Kitabı oku: «Seitensprungkind»
Regula Brühwiler-Giacometti
Seitensprungkind

Copyright: © 2017 Cameo Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten. Lektorat: Katja Völkel, Dresden Covergestaltung: werbemacher.ch, Thun Coverabbildung: Cornelius Fischer, Aarau Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck
Inhalt
Vorwort
Heimatlos
6. Oktober 1958: Mein holpriger Start ins Leben
Die Entscheidung war getroffen
Erste Lebensjahre
Kindheit
Die Pubertät: Eine große Identitätskrise
Wie ich Teil der Giacometti-Dynastie wurde
Das Leben mit einer depressiven Mutter
Ich gehe meinen Weg
Der rettende Prinz
Ein Rückblick: Reto. Die Hölle auf Erden
Die Geburt meines Sohnes: Eine Suche nach den Wurzeln nimmt ihren Lauf
Die „Allmächtige“ von Rapperswil und meine Akte
Die Begegnung mit meiner leiblichen Mutter
Die fehlende Urkunde
Eine letzte Versöhnung
Midlifecrisis: Die Aufarbeitung eines Traumas
Wie es zu diesem Buch kam
Meine seelische Wiedergeburt, meine Identitätsfindung
Adoption früher und heute: Zwei bewegende Geschichten
Tipps für die Suche nach den leiblichen Eltern
Meine Arbeit beim Gericht und der KESB
Mein Dank
Vorwort
Leibliche Eltern, Pflegeeltern, biologische Eltern, Adoptiveltern, Ursprungseltern, physische Eltern, natürliche Mutter, Bauchmami – es gibt unzählige Bezeichnungen, wie ein adoptiertes Kind seine Eltern nennen kann. Hinter jedem Adoptierten stehen immer zwei Paar Eltern. Was für ein Glück, könnte man meinen! Aber welche Rolle spielen alle diese verschiedenen „Eltern“ im Leben eines Adoptierten?
Sicher waren in meinem Leben für mich die allerwichtigsten Bezugspersonen meine Adoptiveltern, die mich aufgenommen, aufgezogen und umsorgt haben. Ich werde sie in meinem Buch Mami und Papi nennen, so wie ich immer zu ihnen gesagt habe. Denn diese Bezeichnung ist die intimste und sie sagt aus, dass sie meine Herzenseltern waren. Sehr lange wollte ich gar nichts über meine leiblichen Eltern wissen. Sie existierten für mich quasi gar nicht. Ja, sie hatten mich gezeugt und meine leibliche Mutter hatte mich 9 Monate in ihrem Bauch getragen – aber sie hatten mich verlassen! Ich konnte nicht verstehen und nachvollziehen, wie man sein eigenes Kind einfach weggeben kann. Es interessierte mich überhaupt nicht zu wissen, wer diese Menschen waren. Ich hörte es auch nicht gern, wenn meine Eltern über die Adoption sprachen, denn ich wollte nur das Kind von meiner Mami und meinem Papi sein.
Erst viel später, als mein Sohn zur Welt kam, musste ich feststellen, dass er eigentlich mein erster wirklicher Verwandter war, den ich zu Gesicht bekam. Die erste Person, die ich kannte, die ein Teil meiner Gene und meiner Anlagen in sich trug. Und mein kleiner André glich mir sogar in gewissen Dingen. Das war ein gewaltiges Erlebnis, das auch ein paar Fragen betreffend meiner Vergangenheit aufwarf. Plötzlich wollte ich mehr wissen. Was habe ich denn von meinem leiblichen Vater und meiner leiblichen Mutter geerbt? Wie sehen sie aus? Besteht eine gewisse Ähnlichkeit? Zudem interessierte mich auch zu erfahren, ob in ihren Familien Erbkrankheiten existierten. In der heutigen Zeit wird man von Ärzten konstant darauf angesprochen, ob gewisse Krankheiten in der Familie schon vorgekommen sind. „Ich weiß es nicht, ich bin adoptiert worden“, war meine Standardantwort beim Arzt. Aber jetzt, wo ich selber einen Nachkommen hatte, wollte ich doch ein bisschen mehr über meine Herkunft erfahren. Und so habe ich angefangen zu recherchieren, was vor 30 Jahren noch ein aufwendiges Unterfangen war. Das Adoptionsverfahren stand immer noch unter Geheimhaltung und ich kam nur sehr mühsam an spärliche Informationen heran. Ein Kapitel dieses Buches ist dieser Suche gewidmet. Es zeigt auch auf, wie viel einfacher es heute für die Adoptierten ist, an ihre Akten zu kommen. Man hat heute allgemein einen viel lockereren Umgang mit dieser Thematik.
Das einstige Tabuthema boomt in der letzten Zeit in den Medien. Es vergeht kaum eine Woche, ohne dass nicht in der Zeitung, im Fernsehen oder im Internet das Thema Pflegekind oder Adoption aufgegriffen wird. „Familiensuche“ „Suche nach den Wurzeln“ „Meine fremde Heimat“ etc.: Adoptionsgeschichten scheinen das Publikum zu faszinieren. So kam auch kürzlich der berührende Film „Lion“ ins Kino, den ich nur empfehlen kann. Er erzählt die Geschichte eines indischen Knaben, der von einer australischen Familie adoptiert wurde und sich auf die Suche nach seiner leiblichen Familie macht. Es gibt wirklich viele tolle Berichte und wahre Geschichten über Adoptierte und über die Suche nach den Wurzeln. Diverse Dokumentationen zeigen die Suche und die Begegnung mit den Ursprungseltern und zeichnen sich durch viele emotionale Momente und rührende Szenen aus. In meinem Buch möchte ich noch einen Schritt weitergehen und das Ganze anhand meines Beispiels tiefer beleuchten – was sicher auch nur subjektiv geschehen kann. Was passiert wirklich im Inneren eines Adoptierten vor einem solchem Treffen? Wie wichtig ist es, seinen Ursprung zu kennen? Wie kann diese Begegnung einem helfen, seine eigene Lebensgeschichte besser zu verstehen?
In einigen Kapiteln werde ich kleine Ausschnitte aus den Büchern „Mit den Augen eines Kindes sehen lernen“ von Dr. Bettina Bonus zitieren. Sie sind für mich so treffend formuliert und helfen, ein tieferes Verständnis zu entwickeln dafür, was es bedeutet, adoptiert zu sein. Frau Dr. Bonus hat sich über 20 Jahre intensiv mit der Problematik von Pflege- und Adoptivkindern beschäftigt und sich mit den Auswirkungen einer Adoption auseinandergesetzt. Dabei konnte sie viele Kinder begleiten. Ihre Beobachtungen und Erfahrungen hat sie in ihrer sehr intensiven praktischen Arbeit als Erzieherin, Pflegemutter und als Assistenzärztin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie gesammelt. Sie hat auch mir die Augen geöffnet und die Tragik einer frühen Trennung von der leiblichen Mutter erkennen lassen. Eine Pflichtlektüre für alle Pflege- und Adoptiveltern!
„Seitensprungkind“ ein bewusst provokativ formulierter Titel. Ich habe viel am Titel dieses Buches gebastelt, aber keiner konnte mich überzeugen. So lautete er zuerst „Giacomettis Adoptivtochter“ oder „Die ausgewählte Tochter“. Wie es zu „Seitensprungkind“ kam, kann ich im Nachhinein nicht erklären, es war ein plötzlicher Einfall, aber der Titel hat sofort all den wenigen Leuten, die ich in mein Projekt eingeweiht habe, und dem Verlag gefallen. Wie viele andere teile auch ich das Schicksal, eines dieser Kinder zu sein, die aus einer Affäre hervorgingen. Mein leiblicher Vater ging mit meiner leiblichen Mutter eine Affäre ein, er war bereits verheiratet. Diese Beziehung hatte Folgen: mich. Hatte er je erfahren, was seine heimliche Liebschaft hervorgebracht hatte? Weiß er, dass er auf diesem Planet noch eine Tochter hat? Vielleicht bin ich sogar seine einzige Tochter!
Das Thema Adoption ist und wird immer Interesse wecken. Spannend ist es auch, einen Blick weiter zurück in die Geschichte der Adoption zu werfen. Der Begriff Adoption kommt vom lateinisch adoptio. Diese Form der Annahme der Kinder war bereits im römischen Recht bekannt, also schon vor der Geburt Christus (vor über 2 000 Jahren!). Sie bezeichnet die rechtliche Begründung eines Eltern-Kind-Verhältnisses zwischen dem Annehmenden und dem Kind ohne Rücksicht auf die biologische Abstammung. Gaius (Iulius) Caesar, geb. 20 v. Chr., war ein Adoptivsohn des römischen Kaisers Augustus und bis zu dessen Tod sein designierter Nachfolger. Von Augustus zu möglichen Nachfolgern bestimmt, wurden er und sein jüngerer Bruder Lucius 17 v. Chr. von diesem adoptiert. Gaius Caesar übernahm zahlreiche Ämter und Titel, unter anderem den des princeps iuventutis („Führer der ritterlichen Jugend“). 4 v. Chr. wurde er für das Jahr 1 n. Chr. zum Konsul designiert und Pontifex.
Früher musste ein Chinese, der keine männlichen Nachfahren hatte, einen Jungen adoptieren, damit seine Familie „Ruhe vor seinem Geist“ hatte. Adoptierte und Pflegekinder bevölkern die Mythen und Sagen vieler Kulturen: Moses lag in einem Weidenkörbchen auf dem Nil, aus dem ihn die Tochter des Pharaos rettete und den kleinen Jungen aufzog. Auch Ödipus’ Eltern haben einst ihren Sohn weggegeben.
Die Adoption, d. h. die Kindesannahme, ist ein Rechtsinstitut, das in vielen Rechtskulturen stets das Gleiche bezweckt hat, aber immer wieder aus anderen Motiven heraus entwickelt worden ist. Es geht um die Herstellung eines Eltern-Kind-Verhältnisses. Der seiner Vergänglichkeit bewusste Mensch, dem Kinder und Erben versagt sind, möchte dank der Adoption in Nachkommen weiterleben. Er wünscht sich den Fortbestand seines Namens und seines Familienbesitzes. Früher diente das Institut der Adoption der Sicherung der Nachfolge.
In der schweizerischen Rechtstradition fand die Adoption erst Eingang durch die Aufnahme des römischen Rechts, und brachte die Einführung der Adoption in einigen Kantonen im 19. Jahrhundert. Die Wirkung bestand in allen Regelungen in der Schaffung eines Eltern-Kind-Verhältnisses. Erst 1907 wurde die „Annahme eines Kindes“ im Schweizerischen Zivilgesetzbuch (ZGB) aufgenommen, es handelte sich um die Form einer adoptio minus plena (weniger volle Adoption), die schon im römischen Recht vorgebildet war. Später, im Jahre 1973, trat dann, gestützt auf das Leitbild einer „Erziehungs- bzw. Fürsorgeadoption“ und unter Berücksichtigung internationaler Rechtsentwicklungen, das neue Adoptionsrecht in Kraft. Das Adoptionsrecht untersteht permanent Revisionen. So wurde in der Schweiz kürzlich die Stiefkindadoption für Ehepaare angenommen. Aktuell steht zur Diskussion, ob auch die Adoption für gleichgeschlechtliche Paare eingeführt werden soll. Ob ein Kind unbedingt Mann und Frau als Eltern braucht, um sich gut entwickeln zu können, kann und möchte ich an dieser Stelle nicht beurteilen. Das Wichtigste ist sicher, welche Voraussetzungen und Fähigkeiten mitgebracht werden.
Mein Buch widmet ein Kapitel dem Vergleich der Adoptionsverfahren von früher und heute. Bezugnehmend auf diese Thematik findet man hier die bewegende Adoptionsgeschichte einer Freundin von mir, die regelrecht ihrer leiblichen Mutter entrissen wurde. Diese Episode zeigt auf, wie man in den 60er-Jahren mit alleinstehenden Müttern umging. Auch dieses Kapitel wird mit der Erzählung von befreundeten Eltern, die in der heutigen Zeit ein Kind adoptiert haben, vervollständigt. Es sind rührende Erfahrungsberichte, die ich unbedingt in dieses Buch integrieren wollte.
Meine Kindheit, die schwierige Pubertät und die Midlifecrisis sind auch Teil dieses Buches. Zudem werde ich über meine Suche nach den leiblichen Eltern und meine spätere Identitätsfindung berichten. Zum Abschluss gewähre ich einen Einblick über meine Arbeit beim Gericht und der KESB (Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde), der mit einem Interview mit einer Fachrichterin ergänzt wird. Ich erzähle auch über meine langjährige Tätigkeit als Gerichtsdolmetscherin und werde über einige spektakuläre Gerichtsprozesse, bei denen ich übersetzt habe, berichten.
In meinem Buch befasse ich mich ausschließlich mit Inlandsadoptionen. Auslands- und internationale Adoptionen würden den Rahmen sprengen. Internationale Adoptionen sind sicher auch ein ganz spannendes Gebiet, wenn man bedenkt, dass zu meiner Jugendzeit ein riesiges Millionengeschäft entstanden ist und leider auch ganz viele Schwarzadoptionen getätigt wurden. Später wurden zum Glück die Bestimmungen in vielen Ländern, auch Drittländern, verschärft und eine bessere Kontrolle eingeführt.
Adoptieren ist auch heutzutage „in“, vielleicht momentan sogar eine Modeerscheinung, wie man bei so manchen prominenten Menschen beobachten kann. Das berühmteste und bekannteste Beispiel darunter ist sicher Angelina Jolie und Brad Pitt, die gleich drei Kinder zu sich holten. Nicht zu vergessen Madonna, die gar vier Kinder adoptiert hat. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich alle Menschen zuvor auch ernsthaft damit auseinandergesetzt haben, welch herausfordernde Aufgabe es ist, Kinder mit den verschiedensten Hintergründen aufzunehmen. Kinder sind keine Prestigeobjekte.
Es gibt aber auch viele Stars und bekannte Persönlichkeiten, die selbst adoptiert wurden, man denke da nur an Marilyn Monroe, Jack Nicholson, Eric Clapton, Mike Tyson und Nelson Mandela. Auch der deutsche Politiker Willy Brandt wurde unehelich geboren und lernte seinen Vater nie kennen. Adoptiert wurde auch der Apple-Gründer Steve Jobs. Also hat ein adoptiertes Kind durchaus Chancen, im Leben Erfolg zu haben!
Außerdem gibt es noch die unehelichen Kinder von bekannten Sportlern, Politikern und anderen prominenten Persönlichkeiten, bei denen man versucht hat, die Angelegenheit so lange wie möglich geheim zu halten. Wir alle erinnern uns an die Schlagzeilen über den Seitensprung von Boris Becker, der mit seiner „Besenkammeraffäre“, dem Model Angela Ermakowa, eine uneheliche Tochter zeugte. Doch früher oder später kommt die Wahrheit meist ans Licht. Gerade in diesem Jahr stand in einem Artikel der Aargauer Zeitung ein Ausschnitt aus einem Interview, das der ehemalige Schweizer Skirennfahrer Bernhard Russi etwa vor vier Jahren gegeben hatte: „Ich hatte nicht nur zwei Frauen in meinem Leben, ich war kein Kostverächter und kein Ministrant. In der Theorie ist es möglich, dass irgendwo ein Kind von mir auftaucht. Er oder sie wäre mindestens 45 Jahre alt. Ganz ehrlich, fast jeder Mann in meinem Alter müsste diese Antwort geben.“
Ich teile daher mein Schicksal als uneheliches Kind mit tausenden anderen. Das tröstet mich ein wenig. So gibt es viele andere, die nicht wissen, wer ihr leiblicher Vater ist. Neben den adoptierten und den aus einer unehelichen Beziehung entstandenen Kindern leben auch noch tausende Pflegekinder in der Schweiz in Heimen oder in Pflegefamilien. Es sind aktuell circa 18 000 Kinder, was ungefähr gut einem Prozent der Wohnbevölkerung im Alter zwischen 0 und 18 Jahren, nach Angaben der PACH (Pflege- und Adoptivkinder Schweiz), für das Jahr 2017 entspricht.
Nicht zu vergessen sind die Kuckuckskinder, wie man diejenigen Kinder nennt, die Frauen einem Mann unterjubeln, ohne dass sie von ihm sind. Der ahnungslose Mann zieht dann ein Kind auf, welches die Gene eines anderen trägt. Das kommt häufiger vor, als man denkt. Es wird gesagt, dass es eine große Dunkelziffer von Kindern gibt, die während der Ehe mit anderen Männern gezeugt worden sind. Es wird behauptet, dass circa ein Zehntel aller Kinder, die in einer Ehegemeinschaft auf die Welt kommen, Kuckuckskinder seien. Viele von ihnen merken, dass sie etwas anders ticken als der Rest der Familie, ohne zu wissen, weshalb. Andere wiederum wachsen glücklich und zufrieden auf, ohne den geringsten Verdacht zu haben. Kuckuckskinder sind auch alles Seitensprungkinder!
Wie mein Leben als Kind verlief, das in jungem Alter in eine Adoptivfamilie kam, und welchen Einfluss diese Adoption auf mein weiteres Leben hatte, möchte ich in diesem Buch teilen. Sich diese Geschichte wieder vor Augen zu führen, längst Verdrängtes an die Oberfläche zu holen, war ein schwieriger Prozess, der mir aber am Ende helfen sollte, mich mit meiner Biografie zu versöhnen.
Heimatlos
Im Dezember 2013 saß ich im Zug Richtung Lugano. Diese Reise hatte ich schon unzählige Male gemacht, hauptsächlich in diesem Jahr, als meine Mami sehr krank wurde und ich sie fast jedes Wochenende besuchte. Doch diesmal war es anders. Ich reiste heim, aber meine Mami war nicht mehr da. Die großen Sorgen um sie waren verflogen. Mit den Sorgen war aber auch sie weg. Niemand erwartete mich nun in Lugano. Ich musste noch diverse administrative Arbeiten erledigen und hatte dafür ein Hotelzimmer gebucht, nicht weit entfernt vom Haus, in dem meine Mami die letzten Jahre gelebt hatte. Es war ein mulmiges Gefühl.
Früher habe ich mich jedes Mal riesig gefreut, wenn ich den Gotthardtunnel passiert hatte und an Airolo vorbeifuhr. Nun war ich wieder in meinem geliebten Tessin! All die schönen Erinnerungen an meine Kindheit und Jugendzeit mit ihren Ausflügen, Freundschaften, Pfadfinderlagern, Ballett und ganz besonders die Gedanken an meinen lieben Papi wurden wieder geweckt. Heute war ich traurig. Ich dachte an meine Mami, die erst kürzlich verstorben war. Und wie ein Blitz traf mich eine Feststellung, ein Gedanke den ich nie zuvor hatte: Ziemlich genau vor 55 Jahren – es war auch im Dezember – hatte meine Mami die gleiche Reise unternommen wie ich jetzt, mit mir, als achtwöchiges Baby. Eingewickelt und in eine kleine Tragetasche, brachte sie mich in meine neue Heimat, zu meiner neuen Familie. Sie hatte mich in Rapperswil bei der Adoptionsvermittlungsstelle abgeholt. Es war sicher eine große Aufregung für sie und auch für mich. Ich wurde in meinem kurzen Leben zu diesem Zeitpunkt bereits zum dritten Mal aus der gewohnten Umgebung herausgerissen und fremdplatziert. Nie zuvor hatte ich auf meinen Fahrten nach Lugano diese Gedanken, sie kamen jetzt, wo scheinbar alles zu Ende war.
Am Bahnhof angekommen, nahm ich, wie üblich, den Bus Richtung Lugano-Cassarate. Doch diesmal war das Ziel nicht mehr die Wohnung meiner Mami, sondern ein fremdes Zimmer in einem Hotel. Der Weg dorthin führte jedoch an meinem Elternhaus vorbei. Das fühlte sich komisch an. Ich bezog mein Zimmer und flüchtete sofort wieder ins Freie. Zum Glück musste ich einen Termin bei der Bank wahrnehmen und konnte nicht zu viel darüber nachdenken. Die Gefühle überwältigten mich erst später. Ein wenig Ablenkung bekam ich auch durch eine Kindheitsfreundin, die soeben aus den USA nach Lugano gekommen war, um ihre Eltern zu besuchen.
Ich lief wieder am Haus meiner Mami vorbei und konnte es kaum fassen, dass sie nicht mehr dort lebte und jetzt eine andere Person in ihrer Wohnung hauste. Ich hatte kein Zuhause und keinen Heimathafen mehr! Es war ein unfassbares Gefühl, auf das ich nicht vorbereitet war. Ich fühlte mich verloren. Meine Mami war keine einfache Person gewesen, sie war sehr streng und fordernd. Aber sie war meine Mami. Sie hat mich behütet, gepflegt und erzogen. Sie war meine Familie. Und nun stand ich da, alleine. Das gleiche Gefühl wie 55 Jahre zuvor, als mich meine leibliche Mutter weggegeben hatte.
Verlassen, allein, heimatlos. Nur diesmal, als erwachsene Person, wusste ich mit diesem Verlust und der Leere umzugehen. Ich konnte die Situation mithilfe meines Verstandes emotional einordnen, denn ich wusste, dass der Tod zum Leben gehört. Er ist unumgänglich. Für meine Adoptivmutter war er eine Erlösung. Ich hatte in der Zwischenzeit meine eigene Familie, die mir Kraft und Sicherheit gab. Darin bestand der große Unterschied zu damals, als ich von meiner leiblichen Mutter verlassen wurde. Als Neugeborenes war ich noch nicht in der Lage, diese komplexen Gedankengänge nachzuvollziehen und einzuordnen, war somit völlig hilflos der Situation ausgeliefert. Es bestand nur noch Leere und Angst. Den Verlust konnte ich damals nicht verarbeiten und die Trennung nicht verkraften. Ein Teil von mir wurde mir weggenommen.
6. Oktober 1958:
Mein holpriger Start ins Leben
An einem Montag um null Uhr vierzig kam ich als Helga Oertli im Kantonsspital St. Gallen zur Welt. Meine leibliche Mutter durfte mich nur kurz sehen, ich wurde ihr gleich weggenommen, damit auf keinen Fall eine Bindung zwischen uns entstehen konnte. Das war zu jener Zeit so üblich. Aber die Bindung war eigentlich schon da. Wenn man 9 Monate im Bauch der leiblichen Mutter heranwächst und mit ihr durch die Nabelschnur verbunden ist, kann man das nicht einfach löschen. Aber das war die Abmachung mit der Schweizerischen Privaten Mütterberatung und Adoptivkinder-Vermittlung (später Adoptionsvermittlungsstelle): man würde uns gleich nach der Geburt trennen. Offenbar hatten die damaligen Behörden nicht die nötigen Kenntnisse über die starke Verbundenheit zwischen Mutter und Kind bereits im Mutterleib und über die weitreichenden Folgen, die solch eine Trennung für das Leben des Kindes (und auch für eine Mutter) auslösen kann. Doch meine leibliche Mutter wollte mich unbedingt noch einmal in die Arme schließen. Und so kam es, dass sie ihre Entscheidung rückgängig machte. Sie konnte mich nicht gleich loslassen, sie wollte mich nicht sofort zur Adoption freigeben. Zumindest versuchen würde sie es, für mich zu sorgen. Drei Kinder hatte meine Mutter bereits, für die sie die Verantwortung tragen musste. Sie war geschieden, von einer finanziellen Unterstützung durch den Ex-Mann, der jedoch nicht mein Vater war, konnte keine Rede sein. Ihre drei Kinder waren bei Verwandten oder in einem Heim untergebracht. Meine Mutter dachte, dass sie mich vielleicht auch bei Verwandten unterbringen könnte. Doch sie wollte unbedingt versuchen, auch für mich zu sorgen. Diese Tatsache habe ich erst viel später, etwa vor einem Jahr, aus den Unterlagen der Adoptionsvermittlungsstelle erfahren. Das hat mich sehr bewegt und betroffen gemacht, zu wissen, dass sie es nicht übers Herz gebracht hat, mich einfach gleich wegzugeben.
Als die Sozialarbeiterin der Adoptionsvermittlungsstelle meine leibliche Mutter damals in der Frauenklinik besuchte, war sie sehr erstaunt und überrascht über deren plötzlichen Sinneswandel, war es doch alles andere als das, was im Voraus geplant und abgemacht wurde. Als meine leibliche Mutter zwei Wochen zuvor eine Besprechung mit ihr hatte, ist man offenbar zum Schluss gekommen, dass die Freigabe zur Adoption die beste Lösung sein werde. In diesem Gespräch gab sie auch zu verstehen, dass der Vater bereits verheiratet sei. Daher bat sie eindringlich darum, seinen Namen an keiner Stelle zu erwähnen. Sie wollte nicht sein idyllisches Familienglück zerstören. Über den vermeintlichen Vater steht in den Akten: „Er sei ein dunkelhaariger, grosser und eher breitschultriger Typ, der sehr viel darstelle. Er sei Maschinenschlosser von Beruf.“ Genau wie der ursprüngliche Beruf meines geliebten Ehemannes! Habe ich vielleicht unbewusst in ihm meinen leiblichen Vater gesucht und gefunden? Zudem erzählte meine leibliche Mutter, dass das Waisenamt Wil über die ganze Geschichte informiert sei. Man habe ihr dort zwar angeraten, das Kind zu behalten. Gleichzeitig hat man ihr gesagt, es gäbe allenfalls auch in Wil geeignete Adoptiveltern. Meine leibliche Mutter wollte aber unter keinen Umständen, dass ihr Kind in der nächsten Umgebung platziert wird. Die Sozialarbeiterin der Adoptionsvermittlungsstelle versuchte meine leibliche Mutter nochmals zu überzeugen, dass eine Freigabe zur Adoption für sie und für das Kind die beste Lösung wäre. Im Bericht betreffend des Gesprächs zwischen der Adoptionsvermittlungsstelle und meiner leiblichen Mutter ist nachzulesen: „Ich war sehr erstaunt ab dieser Reaktion, umso mehr die Situation ja aussichtslos ist. Ich versuche dann doch nochmals, die Vorteile in ihrem ganz speziellen Falle wie eine Adoption im Interesse des Kindes hervor zu streichen und sie wird ein wenig unsicher. Doch ist es sehr fraglich, ob sie es durchführen wird. Sie lässt das Kind einen Monat im Kinderheim Tempelacker und wird dann entscheiden.“ Meine leibliche Mutter unterschrieb nicht.
So kam ich vorübergehend in ein Kinderheim in St. Gallen und wartete dort, wie das Schicksal für mich entschied. Nach ein paar Wochen musste leider meine leibliche Mutter kapitulieren, sich den Umständen beugen und ihr definitives Einverständnis für eine Adoption geben. Sie war gezwungen, ganztags zu arbeiten. Ihre finanziellen Mittel waren sehr beschränkt. So musste sie eine Entscheidung aus Vernunft treffen. Das Herz hatte hier keinen Platz. Andernfalls wäre ich mit größter Wahrscheinlichkeit in einem Kinderheim aufgewachsen. Aber das wollte sie nicht, sie wollte mir eine Chance geben, ein besseres Leben führen zu können und in der Geborgenheit einer Familie aufzuwachsen. Ich kann aus heutiger Sicht sagen, dass sie die bestmögliche Entscheidung getroffen hat. Denn wenn ich zurückblicke, hatte ich doch das große Glück, einen wunderbaren Papi an meiner Seite zu haben. Ihn hätte ich nie missen wollen! So oder so war aber der Start in mein Leben nicht ganz optimal.
Die Entscheidung war getroffen
„Nach reiflicher Überlegung bin ich doch zum Schluss gekommen, dass für Helga die Adoption das einzig Richtige ist. Da es für mich ein schwerer Entschluss ist, lege ich Ihnen die gute Wahl der künftigen Eltern Helgas besonders ans Herz. Auf jeden Fall will ich Helga allein im Kinderheim abholen und sie nachher mit Ihnen nach Rapperswil bringen“, schrieb meine leibliche Mutter an die Adoptionsvermittlungsstelle.
Zu jenem Zeitpunkt erhielt ich einen Vormund, der von nun an auch über das Schicksal meiner Platzierung zu entscheiden hatte. Er gab die Einwilligung zur Durchgangspflege bei einer Familie in Brunnen, bei welcher ich für zirka zwei Wochen untergebracht war. Ich war damals noch zu klein, um mich an diese Familie zu erinnern. Erst vor einem Jahr, als ich alle meine Akten zum ersten Mal sichten konnte, erfuhr ich von diesem Detail. Die Adoptionsvermittlungsstelle hatte dem Vormund als künftige Adoptiveltern eine Familie Giacometti aus Lugano vorgeschlagen. „Wir glauben, dass das dunkelhaarige rassige Maiteli sehr gut in den Tessin passen würde“, schrieb die Adoptionsvermittlungsstelle dem Vormund. Ich musste wirklich schmunzeln, als ich das vor einem Jahr zum ersten Mal las. Nota bene: Ich war zu jenem Zeitpunkt vier Wochen alt!
Meine künftigen Adoptiveltern hatten sich im März 1958 bei der Adoptionsvermittlungsstelle telefonisch gemeldet und im Juni des gleichen Jahres sind sie zu einem Gespräch nach Rapperswil gereist, das folgendermaßen protokolliert wurde:
„Herr und Frau Giacometti interessieren sich sehr dafür, ein Kindlein zu erhalten. Ihr Wunsch geht eindeutig darauf hin, ein Meiteli aufzunehmen, und zwar ein kleines. Frau Giacometti ist eine junge, ausgesprochen hübsche Frau, blond mit blauen Augen, sehr gepflegt. Trotz ihrer grossen Jugendlichkeit, auch im Aussehen, scheint sie recht tüchtig. Sie hilft ihrem Mann, der eine Filiale der Lindt & Sprüngli, Kilchberg, leitet, im Büro. Sie kann das gut neben ihrem Haushalt machen und macht es auch sehr gerne. Sie hat ihren Mann bei Lindt & Sprüngli, wo sie als Sekretärin arbeitet, kennengelernt. Herr Giacometti scheint zuerst ein typischer Tessiner, ist in Rom aufgewachsen, kommt aber aus einer sehr alt eingesessenen Bergellerfamilie. Er selbst möchte nicht ein Kindlein, das aus italienischer Abstammung kommt, oder den südländischen Typus hat. Für sein Alter scheint Herr Giacometti sehr jung. Man spürt dass er seine Frau sehr gerne hat und wünscht auch baldmöglichst ein Kindlein aufzunehmen. Schon wegen seines Alters meint er, sei es wichtig, dass sie nicht solange warten müssen. Bereits sein sie zwei Jahre verheirate und nach ärztlicher Auffassung, besteht nicht eine grosse Möglichkeit, dass sie ein Kind bekommen. Würde trotzdem eines eintreten, könnte sie dieses eine Kind niemals hergeben. Herr Giacometti orientiert sich auch über die Rechtsfragen und ist froh, dass er bald adoptieren könnte.“*
Im August 1958 folgte dann ein Hausbesuch in Lugano. Durch die Akten erfuhr ich folgendes darüber:
„Die Ehegatten Giacometti wohnen am Fusse des Monte Bré. Die Wohnung ist sehr geräumig, grosse Zimmer. Neubau. Helle, mit grossen Fenstern versehene Räume, die recht deutschweizerisch eingerichtet sind. Frau Giacometti erklärt, dass sie im Tessin nichts gefunden hätte, das ihr zugesagt habe. Die Wohnung ist blitzblank sauber und in sehr guter Ordnung. Doch hat man gar nicht das Gefühl, Frau Giacometti verbringe ihre ganze Zeit auf so prosaische Weise. Sie ist sehr aufgeschlossen und lebhaft, gesprächig. Herr Giacometti kommt von der Arbeit. Das Depot befindet sich gerade gegenüber. Auch er macht gleich einen sehr freundlichen Eindruck, ist lebhaft, nimmt gleich regen Anteil am Gespräch mit seinem gebrochenen Deutsch. Man kann sich die beiden sehr gut als Eltern vorstellen.“
Noch im selben Monat wurde meinen späteren Adoptiveltern ein „entzückendes Kindlein“ aus Aarau vorgeschlagen. Wie mir meine Mami später erzählte, fühlte sie sich überrumpelt. Es ging ihr alles zu schnell und sie war noch nicht so weit eingerichtet, um ein kleines Kind aufzunehmen. Aus diesem Grund lehnte sie das Angebot ab. Wenn man bedenkt, dass heutige Adoptiveltern Jahre warten müssen, bis ihnen ein Kind zugesprochen wird! Bereits zwei Monate später wurde meinen künftigen Adoptiveltern erneut ein Kind vorgeschlagen: Das war ich! Innerhalb kürzester Zeit kam die Einwilligung der Amtsvormundschaft Wil:
„Sehr geehrte Fürsorgerin. Ich bin im Besitze Ihrer Zuschrift vom 24.11.1958 und beziehe mich auf den gestrigen telefonischen Anruf. Ich möchte mit diesem, und nach Einsicht der Unterlagen bestätigen, dass ich mit der vorgesehenen Unterbringung des a. e. Kindes Helga Oertli in die Familie Giacometti Lugano-Cassarate, mit der Absicht einer späteren Adoption einverstanden bin. Ich nehme an, es handle sich um eine unentgeltliche Uebernahme der Pflege und Erziehung des Kindes und dass hierüber eine schriftliche Vereinbarung mit den Pflegeeltern über das Pflegeverhältnis getroffen wird, worin auch die gesetzlichen Voraussetzungen für eine Adoption im Sinne des Art. 267 ZGB erwähnt werden. Ich sende Ihnen die mir übersandten Unterlagen mitfolgend zurück und verbinde damit meinen besten Dank für Ihre Bemühungen“,
schrieb der Amtsvormund im November 1958. Bei der Auswahl der Adoptiveltern war wohl damals das wichtigste Kriterium, dass sie sich in einer guten finanziellen Lage befanden. Die Gemeinde wollte nicht mehr für dieses Kind aufkommen müssen.
So rasch und oberflächlich wurden damals die Abklärungen betreffend einer Eignung zur Adoption getroffen. In meinem Dossier fand ich noch zwei Empfehlungsschreiben von Bekannten und sowie vom Arbeitgeber meiner zukünftigen Adoptiveltern. Innerhalb von nur zwei Monaten waren die Vorabklärungen abgeschlossen. Sicher gab es zu jener Zeit viel mehr Kinder, die zur Adoption freigegeben wurden als heute, aber es scheint ganz so, als wären die Adoptiveltern nur rudimentär auf ihre Eignung geprüft worden. Da stellen sich mir etliche Fragen: War es den zukünftigen Adoptiveltern damals bewusst, dass es nicht dasselbe sein wird, ein „fremdes“ Kind anzunehmen, wie sein eigenes Kind großzuziehen? Waren sie psychisch in der Lage, sich um ein eventuell traumatisiertes Kind zu kümmern? Hatten sie die Fähigkeit, für ein Pflegekind die richtige Betreuung, das Verständnis und die Geduld aufzubringen? Hatten sie genügend Feingefühl und Empathie, um auch schwierige Zeiten zu überstehen? Waren sie genügend charakterlich gefestigt? Wussten sie, was es bedeutet, ein Kind aufzunehmen, dessen Anlagen man nicht kennt? Und was tun, wenn es in der Schule völlig versagen würde oder in der Pubertät einen riesigen Absturz erleiden würde? Das sind alles Ereignisse, die bei einem Adoptivkind häufig auftreten können, häufiger als bei leiblichen Kinder. In dieser Hinsicht wurde offensichtlich viel zu wenig abgeklärt. Aber das gehörte zu jener Zeit, die Adoptionsverfahren und die Erkenntnisse über die Psychologie eines Adoptivkindes und damit verbundene Schwierigkeiten haben sich über die Jahre erst entwickelt. Zudem gab es in den 1960er-Jahren noch nicht so detaillierte Ratgeber zum Thema Kindererziehung, keine über Pflegekinder. Zu jener Zeit wurden Kinder noch autoritär und mit eiserner Disziplin erzogen, auch wenn mittlerweile Stimmen pro antiautoritären Erziehungsstil lauter wurden. Es war nicht üblich, sich als Erwachsene in die fragile Seele eines heranwachsenden Lebens hineinzuversetzen. Empathie gehörte nicht zu den expliziten Erziehungszielen.
Heute müssen sich willige Adoptiveltern auf einer langen Liste von wartenden Eltern hintanstellen und sich über Jahre darum bemühen, ein Kind zu bekommen. Immer wieder folgen für die zukünftigen Adoptiveltern zahlreiche Tests und Gespräche, zudem ist durch sie schriftlich genau zu begründen, weshalb sie ein Kind aufnehmen möchten. Entsprechende Kurse sind auch Pflicht.
Mitte November 1958, als ich etwa sechs Wochen alt war, teilte meine leibliche Mutter der Adoptionsvermittlungsstelle telefonisch mit, dass sie froh wäre, wenn das Kind durch die Mitarbeiter abgeholt werde und bat darum, das dem Kinderheim entsprechend zu berichten. Eigentlich hatte meine Mutter zuerst gesagt, dass es ihr wichtig gewesen wäre, mich persönlich abzuholen. Was war wohl der Grund dieses Wandels? Brachte sie es nicht übers Herz, mich nochmals zu sehen und dann wegzugeben? Das wissen nur die Sterne. So holte mich die Fürsorgerin in St. Gallen ab und protokollierte:
„Helga scheint ein dunkelhaariges, nicht unsympathisches Kindlein zu sein. Seine Äugelein zeigt es allerdings auf dem ganzen Weg nicht und schläft immer. Es hat eher ein rundes Gesichtlein, und ein tiefes Grübchen im Kinn. Sie soll ein sehr liebes Kind sein, nur wenn ihr etwas nicht passt, schreie sie los, wie kein zweites.“
Aus den Akten erfahre ich ein letztes Mal etwas über meine leibliche Mutter:
„Sie erkundigt sich, wie es der Kleinen geht und ob sie eventuell ein Bildchen erhalten könne, sie habe selber noch fotografieren wollen, sei aber nicht dazu gekommen.“
Ich kann nur schwer hoffen, dass ihr dieser Wunsch erfüllt wurde.
Am 1. Dezember 1958, ich war knapp zwei Monate alt, traf ich in Lugano ein und wurde nun vorerst die Pflegetochter meiner Mami und meines Papi. Am 11. Dezember unterschrieben die beiden die Erklärung, in der sie sich verpflichteten, „in gesunden und kranken Tagen“ für mich finanziell aufzukommen, mich eine Schul- und Berufsausbildung genießen zu lassen und mich wie ihr eigenes Kind zu behandeln. All dies haben mein Mami und Papi in ihrer wunderbaren Art erfüllt.
Die rechtlichen Bestimmungen, die zu jener Zeit maßgebend waren
Als ich dann im Jahre 1960 definitiv adoptiert wurde, waren noch die alten Bestimmungen des Zivilgesetzbuches (ZGB) vom 1. Januar 1912 in Kraft. Hier ein Auszug aus der „Aktennotiz“ des EJPD vom 13.02.2014:
„Das alte Recht erkannte unter dem Titel ‚Kindesannahme‘ einer solchen Annahme nur beschränkte Wirkungen zu. Die Kindesannahme betraf vor allem den Familiennamen, die Unterhaltspflicht, die elterliche Gewalt und das Erbrecht, das jedoch stark eingeschränkt werden konnte. Hingegen konnte das Schweizerische Bürgerrecht (somit auch das Heimatrecht) durch die Annahme nicht erworben werden und das angestammte Kindesverhältnis zu den leiblichen Eltern dauerte fort: Das Kind gehörte mit der Kindesannahme somit zwei Familien an, was sich auch darin äusserte, dass die leiblichen Eltern ein Besuchsrecht beanspruchen konnten, das ursprünglich auch durch Vertrag nicht wegbedungen und nur durch die zuständige Behörde selbst entzogen werden konnte. Zudem bestand weiterhin eine gegenseitige Unterstützungspflicht zwischen leiblichen Eltern und dem angenommenen Kind. Dieses behielt überdies sein Erbrecht gegenüber seinen leiblichen Eltern; das Kindesverhältnis wurde nicht aufgelöst. Dies führte unter anderem dazu, dass bei einem allfälligen Tod der oder des Annehmenden die leiblichen Eltern wieder sämtliche Rechte, die mit der Kindesannahme an die Adoptiveltern übertragen wurden, zurückerhielten und das Kind auch wieder seinen ursprünglichen Namen annehmen musste.
Fazit: Die Ausgestaltung der Kindesannahme mit den Wirkungen einer einfachen oder schwachen Adoption entsprach den Anschauungen der Entstehungszeit des ZGB. Damals ging man im Übrigen nicht davon aus, dass von diesem Institut häufig Gebrauch gemacht werden würde. Das alte Recht der Kindesannahme kannte kein Adoptionsgeheimnis; angesichts der beschränkten Wirkungen der Annahme und der Tatsache, dass das adoptierte Kind weiterhin seiner angestammten Familie angehörte, ja dass die leiblichen Eltern sogar ein Besuchsrecht hatten, hätte ein solches Geheimnis auch wenig Sinn gemacht.“
Am 1. April 1973 trat das neue Adoptionsrecht in Kraft, welches sich wesentlich vom alten Recht unterscheidet. Das ZGB sieht nun die Volladoption vor:
Der Adoptierte begründet zu den Adoptiveltern ein Kindesverhältnis mit der Verwandtschaftswirkung, als ob er ein leibliches Kind der Adoptiveltern wäre. Die bisherigen Kindesverhältnisse erlöschen. Das adoptierte Kind erhält den Nachnamen der Adoptiveltern. Zudem dürfen ihm diese einen neuen Vornamen geben, sofern dies mit dem Kindeswohl vereinbar ist. Der Adoptierte erhält das Kantons- und Gemeindebürgerrecht desjenigen Adoptivelternteils, dessen Namen es trägt. Die Adoption ist unauflöslich und die Wirkungen endgültig.
Erste Lebensjahre
Es war an einem verschneiten Tag Anfang Dezember, ich war acht Wochen alt, als meine Mami mich bei der Adoptionsvermittlungsstelle in Rapperswil abholte. Von Lugano kommend, hatte sie eine lange Reise mit dem Zug hinter sich. Es war offenbar eine rasche und fast formlose Übergabe. Wie genau diese vor sich ging, habe ich nie erfahren, darüber stand auch nichts in den Akten. So schnell ging das, ein Kind zu platzieren! Was wohl in mir vorging? Habe ich mich gefragt, wer mich jetzt in einer Tragetasche mit sich trägt? Was passiert mit mir? Wie habe ich dieses ständige lärmige Geräusch auf der Zugfahrt empfunden? Habe ich während der ganzen Zugfahrt geschrien? Irgendwann bin ich sicher vor Erschöpfung eingeschlafen.
Ich wusste nicht, ob ich jetzt wieder an einen neuen Platz kam, der für längere Zeit mein neues Zuhause sein würde. Wie konnte ich das als Baby auch erkennen? So brachte mich meine Mami in ihre Wohnung, und schon bald wurde ich auch von meinem Papi in Empfang genommen. Seine erste Reaktion war nicht gerade die tollste, die man sich wünscht: „Bring das hässliche Kind zurück, ich will das nicht!“, waren seine ersten Worte, als er mich zum ersten Mal sah, hat mir meine Mami immer wieder erzählt. Und sie gab auch zu, dass es in erster Linie ihr Wunsch war, ein Kind aufzunehmen. Mein Papi war eher skeptisch. Sie hatte sich – wie immer – durchgesetzt, und mein Papi hatte aus Liebe zur ihr sein Einverständnis gegeben. Aber ich habe meinem Adoptivvater längst verziehen, weil er mit seiner großen Liebe zu mir alles wieder gutgemacht hat. Meine Mami fügte immer wieder dazu: „Weißt du, nach einer Woche hätte er dich um keinen Preis mehr zurückgegeben!“
Als mich meine Adoptiveltern zum ersten Mal in den Armen hielten, sah ich wirklich hässlich aus. Mein ganzes Gesicht war mit Krusten übersäht. Ich litt an einer starken Neurodermitis. Aus heutiger Sicht betrachtet waren das sicher Zeichen einer Stressreaktion des Körpers, hervorgerufen durch die seelischen Strapazen.
So war ich nun in Lugano angekommen. Das rassige, dunkle Maiteli war nun in einer lateinischen Umgebung zuhause und konnte sich endlich entfalten. Es war sicher auch für meine Adoptiveltern eine riesige Umstellung, plötzlich ein Baby bei sich zu haben, für das man rund um die Uhr Verantwortung übernehmen muss. Es fehlte die neunmonatige Schwangerschaft, in der meine Adoptiveltern sich schon voll auf das Kind im Bauch vorbereiten und zu ihm eine natürliche Beziehung aufbauen konnten. Seit ihrer Anmeldung bei der Adoptionsvermittlungsstelle waren zwar auch bei ihnen schon genau 9 Monate vergangen, aber meine Eltern hatten keine Möglichkeit, mich zu fühlen oder eine Bindung zu mir aufzubauen. Ich wuchs nicht in meiner Mami heran, sie hat nicht spüren können, wie ich ihren Bauch immer mehr wölbte und in ihr strampelte. Nie konnten sie sich die Frage stellen: Wird es wohl dem Vater oder der Mutter ähnlich sein?
Diese letzte Frage trifft bei mir nicht zu, hatte ich doch unbekannte Erbanlagen. Ich war jedoch eher der südländische Typ und hatte somit eine gewisse äußerliche Ähnlichkeit mit meinem Papi.
Am 11. Dezember 1958 schrieb meine Mami der privaten Kindervorsorge in Rapperswil:
„Liebes Fräulein, Unsere Regula (sie heisst jetzt so) hat sich bei uns schon gut eingelebt und wir haben viel Freude an ihr. Sie wird jeden Tag hübscher und lebhafter und der Ausschlag im Gesichtchen ist vollständig weg. Gestern war ich mit Regula beim Doktor. Er war sehr zufrieden mit ihr. Sie ist nun 9 Wochen alt und wiegt schon 4 700 kg, sie hat aber auch immer einen guten Appetit!“
Es schien alles gut zu laufen, ich hatte mich in der neuen Familie offensichtlich bereits nach kurzer Zeit eingelebt, denn am 24. Februar 1959 verfasste meine Mami ihren zweiten Brief für Rapperswil:
„Endlich kommt wieder einmal eine Nachricht von unserer Regula. Ich lege Ihnen ein Phöteli bei, damit Sie sehen, wie unsere Tochter sich gemacht hat. Sie können sich kaum vorstellen, welche Freude wir an diesem ‚Chrötli‘ haben. Sie ist ein liebes, fröhliches Meiteli und bis jetzt entwickelt sie sich sehr gut. Regula wiegt schon 6,6 kg und vor 3 Wochen hat sie die erste Krankheit gehabt. Sie war stark erkältet und hustete viel und dazu kam noch Durchfall – also alles zusammen. Ich bin wirklich froh, dass diese anstrengenden Tage und fast schlaflosen Nächte vorbei sind. Auch mit dem Hautausschlag geht’s besser; es gibt Tage, wo man überhaupt nichts sieht, und plötzlich ist das Gesichtlein wieder ganz voll. Aber der Arzt sagt, dass dies mit der Zeit vollkommen weg geht. Regula ist ein ganz hübsches Meiteli geworden (die Haare sind zwar bald alle weg) und sie wird von ganz Cassarate bewundert. Sie hat immer einen guten Appetit und am Mittag isst Regula schon viel Gemüse. Entschuldigen Sie bitte meine Schrift, denn Regula sitzt bei mir und fuchtelt mit ihren Händchen immer nach dem Papier und gibt mir hie und da einen Stoss. Nach Ostern werde ich mit Regula für ca. 10 Tage nach Bern fahren. Im Fall Sie unser Meiteli eventuell sehen möchten, kann ich Ihnen noch genau berichten, wann ich in Arth-Goldau vorbeifahre. Ich wünsche Ihnen schöne Ostertage und alles Gute, Ihre Hedi Giacometti“.
Am 30. April 1959, da war ich seit knapp 5 Monaten in der Familie Giacometti und bald 7 Monate alt, informierte meine Mami wiederum die Adoptionsvermittlungsstelle über den Verlauf:
„Endlich kommen wieder einmal zwei Phöteli von unserer Regula. Nicht wahr, sie ist ein herziges Schätzeli geworden? Letzte Woche bekam sie ihre zwei ersten Zähnchen (unten), zum Glück ohne Schmerzen. Bald, bald kann sie allein sitzen und im ‚Yompa-la‘ springt sie rückwärts schon durch die ganze Wohnung. Regula wiegt nun 7,8 kg und für ihr Alter ist sie sehr lang. Jeden Tag macht sie nun grosse Fortschritte; sie lacht und jauchzt den ganzen Tag. An diesem Kindlein haben wir wirklich riesige Freude. Durch ihre sonnige Art hat sie sich schon zum Liebling von ganz Cassarate gemacht! Indem ich Ihnen alles Gute wünsche, grüsse ich Sie herzlich.“
Es war für mich sehr rührend, als ich diese Briefe im Alter von 57 Jahren zum ersten Mal las. Tränen rollten über meine Wangen. Ich schien von meinen Adoptiveltern voll akzeptiert worden zu sein und sie hatten große Freude an mir. Aber wie fühlte ich mich bei ihnen? Wie sah es in meiner Seele aus? Was verdeckte mein Lachen und Jauchzen den ganzen Tag? Auf jeden Fall sah es von außen so aus, dass es mir gut ging, und ich möchte auch nicht daran zweifeln.
Kurz nach meinem ersten Geburtstag folgte im November 1959 ein weiterer Brief von meiner Mami an die Adoptionsvermittlungsstelle:
„Schon seit einiger Zeit haben Sie nicht mehr von uns gehört. Wie Sie auf den Phöteli sehen können, wird unsere Regula immer herziger und sie kann jetzt schon laufen. Sie macht jeden Tag Fortschritte und wir haben grosse Freude an unsere Regula. Vor sechs Wochen hatte Regeli hohes Fieber und Halsweh und seit da schläft sie in der Nacht sehr schlecht. Es kann sein, dass es vom Penicillin ist, welches in der Medizin war und ev. hat auch die Kinderlähmungs-Einspritzung eine nachteilige Wirkung. Sie wurde vom Arzt gründlich untersucht, aber es scheint nur eine vorübergehende Störung zu sein. Bis jetzt konnte ich mich ja wirklich nicht beklagen, denn ausser dieser Schlaflosigkeit war Regula ein ganz liebes, braves Meiteli. Bestimmt wird auch diese Zeit bald vorbeigehen und dann werde ich mein Schlafmanko wieder gründlich aufholen. Regeli hat nun schon sieben Zähnli, drei unten und vier oben, und sie wiegt 10 kg. Für 13 Monate ist sie sehr gross. Auch die Haare werden langsam länger und wie Sie auf dem Photo sehen können, bekommt Regeli herzige ‚Chruseli‘. Ich finde wirklich, dass es kein hübscheres Meiteli gibt als meine Tochter! Ihrem Unternehmen wünsche ich weiterhin alles Gute und grüsse Sie alle herzlich, Ihre Hedi Giacometti“.
Ich war oft krank und hatte massive Schlafstörungen. Meine Mami hat mir viel von jener Zeit berichtet. Sie sagte mir, ich schlief praktisch nie, den ganzen Tag und die ganze Nacht blieb ich wach. Meine Mami und mein Papi erzählten mir, dass sie im Turnus während der Nacht wach geblieben sind: bis 2 Uhr morgens wachte mein Papi über mich, dann übernahm meine Mami. Es war eine herausfordernde und nervenaufreibende Situation. Sie suchten Rat beim Hausarzt, doch auch er konnte sich die Ursache offenbar nicht genau erklären. Auch nach einer gründlichen Untersuchung konnte er keine ersichtliche Krankheit feststellen. Die Vermutung lag nahe, dass es eine Reaktion auf das Penicillin war oder eventuell durch die Kinderlähmungsimpfung ausgelöst worden sei. Der Arzt war der Meinung, dass es sich sicher bald wieder normalisieren würde. Doch er sollte nicht recht behalten: Dieser Zustand dauerte etwa 9 Monate an und meine Eltern erzählten mir immer wieder, dass ich während dieser Zeit nie geschlafen hätte. Als sie erneut den Hausarzt aufsuchten, glaubte er ihnen nicht. Er sagte: „Kein Mensch überlebt so lange Zeit ohne zu schlafen.“ Und so fühlten sich meine Adoptiveltern alleingelassen. Es war wirklich eine schreckliche Zeit für sie.
Durch die ständige Unruhe entwickelte meine Mami in dieser Zeit eine Schlafstörung, und sie erhielt vom Arzt dann die ersten Schlafmittel, die auf dem Markt zu haben waren. Was damals noch nicht bekannt war: Diese Tabletten machten abhängig, und auch meine Mami wurde ihr Opfer und kam ein Leben lang nicht von diesen Medikamenten los. Tragisch. Sie sagte dann immer zu mir, dass ich daran schuld wäre, dass sie mit diesem Zeug angefangen hätte. Ich nehme ihr diese Vorwürfe nicht übel und weiß, sie wollte mich damit nicht verletzen und suchte nur nach einer Entschuldigung für ihre lebenslange Medikamentenabhängigkeit.
Am 8. März 1960 wurde ich von meinem Papi mit gerichtlicher Urkunde und Adoptionsvertrag adoptiert und habe seinen Familiennamen angenommen. Der Heimatort blieb noch der alte, so wie das Gesetz es damals vorsah. Die Behörden stellten mir aber einen neuen Geburtsschein aus, auf dem ich als Regula Giacometti eingetragen war. Ich war nun in meine neue Familie „wiedergeboren“, mit neuer Identität und einer neuen Identifizierung durch eine neue Geburtsurkunde – als ob ich in die Familie Giacometti hineingeboren worden wäre.
Am 6. Mai 1960, als ich bereits 1 ½ Jahre alt war, schrieb meine Mami Folgendes an die Adoptionsvermittlungsstelle:
„Schon lange Zeit haben Sie nichts mehr von uns gehört, dies will ich nun schnellstens nachholen. Wie Sie wahrscheinlich gehört haben, ist Regula inzwischen ein ‚Giacometteli‘ geworden und wir sind natürlich glücklich, dass Regeli nun ganz uns gehört. Sie ist immer noch ein liebes, herziges Meiteli und sie macht uns wirklich viel Freude. Leider schläft sie immer noch nicht, wie sie sollte; in der Nacht erwacht sie öfters und schreit, dass die ganze Nachbarschaft Konzert hat. Ich weiss nun nicht, ob dies mit den Zähnen zusammenhängt und ich hoffe sehr, dass Regula bald wieder besser schläft. Auch hat sie zwei schlimme Anginas gehabt; dies ist der schwache Punkt von unserer Tochter, denn, wie der Doktor sagt, hat sie schon jetzt schlimme Mandeln. Auf Rat vom Doktor, werden wir im Juni Regula nach Silvaplana geben, ein privates Kinderheim (sie nehmen nur 3–4 Kinder), während wir dann am Meer Ferien machen werden. Im Juli nehme ich sie dann mit mir nach Maloja, wo wir einen Monat Ferien machen. Ich wünsche Ihnen alles Gute und grüsse Sie freundlich, H. Giacometti“.
Ich hatte immer noch Schlafstörungen und war des Öfteren krank, was sicher auch bei nicht adoptierten Kindern in diesem Alter der Fall sein kann. Ich erwachte viel in der Nacht und schrie laut. Wollte ich vielleicht meine Adoptiveltern testen, ob sie wirklich immer kommen und für mich da sind, wenn ich mich nicht wohl fühle oder Angst habe? Das Schreien in der Nacht zwang meine Eltern, mich aus dem Bettchen zu nehmen und mich zu beruhigen, da ich sonst die ganze Nachbarschaft aufgeweckt hätte.
Weil ich so oft Angina hatte, wurde ich auf Rat des Hausarztes für vier Wochen in ein privates Kinderheim in Silvaplana gebracht. Offenbar waren meine Adoptiveltern mit mir überfordert. Ich war erst 1 ½ Jahre alt, und schon wieder stand mir eine Trennung bevor. Was ging wohl in mir vor, als sich meine Adoptiveltern von mir verabschiedeten und ich mich erneut an eine neue Umgebung und an neue Bezugspersonen gewöhnen musste? Oder war etwa mein ständiges nächtliches Weinen der Grund, dass ich hierher versetzt wurde? Brauchten meine Adoptiveltern eine Auszeit, um sich von meinen Schlafstörungen beziehungsweise ihrer ständigen Pflege aufgrund meiner Krankheiten zu erholen? Meine Eltern fuhren in dieser Zeit ans Meer. Hätte mir die Meeresluft nicht auch gutgetan? Ich hatte als Kleinkind wieder keine Chance, die erneute Trennung irgendwie einzuordnen oder mich dagegen zu wehren. Würden meine Mami und mein Papi mich auch wieder abholen oder musste ich jetzt für immer hier bleiben? Wie war die Betreuung in diesem Kinderheim? Wusste man von all den Trennungen, die ich schon durchgemacht hatte?
Aus heutiger Sicht muss ich sagen, dass leider auch der Hausarzt keine Ahnung hatte, was eine erneute Trennung für ein so kleines Adoptivkind bedeutet und welche Auswirkungen diese haben kann. Wenn ich das schreibe, macht es mich sehr traurig. Ich hätte meinen Sohn in diesem Alter niemals für so lange Zeit in fremde Betreuung geben können! Und so kam es, wie es kommen musste: Als mich meine Adoptiveltern vier Wochen später wieder abholten, erkannte ich sie nicht wieder. Aus Erzählungen meiner Mami weiß ich, dass ich nicht mit ihnen weggehen wollte und wie am Spieß schrie.
Heutzutage ist es so, dass sogar bei kurzen Spitalaufenthalten die Eltern aufgefordert werden, einen großen Teil des Tages, und falls nötig auch die Nacht, beim Kind zu verbringen, um das Getrenntsein auf ein Minimum zu reduzieren, denn heute weiß man, dass eine lange Trennung zu einem seelischen Langzeittrauma führen kann und noch schwerwiegendere Störungen als meine sowieso schon vorhandenen Krankheiten hervorrufen kann.
„Auch bei leiblichen Kindern, die von der Mutter getrennt werden und bis dahin seelisch und körperlich gesund waren, können diese Kinder, je jünger sie sind, desto stärker, plötzlich körperlich und seelisch erkranken und sogar lebensgefährliche Erkrankungen entwickeln, woran sie schlimmstenfalls auch sterben können. Ihre Lebenskräfte sind durch den Weggang der Mutter geschwunden, die ihnen bisher, beginnend in der Schwangerschaft, als Kraftquelle diente.“ (Hellbrügge, 2003)
Meine Mami war eine sehr lebhafte und kontaktfreudige Person. Sie war bestrebt, dass ich immer mit vielen Kindern spielen konnte. In der warmen Jahreszeit ging sie täglich mit mir in einen kleinen Park am See (auf dem Coverbild sieht man mich in diesem Park), wo ich im Sandkasten mit gleichaltrigen Kindern spielen konnte. In den Wintermonaten sorgte sie dafür, dass öfter Kinder zu uns zu Besuch kamen. Ich hatte viele liebe Menschen um mich, viele Aktivitätsmöglichkeiten, und ich konnte mich dadurch gut entfalten.
Aber krank war ich nach wie vor sehr oft. Angina hatte ich zwar keine mehr, da mir im Alter von 2 Jahren die Mandeln operiert wurden. Dafür erlitt ich einen heftigen Keuchhusten, wie es im Medizinbuch steht. Die Hustenattacken dauerten über Monate – und wieder kämpfen meine Adoptiveltern mit vielen schlaflosen Nächten. Im Brief meiner Mamis vom Dezember 1960 an die Adoptionsvermittlungsstelle liest man Folgendes:
„Liebes Fräulein, Anbei sende ich Ihnen einen Gepäckempfangsschein, mit welchem Sie auf dem Bahnhof Rapperswil einen Kinderwagen abholen können. Im Fall der Wagen beschädigt sein sollte, ist er versichert und Sie können dementsprechend reklamieren. Ich hoffe, einem kleinen Pflegling einen Dienst zu erweisen; bestimmt können Sie immer alle gut gebrauchen. Wir freuen uns sehr, mit unserem Regeli Weihnachten zu feiern und sie wartet mit grosser Ungeduld aufs Christkind, von welchem sie viele Geschenkli erwartet. Regula hat seit anfangs November den Keuchhusten, leider ziemlich stark, und ich habe wieder viele schlaflose Nächte hinter mir. Nun geht’s allerdings bedeutend besser und am 2. Januar 1961 werden wir für 4 Wochen nach Mürren gehen, dann wird bestimmt dieser langwierige Husten ganz verschwinden. Es ist wirklich schade, dass Sie Regula nicht sehen können! Ihr Mündchen plappert den ganzen Tag. Sie hat nun zwei herzige Zöpfli und so sieht sie schon wie ein grosses Meiteli aus. Wir haben unglaublich viel Freude mit ihr. Ich wünsche Ihnen und dem ganzen Unternehmen alles Gute für 1961 und allen frohe Weihnachten. Liebe Grüsse H. Giacometti + Familie“.
Meine Mami erzählte mir, dass jede zweite Woche der Hausarzt bei uns zu Hause war. So kam es dann auch, dass ich, als ich ca. 2 ½ Jahre alt war, wegen starken undefinierbaren Bauchschmerzen am Blinddarm operiert werden musste. Davon trage ich jetzt noch eine 10 cm lange Narbe. Es stellte sich danach heraus, dass der Blinddarm eigentlich gar nicht entzündet war, sondern es sich um eine Bauchfellentzündung gehandelt hätte. Diese Operation war demnach vergebens.
Ich war nun zweijährig und ständig krank. Im Nachhinein denke ich, hatten diese Krankheiten eher psychosomatische Ursachen, hervorgerufen durch die häufigen Trennungen, wurden aber nicht als solche erkannt. Meine Adoptiveltern schrieben der Adoptionsvermittlungsstelle immer wieder, sie hätten riesige Freude an mir und könnten sich ein Leben ohne mich nicht mehr vorstellen. Aber ich glaube auch, dass es eine sehr schwierige Zeit für sie war. Ich schrie viel, raubte ihnen den Schlaf und forderte durch meine Krankheiten ihre ständige und volle Aufmerksamkeit. Wahrscheinlich wollte ich sichergehen, dass sie sich immer um meine Bedürfnisse kümmerten. Meine Mami gab später aber zu, dass sie mich nicht immer aufgenommen hat, wenn ich im Bettlein schrie. Sie war der Meinung, dass man Babys nicht zu fest verwöhnen soll, sonst beherrschten sie einen. Und so ließ sie mich am Tag – in der Nacht konnte sie es wegen der Nachbarschaft nicht – für längere Zeit schreien.
Da meine Mami im Büro meines Papis mithalf, organisierten meine Eltern eine Haushaltshilfe. Diese kam mehrmals in der Woche, um den Haushalt in Ordnung zu halten und dazu noch mich zu betreuen. Jahre später traf ich diese liebenswürdige Frau wieder und sie erzählte mir spontan: „Weißt du, deine Mutter war extrem streng mit dir. Sie hatte mir verboten, dich aufzunehmen, wenn du geschrien hattest. Aber ich konnte es nicht ertragen, du hattest so laut geschrien, dass mir fast das Herz zerbrochen ist. So habe ich dich dann in die Arme genommen und nach kurzer Zeit musstest du ein ‚Görbschen‘ machen und danach warst du dann wieder ruhig.“
Ich bin ihr so dankbar, dass sie mich so liebevoll betreut hat. Trotz ihres höllischen Respekts vor meiner Mami hat sie den ganzen Mut zusammengenommen und ihr gebeichtet, dass sie mich regelmäßig vom Bettchen aufgehoben und dabei gemerkt habe, dass der Grund meines Schreiens Verdauungsprobleme waren. Sobald sie mich kurz in den Armen hielt, konnte ich auch wieder ruhig im Bettchen einschlafen.
Ja, das war meine Mami. Eine strenge Erzieherin, die es gut meinte, aber eindeutig zu wenig Empathie für ein Kleinkind hatte – und erst recht keine Vorstellung davon, wie viel zusätzliche Aufmerksamkeit ein traumatisiertes Adoptivkind gebraucht hätte, damit es nicht immer wieder an die erste schmerzliche Trennung erinnert würde.
Schon in meiner Kindheit entwickelte ich viele Ängste, die mich leider das Leben lang begleiteten. Meine Mami wollte, dass ich mich früh daran gewöhne, allein zu Hause zu sein. Sie meinte, es würde mich stärken, wenn ich abends immer wieder auf mich allein gestellt wäre. Heute weiß ich: Es hat genau das Gegenteil bewirkt und Verlustängste provoziert.
Das gehörte auch zu ihren Erzählungen: „Weißt du, ich wollte mit deinem Papi einmal pro Woche ins nahe gelegene Bistro gehen, um ein wenig fern zu sehen sowie um andere Menschen zu treffen. Und als wir dich ins Bett legten, verabschiedeten wir uns von dir und erklärten dir, dass wir ganz in der Nähe seien und ich keine Angst haben müsse, sie würden bald wieder nach Hause kommen.“
Diese Abende und die damit verbundenen heftigen Angstgefühle habe ich nie wieder vergessen und kann sie heute noch nachfühlen. Ich konnte nie einschlafen und hatte panische Angst vor Einbrechern und anderen bösen Gestalten. Jedes kleinste Geräusch versetzte mich in Angst und Schrecken. Ich versteckte mich unter der Decke und atmete kaum noch, so dass mich niemand hören und finden konnte. Es waren für mich unendliche Stunden, die Zeit schien stillzustehen. Erst als ich meine Eltern kommen hörte, konnte ich mich langsam beruhigen. Als sie dann bei mir ins Zimmer schauten, stellte ich mich immer schlafend. Ich wollte nicht, dass ich getadelt werde, weil ich immer noch wach lag. Und so musste ich immer wieder diese schrecklichen Gefühle des Verlassenwerdens von neuem erleben, die ständige Wiederholung der ersten traumatischen Gefühle in meinem Leben. Meine Eltern waren sich dessen offenbar nicht bewusst.
Ich bin klar der Meinung, dass man einem (adoptierten) Kind nie zu viel Liebe, Aufmerksamkeit, Zuwendung und Empathie schenken kann. All diese Eigenschaften sind viel wichtiger als eine strenge und spartanische Erziehung.
Als ich 4 ½ Jahre alt war, im März 1963, verfasste meine Mami wieder einen Brief an die Adoptionsvermittlungsstelle:
„Liebes Fräulein, Jeder Tag geht vorüber, ohne dass ich meine guten Vorsätze, Ihnen zu schreiben, ausgeführt habe. Aber eben, die Zeit vergeht so schnell und nun ist unsere Regi schon 4 ½ Jahre alt. Je grösser sie wird, je mehr Freude macht sie uns. Regula ist wirklich ein lustiges, liebes, intelligentes Kind und für nichts in der Welt würden wir sie wieder hergeben. Anbei sende ich Ihnen ein Bildchen, wo Regula Schlittschuh läuft. Für diesen Sport hat sie einen eisernen Willen und bis sie jeweils vom Schlittschuhplatz wegkam, brauchte es immer etwas. Auch mit Skifahren geht’s schon ganz ordentlich und dieses Jahr in Mürren hat sie sich prächtig erholt und amüsiert. Es ist nur schade, dass Sie nie in das Tessin kommen, ich würde Ihnen Regula so gerne zeigen. Sie hat sofort mit allen Leuten schnell Freundschaft und alle haben sie gerne. In den Kindergarten geht sie immer fleissig und sie spricht jetzt Deutsch und Italienisch sehr gut. Auch diesen Sommer werden wir die meiste Zeit in Maloja verbringen. Ich kann nun auch besser profitieren, denn meine Büroarbeit habe ich ganz aufgegeben. Nun, ich hoffe trotzdem, dass Sie bald unsere Tochter persönlich kennen lernen und wünsche Ihnen indessen alles Gute. Liebe Grüsse sendet Ihnen Ihre H. Giacometti“.
All die Briefe, die meine Mami geschrieben hat, sind so berührend und hinterlassen mir jetzt im Erwachsenenalter ein sehr gutes Gefühl. Es ging mir wirklich gut bei den Giacomettis, meine Eltern hatten offenbar viel Freude an mir. Sie haben mir so viel geboten, wie zu jener Zeit sicher nicht jedes Kind erleben durfte. Für all dies bin ich meiner Mami und meinem Papi unendlich dankbar.
Kindheit
Im Tessin war es üblich – und es ist auch heute noch so –, dass man bereits im Alter von drei Jahren in den Kindergarten eintritt. Der Kindergarten war schon damals so gestaltet, dass die Kinder den ganzen Tag dort verbrachten: von 9 Uhr morgens bis 16 Uhr nachmittags. Alle Kinder aßen zusammen zu Mittag und machten dann im selben Raum ein Mittagsschläfchen. Der Kindergarten war eingerichtet für einen ganz normalen Tagesablauf. Es hatte einen großen Essensraum sowie Toiletten mit Waschbecken, wo man sich nach dem Essen die Zähne reinigen konnte. Die älteren Kinder halfen den jüngeren Kindern. Währenddessen räumten die Küchengehilfinnen die Tische beiseite und stellten kleine Bettchen (brandine) auf. Jedes Kind besaß einen eigenen Bettüberzug, der mit seinem eigenen Logo bestickt war. Vor dem Eintritt in den Kindergarten erhielt jedes Kind ein Symbol zugeteilt. Bei mir war es die Kastanie. Die Mütter mussten dann schließlich dieses Symbol auf den Kindergartenschurz, auf das Frottiertüchlein, auf das Turnsäckli und auf dem Bettüberzug sticken. So konnte jedes Kind auch sein Bettchen für den Mittagschlaf sowie die anderen Utensilien immer wiedererkennen und finden. Vor dem Schlafengehen erzählte die Kindergärtnerin eine Geschichte, bis alle still waren.
Ich weiß, ich bin sehr gerne in den Kindergarten gegangen und ich mochte meine Kindergartenlehrerin. Sie hieß „Signorina Pia“ (Fräulein Pia), so mussten wir sie nennen. Die Sympathie beruhte auf Gegenseitigkeit, ich gehörte zu ihren Lieblingen. Als ich sie Jahre später zufällig in Lugano wiedergetroffen habe, war sie bereits schon längere Zeit pensioniert. Sie sagte zu mir: „Weißt du, in den über 40 Jahren, in denen ich am Kindergarten unterrichtet habe, habe ich hunderte von Kindern betreut. Aber nur ein paar wenige sind mir wirklich ganz gut in Erinnerung geblieben und eines davon bist DU.“
Ja, ich liebte meine Kindergartenlehrerin. Ich machte alles für sie. Vielleicht wusste sie von meinem schwierigen Start ins Leben und wollte mir deswegen eine besondere Aufmerksamkeit geben. Ich fühlte mich jedenfalls immer sehr wohl bei ihr.
Im Nachhinein betrachtet war es für mich ein Segen, schon mit drei Jahren den Kindergarten besuchen zu können, denn ich war den ganzen Tag weg von meiner eher ungeduldigen, kalten und gefühlslosen Mami.
Nach drei Jahren hieß es dann Abschied nehmen von der Kindergartenzeit, denn die Schule stand auf dem Programm. Im Tessin erfolgte die Einschulung bereits im Alter von sechs Jahren. Ich war traurig, meine Signorina Pia verabschieden zu müssen, aber ich war reif für den Schulunterricht.
Zu all dem Wechsel gab es in diesem Jahr auch noch eine große familiäre Veränderung: Meine Mami wurde schwanger. Am 1. Juli 1964 war es dann so weit, meine Adoptiveltern wurden Eltern eines Sohnes und ich bekam somit einen Bruder – Reto. Meine Großeltern kamen aus Bern angereist, um ihr Enkelkind zu bewundern, und nahmen mich dann mit nach Bern, damit ich ein paar Wochen Ferien bei ihnen verbringen konnte, während sich meine Mami im Spital von der schweren Geburt erholen konnte. Ich hatte gerade drei Monate Schul-Sommerferien und meine Eltern waren froh, dass ich ein wenig Abwechslung genießen konnte.
Ich war gern bei meinen Großeltern. Meine Großmutter war eine ganz liebenswürdige und fröhliche Person. Ich mochte ihre Art sehr. Mein Großvater war sehr autoritär. Da ich an Gehorsam gewohnt und ein sehr folgsames Kind war, kam ich aber nie in Konflikt mit ihm. Sie unternahmen viel mit mir, besuchten mit mir den Bärengraben, den Tierpark, das „Marzilibad“ an der Aare in Bern, und wir unternahmen diverse Ausflüge. Das gefiel mir sehr.
Eines Tages, nachdem wir einen schönen Ausflug mit Mittagessen auf den Gurten gemacht hatten, wurde mir plötzlich übel und ich musste mich heftig übergeben und bekam starke Bauchschmerzen. Nachdem sich am Tag danach mein Zustand zunehmend verschlimmerte, ließen meine Großeltern einen Arzt kommen. Ich hatte in der Zwischenzeit einen geschwollenen Bauch und die Bauchdecke fühlte sich hart an. Das beunruhigte den Arzt. Er wollte noch eine Nacht abwarten und ich durfte absolut nichts essen und nur ein wenig Salzwasser zu mir nehmen. Ich erinnere mich, wie ich nachts, als meine Großeltern schliefen, ins Bad schlich und Wasser aus dem Hahn trank. Ich hatte so immensen Durst – ein solch starkes Durstgefühl hatte ich nie mehr in meinem Leben!
Am nächsten Tag hatte sich mein Gesundheitszustand dermaßen verschlechtert, dass mich der Arzt sofort ins Inselspital einweisen ließ. Er hatte bereits den Verdacht auf einen Darmverschluss, was dann von den Spitalärzten auch bestätigt wurde. Es musste sofort operiert werden, dafür brauchte man aber noch die Einwilligung meiner Eltern. Die Ärzte riefen sie in Lugano an und erklärten die notfallmäßige Situation. Es war ein Schock für beide.
Die Operation dauerte ca. 6 Stunden, es war ein sehr schwieriger Eingriff. Da ich nach der Operation nichts essen durfte, wurde ich künstlich durch einen Schlauch im Arm ernährt. Sobald der Darm wieder seine normale Funktion aufnehmen würde, hätte ich wieder zur normalen Kost übergehen dürfen. Dies sollte eigentlich ein paar Tage nach der Operation erfolgen. Aber mein Darm streikte. Es vergingen Wochen, und die Ärzte wollten mich ein zweites Mal operieren, weil die Situation sehr kritisch war. Zum großen Glück hat drei Wochen nach dem Eingriff mein Darm seinen Streik aufgegeben und ich konnte langsam Schonkost zu mir nehmen. Ich war extrem abgemagert und schwach. Meine Eltern waren in der Zwischenzeit mit meinem kleinen Bruder von Lugano angereist und bangten um mein Leben. Der Hausarzt hatte ihnen gesagt, dass ein solch großer Eingriff in Lugano nicht hätte durchgeführt werden können, die Ärzte waren dazumal noch nicht so weit ausgebildet. Ich wäre vermutlich daran gestorben, wäre ich im Tessin bei meinen Eltern gewesen. Ich hatte also riesiges Glück, dass ich gerade in Bern war, wo es eine Universitätsklinik gab und die Ärzte einen solchen Darmverschluss behandeln konnten. Ich erinnere mich noch gut, wie sie mich in einem Rollstuhl in einen mit angehenden Ärzten vollgefüllten Audienzsaal brachten. Sie diskutierten gerade meinen Fall durch und ich wurde ihnen als Parade-Beispiel für eine Operation mit Komplikationen vorgeführt.
Ich hatte also gerade mein zweites Leben geschenkt bekommen. Heute ist mir klar, wenn ich die Sache analysiere, dass dieser Darmverschluss wahrscheinlich durch eine erneute große Verlustangst ausgelöst worden ist. Klar, zu jener Zeit wussten weder ich noch meine Eltern, dass dies im Zusammenhang mit der Geburt meines Bruders und meiner „Abschiebung“ zu den Großeltern nach Bern stehen könnte. Auch die behandelnden Ärzte haben diesen Zusammenhang nie im Kontext zu meinen Verlustängsten erwähnt. Der leibliche Sohn meiner Eltern war geboren. Und was war mit mir? Musste ich um meinen Platz bangen? Würde ich nicht mehr so viel Aufmerksamkeit erhalten? Oder würden sie mich vielleicht sogar wieder weggeben? Es ist schier unglaublich, welche Wege die menschliche Seele ausfindig macht, um zu überleben, und welchen Einfluss die Psyche auf den Körper ausüben kann. Heute ist mir zum Glück bewusst, wie sehr das Unterbewusstsein meinen Körper beeinflussen kann, weshalb ich auch viel mental trainiere.
Ende August wurde ich nach einem sechswöchigen Spitalaufenthalt wieder entlassen. Mein Großvater musste mich auf den Armen aus dem Spital tragen. Ich wog nur noch 12 Kilo und hatte keine Kraft mehr, selbstständig zu gehen.
Zwei Wochen später, Mitte September, hätte ich in die Schule eintreten sollen. Da ich noch so schwach war, empfahl der Hausarzt, dass ich vorerst noch eine Weile zu Hause bleiben und danach ein weiteres Jahr Kindergarten anhängen sollte. Ich erholte mich langsam und freute mich auf die vertraute Umgebung des Kindergartens. Es war ein besonderes Jahr. Ich war die Älteste und konnte meiner geliebten Kindergärtnerin zur Seite stehen und ihr dabei helfen, die Kleineren zu betreuen. Ich war sozusagen ihre Assistentin. Das genoss ich sehr, und ich glaube, es tat mir unheimlich gut, denn ich hatte bei ihr einen besonderen Platz eingenommen.
Dieses Jahr verging im Nu. Mit 7 Jahren wurde ich dann eingeschult. Ich besuchte die Schule sehr gern. Meine Lehrerin war bekannt als die strengste im Schulhaus. Doch Probleme hatte ich nie mit ihr. Ich lernte fleißig und war eine der besten Schülerinnen. Das gab mir viel Selbstvertrauen und stärkte auch mein Vertrauen ins Leben. Ich hatte mich auch an die Anwesenheit meines kleinen Bruders gewöhnt und alles verlief rund.
Als ich etwa 7 ½ Jahre alt war, verfasste meine Mami den wohl letzten Brief für die Adoptionsvermittlungsstelle und berichtete:
„Liebes Fräulein, Sie werden sicher erstaunt sein, ein Lebenzeichen aus Lugano zu erhalten. Man sagt zwar: Keine Nachrichten, gute Nachrichten. So ist es auch bei uns und unsere beiden Kinder entwickeln sich prächtig. Regula geht seit 6 ½ Monaten zur Schule und hat glücklicherweise gar keine Schwierigkeiten, obschon sie hier mit einem wahnsinnigen Tempo vorwärtsgehen. Sie ist immer noch ein braves, liebes Kind und wir haben unglaublich Freude an ihr. Momentan weilt sie für 2 Wochen in Bern bei ihrem Grosi. Unser Reto ist ein herziger Schatz, jedoch ein ganz grosser Schlingel. Ich kann ehrlich sagen, dass Regula uns nie so grosse Mühe machte wie er. Wenn er nicht schläft, dann stellt er irgendetwas an. Man muss ständig hinter ihm her sein und kann ihn nie aus den Augen verlieren. Ich wünsche Ihnen weiterhin alles Gute und grüsse Sie freundlich. H. Giacometti“.
Meine Freizeit verbrachte ich mit vielen Freundinnen aus der Schule und Nachbarschaft, mit denen ich zum Teil jahrelang in Kontakt blieb. Wir spielten viel im Freien; Gummitwist oder Springseil und kurvten auch die Straße runter mit allerlei Vehikeln, da es zu jener Zeit noch fast keine Autos auf der Straße gab. Ich habe einen Tretroller geschenkt bekommen, hätte aber lieber ein Fahrrad gehabt. Aber unter uns Kindern haben wir dann öfter unsere Vehikel ausgetauscht und ich konnte des Öfteren auch Rad fahren.
In der Primarschule verlief alles bestens, obwohl ich viermal einen Lehrerwechsel hatte. Ich wurde aber immer von allen gemocht, war für mich das Wichtigste war. Wiederum schaffte ich es, der Liebling von meinem Turnlehrer und von meinem Musiklehrer zu sein. Ich weiß nicht, wie ich das immer anstellte. Es kam so weit, dass mich mein Musiklehrer unbedingt bei der Schulabschlussfeier ein Solo singen lassen wollte. Es war mir so peinlich, denn ich war der Meinung, dass ich nicht so gut singen konnte. Meine Mami behauptete sogar, dass ich falsch sang. Aber wie gesagt: Es tat mir unheimlich gut, so geschätzt zu werden. Es war Balsam für meine Seele.
Ich hatte erfahren, dass ich mit meinem Fleiß viel Akzeptanz erntete. Das spornte mich weiter an. Ich wollte dann instinktiv immer die Beste und der Liebling von allen sein. Was mich dazu trieb, war mir als Kind absolut unbewusst, aber heute ist mir alles klar, wenn ich Folgendes bei Dr. Bonus lese:
„Jeder Fehler, den es macht, und schlimmer, jeder seiner Fehler, den ein anderer bemerkt, weist das Kind nicht auf diesen betreffenden Fehler hin, sondern erinnert es sofort daran, dass es selbst ein Fehler in dieser Welt ist. Das bedeutet, mit den Augen des Kindes gesehen, dass es versucht, keinen Fehler mehr zu machen.“ (Bonus, 2008)
Es verlief alles gut, ich ging meinen Weg und wurde immer unabhängiger. In der Zwischenzeit hatte sich mein Bruder als ein sehr schwieriges Kind entpuppt und bündelte die volle Aufmerksamkeit meiner Eltern, die ich zwischenzeitlich nicht mehr so benötigte. Ich konnte mich in der Schule entfalten und verwirklichen, was mir eigentlich genügte. Zudem wurde ich immer als die brave und folgsame Tochter wahrgenommen, während Reto der böse Sohn war. Eigentlich habe ich es geschafft, auch in der Familie der Liebling zu sein, währenddessen der leibliche Sohn jeweils hintanstehen musste: Was wollte ich noch mehr?
Dann kam die Zeit, als sich die Übertrittsfrage bezüglich der oberen Schulstufe stellte. Mein Lehrer war klar der Meinung, dass ich unbedingt das Gymnasium besuchen sollte, da ich das Potenzial hätte, später einmal ein Studium anzugehen. So begann ich im Alter von 12 Jahren die erste Klasse des Gymnasiums, Abteilung Literarisch, da ich zusätzlich noch Latein belegte. Meine Begeisterung für das Lernen war immer noch vorhanden, aber die Anforderungen wurden immer größer und ich musste mir langsam überlegen, welches Ziel ich erreichen wollte. Was wollte ich später studieren?
Mein größter Wunsch war es damals, Tierärztin zu werden. Dies bedeutete aber, dass noch ein langer Weg vor mir lag und ich noch jahrelang studieren müsste. Langsam kamen Zweifel auf. Wollte ich wirklich so lange über den Büchern brüten? Wollte ich nicht schon früher unabhängig sein und meinen Weg gehen können?
Mein Papi wollte unbedingt, dass ich einmal studieren sollte. Er unterstützte mich auch sehr bei den Schulaufgaben und ermutigte mich immer wieder. Trotzdem, es wurde mir auf einmal zu viel. Aber was wollte ich werden bzw. erlernen? Ich wusste es nicht. Vielleicht sollte ich einen Beruf wählen, bei dem ich meine Sprachbegabung einsetzen konnte? Da kam mir ein Infoabend der Swissair gerade gelegen, bei dem der Beruf der Flugbegleiterin vorgestellt werden sollte. Voller Begeisterung besuchte ich den Vortrag, musste aber leider ernüchtert feststellen, dass die Hauptaufgabe der Stewardess darin bestand, den Passagieren auf dem Flug Essen und Getränke zu servieren und ihre Wünsche von den Lippen abzulesen. Nein, das war nicht das, was ich machen wollte. So stand ich da und ich wusste nicht weiter.
Da es nun klar war, dass ich nicht studieren wollte, begann ich mit 15 Jahren auf Empfehlung meiner Mami eine Handelsschule. Obwohl ich immer betont hatte, dass ich nie in einem Büro arbeiten möchte, ließ ich mich von ihr überreden. Es handelte sich um eine private Handelsschule mit sehr gutem Ruf und der damaligen Gewissheit, dass für alle diejenigen, die die Prüfungen bestanden, eine Stelle in einer Bank zugesichert sei.
Die Abschlussprüfungen habe ich schließlich mit dem Prädikat „sehr gut“ bestanden, sah mich jedoch nicht als Bankangestellte. Wie für viele Jugendliche, war auch für mich die Zeit der Berufswahl eine schwierige Zeit. Man weiß nicht, in welche Richtung man gehen soll, ob man dann auch die richtige Entscheidung trifft. Schließlich kennt man in diesem Alter die Zukunft noch nicht und weiß somit nicht, wofür man sich entscheiden soll. Zudem gab es in den Siebzigerjahren noch keine staatliche Berufsberatung, man war vollends auf sich selbst gestellt. Ich war nun 17 Jahre alt und stand an einem Wendepunkt in meinem Leben.
Die Pubertät:
Eine große Identitätskrise
Der Weg von der Kindheit in die Welt der Erwachsenen war für mich eine ziemlich schlimme Zeit. Die Pubertät manifestierte sich bei mir aufs Heftigste.
Niemand konnte mir eine Erklärung geben, was mit mir gerade passierte.
Ich war nun 17 Jahre alt und wusste immer noch nicht, in welche Richtung es beruflich gehen sollte. Daher drängte mich meine Mami, ich solle doch ein Welschlandjahr einschalten, das sei ihr damals auch gut bekommen. Durch den Aufenthalt in der französischsprachigen Schweiz könnte ich doch meine Sprachkenntnisse aufpolieren und wüsste vielleicht dann, welcher berufliche Weg der Richtige für mich wäre. So entschied ich mich, für ein Jahr nach Genf zu gehen. Ich konnte bei der Familie meiner Patin wohnen und im Haushalt mithelfen. Ganz begeistert war ich von dieser Idee nicht, musste ich mich doch von all meinen Freunden und Freundinnen für ein Jahr verabschieden. Wir hatten immer einen guten Zusammenhang, waren eine tolle Clique. Bei der Familie meiner Patin fühlte ich mich nicht richtig wohl. Sie war mit einem Amerikaner verheiratet, mit dem sie 5 Kinder hatte. Die Familie wohnte in einer riesigen Villa am Stadtrand von Genf und es wurde Französisch und Englisch gesprochen. Ich lernte, den Haushalt zu machen und auch meine Sprachkenntnisse konnte ich aufbessern. Aber meine Seele litt. Ich vermisste meinen lieben Papi und meine Freundschaften. Und so kam es, wie es kommen musste: Ich wurde immer unglücklicher, getraute dies aber nicht, meiner Mami mittzuteilen. Mein Papi kam mich einmal heimlich besuchen, als die Gastfamilie sich in Gstaad aufhielt und ich ganz allein in der Villa logierte. Ich genoss seine Anwesenheit. Er merkte, dass ich mich dort nicht wohl fühlte, meinte aber, dass ein Jahr ja schnell vorüber sei und ich dann wieder nach Lugano zurückkehren könne.
Noch bevor es so weit war, fiel ich in ein tiefes Loch. Ich wusste weder ein noch aus. So lief ich in einer Nacht davon. Ich wollte nur noch weg, denn ich fühlte mich dort viel zu einsam. Mein Ziel war es, zu meinem Papi nach Kilchberg zu fahren. Es war nämlich so, dass Lindt & Sprüngli kurz zuvor die Filiale in Lugano geschlossen hatte, ihm aber dafür eine Stelle in der deutschen Schweiz angeboten wurde. Mein Papi stand kurz vor der Pensionierung und er war genötigt, dieses Angebot anzunehmen. Auch er war nicht glücklich, die Wochen hindurch in Kilchberg zu wohnen und nur am Wochenende bei seiner Familie in Lugano sein zu können.
So war ich also mitten in der Nacht abgehauen. Am Bahnhof Genf angekommen, musste ich mich vorerst gedulden, bis der erste Zug am Morgen in Richtung Zürich fuhr. In Kilchberg angekommen, bin ich in die Arme meines Papis gerannt. Er war sehr erleichtert, als er mich sah. Es war mir nicht bewusst, welchen Schrecken ich meinen Eltern eingejagt hatte. Sie hatten sofort Alarm geschlagen, als mein Fehlen bemerkt wurde. Ob sie auch die Polizei involviert haben, weiß ich nicht mehr so genau. Aber ich war glücklich, bei meinem allerliebsten Papi zu sein. Heute bin ich mir sicher, dass ich einfach noch zu jung war, um für ein Jahr von zu Hause wegzugehen. Und vielleicht haben auch die Trennungstraumata aus der Kindheit eine Rolle gespielt.
Ich blieb für ein paar Tage bei meinem Papi. Die Zeit, die ich mit ihm verbringen konnte, gehört für mich rückblickend zu einer der schönsten in meinem Leben. Mein Papi belegte während der Arbeitswoche nur ein kleines Zimmer. Ich schlief auf einer Notmatratze auf dem Boden neben seinem Bett. Ich erinnere mich gut, wie er mir immer die Hand hielt, bis ich einschlief. In diesen Tagen hatte ich meinen Papi ganz für mich alleine. Seine Liebenswürdigkeit erwärmte meine Seele.
Meine Mami wollte jedoch, dass ich so schnell wie möglich nach Lugano zurückkehre. Ich wäre am liebsten noch Wochen und Monate bei meinem Papi geblieben. Aber sie setzte sich wie immer durch und so musste ich wohl oder übel nach Lugano zurück und mir wieder Gedanken machen, wie es mit mir weitergehen sollte. Meine Mami war mit der Situation überfordert. Die stets liebe und folgsame Tochter ist einfach weggelaufen, das passte nicht in ihr Schema. Sie empfahl mir, einen Psychologen aufzusuchen. Es gab dazumal einen Schulpsychologen, der im Tessin sehr renommiert war. Er hielt Vorträge in den Schulen und an verschiedenen Orten im ganzen Kanton und wurde von allen Eltern bewundert und verehrt.
Zuerst lehnte ich ab. Doch ich fühlte mich nicht wohl, denn ich befand mich mitten in einer tiefen Identitätskrise. Ich fühlte mich desorientiert, mir fehlte eine Perspektive. Solche Empfindungen sind eigentlich völlig normal in der Pubertät. Vielleicht konnte mir dieser Psychologe doch Hilfe bieten? Er war schließlich auf Jugendliche spezialisiert. So vereinbarte meine Mami einen Termin mit ihm. Ich war nervös, weil ich noch nie bei einem Psychologen war, hoffte aber, dass er vielleicht doch meine Nöte erkennen und mir helfen könnte. Er erklärte mir, dass für junge Menschen die Pubertät eine sehr schwierige Zeit sei und dass in dieser Zeit vieles aus dem Gleichgewicht gerate. Ich erinnere mich jedoch nur, dass er das ganze Problem der Pubertät auf ein sexuelles Problem reduzierte. Er sprach die ganze Zeit nur über Sex und ich fühlte mich irgendwie nicht ganz wohl bei ihm. Wenn er mich nur schon anschaute, sei er erregt, sagte er plötzlich zu mir. Ich sollte beschreiben, wie groß sein erigierter Penis sei. Mir war es überpeinlich! Er erklärte auch, dass ich ihn bei seinen Vorträgen begleiten und wir dann anschließend miteinander schöne Momente erleben könnten. Ich ging mit einem seltsamen Gefühl nach Hause, erwähnte aber meinen Eltern gegenüber keine Details des Gespräches.
Beim zweiten Termin hat dieser Psychologe dann gesagt, er möchte mich spüren lassen, wie sehr ich ihn errege. Er geilte sich mit seinen Erzählungen selber auf. Mich ekelte es nur noch. Dann stand er auf. Hinter der Tür drückte er mich mit seiner geballten Männlichkeit ganz fest an sich, küsste mich so heftig, dass ich fast keine Luft mehr kriegte und schier ohnmächtig wurde. Ich wurde kreideweiß. Er erschrak und entschuldigte sich, brachte mir ein Glas Wasser und ließ mich zur Erholung auf der Couch liegen. Er bat mich, niemandem von diesem Vorfall zu erzählen. Niemand würde das verstehen, er wolle mir nur helfen. Obendrein machte er mit mir einen dritten Termin ab, aber innerlich hatte ich mir schon geschworen, nie mehr zu diesem Schwein in die Sprechstunde zu gehen.
Natürlich erzählte ich meiner Mami nichts über diesen Vorfall. Sie fragte dennoch, weshalb ich denn die Sitzungen abbrechen wolle. Wahrscheinlich schöpfte sie einen gewissen Verdacht. Ich antwortete, dass ich diese Therapie nicht mehr brauche, ich komme alleine zurecht. Darauf erzählte sie mir, dass in der Stadt Gerüchte herumgehen, dass dieser Psychologe schon mit mehreren jugendlichen Frauen sexuellen Kontakt gehabt hätte. Sie fragte mich, ob etwas in diese Richtung vorgefallen sei. Ich verneinte, weil ich wusste, dass meine Mami das ganz sicher geklärt haben wollte. Sie hätte ihn mit Sicherheit angerufen, hätte ihm die Leviten gelesen und ihn sogleich auch noch bei der Polizei angezeigt. In solchen Angelegenheiten war sie extrem konsequent. Aber ich wollte das ganze Theater nicht. Ich verstand einfach nicht, weshalb er mir das angetan hat, scheute aber zugleich den Konflikt. Wenn ich das jetzt so schreibe, sehe ich alles noch genau vor mir und weiß noch detailgetreu, was in dieser Praxis abgelaufen ist. Es ist unglaublich, wie präsent das noch immer ist, nach all den Jahren! Wenn ich die Augen schließe und mich in die Situation von damals hineinversetze, habe ich sogar seinen Geruch in der Nase. Solche Momente sind mit derart starken Emotionen verbunden, dass man sie nie vergisst! Erst jetzt realisiere ich, dass es sich damals um einen sexuellen Übergriff gehandelt hatte. Er, als Schul- und Jugendpsychologe, Professor nannten sie ihn, vom Staat bezahlt, hatte die Grenze eindeutig überschritten. Dieser Mann hat die Notsituation und die Abhängigkeit schamlos ausgenutzt. Mir war klar, dass ich nie mehr zu seinen Sprechstunden gehen wollte. Das sagte ich meiner Mami mit Bestimmtheit.
Es ist eine Schande, was damals vorgefallen ist. Als studierter Akademiker und Psychologe musste er wissen, dass gerade bei Adoptierten die Pubertät sehr heftig ausfallen kann. Er hätte mir das erklären müssen. Er hätte mir erklären können, dass ich mich in niemandem spiegeln kann und dadurch die Identitätsfindung besonders kompliziert sei. Ich musste erst erwachsen werden, um das alles selbst herauszufinden.
Gerade in letzter Zeit sind verschiedene Berichte und Bücher publiziert worden, in denen Erwachsene über sexuellen Missbrauch berichten, den sie im jugendlichen Alter erlebt und immer für sich behalten und verschwiegen haben. Jürg Jegge, ein renommierter Schweizer Pädagoge (öffentlich bekannt wurde sein Fall durch das Buch „Jürg Jegges dunkle Seite – Die Übergriffe des Musterpädagogen“, von Markus Zangger), der mehrere Kinder missbraucht hatte, versuchte sich kürzlich zu entschuldigen, mit der unglaublichen Rechtfertigung, dass dies der Zeitgeist von damals gewesen sei. Als wenn das, was dieser Mann und viele andere Vertrauenspersonen Heranwachsenden angetan haben, durch irgendetwas entschuldbar wäre!
Also stand ich weiterhin allein da mit meinen Ängsten und Sorgen, und konnte meine Gemütsverfassung nicht richtig fassen und nachvollziehen. Es kam mir vor, als wenn man krank ist und der Arzt keine Diagnose stellen kann. Es tut überall weh, man fühlt sich nicht wohl, aber man weiß nicht, was man hat.
Heute bin ich stolz, dass ich mich aus dieser Situation selber lösen konnte und dieser Mann mir keinen weiteren Schaden zufügen würde. Immer wieder, auch Jahre später, kamen mir diese Sitzungen in den Sinn. Und wenn ich in der Nähe dieses Gebäude war, hatte ich immer den Drang, es spontan zu betreten und diesem Psychologen meine Meinung zu sagen. Aber ich machte es nie. Ich befreie mich davon, indem ich es jetzt in diesem Buch niederschreibe, und es soll dann für immer versiegelt sein.
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