bin total hungrig und Laurin wird bei seiner Tagesmutter gegessen haben.«
»Gute Idee. Ich habe Ravioli im Angebot. Und eingeschweißte Tortellini.« Thiemo streichelte Linda am Hals. »Wir werden hier glücklich sein. Bestimmt.«
Er wirkte völlig entspannt, ein normaler Zustand bei Thiemo. Es gab nur wenige Augenblicke, in denen er nicht locker durchs Leben ging. Linda war da etwas anders gestrickt, dachte komplizierter. Bislang hatte es sich jedoch optimal ergänzt.
Das Haus war für Thiemo so etwas wie der Höhepunkt seines Lebens. Jedenfalls schien es Linda so. Thiemo war seit zwei Jahren Leiter eines großen Seniorenpflegezentrums. In seiner beruflichen Position hatte man einfach ein Haus und eine Familie, das machte sich gut.
Linda kam sich trotzdem nicht benutzt vor, dazu liebten sie sich zu sehr. Im Prinzip freute sie sich ja auch auf das Haus. Für sie war jetzt nur die Umstellung etwas schwierig. Sie war erst vor eineinhalb Jahren Hals über Kopf von Köln nach Norddeutschland zurückgekehrt, hatte dann allein in Jever gelebt. Und nun zog sie in dieses kleine Dorf, wo sie außer Sinje und Hanno niemanden kannte. Thiemo dagegen kam aus Sande, dem Nachbarort. Für ihn war es kein Problem.
»Ich glaube auch … – hoffe einfach, dass wir glücklich werden«, sagte Linda.
Sie versuchte, ihre kritischen Gedanken zu verdrängen, indem sie sich überlegte, wo sie die alte Kommode am besten hinstellen könnte. Alte Sachen brauchten einen ehrwürdigen Rahmen. Sie durften nicht wahllos irgendwo platziert werden.
»Wollen wir los?« Thiemo griff nach Lindas Hand und zog sie rasch an sich. Er hatte sein spezielles Rasierwasser aufgelegt. Linda legte ihr Gesicht in seine Halsbeuge und sog den Geruch auf. Thiemo umschlang sie mit seinen kräftigen Armen. Es war gut, so wie es war.
»Hallo? Seid ihr da?« Sinje und Hanno traten in den Flur. »Wir kommen gerade von der Arbeit und dachten, wir sagen mal Guten Tag. Sind doch ein bisschen neugierig! Dürfen wir?«
»Klar, kommt rein!« Thiemo ließ Linda los. »Wenn ihr mit der Baulampe genug seht!« Er zupfte seinen grell getupften Schlips zurecht, prüfte mit der Hand seine Frisur und machte eine einladende Handbewegung. »Voilà!«
Sinje grinste. »Hallo? Du bist nicht auf der Arbeit! Du sollst uns das Haus nur zeigen, keinen Heimplatz verkaufen! Wir sind schon untergebracht!«
Linda sah, dass Thiemo sich ärgerte, von Sinje zurechtgewiesen zu werden. Aber er sagte nichts, sondern hielt an seinem gewinnenden Lächeln fest. Eben locker bleiben. Linda grinste in sich hinein.
»Das ist ja wie ein Schattenkabinett hier«, sagte Sinje und schaute ins Wohnzimmer. »Aber es wird schön, das sieht man trotzdem. Es sieht schon jetzt so … Yin-und-Yang-mäßig aus.«
Linda lachte. »Woran siehst du denn das auf dieser schrecklichen Baustelle?«
»An Thiemos Augen und seinem Chi. – Nee, im Ernst, Linda, Thiemo hat von deiner esoterischen Ader erzählt. War nur ein Witz!« Sie lachte so warm und herzlich, dass Linda mit einstimmte. »Hat Thiemo heute direkt mal pünktlich Feierabend gemacht, was?«, fragte Sinje.
Linda nickte. Es kam nicht oft vor, dass er rechtzeitig zu Hause war.
»Ich will Hanno kurz was zeigen«, sagte Thiemo. »Oben habe ich eine Leuchte mit Batterien, müsste gehen. Komm, Hanno!«
»Beeil dich aber«, sagte Linda. »Das First-Class-Menü wartet auf uns.« Sie wandte sich an Sinje. »Was er mir zeigen wollte, hat er augenscheinlich vergessen.«
Hanno drehte sich am Fuß der Leiter um und lächelte Linda zu, bevor er nach oben kletterte.
Es war schon seltsam, dass sie es ausgerechnet Thiemos Fußballkumpel zu verdanken hatten, dass sie nun verheiratet waren. Denn er war es gewesen, der Thiemo im letzten Winter mit in die Marktschenke in Jever geschleppt hatte, wo Linda abends als Aushilfe am Tresen bediente, um ihr schmales Budget aufzubessern.
Hanno war ihr erst nicht gerade sympathisch gewesen, aber als sie ihn dann näher kennen lernte, revidierte sie ihre ursprüngliche Meinung. Inzwischen erschien es Linda wie ein Wink des Schicksals, dass er dort eines Abends am Tresen gesessen und sie mit Thiemo bekannt gemacht hatte.
Danach war alles so schnell gegangen. Die Hochzeit, ganz heimlich, ohne Aufsehen, ohne Feier. Schließlich dieser Hausbau, den sie spontan entschieden hatten, verliebt wie sie waren.
Thiemo war immer die treibende Kraft gewesen. Er hatte sie ganz schnell in sein Leben integriert und sie war einfach nur froh gewesen, endlich irgendwo angekommen zu sein.
Jetzt konnte sie Laurin, ihrem Sohn, alle Sicherheit geben, die er brauchte und so vermisst hatte. Linda hoffte einfach, dass aus Thiemo jetzt, wo sie ihr Leben zusammen verbringen konnten, ein guter Ersatzvater werden würde. Bei seinem Charme zweifelte sie eigentlich nicht daran.
»Ich hoffe, ich bekomme es so schön hin, wie ihr es habt«, sagte Linda. Bei Sinje und Hanno wirkte alles perfekt. Selbst der Rasen hatte sich im letzten Herbst noch mit großer Energie durch den kleihaltigen Boden gebohrt. Vor den Fenstern hingen bunte Baumwollgardinen und die Fensterbänke schmückten kleine Tonfiguren.
»Das wird, keine Sorge. Dauert eben.«
»Ihr seid schon so weit; als würdet ihr seit Jahren drüben wohnen.«
Sinje lachte und schüttelte ihre langen tiefroten Locken in den Nacken. »Hanno ist halt ein Pedant. Ihm kann es immer nicht schnell genug gehen, alles muss sofort fertig sein. Und wehe, ein Grashalm wächst schief! Ist manchmal ganz schön anstrengend.«
Ihre Nachbarin hatte etwas Faszinierendes, was sicher an den schönen, grünen Katzenaugen, aber auch an der dunklen und rauchigen Stimme lag. »Warte erst mal ab, bis du Hanno richtig kennen lernst. Vielleicht denkst du dann anders! Nicht, dass der bei dir noch Unkraut rupft, damit es nicht zu uns weht.«
»Ich hätte nichts dagegen«, sagte Linda lachend. »Mit der Gartenarbeit kenne ich mich nämlich gar nicht aus. Ich zupfe wahrscheinlich ständig das Falsche aus der Erde.«
Die Stufen der Leiter knarrten, als die beiden Männer wieder nach unten kletterten. »Nun dauert es nicht mehr lange und wir beiden spielen mit Laurin die perfekte Familie«, sagte Thiemo.
»Perfekt soll es ja gar nicht sein, aber einfach … gut«, lächelte Linda. Da Thiemo mit der Leitung seines Pflegezentrums Sanfte Wellen in Wilhelmshaven viel zu tun hatte, würde Linda ihren Job als Kassiererin aufgeben und zunächst bei Laurin zu Hause bleiben. Wenigstens so lange, bis sich das Leben zu dritt eingependelt hatte.
Thiemo sah auf die Uhr. »Seid nicht böse, aber wir müssen los. Kurz was essen und dann muss Linda zu Laurin.«
»Kein Problem. Wie ich Hanno kenne, gibt es im Haus bestimmt noch was zu tun«, meinte Sinje. »Bevor er nachher zum Training verschwindet.«
»Ich schaffe es heute bestimmt nicht zu kommen«, sagte Thiemo.
»Ich entschuldige dich. Bau ist Bau, kenne ich.« Hanno legte die Hand auf Thiemos Schulter, fixierte dabei aber Linda lächelnd. Er hatte eigentümlich helle Augen, die gar nicht so recht zu seinem Gesicht passten.
1968
»Du musst verstehen, dass du nicht bleiben kannst, hörst du?« Die Stimme ist weich, streichelt ihn mit den Vokalen. Die Hand gleitet über seine dunklen Haare. Als sie damit aufhört, greift sie ohne zu zögern in seinen Schrank, zieht die Sachen heraus und packt den Koffer. »Ich gebe dir etwas von mir mit«, sagt sie und reicht ihm eine durchsichtige Tüte mit einer kleinen blonden Haarsträhne. »Ich werde immer an dich denken, aber jetzt kann ich nicht mehr bei dir sein. Später werde ich dich wieder holen. Ganz bestimmt. Verlass dich drauf!«
Sie schließt den abgeschabten Koffer, der dabei ein leises Ächzen von sich gibt. Zur Befestigung zurrt sie einen Gürtel darum. Der Junge freut sich ein bisschen auf die große Reise, aber er hätte es schöner gefunden, wenn sie mitgekommen wäre.
Angst hat er nicht, denn ihre Stimme klingt recht fröhlich und sie plappert munter weiter. »Du kommst zu netten Leuten. Leute, die fest an Gott glauben und gut auf dich aufpassen werden.«
Er kennt die Leute aus der Kirche. Sonntags gehen sie immer dorthin. Es ist warm und hinterher gibt es Kekse und Tee.
Er nickt. Alles ist halb so wild. Sie würde ihn wieder zu sich holen, ganz bestimmt. Sie hat es gesagt.
»Du musst lange fahren«, plaudert sie weiter und steckt ihm ein Malbuch ein. »Damit es nicht langweilig wird.« Ihre Stimme klingt jetzt doch komisch. Als ob sie weinen würde, wenn sie weiterredet. Und so sagt sie nichts mehr, schaut nur immer wieder aus dem Fenster.
Als der weiße VW-Bus mit der roten Schrift auf den Hof rollt, nimmt sie ihn in den Arm und versinkt mit ihrer Nase ganz in seinem Haar. »Es ist nur für kurz, mein Kleiner. Bestimmt. Nur für kurz. Bis ich es hier im Griff habe. Vertrau mir!«
Sie winkt ihm hinterher, bis er um die Ecke gefahren ist. Er starrt aus dem Fenster, wo die Bäume an ihm vorbeisurren. Der Mann am Steuer hat noch nichts zu ihm gesagt. Der Junge nimmt seinen Plüschhasen und zieht ihn vor das Gesicht. Der Hase ist der Einzige, der merken darf, dass er doch weint.
Sie würde ihn holen, hat sie gesagt. Ihre blonden Haare würden sich mit seinen vermischen, so wie es immer gewesen ist.
Montag, 13.2.
»Herr Hanken?«
Thiemo blickte von seinem Schreibtisch auf. Selbst sein Lächeln gelang ihm heute nicht so recht, er hatte das Gefühl, als falle es schief aus. Er war so müde. Die Arbeit auf dem Bau, die sich am Wochenende arg in die Länge gezogen hatte, und die Renovierungsarbeiten in seiner alten Wohnung forderten langsam ihren Tribut. Die letzten Nächte hatte er bei Linda in der kleinen Wohnung in der Anton-Günther-Straße in Jever verbracht, aber es war für zwei Erwachsene und ein Kind einfach zu eng dort. Laurin war zwar ein netter Kerl, aber eben fünf Jahre alt. Thiemo war Kinder nun mal nicht gewohnt. So hatte er verdammt schlecht geschlafen. Schließlich war er auf das Sofa ausgewichen, weil Laurin partout bei Linda im Bett bleiben wollte und er die nackten Kinderfüße an seinen behaarten Beinen nicht mehr ertragen konnte.
»Was kann ich für Sie tun?«, fragte Thiemo. Er versuchte, sich auf den grauen Mann ihm gegenüber zu konzentrieren.
»KripoWilhelmshaven, Rothko, guten Tag.«
Thiemo setzte sich auf. Die Kripo hatte er noch nicht im Haus gehabt.
»Am Freitag ist bei Ihnen Elfriede Lambacher verstorben«, sagte der Mann. Thiemo fiel auf, dass er noch nie so kleine Augen gesehen hatte. Nicht, dass sie in irgendwelchen Fettpolstern verschwanden. Der Mann war eher hager, aber die Augen wirkten rund und winzig, viel zu eng zusammengestellt. »Schweinsaugen«, dachte Thiemo und bemühte sich, konzentriert auszusehen, was ihm aber nicht gelang. Er strich sich über den Kopf, gab sein Passwort ein und rief am PC die Patientendaten auf, um etwas Zeit zu gewinnen. Thiemo kannte die Bewohner meist nur flüchtig, da er nur noch für die Organisation und den Ablauf zuständig war. Aber bei Frau Lambacher war das anders. Sie hatte sich so oft über das Haus, das Personal oder sonstige Dinge beschwert, dass selbst er über diese Frau voll informiert war.
Thiemo überflog die Akte. »Ja, Elfriede Lambacher ist am Freitagabend in ihrem Zimmer aufgefunden worden. Sie saß reglos im Rollstuhl. Das Pflegepersonal hat alle notwendigen Maßnahmen eingeleitet, aber wir konnten nichts mehr für sie tun. Frau Lambacher verstarb an einem hypoglykämischen Schock, also Unterzuckerung. Alles dokumentiert und vom Hausarzt so abgezeichnet. Da sind wir sehr genau mit der Erfassung, wissen Sie.« Thiemo wies auf den Bildschirm. Es war alles in Ordnung. Gut, dass er konsequent auf korrekten Eintragungen beharrte, dafür hatte er extra ein digitales System eingeführt.
»Wir haben einen anonymen Hinweis bekommen, dass es kein natürlicher Tod war.«
»Frau Lambacher war Diabetikerin und eine undisziplinierte dazu«, sagte Thiemo. »Sie können die Einträge in den Akten verfolgen. Eigentlich hätte sie mit ihrer Krankheit selbstständig sein sollen, aber immer wieder kam es zu Entgleisungen, sowohl nach oben als auch nach unten. Frau Lambacher kontrollierte ihren Blutzucker selbst und hatte zwei Insulinpens mit Plan zur Verfügung. Nur pflegte sie sich nicht an die verordneten Einheiten zu halten, sondern spritzte so, wie es ihr passte. Vielleicht hat sie auch am Freitag wieder ihr Ding gemacht. Sie wusste immer alles besser! Fragen Sie ihren Sohn, der kann das bestätigen.«
Thiemo war zu müde, um sich jetzt mit dem Tod dieses alten Drachen herumzuärgern. Nicht nur von Frau Lambacher waren Klagen bei ihm eingegangen, nein, auch das Personal hatte sich ständig über sie beschwert. Diese Frau hatte stets nur das getan, was sie selbst für richtig hielt, und ihre Pflegerinnen gemaßregelt, wo sie nur konnte.
Der schweinsäugige Kommissar drehte den Bildschirm zu sich herum und studierte die Einträge. Er grunzte hin und wieder. Dann nickte er. »Sie sind aber modern mit Ihrer Digitalisierung.«
Thiemo wusste nicht, ob das ein Kompliment oder eine Kritik sein sollte, und schwieg. Der Kommissar las noch immer. Schließlich lehnte er sich zurück und sagte: »So weit stimmen Ihre Angaben. Ich denke, es war ein schlechter Scherz mit dem Anruf. Die Leute sind ja ganz irre wegen der Prozesse gegen die Todesschwestern und so.«
»Für mein Personal kann ich garantieren, Herr Rothko. Wir sind da sehr eigen.« Selbstgefällig lehnte Thiemo sich in seinem Sessel zurück. Sein Pflegeheim war sauber. Daran würde auch der Kommissar nicht rütteln können.
Er hoffte, der Mann würde seinen Besuch endlich beenden. Frau Lambacher war mit ihren siebzig Jahren zwar noch recht jung gewesen, aber sie hatte ja auch nicht gerade zur Verbesserung ihrer Situation beigetragen. Ihre amputierten Beine waren nun mal das Ergebnis eines seit Jahren schlecht eingestellten Diabetes. Da kam es, so traurig es war, eben vor, dass solch ein Mensch an einer Entgleisung starb.
Rothko griff nach einem herumliegenden Kugelschreiber und tippte mit dem Ende gegen sein Kinn. »Warum«, setzte er langsam an, »warum hat Ihr Personal eigentlich nicht rechtzeitig etwas gemerkt?«
Thiemo spannte unmerklich den Rücken an und holte tief Luft. Dabei bemühte er sich, gelassen zu wirken. Er griff ebenfalls nach einem Stift und klopfte ihn leicht auf die Schreibtischunterlage, als mache er eine Zigarre zum Anzünden klar. Er wollte Zeit gewinnen, denn das war genau die Frage, die er liebend gern vermieden hätte. Es war der einzige heikle Punkt, denn Frau Lambachers Unterzuckerung hätte vielleicht schneller entdeckt werden können.
Thiemos gewohntes Lächeln kämpfte sich unaufhaltsam durch die müden Gesichtszüge und seine Stimme klang ruhig und bestimmt, als er den Stift beiseite legte. »Die zuständige Schwester ist davon ausgegangen, dass der Sohn da war, wie jeden Nachmittag. Wir haben über den Türen Leuchten. Grün heißt, dass die Schwester im Zimmer ist, bei Rot ertönt eine Klingel. Bei Frau Lambacher war es so, dass sie auf dem Brennen der grünen Lampe bestand, wenn der Sohn zu Besuch war. Dann sollte keiner das Zimmer betreten, sie wollten nicht in ihrer Privatsphäre gestört werden. Und die Leuchte war den ganzen Nachmittag an.«
»Aber Herr Lambacher war gar nicht da, oder?«
»Nein. Aber er war sonst jeden Nachmittag hier. Wirklich jeden. Immer zur gleichen Zeit. Ein dummer Zufall, dass die Schwester ausgerechnet an diesem Tag vergessen hatte, das Licht auszumachen. Ein wirklich dummer Zufall.«
»Ein menschlicher Fehler, nicht ungewöhnlich«, sagte Rothko.
»Sie waren schon komisch, die beiden. Der Sohn und die Mutter, so – zusammen«, rutschte es Thiemo heraus. Er hatte das immer wieder bei den Personalgesprächen mitbekommen: Die Beziehung von Herrn Lambacher zu seiner Mutter hatte eindeutig etwas Pathologisches gehabt.
Der Kommissar reagierte nicht auf Thiemos Bemerkung, vielleicht hatte er sie einfach auch nur zu leise ausgesprochen. »Das wäre es erst mal. Ist eine unangenehme Geschichte. Wir melden uns!« Er drehte den Bildschirm in die Ausgangsposition zurück und stand auf. Thiemo hatte den Eindruck, dass auch der Kripobeamte sehr müde war, und was sollte man von zwei so müden Menschen an Hochleistung heute erwarten …
*
Hubert Lambacher hatte das Gefühl, dass seine Finger am Lenkrad festfroren. Er stand vor dem Eingang des pompösen Seniorenpflegezentrums Sanfte Wellen und konnte den Blick von keinem der Menschen lassen, die das Gebäude betraten oder verließen.
Einer von ihnen hatte seine Mutter auf dem Gewissen, einer von ihnen hatte sie getötet, er war ganz sicher. Von allein war sie bestimmt nicht gestorben.
Der Kommissar war kurz bei ihm gewesen, hatte ihn nach seiner Mutter gefragt, wegen der Zuckerkrankheit. Hubert war zu dem Zeitpunkt noch nicht ganz Herr seiner Sinne gewesen, zu sehr hatte ihn der Schmerz über den Verlust aus der Bahn gefegt. Er fühlte sich wie ein Blatt, das vom Baum gefallen war und nun willenlos vom Wind durch die Welt getragen wurde.
Drei Nächte hatte er nicht geschlafen. Zuerst war er unter dem Strom der Tränen erstickt und dann hatte er versucht, einen Sinn in dem Ganzen zu finden. Ein Mal, ein einziges Mal war er nicht bei seiner Mutter gewesen und schon passierte so etwas. Hubert fühlte sich entsetzlich schuldig, konnte die kalten Blicke seiner Mutter fühlen, wusste, was sie in ihren letzten Minuten gedacht hatte. Sie war böse gewesen, hätte ihn bestraft, wenn er das nächste Mal gekommen wäre.
Stockend hatte Hubert dem Kommissar von seiner Anbetung für sie und von ihrer Krankheit erzählt. Doch der Mann mit den kleinen, stechenden Augen hatte gar nicht richtig hingehört, war so schnell wieder weg gewesen, dass Hubert ihm in all seiner Trauer nichts von den zerstochenen Reifen gesagt hatte. Das war ihm erst später eingefallen, als er nicht mehr von den ständigen Weinkrämpfen geschüttelt wurde.
Hubert hatte dann bei der Polizei angerufen, aber da war Rothko unterwegs gewesen. Ein seltsamer Typ. Allein der Name war lächerlich. Aber wenigstens hatte er zurückgerufen.
Dabei war der Kerl aber wieder die Unfreundlichkeit in Person gewesen. Ganz klein und dumm hatte Hubert sich gefühlt, als er vergeblich versucht hatte, ihm von den Todesschwestern zu erzählen, die überall auf der Welt nur darauf warteten, ihre Patienten zu töten.
»Es ist aber ein eindeutiger Fall. Ihre Mutter war hoffnungslos unterzuckert«, hatte der Kommissar ihn gleich unterbrochen. »Sie war einfach undiszipliniert. Es tut mir leid!«
Dieser Ton ließ Hubert verstummen, obwohl er sich vorher die Worte zurechtgelegt hatte. Das höhnische Tuten, das ihm dann der Hörer entgegenspuckte, war einfach nur brutal.
Er hatte das mit den kaputten Reifen wieder nicht sagen können. Der Kommissar hätte ihn ja ausgelacht. Der hatte seine Wahrheit schon festgelegt, da war kein Platz mehr für die Theorien eines unglücklichen Sohnes. Seine Worte wären schon im Vorfeld klar gewesen. Der Mann war wie seine Mutter und die hatte auch immer recht gehabt. Herr Lambacher! Sie sind Mathelehrer an einem Gymnasium. Da können Sie sich doch ausrechnen, wer so etwas macht. Erstatten Sie Anzeige und wir nehmen den Schaden auf.
Und so war Huberts Verdacht, dass die Reifen etwas mit dem Tod seiner Mutter zu tun haben könnten, unausgesprochen durch sein Denken gekrochen, bis er sich irgendwann festgesetzt hatte und Stück für Stück seine Hirnwindungen zermarterte. Am Ende war ein brennender Kopfschmerz entstanden, den er mit nichts löschen konnte.
Es gab einen Menschen in diesem Heim, der seine Mutter getötet hatte. Er konnte es nur nicht beweisen.
Bestimmt war sie einer der Altenpflegerinnen auf den Schlips getreten. Und die war dann zum Todesengel geworden, wie die ganzen anderen Schwestern und Pfleger, die ihre Patienten getötet hatten. Hubert hatte alle Berichte, die er finden konnte, in den Nächten verschlungen.
Er betrachtete wieder seine weißen Fingerkuppen, die am Lenkrad klebten und sich nicht lösen konnten, wischte mit der Wange über die Schultern und merkte, dass er dabei feuchte Spuren auf seiner Jacke hinterließ.
Die zerstochenen Reifen könnten der Schlüssel sein. Aber nichts im Leben machte Hubert bei irgendeiner Sache wirklich sicher. Alle Gedanken, alle Ideen waren immer nur vage und auf Hypothesen ausgelegt, einzig die mathematischen Formeln folgten einer unumstößlichen Logik, um die er sein ganzes Leben formierte.
Hubert glaubte aber einfach nicht, dass einer seiner Schüler die Reifen zerstochen hatte. Zum einen hatte er nie jemanden durchfallen lassen und zum anderen wohnte er in Wilhelmshaven, unterrichtete aber an dem zwanzig Kilometer entfernten Schlossgymnasium, einer privaten höheren Schule in Jever. Und wenn er ehrlich war: Den Schülern war er zu unwichtig.
Sie nannten ihn Weichei und Muttersöhnchen, hatten herausgefunden, wie sehr er an seiner Mutter hing. Er war sicher nicht beliebt, eher die Witzfigur der Schule, weil er mit seiner Hornbrille und dem kurzgeschorenen Haar den klassischen Mathelehrer verkörperte. Außerdem war er Junggeselle, da kam es schon mal zu Sprüchen, wie: »Der sollte mal so richtig … dann ist er auch ein echter Kerl.«
Nur, dazu brauchte Hubert keine Ehefrau, es gab in Wilhelmshaven und Umgebung genug Etablissements, die diesen Zweig seiner Männlichkeit befriedigten – und von ihm keine weiteren Verpflichtungen forderten.
Mit diesen banalen Dingen des Lebens musste er sich nicht befassen, daher hatte er genug Zeit für seine Mutter gehabt. Sie hatten nicht ihr ganzes Leben miteinander verbringen können, zu viel Zeit war schon verschwendet worden. Da wollte er nun ausschließlich für sie da sein. Und jetzt war er allein. Ganz allein, ohne sie.
Hubert löste eine Hand vom Lenkrad und wischte mit dem Jackenärmel über die beschlagene Scheibe, weil ihm am Seiteneingang eine Bewegung auffiel.
Thiemo Hanken trat aus dem Haus. Er sah übernächtigt aus, vielleicht machte ihm die Geschichte doch mehr zu schaffen, als er zugeben wollte. Obwohl wahrscheinlich so oft ältere Herrschaften verschieden, dass er sich normalerweise bestimmt keine Gedanken darüber machte.
Hubert wusste nicht, wie lange er hier noch mit dem Auto vor dem Gebäude stehen wollte, er wusste nicht einmal, was es bringen sollte. Zu Hause lag noch der Stapel mit den Leistungskursklausuren, die dringend zu bearbeiten waren. Aber irgendetwas sagte ihm, dass er hier, vor der Tür der Seniorenanlage, das finden würde, das ihn weiterbringen musste.
Es dämmerte, als er die Pflegerin aus dem Haus gehen sah, die seine Mutter am Freitagnachmittag hätte betreuen sollen – wenn sie nicht diesem irrsinnigen Licht aufgesessen wäre und gedacht hätte, er sei anwesend. Es wäre trotzdem ihre Pflicht gewesen, reinzuschauen. Egal, was seine Mutter angeordnet hatte. Sie war schließlich verantwortlich. Hubert Lambacher ließ den Motor an und folgte der blonden Frau.
*
Als Thiemo in Jever ankam, war es bereits dunkel. Linda hatte Erbsensuppe gekocht und war gerade dabei, Laurin aus der Wanne zu lotsen, als er in den kleinen beengten Flur trat.
Laurin kreischte, wollte noch sein Schiffchen fahren lassen. Heute ging es Thiemo wirklich auf die Nerven. Am liebsten wäre er auf dem Absatz umgedreht, sofort wieder in seine Wohnung nach Sande gefahren und hätte die Beine auf den Tisch gelegt. Heute Abend kam die Live-Übertragung des Spieles Werder gegen Wolfsburg. Das hätte er sich gern in Ruhe angesehen. Aber seine Wohnung war eine Baustelle. Die Jahre des Junggesellendaseins hatten mehr Spuren hinterlassen, als Thiemo vermutet hatte. Deshalb hatte er jetzt begonnen, zu renovieren. So konnte er die Wohnung schließlich keinem Nachfolger hinterlassen. Aber er wollte nicht zwischen Kleister und Tapetentisch hausen. Das wäre vermutlich noch grausamer als das Gekreische aus dem Badezimmer.
Vielleicht hätte er sich mit Hanno zum Fußballgucken verabreden sollen, aber davon wäre Sinje wahrscheinlich nicht begeistert gewesen. Ihr schienen Hannos zwei Trainingsabende und die Wochenendspiele schon völlig zu reichen. So langsam schwante Thiemo, dass es ihm mit Linda bald nicht anders ergehen würde.
Er fläzte sich an den Küchentisch, sagte Linda noch nicht, dass er da war. Noch ein bisschen abspannen, ausruhen, vielleicht schlief der Knirps ja gleich. Thiemo hätte gern einen Abend Ruhe gehabt. Und vielleicht auch Linda mal wieder für sich allein … Das brächte etwas Ablenkung.
Der Besuch des schweinsäugigen Kommissars hatte ihm doch zugesetzt. Er musste morgen unbedingt noch einmal mit der zuständigen Schwester reden. Heute war er einfach zu müde gewesen. Thiemo gähnte und hoffte, dass die Geschichte im Sande verlaufen würde. Mord! Das war doch absurd. Trotzdem hätte die Schwester mal reinschauen sollen.
Thiemo zuckte mit den Schultern. Irgendwie hatte die Lambacher mit ihrer Lampenaktion das Ganze ja selbst heraufbeschworen. Sie hatten lange diskutiert, ob sie sich daran halten sollten. Aber weil diese Giftspritze nur noch zeterte, hatte er grünes Licht gegeben.
Eigentlich schade, dass die Frau so unangenehm gewesen war. Sie hatte trotz ihrer Behinderung nicht viel älter gewirkt als ihr vierzigjähriger Sohn. Dem Aussehen nach hätte er fast der etwas jüngere Ehemann sein können.
Thiemo dachte, dass Elfriede Lambacher früher mit Sicherheit Format gehabt hatte. Das Blond ihrer Haare war zwar längst einem glänzenden Silbergrau gewichen, aber man konnte durchaus noch erkennen, was für ein Kaliber die Lambacher zu ihren besseren Zeiten gewesen war. Dafür hatte Thiemo einen Blick.
»Hallo! Du bist schon da?« Linda umschlang ihn mit ihren Armen.
»Ja, war ein dummer Tag«, sagte er.
Linda blickte erstaunt. Es kam selten vor, dass er Schwierigkeiten zugab. Sie sagte aber nichts, sondern holte ihm ein Bier aus dem Kühlschrank. »Willst du etwas essen? Die Suppe ist noch warm. Laurin hat schon ein Brot gehabt, ich bringe ihn gleich zu Bett.«
Bevor Thiemo antworten konnte, raste ihr Sohn um die Ecke. »Ich geh nicht in mein Bett, ich schlaf bei Mama!« Dabei sah er Thiemo herausfordernd an. Der nickte wortlos und nahm von Linda den Teller Suppe entgegen. Er würde also wieder auf dem Sofa schlafen.
Als Laurin endlich im Bett lag, nahm sich Linda auch ein Bier und setzte sich zu Thiemo auf die Couch. »Was war denn los, dass dein Tag so schrecklich war?«, fragte sie, während sie den Flaschenöffner ansetzte. Der Deckel löste sich mit einem Zischen.
»Gib mir auch noch ein Bier!«, lenkte Thiemo ab. Er nahm die Fernbedienung und begann sich durch die Programme zu zappen.
»Nimm von mir was, ich trink es sowieso nicht ganz.« Linda reichte ihm die Flasche. Die Melodie von Hinter Gittern ergoss sich in den Raum.
»Kannst du das nicht ausschalten? Ich habe dich nämlich was gefragt«, sagte Linda.
Thiemo hielt die Fernbedienung zwischen beiden Händen, als fürchte er, Linda könnte sie ihm entreißen, wenn er sie auch nur für eine Zehntelsekunde losließ.
»Hallo? Erde an Thiemo!«
Er stellte den Fernseher etwas leiser.
»Ist nichts Gravierendes«, sagte er leichthin. »Nur ärgerlich.«
»Ich weiß nicht. So klang das vorhin nicht.« Linda nahm einen Schluck Bier.
Thiemo wischte ihr vorsichtig mit der Seite des Zeigefingers den Schaum ab. »Ein anonymer Anruf. Bei uns soll eine ältere Dame getötet worden sein.«
»Oh.« Linda setzte sich auf. »Ist denn an der Anschuldigung was dran?«
»Ach was. Aber es ist einfach … blöd.« Thiemo wollte den Film wieder lauter stellen, aber Linda legte ihre Hand auf seine.
»Das könnte doch … Ich meine, du bist verantwortlich, oder?«
Thiemo schüttelte den Kopf. »Es stimmt nicht, überhaupt nicht und kann auch nicht sein.«
Erleichtert atmete Linda aus. Jetzt griff sie nach der Fernbedienung und Hinter Gittern verschwand hinter der schwarzen Blende. Linda schnappte mit den Lippen nach Thiemos Zeigefinger und er spürte ihre Zunge daran. Die Hände wanderten zu seiner Hose und krochen Finger für Finger in den Bund. Mit der anderen Hand löste Linda Knopf und Reißverschluss.
1968
Der Bus surrt durch das flache Land. Als der Junge erwacht, sieht er ein dunkelrotes Backsteingebäude mit weißen Fenstern. Im umzäunten Garten steht ein Spielgerüst.
Er muss Hausschuhe anziehen und wird in einen großen Speisesaal geführt. Es ist, trotz der vielen Kinder hier, äußerst leise. Er wird verstohlen gemustert. Seine Gruppe hat die Nummer zwei. Dort muss er auf einem harten Holzstuhl sitzen. Es sind auch ein paar Ältere dabei. »Die helfen mit und sorgen für Ordnung«, hat die Frau mit dem schwarzen Mantel gesagt. Sie hat eine dicke Nase. Der Junge bekommt warme Milch und ein Stück Brot mit Schmierkäse.
Sie holt mich bald wieder ab. Vielleicht schon morgen, denkt der Junge, als er einen Tritt gegen das Schienbein bekommt.
»Hier kommste nicht mehr so schnell weg«, sagt der Treter. Er ist einer von den Älteren. Einer von denen, die für Ordnung sorgen. »Manchmal kommen welche und nehmen jemanden mit. Du bist noch jung genug. Vielleicht haste Glück!«
»Meine Mutter kommt wieder und holt mich ab«, flüstert der Junge.
»Wer’s glaubt! Die hat dich doch abgehakt, sonst wärst du nicht hier.«
Der Junge schüttelt so heftig den Kopf, dass der ganze Körper vibriert und dabei die Milch umfällt. Ein harter Griff fasst seinen Oberarm und zerrt ihn in die Ecke des Speisesaales.
Erst als alle fertig mit dem Essen sind, darf er von dort weg. Sein Magen knurrt die ganze Nacht und sein Kissen hat einen nassen Fleck.
Mittwoch, 1.3.
Thiemo bahnte sich einen Weg durch die Stadt. Es war eine elendige Gurkerei von Jever zur Südstadt Wilhelmshavens. Bald konnte er von Neustadtgödens aus fahren. Wenn er die Strecke über Mariensiel wählte, ging es schnell, weil er die großen Straßen komplett vermeiden konnte.
Thiemo war jetzt ganz zu Linda gezogen, nachdem sich spontan jemand für seine Bude in Sande interessiert hatte und er sie mit all dem Abstand, den er gezahlt haben wollte, losgeworden war.
Die restlichen Möbel hatte er verschrottet. Sie würden eine neue Küche bekommen, auch das Wohnzimmer hatten sie schon bestellt. Die anderen Sachen wollten sie von Linda nehmen. Sie waren Laurin vertraut, darauf legte Linda Wert. Außerdem hatte sie so ihre Vorstellungen, wie ein Möbelstück beschaffen sein musste, um keine schlechte Aura auszustrahlen. Was verstand er denn schon von diesem Spinnerkram. Aber es war ihm egal, schön waren die Möbel von Linda ja. Wenigstens stand sie nicht auf Schnörkel und Troddeln.
Mit dem Kleinen lief es auch etwas besser. Hin und wieder schlief er jetzt sogar in seinem Bett. Thiemo hatte die vage Hoffnung, dass Laurin ihn langsam akzeptierte.
Das Pflegeheim lag, von der Sonne angestrahlt, im Morgenlicht. Thiemo war froh, sich für die Leitung dieses Heimes entschieden zu haben. Es war zwar eine große Verantwortung, allein schon wegen der Größe des Hauses und der Anzahl der Mitarbeiter. Doch es war einfach schön hier und er konnte seine Vorstellungen von optimaler Altenbetreuung durchsetzen, auch wenn er an der Pflege selbst nicht mehr beteiligt war.
Die Sache Lambacher schien wohl im Sande zu verlaufen. Gut, dass er das nicht an die große Glocke gehängt hatte, obwohl es durchaus zum Personal durchgesickert war. Aber nachdem der Kommissar noch einmal da gewesen war und ihm mitgeteilt hatte, dass die Anschuldigungen offensichtlich haltlos waren, kehrte in den Abteilungen wieder Ruhe ein.
Thiemo grinste. Linda, die gar nichts damit zu tun hatte, war besonders erleichtert gewesen. Sie hatte die Sache als ganz böses Omen gesehen. Linda dachte so. Thiemo fand, dass sie sich zu sehr mit Schicksal, Aura und solchen Dingen beschäftigte und hoffte, sie würde in der neuen Umgebung damit aufhören. Es war ihm etwas unheimlich. Er wusste, dass sie damals in ihrer Zeit in Köln damit begonnen hatte. Wahrscheinlich war sie in ihrer Gutgläubigkeit diesem Spinner aufgesessen, hatte sich nicht nur das Kind machen, sondern auch noch das Hirn vergiften lassen. Es würde hier in ihrer alten Heimat sicher bald besser werden. Er war da, also brauchte sie solche Sachen nicht mehr.
Thiemo schaute optimistisch in die Zukunft. Er hatte alles im Griff.
Der Tod des Drachen war weiß Gott kein böses Omen für ihre Zukunft. Hätte Linda die Lambacher gekannt, würde sie so etwas mit Sicherheit nicht denken.
Thiemo und die zuständigen Schwestern waren pflichtbewusst zur Beerdigung erschienen und hatten Hubert Lambacher ihr ehrliches Beileid ausgesprochen. Es war ein sonniger Wintertag gewesen, der eher gute Laune als Trauerstimmung ausdrückte. Während sich die Sonne funkelnd in den Raureifkristallen brach, wurde der Sarg in die Erde gelassen. Die Trauergemeinde war denkbar klein gewesen, die Lambachers hatten kaum Familie und scheinbar keine Freunde gehabt. Die paar Gesichter waren wahrscheinlich Kollegen von Hubert Lambacher, die sich verpflichtet gefühlt hatten, ihm beizustehen.
Der Mann war jetzt ganz allein. Thiemo fragte sich, was Lambacher nun mit seiner vielen Freizeit anfangen würde. »Wahrscheinlich denkt er sich jetzt so richtig fiese Mathearbeiten aus«, dachte er und parkte sein Mercedes-Cabrio elegant in der für ihn vorgesehenen Lücke.
*
Tanja Wildbruch hatte gerade eine Führung durch die Salzwiese gemacht. Ihre blonden Haare hatte sie unter ein buntes Tuch gezwängt, und sie scherzte mit einem Mann, der neben ihr die Straße herunterlief. Der Rest der Gruppe folgte in kurzem Abstand.
Vor Tanjas Wohnung, die in einem Haus gleich unterhalb des Deichfußes lag, blieben sie und der Mann stehen. Er gab ihr die Hand, hielt sie einen Augenblick länger fest, als es nötig war. Dann beugte er sich nach vorn, flüsterte ihr etwas ins Ohr. Es musste ein guter Witz gewesen sein, beide lachten lauthals los.
Hubert Lambacher stand nicht zum ersten Mal mit seinem schwarzen Golf auf dem Parkplatz am Fußballplatz in Cäciliengroden und beobachtete die Altenpflegerin.
»Naturführungen«, dachte er. »Dabei hat sie wahrscheinlich den Mord an meiner Mutter geplant.«
Hubert Lambacher hatte nachgeforscht. Tanja Wildbruch hatte an dem besagten Nachmittag Dienst gehabt und war für seine Mutter zuständig gewesen. Und die hatte sich oft über diese impertinente Pflegerin beklagt. Tanja sei arrogant und unverschämt, ihr fehle jeglicher Funke von Anstand. Hubert solle doch mal mit ihr reden. Das hatte er dann versucht, aber als die schöne Frau vor ihm gestanden hatte, war Hubert sich nicht mehr sicher gewesen, ob die Anschuldigungen seiner Mutter vielleicht nicht doch ungerechtfertigt waren. So hatte er Tanja nur um eine zusätzliche Tasse gebeten, die sie ihm – sichtlich genervt, weil er sie von der Arbeit abhielt – in die Hand gedrückt hatte.
Tanja zupfte sich jetzt das rote Tuch vom Kopf und ihr Pferdeschwanz wackelte dabei hin und her. Diese Frau war zwar schön, aber sie konnte ihn jetzt nicht mehr einlullen. Hinter ihrem Gesicht schlummerte die teuflische Fratze des Todes.
Ihr Chef, Thiemo Hanken, glaubte ihr wahrscheinlich alles, wenn sie mit ihren blauen Augen rollte und lächelnd die kleinen, ebenmäßigen Zähne freigab. Hubert Lambacher dachte, dass sie wahrscheinlich mit ihm schlief. Doch wie immer sagte er sich, auch das sei nur eine Hypothese. Denn zusammen gesehen hatte er sie nie. Aber die Frau hatte diesen gewissen Blick, das erkannte er sofort. Hubert verachtete solche Frauen. Sie nahmen sich die Männer, vergnügten sich und warfen sie dann weg wie faules Obst, das nicht mehr schmeckte. Er wusste schon, warum er zu den Professionellen ging. Oder die Liebespaare belauschte, die es in der freien Natur oder auf den Parkplätzen trieben. Davon gab es schließlich genug und er konnte so tun, als sei er dabei. Nicht, dass ihn diese Frauen weniger abstießen, aber er musste kein Gefühl investieren und wenn er nicht so konnte, wie er wollte, lachte keiner darüber.
Die Teilnehmer der Führung begannen sich zu zerstreuen. Nur Tanja unterhielt sich noch immer mit dem Typen. Sie würde ihn bestimmt mitnehmen in ihre Wohnung und dort … Hubert Lambacher merkte, dass ihn dieser Gedanke nicht kalt ließ.
Aber dann winkte der Mann Tanja zu und ging zu seinem Wagen. Sie verschwand rasch in ihrem Haus. Hubert Lambacher wartete noch und stellte sich vor, was sie jetzt in ihrer Wohnung tat. Wahrscheinlich stand sie unter der Dusche. Die Wassertropfen perlten an ihr ab, verloren sich erst in der Spur zwischen ihren prallen kleinen Brüsten und glitten dann zielstrebig in die dunkle Tiefe zwischen ihren Beinen. Ihre geschlossenen Lider zuckten unter der Wohltat des heißen Wassers und der Mund war leicht geöffnet, während ihre Hände den Schaum des Duschbades mit dem Wasser vereinten.
Hubert wandte sich ab. In Tanja Wildbruch schlummerte ein Hass, der sich unter ihrer Vollkommenheit verbarg, nur heimlich aus den Poren herausleckte, sich aber dann schnell zu einem tödlichen Fluss auswachsen konnte. Sie war eine Mörderin, eine Hexe! Nur er würde ihr widerstehen, sich nicht einwickeln lassen. Niemals. Huberts Hände zitterten, die Kapillare gehorchten nicht mehr und verfärbten seine Fingerkuppen binnen kürzester Zeit in ein gelbliches Weiß. Er rieb die schmerzenden Spitzen, bis er wieder Gefühl bekam, startete dann den Motor und fuhr aus dem Dorf hinaus.
1968
In der Nacht wacht er auf, weil seine Hose nass ist. Er traut sich nicht, nach der dicknasigen, schwarzen Frau zu rufen. Sie ist ihm unheimlich in dem schwarzen Mantel, der sogar das Haar bedeckt. In seiner Kirche haben die Frauen anders ausgesehen. Die, die ihm die Kekse gegeben haben.
Ganz vorsichtig schlüpft er ins Bad, zieht sich die Hose aus und klettert mit einem Handtuch wieder ins Bett. Aus Furcht, die anderen zu wecken, traut er sich nicht, etwas Trockenes aus dem Schrank zu holen, weil die Tür so quietscht. Die nasse Hose versteckt er am Fußende unter dem Laken, spürt die ganze Nacht das verräterische Knäuel. Es ist nicht gemütlich mit dem kratzenden Handtuch um den Po. Der Junge wälzt sich unruhig im Bett hin und her.
Schließlich schläft er doch wieder ein. Als er morgens aufwacht, liegt die Decke auf dem Boden. Die anderen Jungen stehen um sein Bett herum.
Sie lachen und ziehen das Handtuch weg. »Bettnässer! Der Neue ist ein Bettnässer!«
Der Junge ist froh, dass sie seinen Namen nicht sagen. So kann er sich einbilden, dass gar nicht er gemeint sei.
»Bettnässer, Bettnässer …« Die Töne gleiten wie Wellen auf und nieder, erst hoch, dann abschwellend und wieder ansteigend. Tückisch tragen sie dieses böse Wort, mit dem der Junge in der Mitte getroffen und verletzt werden soll. Weil er neu und angreifbar ist.
Der Junge schließt die Augen, taucht in den monotonen Gesang ein. Er flüstert leise die Worte seiner Mutter. »Ich komme und ich hole dich! Bald.«
Von dem Krach angelockt, kommt die schwarze Frau. Sie sieht den nackten Jungen im Bett. »Hast du an dir gespielt?« Der Junge schüttelt heftig den Kopf. »Du bist vier Jahre alt und so verdorben!« Die Frau zerrt ihn aus dem Bett und stellt ihn unter die kalte Dusche. Das helle Lachen der Jungen, der Hohn und Spott ihrer Stimmen, schicken ihn in einen schützenden Tunnel. Nur noch entfernt kommen die gesungenen Worte bei ihm an. »Bettnässer, Bettnässer …«
Das kalte Wasser schlägt Risse in die schützende Hülle. Der Gesang hat aufgehört, einzig die Wassertropfen klatschen auf seinen Körper. Der Junge beginnt zu zittern.
Schließlich kommt eine andere Frau, die nach Pfefferminz riecht. Sie umwickelt ihn mit einem Handtuch und schließt ihn in die Arme.
Freitag 10.3.
»Gib mir mal den Kleister, ich muss hier noch etwas nachschmieren.« Thiemo hielt Linda die Hand auffordernd hin.
Sie merkte, dass seine Laune zum Schneiden schlecht war. Seine Bewegungen, die normalerweise ruhig und ausgeglichen, immer ein bisschen selbstgefällig waren, wirkten abgehackt und fahrig. Dazu stand sein Haar widerspenstig vom Kopf ab. Thiemo musste sich mehrfach mit der Kleisterhand hindurchgefahren sein.
Sie wollten in zwei Wochen einziehen und es war nicht sicher, ob sie es schafften, bis dahin mit jedem Zimmer fertig zu werden. Thiemo kam ständig so spät von der Arbeit, dass Linda ihn, außer auf der Baustelle, fast nur noch schlafend zu Gesicht bekam. Und die Wochenenden verbrachten sie zur Zeit mit irgendwelchen Malerarbeiten oder anderem Kleinkram. Meist bekamen sie sich irgendwann in die Wolle und Thiemo rannte vor die Tür, um sich zu beruhigen.
Linda reichte ihm den Quast und er verschmierte damit den Kleister an der Rückseite der Tapete.
»Wir sollten den Maler kommen lassen«, sagte Thiemo. Er riss wütend die ganze Bahn ab, weil sie sich oben schon wieder löste. »Mir fehlt einfach die Ruhe.«
»Ich glaub auch«, sagte Linda. »Ein Cappuccino wäre jetzt wohl nicht verkehrt!« Sie flüchtete in den Raum, der einmal die Küche werden sollte.
Es lief überhaupt nicht mehr gut in den letzten Wochen. Thiemo wurde unruhiger, je näher der Einzug rückte. Sie konnte nicht genau ausmachen, ob seine Nervosität mit der Baustelle an sich oder eher mit der unterschwelligen Furcht vor dem Freiheitsverlust zusammenhing. Er äußerte ein bisschen zu oft, dass sich in Zukunft doch einiges für ihn ändere. Dazu kam, dass es zwischen Laurin und Thiemo immer mehr Spannungen gab. Es war nicht gerade die große Freundschaft, so wie Linda es erhofft hatte. Sie waren oft eifersüchtig aufeinander. Ständig hatte sie das Gefühl, keinem der beiden wirklich gerecht zu werden. Dadurch wurde sie täglich fahriger, ließ bei Laurin viel zu viel durchgehen. Ständig war sie dabei, die schlechte Laune von Thiemo abzufangen und so zu drehen, dass kein Streit daraus hervorbrach. Immer wieder sagte sie sich, es sei nur für kurz, wenn sie erst eingezogen waren, würden sie alles irgendwie in den Griff bekommen.
Linda sah auf die Uhr. Es war bald Zeit, Laurin von der Tagesmutter abzuholen. Sie gähnte. Der Kaffee würde ihr gut tun. Sie stellte den Wasserkocher an und setzte sich für einen Augenblick auf ein Brett, das sie als Bank auf ein paar Kalksandsteine gelegt hatte.
Sie war so müde. Jede Nacht erwachte sie davon, dass Thiemo aufstand, um ein Glas Wasser zu trinken. Danach schlief er zwar wieder ein, wälzte sich aber unruhig im Bett hin und her. Sie lag dann den Rest der Nacht grübelnd neben ihm und lauschte seinem unruhigen Atem. Oft merkte Linda, dass er die Decke anstarrte, als bekäme er von dort eine Antwort auf all die Fragen, die sie nicht kannte.
»Ich denke, wir werden dort glücklich und es läuft besser«, hatte Thiemo eines Nachts flüsternd gesagt. Eher zu sich selbst als zu Linda, von der er annahm, sie schliefe.
Damit hatte er wohl seine ureigensten Gedanken das erste Mal in Worte gefasst, aber der Blick seiner Augen war weiter düster und schwer. Er wirkte gehetzt, eine Regung, die Linda an ihm nicht kannte und sie das erste Mal darüber nachdenken ließ, dass sie von ihrem Mann eigentlich nur wenig wusste.
Er sprach nicht viel über sich. Thiemos Vater führte als Steuerberater eine Kanzlei und seine Mutter, eine rundliche Frau, verblasste hinter der Dominanz ihres Mannes. Sie trat nur in Form von gebackenem Apfelkuchen in den Vordergrund, verschwand aber ebenso schnell, wie dieser gegessen wurde.
Thiemo schien nichts dabei zu finden. Er kannte es auch nicht anders, aber Linda kam es immer recht armselig vor. Seine Mutter war für sie das beste Argument, sich doch recht schnell wieder Arbeit zu suchen, damit sie sich nicht unter Zimtschnecken und Schweinebraten als die Frau an Thiemos Seite verlor.
Irgendwann stand sie in solchen Nächten dann meistens auf und sah nach Laurin, der sich inzwischen, trotz Thiemos Anwesenheit, dazu bequemt hatte, in sein eigenes Zimmer zu ziehen, statt in ihrem Bett zu übernachten. Erst sein gleichmäßiger Atem, der beruhigend durch den Raum zog, ließ Lindas Lider wieder schwerer werden. Danach konnte sie dann neben Thiemo endlich einschlafen.
Ein lautes Ratschen nebenan verriet, dass Thiemo eine weitere Tapetenbahn wieder von der Wand gerissen hatte. Er war einfach kein Handwerker.
Das Wasser für den Cappuccino blubberte gerade vor sich hin, als es klingelte.
»Hallo!« Sinje hielt Linda einen Korb mit Tassen und Tellern entgegen. Sie rümpfte die Nase. »Mensch, stinkt das hier nach nassen Tapeten und Kleister.« Sie schüttelte sich. »Brr, bin ich froh, dass wir das hinter uns haben.«
»Wir wollten euch mal was Gutes tun und haben frischen Kaffee und Butterkuchen mitgebracht«, sagte Hanno. Er stand etwas linkisch hinter ihr und trug eine Thermoskanne und eine Kuchenplatte. Das war typisch für die beiden: spontan aufkreuzen und Hilfe anbieten.
»Super! Wir wollten nämlich gerade einen Cappuccino trinken.« Linda trat beiseite, um Hanno und Sinje hereinzulassen.
»So ein Mist!«, hörten sie aus dem Wohnzimmer.
»Ist dein Gatte etwas ungeduldig heute?« Sinje stellte den Korb auf den Boden. Die Tassen schepperten leise. »Habt ihr kein Radio? Ein bisschen Musik würde seine Stimmung vielleicht etwas heben.« Sie ging zum Fenster, das vor Feuchtigkeit beschlagen war. Mit dem Zeigefinger malte sie das ›Haus vom Nikolaus‹. »Kannst du das auch?«, fragte sie.
Linda nickte. »Von früher, klar. Ich fange aber immer unten links an.«
Hanno feixte und stellte die Kuchenplatte aufs Brett. »Wo ist Thiemo?«
Linda deutete mit dem Kopf in Richtung Wohnzimmer.
»Ich helfe ihm mal.«
Sinje baute mit Hilfe zweier Kartons und eines herumliegenden Brettes einen Tisch. »Ich weiß, wie anstrengend die Endphase ist. Nichts kann schnell genug gehen und die Männer sind dann einfach … seltsam.« Sie öffnete die Thermoskanne und goss etwas Kaffee in die Tassen. Dann hob sie den Deckel der Kuchenplatte. Der Geruch frisch gebackenen Butterkuchens wehte ihnen entgegen. »Schon besser als der Baustellengeruch!«, sagte sie zufrieden.
»Wann hast du denn den gebacken?«, staunte Linda. »Du hast doch den ganzen Tag gearbeitet!«
Sinje winkte ab. »Organisation ist alles«, strahlte sie. »Hatte am Morgen schon alles vorbereitet, der Backofen ist programmierbar …«
Von nebenan hörte man Thiemo wieder fluchen.
»Ich kenne ihn so gar nicht. So schlecht gelaunt.« Linda runzelte die Stirn.
»Im Augenblick ist nix mit Sunnyboy, was?« Sinje schnitt ein Stück Kuchen ab und reichte es Linda. »Komm, iss! Lass die beiden das mal machen. Seine Laune wird schon wieder besser, wenn der Spaß hier vorbei ist.« Sie nahm sich selbst auch ein Stück. »Hanno ist jetzt in seinem Element«, sagte Sinje kauend. »Es gibt einfach nichts, was er lieber tut, als den Retter zu spielen. – Ganz schön nervig manchmal.«
»Musst du heute nicht mehr arbeiten?«, fragte Linda.
»Nein, habe frei. Und Hanno hat Schlechtwetter!« Sinje kaute bereits am nächsten Stück Kuchen.
»Haben die Männer denn bei solch einem Wetter nachher überhaupt Training?« Linda sah auf die Uhr. Freitagabends nahm es Laurins Tagesmutter immer sehr genau.
»Die trainieren immer. Fußballer eben« sagte Sinje. »Solange sie nur trainieren …«
Linda sah auf und entdeckte in Sinjes Gesicht zum ersten Mal etwas Nachdenkliches, das so gar nicht zu ihrem fröhlichen Gemüt passte. »Wie meinst du das?«
»Ach, nichts. Männer eben.«
»Du meinst, Bier trinken in der Kneipe und so?«
Sinje nickte schnell und Linda dachte für den Hauch des Moments, dass ihre Nachbarin vielleicht auch noch etwas anderes für möglich halten könnte. Doch sie wehrte die Vermutung ab. Sinjes Andeutung sollte sich nicht in ihrem Gehirn einnisten wie eine Schlange und womöglich, wann immer es ihr beliebte, wieder zum Vorschein kommen, um das Vertrauen, das Linda in ihren Mann hatte, zu vergiften.
»Wenn Hanno Thiemo jetzt ohnehin noch die halbe Stunde hilft, bis sie zum Fußball müssen, kann ich ja ohne schlechtes Gewissen losfahren, oder?« Linda zuckte mit den Schultern. »Ist immer viel Organisation mit einem Kind.«
»Sei froh, dass du eins hast«, sagte Sinje und verschlang ein weiteres Stück Butterkuchen.
1969
Sie ist nicht zurückgekommen. Der Treter hat gesagt, wahrscheinlich sei sie eine Nutte, die dürften ihre Kinder nicht behalten. Seine Mutter sei auch so eine. Bumst mit jedem für viel Geld. Er sei ein Wechselbalg von irgendeinem idiotischen Freier, der die Gummibarriere durchbrochen hat. »Du bist eben ein Nichts in so einem Spiel«, sagt er.
Der Junge nickt. Er hat keine Ahnung, was eine Nutte ist, aber der Treter hat sicher recht. Er weiß alles.
Manchmal macht er mit den Jungen seltsame Sachen auf dem Klo. Der Junge hat Angst, vor allem, als der Treter meint, demnächst sei er dran. So ein fünfjähriger Hintern hätte was.
Er ist aber nie dran, weil er Schmiere stehen muss. Dabei hört er komische Geräusche, manchmal ein leises Weinen. Dann wird der Treter wütend, schlägt zu. Der Junge legt seine Hände an die Ohren und hält die Klappe. Es ist besser, still zu tun, was der Treter sagt. Einfach nicht auffallen, das machen, was ihm befohlen wird. Der Treter ist schon vierzehn und der Älteste hier. Er sorgt für Ordnung, hat die schwarze Frau gesagt.
»Irgendwann schnapp ich mir eine der Nonnen, irgendwann«, lacht der Treter, nachdem er mit zwei von den kleineren Jungs im Klo gewesen ist. Sie wischen sich verstohlen die rotgeränderten Augen, verschwinden schnell und lautlos, als seien sie nie da gewesen.
»Du machst deine Sache gut, heißt von jetzt an Schmierlapp.« Der Treter klopft dem Jungen leicht auf die Schulter. »Schmierlapp. Von Schmiere stehen.«
Der ist glücklich. Bislang ist er wie ein Chamäleon durch die Räume geschlichen, hat versucht, vor allem dem Treter nicht aufzufallen, aber jetzt ist er wer, hat eine Identität. Er hat einen Namen. Jeder, der hier jemand ist, hat einen Namen. Nicht den, den die Schwestern und Pfleger benutzen, sondern einen besonderen, einen, der die Jungen erst dazugehören lässt. Und den der Treter erfunden hat.
Es ist die erste Nacht, in der der Junge nicht ins Bett macht und durchschläft.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.