Kitabı oku: «Überirdische Rätsel»
Überirdische Rätsel


Reinhard Habeck
Überirdische Rätsel
Entdeckungsreisen
zu wundersamen Orten


Steinkreis im Wald bei Mötz in Tirol
Merci in Liebe für
Besi, Truska und Elvira
Unsere gemeinsamen
Entdeckungsreisen
zu wundersamen Orten
haben meine Vorstellungswelt
mehr bereichert als
irgendetwas anderes
im Leben.

Votivtafeln als Dank für Rettung und Gebetserhörungen in der ehemaligen Totenkapelle in Absam in Tirol
Inhalt
Cover
Titel
Danksagung/Widmung
Anstoß: Wenn das Überirdische ruft!
MARIENWUNDER IN ÄGYPTEN
Erscheinungen der Himmelskönigin, der heilige Matarija-Baum und die Stätte des Uranfangs
Wunder gibt es immer wieder
Ungewöhnliches Leuchten über Shoubra
Die Erscheinungen von Zeitoun
Der heilige Baum von El Matarija
Kosmische Spuren
STEINE DER HEILIGEN UND GÖTZEN
Von Himmelssteinen, Mirakelsteinen und versteinerten Launen in der „12-Apostel-Zeche“
Göttersteine und ihre Mythen
Die „Skystones“ aus Sierra Leone
Der Schwarze Stein an der Kaaba
Le Puy und der schwarze „Fieberstein“
Der rote Fridolin-Stein zu Rankweil
Der weiße Stein des heiligen Arbogast
Geheime Welt unter Klosterneuburg
DIE MACHT DER SCHWARZEN MADONNA
Sonderbare Schutzheilige, rabenschwarzer Marienkult und das fliegende Haus von Loreto
Dunkle Geheimnisse
Maria Magdalena und die Schwarze Sara
Heiligtümer, Himmelslichter und Montserrats Moreneta
Pilgerziel Loreto
Glaube und Wissenschaft
Als die Schwarze Madonna zum Mond flog
Das „Loreto-Kindl“ und die „Schwarze Kuchl“
Die Schwarzen Mädeln von Wien
PFORTE INS HÖLLENREICH
Pompejis Ruinen, Solfataras Schwefelwelt und die Blutwunder des heiligen Januarius
Urbilder der Hölle
Dante und die Phlegräischen Felder
Die versteinerten Toten von Pompeji
Römische Tempelmysterien
Solfataras brodelnder Supervulkan
Wunderglaube um San Gennaro
Abstieg in die Unterwelt
Lebendiger Glaubenskult
WUNDERSAME WALLFAHRTSORTE
Übernatürliche Souvenirs, UFOs in alten Kirchen und unruhige Knochen von Heiligen
Das „heilige Gesicht“ von Manoppello
Hier stand Maria!
Gemalter Himmelsspuk
Verborgene Kirchenschätze im Burgenland
Die Unverwesten
Barockjuwel mit bizarrer Reliquie
GÖTTLICHE BESCHERUNG
Das Wunder von Bethlehem, die Schätze von Santiago de Compostela und das „Jesusstern“-Sakrileg
Vorchristliche Weihnachten
Wundersame Geburtsgrotte
Auf nach Santiago de Compostela!
Heilige Kopfnüsse und der Botafumeiro-Effekt
Einzigartige Kunstschätze im Klosterhotel
Archäologiekrimi: ein Stern zu viel!
Schlusswort mit einem „Vergelt’s Gott!“
ANHANG
Quellen und Literatur
Bildnachweis
Weitere Bücher
Impressum

Wendeltreppe mit Engelsköpfen in Mariastein (Tirol)
Anstoß:
Wenn das Überirdische ruft!
„Viel zu spät begreifen viele die versäumten Lebensziele: Freude, Schönheit der Natur, Gesundheit, Kultur und Reisen. Darum, Mensch, sei zeitig weise! Höchste Zeit ist’s! Reise, reise!“
Wilhelm Busch (1832 – 1908), deutscher Dichter und Zeichner
Wenn einer eine Reise tut … ja, dann hat er natürlich immer etwas zu erzählen. Selbst Menschen, bei denen der Urlaub traditionell „im Sand“ verläuft. Jemand steigt versehentlich auf einen Seeigel, die Badehose wird gestohlen oder der versprochene Meerblick entpuppt sich als Hinterhofpanorama. Solche Dinge passieren und belustigen die daheim Zurückgebliebenen. Auch moderne Technologien bieten neue, faszinierende Möglichkeiten: Expeditionen in die Fremde werden vermehrt virtuell mittels Computer und 3-D-Brille unternommen. Letztlich bleiben es aber immer nur Ausflüge in unwirkliche Scheinwelten.
Mir genügt das nicht. Die wirklich spannenden Geschichten höre ich immer von Vagabunden, die real an mystischen Orten waren, wo wundersame Erscheinungen, übersinnliche Begebenheiten und rätselhafte Entdeckungen bezeugt sind. In meiner Jugend waren das Abenteurer und Fantasten wie Heinrich Harrer, Thor Heyerdahl oder Erich von Däniken, die meine Neugierde für das Unbekannte und Unerforschte geweckt haben. Als Globetrotter um die Welt reisen, ferne Länder entdecken, Ruinen versunkener Reiche erkunden, fremde Kulturen und Menschen kennenlernen, davon träumte ich wie viele andere meiner Generation.
Als siebzehnjähriger Jungspund hatte ich endlich das nötige „Taschengeld“ für meine erste Fernreise zusammengekratzt. Sie führte mich 1979 ins einstige Pharaonenland am Nil – nach Ägypten. Zwischen Alexandria und Assuan begegnete ich einer mir damals fremdartigen Wunderwelt. Die Rätsel der Pyramiden, die legendären Pharaonenschätze, das profunde Geheimwissen der Priesterschaft und die altägyptische Mythologie haben meinen Blick auf die Wirklichkeit erweitert. In der Folge entstanden daraus literarische Gedanken und kühne Thesen, die ich erstmals 1982 (gemeinsam mit Peter Krassa, † 2005) in dem Sachbuch „Licht für den Pharao“ veröffentlichte.
Es sind bekanntlich die ungelösten Fragen, die den Verstand lebendig erhalten und unsere Fantasie beflügeln: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Wo liegt die Wiege unserer Zivilisation? Stimmt das Bild unserer Vergangenheit? Waren unsere Vorfahren weit fortschrittlicher als bisher angenommen? Kamen die Götter des Altertums als außerirdische Kulturbringer auf die Erde? Welche Wunder waren Auslöser dafür, dass bestimmte Plätze zu „heiligen Orten“ wurden? Liegen mysteriöse Artefakte noch irgendwo vergraben? Existieren sagenhafte Relikte, die unbeachtet und vergessen in geheimen Museumdepots verstauben?
Die Grenzgebiete des Wissens, die großen Menschheitsrätsel und die Entdeckungsreisen zu wundersamen Orten beschäftigen und faszinieren mich bis heute. Sie sind die Triebfeder für mein Schaffen. Aber ist nicht längst alles geklärt? Wir leben doch in einem hoch technisierten und aufgeklärten Zeitalter. Wir sind kritisch und skeptisch, wenn von unerklärlichen Funden und übersinnlichen Phänomenen die Rede ist. Durchaus begründet, denn viele vermeintliche „Wunder“ oder „Mysterien“ sind inzwischen als „Verwechslung“, „Falschmeldung“ oder sogar „Schwindel“ entlarvt worden. Aber – die Folgerung der Rationalisten, dass sämtliche Bereiche des „Überirdischen“ auf Spinnerei und Täuschung beruhen, ist mit Verlaub kopflos und unbewiesen. Warum in Gottes Namen sollte nur das der Wissenschaft heute Fassbare existieren?
Nicht erst seit Shakespeare wissen wir, dass es mitunter mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als uns unsere Schulweisheit erträumen lässt. Nichts davon verstößt gegen die Gesetze der Natur, sondern steht lediglich im Gegensatz zu dem, was wir bisher von ihnen wissen. Die Geduld der orthodoxen Gelehrtenwelt wird dennoch strapaziert. Vor allem dann, wenn sie mit spontanen und nicht fassbaren Phänomenen konfrontiert wird. Beispielsweise mit wiederkehrenden Lichterscheinungen, die als „Visionen der Gottesmutter Maria“ gedeutet werden. Vernunftmenschen behaupten: „Alles Halluzinationen!“ So banal lässt sich das Rätsel aber nicht wegdiskutieren. Es existiert seit Beginn unserer Zeitrechnung, tritt weltweit an bekannten und einsamen Orten auf, teilweise mit mysteriösen Begleitphänomenen und manchmal sogar vor Tausenden Augenzeugen. Eine logische Erklärung für diese gespenstisch anmutenden Lichtwunder gibt es nicht, und doch können sie Tag für Tag aufs Neue geschehen.
Seit einem Jahrzehnt zieht es mich magisch zu Erscheinungsstätten, Wallfahrtsorten, Gotteshäusern, Kapellen und hinab in modrige Kirchengrüfte. Dabei begleitet mich himmlisches Glück. Meine Lebenspartnerin Elvira Schwarz aus dem benachbarten Alphörnerland teilt meine Leidenschaft für das Mystische seit Anbeginn. Wir sind schon in ungezählten Pyramidenschächten herumgekrochen, haben auf aktiven Vulkanen getanzt und bestiegen vom Regenguss durchnässt einsame Götterberge. Die gemeinsamen Entdeckungsreisen zu den Schauplätzen des Überirdischen unternehmen wir bevorzugt mit dem Bus oder der Bahn. Weitere Erkundungen vor Ort erfolgen dann meist mit dem Drahtesel oder zu Fuß als Wandervögel. Dabei gab es bisher immer Staunenswertes, bisweilen auch Kurioses und nahezu Unglaubliches zu entdecken. Vieles davon haben wir im Bild festgehalten.
Das vorliegende Buch schließt an die jüngsten Vorgängertitel an. „Steinzeit-Astronauten“ (2014) lotst zu den Felsbildrätseln der Alpenwelt, „Ungelöste Rätsel“ (2015) präsentiert Wunderwerke der Archäologie und „Überirdische Rätsel“ führt nun zu Kultplätzen und Heiligtümern, wo das Wunderbare zur Wirklichkeit gehört. Die Auswahl der geheimnisvollen Orte ist eine subjektive. Mein Wunsch als Autor ist es, dass mir die Mischung geglückt ist. Ich hoffe, jede Leserin und jeder Leser findet etwas Reizvolles, das bei nächstbester Gelegenheit am „Tatort“ überprüft und in Augenschein genommen werden will.
Sieht man von der Kaaba in Mekka ab (allen Nichtmuslimen – so auch mir – wird der Zutritt in den heiligen Bezirk verwehrt), sind sämtliche heilige Stätten zu besichtigen. Für Spurensucher habe ich im Anhang hilfreiche Links und Kontakte genannt. Dabei spielt es keine Rolle, ob man als neugieriger Tourist, wissbegieriger Kunstfreund, hellhöriger Esoteriker oder frommer Pilger unterwegs ist. Für alle gilt das Gleiche: Wer danach sucht, wird vieles entdecken, das zum Staunen einlädt. Wenn das vorliegende Buch als kleine Anregung dafür dient, hat es seinen Zweck erfüllt.
Willkommen in der Welt des Überirdischen!

Wien im September 2016

Erscheinung in Zeitoun
MARIENWUNDER
IN ÄGYPTEN
Erscheinungen der Himmelskönigin, der heilige Matarija-Baum und die Stätte des Uranfangs
„Jedes Naturgesetz, das sich dem Beobachter offenbart, lässt auf ein höheres, noch unerkanntes schließen.“
Alexander Freiherr von Humboldt (1769–1859) Weltreisender und Naturforscher
Wunder gibt es immer wieder

Historisches Gemälde einer Marienerscheinung
Erscheinungen der Gottesmutter Maria zählen zu den großen ungelösten Rätseln der Menschheitsgeschichte. Aus zwei Jahrtausenden liegen über tausend gut dokumentierte Berichte vor. Dazu gehören die berühmten Manifestationen 1531 in Guadalupe (Mexiko), 1858 in Lourdes (Frankreich) und 1917 in Fatima (Portugal). Sie werden vom Vatikan offiziell als „Göttliche Wunder“ anerkannt.
Diese Phänomene ereignen sich entgegen landläufiger Meinung bis heute. Das Muster ist fast immer dasselbe: Kinder, Halbwüchsige oder „naiv veranlagte“ Frauen und Männer – ihrer Unbefangenheit wegen für mediale Offenbarungen besonders empfänglich – begegnen einer geheimnisvollen Lichtgestalt. Diese vermittelt auf telepathischem Wege manchmal eine recht kryptisch klingende Botschaft. Meist zeigt sich die überirdische „Himmelskönigin“ nur vor auserwählten „Seherkindern“ und bleibt für andere Menschen unsichtbar.
Naturwissenschaftler stehen derartigen „Begegnungen“ in der Regel skeptisch bis ablehnend gegenüber. Sie schreiben das angebliche Geschehen der Einbildungskraft der Betroffenen zu. Wie aber sind jene Vorfälle zu bewerten, bei denen nicht nur vermeintlich „auserwählte“ Einzelpersonen das Unerklärliche bezeugen können? Was, wenn sich die „Dame in der Lichtwolke“ über einen längeren Zeitraum dem staunenden Publikum zeigt und von Abertausenden Menschen wahrgenommen, fotografiert und gefilmt werden kann? Solche Ereignisse haben im digitalen Zeitalter mehrfach stattgefunden. Erstaunlicherweise weniger im Herzen der Christenwelt, sondern an Orten, wo man es nicht unbedingt erwarten würde – etwa in Ägypten.
LICHTPHÄNOMENE ÜBER ASSIUT
Wundersames geschah im Jahr 2000 in der Stadt Assiut in Mittelägypten. Im Spätsommer sorgte dort eine Lichtgestalt wiederholt für helle Aufregung. Alles begann am Abend des 17. August 2000, als über der koptischen Sankt-Markus-Kirche „mysteriöse Lichter“, „Tauben aus Licht“ und eine „leuchtende, schwebende Gestalt“ auftauchten. Nicht nur Christen, auch Muslime waren Zeugen des „himmlischen Wunders“, fotografierten und filmten. Selbst Schenuda III. (1923–2012), damals Oberhaupt der Koptisch-Orthodoxen Kirche, erkannte nach eingehender Prüfung die Echtheit der Erscheinung an und bezeichnete sie als „Zeichen des Trostes und des Friedens“. Der Segen für Ägypten erwies sich allerdings als trügerisch. Bis zum heutigen Tag kommt es in Assiut und anderswo in Ägypten immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen islamistischen Fundamentalisten und dem koptischen Bevölkerungsanteil.
Die Heilige Familie bei ihrer Flucht nach Ägypten
Assiut liegt nur wenige Kilometer nördlich des Dorfes Deir Dronka. Hier befindet sich am westlich gelegenen Berghang das „Kloster der Heiligen Jungfrau Maria“ mit Höhlen ehemaliger Einsiedler. Eine davon soll der Legende nach dem Jesuskind, Maria und Josef bei ihrer Flucht vor Herodes’ Häschern mehrere Jahre ein sicheres Versteck geboten haben. Im Neuen Testament wird das Erscheinen eines Engels erwähnt, der Josef zur Flucht geraten hatte: „Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage, denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten.“ (Matthäus 2,13–14)
Die unfreiwillige Reise führte nach koptischen Quellen von Palästina aus über den Sinai ins Nildelta und weiter ins heutige Kairo. Erst nach dem Tod von Herodes, wiederum durch einen himmlischen Boten verkündet, kehrte die Heilige Familie zurück nach Galiläa. Als südlichster Fluchtort wird Assiut genannt. Noch heute ehrt die christliche Gemeinde den „Heiligen Unterschlupf“ von Deir Dronka nahe Assiut, an dem sich immer wieder Wunder ereignen sollen.
Einen Wink zum Übernatürlichen gibt bereits die altägyptische Mythologie: Assiut, abgeleitet von Sauti (auf Deutsch „Wächter“), hat schon im Alten Reich der Pharaonen existiert. Es heißt, die Urstätte sei Geburtsort des schakalartigen Kriegs- und Totengottes Upuaut gewesen. Er wurde als Sohn des Osiris verehrt und war „der Leiter der Götter“ auf dem Weg ins Himmelreich. Upuaut wiederum bedeutet „Wegöffner“. Weltberühmtheit erlangte Upuaut 1993 durch das gleichnamige Mini-Roboter-Fahrzeug des deutschen Ingenieurs Rudolf Gantenbrink. Der Hightech-Einsatz führte zu spektakulären Entdeckungen in den sogenannten „Luftschächten“ der Cheopspyramide.

Kloster Deir Dronka bei Assiut
Was stutzig macht: An bestimmten Plätzen dieser Welt scheint das Übersinnliche bevorzugt über Jahrtausende zu wirken. Ist die Region Assiut mit dem Göttermythos von Upuauts überirdischen Sesam-öffne-dich-Kräften so ein zeitloser Offenbarungsort? Sind in diesem Sinne „Marienerscheinungen“ und ihre bizarren Begleitphänomene Türöffner in höhere, uns noch unbekannte Sphären?
Ungewöhnliches Leuchten über Shoubra
DIE DAME IM LICHT
Das Mirakel der Marienerscheinungen trat bei vielen Orten in Ägypten auf, die in der westlichen Welt kaum bekannt sind: Edfu (1982), Shentana El Hagar (1997), Gabal Dranka (2001) und in Ägyptens Metropole Kairo. Hier zeigt sich die geheimnisvolle Lichtgestalt besonders gerne. Das Verblüffende: immer vor Tausenden Menschen unterschiedlicher Glaubensbekenntnisse!
In der Nacht des 25. März 1986 geschah dies im östlich des Nil gelegenen, dicht besiedelten Shoubra-Viertel. Nahe der El-Teraa El-Boolakia-Straße, umgeben von engen Gassen. Dort steht das kleine koptische Gotteshaus St. Demiana. Zunächst bemerkten Anrainer ein „ungewöhnliches Leuchten“, das in ihre Wohnzimmer strahlte. Beim Blick aus dem Fenster erkannten sie „eine Wolke aus Licht, eine grelle Gestalt und zwei leuchtende Tauben“, die neben den beiden Türmen der Kirche schwebten. Augenzeugen berichteten später, sie hätten schon Monate zuvor im Kuppelbereich der Kirche seltsame „Lichtblitze“ wahrgenommen. Die Ursache dafür konnte nie geklärt werden. Erst mit dem plötzlichen Sichtbarwerden der leuchtenden Gestalt, die mehrmals verschwand und wieder auftauchte, ergaben die vorangegangenen Vorfälle einen Sinn: Die „Himmelskönigin“ hatte ihren Auftritt offenbar geplant und angekündigt.
In Windeseile sprach sich das Unfassbare in Kairo herum. Es dauerte nicht lange und die Straßen von Shoubra waren durch eine große Menschentraube verstopft, die gebannt zum Kirchendach starrte. Für fromme Christen bestand im Augenschein der weiß gekleideten Frauengestalt kein Zweifel: Das ist die Jungfrau Maria, die Gottesmutter des Erlösers! Der „Dame im Licht“ schien das Interesse an ihr zu gefallen, sie tauchte in den Folgemonaten immer wieder in unterschiedlichsten Facetten auf. Nicht nur in der Nacht, sondern vereinzelt am hellen Tag. Ihre Wesenheit soll manchmal von einem Halo aus transparentem Licht umhüllt gewesen sein, dann wieder mit einem Heiligenschein über ihrem Kopf. Oder es war nur eine undefinierbare „Lichtmasse“ zu erkennen, die sich dann im Farbenspiel in eine menschenähnliche Form verwandelte. Fallweise wurden Begleitphänomene wie „Blitze“, „Feuerzungen“, „eine Taube aus Licht“ und „veränderte Lichtstärken von milchig weiß bis gleißend hell“ bemerkt. Die Dauer der Erscheinungen variierte. Oft war der himmlische Spuk nur flüchtig für wenige Sekunden sichtbar, dann wieder bis zu mehr als einer Stunde.
KOPTISCHE GEISTLICHE BEZEUGEN SPONTANHEILUNG
Während der Erscheinungen in Shoubra kam es zu spontanen Heilungen. Von einem spektakulären Fall berichtet die ägyptische Wochenzeitung Watani in ihrer Ausgabe vom 1. Juni 1986. Demnach war die damals sechsjährige Theresa Soliman Youssef seit einem Unfall auf dem rechten Auge blind. Ärztliche Dokumente bestätigen die Verletzung der Hornhaut sowie misslungene operative Eingriffe. Als das Mädchen am 18. Mai mit ihrer Mutter die Kirche St. Demiana besuchte, kam es zu einer überraschenden Wende: „Plötzlich wurde auf der rechten Seite des Altars ein stark leuchtendes Gebilde sichtbar. Die kleine Theresa hob die Hand in die Richtung der Lichtquelle, wischte sich dann mit der Handfläche über ihr bislang krankes Auge und schrie verzückt auf: „, Mama, ich kann wieder sehen!‘“
Anwesende Geistliche der koptischen Kirche können den Zwischenfall bezeugen. Ebenso der Mediziner Dr. Fayez Akhnoukh, der das Mädchen untersuchte, die Sehschärfe beider Augen testete und verblüfft feststellte, dass Theresa auf wundersame Weise genesen war. Der Vorfall fand Einzug in die päpstlich-orthodoxen Protokolle zur Ermittlung der Erscheinungsserie. Patriarch Schenuda III. hatte sofort nach ersten Berichten von Augenzeugen einen Untersuchungsausschuss mit hochrangigen Bischöfen veranlasst. Dieselbe Kommission wurde am 11. April 1986 selbst mit dem Unbegreiflichen konfrontiert, als sich die „Dame im Licht“ zwischen 3 und 5 Uhr in der Früh über der Kirche zeigte. Die dortigen Erscheinungen dauerten bis 1991 an.

Patriarch Schenuda III.; Bildnis an einer Hauswand
Rationalisten werden hinter den Geschehnissen menschliche Fehlschlüsse, Aberglaube oder sogar Scharlatanerie wittern. Doch weshalb sollte die Heilige Synode der koptischen Kirche „technische Spielereien“ geduldet oder gar veranlasst haben? Das damit verbundene Risiko einer medialen Entlarvung wäre groß. Würde ein unterstellter päpstlicher „Marienbluff“ publik werden, wäre die Glaubwürdigkeit des Kirchenregiments verspielt und die Folgen für die im Land ohnedies diskriminierte Religionsgemeinschaft unabsehbar. Schon deshalb zielt die Behauptung mancher Skeptiker, leuchtende Himmelserscheinungen seien allesamt „nichts weiter als Hirngespinste“, ins Leere. Die Lichtphänomene in Shoubra sind gut bezeugt. Daran gibt es nichts zu rütteln. Eine unbekannte höhere Intelligenz scheint offenbar derartige Erscheinungen auszulösen. Ob es tatsächlich die überirdische Macht der Gottesmutter ist, bleibt freilich eine Frage des Glaubens und der Interpretation.
DIE FLUORESZIERENDE MADONNA VON WARRAQ AL-HADAR
Wie überzeugend sind Fotos und Videos? Die Bilddokumente zu Shoubra sind als schlüssige Beweise leider wenig aussagekräftig. Der „Fälschungsvorwurf“ schwingt bei der Kontroverse um Übersinnliches immer mit. Die Schwierigkeit, das Unerklärliche im Bild festzuhalten und wissenschaftlich zu analysieren, ist ähnlich problematisch wie bei behaupteten UFO-Kontakten oder flüchtigen Spukphänomenen. In den 1980er-Jahren glückten paranormale Schnappschüsse bestenfalls Profifotografen mit teuren hochempfindlichen Filmkameras. Heute, im Zeitalter digitaler Globalisierung, ist das anders. Eine Welt ohne Mobiltelefon mit Foto- und Videofunktion ist kaum mehr vorstellbar – auch in Ägypten. Am Abend des 10. Dezember 2009 gelang es erstmals eine „Marienerscheinung“ zu filmen. Übersinnlicher Schauplatz: die koptische „Kirche der Jungfrau Maria und des Erzengels Michael“ in Warraq al-Hadar im Verwaltungsbezirk Giseh, unweit der Pyramiden.
Gegen 20 : 30 Uhr wurde der Muslim Hassan auf ein starkes Licht aufmerksam. Zu diesem Zeitpunkt saß der junge Mann in einem Straßencafé neben der Kirche. Er vermutete, dass ein Kind auf einen Baum neben dem Eingang zum Gotteshaus geklettert war und mit einer Taschenlampe herumfuchtelte. „Doch dann wurde das Licht immer intensiver und schwebte vom Baum hinüber zur rechten Kuppel. Jetzt war die Form der Jungfrau Maria deutlich erkennbar. Ich beobachtete sie eine Zeit lang, dann filmte ich sie mit dem Handy, bis sie verschwand“, versicherte Hassan der Tageszeitung Al-Ahram.
Nach Mitternacht hatten sich Tausende Schaulustige am Erscheinungsort eingefunden. Auch die kirchliche Obrigkeit war inzwischen über das „Himmelszeichen“ informiert worden. Etwa drei Stunden lang konnte es gesehen und dokumentiert werden. In den Tagen darauf manifestierte sich die „leuchtende Madonna“ erneut. Wie in Shoubra und ähnlichen Erscheinungen ungeklärter Lichtgestalten kam es auch in Warraq al-Hadar zu vielen Begleiteffekten: „wundersame Heilungen“, „seltsame Lichtblitze“, „das Auftauchen und Verschwinden eines sternartigen Himmelsobjektes“ sowie „leuchtende Tauben, die plötzlich in der Luft erschienen“. Am 13. Dezember 2009 war Bischof Anba Theodosius von Giseh ein prominenter Augenzeuge der ungewöhnlichen Vorkommnisse.
Es dauerte nicht lange, bis die ersten Filmschnipsel und Bilder im Internet auftauchten, wo sie seitdem für Kontroversen sorgen. Während Gläubige davon überzeugt sind, dass die strahlende Silhouette das Abbild der Gottesmutter zeigt, glauben Skeptiker eher an ein von Menschenhand gemachtes Spektakel. Sieht man sich die Aufnahmen an, fällt es in der Tat schwer, in der Lichtquelle die Jungfrau Maria zu erkennen. Das gleißend helle Licht umstrahlt alle Konturen und Details. Nur die Umrisse sind sichtbar und erinnern mit viel Fantasie an eine Frauengestalt mit Heiligenschein.
Kritiker geben überdies zu bedenken, dass die Position der Madonna auf den Filmen stets mit dem Kirchturm dahinter identisch ist. Ihr Verdacht: Die Energiequelle stammt aus dem Inneren des Turms, weil sich dort eine Lichtquelle befindet. Leuchtet das ein? Nicht zwingend. Im Kirchturm brennt des Öfteren ein Licht. Das war und ist für Einheimische nichts Außergewöhnliches. Zudem reicht die schwache Helligkeit eines beleuchteten Raums nicht aus, um die fluoreszierende Leuchtmasse auf den Handyclips zu erklären. Man müsste dort schon ein bengalisches Feuer entfacht haben, um die Menschen zu täuschen (siehe Farbteil Seite 65 oben).
Die Erscheinungen von Zeitoun
ERSTE WAHRNEHMUNG
Die Geschehnisse in Warraq al-Hadar erinnern verblüffend an eine frühere Serie von „Marienerscheinungen“ im östlich des Nils gelegenen Kairoer Außenbezirk Zeitoun. Sie begann in der Nacht vom 2. auf den 3. April 1968 und fand jahrelang mehrere Male im Monat eine Fortsetzung. Wie 2009 im Fall „Warraq“ war es auch dort ein Muslim, der „Maria im Licht“ als Erster sah. Es geschah abends in der Toman-Bay-Straße, wo sich damals eine Busgarage der staatlichen Verkehrsgesellschaft befand. Einer der Mitarbeiter, der Wachmann Abed al-Aziz Ali, erblickte bei der Kuppel der kleinen „Kirche der Jungfrau Maria“ etwas Unfassbares. Er rief aufgeregt den Mechanikern zu: „Seht, da oben auf dem Kirchendach! Eine weiß gekleidete Frau im Licht!“ Die Männer befürchteten zunächst, dass sich ein Mädchen oder eine Nonne in selbstmörderischer Absicht in die Tiefe stürzen wolle. Feuerwehr und Polizei eilten zum Gotteshaus. Unterdessen verfolgte eine wachsende Menschenansammlung das bizarre Schauspiel.
Als sich Gestalt und Leuchtkraft der Erscheinung veränderten, sie frei in der Luft schwebte und eine Formation leuchtender Tauben über ihrem Kopf erschien, waren sich die Schaulustigen einig: Das ist die Jungfrau Maria, die Mutter des Lichts! Das Szenario hielt bis nach Mitternacht an, dann verschwand die Madonna ebenso plötzlich, wie sie aufgetaucht war. Doch sie kam wieder – Hunderte Male! Schon am nächsten Abend und an vielen Nächten darauf, ehe sie am 29. Mai 1971 endgültig verschwand.
ABERTAUSENDE AUGENZEUGEN
Hunderttausende Gläubige und Ungläubige haben die „Frau im Licht“ damals erblickt. Bereits im Mai 1968 kommentierte das damalige koptischorthodoxe Oberhaupt, Papst Kyrillos VI. (1902–1971), die mysteriösen Ereignisse in einer Aussendung der Diözese Zeitoun: „Die Erscheinungen geschahen in vielen Nächten und setzen sich noch fort in unterschiedlicher Weise. Manchmal erscheint Maria in ganzer Größe und dann wieder als Büste, umrahmt von einem leuchtend hellen Heiligenschein. Zeitweilig wurde sie in den Öffnungen auf dem Dach der Kirche gesehen, dann auch wieder außerhalb der Kuppel, wo sie sich bewegte und über das Dach der Kirche und der Kuppel ging. Als sie vor dem Kreuz auf der Kirchenkuppel niederkniete, leuchtete das Kreuz in hellem Licht. Sie bewegte ihre Hände, nickte mit ihrem Haupt und segnete die Menschen. Manchmal sah die Erscheinung wie eine Wolke aus, oder sie nahm die Form als Lichtgestalt an, wobei sich vor ihrem Körper leuchtende Objekte zeigten, die aussahen wie sehr schnell fliegende silbrig-weiße Tauben. Die Erscheinungen waren am Dienstag, dem 30. April 1968, über zwei Stunden zu sehen – von 2 : 45 Uhr bis zur Morgendämmerung gegen 5 Uhr. Tausende Menschen – Ägypter und Ausländer, Priester und Wissenschaftler – sahen diese Erscheinungen.“
OFFIZIELLE ANERKENNUNG
Besonders pikant: Ein Komitee aus Bischöfen – beauftragt, Untersuchungen anzustellen – wurde selbst Zeuge des Übernatürlichen. Erzbischof und Kommissionsmitglied Anba Athanasius erinnert sich in einem von Pearl Zaki verfassten Buch, dass anfangs nur ein „fluoreszierendes Licht“ wahrgenommen wurde: „Dann stand sie plötzlich da in voller Gestalt, schwebte fünf oder sechs Meter über der Kuppel, hoch im Himmel wie eine phosphoreszierende Statue, aber keineswegs starr. Ihr Körper und ihre Kleidung bewegten sich. Von allen Seiten drängten die Menschen zur Kirche. Der Zaun wurde von der Menge einfach niedergetrampelt.“
Die koptische Kirche hat die Erscheinungen von Zeitoun als „göttliches Wunder“ offiziell anerkannt. Der katholische Kardinal Stéphanos I. Sidarouss (1904–1987) sowie der Leiter der evangelischen Kirche in Kairo, Pastor Dr. Ibrahim Said, folgten dieser Einschätzung: „Die Erscheinungen sind echt und glaubwürdig!“
Was gleichermaßen erstaunt: Die Erscheinungskirche von Zeitoun war bereits 1925 vom Landbesitzer Taufik Khalil Ibrahim errichtet worden. Als Vorbild diente die Hagia Sophia in Istanbul. Die „Kirche der Jungfrau Maria von Zeitoun“ sollte eine Miniaturausgabe der byzantinischen Kathedrale werden. Dafür gab es angeblich eine erklärte Anweisung aus höheren Sphären. Ibrahim hatte eine Vision, in der ihm die „Heilige Jungfrau Maria“ erschienen war. Sie soll ihn zum Kirchenbau gedrängt und ihm versprochen haben, an dem vorbestimmten Platz nach Jahrzehnten wieder zu erscheinen (siehe Farbteil Seite 68 links unten).
Die Erscheinungen von Zeitoun machten 1968 international Schlagzeilen.
FOTOBEWEISE UND TAUBENRÄTSEL
Was die Vorfälle in Zeitoun noch interessant macht: Hier glückte es Zuschauern erstmals, Fotobelege einer „Marienerscheinung“ zu produzieren. Die ägyptische Tageszeitung Al-Ahram veröffentlichte dazu 1968 in ihren Ausgaben vom 27. April und 5. Mai ausführliche Bildberichte. Eine Aufnahme von Wagih Rizk ist ein berühmtes Zeitdokument: Sie zeigt das schwebende „Lichtgebilde“ neben der Kirchenkuppel. Die überzeugendsten Bildbeweise stammen vom Fotografen Fawzy Mansur und von Ali Ibrahim, einem Leiter des Ägyptischen Museums in Kairo. Ihre Fotos wurden von Bildtechnikern nach streng wissenschaftlichen Methoden untersucht, ohne dass ein Hinweis auf Fehler oder Betrug gefunden werden konnte. Auch eine elektrische Quelle für eine künstlich erzeugte Gestalt konnte ausgeschlossen werden. Schon deshalb, weil mehrfach während der Erscheinungen in den umliegenden Stadtwerken absichtlich der Strom zu Testzwecken abgeschaltet wurde – das Lichtwesen aber weiterhin präsent blieb. Ein technischer Trick mittels eines Generators, der Lichteffekte auf die Wolkenbänke projiziert haben könnte, kam ebenso nicht infrage. Die geknipste „Himmelskönigin“ war offenbar „dreidimensional“ und aus sich heraus „selbstleuchtend“. Und das so stark, dass sich ihre Leuchtkraft in der Kameralinse spiegelte und die Kirchenkuppel samt Publikum erhellte.
„Lichtwolke“ über Kairo 1968
Gespenstische Muttergottes: Aufnahme aus der Erscheinungsserie von Zeitoun 1968–1971
Zu diesem Ergebnis kam auch der US-Bildanalytiker und Physiker Professor John Jackson. Er überprüfte die Aufnahmen in einem Speziallabor der United States Air Force Academy in Colorado Springs, konnte aber ebenfalls nicht die geringste Spur einer Manipulation finden. Sein Fazit: Bei den ungewöhnlichen Phänomenen in Zeitoun handelt es sich entweder um ein unkonventionelles, ein paranormales oder ein überirdisches Ereignis mit physikalisch beobachtbaren Merkmalen.
MYSTERIÖSE FLUGOBJEKTE

Leuchtende, vogelähnliche Flugobjekte während der Erscheinungsserie von Zeitoun
Was ebenfalls stutzig macht: Die Erscheinungsserie wurde von vielen Phänomenen begleitet, die als Teil des UFO-Spektrums bekannt sind: leuchtende Wolkengebilde, blitzartige Lichter; fliegende Lichtkugeln in Formation oder sternförmige Objekte, die sich mit hoher Geschwindigkeit fortbewegen. Besonders merkwürdig sind Berichte und Fotos von „vogelähnlichen Flugobjekten“. Sie tauchen einzeln oder als Gruppe immer wieder im Kontext mit Marienerscheinungen auf. Für Gläubige sind es Symbole der „Friedenstaube“, „Sinnbilder des Heiligen Geistes“ oder „spirituelle Wesen“. Kurioserweise verhielten sich diese „Tauben“ bisher nie wie natürliches Federvieh: „Sie sind größer und aus Licht, leuchteten silbrig und bewegten sich, ohne mit den Flügeln zu schlagen“, beteuern Augenzeugen. Irrlichter oder Hologramme aus dem Hyperraum?
Patriarch Schenuda III., der Nachfolger von Kyrillos VI., äußerte sich zum „Taubenmysterium“ bewegt: „Sie erscheinen, leuchten und entsprechen keinen natürlichen Tauben. Das Licht, das sie ausstrahlen, ist großartig und wunderschön, es ist aber nicht wie jedes normale Licht.“ Das koptische Oberhaupt ortete ihren Ursprung im Himmelreich: „Wir leben in einer materiellen Welt auf der Erde. Es existiert aber noch eine andere übergeordnete spirituelle Welt. Diese andere Sphäre nennt man die Welt des Lichtes mit himmlischen Bewohnern.“

Leuchtende, vogelähnliche Flugobjekte während der Erscheinungsserie von Zeitoun
Die koptische Kirche bezeichnet die Jungfrau Maria selbst als „die schöne Taube“. Hierbei wird an die Taube erinnert, die zur Zeit Noahs am Ende der Sintflut mit einem Olivenzweig zurückkehrte. (Genesis 8,11) Oliven sind wiederum ein Symbol des Friedens. Und Zeitoun, der alte arabische Name für den Kairoer Vorstadtbezirk, bedeutet übersetzt „Olive“!
LOKALAUGENSCHEIN IN ZEITOUN

Die Kathedrale von Zeitoun
20. Oktober 2015: Ein sonniger Nachmittag in Kairo. Mit meiner Partnerin Elvira und unserem Freund, dem einheimischen Ägyptologen Dr. Ahmed M. Osman, befinde ich mich im Kairoer Verkehrsgetümmel. Per Auto sind wir unterwegs zu einer der mysteriösesten Marienstätten der Neuzeit. Eingekeilt zwischen ohrenbetäubend lauten Schrottkarren, blökenden Kamelen und gestikulierenden Marktleuten. Vorfahrt hat, wer am lautesten hupt. Unfälle sind an der Tagesordnung. „Ein Wunder, dass ich noch lebe“, übe ich mich in Galgenhumor.
„Festhalten!“ Eine Vollbremsung reißt mich aus meinen Gedanken. Beinahe hätte uns ein klappriger Bus gerammt. „Keine Angst, jetzt wird es angenehmer“, grinst unser ägyptischer Begleiter schelmisch, als er uns über ein paar Schlaglöcher Richtung Flughafen weitersteuert. Nach mehr als einer halben Stunde erreichen wir unser Ziel im Kairoer Außenbezirk Zeitoun. Endlich! Vor Elvira und mir erhebt sich hinter drei Meter hohen Mauern die große Marienkathedrale, bewacht von bewaffneten Sicherheitskräften. Sie thront exakt an jener Stelle, wo 1968 muslimische Handwerker die „Lichtgestalt“ erstmals bemerkt hatten.
IN DER KATHEDRALE
Bei der Pforte gibt es Probleme. Ahmed wird der Eingang verweigert! Als Muslim darf er nicht hinein. Das irritiert, denn tags davor hatten wir „ungläubigen“ Europäer problemlos das Innere mehrerer Moscheen in Alt-Kairo besucht. Nach einem Sicherheitscheck und der erneuten Bestätigung, dass wir wahre Christen seien, dürfen zumindest wir passieren. Zwei „Aufpasser“ begleiten uns über eine Treppe zum Portal, öffnen das Kirchentor und schenken uns gnädig eine halbe Stunde für die Besichtigung. Wir betreten das majestätische Kirchenschiff, das bis zu 2000 Gläubigen Platz bieten könnte. Wir sind die einzigen Besucher.
Ich suche nach Darstellungen der Marienerscheinungen und finde sie im Chorbereich auf der linken Seitenwand, knapp unter der Kuppel. Hier ist die Erscheinungsstätte gleich dreimal als zeitgenössisches Fresko verewigt worden. In der Mitte mit einer überdimensional großen Jungfrau Maria, die ihre segnenden Hände ausbreitet. Links davon sind ein mysteriöses „Wolkengebilde“ und „weiße Tauben“ abgebildet. Und ganz rechts erblicken wir das Haus Mariens mit der schemenhaften „Lichtgestalt“. Es sind die einzigen Gemälde in der Kathedrale, die an die Ereignisse von 1968 erinnern (siehe Farbteil Seite 66).

Deckenfresko in der Kathedrale
SONDERBARE RELIQUIENKAMMER
Unsere „Leibwächter“ deuten auf die Uhr. Wir haben gesehen, was wir wollten, und pilgern weiter. Zum Ausklang erhalten wir das Angebot, die Prunkräume des verstorbenen Patriarchen Schenuda III. zu besichtigen. Man zeigt uns den kurzen Fußweg zum koptischen Verwaltungsgebäude hinter der Kirche. Im ersten Stock betreten wir die mit allerlei Pomp überladene Reliquienkammer. Auf dem vergoldeten Sterbebett seiner Heiligkeit liegen gefaltete Papierstückchen. Fürbitten, die fromme Seelen hinterlassen haben.
Ausgestellt sind Gewänder und Gebrauchsgegenstände aus dessen Amtszeit, vom kirchlichen Telefon bis zu heiligen Teetassen. Daneben Urkunden und Kugelschreiber, die dem Patriarchen zur Unterzeichnung päpstlicher Schriftstücke dienten. Originell sind Kunstwerke, die Schenuda III. verklärt darstellen. Auf einem der Gemälde sieht man den Patriarchen im Krankenbett mit Heiligenschein. Vor ihm die himmlische Erscheinung Marias. Wir sagen „Vergelt’s Gott“ und steuern die wahre Erscheinungsstätte im Garten auf der gegenüberliegenden Straßenseite an (siehe Farbteil Seite 65 rechts unten).

Reliquienkammer des koptischen Papstes Schenuda III.
DIE ERSCHEINUNGSKIRCHE
Das Betreten des schmucken Kirchleins offenbart ein ganz anderes Bild als jenes in der großen Kathedrale. Hier tummeln sich auch jede Menge Gläubige, die „Maria im Licht“ huldigen. Gleich nach dem Portal bilden sich Warteschlangen. Das Innere der Erscheinungskirche ist mit Ikonen der Heiligen Jungfrau und dem Erlöser, den Evangelisten sowie christlichen Märtyrern geschmückt. Überragendes Zentralmotiv ist das blaue Deckenfresko unter der Kirchenkuppel. Es zeigt die Gottesmutter im Sternenhimmel. Die überirdische Dame blickt samt Heiligenschein herab zu den Gläubigen und hat beide Arme rechtwinkelig nach oben gerichtet. Ihre Armhaltung entspricht der Hieroglyphe „Ka“ und steht für „Lebenskraft“. Die erhobenen Hände galten im Alten Ägypten als Zaubergeste, um böse Mächte abzuwehren, waren aber ebenso ein Aspekt des Überirdischen, das den Tod eines Menschen überdauert.
Das erinnert mich an alte Darstellungen, die den ägyptischen Schöpfergott Chnum zeigen, wie er mit „Ka-Magie“ auf der Töpferscheibe Menschen formt und ihren geklonten Astralkörper gleich mit. Berühmt ist die Holzstatue des Pharaos Hor I. (13. Dynastie, um 1732 v. Chr.) im Ägyptischen Museum in Kairo. Der König trägt auf seinem Haupt das geistig-seelische Kraftzeichen „Ka“. Es bleibt ungewiss, ob die analoge Gestik von Maria in der Erscheinungsstätte vom Künstler beabsichtigt war oder doch nur auf unbewusstem Gleichklang beruht (siehe Farbteil Seite 67 oben).

Erscheinungsort: die kleine Kirche der Jungfrau Maria in Zeitoun, schräg vis-à-vis der Kathedrale
Der heilige Baum von El Matarija
Der Verdacht, dass die Ursachen und Hintergründe von „Marienerscheinungen“ bereits in vorchristlichen Epochen ihren Anfang genommen haben könnten, scheint mir nicht abwegig. Ein Indiz dafür liefert ein heiliger Ort, der nur zwei Kilometer von der Wallfahrtskirche in Zeitoun entfernt liegt: der Marienbaum von El Matarija. Der Legende nach ein weiterer Platz, wo die Heilige Familie auf ihrer Flucht aus Judäa eine Zeit lang wohnte: heute eine von Mauern umfriedete Gartenoase, die von Wachpersonal geschützt wird. Dank ägyptischer Begleitung dürfen wir in den heiligen Bezirk. Hier finden sich Spuren einer Süßwasserquelle sowie die Überreste des legendären Marienbaumes, der bereits Jesus, Maria und Josef Schatten gespendet haben soll.
Der Urbaum soll vor über 2000 Jahren geblüht haben. Bereits Kleopatras Balsamgärten haben an diesem Platz verführerisch geduftet. Die Überlieferung erzählt, dass der Marienbaum mit jenem mythischen Baum identisch sei, unter dem bereits Jahrhunderte zuvor die altägyptische Isis (Göttin der Magie, Geburt und Wiedergeburt) den vom toten Osiris empfangenen Horusknaben gesäugt habe. Götterdichtung? Oder übernahmen orthodoxe Kleriker eine mystisch-fromme Vorstellung, die bereits lange Zeit zuvor an diesem heiligen Ort existierte?
Statuette der altägyptischen Göttin Isis mit dem Horusknaben
Vergilbte Postkarte aus dem 19. Jahrhundert: So hat der Baumriese einst ausgesehen.

Seit 2015 keimt der Marienbaum wieder neu.
Als wir vor dem Wunderbaum stehen, stockt uns der Atem: Leider war an der uralten, denkmalgeschützten Sykomore (auch „Maulbeer-Feige“ oder „Esels-Feige“) um 2013 ein grauenvoller Vandalenakt verübt worden, entweder im Auftrag der Behörden, von dilettantischen Stadtgärtnern oder fanatischen Islamisten. Irgendwann in diesem Zeitraum wurden von irgendjemandem große Teile des heiligen Baumes mittels Kettensäge abgesägt.
Ein Frevel sondergleichen, der weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit geschah. Immerhin: Als wir die geschändete Stätte besuchen, keimen frische grüne Zweiglein auf dessen verstümmelten Überresten. Für uns ein kleines Wunder, denn der Baum galt bereits als abgestorben (siehe Farbteil Seite 67 unten).
SELBSTPRODUZIERTER FOTOSPUK?
Metaphysisch mutet noch etwas an: Gleich neben dem Marienbaum steht ein Gebäude, das als kleines Museum dient. Hier sind die Fluchtroute und die Aufenthaltsorte der Heiligen Familie mittels Bildern und einer Landkarte rekonstruiert. Ich habe in dem Häuschen fleißig fotografiert. Wieder daheim in Wien sticht mir bei der Durchsicht der Reisebilder ein Foto ins Auge. Es zeigt in der Bildmitte unten einen gleißenden Lichtfleck mit Halo. Hatte ich in El Matarija eine „Erscheinung“ dokumentiert? Oder einen Geist geknipst? Vermutlich gibt es eine irdisch-vernünftige Erklärung dafür. Am ehesten wohl eine Spiegelung. Doch dort, wo das grelle Lichtgebilde hinweist, gab es weder am Boden noch an anderer Stelle eine Lichtquelle, die den Effekt hätte auslösen können. Wunderlich ist dies allemal (siehe Farbteil Seite 68 oben).
Kosmische Spuren
SESCHAT UND DER ISCHED-BAUM

Der heilige Baum von Heliopolis mit Thot und der Göttin Seschat
Sowohl die Erscheinungsstätte Zeitoun als auch der Marienbaum befinden sich auf geschichtsträchtigem Boden. Beide Plätze liegen innerhalb der legendären „Sonnenstadt“, die im Alten Testament „On“ genannt wird. Damit ist der uralte Verehrungsort Heliopolis gemeint, wo der Überlieferung nach die Weltschöpfung stattfand, der Sonnengott Re mit seinen Urgöttern erstmals erschien und später wieder zum Himmel zurückkehrte. Anders ausgedrückt: Hier in diesem Vorort von Kairo liegt der geistig-religiöse Anfang Ägyptens und seiner Götterwelt. Offenbar sind hier seit jeher himmlische Wesen erschienen – als befände sich in der Umgebung eine Art „Sternentor“ zu fremden Welten.
Dazu gibt es eine mythologische Verknüpfung zu einer geheimnisvollen Göttin namens Seschat. Sie ist das weibliche Pendant des himmlischen Lehrmeisters Thot und wurde im Altertum als Göttin der Weisheit, der Schreibkunst und der Zeitmessung geschätzt. Sie wird auch „Herrin der Baumeister“ genannt, weil sie den vorbestimmten Bauplatz für Heiligtümer festlegte. Bei diesen Zeremonien spielte ein wundersamer Baum eine besondere Rolle, der schon zu Beginn der ersten Pharaonendynastien im Bereich des Sonnentempels von Heliopolis große Verehrung genoss. In den Mythen wird er als „Isched-Baum“ bezeichnet. Auf seinen Blättern sollen die Regierungsjahre der Könige verzeichnet gewesen sein.
Neben der geografischen Gemeinsamkeit zum Marienbaum von Matarija gibt es auch eine kosmologische: „Der Name der Göttin Seschat ist ebenso wenig erklärbar wie der Gegenstand, den sie als Abzeichen auf dem Kopf trägt und der nach alten Darstellungen ursprünglich die Göttin selbst gewesen ist“, notieren die Fachexperten Wolfgang Helck und Eberhard Otto in ihrem „Wörterbuch der Aegyptologie“.
Gemeint ist ein siebenstrahliger Stern, über dem sich ein mondsichelförmiger Halbkreis mit zwei senkrechten Spitzen erhebt. Was war ursächlich damit gemeint? Eine Art Heiligenschein? Seschat ist oft in einem Kleid abgebildet, das mit Sternenmotiven übersät ist. Dabei hält sie manchmal einen Stab in einer Hand, der als Zeichen für „Unendlichkeit“ und „Wiedergeburt“ gedeutet wird. Attribute, die man ebenso aus mancher Ikonografie der Jungfrau und Himmelskönigin Maria kennt.
VERSUNKENES REICH HELIOPOLIS
„Wo lassen sich noch sichtbare Überreste der einstigen Götterstadt Heliopolis entdecken?“, frage ich unseren Ägyptologen. „Außer Schutthügeln, Gruben und brüchigen Granitblöcken ist als einziger Zeuge nur ein Obelisk erhalten“, bedauert Ahmed. Wir wollen ihn sehen, zumal er nur wenige Hundert Meter vom Marienheiligtum El Matarija entfernt steht. Es geht vorbei an Trümmerschutt und mit Graffiti bemalten Mauern, dann stehen wir vor einer archäologischen Sperrzone. Das Betreten ist nur mit Sondergenehmigung möglich. Mithilfe unseres Ägyptologen gelingt es immerhin, dass wir ein paar Meter hinter die verbotene Zone dürfen und bescheidene Einblicke der Ausgrabungsstätte erhalten. Hier im antiken Heliopolis wurden zahlreiche Pfeiler zu Ehren des Sonnengottes aufgestellt. Viele wurden bereits in der Antike verschleppt oder zerstört. Beispielsweise stammt der Obelisk auf der Piazza del Popolo in Rom aus Heliopolis. Am originalen Schauplatz steht heute nur mehr der über zwanzig Meter hohe Obelisk von König Sesostris I. aus dem früheren Mittleren Reich. Im Zuge von Ausgrabungen kam vor Jahren ein weiterer von König Teti zum Vorschein, der zerbrochen im Gelände liegt (siehe Farbteil Seite 68 rechts unten).
Derzeit haben die Behörden mit findigen Grabräubern zu kämpfen. Unser Altertumsexperte verrät, dass es bereits zu mehreren Verhaftungen gekommen sei. Davon legen abbruchreife Häuser Zeugnis ab. Sie wurden illegal ohne Baugenehmigung errichtet, oft nur deshalb, um unbeobachtet in den Kellertiefen einen Tunnel ins Grabungsgelände zu buddeln. Kriminelles Ziel sind Schätze aus der Pharaonenzeit, die man am Schwarzmarkt zu verhökern hofft.
Für die Archäologen ist es oft ein Wettlauf mit der Zeit. Die größten Teile des antiken Heliopolis sind längst verbaut. Die noch wenigen freien Flächen und Grundstücke, darunter auch der Platz um den Obelisken Sesostris’ I., hat die Altertümerverwaltung gekauft und ummauert. Grabungsmüde sind die Archäologen nicht. Sie vermuten, dass noch viele Geheimnisse tief unter dem Erdreich im Verborgenen schlummern und auf ihre Entdeckung warten. Noch gesucht werden im Heliopolis-Bezirk die Ruinen des in der ägyptischen Mythologie bedeutenden Atum- und Re-Harachte-Sonnentempels sowie das „Haus des Benu-Vogels“. Was damit ursprünglich gemeint war, können auch Ägyptologen nicht mit Bestimmtheit erklären. Fest steht nur, dass der Mythos von Benu mit der Phönix-Legende verbunden ist. Demnach erschien der „Vogel des Lichts“ im Tempel des Sonnengottes von Heliopolis, verbrannte hier in der Glut der Morgenröte und stieg aus seiner eigenen Asche verjüngt wieder zum Himmel empor. Alle 500 Jahre soll sich dieses Wunder wiederholen.
Erinnern wir uns: Sämtliche Marienerscheinungen im Großraum Kairo wurden von „leuchtenden Vögeln“, mutmaßlich „silbrig-weißen Tauben“, begleitet. Gemeinsame Auffälligkeiten zwischen Erscheinungen, die Jahrtausende voneinander trennen, werden Skeptiker als „Zufall“ abtun. Es könnte aber ebenso gut ein Indiz dafür sein, dass sich übersinnliche Phänomene über lange Zeiträume in verschiedenen Facetten offenbaren. Und es könnte darüber hinaus bedeuten, dass manche Erscheinungen zu bestimmten Zeiten immer wieder an ortsgebundenen Heiligtümern geschehen.
Die Heliopolis-Ausgrabungsstätte, derzeit archäologische Sperrzone
KÜNSTLICH ERZEUGTE „WUNDER“?

Paläo-SETI-Forscher und Geologe Dr. Johannes Fiebag (1956–1999)
Wer oder was „aktiviert“ himmlische Wunder? Sind es tatsächlich Gottesbeweise? Oder überirdische Eingriffe? Könnten Eindringlinge aus der Zukunft, aus fremden Welten oder noch unerforschten höheren Dimensionen damit zu tun haben? Fantastische Fragen, die dem 1999 verstorbenen Naturwissenschaftler Dr. Johannes Fiebag schlaflose Nächte bereiteten. Seine Studien führten gemeinsam mit seinem Bruder Peter Fiebag zu einer neuen Bewertung der Marienerscheinungen und UFO-Phänomene. Demnach könnten sie Produkte einer „fremden Intelligenz“ sein, die fähig ist, uns zu besuchen, und einen technologisch so fortgeschrittenen Standard besitzt, der jenseits unserer Vorstellungen liegt. Anders ausgedrückt: Eine unbekannte Superintelligenz versucht mit uns in Kontakt zu treten, indem sie sich auf das „primitive“ menschliche Niveau hinabbegibt. Diese Kommunikation läuft auf verschiedenen Ebenen ab, wobei das „Anzapfen“ unseres kollektiven Unbewussten die wichtigste Ebene ist. Die E. T.s passen sich laut dieser Theorie also menschlichen Vorstellungen, Fantasien, Ängsten, Hoffnungen und der jeweiligen intellektuellen Entwicklung unterschiedlicher Zeiten und Kulturen an.
Johannes Fiebag bezeichnete dieses Verhalten, entlehnt aus der Biologie, als „Mimikry“. Damit gelingt es Tieren, durch „Anpassung“ und „Tarnung“ etwas vorzugeben, was sie in Wirklichkeit gar nicht sind. Übertragen bedeutet dies, eine außerirdische Intelligenz steht in Wechselwirkung mit unserer Psyche und erzeugt scheinbar unerklärliche Phänomene. Wir blicken dabei in einen Art Spiegel, den man uns vorhält, während der wahre Verursacher stets im Verborgenen bleibt.
Eine außerirdische Superintelligenz, die „religiöse Wunder“ bewirkt? Das muss für jeden strenggläubigen Menschen als Gotteslästerung verstanden werden. Folgt man Fiebags provokanter These dennoch, stellt sich eine zentrale Frage: Weshalb in Gottes Namen soll sich eine höhere Macht als leuchtendes Engelwesen oder Gottesmutter tarnen? Warum zeigt sie nicht ihr wahres Gesicht?
Johannes Fiebag vermutet, dass die Erzeugung religiöser Erscheinungen im Sinne „objektiver Projektionen“ einer fremden Intelligenz ein Optimum an verdeckten Eingriffen auf der Erde verschaffen würde. „Die Informationen, die wir erhalten, sind in bildhaften Vorstellungen ‚verpackt‘, und zwar in solchen, die wir selbst uns zu einem gegebenen Zeitpunkt vom Phänomen bzw. von der außerirdischen Intelligenz machen“, erklärte mir Fiebag 1997 in einem Interview und ergänzte: „Auf diese Weise wird gewährleistet, dass a) es während des Kommunikationsprozesses, der letztlich schon über die gesamte Menschheitsgeschichte hin andauert, zu keinen kulturell-religiösen Schockreaktionen kommt, weil das Erscheinungsbild der Fremden uns immer irgendwie, vertraut‘ ist, und b) uns symbolisch verschlüsselte Informationen erreichen, die wir erst zum, richtigen Zeitpunkt‘ werden, lesen‘ können.“
Ob man die außerirdische Einmischung in die Entwicklungsgeschichte der Menschheit für Utopie hält oder nicht, einen Vorteil hätte die religiöse Alien-Tarnaktion auf jeden Fall: Göttlichen Erscheinungen wird selten widersprochen!
Himmlische Erscheinungen seit Menschengedenken

Fieberstein
STEINE DER HEILIGEN UND GÖTZEN
Von Himmelssteinen, Mirakelsteinen und versteinerten Launen in der „12-Apostel-Zeche“
„Glaube mir, ich habe es erfahren, du wirst ein Mehreres in den Wäldern finden als in den Büchern; Bäume und Steine werden dich lehren, was kein Lehrmeister dir zu hören gibt.“
Bernhard von Clairvaux (1090–1153) frz. Mystiker, Zisterzienserabt und Kirchenlehrer
Göttersteine und ihre Mythen

Der Elagabal-Tempel von Emesa mit dem heiligen Stein auf einer Münze des 3. Jahrhunderts
Bereits in grauer Vorzeit war die Verehrung rätselhafter Steine von der Aura des Göttlichen und Überirdischen umgeben. Manchem uralten Wunderstein wird eine außerirdische Herkunft zugeschrieben. Die Mythen vieler Völker erzählen von „fliegenden Steinen“, die einst vom Himmel zur Erde fielen oder von engelhaften Wesen hierhergebracht wurden. Die fremden Relikte sind an heiligen Plätzen in Tempeln verehrt worden oder galten als „beseelte Wohnstätte“ eines bestimmten Gottes. Es heißt, Orakelpriester der Antike konnten die in diesen „Göttersteinen“ innewohnende Magie aktivieren, um mit überirdischen Ratgebern in Kontakt zu treten. Der Omphalos-Stein im Apollon-Heiligtum in Delphi, der altägyptische Urobelisk Benben in Heliopolis, der Chaabu-Stein der Nabatäer im jordanischen Petra, der schwarze Götterstein des antiken Sonnengottes Elagabal aus der syrischen Stadt Emesa (heute Homs) oder der Lingam-Stein des Hindugottes Shiva sind bekannte Beispiele dafür.
DIE BIBLISCHE HIMMELSLEITER
Obwohl sich das Alte Testament gegen Steinkulte wendet, findet sich ebenso in der Bibel die uralte Vorstellung vom Stein als „Gottes Haus“. Im 1. Buch Mose (Gen 28, 11–22) wird eine Begebenheit geschildert, die sich nördlich von Jerusalem im 18. Jahrhundert v. Chr. zugetragen haben soll.
Demnach schlief Patriarch Jakob (der Enkel des legendären Abraham, den Judentum, Christentum und Islam als Stammvater ansehen) auf einem Stein ein. In der Nacht erfasste ihn die Vision einer Himmelsleiter, auf der „Engel Gottes auf- und niederstiegen.“ Nichts mehr als ein Traumgespinst, würden Psychologen heute versichern. Aber woher will man das felsenfest wissen? Jedenfalls wachte Jakob am nächsten Morgen erschrocken, aber mit einer neuen Erkenntnis auf: „Ja, das ist der Wohnsitz Gottes und die Pforte des Himmels!“ Der Traum muss für ihn sehr real gewirkt haben. Wie sonst wäre es zu erklären, dass Jakob vor lauter Ehrfurcht den Stein, der ihm als „Kopfpolster“ diente, mit Öl salbte? Jakobs Gelübde lautete: „ … Dann soll der Stein, den ich als Steinmal aufgestellt habe, ein Gotteshaus werden.“ Den Erscheinungsort, der früher Lus hieß, nannte er Bet-El. Es ist der hebräische Begriff für „Gotteshaus“ und ebenso für Steine, die mit dem Göttlichen in Verbindung stehen oder selbst als „nicht irdisch“ verehrt wurden.
Darstellung des schlafenden Jakob mit der Himmelsleiter im Hintergrund (Lutherbibel, um 1534)
Die „Skystones“ aus Sierra Leone
Der Glaube, dass Steine den heiligen Platz einer himmlischen Erscheinung markieren und als Mittlerfunktion zwischen Menschen und einer höheren Gottheit dienen, beschränkt sich nicht auf das Altertum. Eine Mythologie über „Menschen in Stein“ und „Himmelssteine“ wird bei den westafrikanischen Volksgruppen der Mende, Kono und Kissis in Sierra Leone noch heute „lebendig“ gehalten. Bizarr aussehende Steinskulpturen, Nomoli genannt, kamen überraschend bei Feldarbeiten und bei Grabungen nach Diamanten zum Vorschein. Die merkwürdigste Figur wurde in einer Tiefe von 50 Metern entdeckt und enthielt in ihrem Inneren eine Metallkugel, die nur wenige Zentimeter misst. Alter und Herkunft der zehn bis 40 Zentimeter großen Figuren sind nicht geklärt. Die Einheimischen, vorwiegend muslimische Sunniten, behaupten, dass die Skulpturen „himmlische Wesen“ verkörpern, die vor Urzeiten in göttliche Ungnade fielen. Allah hätte die frevelhaften Engel erzürnt in Steine verwandelt und zur Erde verbannt. Der Mythos berichtet weiter, dass der „Himmel“, den diese Wesen bewohnten, ebenfalls zu Stein erstarrte und in Form von Trümmern auf die Erde fiel. Selbst die Sterne, die sich in diesem „Himmel“ befanden, sollen im göttlichen Zorn zerstört worden sein.

Nomoli-Steinskulpturen unbekannter Herkunft
Die „Skystone“-Analyse zeigt einen hohen Iridiumgehalt.
Mit der Überlieferung werden blaue Gesteinsbrocken verknüpft, sogenannte „Skystones“. Die Steine wurden besonders zahlreich im Umfeld der Hauptstadt Freetown gefunden. Proben davon sind an Instituten und Universitäten in Genf, Rom und Wien mittels Röntgenstrahlung analysiert worden. Das Ergebnis überrascht: Die Steine sind keine natürlichen, sondern künstlich geschaffene Produkte (siehe Farbteil Seite 69 oben).
Mineralogen nehmen an, dass gebrannter Kalk mit blauer, organischer Farbe eingefärbt und mit Wasser vermischt wurde. Wie aber kommen große Mengen dieses blauen Materials ins tiefe Erdreich? Der Verdacht der Experten: Die Steine könnten durch eine industrielle Fehlproduktion entstanden sein. Kalkgruben wurden vielleicht absichtlich oder durch einen Erdrutsch zugeschüttet. Dort blieben die Steine dann jahrzehntelang verborgen, ehe sie bei Grabungen wiederentdeckt wurden und mit der alten Legende verschmolzen.
So lautet kurz gefasst die These. Was die Wissenschaftler allerdings nicht erklären können: Wieso enthalten die Fundstücke Iridium? Das chemische Element kommt nur in sehr geringer Konzentration auf der Erde vor. Erhöhte Mengen finden sich hingegen in Sedimentschichten, die mit einem Meteoriteneinschlag im Zusammenhang stehen. Vergleichsfunde zu den „Himmelssteinen“ sind nirgendwo bekannt. Niemand kann sagen, wer diese Kunstprodukte wann und wo geschaffen hat.
Der Schwarze Stein an der Kaaba
DIE UR-KAABA
Der heiligste Kultstein der islamischen Welt ist der Hadschar al-Aswad, der „Schwarze Stein“ zu Mekka in Saudi-Arabien. Alljährlich kommen Millionen Muslime in die Geburtsstadt ihres Propheten Mohammed (um 570–632 n. Chr.). Ziel des größten Pilgerzuges der Welt, der Haddsch (arabisch hadj), ist ein würfelförmiges Gebäude – die heilige Kaaba – im Innenhof der Al-Masdschid-al-Harām-Moschee. Die täglichen Gebete der Muslime in aller Welt sind immer nach dieser heiligen Kaaba mit dem „Schwarzen Stein“ ausgerichtet.
Was aus christlich-abendländischer Sicht überrascht: Gemäß islamischer Tradition hat die Ur-Kaaba bereits seit Anbeginn der Menschheit existiert. Adam, Stammvater aller Menschen, soll sie nach dem Sündenfall in Mekka errichtet haben. Der Bauplan und die Stelle dafür waren nach göttlicher Anweisung festgelegt: Sie musste exakt unterhalb der im „hohen Himmelsdache“ bestehenden Original-Kaaba „Bait al-Mamur“ errichtet werden. Der erdferne Ort konnte nur von Engeln besucht werden. War er im oder am Himmel? Ist damit gesichert das Jenseits gemeint oder ließe sich „Himmel“ ebenso mit „Weltall“ oder „Universum“ übersetzen? Wie könnte das Baukunst-Doppel nach streng göttlicher Vorgabe auf Erden in die Praxis umgesetzt worden sein? Der Koran gibt dazu keine erhellende Auskunft. Das Unwissen beflügelt die Fantasie.
Die Al-Masdschid-al-Harām-Moschee mit der Kaaba in Mekka

Die Heilige Kaaba in Mekka
Überliefert ist lediglich, dass der Bau der irdischen Ur-Kaaba glückte. Zumindest bis zur Sintflut, die im Koran mehrmals Erwähnung findet. Der Tempel zerfiel, versank und geriet schließlich in Vergessenheit. Nach der Flutkatastrophe erbauten Abraham und sein Sohn Ismael im Auftrag Allahs ein neues „Haus Gottes“. Überirdischen Beistand lieferte der Engel Gabriel. Er wurde zur Erde gesandt und überreichte dem Patriarchen einen Stein der Original-Kaaba. Nach anderer Version war das Relikt einst vom Himmel in den Garten Eden gefallen. Weiter erfahren wir, dass dieser Stein anfänglich „weiß wie Milch“ gewesen sein soll. Erst durch die Sünden der Menschen, so glauben manche Muslime, habe sich das göttliche Geschenk schwarz verfärbt. Eine gesicherte islamische Quelle, die das bestätigt, gibt es allerdings nicht.
Einmal mehr zeigt sich das Problem bei der historischen Wahrheitsfindung: Religiöse Überlieferungen mit ihrer verborgenen Symbolik lassen sich nur schwer mit den Mitteln wissenschaftlicher Beweisführung überprüfen.
ABSTRAKTE ARCHITEKTUR
Ungewiss bleibt die ursprüngliche Architektur der Kaaba. Das Heiligtum der Gegenwart ist die x-te Kopie und stammt aus dem 17. Jahrhundert. Einsturzgefährdende Mauerschäden infolge gewaltiger Überschwemmungen veranlassten Sultan Murad IV. (1612–1640) zum Neubau. Der „Würfel Gottes“ von heute besteht aus Granit und Marmor, ist 15 Meter hoch, thront auf einem Sockel und misst im Grundriss etwa 12 mal 10 Meter. Die Ecken sind nach den vier Himmelsrichtungen ausgerichtet und ein schwarzes Brokattuch, Kiswa genannt, verhüllt den fensterlosen Gottestempel.
Die goldene Eingangstür ins Innere der Kaaba ist fast immer versperrt. Nur an zwei Tagen im Jahr wird sie für ein Reinigungsritual geöffnet. Was vor neugierigen Blicken geschützt werden muss, enthält außer erhabener Leere nicht viel. Eine kleine Kammer, die als „Bußeraum“ bezeichnet wird, mit Marmor verkleidete Wände mit Koranversen, zwei Hängelampen und drei Holzsäulen, die vom Boden bis zur Decke reichen, um die Kaaba statisch abzusichern.
KÜSSE FÜR „ADAMS STEIN“
Das heiligste Ritual namens Tawāf wird seit Jahrhunderten praktiziert und stammt aus vorislamischer Zeit. Dabei umkreisen die Gläubigen sieben Mal das „Haus Gottes“. Die Umrundung erfolgt gegen den Uhrzeigersinn, währenddessen die Pilger den schwarzen Kaaba-Stein küssen und berühren. Er ist in Brusthöhe der südöstlichen Mauerecke in eine ovale Silberumhüllung eingebettet.
Um das Einsetzen des Wundersteines rankt sich eine Legende: Als der zukünftige Prophet Mohammed noch ein sanftmütiger junger Mann war, gab es große Streitigkeiten unter den arabischen Stammesführern. Nach einem Brand musste die Kaaba wieder einmal restauriert werden. Jeder Klan beanspruchte für sich, den heiligen Stein ins „Haus Gottes“ einsetzen zu dürfen. Das endlose und kindische Gezanke endete damit, dass sich die Ältesten darauf einigten, dass derjenige, der als Erster das Tor zur Kaaba passieren würde, diese Ehre erhalten sollte. Das war der junge Mohammed. Er schlug vor, dass der Schwarze Stein auf ein Tuch gelegt werde. Dann sollten alle am Wiederaufbau beteiligten vier Stammesführer jeweils eine Seite des Tuches greifen und den Stein gemeinsam zur Kaaba tragen. Osmanische Miniaturen illustrieren diese Szene. Erzählt wird, Mohammed habe dann beim „Haus Gottes“ den Stein vom Tuch genommen und ihn an eine Ecke der Kaaba eingesetzt. Damit waren alle zufrieden (siehe Farbteil Seite 69 unten).
ENTEHRTES HEILIGTUM
Lange hielt die Eintracht in Mekka nicht. Gemäß dem muslimischen Glauben ist der Koran die wortwörtliche Offenbarung Gottes an den Propheten Mohammed, höchstpersönlich diktiert vom Engel Gabriel. In Sure 3,97 wird die Kaaba als „Friedensstätte“ bezeichnet, an der jeder, der sie betritt, sicher vor Verfolgung ist. (Sure 3,97) Die Praxis sah leider anders aus: Im Jahr 683 wurde im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen arabischen Volksgruppen die Kaaba durch Katapultgeschoße zerstört.
Dabei ist der heilige Stein in mehrere Teile zerbrochen. Mit der neu errichteten Kaaba wurden die zusammengefügten Fragmente erstmals in eine Silberfassung gesetzt, die inzwischen mehrmals erneuert wurde. Einer dieser Silberrahmen ist im Topkapi-Palast in Istanbul ausgestellt. 931 folgte die nächste Hiobsbotschaft. Radikal-schiitische Qarmaten raubten den religiösen Schatz und brachten ihn ins Königreich Bahrain am Persischen Golf. Erst zwanzig Jahre später kehrte er dank Vermittlung der Fatimiden zurück nach Mekka.
Der Steinkult an der Kaaba ist islamistischen Extremisten bis heute ein Dorn im Auge. Dschihadisten und selbsternannte „Gotteskrieger“ haben es nicht nur auf „Ungläubige“ abgesehen. Muslime, die dem fanatischen Weltbild nicht folgen wollen, werden als Abtrünnige des „wahren islamischen Glaubens“ ebenso verfolgt. Die Ergebenheit zum schwarzen Stein an der Kaaba ist gemäß ihrem radikalen Glaubenssatz ein „Götzendienst“. Die Kaaba-Zerstörung wäre das letzte „heiligste“ Ziel, nach einer abscheulichen Spur des Schreckens und der Verwüstung. Anschläge auf das Heiligtum gab es bereits mehrere. Ein besonders dramatischer ereignete sich am 20. November 1979, dem Neujahrstag des Jahres 1400 nach islamischer Zeitrechnung. Hunderte bewaffnete Islamisten stürmten die Große Moschee von Mekka und nahmen versammelte Gläubige als Geiseln. Die Aktion endete nach zwei Wochen in einem Blutbad mit fast tausend Toten.
VERBOTENE UND VERSCHOLLENE HEILIGTÜMER

Vorislamische Mondgottheit in der Kaaba: Al-lah Hubal
Im Schock des Terrors ging ein brisanter archäologischer Fund unter. Während der Gefechte riss eine Bombe den Boden der Kaaba auf. Zum Vorschein kamen etliche vorislamische Idole, die seit Mohammeds Zeiten eingemauert im Verborgenen lagen. Die saudischen Behörden beseitigten die „regelwidrigen“ Schätze rasch. Über ihren Verbleib ist nichts bekannt.
Waren womöglich urchristliche Symbole darunter? Auszuschließen wäre es nicht, denn bevor die Kaaba 632 zum Heiligtum des Islam erklärt wurde, war sie ein Pilgerziel vieler unterschiedlicher Religionen, und auch Christen und Juden lebten in der Region. In der Kaaba stand ein Kultbild des altarabischen Mond- und Orakelgottes Hubal mit einem verkürzten Arm. Er galt als oberster Chef aller Götter. Verehrt wurde auch die Göttin al-Lāt, deren Thron ein würfelförmiger weißer Stein war. Oder al-Uzzā, die Verkörperung des Morgensterns, sowie die Schicksalsgöttin Manāt. Zu diesen Hauptgottheiten gesellte sich eine Unzahl anderer untergeordneter und lokaler „Götzenidole“ hinzu.
Im Jahr 630 machte Prophet Mohammed mit seinem Heer der Vielgötterei ein Ende. Die Stadt Mekka unterwarf sich fast kampflos und wurde weitgehend geschont. Unter dem Jubel der Sieger wurden die heidnischen Symbole aus der Kaaba entfernt. In einer Erzählung heißt es, dass sich unter den Idolen auch eine Ikone mit dem Bildnis von Maria mit dem Jesuskind befunden haben soll. Der Prophet Mohammed ließ es unversehrt. Das wäre nicht verwunderlich, denn Jesus und Maria werden im Islam geehrt. Nicht wie im Christentum als Erlöser und Gottesmutter, aber Jesus als letzter Prophet Mohammeds und die jungfräuliche Maryam als seine Mutter.
Doch etwas irritiert: Während des Triumphzugs soll Mohammed siebenmal um die Kaaba geschritten sein und den Schwarzen Stein als Ausdruck des ursprünglichen Bündnisses zwischen dem Schöpfer und seiner Schöpfung geküsst haben. Dabei habe der Prophet die vom Heidentum „gereinigte“ Kaaba mit dem Ruf „Allahu akbar!“ („Allah ist groß“ oder „Allah ist größer“) seinem Gott geweiht. Für Muslime ist Allah der einzig wahre Gott: „Er ist Gott, außer dem es keinen Gott gibt.“ (Sure 59,22)
In vorislamischer Zeit war „Allah“ jedoch kein Eigenname. Das Wort Al-Lah bedeutet einfach nur „der Gott“. Auch der in der Kaaba von dem großen Volksstamm Quraisch verehrte Mondgott Hubal wurde als Al-Lah betitelt, nämlich als ihr oberster Gott.
Mohammed und etliche seiner Gefährten stammen von den Quraisch ab. Mohammeds Vater trug den Namen Abdallah. Abd al Lah heißt übersetzt „Diener Gottes“. Es gibt schon seltsame Zufälle. Übrigens: Das religiöse Symbol des Sternengottes Hubal war die Mondsichel über seinem Haupt. Dazu passt, dass eines der bedeutendsten muslimischen Embleme die Mondsichel Hilal ist.
DIE METEORITENTHESE
Der Schwarze Stein an der Kaaba ist ebenfalls ein Überbleibsel aus präislamischer Epoche. Seine Beschaffenheit, Herkunft und einstige Größe bleiben ungeklärt. Mekka-Besucher haben im Laufe der Jahrhunderte unterschiedliche Auskünfte gegeben. Obwohl das islamische Gesetz „Ungläubigen“ den Zutritt zur Großen Moschee verwehrt, gab es etliche Europäer, die mit „Adams Stein“ in Berührung kamen. Der Schweizer Forschungsreisende Jean Louis Burckhardt (1784–1817) war einer von ihnen. Nach eigenen Aussagen war er zum muslimischen Glauben konvertiert.
Es hält sich aber ebenso das Gerücht, der Abenteurer sei als verkleideter moslemischer Pilger (wie viele andere nach ihm) zum Allerheiligsten gelangt. Burckhardt vermerkte in seinen Reisenotizen: „Für mich wirkt er wie ein Lavastein mit etlichen kleinen fremden Partikeln von weißlicher und gelblicher Substanz.“ Er sei dunkel und von den Händen unzähliger Pilger blank poliert gewesen. Manche Gelehrte meinen, es könnte ein Achat oder Tektit sein.

Der Schwarze Stein an der Kaaba nach Angaben von Augenzeugen. Er ist inzwischen in mehrere Stücke zerbrochen.
Die erklärte kosmische Herkunft des Steines ließ Wissenschaftler seit dem 19. Jahrhundert vermuten, dass es sich um einen Meteoriten handle. Der österreichische Geologe und Mineraloge Paul Partsch (1791–1856) war der Erste, der darüber einen umfassenden Bericht verfasste. Er wurde erst im Nachlass gefunden und 1856 von der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien veröffentlicht.
Ob die „Meteoritenthese“ stimmt, bleibt jedoch Spekulation. Mineralproben des heiligen Kaaba-Steines wurden – zumindest offiziell – bisher nie wissenschaftlich analysiert. Eine Genehmigung für eine Untersuchung, die endgültig Klarheit über seinen Ursprung geben könnte, werden oberste Imame nicht erteilen. Da müsste schon der allwissende Allah ein deutliches Himmelszeichen setzen, ganz im Sinne des Propheten Mohammed: „Ohne Gottes Wille vermag der Mensch nichts“ – Inschallah.
Le Puy und der schwarze „Fieberstein“
EIN AUSSERGEWÖHNLICHER ORT
In allen Weltreligionen gibt es Kultsteine mit oft ungeklärter Herkunft. Sie verbindet eine Gemeinsamkeit: Bereits in prähistorischen Zeiten hatten sie eine besondere Bedeutung und besaßen angeblich wundersame Heilkräfte. Im Christentum finden sich viele Zeugnisse dafür, dass erstarrte Steinwunder einst auf heidnischen Kultplätzen gestanden haben, lange bevor sie eine neue Deutung erhielten.
Ein solches Exemplar versteckt sich in Le Puy-en-Velay, einem idyllischen Städtchen in Zentralfrankreich, südlich von Clermont-Ferrand in der Region Auvergne. Die vor Abermillionen Jahren geformte Vulkanlandschaft mit bizarren Basalttischen und spitzen Felspfeilern, die wie Obelisken senkrecht zum Himmel ragen, sind ein Anblick für Götter. Die auffallenden Vulkanschlote versetzten gewiss bereits unsere Urahnen in Staunen.
Im Mittelalter war Le Puy ein Pilgerzentrum. Bischof Gotescalk war 962 von hier zu einer der ersten Jakobs-Wallfahrten nach Santiago de Compostela aufgebrochen. Nach seiner Rückkehr ließ er die Kirche „St. Michel d’Aiguilhe“ auf dem 82 Meter hohen und extrem steilen Lavafinger „Rocher d’Aiguilhe“ errichten (siehe Farbteil Seite 70 oben). Sie soll einen Tempel aus römischer Zeit ersetzt haben, der dem Gott Merkur (gleichgesetzt mit dem griechischen Götterboten Hermes) geweiht war. Der Aufstieg erfolgt – damals wie heute – über eine gewundene Treppe und raubt einem im wahrsten Sinn des Wortes den Atem. Oben angekommen, fällt das dreigeteilte Kirchenportal ins Auge, das offenbar byzantinische oder maurische Stilvorlagen hatte. Es ist mit bunten Mosaiksteinen und apokalyptischen Szenen übersät (siehe Farbteil Seite 71 oben).
Panorama Le Puy-en-Velay
Der benachbarte Vulkankegel, der „Rocher Corneille“ (Corneille-Felsen), ist nicht weniger kolossal. Auf seiner Spitze thront die 16 Meter hohe und 110 Tonnen schwere Metallstatue „Notre-Dame de la France“, die 1860 aus erbeuteten Kanonen gegossen wurde. Wieder führt ein steiler Pfad hinauf zum Gipfel. Die „Riesenmaria“ kann innen über eine eiserne Leiter erklommen werden. Was bestenfalls als Fußnote in Reiseführern angemerkt ist: Neben dem Monument der Jungfrau liegen die letzten Felstrümmer eines vorchristlichen Heiligtums (siehe Farbteil Seite 70 unten).
PLATZ DER ERSCHEINUNG

Corneille-Felsen mit Riesenmadonna und Resten eines antiken Tempels
Wer Le Puy besucht, dem wird auffallen, dass viele Gebäude in Baustil und Dekor orientalisch anmuten. Das gilt auch für die Kathedrale von Le Puy-en-Velay, in der zwei eigenwillige Schwarze Madonnen aufbewahrt werden. Sie sollen aus Äthiopien stammen und die Jungfrau Maria mit Jesuskind zeigen. Was damit nicht harmoniert, ist der fremdartige Ausdruck der Gottesmutter.
Noch etwas überrascht in der Kathedrale: Ein glatt polierter, pechschwarzer Monolith, der in den Boden eingefasst ist. Es ist ein rechtwinkeliger Block von etwa 2,5 Metern Länge und einem Meter Breite. Beim Betrachten kam mir die Assoziation zum außerirdischen „Schwarzen Monolithen“ aus Stanley Kubricks (1928–1999) Science-Fiction-Filmklassiker „2001: Odyssee im Weltraum“. Er steht im Opus symbolisch für Bewusstseinsveränderung, Sprung und Erkenntnis. So ein „Ding“ passt durchaus zu einem Andachtsort, aber wie kam es dorthin und welchem Zweck diente es? Die Bevölkerung nennt den schwarzen Block Pierre aux Fièvres („Fieberstein“), weil er heilende Kräfte besitzen soll. Bemerkenswert: Die Steinplatte war vor 1600 Jahren der Auslöser dafür, dass sich Le Puy zu einem der wichtigsten westeuropäischen Marienwallfahrtsorte entwickelte. Der Wink dazu kam wieder einmal von ganz „oben“. Die Gründungslegende erzählt, dass die Gottesmutter um 420 einer fieberkranken Frau aus der Umgebung von Le Puy erschienen sein soll. Maria kündigte die ersehnte Gesundung an, wenn die Kranke eine Nacht lang auf dem Stein liegend verbringen würde. Einzige Bedingung: Am Ort der Heilung müsse eine Gnadenstätte zu Ehren der Himmelskönigin errichtet werden. Als sich Wunderheilungen wiederholten, wurde der ominöse „Stein der Erscheinung“ zum Zentrum der ersten an dieser Stelle errichteten Kirche.

Aufwärts zur Kathedrale von Le Puy-en-Velay
VOM UNHEILIGEN ZUM HEILIGEN
Historische Spuren zeigen, dass dieses Gotteshaus auf den Ruinen eines „heidnischen“ Tempels erbaut wurde. Der schwarze Monolith dürfte die Deckplatte eines prähistorischen Steintischs, eines sogenannten Dolmen, gewesen sein. Obwohl im Zuge der Christianisierung viele ähnliche prähistorische „Götzenrelikte“ zerstört wurden oder eine neue Bestimmung erhielten, blieb der Heidenstein erhalten.
Als dann im 11. Jahrhundert mit dem Bau der Kathedrale begonnen wurde, gelangte der „Wunderstein“ ins südliche Seitenschiff. Dort zog er bald mehr „Fiebergläubige“ in die Kirche als der Abendmahltisch des Herrn. Erstaunlich lange, nämlich bis ins 18. Jahrhundert hinein, blieb es dabei. Dann aber wurde es den Kirchenfürsten doch zu bunt. Das Gotteshaus war ständig mit zahlreichen Kranken überfüllt, die hier übernachteten, Wunder erflehten und die Andachtsfeiern störten. Die Notlösung des Klerus sah vor, die schwarze Steinplatte aus der Kirche zu verbannen. So landete der Kultstein am Portal auf der Fassadentreppe. Allerdings nur kurz, denn das Kirchenvolk rebellierte mit Erfolg gegen die bischöfliche Verordnung. Heute befindet sich der druidische „Ketzerstein“ wieder im Inneren an prominenter Stelle: in der Kapelle des Heiligen Kreuzes, gleich links im Anschluss zum Hauptaltar mit einer Schwarzen Madonna. Gott sei Dank! (siehe Farbteil Seite 71 unten)
Der rote Fridolin-Stein zu Rankweil
SEHENSWERTER LIEBFRAUENBERG
Machen wir einen Sprung nach Vorarlberg. Hier gibt es zwei merkwürdige Felsbrocken zu bestaunen, denen der Volksglaube übersinnliche und heilende Kräfte nachsagt. Einer davon wird nordöstlich von Feldkirch im kleinen reizvollen Städtchen Rankweil aufbewahrt. Genauer gesagt in der Ortsmitte, wo sich ein 515 Meter hoher Fels, der Liebfrauenberg, mit Resten der alten Burg Hörnlingen aus dem 14. Jahrhundert erhebt. Hier thront die berühmte Basilika Rankweil, die eine Reihe sonderbarer Schätze beherbergt: den Schädel des heiligen Eusebius († 884), der in früheren Zeiten Kopfkranken aufs Haupt gelegt wurde, ein wundertätiges Kreuz aus dem 13. Jahrhundert, das aus dem Orient stammen soll (zwischen 1600 und 1728 sind 146 mit Daten und Zeugen belegte Wunderheilungen in der Kirchenchronik dazu verzeichnet), ein romanisches Holzkreuz mit der wunderlichen „Heiligen Kümmernis“, auch als „Bärtige Jungfrau“ bekannt und eine Muttergottesstatue, die alle kriegerischen Zerstörungen seit dem 15. Jahrhundert unversehrt überstanden hat.
Das eigentümlichste und zugleich älteste Heiligenrelikt ist der etwa ein Meter hohe und genauso breite, grotesk verformte rote Quarzmarmorstein des irischen Wandermönchs Fridolin von Säckingen († 538). Er war als Missionar im 6. Jahrhundert auf das europäische Festland gekommen und hatte sich am Oberrhein niedergelassen. Seine Gebeine liegen im Fridolinmünster in der deutschen Kurstadt Bad Säckingen, etwa 35 Kilometer flussaufwärts von Basel gelegen. Der heilige Fridolin ist außerdem Schutzpatron des Schweizer Kantons Glarus. Seine Verbindung zum Rankweiler „Kultstein“ geht aus einer seltsamen Legende hervor, die auf Gedächtnistafeln in der Bergkirche in Bild und Text dargestellt ist.

Liebfrauenberg mit der Basilika Rankweil
EIN ZOMBIE ALS ZEUGE

Der heilige Fridolin und der tote Ursus als Zeuge (Hans Burkmair d. Ä., 1517)
Demnach erhielt Fridolin von einem zum Christentum bekehrten wohlhabenden Gönner namens Ursus wertvolle Güter. Damit sollte der Bau eines Klosters finanziert werden. Als Ursus starb, bestritt dessen Bruder Landolf die Schenkung und brachte die Angelegenheit anno 531 vor Gericht. Im alten Gaugericht Müsingen in Rankweil wurde Fridolin aufgefordert, einen lebendigen Zeugen vorzuführen. Doch den gab es nicht. Es fehlte somit ein beglaubigter Beweis für das mündliche Testament. Verzweifelt ging Fridolin in den Wald, um zu beten. Als er längere Zeit auf einem harten Stein gekniet war, erschienen plötzlich leuchtende Wolken. Eine Gestalt wurde sichtbar und sprach zu Fridolin: „Zieh gegen Glarus und ruf den toten Ursus, dass er Zeugnis ablege.“ Als der himmlische Bote wieder verschwunden war, bemerkte Fridolin, wie seine Knie und Arme im weich gewordenen Stein versanken. Als er sich erheben wollte und das Gewicht auf das zweite Knie legte, sank er noch mehr ein. Deshalb, so der Volksglaube, ist ein Abdruck tiefer als der andere (siehe Farbteil Seite 72 links oben).
Nach diesem Vorfall machte sich Fridolin auf zum Grab des toten Ursus, holte ihn aus der Gruft, nahm ihn bei der Hand und führte den „Zombie“ vor den Richter in Rankweil. Der wieder zum Leben Erweckte sprach dort zu Landolf: „Bruder, warum hast du meine Seele der Güter beraubt, die mir gehören?“ Der Richterschaft stellte es bei der Zeugenaussage alle Haare auf. Noch mehr erschrocken war Landolf. Er zog seine Erbansprüche zurück und vermachte sogar das eigene Vermögen dem Kloster Säckingen. Nach dem gelungenen Auftritt legte sich Ursus wieder in seine Gruft und gab Ruhe. Diese etwas abstruse Geschichte ist der Grund dafür, warum der heilige Fridolin oft zusammen mit einem Skelett abgebildet wird. Die Legende ist erstmals im 10. Jahrhundert vom Mönch Baltherus schriftlich festgehalten worden und wird auch in Glarus und Säckingen erzählt (siehe auch Farbteil Seite 72 rechts oben).
DIE FRIDOLINSTEINKAPELLE
Der Wunderstein, auf dem der Mönch der Sage nach gebetet haben soll, steht heute in der kleinen „Fridolinsteinkapelle“ der Basilika. Sein ursprünglicher Standort ist nicht bekannt. Man weiß nur, dass er irgendwo auf den Höhen von Rankweil lag, dort bereits lange Zeit verehrt wurde und schließlich im 17. Jahrhundert auf den Kirchberg gelangte. Seit damals ist er als Gebetsstuhl deklariert, dem viele heilsuchende und gläubige Menschen die Befreiung von Schmerzen an Armen und Füßen zuschreiben. Göttliche Wunder? Wahrscheinlicher ist, dass die Verformungen durch natürliche Verwitterungsprozesse entstanden sind.
Faszinierend ist die Geschichte dennoch. Das erkannte offenbar auch der schottische Arzt und Schriftsteller Sir Arthur Conan Doyle (1859–1930), der als geistiger Vater von Meisterdetektiv „Sherlock Holmes“ Weltruhm erlangte. Was weniger bekannt sein dürfte: Als 16-Jähriger verbrachte Doyle ein Studienjahr am Jesuitengymnasium Stella Matutina in Feldkirch. Der Fridolin-Stein muss bei ihm tiefgründige Spuren hinterlassen haben. Gab der Erfolgsautor doch Jahrzehnte später als zentrale Erkenntnis seines Lebens zu Protokoll: „Den größten Fortschritt erzielt man auf Knien.“
Der weiße Stein des heiligen Arbogast
RENDEZVOUS MIT DEM SAGENSAMMLER
Noch ein Vorarlberger Steinkuriosum gibt es zu bestaunen. Es ist genauso grotesk geformt wie der Fridolin-Stein, hat eine ähnliche Geschichte und heißt „Arbogast-Stein“. Er ist in die südseitige Mauer der Wallfahrtskirche St. Arbogast bei Götzis eingemauert. Oder vielmehr umgekehrt: Das Kirchlein, urkundlich erstmals 1473 erwähnt, wurde neben den auffallenden Stein gesetzt. Wenn es eine Beziehung zum Wundertäter Arbogast gibt, dann muss sich der Stein bereits neun Jahrhunderte zuvor auf diesem Platz befunden haben. Hier nämlich soll der Überlieferung nach der heilige Arbogast († 618) vor seiner Erhebung auf den Straßburger Bischofsstuhl als Einsiedler gelebt haben. Der Volksglaube erzählt, dass er so innig auf dem „Kultstein“ betete, dass dieser weich wie Wachs wurde und die Knie des Heiligen ihren Abdruck hinterließen. Seither wandern Menschen zu dem deformierten Stein und erhoffen sich Linderung bei Gelenks- und Fußleiden. Die Parallele zur Legende vom heiligen Fridolin ist unverkennbar.
Sind in Arbogast Wunderheilungen belegt? Und wo liegt der Ursprung dieser Steinverehrung? Lassen sich die Hintergründe erhellen? Elvira und ich sind mit dem Drahtesel unterwegs, kommen beim Radeln hinauf zur Anhöhe der Wallfahrtskirche ordentlich ins Schwitzen. Unvermutet strampelt ein Naturbursche im Eiltempo an uns vorbei. Er lässt uns Stadtmenschen alt aussehen. Am Zielort angekommen erkennen wir den flinken Radsportler. Es ist der Autor und Historiker Franz Elsensohn aus Götzis. Wie kein anderer kennt der Sagenkundschafter die Geschichte jedes Kultplätzchens zwischen Bodensee und Arlberg. „Es lohnt sich, altes Erzählgut zu studieren“, sagt Elsensohn und weiß: „Selbst wenn Sagen nicht ‚wahr‘ sind, können sie doch Wahrheiten enthalten, die aus volkskundlicher und historischer Sicht sehr wertvoll sind.“

Der Vorarlberger Sagenforscher Franz Elsensohn
Der ruhelose Sagensammler bedauert, dass es zum „Arbogaster Wunderstein“ keine ausführliche Legende gibt. Erst im Jahr 1655 wird er schriftlich in einem Werk von Pater Gabriel Bucelin, damals Gerichtsschreiber und Prior zu St. Johann in Feldkirch, mit dem Vermerk „für viele Fußleiden heilsam“ erwähnt. Und doch ist auch Elsensohn sicher, dass seine rituelle Verehrung weit in die Vergangenheit zurückreicht: „Es spricht einiges dafür, dass sich an dieser Stelle einmal eine uralte Kultstätte befunden hat, in deren Bereich der Stein einen Zweck gehabt haben könnte. In diese Richtung deutet auch der ehemalige ‚prachtvolle Eichenhain von bedeutendem Alter‘, von dem berichtet wird. Der stand hier noch im 19. Jahrhundert, bevor er zur Gänze niedergelegt wurde, weil man die Eichenstämme für den Bau der neuen Pfarrkirche in Götzis benötigte.“
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