Kitabı oku: «Griechische Götter- und Heldensagen»
Reiner Tetzner / Uwe Wittmeyer
Griechische Götter- und Heldensagen
Reclam
2019 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Covergestaltung: Stefan Schmid Design
Coverabbildung: Aias bedrängt Kassandra im Tempel der Athena (Bild auf einer Hydria, die sich heute im Archäologischen Nationalmuseum in Neapel befindet; um 480 v. Chr.)
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2019
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961535-6
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-019644-1
www.reclam.de
Inhalt
GRIECHISCHE GÖTTER- UND HELDENSAGEN
GÖTTERSAGEN
Die drei GöttergenerationenDie Welt entstehtDer Sohn entmannt den VaterAphrodite wird geborenPygmalion verlangt nach einer StatueDer begehrte AdonisDie Nachkommen der NachtSchicksalsgöttinnenDie Nachkommen des PontosGalateia und PolyphemDie Titanen unter KronosZeus wird geborenDie TitanenschlachtDie Unterwelt
Die Olympischen GötterZeus herrschtDemeter trauert um PersephoneZeus und Hera – das göttliche PaarHephaistos’ und Athenas widernatürliche ZeugungApollons langwierige GeburtApollon erwählt DelphiArtemis und KallistoHermes wird geborenAls Säugling stiehlt Hermes Apollons RinderDer ziegenfüßige PanAthena erfindet die FlöteMarsyas und Apollon im MusenwettstreitApollon liebt den HyakinthosDaphne, die LorbeerjungferAsklepios’ untreue MutterDie Giganten greifen anDer Kampf mit dem Weltfeind Typhon
HEROENSAGEN
Prometheus und die Entstehung der MenschheitDie vier WeltzeitalterDie große FlutDer Menschenfreund PrometheusPrometheus wird angeschmiedetPandora bringt das Übel auf die WeltDie Abstammung der Heroengeschlechter
Das Geschlecht des AgenorZeus liebt Io und verwandelt sie in eine schöne KuhPhaëthon begegnet seinem Vater HeliosPhaëthon fährt den SonnenwagenDie Kalydonische JagdDas minoische KretaZeus verführt EuropaMinos und das Monster MinotaurosIkaros fliegt sonnenwärtsByblis und KaunosTheben – die leidgeprüfte StadtKadmos gründet ThebenAphrodite und Ares im Liebesakt gefesseltHermaphroditos’ VerweiblichungDie Hochzeit von Kadmos und HarmoniaDie Taten des DionysosDie Flammengeburt des DionysosZagreus, der erste DionysosDionysos bei Ino und MelikertesDionysos bewährt sichDionysos kehrt nach Theben zurückDionysos und die MinyadenSeeräuber entführen DionysosDionysos wird im Olymp aufgenommenOidipus und Sieben gegen ThebenAktaions unerlaubter BlickDas Schicksal des OidipusDer erste Angriff auf Theben wird vorbereitetOidipus’ EndeSieben gegen ThebenAntigoneDie EpigonenWie Teiresias zum größten Seher wurdeNarkissos und Echo
Die Nachkommen des BelosPerseusDie blutige Hochzeit der DanaïdenDanaë und der GoldregenPerseus enthauptet MedusaPerseus rettet AndromedaPerseus gründet MykeneHeraklesZeus zeugt mit Alkmene HeraklesHerakles’ GeburtDie zwölf Taten des Herakles1. Der Nemëische Löwe2. Die Lernäische Hydra3. Die Kerynëische Hirschkuh4. Der Erymanthische Eber5. Die Ställe des Augias6. Die Stymphalischen Vögel7. Der Kretische Stier8. Die menschenfressenden Pferde9. Der Gürtel der Hippolyte10. Die Rinder des Geryoneus11. Die Äpfel der HesperidenPrometheusAntaiosAtlas12. Der Höllenhund KerberosHerakles am ScheidewegAls Sklave bei OmphaleHerakles erobert TroiaHerakles und DeïaneiraHerakles’ EndeDie Rückkehr der Herakliden
Die Nachkommen des PrometheusSisyphos und andere GottesfrevlerHellen und seine KinderSelene verliebt sich in EndymionDer goldene WidderSisyphos überführt den Meister der DiebeSisyphos überlistet den TodTod eines WagenlenkersBellerophon erlegt ChimairaBellerophons Ruhm und UntergangDie Überhebung des SalmoneusTyros unglückliche LiebeAdmets Freundschaft zu ApollonHerakles rettet AlkestisIason und die ArgonautenDer einsandalige AiolerVorbereitung der ArgonautenfahrtBei den stinkenden LemnierinnenDie Abenteuer in der PropontisHero und LeanderGastfreundschaft wird mit Tod vergoltenDie Wettfahrt der HeldenEine Wassernymphe raubt HylasPolydeukes boxt gegen AmykosDie Harpyien quälen PhineusDie bedrohlichen SymplegadenDie Argonauten in KolchisEmpfang bei AiëtesEros’ AuftragDie feuerschnaubenden StiereDas Goldene Vlies wird geraubtRückkehr nach IolkosOrpheus und Eurydike in der UnterweltPelias’ Töchter kochen ihren VaterMedeia ermordet ihre KinderBias und MelampusProitos’ Töchter widersetzen sich Dionysos
Die Nachkommen des AtlasDie frühe Geschichte TroiasIasion zeugt mit Demeter den ReichtumDie Vorgeschichte TroiasGanymed wird Mundschenk des ZeusAphrodite vereint sich mit AnchisesDie Gründung TroiasDas Troia des PriamosGeschichten aus KleinasienKybele und AttisDer eselsohrige MidasPhilemon und BaukisDie Spinnerin ArachnePyramos und ThisbeDie Geschichte SpartasLakonienDie Feindschaft der ZwillingspaareIdas und Lynkeus, die messenischen ZwillingeLeda und der SchwanDie DioskurenDie Zwillingspaare im tödlichen KampfDie Vergöttlichung wahrer BruderliebeGeschichten aus BöotienDer große Jäger OrionEos und Artemis verlieben sich in OrionDie verschollenen Kinder AntiopesAmphion und Zethos erbauen Thebens MauernNiobes HochmutDas Ende von Amphion und ZethosGlaukos und Skylla
Die Nachkommen des AsoposPelops und TantalosDie Töchter des AsoposDie Qualen des TantalosPelops’ mörderisches WagenrennenPelops erobert seine InselDie frühe Geschichte AthensDer Schlangenmensch Kekrops gründet AthenAthena gewinnt ihre StadtHephaistos versucht Athena zu vergewaltigenKekrops’ Töchter behüten ErichthoniosAthens verworrene KönigsfolgeTereus verspeist seinen SohnEos raubt KephalosKephalos tötet seine GeliebteKephalos hilft AmphitryonDer fromme Sünder EumolposAthenerinnen opfern sich fürs VaterlandDer verschollene Sohn IonAthen versinkt in Intrigen, Kämpfen und UnruhenAigeus’ gefährdete HerrschaftDie Taten des TheseusTheseus’ KindheitDer Keulenmann PeriphetesDer Fichtenmann SinisDie Krommyonische BacheDer Klippenmann SkironDer Ringer KerkyonDas Bett des ProkrustesDer vergiftete WillkommenstrunkTheseus festigt Athens HerrschaftUnter schwarzen Segeln nach KretaIm Labyrinth des MinotaurosAriadne auf NaxosTheseus schafft Recht und OrdnungDer AmazonenkriegHippolytos wird verfluchtIxion begehrt HeraDie KentaurenschlachtTheseus in der UnterweltTheseus’ EndeDie mykenische BlütezeitAtreus wird Mykenes KönigAtreus’ VersöhnungsfestDie Rache des ThyestesDer Ruhm der AtridenDas Volk der MyrmidonenDer mustergültige Herrscher AiakosTelamon in SalamisDie Taten des PeleusDas Vorspiel zum Troianischen KriegDie bedrohliche Braut ThetisDer goldene ApfelDas ParisurteilTroia nimmt sein Unheil anDer Raub der schönen Helena
HELDENSAGEN
Der Troianische KriegDie griechische Streitmacht wird aufgebotenOdysseus stellt sich wahnsinnigAchilleus in FrauenkleidernIphigenie in AulisNeun lange Jahre KriegDer Groll des Achilleus – Die IliasAchilleus verweigert den KampfZeus täuscht AgamemnonParis und Menelaos im ZweikampfEidbruch und Aufmarsch der HeereDiomedes verwundet Ares und AphroditeHektor tröstet seine FrauAias und Hektor im ZweikampfDie Troer vertreiben die AchäerAgamemnon bietet Achilleus BußeAchäer und Troer senden SpäherAgamemnon und Odysseus werden verwundetDie Troer stürmen das Lager der AchäerKampf um die SchiffeHera täuscht ZeusDie Achäer werden hart bedrängtPatroklos wird getötetDie Griechen retten Patroklos’ LeicheHephaistos schmiedet neue WaffenAchilleus versöhnt sich mit AgamemnonDie Götter greifen einAchilleus kämpft gegen den FlussgottAchilleus tötet HektorDie Leichenfeier für PatroklosPriamos löst Hektors Leiche ausDas zehnte Kriegsjahr – Troia wird fallenAchilleus tötet PenthesileaDer Tod des AchilleusDer große Aias bringt sich umParis’ TodDie Orakel für Troias FallDas Troianische PferdTroia wird zerstört
Die Helden kehren heimDie Achäer büßen ihre SchuldDas Schicksal Agamemnons und seiner FamilieKlytaimnestra erschlägt ihren GattenOrests MuttermordDie EumenidenIphigenie bei den TaurernDie Irrfahrten des OdysseusDie Götter erbarmen sichVolksversammlung und AbfahrtBeim greisen NestorBei Helena und MenelaosDie Freier planen, Telemachos zu tötenOdysseus verlässt KalypsoOdysseus und die schöne NausikaaOdysseus bei den PhäakenIm Land der Kikonen und LotophagenDer Kyklop Polyphem wird geblendetVon den Winden des Aiolos zu den LaistrigonenKirke verwandelt Odysseus’ Gefährten in SchweineBesuch in der UnterweltOdysseus widersteht den Sirenen, Skylla und CharybdisDie Rinder des HeliosOdysseus landet in IthakaOdysseus beim SchweinehirtenOdysseus als Bettler bei den FreiernOdysseus begegnet seiner FrauOdysseus siegt im BogenkampfDie Freier werden getötetPenelope erkennt OdysseusDie Versöhnung
ANHANG
Nachwort
Lateinische Entsprechungen wichtiger griechischer Götter
Stammtafeln
Literaturverzeichnis (Auswahl) Sekundärliteratur
GRIECHISCHE GÖTTER- UND HELDENSAGEN
Von Schöpfungen und Verfehlungen der Götter wie Zeus und Aphrodite, von Abenteuern und Verbrechen einmaliger Helden wie Herakles, Theseus und Achilleus und von Ungeheuern wie Minotauros und Medusa wird hier erzählt. Auch davon, wie die Olympischen Götter die Giganten und andere Feinde der Weltordnung besiegten, wie Prometheus den Menschen beistand, Sisyphos den Tod überlistete. Und davon, wie Paris die schöne Helena raubte und wie Liebe und Machtgier die Welt in den großen Troianischen Krieg stürzten, in den selbst die Götter hineingerissen und schuldig wurden, aber dennoch der Welt Ausgleich und Stabilität zu bewahren versuchten. Dieser Antrieb ist auch für das Verständnis unserer Gegenwart bemerkenswert.
GÖTTERSAGEN
Die drei Göttergenerationen
Die Welt entsteht
Am Anfang entstand das Chaos. Die einen nannten es Urgrund, den gähnenden Schlund; vergleichbar dem Ginnungagap im Germanischen, bei anderen hieß es »Ungeschieden, Vermischtes«. Aus dem Gemengten ordnete sich später der Kosmos.1
Aus dem Chaos wuchs alles: zuerst die breitbrüstige Gaia, die Erde als Urmutter aller Generationen und nie wankender Wohnsitz der Unsterblichen, nebst Eros, dem schönsten unter den Göttern und Urgottheit der geschlechtlichen Liebe. Er verwirrt alle Geschöpfe und treibt zu unablässiger Zeugung.2 Alles Handeln entspringt dieser Quelle. Und führten die Griechen Krieg, kämpften sie angeblich nicht um Macht und Reichtum, sondern um die schönste der Frauen. Die Römer setzten Eros mit Amor gleich; beide gaben erotischen und amourösen Erlebnissen später sogar den Namen.
Weiter entstand aus dem Chaos die finstere Unterwelt, Erebos, als Ort der Toten längst nicht so tief in der Erde wie Tartaros, zu dem ein Amboss, der neun Tage vom Himmel bis zur Erde fällt, noch einmal so lange bis dort hinab braucht. Als das Unterirdische geschaffen war, entschwebte dem Chaos die dunkle Nacht, Nyx, die den Äther als das Überirdische aushauchte.
Nachdem diese beiden Hauptorte entstanden waren, erzeugte Gaia den riesigen Uranos, den sternenreichen Himmel, und begehrte ihn. Auch um seine Aufmerksamkeit zu erringen, türmte Gaia mächtige Berge mit wilden Schluchten auf, ihrem Leib entsprudelten die rastlos wogenden und in der Brandung tosenden Meere, auch Pontos, die offene See, die Erde mit bläulichem Schimmer umstrahlend.
Somit war die ganze unbelebte Natur, wie wir sie kennen, bar jeder Liebe geschaffen. Doch die Schönheit der Erde entstand bereits aus Liebesverlangen, und Eros reizte auch Uranos, die weitwegige Erde ganz zu umhüllen.3
Die Erdgöttin Gaia und der Himmelsgott Uranos wurden nach Hesiod das Ur-Paar aller Götter. So sahen die Menschen vieler Länder ihre Welt. Bei den Römern hieß Gaia Terra oder Tellus. Auch bei den alten Indern, den Chinesen, Japanern, Germanen, sogar den Mayas Yucatans standen eine Erdgöttin und ein Himmelsgott am Anfang der Zeiten. Bei den alten Ägyptern ist die Erdgottheit Geb männlich und der Himmelsgott Nut weiblich.
Homer nennt als anderes Urpaar aller Götter Okeanos und Tethys.4 Ein weiterer Schöpfungsbericht erzählt von einem Weltei am Anfang, gelegt von der Urnacht Nyx.
Nacht für Nacht umarmte Uranos seine Gattin. Und so gebar Gaia sechs göttliche Söhne und sechs Töchter, die Titanen, von denen verbanden sich zu Geschwisterehen die goldbekränzte Phoibe und Koios, die liebliche Tethys und der tiefaufgewirbelte Okeanos, sowie Theia und der glänzende Hyperion. Zuletzt gebar Gaia den hinterlistigen Kronos. Dieses schrecklichste aller Kinder hasste den gewaltigen Vater, eiferte aber anfangs seinen älteren Geschwistern nach, freite seine Schwester, die Erdgöttin Rhea, und zeugte mit ihr die Olympischen Götter.
Uranos’ unermessliche Zeugungskraft erwies sich bald als bedrohlich. Maßlose Kinder, Brontes, Steropes und Arges, entstampften ihrem Bund. Weil ihnen nur ein einziges kreisrundes Auge auf der Stirn stierte, wurden sie Kyklopen genannt. Zwar waren sie stark wie die Götter, aber gewalttätig und arglistig.
Darin verwandt waren ihnen ihre drei anderen Brüder: Kottos, Briareos und Gyes, die hochmütigen Hekatoncheiren. Hundert Arme wirbelten an ihren wuchtigen Leibern, und jedem waren fünfzig Köpfe über den klobigen Schultern gewachsen.
Der Vater hasste diese riesenhaften Unholde von Anbeginn. Welch widerwärtiger Anblick auf dem Antlitz von Gaia, seiner Geliebten! Welche Missgeburten verunstalteten die lieblichen Täler, die azurnen Ufer des Pontos! Würden gar diese Ungeheuer bald stärker sein als er? Versuchte sich eines von ihnen der Mutter zu entwinden, stieß Uranos es voller Ekel zurück in Gaias Schoß, der davon immer unheilvoller aufquoll.
Der Sohn entmannt den Vater5
Der Schmerz der bedrängten Mutter Erde wuchs von Tag zu Tag. Ihr schien es unmöglich, auch nur ein einziges neues Kind zu fassen. Und was wäre, bescherte ihr der unerbittliche Gatte noch blutigere Geburten? Derart verbittert ersann sie eine böse List, bildete eilends aus hellem Stahl eine scharfzahnige Sichel und zeigte sie ermunternd ihren Söhnen:
»Euer frevelnder Vater brachte als erster das Unrecht auf die Welt, wollt ihr mir gehorchen, so rächt seine Schandtat!«
Alle Söhne flohen schaudernd. Nur der hinterlistige Kronos erwiderte der besorgten Mutter:
»Ich verspreche die Rache, denn ich verachte einen Vater, der seine eigenen Kinder einkerkert.«
Gaia weihte den Jüngsten in ihren Plan ein, wies ihm sein Versteck zu und gab ihm die verderbliche Waffe.
Als Uranos, die Nacht herbeiführend, liebeslüstern stöhnte und Gaia umschlang, packte6 Kronos mit der linken Hand das Geschlecht des Vaters, zückte mit der rechten die riesige Sichel und mähte dessen Männlichkeit ab.7
Kronos schleuderte das Gemächt im hohen Bogen samt der Sichel bei Kap Drepanon, dem Kap der Sichel, ins Meer. All das verflossene Blut nahm Gaia in ihrem fruchtbaren Leib auf und zeugte im Lauf der Jahre wilde Erinyen, weibliche Rachegeister, die erbarmungslos Recht erzwingen. Die Römer kannten sie unter dem Namen Furien. Auch die melischen Nymphen entstanden aus diesen Blutstropfen, wie die im Glanz ihrer Waffen strahlenden Giganten. Statt auf Beinen zu gehen, krochen die auf Schlangenschwänzen. Doch davon wird später zu berichten sein.
Aphrodite wird geboren
Das Glied des kastrierten Vaters trieb wie ein Stamm durch die wogende See; weißlicher Schaum umquoll das unsterbliche Fleisch, bis eine herrliche Jungfrau aus ihm emporwuchs.8 Zunächst näherte die Göttin sich dem heiligen Kythera, wandte sich dann zum ringsumflossenen Kypros und stieg dort ans Land.
Nach ihrer Herkunft nannte man sie Aphrodite, die »Schaumgeborene«. Unter ihren schlanken Füßen sprosste üppig Gras zu einem blumenübersäten Teppich. Eros und der schöne Himeros, das Liebesbegehren, folgen der berauschend Schönen. Sie versteht verführerisch zu plaudern und zu lächeln; gern zur Täuschung und zum Liebesgenuss aufgelegt, umgarnt sie alles, was da kreucht und fleucht.9 Später sollte sie den Troianischen Krieg mit verursachen.
Als Göttin der weiblichen Schönheit und der Liebe ist sie mit der sumerischen/akkadischen Inanna/Ištar verwandt, die aber noch über eine kriegerische Seite verfügte, die Aphrodite und ihre römische Schwester Venus verloren haben. In Griechenland wurde sie besonders in Zypern verehrt, vor allem in ihrem berühmtesten Heiligtum, dem späteren Paphos, wo sie erstmalig Land betrat.
Pygmalion verlangt nach einer Statue
Wie Aphrodite unstillbar Liebe zu wecken vermochte, erfuhr später Pygmalion, Herrscher über Zypern, ein inbrünstiger Verehrer der Göttin sowie begnadeter Künstler. Er schnitzte aus Elfenbein eine so schöne Gestalt, wie sie ein geborenes Weib nicht zu erlangen vermag. Pygmalion glühte für sein eigenes Werk, berührte es oftmals mit der Hand, unschlüssig, ob es Fleisch oder Elfenbein sei, küsste, umarmte und beschenkte es. Nachts bettete er seine Lagergenossin auf purpurne Linnen, stützte ihren Nacken mit flaumigen Kissen, bedeckte sie mit kostbaren Stoffen, als ob sie Härte oder Kälte fühle.
Als wieder Aphrodites Fest gefeiert wurde, opferte Pygmalion, trat zum Altar und bat:
»Oh, mächtige Göttin, die du alles vermagst, schenke mir zur Gattin« – die elfenbeinerne Jungfrau wagte er nicht zu sagen – »eine, der elfenbeinernen ähnlich.«
Aphrodite verstand und sandte günstige Zeichen. Pygmalion eilte zurück und presste seine Lippen auf die der Statue, die sich zu erwärmen schienen. Sacht betastete er ihre Brüste, die an Starre verloren und seinen Fingern nachgaben. Während Pygmalion zweifelte, sich freute, sich zu täuschen fürchtete, prüfte er wieder und wieder das Pochen in ihren Adern, ihre zarte Haut, den Hauch ihrer Lippen.
Die Ehe zwischen Pygmalion und Galateia (II)10, wie die erweckte Statue später genannt wurde, war gesegnet. Galateia gebar nach neun Monaten Paphos, die der später von ihrem Sohn Kinyras gegründeten Stadt ihren Namen gab.
Der begehrte Adonis
Aphrodite vermochte grausam zu sein. Kinyras, König auf Zypern, besaß mit Myrrha eine so liebliche Tochter, dass seine Gattin sich verstieg, Myrrha hübscher noch als Aphrodite zu nennen. Die Göttin pflanzte im Zorn Myrrha unersättliches Verlangen nach ihrem Vater ein. Als gewöhnliches Mädchen verkleidet, täuschte Myrrha ihren Vater und lag ihm zwölf Nächte bei. Erst dann erkannte Kinyras sie. Myrrha floh vor seinem gezückten Schwert, bis sich die Götter erbarmten und sie in den Myrrhenbaum verwandelten.
Aber Myrrha hatte bereits einen Sohn von ihrem Vater empfangen, und nach abgelaufener Frist platzte der Myrrhenstamm auf und gab Adonis frei. Als Aphrodite die Schönheit des Knaben gewahrte, verbarg sie ihn in einer Truhe, die sie Persephone übergab. Doch auch die Göttin der Unterwelt verliebte sich in Adonis und weigerte sich, ihn wieder herauszugeben. Ein Richterspruch entschied den Streit der Göttinnen derart: Adonis müsse ein Drittel des Jahres im Hades bei Persephone zubringen, ein weiteres Drittel Aphrodite zu Diensten sein und dürfe nur das letzte Drittel für sich leben.
Auch wenn Adonis sein freies Drittel mit Aphrodite verbrachte, freuten sich die beiden Liebenden nur kurze Zeit aneinander. Obwohl ihn Aphrodite inständig bat, nur ungefährliche Tiere zu jagen, hetzte Adonis einen Keiler und wurde von dessen Hauern zerfleischt. Die untröstliche Göttin ließ aus seinem Blut die rote Anemone sprießen, und alljährlich wird sein Hinscheiden betrauert. Auch in der orientalischen Tradition hat die große Liebesgöttin einen jüngeren Geliebten, der als Symbol der Fruchtbarkeit stirbt und wieder aufersteht.11
Die Nachkommen der Nacht
Doch kommen wir zur Welt der Urgötter zurück. Nyx, die Göttin der finsteren Nacht, von den Römern Nox genannt, wurde nicht von Liebe berührt; und ungeliebte Kinder krochen aus ihrem unheilschwangeren Leib: das Alter, der Tod Thanatos und sein Zwillingsbruder Hypnos, der Schlaf, und mit ihm die wirren Geschlechter der Träume, außerdem Betrug, Täuschung, Lügen, Verderben, Hunger, Mord, Schlachten und anderes Unheil.
Auch die schrecklichen Keren, Todesgeister, gehören dazu: Frauen mit Vogelkrallen und langen Zähnen, mit denen sie die Unglücklichen zerfleischen, dann dem Leichnam das Blut aussaugen und dem Hades überantworten. Erwähnt sei noch Eris, die Göttin der Zwietracht und des Streites. Später wird sie ungeladen auf Peleus’ Hochzeit erscheinen und durch den Streit dreier Göttinnen den Troianischen Krieg veranlassen.
Ein einziges Mal gab sich die Nacht einem Manne hin. Mit dem finsteren Erebos zeugte Nyx die hellstrahlende Hemera, den Tag. Nur einen winzigen Augenblick, wenn abends die Nacht aus der Unterwelt aufsteigt oder morgens, wenn sie zu ihrem düsteren Haus zurückkehrt, begegnet sie ihrem leuchtenden Kind.
Schicksalsgöttinnen
Auch die unerbittlichen Moiren galten als Töchter der Nyx. Nach anderer Überlieferung stammen sie von Zeus und Themis, der Göttin des Rechts, was angesichts ihrer Macht glaubhafter erscheint. Sie wohnen in einer Höhle des Himmels bei einem Teich mit weißem Wasser und spinnen den Lebensfaden der Menschen. Manchmal wird nur eine Moira genannt. In der Regel sind es ihrer drei: Klotho, die Spinnerin, als Geburtsmoira, Lachesis, die Zuteilerin des Loses, und die unabwendbare Atropos, die den Zwirn abschneidet, als die Todesmoira.
Selbst Zeus habe auf ihre Entscheidungen keinen Einfluss und sei, wie einige Quellen berichten, an das Schicksal gebunden, was die Macht der Olympischen Götter einschränkt. Die Römer kannten sie unter dem Namen Parzen, ursprünglich »Gebärerinnen«. Bei den Germanen hießen die drei Schicksalsflechterinnen Nornen, die über noch mehr Wissen verfügten als die Götter.
Die Nachkommen des Pontos
Ob Gaia bereits früher ihren rechtmäßigen Gatten betrog oder ihm erst Hörner aufsetzte, nachdem ihm keines mehr wuchs, ist nicht überliefert. Gaia zeugte in Pontos’ feuchtem Beilager neben dem starken Thaumas auch den mannhaften Phorkys, die schönwangige Keto, ein Meeresungeheuer, und Halia.
Phorkys und seine Schwester Keto hatten unheilvolle Kinder. Dazu zählen die Gorgonen – geflügelte Monster mit ehernen Händen und roten Zungen zwischen Zähnen, groß wie Hauer. Anstatt Haaren wanden sich Schlangen um ihre Köpfe, so hässlich und erschreckend, dass dem, der sie anblickte, das Blut gefror und er versteinerte. Von den dreien war nur Medusa sterblich, sie soll früher wunderschön gewesen sein, wovon wir erst berichten, wenn Perseus auf sie treffen wird.
Zur Brut des unheilvollen Paares gehört weiter die Chimaira (Chimäre). Das feuerschnaubende Scheusal hatte einen Löwenkopf, den Körper einer Ziege und einen Drachenschwanz – erst Bellerophon sollte es erlegen.
Aus dem Bauch der Keto kamen außer der Sphinx noch der Nemëische Löwe und Echidna, bis zur Hälfte ein äugelndes, schönwangiges Mädchen, unten aber eine entsetzliche Schlange. Mit Echidna zeugte der Weltfeind Typhon gewaltbesessene Kinder: die Lernäische Hydra, die Krommyonische Bache und die beiden Hunde Orthos wie Kerberos, der mit seinen drei Köpfen die Unterwelt bewacht.
Von Thaumas und der Okeanostochter Elektra stammen die hurtige Iris, der Regenbogen, die als Botin der Götter tätig ist, und die Harpyien: Vogel- und Frauenkörper in einer Gestalt, die als rasende Windgeister über die Erde jagen.
Doch Gaia und Pontos gebaren auch den berühmten Nereus. Er galt als untrüglich, wahrhaftig und als Vertreter des Rechts. Der Greis vermochte nicht nur die Zukunft vorherzusehen, sondern sich auch in jede erdenkliche Gestalt zu verwandeln. Doris gebar dem Nereus liebliche Kinder wie die schönfüßige Amphitrite, die Thetis, deren Sohn Achilleus auch noch heute die Dichter besingen, die wohlgebildete Galateia und 47 weitere untadelige Töchter.
Galateia und Polyphem
Zu den zahlreichen Freiern um die wunderschöne Galateia gehörte sogar der Kyklop Polyphem, ein Sohn des Poseidon – doch die Nereïde hatte ihr Herz an den Jüngling Akis verloren. Ihre Liebe zu Akis war so stark wie ihr Abscheu gegen Polyphem. Der grimmige Unhold – selbst den Wäldern ein Schrecken –, der weder Gastrecht noch Götter achtete, erlag plötzlich ungewohnter Liebesleidenschaft. Er vergaß seine Herden, seine Höhlen und begann sein Äußeres zu pflegen. Er kämmte seine störrischen Haare, schnitt mit der Sichel den struppigen Bart und begutachtete seine wilden Züge im Spiegel des Wassers. Da prophezeite ein Seher ihm:
»Dieses einzige Auge, das du mitten auf der Stirn trägst, wird dir Odysseus rauben.«
»Dümmster aller Seher«, lachte Polyphem, »du irrst, das raubte längst eine andere.«
Dann bestieg der Kyklop, gefolgt von seinen Schafen, einen Hügel am Meere, legte eine Fichte zu Boden, die groß genug war, als Mastbaum zu dienen, und begleitete mit der Hirtenflöte seine Liebesklage:
»Leuchtende Galateia, würdest du mich kennen, bedauertest du, vor mir geflohen zu sein. All die Früchte dieses Landes, die Herden, Schafe, Ziegen und Kühe, nenn ich mein eigen, sowie anmutige Höhlen. Oh, Geliebte, tauche aus dem bläulichen Meer! Sieh, wie groß ich bin! Nicht einmal Zeus ist so stattlich. Sieh, mein einziges Auge leuchtet wie ein Stern! Und die Fülle meines Haares! Borsten zieren meinen schönen Leib. Erhöre meine Bitten, mein Flehen. Ich erfülle dir jeden Wunsch. Ich, der ich Zeus und die Götter verachte, fürchte dich. Dein Zorn ist schlimmer als dessen Blitzstrahl.«
Da Galateia nicht erschien, machte sich Polyphem auf, ertappte das Liebespaar und schrie:
»Ich sorge dafür, dass ihr euch nie wieder in Liebe vereint!«
Galateia tauchte in ihr Reich, Akis floh ängstlich. Doch der Kyklop verfolgte den Nebenbuhler, brach einen Fels vom Berge und warf nach ihm. Obwohl nur der äußerste Zacken Akis traf, zerschmetterte er den Unglücklichen. Galateia vermochte zwar den Tod ihres Geliebten nicht zu verhindern, aber sie verwandelte ihn in eine Quelle.
Die Titanen unter Kronos
Die Titanen, Kinder von Gaia und Uranos, als zweite Göttergeneration, hatten zahlreiche Nachkommen. Durch diese Zeugung wurde die Welt weiter bevölkert. Tethys gebar ihrem Bruder Okeanos die wirbelnden Ströme, wie den Nil, den Mäander, den Skamandros und alle anderen Flüsse. Zu den heiligen Töchtern dieser Beziehung zählen die schon erwähnte Elektra und Doris, die geliebte Dione, Metis – deren Sohn die Olympischen Götter hätte stürzen können –, die verlangenerweckende Kalypso – die sich einst in Odysseus verlieben und ihn sieben Jahre auf ihrer Insel festhalten wird –, Klymene und Eurynome. Aber wer kann schon alle sechstausend Töchter und Söhne des lüsternen Paares aufzählen?
Wie bereits berichtet, gehörten neben dem Herrscherpaar Kronos und Rhea zu den Titanen noch zehn weitere Uranoskinder: Koios und Phoibe zeugten Asteria und die milde Leto; sie galt als die sanfteste am Himmel und sollte als Geliebte von Zeus die Göttergeschwister Apollo und Artemis gebären.
Hyperion und Theia zeugten den großen Helios, die Sonne, die leuchtende Selene, den Mond, und die rosenfingrige Eos, die Morgenröte, von der wiederum Sterne und Winde abstammen. Helios fuhr mit einem vierspännigen Wagen über den Himmel,12 beobachtete dabei alles und berichtete den Göttern Ungewöhnliches wie später Aphrodites Ehebruch. Die Zauberin Kirke und die lüsterne Pasiphaë waren seine Töchter. Iapetos aber führte die schönfüßige Okeanostochter Klymene heim und zeugte den riesigen Atlas, den klugen Prometheus sowie den törichten Epimetheus.
Zeus wird geboren
Nachdem Kronos die Zeugungskraft seines Vaters gebrochen hatte, erhob er sich zum mächtigsten der Götter, war aber nicht weniger grausam als Uranos. Kronos wurde von den Römern Saturn gleichgesetzt und zeugte mit seiner schwesterlichen Gattin Rhea, die mit der kleinasiatischen Kybele13 in Verbindung gebracht wurde, die Olympischen Götter: zuerst den mächtigen Hades, der unbarmherzig sein unterirdisches Reich regieren wird, dann Hestia als Göttin des heimischen Herdfeuers, sowie Demeter, ferner die goldbeschuhte Hera und den Erderschütterer Poseidon.
Aber der gewalttätige Kronos erfuhr von seinen Eltern, sein eigener Sohn werde ihn vom Thron stürzen. Ob dies nur listige Rache des Verstümmelten war, bleibt im Dunkeln. Sicher ist jedenfalls, dass Kronos alle seine Sprösslinge verschlang, sobald sie aus Rheas heiligem Schoß glitten.
So lag der Götterkönig auf der Lauer, ja keine Geburt zu verpassen. Unsägliche Trauer litt die Mutter; und als sich unter ihrem Herzen ein neues Kind regte, bat sie ihre Eltern um Rat, wie sie den Säugling retten könne.
Gaia und Uranos schickten die Schwangere in das reiche Kreta, wo sie in der Diktäischen Grotte mit Zeus niederkam. Die Kureten14, dämonische Jünglinge, tanzten ekstatisch um das Kind, brüllten und schlugen mit ihren Speeren auf die Schilde, um das Plärren des Säuglings zu übertönen. Ernährt wurde Zeus von Honig, der aus den Bäumen tropfte, und der Milch der Ziege Amaltheia15. Auch später als Herrscher der Götter erinnerte sich Zeus liebevoll seiner Amme und versetzte sie als Sternbild des Steinbocks an den Himmel.
Doch noch schwebte der kindliche Gott in Lebensgefahr. Kronos war Rheas Schwangerschaft nicht entgangen. Zur Täuschung windelte Rhea einen großen Stein; im Glauben, es handele sich um seinen Stammhalter, packte ihn Kronos und verschlang ihn.
Kronos war durchaus kein Tor. Die Griechen pflegten ihre Neugeborenen bis auf das Gesichtchen mit einer langen Windel mumienähnlich einzuwickeln, so dass sie einem ovalen weißen Stein glichen. Noch heutzutage verfahren einige Naturvölker so.
Gaia zog den Kleinen auf, ihm wuchsen rasch Kraft und Wissen zu. Es gelang ihm, Metis zu überreden, Kronos Gift zu reichen. Daraufhin würgte der den Stein, den er zuletzt verschlungen hatte, aus sich heraus, danach erbrach er alle seine Kinder in der umgekehrten Reihenfolge, wie er sie gefressen hatte. Da Hades zuletzt wieder ans Licht kam, wird er der erst- und der letztgeborene Kronide genannt. Zeus stellte den Stein im heiligen Delphi unter den Schluchten des Parnass auf; er wurde als Omphalos, der Nabel der Welt, verehrt.
Kronos’ Heimtücke blieb also ohne Erfolg. Griechische Götter waren unsterblich und demnach weder durch Gift noch Verschlingen zu töten. Selbst der große Zeus sollte später in eine ähnliche Lage geraten; und wir werden sehen, ob er seinen Vater auch an Intelligenz übertreffen wird. Bei den Germanen hätte es Kronos leichter gehabt. Dort sind selbst die Hauptgötter wie Wodan/Odin und Donar/Thor sterblich. Es wird sogar davon berichtet, wie der strahlendste Gott Balder getötet wurde. Auch die meisten indischen Götter gelten in ihrer derzeitigen Existenz als sterblich.16
Folglich ist in griechischer Vorstellung kein Gott zu einem derartigen Selbstopfer fähig wie der indische Gott Prajapati, aus dessen Körper die Welt entstehen konnte, oder wie im Germanischen Ymir, aus dessen Leib die Welt gebaut wurde. Dennoch findet man bei Dionysos Züge des Selbstopfers,17 die im Umkreis der Gnosis, einer antiken Glaubensgemeinschaft, die das Urchristentum maßgeblich beeinflusste, immer stärker in den Vordergrund traten und im Kreuzestod des Gottessohnes Jesus gipfelten.
Die Titanenschlacht
Nachdem Zeus’ Brüder und Schwestern unverletzt Kronos’ Leib entkommen waren, wollten sie Freiheit und Macht, während die Titanen unter Kronos ihre Herrschaft zu bewahren und die nächste Generation zu vernichten suchten. So entbrannte zwischen den Titanen und den Kindern von Kronos und Rhea eine gewaltige Schlacht.18 Zeus befehligte den Kampf vom Olymp. Atlas führte die Titanen vom Gipfel des Berges Othrys in die Schlacht, denn nach der Sage war Kronos bereits zu alt.
Zehn mörderische Jahre währte der Krieg unentschieden, bis Zeus, nach Gaias Weissagung, in den Tartaros hinabstieg und die von Kronos Eingesperrten befreite. Dankbar schmiedeten die Kyklopen dem Zeus den gleißenden Blitzstrahl, Hades seine Tarnkappe und Poseidon den Dreizack. Diese Waffen nebst neuen Verbündeten sollten die Entscheidung bringen. Befreit wurden nämlich auch die Hundertarmigen Gyes, Kottos und Briareos. Sie stampften heran, dass die Erde dröhnte und warfen mit ihren dreihundert Armen dreihundert Steine gegen die Titanen. Diese schlugen mit ihren Waffen zurück, dass es über das Meer hallte. Der Himmel stöhnte vom Kampf, und es wurde so gestritten, als stießen Himmel und Erde zusammen. Zeus schleuderte Blitze, bis die Feinde geblendet erstarrten oder als Fackeln davonrannten. Schließlich fesselten Zeus und seine Verbündeten die Titanen, brachten sie unter die weiträumige Erde und ließen sie im düsteren Tartaros von den Hundertarmigen bewachen. Die Kyklopen aber machten sich später in der Schmiede Hephaistos’ nützlich.
Nach der germanischen Überlieferung brachen die Göttergeschlechter der Asen und Vanen ihren einzigen Krieg ab, den keine der Parteien zu gewinnen vermochte. Anstatt mit Hilfe gewalttätiger Verbündeter den Feind zu unterwerfen und einzukerkern, verständigte man sich, tauschte die Vornehmsten als Geiseln aus und schloss für immer Frieden.
Die Unterwelt
Der Tartaros befindet sich so tief unter der Erde oder gar dem Hades wie der Himmel über ihm. Den modrigen Ort – widerwärtig sogar den Göttern – umgeben eherne Mauern und Tore. Um seinen Eingang ist dreifach schwarze Nacht gegossen. Bis zu ihm hinab reichen die Wurzeln der Erde. Über ihm braust das Meer. Innerhalb des gähnenden Abgrundes erhebt sich zuvorderst die Stätte der verderbenbringenden Nacht und ihrer schrecklichen Kinder, von düsteren Wolken umwallt.
Vor dem Abgrund steht Atlas und stemmt den Himmel auf seinen Schultern, verbüßt so seine Strafe. Später vergab Zeus dessen Brüdern, den Titanen, und versetzte sie auf die Insel der Seligen. Dort herrschen sie mit Kronos, ihrem König, fortan über Tote, denen das Schattenschicksal aller übrigen Sterblichen erspart blieb; denn für die tätigen Griechen galt das körperlose zur Tatenlosigkeit verurteilte Leben nach dem Tode als trostlos.
Später wurden Tartaros und Hades weniger unterschieden, man fasste Tartaros als tiefsten Ort des Hades auf oder setzte sie gleich.
Nach der Bestattung in der Oberwelt führte der Weg der Toten in die Unterwelt19 über die Unterweltströme wie Acheron oder Styx. Der Fährmann Charon verlangte für die Überfahrt einen Obolos. Am Eingang jenseits wachte der furchtbare Hund Kerberos. Wer hineinging, den grüßte er mit wedelndem Schwanze. Doch wer wieder entkommen wollte, dem lauerte er auf, um ihn zu fressen. Hier waltete der grimmige Hades über die Toten. Seinen Beinamen Pluton, der sich auf seinen Reichtum bezieht, übernahmen später die Römer, die ihren Unterweltsherrscher Pluto nannten.
Die Olympischen Götter
Zeus herrscht
Die Titanen galten als wilde, kaum Gesetzen unterworfene Mächte. Die Olympischen Götter bemühten sich, der Welt Maß und Ordnung zu geben. Nachdem die Titanen gebändigt waren, teilten sich die siegreichen Brüder das Weltall durch Los. Hades zog die Herrschaft der dämmrigen Unterwelt, Poseidon20 das schimmernde Meer, und Zeus wurde zum Gebieter des weiten Himmels. Auch wenn Zeus als König der Götter anerkannt wurde, blieben die Erde und der umwölkte Götterberg Olymp ihnen gemeinsam. Nach anderen Berichten überließen Zeus’ Geschwister ihm aus Dankbarkeit die Königswürde.
Zeus’ Attribut ist der Adler. Die Eiche ist dem Gott wie dem germanischen Wodan heilig. Zeus’ Blitzwaffe macht ihn vergleichbar mit dem germanischen Thor/Donar und dessen Hammer Mjöllnir und dem indisch-vedischen Indra mit seiner Keule Vajra. Die Götterdreiheit von Zeus, Poseidon und Hades ist in indoeuropäischer Tradition verwandt mit der älteren indisch-vedischen von Indra, Mitra und Varuna und der germanischen von Odin, Thor und Frey.
Ob Zeus sein Herrscheramt je ganz befriedigte, bleibt im Dunkeln. Wie seinen Großvater Uranos trieb ihn unersättliche Zeugungskraft. Was seine Frau Hera als bloße Abenteuer bekämpfte, darin bestand eine seiner göttlichen Aufgaben: durch Fortpflanzung neue Götter, Heroen und Menschen zu schaffen.
Zuerst machte Zeus die Metis, Tochter des Okeanos, zu seiner Geliebten.21 Trotz ihrer besonderen Klugheit und Verwandlungskünste erlag sie seinen Nachstellungen und wurde schwanger, was schließlich zur Geburt der Athena führte. Davon wird in Kürze erzählt. Danach führte Zeus die Themis heim, Tochter des Uranos und der Gaia, also seine Tante. Als alte Erdgöttin war sie für die Ordnung in der Natur und bei den Menschen zuständig. Ihr oblag, die Versammlungen der Götter auf dem Olymp einzuberufen. An diesem »Rat der Götter« nahmen auch die Göttinnen teil. Es wurden Nektar und Ambrosia gereicht.22 Da Themis das Schicksal kannte, verstand sie sich auf Prophezeiungen und Rat; wie jenen, durch einen großen Krieg die Erde von der Last zu vieler Menschen zu befreien. Die Themis, auch Göttin der Gerechtigkeit, gebar Zeus die Horen, drei glänzende Töchter: Eunomia, die Ordnung, Dike, das Recht, und Eirene, den Frieden. Sie lassen Getreide und Wein reifen, sind fürs Wachsen und Blühen zuständig, bedienen die Wolkenpforten des Himmels, sichern den Staat und geben ihm Reichtum.
Okeanos’ Tochter Eurynome gebar dem Zeus die schönwangigen Chariten, die den Göttern und Menschen Freude und Glück schenken. Niemals feierten die Götter ein Festmahl ohne deren anmutige Gesellschaft. Auch seine andere Tante, Mnemosyne, die schönhaarige Göttin der Erinnerung, verführte Zeus; und ihrem Bund entsprangen die mit goldenen Stirnbändern geschmückten Musen – neun an der Zahl. Die Musen werden von Künstlern um Inspiration angerufen, wie Kalliope, die Muse der Dichtkunst. Das berühmteste Kind der Musen ist der Sänger Orpheus, den Apollon mit Kalliope zeugte.
Demeter trauert um Persephone
Zeus erlag auch den Reizen seiner Schwester Demeter, die ihm die weißarmige Persephone gebar. Demeter, eine menschenfreundliche Erdgottheit mit weizenblondem lockigem Haar, war für die Fruchtbarkeit, vor allem für den Ackerbau zuständig. Als die schlankfüßige Persephone zu einer sinnenbetörenden Jungfrau, daher ihr Beiname Kore, erblüht war und kichernd mit ihren Freundinnen Lilien und Hyazinthen zu Kränzen flocht, klaffte plötzlich die nysäische Flur, aus der Hades mit seinem goldenen Wagen herausbrach, um die Liebliche mit Zeus’ Einverständnis zu rauben. Persephone sträubte sich und schrie gellend, aber vermochte nichts gegen den Herrscher der Unterwelt auszurichten.
Als Demeter die ängstliche Stimme ihrer Tochter vernahm, riss sie sich die Binden von ihren Locken, warf den dunklen Schleier um und eilte wie ein Vogel über Land und Wasser. Die Mutter irrte, brennende Fackeln haltend, neun Tage rings um die Erde, suchte verzweifelt ihre Tochter. Nachdem sie durch Helios von dem Raub erfahren hatte, mied sie zornig die Versammlung der Götter und stellte ihr fruchtbares Wirken ein. Gräser, Sträucher, Bäume hörten auf zu wachsen, Früchte verkümmerten und verdorrten. Die Göttin nahm das Antlitz einer ergrauten Greisin an und trauerte klaglos.
Dieser elende Anblick rührte die Eleusiner, und sie brachten die verwandelte Göttin in das Haus von Keleos und Metaneira. Deren uralter Magd Baubo23 brach es das Herz, die Trauer mitansehen zu müssen, und sie bemühte sich, die »Herrin der Ernte« mit mancherlei Scherz aufzuheitern. Nachdem alle Versuche gescheitert waren, entblößte Baubo ihr verhutzeltes Geschlecht, was die erhabene Göttin zum Lachen brachte. Seitdem wurden Demeter zu Ehren Zoten aufgeführt; und sie ließ sich überreden, Demophoon, den Säugling des Paares, aufzuziehen.
Prächtig gedieh das Kind in den Armen und an der Brust Demeters. Es wuchs ohne Milch seiner Mutter und gewöhnliche Speise auf, sondern wurde mit Ambrosia gesalbt und nachts ins Feuer gehalten. Dadurch wollte Demeter ihm Unsterblichkeit und ewige Jugend verleihen. Doch als eines Abends die Mutter ahnungsvoll das Gemach betrat und sah, wie ihr Kind an den Fersen gehalten und von den Flammen umlodert wurde, stürzte sie laut schreiend hinzu und riss ihren Sprössling aus dem Feuer – Rettung im Sinn, aber Unheil bewirkend. Denn nun warf Demeter ihr Alter ab, wechselte die Größe, nahm ihre göttliche Schönheit und Gestalt an und eröffnete der schlotternden Mutter, dass Demophoon nunmehr seinem sterblichen Schicksal ausgesetzt sei. Die Göttin umzustimmen gelang nicht. Aber man baute ihr hier einen Tempel, in dem sie ihren Sitz nahm.
Der Same stockte weiter in der Erde, die Stiere zogen die Pflüge umsonst. Elend machte sich breit, die Menschen hungerten und besaßen nichts mehr, um den Göttern zu opfern. Zeus begab sich selber zu Demeter und ihrem Tempel in Eleusis und bat um Fruchtbarkeit, ließ Geschenke bringen. Aber die Göttin im schwarzen Gewand erwiderte:
»Nicht eher kehre ich in den duftenden Himmel zurück, nicht eher lasse ich wieder Früchte wachsen, bis ich meine Tochter wiedersehe.«
So musste Zeus sein eigenes Einverständnis widerrufen, Hermes zu Hades senden und befehlen, Kore wieder ihrer Mutter zurückzuschicken.
Freudestrahlend wuchs das Mädchen aus der Erde,24 doch Demeter ahnte Betrug und fragte besorgt ihre Tochter:
»Nahmst du bei den Schatten etwas zu dir?«
»Nur einen Granatapfelkern«, antwortete sie unbekümmert. Doch mit dieser Arglist band Hades seine Gemahlin ewig an die Unterwelt. Persephone darf sich zwei Drittel des Jahres am Sonnenschein erfreuen, muss aber ein Drittel zu Hades hinab ins Dunkel.
Nach Rückkehr ihrer Tochter ließ die Göttin der Ernte die Früchte gedeihen. Blätter und Blüten prangten in neuer Pracht. Bei Persephones alljährlicher Wiederkehr wird sie als Getreidegöttin begrüßt. Sie erscheint nicht im Frühjahr, sondern im Herbst, wenn die griechischen Bauern das Getreide säen, das dann bis zum Frühsommer reift und geerntet wird, bis Helios’ Sommerstrahlen alles verdorren und Kore wieder in die Unterwelt eingeht.
Demeter bedankte sich für die teilnahmsvolle Aufnahme in Eleusis. Sie gab nicht nur die Kunst des Getreideanbaus an Triptolemos weiter,25 der sie der ganzen Welt vermittelte, sondern sie wies auch die ansässigen Adelsfamilien in die geheimen Eleusinischen Mysterien26 ein. Wahrscheinlich wurde Persephone dort als Sinnbild für die menschliche Seele dargestellt, die durch den Tod hindurch zum Leben schreitet. Dabei trat wohl der eng mit Kore verbundene Dionysos als Retter auf.
Zeus und Hera – das göttliche Paar
Nachdem Zeus zahlreiche Göttinnen geschwängert hatte, verband er sich mit seiner Schwester Hera zu fester Ehe. Hera wurde Beschützerin der Frauen und der Ehe. Für die freiere zügellose Liebe allerdings war Aphrodite zuständig, was zu Konflikten zwischen beiden führte. Als Attribute besaß Hera Granatapfel, Opferschale und Zepter. Der Pfau war ihr heiliges Tier.
Zeus und Hera wurden das Herrscherpaar der Olympischen Götter. Die Römer nannten sie Jupiter und Juno. In zahlreichen anderen Mythen findet sich ein derartiges Paar, wie bei den Germanen Wodan/Odin und Frigg.
Nach der Geburt der Herakinder Hebe, die den Göttern als Mundschenk dient, Ares, dem blindwütigen Gott des Krieges27, und Eileithyia, die den werdenden Müttern bei der Geburt beisteht, trieb es Zeus schon bald zu neuen Abenteuern.
Wie konnte sich bei Zeus’ zahllosen Liebschaften die Göttin der Ehe weiterhin an ihn binden? Hoffte sie auf Besserung? Erlag die Göttin willenlos Zeus’ Verführungskünsten oder zuweilen gar seiner List und Gewalt? Bei einem derartigen Gemahl vermochte Hera schwerlich Achtung und Treue bei den griechischen Göttern und Menschen zu fördern. Als Einschränkung müssen wir freilich anmerken, bei den Männern.28 Oder war es Heras Schicksal, sich dem Göttervater dienend zu widersetzen? Sie würde jedenfalls viel List und Tücke aufbringen müssen, frühere und künftige Geliebte ihres Gemahls und deren Kinder zu verfolgen.
Hephaistos’ und Athenas widernatürliche Zeugung
Auch außergewöhnliche Klugheit hatte bekanntlich Metis nicht vor Zeus’ Nachstellungen bewahrt. Erst Gaia wies ihren Enkel auf die Gefahr in Metis’ Bauch hin. Mit der glanzäugigen Athena bekäme er zwar eine weitsichtige Tochter, aber danach einen klugen Sohn, der den Götterthron besteigen würde.
Zeus hatte von seinem Vater gelernt, die Geburt derartiger Kinder nicht abzuwarten. Da sie aber als Götter unsterblich sind, sah auch er den einzigen Ausweg darin, sie zu verschlingen, und zwar mitsamt der Mutter. Nun erst soll er jene Weisheit erlangt haben, in der ihm auch Athena, die in seinem Schädel wuchs und heftigste Kopfschmerzen bereitete, gleichkommen sollte.
Hera erzürnte und zeugte ganz ohne männliche Hilfe einen kunstgewandten Gott, Hephaistos, der Waffen und die großartigsten Kunststücke zu schmieden verstand, jedoch bucklig und lahm war. Einige meinen jedoch, er beging die Torheit, sich in einen Ehestreit zwischen Zeus und Hera einzumischen, worauf er, vom Olymp geschleudert, nach neun Tage und neun Nächte lang währendem freiem Fall auf der Insel Lemnos aufschlug, sich ein Bein brach und so zum Krüppel wurde.
Hephaistos ist Gott des Erdfeuers und des Handwerks, vor allem der Schmiede. Er baute die Paläste der Olympischen Götter und fertigte zahlreiche Kostbarkeiten und Waffen wie später Achilleus’ Rüstung und galt als der Kunstfertigste der Götter. Die Griechen glaubten ihn mit dem ägyptischen Schöpfergott und universalen Handwerker Ptah verwandt. Die Römer nannten ihn Vulcanus. Der Hinkefuß mit dem rußigen Gesicht gewann als Gattin die schöne Aphrodite, die ihn allerdings mit dem Kriegsgott Ares betrog, wie wir noch berichten werden.
Hephaistos erlöste Zeus von jenen Qualen, die ihm die ausgewachsene Jungfrau in seinem Kopf bereitete.
»Nimm deine Axt und spalte mir den Schädel!«, befahl Zeus.
»Was?«, glaubte Hephaistos seinen Ohren nicht zu trauen. »Ich erschlag’ doch nicht den Göttervater! Wie kannst du das von mir verlangen?«
Doch Zeus stand nicht der Sinn nach Widerspruch und donnerte:
»Ich bitte nicht, sondern befehle! Wenn du nicht augenblicklich das Beil schwingst, wirst du erfahren, was es heißt, sich mir zu widersetzen!«
So tat der Schmiedegott, wie ihm geheißen. Aus dem gespaltenen Schädel sprang die im Waffenglanz strahlende Athena.29 Rasch heilte die Wunde. Der ungeborene Sohn nebst seiner weisen Mutter Metis aber verblieb auf ewig in Zeus’ Leib.
Athena wurde Göttin der Handwerker, der Künste und des Krieges. Die Schutzgöttin von Athen wurde oft mit Lanze und Schild dargestellt.30 Sie half vielen Helden wie Herakles und den Griechen im Krieg gegen Troia, schützte schließlich Odysseus während seiner Heimfahrt. Die Römer setzten Minerva mit ihr gleich.
Apollons langwierige Geburt
Die schmerzhafte Kopfgeburt verleidete Zeus keineswegs neue Abenteuer. Die Titanentochter Leto berauschte seine Sinne und bestieg sein Lager. Aus Angst vor der eifersüchtigen Hera wagte dann kein Land der Hochschwangeren einen Geburtsplatz zu gewähren, bis sie schließlich zu der unscheinbaren Insel Delos kam, die damals noch unbefestigt im Meer trieb.
»Ohne zu zögern böt’ ich dir meinen kargen Rücken zur Niederkunft dar, denn bei allen anderen bin ich verrufen«, antwortete die Insel auf Letos Bitte, »doch Sorge befällt mich bei der Prophezeiung, deine Kinder würden übergewaltig und wild. So fürcht’ ich, sobald sie das Licht der Welt erblicken, verachten sie mich für meine steinige Öde und stoßen mich kopfüber in die Tiefen des Meeres; dann wohnen in mir Kraken und Robben.«
»Ich schwör bei den Wassern der Styx, Apollon wird dich ehren«, beteuerte Leto.
Durch diesen gewaltigsten aller Schwüre beruhigt, gewährte Delos ihr die Bitte, was das karge Eiland niemals bereute, denn es wurde zu einem weit sichtbaren Stern auf der dunklen Erde. Vier Säulen wuchsen aus den Tiefen des Meeres und befestigten es unverrückbar. Delos wurde über alle Maßen geheiligt. Keine schwangeren Frauen oder Leichen durften fortan auf der Insel verbleiben. Auch die Staatskasse des delisch-attischen Seebundes wurde später hier verwahrt, bis Perikles die Schätze für athenische Prunkbauten verwendete.
Letos Irrfahrt endete, nicht aber ihr Leid. Sie brachte zwar die pfeilgewandte Jungfau Artemis schmerzfrei zur Welt, doch dann quälten tagelang neue Wehen. Hera ballte goldene Wolken um den steilen Olymp, damit Eileithyia, der Geburtsgöttin, Letos Not verborgen bliebe.
Erst als die hurtige Iris sich von Hera unbemerkt zu Eileithyia schlich und ihr ein goldenes Halsband versprach, durchbrach diese die Wolken und setzte ihren Fuß auf das Eiland. Im selben Augenblick sprang Phoibos Apollon ans Licht. Leto klammerte sich bei der schweren Geburt an eine Palme. Der Beiname Phoibos wurde später als der Leuchtende gedeutet.31 Die Erde lachte und blühte, die Götter jauchzten, als der silberbogige Herrscher erstrahlte. Themis, Göttin des Gesetzes und der Ordnung, fütterte das Kind mit Nektar und Ambrosia. Auch dadurch wurde Apollon mächtiger als seine Brüder und saß später zur Rechten von Zeus. Betrat er die Versammlung um Zeus, erhoben sich die anderen, nur seine Mutter Leto nicht.
Apollon erwählt Delphi
Nun begab sich Apollon auf die Suche nach einem Orakelplatz, der seinem Ruhm angemessen wäre. An den Hängen des Parnassgebirges schlängelte sich um den dampfenden Spalt, aus dem Gaia prophezeite32, die Drachin Delphyne – ein wildes Ungeheuer. Phoibos’ ferntreffende Pfeile verwundeten es tödlich, ihr Leib verweste. Der Name der orakelgebenden Priesterin Pythia und die Pythischen Spiele, die alle vier Jahre stattfanden, erinnern an Apollons Tat, denn »verwesen« heißt auf griechisch »pythein«. Der Ort wurde nach der Drachin Delphi genannt.
Die Griechen erzählen aber noch eine andere Geschichte. Angeblich sollen zwei Ungeheuer in Delphi gehaust haben, von denen eines, mit Namen Python, getötet, das andere aber am Leben gelassen wurde und sich friedlich um den Omphalos ringelt, jenen Stein, mit dem Rhea Kronos überlistete und der den Nabel der Welt darstellt.
Hier nun gedachte der Schütze seinen Tempel zu errichten. Doch ein Tempel benötigt Priester. Als Apollon noch über deren beste Wahl nachsann, gewahrte er ein kretisches Schiff. Da schnellte Apollon in Gestalt eines riesigen Delphins33 auf das Schiff und trieb es auf wunderliche Weise nach Krisa, dem Hafen Delphis. Kaum gelandet, sprang der Gott an Land und eilte als funkelnder Stern zu seinem Tempel. Schnell wie der Wind kehrte er in seiner göttlichen Gestalt zurück und offenbarte den Kretern, dass sie niemals wieder nach Knossos heimkehren würden, sondern zu Priestern seiner Orakelstätte auserkoren seien.
So wurde Apollon Orakelgott und Delphi das anerkannteste Orakel der Antike. Bei jeder wichtigen Entscheidung – etwa über Krieg oder vor einer Kolonisation – befragte man Pythia, die von Apollon beseelte Orakel erteilte. Auch wenn die Priester diese Sprüche leichter verständlich formulierten, blieb ihr Sinn nur allzuoft nebulös und verlangte die richtige Deutung.34 Apollon wurde nicht nur Gott der Weissagung, sondern auch der Musik und verstand Unheil abzuwenden. Berühmt wurde sein Sohn Askleipios, der große Arzt.
Artemis und Kallisto
Apollons Schwester Artemis, die Göttin der Jagd, wurde von den Römern mit Diana gleichgesetzt.35 Ursprünglich war sie sicher eine vorgriechische Muttergottheit. Sie wurde in ihrem Tempel in Ephesos, der zu den ›sieben Weltwundern‹36 gehörte, mit vielen Brüsten dargestellt. Als Jungfrau half sie den werdenden Müttern bei der Geburt.
Gemeinsam mit ihrem Bruder bestrafte sie den Riesen Tityos. Als die schwangere Leto noch nach einem Geburtsplatz suchte, kam sie nach Panopeus, wo der Unhold versuchte, die Göttin zu vergewaltigen. Die Geschwister töteten später den Frevler; und Zeus bestimmte, er müsse für alle Zeiten in der Unterwelt leiden. Hier lag Tityos an den Boden gefesselt, sein gewaltiger Körper bedeckte neun Morgen Land, zwei Geier saßen ihm links und rechts zur Seite und zerhackten seine Leber, die mit jedem Neumond nachwuchs.
Meist sah man Artemis und ihre Gefährtinnen, von denen sie ebenfalls Jungfräulichkeit verlangte, auf der Jagd, aber keine war ihr so ans Herz gewachsen wie die Nymphe Kallisto.37 Einst ruhte die während der Mittagshitze auf einer duftenden Wiese, als Zeus die Ermüdete gewahrte und zu sich sprach:
»Diesen Raub hier erfährt Hera gewiss nicht. Hört sie doch davon, lohnt er schon einen Streit.«
Sogleich nahm der Göttervater Artemis’ Gestalt an, begab sich zu dem Hain und begrüßte die Schöne:
»O Jungfrau, Teil meines Gefolges, sage mir an, wo du gejagt und was du erbeutet hast.«
»Sei gegrüßt, herrliche Gottheit«, antwortete die Keusche und erhob sich ehrfürchtig vom Rasen, »die du größer als Zeus selbst bist.«
Lächelnd sah der Kronide sich selbst vorgezogen und küsste sie – heftiger als eine Jungfrau es getan hätte. Kallisto wollte in den Wald ausweichen, doch Zeus ließ es nicht zu, sondern umschlang sie und gab sich schließlich zu erkennen. Kallisto wehrte sich verzweifelt – soviel einem Weibe nur möglich ist – doch welches Mädchen könnte schon Zeus widerstehen, ja wer überhaupt? Als er sie bezwungen hatte, stieg der Gott zum Olymp, doch der Gedemütigten blieben der Hain und die wissenden Bäume verhasst.
Da kehrte Artemis von der Jagd zurück und rief ihre Freundin zu sich. Doch Kallisto fürchtete, erneut getäuscht zu werden und flüchtete. Erst als sie andere Nymphen gewahrte, die Artemis begleiteten, fügte sie sich in die Schar ein. Es fiel ihr schwer, die Schuld nicht mit Blicken zu verraten, sie hob kaum ein Auge vom Boden und ging nicht wie bisher an der Seite der Göttin, sondern am Ende des Zuges. Die Nymphen, so sagt man, errieten alle, dass Kallisto ihre Unschuld verloren hatte, nur die keusche Artemis nicht.
Viele Monate später führte die Göttin ihr Gefolge zu einem kühlen Hain an einem Bach und rief:
»Kein Zeuge lauert hier. Kühlen wir unseren nackten Leib mit dem klaren Nass!«
Alle entledigten sich ihrer Kleidung. Nur Kallisto errötete und versuchte zu entkommen, doch man entwand ihr die Hüllen. Sie deckte ihre Hände vor den angeschwollenen Schoß, aber ihre Schande wurde offenbar.
»Verlasse uns«, entrüstete sich Artemis, »entweihe nicht den heiligen Quell!«
Von der Göttin verstoßen, irrte die Nymphe durch die Wälder und gebar schließlich Arkas. Doch jetzt traf sie Heras Rache. Sie raubte Kallisto die Gestalt, durch die sie ihrem Gatten gefallen hatte, und verwandelte sie in eine Bärin. Doch ihr früherer Charakter blieb in dem Tier erhalten. Sie hob oft flehend die Pranken zum Himmel, um mit Bitten das Gemüt des großen Zeus zu rühren, doch ihre Kehle brachte nur ein zorniges Brummen zustande.
Eines Tages traf Arkas, er mochte wohl fünfzehn Jahre zählen, während der Jagd auf seine Mutter. Der Jüngling fürchtete die Augen der Bärin, starr nur auf ihn gerichtet, ihren schreckenerregenden Ruf, mit dem Kallisto ihren lang vermissten Sohn begrüßte. Trotz seiner Jugend kannte Arkas keine Feigheit. Als das gewaltige Tier sich ihm näherte, hob er seinen Speer, um ihn in die Brust seiner Mutter zu bohren. Doch der Göttervater verhinderte das Unglück und versetzte seine ehemalige Geliebte als »Großer Bär« unter die Sterne.
Als Hera ihre Rivalin derart verherrlicht sah, begab sie sich zu Okeanos und Tethys und erwirkte das Versprechen, dass Kallisto nie, wie die anderen Gestirne, wenn sie untergehen, das bläuliche Reich der Meeresgötter betreten dürfe. Seitdem ist der »Große Bär« dazu verdammt, unablässig um den Polarstern zu kreisen. Arkas wurde König in dem nach ihm benannten Arkadien und später ebenfalls als »Wächter des Großen Bären« an den Himmel versetzt.
Hermes wird geboren
Nun soll von Hermes, dem Götterboten und Seelenführer, erzählt werden. Zeus entflammte im Kylene-Gebirge für die Nymphe Maia38, verführte sie und zeugte so Hermes, den Gott der Beredsamkeit, der Künste und des Handels. Die Griechen glaubten ihn mit dem ägyptischen Totengott Anubis verwandt. Den Römern ist er Merkur vergleichbar und bei den Germanen deren Hauptgott Odin/Wodan.
Hermes, der morgens zur Welt kam, schlug am Mittag bereits die Leier und stahl abends dem großen Schützen Apollon die Rinder.
Schon am ersten Morgen langweilte er sich in der behüteten Wiege seiner schattigen Höhle, strampelte die Windeln von sich, hob eine Schildkröte als willkommenes Spielzeug auf und sprach zu ihr:
»Komm nur herein, denn draußen nähmest du noch Schaden! Lebend schützt dein Schild vor Schädlichem, doch sterbend tönt er von bezaubernder Ewigkeit.«
Flugs höhlte er dem Panzerinneren das Fleisch aus, fügte in die gebohrten Löcher Stäbe und bespannte sie mit sieben wohlklingenden Saiten. So entstand unter seiner kindlichen Hand die Leier, und er sang bezaubernde Lieder von seiner glorreichen Göttlichkeit.
Als Säugling stiehlt Hermes Apollons Rinder
Nicht lange genügte Hermes das Leierspiel. Da er auf andere Streiche sann, floh er im Schutze der Dämmerung aus der mütterlichen Grotte zu den Rinderherden der Götter in Thessalien. Fünfzig brüllende Rinder Apollons wählte er aus und trieb sie kreuz und quer bis an das nächtliche Ufer des Flusses Alpheios. Damit niemand die Spuren entdecke, flocht er aus Tamarisken, Myrten und Blätterwerk buschige Sandalen und verwischte damit rasch die Stapfen. Er schlachtete zwei Horntiere und opferte sie den Göttern über dem Feuer, verbrannte alles sorgsam, damit kein Beweis ihn verrate. Zwar erfand er das Feuer nicht, wohl aber die Technik, es aus Holz zu reiben. Die anderen Tiere wurden gefüttert und wohl verwahrt. Dann eilte er in der Morgendämmerung zurück in die heimatliche Höhle. Seiner Mutter entgingen diese Unverschämtheiten nicht, und sie hielt ihm vor, Apollon könne ihn binden und in die Unterwelt verdammen.
»Ha, davor ist mir nicht bange«, prahlte Hermes, »Letos Sohn mag mich nur aufspüren. Sollte er es tatsächlich wagen, sich mit mir zu messen, brech ich in Delphi seinen prächtigen Tempel auf und plündere Dreifüße, Becken, Gold und Gewänder, wie es mich gelüstet. Denn ich werde noch weit Größeres vollbringen!«
Nicht lange blieben Apollon der Diebstahl und der Täter verborgen. Zornig, die stattlichen Schultern in dunklen Wolken, stapfte er in die schattige Felsenkluft. Bei seinem Anblick stellte sich Hermes schlafend, zog Hände und Füße an sich und kroch unter die duftenden Linnen. Doch Phoibos ließ sich nicht täuschen und drohte mit furchtbaren Strafen, worauf Hermes blinzelnd erwiderte:
»Vortrefflicher Herrscher, sieh mich doch an! Erst gestern geboren, hab ich zarte Füße, und der Boden unten ist rauh. Mir liegt Schlaf am Herzen und die Milch meiner Mutter, habe Windeln um die Schultern und zittre nach wärmenden Bädern. Bedenke, wie spotteten die ewigen Götter über deine Anschuldigung, ein eben erst geborener Säugling hätte Kühe gestohlen!«
Zwar lächelte Apollon über so viel Dreistigkeit, aber er wollte die Rinder zurück. So packte er das Kind und trug es zum Olymp vor Zeus’ Richterstuhl, wo beide ihre Ansicht verteidigten. Hermes blinzelte unschuldig und zog die Windeln bis zu den Ohren. Laut lachte Zeus über den listigen Knaben und befahl Aussöhnung.
Hermes schenkte seinem Bruder die Leier; erst dadurch wurde Apollon zum Gott der Musik und der Musen. Der war darüber so entzückt, dass er nicht nur Hermes die Rinder überließ, sondern ihm auch als Zeichen der Heroldswürde einen Zauberstab schenkte, mit dem er alles in Schlaf zu versetzen und die toten Seelen in die Unterwelt zu führen vermochte.
Apollon, Hermes’ älterer Bruder, weiß als einziger Gott vom höchsten Ratschluss des Zeus durch Orakel; Wahrsagekunst ist Hermes verwehrt. Während der lediglich als Mittler und Bote tätig zu sein scheint, wirkt Apollon selbst für die Ordnung der Welt.
Hermes – sein Name kommt von ›Steinhaufen‹ – war ursprünglich wohl der Gott der Wege, der Wanderer und des Grenzgängers – auch zum Totenreich. Später gewann er mit Gewandtheit, List und Dreistigkeit Eigenschaften eines Tricksters, allerdings kaum boshaft wie beim germanischen Loki. Hermes gilt als der menschenfreundlichste der Götter, auch als Gott der Kaufleute und Betrüger. Er ist eng mit dem Gefolge des Dionysos verbunden: den Silenen und Satyrn – menschenähnlichen Wesen mit borstigem Fell, stets erigiertem Phallos und mit Pferde- oder Ziegenhinterbeinen. Die bekanntesten dieser Wesen waren Pan, Silenos und Marsyas.
Der ziegenfüßige Pan
Obwohl ein Gott, weidete Hermes einst die Schafe des sterblichen Dryops; denn er sehnte sich nach dessen schöngelockter Tochter. Nach der Hochzeit gebar diese einen seltsamen Sohn: bocksfüßig, doppelgehörnt, stets lachend und lärmend. Als die Mutter das wilde, bärtige Antlitz gewahrte, sprang sie schreiend auf und verließ ihr Knäblein. Doch Hermes war glücklich, wiegte seinen Sohn im Arm und brachte ihn zum Sitz der Himmlischen. Alle Götter fanden Gefallen an ihm, aber keiner mehr als Dionysos, und sie nannten ihn Pan, da ›alle‹, was pan heißt, sich seiner freuten.
Pan liebte es, in seiner arkadischen Heimat die weiten Gebirge zu durchstreifen und sich mit Nymphen zu tummeln. Auf weichen Wiesen, wo Hyazinthen und Krokus dufteten, spielte er schönere Lieder, als je ein Vogel im Frühling sang. Die Bergnymphen umtanzten ihn im innigen Reigen, und der struppig behaarte Gott mit dem rötlichen Luchsfell tollte und jauchzte in ihrer Mitte.
Ursprünglich war Pan ein Hirtengott. Wie ein geiler Bock besprang er die Ziegen und gewährte den Herden Fruchtbarkeit. Doch war er nicht nur der Freudvolle, sondern brachte auch Schrecken, wenn er in der Mittagshitze plötzlich die ruhenden Tiere aufscheuchte oder gar jemanden mit seinem fürchterlichen Schrei in kopflosen Schrecken, also in Panik, versetzte. Die Zahl seiner Liebschaften war groß und seine Begierde unersättlich. Weder Nymphen noch schöne Hirtenknaben waren vor seinen Nachstellungen sicher.
Wie so viele andere verliebte sich Pan in die Dryade Syrinx. Die Baumnymphe war bereits häufig lüsternen Satyrn entschlüpft, sie täuschte selbst Götter, so sehr glich sie Artemis, die sie in allem nachahmte. So weigerte sich Syrinx auch, ihre Keuschheit an den borstigen Pan zu verlieren und floh vor dessen Liebesschwüren. Doch Pan setzte ihr nach und erreichte die Fliehende am sandigen Strand des friedlichen Ladon, dessen Wasser ihre Flucht stoppten.
In höchster Not bat sie ihre Schwestern, die Schändung abzuwenden; und die Wassernymphen erbarmten sich ihrer. Als Pan bereits meinte, Syrinx gefasst zu haben, hielt er anstatt ihres biegsamen Leibes nur Schilf in den Händen. Lange beklagte der Gott, dass sich die Geliebte ihm durch Verwandlung für immer entzogen habe; doch als ein Windhauch über das Schilfrohr strich, hörte er ein sanftes Klagen. Berührt von ihrer zarten Stimme rief Pan:
»Was du mir flüsterst, wird mir bleiben!«
Er schnitt das Röhricht in verschiedener Länge, fügte es mit Wachs zusammen und nannte seine Flöte – also die Panflöte – Syrinx. Doch Pan galt nicht als Patron der Flötenmusik, sondern Marsyas, mit dem Pan oft verwechselt wird. Der Silen Marsyas hatte die Doppelflöte entweder selbst er- oder sie wenigstens gefunden. Denn Athena hatte sie zuvor voller Abscheu von sich geschleudert.
Athena erfindet die Flöte
Was hatte eine so kunstsinnige Göttin dazu bewogen, die liebliche Musik zu verwerfen, zumal viele Griechen den Kosmos als Harmonie der Sphärenklänge begriffen? Berichtet wird, Athena habe nach Erschaffung der Doppelflöte voller Stolz den Göttern bei einem Gelage mit diesem ungewöhnlichen Instrument aufgespielt. Zwar schien die Musik zu gefallen, aber Hera und Aphrodite unterdrückten nur mühevoll ihr Lachen, bis sie schließlich nach einem scheelen Seitenblick unverhohlen losprusteten.
Erbost ging die gekränkte Athena zu einem Fluss, um in ihrem Spiegelbild zu erfahren, was so lächerlich am Flötenspiel sein könne. Als die Göttin ihre aufgeplusterten Wangen und ihr blaurot angelaufenes Antlitz erblickte, warf sie die Flöte angewidert fort. Eben diese Grimasse diente später dem jungen Alkibiades, einem der skurrilsten und dämonischsten Machtmenschen des alten Griechenlands, als Vorwand, um das Erlernen des Flötenspiels abzulehnen.
Marsyas und Apollon im Musenwettstreit
Über die verwaiste Flöte, oder Aulos, wie die Griechen sie nannten, stolperte nun Marsyas und tanzte fortan in seiner phrygischen Heimat flötespielend durch die Wälder. Nicht wenige bewunderten seine Musik mehr als das Leierspiel Apollons, was diesen wiederum erbitterte; und er forderte Marsyas zu einem Wettbewerb. Beide vereinbarten, der Sieger dürfe dem Unterlegenen jedwede Strafe auferlegen.
Da Apollon sich seines Sieges nicht ganz gewiss war, berief er vorsorglich die ihm dienenden Musen zu Schiedsrichtern. Die erwiesen sich jedoch als unbestechliche Liebhaberinnen der Künste, priesen beide Musikrichtungen, ohne einer den Vorzug zu geben. Ergrimmt schrie Apollon:
»Nun denn, wenn du mir gleichkommen willst, tue es wie ich, wende ebenfalls dein Instrument und spiele und singe zugleich!«
Die umgedrehte Lyra klang, von Phoibos mit seiner lieblichen Stimme begleitet, gewohnt bezaubernd.39 Aber Marsyas vermochte Ähnliches auf der Flöte nicht zu leisten. Da hängte Apollon den Besiegten kopfüber an einer Platane auf und zog ihm bei lebendigem Leibe im wahrsten Sinne des Wortes das Fell über die Ohren. Doch Apollon war nicht nur grausam, sondern wirkte auch für die Heilkunst.
Apollon liebt den Hyakinthos
Die vernichtende Wirkung des Gottes gefährdete selbst seine Geliebten. Apollon war auch seinem eigenen Geschlecht zugetan. So liebte er den zarten Knaben Hyakinthos. Als Phoibos Apollon sich eines Tages in Amyklai mit ihm beim Diskuswerfen die Zeit vertrieb, traf er ihn unbeabsichtigt mit der steinernen Scheibe tödlich. Aus Hyakinthos’ Blut wuchs die duftende Hyazinthe.
Ursprünglich war Hyakinthos wohl ein uralter Vegetationsgott, den der später nach Griechenland kommende Apollon verdrängte. Vorgriechische Götter wurden oft von jüngeren »Berufskollegen« abgelöst; so wich auch Helios – noch bei Homer die personifizierte Sonne – mehr und mehr hinter Apollon zurück, bis dessen rätselhafter Beiname Phoibos zu einem Sonnensynonym aufstieg. Verschiedene Gottesvorstellungen verschmolzen und führten zum hellenischen Synkretismus, der auf religiöser Toleranz beruhte. Die Griechen bedrohten die Anbeter fremder Götter nicht mit Tod oder Taufe, sondern fügten vieles Andersartige in ihren Götterhimmel ein.
Daphne, die Lorbeerjungfer
Apollon erlebte zahlreiche unglückliche Liebesgeschichten; am berühmtesten wurde wohl seine Leidenschaft für die Nymphe Daphne. Anfangs verhöhnte Apollon den bogenbewährten Eros40:
»Geiler Knabe, verlier bloß nicht den großen Bogen! Meine männlichen Schultern warfen den abscheulichen Drachen nieder, ihnen ziemt die stattliche Waffe, aber nicht deinen Kinderhändchen.«
»Großer Schütze«, erwiderte Eros, »so empfange meinen Pfeil und erfahre meine Macht.«
Flugs schoss er einen seiner goldenen Pfeile in Apollons Brust und entzündete unsterbliche Liebe zu Daphne; aber die Nymphe bedachte er mit einem stumpfen, bleiernen Pfeil und erregte so ihren Abscheu.
Was der Musengott auch versuchte, Daphne floh vor seinen lieblichen Liedern, Liebesschwüren, Nachstellungen, selbst vor seiner verführerischen Gestalt. Seine Leidenschaft kochte so heftig, dass er die Spröde mit Gewalt zu nehmen versuchte.
In höchster Bedrängnis flehte die Nymphe die Götter an, ihre Schändung abzuwehren, und verfluchte ihre Schönheit, die ihr zum Verhängnis geworden war. Sie bat nicht umsonst. Apollon glaubte sich bereits am Ziel seiner Wünsche, da wurde die Liebreiche in einen knorrigen Baum verwandelt, den aber noch immer ihr himmlischer Glanz umstrahlt – in dem silbrig umflorten Lorbeerbaum, der im Griechischen Daphne heißt.
Dass die Macht des Liebesgottes alles überdauert, erfuhr auch der silberbogige Schütze Apollon. Denn niemals verwand er seine Liebe zu Daphne, ihr Baum bleibt ihm für ewige Zeiten heilig, und er selbst schmückt sein lockiges Haupt mit dem gewundenen Kranz des Lorbeers.
Asklepios’ untreue Mutter
Nicht viel besser erging es Apollon mit Koronis, der Tochter des Ixion. Zwar gab sich die Schöne dem Gott bereitwillig hin, aber wandte sich ebenso schnell, als Apollon kurzzeitig in Delphi weilte, einem anderen Liebhaber zu. Ein Rabe überbrachte Apollon die Nachricht; und er selbst oder seine Schwester tötete das Liebespaar.
Doch als der Gott Koronis’ leblosen Körper sah, reute ihn die vorschnelle Tat. Er versuchte ihr Leben einzuhauchen, wärmte mit seinen Umarmungen ihre erkaltenden Glieder, wandte seine ganze medizinische Kunst an, doch vergebens. Er warf seinen Bogen von sich, schalt seine Hände, die der Geliebten den Tod gebracht hatten, und verwandelte das schneeweiße Gefieder des Vogels, dessen Unglücksbotschaft ihn übereilt handeln ließ, in das sprichwörtliche rabenschwarze, was seitdem alle Raben tragen.
Der Scheiterhaufen züngelte bereits, als Apollon sich seines ungeborenen Sprösslings besann. Er rettete den Knaben aus den Flammen und brachte ihn zum weisen Kentaur Cheiron, der ihn aufzog und in der Heilkunst unterwies. Asklepios wurde zum größten aller Ärzte. Wo immer er erschien, bewirkte er wahre Wunder, doch nirgends mehr als in Epidauros, wo später eines seiner bedeutendsten Heiligtümer errichtet wurde. Doch als er so vermessen wurde, den verstorbenen Hippolytos wieder zum Leben zu erwecken und damit neben einem Naturgesetz sogar Götterrecht brach, zürnte Zeus und erschlug den Zauberdoktor mit einem Blitz.
Apollon sann auf Rache; aber da er gegen Zeus nichts auszurichten vermochte, tötete er die Kyklopen, die dem Göttervater die Blitze schmiedeten. Als Zeus wütend Apollon in den Tartaros werfen wollte, beruhigte Leto den Alten und erreichte, dass Apollon zur Strafe nur ein Jahr bei den Sterblichen Laomedon oder Admet dienen musste. Durch diese Erfahrungen geläutert, wurde Apollon zum Sühnegott. Über heilende Fähigkeiten verfügte er bereits seit jeher als Pestgott; er vermochte wie den Griechen vor Troia mit seinen Pfeilen die Seuche zu senden oder sie dann wieder zu nehmen. Sein Leitspruch lautet: »Nichts im Übermaß!« oder »Erkenne dich selbst!«
Später erweckte Zeus Asklepios nicht nur wieder zum Leben, sondern schenkte ihm Göttlichkeit. Asklepios wurde zum Heilgott, den die Römer unter dem Namen Aesculap übernahmen. Das Bild des göttlichen Arztes mit der heilenden Schlange setzte Zeus unter die Sterne. Noch heute dient es in der Medizin als Symbol.
Die Giganten greifen an
Durch ständige Zeugung bevölkerten mehr und mehr Götter und Sterbliche die Erde, was die Weltordnung festigte und die wilden ungebärdigen Mächte weiter zurückdrängte. Gaia, selbst noch in diesem Urgrund wurzelnd, geriet bald in Zorn, dass ihre Kinder, die Titanen, im Tartaros gefangen saßen, und gebar die Giganten aus den Blutstropfen des kastrierten Himmelsvaters.
Die Giganten waren ungeheuere Riesen mit grässlichen Gesichtern; von ihren Köpfen wallte dichtes langes Haar; statt mit Füßen liefen sie auf geschuppten Drachenschwänzen. Am gefährlichsten waren ihr Anführer Porphyrion und der gewaltige Alkyones. Sie schleuderten Felsen und brennende Baumstämme gegen den Olymp. Nun kannten die herrschenden Götter das Orakel: nicht ihnen allein, sondern nur mit Hilfe Sterblicher gelänge es ihnen, die Giganten zu töten. Deshalb suchte Gaia nach einem Kraut als Mittel, um die Giganten auch gegen diese Sterblichen unverletzlich zu machen. Da verbot Zeus der Eos, der Selene und dem Helios zu scheinen, fand selbst das Heilkraut, schnitt es ab und sandte Athena, um Herakles aufzufordern mitzukämpfen.
Herakles brachte dann durch einen Pfeilschuss Alkyones zu Fall. Doch kaum war der zusammengebrochen, sprang er wieder kampfeswütig aus dem Staub, der ihn geboren. Nun riet Athena, den Riesen von seinem Heimatboden, dem brennenden Phlegra41, wegzuschleppen. Der Held prügelte Alkyones nach Bathos und erschlug ihn. Noch heute werden dort Erdbrände beobachtet, die Einheimische ebenso auf den Giganten zurückführen, wie jene riesigen Knochen, die von Zeit zu Zeit aufgepflügt werden.42
Nun griff Porphyrion Herakles und Hera an. Zeus weckte rasch bei Porphyrion Verlangen nach Hera; und als der Gigant Heras Schleier zerriss und über sie herfallen wollte, trafen ihn Zeus’ Blitz und Herakles’ Pfeil tödlich.
Apollon schoss dem Ephialtes das linke Auge aus, Herakles das rechte. Dionysos tötete den Eurytos mit dem Thyrsosstab. Hephaistos warf nach dem Klytios glühende Eisenklumpen. Auf den fliehenden Eukelados schleuderte Athena die Insel Sizilien, dem Pallas (II) schnitt sie die Haut ab, um damit in der Schlacht ihren Körper zu decken. Polybotes floh nach Kos, wo Poseidon einen Teil der Insel – heute als Nisyros bekannt – abriss und ihn über den Giganten warf. Hermes, geschützt durch Hades’ Helm, vernichtete den Hippolytos. Sogar die Moiren kämpften mit ehernen Keulen gegen den Agrios und Thoon. Die übrigen fielen durch Zeus’ Blitze und Herakles’ Pfeile. Der Sieg über die Giganten galt als Überwindung der chaotischen Urzeit und ist auf dem berühmten Pergamonaltar dargestellt.
Der Kampf mit dem Weltfeind Typhon
Diese Niederlage der Giganten erzürnte Gaia noch heftiger. So ließ sie sich von Tartaros umarmen und gebar in Kilikien den Typhon. Dieser Riese, bis zu den Lenden in menschlicher Gestalt, übertraf alle bisherigen Kinder der Gaia an Stärke. Er war so groß, dass er die Berge überragte und sein Kopf die Sterne berührte. Seine Hände sollen ausgestreckt vom Aufgang der Sonne bis zu deren Untergange gereicht haben. Aus ihnen wimmelten hundert Drachenköpfe. Von den Lenden abwärts schlängelten sich Knäuel von Vipern. Sein struppiges Haar flatterte im Winde, sein Körper war gefiedert. Mit funkensprühenden Augen schleuderte er Felsen gegen die Götter.
Als die Unsterblichen ihn feuerschnaubend gegen den Himmel heranstürmen sahen, flüchteten sie in Tiergestalt nach Ägypten. Hera verwandelte sich in einen Pfau, Aphrodite in eine Taube, in eine Hirschkuh Artemis, und Apollon floh in Rabengestalt. Nur Zeus schleuderte Typhon Blitze entgegen, wurde aber in dem folgenden Handgemenge überwältigt. Das Ungeheuer schnitt ihm mit der erbeuteten Kronossichel die Sehnen heraus, so dass Zeus bewegungslos in der korykischen Höhle in Kilikien verharrte, wo auch seine sezierten Sehnen verwahrt wurden.
Hermes’ Diebeskunst gelang es, die Wächterin, einen jungen weiblichen Drachen, zu überlisten und die Sehnen zu stehlen. Zeus, wieder im Vollbesitz seiner Kräfte, besiegte in einer gewaltigen Schlacht das Untier auf Sizilien und warf über ihn den Ätna. Unter dem Berg tobt Typhon weiter. Rüttelt er an der steinernen Last, erbebt die Erde; und wenn das begrabene Monster Feuer speit, bricht der Vulkan aus.
In dieser Art ist Typhon dem germanischen Loki verwandt. Nach dessen Untaten fesselten die Götter ihn in den Tiefen der Erde an Steinplatten. Bricht er in Wut aus, rüttelt er an den Wurzeln der Berge, und Lava kann hervorbrechen. Ähnlich Typhon kämpft Loki als Vater der Weltfeinde auf deren Seite beim Götteruntergang, dem Ragnarök.
Nach hurritischer Überlieferung43 bediente sich der von seinem Sohn unterworfene Gott Kumarbi des aus Felsen erzeugten Monsters Ullikummi, um seine Herrschaft wiederzuerobern. Dem herrschenden Wettergott Tešup gelingt es schließlich, den in den Himmel ragenden Steinriesen mit der Blitzwaffe zu besiegen. Bei einer anderen Schlacht gegen die Schlange Illujankas wurden Tešup ebenfalls die Sehnen herausgeschnitten.
Dieser Kampf der Olympier war der letzte gegen Weltfeinde. Aufstände der eigenen Götterfamilie gegen Zeus werden allerdings noch zu erwähnen sein.
HEROENSAGEN
Prometheus und die Entstehung der Menschheit
Die vier Weltzeitalter
Die Menschen und die Götter sind gleichen Ursprungs, die Menschen also nicht viel jünger; sie trennt keine Kluft von den Göttern, sondern beide sind eng verwandt. Sterbliche Frauen vermögen Götter wie Dionysos und später zu Göttern erhobene Heroen wie Herakles zur Welt zu bringen. Und die Göttin Aphrodite gebar den sterblichen Aineias oder die Thetis den Achilleus.
Das Schicksal der Menschen ist eng mit dem Geschlecht des Titanen Iapetos, besonders seines Sohnes Prometheus verbunden. Die schönfüßige Okeanide Klymene gebar dem Iapetos außer Prometheus, als sein Gegenbild, den weniger klugen Bruder Epimetheus, den Atlas und Menoitios. Beide letztere hatten als Abkömmlinge der Titanen auf deren Seite gegen Zeus’ Machtergreifung gekämpft. Atlas wurde bekanntlich nicht in den Tartaros verbannt, sondern hatte die Säulen des Himmels zu tragen.
Prometheus war klüger und mit seinem Bruder Epimetheus auf die Seite der überlegenen Olympischen Götter übergegangen, hatte wohl gar Zeus geraten, die besiegten Titanen in den Tartaros einzusperren, und war von ihm besonders geschätzt worden. Nicht Zeus oder seine Olympischen Götter förderten zunächst das Menschengeschlecht, sondern einer der feindlichen, ungestümen Titanen, wovon in Kürze erzählt wird. Aber fragen wir vorerst: Wann entstanden die ersten Menschen?
Bereits unter Kronos lebte eine Menschengeneration in einem »Goldenen Zeitalter«. Weder Übel noch Arbeit bedrückte ihr Gemüt. Von selbst trug die Erde Frucht in Hülle und Fülle, waren die Menschen reich an Gütern. Sie lebten frei vom Altern, heiter im Glück wegen ihrer Gerechtigkeit und glichen fast den Göttern. Wenn sie friedlich entschlummerten, wurden sie freundliche Geister, die Recht wahren und Frevel ahnden.
Weit geringer an Wuchs und Gesinnung war das nachfolgende Geschlecht des »Silbernen Zeitalters«. Nach hundertjähriger Kindheit lebten die Menschen als Sterbliche nur kurz. In ihrem Unverstand gerieten sie in Zwietracht und wurden gewalttätig. Da sie weder die Unsterblichen ehrten noch auf deren heiligen Altären opferten, tilgte Zeus sie von der Erde und machte sie zu unterirdischen Seligen, von minderem Rang als das »goldene Geschlecht«, aber noch geachtet.
An ihre Stelle trat das eherne Geschlecht des »Bronzenen Zeitalters«. Aus Eschen wild und ungebärdig entstanden, verachteten diese Menschen Feldfrüchte und hatten einen metallharten Sinn. Sie kämpften unablässig und frevelten. Riesig wuchsen ihre Hände und Arme aus ihren klobigen Körpern. Erzen waren nicht nur ihr Wesen und ihre Waffen, auch ihre Häuser und selbst das Ackergerät, denn Eisen gab es noch nicht.44 Sie mordeten sich im schrecklichen Werk des Ares. Der schwarze Tod raffte sie hinab in den modrigen Hades, für immer geschieden vom Licht der Sonne.
Die große Flut
Zeus, ohnehin kein besonderer Freund der Menschen, ergrimmte über diese Menschheit und schickte nach anderen Berichten Dauerregen für eine Sintflut45, in der alle, die sich noch nicht gegenseitig umgebracht hatten, ertranken, bis auf die einzigen Gottesfürchtigen, Deukalion und seine Frau Pyrrha. Die bauten – nach Prometheus’ Rat – eine Arche und landeten dann auf dem abtrocknenden Gipfel des Parnass. Beide hatten außer ihren leiblichen Kindern das neue Menschengeschlecht zu schaffen. Dazu hätten sie – wie Themis prophezeite – die Gebeine der Mutter hinter sich zu werfen.
»Niemals entweihe ich die Knochen meiner Mutter!«, weigerte sich Pyrrha, ganz die Tochter ihres beschränkten Vaters Epimetheus.
»Täuscht mich nicht alles, verlangt die Prophezeiung keine Schändung«, erwiderte ihr Mann, der Sohn des verständigen Prometheus, »denn unsere eigentliche Mutter ist die Allmutter Erde, und dann wären Steine ihre Gebeine.«
Ein Versuch schadete nichts, und so nahm auch Pyrrha Brocken und warf sie über ihre Schulter. Nach dem Willen der Götter verloren die Steine allmählich an Härte und Starrheit, wurden weich und begannen menschliche Formen anzunehmen. Alles Feuchte oder Erdige, das an ihnen klebte, wurde zu Fleisch; was jedoch fest war, wurde zu Knochen, aber Adern, die die Steine durchzogen, pumpten nun Blut. Die von Pyrrha geworfenen Steine formten sich in kürzester Zeit zu Frauen, die Deukalions wohl zu Männern unseres Zeitalters, wovon unsere steinernen Herzen herrühren.
Der Menschenfreund Prometheus
Eine andere Erzählung unseres Ursprungs handelt von Prometheus, das bedeutet der Voraus-Denkende, und seinem Bruder Epimetheus, der im Nachhinein Denkende. Prometheus soll im Auftrage von Zeus die Menschen nach dem Bilde der Götter geschaffen haben.
Um die durch die große Flut entvölkerte Erde wieder zu beleben, formte Prometheus alle sterblichen Wesen aus Lehm und Feuer. Danach überließ er es seinem Bruder, allen Arten besondere Kräfte zuzuteilen. Einigen verlieh Epimetheus Stärke, anderen Schnelligkeit, auch Flügel, Waffen, Größe, schützende Haut oder vielzeugende Kraft, auf dass sie sich gegenseitig im Gleichgewicht hielten und keine Art aussterbe.
Nachdem alle Fähigkeiten verteilt waren, blieb dem einfallslosen Epimetheus ein einziges hilfloses Geschöpf übrig. Doch Prometheus wusste Rat. Er verschaffte dem Menschen die Kunst des Hephaistos, um sich Werkzeuge und Waffen für seine schwachen Hände zu schmieden, Athenas Fertigkeiten, um sich durch Bekleidung vor Kälte zu schützen und seinen Verstand zu gebrauchen, und letztlich Zeus’ Sinn für Recht und Ordnung, damit die Menschen in der Gemeinsamkeit erstarkten.
Sah Zeus das neue Menschengeschlecht zwar mit Wohlwollen, hielt aber die verliehenen Fertigkeiten für zu reichlich, witterte gar eine Gefahr für die Götter? Oder aber strafte er es, weil Prometheus diese Gaben gestohlen hatte? Jedenfalls schlug Zeus die Menschheit mit gebrechlichem Alter und verbarg die Früchte der Erde tief in Gaias Schoß, so dass wir uns quälen müssen, um unser täglich Brot im Schweiße des Angesichts der Scholle abzugewinnen.
Dennoch kannten die Menschen ihren Platz und erbauten den Göttern Tempel; und um die Gottheiten milde zu stimmen, begannen sie, auf den Altären zu opfern. Der anscheinend hinterlistige Prometheus lud daraufhin die Götter bei Mekone zum Opferschmaus ein. Er teilte einen mächtigen Stier und bedeckte den kleineren Haufen aus gutem Fleisch und leckeren Innereien mit dem unansehnlichen Magen, den großen Haufen aus Knochen und Fett überzog er hingegen mit dem glänzenden Fell.
Prometheus hatte mit Zeus’ Gier gerechnet. Denn als der Göttervater wählen sollte, entschied er sich für den stattlicheren Teil. Seither verbrannten die Griechen Knochen und Fett auf den Götteraltären, aber verspeisten Fleisch und die schmackhaften Innereien selbst.
Derart getäuscht brüllte Zeus:46
»Lasst sie ihr Fleisch doch roh essen!«, und nahm den Menschen das Feuer.
Erneut stand der Menschenfreund seinen Schützlingen bei, stahl das himmlische Feuer47 und brachte es zur Erde im gehöhlten Nartex-Rohr, dessen Mark langsam weiterglüht und so Feuer aufzubewahren und zu transportieren vermag. Doch Zeus’ Rache war fürchterlich.
Prometheus wird angeschmiedet
Zeus sandte Hephaistos mit zwei Knechten, Ohnmacht und Zwang, Prometheus in der öden Berglandschaft des Kaukasos an einer Felsenwand anzuschmieden. Hephaistos stand im Schurzfell mit Handwerkszeug, legte Prometheus Ketten und Fußschellen an und trieb ihm einen stählernen Keil durch die Brust.
»Hart ist, wer die Macht erst kürzlich errang«, meinte Prometheus über Zeus, »er herrscht und duldet nicht den geringsten Widerspruch.« Aber Prometheus verzweifelte nicht. Trotz unermesslicher Schmerzen verlor er weder Hoffnung noch Gewissheit. »Ich weiß, wenn der Tyrann – obwohl hart wie Eisen – zu stürzen droht, wird er einst willig in den Bund mit mir zurückkehren.«
Als die in eine Kuh verwandelte Io den Prometheus aufsuchte, prophezeite ihr der Titan nicht nur, dass sie nach endlosen Wanderungen endlich in Ägypten eine neue Heimat finden, sondern dass Zeus’ Herrschaft enden werde. Eine Geliebte werde dem Zeus einen Sohn gebären, dessen Waffe wäre mächtiger als dessen Blitze und Poseidons Dreizack. So werde sich Kronos’ Vaterfluch erfüllen, den er ausstieß, als Zeus ihn stürzte.
Von dieser Prophezeiung erfuhr Zeus und sandte Hermes zur Erkundung aus.
»Dieb des Feuers, der Vater verlangt von dir zu wissen, um welche Liebschaft es sich handelt, die ihm die Macht kosten solle?«, fragte der Götterbote.
»Ich sah bereits zwei Herrscher stürzen, den Uranos und den Kronos, bald ist Zeus dran«, erwiderte Prometheus. »Mein Leben voller Qualen tauschte ich nicht gegen deine schmierige Dienstbarkeit.«
»Du genießt deine Lage?«
»Meine Feinde möchte ich solche Lust genießen sehen. Zu meinen Feinden zähl ich dich. Ich hasse die Götter, die mir wider Recht Böses antun. Aber keine Misshandlung, keine List bringen mich dazu, etwas zu offenbaren, ehe diese Ketten nicht gelöst sind. Und nie werde ich nach Weiberart die Hände heben und flehen, mir die Fesseln zu lösen.«
»So wird ein blutig-brauner Adler dir Tag für Tag die Leber abnagen, die nachts dir nachwächst«, eröffnete ihm Hermes.
Der Freund der Menschen widerstand den Drohungen und Qualen. Davon würde ihn erst Herakles befreien. Dies war die Strafe für Prometheus. Aber an den Menschen rächte sich Zeus mit einem Übel, das sie lieben, dessen Schaden aber den Nutzen des Feuers noch übertreffen sollte.
Pandora bringt das Übel auf die Welt
Nach Zeus’ Ratschlägen mengte Hephaistos Erde und Wasser, gab eine menschliche Stimme, Lebens- und Liebeskraft hinein und machte ein hübsches, verlockendes Mädchen, so schön wie Göttinnen. Athena lehrte sie Handarbeit und kunstvollen Stoff zu weben. Sie schmückte das schöne Übel mit einem silberweißen Gewand, einem kunstvollen Schleier, einem Kranz aus frischen Wiesenblumen und legte ihr ein goldenes Stirnband um. Zeus befahl Aphrodite, die künstliche Jungfrau mit Liebreiz auszustatten, ihr quälende Sehnsucht, die Gabe zur Betörung und Sinnlichkeit einzupflanzen und sie mit Goldketten zu behängen. Ihr hündischen und verschlagenen Sinn, Wortgewandtheit sowie Schmeichelreden zu geben, war Hermes’ Aufgabe. Als der Göttervater das Kunstwerk vorführen ließ, staunten die Götter und die Sterblichen. Von dieser »Urfrau« stammt nach Hesiod das unheilvolle Geschlecht der irdischen Frauen ab, die sich wie Drohnen gebärden, zum Verhängnis der Männer werden, weil sie nicht an deren Not, wohl aber am Überfluss teilhaben wollen.
Pandora hieß das wunderbare Mädchen, »die alles Gebende«. Zeus hatte ihr eine Büchse mitgegeben, voll von Unglück für die Menschen. Der Göttervater sandte nun Hermes, Pandora den Menschen als Geschenk und dem Epimetheus als Frau anzubieten. Der ließ sich von ihrer Schönheit, ihren Reizen und ihrem reichen Schmuck blenden und bedachte nicht Prometheus’ Rat, von den Göttern nie ein Geschenk anzunehmen, sondern es umgehend zurückzusenden, denn sonst geschehe Schlimmes. Epimetheus glaubte sich wohl geehrt und beglückt und nahm Pandora zur Frau. Sie öffnete daraufhin ihre Büchse, und heraus kamen alle Leiden, Mühen und Krankheiten dieser Welt. Da Zeus ihnen die Stimme genommen hatte, kamen die Übel nun lautlos über die Leidgeprüften. Pandora schlug den Deckel schnell wieder zu, damit die Menschen mit der Hoffnung nicht noch das einzig Gute erhielten.
Doch nach ihrer Ansicht, es sei das Beste, gar nicht erst geboren zu werden und wenn schon geboren, möglichst bald zu sterben, begriffen einige Griechen wohl die Hoffnung ebenfalls als etwas Schlechtes, das ihnen vorgaukele, im irdischen Jammertal bessere sich etwas.
In der germanischen Überlieferung ist der Pandora die Gullveig verwandt, ein zauberkundiges Mädchen, das Gold an die bisher schuldlosen Menschen verteilt und so Übel und Feindschaft über sie bringt.48
Die Abstammung der Heroengeschlechter
Wir sind wohl dieses vierte und letzte Menschengeschlecht, das nicht nur durch die Übel aus Pandoras Büchse verdorben wurde, sondern von Eisen ist. Die Menschen finden selbst nachts keine Ruhe von Leiden und Sorgen. Nicht nur der Gast ist dem Sesshaften, der Freund dem Freunde feind, sondern selbst der Bruder bekämpft den Bruder, der Sohn den Vater. Der Stärkere zerstört nach Faustrecht die Stadt des Schwächeren. Redliche unterliegen Frevlern und Gewaltmenschen. Neid und Meineid herrschen.
Doch angesichts der großen Helden wie Herakles, Perseus, Theseus und Achilleus muss es zwischen dem »Bronzenen« und unserem »Eisernen« oder »Steinernen Zeitalter« der Menschen noch ein gerechteres und tüchtigeres Geschlecht gegeben haben, das vor den Toren Troias und Thebens sein Leben ließ. Ledig aller Sorgen weilen die Heroen nun auf der Insel der Seligen, der Kronos als König vorsteht. Im Folgenden wollen wir die Taten dieser Heroen erzählen.
Jede große Familie, die etwas auf sich hielt, betrachtete sich als Nachfahre dieser Helden. Die Heroengeschlechter führten ihren Ursprung entweder auf Athens erdgeborene Ahnen zurück oder auf die Titanen Iapetos bzw. Okeanos. Von Iapetos’ drei Söhnen wollte niemand von dem einfältigen Epimetheus abstammen, wohl aber von dem weisen Prometheus, zu dessen Sippe Sisyphos, Bellerophon und Iason gehören. Auch der Iapetossohn Atlas wird als Ahnherr für die schöne Helena, die Troer oder Römer hoch geachtet.
Der zweite Heroenstammbaum hat seinen Ursprung bei Okeanos und teilt sich wiederum in die beiden Stränge um die Flussgötter Inachos wie Asopos. Doch bevor wir uns Peleus und Achilleus, den Nachkommen des Asopos, zuwenden, beginnen wir bei denen des Inachos und erzählen von Io, der schönen Kuh, die den gefesselten Prometheus aufgesucht hatte.
Das Geschlecht des Agenor
Zeus liebt Io und verwandelt sie in eine schöne Kuh
Zeus, wieder von einem Liebespfeil getroffen, verkündete den verdutzten Olympiern, jeder Gott dürfe neben seiner himmlischen Gemahlin auch eine Sterbliche beglücken. Da Hera abwesend war, ging der Göttervater sofort mit gutem Beispiel voran und buhlte um Io, die Tochter des Flussgottes Inachos. Kurz bevor Hera beide ertappte, verwandelte Zeus rasch die reizende Io in eine schneeweiße Kuh und beteuerte, das Hornvieh nicht begehrt zu haben.
Bereits vielfältig getäuscht, misstraute Hera ihrem Gatten, ließ sich die Kuh ausliefern und unter der Obhut des hundertäugigen Riesen Argos nach Mykene bringen. Am Tage ließ Argos sie weiden, doch nachts band er sie am Hals fest. Sie fraß das Laub von den Bäumen und bittere Kräuter, trank von schlammigen Flüssen und bettete sich statt auf ein Polster auf die Erde. Io hob flehend die Hufe empor, klagte ihr Leid, doch sie vermochte nur zu muhen und erschrak dabei vor der eigenen Stimme.
Immer wieder lief Io zum väterlichen Ufer des Inachos, wo sie früher mit ihren Schwestern spielte. Doch weder Vater noch Geschwister erkannten sie, streichelten und bewunderten lediglich das herrliche Tier. Als Inachos der Kuh ein Büschel saftiger Kräuter vorhielt, leckte sie die Hand des Vaters, küsste deren Innenfläche und ließ ihre Tränen fließen. Da sie nicht mit Worten ihren Namen zu nennen vermochte, schrieb sie ihn in den Sand.
»Wehe mir«, klagte der Vater, umschlang den schneeweißen Nacken, küsste die Hörner, »bist du die Tochter, nach der ich alle Lande durchforsche? In welchem Elend finde ich dich! Ahnungslos rüstete ich bereits für die Hochzeit, hoffte auf prächtige Enkel, aber nicht auf blökende Kälber. Keine Worte kannst du mit mir, deinem Vater, wechseln, zu meinen lediglich muhen.«
Argos riss das Kind vom weinenden Vater, trieb die Kuh auf den Gipfel eines Berges, um von dort nach allen Seiten zu spähen. Während je ein Paar seiner hundert Augen ruhte, lauerten die anderen. Selbst wenn er Io den Rücken kehrte, wachten die Augen seines Hinterkopfes über das verwandelte Mädchen. Doch der Göttervater ertrug das nicht länger und beauftragte den Schelm Hermes, Argos zu überlisten. Mit dem Heroldsstab versenkte der Maiasohn den Riesen in einen nie gekannten Tiefschlaf und tötete ihn.
Hera schmückte später mit dessen Augen die Schwanzfedern ihres Lieblingstieres, des Pfaus. Der Io aber schickte sie unverzüglich eine Bremse. Io floh vor deren peinigenden Bissen zuerst zum nach ihr benannten Ionischen Meer, suchte Prometheus auf und wurde dann bis nach Ägypten getrieben, wo Zeus sie sowohl von der Bremse wie von der Kuhgestalt erlöste.
Das Fell wie die Hörner schwanden. Ihre Augen verengten sich, das Maul schrumpfte, die Hufe teilten sich fünffach zu Fingern und Nägeln. Von dem Rinde blieb nur der Glanz seiner Schönheit. Darum besorgt, wie eine Kuh zu muhen, scheute Io sich anfangs zu reden.
Doch damit fanden ihre Leiden ein Ende. Dem Zeus gebar sie den Epaphos, der später König von Ägypten wurde.
Phaëthon begegnet seinem Vater Helios
Epaphos wuchs zusammen mit Phaëthon auf, und beide glichen sich an Gesinnung wie Gestalt. Doch was hieß das schon? Prahlte Epaphos mit seinem Vater, dem Kroniden, wusste Phaëthon von seinem nichts zu berichten. Nächtelang flehte er seine Mutter Rhode an, das Geheimnis preiszugeben.49
Rhode brach es das Herz, ihren Sohn so bedrückt zu sehen, und eröffnete ihm:
»Dein Vater ist kein Verworfener; er lebt ewig in seinem Glanze.«
»Oh Gott! Ist er etwa ein Gott?«, Phaëthon verschlug es die Sprache, aber als er erfuhr, dass kein geringerer als Helios sein Vater sei, stürmte er zu seinem Freund Epaphos. Schon Unglauben hätte Phaëthon gequält, doch Epaphos’ Gelächter ertrug er nicht.
»Dir werde ich es zeigen. Ich eile zu meinem Vater, dann wirst du schon sehen, welch himmlischer Abkunft ich bin.« Mit diesen Worten machte sich der Jüngling gen Osten auf und erreichte Helios’ glänzenden Palast. Allein der Prunk blendete Phaëthon, doch Helios’ gleißendem Anblick hielten seine Augen nicht stand. Mit abgewandtem Blick stand er befangen vor dem Thron, unfähig, auch nur ein Wort herauszubringen. Lange musste der Sonnengott dem Jüngling zureden, bis dieser zaghaft den Mund öffnete:
»Großer Helios, Vater, wenn du mir diese Anrede gestattest, befreie mich von meinem Zweifel und gib mir ein Pfand, das mich unleugbar als deinen Sohn ausweist!«
»Fasse nur Zutrauen«, entgegnete der Herrscher, »du bist mein Kind. Endlich bist du hier, nach all den Jahren, die ich dich nur von ferne zu sehen vermochte. Mein Sohn, äußere einen beliebigen Wunsch, was es auch sei, bei den Wassern, die mein Auge nie gesehen, schwöre ich dir, ihn zu erfüllen!«
»Dann will ich deinen Sonnenwagen fahren«, platzte Phaëthon heraus, »alle sollen sehen, ich bin dein Sohn.«
»Du weißt nicht, was du begehrst«, erschrak Helios, »erbitte etwas anderes, irgendeine Kostbarkeit des Himmels, des Meeres oder der Erde, und fürchte nicht, dass ich es verweigere.«
»Ich will aber den Sonnenwagen fahren!«, beharrte der Halsstarrige.
»Phaëthon, mein Sohn, du erbittest dein Verderben von mir, von deinem eigenen Vater! Niemals lasse ich das zu. Du, ein Sterblicher, wünschst, woran Himmlische scheitern. Selbst Zeus verstünde den Himmelswagen nicht zu lenken!«
»Aber du hast es geschworen!«
»Oh, wie unheilvoll!«, klang Helios bedrückt, »es war töricht von mir, bei der Styx zu schwören. Doch noch törichter ist es, auf diesem übereilten Schwur zu bestehen. Zweifle nicht, du erlangst alles, was du willst. Wünsche verständiger, du bist alt genug!« Dreimal, viermal noch schüttelte der Gott sein loderndes Haupt und versuchte eindringlich, den Jungen zur Vernunft zu bringen. Doch dieser beharrte, schmollend wie ein Kleinkind, auf seinem Willen.
So führte Helios zögernd seinen Sprössling zu dem goldenen Wagen, hieß den Horen die Rosse anzuspannen und gab letzte Ratschläge:
»Steil führt am Anfang der Weg in schwindelerregende Höhen. Schau nicht hinab, denn auch ich zittere in banger Besorgnis! Halt die Zügel straff und spar den Stachel! Wähle die Mitte der Bahn, zwischen dem grollenden Bären und der zischenden Schlange, verbrenne weder die himmlischen Paläste noch die Erde!«
Phaëthon fährt den Sonnenwagen
Phaëthon war nicht stark genug, um die kraftstrotzenden Hengste zu bändigen. Sie sprangen an den ungewohnt lockeren Zügeln hoch hinauf in den Äther. Was für ein schrecklicher Abgrund riss vor Phaëthon auf, als er zur kaum noch sichtbaren Erde blickte! Und als er sich in panischer Angst nach oben wandte, krachten neben ihm die Scheren des Skorpions so ohrenbetäubend zusammen, dass das Gespann weggeschleudert wurde und dem Ohnmächtigen die Zügel entglitten.
Als die feuerschnaubenden Rosse diese nie gekannte Freiheit spürten, gingen sie durch und rasten kreuz und quer durch die Luft. Bald verdampften die Wolken, bald jagten die Hengste auf so abschüssigen Pfaden, dass die Erde in Flammen aufging. Der Nil wich erschrocken ans Ende der Welt zurück und barg das Haupt in seinen sieben Mündungen, selbst die schneebedeckten Gipfel des Olymps und der Alpen fingen Feuer. Sprühende Funken und Ascheflocken schwärzten Afrikas einst hellhäutige Völker; und wo früher Quellen sprudelten und Wälder grünten, dörrt heute Saharas trockener Sand. Da die ganze Welt in einem lodernden Flammenmeer unterzugehen drohte, blieb Zeus nichts anderes übrig, als den Unbesonnenen mit einem Blitz zu erschlagen; Phaëthon stürzte darauf kopfüber in den Eridanos.
Phaëthons Schwestern Prote und Klymene (II) fanden den verbrannten Leichnam und brachen in endlose Klage aus, bis sie sich in Pappeln verwandelten, denen noch heute Tränen entrinnen, die wir unter dem Namen Bernstein kennen.
Nachdem Helios die Pferde eingefangen und einen ganzen Tag der Welt sein Licht versagt hatte, kehrte er auf Drängen der Götter zu seinem angestammten Platz zurück.
Die Kalydonische Jagd
Epaphos’ Tochter Libye, Namensgeberin des bekannten Landes, gebar dem Poseidon zwei Söhne: Belos, der in Ägypten herrschte und aus dessen Stamm Perseus hervorgehen sollte, und Agenor, der nach Phönikien auswanderte und Stammvater der Königsgeschlechter von Kalydon, Kreta und Theben wurde.
Agenor, Epaphos’ Enkel, hatte fünf Kinder: Phoinix, nach dem der phönizische Herrschaftsbereich benannt ist; Demonike, die durch die Liebschaft mit Ares Großmutter von Leda und Althaia wurde; die von Zeus entführte Europa; Kadmos, der auf der Suche nach seiner Schwester Theben gründete; und Portheus, König von Kalydon.
Portheus’ Sohn Oineus erwies sich als überaus freigebiger Herrscher. Als eines Tages Dionysos nach Kalydon kam und ein Auge auf dessen Frau Althaia warf, zog sich der rechtmäßige Ehemann zurück, und Althaia empfing dann Deïaneira, die spätere Heraklesgattin. Dionysos erwies sich als dankbar und lehrte seinen verständnisvollen Gastgeber die Kunst des Weinanbaus.
Zwar ist nicht überliefert, dass Ares jemals den Palast des gastfreundlichen Oineus besuchte, doch hält sich das Gerücht, Meleagros sei nicht Oineus’ Sohn, sondern Althaia habe ihn vom Kriegsgott empfangen. Selbst die Moiren erschienen bei Meleagros’ Geburt. Klotho prophezeite, er werde ein edelmütiger Mensch, Lachesis besang seine Stärke, Kühnheit und Aufrichtigkeit, die Todesmoira Atropos aber starrte ins Feuer und murmelte, Meleagros werde so lange leben, bis dieser Stock, der bereits angekohlt in den Flammen lag, verbrannt sei. Augenblicklich sprang Althaia vom Wochenbett auf, achtete weder Schmerzen noch verbrannte Hände, riss den züngelnden Scheit aus den Flammen, löschte und verbarg ihn.
So wuchs Meleagros zu einem großen Helden heran – unbesiegbar durch die Fürsorge seiner Mutter, die niemandem verriet, wo der schicksalhafte Stock ruhte. Doch Meleagros’ Untergang kam von keinem Feind, sondern von seinen eigenen Eltern. Der gottesfürchtige Oineus vergaß, Artemis zu opfern; und die gekränkte Göttin sandte einen Eber, der Kalydons blühende Landschaften verwüstete. Das Untier wütete derart, dass nicht einmal der tapfere Meleagros es erlegen konnte. Deshalb rief er alle Helden auf, den Eber zu töten.
Um ihren Ruhm zu mehren, kamen zur Kalydonischen Jagd außer Herakles, der seinen Arbeiten nachgehen musste, alle Helden Griechenlands: die Dioskuren Kastor und Polydeukes, ihre messenischen Vettern Idas und Lynkeus, Theseus erschien, mit ihm Iason, Admet und Peleus; weder Telamon noch Amphiaraos fehlten – Männer, von denen noch viel zu erzählen sein wird. Aber auch Atalante, die schöne Jägerin, nahm teil.50
Neun Tage lang bewirtete Oineus die Helden, die sich weigerten, gemeinsam mit einer Frau zu jagen, bis es Meleagros, der sich in Atalante verliebt hatte, endlich gelang, die Jäger zum Aufbruch zu bewegen. Lange stellten sie dem Untier nach, viele Männer verloren ihr Leben, wie Eurytion, der versehentlich von seinem Schwiegersohn Peleus getötet wurde. Taten, würdig der großen Helden, wurden vollbracht, doch erst Atalante gelang es, mit einem Pfeil den Eber zu verwunden; und Meleagros, der sich stets in ihrer Nähe aufhielt, gab dem Tier den Todesstoß. Die Beute wurde zerlegt, das Fell und die Hauer Meleagros überreicht, doch der wandte sich an Atalante:
»Oh, Ebenbild der Artemis, nimm du, was nach Jagdrecht mein ist, und teile mit mir den Ruhm, den ich heute gewann.«
Es war nicht das erste Mal, dass Meleagros die schöne Jägerin entzückte. Schon vorher war sie seinem Liebreiz erlegen; und ihrer Vereinigung entsprang später Parthenopaios, ein Held im Kampf jener »Sieben gegen Theben«.
Unter den Helden machte sich Unmut breit. Vor allem Meleagros’ Onkel wollten nicht dulden, dass eine Frau die Ehrenstücke bekäme, und pochten auf das Recht der Familie, wenn ihr Neffe darauf verzichtete, diese zu erhalten. Streit entbrannte, Waffen wüteten, und bald stand Meleagros im Blut seiner Verwandten. Als Althaia erfuhr, dass der Sohn ihre Brüder tötete und das fremde Mädchen die Trophäen besaß, holte sie das lang verborgene Scheit aus der Truhe und warf es ins Feuer.
Erst spürte Meleagros nur ein kleines Stechen, dann plagten ihn Hitzewellen und Magenkrämpfe. Standhaft versuchte er, den Schmerz zu unterdrücken, doch die Qualen wuchsen. Er verließ unauffällig die Jagdgesellschaft, schleppte sich, der Ohnmacht nahe, durch den Wald bis zum Fluss. Die Hitze verzehrte seinen Körper, die Kehle war ausgetrocknet. Begierig schlürfte er das kühle Wasser. Er trank, trank, trank. Sein Bauch schwoll an, doch die Kehle schien kaum benetzt; und ihm war, als verbrenne er bei lebendigem Leibe. Der Schmerz steigerte sich ins Unermessliche, und mit einem markerschütternden Schrei ging er in den Hades ein.
Daraufhin nahm sich Althaia das Leben, und Oineus heiratete nach angemessener Frist Periboia. Nach außen hin gilt sein Sohn Tydeus als Spross seiner zweiten Gattin, doch Eingeweihte berichten, Oineus habe ihn mit seiner eigenen Tochter Gorge gezeugt. Tydeus erwies sich als nicht weniger tapfer als Meleagros. Doch Oineus musste ihn, als Tydeus einen Mord beging, aus Kalydon verbannen. Hier übten bereits die überlebenden Brüder von Althaia ihren Einfluss aus. Nachdem der alte König schutzlos zurückgeblieben war, ergriffen sie selbst die Macht. Tydeus, der im Zug der »Sieben gegen Theben« fiel, vermochte seinen Vater nicht zu rächen; die Thronräuber abzusetzen gelang erst seinem Sohn Diomedes.
Das minoische Kreta
Zeus verführt Europa
Zeus verliebte sich in Europa und befahl Hermes, das Vieh ihres Vaters Agenor zur Küste nahe Tyros zu treiben. Dort pflückte die Schöne mit ihren Gespielinnen Blumen. Zeus selbst mischte sich als prächtiger Stier, weiß wie Schnee, unter die Herde, trabte mit dreifarbig glänzendem Fell und moschusduftend heran. Voller Bewunderung näherte sich Europa. Der Stiernacken strotzte von Muskeln, seine Hörner waren zwar klein, aber leuchteten wie Edelsteine. Er blickte friedlich, wirkte stolz, aber zutraulich. Europa, von seiner Kraft und Würde beeindruckt, streichelte ihn – war es etwa eine überirdische Erscheinung? Dann bot sie ihm Blumen. Der Verliebte küsste die Hände des Mädchens, tänzelte spielerisch und legte sich auf den Sandstrand. Europa klopfte ihm die Brust und band Girlanden um seine Hörner. Nun überwand sie alle Scheu und wagte sich sogar auf seinen Rücken. Doch auf diesen Augenblick hatte der verwandelte Göttervater nur gewartet. Der Stier stand gemächlich auf, schritt zum Ufer und galoppierte übers Wasser. Europa blickte angstvoll zur Heimat zurück, umklammerte mit der rechten Hand ein Horn des Stieres und suchte mit ihrer linken auf dessen Rücken Halt. Ihr Kleid bauschte sich im Winde. Zeus überquerte das Meer, ohne dass auch nur ein Wasserspritzer Europas wehendes Gewand benetzte.
In Gortyn auf Kreta ging Zeus an Land und soll Europa unter der immergrünen Platane mit Gewalt genommen haben. Oder gab sie – von seiner Stärke gebannt – sich ihm gar willig hin? Was wissen wir wirklich? Ob der Kronide Scham empfand, ist nicht überliefert, wohl aber sein Bemühen, das vermeintliche Unglück der Entführten in Glück zu verwandeln. Zeus machte sie mit Minos, Rhadamanthys und Sarpedon zur Stammutter eines blühenden Geschlechts. Und der Name Europa schmückt für alle Zeiten einen Kontinent.
Minos und das Monster Minotauros
Europas Sohn Sarpedon wanderte nach Lykien aus, wo die Götter seine Lebenszeit verdreifachten. Rhadamanthys erwies sich als so gerechter Gesetzgeber, dass er nach dem Tode zusammen mit Aiakos und seinem Bruder Minos als Richter der Verstorbenen im Hades wirken durfte.
Minos war aber zu Lebzeiten ein mächtiger König und beherrschte von seiner Residenz Knossos nicht nur Kreta, sondern weite Teile Griechenlands.
Noch bevor die Griechen hellenischen Boden betraten, blühte auf Kreta tatsächlich die sogenannte »Minoische Kultur«, die, gestützt auf Seeherrschaft, weite Teile des ägäischen Raumes kontrollierte. Auf diese Vergangenheit besinnt sich der Mythos.
So war auch Athen verpflichtet, alle neun Jahre einen Tribut von sieben Jungfern und Jünglingen als Blutopfer für den Minotauros nach Knossos zu liefern, bis Theseus dem ein Ende setzte. Doch wie war es zu dem blutrünstigen Ungeheuer gekommen?
Da Minos ein gottgefälliger Mann war, hatte er einst die Herrschaft auf Kreta gewonnen. Eines Tages versprach der König, seinen schönsten Stier dem Poseidon zu opfern. Der Erderschütterer prüfte die Wesensart des Herrschers und ließ einen strahlend weißen Stier aus dem Meer steigen. Minos’ Besitzgier siegte über seine Gläubigkeit; er versteckte den Stier in seiner Herde und opferte statt dessen eine Kuh. Doch solchen Frevel pflegten die Götter hart zu bestrafen. Jener Stier sollte erst seine Ehe und später sein Land zerstören; denn er verwüstete ganz Kreta, bis schließlich Herakles ihn einfing.
Minos war mit der Heliostochter Pasiphaë glücklich verheiratet und erfreute sich an seinen Kindern Katreus, Phaidra und Ariadne. Aber als Rache für seine Hybris weckte Aphrodite bei Minos’ Angetrauter Begierde nach diesem Stier. Pasiphaë kümmerte sich nun weder um ihre Familie noch um ihren Ruf, sondern allein darum, den Stier zu verführen; doch was immer sie anstellte, der Hornochse ignorierte sie. Was konnte sie tun? Schließlich vertraute die Königin ihre Gelüste dem erfindungsreichen Daidalos an, der für Minos arbeitete.
Der Kunsthandwerker hatte Erbarmen mit der Frau – oder wollte er Minos nur eins auswischen? – und fertigte eine hölzerne Kuh von solcher Natürlichkeit, dass der Stier sie besprang und die in ihm hockende Pasiphaë begattete.
Ungeheuerlicher als die Geilheit erwies sich die Frucht derselben, die Missgeburt Minotauros, ein Mensch mit Stierkopf. Sein »Stiefvater« Minos entsetzte sich bei dessen Anblick derart, dass er Daidalos beauftragte, die Schande zu verbergen. Der Meisterschmied baute das unentrinnbare Labyrinth51, in dem Minotauros52 gefangengehalten wurde und wo man ihm die Menschenopfer aus Athen darbrachte.
Ikaros fliegt sonnenwärts
Minos hatte zwar Daidalos nach dessen Flucht aus seiner Heimatstadt Athen53 freundlich Asyl gewährt, aber lehnte hartnäckig dessen Bitten um Weiterreise ab. Minos wollte weder den besten Erfinder verlieren, noch seine Schmach bekannt werden lassen.
Nachdem der Kunstsinnige seine vermeintliche Freiheit als goldenen Käfig erkannt hatte, schuf er für sich und Ikaros zwei Flügelpaare und verklebte deren Federn mit Wachs. Bevor sie flüchteten, belehrte der Vater seinen Sohn:
»Mein Ikaros, halte die Mitte der Bahn! Denn fliegst du zu tief, beschwert Wellengischt deine Federn, gerätst du zu hoch, wird die Glut dich versengen!«
Daidalos’ Rat folgt den griechischen Denkern. Die sieben Weisen verkündeten: »Erkenne dich selbst!« Dieser Spruch ziert den Eingangsgiebel des Apollontempels in Delphi. »Nichts zu viel!«, lautet eine andere Weisheit.
Dann erhoben sich beide in die Lüfte – der Vater flog maßvoll voran, der Sohn zunächst unsicher hinterher. Doch bald vergaß Ikaros nicht nur seine Scheu, sondern auch seine Vorsicht. Berauscht von dem Hochgefühl, wie ein Adler durch den Äther zu schießen, schwang er sich jauchzend immer höher, der Sonne entgegen. Aber zehrende Glut schmolz das duftende Wachs, die Federn verloren ihren Halt und fielen von den nackten Armen. Sosehr Ikaros auch ruderte, die Flügel fassten keine Luft mehr, und so schlug er kurz vor der später nach ihm benannten Insel Ikaria aufs Meer und ertrank. Daher heißt auch heute noch die See um die Sporaden das Ikarische Meer.54
Byblis und Kaunos
Bevor wir Kreta verlassen, ist noch von der Minostochter Akakallis zu berichten, die von Apollon verführt, einem Knaben das Leben schenkte, aber ihn aus Angst vor ihrem Vater aussetzte. Wölfe nährten Miletos, und Hirten zogen ihn auf. Der Herangewachsene war von solcher Schönheit, dass Sarpedon und Minos dem Jüngling nachstellten. Miletos entschied sich für Sarpedon, und beide entflohen Kreta. Wir berichteten bereits, dass Sarpedon sich nach Lykien wandte, Miletos aber zog nach Karien, wo er Kyanee, eine Tochter des Flussgottes Maiander, heiratete und die nach ihm benannte Stadt gründete. In historischer Zeit kamen aus der berühmten Stadt Milet nicht nur die Philosophen Anaximander und Anaximenes, sondern auch Thales, dessen Satz über rechtwinklige Dreiecke noch heute als Satz des Thales gilt.
In Milet wuchsen Byblis und Kaunos, Kinder des Miletos und der Kyanee, auf. Byblis liebte ihren Bruder nicht, wie es einer Schwester geziemen sollte. Anfangs erkannte sie nicht, welches Feuer in ihr brannte, hielt es für geschwisterliche Zuneigung, wenn sie öfter Küsse tauschte oder Kaunos mehr und mehr umhalste. Noch war sie sich dessen nicht bewusst, doch im Inneren glühte sie, ließ sich schon lieber »Byblis« statt »Schwester« nennen. Aber im Traume sah sie, was sie sich wach nicht eingestand, wie sich ihr Leib mit dem des Bruders vereinigte.
»Weh mir«, dachte sie, »warum sah ich nur diesen Traum? Wenn ich derlei zu begehen nur nicht im Wachen versuche, so darf mir der Schlaf noch oft solche Bilder gönnen. Welche Wollust wurde mir zuteil! Dürfte den Namen ich wechseln und mich so mit dir verbinden. Schönster, du darfst mir nur Bruder bleiben. Aber haben die Götter nicht selbst ihre Schwestern besessen? Wenn mir auch Scham den Mund verschließt, ein geheimer Brief wird ihm meine verborgene Glut enthüllen.«
So fasste Byblis mit der Rechten den Griffel, mit der Linken die leere Fläche des Wachses. Und sie begann, hielt ein; sie schrieb, verwarf ihre Zeilen, zeichnete und tilgte, veränderte, schalt, lobte, legte die Tafel ab und nahm sie von neuem wieder auf. Endlich beendete sie den Brief, rief einen Diener herbei und befahl:
»Bringe dies meinem –«, sagte erst nach einiger Zeit »–Bruder«.
Als sie die Tafel übergeben wollte, fiel diese zu Boden. Obwohl das Siegel gebrochen war, sandte Byblis dennoch den Bediensteten, der den Brief Kaunos aushändigte. Nachdem der die Nachricht halb gelesen hatte, schrie er den Diener an:
»Scher dich fort, verruchter Bote, solange noch Zeit bleibt! Du hättest schon längst mit deinem Leben gebüßt, wenn dein Tod nicht unsere Schande offenbarte.«
Als der Diener die Worte des Kaunos überbracht hatte, erbleichte und erbebte Byblis. Doch mit ihrer Besinnung kehrte auch ihr Wahn zurück, und sie sprach zu sich selbst:
»Warum habe ich nur übereilt der Tafel diese Worte anvertraut? Ich hätte zuvor erforschen sollen, wie er gesonnen ist. Warnte nicht eine Gottheit mich, als die Tafel zu Boden fiel? Doch was ich getan, kann ich nun nicht mehr widerrufen. Jetzt gilt es durchzuhalten, denn wenn ich nun ablasse, wird es nur als brünstiges Verlangen abgetan.«
Byblis kannte kein Maß und ließ sich noch oft zurückweisen. Da kein Ende abzusehen war, floh Kaunos vor dem blutschänderischen Verlangen und gründete die nach ihm benannte Stadt Kaunos in Karien. Die Hoffnungslose verließ ebenfalls Milet und begab sich auf die Spur des geflüchteten Bruders. Ihr Ende ist umstritten. Entweder erhängte sie sich selbst, oder sie wurde infolge ihrer unstillbaren Tränen zu einer Quelle. Manche halten sie auch für die Namensgeberin der phönizischen Stadt Byblis.
Theben – die leidgeprüfte Stadt
Kadmos gründet Theben
Nachdem Europa, Agenors Tochter, von Zeus nach Kreta entführt worden war, machte sich ihr Bruder Kadmos von Phönikien auf, seine Schwester zu suchen. Bei seinen Wanderungen, die ihn bis nach Griechenland führten, begegnete er am Aresquell einer gewaltigen, männermordenden Schlange. Nach zähem Kampf gelang es Kadmos, das Untier zu töten. Auf Athenas Geheiß brach er dessen furchtbarem Kiefer die Zähne aus und säte sie in den Acker. Doch wie staunte er über die Frucht. Dem Boden entwanden sich über und über gepanzerte Krieger; die mähten mit ihren dröhnenden Waffen sich gegenseitig nieder, bis nur noch fünf blutige Schnitter, Spartiaten oder »die Gesäten« genannt, auf dem bitteren Felde standen.55
Kadmos erbaute hier mit der Hilfe der erdgeborenen Krieger die vielgepriesene Stadt Theben und lehrte die Griechen den Gebrauch der Schrift. Heute wissen wir, dass die Hellenen die Schrift tatsächlich von den Phönikern übernahmen.
Nur zwei Menschen, heißt es, wurden jemals mit einem vollen Glückshorn56 überschüttet. Neben Peleus war es Kadmos, der mit Harmonia, der Tochter von Ares und Aphrodite, eine Göttin freite. Die Verbindung des Kriegsgottes mit der Göttin der Liebe soll wohl zeigen, dass Liebe und Hass zwei Seiten einer Medaille gleichen, die zusammengehören, nach Harmonie drängen.
Aphrodite und Ares im Liebesakt gefesselt
Aphrodite war bekanntlich mit Hephaistos verheiratet. Doch der lahme Schmiedegott, ständig rußverschmiert und mit schwieligen Händen auf den Amboss hämmernd, genügte kaum der Liebesgöttin. Als Helios, der alles Irdische bescheint, Hephaistos hinterbrachte, dass seine Gattin ihn mit Ares betrüge, eilte der in seine Werkstatt: Er schmiedete einen Plan und ein unentrinnbares Netz, das er im Schlafgemach um die Pfosten befestigte. Die Fesseln waren fein wie Spinnengewebe und so täuschend gefertigt, dass nicht einmal Götter sie zu sehen vermochten. Dann gab der Schmied vor, nach Lemnos zu gehen.
Ares lag bereits auf der Lauer, eilte, von Liebeslust getrieben, zu der schönbekränzten Aphrodite und bedrängte sie: »Geliebte, komm zu Bett. Hephaistos ist schon auf und davon zu den Barbaren von Lemnos.« Aphrodite war keineswegs abgeneigt, und beide bestiegen das Lager und liebten sich so heftig, dass die Pfosten erbebten und das feine Netz freigaben. Also fielen die kunstvollen Fesseln; die Liebenden konnten sich weder erheben, noch ein Glied regen, blieben so in sich verstrickt auf peinliche Weise gefangen. Der Meister war in der Nähe geblieben, kehrte nun zurück und brüllte im Vorraum zu den Göttern:
»Vater Zeus und ihr anderen Götter! Kommt her und lacht. Soll ich ertragen, wie Aphrodite mich mit dem abscheulichen Kriegsgott betrügt? Seht nur, wie beide in Liebe verfangen sind, ha! Können sich nicht rühren und bleiben so lange gefesselt, bis du, Vater, mir alle Brautgeschenke zurückgibst, die ich dir für die Hundsäugige reichte. Deine Tochter ist schön, aber unstet.«57
Die Götter kamen ins Haus, traten vor das Bett, lachten dröhnend, wohl auch schadenfroh, und bewunderten Hephaistos’ Kunstwerk. Da sagte einer zum anderen:
»Der Krüppel Hephaistos, der Langsame, hat Ares, den schnellsten der Götter, gefesselt; dafür ist Ehebruchbuße fällig.« Und Apollon fragte verschmitzt den Hermes:
»Lägst du nicht gern selber hier mit der Schönen in Fesseln?«
»Hielten mich noch dreimal, hundertmal so viele Bande, und ihr alle glotztet mich an, wie sich Aphrodites Lenden um meine schlängen. Was, großer Schütze, gäbe es Reizvolleres?«
Wieder lachten die Götter schallend, was als »Homerisches Gelächter« sprichwörtlich wurde. Nur Poseidon beteiligte sich nicht, sondern bat: »Binde ihn los, ich bürge für ihn.« Als Hephaistos das nicht ausreichte, bot Poseidon an, selbst die Buße zu zahlen. Dann löste Hephaistos die Fesseln. Ares eilte sofort nach Thrakien, Aphrodite schlich nach Zypern zu ihrem Heiligtum, wo sie von den Chariten gewaschen und gesalbt wurde.
Allerdings wurde trotz der Fesseln in dieser Liebesstunde Harmonia gezeugt.
Hermaphroditos’ Verweiblichung
Später erhörte Aphrodite Hermes, den Argosbezwinger. Sie zeugten den Hermaphroditos, in dessen Gesicht sich Mutter und Vater spiegelten. Er wurde von den Nymphen des Ida erzogen, durchstreifte als Jüngling Kleinasien und konnte sich nicht satt sehen an all den Flüssen, Quellen und Seen. So kam er nach Karien zur Quelle Salmakis.58 Dass er die gleichnamige Nymphe antraf, war kein Zufall. Im Gegensatz zu ihren Geschwistern verabscheute sie Artemis’ Jagdleidenschaft; und anstatt Wild zu erlegen, pflegte, salbte und kämmte sie sich, den ganzen Tag ihr Spiegelbild im Wasser betrachtend. Ein Geräusch schreckte sie auf. Sie hob den Blick, und was sie sah, verschlug ihr den Atem: Aphrodites Zartheit und Sanftheit vereint mit verführerisch männlichen Zügen. Begehren rötete ihr Antlitz, sie ordnete schnell die Falten ihres Umhangs, die Locken ihres Haares und tänzelte zu dem Jüngling:
»O göttliche Erscheinung«, rief sie, »selig die Mutter, die dich geboren, beglückt die Amme, die dir ihre Brüste gereicht. Sie können sich mehr preisen als deine Braut, wenn du eine dir würdig erachtest. Gibt es eine, so schenke ihr Recht in dieser Nacht mir.«
Verlegen wandte der Knabe den Kopf, denn von Liebe wusste er noch nichts. Salmakis drängte sich dicht heran, schlang die Arme um seinen herrlichen Hals und suchte ihm Küsse, unschuldige Schwesternküsse, wie sie versicherte, zu rauben.
»Genug. Wenn du nicht aufhörst, gehe ich«, wehrte er ab.
»Nein, Teuerster, verlass mich nicht. Ich belästige dich nicht weiter, aber bleib! Schau, wie herrlich das klare Wasser sprudelt. Als sei es nur geschaffen, um deinen Körper zu erquicken. Ja, spring hinein, und damit du dich nicht weiter zierst, ziehe ich mich zurück.« Mit diesen Worten ging die Nymphe und blickte sich oftmals um.
Der Knabe prustete unbeschwert im Wasser. Doch plötzlich fühlte er sich umklammert. Salmakis hatte sich hinter dem nächsten Strauch verborgen und mit gierigen Blicken Hermaphroditos’ makellosen nackten Körper verschlungen, sich die Kleider vom Leib gerissen und war mit den Worten »Jetzt bist du mein!« ins Wasser gesprungen.
Schamhaft wehrte sich der Göttersohn, aber Salmakis schlang sich um seinen anmutigen Leib und flehte: »Nichts soll uns jemals trennen.«
Die Götter erhörten ihre Bitte und ließen beide zu einer Gestalt verschmelzen; so wurde Hermaphroditos zu einem Hermaphroditen. Seither verweiblicht diese Quelle jeden Mann, der ihre Wasser berührt.
Die Hochzeit von Kadmos und Harmonia
Doch kehren wir zurück zu Harmonia, von Ares im Seitensprung mit Aphrodite gezeugt. Kadmos heiratete die Göttin auf der Insel Samothrake. Hier befanden sich die nach Eleusis wohl berühmtesten Mysterien der Antike, in deren Kabirenkult59 sich besonders Seefahrer einweihen ließen. Denn es hieß, kein Initiierter erlitte jemals Schiffbruch. Es war aber nicht leicht, an dem zerklüfteten und sturmumtosten Eilande anzulegen. Auch heute noch, heißt es, walten dort göttliche Kräfte, denn es kommt vor, dass auf der bescheidenen Insel Unwetter toben, während in ganz Griechenland strahlender Sonnenschein herrscht.
Doch die Hochzeit beider, zu der sich auch die Unsterblichen die Ehre gaben, wurde ein Freudenfest. Göttliche Geschenke wurden überreicht, von denen Aphrodites Halsband und das Gewand der Athena sich als die prunkvollsten, aber auch schicksalshaftesten erwiesen. Das Brautpaar begründete mit ihren Kindern Polydoros, Autonoë, Ino, Agaue und Semele das thebanische Königsgeschlecht. Deren fluchbeladene Geschichten sollen nun erzählt werden.
Die Taten des Dionysos
Die Flammengeburt des Dionysos
In Gestalt eines unbekannten Sterblichen umarmte Zeus schon seit sieben Monaten die schöne Semele, Tochter des Königs Kadmos und Harmonias. Doch die rachsüchtige Hera flößte Semele den Traum ein, der geheimnisvolle Fremdling möge sich in seiner ganzen Macht zeigen. Als Semele in der nächsten Liebesstunde um die Erfüllung eines Wunsches bat, gewährte es Zeus, vor Verlangen blind. Sobald er jedoch die Bitte vernahm, bereute der Göttervater seinen Schwur und versuchte sie durch inständiges Flehen umzustimmen. Da Semele hartnäckig blieb, musste der an seinen Eid gebundene Kronide sich in Blitz und Donner offenbaren, und Semele verbrannte zu Asche.
Das Kind blieb unversehrt. Kühlender Efeu rankte sich schützend um den Embryo, den der Göttervater barg, sich in seinen Schenkel nähte und den ›zweiten‹ Dionysos humpelnd bis zur vollen Reife austrug.
Zagreus, der erste Dionysos
Zuvor hatte Zeus nach einem Bericht der Orphiker Schlangengestalt angenommen und so mit Persephone den Zagreus, den Gott aller Götter, gezeugt, der unangefochten Thron und Blitze des Vaters übernehmen sollte. Doch Heras Eifersucht wurde sein Verhängnis. Sie schickte die Titanen, die ihre Gesichter weiß einkalkten, um Zagreus zu täuschen, ihn in Stücke fetzten, kochten und verschlangen.60 Zeus’ Blitz strafte die Mörder und verkohlte sie. Die Überreste seines Sohnes wurden Semele zur Wiederbelebung übergeben, aus denen der ›erste‹ Dionysos erwuchs. Andererseits bildete sich aus den verdampften Ausdünstungen mit den Elementen der Titanen und denen von Zagreus allmählich Ruß, der dann zu dem Stoff wurde, aus dem die Menschen gemacht sein sollen.
Aus dieser Geschichte leiteten die Orphiker nicht nur ihren Vegetarismus her, sondern auch ihre Forderung, die irdenen Teile des Menschen zu überwinden und die himmlischen Anteile unserer Seele zu festigen und zu läutern.
Es soll noch einen dritten Dionysos, den Bakchos, gegeben haben. Diesen puren Weingott übernahmen die Römer als Bacchus und sahen in ihm einen rotnasigen Säufer. Für die Griechen war Dionysos weit mehr. Sie priesen ihn nicht nur als zweiten Kulturbringer, der nach dem von Demeter geschenkten Brot den Menschen den Wein gab, sondern als mächtigen Erlöser.
Das Zerstückeln und Wiederauferstehen als Opfer des Gottes Dionysos – ein uralter Fruchtbarkeitskult – kennen wir auch vom Selbstopfer des indischen Prajapati und vom Opfertod in den Maya-Mythen.61
Der zweite, von Semele geborene Dionysos wurde nach Zeus’ Schenkelgeburt seiner Tante Ino zur Pflege übergeben. Um Hera zu täuschen, wurde Ino angewiesen, den Knaben wie ein Mädchen zu kleiden und zu erziehen. Daher stammt das Zwitterhafte in Dionysos’ Wesen.
Dionysos bei Ino und Melikertes
Ino, eine weitere Tochter von Kadmos und Harmonia, hatte Athamas geheiratet und ihm die Söhne Learchos und Melikertes geboren. Dass Dionysos wohlbehütet in dieser glücklichen Familie aufwuchs, deren Vater schon fluchbeladen war – wovon wir noch erzählen –, brachte Hera auf. Sie schlug also Athamas mit Wahnsinn, so dass er seine Söhne für weiße Hirsche hielt und sich aufmachte, sie zu erlegen. Schon hatte seine Pfeilspitze Learchos’ zarte Brust durchbohrt und ihn röchelnd niederbrechen lassen, als der geblendete Vater einen zweiten Pfeil zückte, um das Jagdglück zu vollenden.
Entsetzt riss Ino ihren Jüngsten an sich, flüchtete zur Küste und stürzte sich, von ihrem Verfolger in die Enge getrieben, mit Melikertes vom Molurischen Felsen in die See. Doch Zeus vergalt ihr die Liebe, die sie seinem Sohn angedeihen ließ, und verwandelte beide in die hilfreichen Meergötter Palaimon und Leukothea, die später Odysseus vor dem Ertrinken bewahren sollte.
Palaimon jedoch ritt auf dem Rücken eines Delphins zum Isthmos von Korinth, wo ihm und Poseidon zu Ehren alle vier Jahre die Isthmischen Spiele62 gefeiert wurden. Dahin war einmal auch Ibykos, ein begnadeter Poet, unterwegs, später von Schiller in einer berühmten Ballade gepriesen.63
Dionysos bewährt sich
Dionysos war zwar von Hermes gerettet worden,64 aber für ihn begann eine wahre »Odyssee« zu Pflegerinnen und Ammen. Erwähnt seien nur die Nymphen von Nysa65, die Töchter des Atlas66. Sie verwöhnten Dionysos und fütterten ihn mit Honig. Um ihn zu schützen, verwandelte Zeus seinen Sohn in ein Zicklein, doch auch das half nicht. Hera gewahrte seine wahre Gestalt und schlug den Knaben mit Wahnsinn, was ihn zu blutrünstigen Taten trieb.
Erst als Rhea ihn sowohl vom Wahn wie von Blutschuld reinigte, zog Dionysos mit seinem Gefolge, Mainaden, Silenen, Satyrn, Kentauren nebst Pan, durch die Welt, der er die Kunst des Weinanbaus vermittelte. Seine Anhänger trugen efeuumwundene Stäbe mit einer Pinienspitze – den Thyrsosstab –, musizierten lärmend, feierten ekstatische Feste und verlangten von den Ansässigen göttliche Verehrung für Dionysos. Die Mainaden rasten vom Gott besessen mit aufgelöstem Haar, in Reh- und Pantherfellen durch die Wälder, zerrissen wilde Tiere und aßen sie roh. Bis nach Indien führte der Gott seinen wilden Schwarm in einem einzigartigen Triumphzug. Später wird Alexander der Große auf seinem Siegeszug der Reiseroute des Dionysos folgen. Seine nysäischen Ammen versetzte Dionysos als Sternbild der Hyaden an den Himmel.
Doch noch immer sah sich der Weingott Verhöhnungen ausgesetzt. So stellte sich der thrakische König Lykurgos dem mainadischen Schwarm entgegen, richtete unter den Bacchantinnen ein Blutbad an und verfolgte den jungen Gott. Dieser sprang vor Angst zitternd ins Meer, wo ihn die Meergöttin Thetis auf ihren Schoß nahm, tröstete und ihm Mut zusprach. Der ketzerische Herrscher wurde geblendet und verstarb alsbald.
Dionysos kehrt nach Theben zurück
Als Dionysos nach Theben heimkehrte, regierte Pentheus. Dessen Mutter Agaue war von Kadmos mit Echion, einem der Spartiaten, verheiratet worden; und der Stadtgründer, nunmehr ein Greis, hegte soviel Zutrauen zu seinem Enkel, dass er die Leitung des Staates in Pentheus’ Hände legte. Der junge Mann wurde dieser hohen Verantwortung gerecht, denn er regierte Theben sowohl mit Sachverstand als auch mit Umsicht und achtete die bewährten Götter.
In diese wohlgeordnete Stadt brach Dionysos mit seinem lärmenden Anhang ein, riss die Frauen in Raserei und verlangte göttliche Ehren. Der jugendliche Regent lehnte einsichtsvoll ab, den Sohn seiner Tante Semele als Gott zu verehren, und versuchte die Ausschweifungen der Frauen auf dem Berg Kithairon zu verhindern. Doch ohne Erfolg. Der greise Kadmos, der alte Seher Teiresias, sogar seine eigene Mutter Agaue gingen dionysisch aufgeputzt. Manche meinten, sie machten sich lächerlich. Um die Ordnung wieder herzustellen und zur Abschreckung, ließ der junge Herrscher die schwärmenden Frauen fangen und einsperren. Klug begründete er dem verwandelten Gott gegenüber lange Zeit sein Handeln. Aber Dionysos vertritt nicht die Logik, sondern das Wilde und Abgründige der Seele. Zuerst öffneten sich die Tore des Gefängnisses auf wunderbare Weise, dann traf der Gott mit seiner Frage Pentheus’ schwächste Stelle:
»Willst du sehen, wie es die Frauen im Gebirge treiben?«
Pentheus begehrte das Verbotene so sehr, dass er alle Vorsicht vergaß und sich in Frauenkleidern auf den Hochsitz einer Fichte schlich und die Ausschweifungen bestaunte. Aber seine Mutter und ihre Schwestern erspähten den Horcher. Trunken vom mainadischen Wahn und mit übermenschlichen Kräften begabt – zierliche Frauen waren imstande ausgewachsene Stiere zu zerreißen –, hielten die Thebanerinnen Pentheus für einen Löwen und zerfetzten ihn. Agaue trug dann voll Stolz den Löwenkopf nach Theben und prahlte mit der Trophäe, bis die dionysische Verblendung von ihr abfiel und sie in ihren Händen das Haupt ihres Sohnes gewahrte.
Dionysos und die Minyaden
Die größten Widerstände musste Dionysos in Griechenland überwinden, wie in Orchomenos beim König Minyas. Der hatte drei fleißige Töchter, Alkithoë, Leukippe und Arsippe, nach ihrem Vater die Minyaden genannt. Als die böotischen Frauen den Thyrsosstab67 nahmen und sich mit Efeu und Wein bekränzten, schalten die Minyaden:
»Schande unserem Geschlecht! Sittsamen Frauen geziemt es nicht, durch die Wälder zu streifen. Ihr Verworfenen! Kehrt ins Haus zurück und ehrt Athena mit eurem Tagwerk!«
Ihre Mahnungen blieben wirkungslos. Die drei Schwestern begaben sich betrübt an ihren Webstuhl. Da trat, in ein Mädchen verwandelt, der junge Gott zu ihnen mit den Worten:
»Das ganze Jahr über seid ihr Pallas’ Freude, so folgt nun auch den Pflichten des neuen Gottes, nichts Unanständiges wird geschehen.«
»Hör auf, du Scheinheilige!«, antwortete Alkithoë. »Dir ist doch jeder Vorwand recht, deiner Arbeit zu entkommen und dich dem Trunk und der Liebeslust hinzugeben. Wir wissen von den Orgien deines angeblichen Gottes. Dieser lüsterne Bengel soll Zeus’ Sohn sein? Ha! Der ist die frivole Leibesfrucht einer nymphomanischen Sterblichen, die für ihre Schändlichkeit noch den Namen des Göttervaters missbraucht!«
Erzürnt verwandelte sich Dionysos in einen Stier, sodann in einen Löwen, zuletzt in einen Leoparden. Dem Webstuhl der Schwestern entgrünte plötzlich Wein, prall mit Trauben behangen, das halbfertige Tuch trieb Efeublätter, in den Wollbehältern zischten Nattern, das ganze Haus erbebte und glühte in rötlichem Feuer. Vom Wahn besessen zerrissen die Minyaden Alkithoës Kind, schwärmten in die Nacht hinaus, was sie heute noch in ihrer verwandelten Gestalt tun, als Fledermäuse.
Auch in Tiryns verweigerten drei Schwestern dem Dionysos göttliche Ehren. Von ihrem Schicksal berichten wir aber erst, wenn wir die Taten von Bias und Melampus erzählen.68 Allerdings fand Dionysos auch gastliche Aufnahme wie in Athen und Kalydon, wo er, wie bereits erwähnt, Deïaneira zeugte.
Seeräuber entführen Dionysos
Einmal stand Dionysos auf einer Klippe in der schäumenden Brandung. Seine schwarzen Locken und sein Purpurgewand wehten im Winde. Etruskische Seeräuber sahen ihn, hielten den prächtig Gekleideten für einen Königssohn, ergriffen ihn und schleppten ihn auf ihr Schiff. Obwohl sie ihn schwer fesselten, fielen die Weidengeflechte zu Boden. Und der Junge im Purpurgewand lächelte die Räuber mit seinen dunklen Augen an. Da ahnte der Steuermann ein Unglück und rief zu seinen Gefährten:
»Welchen Gott wollt ihr Unglücklichen da fesseln? Selbst das größte Schiff vermag ihn nicht zu tragen. Ist es Zeus oder der silberbogige Apollon oder gar der Meergott selber? Dieser hier jedenfalls ist kein Sterblicher, sondern gleicht den Olympiern. Legt nicht Hand an ihn, setzt ihn sofort wieder ans Ufer, sonst zürnt er uns mit Wirbelstürmen.«
»Du Tor, hilf mir lieber das Segel zu spannen!«, fuhr der Schiffsführer ihn an. »Packt alle zu. Für den bekommen wir ein hohes Lösegeld. Ein Dämon hat ihn uns zugeführt.«
Der Mast wurde gehoben und das Segel gespannt. Der Wind straffte auch die Seile. Und als das Schiff in volle Fahrt kam, geschah Wunderbares. Wein rieselte über das Schiff. Die Seeräuber erschauderten. Plötzlich rankte sich bis oben ans Segel ein Weinstock, Trauben hingen üppig herab. Efeu umklammerte den Mastbaum, blühte und trug Beeren. Kränze umschlangen die Ruderpflöcke. Die erschreckten Seeräuber flehten den Steuermann an, sofort das Ufer anzulaufen. Da verwandelte sich Dionysos in einen wilden Löwen und brüllte entsetzlich vom vorderen Schiffsdeck. In der Mitte erschien eine zottige Bärin und bedrohte die Mannschaft. Die entsetzten Räuber flohen nach hinten an die Seite des weisen Steuermannes. Doch der Löwe packte den Kapitän, und die anderen sprangen, um dem Unheil zu entrinnen, ins Salzmeer und wurden Delphine. Diese Tiere blieben den Menschen freundlich gesonnen, da sie ehemals selbst Menschen waren. Dionysos hielt den Steuermann zurück und offenbarte sich ihm:69
»Kluger Steuermann, dir bin ich gewogen. Ich bin Dionysos, ein Sohn des Zeus.«
So erschienen zuweilen Götter und gaben sich Sterblichen zu erkennen.
Dionysos wird im Olymp aufgenommen
Nachdem Dionysos seinen Kult in einem Triumphzug70 auf der Erde eingeführt und Ariadne geheiratet hatte – doch davon erst, wenn wir Theseus nach Kreta begleiten –, begab er sich nach Lerna, um seine Mutter aus der Unterwelt zu holen. Da er keinen Eingang fand, bot sich Prosymnos an, ihm den Weg zu weisen, wenn Dionysos ihm eine Liebesnacht gewähre.
Der Gott versprach es, tauchte in den Alkyonischen See und führte Semele aus dem Totenreich. Obwohl bei seiner Rückkehr Prosymnos bereits verstorben war, machte Dionysos sein Versprechen wahr. Er schnitzte aus Feigenholz einen Phallos, steckte ihn in Prosymnos’ Grab und hockte sich selbst darauf. Jedes Jahr wurden Dionysos zu Ehren geheime Riten in Lerna aufgeführt, wobei niemals Phalloi gefehlt haben dürften.
Dionysos brachte seine Mutter unter dem neuen Namen Thyone71 in den Himmel, was Hera zähneknirschend hinnahm. Hier wurde er einer der zwölf Olympischen Götter. Denn Hestia, der Göttin des Herdfeuers, waren das Gezänk und die Intrigen in Zeus’ Umgebung schon lange zuwider, und sie machte Dionysos bereitwillig Platz. Außerdem wusste sie, man würde ihr in jeder Stadt, in jedem Haus stets einen freundlichen Empfang bereiten. Statt göttliche Herrschsucht zu pflegen, wandte sie sich lieber den Menschen zu.
Wegen seiner geschlechtlichen Freizügigkeit und seiner ekstatischen Feste galt Dionysos vielen, auch in der Nachfolge Nietzsches, als Widerpart zu Apollon. Aus den kultischen Festspielen zu Ehren des rauschhaftigen Gottes entstand das griechische Theater.
Wir verlassen nun Dionysos – begegnen ihm jedoch noch einige Male – und wenden uns wieder dem thebanischen Geschlecht zu.
Oidipus und Sieben gegen Theben
Aktaions unerlaubter Blick
Ein ähnlich tragisches Schicksal wie Pentheus erlitt auch der Sohn der dritten Kadmostochter Autonoë. Sie und ihr Mann Aristaios waren stolz auf ihren Sohn Aktaion, der, von Cheiron zu einem großen Jäger ausgebildet, ständig mit seinen Hunden die Wälder auf der Suche nach Wild durchstreifte. Dabei stieß er zufällig bei Gargaphie tief im Kithairongebirge auf jene Grotte, in deren Quell die Jagdgöttin Artemis mit ihren Gefährtinnen badete. Mit wut- und schamgerötetem Antlitz rief die Jungfräuliche aus dem Gebüsch, hinter das sie vor den männlichen Blicken geflohen war:
»Prahle nur, du habest mich nackt gesehen, wenn du noch erzählen kannst!«
Kaum waren die Worte verklungen, verwandelte Artemis den Unglücklichen in einen Hirsch. Aktaion wollte die Erzürnte besänftigen, doch seinen Lippen entrang sich nur ein Röhren – er floh schaudernd diesen göttlichen Ort. Doch nicht umsonst hatte er seine Rotte Jagdhunde ausgebildet. Sie spürten das kapitale Wild auf, setzten ihm nach, bis Aktaion am Ende seiner Kräfte zusammenbrach und von seinen eigenen Hunden zerfleischt wurde.72
Das Schicksal des Oidipus
Das letzte Kind von Harmonia und Kadmos hieß Polydoros. Nach dessen Sohn Labdakos, der ebenso wie Pentheus als Dionysosverächter starb, wurde das tragische Schicksal seines Sohnes Laios und seines Enkels Oidipus benannt, das als Labdakidenfluch in die Geschichte einging. Wie kam es dazu?
Bevor Laios Thebens König werden konnte, war er bei Pelops, dem Herrscher von Pisa, gastfreundlich aufgenommen worden. Während Laios dessen Sohn Chrysippos das Wagenrennen lehrte, entführte und vergewaltigte er ihn. Derart geschändet nahm dieser sich das Leben.73 Das lässt darauf schließen, dass der Knabe zum Analverkehr missbraucht wurde,74 was die Griechen als tiefste Demütigung empfanden. Es wurden wohl auch die Gepflogenheiten der Knabenentführung verletzt. Sobald ein Verehrer einen Jüngling auserkoren hatte, begab er sich zu dessen Familie und kündigte an, wann und wo er ihr Kind rauben werde. Bis dahin erkundigte sich die Verwandtschaft über den Bewerber; erwies der sich als untadelig, vertraute man ihm gern seinen Sprössling zur Erziehung an, täuschte jedoch einen Kampf vor. Ergaben sich bei der Überprüfung aber Bedenken gegen dessen sittliche Reife, wurde der Raub mit Waffengewalt verhindert.
Da Laios diesen Brauch missachtete, verfluchte Pelops ihn: Laios solle kinderlos bleiben oder durch seinen Sohn getötet werden. Nachdem Laios nach Theben zurückkehren konnte, dort König wurde und Iokaste geheiratet hatte, verzichtete er auf Nachkommen. Iokaste war die Tochter des Menoikeus, der von dem erdgeborenen Spartiaten Echion abstammte. Das Orakel von Delphi warnte Laios mehrmals: nur wenn er kinderlos bleibe, werde Theben gerettet. Haben Kinderwunsch oder Gier und Wein den Unglücklichen dazu verleitet, doch ein Kind zu zeugen? Als der Knabe zur Welt gekommen war, versuchte Laios, entsetzt über die schreckliche Weissagung, seinem Schicksal zu entfliehen. Er durchstach dem Säugling die Füße – der erhielt dadurch den Namen ›Oidipus‹, also Schwellfuß – und gab ihn einem Knecht mit dem Befehl, das Kind im Kithairongebirge auszusetzen, damit es dort umkäme. Das wird keineswegs nur im Mythos – man denke an Mose oder Romulus und Remus – beschrieben. Das taten auch die Spartaner in historischer Zeit mit missgebildeten Kindern, die dem Militärstaat niemals gewachsen gewesen wären. Da ein Säugling unter besonderem Schutz der Götter hätte stehen können, wagte man meist nicht, ihn direkt zu töten.
Der brave Knecht brachte es nicht übers Herz, den hilflosen Kleinen seinem Verderben zu überlassen, und übergab ihn stillschweigend einem Hirten, der Oidipus die Fesseln von den durchbohrten Füßen löste und ihn nach Korinth zum dortigen König Polybos und seiner Gemahlin Periboia (II) brachte. Da beide kinderlos waren, erzogen sie den Jungen wie ihren eigenen Sohn. So wuchs Oidipus unbeschadet auf, aber als ein korinthischer Jüngling ihm vorhielt, er sähe seinen Eltern keineswegs ähnlich, begab er sich nach Delphi, um die Pythia zu befragen.
»Weg von meinem Schrein, du Elender!«, schrie die Seherin. »Du wirst deinen Vater töten und deine Mutter ehelichen!« Erschreckt kehrte der Jüngling nie wieder zu seinen vermeintlichen Eltern nach Korinth zurück. Lieber wollte er sein Glück im fremden Theben versuchen.
Zur selben Zeit war Laios nach Delphi unterwegs, um zu erfragen, wie Theben von der Sphinx zu befreien sei. Er saß in einem Wagen, begleitet von einem Herold und drei Männern. An einem Dreiweg – die galten ohnehin als unheimlich – kam ihnen zufällig Oidipus entgegen, seinerseits nach Theben unterwegs. Da der nach Aufforderung nicht auswich und erwiderte, er füge sich nur den Göttern und den eigenen Eltern, stieß der Kutscher ihn weg, wofür Oidipus ihm einen Hieb versetzte. Dafür schlug Laios dem Fremden beim Vorüberfahren zweimal mit dem Pferdestachel auf den Kopf. Oidipus traf den Alten mit einem Stock, so dass er vom Wagen stürzte. Und Oidipus tötete alle; nur einer entkam nach Theben. – Dass sich Sohn und Vater unerkannt begegnen und einer den anderen erschlägt, wird in vielen Mythen erzählt, auch im althochdeutschen Hildebrandslied von Hildebrand und Hadubrand.
Inzwischen litt in Theben das Volk unter der Macht der Sphinx, einer Tochter des Weltfeindes Typhon und der schrecklichen Echidna. Auf einem Felsen vor der Stadt lauerte sie auf Beute – über ihren wohlgeformten Brüsten der liebliche Kopf der verführerischen Maid, darunter strotzte ihr Löwenkörper. Es hieß, Hera habe die Sphinx nach Theben entsandt, um Laios für Chrysippos’ Selbstmord zu strafen. Die Sphinx gab allen heiratsfähigen Männern ein Rätsel auf und erwürgte und verschlang die Unwissenden. Bisher hatte noch keiner die Lösung gefunden.
»Sage mir, Fremder!«, sprach die Sphinx Oidipus an, »was geht morgens auf vier, mittags auf zwei und abends auf drei Beinen?« Oidipus überlegte nicht lange und antwortete:
»Der Mensch. Als Säugling krabbelt er auf allen vieren, später geht er aufrecht, und als Greis stützt ihn der Krückstock.«
Damit brach die Macht des Ungeheuers, es sprang vom Felsen und starb. Und da ihr König Laios, der die Pythia um die Lösung des Rätsels befragen wollte, umgekommen war, setzten die Thebaner den Fremden von Korinth, ihren Retter, als König ein. Was einschloss, dass Oidipus die verwitwete Iokaste heiratete, ohne zu ahnen, dass es sich um seine Mutter handelte. Er zeugte mit ihr die Söhne Polyneikes und Eteokles und die Töchter Ismene und Antigone.
Viele Jahre später wütete eine schreckliche Pest in Theben. Oidipus ließ Apollons Orakel befragen, das verkündete, die Pest sei eine Strafe der Götter und dauere so lange, wie Laios’ Mörder ungestraft in Theben lebe. Oidipus verfluchte den Täter, verhängte gegen ihn die Verbannung und forschte unerbittlich nach dem Urheber des Verbrechens.
Teiresias, der bedeutendste Seher Griechenlands, wurde darauf von Oidipus befragt. Der wissende Alte versuchte, die Wahrheit zu verschweigen, verkündete jedoch, als er selbst des Verbrechens verdächtigt wurde, dass der Täter seinen Vater ermordet und seine Mutter geheiratet habe. Oidipus ging dem Verdacht unerbittlich nach.
Als Iokaste sah, in welche Verzweiflung Teiresias’ Weissagungen ihren Gatten gestürzt hatten, machte sie sich über die Seherkunst lustig. Keine einzige Prophezeiung habe sich erfüllt. Ein fremder Räuber erschlug Laios und nicht sein Sohn, der mit durchstochenen Füßen im Kithairongebirge umgekommen war. Obwohl von düsteren Vorahnungen bedrängt, forschte Oidipus weiter. Ein genauer Bericht über den vierfachen Totschlag am Dreiweg ließ ihn ahnen, dass er seinen Vater umgebracht habe, und ausrufen:
»Ist dieser Gott nicht grausam, der Derartiges über mich verhängte!«
Iokaste wollte Oidipus daran hindern, weiter nach dessen Vergangenheit zu forschen:
»Wozu fürchten sich die Menschen? Der Zufall regiert, nicht Vorsehung. Man lebe ruhig in den Tag hinein. Heirat mit der Mutter – wie viele Menschen träumten schon davon, sie zu verführen. Wer sich aus dem nichts macht, der lebt am leichtesten.«
Da meldete ein Bote aus Korinth den Tod des Polybos und enthüllte, dass Oidipus gar nicht sein Sohn sei, sondern als Säugling übergeben worden war. Wieder sträubte sich Iokaste, das Unglück ahnend, tiefer nachzufragen. Doch Oidipus fürchtete, vielleicht ein Sklave oder anderer niederer Abstammung zu sein, ließ den Knecht von damals rufen und drohte, ihn foltern zu lassen, wenn er nicht die Herkunft jenes Säuglings preisgäbe. Als die Wahrheit offenbar war, stürzte Iokaste ins Haus, raufte sich die Haare und schloss sich in ihrem Zimmer ein. Oidipus folgte ihr schreiend, sprang gegen die Doppeltür, welche nachgab, und fand seine Frau mit einer Schlinge, die sie sich selbst geflochten, aufgehängt. Er löste den Strick, Iokaste fiel zu Boden. Da riss er ihr die goldenen Spangen aus dem Gewand, durchbohrte sich beide Augen und schrie:
»Die sollen nie mehr sehen, was mir geschah und was ich selber tat!« Und auf die Frage, woher er den Mut zu dieser Schreckenstat nahm, antwortete er:
»Apollon war es, der mir das Schlimme zugefügt. Doch keine fremde Hand griff zu, es war die eigene. Verstoßt mich Unheilsmenschen! Schlagt mich tot, werft mich ins Meer!«
Weil Oidipus’ Söhne Eteokles und Polyneikes ihn ohne Schmerz und Tränen aus der Stadt ziehen ließen, verfluchte er sie und irrte, von seiner Tochter Antigone begleitet, als Bettler durch Griechenland.
Der erste Angriff auf Theben wird vorbereitet
Die Söhne der blutschänderischen Verbindung übernahmen die verwaiste Herrschaft über Theben und kamen überein, abwechselnd zu regieren. Der ältere Eteokles, der »mit dem wahren Ruhm«, begann zuerst zu herrschen, während Polyneikes, der »mit viel Streit«, ins freiwillige Exil ging. Nach Ablauf des verabredeten Jahres weigerte sich Eteokles, den Thron zu verlassen und verbannte den zurückgekehrten Bruder.75 Der begab sich nach Argos, um den dortigen König Adrastos um Hilfe zu bitten und sich den Freiern seiner Töchter anzuschließen.
Dieser Adrastos zögerte, seine Töchter zu verheiraten, weil er sie nach einem Orakel mit einem Löwen und einem Eber zu vermählen habe. Es ergab sich, dass am selben Tag auch der aus Kalydon geflüchtete Tydeus eintraf. Er geriet mit Polyneikes in Streit, und der Hausherr Adrastos eilte aus dem Palast, um die Kämpfenden zu trennen, und er begriff nun das Orakel. Denn Tydeus’ Schild schmückte ein Löwe und den des Polyneikes ein Eber. So wurde außer einer Doppelhochzeit auch der Feldzug gegen Theben vorbereitet. Beide Bräutigame verbrachten nur wenige Nächte mit ihren Angetrauten; dennoch zeugte Tydeus den Diomedes, den wir im Troianischen Krieg wieder treffen werden, und Polyneikes den Thersandros.
Ein Heer wurde ausgehoben und unter die Führung von sechs Helden gestellt. Adrastos selbst nebst seinem Neffen Kapaneus, seinem Vetter Hippomedon und dem arkadischen Bundesgenossen Parthenopaios stellten sich gemeinsam mit Polyneikes und Tydeus an die Spitze der Streitmacht. Doch Amphiaraos, der das siebente thebanische Tor angreifen sollte, weigerte sich, dem Ruf zu folgen. Als Seher wusste er, dass der Kriegszug scheitern und er nicht lebend zurückkehren würde. Außerdem bestand eine alte Feindschaft zwischen Adrastos und Amphiaraos, die einst zur Vertreibung des Adrastos geführt hatte. Später heiratete Amphiaraos Adrastos’ Schwester Eriphyle; und beide streitsüchtigen Männer einigten sich, um Blutvergießen zu vermeiden, fortan ihrem Urteilsspruch zu folgen.
Adrastos wusste um die Eitelkeit seiner Schwester; und er weihte den Thebaner Polyneikes ein, dem es gelang, Eriphyle mit dem Halsband zu bestechen, das Aphrodite einst Harmonia geschenkt hatte. Das Weitere war schnell vorbereitet. Adrastos erregte einen Streit, Eriphyle wurde aufgefordert zu schlichten, und deren Schiedsspruch verdammte ihren Mann zum Krieg. Noch bevor Amphiaraos in den sicheren Tod zog, zwang er seine Söhne Alkmaion und Amphilochos zum Schwur, seinen Tod nicht nur an den Thebanern, sondern auch an ihrer Mutter zu rächen.
Amphiaraos’ Prophezeiung, dass außer Adrastos niemand zu den Seinen zurückkehren würde, beunruhigte die Kämpfer. Eingedenk eines anderen Orakels suchten die Thebaner Kreon und Polyneikes den Oidipus in Athens Vorort Kolonos auf, um ihn für ihre Ziele zu gewinnen.
Oidipus’ Ende
Seit Oidipus Theben verlassen hatte, führte seine älteste Tochter Antigone den ausgemergelten Blinden in seinen zerschlissenen Kleidern durch das Land. Nach einem weiteren Orakel sollte er auf Kolonos76, einem flachen Hügel mit den Heiligtümern des Poseidon und der Athena, sein Ende finden. Dort erschien Kreon, Iokastes Bruder, und wollte Oidipus nach Theben holen; denn er wusste, mit Oidipus’ Grab wäre die Stadt uneinnehmbar geworden. Da der Blinde sich weigerte, raubte Kreon dessen Töchter Ismene und Antigone. Als er aber Oidipus gewaltsam wegschleppen wollte, kam Athens Herrscher Theseus mit Gefolge, verhinderte das und befreite die Töchter.
»Nicht ahnt’ ich, was ich tat!«, rief Oidipus. »Wurde zum Vatermörder, heiratete sie, die mich gebar, zeugte mit meiner Mutter Söhne, Töchter, so wie die Götter es gefügt. Nicht ich hab’ das gewollt. Die Unsterblichen teilten mir das grausame Schicksal zu.«
Schließlich kam Oidipus’ Sohn Polyneikes, den sein Bruder Eteokles entmachtet und aus Theben vertrieben hatte, und bat den Vater, sich seinem Heer anzuschließen und nach Theben zurückzukehren. Dann wäre er stark genug, die Herrschaft wiederzugewinnen. Doch Oidipus verfluchte seine missratenen Söhne erneut und prophezeite, sie würden sich gegenseitig in den Hades bringen. Polyneikes kehrte bedrückt zum argivischen Heer zurück, dem er weder von seinem sicheren Tod noch von ihrer unabwendbaren Niederlage berichtete.
Bald war ein Donnerschlag zu hören, es folgten weitere. Plötzlich rief eine göttliche Stimme, dass sich allen vor Furcht die Haare sträubten: »O du da, Oidipus, was zögerst du? Zauderst schon zu lange.«
Oidipus rief Theseus und bat ihn, seinen Kindern die Hand zu reichen und unter Eid zu geloben, sie stets zu schützen; dann strich der Vater ihnen über das Haar und sagte:
»Kinder, ertragt es tapfer, allein Theseus darf das Verbotene schauen.«
Es donnerte nun so stark, als brächen die Eichen nieder. Oidipus ging dann weder durch einen göttlichen Blitz noch durch Wirbelstürme ins Jenseits ein, sondern der dunkle Grund der Erde tat sich auf; ohne Klage, ohne Schmerz und Krankheit wurde der vom Schicksal Gezeichnete entrückt. So kam Oidipus friedlich nach all dem Leiden entsühnt mit der Welt ins reine.
Sieben gegen Theben
Als dann das argivische Heer vor die Mauern Thebens gezogen war, forderte Tydeus die Bedrängten zum Zweikampf heraus. Aber wer sich ihm auch stellte, unterlag. Schon bald wagte niemand mehr, sich mit diesem furchtbaren Helden zu messen. Da sandte Eteokles fünfzig Männer aus, die Tydeus einen Hinterhalt legten, aber kein einziger überlebte.
Die Stadt wurde eingeschlossen, und vor jedem der sieben Tore stand einer der sieben Helden mit seinen Kämpfern. Innerhalb der Mauern bewachte Eteokles selbst ein Tor, die übrigen sechs wurden von anderen Kriegern verteidigt. Dann begannen die Belagerer die Stadt zu stürmen. Der gewaltige Kapaneus erstieg eine Leiter und mordete auf den Zinnen der Stadt wie ein blutgieriger Löwe unter einer Herde Schafe. Fürchterlich wütete sein Schwert unter den Verängstigten, die Zeus um Hilfe anflehten.
»Ha«, brüllte Kapaneus, »nichts und niemand wird euch retten! Keiner widersteht mir. Nicht einmal ein Gott vermag mich noch aufzuhalten. Selbst wenn Zeus seine Donnerkeile zündete – euch kämen sie wie schwaches Kerzenflackern vor, verglichen mit dem Brand, mit dem ich Theben in Schutt und Asche lege.«
Der Göttervater machte den Prahlereien mit einem Blitz ein Ende, und das thebanische Heer wagte einen Ausfall. Melanippos gelang es, Tydeus tödlich zu verwunden, doch selbst im Sterben hieb der seinem Gegner noch das Haupt ab. Athena hatte seit jeher Tydeus bevorzugt und eilte mit einer Medizin zur Erde, um ihn unsterblich zu machen. Doch Amphiaraos durchschaute ihre Absicht, reichte dem sterbenden Tydeus Melanippos’ Kopf, worauf der Schreckliche mit letzter Kraft den Schädel spaltete und das warme Hirn schlürfte. Angewidert verschüttete die Göttin den Balsam, und Tydeus kam in die Unterwelt.
Nachdem die beiden mächtigsten Kämpfer gefallen waren, vermochten die anderen Heerführer den Thebanern nichts mehr entgegenzusetzen. Einer nach dem anderen fiel auf dem Schlachtfeld. Als Amphiaraos sah, dass seine Vorhersagen eintrafen, wandte er seinen Streitwagen zur Flucht. Zeus hatte Mitleid mit dem Seher und ersparte ihm die Schmach, mit einer Wunde im Rücken zu sterben. Noch bevor ein Speer ihn tötete, spaltete der Donnerer die Erde: Amphiaraos fuhr in die Unterwelt und ward nie wieder gesehen. Einzig Adrastos entging dem Gemetzel.
So errang Theben einen überwältigenden Sieg. Melanippos war zu betrauern. Und König Eteokles, dem Polyneikes am siebenten Tor entgegengetreten war, wo sie sich, gemäß dem Fluch ihres Vaters Oidipus, gegenseitig töteten.
Antigone
Nun trat Kreon die Königsnachfolge an und richtete für Eteokles, der für Theben gefallen war, eine Bestattung, verbot sie jedoch für Polyneikes, da er gegen die Heimatstadt gekämpft hatte. Dessen Schwester Antigone setzte sich über diesen Befehl hinweg und begrub Polyneikes dennoch. Jemandem das Grab zu verweigern und ihn zum Fraß für Vögel und Hunde auszusetzen galt für das griechische Verständnis als unerhörter Frevel.
Als Kreon von der Täterin erfuhr, bemühte er sich, seine Verwandte vor dem angedrohten Todesurteil zu bewahren. Doch Antigone wies alle Vermittlung zurück:
»Nicht so mächtig ist dein Befehl, als dass sich das Gesetz der Götter dir, einem Sterblichen, beugen müsste. Wenn dir das töricht scheint, beschuldigt ein Tor mich der Torheit.«
»Wie kannst du nur an dem Bruder, der die Heimat verteidigte, derart freveln, indem du jenem, der sie niederbrennen wollte, die gleiche Gunst erweist?«, warf Kreon ihr vor.
»Hades’ Recht gilt für beide gleichermaßen«, antwortete Antigone unbeirrt.
»Niemals, auch im Tode nicht, wird mir der Feind zum Freunde«, beharrte der Herrscher.
»Nicht mitzuhassen, sondern mitzulieben bin ich hier«, erwiderte die Jungfrau.
»Wenn du lieben musst«, entschied der König, »so liebe in der Unterwelt.«
Antigone wurde abgeführt, und Haimon, Antigones Bräutigam, versuchte seinen Vater mit vernunftvollen Worten zur Einsicht zu bringen, denn in der ganzen Stadt verurteile man dessen Entschluss. Doch Kreon hielt ihm vor:
»Wenn ich bei meiner eigenen Familie Ungehorsam dulde, wie könnte ich dann Fremde bezähmen? Nur wenn die Gesetze des Herrschers treu befolgt werden, blüht das Land. Aber Zügellosigkeit rottet ganze Städte aus, verwandelt Wohnungen in Wüsteneien. Lieber töte ich das ungehorsame Weib, als vor dem Volk als Lügner dazustehen.«
»Ein Baum, der sich im Gewittersturm beugt, rettet seine Äste. Wer starr sich widersetzt, der wird entwurzelt«, gab Haimon zu bedenken.
»Knecht eines Weibes, erspare mir dein glattes Geschwätz«, brauste der König auf.
»Noch einen reißt sie in den Tod!«, warnte Haimon. Kreon sah das als Drohung und sich verhöhnt:
»Bringt sie her, sie soll sterben, hier vor den Augen des Bräutigams.«
Doch dazu kam es nicht, denn Haimon eilte wutentbrannt fort. Und Kreon ordnete an, Antigone lebend in eine Felsenhöhle zu sperren, mit kleinem Mundvorrat, um die Göttergunst nicht zu verscherzen.
Da wurde Teiresias von einem Knaben vor den Herrscher geführt; dessen düstere Prophezeiungen stimmten Kreon schließlich um. Um das bedrückende Schicksal, den Fluch des Oidipus, abzuwenden, eilte der König selbst zum Felsenkerker und ließ den Stein von der Öffnung schieben. Doch drinnen hatte sich Antigone bereits erhängt, und Haimon, der ebenfalls zu spät gekommen war, umschlang weinend ihre Hüften und richtete dann das Schwert gegen den Vater. Als der floh und Haimon ihn verfehlte, stürzte er sich selber in seine doppelscheidige Waffe. Nach dem Tod ihres Sohnes bohrte sich auch Kreons Frau Eurydike (II) ein Schwert in den Leib, so Teiresias’ Seherspruch erfüllend. Kein Verbrechen entging je der Sühne, aber nicht immer straften die Götter sofort, wie bei Kreon, manchmal büßten erst die Kinder oder Enkel die Schuld ihrer Vorväter, wie Oidipus und seine ganze Sippschaft die des Labdakos.
Die Epigonen
Die Söhne der sieben Feldherren, die vor Theben ihr Leben gelassen hatten, die Epigonen, also die »später Geborenen«, drängten nun darauf, ihre Väter zu rächen. Nur Alkmaion, der Sohn des Amphiaraos, war genausowenig bereit wie sein Vater, in den Krieg zu ziehen, wie er bisher auch davor zurückschreckte, seinen Schwur zu erfüllen und seine Mutter zu töten. Thersandros wandte die gleiche List an wie vor dem ersten Feldzug Polyneikes und bestach Eriphyle mit dem Gewand der Athena, da ein Orakel prophezeit hatte, dass die Epigonen nur unter dem Oberbefehl Alkmaions Theben erobern würden. Wieder entschied Eriphyle für den Krieg. Also musste auch ihr Sohn gegen Theben ziehen.
Die verbündeten Nachkommen der »Sieben gegen Theben« erschlugen bereits im ersten Kampf fast alle Söhne der Verteidiger, während die Epigonen nur Aigialeus, Adrastos’ Sohn, verloren. Doch das brachte der Stadt den Untergang. Denn Teiresias hatte vorhergesagt, Theben existiere nur so lange, wie der letzte der »Sieben gegen Theben« lebe, aber die Nachricht vom Tode seines Sohnes werde Adrastos töten.
So geschah es, und die Thebaner verließen im Schutze der Nacht ihre Heimat. Am nächsten Morgen machten die Argiver Thebens Mauern dem Erdboden gleich. Da Thersandros Eriphyle mit Geschenken überredet hatte, rühmte er sich, am meisten für den Sieg getan zu haben. Erst da erfuhr Alkmaion, dass seine Mutter ihn genauso wie seinen Vater getäuscht hatte, und tötete sie.
Ihr Fluch jagte die Erinyen auf seine Fährte, und er und seine Nachkommen häuften Unglück und Frevel aufeinander. So gehört Alkmaion zu den wenigen Helden, die wir nicht wieder im Troianischen Krieg an der Seite Diomedes’ treffen werden.
Teiresias starb auf seiner Flucht aus Theben. Seine Seherkunst lebte in seiner Tochter Manto und seinem Enkel Mopsos weiter. Doch bevor wir Teiresias verlassen, erzählen wir von ihm noch zwei Geschichten.
Wie Teiresias zum größten Seher wurde
Einst stritten Hera und Zeus, wer die Begattung mehr genieße. Zeus behauptete, Frauen empfänden größere Lust, während Hera darauf bestand, dass die Männer weit mehr von der Liebe hätten. Da nicht einmal Götter über andersgeschlechtliche Erfahrung verfügen, bestellte man Teiresias zum Schiedsrichter.
Denn einst hatte Teiresias Schlangen bei der Paarung überrascht, auf das Knäuel eingeschlagen und dabei das Weibchen getötet. Daraufhin verwandelte er sich in eine Frau und erfuhr sieben Jahre lang die Liebe der Männer. Nach Ablauf der Frist traf er erneut Schlangen im Liebesspiel, sein Hieb tötete diesmal das Männchen, und im selben Augenblick wurde er wieder zum Mann.
Teiresias entschied so: »Von den zehn Teilen des Vergnügens beim Beischlaf erfährt die Frau dreimal drei, während der Mann nur einen genießt.«
Zeus triumphierte, und die erboste Hera blendete Teiresias. Der Göttervater konnte ihre Tat zwar nicht rückgängig machen, aber er verlieh Teiresias die Sehergabe und ein Leben von sieben Menschenaltern. Es heißt, Teiresias war mit diesen »Geschenken« alles andere als glücklich; er ehrte aber Persephones Gabe, selbst im Totenreich sein Bewusstsein zu wahren. Nur deshalb werden wir ihm noch einmal begegnen, wenn wir mit Odysseus in die Unterwelt hinabsteigen.
Narkissos und Echo
Berühmt wurde Teiresias auch durch seine Prophezeiung: »Narkissos wird lange leben, wenn er sich nicht selbst erkennt.« Narkissos wuchs zu einem begehrenswerten Jüngling heran, um dessen Liebe Männer wie Frauen buhlten, doch der Stolze wies alle brüsk ab.
Auch die Nymphe Echo gehörte zu den Unglücklichen. Einst hatte sie Hera mit schwatzhaften Reden abgelenkt, damit Zeus sich ungestört mit anderen Nymphen vergnügen konnte. Als die Göttin die List entdeckte, strafte sie Echo: ihre geschwätzige Zunge vermochte fortan nur noch das Ende von Reden anderer wiederzugeben.
Echo konnte zwar Narkissos nicht ansprechen, aber folgte ihm heimlich auf Schritt und Tritt. Einmal verlor der Jüngling seine Jagdgenossen inmitten des Waldes und rief:
»Ist jemand hier?«
»Hier!«, antwortete Echo.
»So komme!«, rief Narkissos.
»Komme!«, echote die Nymphe.
»Was ist los mit dir, warum meidest du mich?«, fragte er, da er niemanden erblickte.
»Meidest du mich?«, schluchzte Echo.
»Tritt heraus, wir wollen uns hier vereinen«, schlug Narkissos vor.
Wie geheißen trat die Nymphe vor, jubelte: »Vereinen!«, und umarmte den Begehrten leidenschaftlich.
Doch er schüttelte sie schroff ab und flüchtete mit den Worten:
»Eher stürbe ich, als mit dir zu liegen.«
»Mit dir zu liegen!«, flehte die Verschmähte. Sie verwand ihre Liebe niemals, nahm fortan nichts mehr zu sich. Kummer zehrte an ihr, Echo magerte ab zu einem Schatten, bis zuletzt nur noch ihre Stimme übrig blieb. Sie haust nun in den Bergen, von keinem gesehen, doch von allen gehört.
So wie Narkissos die Nymphe kränkte, ging er mit allen seinen Verehrern um. Bis ein Verschmähter die Himmlischen anrief: Narkissos solle einmal selbst lieben, ohne den Geliebten zu erreichen. Die Götter erhörten ihn und fügten es, dass der Jüngling zu einem unberührten, strahlend klaren Waldsee kam. Als Narkissos sich über das Wasser beugte, um seinen Durst zu stillen, erblickte er im See einen Jüngling, dessen Körper aus Marmor gehauen schien. Hell leuchteten dessen Augen, die Haare – eines Apollon würdig – lockten sich um die stattliche Brust, wie Elfenbein schimmerten der Hals und das Gesicht von göttlicher Anmut. Narkissos bewunderte alles, worum er selbst zu bewundern war. Er gab unzählige Küsse, tauchte seine Arme ins Nass, um den ersehnten Hals zu umschlingen, doch das Spiegelbild zerging.
Selbst als Narkissos sich erkannt hatte, vermochte er sich nicht von seiner bezaubernden Schönheit zu trennen. Ganz in seinen Anblick versunken, schmachtete er, gab sich seufzend hin, war nicht mehr fähig zu essen oder sich nur für einen Augenblick von seinem Bilde zu trennen. Die Götter verwandelten ihn sterbend in eine Blume, die nun seinen Namen trägt, die Narzisse.
Die Nachkommen des Belos
Die blutige Hochzeit der Danaïden
Nach dem von Libye und Poseidon gezeugten Stamm des Agenor berichten wir jetzt von dessen Bruder Belos, der in Ägypten blieb und mit Anchinoë, einer Tochter des Nils, die Zwillinge Danaos und Aigyptos zeugte. Letzterem, der Ägypten seinen Namen gab, wurden genau fünfzig Söhne geboren, seinem mit gleicher Manneskraft ausgestatteten Bruder ebenso viele Töchter. Nun lag ja nichts näher, als eine Massenhochzeit anzuberaumen, doch Danaos durchschaute, dass der Bruder die Töchter in der Hochzeitsnacht zu ermorden gedachte und floh per Schiff nach Argos, wo er sich zum König erhob.
Doch Aigyptos gab nicht auf. Er sandte seine Söhne, sie belagerten Argos, um die Werbung zu erzwingen und dann die Töchter umzubringen. Als den Eingeschlossenen das Wasser ausging, musste Danaos, derart in die Enge getrieben, der verhassten Heirat zustimmen. Aber er drehte den Spieß um und hieß seine Töchter, eine Nadel im Haar zu verstecken. So geriet die Hochzeitsnacht zum Massaker, denn sämtliche Danaïden durchbohrten das Herz ihres Gatten mit der dolchartigen Waffe.
Lediglich die Jüngste, Hypermnestra, brachte es nicht fertig, ihren Freier Lynkeus (II) zu erstechen und verhalf ihm zur Flucht. Deshalb blieb sie von der Strafe verschont, die die Totenrichter über die Danaïden verhängten: Bis ans Ende aller Tage haben sie im Hades Wasser in durchlöcherten Krügen herbeizuschleppen. Zu Lebzeiten gelang es Danaos’ Töchtern dennoch Ehemänner zu finden, die sich auf die mörderischen Aussichten einer Brautnacht mit ihnen einließen – ihre glücklicheren Nachkommen nannten sich Danaër.
Danaë und der Goldregen
Für Hypermnestra und Lynkeus (II) führte das, was unter düstersten Vorzeichen begann, doch noch zu einem glücklichen Ende. Ihre Enkel Akrisios und Proitos teilten sich nach langem Streit die Macht, wobei der letztere mit seiner Gemahlin Stheneboia77 Tiryns erhielt, das die Kyklopen mit gewaltigem Mauerwerk befestigten.
Akrisios aber herrschte über Argos. Zwar erblühte das Land, dennoch wollte sich ein Thronfolger nicht einstellen.
»Darf ich trotz meines reifen Alters noch auf einen Sohn hoffen?«, befragte Akrisios das Delphische Orakel.
»Einen Sohn«, prophezeite Pythia, »bekommst du zwar nicht, dafür aber einen Enkel, dessen Hand dir den Tod bringen wird.«
Nächtelang grübelte Akrisios, wie er eine Schwangerschaft seiner Tochter für immer verhindern könne. Dann ließ er tief unter der Erde ein ehernes Gemach bauen, in das er Danaë und eine Wärterin einsperrte.
Doch Zeus hatte bereits ein Auge auf Danaë geworfen; und was für Sterbliche als unüberwindbar gilt, war dem Göttervater nur eine Verwandlung wert. In Gestalt eines Goldregens vereinigte er sich mit der Eingesperrten. Die Königstochter, wohl für jede Abwechslung dankbar, empfing dann Perseus.
Wie verblüfft war Akrisios, als Danaë in ihrem unerreichbaren Kerker ein Kind gebar. Wohl hielt den König trotz der unheilkündenden Weissagung die Liebe zu seiner Tochter davon ab, Mutter und Sohn zu töten. Oder ahnte er, ein Gott könne im Spiele sein? Er verschloss beide in einer Truhe und stürzte diese ins Meer. Wellen trieben den Kasten sanft bis Seriphos, wo beide nicht nur wieder Sonnenlicht erblickten, sondern im Palast des Polydektes vorerst gastliche Aufnahme fanden.
Perseus enthauptet Medusa
Hier wuchs Perseus zu einem stattlichen, aber auch ein wenig unbesonnenen Jüngling heran. Als nämlich der König Polydektes sich anschickte, um eine Prinzessin zu freien, bat er seine Bekannten um ein Pferd als Brautgeschenk mit den Worten:
»Seriphos ist zwar eine unscheinbare Insel, aber ich will im Kreise der wohlhabenden Werber nicht ärmlich dastehen.«
»Zwar habe ich kein Pferd«, prahlte da Perseus, »aber ich werde alles herbeischaffen, wonach es dich gelüstet, selbst das Haupt der Medusa.«
»Das wäre in der Tat eine Morgengabe, meiner würdig«, ging Polydektes verschlagen darauf ein, »doch leider kennen wir deinen Hang zu großen Worten.«
Das traf Perseus’ Ehrsucht. Ungestüm verlangte es ihn, die Gorgone einen Kopf kürzer zu machen. Doch wie sollte er das anstellen? Die Medusa war ein Ungeheuer von Frau mit Schlangenhaaren, Eberhauern, heraushängender Zunge und so abgrundtief hässlich, dass jeder, der sie erblickte, vor Entsetzen versteinerte.78 Aber etwas Hoffnung blieb, denn im Gegensatz zu ihren Schwestern, den anderen beiden Gorgonen, war sie sterblich.
Als hilfreich erwies sich die gekränkte Pallas79 Athena, die sich nun rächen konnte. Denn es war ihr Tempel, in dem Medusa mit Poseidon Liebe genossen und den sie damit besudelt hatte: ein unerhörtes Sakrileg, denn die Tempelprostitution war nahezu unbekannt und vor allem für eine jungfräuliche Göttin wie Athena eine tiefe Demütigung. Athena veranlasste Hermes, Perseus eine diamantene Sichel auszuhändigen, gab ihm einen glanzpolierten Schild und geleitete ihn selbst zu den Graien, da nur sie den verborgenen Unterschlupf der stygischen Nymphen kannten, die das Paar geflügelter Sandalen, den Zaubersack und Hades’ Tarnhelm aufbewahrten.
Die Graien, drei uralte hässliche Weiber, verfügten zusammen nur noch über einen Zahn und ein Auge, das sie abwechselnd gebrauchten.80 Da sie seit ewigen Zeiten das Geschehen in der Welt kannten, wäre jeder Versuch gescheitert, ihnen Geheimnisse zu entlocken, die ihren schwesterlichen Gorgonen geschadet hätten.
Deshalb passte der Held in seinem Versteck jenen Moment ab, als das Auge einer anderen übergeben wurde, eilte vor und raubte ihnen das glibbrige Sehorgan. Die Alten kreischten und schrien:
»Wo ist das Auge? Warum hast du Tattergreisin es fallen lassen?«
»Nein, du Schlampe hast es mir aus der Hand gerissen!«
Sie zwangen ihre gebeugten Körper auf den Boden und durchwühlten den Unrat. Aus sicherer Entfernung verfolgte Perseus das Gezänk belustigt und rief:
»Hier ist das Auge! Und wenn ihr mir sagt, wo ich die stygischen Nymphen finde, gebe ich es zurück.«
Lange drohten und schmeichelten die Graien, doch als ihnen keine andere Wahl blieb, verrieten sie den Weg.
Auf Athenas Fürsprache bekam Perseus von den stygischen Nymphen die Sandalen, den Zaubersack und den Tarnhelm. Perseus flog damit zum Okeanos, wo die Gorgonen inmitten eines Statuenparks schliefen. Die Augen von ihr abgewandt, blickte Perseus auf Medusas Bild, das sich auf seinem glänzenden Schild spiegelte – denn dem Spiegelbild fehlte die erstarrende Macht – und hieb mit der diamantenen Sichel Gorgos Kopf ab. Aus dem enthaupteten Leib sprangen Poseidons Kinder Pegasos, der Flügelhengst, und Chrysaor, ein voll ausgewachsener Krieger mit goldenem Schwert.
Doch Perseus fand für diese Wunder keine Muße, er griff rückwärts tastend das um den Medusenschädel züngelnde Schlangenknäuel, steckte die Trophäe in den mitgebrachten Zaubersack und vermied dabei das Medusenhaupt anzusehen. Dann setzte er sich den Tarnhelm auf und erhob sich mit den geflügelten Sandalen in die Luft. Und wahrlich keinen Augenblick zu früh. Denn schon verfolgten im Fluge die vom Röcheln Medusas erwachten unsterblichen Schwestern den Mörder. Der entkam jedoch dank des Tarnhelms.
Perseus rettet Andromeda
Während seines Rückfluges erblickte Perseus eine junge, nackt an einen Felsen gefesselte Frau und eine erregte Menschenmenge, die abwechselnd zum Felsen und aufs Meer starrte. Der Held war in Ioppe angelangt, wo Kepheus – ein Bruder von Aigyptos und Danaos – mit Kassiopeia regierte, die ihre Tochter gerühmt hatte, schöner als die Nereïden zu sein. Derart beleidigt trugen diese die Schmach ihrem Vater vor, und der Meergott sandte der Stadt Sturmfluten und ein Seeungeheuer. Nur wenn der König seine Tochter Andromeda dem Seeungeheuer opfere, so prophezeite das Orakel, werde Ioppe von Poseidons Zorn erlöst.
In eben diesem Augenblick, als Andromeda der Ankunft des Untieres entgegenbebte, erschien Perseus, verliebte sich in die anmutige Tochter wie in ihre Opferbereitschaft und bot den verstörten Eltern Rettung an, wenn sie ihm Andromedas Hand versprächen. Schon türmten sich Flutberge im Meer auf, und gischtschäumend stieg ein fürchterliches Monster aus den brausenden Wogen, fast die Zusage des Herrscherpaares übertönend.
Entschlossen stürzte sich der Held auf das Ungeheuer, doch so unbedacht, dass ein Schlag von dessen Schwanzflosse ihm Medusas Kopf entriss. Das geschah ihm kein zweites Mal. Flink flog er um das Scheusal herum, die See brodelte von dessen Drehen, Wenden und gewaltigen Prankenhieben, bis es Perseus in einem Moment gelang, mit der einzig verbleibenden Waffe, der bewährten Sichel, das Monster zu köpfen. Zwar war der Gorgonenschädel aus dem Sack gerollt, doch zum Glück für die Menschen mit dem Antlitz nach unten auf Blumen zum Liegen gekommen, die augenblicklich zu Korallen versteinerten.
Eingedenk einer früheren Heiratsabsprache mit Agenor richtete das Königspaar die Hochzeit mit Perseus widerwillig aus, aber teilte dies auch ihrem Wunschschwiegersohn mit, der daraufhin an der Spitze einer bewaffneten Schar in die Festlichkeiten einbrach, Andromeda für sich beanspruchte und Kassiopeias Aufforderung »Tötet Perseus!« in die Tat umzusetzen versuchte.
Tapfer setzte sich Perseus zur Wehr. Viele Gegner sanken tödlich getroffen zu Boden, doch einer so gewaltigen Übermacht war er nicht gewachsen. In höchster Not riss er von Medusas Haupt die schützenden Leinen herunter und versteinerte so seine Gegner, die schon zum Todesstoß angesetzt hatten.
Der Erderschütterer Poseidon versetzte Kepheus und Kassiopeia als abschreckendes Beispiel unter die Sterne – später auch das Bild ihrer Tochter Andromeda, doch diesmal als Lohn – für ihre Redlichkeit, da sie sich für Perseus und gegen den Verrat ihrer Eltern entschieden hatte.
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