Kitabı oku: «Mauerspechte»

Yazı tipi:

Reinhard Griebner

Mauerspechte


Reinhard Griebner

Reinhard Griebner wurde 1952 in Görlitz geboren. Nach seinem Studium der Kulturwissenschaften/​Journalistik in Leipzig arbeitete er zunächst als Redakteur beim Fernsehen der DDR. Zwischen 1990 und 2010 war er beim Deutschen Fernsehfunk, beim ORB und beim Rundfunk Berlin-Brandenburg in verschiedenen Positionen tätig. 2012 erhielt Reinhard Griebner das Kurd-Laßwitz-Stipendium der Stadt Gotha. Schon zwischen 1983 und 1990 veröffentlichte er unter anderem Kinderbücher, Erzählungen, Hörspiele und Filme. Seit 2010 arbeitet er als freischaffender Autor. Reinhard Griebner lebt und arbeitet in Berlin.

Inhalt

Cover

Titel

Über den Autor

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Erläuterungen

Liebe Leserin, lieber Leser!

Weitere Bücher

Impressum

Erstes Kapitel

Ein Tag zum Abgewöhnen, dachte Willem, als er auf dem rotweißen Geländer, das den Gehsteig vom Fahrdamm trennte, Quartier bezog. Die Wolken drückten regenschwer auf die vergammelten Dächer, die Antenne des Fernsehturms verlor sich im Milchglashimmel, der Novemberwind trudelte eine zerbeulte Blechdose an der Bordsteinkante entlang.

Was immer das Wetter an diesem Nachmittag zu bieten haben würde, unter den Stahlträgern der Hochbahn saß er wenigstens im Trockenen, nicht umsonst wurde die Konstruktion von den Berlinern ‚Magistratsschirm‘ genannt. In etwa fünfzehn Minuten müsste die Briefbotin hier aufkreuzen, sofern die Posttasche normal gefüllt war und sich Mutter Marotzke nicht wieder bei irgendwelchen Nachbarn verschwatzt hatte.

Willem zottelte den Rollkragen seines quietschgrünen Pullovers über das Kinn und fingerte in den ausgebeulten Jeans nach seinen Handschuhen. Vergeblich! Auch im Anorak waren Omas Selbstgestrickte unauffindbar, in der Innentasche entdeckte er allerdings die Sonnenbrille, die ihm Pauline im Sommer geschenkt hatte. „Das ist ’ne Zauberbrille!“, hatte sie behauptet und dazu ihr glucksendes Paulalachen gelacht. „Wenn du sie aufsetzt und die Augen zumachst und dann wieder hinguckst, darfst du das Erste, was du siehst, behalten.“ Willem hatte das Nasenfahrrad sofort ausprobiert, die Augen geschlossen, sie nur drei hundertstel Sekunden später wieder aufgerissen, all seinen Mut zusammengekratzt und Paula einen flüchtigen Kuss auf die Lippen gedrückt, Paula Paul, der ollen Spinnbraut! Von diesem Moment an: Pauline zum Behalten.

An dem Tag hatte er noch nicht gewusst, dass Familie Paul nach Ungarn fahren würde, ohne das Rückfahrticket nach Berlin in Anspruch zu nehmen. Von wegen Ferien am Balaton! Damals im August war die Welt noch in Ordnung. Paulas Schnute hatte so gut nach Karamell geschmeckt, dass ihm Sterne vor den Pupillen tanzten und er im Schutz der verspiegelten Sonnengläser die Augen abermals fest zusammenkneifen musste. Als er sie wieder aufgeklappt hatte, war Pauline schon im Treppenhaus verschwunden. Die Tür fiel krachend ins Schloss und aus dem offenen Flurfenster hallte der Satz: „Halt die Ohren steif, Kaiser Willem. Ich schreib dir ’ne bunte Karte!“

Mit klammen Fingern fädelte Willem die Brillenbügel über die Ohren, stützte den Kopf in die Hände und fing an, sich selbst ein Märchen zu erzählen – das Märchen von Paula und der Wunderbrille. Es war einmal eine Himmelfahrtsnase, umzingelt von dreizehn Sommersprossen, die gehörten Pauline Paul, dem schönsten Mädchen der Welt.

Als Willem den Kopf hob, blickte er in das Gesicht von Bulle Baumann. Schreck lass nach! Der hatte ihm gerade noch gefehlt.

„Tag, Willi.“

„Guten Tag, Herr Baumann.“

„Und, ist das Leben noch frisch?“, wollte der Polizist wissen, während er im Rhythmus seiner Rede elastisch auf den Zehenspitzen wippte. „Alles unter Kontrolle?“

„Wie bitte?“ Willem konnte sich nicht erinnern, vom ABVer, wie die Leute aus dem Kiez den Abschnittsbevollmächtigten verkürzt nannten, je mit einem kumpeligen Wort bedacht worden zu sein. Er beförderte Paulas Sonnenbrille auf den Saum seiner Wollmütze und glitt in Erwartung der üblichen Bulle-Baumann-Standpauke: „Nu mal hoch den Hintern, hopp, hopp! Ein Absperrgitter ist keine Parkbank!“, von dem rostigen Gestänge.

„Ob alles in Ordnung ist, habe ich gefragt“, wiederholte der Polizist leutselig und prüfte, indem er den Daumen an die Nase legte und über die in Reih und Glied ausgerichteten Finger den Schirm anpeilte, den Sitz seiner Dienstmütze. Hammer, Zirkel und Ährenkranz standen für jedermann sichtbar – außer freilich für ihn selbst – exakt über dem Mittelfinger. „Bei dem Elternhaus darf man wohl eine korrekte Meldung erwarten, oder?!“ Misstrauisch beäugte Baumann Willems bebrillte Kopfbedeckung. „’nen Sonnenstich wirst du dir ja nicht eingefangen haben, bei den Temperaturen.“

„Nein, nein, alles tutti paletti“, beeilte sich Willem zu versichern, obgleich ihm die Befragung gehörig gegen den Strich ging. „Ich bin fit wie ’n Turnschuh.“

„Sagt man heute so?“

„Na logo.“

„Dann ist ja gut“, erwiderte Bulle Baumann und nieste seiner Feststellung geräuschvoll hinterdrein.

„Gesundheit!“

„Danke.“ Selbstvergessen schniefte der Polizist in ein Papiertaschentuch und blickte dem Jungen, nachdem er seine Nase trocken gerieben hatte, prüfend in die Augen. „Wieso bist du eigentlich nicht in der Schule?“

„Wie bitte?“

„Hast du’s mit den Ohren?“

Gerade noch rechtzeitig fiel Willem die passende Antwort ein: „Wir haben Ausfall.“ Er schnitt seine berühmte Was-kann-ich-denn-dafür?-Grimasse, um die ihn die halbe Klasse beneidete, und brachte damit nicht nur Paulas Sonnenbrille so gefühlvoll in Bewegung, dass sie von ihrem Parkplatz passgerecht auf die Nase sackte, sondern auch den Abschnittsbevollmächtigten aus dem Konzept. „Das Jahr 89 hat es in sich, sagt mein Vater.“

„Wo er recht hat, hat er recht.“

„Dieser nasskalte Herbst! Richtiges Rheumawetter. Jeder zweite Lehrer ist krank“, schwätzelte Willem tapfer drauflos, verkniff sich jedoch den Zusatz, den er Anfang der Woche in der Schlange beim Brötchenholen aufgeschnappt hatte. „Und wer nicht krank ist, ist im Westen. Weiß doch jeder: Alles, was Ossi heißt und Beine hat, sackt das Begrüßungsgeld ein und geht am Ku’damm spazieren.“

„Dann solltest du die Zeit sinnvoll verbringen, statt hier auf der Straße herumzulungern“, tadelte der Polizist. „Setz dich auf den Hosenboden und steck die Nase ins Buch!“

Willem stöhnte gequält auf. Er kannte die Fortsetzung. Selbst wenn Bulle Baumann in Verhörlaune war, pflegte er an dieser Stelle seinen eigenen Werdegang ins Gespräch zu bringen: „Vom Maurer zum Volkspolizisten! Und alles hart erarbeitet! Abendkurse, Weiterbildung, Lehrgänge. Frag deinen Vater, wir haben eine Zeit lang gemeinsam die Schulbank gedrückt. Von nischt kommt nischt.“ Noch bevor der Schutzmann zum Finale ansetzen konnte, fuhr ihm Willem in die Parade: „Lassen Sie mich raten. – Lernen, lernen und nochmals lernen?“

„Sehr gut!“

„Lehrjahre sind keine Herrenjahre.“

„Genau!“, bekräftigte Bulle Baumann erfreut und tätschelte Willem hingebungsvoll jene Stelle, an der er unter der Wollmütze einen Scheitel vermutete. „Nichts für ungut, Willi, kannst demnächst mal wieder bei mir vorbeikommen und dir Altstoffe holen. Hat sich wieder allerhand angesammelt.“

„Flaschen, Lumpen, Papier?“

„Lumpen nicht! Dafür Pullen und jede Menge Zeitungen. Dürfte einiges drin sein für die Klassenkasse.“

„Nicht schlecht“, entgegnete Willem interessiert, wobei er allerdings mehr an sein magersüchtiges Sparschwein als an die Klassenkasse dachte. „Mein Portemonnaie muss wohl aus Zwiebelleder genäht sein“, pflegte seine Großmutter Grete an der Stelle zu sagen. „Kaum guckst du hinein, gleich fängst du an zu heulen.“

Während Willem Omas Spruch nachgrinste, röhrten plötzlich aus heiterem Himmel Autohupen. Im nächsten Moment vermengten sich Motorenlärm, Bremsenquietschen, Fußgetrappel und Wortfetzen.

„Mich laust der Affe!“

„Hier geblieben!“

Ohne sich um Bulle Baumanns Ordnungsruf zu kümmern, schnellte Willem mit einem Satz vom Gehsteig zurück auf das Geländer, schraubte sich kerzengerade in die Höhe, riss die Sonnenbrille von der Nase und peilte die Lage.

„Kannst du was sehen?“

„Mann, Mann, Mann!“

Aus Pankow kommend, näherte sich ein Demonstrationszug der Kreuzung Dimitroffstraße, Ecke Schönhauser. Etliche Autos, die noch bei Grün angefahren waren, standen nun mitten auf der Straße und damit sowohl den von rechts und links kommenden Fahrzeugen als auch den Kundgebungsteilnehmern im Weg. Zu allem Überfluss rückte aus der Pappelallee eine Straßenbahn nach.

Im Nu blockierte jeder jeden. Einige Autofahrer hatten aufgegeben und den Motor abgeschaltet, andere versuchten, sich im Schritttempo einen Weg durch die Demonstranten zu bahnen. Das allerdings kam bei denen nicht besonders gut an. Hin und wieder pochte einer von ihnen mit der flachen Hand auf ein Wagendach, was die genervten Chauffeure wiederum zu Flüchen und panischem Tuten veranlasste.

„Das gibt’s doch nicht!“ Der ABV hatte die Fäuste in die Hüften gestemmt und sah dem chaotischen Treiben mit weit aufgesperrtem Mund und versteinertem Blick zu.

Willem rieb sich entzückt die Hände, endlich einmal was los! „Schluss mit der Verarsche, uns gehört die Straße!“, riefen etliche Bürger, während sie schwarz-rot-goldene Fahnen schwenkten, aus denen das Staatsemblem herausgeschnitten war.

„Keine Krawalle – Freiheit für alle!“, tönte es ihnen aus einem zweiten Marschblock entgegen.

Von einem handgemalten Transparent, das mit roten und schwarzen Bändchen geschmückt war, blickte ein bärtiger Mann unter einer mit fünfzackigem Stern bestückten Baskenmütze hervor. Mehrere Sympathisanten, deren Bartgesichter dem Porträtierten zum Verwechseln ähnlich sahen, klatschten rhythmisch in die Hände und lärmten: „Che Guevara, Ho Chi Minh – nur wenn du kämpfst, macht’s Leben Sinn!“

Obgleich Wind und Wetter die Demonstranten ziemlich gebeutelt hatten, schlenderten sie entspannt Richtung Alexanderplatz. Mit den verschiedenen Gruppen wechselten die Losungen und Lieder. Die einen sangen: „Völker, hört die Signale“, andere zürnten im Chor: „Die Partei, die hat’s vergeigt, wie’s funktioniert, wird jetzt gezeigt!“

Willem bemerkte, dass Bulle Baumann aus seiner Schockstarre erwachte, und er ahnte, es wird Ärger geben. Tatsächlich zog der Polizist eine Pfeife aus der Brusttasche, trillerte ein Angriffssignal und warf seine einhundertzwanzig Kilo Lebendgewicht in das Getümmel. Allerdings waren es zu Willems Überraschung nicht die Kundgebungsteilnehmer, die das Missfallen des Ordnungshüters erregten, sondern die zur Bewegungsunfähigkeit verurteilten Autofahrer.

„Sie da in der Pappe, blockieren Sie nicht die Kreuzung!“, raunzte der Abschnittsbevollmächtigte den Fahrer des nächstbesten Trabant an und versuchte diesen, indem er wie wild mit den Armen ruderte, aus dem Stau zu lotsen. „Nun geben Sie schon Gummi!“ Als niemand seinem Treiben Beachtung schenkte, wandte er sich Hilfe suchend an eine junge Frau, die eine Binde mit der Aufschrift ‚Ordner‘ am Ärmel trug: „Solche Anfänger sollte man sofort aus dem Verkehr ziehen, nicht wahr? Aber wollen wir mal Gnade vor Recht ergehen lassen. Wenn mir Ihre Leute ein bisschen zur Hand gehen, kriegen wir die Sache in den Griff.“

War das noch Bulle Baumann? Derselbe Baumann, der vor einem halben Jahr wie irre am Rad gedreht hatte, als er am Montagmorgen neben seiner Haustür in der Kastanienallee die Inschrift vorfand: „Honecker weg! Gorbi hilf!“ Ungelenk mit weißer Schulkreide an die pockennarbige Fassade gekrakelt. Nicht nur, dass der ABV mindestens hundert Mann Verstärkung angefordert hatte, lauter junge Männer in Present-20-Anzügen, die nervös durch die Gegend gewuselt waren, zunächst alles fotografiert, dann die Anwohner befragt und schließlich die Schrift mit Seifenlauge weggespült hatten. Zu allem Überfluss war Bulle Baumann auf den Einfall gekommen, das Tor zum Hof zu zusperren, in der Hoffnung, dem Attentäter damit den Fluchtweg abzuschneiden. Vier Nachbarn, darunter Baumanns Frau Mathilde, die eben ihr Fahrrad aus dem Keller holen wollte, waren an diesem Tag zu spät zur Arbeit gekommen.

„Sie machen mit diesen Leuten gemeinsame Sache, Genosse Wachtmeister?!“, empörte sich ein Lada-Fahrer, den Bulle Baumann unterdessen, assistiert von mehreren Fußgängern, von der Fahrbahn weg auf den Bürgersteig geschoben hatte. „Da wird ja der Hund in der Pfanne verrückt!“

„Das nennt man Sicherheitspartnerschaft!“, dozierte Baumann und fuchtelte wichtigtuerisch mit dem Zeigefinger.

„Der Kollege Schutzmann weiß eben, wo’s langgeht“, mischte sich ein zopfbärtiger Bürgerrechtler ins Gespräch, der gerade noch durch ein Megafon zu den Leuten gesprochen und sie zur Friedfertigkeit ermahnt hatte. Und die Frau mit der Ordner-Binde drückte dem verdutzten Polizisten einen Schmatz auf die Wange und eine brennende Kerze in die Hand.



„Alles tutti paletti!“, rief Bulle Baumann erhitzt. „Schwerter zu Pflugscharen!“ Er riss dem Bartmann die Flüstertüte aus der Hand. „Frieden schaffen ohne Waffen!“ Und bollerte unter dem Beifall der Menge mehrere Male ins Mikrofon: „Wir sind das Volk!“

Willem hatte genug gesehen.

Außerdem war soeben Briefbotin Marotzke in die Eberswalder Straße eingebogen und hatte sich mit ihrem Generalschlüssel bereits Zugang zum Nachbarhaus verschafft. Gerade wollte Willem die Verfolgung aufnehmen, da spürte er Baumanns eiserne Rechte am Oberarm.

„Also wann?“

„Wann was?“, fragte Willem und starrte die Altarkerze an, von deren Schaft jeden Moment eine gehörige Portion Wachs in Bulle Baumanns Faust zu tropfen drohte.

„Wann holst du die Altstoffe ab?“

Mit einer findigen Körperdrehung machte sich Willem aus dem Griff frei. „Noch in dieser Woche, versprochen!“

„Ich sag meiner Frau, dass sie alles zurechtstellen soll.“ Dann folgte ein saftiger Fluch, der zu gleichen Teilen dem lecken Wachslicht und dessen Vorbesitzerin galt. Da er bemerkte, dass ihm alle Blicke zuflogen, machte Baumann gute Miene zum bösen Spiel, winkte den Vorüberziehenden mit dem Kerzenstummel unbeholfen zu, behauptete „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“, und quälte sich ein linkisches Lächeln ab.

Das aber sah und hörte Willem nicht mehr, denn er hatte, noch bevor die Postbotin die Tür zu seinem Aufgang aufsperren konnte, zu einem entschlossenen Spurt angesetzt, der ihm ihr gegenüber tatsächlich ein paar Schritte Vorsprung verschaffte.

„Sport frei!“, kommentierte Hedwig Marotzke gutmütig. „Du rennst ja, als wäre der Leibhaftige hinter dir her.“

„Haben Sie Post für Kaiser?“

Prüfend ließ die Briefträgerin den Papierstapel durch die Finger gleiten.

„Den Sammler-Express und das Rätselheft.“ Ohne seine Enttäuschung zu bemerken, drückte sie ihm die Journale in die Hand. „Die Fernsehzeitung kommt erst morgen.“

„Sonst nichts?“

„Nein, nichts“, versicherte sie, nachdem sie die Karten und Kuverts noch einmal überflogen hatte. „Wartest du auf etwas Bestimmtes?“

„Ich habe bei ’nem Preisausschreiben mitgemacht“, log Willem und schob sich an der Postbotin vorbei ins Treppenhaus. „Der Hauptgewinn ist eine Reise nach Ungarn, mit allem Pipapo.“

„So?“ Misstrauisch blinzelte die Briefträgerin ihn an. „Willst mich wohl auf den Arm nehmen?“

„Dafür sind Sie mir zu schwer.“

„Lausekerl!“

„Aber wenn ich gewinne, nehme ich Sie mit.“

„Nein, lass mal gut sein, Willem, Verreisen ist nicht mein Ding“, erwiderte Mutter Marotzke ernst, während sie mit atemberaubender Geschwindigkeit Karten und Umschläge in die Schlitze der schrottreifen Briefkästen steckte. „Ich hab den Käfigkoller. War wohl zu lange eingemauert. Jetzt gilt, was mein Erwin selig am Abend vor dem zweiten Schlaganfall in sein Zierkissen stickte: Bleibe im Lande und nähre dich redlich!“

„Sagt mein Vater auch immer“, bekräftigte Willem.

„Du solltest bei Gelegenheit einmal nachsehen“, augenzwinkernd klappte die Briefbotin ihre Posttasche zu, „ob deine Schule noch steht.“ Und setzte im Abgehen beiläufig eins drauf. „Jedenfalls musst du mir nicht dreimal die Woche vor der Haustür auflauern. Wenn Paula Paul dir wirklich schreibt, schmuggele ich den Brief schon ungesehen an deinen Eltern vorbei.“

Willem war so verdattert, dass er versehentlich ein Stockwerk zu hoch stiefelte und den Fehler erst bemerkte, als sein Schlüssel nicht ins Schloss passen wollte. Gott sei Dank war Spritti Karsuppke, Kaisers Obermieter aus der vierten Etage, ein wenig späthörig und hatte nichts bemerkt. Und seinen krummbeinigen Dackel Lumpi hatte er wohl weggesperrt oder wieder einmal in der Kneipe vergessen.

In seinem Zimmer angekommen, überkam Willem plötzlich das Gefühl, dass ihm die Wohnung an diesem Nachmittag zu eng sein würde, beziehungsweise, wie Großmutter Margarete es auszudrücken pflegte, die Decke auf den Kopf fallen könnte. Also tapste er auf seiner eigenen Schlammspur zurück in den Korridor, schnappte sich die Handschuhe aus der Flurgarderobe, flitzte die Treppe hinunter und stiefelte ziellos in den diesigen Nachmittag.

Zweites Kapitel

Am Grenzübergang Bernauer Straße herrschte geschäftiges Treiben. Obwohl die Abfertigung zügig vonstattenging, standen die Leute in der Warteschlange beiderseits des Postenhäuschens auf Hautkontakt. Ankömmlinge und Ausreisende verpassten einander im Vorübergehen den einen oder anderen Rippenstoß. Aber kaum jemand nahm es übel, die meisten waren ohnehin seit Jahrzehnten darin geübt, sich im Gedrängel zu behaupten. Nur wenn ein farbenfroher Dederonbeutel oder eine prall gefüllte Henkeltüte am Nebenmann hängen blieb, gab es vereinzelt Unmutsbekundungen. „Sie, Mann, nehmen Sie die Pfoten aus mein’ Einjekauftes. Wenn Sie Appetit auf Bananen haben, gehen Sie bei Aldi, da gibt’s die heute für beinahe umsonst.“

Willem spielte flüchtig mit dem Gedanken, einen Abstecher in den Wedding zu starten. Angesichts des Gewusels standen die Chancen gut, sich im Schutz der Wartegemeinschaft – eingeklemmt zwischen Leibern, Reisetaschen, Rucksäcken und jenen zweirädrigen, mit Markisenstoff überzogenen Bollerwägelchen, die der Volksmund Rentner-Porsche nannte – durch die Kontrolle zu mogeln. Wenn die Sache allerdings schiefging, setzte es in der Wachstube eine Standpauke. Und das fiel noch in die Rubrik: Mit einem blauen Auge davongekommen!

Als sein Klassenkamerad Mike Legenstein am vergangenen Donnerstag am Potsdamer Platz beim, wie die Posten das nannten, „Versuch des illegalen Grenzübertritts“ hochgezogen worden war, hatte ihm der diensthabende Offizier nicht nur ein Ohr abgekaut, sondern obendrein die Eltern und die Schule benachrichtigt. Warum sollte Willem es darauf ankommen lassen, hatte er doch unlängst in Nähe des Passierpunkts Chausseestraße ein Loch in der Mauer entdeckt, wo ein Leichtgewicht wie er jederzeit unbehelligt in den Westen krabbeln konnte.

Die Hände tief in die Hosentaschen vergraben, Paulas Sonnenbrille im Gesicht, stiefelte er an der Betonwand entlang. Noch vor drei Wochen wäre niemand so dicht an den antifaschistischen Schutzwall, wie sein Vater das Bauwerk nicht sehr häufig, aber in vollem Ernst nannte, herangekommen. Heute machte keiner der Grenzer Anstalten, Willem in den Weg zu treten. Die Uniformierten hielten Abstand und trampelten, um der kriechenden Kälte zu widerstehen, auf der Stelle, nuckelten an Zigaretten und hielten ihre Hunde an der kurzen Leine.

Von einer Besucherplattform auf der anderen Seite äugten ältere Menschen, bekleidet mit Lodenmänteln und Trachtenjacken, über die Mauerkante hinweg in den Osten. Als Willem in ihr Blickfeld geriet, rief ein Mann mit Gamsbarthut: „Da ist einer!“, und pellte ein Fernglas aus einem ledernen Futteral. Neben ihm winkte eine Frau aufgeregt mit ihrem Schal. „Gott, wie süß! Ein richtiger kleiner Zoni! Hat nicht jemand ein Überraschungsei dabei?“ Und ehe sich Willem versah, flogen ihm Blitzlichter und eine Handvoll Schokoriegel um die Ohren. „Füttern verboten, ihr Blödmänner!“, schimpfte er und zeigte den Gaffern, ohne deren Almosen die geringste Beachtung zu schenken, den Stinkefinger.

„Undank ist der Welt Lohn!“, beschwerte sich eine faltengesichtige Dame beim Reiseleiter. Der zuckte ratlos die Schultern. „So sind sie eben, unsere Landsleute von nebenan.“

„Na, das kann ja noch heiter werden!“

Eilig wechselte der Fremdenführer das Thema: „Wenn die Herrschaften nun bitte wieder im Bus Platz nehmen wollen. Unsere nächste Station ist die Zitadelle Spandau.“

Beleidigt drehte die Gesellschaft ab.

Willem hatte die Nase ebenfalls voll. Noch einen kurzen Abstecher durch die Seitenstraßen, nahm er sich vor, dann trödele ich zurück zur Schönhauser, fahre mit der U-Bahn zum Alex und hole Mama von der Arbeit ab. Und vorher schaue ich noch mal nach, ob die Demonstranten heil im Zentrum angekommen sind.

In dem Moment drangen eigentümliche Klopfzeichen an sein Ohr. Das Geräusch erinnerte ihn an das Hämmern jenes Bildhauers, den seine Klasse in der Woche vor den Osterferien in Altlandsberg besucht hatte. Sie waren dabei gewesen, als der Meister an einem Porträt herumgemeißelt hatte, das, wie er ihnen geduldig erklärte, unlängst von einer Kirchengemeinde im Oderbruch in Auftrag gegeben worden war. Auch auf mehrmaliges Nachfragen ihrer Klassenlehrerin Fräulein Sturmvogel war der Künstler dabei geblieben, dass es sich um das Angesicht der Jungfrau Maria und nicht um die Revolutionärin Rosa Luxemburg handelte.

Willem hob den Kopf und erspähte über sich einen Spalt in der Mauer, etwa so groß, dass seine Schulmappe hindurchgepasst hätte. Dahinter das geheimnisvolle Klickern: Tick, tick, tack – Metall auf Metall auf Stein. Er taxierte den Abstand der unteren Kante zum Erdboden. Nicht ganz einfach, dürfte aber zu machen sein! Immerhin hatte er bei der letzten Kreisspartakiade die Silbermedaille im Weitsprung und die Bronzene im Hochsprung gewonnen.

Mehrere Trainer hatten sich seither bei seinen Eltern zum Hausbesuch angesagt und versucht, den Kaisers die Vorzüge der Sportschule schmackhaft zu machen. Allerdings nie so überzeugend, dass sich zum „Warum nicht?“ seines Vaters das „Einverstanden!“ der Mutter gesellte. Sie hatte im Westradio, das sie hin und wieder anknipste, etwas von Pillen und Tropfen aufgeschnappt, die den jungen Menschen angeblich in den Leistungszentren verabreicht würden. Niemals wäre sie auf den Gedanken gekommen, das den drahtigen Herren im Trainingsanzug gegenüber anzusprechen, allerdings hatten die Gerüchte ihr Misstrauen angestachelt. Und wenn das geschah, war es so gut wie unmöglich, Cornelia Kaiser nur den Hauch einer Zusage zu entlocken.

„Dann wollen wir mal!“ Willem zog seine Handschuhe straff und kniff die Augen zusammen. „Auf die Plätze! Fertig! Los!“ Ein kurzer Anlauf, schon katapultierte er sich katzengleich in die Höhe. Beim Abspringen riss er die Arme nach oben, klatschte mit dem Körper gegen die Wand, kriegte mit der rechten Hand tat- sächlich die Kante des ausgefransten Mauerspalts zu fassen, zog die linke nach, klammerte sich am Beton fest und improvisierte unter Einsatz aller Reserven einen Klimmzug.

„Na also, geht doch!“ Millimeterweise zog er sich nach oben. Schon war der Spalt auf Augen- höhe, da schlug auf der anderen Seite Stahl so heftig auf Stahl, dass die Funken sprühten. Im nächsten Augenblick pfiff ein länglicher Gegenstand haarscharf an Willems Ohr vorbei.


Willem war so erschrocken, dass er reflexartig losließ. Den Rest erledigte die Schwerkraft. Beim Landen versuchte er, im Stil eines Fallschirmjägers abzurollen. Die Übung misslang, ein heftiger Aufprall, sein Hinterkopf schlug auf etwas Hartes. Paulas Brille flog im hohen Bogen davon.

„Scheiße!“

Benommen rappelte sich Willem auf, zupfte an seinen Fingern, schlenkerte mit den Beinen, zum Glück war alles intakt. Allerdings wuchs an seinem Hinterkopf eine Beule, die, durfte er seinem Gefühl vertrauen, binnen Sekunden mit der Größe eines aufgeblasenen Luftballons gleichgezogen haben sollte. Er bückte sich nach der Sonnenbrille, glücklicherweise hatte das Spiegelglas den Sturz heil überstanden. Mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch ließ Willem Paulas Geschenk in der Anoraktasche verschwinden und klaubte jenen Gegenstand von der Erde auf, an dem er sich allem Anschein nach beim Absturz die Brüsche eingehandelt hatte – einen Meißel, dessen Schaft, von schweren Hammerschlägen getroffen, die Form einer Pilzkappe angenommen hatte. Die Schneide war so schartig und zerschunden, dass sie für seinen prüfenden Daumen nicht die geringste Gefahr darstellte.

„Mann, Mann, Mann!“ Willem rieb sich die Beule, ließ den Blick zwischen Mauerdurchbruch und dem Fundstück schweifen. Blitzartig wurde ihm bewusst, dass er jenes Geschoss in der Hand hielt, das seinen Kopf nur um Millimeter verfehlt hatte. „Ich glaub, mein Eisbär rodelt!“, stammelte er. „Das hätte verdammt ins Auge gehen können.“ Er rammte wutschnaubend seinen Fuß gegen die Mauer und brüllte in den dunstigen Himmel: „Welcher Idiot schmeißt denn hier mit Werkzeug?!“

Im Loch über Willems Landeplatz erschien das Gesicht eines Jungen, auf dessen Kopf eine mit den Buchstaben „M“ und „P“ dekorierte Baseballkappe saß. Da er eine durch die Atemluft beschlagene, von Nässe und Schmutz verkleisterte Taucherbrille trug, brauchte er einige Zeit, um die Lage zu peilen und Blickkontakt zu Willem herzustellen.

Der starrte sein Gegenüber entgeistert an.

„Was glotzt du, Alter?“, fragte das Mauergesicht mit fremdländischem Akzent.

„Das geht dich gar nichts an.“

„Werd ja nicht pampig!“

„Ist bei euch da drüben Karneval?“, erkundigte sich Willem scheinheilig.

„Was ist das denn für eine bescheuerte Frage?“, kam es aus dem Loch zurück.

„Oder bist du auf dem Weg ins Schwimmbad?“

„Verarschen kann ich mich alleine.“

„Dann tu’s doch!“

Der Junge mit der Taucherbrille knirschte verbissen mit den Zähnen und schien nachzudenken. Nachdem er das lange genug getan hatte, entschloss er sich, Willem in die Abteilung Doofi einzugliedern und ihm ein wenig Entwicklungshilfe zuteilwerden zu lassen.

„Denkst du dämliches Ostbrot, ich will mir beim Steineklopfen einen Splitter ins Auge hämmern? Taucherbrille ist nicht optimal, aber ein guter Notbehelf. Eine echte Schutzmaske kann sich Anton Warkentin nicht leisten.“

„Anton – wie bitte?“

Aus dem Hintergrund vernahm Willem ein Stimmchen, das, dem hellen Klang nach zu urteilen, zu einem Dreikäsehoch im gehobenen Vorschulalter gehörte. „Toni, mit wem redest du?“

„Geht dich nichts an, Hosenscheißer“, erwiderte der Taucher barsch, während er die Gummibänder lockerte, die Brille über sein Kinn zerrte und den Schirm des Basecaps nackenwärts drehte.

„Das sage ich Mamotschka“, fiepte der Kleine eingeschnappt, „dass du Hosenscheißer zu Bruder Boris gesagt hast.“

„Ihr Russenlümmel geht mir auf den Tüffel“, meldete sich zu Willems Überraschung eine dritte Stimme zu Wort, die ein wenig kurzatmig daherkam und zweifelsfrei zu einem Mädchen gehörte. „Vertragt euch gefälligst! Und macht keinen Stress.“

„Russenlümmel will ich nicht gehört haben!“, wetterte der große Warkentin.

„Ich auch nicht!“, äffte ihn sein piepsiges Anhängsel nach.

Das Mädchen ging nicht auf die Widerrede der beiden ein, sondern presste eine Bemerkung hervor, die an der Mauer abprallte. Den Nachsatz, der mehr gekeucht als gesprochen war, verstand Willem schon, konnte ihn allerdings nicht einordnen: „Und jetzt drück mal auf die Tube, Partner, ich krieg langsam weiche Knie.“

„Toscha soll sagen, was er sieht“, forderte der unsichtbare Wicht, der sich vorhin als Boris zu erkennen gegeben hatte.

„Da steht so ein kotzgrüner Knallfrosch“, erklärte sein Bruder missgelaunt, wobei er augenscheinlich auf Willems Pullover anspielte. Allerdings hatte er mit dem Kleinen noch eine Rechnung offen. „Damit das klar ist, Hosenscheißer, wer petzt, fliegt aus dem Team, capito? Petzen ist uncool.“ Und trompetete, nachdem das erledigt war, im Befehlston durch das Mauerloch: „So, und jetzt zu dir, Alter. Rück sofort den Meißel raus!“

Noch bevor Willem etwas erwidern konnte, ertönte auf der anderen Seite ein gequältes: „Vorsicht, Toni, ich kann dich nicht mehr halten!“ Kaum hatte das Mädchen den Notruf abgesetzt, verschwand Antons Gesicht aus der Öffnung und es gab einen dumpfen Aufschlag, begleitet von einem saftigen Fluch.

„Tschort wosmi!“

Schadenfroh schlug sich Willem auf die Schenkel, selbst die Beule war für einen Moment vergessen: „Was ist los, Schwimmbrille? Abgetaucht? Du hast dir doch hoffentlich nicht wehgetan?“

Die Antwort war eine ellenlange russische Verwünschung, hervorgestoßen in einem Atemzug. Bruder Boris, der das Gesagte als Einziger verstanden hatte, kreischte vor Vergnügen.

„Ich will den Ossi auch mal besichtigen“, hörte Willem das Mädchen jenseits der Mauer übergangslos sagen. „Klopf dir den Dreck von der Hose, Toni, und bau mir die Räuberleiter!“

„Du hast mir gar nichts zu befehlen!“, erwiderte der Junge gereizt. „Du warst gestern dran. Heute bin ich der Chef. Mauer Power! Einen Tag ich, einen Tag du. So haben wir’s ausgemacht.“ „Und wenn ich größer bin, darf ich auch“, ergänzte Boris.

„Tu’s mir zuliebe“, baggerte das Mädchen Anton an, ohne sich um den Einwurf des Kleinen zu kümmern. „Es ist ja nur eine Bitte. Du weißt doch, Big Boss, dass wir Frauen von Natur aus ein bisschen neugierig sind.“

„Sagtest du Frauen?“

„Hallo?“

„Ich kann keine sehen.“

„Du kriegst gleich eine geklebt!“

„Na schön“, lenkte der Junge ein, „klettere auf meine Schultern, wenn es unbedingt sein muss. Aber klopf dir vorher die Stiefel ab und trample mir nicht auf den Kopf.“

Eine halbe Minute später blickte Willem, der von dem Big-Boss- und Mauer-Power-Gerede kein Wort verstanden hatte, in zwei grüne Augen, die unter einer roten Mähne hervorlugten. Ein weißes Stirnband hielt die Pracht zusammen, geziert von einem in ein „M“ verschlungenes „P“.

„Tach, Grünfrosch.“

„Grüß dich, Feuerlocke.“

„Ich bin Jasmin. – Jasmin Shiva Neumann aus Charlottenburg.“

„Ich heiße Willem und wohne in Prenzlauer Berg.“

„Angenehm“, behauptete Jasmin.

„Danke, gleichfalls.“

„Was soll der Scheiß?“, presste Anton mit gequetschter Stimme hervor. „Kannst du mal auf den Punkt kommen, Jasmin, oder willst du warten, bis mir das Rückgrat durch die Kimme rutscht?“

„Du wirst doch nicht jetzt schon schlappmachen?!“

„Sag dem Ossi, er soll uns den Meißel geben. Wir müssen noch was reißen, bevor es dunkel wird.“

„Du hast gehört, was Toni gesagt hat?“, fragte Jasmin und schnalzte respektvoll mit der Zunge. „Er kann ganz schön wütend werden, wenn einer nicht spurt.“

„Da mache ich mir ja gleich vor Angst in die Hose.“

Jasmin grinste Willem an. Es schien ihr zu gefallen, dass er sich nicht einschüchtern ließ. „Sei fair und rück das Eisen raus.“

„Das Teil hätte mich um ein Haar erschlagen“, beschwerte sich Willem, lupfte seine Wollmütze und zeigte dem Mädchen die Beule.

„Sieht nach Körperverletzung aus.“

„Du sagst es.“

„Das tut mir leid, ehrlich! Toni stellt sich manchmal ziemlich blöd an. Aber den Meißel müssen wir trotzdem wieder haben. Wir brauchen ihn dringend. Wir haben nur den einen.“

„Dann will ich mal nicht so sein.“ Willem wog das ramponierte Werkzeug prüfend in der Hand. „Unter einer Bedingung: Ich schmeiße das Ding nur über die Mauer, wenn du mir verrätst, was ihr da drüben treibt.“

„Der Typ kriegt gleich was auf die Zwölf!“, mischte sich Anton keuchend in das Gespräch ein.

„Halt die Klappe und steh still!“, befahl Jasmin. „Sonst kann ich nicht nachdenken.“

„Hauen ist fies“, meldete sich der kleine Warkentin zu Wort. „Außerdem habe ich Hunger. Bruder Boris will nach Hause.“

„Okay“, entschied Jasmin, „ich steck dir, was läuft.“

„Das lässt du schön bleiben!“, fuhr Anton dazwischen. „Das fehlt gerade noch, dass wir unsere Idee jedem Zonendödel auf die Nase schnallen. – Sagt man so?“

„Man sagt:, Auf die Nase binden‘“, verbesserte Willem, dem schon klar war, dass die Frage nicht ihm gegolten hatte. Den Zonendödel schluckte er tapfer hinunter.

„Das ist verdammt noch mal ein Geschäftsgeheimnis!“

Tonis Einwand zeigte Wirkung, Jasmin rieb sich abwägend die Stirn und bedachte Willem durch den Spalt hindurch mit einem Röntgenblick. „Kannst du schweigen?“

„Wie ein Grab.“

„Kann man dir trauen?“

„Deine Sache, Feuerlocke!“ Willem blickte gleichmütig zu Jasmin auf. Mit dem Werkzeug in der Hand und der Mauer vor Augen hatte er in jedem Fall die besseren Karten. „Riskier es oder lass es bleiben!“

„Tu’s nicht!“, wütete der große Warkentin.

„Wir sind Mauerspechte“, erklärte Jasmin halblaut, als könnte jemand ihre Mitteilung belauschen. „Wir hämmern Steine aus der Wand und verkaufen sie am Brandenburger Tor.“

„Aha.“

„Die Touristen sind ganz heiß drauf. Wichtig ist, dass die Teile schön bunt sind. Deshalb holen wir sie uns aus der zweiten Etage. Da, wo jeder rankommt, ist schon alles weggeklopft.“

„Und was kommt dabei rum?“

„Der Preis richtet sich nach der Größe. Die kleinen bringen einen Fünfziger, die größeren eine Mark.“

„Nächstes Jahr um die Zeit“, behauptete Bruder Boris, „sind wir alle Millionäre.“

„Genug gelabert!“, stöhnte Anton. „Mir geht die Puste aus. Hör zu, Ossikowski, wir haben uns an die Verabredung gehalten. Jetzt bist du dran. Den Meißel her, aber ’n bisschen dalli!“

„Nicht dalli – bitte“, korrigierte Jasmin.

Sie hatte längst erfasst, dass mit markigen Worten bei Willem kein Blumentopf zu gewinnen war. „Nun gib dir schon ’nen Ruck!“ Ihr Kopf verschwand. Nach Lage der Dinge ging Anton auf der anderen Seite der Mauer in die Knie. „Wenn du nichts Besseres zu tun hast, kannst du uns ja mal am Tor besuchen. Nächstes Wochenende wird wieder verkauft.“

„Bist du wahnsinnig?!“, ätzte Anton.

„Ich rede, wann es mir passt!“, fauchte sie ihn trotzig an. „Oder meinst du, ich frag dich vorher um Erlaubnis?“

„Immerhin bin ich der Boss!“

Die Empörung bewirkte, dass Antons Körper sich straffte. Das hatte zur Folge, dass Jasmins Gesicht noch einmal im Mauerspalt erschien. Sie zwinkerte Willem verschwörerisch zu.

„Okay, ich werfe das Teil jetzt rüber“, sagte Willem und zwinkerte zurück. „Dann bring mal dein Team in Sicherheit, Häuptling Taucherbrille. Volle Deckung, wenn ich bitten darf.“

„Mit Karacho!“, forderte Jasmin. „Dann kann nichts passieren. Wir stehen alle drei mit dem Rücken zur Wand.“

„Und tschüss!“ Willem holte aus und schleuderte das Werkzeug im hohen Bogen über den Beton. Kurz darauf vernahm er abermals das vertraute Klickern, übertönt von Jasmins heller Stimme: „Na dann bis dann, Willem. Man sieht sich am Brandenburger Tor.“

Drittes Kapitel

Am Abendbrottisch der Familie Kaiser herrschte seit geraumer Zeit eine merkwürdige Stimmung. Willems Vater hatte den Fernseher nach dem 9. November aus dem Wohnzimmer in die Küche geschleppt, um parallel zur Nahrungsaufnahme das Programm verfolgen zu können. Von Essen konnte dieser Tage bei ihm ohnehin kaum die Rede sein, er stopfte achtlos in sich hinein, was seine Frau auf den Teller tat. Kürzlich hatte er den Salznapf verfehlt und eine Prise Zucker auf die fettige Haut des Goldbroilers gestreut. Und den Hähnchenschenkel anschließend hinuntergeschlungen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.

Auch an diesem Abend flimmerte der Bildschirm, als Willem in die Wohnküche trat. Mama hatte Wiener Würstchen warm gemacht und Brote belegt, dazu Gurken, Paprikaschoten und Radieschen geschnippelt. Jetzt saß sie an Papas Seite, beide hatten die TV-Grundstellung eingenommen: Rechts neben dem abgegessenen Teller jeweils ein Glas Bier, in der Mitte des Tisches eine Schale mit gerösteten Erdnüssen und Brezeln, die Augen Richtung Kühlschrank ausgerichtet, auf dessen Arbeitsplatte das Gerät seinen provisorischen Platz gefunden hatte. In Erwartung der Nachrichtensendung aus Adlershof, deren Fanfare jetzt häufiger durch das Treppenhaus schallte als in all den Jahren zuvor.

Das hinderte Cornelia Kaiser allerdings nicht, sich nebenher um die Lösung eines Kreuzworträtsels zu bemühen. „Zwei waagerecht – sozialistisches Bruderland? Zweiter Buchstabe ein, O‘.“

„Polen“, schlug ihr Mann vor.

„Mit acht Buchstaben.“

„Mongolei!“, rief Willem, während er die Schuhe von den Füßen streifte.

„Danke! Neun senkrecht – anderes Wort für Heimat?“

„Wo kommst denn du jetzt her?“, fragte Papa, nachdem er sich mit einem Blick auf die Küchenuhr vergewissert hatte, dass bis zum Start der Aktuellen Kamera noch genügend Zeit für eine Befragung blieb.

„Ich hab mich mit Kumpels getroffen“, erklärte Willem, was weder ganz wahr noch komplett gelogen war. „Und auf dem Rückweg noch ein bisschen den Rednern am Roten Rathaus zugehört. Es soll da einen Aufruf geben, hat einer gesagt, der setzt sich dafür ein, dass die DDR noch mal von vorn anfangen kann. Er heißt, Für unser Land‘ und soll von irgendwelchen Promis angeschoben worden sein.“ Willem setzte sich an den Tisch und stibitzte Mama mit flinken Fingern das angebissene Würstchen von der Gabel.

Lächelnd langte die Mutter ins Küchenbuffet und balancierte einen Teller auf den Tisch, beladen mit Käse- und Wurstbroten, garniert mit Tomatenscheiben und Apfelschnitzen. „Stimmt, den Appell habe ich heute unterschrieben.“

„Du?“

„Sag bloß, du noch nicht?“

Willems Vater murmelte etwas Unverständliches in seinen nicht vorhandenen Bart.

„Wie viele Wiener möchtest du, Willem?“

„Zwei.“

„Wie lief’s heute in der Schule?“, wollte der Vater wissen, während Willems Mama die Würstchen aus dem Topf angelte und einen Klecks Senf auf den Teller tat.

„Keine besonderen Vorkommnisse“, stotterte Willem und bekam vor Aufregung einen Schwaps Bitter Lemon in die falsche Kehle, sodass er den Hustenanfall nicht einmal spielen musste. „’ne Zwei in Deutsch, ’ne Drei in Mathe.“

„Eine Drei in Mathematik ist inakzeptabel“, schulmeisterte der Vater und pochte mit dem Fingernagel auf den Tellerrand. „Du solltest dich gründlicher auf den Unterricht vorbereiten, statt stundenlang durch die Stadt zu jachtern.“

Willem ärgerte sich, dass ihm die blöde Drei so flott über die Lippen gehüpft war. Der Stress wäre vermeidbar gewesen. Schon wollte er Besserung geloben, da kam ihm unerwartet die Mutter zu Hilfe. „Du hast dich also nach der Schule mit Mädchen und Jungen aus deiner Klasse getroffen?“

„Nein“, antwortete Willem erleichtert, „mit Russen.“

„Du meinst mit sowjetischen Kindern, Pionieren, Komsomolzen“, korrigierte der Vater streng: „Du meinst – die Freunde?“

„Ja, Freunde“, wiederholte Willem, wohl wissend, dass sein Papa gern zu dieser Vokabel griff, wenn von Russen, insbesondere von Soldaten der Roten Armee die Rede war. „Anton, Boris und Jasmin.“

„Jasmin klingt nicht sehr russisch“, stellte die Mutter fest.

„Das macht nichts“, urteilte der Vater, noch bevor Willem eine Erklärung nachreichen konnte. „Solche Spielgefährten sind immer willkommen. Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen! Man vervollkommnet bei der Gelegenheit auch seine Sprachkenntnisse.“

Dieser Befund verwunderte Willem ein wenig, wusste er doch, dass sein Vater, abgesehen von „Druschba!“ und dem Trinkspruch „Na sdarowje!“ nicht ein Wort Russisch sprach. Und das, obwohl er die Sprache einst als Pflichtfach an der Abendschule gebüffelt hatte. Musste er allerdings auch nicht, denn als Abteilungsleiter des Transformatorenwerks stand ihm immer ein Dolmetscher zur Seite, wenn er auf der Leipziger Messe unterwegs war, sowjetische Handelspartner durch die Fabrik führte oder mit den Offizieren der Patengarnison am letzten Tag des Jahres das Jolkafest feierte.

In seinem Betrieb wurde auch gern nach sowjetischem Vorbild gearbeitet. Ausführlich hatte er seiner Familie einmal den Sinn der Bassow-Methode erläutert, die noch vor Willems Geburt in Mode gekommen war: Man legte nach Schichtschluss alle Werkzeuge so zurecht, dass am nächsten Tag kein Unfall das Arbeitsleben trüben konnte. Wie es der Genosse Juri Bassow im Bruderland vorexerziert hatte. Zu Papas Verdruss hatten die Kollegen seinerzeit allerdings nur spöttisch von der „Passuff!“-Methode geredet und Hammer und Feile nach wie vor dort fallen lassen, wo der Ton der Feierabendsirene sie gerade antraf.

„Bring sie doch einmal mit, deine neuen Freunde“, forderte ihn die Mutter auf. „Papa und ich würden sie gern kennenlernen, nicht wahr Waldemar?“

„Vielleicht später“, wich Willem aus. „Und wie lief es heute in der Stadtinformation?“, fragte er seine Mama, um sicherzugehen, dass nicht er nebst Schulgeschichten und Russenbrüdern ein zweites Mal auf die Rolle kam.

„Deutlich mehr Publikumsverkehr als sonst um die Jahreszeit“, tappte Mama in die Falle. „Weniger Tschechen und Bulgaren allerdings und kaum noch Besucher aus Rumänen.“

„Die haben dieser Tage weiß Gott mit sich zu tun“, befand der Vater und nagte geräuschvoll an einem Salzstängelchen.

„Dafür Amerikaner, Franzosen, Koreaner. Und natürlich jede Menge Bürger aus der Bundesrepublik. Es sieht ganz so aus, als wäre Berlin in diesem Herbst die spannendste Stadt der Welt.“

„Vielleicht hebst du dir den ausführlichen Bericht für später auf, Conny?“, bat Willems Vater, denn soeben war der Vorspann abgelaufen und eine Moderatorin gab die Themen der Aktuellen Kamera bekannt.

Aber Cornelia Kaiser dachte gar nicht daran, der Nachrichtensprecherin kampflos das Feld zu überlassen. „Wenn wir gerade so schön beisammensitzen, sollten wir die Gelegenheit beim Schopfe packen und einmal über unsere Urlaubspläne für den nächsten Sommer reden. Ich könnte mir Italien vorstellen. Oder wollt ihr lieber nach Spanien?“, fragte sie und wedelte mit einer Zeitung, deren Titelseite, im Unterschied zu den einheimischen Erzeugnissen der Marke grau in grau, grellbunt bedruckt war.

„Wie wär’s mit Griechenland?“, fragte Willem hoffnungsfroh. Das Land übte auf ihn eine magische Anziehungskraft aus, seit er den griechischen Göttern und den von ihnen ferngesteuerten Helden, Fräuleins und Kraftprotzen zum ersten Mal in der Bibliothek begegnet war.

„Warum nicht?! Athen ist immer eine Reise wert“, behauptete die Mama und blinzelte ihm schalkhaft zu.

„Mann, Mann, Mann! Ich glaub, mein Hamster bohnert! Das wäre ja der Hammer!“

„Wie bitte?“ Wie von der Tarantel gestochen fuhr Willems Papa aus seinem Küchenstuhl auf. „Wo hast du das Wurstblatt her?“

„Die Zeitung hat ein Mann aus Tempelhof bei uns im Büro verteilt, die hat mich nicht einen Pfennig gekostet“, verteidigte Cornelia Kaiser das Freiexemplar vor dem Zugriff ihres Mannes. „Ein Schnupperangebot zum Kennenlernen.“

„Schnupperangebot!“, höhnte der Vater und machte halb im Spaß, halb im Ernst Jagd auf seine Frau. „Das ist ein ganz übler Trick. Im Westen sind seit Jahr und Tag Drückerkolonnen unterwegs, die ahnungslosen Leuten Abonnements aufschwatzen. Lauter so kriminelle Elemente! Die wittern jetzt auch bei uns Morgenluft. Hast du etwa was unterschrieben?“

„Nein“, sagte die Mutter und verdrehte die Augen. „Der Mann war die Freundlichkeit in Person. Er hat gesagt, wir sollen uns einmal die Reiseseite anschauen. In Kürze werde es jede Menge günstige Angebote geben, die auch für Interessenten aus dem Ostteil in Betracht kommen. Die ganze Welt zum Schnäppchenpreis.“

„Ich glaub’s nicht!“ Angewidert legte Waldemar Kaiser die Stirn in Falten. „Das ist nichts als Propaganda! Und du gehst denen auf den Leim.“

In diesem Moment klingelte es.

Willems Mama schaute zunächst durch den Spion in den Hausflur und erklärte anschließend durch den mit einem Patentverschluss gesicherten Türspalt: „Nein danke, gute Frau, wir möchten keinen Teppich kaufen. Bei den Nachbarn werden Sie auch nicht viel Glück haben, Sie sind in dieser Woche schon die Dritte.“

„Das hast du’s!“, triumphierte der Vater. „Alles auf Kommerz und Profit ausgerichtet.“

„Akropolis bei Nacht klingt für mich eher nach Kultur.“

„In den Mülleimer mit dem Blatt!“

„Ich denk ja nicht dran.“

Waldemar Kaiser versuchte ein letztes Mal, die Zeitung zu erwischen, aber Cornelia zog sie ihm reaktionsschnell vor der Nase weg. Da er weder das Blatt noch seine Frau zu fassen bekam, schlug Willems Vater erbost mit der Faust auf den Fernseher. Das hätte er besser nicht tun sollen. Ein greller Blitz schoss über den Schirm, das Bild fiel in sich zusammen, das Gerät verstummte.

„Nein, bitte nicht auch noch das!“, jammerte er, rüttelte schuldbewusst an dem Gerät, prüfte den Sitz des Antennenkabels, zog den Netzstecker aus der Wand, stöpselte ihn in die Dose zurück, betätigte mehrmals erfolglos den Schalter.

„Was ist bloß mit dir los, Waldi?“ Willems Mama hatte die Zeitung abgelegt und streichelte ihrem Mann, der kraftlos in seinen Stuhl gesunken war und, obwohl er sich vor einem halben Jahr das Rauchen abgewöhnt hatte, mit zitterigen Fingern eine zerknautschte Zigarettenschachtel nach einem übrig gebliebenen Glimmstängel absuchte, mitfühlend die Stirn. „Du bist in letzter Zeit so anders.“

„Wie anders?“

„Eben anders.“

„Probleme“, stöhnte Willems Vater, schnipste die leere Zigarettenpackung über die Tischplatte und langte nach seinem Bier. „Probleme ohne Ende. Die Zulieferer lassen uns hängen, keine Spulen, kein Draht. Die Stimmung ist auf dem Nullpunkt. Die Partei hat nichts mehr zu sagen. Die Belegschaft meutert. ‚Freie Wahlen!‘, heißt es. Und: ‚Die Hälfte vom Lohn in West!‘ Eine Parole jagt die andere. Alle naselang will einer eine Freistellung, weil er sich bei diesem oder jenem Bürgerverein eingeschrieben hat. Der Chef der Lehrwerkstatt ist vergangene Woche nach Wattenscheid gezogen, von einem Tag auf den anderen. Geht ja jetzt auf direktem Wege, man muss ja nicht mehr bei Nacht und Nebel über Ungarn, wie es der feine Kollege Paul noch im Sommer praktiziert hat. Sich in der DDR zum Meister ausbilden lassen und dann in den Westen verduften!“ Er stützte das Kinn in die Hände und schüttelte den Kopf. „Und weißt du schon das Neueste? Man will mich aus dem Verkehr ziehen. An der Wandzeitung klebte gestern ein Artikel mit Forderungen. Die Abteilungsleiter, der Chefingenieur und der Betriebsdirektor sollen sich einer Vertrauensabstimmung stellen.“

„Aber du hast dir doch nichts vorzuwerfen“, redete Willems Mutter beruhigend auf ihren Mann ein. „Du hast immer anständig deine Arbeit erledigt. Zuerst in der Halle als Werkzeugmacher, später als Obermeister und jetzt schon sieben Jahre lang im Büro.“

„Vergiss es“, sagte der Vater matt. „Das zählt heutzutage nicht mehr. Wirst sehen, nicht mehr lange hin, dann ist die Sache abgegessen. Es sei denn, die Freunde reden ein Machtwort.“

„Wie meinst du das?“, wollte Willem wissen.

Waldemar Kaiser schien erst jetzt zu bemerken, dass sein Sohn noch in der Küche war. „Ich glaube, dass wir auf verlorenem Posten stehen. Dass unser Land dem Untergang geweiht ist. Mit Aufruf und ohne. Wenn nicht die sowjetischen Genossen einschreiten oder ein Wunder geschieht.“


„Wie – einschreiten?“ Ratlos sah Willem seinen Vater an. Der ließ die Schultern sinken, formte die rechte Hand zur Faust und ließ sie kraftlos in die linke klatschen.

„Indem sie die notwendigen Maßnahmen ergreifen.“

„Bleib mir vom Halse mit deinen Sprechblasen!“, rief die Mutter empört und schleuderte den Abwaschlappen so schwungvoll in das Spülwasser, dass eine Welle über den Rand schwappte. „Sowjetische Panzer gegen friedliche Demonstranten? Du hast ja nicht mehr alle Latten am Zaun!“

„Wie redest du denn mit mir?!“

„Wenn du weiter solchen Stuss erzählst, werde ich noch ganz anders mit dir reden!“

„Aber man kann doch nicht tatenlos zusehen, wie alles den Bach runter geht.“

„Unsinn“, wandte Cornelia Kaiser burschikos ein. „Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Warum sollten dir deine Kollegen das Vertrauen entziehen? Da würde ich mal ganz gelassen sein. Und falls diese Abstimmung wirklich schiefläuft, du klebst doch nicht an deinem Stuhl?! Für einen, der zwei gesunde Hände hat, findet sich immer was zu tun. Wichtig ist nur, dass wir zueinanderhalten.“ Sie pustete ihm eine Locke aus der Stirn und drückte ihm einen Kuss auf den Scheitel. „Du solltest mal ein paar Tage ausspannen, Großer. Mit dem nächsten Urlaub müssen wir ja nicht bis zum Sommer warten. Ich habe zwar schon als junges Mädchen von Italien geträumt. Und eines Tages werde ich hinfahren, da kannst du Gift drauf nehmen. Aber ein verlängertes Wochenende im Thüringer Wald wäre fürs Erste vielleicht auch gar keine so schlechte Idee.“

„Im Gegenteil!“, stimmte ihr Waldemar Kaiser unerwartet lebhaft zu. „Wann waren wir eigentlich das letzte Mal in Friedrichroda?“

„Vor zwei Jahren, im Herbst. Erinnerst du dich noch an die Ausflüge nach Weimar und Eisenach?“ Sie verdrehte vor Wonne die Augen. „Ich habe seither nie wieder so gute Wurst gegessen.“ „Der Gothaer Kranz war auch nicht von schlechten Eltern.“

„Und der schöne Zwiebelzopf! – Aber den haben wir ja gleich nach unserer Heimkehr dem Klempner gegeben, damit er ihn beim Polsterer gegen eine Mischbatterie eintauschen kann.“

„Davon weiß ich ja gar nichts.“

„Du musst auch nicht alles wissen, mein Schatz! Jedenfalls können wir seither das Badewasser wieder auf die gewünschte Temperatur einstellen und mein Waldemar kann stundenlang duschen, ohne sich dabei den Popo zu verbrühen.“

„Was hat denn ein Polsterer mit Mischbatterien zu tun?“, wunderte sich Willem.

„Gar nichts“, erwiderte seine Mama. „Aber er suchte ein Verlobungsgeschenk für seine Nichte und hatte ein paar Tage vorher bei seinem Zahnarzt einen Satz Sprungfedern gegen eine Kiste Installationsmaterial eingetauscht, da war wohl eine dabei.“

Willem verkniff sich die Frage, woher der Zahnarzt das Klempnerzubehör bezog und wozu er wohl die Sprungfedern benötigte. Allerdings hatte ihm Mike Legenstein kürzlich anvertraut, dass es in den Tauschanzeigen der DDR-Tageszeitungen schon seit Jahr und Tag eine Geheimsprache gab. Wenn jemand etwas suchte und im Gegenzug blaue Fliesen anbot, hieß das üblicherweise: Zahle in West.

„Ohne den Zwiebelzopf würden wir vermutlich heute noch auf das Teil warten“, schloss Cornelia Kaiser das Thema ab. „Mischbatterien waren nämlich nur unter dem Ladentisch zu haben, die absolute Bückware.“

„Ein Zimmer privat würde genügen“, träumte ihr Mann halblaut vor sich hin. „Aber ob das auf die Schnelle noch klappt?“

„Über Heiligabend und Silvester vermutlich nicht.“

„Im Moment kann ich auch gar nicht weg.“

„Mit ein bisschen Glück müsste zu Ostern etwas zu machen sein. Ich werde gleich morgen früh mit den Kollegen von der Thüringen-Information telefonieren.“

„Conny, du bist eine Perle!“, erklärte Willems Vater, packte seine Frau bei der Hüfte, wirbelte sie durch die Luft und setzte sie mit Schwung neben dem Fernseher ab.

Für alle unerwartet meldete sich der Empfänger zurück.

Die Nachrichtensendung lag in den letzten Zügen. „Die Stimmung der Demonstranten hat sich spürbar geändert“, sagte ein Reporter, der mit dem Mikrofon in der Hand aus der Messestadt Leipzig berichtete. „Neuerdings heißt es auf dem Ring nicht mehr ‚Wir sind das Volk!‘, sondern ‚Deutschland, einig Vaterland!‘“

„Neun senkrecht – anderes Wort für Heimat.“ Strahlend trug Cornelia Kaiser die Lösung in ihr Troll-Rätselheft ein: „Vaterland“.

Viertes Kapitel

Am Sonnabend war Willem in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett gesprungen, hatte den Meerschweinkäfig gesäubert und seinem Liebling Rosetta frische Sägespäne spendiert, dann in seinem Zimmer flüchtig Staub gewischt, die Silber- und die Bronzemedaille poliert, seine Schulbücher zu den Comic-Heften ins Regal sortiert und die Mappe ausgeräumt, wobei ihm zwei vergammelte Pausenbrote zwischen die Finger geraten waren. Diese hatte er eilends entsorgt und, um die verräterische Spur zu beseitigen, unaufgefordert den Abfalleimer zum Müllhaus getragen.

„Nichts für Kaisers Willem dabei!“, hatte ihm Mutter Marotzke im Treppenhaus entgegengeschmettert und einen Versandhauskatalog, auf dessen Titelseite, wie Willem mit einem Seitenblick feststellen konnte, leicht bekleidete Mädchen posierten, mit einem tiefen Seufzer in Spritti Karsuppkes Briefkasten versenkt.

„Schweinskram?“

„Komm mir ja nicht auf den Einfall, das Heft aus dem Kasten zu klauen!“

Sicherheitshalber hatte die Briefbotin ihre Finger in den Schlitz eingefädelt, das Journal tief ins Innere des Postkastens gedrückt und es anschließend mit einem Freiexemplar der Berliner Morgenpost gegen unbefugten Zugriff gesichert.

Auf die Straßenbahn musste Willem nicht lange warten, sie würde ihn in die Nähe jenes Grenzabschnitts befördern, an dem er durch sein geheimes Schlupfloch in den anderen Teil der Stadt wechseln konnte. Er fütterte die Zahlbox mit einem Zehnpfennigstück und setzte sich Paulas Sonnenbrille auf.

Kaum hatte er die Tram verlassen und das Gedränge am Grenzübergang in Augenschein genommen, stellte sich ihm ein Zweimetermann in den Weg, der wenigstens ebenso viel Bauch durch die Welt schleppte wie Bulle Baumann. „Stattlich“, würde Großmutter Grete sagen. Willem dachte: Fett!

Am Kinn des Kolosses baumelte ein ausgefranster Ziegenbart, grau mit gelben Einsprengseln. Auf seiner Brust schaukelte ein Fotoapparat. Der Mann trug einen breitkrempigen Hut zum eleganten schwarzen Mantel, ein weißer Schal komplettierte sein Äußeres so aufsehenerregend, dass man ihn auf den ersten Blick für einen Operettenstar halten konnte.

„Wie viele Finger?“, fragte er unvermittelt und hielt Willem beide Daumen so dicht vor die Nase, dass sie beinahe die verspiegelten Gläser berührten.

„Zwei“, erwiderte der Junge verdutzt.

„Na prima! Ich hatte schon befürchtet, du hättest einen Augenfehler. Wegen der Brille.“ Nachdem der Sehtest zu seiner Zufriedenheit ausgefallen war, kam der Schrankmann auf sein eigentliches Anliegen zu sprechen. „Sag mal Kleiner, wie finde ich von hier zum 17. Juni?“ Und wedelte zu seiner Frage mit einem Stadtplan, der so idiotisch gefaltet war, dass alle wichtigen Punkte auf dem Knick lagen und man kaum die eigene Position ausfindig machen konnte.

„Kleiner?“, klingelte es in Willems Kopf. Na, hallo! Mit dieser Anrede war die Stimmung schon mal gründlich vergeigt.

„Keine Ahnung!“

„Aber ein Berliner bist du schon?“

„Klar!“

Der Mann schüttelte verwundert den Kopf. „Du wohnst in Berlin und weißt nicht, wie man zum Brandenburger Tor kommt?“


„Ach, da wollen Sie hin“, antwortete Willem und musste sich eingestehen, dass es die Straßenbezeichnung gewesen war, mit der er nichts hatte anfangen können. „Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?“ Schon wollte er hinzufügen:, So ein Zufall, das ist genau meine Richtung‘, da faltete der ziegenbärtige Riese die Karte zusammen und unterbreitete ihm ein verlockendes Angebot. „Wenn du mich hinbringst, kriegst du eine Mark.“

„West?“

„Was denn sonst?!“

Nicht schlecht, dachte Willem, hatte aber plötzlich das Gefühl, dass in diesem Fall mit etwas Verhandlungsgeschick eine Zulage herauszuholen sein könnte. „Klingt gut, geht aber nicht“, behauptete er und zuckte bedauernd die Schultern.

„Und warum nicht?“

„Keine Zeit.“

„Was gibt es denn am Sonnabend so Dringendes zu tun?“

„Muss Altstoffe sammeln.“

Der richtige Einfall zur passenden Zeit! Der ratlose Blick des Fremden verriet Willem, dass der nicht die Spur einer Ahnung hatte, wovon die Rede war. „Ich klingele die Haustüren ab und frage die Leute, ob sie leere Flaschen, Gläser oder alte Zeitungen haben. Die schleppe ich zum Rumpelmännchen, ich meine, zur Sammelstelle. Dafür gibt es Bares. Man erwirtschaftet zwar kein Vermögen, aber lohnen tut es sich schon.“ Er genehmigte sich eine kleine Pause, um die Worte besser wirken zu lassen. „In jedem Fall kommt dabei mehr rum als eine mickrige Mark.“

„Du hast es ja faustdick hinter den Ohren!“, erwiderte der voluminöse Mann in einem Tonfall zwischen Tadel und Respekt.

„Ich?“

„Du sitzt am längeren Hebel und nutzt das schamlos aus!“

Und wieder: „Ich?“

„Verstehe, Herrschaftswissen hat seinen Preis. Ich erhöhe auf eins fünfzig.“ Mit einer Hand kramte er in seiner Manteltasche, in der es verdächtig klimperte. „Nun gib dir schon ’nen Ruck. Mehr ist nicht zu holen. Das heißt, ich leg noch eine Handvoll Spielgeld drauf. Als Vorschuss. Mit den Aluchips aus dem Osten kann ich drüben sowieso nichts anfangen.“

Willem erkannte einheimische Groschen und Pfennige, auch ein paar matt glänzende Zwanziger waren dabei. „Na schön, dann will ich mal nicht so sein!“, sagte er und ließ das Geld in der Hosentasche verschwinden. „Geben Sie mir fünf Minuten Vorsprung. Ich hole Sie auf der anderen Seite vom Übergang ab.“

„Warum gehen wir nicht gemeinsam?“

„Ich kenne eine Abkürzung.“ Willem dachte an das Loch in der Mauer und musste grinsen. „Da passen Sie nicht durch.“

„Aber du kratzt nicht etwa die Kurve?“

„Erst, wenn ich Sie am Brandenburger Tor abgeliefert habe.“ Er hielt einen Augenblick inne. „Dürfen Sie hier eigentlich rüber?“

„Das lass mal meine Sorge sein“, wimmelte der Goliath ab. „Ein ausgefuchster Kaufmann, der mit den Genossen gerade eine Lieferung von zigtausend Tonnen Apfelsinen, Bananen und Nüssen ausgehandelt hat, damit die Brüder und Schwestern zu Weihnachten was Feines auf dem bunten Teller haben, wird ja wohl nicht an einem lächerlichen Schlagbaum scheitern.“

„Na, dann bis gleich.“

Wie erwartet bereitete es Willem keine Mühe, die Grenze ungesehen zu passieren. Irgendwer war der Mauer in diesem Sektor mit einem Vorschlaghammer zu Leibe gerückt, und niemand hatte sich der Mühe unterzogen, den Durchschlupf, der sich hinter einem Forsythienstrauchgerippe, einem ausgedienten Sofa und einem Stapel leerer Kisten verbarg, zu verschließen.

Auf der Westberliner Seite angelangt, musste Willem nicht lange auf seinen neuen Bekannten warten. Aus sicherer Entfernung konnte er beobachten, wie der Mann mit einem Papier wedelte und daraufhin von den DDR-Grenzsoldaten mit ausgesuchter Höflichkeit abgefertigt wurde.

„Fahren wir mit dem Bus“, schnaufte der Fleischberg angestrengt, „oder gehen wir zu Fuß?“

„Wie wär’s mit einem Taxi?“, fragte Willem und warf einem unmittelbar hinter den Baracken wartenden Mercedes einen sehnsuchtsvollen Blick zu; in solch einer Nobelkarosse hätte er sich allzu gern einmal durch die Stadt kutschieren lassen. Außerdem verspürte er wenig Lust, ein Ticket zu lösen, für das man hier deutlich tiefer in die Tasche greifen musste, als dies in Prenzlauer Berg, Weißensee oder Mitte der Fall war.

„Ja meinst du, ich habe mein Geld auf der Straße gefunden?“, wies ihn sein Begleiter frostig zurecht. „Wenn ich das gewollt hätte, hätte ich gleich einen Chauffeur herangewunken und nicht dich engagiert. Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert!“ Orientierungslos wedelte er mit seinem Faltplan. „Wie weit ist es denn?“

„Zu Fuß mindestens ’ne halbe Stunde. Sie haben sich so ziemlich den ungünstigsten Übergang ausgesucht. Vom Bahnhof Friedrichstraße aus wäre es für Sie viel bequemer gewesen.“

„Ach was, das ist ja ein Katzensprung“, entschied der Mann, wobei er vor Willems Augen mehrere Hundertmarkscheine Ost aus dem Mantelfutter zog, diese zu einer Rolle drehte, mit einem Gummi umschlag, und in der Brusttasche verschwinden ließ. „Aber nicht so hastig, wenn ich bitten darf, sonst kriege ich Probleme mit meiner Schwungmasse.“ Bei schönstem Grün blieb er an der Fußgängerampel stehen und verbeugte sich förmlich: „Wir haben uns noch gar nicht bekannt gemacht, Johannes Schwanz von Brettschuss!“

„Was ist denn das für ein komischer Name?“

„Rotzlöffel!“ Beleidigt stapfte der Dicke seinem Bauch hinterdrein.

„Ich heiße Willem, Willem Kaiser.“

„Noch einmal!“

Verdrießlich tat Willem ihm den Gefallen.

„Na, das ist ja ein dicker Hund! Sitzt im Glashaus und schmeißt munter mit Steinen.“ Der Mann, der Schwanz von Brettschuss hieß, schüttelte sich vor Lachen. „Kaiser Wilhelm also?“

„Nein, Willem Kaiser.“

„Die guten alten Hohenzollern!“ Freudentränen glitzerten in Goliaths Augen. „Jetzt fehlt bloß noch, dass du verwandt bist mit Seiner Majestät.“

„Klar, der Typ mit der Pickelhaube ist mein Doppelquadrat-Opa“, motzte Willem, der schon so oft auf die Nummer angesprochen worden war, dass er die ganze Angelegenheit kein bisschen spaßig finden konnte. „Witz komm raus, du bist umzingelt!“

An manchen Tagen hasste er Großmutter Grete dafür, dass sie sich bei der Bestimmung des Vornamens durchgesetzt hatte. Ja nun, was sollte man von einer Frau erwarten, die ihren eigenen Sohn Waldemar genannt hatte? Aber Willem, kombiniert mit dem Familiennamen Kaiser, war so ziemlich das Hinterletzte. Schade, dass Mama nicht zum Zuge gekommen war. Obwohl ihr Favorit, sie hatte wahlweise Jacqueline oder Mike ins Rennen geschickt, auch nicht gerade das Gelbe vom Ei gewesen wäre; allein in seiner Klasse gab es drei Jacquelines, und der Name Mike war sogar fünfmal besetzt, zählte man die beiden ai-Maiks mit.

„Wo kommen Sie eigentlich her, Herr Schwanz? Und was genau machen Sie in Berlin?“

„Geschäfte“, entgegnete der beleibte Riese ausweichend. „Ich bin der Inhaber der Schwanz von Brettschuss Export & Import GmbH. Spezialisiert auf Lieferungen von und nach Südafrika, Nahost und in die Vereinigten Staaten.“ Theatralisch warf er sich die Schalenden über die Schulter. „Als ich vom Fall der Mauer hörte, war mir auf der Stelle klar, dass wir unseren Firmensitz so schnell wie möglich von Stuttgart nach Berlin verlegen müssen. Hier steppt der Bär. Hier werden in nächster Zukunft die ganz schweren Kaliber auf die Schiene gehoben! Das kannst du mir glauben. Dafür hat von Brettschuss den richtigen Riecher.“ In Vorfreude auf den zu erwartenden Gewinn rieb er sich die behandschuhten Hände. „Ich hab schon mal in Ostberlin Witterung aufgenommen, ob sich da nicht über kurz oder lang ein paar preiswerte Büroräume finden lassen. Wohnen werde ich natürlich im Westen. Man gönnt sich ja sonst nichts! Hab in Wilmersdorf eine bescheidene Villa aufgetan, die wird gerade auf Vordermann gebracht, so weit die Witterungsverhältnisse dies zulassen. Das Haus soll zwischen Weihnachten und Neujahr bezugsfertig sein.“ Da ein frischer Wind um die Ecke pfiff, klappte er den Mantelkragen hoch und spannte vorsorglich einen Schirm auf, der so groß war wie ein kleines Zirkuszelt. „Bis dahin reise ich noch zwischen dem Ländle und Berlin hin und her.“ Gönnerhaft zog er Willem unter sein langstieliges Regenschutzmöbel. „Heutzutage darf man nicht zimperlich sein. Wer jetzt nicht die Ärmel aufkrempelt und in die Hände spuckt, verpasst das Geschäft seines Lebens.“

„Sie schulden mir eins fünfzig“, sagte Willem.

„Wie bitte?“

„Wir sind da.“ Und er bestaunte ebenso ungläubig, wie der Hüne im feinen Zwirn es durch den Sucher seiner Fotokamera tat, die zahllosen Buden und Stände, die seit Mitte November zwischen dem Reichstagsgebäude und dem Brandenburger Tor wie Pilze aus dem Boden geschossen waren.

„Dann werde ich mich mal ein umsehen, ob ich nicht ein paar hübsche Mitbringsel entdecke“, erklärte Schwanz von Brettschuss, nachdem er Willem ein Markstück, vier Groschen und zehn einzelne Pfennige in die Hand gezählt hatte. „Danke für den Service, Kaiser Willem.“

„Nichts zu danken.“

„Vielleicht laufen wir uns ja mal wieder über den Weg!“, rief der gewichtige Mensch und wälzte sich mit einem Abschiedsgruß, der an Erich Honeckers Scheibenwischer-Winke-Winke vom Tag der Republik erinnerte, in die Menge.

Willem tat es ihm gleich. Und fühlte sich dabei, als hätte er ein Freibillett für einen Abenteuerspielplatz geschenkt bekommen. Sah man einmal von zwei, drei Wurstbuden, einer Gulaschkanone und einer fahrbaren Teeküche ab, war die Szene von Handelsmännern bestimmt, deren Sortiment aus Militärkram aller Art bestand – Feldstecher, Gasmasken, Kartentaschen, Dolche, dazu Orden, Medaillen, Rangabzeichen, Mützen, Koppel der Volkspolizei, Uniformjacken der DDR-Grenztruppen und der Nationalen Volksarmee. Die windigen Geschäftsleute trugen Pelzkappen mit Ohrenklappen, waren in Wattejoppen eingemummelt und versuchten vorüberschlendernde Guckkunden in gebrochenem Deutsch mit Sonderangeboten zu ködern: „Jacke wie Hose von Major Zollgenosse plus Abzeichen ‚Banner der Arbeit‘ heute nur fünfzig Mark!“

Gleich nebenan wurden Mauerstücke verhökert, das kleinste so groß wie ein Daumennagel, der größte Brocken so schwer, dass ihn ein Junge wie er allein kaum hätte anheben können. Sie wurden auf einklappbaren Campingtischen, auf dem Erdboden ausgebreiteten Decken oder in um den Leib geschnallten Bauchläden an den Mann oder die Frau gebracht. Ein verwitterter Verkäufer, der über seiner Lederjacke einen versifften Morgenrock trug, hatte seine Steinchen in Streichholzschachteln verpackt und auf einem Leierkasten abgelegt, aus dem unentwegt Das ist die Berliner Luft! dudelte, womit er das Geschäft im wahrsten Sinne des Wortes kräftig ankurbelte.

„Hallo, Grünfrosch!“, hörte Willem plötzlich eine vertraute Stimme sagen. „Da bist du ja.“

Er drehte sich um und erblickte Jasmin, die mit Anton und einem flachsblonden Knaben, bei dem es sich nur um dessen Bruder Boris handeln konnte, hinter einer ausrangierten Bananenkiste fröstelte. Auf der Pappe waren fein säuberlich ihre knopfgroßen Mauerfindlinge aufgereiht.

„Grüß dich, Feuerlocke. Hallo Jungs!“

„Scharfe Brille, Alter.“

„Findest du?“

„Nicht wirklich.“

„Hätte mich auch gewundert.“ Mit fachmännischem Blick begutachtete Willem die Auslage. „Wie läuft das Geschäft?“

„So lala.“ Anton langte sich mit einem Routinehandgriff in den Nacken und brachte mit einer Hundertachtziggrad-Drehung den Schirm seiner Baseballmütze über der Nase in Stellung.

„Könnte besser sein“, sagte Jasmin.

„Wir haben heute noch nicht eine einzige Klamotte verkauft“, verriet Boris treuherzig und fing sich dafür den Ordnungsruf „Halt die Klappe, Schwatzbacke!“ nebst einer Kopfnuss ein.

„Das sag ich Mamotschka!“, greinte der Kleine und musste sich mit einem Bocksprung hinter Willems Rücken in Sicherheit bringen, um nicht von seinem Bruder einen Nachschlag zu kassieren.

„Keine Gewalt“, beschwichtigte Willem.

„Die Sache schleift ein bisschen“, beklagte Jasmin ihr gemeinsames Ärgernis, „seit hier jeder Schnuffti und Puffti mit Mauerstücken um sich wirft.“ Während sie redeten, war aus der Ferne das vertraute Klickern zu hören.

„Ach was, das ist nur vorübergehend“, behauptete Anton. „Kein Grund zur Panik. Es kommen auch wieder bessere Zeiten.


Die Nachfrage wird vor Weihnachten steigen. Wir dürfen nur nicht gleich die Kanone ins Feld werfen. – Sagt man so?“

„Die Flinte ins Korn“, korrigierte Jasmin frei von Ehrgeiz.

Willem schnappte sich ein Mauersteinchen und kniff prüfend die Augen zusammen. „Die Qualität stimmt.“

„Darauf kannst du einen lassen“, schnaubte Toni.

„Daran liegt’s also nicht.“

„Wer hätte das gedacht?!“

„Der Preis ist auch okay.“

„Ostbrot, du gehst mir auf die Ketten!“

Behutsam tat Willem den Brösel zurück in den Pappkarton und nahm das Umfeld in Augenschein. Jasmin und die beiden Jungs waren tatsächlich von Mauerverkäufern jeden Alters umstellt. Ein findiger Unternehmer hatte sogar eine Bude installiert, an der man gegen ein saftiges Entgelt Hammer, Meißel und Schutzbrille stundenweise ausleihen konnte.

Nachdem er sich im Zeitlupentempo einmal um die eigene Achse gedreht hatte, zog Willem nachdenklich die Kapuze seines Anoraks über die Ohren und sagte: „Ich würde mal meinen, da muss eine Idee her.“

„Und zwar was für eine, du Klugscheißer?“

„Keine Ahnung!“

„Dann halt gefälligst die Klappe.“

Willem dachte gar nicht daran, Antons Aufforderung Folge zu leisten. Er konterte mit zwei Sätzen, die er seinem Vater kurz vor der Frühjahrsmesse abgelauscht hatte. „Der Weltmarkt fragt nicht nur nach Preis und Qualität. Man muss die Ware auch ansprechend präsentieren, wenn man der Konkurrenz die Hacken zeigen will!“

„Hä?“

„Willem hat recht“, hängte sich Jasmin in den Schlagabtausch. „Irgendwas muss passieren, sonst können wir den Laden früher oder später dichtmachen.“ Sie massierte angestrengt ihre Ohrläppchen. „Männer, das ist eindeutig ein Fall für den Mauer-Power-Kriegsrat. Wie wär’s mit übermorgen? So gegen drei?“

„Mauer – … was?“, fragte Willem.

„Mauer Power! So heißt unsere Bande“, sprudelte es aus dem kleinen Warkentin heraus. „Toscha und Jasmin sind die Häuptlinge und Bruder Boris ist das Kollektiv.“ Er deutete auf seine Pudelmütze, die mit einem akkurat gestickten „M“ und einem etwas verunglückten „P“ dekoriert war. „Hat Bruder Boris selbst drauf genäht. Bloß das ‚M‘ ist von Mamotschka.“

„Der Hirni verplappert auch alles“, stöhnte Toni.

„Gar nicht, nur das Meiste!“, widersprach sein Bruder. „Und Hirni sagt man nicht.“

„Wir treffen uns nach der Schule in meinem Tipi“, bestimmte Jasmin. „Wenn du willst, kannst du gern dabei sein, Willi. Fasanenstraße, gleich um die Ecke vom Bahnhof Zoo.“ Sie nannte die Hausnummer. „Vorderhaus links, Dachgeschoss.“

„Ist Willi jetzt auch ein Mauer Power?“, wollte Boris wissen.

Anton lachte heiser: „Da müssen schon Maschinen kommen und keine Ersatzteile!“

Willem zeigte ihm wütend den Finger und erntete dafür einen höhnischen Blick.

Ohne dass die Vier seine Annäherung bemerkt hätten, stand plötzlich wie aus dem Erdboden gewachsen ein hünenhafter Mann vor der Bananenkiste. „Hallo, Bärenführer, so schnell sieht man sich wieder.“ Der Ankömmling stocherte mit der Spitze seines zusammengefalteten Regenschirms in den Mauerstücken herum. „Das also nennst du Altstoffe sammeln?“

„Wer ist ’n der?“, flüsterte Jasmin.

„Alter Bekannter“, wisperte Willem zurück.

„Prima Mütze“, sagte der Dicke mit Blick auf Antons Basecap.

„Danke, Sir!“

„Gibt’s die auch in deiner Größe?“ Sein selbstgefälliges Lachen erinnerte an das Wiehern eines Kutschpferdes.

Glücklicherweise hatte der große Warkentin den Scherz nicht verstanden.

„Was soll denn der Kram kosten, mal so unter Freunden gefragt?“, wollte Schwanz von Brettschuss wissen.

„Sie meinen – alle?“, vergewisserte sich Jasmin.

„Warum nicht?“, schwadronierte der Dicke. „Wenn schon, denn schon! Sind ja ein paar ganz hübsche Exemplare dabei. Ich hoffe, ihr wisst mein Interesse zu schätzen.“

Noch bevor Anton den Stückpreis nennen konnte, den Jasmin zu Wochenbeginn am Mauerloch erwähnt hatte, entgegnete Willem wie aus der Pistole geschossen: „Zwei Mark pro Stein. Wenn Sie alle nehmen, gibt es Mengenrabatt, das Stück zu eins fünfzig.“

Anton schaute Willem ungläubig an. Auch Jasmin hatte es angesichts der großspurigen Forderung die Sprache verschlagen. Und Bruder Boris hielt sich erschrocken eine Hand vor den Mund.

„Dafür krieg ich bei jedem anderen Mauerspecht die dreifache Menge“, beschwerte sich Schwanz von Brettschuss.

„Bloß nicht von der Sorte“, widersprach Willem nassforsch. „Das ist nämlich Güteklasse eins.“

„Aber sonst geht’s noch?“

„Wofür brauchen Sie eigentlich so viele?“

„Mir ist da beim Spaziergang ein Gedanke gekommen. Ich könnte mir vorstellen, dass ich meinen engsten Freunden und Geschäftspartnern jeweils ein Steinchen als Glücksbringer ins Kuvert mit der Neujahrskarte lege.“

„Fabelhafte Idee!“, lobte Willem.

„Es sind neunzehn Teile“, hatte der Dicke inzwischen festgestellt. „Ich gebe euch zehn Mark und wir sind quitt.“

„Was?“, protestierte Jasmin. „Für ’nen Appel und ein Ei verkaufen wir nicht. Da können wir die ganze Ladung ja gleich in die Spree werfen.“

„Wenn ihr meint, dass ihr dabei besser wegkommt!“

„Wissen Sie, was das für ’ne Schinderei ist?!“ Anton zog die Handschuhe aus und zeigte seine linke Hand vor, die an den Knöcheln von frischem Schorf überzogen war. Der Daumennagel glänzte blau, der kleine Finger und der Ringfinger waren mit Heftpflaster beklebt.

„Soll ich vielleicht für deine Ungeschicklichkeit zahlen?“ Unbeeindruckt winkte Schwanz von Brettschuss ab. „Überlegt euch die Sache, ich habe meine Zeit nicht gestohlen.“

„Sagen Sie zwanzig“, schaltete sich Willem vermittelnd ein, „und die Sache ist geritzt.“

„Keine Chance, Kaiser Willem“, antwortete von Brettschuss schroff und wies mit seinem Regenschirm wie mit einem Zeigestock zu den benachbarten Ständen, an denen die Händler bereits lange Hälse machten. „Das Angebot übersteigt bei Weitem die Nachfrage. Diesmal habe ich die besseren Karten. Und deshalb bestimme ich den Preis.“ Er grinste überlegen. „Aber man ist ja kein Unmensch. Weil du es bist – fünfzehn Mark. Mein letztes Wort!“

„Okay“, willigte Jasmin bekümmert ein, während Anton auf das Pflaster spuckte und halblaut, und zudem sicherheitshalber auf Russisch, eine Verwünschung in den Dezemberhimmel schickte.

„Dann noch einen schönen Tag, die Herrschaften“, verabschiedete sich von Brettschuss, strich Bart und Schal glatt und trug seinen Erwerb in einer zerknautschten Tchibo-Tüte, die er am Nebentisch geschnorrt hatte, davon.

„Scheiß Kapitalist!“, rief Anton ihm hinterher, als er sicher war, dass der aufgebrezelte Ziegenbart ihn nicht mehr hören konnte. „Mensch, Alter, du kennst vielleicht Leute! Schlepp uns ja nicht noch einmal so einen Kotzbrocken an!“ Als er sich halbwegs beruhigt hatte, fing er laut zu dividieren an. „Fünfzehn durch drei – macht …“

„Falsch!“, fuhr ihm Jasmin in die Mathematik.

„ … für jeden fünf“, brachte der große Warkentin sein Rechenstück zu Ende. „Was soll daran falsch sein?“

„Du hast Willem vergessen.“

„Das ist jetzt nicht dein Ernst?!“

„Selber denken macht schlau!“ Jasmin warf herausfordernd die Lippen auf. „Das moppelige Riesentier hat uns zwar voll fett über den Nuckel gezogen, aber ohne Willi wäre das Geschäft gar nicht zustande gekommen“, stellte sie trocken fest. „Wenigstens sind wir alle Steine los. Jeder kriegt zwei Mark fünfzig, der Rest kommt in die Gemeinschaftskasse.“

„Darüber müssen wir abstimmen!“, forderte Anton.

„Müssen wir nicht!“ Jasmin tippte spitzbübisch mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf ihr „M“-und-„P“-Stirnband und mit dem Daumen der linken auf ihren Bauch. „Schon vergessen, wer heute im Team Mauer Power die Ansagen macht?“

Während Boris und sein großer Bruder zweisprachig murrten, verteilte Jasmin die Beute und reichte, an Willem gewandt, die Begründung nach. „Wir sparen nämlich auf einen neuen Meißel.“

Willem rieb sich verstohlen die Beule, die er sich beim Sturz von der Mauer eingehandelt hatte und die noch immer an seinem Hinterkopf blühte. „Der alte ist wirklich Schrott.“

„Borja und ich, wir hauen jetzt ab“, erklärte Anton. „Unser Papa hat uns nur einen halben Tag Ausgang genehmigt. Ich soll nachher beim Umzugskistenpacken helfen.“

Der kleine Warkentin zog geräuschvoll Schnodder durch die Nase und nickte bekümmert. „Bruder Boris auch.“

„Wo zieht ihr überhaupt hin?“, wollte Jasmin wissen. „Ich würde ja nie im Leben aus Charlottenburg abhauen.“

Boris und Anton klappten synchron die Unterlippe aus, stiegen aber nicht auf die Frage ein. „Wir sehen uns am Montag um drei?“

„Mauer Power!“, bestätigte Jasmin und hielt den beiden die Handflächen entgegen.

„Mauer Power!“, ratschten die Brüder wie aus einer Kehle, klatschten Jasmins Linke und ihre Rechte ab, wiederholten dabei den Schlachtruf und schlenkerten anschließend, die Hände in die ausgebeulten Hosentaschen vergraben, lässig davon.

„Bei welcher Gelegenheit seid ihr euch eigentlich über den Weg gelaufen?“, wollte Willem wissen.

„Ich gehe mit Toni in eine Klasse. Hoffentlich bleibt es dabei. Falls sie aus Klamottenburg wegziehen, könnte es eng werden. Was machen wir mit dem Rest vom Tag? Hast du Lust auf was Warmes?“

Willem blätterte beiläufig in einem Briefmarkenalbum, das neben einem Stapel Postkarten und unzähligen Sammelbüchern, die historische Zigarettenbilder enthielten, auf einem ausgeklappten Tapeziertisch lag. „Wenn das mein Vater sehen könnte. Briefmarken sind sein Ein und Alles.“

„Ich hab dich was gefragt, Grünfrosch. Wenn du magst, schmeiße ich eine Runde Tee.“

„Super Idee!“

Willem hatte mit einem Mal das Gefühl, dass er beobachtet wurde. Er drehte sich verunsichert um und schaute hinüber zum Tiergarten, wo auf der Lehne einer Parkbank ein Mädchen saß, die Beine baumeln ließ und ihm einen abschätzenden Blick zuwarf.

„Dazu gibt’s einen Muffin.“

„Einen was?“

„Oder von mir aus auch ’nen Hotdog.“

Ja aber, das ist doch! Mit einem Ruck riss er sich die Sonnenbrille von der Nase und atmete tief durch. Mann, Mann, Mann! Das kann ja wohl nicht wahr sein! Das gibt es doch gar nicht!

„Erde an Willem! Bist du noch da?“

Willem spürte, wie sein Herz bis zum Halse schlug. „Paula?“, flüsterte er ungläubig. „Paula Paul!“ Wie elektrisiert drängelte er sich durch die Spaziergänger und Wurstesser, tauchte unter einem Stehtisch durch, jagte über die Straße, wäre beinahe lang hingeschlagen. Als er jedoch die Bank erreicht hatte, war das Mädchen verschwunden. Und als Willem zwei Minuten später wieder vor der Bananenkiste stand, hatte sich auch Jasmin in Luft aufgelöst.

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23 aralık 2023
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