Kitabı oku: «Mysteriöse Museumsschätze»

Yazı tipi:

Mysteriöse

Museumsschätze



Reinhard Habeck

Mysteriöse

Museumsschätze

Rätselhafte Funde

versunkener Welten


Gewidmet

drei fantastischen Freunden und weltoffenen Forschern der „Next-Mystery-Generation“, die vieles bezweifeln, aber nichts für unmöglich halten:

Andreas „Desmond“ Kirchner

Mario Rank

Dietmar Rücker

STYRYA

BUCHVERLAGE

Wien – Graz – Klagenfurt

© 2017 by Styria Verlag in der

Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-990-40472-0

Bücher aus der Verlagsgruppe Styria gibt es in jeder Buchhandlung und im Online-Shop

www.styriabooks.at

Coverfotos: Wikimedia Commons/Dagmar Hollmann (vorne);

Wikimedia Commmons/Elfenbeinschnitzerei Übermuseum Bremen (hinten);

Reinhard Habeck (Rücken)

Covergestaltung: Emanuel Mauthe

Buchgestaltung und Satz: Hannes Strobl, Satz·Grafik·Design, Neunkirchen

Lektorat: Elisabeth Wagner

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018


Bemalter Gipsabguss des Kriegerkopfes aus dem Ostgiebel des Aphaia-Tempels

auf Ägina im Museum der Universität Tübingen

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Auftakt: „Schau’n Sie sich das an!“

GUT GEBRÜLLT, LÖWENMENSCH!

Kreative Geistesblitze

Die vergessene Entdeckung des Löwenmenschen

Lokaltermin im Museum Ulm

Geschlechterzwist und Mutanten

Verzierung, Schmuck oder Urzeit-Code?

Der Alpenschamane

Als Gott eine Frau war

DER WOLFSEGGER EISENKLOTZ

Am falschen Ort zur falschen Zeit

OOPArt aus Vöcklabruck

Der älteste Report

Falsche Fährten

Der Meteoritenirrtum

Lokalaugenschein im Heimathaus

DIE LETZTEN ALPENRÄTSEL

Das Archiv unserer Ahnen

Kuriose und mysteriöse Musterbeispiele

Corni Freschi und die experimentelle Archäologie

Doktor Priulis Denkwerkstatt

Das Heiligtum von Cemmo

Die Vorwelt war knallbunt

Neue Sensationsfunde im Val Camonica

WUNDERLAMPEN DER ANTIKE

Wiener Spurensuche

Das Totenbuch des Chonsu-Mes

Nes-schu-tefnut und die Schlangensteine

Licht für den Pharao

Alte Fragen, neue Erkenntnisse

Mythologische Zeugnisse

Carnuntum und das ewige Licht

KELTENKULT UND UNTERSBERG-MYTHOS

Artemis und die heiligen Schlafmützen

Wahrhaft sagenhaft!

Opfergaben für imaginäre Berggötter?

Salzige Mumien und glotzende Fratzen

Noch mehr keltische Raritäten

Ungeklärtes Vermächtnis

Die Lazarus-Handschriften

DER TEUFEL ALS „GHOSTWRITER“

Der Pakt mit dem Teufel

Inspiration aus älterer Quelle?

Die Seele des Codex Gigas

Rätselhafte Herkunft

Fratzengesicht und Bilderrätsel

Verstecktes Original

Der Teufel schläft nicht

DIE SKURRILE SCHÄDELSAMMLUNG DES DOKTOR GALL

Auf ins älteste Museum Niederösterreichs!

Exotische Souvenirs, der Badener Schneckenkönig und „Andreas Hitler“

Kopfjagd und Schädellehre

Wer ist wer?

Tragische Schicksale

Goethes wahres Gesicht

Phrenologische Sackgasse

DER FLUCH DES ZLATOROG

Die Sage vom weißen Gamsbock

Verhinderte Thronfolge

Der Sakrileg-Schuss vom Bluntautal

Auf der Pirsch im „Haus der Natur“

Ein rumänisches Fluchopfer?

Tödliche Vorahnungen

Das Attentat der Zufälle

Schlusswort mit Dank und einer Bitte

Quellen und Literatur

Auftakt: „Schau’n Sie sich das an!“

„Man findet oftmals mehr, als man zu finden glaubt.“ Pierre Corneille (1606 – 1684) französischer Dramatiker

Museen, Galerien und Bibliotheken sind verstaubte Anstalten! Wer braucht sie noch im digitalen Zeitalter? Bietet das Internet nicht längst viel umfassendere und bessere Einblicke zum Erbe unserer Urväter? Und ist es nicht sowieso viel bequemer, diese Schätze in aller Ruhe vor dem heimischen Bildschirm zu betrachten? Das können nur Stubenhocker behaupten, die noch nie ein Museum von innen gesehen haben. Google, Wikipedia und Co. helfen bei Nachforschungen, aber sie können nicht virtuell Plätze ersetzen, wo Dinge noch Dinge sind, die man real besichtigen kann. Museen sind durchaus lebendige Orte, wo wir hautnah erfahren, dass Gegenstände noch wirklich und authentisch sind, aufgeladen mit der geheimnisvollen Aura ihrer bewegten Geschichte.

Das ist der Grund, weshalb ich meine Bücher nicht nur vom Schreibtisch aus zu Papier bringe. Das wäre mir zu wenig. Wenn ich über einen mysteriösen Fund berichte, will ich ihn in natura gesehen haben. Das ist nicht in jedem Fall möglich, aber doch in den meisten. Wer in die museale Wunderwelt eintaucht, wird immer etwas entdecken, das zum Staunen zwingt. Manchmal erst auf den zweiten Blick, beim Bemühen, die Geschichte hinter der Geschichte zu erfahren.

Die Kunstschätze und Sammlungen haben einen Bildungsauftrag, in dem Erinnerungen und Wissen zum Werdegang unserer Zivilisation vermittelt werden. Doch wie gesichert ist dieses Weltbild? Kunsthistoriker und Archäologen haben viele Geheimnisse der Menschheitsgeschichte erforscht und gelüftet. Was wir über unsere Vorfahren und versunkene Welten beweisbar wissen, ist dennoch nur Stückwerk. Selbst weltberühmte Entdeckungen wie die altsteinzeitliche Venus von Willendorf, die Gletschermumie „Ötzi“ oder die Pharaonenschätze Tutanchamuns sind immer noch voller Rätsel. Weitaus größer sind die Fragezeichen bei bizarren Gegenständen, die wegen ihrer schwer deutbaren Charakteristik, ungewöhnlichen Altersdatierung oder wegen ihrer rätselhaften Historie sowie ungeklärter Fundumstände mit dem Etikett „Kultobjekt“, „Zierrat“ oder „Kuriosum“ versehen wurden. Was war ihr ursächlicher Zweck? Viele der rätselhaften Funde befinden sich heute in Privatbesitz oder liegen unbeachtet in dunklen Museumsdepots. Das interessierte Publikum erfährt darüber kaum Erhellendes, weiß oft gar nicht von deren Existenz. Bei der Recherche zum vorliegenden Buch bin ich wieder auf merkwürdige Relikte gestoßen, die teils in Archiven zu verstauben drohen oder sogar als verschollen gelten. Doch die meisten Exponate, die ich vorstelle, können problemlos besichtigt werden.

Bei jedem Buch das gleiche Dilemma: Als Autor frage ich mich, welche Themen ich am besten aus dem gewaltigen Fundus wählen soll? Will man möglichst viele Schaustücke und Entdeckungen präsentieren, können wichtige Daten nur „angerissen“ werden. Es besteht die Gefahr, dass man sich hinterher den Vorwurf einhandelt, die Beschreibung der Exponate sei zu oberflächlich ausgefallen oder die ganze Publikation würde eher einem Lexikon entsprechen. Die andere Variante sieht vor, dass es nur einige ausgesuchte Museumsschätze sind, diese dafür aber genauer vorgestellt und hinterfragt werden. Ich habe mich für Letzteres entschieden. Ich präsentiere acht Themenbereiche mit subjektiv ausgewählten Exponaten, die eine mysteriöse oder zumindest wunderliche Geschichte zu erzählen haben. Von kleinen „Ausflügen“ abgesehen, habe ich mich dabei auf Merkwürdigkeiten aus dem Alpenraum beschränkt. Als Freund fantastischer und alternativer Thesen bringe ich wie immer meine Fragen und Überlegungen dazu ein. Man kann ihnen folgen, muss aber nicht, denn „Patentrezepte“ zum Verständnis des geheimnisvollen Wissens unserer Urahnen gibt es nicht.

Jede Leserin, jeder Leser ist herzlich dazu eingeladen, die Geheimnisse „meiner“ Museumsschätze zu überprüfen. Dazu bietet sich an, die erstaunlichen Funde an den vorgestellten Schauplätzen sowie in den Sammlungen und Museen selbst in Augenschein zu nehmen. Das Motto dazu liefert eine legendäre Redewendung des österreichischen Kabarettisten Karl Farkas (1893 – 1971). Bei den Ankündigungen seiner spaßigen Kleinkunstrevuen pflegte der Wiener stets zu sagen: „Schau’n Sie sich das an!“ Das ist auch mein Appell. Wenn es mir gelungen ist, auf den folgenden Seiten in Wort und Bild einige Anregungen für die nächste eigene Spurensuche zu liefern, hat das Buch seinen Zweck erfüllt.

Viel Vergnügen bei den literarischen und realen Entdeckungsreisen!


Reinhard Habeck


Eingang Hohlenstein-Stadel: Fundort des Löwenmenschen

Gut gebrüllt, Löwenmensch!

„Das Leben der Ahnen können wir nur erahnen.“

Walter Ludin (geb. 1945)

Schweizer Theologe, Priester und Journalist

Bezeichnung: Der Löwenmensch von Hohlenstein-Stadel und die Eiszeitkunst

Besonderheit: Aufrecht stehende Elfenbeinplastik mit Löwenkopf und menschlichem Rumpf, geschnitzt aus einem Mammutstoßzahn. Der Löwenmensch gilt als eines der ältesten und bedeutendsten Kunstwerke der Menschheit. Was die Figur einzigartig macht, ist nicht nur das Alter und ihre Größe (mit 31 cm überragt sie andere vergleichbare Kleinplastiken der Eiszeit deutlich), sondern die Verschmelzung zwischen Tier und Menschengestalt. Was war die Inspiration? Welcher religiösen Vorstellungswelt entsprang dieses Meisterwerk? Zeigt es ein Fabeltier? Einen maskierten Menschen? Ist es das Urbild eines Schamanen? Oder Abbild einer übernatürlichen Gottheit?

Geschichte: Entdeckt wird es 1939 in der Schwäbischen Alb. Erst 1969 wird die archäologische Bedeutung von Hunderten Elfenbeinbruchstücken erkannt. Zusammengesetzt ergeben sie die Statuette eines Mischwesens. 2008 bis 2013 kommen überraschend weitere Teile der Figur zum Vorschein. In der Folge wird der Löwenmensch in einem Restaurierungsprojekt vervollständigt. Mit der Gestalt aus dem Kalkmassiv Hohlenstein (mit den Höhlen Kleiner Scheuer, Stadel und Bärenhöhle) werden in weiteren Höhlen der Schwäbischen Alb (Bocksteinhöhle, Vogelherdhöhle, Hohle Fels, Geißenklösterle und Sirgensteinhöhle) noch zahlreiche andere einzigartige Eiszeitkunstwerke und Gebrauchsgegenstände ausgegraben. Eine Entdeckung der jüngsten Jahre ist die „Hohlefels-Venus“ aus Elfenbein.

Alter: Zeitabschnitt vor 43.000 bis 31.000 Jahren, genannt „Aurignacien-Kulturstufe“.

Aufbewahrung: Der Löwenmensch befindet sich im Ulmer-Museum in Baden-Württemberg, Deutschland. Weitere eiszeitliche Funde der Schwäbischen Alb finden sich im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren, im Landesmuseum Württemberg in Stuttgart und im Museum der Universität Tübingen (MUT). Vergleichsfunde: Naturhistorisches Museum Wien.

Kreative Geistesblitze

Das Auftauchen des anatomisch modernen Menschen in Europa wird mit der ältesten archäologischen Kultur der jüngeren Altsteinzeit in Verbindung gebracht. Wissenschaftler nennen diese Epoche Aurignacien, benannt nach einem Dorf im französischen Département Haute Garonne, wo im 19. Jahrhundert in einer Höhle die ersten Funde gemacht wurden. In dieser Epoche vor bis zu 43.000 Jahren waren kreatives und abstraktes Denken bereits voll entwickelt. Inmitten der letzten Eiszeit entstanden damals einzigartige Kunstwerke: kunstvoll bemalte und gravierte Steine, farbenprächtige Höhlenmalereien, meisterhafte Reliefs, filigraner Schmuck, geschnitzte Musikinstrumente, formreiche Werkzeuge und erstaunliche körperliche Kleinplastiken. Die bis jetzt bekannten ältesten Belege stammen aus den Höhlen am Südrand der Schwäbischen Alb. Was dabei verblüfft, ist die Modernität der Relikte. Schon Pablo Picasso (1881 – 1973) erkannte beim Anblick eiszeitlicher Kunstwerke: „Uns ist seither nichts mehr Neues eingefallen!“

Dank vieler eindrucksvoller Funde sind die Anfänge der Kunst recht gut dokumentiert. Dagegen wissen wir über die genialen Künstler relativ wenig. Es gibt aus dieser Epoche der Altsteinzeit kaum Skelettreste. Nach jüngstem Forschungsstand könnten zwei Milchzähne aus der Grotta del Cavallo („Höhle des Pferdes“) im süditalienischen Apulien der älteste Nachweis für den modernen Menschen in Europa sein. Sie wurden in einer geologischen Schicht gefunden, die auf 45.000 bis 43.000 Jahre datiert wird. Zu diesem Ergebnis kam 2011 ein Wissenschaftsteam unter der Leitung des Departments für Anthropologie der Universität Wien. Die Zähne, die bereits 1964 gefunden wurden, sind mit modernsten Techniken der Zahnmessung sowie der „virtuellen Anthropologie“ neu datiert und bewertet worden. Als bislang älteste anerkannte Funde des europäischen Homo sapiens gelten Kieferstücke und Zähne aus der südfranzösischen Fundstelle La Quina im Département Charente.


Im Museum der Universität Tübingen aufbewahrt: Elfenbeinplastik eines Wildpferdes, hergestellt vor 40.000 Jahren in der Schwäbischen Alb


Seltener Fund aus Krems-Wachtberg, ausgestellt im Naturhistorischen Museum Wien: zwei Säuglingsbestattungen aus der Altsteinzeit

Ihr Alter wird mit 38.000 Jahren angegeben. Sie sind somit etwas jünger als die ältesten Eiszeitkunstwerke der Schwäbischen Alb. Wenn die kunstvoll gestalteten Hinterlassenschaften vom Homo sapiens stammen, wovon wir ausgehen dürfen, muss seine Einwanderung früher angesetzt werden, als das Fossilmaterial nahelegt. Wer mehr als Zähne sucht: In der Anthropologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums in Wien lagern die am besten erhaltenen Überreste unseres direkten Vorfahren, der Gattung intelligenter „Jetztmensch“, in Europa. Die Knochen wurden im tschechischen Mladeč gefunden und sind 31.000 Jahre alt.

Ein anderer seltener Fund der Altsteinzeit kam 2005 auf dem Wachtberg in Krems an der Donau zum Vorschein. Er führt 32.000 Jahre zurück in die Vorzeit. Damals erlebte eine Siedlergruppe des Homo sapiens einen traurigen Tag: Zwei Säuglinge mussten zur Ruhe gebettet werden. Liebevoll legten sie die Toten in eine mit rotem Farbstoff aufgefüllte Mulde, gaben ihnen eine Kette mit Schmuckperlen mit ins Grab und bedeckten die zarten Körper mit einem Mammutschulterblatt. Es sind die ältesten Knochenfunde des modernen Menschen in Österreich.

Die Doppelbestattung zweier Kleinkinder ist eine absolute Rarität und gilt als archäologische Sensation. Bisher ist in Österreich erst einmal ein derart altes Grab gefunden worden: in Spitz an der Donau. 1896 wurde es allerdings von der Besitzerin des Grundstücks aus Aberglauben zerstört und in den Bach geworfen. Wie viele Kunst- und Kulturschätze der Menschheitsgeschichte wurden wohl durch Ignoranz und Fanatismus zerstört, weil ihre wahre Bedeutung nicht erkannt wurde? Welche Artefakte der Menschwerdung verschwanden in dunklen Kellerarchiven der Museen, sind von der Wissenschaft vergessen worden und warten auf ihre Wiederentdeckung? Ich behaupte: Es gibt unzählige Container, Wandschränke und Regale voll mit brisanten Artefakten.

Die vergessene Entdeckung des Löwenmenschen


Joachim Hahn legte den Grundstein zur Renovierung des Löwenmenschen.

Wenn wir nach dem ersten, kreativsten und erstaunlichsten Kunstgegenstand des Homo sapiens fragen, landen wir beim „Löwenmensch“ vom Hohenstein-Stadel im Lonetal. Die Elfenbeinstatuette ist dem traurigen Schicksal des Vergessens und Verstaubens – Zufall und Fortuna sei Dank – gerade noch entrissen worden. Ihre Entdeckung, Wiederentdeckung, Restaurierung und erneute Restaurierung muten genauso abenteuerlich an wie die rätselhafte Figur selbst.

Rückblende: Wir schreiben den 25. August 1939. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs steht unmittelbar bevor. In der Stadel-Höhle der Schwäbischen Alb legt der örtliche Archäologe Otto Völzing (1910 – 2001) seit 1935 eiszeitliche Schichten frei. Er hat wie viele andere Helfer seinen Einberufungsbefehl erhalten. Die weiteren Ausgrabungsarbeiten müssen abgebrochen werden. Einer der Funde des letzten Tages sind rund 200 undefinierbare Bruchstücke. Der verantwortliche Leiter Robert Wetzel (1898 – 1962), Urgeschichtsforscher mit einem zweifelhaften Ruf nationalsozialistischer Gesinnung, erkennt zwar, dass es Splitter einer Elfenbeinplastik sind, doch damit endet das Wissen um die gerade entdeckte Figur auch schon. Die Grabungsfunde landen im Keller des Ulmer Museums.


Der Löwenmensch vor der Restaurierung 2013

Dort bleiben sie dreißig Jahre lang unbeachtet liegen, bis zum 8. Dezember 1969. Der Prähistoriker Joachim Hahn (1942 – 1997) arbeitet damals bereits seit Wochen im Museumsdepot. Seine Aufgabe: Sichtung und Bestimmung der Funde aus der Stadel-Höhle. Zwischen hunderten Kartons stößt er auf eine Schachtel mit der Aufschrift „HS 25. 8. 39 20.m 6.Hieb“. Als er sie öffnet, erblickt er den „Schotter“ vom letzten Grabungstag anno 1939. Mit zwei Studenten beginnt er, die Elfenbein-Puzzleteile mühsam zusammenzusetzen. Nach wenigen Tagen offenbart sich vor den staunenden Augen der Wissenschaftler eine fantastische, aufrecht stehende Skulptur, die bald in der Presse als „Ulmer Tiermensch“ bekannt wird. Hahn selbst nennt das Mischwesen scherzhaft „Mugwump“. Der Name ist eine Anlehnung an eine Romanfigur des US-Schriftstellers William S. Burroughs (1914 – 1997).

Mitte der 1970er-Jahre gibt eine anonyme Glücksfee einen kleinen Behälter mit ein paar Fundstücken im Museum ab. Die Unbekannte erklärt, dass ihr Sohn die „Dinge“ beim unerlaubten Spielen in der Stadel-Höhle gefunden habe. Da das Datum der Übergabe und der Name der Überbringerin fehlen und außerdem der Zugang in den hinteren Raum der Stadel-Höhle mit einem Gitter versperrt ist, wird die Angelegenheit nicht weiterverfolgt. Erst in den 1980er-Jahren sieht sich die Basler Paläontologin Elisabeth Schmid (1912 – 1994) den Fund genauer an und erkennt, dass er wichtige Teile des „Ulmer Tiermenschen“ enthält. Es gelingt ihr gemeinsam mit Restauratoren, den Kopf der Figur weiter zu vervollständigen. Es wird deutlich: Das Haupt gehört einer Raubkatze. Der „Mugwump“ entpuppt sich als „Löwenmensch“. Bei dieser Bezeichnung ist es geblieben. Da trotzdem immer noch Teile des Oberkörpers fehlen und fast alle Menschendarstellungen aus dieser frühen Zeit weiblich sind, glaubt Schmid, es handle sich um eine Löwenfrau.

Als 2008 erneut Grabungen beginnen, stößt das Team um den Archäologen Claus-Joachim Kind völlig überraschend auf etwa 300 weitere winzige Splitter der Figur. Im Rahmen eines aufwendigen Restaurierungsprojekts kommt der anmutige Löwenmensch zu seiner vorläufigen Vollendung. Dabei helfen Methoden der Röntgen-Computertomografie, mit der das Meisterwerk virtuell in alle Einzelteile zerlegt und danach wieder zusammengesetzt wird. Danach folgt die Wiederherstellung am Original. Seit 2013 glänzt der Löwenmensch frisch geliftet hinter Panzerglas im Museum Ulm.


Das Ulmer Museum

Lokaltermin im Museum Ulm


Der Autor vor der Vitrine des Löwenmenschen

Am südlichsten Rand der Schwäbischen Alb liegt die Universitätsstadt Ulm. Sie ist berühmt für ihre bezaubernde Altstadt direkt an der Donau, dem mittelalterlichen Fischer- und Gerberviertel und das Münster, das mit 161 Metern den höchsten Kirchturm der Welt besitzt. Ein bekannter Zungenbrecher lautet: „In Ulm, um Ulm und um Ulm herum.“ Ich bin dem Ruf oft und gerne gefolgt. Zuletzt 2014, als der Historiker und Autor Willi Grömling (1944 – 2015) und seine Frau Ingrid für einen kleinen kunstbegeisterten Freundeskreis eine Sonderführung durchs Ulmer Museum arrangierten.

Es war der „goldrichtige“ Zeitpunkt, um dem jüngst renovierten Wunderwesen Reverenz zu erweisen. Das Museum dokumentierte gerade die spektakuläre Schau „Die Rückkehr des Löwenmenschen“ mit den neuesten Erkenntnissen zu den Uranfängen der Kunst und ihrer genialen Schöpfer. Dazu erschien ein Begleitbuch, das die spannende Auffindungsgeschichte, das aufwendige Restaurierungsprojekt und den faszinierenden Mythos rund um das altsteinzeitliche Prachtexemplar erklärt. Kurt Wehrberger hat den packenden Archäologiekrimi gemeinsam mit Fachkollegen verfasst. Der Kurator ist einer der profundesten Kenner der Eiszeitkunst in der Schwäbischen Alb. Bei seinem liebsten Studienobjekt kommt der Urzeitforscher ins Schwärmen: „In der fantastischen Gestalt des Löwenmenschen ist uns ein einzigartiges Relikt erhalten, das in eine Sphäre geistig-religiöser Vorstellungen der Menschen der letzten Eiszeit verweist. Die Figur gibt uns einen faszinierenden Einblick in das komplexe Weltbild unserer frühesten Vorfahren, das die tägliche Auseinandersetzung mit der Natur eindrucksvoll widerspiegelt. Seit der Auffindung im Jahre 1939 bleibt seine Geschichte und die Intention seiner Herstellung spannend.“


Hüter des Löwenmenschen: Kurt Wehrberger, stellvertretender Direktor des Ulmer Museums

Mit dem Löwenmenschen sind noch etwa 50 weitere fantastische filigrane Kunstwerke in vier Höhlen der Schwäbischen Alb entdeckt worden. Die Fundorte klingen kauzig: Hohlenstein-Stadel und Vogelherd (beide im Lonetal) sowie Geißenklösterle und Hohle Fels (beide im Achtal). Die ältesten handtellergroßen Plastiken sind 40.000 Jahre alt, die jüngsten 30.000 Jahre. Gleiches gilt für acht Flöten aus Geier- und Schwanenflügelknochen sowie Mammutelfenbein. Sie haben unterschiedliche Tonlagen und gehören zu den ältesten Musikinstrumenten der Welt. Das hohe Alter der Kunstwerke bereitet manchem klassischen Prähistoriker noch Kopfzerbrechen. Doch das Fazit aus den Radiokohlenstoffdatierungen und stratigrafischen Befunden ist eindeutig: Die Wiege der Kunst lag nicht anonym im „Irgendwo“, sondern direkt vor unserer Haustüre, mitten in Süddeutschland!


Menschlicher Körper mit Löwenkopf: Wandrelief der ägyptischen Göttin Sachmet

Bei meinem Besuch habe ich Glück und genieße eine besondere Ehre: Kurt Wehrberger, der auch stellvertretender Museumsdirektor ist, lässt es sich nicht nehmen, persönlich durch die archäologische Sammlung mit ur- und frühgeschichtlichen Exponaten aus über 80.000 Jahren Menschheitsgeschichte zu führen. Highlight ist und bleibt der „Löwenmensch“ aus der Aurignacien-Kultur, dem das Museum im 1. Stock einen eigenen, imposant gestalteten Themenbereich gewidmet hat. Jeder Gast, der vor der Vitrine des Löwenmenschen verweilt, ist fasziniert und erstaunt über die ästhetische Ausdruckskraft des aufrecht stehenden Wesens mit leicht gespreizten Beinen und herabhängenden Armen. Es hat zweifelsfrei den Körperbau eines Menschen. Der Kopf dagegen ist der eines Löwen. Die Schnauze deutet ein Lächeln an und der Blick ist in die Ferne gerichtet. Im Angesicht dieser Tier-Mensch-Figur werde ich an die Gestalt anderer Mischwesen erinnert, die mir aus der altägyptischen Mythologie bekannt sind: die mächtige Schutzgöttin Sachmet und die sanftmütige Katzengöttin Bastet. Beide werden meist stehend in Menschengestalt mit Tierkopf dargestellt. Auch im alten Babylon und später in der griechischen und römischen Historie wird von Hybriden – halb Mensch, halb Löwe – berichtet. Der Löwenmensch aus der Stadel-Höhle entstand jedoch locker 35.000 Jahre früher. Ein gewaltiger Zeitsprung, der nur unter Zuhilfenahme einer Zeitmaschine zu überbrücken wäre, dennoch springt dem Betrachter die optische Parallele der Wunderwesen ins Auge.

Geschlechterzwist und Mutanten


Er glaubte an eine „Übersinnliche Welterkenntnis“ und begründetedie Anthroposophie: Rudolf Steiner

Im Zuge der Neurenovierung und Ergänzung von Bruchstücken hat sich das Erscheinungsbild des Löwenmenschen verändert. Ging man wie erwähnt anfangs noch davon aus, dass die Statuette eine Löwenfrau verkörpert, sehen das Archäologen nunmehr anders: „Es ist ein Mann!“ Für die gelungene Umwandlung zum maskulinen Geschlecht wird ein dreieckiges Plättchen als Beweis angeführt, das im Schambereich in zugespitzter Form zum Boden weist. Es wird als „stilisiertes männliches Geschlechtsteil“ interpretiert. Doch mich plagen Zweifel. Könnte ein „Dreieck“ im Intimbereich nicht ebenso gut das genaue Gegenteil von Männlichkeit bedeuten? Oder sollte damit vielleicht ein Schurz angedeutet werden? Oder das Löwenfell? Könnte es als Schnitzwerk zwischen den Beinen stilisiert herunterhängen und den Eindruck eines männlichen Gemächts vermitteln? Hinzu kommt, dass immer noch viele Stellen an der Statuette fehlen. Das gilt besonders für Flächenbereiche des Ober- und Unterkörpers. Anderseits, wenn weiblich, muss man zugestehen, dass der Körper nicht den bekannten üppigen Frauenfiguren der Altsteinzeit entspricht. Also doch ein echter Kerl? Oder womöglich ein Mischwesen, nicht nur im Sinne von Tier-Mensch, sondern auch Weibchen-Männchen?

Die tollkühnste These postulierte der umstrittene österreichische Esoteriker und Philosoph Rudolf Steiner (1861 – 1925). Vom eiszeitlichen Kunstwerk in Gestalt eines Löwenmenschen konnte er nichts gewusst haben. Die Eiszeitplastik war zu seiner Zeit noch nicht entdeckt. In der von Steiner begründeten Anthroposophie werden spirituelle Weltanschauungen, christliche Mystik, religiöse Gnosis, fernöstliche Lehren und naturwissenschaftliche Erkenntnisse miteinander verbunden. Eine besondere Rolle spielt hierbei die „Akasha-Chronik“. Nach theosophischer Ideologie ist es das geistige Weltgedächtnis mit den feinstofflichen Aufzeichnungen aller Ereignisse aus fernster Vergangenheit. Spirituell begabte „Geistesforscher“ sollen imstande sein, dieses „gespeicherte“ weltumspannende Wissen abzurufen. 1913 beschrieb Steiner diese Fähigkeit als einen „nach rückwärts gerichteten hellseherischen Blick“. Daraus leitet sich die absonderliche theosophische Überzeugung ab, dass die Erde in Urzeiten von androgynen Wesen bevölkert war, die jeweils das weibliche und männliche Geschlecht in sich vereinten. Dazu zählten auch die Löwenmenschen. Mit dem Sündenfall, so wird behauptet, sei es dann zur Geschlechtertrennung gekommen. Aus den weiblichen Löwenmenschen, mit einer Art entgegengesetztem männlichen Astralkörper oder Ätherleib, sei das Frauengeschlecht hervorgegangen. Aus Stiermenschen im Stil von Minotaurus entsprang die Männerwelt.


Berühmte Sagengestaltder Antike: die Chimäre von Arezzo, eine Kreatur aus Löwe, Ziege und Schlange. Etruskische Bronzeskulpturim Archäologischen Museum von Florenz. Mischwesen sind im Zeitalter genmanipulierter und künstlich geschaffener Lebewesen keine Utopie mehr. War die Zukunft bereits gestern?

Ein Erdball mit Mutanten? Groteske Mischwesen – halb Mensch, halb Tier – sind populäre Motive aus der Antike, der lebendigen Mythologie bei Naturvölkern, der Geisterwelt des Schamanismus, der bunten Fabelwelt, der fantasievollen Kunstgeschichte und dem Fantasy- und Science-Fiction-Genre der Gegenwart. Auch in der Realität ferner Zukunft? Wissen wir, sollte der Homo sapiens kein Auslaufmodell sein, wohin uns die Evolution und biomedizinischer Forschergeist noch führen werden?

Eine Meldung, die man für eine Fake News halten könnte, sorgte im Jänner 2017 für internationales Aufsehen: Forscher des „Salk Institute for Biological Studies“ in Kalifornien erschufen ein Mischwesen zwischen Mensch und Schwein. Die Ergebnisse wurden im medizinischen Fachblatt „Cell“ dokumentiert. Demnach war es den Wissenschaftlern gelungen, einen Schweineembryo mit menschlichen Zellen über vier Wochen am Leben zu erhalten. Sie wollten mit den Gentests herausfinden, ob in Tieren mit Menschenzellen menschliche Organe heranwachsen können. Bereits in den 1980er-Jahren gab es umstrittene Versuche, bei denen menschliche Gene in Mäuse eingepflanzt wurden. Biotechniker hoffen, auf diese Weise einmal Ersatzorgane für kranke Menschen „züchten“ zu können. Kritiker befürchten hingegen, dass ein Mischwesen allzu menschlich werden könnte und die Experimente außer Kontrolle geraten.

Technisch ist es heute möglich, selbst Teile des menschlichen Gehirns in Tiere zu übertragen. Die Ethik verbietet solche Experimente. Aber wird sich auch ein skrupelloser „Dr. Frankenstein“ im militärischen Geheimlabor ewig daran halten? Die Geschichte lehrt, dass der geistreiche Homo sapiens früher oder später versuchen wird, alles Denkbare in der Praxis auszuprobieren, ungeachtet jeder moralischer Bedenken. Dazu gehört auch die Erschaffung neuer Lebensformen, die es in der Natur nicht gibt. Nur ein fiktiver Brüller, oder könnte eine mythologische Chimäre wie der Löwenmensch eines Tages sogar zur leibhaftigen Wirklichkeit werden?

Verzierung, Schmuck oder Urzeit-Code?

Einige Details am Löwenmenschen überraschen: Das linke Ohr weist ein Dutzend quer verlaufende Ritzungen auf. Deutlicher noch sichtbar beim linken Oberarm: Er ist mit sieben parallelen Kerben versehen, die reliefartig wirken. Eine symbolhafte Tätowierung? Möglich wäre es. Wir finden allerdings ähnliche Bearbeitungs- und Ritzspuren auf nahezu allen plastischen Kunstwerken der Eiszeit. Es ist nicht anzunehmen, dass Mammuts oder Wollnashörner mit Tattoos oder Brandzeichen im Ache- und Lonetal herumliefen. Manchmal sind es ganze Strichbündel, ergänzt um V- und X-Zeichen, sowie Reihen kleiner, runder Vertiefungen. Wenn sie auf Knochen verewigt sind, werden die Linien zuweilen als Schnitte erklärt, die durch Feuersteinklingen beim Abziehen des Tierfells entstanden sind. Die meisten Werkzeugspuren sind jedoch gezielt gesetzte Markierungen.

Viele Archäologen deuten sie lediglich als Ornamente, die der Verschönerung des Kunstwerks gedient haben sollen. Nicht wirklich überzeugend. Was spricht gegen die Annahme, dass die Regelmäßigkeit der Zeichen bestimmte Ereignisse, kalendarische Daten und andere fixierte Informationen symbolisieren? Entwickelte sich in der Schwäbischen Alb der Vorläufer der Schrift? Verbergen die vielfältigen Kerben, Linien, Kreuze, Symbole und Punkte einen altsteinzeitlichen Kommunikations-Code, von dem wir Superintelligenzler des 21. Jahrhunderts keine Ahnung mehr haben?

Die Frage stellt sich ebenso bei bemalten Knochenfragmenten und Geröllsteinen mit Linien und geometrischen Mustern. Sie wurden in mehreren Höhlen der Schwäbischen Alb gefunden. Einige wenige Stücke werden ins Zeitalter des Löwenmenschen datiert, der überwiegende Teil stammt aus der letzten Epoche der Altsteinzeit, die vor etwa 12.000 Jahren mit dem Ende der Kaltperiode ausklang. Besonders zahlreich wurden derartige „Bildsteine“ in der französischen Höhle Mas d’Azil im Département Ariège gefunden. Auf rund 1400 flachen, ovalen Kieselsteinen, etwa 10 Zentimeter groß, befinden sich aufgemalte Zeichen, die teilweise an Buchstaben des späteren phönizischen, griechischen und lateinischen Alphabets erinnern. Sie sollen bis zu 14.000 Jahre alt sein. Ähnliche „Symbolsteine“ wurden in einer Grotte bei Rochedane in Ostfrankreich entdeckt und in der Höhle von Birseck bei Basel, die allerdings Spuren gewaltsamer Zerstörung aufweisen.


Weshalb weisen die meisten plastischen Eiszeitkunstwerke geometrische Ritzspuren auf?


In vielen Höhlen der Eiszeit, auch in der Schwäbischen Alb, wurden bemalte Kieselsteine gefunden. Ihre Bedeutung ist unklar.


Filigrane Kleinode aus Mammutelfenbein. Was war ihr Zweck?

Joachim Hahn, jener emsige Urzeitdetektiv, der den „Löwenmenschen“ im Ulmer Museumsdepot wiederentdeckte und erstmals rekonstruierte, deutet die Bemalungen unverblümt als „symbolische Zeichen, ähnlich einer Gedächtnisstütze, die gewisse Botschaften übermittelte“. Bereits 1973 brachte der Paläontologe das Dilemma bei der Beurteilung dieser bemalten Muster auf den Punkt. In seinem Standardwerk „Eiszeithöhlen im Lonetal“ bedauert er: „Da uns aber der Schlüssel, der Code zu diesem möglichen Vorläufer der Schrift fehlt, können wir weder die Botschaft dieser abstrakten noch der figürlichen Zeichen lesen.“

Steckt vielleicht auch hinter den jüngsten Entdeckungen der Schwäbischen Alb kein Kult, sondern verlorenes Wissen? Gemeint sind einzigartige „Schmuckstücke“ aus Mammutelfenbein, die die Anfänge der Eiszeitkunst noch einmal weiter zurück in dunkle Vergangenheit rücken. Sie wurden in großer Zahl in mehreren Höhlen der „Löwenmensch-Region“ entdeckt und sind 42.000 Jahre alt! Für die Eiszeitforschung sind sie so bedeutend, dass sie als „Fund des Jahres 2017“ im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren einen Ehrenplatz erhalten haben. „Es ist der bislang älteste Nachweis für die komplexe Herstellung von Elfenbeinperlen weltweit“, erklärt dazu der Archäologe und Museumsleiter Professor Dr. Nicholas J. Conard.


Der Prähistoriker Nicholas J. Conard machte in den Höhlen der Schwäbischen Alb spektakuläre Entdeckungen, die den Ursprung der Eiszeitkunst weiter zurück in die Vergangenheit datieren.

Die geschnitzten Kleinode, meist nicht größer als ein Zentimeter, weisen eine Machart auf, die bisher nur aus der Schwäbischen Alb des Aurignacien-Zeitalters bekannt ist. Sie zeigen eine verblüffende Formenvielfalt und sind fast alle doppelt und dreifach gelocht. Prähistoriker vermuten, dass es Knöpfe, Abzeichen oder Wappen der damals im Ache- und Lonetal lebenden Menschen waren. Über den langen Zeitraum von 6000 Jahren ist dieser spezielle „Modestil“ nachweisbar. Dienten die Wertsachen nur als Zierrat? Oder könnten sie ebenso gut bereits fixierte Sprachinformationen enthalten haben?

Der Alpenschamane

Welche Bedeutung ist dem Löwenmenschen beizumessen? War er ein sakrales Kultobjekt? Das Abbild einer Gottheit oder ein angehimmeltes Fabelwesen? Ein heiliger Gegenstand? Gab es eine reale Person, die für das Mischwesen einst Pate stand? Ein Stammesoberhaupt oder ein Schamane in seiner Kluft, verkleidet mit Tierhäuten? Welcher kreative Impuls förderte vor mehr als 40.000 Jahren den genialen Schaffensdrang? Drängende Fragen, die vorerst unbeantwortet bleiben. Vielleicht für immer. Eines aber ist gewiss: Der Löwenmensch muss innerhalb seiner Gruppe eine besondere Verehrung genossen haben. Wie sonst ist es zu erklären, dass der unbekannte Künstler für die Herstellung seines Glanzstücks enorm viel Mühe, Zeit und Know-how investierte?


Die Lage der Figur im Mammut-Stoßzahn

Im Zuge der Restaurierungsarbeiten wurde festgestellt, dass der Löwenmensch aus einem rechten Stoßzahn eines ausgewachsenen Mammuts geschnitzt, geschabt, geraspelt und geschliffen wurde. Der Eiszeit-Michelangelo wählte dafür den härtesten Zahnbereich aus. Mehr noch: Die Krümmung des Stoßzahnes wurde bei der Fabrikation mitberücksichtigt und bei der aufrechten Haltung ausgeglichen. Der Könner hat nicht einfach auf gut Glück zu schnitzen begonnen. Er muss sein Werk vorher geplant und genau durchdacht haben. Zufall oder nicht: Der Nervenkanal des Zahns verläuft vom Schritt exakt durch die Mitte der Figur und tritt am Kopf wieder aus. Nach altindischen Sanskrit- und Yogalehren verlaufen im Körper genau dort die Energiezentren der sieben Hauptchakren.

Die Fundstelle des Löwenmenschen liefert weitere Indizien für seine überragende Stellung. Man entdeckte die Statuette in einer Nische im hinteren Bereich der Stadel-Höhle. Archäologen nennen sie seither „Kammer des Löwenmenschen“. In diesem Areal fanden sich besonders viele Schmuckgegenstände, darunter durchbohrte Fuchszähne und Elfenbeinanhänger. Sind es „Grabbeigaben“ für eine zeremonielle Bestattung des Kunstwerks? War die ganze Höhle ein Kultzentrum für totemistische Rituale? Ein geheimer Ort der Unterwelt, in den sich nur Eingeweihte vorwagten, um mit Verstorbenen, Tiergeistern und höheren Wesen in Kontakt zu treten?

Darstellungen anthropomorpher Mischwesen, die tierische und menschliche Merkmale in sich vereinen, deuten Prähistoriker als frühe Ausdrucksform für Jagdzauber und Schamanismus. Vereinzelte bildliche Wiedergaben finden sich vor allem in französischen Höhlen. Dazu zählt eine 75 cm große Malerei an der Höhlendecke von Les Trois Frères (Département Ariège). Das Mischwesen wird der „Zauberer“ oder der „gehörnte Gott“ genannt. Ein anderes Beispiel ist eine 37 cm hohe Gravur in Le Gabillou (Département Dordogne), die einen tanzenden „Bisonmenschen“ zeigt. Allerdings sind diese Höhlengemälde erst Jahrtausende nach der Löwenmensch-Statuette entstanden.


Der „gehörnte Gott“ in Les Trois Frères und der „Bisonmensch“ in Le Gabillou

Der würdevolle Löwenmensch genießt in der Geschichte der Kunst eine Sonderstellung. Wenn es stimmt, dass die Statuette eine der ersten Schamanendarstellungen im Alpenraum ist, stellt sich eine Frage: Welche Rolle spielt dabei das Sinnbild des Löwen?

Soweit bekannt, wanderten die Großkatzen vor etwa 900.000 Jahren aus Asien kommend in Europa ein. Sogar in Tirol waren sie beheimatet, wie Funde aus der Tischofer Höhle bei Kufstein belegen. Eines der wenigen erhaltenen vollständigen Skelette eines Höhlenlöwen ist im Naturhistorischen Museum in Wien zu sehen. Vor rund 10.000 Jahren verschwanden die Höhlenlöwen wieder aus unseren Breiten. Über den Grund sind sich die Gelehrten – ähnlich wie bei der Frage zum Aussterben des Neandertalers – noch uneins.


Vollständiges Skelett eines Höhlenlöwen im Naturhistorischen Museum Wien


Wandgemälde von lebensgroßen Höhlenlöwen in der Cauvet-Grotte (Replik im Ulmer Museum)

Geblieben ist die Faszination des Löwen. Sie zieht sich durch die ganze Geschichte des Homo sapiens und ist immer mit Macht und Königswürde verbunden. In Afrika ist der Löwe noch heute das Symbol der Häuptlingswürde. Die Magie und Stärke der Großkatze blieb auch den Eiszeitkünstlern nicht verborgen. Das bezeugen wiederum viele Höhlengemälde, die mit einer unglaublichen Perfektion an die Wand gepinselt wurden. Die prachtvollsten Meisterwerke besitzt die Grotte Chauvet in der südfranzösischen Region Auvergne-Rhône-Alpes. Mit mehr als 30.000 Jahren gelten sie als die ältesten Wandgemälde aus der Aurignacien-Ära. Das Unfassbare: Die farbenprächtigen Bildwunder haben eine dreidimensionale Wirkung, die im Spiel von Licht und Schatten die Illusion beweglicher Bilder erzeugt! Kunstexperten staunen über die angewendete Maltechnik: perspektivische Wiedergaben, naturgetreue Bewegungsabläufe, eine unglaubliche Vielfalt an komplizierten Studien, plastische Formen, niveauvolle Schattierungen mit klarem Bildaufbau. So etwas hatte man den Menschen der Eiszeit niemals zugetraut. Auf Hunderten Wandbildern sind ganze Tierherden, darunter viele Löwen, verblüffend dynamisch und lebensecht verewigt worden, so als würden sie jeden Moment aus dem Felsgestein springen.

Altersmäßig und geografisch näher im Kontext zum Löwenmenschen stehen figürliche Kunstwerke und Kopfminiaturen in Menschen- und Löwengestalt, die in den Höhlen Vogelherd und Hohle Fels gefunden wurden. Das interessanteste Relikt wurde 1979 in der Geißenklösterle-Höhle, einem Ortsteil von Blaubeuren, ausgegraben: ein geschnitztes 3,8 cm hohes und 1,4 cm breites Mammutelfenbeinplättchen. Mit dem datierten Alter von 35.000 bis 40.000 Jahren liegt es im Zeithorizont der Löwenmensch-Statuette und anderen Kleinplastiken der Schwäbischen Alb.

Die Vorderseite zeigt das Halbrelief eines menschenähnlichen Wesens, mutmaßlich ein „Adorant“, mit zum Himmel erhobenen Armen und gespreizten, unterschiedlich langen Beinen, die eine Bewegung andeuten. Der linke Arm hat – analog zur Löwenmensch-Figur – die gleichen waagrechten Linienmuster eingeritzt. War es das Amulett des Löwenmensch-Schamanen?

Auf den Längs- und Querseiten und auf der Rückseite sind geometrische Kerbreihen mit 86 punktartigen Vertiefungen zu sehen, deren Bedeutung die Archäologen vor ein Rätsel stellt. Der Astronom Dr. Michael A. Rappenglück, freier Forscher mit eigenem „Institut für interdisziplinäre Studien“ in Gilching bei München, glaubt, das Geheimnis der ungewöhnlichen Darstellung zu kennen. Er verglich die Proportionen der Menschenfigur mit der Konstellation des Sternbildes Orion im Zeitalter Aurignacien und stellte verblüffende Übereinstimmungen fest. Die Punkte auf der Rückseite der Tafel könnten gemäß dieser astro-archäologischen These eine Kalenderfunktion gehabt haben. Oder sie dienten als Mess- beziehungsweise Orientierungshilfe beim Anpeilen der Sterne. Sollte sich dieser Verdacht erhärten, wäre das außergewöhnliche Elfenbeinstück nicht nur eines der ältesten Kunstwerke der Menschheit, sondern gleichzeitig die älteste Sternenkarte der Welt! Von Schamanen wird behauptet, sie könnten in veränderten Bewusstseinszuständen zu jenseitigen Geisterwelten reisen. Auch zu den Göttern im Kosmos?


Darstellung auf der Elfenbeinplatte aus der Geißenklösterle-Höhle

Als Gott eine Frau war

Glaubt man den Archäologen, dann stellt der Löwenmensch ein Maskulinum dar. Die jüngst gefundenen und an der Statuette ergänzten Bruchstücke legen wie erwähnt diese Vermutung nahe. An der Vormachtstellung des ewig Weiblichen in der Altsteinzeit ändert das nichts. Das bezeugen kleine weibliche Plastiken, die als Venusfigurinen bezeichnet werden. Sie stellen ein urgeschichtliches Rätsel dar.

Bisher sind rund 200 Fundorte bekannt, die von Westeuropa bis ins Tausende Kilometer entfernte Sibirien reichen. Es gibt zudem zwei bekannte Sonderfälle, die wegen ihres hohen Alters aus dem Rahmen fallen. Der eine ist die 3,5 cm große „Venus von Berekhat Ram“, die 1981 von der israelischen Archäologin Naama Goren-Inbar in einer vulkanischen Schicht in Syrien entdeckt wurde. Das gute Stück ist aus rotem Tuff, lag neben Steinwerkzeugen und ähnelt einer Frauenfigur mit Kopf, Armen und Brüsten. Mikroskopische Analysen konnten bestätigen, dass der Stein von einem frühen Urmenschen mit Werkzeugen bearbeitet wurde. Das Mysteriöse: Das Kunstwerk ist laut den Untersuchungen mindestens 230.000 Jahre alt und könnte vielleicht sogar 800.000 Jahre auf dem Buckel haben. Die handwerkliche Fähigkeit, solche Artefakte herzustellen, trauen Anthropologen nur dem Homo sapiens zu. Wenn die Datierungen stimmen, wäre die Statuette bereits ein Produkt des Homo erectus, dem Vorläufer des Neandertalers! Oder der Homo sapiens ist älter als bisher angenommen und drang bereits früher in Gebiete vor, als die Lehrmeinung behauptet.


Links: die Venus von Tan-Tan

Rechts: wertvollster Schatz im Naturhistorischen Museum Wien: die Venus von Willendorf

Die andere Dame, die für Fassungslosigkeit unter Archäologen sorgt, wird „Venus von Tan-Tan“ genannt. Sie wurde 1999 in 15 Metern Tiefe unter der erodierten Oberfläche beim Fluss Draa in Marokko ausgegraben. Der Fund besteht aus Quarzit, ist sechs Zentimeter groß, hat klar ersichtliche Arme und Beine. Nur bei der Festlegung des Geschlechts hat der Betrachter Mühe. Farbpartikel, die auf der Steinfigur hinterlassen wurden, lassen darauf schließen, dass sie ursprünglich übermalt war. Umso drastischer ist auch hier der zeitliche Unterschied: Die Entstehungsepoche der „Venus von Tan-Tan“ muss vor 300.000 bis 500.000 Jahren gewesen sein! Beide Stücke könnten somit die ältesten bekannten Kunstwerke menschlich geformter Figuren sein. Doch die Mehrheit der Wissenschaftsgemeinde ziert sich, will des hohen Alters wegen die Funde nicht als Artefakte anerkennen. Sie erklären das Unerklärliche als „Pseudoartefakte“ oder „zufällige Spiele der Natur“.

Im Alter wesentlich geringer, aber in der Charakteristik vollendeter und wissenschaftlich als Werke des Homo sapiens anerkannt sind die Venusfigurinen im Alpenraum. Die niederösterreichische „Venus von Willendorf“ ist das wohl berühmteste Modell. Am 7. August 1908 kam sie bei Bauarbeiten in der Wachau zum Vorschein. Die nackte Frauenfigur besteht aus Kalkstein, ist 11 cm hoch und trägt eine eigenwillige Frisur oder Kopfbedeckung. Statt einem Gesicht sind konzentrische, waagrechte Linien rund ums Haupt modelliert. Die Arme sind hauchdünn gestaltet, während Gesäß und Brüste üppig hervorgehoben sind. Man kann es nicht verleugnen, die Willendorfer Lady ist ein altsteinzeitliches Busenwunder. Farbreste zeigen, dass die üppige Buhlschaft einst in rötlichem Ocker strahlte.


Weitere plumpere Figurinen aus Willendorf. Unfertige Relikte?


Venus vom Hohle Fels aus verschiedenen Perspektiven

Ihr Alter wird seit den 1950er-Jahren mit 25.000 Jahren angeführt, doch das Prachtweib ist älter als gedacht. Das bestätigten neue Analysen der Forscher Philip Nigst von der Universität Cambridge und Bence Viola vom Max-Planck-Institut für Anthropologie in Leipzig. Demnach ist die „Venus von Willendorf“ bereits vor 29.500 Jahren hergestellt worden. In diesem Zusammenhang interessant: Es existieren etwa 25.000 Jahre alte russische Venusfigurinen aus Awdejewo, Kostjonki und Gagarino, die in Größe, Alter und Aussehen der Willendorfer Frauenfigur verblüffend ähneln. Exemplare entdeckt man im Kunstmuseum Eremitage in St. Petersburg oder als Replik in westeuropäischen naturkundlichen Sammlungen.

Wesentlich älter ist die 1988 in Stratzing bei Krems entdeckte „Venus vom Galgenberg“, auch „Fanny von Stratzing“ genannt. Ihr Fundort im Waldviertel liegt nur 25 Kilometer von Willendorf entfernt. Die 7,2 cm große Reliefplastik wurde vor 36.000 Jahren aus türkis-glänzendem Schiefer gefertigt. Sie ist damit das älteste bekannte Kunstobjekt Österreichs. Ihre Körperhaltung ist außergewöhnlich: Ein Arm ist nach oben gerichtet und der Oberkörper scheint eine leichte Pirouette anzudeuten. So wird der Eindruck einer dynamischen Bewegung vermittelt, weshalb ihr das Grabungsteam den Kosenamen „Fanny“ verlieh. Nicht zufällig: Die bekannteste österreichische Tänzerin des 19. Jahrhunderts hieß Fanny Elßler (1810 – 1884). Ob die Statuette aber wirklich weiblich ist, kommt auf die Sichtweise des Betrachters an. Es gibt Prähistoriker, die in der „Venus“ eher einen Jäger mit Keule erkennen.

Weniger bekannt ist, dass am selben Ort noch zwei andere, möglicherweise unvollendete Frauenstatuetten entdeckt wurden. Beide sind aus dem Stoßzahn eines Mammuts gefertigt. Die eine plumpe Figur hat eine Höhe von 22,5 cm, die andere misst 9 cm. Sie werden als „Venus II“ und „Venus III“ bezeichnet. Ihr Zuhause teilen sie mit der „Galgenberg-Fanny“ und der „Venus von Willendorf“ im Naturhistorischen Museum in Wien.

Wenn wir nach der Urmutter aller Mütter fragen, landen wir wieder in den Höhlen der Schwäbischen Alb mit den bisher ältesten entdeckten Kunstwerken der Menschheit. Am 9. September 2008 machte der erfolgsverwöhnte Grabungsleiter Nicholas J. Conard eine neue spektakuläre Entdeckung im Hohle Fels. Der Urzeitforscher stieß mit seinem Team auf künstlerisch vollendete Tierplastiken und auf eine kleine Menschenfigur aus Mammutelfenbein. Sie sorgt seither als „Venus vom Hohle Fels“ für Aufsehen, denn sie ist dem Jahrgang des Löwenmenschen zuzuordnen. Mit 40.000 Jahren ist sie ein echtes „Golden Girl“, auch wenn ihre Größe von 6 Zentimetern im Vergleich zum Löwenmenschen bescheiden wirkt. Ihre zur Schau gestellte Weiblichkeit mit überdimensionierten Brüsten und stark vergrößerter Vulva ist eindeutig zweideutig. Details im Brustbereich und oberhalb des Bauches erstaunen: eingravierte konzentrische Linien. Ob Tätowierungen, Bänder, Kleidungsstück oder eine Art eiszeitlicher Büstenhalter, bleibt der Fantasie überlassen. Was noch überrascht: Der Kopf fehlt. Stattdessen gibt es im Halsbereich eine Öse, die vermuten lässt, dass die Figurine als Amulett getragen wurde. Oder, was freilich eine noch größere Sensation wäre: Es gab ein bewegliches Kopfstück, das am Hals der Figur befestigt war. 2015 wurde ein neues Fundstück aus dem Hohle Fels präsentiert. Es ist wiederum der Torso einer weiblichen Figurine.

Der Zweck dieser und all der anderen Frauenplastiken ist ungeklärt. Die Deutungsversuche reichen von Fruchtbarkeitssymbol über Lebensspenderin und Muttergottheit bis hin zu Ahnendarstellung. Waren die Venusfiguren Abbildungen realer Frauen der Altsteinzeit? Der Inbegriff einer früheren matriarchalischen Gesellschaftsstruktur? Oder urzeitliche Pin-ups als Ausdruck männlicher Wünsche und Sehnsüchte? Fragen, die bis heute unter Fachgelehrten kontrovers diskutiert werden.

Das wirklich Erstaunliche: Die Huldigung der Muttergottheiten lässt sich bis in jüngere Epochen der Vorzeit und der Antike zurückverfolgen. Der Mutterkult schließt auch Mythen über Himmels-, Erd- und Fruchtbarkeitsgöttinnen mit ein. Im Alpenraum weit verbreitet sind Quellheiligtümer, die mit prähistorischen Göttinnen wie Raetia und Noreia verbunden werden. Viele christliche Gotteshäuser sind über oder in unmittelbarer Nähe prähistorischer Heiligtümer errichtet worden, dort, wo einst weibliche Gottheiten verehrt wurden. Besonders auffällig ist das in der Nähe von Leibnitz auf dem Frauenberg (Nomen est omen) in der Südsteiermark, wo neben der Wallfahrtskirche die Fundamente eines Isis-Noreia-Tempels freigelegt wurden. Und wo bleibt die sprichwörtliche Männlichkeit?

Im eiszeitlichen Weiler der Region Donau-Schwäbisch-Alb genossen offenbar beide Urzeitgeschlechter gleichberechtigte Verehrung. Der Mann in Gestalt des anmutigen großgewachsenen Löwenmenschen vom Hohlenstein-Stadel und einen Katzensprung entfernt die Frau in Form der kleinen dicken Venus vom Hohle Fels. Ein Bild für Götter – wie im biblischen Garten Eden mit dem ersten Menschenpaar Adam und Eva. Über 40 Jahrtausende trotzten sie gemeinsam allen Weltkatastrophen, gingen quasi durch dick und dünn und retteten sich hinüber ins Cyberspace-Zeitalter. Das verdient Bewunderung, Respekt und Anerkennung. Die gibt es seit 9. Juli 2017 ganz offiziell: Der Löwenmensch, die „Hohle-Fels-Venus“ und ihr Gefolge aus sechs schwäbischen „Höhlen der ältesten Eiszeitkunst“ wurden in das Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen!

Das Vermächtnis vergangener Welten zu bewahren und zu schützen, ist für den Fortbestand unserer Zivilisation entscheidend. Das wusste auch der deutsche Gelehrte Wilhelm von Humboldt (1767 – 1835): „Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft!“


Ausgrabungen in der Hohlensteinhöhle im Lonetal


Stadtwappen von Vöcklabruck

Der Wolfsegger Eisenklotz

„Die Zeit frisst Stahl und Eisen.“

Deutsches Sprichwort

Bezeichnung: „Salzburger Stahlwürfel“ oder „Eisenwürfel von Wolfsegg“; beides sind irreführende Begriffe, da es sich weder um einen Würfel handelt, noch das Fundstück aus Salzburg stammt.

Besonderheit: Bearbeitetes Eisenartefakt in der Größe von 65 x 60 x 50 mm und einem Gewicht von 730 Gramm. Das Objekt soll aus einer viele Millionen Jahre alten Kohleplatte herausgefallen sein.

Geschichte: Als Fundort wird die Schöndorfer Eisengießerei „Isidor Braun“ in der Stadtgemeinde Vöcklabruck in Oberösterreich genannt. Berichtet wird, dass im Herbst 1885 zum Heizen der Schmelzöfen große Braunkohleplatten aus dem zwölf Kilometer entfernten Wolfsegger Bergbau (1995 stillgelegt, heute ein Industriedenkmal) angeliefert worden sind. Beim Zerschlagen der Platten entdeckte ein Arbeiter namens Riedl den sonderbaren Klumpen, der aus der Kohlemasse herausgefallen sein soll. Seither erlangte der „Wunderwürfel“ zweifelhaften Ruhm in vielen Publikationen der Grenzwissenschaften. Die Erklärungshypothesen reichen von „plumper Fälschung“ über „seltener Meteorit“ bis hin zu „Überbleibsel einer Vor-Zivilisation“ oder „Hinterlassenschaft außerirdischer Erdenbesucher“. Die Fantasie wurde dadurch beflügelt, dass kaum einer der Autoren das „Beweisstück“ jemals selbst zu Gesicht bekommen hatte. Lange Zeit galt der legendäre Metallklotz als verschollen und geriet in Vergessenheit. 2017 wurde er aus dem dunklen Museumsdepot wieder ans Licht gebracht.

Alter: unbekannt

Aufbewahrung: Heimathaus-Stadtmuseum Vöcklabruck in Oberösterreich

Am falschen Ort zur falschen Zeit


Geologisches „Problematikum“

Wie kommt der versteinerte Abdruck einer Reifenspur in die geologische Schicht der Dinosaurierära? Erinnerungen an Familie Feuerstein? Mit diesem Rätsel werden Besucher des Thonetschlössls in Mödling bei Wien konfrontiert. Das historische Gebäude beherbergt einen Teil der Sammlung des städtischen Bezirksmuseums. In der geologischen Abteilung liegen in einer Vitrine Gesteinsbrocken aus der heimischen Kreidezeit, die irritieren. Sie zeigen regelmäßige, wabenähnliche Gittermuster, die verblüffend an Reifenspuren heutiger Mopeds oder Autos erinnern. Daneben ist ein Cartoon mit einem Motorrad abgebildet, mit dem Text: „Entstand diese Lebensspur damals auf ähnliche Weise?“

Was scherzhaft gemeint ist, erklärt aber nicht den Ursprung der Abdrücke. Geologen nennen diese Spuren Paleodictyon. 1850 wurden sie erstmals entdeckt und beschrieben. Als Erklärung wird angeboten, dass die versteinerten Strukturen durch unbekannte Urzeitorganismen, Aktivitäten einzelliger Spurenfossilien oder durch tatsächliche Skelettabdrücke von Körperfossilien entstanden sind. Ebenso werden chemische Umweltfaktoren ins Spiel gebracht. Eine natürliche Erklärung ist die vernünftigste, kurios sind die urzeitlichen „Reifenspuren“ allemal.


Welches Fossil der Urzeit hinterlässt „Reifenspuren“?

Ungeklärte urgeschichtliche und archäologische Funde, die völlig aus der Reihe tanzen, schaffen es immer wieder, die Gemüter der Gelehrtenwelt zu erhitzen. Die Fachwelt bezeichnet diese „regelwidrigen“ Entdeckungen als OOPArt, eine Abkürzung für Out-of-Place Artifact („Artefakte am falschen Platz“).

Der US-Kryptozoologe Ivan Terence Sanderson (1911 – 1973) prägte diesen Begriff für historische, archäologische und paläontologische Funde, die nicht ins vertraute Schema passen. Zu diesen Grenzfällen der Archäologie gehören handwerkliche Gegenstände wie Eisennägel, Schrauben, Gefäße, Schmuck oder menschliche Knochen, die angeblich bei ihrer Auffindung komplett von Gestein umschlossen waren. Aus dem Zeitalter der industriellen Kohlewirtschaft ab dem 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts liegen besonders viele Protokolle vor.

Eine OOPArt-Entdeckung führt in die USA ins Jahr 1880. Damals baute ein Ranger in den Bergen von Colorado Kohle ab. Das Material stammte aus einem Schacht, welcher 90 Meter in die Tiefe führte. Jeden Tag nahm er davon eine Fuhre mit nach Hause. Daheim stellte er fest, dass die Kohlestücke zu groß zum Verbrennen waren. Er zerkleinerte einige davon – und heraus fiel ein eiserner Fingerhut. Das Fragment wurde in der näheren Umgebung bald als „Evas Fingerhut“ berühmt, blieb aber nicht lange erhalten. Das Metall erwies sich als sehr bröckelig. Schließlich ging das Relikt verloren. Die Kohle, in dem der Gegenstand angeblich eingebettet war, war Ende der Kreidezeit vor 65 Millionen Jahren entstanden.

Zweifel am Wahrheitsgehalt solcher Meldungen sind berechtigt. Schon deshalb, weil nur wenige Beweisstücke für Untersuchungen erhalten sind. Zu den bekanntesten Gegenständen aus der Galerie skurriler erdgeschichtlicher Funde zählt ein „fossiler Hammer“, der 1934 bei London in Texas entdeckt wurde. In der Literatur kennt man ihn als „The London Artifact“. Während einer Wanderung im Juni 1934 stieß die 32-jährige Emma Hahn mit ihrer Familie auf das eigentümliche Überbleibsel. Aus einem Felsbrocken ragte ein Stück Holz hervor. Neugierig begutachtete man das Mysterium und versuchte es freizulegen. Dann das Unbegreifliche: Das Holz entpuppte sich als Holzstiel eines Hammers! Staunen und ungläubiges Kopfschütteln überkam die arglosen Wanderer. So etwas konnte es doch nicht geben! Denn das Gestein, in dem der Hammer eingeschlossen war, musste ein Alter von vielen Millionen Jahren aufweisen. Eine urzeitliche Epoche, in der – unserem Weltbild zufolge – kein menschliches Leben existiert haben kann. Wer aber sollte sonst dieses Werkzeug angefertigt und liegen gelassen haben, wenn nicht ein Mensch? Heute wird der Hammer von militanten Verfechtern der Schöpfungslehre als Indiz gegen Darwins Evolutionslehre ins Feld geführt. Skeptiker hingegen halten es für viel wahrscheinlicher, dass ein Bergarbeiter im 19. Jahrhundert das Werkzeug verloren hat. Später sei es dann vom Sedimentgestein umschlossen worden.

Ein anderer bizarrer Fund, der die Geschichte überdauert hat, ist ein Eisenbecher, der, so wird behauptet, 1912 in Arkansas beim Aufschlagen eines Kohlebrockens zum Vorschein kam. Es gibt dazu eine eidesstattliche Erklärung, aus der hervorgeht, dass der Behälter bei seiner Entdeckung in einen Klumpen Kohlegestein eingebettet war. In dem beglaubigten Dokument vom 27. November 1948, das von Finder Frank Kennard aus Sulphur Springs im US-Bundesstaat Arkansas stammt, wird der ungewöhnliche Vorfall bezeugt: „Während ich 1912 für die Municipal Electric Plant (Anm.: Städtisches Elektrizitätswerk) in Thomas, Oklahoma, arbeitete, stieß ich auf einen soliden Brocken aus Kohle, der zu groß war, um ihn weiter zu verwenden. Ich brach ihn mit einem Vorschlaghammer auseinander. Dabei fiel dieser eiserne Topf aus dem Inneren des Brockens und hinterließ seinen Formabdruck in einem Stück aus Kohle. Jim Stull (Anm.: ein Angestellter der Firma) war Augenzeuge in dem Moment, als das Gestein aufgebrochen wurde, und sah ebenfalls den Topf herausfallen. Ich versuchte, den Ursprung der Kohle herauszufinden, und stellte fest, dass sie aus der Oklahoma Mine in Wilburton stammt. Sign. Frank Kennard.“ (C. E. Baugh, „Dinosaur“)

Der Eisenbecher und der Hammer sind Musterbeispiele für kuriose Unikate. Sie waren 2001 in der vom Kulturmanager Klaus Dona realisierten und von mir mitinitiierten Ausstellung „Unsolved Mysteries – Die Welt des Unerklärlichen“ im Wiener Schottenstift zu sehen. Hier wurden Hunderte archäologische Rätselfunde aus aller Welt erstmals im Original präsentiert und zur Diskussion gestellt. 2004 wanderte die Schau weiter in die Schweiz nach Interlaken in den „Jungfrau-Park“, der damals noch „Mystery-Park“ hieß.

Ein großes Sammelsurium solcher OOPArt hortet der US-amerikanische Kreationist Carl Baugh in seinem 1984 gegründeten „Creation Evidence Museum“ in Texas. Vordergründig wohl aus religiöser Überzeugung. Neben dem „fossilen Hammer“, dem „eisernen Becher“ und der Kopie der eidesstattlichen Urkunde des Finders gibt es dort noch jede Menge weitere „Evolutionsfallen“ zu sehen, die am gesunden Menschenverstand zweifeln lassen. Ein versteinerter Schuhabdruck mit einem zertretenen Urzeitkrebs aus dem Erdmittelalter gehört genauso dazu wie ein menschlicher Riesenfinger und Steinplatten mit Hand- und Fußabdrücken, die angeblich aus der Saurierepoche stammen.

Wenn die Fundstücke echt sind und immer wahrheitsgetreu berichtet wurde, die erdgeschichtlichen Zeittafeln stimmen und die Relikte tatsächlich so alt sind wie das Gestein, in dem sie aufgefunden wurden, haben wir ein Problem. Dann wären sie nämlich Abermillionen Jahre vor dem Auftauchen der ersten nachweisbaren menschlichen Vorfahren entstanden. Wie kann das sein? Könnten die Hinterlassenschaften von einer unbekannten Hochkultur stammen, die lange vor unserer Zeit existierte? Damit wäre unser vertrautes Weltbild auf den Kopf gestellt. Geologen und Paläontologen sind skeptisch. Sie halten eine neuzeitliche Herkunft vieler Spielarten von OOPArt für wahrscheinlicher. Aber wie können Objekte innerhalb von nur wenigen Jahrhunderten oder gar Jahrzehnten von Gesteinsmassen völlig umschlossen werden? Eine Theorie der Geowissenschaft besagt, dass ein chemisch-geologischer Prozess der Natur damit zu tun hat, der als Konkretion bezeichnet wird. Wenn mineralreiches Wasser verdampft, hinterlässt es feinkörnige Rückstände, die rasch anwachsen können, bis sie einen Gegenstand umschließen. Ein natürlicher Vorgang, der keine Millionen Jahre überbrücken muss, versichern Geologen.

Das Dilemma bei der wissenschaftlichen Überprüfung: Es gibt keine Vergleichsanalysen der Gesteinsarten am Fundort, in denen die entdeckten Artefakte wie behauptet eingeschlossen waren. Gleiches gilt für fehlende Kohlebrocken mit den hinterlassenen Formabdrücken der fraglichen Gegenstände. Wir müssen dennoch nicht gleich an Schwindel und Scherze denken, aber eine Unsicherheit schwingt bei der Beurteilung archäologischer „Verrücktheiten“ immer mit: die überlieferten Fundumstände. Wie zuverlässig sind sie? Und: Ziehen wir aus den vorhandenen Daten immer die folgerichtigen Schlüsse?

OOPArt aus Vöcklabruck


Charles Fort

Die Frage nach der Zuverlässigkeit alter Quellen stellt sich auch beim eingangs erwähnten legendären OOPArt-Fall aus Österreich. Es betrifft einen angeblichen „Würfel aus Stahl“, der historischen Aufsätzen zufolge im Inneren einer Kohleplatte steckte. Der Amerikaner Charles Fort (1874 – 1932), ein emsiger Sammler von Zeitungsberichten über unerklärliche Phänomene, erwähnte den Fall bereits 1919 in seinem „The Book of the Damned“. Die deutsche Übersetzung erschien 1995 unter dem Titel „Das Buch der Verdammten“. Fort schreibt von der Entdeckung eines „Metallwürfels“ und führt mehrere Quellen aus dem 19. Jahrhundert an, darunter Reportagen in den Wissenschaftsjournalen „Nature“ und „L’Astronomie“. Seither wird in Mystery-Kreisen darüber spekuliert, ob das Unikat ein Überbleibsel einer versunkenen Vor-Zivilisation ist.

Vor allem in den 1960er- und 1970er-Jahren brachte es der geheimnisumwitterte „Salzburger Eisenwürfel“ zu bemerkenswerter Berühmtheit. Dafür sorgten viele bekannte Mitstreiter alternativer Theorien von Robert Charroux bis Johannes von Buttlar. Sie berichteten darüber in ihren Werken und hatten dabei leider alte Artikel oder Kommentare von Kollegen ungeprüft übernommen. Keiner der grenzwissenschaftlichen Autoren hatte das Corpus Delicti jemals persönlich in Augenschein genommen. Was die Nachforschungen damals erschwerte: Das Artefakt galt zwischenzeitlich als verschollen.

Als Freund fantastischer Ideen muss ich mich selber an der Nase nehmen. In meinem Sachbuch „Geheimnisvolles Österreich“ schrieb ich im Jahre 2006: „Skeptiker halten den ‚Salzburger Würfel‘ eher für eine ‚Laune der Natur‘ oder einen gewöhnlichen Eisenklumpen von einer Industriemaschine. Ein Pech, dass dieses Beweisstück für Untersuchungszwecke nicht mehr zur Verfügung steht. 1886 bis 1910 war es in einem Salzburger Museum ausgestellt. Mit Ende des Zweiten Weltkrieges verlieren sich die Spuren. Jahrzehnte später soll das Relikt im Oberösterreichischen Landesmuseum Linz und danach im Heimatmuseum von Vöcklabruck aufbewahrt worden sein. Seit einigen Jahrzehnten ist das anormale Ding erneut unauffindbar.“

In Wahrheit befand sich das Metallstück seit 1958 im Heimathaus von Vöcklabruck in Oberösterreich. Was ich damals verabsäumte, holte ich im März 2017 mit einer Anfrage im Museum nach. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Kurator Helmut Kasbauer bestätigte, dass sich „der Wolfsegger Eisenfund nach wie vor im Museum befindet, allerdings nicht als Ausstellungsstück, sondern im Depot“. Bei einem persönlichen Treffen, so Helmut Kasbauer ermutigend, könne ich den „Stein des Anstoßes“ selbst unter die Lupe nehmen. Ein Lockruf, dem jeder Sonntagsforscher gerne folgt.

Der älteste Report

Die Odyssee um den deklarierten „Salzburger Stahlwürfel“ ist eine tollkühne Geschichte. Sie ist es wert erzählt zu werden, weil sie uns vor Augen führt, wie leicht die Verzerrung alter Berichte, missverstandene Übersetzungen, falsche Ortsangaben, aber auch ausufernde Fantasie in die Sackgasse führen können. Es ist wie beim Kinderspiel „Stille Post“, bei dem die Nachricht einer Person ins Ohr des Nachbarn geflüstert wird. Dieser gibt dann das Halbverstandene auf die gleiche Weise an andere Teilnehmer weiter. Am Ende der Fahnenstange kommt etwas Irrwitziges heraus, das mit der ursprünglichen Information nur mehr wenig zu tun hat.


Protokoll zum „Salzburger Eisenwürfel“ aus dem Jahr 1886

Um die Spreu vom Weizen zu trennen, ist es wichtig, die Urquelle zu kennen. Sie führt zum Bauingenieur Dr. Adolf Gurlt, der sich als Geologe für das seltsame Eisenrelikt interessierte und dazu am 7. Juni 1886 vor der „Niederrheinischen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde“ in Bonn referierte. Das Dokument zum Sitzungsbericht des Vereins befindet sich im Archiv der Universität Erlangen. Es ist der älteste Report zum kuriosen Eisenklotz und zugleich Quelle für alle weiteren Berichterstattungen. Das Protokoll ist relevant und hilft bei der Wahrheitsfindung.

„Dr. Gurlt legte einen merkwürdigen Eisenmeteorit, sogenannten Holosiderit, vor, welcher sich in tertiäre Braunkohle eingeschlossen vorfand. Derselbe ist Eigenthum des städtischen Museums Carolino-Augusteum in Salzburg und wurde an dasselbe von Herren Isidor Braun Söhne zu Schöndorf bei Vöcklabruck in Oberösterreich geschenkt. Er wurde um die Zeit von Allerheiligen 1885 in der Gussstahl- und Feilenfabrik dieser Firma von einem Arbeiter zufällig entdeckt, als derselbe einen Block fester Braunkohle, die aus dem Bergwerke zu Wolfsegg, der Wolfsegg-Traunthaler Bergwerksgesellschaft gehörig, stammte, der bequemeren Heizung wegen zerschlug.“

Weiters erfahren wir aus der Akte, dass der Eisenklotz mehreren Sachverständigen zur Begutachtung vorgelegt wurde. Doch deren Expertisen fielen unterschiedlich aus. Einige Gelehrte hielten den Fund für ein „Kunstprodukt“ aus „Meteoriteneisen“, das nachträglich durch Menschenhand bearbeitet wurde. Dafür spräche die „sehr regelmäßige Gestalt“ des Eisenstückes, heißt es. Andere Experten bezweifelten diesen Verdacht und stützten sich auf eine nähere Untersuchung, aus der angeblich deutlich hervorginge, „dass man es hier mit einem nicht bearbeiteten Eisenmeteorit oder einem Holosiderit zu thun hat, der keine steinartige Meteormasse enthält“.

Was besonders interessant ist: In dem Protokoll wird die Form des ominösen Gegenstandes erstmals als „Würfel“ beschrieben: „Der Holosiderit hat einen fast quadratischen Querschnitt und entspricht einem Würfel, an dem zwei gegenüberliegende Flächen, kissenartig, stark abgerundet sind, während die übrigen vier Flächen durch diese Abrundungen viel schmäler geworden und in der ganzen Länge mit einer tiefen Furche versehen sind. Sämmtliche Flächen und Furchen sind mit den für Meteoreisen so sehr charakteristischen Näpfchen oder Aussprengungen bedeckt, daher eine nachträgliche Bearbeitung durch Menschenhand ausgeschlossen ist.“

Irdisch oder außerirdisch? In dem Gutachten werden Größe, Gewicht und Beschaffenheit erstmals genannt, die die These stützen sollten, wonach das Relikt angeblich aus den Tiefen des Alls stamme. „Das Eisen ist mit einer dünnen Haut von magnetischem Eisenoxydoxydul überzogen, welche eine feine Runzelung zeigt. Der Holosiderit hat 67 mm grösste Höhe, 62 mm grösste Breite und 47 mm grösste Dicke; er wiegt 785 gr, hat 7,7566 specifisches Gewicht, die Härte des Stahls und enthält ausser chemisch gebundenem Kohlenstoff eine geringe Menge Nickel, ist aber bisher nicht quantitativ analysirt worden. Eine kleine Schliff-Fläche, welche mit Salpetersäure angeätzt wurde, lässt die bei Meteoreisen sonst gewöhnlichen Widmannstätten’schen Figuren nicht erkennen, wohl aber zwei verschiedene Metalllegierungen. Hierdurch, sowie durch seine kubische Spaltbarkeit, welche auch die Ursache der regelmäßigen Form ist, kommt er den berühmten Meteoreisen von Braunau in Böhmen und Santa Catarina in Brasilien sehr nahe.“

Wie aber sollte ein Meteorit in einer Kohlegrube gelandet sein? Der Bericht zu Adolf Gurlts Studie glaubt die Antwort zu kennen. Sie mutet für heutige Verhältnisse recht skurril an:

„Die Braunkohle, in welcher der Holosiderit gefunden wurde, wird zu Wolfsegg unterirdisch abgebaut; derselbe kann also nur während ihrer Bildung in der Tertiärzeit in dieselbe hineingefallen sein und somit gehört er zu einem der seltensten Funde von Meteoriten aus einer älteren geologischen Epoche.

Die langen Furchen auf den schmalen Flächen hatten besonders an eine nachträgliche künstliche Bearbeitung denken lassen; doch kommen solche rinnenartige Ausfurchtungen neben den Näpfchen bei den meisten Eisenmeteoriten vor. Die ganze äußere Erscheinung lässt sich durch die Annahme leicht erklären, dass der abgesprengte Eisenwürfel bei seinem Fluge durch die Atmosphäre, mit über 30 Kilometer Geschwindigkeit in der Sekunde, eine Rotation besaß, deren Axe rechtwinklig durch die Mitte seiner beiden Seitenflächen ging, daher diese nur an den Kanten abgesprengt wurde, während die ihn der Rotationsperipherie liegenden vier Flächen die tiefen Ausfurchtungen erhielten.“ War damit alles wissenschaftlich geklärt? Mitnichten. Ab diesem Bericht ging die Kontroverse um den „Eisenwürfel“ erst richtig los.

Falsche Fährten

Der Sitzungsbericht über Adolf Gurlts Expertise zum angeblichen Geschoss aus dem All enthält viele Mängel. Sie sind „hausgemacht“, weil der Gelehrte seinen Kollegen nicht das originale Beweisstück vorlegte, so wie das im Auftakt des Protokolls behauptet wird. Es waren lediglich Fotografien, die für eine Prüfung zur Verfügung standen. Ob Gurlt das Eisenrelikt überhaupt jemals selbst in der Hand gehalten hat, ist fraglich. Das geht aus den Recherchen von Hubert Malthaner und Adolf Schneider hervor. Die beiden Ingenieure besuchten 1973 das Heimathaus in Vöcklabruck und gehören zu den wenigen Autoren, die den ominösen Metallklotz tatsächlich im Original gesehen haben. Ihre Reportage über „Das Geheimnis des Salzburger Würfels“ wurde 1974 in der Mai-Ausgabe der Zeitschrift „Esotera“ veröffentlicht.


Der „Eisenwürfel“ 1974 als Coverstory im Magazin „esotera“

Schon damals war bekannt, dass etliche Angaben von Adolf Gurlt nicht stimmen. Das Eisenrelikt sieht zwar wie ein geometrischer Körper aus, ist aber kein Würfel. Es entspricht vielmehr einer Trapezplatte mit aufgewölbten Seitenflächen, die etwa 50 dellenförmige Vertiefungen bedecken. Die vier schmalen Seitenflächen rund um das Objekt zeigen eine einheitliche Rinne von etwa 10 mm. Diese Eigenart im Gestein stiftete viel Verwirrung. Besonders nach der Veröffentlichung eines Artikels im französischen Wissenschaftsmagazin „Science & Vie“. In Ausgabe Nr. 516 vom September 1960 beschreibt der Autor Georges Ketman das Eisenrelikt mit den Worten „parallélépipède parfaitement régulier“ (ein „vollkommen regelmäßiger Quader“).

Etwas wirklich Regelmäßiges, quasi ohne Makel, gibt es an dem Fragment nicht. Mit der falschen Übersetzung aus dem Französischen wurde die Verwirrung weiter gesteigert. „Parallélépipède“ mutierte zu „parallel pipes“. Bald darauf erfuhren erstaunte Leser in Zeitschriften aus aller Welt, dass ein russischer Archäologe beabsichtige „nach Salzburg zu reisen, um dort parallel liegende Röhren aus poliertem Stahl zu analysieren, die tief in den Adern eines Kohlebergwerkes eingebettet liegen und auf ein Alter von 30.000 Jahren datiert sind“. Ein Musterbeispiel dafür, dass Fake News kein Phänomen des Internetzeitalters sind.

Was noch auffällt: Je nach Publikation weichen die Größenangaben des Wolfsegger Eisenstücks voneinander geringfügig ab. Das kann man innerhalb der Toleranzgrenze gelten lassen. Was aber hat es mit der immer wieder genannten Ortsangabe „Salzburg“ auf sich? Gemäß der Urquelle von Adolf Gurlt befand sich der Eisenfund im Besitz des Museums Carolino-Augusteum in der Stadt Salzburg. Das Museum existiert bis heute und wurde bis 2007 so genannt, heute heißt es „Salzburg Museum“, aber das Relikt aus Wolfsegg war dort vermutlich nie zu Gast.


Sorgte 1960 für Verwirrung: „Fake News“ im Fachmagazin „Science & Vie“

Die „Phänomene-Detektive“ Malthaner und Schneider glauben an eine Verwechslung der ähnlich klingenden Museumsnamen „Carolino“ und „Carolinum“. Belegt ist, dass das Original gemeinsam mit einer Replik aus Gips in den Jahren 1950 bis 1958 im „Museum Francisco-Carolinum“ zu Linz verwahrt wurde. Lag das Fundstück dort kurzfristig schon in früherer Zeit? Verwunderlich wäre das nicht. Im Carolinum-Palais, heute Sitz der Landesgalerie Linz, waren viele Jahrzehnte lang die naturhistorischen Schätze der Region untergebracht. In den 1960er-Jahren wurden die einzelnen Abteilungen in die „Oberösterreichischen Landesmuseen“ ausgelagert. Der Großteil der Sammlungen übersiedelte publikumswirksam ins Linzer Schloss.

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Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
365 s. 243 illüstrasyon
ISBN:
9783990404720
Yayıncı:
Telif hakkı:
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