Kitabı oku: «Ein letzter Gruß»
Reiner Sörries
Ein letzter Gruß
Reiner Sörries
Ein letzter Gruß
Die neue Vielfalt der Bestattungs- und Trauerkultur
Butzon & Bercker
„Orientierung durch Diskurs“ Die Sachbuchsparte bei Butzon & Bercker, in der dieser Band erscheint, wird beratend begleitet von Michael Albus, Christine Hober, Bruno Kern, Tobias Licht, Cornelia Möres, Susanne Sandherr und Marc Witzenbacher.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Gesamtprogramm von Butzon & Bercker finden Sie im Internet unter www.bube.de
ISBN 978-3-7666-2232-7
E-Book (Mobi): ISBN 978-3-7666-4287-5
E-Book (PDF): ISBN 978-3-7666-4288-2
E-Pub: ISBN 3-978-3-7666-4286-8
© 2016 Butzon & Bercker GmbH, Hoogeweg 100, 47623 Kevelaer, Deutschland, www.bube.de
Alle Rechte vorbehalten.
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Umschlaggestaltung: Christoph Kemkes, Geldern
Satz: Schröder Media GbR, Dernbach
Druck und Bindung: Pustet, Regensburg
Printed in Germany
Inhalt
Vorwort
I. Wandel der Bestattungskultur
II. Gender und Diversity auch am Lebensende?
III. Gender
Bestattung in Frauenhänden
Friedhöfe für Frauen
Männer trauern anders
Genderspezifische Aspekte der anonymen Bestattung
Friedwald und Gender
Geschlechtersensibler Umgang mit Pflegebedürftigen und Sterbenden
Frau und Tod
IV. Sex
Schwule Bestattungs- und Trauerkultur
Impulse aus der AIDS-Szene
Kritik an der bürgerlichen Trauerkultur
Öffentliches Gedenken
V. Age
Bestattungswünsche älterer Menschen
Bestattung von Früh- und Totgeburten
Differenzierung des Gedenkens für Frühverstorbene
Orte des Sterbens
VI. Handicap
VII. Social Status
Solidarisch mit den Außenseitern
Der Gedenkbaum Hinz&Kunzt
Unentgeltliche Bestattung
VIII. Culture und Religion
Transkulturelle Pflegekonzepte
Religiöse und ethnische Identitäten
Differenzierung der kirchlichen Traueragenden
Grab und Wallfahrtsort
IX. Creating Identities
Gruppengräber
Beliebte und unbeliebte Gruppen
Politische Trauer
X. Medien
Die Generation der Kommunikationsgesellschaft
Digital Natives
Sterben vor laufender Kamera
XI. Timeline
Chronologie der Ereignisse
Megatrends
Die Geschichte von AIDS im Zeitraffer
XII. Fazit
Anmerkungen
Bildnachweise
Vorwort
Jeder trauert anders – diese Stereotype scheint heute die Diskussion um eine angemessene und zeitgemäße Bestattungs- und Trauerkultur zu beherrschen. Richtig daran ist zunächst, dass über diese ehemaligen Tabuthemen seit etwa zehn bis zwanzig Jahren ein lebhafter Diskurs herrscht, wie es ihn zu kaum einer Epoche der Menschheitsgeschichte in ähnlicher Weise gegeben hat. Wie man bestattet und trauert, war durch Tradition und Religion vorgegeben, weshalb es wenig Anlass gab, darüber zu diskutieren.
Das hat sich erst im 20. Jahrhundert geändert, als man begann, die Trauer wissenschaftlich zu erforschen. Sigmund Freud führte den Begriff der Trauerarbeit ein, die notwendig sei, um die Bindung zum geliebten Objekt völlig zu lösen. Gelänge dies nicht, etwa aufgrund bestimmter Verdrängungsmechanismen, so drohten den Trauernden Gefahren für das seelische Wohlbefinden. In den 1970er-Jahren entwickelte die Schweizer Ärztin Elisabeth Kübler-Ross das Modell einer Trauer, die immer in den gleichen Phasen verläuft. Sie hatte diese Phasen in ihren Interviews mit Sterbenden herausgearbeitet, und das Modell wurde auf Trauernde übertragen. Wenig später wurde das Phasenmodell dahingehend korrigiert, dass es nicht linear verlaufe, sondern in Wellen und Schüben; Phasen werden übersprungen oder mehrfach erlebt. Neuerdings jedoch präferieren viele Trauerberater die Tatsächlichkeit höchst unterschiedlich verlaufender Trauerprozesse, die sich nicht kategorisieren lassen. Der amerikanische Trauerforscher George Bonanno hat festgestellt, dass die Zahl jener Trauernden erstaunlich hoch ist, die selbst nach einem schweren Verlust wie dem des Ehepartners eher kurze und milde Trauersymptome entwickeln, und er spricht von Resilienz, einer hohen Widerstandsfähigkeit gegenüber schlimmen Erfahrungen. Nach seinen Untersuchungen sind es 41 %, die gut mit Verlusten umgehen können.
Verändert sich die Trauer oder verändern sich die Betrachtungsweisen der Trauer? Immerhin haben die Forschungen dazu geführt, dass von vielen eine Regellosigkeit der Trauer angenommen wird. Betrachtet man jedoch nicht die psychologische Seite der Trauer, sondern ihre sichtbaren und beschreibbaren Formen, so zeigt sich ein anderes Bild. Menschen trauern keineswegs regellos, sondern orientieren sich an ihrem sozialen und emotionalen Umfeld, in das sie hineingestellt sind, und das Trauerverhalten folgt solchen gruppenspezifischen Bedingungen. Das ist nicht neu, aber es kann aus einem veränderten Blickwinkel neu wahrgenommen werden. In hundert Prozent Todesfällen können nicht hundert Prozent verschiedene Handlungs- und Verhaltensweisen festgestellt werden, sondern es gibt konkrete Szenarien, in denen sich die Trauernden bewegen. Diese Szenarien folgen den Verschiedenheiten der Menschen, durch die sie charakterisiert sind, und es wurden in den letzten beiden Jahrzehnten solche Verschiedenheiten erhoben, die den Menschen ausmachen. Nicht jeder trauert anders, sondern wir trauern im Kontext unserer Verschiedenheit, die uns von vielen unterscheidet, aber mit manchen ähnlich sein lässt. Daraus entstehen gruppenspezifischen Verhaltensweisen, derer wir uns bedienen, um die eigene Identität zu bewahren.
Um solche gruppenspezifische Verhaltensweisen soll es hier gehen, um einerseits die Veränderungen der Bestattungs- und Trauerkultur zu verstehen und andererseits die Notwendigkeit zu unterstreichen, den daraus resultierenden Bedürfnissen gerecht zu werden. Denn unser Bestattungs-, Friedhofs- und Trauerwesen ist immer noch zu eindimensional ausgerichtet, das zahlreichen Verschiedenheiten von Menschen nicht gerecht wird.
Nicht jeder trauert anders, aber jeder trauert verschieden. Während sich aber das jeder trauert anders jeder Regel zu entziehen scheint, können Verschiedenheiten benannt und differenziert werden. Somit haben wir es heute nicht mit einer individuellen Regellosigkeit, sondern mit einer geregelten, allerdings differenzierten Vielfalt zu tun. Diese wahrzunehmen heißt dann, die Veränderungen als Chance für eine zeitgemäße und menschliche Trauerkultur zu begreifen. Insofern schwimmt dieses Buch ein wenig gegen den Strom jener, die Abweichungen von der (bisher) geltenden Norm und Veränderungen als Verfall interpretieren und die so Handelnden gleichzeitig stigmatisieren.
Reiner Sörries, Kröslin im Herbst 2015
I. Wandel der Bestattungskultur
Nicht erst seit heute wird darüber diskutiert, interpretiert, manchmal sogar dämonisiert, was man inzwischen als Wandel der Bestattungs- und Friedhofskultur bezeichnet, nicht selten sogar als dynamischen Wandel, wie es ihn zuvor kaum gegeben hat. Es ist vom Verlust der Pietät die Rede, von einer Neuorientierung im Bestattungsverhalten, die sich ausschließlich an den Kosten orientiert. Man befürchtet gar ein Sterben der Friedhöfe, wie es exemplarisch in dem 2006 erschienenen Büchlein „Friedhof – ade?“ zum Ausdruck kam.1 Vielfach sind die Ursachen durchaus sachlich analysiert worden, und der allgemeine Wandel gesellschaftlicher Prozesse wurde als Auslöser dieser Entwicklung erkannt. Da sind die demografische Entwicklung, die beruflich bedingte Mobilität, der Bedeutungsverlust der Familie oder auch eine erstarkende Autonomie des Individuums, das sich mehr an den eigenen Bedürfnissen als an den gesellschaftlichen Konventionen orientiert. Eine monokausale Ursache darf ebenso wenig angenommen werden, wie eine Patentlösung für die ggf. daraus resultierenden Probleme nicht in Aussicht steht. Das gilt indes nicht nur für das Bestattungswesen, sondern für viele gesellschaftliche Bereiche, in denen Politik, Kulturschaffende, Sozialverbände und Soziologen um die Gültigkeit ihrer Analysen und Zielvorstellungen streiten.
Fragt man danach, wann dieser Wandel der Bestattungskultur mit welchen Folgen eingesetzt hat, so ist es durchaus erhellend, die deutschen Bischöfe zu befragen, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten drei Hirtenschreiben zu diesem Thema verfasst haben: 1994, 2005 und 2011. Diese Jahreszahlen markieren entscheidende Wendepunkte, die an ganz konkreten Phänomenen festzumachen sind.
1994 reagierten die Bischöfe mit ihrem Hirtenschreiben „Unsere Sorge um die Toten und die Hinterbliebenen. Bestattungskultur und Begleitung von Trauernden aus christlicher Sicht“2 auf die seit dem Ende der 1980er-Jahre zunehmende sogenannte anonyme Bestattung, die auch als Bestattung unter der grünen Wiese geläufig ist: „Seit Jahrhunderten bestehende Formen der Bestattung und der Begleitung der Angehörigen werden vielen fremd. Ein Zeichen für diese Entwicklung ist die Zunahme der sogenannten anonymen Bestattungen … Die Friedhofs- und Grabmalkultur sucht nach neuen Gestaltungsformen; neben das Erdbegräbnis als tradierte Bestattungsform – und an seine Stelle – tritt in den alten, ganz besonders aber in den neuen Bundesländern, immer mehr die Feuerbestattung; anonyme Bestattungen und Urnen-Beisetzungen auf See sind keine Seltenheit mehr: Mehr und mehr finden Beisetzungen der Verstorbenen in aller Stille und, unter Ausschluß der Öffentlichkeit, nur im engsten Familienkreis statt.“3
2005 ließen die Bischöfe ein weiteres Hirtenschreiben unter der Überschrift „Tote begraben und Trauernde trösten. Bestattungskultur im Wandel aus katholischer Sicht“4 folgen. Während sich die anonyme Bestattung ungeachtet des ersten Hirtenwortes längst etabliert hatte und auch von evangelischen wie katholischen Christen gewählt wurde, war 2001 mit der Eröffnung des ersten deutschen Friedwaldes im Reinhardswald bei Kassel aus Sicht der Bischöfe eine unchristliche Radikalisierung der Bestattungskultur eingetreten: „Die Konzeption des so genannten ,Friedwaldes‘ (freier, unumfriedeter Wald; völlig naturbelassenes Waldgebiet; Unsichtbarkeit des Urnenfeldes; Baumsymbolik; Anonymität; keine Grabpflege – die Grabpflege übernimmt die Natur) lässt zentrale Elemente einer humanen und christlichen Bestattungskultur vermissen.“5 Selbst wenn man diese schroffe Kritik nicht teilt, wird man die nun gegebene Möglichkeit einer Bestattung in der Natur als qualitative Steigerung des Wandlungsprozesses in der Friedhofskultur bezeichnen müssen. Alle, die beruflich mit dem Friedhof zu tun haben, mussten die Bestattung im Wald gar als substanziellen Angriff auf ihre ökonomische Grundlage empfinden. Den Friedhöfen gingen Gräber mit den entsprechenden Grabgebühren verloren, die Steinmetze mussten einen Rückgang an Grabmalaufträgen verkraften und die Friedhofsgärtner bekamen ebenfalls weniger zu tun, denn im Wald übernimmt die Natur die Grabpflege kostenlos.
War bereits mit dem Aufkommen der anonymen Bestattungen die Begrifflichkeit der alternativen Bestattung entstanden, so entwickelten sich erst im Zuge der Naturbestattungen weitere, echte Alternativen von der Luft- bis zur Diamantbestattung. Bis heute haben zwar die Verstreuung der Asche vom Ballon aus oder die Generierung eines Diamanten aus der Asche des Verstorbenen nur einen kaum messbaren Anteil an den Bestattungsarten, aber sie haben unterstützt durch ihre mediale Aufbereitung die Mentalität dahingehend verändert, dass man nun alles für möglich hielt. Selbst die Urne zu Hause war über den halblegalen Umweg über das grenzenlose, benachbarte Ausland und dienstbeflissene Bestatter zu einer Option geworden. Und es entstanden weiterhin sogar echte Alternativen in Gestalt der Urnen- oder Begräbniskirchen. In Aachen und Marl waren 2005 die ersten Kirchen, die man aufgrund der Zusammenlegung von Kirchengemeinden nicht mehr für die Messe benötigte, für die Beisetzung von Urnen geöffnet worden. Damit hatte die katholische Kirche eine Beisetzungsform erfunden, welche die vorausgehende Feuerbestattung voraussetzte, die man bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil 1963 noch für un- und antichristlich gehalten und den Gläubigen verboten hatte.
Dies nahmen die deutschen Bischöfe zum Anlass für ihr drittes Hirtenschreiben zur Bestattungskultur 2011: „Der Herr vollende an Dir, was er in der Taufe begonnen hat. Katholische Bestattungskultur angesichts neuer Herausforderungen.“6 Darin erklärten sie unter anderem, dass und wie sich das Bestattungsverhalten in der Gesellschaft verändert hat: „Die Bestattungskultur unterliegt … einem stetigen Wandel. Neue Formen entstehen, die der Mobilität der Menschen, der zunehmenden Vereinsamung im Alter, dem Rückgang der Religiosität oder auch dem Wunsch, den Nachkommen nicht zur Last zu fallen, geschuldet sind.“7 Weiter verwiesen die Bischöfe auf die nach wie vor als gültig erachtete Haltung, die Körper-Erd-Bestattung sei die menschlich und liturgisch angemessenere Form, doch akzeptierten sie nun die Kremation: „Bei aller kirchlichen Wertschätzung der Bestattung des Leichnams darf dies nicht zu einer pastoralen und liturgischen Abwertung der Feuerbestattung führen.“8
Schließlich formulierten sie eine Rechtfertigung für die Einrichtung der Urnenkirchen aus ökonomischen und theologischen Gründen: „An die Tradition kirchlicher Friedhöfe wird an einzelnen Orten angeknüpft, wenn Kirchen, die vor allem aus finanziellen Gründen nicht mehr gottesdienstlich genutzt werden können, zu Kolumbarien umgewidmet und umgestaltet werden. Sie können vor allem dort sinnvoll sein, wo es keine innerstädtischen Friedhöfe in kirchlicher Trägerschaft gibt. Solche Kolumbarien sind ein augenfälliges Zeichen einer Bestattung in der Nähe der Lebenden. Wenn ausnahmsweise im Kolumbarium die heilige Messe gefeiert wird, machen sie den Zusammenhang zwischen Begräbnis, Totengedenken und Eucharistie in besonderer Weise deutlich.“9
Diese neue Bestattungsmöglichkeit, die erstens nicht neu ist, denn während des Mittelalters war die Bestattung in Kirchen weit verbreitet, und zweitens in der Folge auch in der evangelischen Kirche als sinnvolle Alternative angesehen wurde, macht vollends die mentale Spreizung der Bestattungswünsche in der Bevölkerung deutlich. Schlug das Pendel zunächst in Richtung Natur aus, so erfolgte nur Jahre später die Gegenbewegung in Richtung Kultur. Der eine hält das grüne Dach der Wälder für beruhigend, der andere sucht für die letzte Ruhe das Dach der Kirche. Und irgendwo dazwischen liegen seitdem die Friedhöfe, die ihrerseits nun eine Alternative geworden sind.
Waren bis zu diesen Zeiten die Bestattungsmöglichkeiten in Deutschland durch ein rigides Gesetzeswerk auf die öffentlichen Friedhöfe eingeschränkt, so hält das 21. Jahrhundert nahezu alle Optionen offen. Die Menschen können wählen, wovon sie glauben, dass es ihren Wünschen, Vorstellungen und vor allem auch finanziellen Möglichkeiten entspricht. Mit den Naturbestattungen und den Urnenkirchen, auch mit der Seebestattung, die ebenfalls als weitere Alternative genannt werden kann, und mit den extravaganten Alternativen, die das liberalere Ausland eröffnet, war der ehedem gültige Friedhofszwang an allen Stellen perforiert. Den vorläufigen Schlusspunkt setzte 2014 die Bremer Bürgerschaft, die mit einem neuen Friedhofsgesetz den Friedhofszwang außer Kraft setzte.10 Nach dem Beschluss der Bremischen Bürgerschaft darf die Asche von Toten ab 1. Januar 2015 auch auf Privatgrundstücken oder besonders ausgewiesenen öffentlichen Flächen verstreut werden, wenn der Verstorbene dies zu Lebzeiten schriftlich so verfügt hat.
Innerhalb von zwei Jahrzehnten hatte sich in Deutschland die Bestattungskultur radikal verändert, und dieser Wandel, der von vielen als dynamisch bezeichnet wird, ist noch nicht an sein Ende gelangt. Eine politische Liberalisierung und eine wachsende Ökonomisierung des Bestattungswesens werden im Sinne einer multioptionalen Gesellschaft weitere Alternativen entwickeln. In der Ursachenforschung waren sich die beteiligten Experten von Kirche bis Gewerke nicht immer ganz einig, doch bekunden sie alle die Befürchtung, es handle sich dabei um einen Verlust religiöser und traditioneller Werte, denen man kritisch gegenüberstehen müsse. Dass die beobachteten Phänomene auch Chancen zu einer Neuorientierung bieten, wurde nur von wenigen in Erwägung gezogen. Dass sie sogar die notwendige Folge einer sich Gehör verschaffenden Einsicht in die Verschiedenheit der Menschen in einer säkularen, multireligiösen und individualisierten Gesellschaft sind, blieb aus den Überlegungen ausgeklammert. Noch hatte das, was unter dem Wissenschaftsbegriff der Diversity erörtert wurde, die Öffentlichkeit und erst recht die Diskussion um die Bestattungskultur nicht erreicht. Sie soll im Folgenden als ein Erklärungsmodell für den Wandel im Bestattungs- und Trauerverhalten dienen.
Denn während die Änderungen der Beisetzungsmöglichkeiten eigentlich nur äußerliche Phänomene beschreiben, hat sich viel schwerwiegender ein innerer Mentalitätswandel vollzogen, der die Trauer und ihre Bewältigung fortan bestimmt. Jeder und jede Einzelne denkt, fühlt und handelt nach inneren Einstellungen und Überzeugungen. Es ist schon richtig, dass der Wandel im Trauerverhalten schon von anderen mit einer zunehmenden Individualisierung erklärt wurde, hier soll diese Individualität weiter im Sinne von Verschiedenheit, eben von Diversity, präzisiert werden. Ausdruck von Individualität ist keineswegs ein Handeln gewissermaßen nach Gefühl und Wellenschlag, sondern Verschiedenheit ist von sehr konkreten Faktoren bestimmt. Indem ein Mensch als Mann oder Frau, als Trans- oder Intersexueller geboren wird, er innerhalb einer bestimmten Gruppe sozialisiert sowie beruflich und gesellschaftlich eingebunden ist, letztendlich religiös und weltanschaulich gepolt ist, bestimmt sich danach seine Lebens- und Verhaltensweise. Freilich kann diese durch gesellschaftliche Normen oder durch gesetzliche Regelungen eingeschränkt oder sogar unterbunden werden, doch ändert dies nichts an den grundsätzlichen Bedürfnissen. Fallen jedoch die Einschränkungen sozialer und politischer Natur, so können sie sich entfalten. Genau dies geschieht wie in vielen anderen Lebensbereichen nun auch in der Bestattungs- und Trauerkultur.
II. Gender und Diversity auch am Lebensende?
Gender und Diversity haben als Begrifflichkeiten noch kaum Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden und sind eher noch Themen akademischer Überlegungen und Forschungen. Die damit verbundenen Phänomene hingegen spiegeln sich in den politischen und gesellschaftlichen Diskussionen etwa um die Frauenquote oder um die politisch korrekte Bezeichnung von bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen. In der Öffentlichkeit stößt es bisweilen auf Unverständnis, dass der aus Kindertagen vertraute Negerkuss oder Mohrenkopf so nicht mehr genannt werden darf, sondern nun Schokokuss oder Schaumkuss heißen muss. Dahinter steht jedoch die wachsende Erkenntnis, dass Menschen nicht aufgrund ihrer Rasse als Neger oder Mohr bezeichnet werden dürfen, denn dahinter könnte eine Diskriminierung aus rassistischen Gründen stecken. Die Sozialwissenschaftler haben längst ausgemacht, dass es individuelle Eigenarten gibt, die zur Diskriminierung der betreffenden Person führen können. Verschiedenheiten werden als Diversity bezeichnet und sie gliedern sich nach heutigen Maßstäben hauptsächlich nach
Geschlecht,
Alter,
physische und psychische Fähigkeiten/Unfähigkeiten, Beeinträchtigungen, Behinderungen, auch Handicap,
Rasse, Ethnie, Herkunft,
Religion und Weltanschauung,
sexueller Orientierung, Hetero, Homo, Trans- und Intersexualität.
Es muss klar sein, dass solche Persönlichkeitsmerkmale heute nicht mehr Anlass zu Diskriminierung sein dürfen, und diese Erkenntnis hat Eingang gefunden in die Gesetzgebung, die jedoch vorwiegend die Welt des Arbeitsmarktes betrifft. Antidiskriminierungsmaßnahmen müssen sich jedoch auch über diesen speziellen Bereich hinaus auf alle Lebenssituationen und Lebensphasen erstrecken, und die Diskriminierungspotenziale sind weit größer als die sechs genannten Hauptpunkte, die nach dem Modell der amerikanischen Diversity-Pionierinnen Lee Gardenschwartz und Anita Rowe11 als innere Dimensionen bezeichnet werden. Nach diesen Forscherinnen sind zudem eine äußere Dimension (Einkommen, Gewohnheiten, Freizeitverhalten, Ausbildung, Berufserfahrung, Auftreten, Elternschaft, Familienstand) und eine organisationale Dimension (Arbeitsfeld, Arbeitsabteilung, Betriebszugehörigkeit, Arbeitsort, Gewerkschaftszugehörigkeit, Status und Funktion / Gehalt) zu berücksichtigen. Alle diese Elemente können zu einer Bevorzugung oder Benachteiligung, zu einem Vorurteil oder einer Klassifizierung der betreffenden Person führen.
Die Gefahr, dass verschiedene Merkmale miteinander verschränkt zu einer Potenzierung der Diskriminierung führen können, wird als Intersektionalität bezeichnet. So können bspw. Geschlecht, schwarze Hautfarbe, von der Mehrheit abweichende Religion, als niedrig gewertete Arbeit, geringes Einkommen, Status als Alleinerziehende(r) und Kinderreichtum potenziert als ausgrenzend wirken. Um einerseits dieser Gefahr vorzubeugen und andererseits sie für die betrieblichen wie für die persönlichen Belange positiv umzumünzen, steht heute ein Bestreben in der Diskussion, das man als Diversity management bezeichnet.
Niemand darf wegen seiner Persönlichkeitsmerkmale benachteiligt werden. Dabei setzt sich die Erkenntnis durch, dass dies nicht nur für die Arbeitswelt gelten muss, sondern für alle Lebensbereiche und Lebensphasen, deshalb auch in der letzten Lebensphase und über den Tod hinaus. Hat man die gegenwärtigen Verhältnisse vor Augen, so wird schnell klar, dass von Hospiz bis Friedhof ganz überwiegend noch eine Monokultur herrscht, die den genannten Verschiedenheiten nicht gerecht wird.
Als sich seit den 1980er-Jahren die Hospizidee durchzusetzen begann, begrüßte man sie mit wachsender Aufmerksamkeit als Hoffnungsträger für eine menschliche Sterbekultur. Man setzt erst recht heute große Erwartungen in sie, doch verschwendete man zunächst noch kaum einen Gedanken daran, das Hospizwesen geschlechtersensibel und alterskonform zu gestalten. Erst recht war nicht davon die Rede, wie eine hospizliche Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund gelingen kann, wenn Sprachbarrieren und kulturverschiedene Hindernisse dagegenstehen. Die ersten Hospize entstanden in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre, ein eigenes Kinderhospiz erst 1997 in Olpe. Die Bestattungsinstitute differenzieren ihre Angebote bis heute fast ausschließlich nach den Bestattungsarten, aber nicht im Hinblick auf die Verschiedenheiten der Verstorbenen und ihrer Angehörigen. Und auch die Friedhöfe sind nach wie vor ganz überwiegend monokulturelle Einrichtungen, in denen Differenzierungen im Sinne von Diversity kaum vorgesehen sind. Erst vereinzelt setzt ein Umdenken ein, wie bspw. die Gemeinschaftsgrabstätten für Früh- und Totgeburten zeigen.
Die Berücksichtigung von Verschiedenheiten von Menschen ist eine junge Entwicklung, die erst allmählich Fahrt aufnimmt, Rückschläge erfährt, aber letztlich zukunftsweisend sein wird. Im Hospizwesen setzte dieses Umdenken mit der Erkenntnis ein, dass es anfänglich in erster Linie im Hinblick auf Krebspatienten und mit dem Ziel der Schmerz- und Symptomlinderung entstanden ist, jedoch die Bedürfnisse der alten, multimorbiden, ggf. dementen Menschen nicht berücksichtigte. Daraus entstand seit dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts das Anliegen einer palliativen Geriatrie. Im Jahr 2004 startete das „Kompetenzzentrum Palliative Geriatrie“ als Projekt des Unionhilfswerk Senioren-Einrichtungen gemeinnützige GmbH in Berlin, das sich für hochbetagte, multimorbide (mehrfacherkrankte) und sterbende Menschen einsetzt.
In ähnlicher Weise entstand zumindest theoretisch das Bewusstsein, dass die wachsende Zahl von Menschen mit Migrationshintergrund spezifische Anforderungen an ihre Pflege und Versorgung mit hospizlichen und palliativen Maßnahmen stellt. Hier sind nicht nur die sprachlichen Barrieren zu überwinden, sondern es müssen kulturspezifische Unterschiede berücksichtigt werden, wie Pflege und Fürsorge wahrgenommen und angenommen werden. In den multiethnischen Vereinigten Staaten von Amerika hat sich die Krankenschwester Madeleine Leininger schon früh als Pflegetheoretikerin und schließlich Professorin für Pflegewissenschaft einen Namen gemacht und ein Ethnopflegekonzept entwickelt. Dieses Konzept berücksichtigt, dass Kranksein in einem anderen Kulturkreis oft ein Ausgeliefertsein an fremde Bezugspersonen, fremde Behandlungsformen und fremde Medizin bedeutet. Kulturelle Prägungen beeinflussen den Heilungs- und Genesungsprozess, aber auch den Sterbeprozess im positiven wie auch im negativen Sinn, weshalb Pflegende eine Fülle an Informationen bezüglich der die Pflege betreffenden Kulturspezifika benötigen. Daraus entwickelte sich hierzulande seit den 1990er-Jahren das Konzept der kultursensiblen Pflege, auch transkulturelles Pflegekonzept genannt.12
Im Bestattungswesen, das seit fast 200 Jahren eine von Männern besetzte Domäne war, engagieren sich zunehmend Frauen, die meist als Quereinsteigerinnen diesen Beruf ergreifen. Sie berücksichtigen u. a. die Tatsache, dass Frauen zu ihrem Körper ein anderes Verhältnis haben als Männer und auch im Tode ihren ungeschützten Körper nicht den Händen und Augen von Männern ausgesetzt wissen wollen. Es keimt die Erkenntnis, dass Menschen mit homosexueller Orientierung, vor allem die Zu- und Angehörigen, ein Gespräch mit einem/einer heterosexuellen Bestatter/in scheuen. Dem Partner eines schwulen Verstorbenen fällt es möglicherweise schwer, zu sagen: „Mein Mann ist verstorben“, wenn er nicht die Gewissheit hat, auf Verständnis zu stoßen. Gay-Bestattungen und bekennend lesbische Bestatterinnen sind immer noch die große Ausnahme.
Auf Friedhöfen vollzieht sich Diversity zwar seit Jahren, aber keineswegs programmatisch, sondern als das Ergebnis eines schleichenden Prozesses von den Rändern der Gesellschaft her. Zu nennen sind etwa die mittlerweile auf einigen Großstadtfriedhöfen anzutreffenden AIDS-Gemeinschaftsgräber, die durchaus als Bekenntnisse zu schwulen Lebensentwürfen zu sehen sind. Und einer Einzelinitiative ist der 2014 eröffnete erste Lesbenfriedhof in Berlin zuzuschreiben.
Die AIDS-Szene hat sich eigene Bestattungsrituale gegeben oder erkämpft, auch eigene Formen der Erinnerungskultur kreiert, wobei erst das Internet der queeren Szene (englisch queer: etwas, das von der Norm abweicht) Räume des Gedenkens eröffnet hat. Es ist an der Zeit, sich mit Gender und Diversity in der Bestattungs- und Friedhofskultur zu befassen, um einerseits Ausgrenzungen zu vermeiden und andererseits keine Rand- oder Nebenkultur entstehen zu lassen, die sich im Zuge der Liberalisierung der Bestattungs- und Friedhofsgesetze ergeben könnten.
Relativ weit fortgeschritten ist das Bestattungs- und Friedhofswesen im Hinblick auf die Verschiedenartigkeit des religiösen Bekenntnisses. Zumindest gilt dies für Muslime, die auf vielen Friedhöfen ihre eigenen Grabfelder besitzen bzw. auf den Friedhöfen einen gewissen autarken Gaststatus besitzen. Doch auch diese Entwicklung beruht nicht auf einem Bewusstseinswandel der Mehrheitsgesellschaft, sondern ist der Eigeninitiative der Muslime zu verdanken. Sie gründeten eigene Bestattungsinstitute und die Ausländerbeiräte der Kommunen erstritten Grabareale für Muslime. Angehörige anderer Religionsgemeinschaften haben erst vereinzelt ähnliche Rechte.
Eine Gesellschaft, die mit und von der Verschiedenheit ihrer Mitbürgerinnen und Mitbürger lebt, muss sich der Aufgabe stellen, auch Diskriminierungen in der letzten Lebensphase, bei der Bestattung und der Trauer zu vermeiden.
Nicht minder müssen Wege gefunden werden, eine Diskriminierung derer zu vermeiden, die als professionelle Helfer die Menschen in der letzten Lebensphase begleiten. Der Sachverhalt ist verstörend: In Pflegeeinrichtungen sind ganz überwiegend Frauen beschäftigt, und viele von ihnen haben einen Migrationshintergrund. Obwohl weitgehend Einverständnis herrscht, dass sie unterbezahlt sind, gehören sie zu den unteren Einkommensgruppen. Ihre gesellschaftliche Reputation ist gering, und daraus folgt, dass Pflegerinnen, aber auch Pfleger mehrfach diskriminiert werden. Bei Angehörigen des Bestattungsberufes hat in den letzten Jahren zwar eine Verbesserung des Status stattgefunden, doch begegnet man ihnen häufig noch mit Vorbehalten. Auch hat die Statusaufwertung des Bestatters im Sinne eines modernen Dienstleistungsberufes allenfalls die Vorderbühne des Geschäftsinhabers erreicht, während jene, die auf der Hinterbühne mit der Abholung und Herrichtung des Leichnams befasst sind, nach wie vor mit einem Totengräberimage stigmatisiert sind. Meist sind sie im Bestattungsinstitut nicht fest angestellt, sondern arbeiten auf Honorarbasis, je nach Bedarf, und entbehren einer sozialen Absicherung. Nicht unähnlich sind die Verhältnisse im Friedhofswesen, wo im operativen Bereich zumeist Billiglöhner beschäftigt sind. Jene, die im Krematorium mit der Einäscherung der Leichen befasst sind, wagen es in der Öffentlichkeit kaum, über ihren Beruf zu reden.
Im Sinne von Diversity Management muss die Situation dieser Personenkreise unbedingt mit bedacht werden, um ihre Situation als gesellschaftliche Randsiedler zu verbessern. Bestatter, Friedhofsgärtner und Steinmetze sehen sich zudem mit dem Vorurteil konfrontiert, mit dem Tod anderer Menschen Geschäfte zu machen.
Diskriminierungsmechanismen greifen also sowohl bei jenen, die in der letzten Lebensphase stehen, als auch bei denen, die diesen Weg begleiten und organisieren. Viele Anstrengungen, diese Situation zu verbessern, beruhen auf den Initiativen einzelner Personen, Gruppen oder Institutionen, während sie noch nicht als gesellschaftliches Anliegen gesehen werden.
Da aber heute letztlich jeder sein Recht auf Individualität beansprucht, erlangt die Verschiedenheit als Teil der Identität ihre eigene Bedeutung. Und ein Blick auf diese Verschiedenheit kann dazu beitragen, auch den Wandel der Bestattungs- und Trauerkultur besser zu verstehen, ihn vielleicht sogar als Chance zu begreifen.
III. Gender
Die Verschiedenheit von Frau und Mann ist keineswegs nur eine biologische, sondern auch eine sozial konstruierte, indem dem jeweiligen Geschlecht bestimmte Verhaltensweisen nicht nur zugeschrieben, sondern auch abverlangt werden. Mit diesem Sachverhalt befasst sich nach Anfängen in den 1960er- und 1970er-Jahren in den USA auch in Deutschland seit den 1980er-Jahren die sogenannte Geschlechterforschung als eigene Disziplin, auch hierzulande als Gender Studies bezeichnet.
Das den Geschlechtern traditionell zugeordnete Trauerverhalten kann diesen Sachverhalt verdeutlichen. Auf einer Zeichnung von Rudolf Jordan, darstellend das Begräbnis des jüngsten Kindes von 1857 ist dies prototypisch dargestellt. (Abb. 1)
Während die Frau überwältigt vom Schmerz um das tote Kind in gebückter Haltung die Hände vors Gesicht geschlagen hat, bleibt der Mann aktiv, trägt den Sarg des Kindes und blickt mit offenen Augen nach vorne. Die Frau ist passiv, der Mann aktiv. Das Töchterchen hingegen übernimmt die Rolle des unverständigen Kindes, das die Situation nicht begreift und wie unbeteiligt wirkt.

Abb. 1: Rudolf Jordan, Begräbnis des jüngsten Kindes, 1857
Die Passivität der Frau und die Aktivität des Mannes im Trauerfall spiegeln sich in der Folge auch in der Konvention der Trauerkleidung. Während die Frau über Monate, bisweilen über Jahre Gefangene einer peniblen Trauermode war, beschränkte sich das Tragen von Trauerkleidung beim aktiven Mann auf kurze Zeit, die rasch dem Trauerflor am Ärmel wich, um ihm die Hände fürs Tun frei zu halten.
Diese Rollenzuschreibung an Mann und Frau im 19. Jahrhundert korrespondiert mit dem Sachverhalt, dass das Bestattungsgewerbe in dieser Zeit eine Männerdomäne geworden war. Davor war über viele Jahrhunderte die Frau jene Person, die sich als Begine, als Totenwäscherin, als Seelnonne, als Toten- oder Leichenfrau um die Bestattung der Verstorbenen kümmerte. Die neue Arbeitsteilung im 19. Jahrhundert folgte dem ökonomischen Interesse des Mannes, der als Fuhrunternehmer oder Sargtischler das gesamte Bestattungsgewerbe an sich zog, als es ihm die neue Gewerbefreiheit möglich machte.
Galten diese Rollenverteilungen im 19. Jahrhundert als gegeben und unumstößlich, so wurden sie im Laufe der Emanzipationsbewegung kritisch hinterfragt. Aber es dauerte bis in die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, bis Frauen begannen, ihre Passivität ins Gegenteil zu verkehren. Schließlich wehrten sie sich nicht mehr gegen eine „Trauer als zweifelhaftem Privileg der Frauen“13, sondern erhoben darauf einen geschlechtsspezifischen Anspruch
Den Beginn des Umdenkens kann man ziemlich genau in die 1990er-Jahre datieren, als sich Soziologinnen empirisch und wissenschaftlich damit befassten. Die erste geschlechtsspezifische Untersuchung zum Verhalten von Frauen gegenüber Sterben, Tod und Trauer verfasste in Großbritannien die Biografieforscherin Sally Cline, die u. a. in leitender Position am Institut für Women’s Studies an der Cambridge University tätig war. 1997 erschien ihre Studie „Women Death and Dying“, die unter dem Titel „Frauen sterben anders“ ins Deutsche übersetzt wurde. Sie öffnete damit den Blick auf einen differenzierten Umgang mit Männern und Frauen in Pflege und Palliative care. Auch, so ihre These, besäßen Frauen eine grundsätzlich andere, eine im Vergleich zu den Männern eher innere Einstellung zum Tod. In Deutschland waren es die Paderborner Professorin Hannelore Bublitz und die Berliner Soziologin Dorothea Dornhof, die ähnliche Forschungen betrieben, zunächst aber nur in wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlichten.14 Als die Kulturwissenschaftlerin und Soziologin Julia Schäfer 2002 die „Perspektiven einer alternativen Trauerkultur“ beleuchtete, fand sich im Zuge dieser Studie erstmals ein Exkurs zu „Trauer und Geschlechtsspezifik“: „Mit diesem Exkurs sollen geschlechtsspezifische Unterschiede, die es hinsichtlich Tod und Trauer gibt, thematisiert werden.“15
Es ist allerdings bemerkenswert, dass beinahe zeitgleich zum Beginn akademischer Studien vergleichbare Erkenntnisse bereits Einzug in die Praxis hielten. Frauen nahmen ihre besondere Rolle wahr und beanspruchten ihren Platz im Bestattungswesen, weil sie Frauen sind.
Bestattung in Frauenhänden
Es sollen eigene, negative Erfahrungen gewesen sein, die Ajana Holz bei Sterbefällen erlebt hatte. Sie hatte dabei wenig Hilfe und Unterstützung erfahren, und dies veranlasste sie, mit ihrer damaligen Freundin und Lebenspartnerin Brigitte 1999 das Bestattungsinstitut „Die Barke“ zu gründen. Insbesondere schien es ihr seinerzeit kaum möglich, Bestattungen gemäß ihrer lesbisch-feministischen Vorstellungen durchzuführen. Sie erinnerte sich an die alten Traditionen der Totenfrauen und Leichenwäscherinnen, die über Generationen hinweg die Totenfürsorge betrieben hatten. Ihr wurde gleichzeitig die besondere Aufgabe der Frau am Lebensbeginn bewusst, und so übertrug sie diese Kompetenz auf das Lebensende. Ajana Holz, die in Erwägung gezogen hatte, Hebamme zu werden, versteht sich nun als Seelen-Hebamme am Lebensende. Heute betreibt sie mit ihrer Lebensgefährtin Merle von Bredow das Bestattungsinstitut „Die Barke“ mit dem Grundsatz, „den würdevollen und sanften Umgang mit den Toten wieder in Frauenhände zu nehmen“.16 Beide Frauen sind 1964 bzw. 1967 geboren und gehören somit, wenn man so will, der jüngeren Generation an, als sie anfingen, sich der Betreuung von Kindern, Frauen und Menschen in Krisensituationen zu widmen. Sie können ebenfalls beide auf eine schamanische Ausbildung verweisen, womit sie die Geistigkeit ihres Tuns betonen, das Vorrang besitzt vor den üblichen handwerklichen und organisatorischen Tätigkeiten des Bestatters. In ihrer täglichen Praxis bestatten sie Menschen beiderlei Geschlechts, aber sie machen keinen Hehl aus ihrer Einstellung, dass Frauen und auch Kinder besonderer Sorgfalt bedürfen: „Es ist uns ein Herzensanliegen, vor allem Frauen und Kindern nach ihrem Tod einen geschützten Raum, unseren ganzen Respekt und unsere liebevolle Fürsorge zu geben, bis sie der Erde oder dem Feuer übergeben werden!“ Sie verstehen sich als „Anwältinnen“ für die Würde der Toten und für das Recht der Menschen auf ihren ureigenen Abschied und wollen mit ihrer Arbeit eine Brücke zwischen Leben und Tod bauen, die für sie untrennbar zusammengehören. Frauen, so sagen sie, können das von Natur aus besser, denn wie die Geburts-Hebammen am Lebensbeginn die Neugeborenen empfangen, so empfangen wir am Lebensende die Toten und begleiten sie und die Abschied nehmenden Lebenden in diesem Übergang.17
Derselben Generation gehört Claudia Marschner an, die auf Umwegen zum Bestattungsgewerbe kam, ihre (negativen) Erfahrungen sammelte und schließlich 1992 ihr eigenes Institut gründete, um – wie sie sagt – alles anders zu machen. Mit ihren bunten Särgen, der Beisetzung der Rocker in ihrer dunklen Motorradkluft und rosa Särgen für Lesben eroberte sie die Aufmerksamkeit der Medien und prägte die Vorstellung von dem, was man eine alternative Bestatterin nennt. Sie huldigt der Überzeugung, dass jeder Mensch in seiner Verschiedenheit die ihm angemessene Bestattung verdient. Man mag einräumen, dass manches auch wie pures Marketing klingt, aber sie wäre nicht erfolgreich, wenn es nicht eine Klientel gäbe, die ihre Verschiedenheit auch im Bestattungsfall leben möchte. Zugleich sei zugegeben, dass hier ein Nischenprodukt angeboten wird, weil sich die Mehrheit der Bevölkerung immer noch den traditionellen Formen verpflichtet fühlt. Aber wie die Bestatterinnen der „Barke“ kann Claudia Marschner im hart ausgefochtenen Konkurrenzkampf nur bestehen, weil sich eine wachsende Zahl von Menschen ihrer Eigenart bewusst wird. Man kann gar nicht sagen, dass sie eine Tür aufgestoßen haben, vielmehr war der Druck auf diesen neuen Raum bereits so gestiegen, dass sie die Türe einfach öffnen mussten.
Dafür bot Berlin, wo Claudia Marschner tätig ist, das ideale Umfeld: eine Großstadt mit ihrer lebhaften Kultur und einer kreativen AIDS-Szene, die offen oder sogar begierig war auf Neues. Eine Bestattung in Frauenhänden bietet unter ähnlichen Vorzeichen Claudia Bartholdi in der Großstadt Hamburg an und verweist ebenfalls auf die ursprünglichen Zusammenhänge von Geburt und Tod: „Schon immer haben Frauen Geburt und Tod begleitet. Ihr Wissen unterstützt die einfühlsame und fürsorgliche Begleitung der notwendigen Handlungen! Auch wir besinnen uns wieder auf die Tradition der Totenwäscherinnen und übernehmen die Abschiednahme und Totenwache in familiären Räumen.“ Milieu und Szene sind offenbar der Nährboden für das frei werdende Bewusstsein einer Individualität, die sich andernorts noch zurückhält. „Die Barke“ hingegen, mit Firmensitz in Schwäbisch Hall und daher eher in einem konservativen Umfeld beheimatet, bietet ihre Dienste bewusst bundesweit an. Daraus ist zu schließen, dass das Pflänzlein einer alternativen Bestattungskultur erst vorsichtig keimt, aber der Weg in die Zukunft ist gewiesen. Sie hat inzwischen auch mittelgroße Städte wie etwa Aachen erreicht, wo Regina Borgmann und Christa Dohmen-Lünemann seit 2007 das Bestattungsinstitut „InMemoriam“ betreiben, und man könnte die Reihe der Frauen fortsetzen, die ihre eigenen Wege gehen.
Drei Dinge sind ihnen gemeinsam: die Rückbesinnung auf die weibliche Tradition der Totenfürsorge, das Bewusstsein vom Gleichklang von Geburt und Tod und, damit verbunden, ihre Weisheit, dass der Tod ein Übergang ist in eine andere Welt. Ihre Dienstleistungen mögen sich in der Praxis vielleicht gar nicht so sehr von denen ihrer männlichen Kollegen unterscheiden, doch vermitteln sie ihren Kunden ein anderes Gefühl. Sie sprechen es nicht in erster Linie an, aber sie bedienen eben auch den Wunsch einer Frau, von einer Frau bestattet zu werden. Ein anderes Körperbewusstsein und eine damit verbundene Scham, die auch den leblosen Leichnam noch für schützenwert hält.
Von den genannten Pionierinnen abgesehen haben sich mittlerweile viele Frauen aufgemacht, die Bestattung bewusst aus Frauenhänden anzubieten. Aber selbst, wo ihnen der Weg in die Selbstständigkeit nicht gelingt, sind sie doch mittlerweile als Mitarbeiterinnen in männergeführten Bestattungsunternehmen sehr willkommen. Neben ihrem Organisationstalent wird ihnen eine besondere Einfühlsamkeit zuerkannt, und die Frauen gehen diesen Schritt vermehrt. Der Bestatterberuf ist seit 2003 Ausbildungsberuf, und bereits 2010 waren von 467 Personen in der Ausbildung zur Bestattungsfachkraft 239 Frauen. Eine steigende Zahl von Bestattungsunternehmern findet es gut, wenn Angehörige wählen können, ob sie von einem Mann oder einer Frau betreut werden wollen. Das gilt für die Vorderbühne, wo es um Beratung und Absprachen geht, aber ebenso für die Hinterbühne, wo die Verstorbenen denen, die sie einsargen und zurechtmachen, hilflos ausgeliefert sind.
Dabei herrscht unter den Frauen eine bewusste Reflexion ihrer Praxis, die allerdings bis heute kaum theoretisch unterfüttert ist. Selbst Erni Kutter, Diplom-Sozialpädagogin und Vorkämpferin für eine weibliche Trauerkultur, die versucht, in das Phänomen der Frauentrauer tiefer einzudringen, verweist letztlich nur auf das „uralte Frauenwissen“, von dem Impulse für die „Entstehung einer neuen Sterbe- und Gedenkkultur“18 ausgehen. Sie verweist auf die traditionelle Beziehung der Frauen zur Kranken- und Totenfürsorge, auf altes schamanisches Wissen ebenso wie auf spirituell-magische Hintergründe der mittelalterlichen Beginen. Aus meiner Sicht macht sie deutlich, dass es sich hier um Gefühle handelt, die den Ausschlag geben, wenn Frauen, die sich ihrer Verschiedenheit bewusst werden, sich bei Geschlechtsgenossinnen besser aufgehoben wissen.
Die weiblichen Bestatterinnen kommen jedoch nicht nur einem erwachenden Bedürfnis nach der Betreuung der Frauen durch Frauen entgegen, sondern sie nehmen Einfluss auf die Bestattungskultur an sich, denn immer mehr Männer orientieren sich an den weiblichen Idealen und befleißigen sich derselben Sensibilität. Viele Vertreter der neuen Bestattergeneration sind Quereinsteiger/innen und kommen aus unterschiedlichsten Berufen; sie haben sich aufgrund eigener Erfahrungen – gelungenen wie weniger gelungenen Abschieden von nahestehenden Menschen – an einem bestimmten Punkt ihrer jeweiligen Biografie entschieden, ein eigenes Bestattungsinstitut zu gründen. So heißt es auf der Website des „BestatterInnen Netzwerk“19, sie seien ein bundesweiter Kreis inhabergeführter Bestattungsunternehmen, die sich einem gemeinsam erarbeiteten Leitbild20 verpflichtet haben. Vielem darin fühlen sich „normale“ Bestatter/innen ebenso verpflichtet, aber ein besonderer Gedanke ist schon, dass sich die alternativen Bestatter/innen als Wegbegleiter in der kostbaren Zeit zwischen Tod und Bestattung für die Toten und ihre Angehörigen verstehen. Kostbare Zeit ist hier der Schlüsselbegriff, mit dem sie der durch den Tod belasteten Zeit eine neue Qualität verleihen. Und sie verstehen die Toten nicht als Objekte ihres Tuns, sondern als schutzbedürftige Menschen und Teil des Beziehungsgeflechtes, innerhalb dessen es eines Interessenausgleichs zwischen Toten, Angehörigen und Institutionen bedarf.
Friedhöfe für Frauen
Wie die Bestattung seit dem 19. Jahrhundert eine Domäne der Männer geworden war, so gehörte es umgekehrt zum Bild der Frau, dass sie sich um die Pflege der Gräber kümmert. Grabpflege war reine Frauensache, solange die Familie das Standardmodell der Lebensgestaltung war. Dies hat sich, wie wir alle wissen, längst geändert, und eine Vielzahl von Lebensformen ist nicht an ihre Stelle, ihr aber wohl zur Seite getreten. Das Single-Sein als eine weitverbreitete Lebensform erfordert hier neue Strukturen, macht Familiengräber überflüssig und lässt überhaupt die Frage nach der Sinnhaftigkeit und Bedeutung des Grabes entstehen. Die anonyme Bestattung war gewiss auch eine Antwort auf die Frage nach einer ungewissen Sorge um das Grab. Wo keiner da ist, der diesen Ort der Trauer braucht und sich darum kümmert, ist er verzichtbar. Doch schließt das nicht den Wunsch der Betroffenen nach einer Grabstelle aus.
Als eine Lösung bietet sich das Gemeinschaftsgrab an, in dem man sich schon zu Lebzeiten einen Platz sichert. Dort kann man sich aufgehoben wissen, bleibt indes so vereinzelt, wie man vielleicht gelebt hat. Wird das Single-Sein indes durch andere Wohnformen ergänzt, in denen Gleichgesinnte zusammenleben, so bietet sich zugleich ein gemeinsames Grab an. Diesen Entschluss fassten 2009 die Frauen der Genossenschaft FrauenWohnen in München: „Die Genossenschaft FrauenWohnen bietet ihren Mitfrauen die Möglichkeit, in einem gemeinsamen Gräberfeld auf dem neuen Friedhof in Riem bestattet zu werden. Dies ist eine Alternative zur anonymen Bestattung oder auch ein Ort für Frauen, die keine Angehörigen haben, die das Grab pflegen können bzw. wollen.“21 Die Frauen der Münchner Wohngemeinschaft wollen demnach nicht nur zusammenleben, sondern nach dem Tod zusammenbleiben, gewissermaßen als „Nachbarinnen für immer“, wie die Süddeutsche Zeitung ihren Bericht über den Frauenfriedhof titelte. Dabei war den Münchner Frauen durchaus bewusst, dass sie nichts Neues erfunden hatten, sondern auf die alte Tradition der Friedhöfe für Ordensfrauen zurückgriffen. Die Frauen wollten wissen, wo sie ihre letzte Ruhe finden. Beim Vereins-Grab haben sie die Gewissheit, dass sie von den Mitgliedern besucht werden – ein schöner Gedanke für jene, die keine Familie haben.
„Gräberfeld Schiefe Kiefer für Frauen der Genossenschaft FrauenWohnen“ nennt sich das Projekt offiziell in der Trägerschaft eines nicht eingetragenen Vereins, der seinen Vereinszweck in seiner Satzung folgendermaßen formuliert: „Der Zweck des Vereins ist die Anmietung, Verwaltung und Pflege des Gräberfelds Nr. 53 auf dem neuen Friedhof Riem für die Bestattung von Mitfrauen des Vereins.“22 Auf dem Gräberfeld steht eine blaue Stahlskulptur mit dem Titel „Raumzeichnung“, die der Verein in Auftrag gegeben hat. Man habe, so wird berichtet, schon seine Einweihung mit Prosecco begossen, wie man das vielleicht auch bei Trauerfeiern tut. (Abb. 2)
Dieses Friedhofsmodell wird nicht das einzige bleiben und belegt exemplarisch, dass das gruppenspezifische Gemeinschaftsgrab als wesentlicher Teil des Wandels der Friedhofskultur Ausdruck des Bewusstseins von Verschiedenheit ist. Die Frauen, die hier zusammenleben, haben eine Wohnform gewählt, die ihrer selbst gewählten Lebensform entspricht und verschieden ist von dem, was man lange Zeit für das Übliche gehalten hat. Dass man entsprechend eine andere Bestattungsform wählt, ist naheliegend. Dass es seit 2014 in Berlin einen Friedhof für Lesben gibt, muss als logische Konsequenz dieser Entwicklung angesehen werden. Auf ihn werden wir an anderer Stelle noch näher eingehen.

Abb. 2: München, Friedhof Riem, Gräberfeld Schiefe Kiefer für Frauen der Genossenschaft FrauenWohnen, 2009, Foto: Dagmar Kuhle
War bereits davon die Rede, dass Grabpflege Frauensache ist, so ist Erinnerung Männersache. Dies hat bereits der römische Geschichtsschreiber Tacitus in dem Satz FEMINIS LUGERE HONESTUM EST VIRIS MEMINISSE23 – Für Frauen ist das Trauern ehrenvoll, für Männer das Gedenken festgehalten, und diese Worte waren einst sogar für den Eingang zum berühmten Friedhof Père-Lachaise in Paris vorgesehen. Weitaus mehr als Frauen standen Männer im gesellschaftlichen Mittelpunkt und pflegten ihre memoriale Zukunft. Selbst als im 20. Jahrhundert Frauen die Gesellschaft zu erobern begannen, war ihnen ein entsprechendes Gedenken nicht gewiss. Diese Erkenntnis führte in Hamburg 2001 zur Eröffnung der „Garten der Frauen“ genannten Gedenkstätte: „Durch den Garten der Frauen sollen Frauen, die Hamburgs Geschichte mitgeprägt haben, in bleibender Erinnerung gehalten werden. Denn im Gegensatz zum Umgang mit bedeutenden männlichen Persönlichkeiten, deren Verdienste gewürdigt werden und deren Andenken bewahrt wird, geraten weibliche Persönlichkeiten schnell in Vergessenheit.“24 Angelegt wurde der „Garten der Frauen“ auf dem Friedhof Hamburg-Ohlsdorf und entwickelte sich rasch zu einem Kulturprojekt.
Allerdings blieb es beim „Garten der Frauen“ nicht bei einem Gedenkort, sondern er dient zugleich als Begräbnisstätte für Frauen, die sich als Mäzeninnen dieses Ortes verstehen und in dieser Frauenwelt bestattet sein wollen: „Im Garten der Frauen können sowohl Sarg- als auch Urnengrabstellen erworben werden. Wer eine Grabstelle erwirbt, wird gleichzeitig Mäzenin für den Erhalt der historischen Grabsteine.“25 Es sind Schauspielerinnen, kulturschaffende Frauen sowie Frauen aus den Bereichen Politik, Bildung und Soziales, die sich für dieses Projekt engagieren und zumindest teilweise auch an diesem Ort bestatten lassen. Etwa 60 Frauen fanden bisher (2015) hier ihre letzte Ruhestätte.
Der „Garten der Frauen“ ist in seiner Weise ein deutliches Signal nicht nur der Emanzipation, sondern auch einer neuen Trauerkultur, in der der Unterschied der Geschlechter zu einem neuen Wesensmerkmal wird. Frauen sind anders, sie empfinden das und sie gestalten entsprechend ihr Leben anders und ihr Sterben.
Männer trauern anders
Wenn hier gewissermaßen einleitend von Frauen die Rede war, so müsste man eigentlich auch von ihnen sprechen, wenn es um die Trauer geht. Zumal mit der relativ jungen Gender-Forschung vorwiegend das weibliche Geschlecht in den Fokus rückte, weil man hier im Zuge der Emanzipation auch die Defizite entdeckte, die mit dem Rollenbild Frau verbunden sind. Selbstredend wusste man von der Benachteiligung der Frau durch die Last der Trauerkleidung, die sie fast ausschließlich zu tragen hatte. Überhaupt wurde man sich bewusst, dass die Trauer eine Frau war. Ihre ins Bild gesetzten Personifikationen finden sich auf vielen Friedhöfen und sind in ihrer anrührenden bis erotischen Gestalt die Zierde vieler Grabmale des 19. Jahrhunderts.26 Frauen hatten allerdings auch das verbriefte Recht, ihre Gefühle offen zu zeigen und zu weinen. Die Männer schienen dabei außen vor zu sein.
Die bereits für das Rollenverständnis herangezogene Radierung des Malers Rudolf Jordan die das Begräbnis des jüngsten Kindes zum Inhalt hat und 1857 entstanden ist, mag einen Eindruck von solcher Rollenverteilung vermitteln, wenn die Mutter vor Gram gebeugt die Hände vors Gesicht schlägt und ihrem Schmerz freien Lauf lässt. Einen Schritt vor ihr trägt der Vater das Särglein des Kindes und hat den Blick nach vorn gerichtet. Mag auch er den Schmerz des Verlustes spüren, so ist ihm die Möglichkeit versagt, ihn zu zeigen. Selbst in dieser bitteren Stunde bleibt er der Handelnde, denn er muss agieren. Auch dem Töchterchen neben ihm, das sich an seinem Hosenbein festhält, ist eine Rolle zugewiesen, die des unwissenden Kindes, das noch nichts von dem tragischen Geschehen versteht und hilflos in die Welt blickt. Alles hängt am Vater, der gerade jetzt keine Schwäche zeigen darf, obwohl ihm danach zumute ist.
Dass die Mutter trauern darf, dass ihr als Frau sogar die Pflicht des Schmerzes auferlegt war, ist Teil des Familienbildes dieser Zeit und bis heute geblieben. Frauen, so glaubt man, können deshalb mit ihrer Trauer besser umgehen. Sie können darüber reden, schließen sich einer Trauergruppe an oder besuchen ein Trauercafé. Dass Männer an ihrer auferlegten Rolle scheitern können, manche Ehen deshalb den Verlust eines Kindes nicht aushalten, wird von Psychologen heute auf lang zurückliegende, archaische Zeiten zurückgeführt. Der Mann musste still sein, damit ihm das zu jagende Tier nicht wegläuft, während die Frau am Herd und mit ihrer Kinderschar zu ständiger Kommunikation gezwungen war. Andere führen die Sprachlosigkeit der Männer, die sich hinter Rationalität und dem Willen zur Kontrolle über sich selbst verbirgt, auf ihre anders verlaufende Sozialisation zurück.27 Man mag solche und ähnliche Erklärungsversuche mögen oder nicht, aber die Erkenntnis reift, dass Männer anders trauern als Frauen.28
Hierher gehört die Beobachtung, dass Trauergruppen ganz überwiegend von Frauen besucht werden; Männer sind hier Exoten und so fühlen sie sich dann auch und bleiben wieder weg, falls sie überhaupt den Mut aufgebracht haben, dort Hilfe und Unterstützung zu suchen. Die Erkenntnis, dass Männer nicht mit, vor allem nicht vor Frauen reden können, führte schließlich zur Einrichtung von Trauergruppen für Männer. Es ist eine späte Anerkenntnis der Verschiedenheit von Menschen, auf deren unterschiedliche Bedürfnisse differenziert eingegangen werden muss. Verfolgt man die Entwicklung des Prinzips Trauergruppe, die aus verschiedenen Gründen mehrheitlich an die Stelle der Einzelseelsorge getreten ist, so wird die wachsende Wahrnehmung von Verschiedenheit noch deutlicher. Trauergruppen werden nicht nur nach Geschlecht, sondern nach Situation organisiert. In der Trauergruppe „Verwaiste Eltern“ treffen sich Eltern, in deren Familie ein Kind gestorben ist; dagegen wendet sich die „Regenbogengruppe“ an Eltern, deren Kind kurz vor, während oder kurz nach der Geburt verstorben ist. Die „Trauergruppe Suizid“ wiederum ist offen für Menschen, die einen Angehörigen oder Freund durch einen Suizid verloren haben. Gerade unter großstädtischen Verhältnissen ist es durchaus üblich, dass mehrere geschlechts- oder anlassbezogene Trauergruppen nebeneinander bestehen.
Genderspezifische Aspekte der anonymen Bestattung
Dass Männer und Frauen sich jeweils anders verhalten, belegt ein Blick auf die anonyme Bestattung, die gewissermaßen als Indikator für eine veränderte Bestattungs- und Friedhofskultur gelten kann. Da sie in den späten 1980er- und den 1990er-Jahren rasch an Akzeptanz gewann, steht sie gewissermaßen auch am Beginn des Wandlungsprozesses. Als man sich kritisch mit ihr auseinanderzusetzen begann, hielt man finanzielle Erwägungen für ausschlaggebend bis hin zur Diffamierung der Bevölkerung, der die Bestattung ihrer Angehörigen nichts mehr wert sei. Völlig unbeachtet blieben dabei geschlechtsspezifische Unterschiede in den Beweggründen für eine anonyme Bestattung. Es ist das Verdienst der Soziologin Nicole Sachmerda-Schulz und des Sozialwissenschaftlers Paul Sebastian Ruppel, auf diese Sachverhalte aufmerksam gemacht zu haben. Für ihre Forschung bedienten sie sich der Methode offener Leitfadeninterviews mit Personen, die sich für eine anonyme Bestattung entschieden hatten.
Bei der Wahl einer anonymen Bestattung, so die beiden Forscher, zeigen sich auffällige Differenzen zwischen Männern und Frauen: „Die Präsentation bzw. Repräsentation von Weltanschauungen und Werthaltungen stellt für die (männlichen) Interviewpartner eine Triebfeder für die Entscheidung für eine Anonymbestattung dar. Aussagen der (weiblichen) Interviewpartnerinnen indes verweisen darauf, dass diese Entscheidung primär einer pragmatischen und am sozialen Umfeld ausgerichteten Orientierung folgt.“29 Wählen Männer die Anonymität, so wollen sie vielfach tatsächlich ganz verschwinden („ein Verschwinden in der Masse“) und sehen darin eine bewusste antichristliche Haltung. So äußerte sich ein Befragter, dass das Grab als ortsgebundene Erinnerungsstätte religiöser Praxis entspreche, welche er ablehne: „Das ist für mich typisch christlich oder an bestimmte Religionen gebunden, und die sind für mich nicht relevant.“ Ein anderer präferierte ein anonymes Friedwaldgrab, weil er darin einen Gegenentwurf zum christlich konnotierten Friedhof sieht. Bemerkenswert ist zudem der Schluss, dass Männer diese quasi unsichtbare Form der Bestattung gleichzeitig als Manifestation ihrer Anschauung im öffentlichen Raum verstehen. Sie wollen damit etwas über ihren Tod hinaus ausdrücken.
Für Frauen spielten diese Gedanken, so Sachmerda-Schulz und Ruppel, eine eher untergeordnete Rolle. Sie orientieren sich bei ihrer Entscheidung eher an den Bedingungen ihres sozialen und privaten Umfeldes. Eine Frau erläuterte, die anonyme Bestattung sei eine pragmatische Alternative, um den Angehörigen Aufwendungen in Form von Zeit und Geld zu ersparen. Der Beweggrund, den Hinterbliebenen nicht zur Last fallen zu wollen, scheint demnach eher für Frauen maßgeblich zu sein, während er für Männer allenfalls eine untergeordnete Rolle spielt.
Frauen wiederum lassen sich zudem von der Sorge leiten, ihr Grab könnte dereinst ungepflegt sein und nicht ihren Vorstellungen einer Gedenkkultur entsprechen, wobei zusätzlich eine denkbare Verwahrlosung der Grabstätte die Angst vor den Blicken der anderen schürt: „… jeder guckt, diese Woche war die gar nicht aufm Friedhof und hat geharkt oder es wurden noch keine neuen Blumen gepflanzt und das Gesteck, na das ist bestimmt von Aldi oder so. Also da wird so richtig drüber hergezogen, und das ist was, was mir total gegen den Strich geht.“ Damit kann die anonyme Bestattung für Frauen eine Möglichkeit darstellen, sich den Konsequenzen der sozialen Normen und Konventionen in Bezug auf die Grabpflege zu entziehen.
„Die Interviewpartnerinnen messen dem Aspekt der Grabpflege bei der Bestattungsentscheidung eine zentrale Rolle bei. Zum einen sollen die Angehörigen mit einer anonymen und damit pflegefreien Bestattung entlastet werden. Zum anderen wollen sie mit dieser Entscheidung einem verwahrlosten Grab vorbeugen, das – beziehungsweise die Vorstellung davon – sie sich selbst nicht zumuten möchten. Durch die Bestattungswahl realisieren sie eine autonome Fortexistenz nach dem Tod, die sie, beziehungsweise ihre Grabstätte, unabhängig von Pflege durch Angehörige macht.“30 Dass für Frauen der Aspekt der Grabpflege eine zentrale Rolle spielt, korrespondiert mit einem traditionellen Rollenverständnis von Frauen, die eben für die Grabpflege zuständig sind. Männer ficht das weniger an, und sie beharren auf ihrer Rolle, das Heft des Handelns nicht aus der Hand zu geben.
Noch stecken die Forschungen zu den geschlechtsspezifischen Aspekten der Bestattungs- und Grabwahl in den Kinderschuhen, sie können aber jetzt schon zeigen, dass man nur durch ihre Berücksichtigung den Wandel der Trauerkultur besser verstehen kann.
Friedwald und Gender
Jene Frauen, die begonnen haben, das männliche Geschäft der Bestattung wieder zu feminisieren, haben u. a. auf eine besondere weibliche Kompetenz verwiesen, die aus ihrer biologischen Fähigkeit resultiert, Leben zu schenken. Weil sie etwas vom Lebensanfang wissen, ist ihnen auch das Lebensende vertrauter. Auch die Genderforschung betont das zyklische Verständnis der Frau, das den Tod als einen immer wiederkehrenden Prozess im ewigen Kreislauf von Zeugen, Gebären und Sterben begreift, weshalb das Sterben zu einem kreativen Prozess wird. Das Denken und Fühlen in Zyklen sei der Frau bereits biologisch (Sex) durch den sich wiederholenden Monatszyklus zu eigen.
Die Eröffnung des ersten deutschen Friedwaldes 2001 bei Kassel musste diesem weiblichen Verständnis sehr entgegenkommen, denn die Naturbestattung entlastete die Frau nicht nur von der männlich verordneten Grabpflege, wie dies bereits bei der anonymen Bestattung der Fall war, sondern kam auch ihrem zyklischen Todesverständnis sehr entgegen.31 So betonen die Verfechter der Naturbestattung den symbolischen oder sogar realen Zusammenhang der Bestattung mit dem der Natur immanenten Zusammenhang von Werden und Vergehen. Das mag eine geniale Vermarktungsstrategie sein, aber tatsächlich findet sie in den Frauen ihre primäre Zielgruppe.
Lange bevor der erste Friedwald eröffnet wurde, hielt 1995 die Pastorin Sabine Ahrens eine bemerkenswerte Predigt, in der sich das weibliche Verständnis von Sterben und Tod spiegelt, wobei nicht nur der Waldboden eine symbolhafte Bedeutung gewinnt, sondern die ganzheitliche, mit allen Sinnen erlebte Bedeutung von Natur formuliert wurde: „Dann bin ich eines Morgens aufgewacht, und es lag ein anderer Geruch in der Luft: Auf einmal roch es nach Herbst. Ich begann, die verblühten Blumen zu bemerken. Und auf einem Spaziergang durch den Wald hat sie mich erwischt. Die Traurigkeit! Der weiche Waldboden, ein dicker, brauner Teppich aus vermodertem Laub. Ein intensiver Geruch nach Erde. Plötzlich stand es mir ganz greifbar vor den Augen: ,da musst du eines Tages auch hin! In diese Erde‘… dieser Waldboden strahlte auch etwas Warmes und Fruchtbares aus. Eigentlich habe ich es noch nie so mit der Mutter Erde gehabt, aber auf einmal bekam diese Erde für mich etwas Mütterliches. Mutterboden! Ein Ort, wo ich mich hinlegen kann, wo ich alles Schwere ablegen kann. Erde, zu der ich zurückkehren kann und die mich aufnehmen wird. Wo mein Sterben eingebettet sein wird in die Fruchtbarkeit und neues Wachstum. Und ich werde ein Teil davon sein – und bin es schon jetzt. Es war ganz merkwürdig für mich, dass diese Geborgenheit, die ich sonst Gott nenne, dass sich die auf einmal mit der Erde verband.“32
Als diese Predigt im November 1995 in der Dortmunder St. Petri-Kirche gehalten wurde, gab es weder Friedwald noch Ruheforst, auch keinen Seelhain, aber man kann an diesen Worten ablesen, dass für diese Formen der Naturbestattung der Boden im weiblichen Bewusstsein längst vorbereitet war. Noch fehlen empirische Untersuchungen, die eine Bevorzugung der Naturbestattung bei der weiblichen Klientel statistisch untermauern können, aber ein feministischer Blickwinkel auf Sterben und Tod legt diese Annahme nahe.
Geschlechtersensibler Umgang mit Pflegebedürftigen und Sterbenden
Die von England ausgehende und seit Mitte der 1980er-Jahre auch in Deutschland aufkommende Hospizbewegung hatte es zwar anfangs nicht leicht, denn man argwöhnte, die stationären Hospize seien so etwas wie Sterbekliniken, doch sie hat sich durchgesetzt und gilt heute als eine der bedeutendsten Errungenschaften moderner Lebens- und Sterbeweise. Man hatte organisatorisch und medizinisch einen Weg gefunden, der Menschen in der letzten Lebensphase ein Leben in Würde und Selbstbestimmung ermöglichen soll. Zwar ist das Angebot von Hospizen noch nicht in der wünschenswerten Weise flächendeckend gewährleistet, doch als notwendiger Standard anerkannt.
Ist die Hospizbewegung inzwischen den Kinderschuhen entwachsen, so stellen sich ihr neue Fragen. Gestellt wurden sie im Juni 2009 auf der Tagung „Gender in der Betreuung und Pflege alter Frauen und Männer“, die vom Institut für Palliative Care und OrganisationsEthik der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt in Wien organisiert wurde. Erstmals traten in diesem Umfang die differenzierten Bedürfnisse von zu Pflegenden und Sterbenden in Bezug auf Geschlecht, Alter und sexueller Orientierung in den Mittelpunkt. Beschrieben wurde das Tagungsthema mit folgenden Worten: „Die Betreuung und Pflege alter Menschen mit Unterstützungsbedarf bis an ihr Lebensende gewinnt als gesellschaftliche Herausforderung an Bedeutung. Gleichzeitig kann beobachtet werden, dass diese Herausforderung in unterschiedlichen Rollen – bezogen auf Geschlechterverhältnisse – bearbeitet und gelebt werden. Im Rahmen der Tagung Gender-Care gehen wir daher folgenden Fragen nach: Was bedeutet Gender für die Bedürfnislagen von alten Frauen und Männern mit Unterstützungsbedarf?“ Die Beiträge der Tagung wurden anschließend von Elisabeth Reitinger, einer der Organisatorinnen, und Sigrid Beyer publiziert, und der 2010 erschienene Tagungsband kann inzwischen als Standardwerk dieser Fragestellungen gelten.33
Eigentlich bleibt nur das Erstaunen darüber, dass nicht früher erkannt wurde, dass Frauen und Männer, junge und alte Menschen, Hetero- und Homosexuelle unterschiedliche Beziehungen zu ihrem Körper und zu ihrer Seele, zu ihren Gefühlen entwickeln bzw. mit ihrer Biografie und Sozialisation entwickelt haben. Aber das gehört eben zur Moderne, dass die Zuweisung bestimmter Geschlechterrollen nicht mehr frag- und klaglos hingenommen wird, sondern einer Erkenntnis von der Verschiedenheit der Menschen weicht. Dann werden Fragen relevant, wer z. B. in welchem Zustand von wem berührt werden will und unter welchen Voraussetzungen. Der eigene Körper wird von Männern und Frauen unterschiedlich erlebt, Gleiches gilt für eine durch die sexuelle Orientierung geprägte Wahrnehmung des Körpers. Und man kann das fortsetzen, indem man nach der mentalen Einstellung fragt, die durch Religion und Weltanschauung geprägt sein kann. Ein gesprochenes Gebet kann für den einen eine Entlastung sein, für die andere eine Zumutung. Unterschiedliche Krankheitsbilder bis hin zu Depression und Demenz spielen ebenfalls eine gewichtige Rolle.
Bezieht man solche Kategorien in die Pflege alter, multimorbider und sterbender Menschen ein, so stellt dies an die Pflegekräfte erhöhte Anforderungen hinsichtlich Wissen, Ausbildung und Einfühlungsvermögen. Bemerkenswert an der genannten Tagung war, dass sie die geschlechterbedingte Rollenfrage auf die Pflegenden, die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte und Angehörigen ausdehnte. So sei das Rollenverständnis der Frau zu hinterfragen, wonach sie schon aufgrund ihres Frauseins prädestiniert sei für die Pflege, dafür aber wenig Anerkennung findet und eine schlechte Bezahlung erhält. Erst recht gelte dies für den hohen Anteil an Migrantinnen im Pflegesektor, die aufgrund ihres Status ohnehin Benachteiligungen ausgesetzt sind. So mündete die Tagung in die Forderung nach einem Diversity Management, das den Bedürfnissen aller Beteiligten nachkommt.
Frau und Tod
„Ist der Tod eine Frau?“ Diese Frage stellte der deutsch-amerikanische Germanist Karl S. Guthke 1997 in seinem gleichnamigen Buch. Indem er „Geschlecht und Tod in Kunst und Literatur“, wie es im Untertitel heißt, untersuchte, konnte er auf eine lange Kulturgeschichte verweisen, in der die Beziehung zwischen Frau und Tod eine besondere Rolle spielte. Ernie Kutter präzisierte in ihrer Analyse der weiblichen Trauerkultur, es sei die „Schwester Tod“, die uns nicht bedrohlich gegenübersteht, sondern uns dabei helfen will, das letztlich Unvermeidliche anzunehmen und in das Leben zu integrieren.34
Dass Frau und Tod in einer besonderen Beziehung stehen, ist seit dem biblischen Sündenfall, in dem die Frau durch ihre Verführung des Mannes den Tod wirkte, eine unendliche Geschichte, in der immer neue Positionsbestimmungen versucht wurden. Seit der Renaissance stehen Frau und Tod in einer erotischen Beziehung, unnachahmlich ins Bild gesetzt etwa durch Hans Baldung Grien oder Niklaus Manuel Deutsch, beide zu Beginn der Neuzeit im 16. Jahrhundert.
Der Tod und das Mädchen wurden in Dichtung und Kunst eines der beliebtesten Themen als Sinnbild von Schönheit, Erotik, Lebensblüte, aber auch von leiblichem Zerfall und Vergänglichkeit. Das besondere Verhältnis von Frau und Tod ist nie wirklich geklärt worden, aber es blieb immer ein besonderes, das heute neu definiert wird: Die Frau ist in Sterbensdingen kompetenter als der Mann.
Mit seiner Fassung von Tod und Mädchen hat Edvard Munch 1894 eine eigene Variante ins Spiel gebracht: die Motivik hat sich kaum verändert; innig ist ihre Umarmung, und der Tod drängt sein knochiges Bein keck zwischen die Schenkel des Mädchens. Doch der scheinbar ungleiche Kampf geht zugunsten des Lebens aus, denn auf dem Rahmen der Zeichnung sind Spermien und Embryonen dargestellt, den ewigen Fortgang des Lebens symbolisierend, den kein Tod hindern kann. Die Frau, die das Leben schenkt, weiß auch mit dem Tod umzugehen, der scheinbar das Leben nimmt. Daraus speist sich ihre besondere Qualität, die ihr ihre Rolle in der Totenfürsorge zuweist.
Ähnlich hat das der ostpreußische Maler und Graphiker Robert Budzinski in seiner achtteiligen Holzschnittfolge in Szene gesetzt, die 1924 als Mappenwerk unter dem Titel „Der Sieg des Lebens (Auch ein Totentanz)“ erschienen ist. Weit weniger berühmt als Munch hat Budzinski eindrücklich den Sieg des Lebens über den Tod illustriert, indem sich in der scheinbar traditionellen Bilderfolge eines Totentanzes das Blatt zugunsten der Frau wendet, die nach einem furiosen Tanz mit dem buhlenden Galan über das in seine Einzelteile zerbrochene Knochengerüst des Todes triumphiert.35 (Abb. 3)

Abb. 3: Robert Budzinski, Der Sieg des Lebens (Auch ein Totentanz), 1924, Foto: Museum für Sepulkralkultur, Kassel
Man kann schon sagen, dass beide Kunstwerke an der Schnittstelle zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert beinahe so etwas wie Schlaglichter auf ein neues Selbstbewusstsein der Frau werfen können, die in ihrer Kompetenz für das Leben und damit für den Tod wurzelt. Nicht unwidersprochen blieb der Entwurf einer Care-Ethik der US-amerikanischen Psychologin und Feministin Carol Gilligan36, in dem sie 1982 im Gegensatz zu einer männlichen Gerechtigkeitsmathematik eine „typisch weibliche Ethik“ postulierte, welche die Fürsorge (Care) für andere Menschen als oberstes Prinzip weiblicher Moral kennt. Zweifellos nährt Gilligan damit von einer ganz anderen Seite die Vorstellung einer biologischen Diversität, die die Frau besonders empfänglich für die Aufgaben der Totenfürsorge macht. Doch wandten ihre Kritiker ein, dass eine geschlechtsspezifische Ethik nicht per se existiere, sondern lediglich auf einer angelernten Rollenmoral beruhe.37 Ohne diesen Sachverhalt klären zu können, stellt sich doch die Frage, ob die Rollenzuweisung an die Frau einer so gelagerten Disposition folgte oder gegen ihre Bestimmung erfolgte. Im Zuge der Emanzipation haben sich Frauen zwar einerseits erfolgreich gegen bestimmte Erwartungshaltungen gewehrt, andererseits aber ihre frauenspezifische Veranlagung betont.
Die Realitäten, in denen die Frauen die Hauptlast der Fürsorge tragen, sind kaum aufschlussreicher, denn sie beruhen ihrerseits auf eingespielten Rollenzuweisungen. Dabei ist bemerkenswert, dass der Begriff der Fürsorge (Care) selbst in Misskredit geriet, als man die Autonomie der zu Pflegenden in den Mittelpunkt rückte. Care ist zwar wieder gesellschaftsfähig geworden, bspw. in Palliative Care, sie muss sich allerdings immer im Dienst des autonom handelnden Pflegebedürftigen wissen.
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