Kitabı oku: «Inselgötter»

Yazı tipi:

Reinhard Pelte

Inselgötter

Der siebte Fall für Kommissar Jung


Impressum

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag: Inselroulette (2014), Mordsee (2013), Tiefflug (2012), Inselbeichte (2011), Kielwasser (2010), Inselkoller (2009)

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2016

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Ulf Kotzan – Fotolia.com

ISBN 978-3-8392-4936-9

Inhalt

Widmung

Prolog

Maul halten

Schrei, so laut du kannst

Die Insel

Tomas Jung

Holtgreve

Mittagessen

Charlotte Bakkens

An die Arbeit

Erster Besuch

Zurück an die Schreibtische

Sylt, die Insel der Reichen und Schönen

Tomas Jung wird ärgerlich

Ein Abend voller Überraschungen

Auf der Freiheit

Hinterm Deich

Intermezzo

Zweiter Besuch

Eine schöne Theorie

Die Beförderung

Happy End der besonderen Art

Epilog

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Widmung

Für Irmi

»I can get no satisfaction«

Rolling Stones

Prolog

Die meisten Menschen machen Pläne. Sie reden über ihre Wünsche. Und sie reden über ihren Willen, ihre Wünsche wahr zu machen. In der Regel klappt das nicht. Das Resultat ihrer Bemühungen entspricht selten dem, was sie sich davon versprochen haben. Leider oder zum Glück bestimmen andere Mächte unser Tun. Sie, nicht wir, entscheiden, was uns schmeckt, was wir sehen, was wir hören und was wir können. Ja, sie bestimmen sogar, wie und worüber wir reden, was und wie wir denken, heute so und morgen wieder ganz anders. Sie machen mit uns, was sie wollen. Je nach Lust und Laune. Sie spielen mit uns. Sie machen uns zu Narren oder Helden, stark oder schwach, beliebt oder unbeliebt. Ihre Stärke ist unwiderstehlich. Uns schlottern die Glieder, wenn wir ihrem Toben zusehen. Aber wie wir damit umgehen, ist ganz allein unsere Angelegenheit. Ob wir unseren Ängsten erliegen oder ihnen trotzen, ob wir sie annehmen oder verdrängen, ob wir intelligent oder dumm handeln, ist mühsam zu durchschauen und in der Regel verwirrend. Aber die Auseinandersetzung mit der Angst ist wirklich lehrreich.

Maul halten

»Von wo rufen Sie an?« Die Stimme am anderen Ende war leise und klang bedrohlich. Die Frage überraschte ihn nicht. Er wusste längst, wie der Hase lief.

»Von einem öffentlichen Münztelefon.«

»Wer sind Sie?«

Er nannte Namen und Adresse.

»Rufen Sie in einer halben Stunde noch einmal an. Vom gleichen Apparat.«

Es machte klick in der Leitung. Er legte auf und wandte sich um. In der Buchhandlung neben dem Bahnhofseingang kaufte er das Tageblatt. Den überregionalen Teil legte er beiseite. Die Nachrichten aus aller Welt interessierten ihn nicht. Er war überzeugt, es besser zu wissen. Besser als alle Korrespondenten und Nachrichtenagenturen zusammen. Sie gaben nur weiter, was ihre bezahlten Gewährsträger ihnen zuflüsterten. Woher die ihr Wissen hatten, interessierte überhaupt nicht. Aus gut unterrichteten Quellen, hieß es gewöhnlich. Einen Scheiß wussten sie.

Seine Aufmerksamkeit galt dem Regionalteil. Für ihn war es wichtiger zu wissen, mit wem der Wirtschaftsminister oder der Bürgermeister sprach, wohin sie reisten und wen sie trafen. Er versuchte, sich in seine Lektüre zu vertiefen. Zwischendurch sah er auf die Uhr. Die Zeit verging im Schneckentempo. Er war bei den Todesanzeigen angelangt. Er las die Nachrufe. Einige der Toten waren jünger als er. Er faltete die Zeitung zusammen und schlenderte an den Schaukästen vorbei durch den Tunnel, der zu den Bahnsteigen führte. Am Ende machte er kehrt und schlenderte zurück. Er sah auf die Uhr. Es war so weit. Er wählte.

»Ja«, meldete sich die Stimme von vorhin.

»Ich bin’s«, sagte er.

»Was können wir für Sie tun?«

Er schilderte sein Begehren.

»Wo finden wir ihn?«

»Er wird am Donnerstag im Zug von Hamburg nach Westerland sitzen, Ankunft in Westerland 14.04 Uhr.«

»Diese Woche?«

»Ja.«

»Kennen Sie den Mann?«

»Nein.«

»Was wissen Sie von ihm?«

»Er trifft in Westerland einen Mann. Der ist Polizist und heißt Tomas Jung.«

»Polizist? Was für ein Polizist?«

»Kripo. Kriminaloberrat.«

Am anderen Ende herrschte für einen Moment Schweigen.

»Heute Nachmittag werden Sie Besuch bekommen. Der Mann trägt eine schwarze Laptop-Tasche aus weichem Leder über der Schulter. Es wird teuer werden.«

»Wie teuer?«

»Verhalten Sie sich unauffällig. Machen Sie, was Sie immer machen. Plappern Sie nicht.«

»Was soll das? Ich …«

»Halten Sie den Mund.«

Die Leitung war tot. Er schmiss verärgert die Zeitung in den nächsten Papierkorb. Draußen stieg er in seinen Mercedes und fuhr die Bahnhofstraße entlang bis zur Kreuzung. Er bog rechts ab auf den Mühlendamm. Nach der nächsten Kurve gab er Gas und folgte Munketoft bis zur Osttangente. Von da ab war es nicht mehr weit.

Schrei, so laut du kannst

War es richtig, was sie tat? Ja, es war richtig. Absolut richtig. Nach ein paar Gläsern Rotwein waren auch ihre letzten Zweifel geschwunden. Er hatte sie hierherbestellt. Und sie war seinem Wunsch gefolgt. Sie hatte ihm ihre Zeit zur Verfügung gestellt, obwohl das nicht zu ihren Pflichten gehörte und obwohl es der letzte Arbeitstag vor ihrem Urlaub war.

Warum gerade dieser öde, düstere Ort? Dafür gab es überhaupt keinen nachvollziehbaren Grund. Das Gebäude sollte abgerissen werden. Es war längst überfällig. Der Fortgang des Projektes duldete keinen Aufschub. Je schneller, desto besser. Im Erschließungsvertrag war festgelegt worden, dass die Kosten für Sanierung und Infrastruktur zu Lasten der öffentlichen Hand gingen. Also sollte der rasche Abriss eigentlich in seinem ureigensten Interesse liegen. Wenn es um die Einhaltung von Verpflichtungen der Kommune ging, hatte er bislang immer ordentlich Druck gemacht. Verzögerungen kosteten Geld. Und das hatte er nicht. Nicht einen einzigen Cent. Die Kassen waren leer und mussten gefüllt werden. Andernfalls würde dem Laden schon in allernächster Zeit die Luft ausgehen.

*

Es war nicht schwer gewesen herauszufinden, wie kritisch die Lage war. Schon in ihrer Probezeit hatte sie es sich zur Gewohnheit gemacht, nach Dienstschluss im Büro zu bleiben. Auf seine erstaunte Nachfrage hatte sie erwidert, dass sie es für ihre Pflicht hielt, vor Feierabend aufzuräumen und die liegen gebliebenen Papiere zu ordnen. So war sie nun einfach mal. Er hatte keine Ahnung, wer sie wirklich war. Wahrscheinlich war er viel zu besoffen gewesen. Aber sie wusste genau, wer er war. Sie würde ihn nie im Leben vergessen.

Fleiß kam bei den Chefs immer gut an. Ehrlich gesagt waren es zu viele Chefs gewesen, gab sie insgeheim zu. Aber dieses Mal hielt sie die Trümpfe in der Hand. Daran hatte sie keinen Zweifel, seit sie an einem Sonntag auf einem ihrer üblichen Kontrollgänge den Brief auf seinem Schreibtisch gefunden hatte. Er lag zur Unterschrift in der Mappe. Was hatte ihn bewogen, in diesem Fall auf die Bremse zu treten? Welches Geheimnis barg das alte Wachhaus aus düsteren Nazi-Zeiten?

*

Sie war mit Absicht zu früh. An die Schlüssel zu kommen, war kein Problem gewesen. Schließlich war sie als Kontrollmanagerin über jeden Verdacht erhaben. Selbst den Job zu ergattern, war ein Leichtes gewesen. Ihre Fähigkeiten, ihre ganze Natur, ihr Charakter waren danach. Sie war motiviert und einsatzbereit und hatte alle anderen Bewerber aus dem Feld geschlagen. Sie wusste genau, mit wem sie es zu tun hatte. Es hatte sie verwundert, dass sein Sohn so ganz anders war. Mit ihm verband sie von Anfang an eine geheimnisvolle Nähe, ein Band, das ihr sowohl angenehm als auch befremdlich war. Sie war auf Distanz geblieben. Dennoch hatte sie ihm einen Umschlag anvertraut, den er im Fall, dass ihr etwas zustoßen würde, öffnen und dann selbst entscheiden solle, was zu tun sei. Er hatte ihr intensiv in die Augen gesehen, aber kein Wort verloren.

Sie schloss die Tür zum Wachlokal auf. Es roch muffig. Das Fensterglas war zerbrochen, die Fensterhöhlen verbrettert. Putz blätterte von den Wänden. Nichts außer Staub und Schutt.

Die nächste Tür führte in einen größeren Raum. Ein großes Bullauge sorgte für Tageslicht. Vermutlich der Aufenthaltsraum für die Wachmannschaften. Die Mauern sind verdammt dick, dachte sie, als sie durch das Gitterfenster nach draußen blickte. Die Nazis waren für ihre Gründlichkeit bekannt. Und misstrauisch müssen sie auch gewesen sein, ging ihr beiläufig durch den Kopf.

Der nächste Raum war fensterlos. In dem fahlen Licht, das vom Flur hereindrang, konnte sie ein verrostetes Bettgestell mit durchgelegener Sprungfedermatratze ausmachen. Wahrscheinlich der Ruheraum für die Freiwache. So genau kannte sie sich beim Militär nicht aus.

Sie schloss die Tür und wandte sich dem dunklen Gang zu, der in den hinteren Teil des Gebäudes führte. Es war stickig und unangenehm warm.

Als Erstes betrat sie die Waffenkammer. Das große Bullauge war vergittert und in die seitlichen Wände waren Gewehrständer eingelassen.

Die nächste Tür den Gang runter war nicht abgeschlossen, aber mit einem Fallriegel auf der Gangseite gesichert. Sie entriegelte die Eisentür. Es kostete sie Kraft, sie aufzustoßen. Sie zog ihr Smartphone aus der Jackentasche und suchte die Taschenlampe. In dem gleißenden LED-Strahl sah sie auf eine Szene, die sie erzittern ließ. Der Anblick entfesselte Bilder in ihrem Kopf, Bilder, an die sie nicht erinnert werden wollte, Bilder, die immer wieder in ihren Träumen auftauchten, Albträumen, aus denen sie schweißgebadet aufwachte. Ein Raum ohne Licht, kahl und glatt, eine karge Zelle, deren dicke Mauern jeden Schrei erstickten. Sie holte tief Luft und atmete hörbar aus. Was war das hier? Vielleicht eine Verhörzelle für widerspenstige Soldaten, die den Zapfenstreich verpasst hatten, betrunken vom Ausgang zurückgekehrt waren oder sonst wie gegen Befehle verstoßen hatten?

Hinter der ersten schlossen sich fünf weitere Zellen an. Sie kämpfte ihren Widerwillen nieder und machte weiter. Nichts außer kahlen Wänden, Düsternis und muffiger Schwüle. Folterkammern. Schauer jagten ihr über den Rücken. Ihr Verlangen nach Tageslicht wurde immer drängender.

Überrascht stellte sie fest, dass sich die letzte Tür leicht öffnen ließ. Die Beschläge mussten vor Kurzem geölt worden sein, schoss es ihr durch den Kopf. Der Raum war vollgestellt mit Kartons, Kisten, Planken und Brettern. Ein paar Geräteteile schienen unter dem Gerümpel verborgen zu sein. Das Geheimnis, hier lag es verborgen. Aufgeregt betrat sie die Zelle. Das Licht in ihrer Hand geisterte zitternd über die wirr übereinandergestapelten Kartons. In der hintersten Ecke entdeckte sie zwei Kisten mit Vorhängeschlössern. Sie kämpfte sich durch das Chaos. Das Licht in ihrer Hand blitzte auf und erlosch. Hektisch schüttelte sie das Smartphone. Erfolglos. In der Finsternis strauchelte sie und kam zu Fall. Sie trat panisch um sich und versuchte, sich aus dem Gerümpel zu befreien. Sie hörte ein paar schwere Planken polternd zu Boden gehen. Dann fiel die Eisentür ins Schloss. Sie schrie, wie sie zuvor nur ein einziges Mal in ihrem Leben geschrien hatte.

Die Insel

Er hatte in seinem ganzen Leben nichts Vergleichbares durchgestanden. Gegen Mitternacht hatte es angefangen und erst am frühen Morgen aufgehört. Ein Blitz nach dem anderen, Donner auf Donner, wie Keulenschläge. Wasser strömte vom Himmel, als hätten sich Schleusen geöffnet. Wie die apokalyptischen Reiter waren die Böen über ihn hergefallen. Sie kamen aus allen Richtungen, in allen Stärken, unberechenbar und tückisch. Man hätte meinen können, das Jüngste Gericht sei angebrochen. Aber er lebte. Er hatte geschuftet wie ein Tier. Das Wasser aus dem Boot zu kriegen, war das Schlimmste gewesen. Fast hätte er schlappgemacht. Das Boot, seine Fair Lady, hatte standgehalten. Auch das Rigg hatte überlebt. Bis auf die Knochen durchnässt, hatte er gefroren wie ein Schneider. Und in dem ganzen Chaos hatte er auch noch seinen Insulinhaushalt regeln müssen. Ein einziger Wahnsinn! Aber was war das schon gegen den Triumph, den er empfand, als alles vorüber war? Das Glück war ihm hold gewesen. Und hilfreich! Besser hätte es nicht kommen können.

Er lachte. Er war der Hölle entronnen. Alles würde gut werden. Wo war er? Wie spät war es? Er sah auf seine Armbanduhr. Er nahm sein Smartphone und loggte sich ein. Schnell schaltete er es wieder ab. Er nahm das Glas an die Augen und suchte den Horizont ab. Voraus sollte das Feuer am Eingang zum Sandefjord liegen. Richtig, an Backbordseite kam es in Sicht. Noch ein paar Meilen, dann würde er auf den anderen Bug wechseln und Kurs auf Veierland nehmen. Sein Ziel kannte er seit frühester Jugend. Ihm kam es vor, als segele er schon länger, als er laufen konnte. Sein Onkel hatte ihn auf sein Boot geholt und vor der Hölle an Land gerettet. Von ihm hatte er Segeln gelernt. Er würde ihm ewig dankbar sein. In den Sommern seiner Jugend waren sie hier hoch auf die einsame Insel gesegelt und hatten unvergessliche Ferien verbracht. Wenn er an die Zeiten zurückdachte, stiegen ihm die Düfte von damals in die Nase: Wind, Meer, Sommer, Torunns feuchtes Haar, offenes Feuer, gegrillter Fisch. Was war seitdem nur passiert?

Er schob seine Gedanken beiseite und sah auf seine Armbanduhr. Höchste Zeit, seinen Blutzucker zu kontrollieren. Nach seinem 18. Geburtstag hatte man bei ihm Diabetes mellitus festgestellt. Sein Vater wollte ihm das Segeln verbieten. Es sei lebensgefährlich, vor allem, wenn er allein auf dem Wasser unterwegs sei. Es hatte Streit in der Familie gegeben. Seine Mutter hatte ihm gegen den Willen des Vaters ein gebrauchtes Folkeboot zum bestandenen Abitur geschenkt. Der kleine, seetüchtige Bootstyp war für ein junges Ehepaar mit zwei kleinen Kindern konstruiert und für das Fahrtensegeln in der dänischen Südsee und den Küstengewässern ausgelegt. Allein kam er sehr gut damit zurecht. Er hatte es mit Hingabe und Liebe aufgearbeitet und zu seinem Zuhause gemacht. Je länger sein Vater auf ihn einredete, desto größer wurde sein Ehrgeiz, aller Welt zu zeigen, dass Diabetes überhaupt kein Grund war, die Hände von der Pinne zu lassen. Es hatte ihn zeit seines Lebens aufs Meer getrieben. Davon konnte ihn keine Macht der Welt abbringen. Als er später sein kleines Boot nach List an die Nordsee verlegte, hielt ihn nicht nur sein Vater für komplett verrückt. Gut so, hatte er gedacht und sich ins Fäustchen gelacht. Voraus kam die Ansteuerung in den Tonsbjergfjord in Sicht. Zeit, alles klarzumachen.

*

Er schmiss die Steuerbordschot los und legte das Ruder um. Das Boot gehorchte ihm willig. Er duckte sich unter dem überholenden Großbaum hindurch und holte die Backbordschot dicht. Er justierte den Trimm und lehnte sich zurück. Er war auf dem richtigen Kurs.

Vor dem Kajütsüll lag der Plastiksack mit dem Müll. Warum hatte der Sturm ihn nicht über Bord gefegt? Müll, nichts als Müll. Müll, Müll und nochmals Müll. Angeekelt nahm er den Sack auf. Er wollte ihn gerade über Bord werfen, als er noch einmal innehielt. Er öffnete den Sack und sah hinein. Dann nahm er mit spitzen Fingern ein Stück nach dem anderen heraus und ließ es neben der Bordwand ins Wasser gleiten. Zum Schluss hielt er das Beil in der Hand. Er drehte es vor seinen Augen hin und her. Dann schmiss er es mit wütendem Schwung weit hinaus in den Fjord. Hier war das Meer tief. Nie wieder würde es zurück ans Tageslicht kommen. Es war ein für alle Mal vorbei. Für immer und ewig vorbei, vorbei, vorbei! Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust.

Die salzige Luft tat ihm gut. Er sog sie tief in die Lungen und ließ den Blick über den Horizont schweifen. Die Wolkenfelder hatten sich hinter den norwegischen Bergen aufgelöst. Die Sonne strahlte aus einem stahlblauen Himmel. Die Luft war klar wie poliertes Glas. Ein frischer Nordost brachte ihn seinem Traum immer näher. Bald würden die glatten Uferfelsen von Veierland auftauchen. Er lachte. Es würde alles gut werden. Torunn hatte das Schicksal in die Hand genommen. Sowohl ihres als auch seins. Sie hatte sich gekümmert, hatte vorgesorgt, sie war das absolut Beste, was ihm im Leben jemals passiert war. Wie lange hatte sie auf ihn gewartet? Endlich würden ihre Sehnsüchte in Erfüllung gehen.

Tomas Jung

Er stand am Fenster, als das Telefon klingelte.

»Endlich erreiche ich dich«, sagte eine fremde Stimme. »Warum ist immer nur dein blöder Chef am Apparat? Warum lässt du dich verleugnen? Langsam bin ich …«

»Wer ist da eigentlich?«, fragte er scharf.

»Tiny. Tiny aus Carvoeiro. Jetzt sag bloß, du weißt nicht, wer ich bin.«

Jung stutzte einen Moment und atmete hörbar aus.

»Tiny! Sag das doch gleich. Ich …«

»Red dich nicht raus, Tomi. Meine Stimme müsstest du eigentlich im Schlaf erkennen.«

»Ich bin im Dienst. Wenn du mich unbedingt anrufen musst, dann melde dich mit Namen. Ich habe einen Job, der mich empfindlich macht. Das solltest du eigentlich kapiert haben. Ich muss vorsichtig sein.«

»Eben, eben. Wie recht du hast. Aber ich stecke in der Scheiße. In der totalen Scheiße, mein Lieber. Ich muss viel vorsichtiger sein als du. Gerade jetzt. Das ist dir doch wohl klar, oder? Sooft ich versuche, dich …«

»Gerade jetzt? Was meinst du damit, Tiny?«, unterbrach ihn Jung irritiert.

»Sag bloß, du liest keine Zeitungen. Das Fernsehen hat darüber berichtet. Sogar das Radio. Wenn wir …«

»Wovon redest du eigentlich?«, stoppte Jung seinen Redefluss. In seinem Kopf schrillten die Alarmglocken.

»Du wolltest etwas dagegen tun. Aber …«

»Was wollte ich tun?«

»Du weißt genau, wovon ich rede. Du wolltest dafür sorgen, dass die Täter in den Knast kommen.«

»Falsch, Tiny. Ich habe überlegt, ob ich den portugiesischen Kollegen nicht einen Tipp geben soll.«

»Und? Hast du?«

»Nein. Ich habe es mir anders überlegt. Außerdem war ich beschäftigt.«

»Schöne Scheiße. Die Staatsanwaltschaft in Lissabon hat das Verfahren wieder aufgenommen.«

»Und? Was ist jetzt anders als vorher? Was beunruhigt dich?«

»Scotland Yard hat sich ebenfalls eingeschaltet. Sie ermitteln in der Sache.«

»Was willst du mir eigentlich sagen, Tiny? Du scheinst die Hosen voll zu haben. So kenne ich dich gar nicht.«

»Die Briten sind von anderem Kaliber, mein Bester. Ich kenne sie alle. Die verpennten Portugiesen genauso wie diese beschissenen Limies. Das sind Pitbulls. Wenn die sich mal festgebissen haben, dann lassen die nicht mehr los. Ich kann ein Lied davon singen. Das kannst du mir glauben.«

»Meinetwegen. Aber beantworte mir bitte meine Frage«, sagte Jung unwirsch.

»Ich mache mir Gedanken. Wenn …«

»Was hast du vor?«, fragte Jung, aufs Höchste alarmiert.

»Wenn du das nicht auf die Reihe kriegst, dann muss ich das eben tun.«

Jung atmete tief durch. Er überlegte fieberhaft.

»Wo bist du jetzt?«, fragte er.

»Im Flugzeug.«

»Doch nicht etwa in einem Jet deiner Militärkumpels?«

»Nein, in einem Airbus der TAP.«

»Wohin fliegst du?«

»Ich lande in ein paar Minuten in Lissabon.«

»Vielleicht. Vielleicht auch nicht.«

»Was willst du damit sagen?«

»Dein Handy. Es kann die Flugzeugelektronik durcheinanderbringen. Das müsstest du eigentlich besser wissen als ich.«

»Bullshit. Im Notfall bringe ich die lahme Ente mit meinem kleinen Finger auf die Piste. So ’n Gerät ist vielleicht für Rentner ein Problem, aber nicht für einen Topgun.«

»Du bist Rentner, Tiny. Wie viele Jahre eigentlich schon?«

»Ich will dir mal was sagen, wenn …«

»Vergiss es. Nimm das nächste Flugzeug nach Hamburg. Bevor du etwas unternimmst, müssen wir reden.«

»Willst du mir etwa Vorschriften machen?«

»Wir sollten uns vorher abstimmen. Das ist ein wohlgemeinter Ratschlag.«

»Okay«, sagte Tiny besänftigt. »Ich melde mich, sobald ich kann.«

»Aber privat. Hast du meine Nummer?«

»Nein.«

Jung diktierte ihm seine Handynummer.

»Hast du auch einen Festnetzanschluss?«, fragte Tiny.

»Ja. Verrate ich aber nicht.«

»Warum? Hast du Angst vor deiner Alten? Sie ist misstrauisch und zickig. Ich erinnere mich sehr gut an sie.«

»Du redest Blech, mein Guter. Ich will nicht, dass du mit ihr redest. Hast du verstanden? Es genügt, wenn ich da drinhänge. Ist das klar?«

»Ja, ja. Alles klar, Herr Oberkriminaler. Aber mit Versteckspielen fängt die Scheiße erst richtig an. Lass dir das …«

»Ich mach jetzt Schluss, Tiny«, würgte Jung ihn ab. »Tschüss. Pass auf dich auf.«

»Na gut. Ebenfalls Arschloch. Ate logo. Bis bald.«

Jung legte verärgert den Hörer auf und wandte sich wieder dem Fenster zu. Der Ausblick auf den Hafen und das dahinterliegende Ostufer besänftigte ihn nur kurz. Er spürte deutlich, wie schlechte Laune ihn erfasste und sein Gemüt verdüsterte. Nichts kam ihm ungelegener als dieser unterbelichtete Expilot. Das Jahr ist ohnehin schon schrecklich genug, stöhnte er. Und jetzt auch noch der!

*

Mit dem Wetter hatte der Schlamassel begonnen. Schon seit Monaten war es deprimierend. April, April, der macht, was er will. Dieses Jahr hatte er gewollt, dass die Sonne wochenlang vom Himmel schien und die Menschen morgens kurzärmelig zur Arbeit gingen. Von da ab hatten Wolken, Regen und Wind das Wetter in Schleswig-Holstein bestimmt. Und es war kalt geworden. Sogar für Nordfriesen, die an schlechtes Wetter gewöhnt waren. Für sie gehörten Regenjacke und Pullover zum Sommer wie Touristen und Autoschlangen.

Jetzt war Ende September. Die Sonne stand tief, aber sie war zu sehen, obwohl eine dünne Wolkenschicht ihre Strahlen in einen fahlen Lichtschleier verwandelte. Die Temperaturen sanken nachts auf einstellige Werte, bei Sonnenaufgang bildete sich Bodennebel. Ein annehmbarer Frühherbsttag.

Drüben am Ostufer lagen die Segelboote an ihren Leinen wie gezähmte Wildtiere. Still, apathisch, leblos. Das Saisonende nahte. Bald würden die ersten von ihnen aus dem Wasser gehoben und ins Winterlager geschafft werden. Er hatte sich an den Jahresrhythmus in der Marina gewöhnt. Er liebte die Beständigkeit. Würde sie ewig dauern? Man konnte nie wissen, was als Nächstes kam. Zum Beispiel eine Versetzung. Damit musste er als Beamter immer rechnen. Unter normalen Umständen war es nicht zu verhindern, dass er in eine andere Stadt oder sogar aufs platte Land versetzt werden konnte. Heute, nächsten Monat oder nächstes Jahr. Vor ihm war das schon vielen Kollegen passiert. Nicht, dass ihn das übermäßig beunruhigt hätte. Aber den Blick über seine Stadt, den würde er vermissen. Das wusste er schon jetzt.

*

Überhaupt bereitete ihm sein Beruf in letzter Zeit Schwierigkeiten. Er fühlte sich leer und orientierungslos. Das hatte dazu geführt, dass sein Privatleben langsam, aber sicher aus den Fugen geriet. Er war zu Hause ausgezogen. Der Entschluss war über ihn gekommen wie ein Unfall. Svenja hatte während seiner Abwesenheit die bodentiefen Fenster im Wohnzimmer umarbeiten lassen. Sie brauche Fensterbänke für ihre Blumen, für den indischen Glückselefanten und den Buddha, den ihr Maike zum Geburtstag geschenkt hatte. Auf seinen Vorwurf, warum sie vorher nicht mit ihm darüber geredet habe, hatte sie beleidigt erwidert, dass er ja nie zuhöre. Vor dem Zubettgehen bemerkte sie über die Schulter: »Du riechst, Tomi.« Es klang so, als hätte sie ihm »Du stinkst« an den Kopf geworfen.

Ihre Bemerkungen hatten ihn tief getroffen. In erster Linie, weil sie nicht stimmten. Svenja musste andere Beweggründe haben. Hatte sie einen heimlichen Liebhaber, der ihr größere Aufmerksamkeit schenkte und besser roch? Er hatte sich gefragt, wonach Svenja eigentlich selbst roch, und festgestellt, dass sie, solange er sie kannte, immer nach ihren Parfüms, ihren Salben und Lotionen gerochen hatte. Auch an diesem Abend. Svenja natur, im Biozustand sozusagen, hatte er noch nie zu riechen bekommen. Wenn es nicht schon längst zu spät ist, dann wird es höchste Zeit, hatte er gedacht.

Am nächsten Morgen war er früh aufgestanden, hatte seinen Koffer gepackt und war gegangen. Ohne Lärm, ohne Streit, einfach so, als geschähe, was schon lange in der Luft gehangen hatte, und gegen das anzugehen, völlig sinnlos gewesen wäre. Seine Kinder wussten nichts davon. Sie waren weit weg und studierten in Städten im Süden und Osten der Republik. Für sein Empfinden lebten sie in einer Welt, die sich von seiner unterschied wie Grönland von den kleinen Antillen. Er würde es ihnen irgendwann erklären müssen. Er fürchtete sich davor.

Tomas Jung war in einer Studenten-WG am Willy-Brandt-Platz untergekommen, gut 100 Schritte von der Kriminalinspektion entfernt. Er hatte zufällig erfahren, dass in dem alten, roten Backsteinhaus ein Zimmer frei war. Die Bereitschaftspolizei hatte einen Tipp bekommen und in dem Haus eine Drogenrazzia durchgeführt. Die Studenten waren auf die Wache gebracht und verhört worden. Ihnen war nichts anzulasten gewesen.

Die jungen Leute hatten ihn überrascht. Dass er Polizist war, schien sie nicht zu stören. Sein Alter auch nicht. Beides wurde niemals erwähnt. Jung war ihnen willkommen als neuer Mitbewohner mit ausreichend Geld, ohne Marotten, ruhig und unauffällig.

Sie waren zu viert. Ein Pärchen, ein Computerfreak und er. Das Pärchen, Inka und Sven, waren in erster Linie mit sich selbst beschäftigt. Sie studierten Pädagogik und Medienwissenschaft. Es gab oft Streit, mitunter auch regelrechten Krieg. Ihrer Zuneigung schien das aber keinen Abbruch zu tun.

Der Älteste von den dreien war ein Nerd. Er hieß Nils. Ein munteres, quirliges Kerlchen, der mit einem Hochleistungs-Laptop verheiratet war. Die Ehe war glücklich, das sah man dem Typen an. Seine Angeheiratete war unterhaltsam, geduldig, amüsant, gefügig, spannend, belesen, oft überraschend, immer genügsam und nur manchmal lästig. Aber damit konnte er offensichtlich sehr gut leben. Viel wichtiger war, dass sie ihn nie ermahnte, zum Friseur gehen zu müssen, dass sein Hemd in die Wäsche gehörte und er dringend eine Dusche brauchte. Von ihr kamen keine überflüssigen Kommentare, keine Sticheleien, dass es in seinem Zimmer muffelte, dass dringend sauber gemacht werden musste oder dass die Müllabfuhr dran war. Wen störte das überhaupt? Die absolute Krönung war, dass seine Braut wenig Kosten verursachte. Ein Teil der anfallenden Verpflichtungen waren im Mietpreis inbegriffen.

Tomas Jung mochte seine Mitbewohner. Sie ließen ihn in Ruhe. Er fühlte sich in ihrer Gegenwart nie gedrängt, Konversation machen, nett sein oder Hilfe leisten zu müssen. Sie lebten ihr Leben und er das seine.

Wenn Tomas Jung überhaupt etwas an ihnen auszusetzen hatte, dann waren es die Zustände in Bad und Küche. Er goss sich hin und wieder einen Tee auf, brühte sich einen Kaffee oder stellte Joghurt und Obst in den Kühlschrank. Darüber hinaus beanspruchte er die Küche nicht. Deswegen war es ihm egal, wie es da aussah. Sein Ordnungssinn litt zwar, aber es fiel ihm nicht schwer, über das Chaos hinwegzusehen.

Anders im Bad. Seine Toilettenartikel verwahrte er in seinem Zimmer und trug sie jedes Mal ins Bad und wieder zurück. Er hatte sofort einen Toilettenreiniger, einen Abzieher für die Dusche und ein Mikrofasertuch angeschafft. Auch reinigte er die Abflüsse regelmäßig. Anfangs hatten ihn dabei Ekelgefühle befallen. Inzwischen fand er das ganz in Ordnung, sozusagen wie einen nützlichen Beitrag zum Gedeihen einer blühenden Wohngemeinschaft. Seine Mitbewohner verloren kein Wort darüber, sabotierten seine Neuerungen aber auch nicht. Eines Tages registrierte er, dass sich noch jemand nützlich gemacht hatte. Er empfand einen stillen Triumph. Für ihn war es ein wichtiger Sieg, den er ein paar Schritte weiter, im Restaurant im alten Speicher, allein mit sich selbst gefeiert hatte. Hier gab es die besten Steaks in Flensburg und einen Rotwein aus Apulien, der ihn jedes Mal ins Schwärmen brachte. Er verströmte die Glut und die Kraft des tiefen Südens. Wenn er Wein über seine Zunge gleiten ließ, verlor er sich gerne in Fantasien über Weinanbau. Winzer, das wäre auch etwas für ihn gewesen, träumte er dann. Rebstöcke faszinierten ihn. Die Pflanzen waren wirklich einzigartig. Jahr für Jahr holten sie Geschmack und Kraft aus einem armseligen Boden, der seit Jahrhunderten der erbarmungslosen Sonne des Mezzogiorno ausgesetzt gewesen war und längst hätte am Ende sein müssen.

*

Tomas Jung bewohnte ein karges Zimmer. Zwölf Quadratmeter auf Holzdielen, ein Tisch, ein Lehnstuhl, ein Bett, ein Schrank. Es erinnerte ihn fatal an das Zimmer, in dem er seine Jugend verbracht hatte. Nur hatte es da noch ein paar Bilder, Bücher und ein Radio gegeben. Hier nicht. Ein Provisorium. Mehr sollte es nicht sein. Seine Verletzlichkeit hatte ihn hierhergetrieben, nicht die Absicht, sich von Svenja zu trennen. Der Gedanke daran war ihm so fern wie der, sich einen Arm abzuhacken.

Insgeheim verfluchte er seine Feinfühligkeit. Sie machte Probleme. Ihm gefiel das nicht, obwohl er sich über die Jahre angewöhnt hatte, sie als ein seltenes Geschenk zu betrachten. Sie brachte ihm auch Vorteile. Gerade in seinem Beruf.

Er war Leiter des S-Kommissariats bei der Bezirkskriminalinspektion Flensburg, dem Dezernat für unaufgeklärte Kapitalverbrechen. Der Blick aus seinem Zimmer ging in den Hinterhof, nicht nach vorne, auf den Willy-Brandt-Platz und den Hafen. Der Hinterhof passt viel besser zu mir, hatte er gleich beim ersten Mal gedacht. Die Aussicht ins Dahinter war seine Sache, nicht der Glanz, mit dem sich die Menschen ins beste Licht zu setzen bemühten. Die allgegenwärtige Sucht nach Glamour und Glanz war für Jung Ausdruck eines Mangels, eines verzweifelten Bettelns um Aufmerksamkeit, die vielleicht irgendwann zuvor hätte gestillt werden können, aber nie gestillt worden war und die in Zukunft auch nie gestillt werden würde. No chance. Absolutely no chance. So sah Tomas Jung das.

Holtgreve

Ein Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken.

»Ja«, sagte er laut und drehte sich um.

Holtgreve betrat den Raum. Es war noch nicht lange her, dass Jung ihm lieber aus dem Weg gegangen war. Seinen Chef sehen oder sprechen zu müssen, hatte ihn Überwindung gekostet. Ihr Verhältnis hatte sich aber nach der Attacke eines Seemanns auf Jung radikal verändert.1 Jung hatte den Mann des Mordes an einer Kadettin beschuldigt. Daraufhin hatte der sich mit einem Fischmesser auf ihn gestürzt. Jung war dem Tod gerade noch einmal von der Schippe gesprungen. Seitdem duzte er sich mit seinem Chef. In der Folgezeit hatte Holtgreve sich ungewohnt kooperativ und hilfsbereit gezeigt.

Jung begrüßte ihn freundlich.

»Moin, Henning. Komm rein und setz dich.«

Diese Aufforderung hätte ein Besucher von außerhalb mit Sicherheit als Zumutung empfunden. Jungs Büro glich einer Zelle, allerdings einer geräumigen Zelle. In den Augen seiner Frau war das Ambiente schäbig. Sie hatte ihn des Öfteren gefragt, wie er es aushielte, so zu arbeiten. Ein Aktenschrank, ein Aktenbock, ein Bürosessel mit verstellbarer Sitz- und Rückenlehne und ein Besucherstuhl waren neben dem Schreibtisch die einzigen Möbelstücke in Jungs Büro. Die spärliche und in vielen Jahren abgenutzte Möblierung ließ den Arbeitsraum leer und karg erscheinen. Es hätte nicht gepasst, Bilderschmuck oder andere dekorative Elemente darin unterzubringen. Früher hatte Jung sich über die armselige Ausstattung aufgeregt, heute schätzte er es, sich ohne Ablenkung auf seine Arbeit konzentrieren zu können.

»Moin, Tomas. Ich hab nicht viel Zeit. Gleich ist Lagebesprechung. Du weißt schon. Ich …«

»Was kann ich für dich tun?«, kürzte Jung die Prozedur ab.

»Ich möchte dich bitten, mit Kopper-Carlson Kontakt aufzunehmen.«

*

Kopper-Carlson! Gütiger Gott! Der auch noch, fluchte Tomas Jung lautlos. Kopper war ein Fall für sich. Mittelgroß, hager, rotblond. Er gab sich betont ruhig und besonnen und trat in der Inspektion auf als der konservative Hanseat mit einer Vorliebe für britisches Understatement. Zu diesem Zweck hatte er sich einen Gentleman-Schnauzer wachsen lassen und stellte seine Armbanduhr 20 Minuten nach. Er las in jeder freien Minute renommierte deutsche und englische Zeitungen. Es fehlte nur noch, dass er Pfeife geraucht hätte, um das Bild des überlegenen, coolen Ermittlers so perfekt rüberzubringen, dass es zu seiner eigenen Karikatur getaugt hätte. Stattdessen löffelte er Joghurt, trank Tee aus großen Bechern, pellte Bananen und kaute geräuschvoll seine mitgebrachten Äpfel. Er haderte mit der Welt, in der ihm noch nie jemand begegnet war, der in der Lage gewesen wäre, seine wahre Klasse zu erkennen und ihm die verdiente Hochachtung entgegenzubringen. Das hatte dazu geführt, dass er seine Schrullen pflegte, weil sie ihm Aufmerksamkeit zu verschaffen versprachen. Letztlich hatten sie ihm aber nur den Spitznamen »Die Diva« eingebracht. Er spielte Tennis. Da lachte er manchmal, und wenn er mit seinen dünnen, o-beinigen Stelzen auf den Platz schlurfte, dann konnte man einen Eindruck davon gewinnen, welch verträglicher, munterer Knabe er einstmals gewesen sein musste.

*

»Den Kopper? Den von den Zentralen Diensten?«, vergewisserte sich Jung seufzend.

»Genau den. Er arbeitet gerade an einigen mysteriösen Vermisstenanzeigen. Ich möchte, dass du dir das mal ansiehst.«

»Bin ich jetzt dein Mann für alle Fälle, oder was?«, frozelte Thomas

Sie lachten.

Sein Chef wiederholte: »Sieh es dir einfach mal an. Ich will deine Meinung dazu hören.« Er war schon fast aus der Tür, als Jung noch einmal nachhakte:

»Gibt es daran etwas Besonderes? Soll ich auf irgendetwas achten?«

»Sieh es dir einfach an, okay? Ich muss los. Wir sprechen nachher darüber. Gehen wir zusammen mittagessen?«

»Gerne. In die Walzenmühle?« Tomas dachte an sein klägliches Frühstück.

»Geht in Ordnung. Reservier uns einen Tisch, an dem wir ungestört reden können.«

»Okay, mach ich. Bis dann.«

»Bis dann, Tomas.«

Holtgreve rauschte aus dem Zimmer und ließ Jung ratlos zurück. Was erwartete ihn? Sein letzter Fall hatte ihn nach Sylt geführt.2 Eine vermisste Frau wurde gesucht und war gefunden worden. Zusammen mit seiner jungen Kollegin Charlotte Bakkens hatte er den Fall innerhalb einer knappen Woche aufgeklärt. Für ihre Schnelligkeit und Geräuschlosigkeit waren sie an höchster Stelle gelobt worden. Hatte Holtgreves Besuch damit zu tun? Egal. Es schien ihm wichtig zu sein und Jung beeilte sich, seiner Anweisung zu folgen.

*

Die Suche nach Kopper dauerte. In seinem Büro war er nicht zu finden. Schließlich erwischte Jung ihn in der Kantine beim zweiten Frühstück.

»Moin, Herr Kollege«, begrüßte er Kopper-Carlson. »Darf ich mich zu Ihnen setzen?«

»Moin. Machen Sie, was Sie wollen, aber machen Sie keinen Stress.«

»Haben Sie Stress?« Jung setzte sich und lächelte ihn provozierend an.

»Mehr als mir guttut. Was gibt’s denn? Holtgreve hat Sie geschickt, nicht wahr?«, fragte der Kollege, als erwarte er gar keine Antwort. »Schämen Sie sich eigentlich gar nicht?«

»Nein«, antwortete Jung trocken.

»Na klar. Sie sind ja sein Spezi.«

»Spezi? Wie kommen Sie darauf?«

»Das weiß doch jeder. Er duzt Sie. Eine äußerst zweifelhafte Ehre.«

»Womit haben Sie Stress, Kopper?«, versuchte Jung, dem Geplänkel ein Ende zu machen.

Kopper zog eine missmutige Grimasse. »Er nervt. Wie immer. Er rückt ja nie mit der Sprache heraus, unser Herr Chef. Was will er?«

»Sie bearbeiten Vermisstenfälle, ist das richtig?«, fragte Jung sachlich.

»Ja.«

»Holtgreve will, dass ich mich in der Sache schlaumache.«

»So, will er das! Ich glaube eher, dass er mich kontrollieren will.«

»Ich glaube, er möchte, dass wir vorankommen.«

Jung bemühte sich um Zurückhaltung. Er wollte etwas hören und wissen und nicht einem grantigen Kauz klarmachen, wie albern sein Gerede eigentlich war.

»Es dauert ihm zu lange. Er hat keinen blassen Schimmer, wie immer.«

»Das erwähnten Sie bereits. Nur hätte ich gerne gewusst, wovon er keinen Schimmer hat.«

»Die Fälle scheinen auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun zu haben, aber im Detail gibt es doch merkwürdige Auffälligkeiten«, ließ Kopper sich herab, seine Frage zu beantworten.

»Im Detail? Wie darf ich das verstehen, Herr Kollege?«

»Uns liegen Vermisstenanzeigen mehrerer Personen vor. Aus den letzten Wochen. Bis heute ist keiner von ihnen wieder aufgetaucht. Weder tot noch lebendig. Zwischen ihnen besteht keine Verbindung, außer dass sie allesamt zum letzten Mal vom Bahnhof Niebüll ein Lebenszeichen von sich gegeben haben. Um ganz genau zu sein: Sie haben telefoniert. Das war’s denn auch schon. Schluss, aus, vorbei.«

»Mit wem haben sie telefoniert?«

»Mit Angehörigen.«

»Und auf Sylt sind sie nicht angekommen. Oder besser gesagt, keiner hat sie danach mehr gesehen oder gehört. Richtig?«

»Richtig. Wir haben natürlich nach Augenzeugen gesucht.« Kopper lachte höhnisch.

»Deren Aussagen widersprachen sich. Nichts Verlässliches. Mit anderen Worten, wertloser Schrott«, sagte Jung.

»Genau. Sie haben es erfasst, Herr Kollege. Ich wusste gar nicht, wie messerscharf Sie kombinieren können.«

»Haben die vermissten Personen auf Sylt gearbeitet?«, ignorierte Jung Koppers überflüssige Bemerkung. »Waren sie Touristen, Urlauber, Ferienhausbesitzer oder sonst was?«

»Von allem etwas. Es gibt keine spezifischen Gemeinsamkeiten, weder was den sozialen noch was den berufsmäßigen Status anbelangt.«

»Und den geschlechtsmäßigen?«, fragte Jung harmlos.

»Völlig unspezifisch. Mann, Frau, drei Ältere, ein Junger. Vielleicht waren sie ja verkappte Homosexuelle, Lesben, Transsexuelle, Asexuelle, Intersexuelle, Pädophile. Details dieser Art sind wir noch nicht auf den Grund gegangen. Könnte sein, dass …«

»Also quer durch die Bevölkerung«, kürzte Jung Kopper-Carlsons Aufzählung ab.

»Genau.«

»Was habt ihr noch herausgefunden?«

»Nichts.«

»Nichts? Das ist wenig. Da könnte man durchaus auf die Idee kommen …«

»Hören Sie, Jung«, schnitt Kopper-Carlson ihm das Wort ab, »Sie sind offensichtlich ein ganz genialer Knabe mit außerirdischen Fähigkeiten, aber als normaler Kriminalbeamter …«

»Lassen wir das, Kopper. Ich will die Akten. Sofort. Mein Genie braucht Futter.«

»Ungern. Ich bin gerade dabei …«

»Ich hetze Ihnen den Chef auf den Hals«, unterbrach ihn Jung brutal. »Sie wissen doch, ich bin sein Spezi. Wenn Sie also …«

»Okay, okay. Werden Sie doch nicht gleich komisch. Sie kriegen ja, was Sie wollen. Morgen. Heute geht nichts mehr.«

»Ich warte, bis Sie hier fertig sind. Und dann …« Jung machte eine unmissverständliche Handbewegung und lächelte sein Gegenüber honigsüß an.

Kopper-Carlson erstarrte in empörtem Schweigen. Schließlich erhob er sich und marschierte wortlos zum Ausgang. Jung folgte ihm und grinste still vor sich hin.

*

Den Rest des Vormittags verbrachte Jung mit dem Studium der Akten. Insgesamt waren es vier Ordner. Die Tatsache, dass Niebüll der Ort ihres letzten Lebenszeichens vor der Weiterreise nach Sylt war, sprang ins Auge. Insofern war nachvollziehbar, dass Kopper-Carlson genau an dieser Stelle angesetzt hatte. Seine Bemühungen, Augenzeugen aufzutreiben, waren umfassend gewesen. Das musste Jung anerkennend einräumen. Alles in allem waren die Ergebnisse jedoch enttäuschend. Allein ein einziges Detail schien bedeutsam. In allen Fällen war das Zugpersonal dasselbe gewesen. Kopper-Carlson hatte die Zugbegleiter ordentlich in die Mangel genommen und ihr Leben akribisch durchleuchtet. Aber er konnte ihnen keine Verbindung zu den Vermissten nachweisen. Sie konnten sich an die Vermissten nicht einmal erinnern. Nach Aktenlage waren sie ihnen also absolut fremd. Das Ganze war ein einziges großes Rätsel.

Jung dachte darüber nach, wo sie suchen mussten, um einen neuen Ansatzpunkt zu finden. Irgendwo musste er sein. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Er stellte sein Grübeln nach kurzer Zeit ein. Holtgreve hatte ein Interesse gezeigt, das er sonst nicht an den Tag zu legen pflegte. Er musste Gründe dafür haben. Sicherlich war es klüger, das Gespräch beim Mittagessen abzuwarten. Holtgreve würde sich erklären. Jung war sich darin ziemlich sicher, obwohl ihr Vertrauensverhältnis noch nicht so lange währte, als dass er sich blind auf seinen Chef verlassen hätte. Vielleicht hatte er nach ihrer Unterredung Informationen, die ihm halfen, in die richtige Richtung zu denken.

1 s. »Mordsee«

2 s. »Inselroulette«

Mittagessen

Jung sah auf die Uhr. Nur noch ein paar Minuten bis Mittag. Tiny müsste schon längst gelandet und auf dem Weg an die Algarve sein. Hoffentlich hielt er sich an die Absprache und machte keinen Blödsinn. Ihm war alles zuzutrauen. Manchmal sogar verblüffend Schlaues. Aber bitte nicht jetzt, seufzte Jung. Berechenbarkeit war ihm lieber. Der Kerl ging ihm auf den Geist. Er passte ihm absolut nicht in den Kram. Was mach ich mit ihm, wenn er hier antanzt?, fragte er sich.

Jung nahm seine alte Lederjacke vom Haken und stieg das Treppenhaus hoch in den obersten Stock. Die Tür zu Holtgreves Bürosuite stand wie immer offen. Als er Jung auf dem Flur hörte, rief er ihn zu sich herein. Jung hatte stets das Gefühl, als hocke sein Chef den ganzen Tag mit gespitzten Ohren hinter seinem Schreibtisch, um auch ja nichts zu verpassen, nicht einmal das flüchtige Rascheln einer imaginären Maus in den Wänden des alten Gemäuers. Früher hatte ihn das gestört, jetzt nicht mehr. Holtgreve las in einem Papier, das er, die Ellenbogen auf die Schreibunterlage gestützt, vor sich in den Händen hielt.

»Ich bin gleich so weit. Sekunde«, murmelte er, ohne aufzusehen.

Das Büro war etwas größer als die Büroräume auf den unteren Fluren. Das Mobiliar unterschied sich nicht von dem der anderen. Etwas neuer vielleicht, nicht so abgenutzt wie beim Volk unter ihm. Holtgreve umgab sich nicht mit Protz und Prunk. Jung hatte das auch früher schon registriert, aber nie bewertet. Heute buchte er die ausgestellte Bescheidenheit auf das Pluskonto des Leitenden.

»Okay. Ich bin so weit. Gehen wir«, meldete sich Holtgreve, erhob sich und griff seinen Mantel von der Garderobe. Er hatte es eilig. Jung folgte ihm wortlos.

Die Walzenmühle lag in Flensburgs Neustadt. Der Stadtteil begann am Nordertor, dem historischen Wahrzeichen Flensburgs. Nordwärts, rechts und links der Apenrader Straße, erstreckten sich ein paar Straßenzüge mit Mietskasernen aus dem Anfang des letzten Jahrhunderts. Das Gewerbegebiet entlang der Förde gehörte ebenfalls zur Neustadt. Früher gab es dort einen großen Schlachthof mit Restaurant. Heute lagen noch die Werft der Flensburger Schiffbau-Gesellschaft und die Stadtwerke auf dem Areal. Die Neustadt galt lange als der Hinterhof der Stadt, in dem sich Türken angesiedelt und ihre Basare und Teestuben aufgemacht hatten. Seit geraumer Zeit entwickelte sich das Viertel zu einer lebendigen Multi-Kulti-Gemeinde, die bereits die Große Straße südlich des Nordertors erfasst hatte. Die Walzenmühle war vor einigen Jahren entkernt und in ein Dienstleistungszentrum umgewandelt worden. Im Erdgeschoss hatte das Weinkontor Roberto Gavin Platz gefunden. Ein Bistro wurde dem Kontor angegliedert.

Sie hatten es nicht weit. Holtgreve war gut zu Fuß und Jung hatte Mühe, ihm zu folgen. Er war kurz davor, ihn zu bitten, etwas langsamer zu gehen. An eine Unterhaltung war nicht zu denken. Nach einer knappen Viertelstunde saßen sie an ihrem Tisch und studierten die Speisekarte.

»Du hast es aber mächtig eilig, Henning«, bemerkte Jung nach einer Verschnaufpause.

»Ja, entschuldige. Mir geht so viel durch den Kopf. Ich muss höllisch aufpassen. Die Lage ist prekär.«

»Prekär?«, fragte Jung erstaunt. »Darf ich fragen, warum?«

»Ich komme gleich dazu. Lass uns zuerst bestellen.«

Holtgreve winkte der Bedienung. Er entschied sich für Tagliatelle in Rotweinsauce mit Paprika und gebratenem Schweinefilet. Jung nahm Muschelnudeln in Proseccorahm mit Scampi und Zucchini.

»Was wünschen die Herren zu trinken?«, fragte die Bedienung.

»Mach du das, Tomas. Du bist doch der ›King of wines‹.«

Woher hat er das denn, dachte Jung und studierte angestrengt die Karte.

»Wir nehmen eine Flasche Primitivo aus dem Mezzogiorno«, entschied er schließlich. »Er passt zu den Tagliatellen.«

»Gute Wahl, mein Herr.« Die Bedienung deutete eine Verbeugung an und ließ sie allein.

»Du wolltest mir etwas erklären, Henning«, leitete Tomas Jung das Gespräch ein.

»Richtig.« Holtgreve hielt inne und schien im Zweifel, wie er fortfahren sollte.

»Hat es etwas mit den Vermissten zu tun, um die ich mich kümmern sollte?«, half Jung ihm auf die Sprünge.

»Genau. Es gibt da eine Besonderheit, die mir Kopfzerbrechen macht. Es könnte eine Menge davon abhängen, wie wir mit der Sache umgehen. Eine delikate Angelegenheit, Tomas. Höchste Alarmstufe.«

Jung wusste mit den ominösen Andeutungen seines Chefs nichts anzufangen und schwieg. Schließlich schien Holtgreve gefunden zu haben, wonach er gesucht hatte.

»Kennst du eigentlich einen von den Vermissten? Hast du ihre Namen schon einmal gehört oder von ihnen in der Zeitung gelesen?«

»Nein? Sollte ich?« versetzte Jung.

»Der Letzte auf der Liste ist der Sohn eines einflussreichen Mannes. Er war Vorstand eines, nach eigenem Selbstverständnis, mächtigen Geldinstitutes. Ich würde eher sagen, eines von regionaler Bedeutung. Trotzdem ein Mann mit Beziehungen«, sagte Holtgreve mit einer Mischung aus Respekt und Herablassung.

»Wer? Der Vater oder der Sohn?«

»Der Vater.« Holtgreve schwieg und sah Jung in die Augen. Jung las darin die Erwartung, dass er die richtigen Fragen stellte.

»Der Letzte auf der Liste heißt Jens Eilers«, bemerkte Jung. »Der Name sagt mir nichts. Von dem Vater habe ich auch noch nie gehört.«

»Liest du nicht das Tageblatt? Dann müsstest du Jan Eilers, den Vater, eigentlich in guter Erinnerung haben. Oder besser, in schlechter.«

»Ich lese keine Tageszeitung«, stellte Jung fest und kam sich blöd vor.

»Er war vor langer Zeit mal das Hätscheltierchen des Chefredakteurs. Dann hat er sich verdächtig gemacht und wurde der Buhmann. Jede Menge vor Moral und Selbstgerechtigkeit triefende Leitartikel. Ekelerregend.«

»Du sagtest, er war Vorstand«, kam Jung zurück zum Thema. »Was ist er denn jetzt?«

»Er ist Anlageberater.«

»Für Leute mit zu viel Geld.«

»Für Geldanleger«, erwiderte Holtgreve sachlich. »Er ist auch der Geschäftsführer einer Wohnungsbaugesellschaft.«

»Aha. Welche Rechtsform?«, forschte Jung süffisant.

»GmbH & Co. KG. Sie heißt ›Team Futuro‹.«

»Und er ist auch Kommanditist, oder?«

Holtgreve nickte bestätigend. »Er hält die Mehrheitsanteile.«

»Aha, perfekt. Warum ist er eigentlich kein Banker mehr?«

»Er passte nicht mehr in die Landschaft. Das ist eine lange Geschichte. Ich will das an dieser Stelle nicht vertiefen. Nur so viel: Ihm wurde nahegelegt, sich zurückzuziehen. Die Argumente müssen ausgereicht haben, dass er dem freundlichen Verlangen seines Aufsichtsrates widerstandslos gefolgt ist. Jedenfalls drang nichts Gegenteiliges nach draußen.«

»Sie reichten aber nicht aus, ihn in den Knast zu bringen«, folgerte Jung.

»Ich nehme an, er wusste zu viel. Er hätte den einen oder anderen mitgenommen. Über die Namen hätten wir uns sicherlich gewundert. Wenn diese Leute ins Straucheln kommen, kennen sie kein Pardon.«

Jung überkam die Lust weiterzufragen. Er hielt sich aber zurück und sagte: »Es geht um seinen Sohn. Reden wir über ihn.«

»Genau das ist das Problem. Wenn wir über den Sohn reden, müssen wir auch über den Vater reden. Er …«

»Wieso das denn?«, fiel Jung ihm ins Wort. »Ist der auch verschwunden?«

»Nein, nein«, winkte Holtgreve ab. »Aber Eilers senior versucht, Einfluss auf die Ermittlungen zu nehmen. Über den Innenminister, den Polizeipräsidenten, den Generalstaatsanwalt. Ich bin der Letzte in der Kette. Bei mir landet die Arbeit. Verstehst du?«

»Nicht so ganz. Er war einmal mächtig, mag sein. Aber heute ist er einer von vielen. Im Übrigen ist es ganz egal, was er war oder was er ist. Alle Versuche, Einfluss zu nehmen, müssen zurückgewiesen werden. Oder sehe ich das etwa falsch?«

»Nein. Natürlich hast du recht. Dennoch …«

»Ich verstehe. Man muss Rücksicht nehmen. An höherer Stelle, nicht wahr?«, höhnte Jung.

»Ich selbst weiß nichts Genaues. Aber es gibt Gerüchte. Es werden üble Geschichten über ihn erzählt. Er soll schon als Student in Kiel …«

Holtgreve unterbrach seine Rede, weil die Bedienung mit der Flasche an ihren Tisch trat und einen Probeschluck einschenkte.

»In Ordnung, danke«, nickte Jung dem Mann zu und wartete, bis er außer Hörweite war. Dann wandte er sich wieder seinem Chef zu.

»Mein Gott, Henning. Das kennen wir doch zur Genüge. Gerüchte, Intrigen, Neider, üble Nachrede und so weiter und so fort. Alles Gelaber, nichts als Getuschel und Gemauschel.« Jung schüttelte angewidert den Kopf.

Holtgreve hatte gerade nach seinem Weinglas gegriffen und setzte es wieder ab, als hätte ihn ein Insekt gestochen. Er sah Jung intensiv an. Dann sagte er mit Nachdruck: »Dieses ›Gelaber‹, wie du es auszudrücken beliebst, bewegt das Wohl und Wehe der ganzen Menschheit. Darüber solltest du dir mal Gedanken machen, mein Lieber, anstatt den Gutmenschen und Besserwisser raushängen zu lassen.«

Jetzt stellte auch Jung sein Weinglas ab. Er fühlte sich bis ins Mark getroffen. Ein ungewohntes Gefühlskonglomerat machte sich in ihm breit: Wut, Angst und Trotz, begleitet von einer Art Respekt. Noch nie zuvor hatte er Holtgreve gegenüber ähnlich empfunden. Nur mühsam behielt er seinen Gleichmut bei. Holtgreve nahm einen langen Schluck.

»Was hat Eilers senior denn tatsächlich unternommen? Was hast du damit zu tun?«, nahm Jung scheinbar ungerührt das Gespräch wieder auf.

»Er hat den Generalstaatsanwalt und den Polizeipräsidenten ersucht, ihn über den Fortgang der Ermittlungen auf dem Laufenden zu halten.«

»Sein Sohn ist verschwunden. Da ist der Wunsch verständlich«, warf Jung ohne Überzeugung ein.

»Aber nach Gesetz und Recht nicht statthaft. Das hast du bereits richtig angemerkt. Er hat keinen Anspruch auf Extrawürste. Er könnte die Ermittlungen beeinflussen, im schlimmsten Fall torpedieren. Mit ziemlicher Sicherheit aber komplizieren. Das weißt du so gut wie ich.«

»Okay. Meinetwegen. So könnte es sein, muss aber nicht. Ich sehe da nicht unbedingt eine Zwangsläufigkeit.«

»Du kennst die Kreise nicht, in denen die sich bewegen, Tomas.«

»Mag sein. Aber ist das ein Grund, die höchste Alarmstufe auszurufen? Wo ist das wahre Problem?«

»Dass Eilers an allerhöchster Stelle Gehör gefunden hat. Gegen die üblichen Regeln, um das noch einmal zu betonen. Und genau das ist das Problem. Das lässt auf nichts Gutes schließen. Auf gar nichts Gutes«, sagte Holtgreve beschwörend. »Der Polizeipräsident hat mich in Kenntnis gesetzt.«

»Er bindet dich ein, Henning. Korrekt von ihm, könnte man sagen.«

»Tomas, ich bitte dich. Sei doch nicht so furchtbar naiv. Wenn der Polizeipräsident mich anruft, dann will er was von mir. Dann hat er ein Problem. Und ich anschließend auch. Er sagt mir durch die Blume, ich soll ihm helfen, sein Problem aus der Welt zu schaffen. Vielleicht hat er sogar mehrere. Hier geht es nicht um Belanglosigkeiten. Das rieche ich. Ich habe das schon zu oft erlebt.«

Tomas Jung hatte Mühe, ruhig zu bleiben. Er war es leid, sich einen Gutmenschen, einen Besserwisser oder naiv nennen zu lassen. Sogar Charlotte bezichtigte ihn einer sauren Moral und nannte ihn altmodischen Tugendbold. Svenja tutete ins gleiche Horn und haute ihm den ganzen Kram noch einmal um die Ohren. Auf welchem Thron saßen sie eigentlich, dass sie sich das erlauben durften? Reichte es, Vorgesetzter oder Frau zu sein? Er war Polizist, ›Ordnungshüter‹ war ein anderer Name für das, wofür er bezahlt wurde. Holtgreve übrigens auch. Recht und Gesetz durchzusetzen und zu schützen, war ihr Beruf. Was war daran altmodisch? Gewaltenteilung, Beweisbarkeit, Schutz vor Übergriffen, Unschuldsvermutung, Nichteinmischung, Verschwiegenheit und so weiter und so fort. Das waren, neben vielen anderen, Eckpfeiler dieser Ordnung, Werte, auf die sich die Gesellschaft in Deutschland verständigt hatte und an die er glaubte. Aus Überzeugung. Er spürte ein großes Verlangen, das lauthals in die Welt zu brüllen. Tomas Jung schwieg verbissen.

Holtgreve griff zu seinem Glas. Jung machte es ihm nach. Die anderen waren einfach schlauer, dachte er, während er einen zweiten Schluck nahm. Holtgreve war Inspektionschef geworden, nicht er. Und Frauen waren unangreifbar, solange sie ihre soziale Kompetenz ausspielten. Sie hatten eine feine Witterung dafür, wo sozialer Abstieg drohte, Gefahr für Leib und Leben bestand, vor allem von Kindern, oder überflüssige Opfer gebracht werden sollten. Jung setzte langsam sein Glas zurück.

»Was hat er für ein Problem?«, fragte er mit gespielter Gleichgültigkeit.

»Das hat er natürlich nicht explizit gesagt. Aber …«

»Natürlich? Ich finde das nicht natürlich. Ich finde das verlogen«, giftete Jung.

»Natürlich oder verlogen, das ist doch völlig wurscht, Tomas. Er hat Angst vor der Öffentlichkeit. Das spüre ich. Presse und Medien sollen unter allen Umständen außen vor bleiben. Keine Schlagzeilen, keine Homestory, keine Interviews, keine Fotografen vor der Haustür. Was nicht in den Medien erscheint, existiert auch nicht. Verstehst du?«

»Wie will er das bewerkstelligen? Wir leben nicht …«

Jung brach ab, weil der Kellner das Essen brachte. Sie hoben ihre Gläser und wünschten sich guten Appetit. Dann machten sie sich über ihre Teller her. Schon nach wenigen Bissen kam Holtgreve zurück zur Sache.

»Der Präsident will, dass du die Sache in die Hand nimmst. Er besteht darauf«, erklärte er mit Nachdruck.

»Ich?«, reagierte Jung erstaunt. »Ich bin Leiter des S-Kommissariats bei der Bezirkskriminalinspektion Flensburg, Henning. Ich bearbeite unaufgeklärte Kapitalverbrechen, nicht Vermisstenanzeigen. Weiß er das?«

»Oh ja. Das weiß er ganz genau. Er hat aber darauf verwiesen, dass du durchaus zuständig sein könntest. Er ist nicht dumm. Er …«

»Das weiß ich, Henning. Er wäre sonst nicht da, wo er ist«, warf Jung ein.

»Er ist listig, Tomas. Das solltest du dir gut merken.«

»Okay, okay. Ich weiß. Aber warum ich?«

»Die Fälle sind nicht abgeschlossen. Also unaufgeklärt. Keiner weiß, was passiert ist. Verbrechen drängen sich als Erklärung geradezu auf. Da hat er einfach recht. Das musst du zugeben, Tomas.«

Holtgreve kaute schweigend und sah Jung durchdringend an.

»Am Anfang ist immer alles unaufgeklärt«, sagte Jung lahm. »Das kann nicht der Punkt sein. Es gibt ein paar Menschen, die sich verdünnisiert haben. Nichts deutet bislang darauf hin, dass sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen sind. Vielleicht haben sie keine Lust mehr auf unsere Gesellschaft. Einer von ihnen ist der Sohn eines abgehalfterten Bankvorstandes. Wenn an den Gerüchten etwas dran ist, dann braucht der Junior vielleicht mal ’ne Erholungspause von dem Alten. Darauf würde ich zuerst tippen.«

Holtgreve lachte gequält.

»Tomas, ich bitte dich, reg dich nicht auf. Ihr habt die volle Unterstützung und das uneingeschränkte …«

»Ihr?«, ging Jung dazwischen. Seine mühsam bewahrte Beherrschung begann zu bröckeln. »Wer ist das denn? Das wird ja immer abenteuerlicher, Henning.« Jung stocherte fahrig in seinen Nudeln herum. Er ahnte Schlimmes. Ihm begann der Appetit zu vergehen.

»Lass mich bitte ausreden, Tomas. Ich mach es kurz. Du und die Kollegin Bakkens seid oben positiv aufgefallen. Sehr positiv. Den letzten Fall habt ihr geräuschlos und vor allem beeindruckend schnell abgewickelt. Der Auftritt der Kollegin Bakkens vor den Medien hat den Präsidenten begeistert. Das war eine brillante Idee von dir, mein Lieber. Cool, professionell, attraktiv. Beste Werbung für die Polizei. So seine eigenen Worte. Wenn ihr die vorliegende Angelegenheit ebenso erledigt, dann seid ihr oben angekommen, Tomas. Dann stehen euch alle Türen offen. Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede.«

Jung starrte Holtgreve entgeistert an.

»Bevor ich durch irgendeine Tür gehe, habe ich aber die totale Arschkarte. Überleg doch mal, Henning. Kopper-Carlson ist schon eine Ewigkeit an der Sache dran. Er hat …«

»Eilers junior steht erst seit ein paar Tagen auf der Liste«, unterbrach ihn Holtgreve. »Kopper-Carlson kann also noch gar nicht richtig losgelegt haben.«

»Er war fleißig«, ließ Jung sich nicht beirren. »Seine Ermittlungen sind akribisch und umfassend. Ich habe die Akten gelesen. Und jetzt soll ich den ganzen Kram in Nullkommanichts in die Archive bugsieren.« Tomas Jung lachte grimmig. »Daran kannst du nicht ernsthaft glauben.«

»Kriminaldirektor Tomas Jung zusammen mit Kriminaloberkommissarin Charlotte Bakkens. Doch, Tomas. Ich …«

»In spe, Henning, in spe. Wenn überhaupt. Was ist, wenn …«

»Tomas, reg dich ab«, beschwor ihn Holtgreve. »An deiner Stelle …«

»Du bist nicht an meiner Stelle, Henning. Du bist …«

»Der Präsident hat sie bereits informiert«, machte Holtgreve dem Wortgefecht ein Ende. »Sie ist auf dem Weg zu uns.«

»Was? Er hat sie …«

Jung brach abrupt ab. Ihm wurde klar, dass die Würfel längst gefallen waren. Die Beamtenmaschinerie war angesprungen und nahm ihren Lauf. Die Probleme waren von oben nach unten bis auf die Arbeitsebene durchgereicht worden. Und da würden sie unweigerlich mit den alltäglichen Notwendigkeiten kollidieren. Krawumm! Und das Desaster begann. Nur ein Weltuntergang, ein Krieg oder Krankheit würden daran etwas ändern können. Die beiden ersten waren nicht in Sicht und krank wollte Jung nicht werden. Aus diesen Gründen schon gar nicht. Aber welche Motive bewegten die Leute an den Schalthebeln, das absehbare Kuddelmuddel zuzulassen? Welche Gründe könnte es überhaupt dafür geben? Vielleicht überschätzte er seine Vorgesetzten einfach.

Holtgreve schien in Jungs Gesicht zu lesen, was ihn bewegte. Er redete begütigend auf ihn ein.

»Der Präsident hat seinen Einfluss geltend gemacht und dafür gesorgt, dass ihr zu jeder Zeit und zu jedem Thema mit Eilers reden könnt. Auch mit seiner Frau. Ihr habt exklusiven Zutritt zu den beiden. Das war die Bedingung für seine Zugeständnisse. Soviel ich weiß, sind sie alte Freunde.«

»Auch das noch«, stöhnte Jung.

»Das kann durchaus von Vorteil sein, Tomas. Wenn der Präsident euch persönlich auswählt, dann zeigt er damit, dass ihr sein uneingeschränktes Vertrauen genießt. Dass er mit all seinem Einfluss hinter euch steht. Verstehst du, was ich damit sagen will?«

»Sein Vertrauen. Ach du meine Güte«, brummte Jung unwillig.

»Seine Macht färbt auf euch ab. Man wird euch mit Respekt begegnen. So läuft das in den höheren Kreisen.«

Jung dämmerte, was auf ihn zukam. Er schwieg verstimmt und widmete sich seinem Essen.

Holtgreve hingegen schien erleichtert. Er aß mit sichtlichem Appetit den Rest der Tagliatelle und schloss mit einem ordentlichen Schluck Rotwein ab.

»Hervorragender Tropfen. Wie bist du auf den gekommen, Tomas?«

»Robertos Empfehlung«, antwortete Jung einsilbig. Er fühlte sich unwohl. Er ermahnte sich, höflich zu sein. Das war auf jeden Fall besser, als seinem aufkommenden Verdruss freien Lauf zu lassen.

»Nehmen wir zum Abschluss einen Espresso, Henning?«, fragte er aufgeräumt.

»Danke, Tomas. Aber ich muss los. Lass dir Zeit und denk über alles in Ruhe nach. Wir sprechen uns später.«

Holtgreve stand auf. Jung machte Anstalten, sich ebenfalls zu erheben.

»Lass stecken, Tomas. Trink deinen Kaffee. Ich zahle. Mach dir keine Sorgen. Wir kriegen das hin. Tschüss. Man sieht sich.«

»Tschüss, Henning. Bis später.«

Jung setzte sich und starrte vor sich hin. Was ist hier eigentlich los?, fragte er sich. Was machte ihn so sauer? Du musst das positiv sehen, versuchte er sich zu überzeugen. Die Anerkennung der Chefs, die Übernahme eines Falles, in dem sie sich bewähren konnten, die in Aussicht gestellte Beförderung. Andere würden darüber schier aus dem Häuschen geraten. Er nicht. Nur Charlotte versüßte ihm die Aussicht auf das heraufziehende Unheil. Die Arbeit mit ihr war immer anregend gewesen. Er konnte sogar von ihr lernen. Das war der einzige Grund sich zu freuen, neben ihrem Anblick natürlich. Sie war wirklich ein Lichtblick in dem ganzen Durcheinander.

Im selben Moment fiel ihm Tiny wieder ein. Der und seine Ängste. Er versaute alles. Sein Leben war ohnehin schon aus den Fugen. Er fühlte sich manipuliert, unter Druck gesetzt, missbraucht. Hätte ihm der Leitende nicht von Anfang an reinen Wein einschenken können? Warum musste er so tun, als stünde noch zur Diskussion, was schon längst entschieden war?

»Ihr Espresso, Signore«, sagte jemand neben ihm.

Jung fuhr auf und blickte erschrocken in das Gesicht von Roberto. Er war klein und hatte eine Halbglatze. Alles an ihm war rund und freundlich. Selbst wenn er den Mund nicht aufmachte, jeder hätte sofort erkannt, dass er Italiener war.

Jung kam gerne in sein Bistro. Er schätzte die leichte Küche. Es gab sechs Speisen auf der Karte, die wöchentlich wechselten. Nur Brot mit Dip gab es immer und gemischte Antipasti, aber die erst ab Wochenmitte. Roberto duzte seine Stammgäste und nannte sie beim Vornamen. Jung atmete auf.

»Entschuldige, ich war in Gedanken. Ich hab dich gar nicht kommen hören.«

Jung nahm die Tasse entgegen und rührte Zucker in den Kaffee.

»Ich sah dich und dachte, ich geh mal rüber«, fing Roberto an.

»Setz dich doch. Ich schätze angenehme Gesellschaft.«

»Grazie, Tomi. Gibt’s Probleme?«, fragte Roberto und setzte sich Jung gegenüber an den Tisch.

»Der Job, Roberto, der Job. Kennst du das nicht?«

»Ich jage keine Kriminellen, Tomi, ich bewirte sie.«

Sie lachten. Roberto wusste, womit Tomas Jung sich herumschlug. Sie hatten sich gelegentlich darüber unterhalten.

»Weißt du eigentlich immer, wann du einen Bösewicht vor dir hast oder einen harmlosen Zeitgenossen?«, fragte Jung amüsiert.

»Du nicht?«

»Mein Chef hat mir gerade angeraten, mehr Zeitung zu lesen. Dann wüsste ich, was mir fehlt.«

Sie lachten. Jung schlürfte seinen Kaffee.

»Zeitung lesen. Mamma mia! An was hat er dabei gedacht?«, fragte Roberto mitfühlend.

»An einen gewissen Eilers. Der Name sollte mir bekannt sein. Meint er jedenfalls. Kennst du ihn?«

»Welchen? Den Senior oder den Junior?«

»Du kennst sie also.«

»Sie sind ab und zu bei mir. Wenn das heißt, dass ich sie kenne, dann ja.«

»Gehören sie zu deinen hungrigen Kriminellen oder zu den anderen?«, fragte Jung.

Roberto schmunzelte und wiegte den Kopf.

»Warum willst du das wissen? Haben sie was ausgefressen?«, fragte er zurück.

»Nein, nein. Der Junior wird vermisst. Ich soll mich darum kümmern.«

»Ach so, ich verstehe«, kommentierte Roberto nichtssagend.

»Was verstehst du? Weißt du etwas über sie?«

»Nein, nein. Jedenfalls nichts, was dir weiterhelfen könnte.«

»Was weißt du denn über sie?«, fragte Jung neugierig.

Roberto stierte auf den Tisch und schwieg.

»Ich weiß, Roberto. Du redest nicht gerne über deine Gäste. Aber in meinem Job bin ich …«

»Sie sind sehr unterschiedlich«, unterbrach ihn Roberto ernst. »Wie Tag und Nacht, como acqua e fuoco, wie Himmel und Hölle. Du weißt, was ich meine, nicht wahr?«

»Okay. Ich weiß, was du sagen willst. Aber eine Vorstellung …«

»Der Alte ist laut, crudamente e arrogante, der Junge leise, discrete e gentile. Capire?«

»Ja, schon verstanden. Aber …«

»Reicht das nicht?«, bemühte sich Roberto, das Thema zu beenden.

»Ja. Das ist schon mal was. Aber ist dir …«

»Möchtest du zum Abschluss una Grappa?«, fragte Roberto dazwischen.

Jung fügte sich Robertos unausgesprochenem Wunsch und brach ab.

»Hast du einen, den du mir empfehlen kannst?«, fragte er freundlich.

»Habe ich tatsächlich«, erwiderte Roberto munter. »Gerade frisch reingekommen. Aus dem Friaul. Einen Grappa Il Merlot di Nonino Monovitigno. Molto fantastico. Du wirst sehen.«

»Hoffentlich schmeckt er auch so«, lachte Jung.

»Er schmeckt auch so«, echote Roberto und erhob sich.

Charlotte Bakkens

Die Walzenmühle lag an der Werftstraße. Ein Stück weiter bis zur Schiffbrücke und Jung war am Hafen angekommen und auf dem halben Weg zurück zu seiner Arbeitsstätte. Er schlenderte vorbei an der Museumswerft und den restaurierten Oldtimern aus Zeiten, in denen noch Kohle auf Gaffelschonern verschifft wurde. Von hier hatte er eine ungehinderte Aussicht über den Hafen bis rüber zum Restaurant Bellevue auf dem Ostufer. Er ließ den Blick schweifen über die Marina links davon, das Hafenkontor und das hässliche Silo der Raiffeisengenossenschaft am Harniskai. Dahinter reihten sich alte Mietshäuser, manche hübsch renoviert, manche, wie die in der Kurzen Straße, abgesackt, schief und dem Abriss nahe. Den Hang hinauf, nach Jürgensby schob sich ein unübersichtliches Gewirr aus Häuschen und Häusern, die durch enge Gassen, Treppen und Wege verbunden waren. Dazwischen kleine Plätze, Bäume, Buschgruppen und Kinderspielplätze. In Richtung Hafenausgang wurde das winklige Viertel von dem Neubau des regionalen Telekom-Anbieters abgeschlossen. Darüber erhob sich St. Jürgen wie das Mahnmal für eine bessere Welt. Und stadteinwärts, oberhalb der Hafenspitze, wachten die massiven Blocks hübscher Altbauten wie eine freundliche Festung über der Stadt, wehrhaft und doch einladend. Er liebte den Anblick. Er liebte seine Stadt, gestand Jung sich ein.

Er riss sich von dem Anblick los und sah nach vorn. Er erkannte sie sofort. Unter den vielen Passanten auf der Pier stand sie weit vorne, am Liegeplatz des Salonschiffs Alexandra. Sie musterte den Oldtimer, eine vielbewunderte Attraktion Flensburgs. 1986 hatte der damalige Besitzer den Dampfer einem Verein geschenkt, deren Mitglieder die alte Lady nicht missen mochten. Sie hatten das Überbleibsel aus vergangenen Seefahrerzeiten vor dem Verschrotten gerettet. Seitdem ist die 1908 gebaute »Alex«, wie sie die Flensburger liebevoll nennen, der letzte seegehende Passagierdampfer Deutschlands.

Jung konnte sich nicht vorstellen, dass Charlotte großes Interesse an dem Schiff hegte. Nostalgisch angehauchte Schwärmerei hatte er noch nie an ihr festgestellt. Dazu war sie nicht der Typ. Ihre Stärken lagen woanders. Sie lebte im Jetzt, hatte einen pragmatischen Verstand und ein breitgestreutes Wissen über alles, was den Alltag der Menschen bestimmte: Gesundheit und Krankheit, Fitness und Ernährung, Computer und das Leben im Internet. Er hatte ihre Fähigkeiten schätzen gelernt, gelegentlich sogar bewundert.

Sie war nicht zu übersehen. Er hätte darauf gewettet, sie in jeder erdenklichen Verkleidung auf der Stelle wiederzuerkennen: groß, um die 1,80, sportliche, makellose Figur, kurzer, kunstloser Haarschnitt, bis auf den dezenten Lippenstift ungeschminkt. Das letzte Mal war sie in gelbem Ölzeug bei strömendem Regen gekommen. Heute war sie gekleidet wie bei ihrem ersten Zusammentreffen: helles Sweatshirt, kurze, braune Lederjacke, Kaki-Jeans und flache Leinenschnürschuhe. Ein Rock, ein Kleid oder ein Hosenanzug wären eine Sensation gewesen. Sie sah ungeheuer gesund aus. Tomas Jung empfand so etwas Ähnliches wie Freude.

*

Sie wandte sich ab und blickte in Jungs Richtung. Sie hatte ihn genauso schnell entdeckt wie er sie. Beide setzten sich in Bewegung, als triebe sie etwas Unsichtbares an.

»Der Boss hat mir gesagt, wo ich Sie treffe«, sagte Charlotte Bakkens, als sie Tomas Jung zur Begrüßung die Hand entgegenstreckte.

»Moin, Charlotte.« Lächelnd nahm er ihre Hand. »Warum lässt du dich nicht endlich versetzen? Du hast hier öfter zu tun als in Kiel.«

»Moin, Chef. Ich denk mal drüber nach.« Sie lachten und ließen voneinander ab.

»Ihre Frau hat angerufen. Das soll ich Ihnen vom Boss ausrichten«, sagte sie bedeutungsvoll.

»Okay. Bist du schon in den neuen Fall eingeweiht?«, überging er ihre Bemerkung.

»Der Anruf schien wichtig. Sonst hätte er mir nicht aufgetragen, Sie zu informieren«, blieb Charlotte hartnäckig.

»Ich kümmere mich darum. Später.«

Charlotte fixierte ihn aufmerksam. Jung registrierte ihren skeptischen Blick.

»Weißt du, um was es in unserem neuen Fall geht?«, fragte er noch einmal.

»Im Großen und Ganzen, ja«, erwiderte sie unbeteiligt.

»Das Große und Ganze. Was ist das?«, hakte Jung nach und setzte sich langsam in Richtung Polizeiinspektion in Bewegung.

»Der Polizeipräsident wollte mich sehen. Das ist ganz was Neues. Ich war so was von nervös, Chef«, erklärte Charlotte mit gespieltem Entsetzen. Jung lachte.

»Es geht um ein paar vermisste Personen auf Sylt«, fuhr sie fort. »Wir sollen sie finden. Schnell. Das schien ihm wichtig zu sein. Was soll das? Schnell soll es doch immer gehen, oder?«

»Ansonsten nichts?«

»Er schien ein gesteigertes Interesse zu haben. Warum, weiß ich nicht.«

»Typisch«, lachte Jung.

»Wissen Sie mehr, Chef?«, fragte Charlotte unsicher.

»Nicht wirklich. Holtgreve hat einige wenige Andeutungen gemacht. Mehr nicht.«

»Andeutungen. Was für Andeutungen?«

»Wir sind oben aufgefallen, Charlotte«, lachte Jung spitzbübisch.

»Oben? Sie meinen, beim Präsidenten?«

»Bei dem Minister, dem Generalstaatsanwalt, dem Präsidenten. Ja, die da oben. Sie lieben uns, seit wir den Mordfall auf Sylt so schnell und geräuschlos begraben haben.«

»Lieben? Das kann nicht wahr sein«, amüsierte sich Charlotte.

»Der Präsident hat deinen Fernsehauftritt in den höchsten Tönen gelobt, Charlotte. Holtgreve übrigens auch.«

»Hört sich gut an. Und was weiter?«

»Sie wollen uns weiter lieben können. Das heißt, wir sollen ihnen aus der Patsche helfen.« Jung grinste in sich hinein.

»Welche Patsche? Reden Sie doch nicht so drum herum. Ich komme mir schon ganz blöd vor.«

»Lies die Akten. Dann weißt du mehr. Vielleicht kommt dir die eine oder andere Idee. Wir unterhalten uns anschließend.«

Sie waren angekommen. Die Polizeiinspektion lag schräg gegenüber. Der neben dem Eingang angeschraubte Wegweiser zu den verschiedenen Dienststellen war nach der Neuordnung der Inspektion entfernt worden. Nur der blaue Leuchtkasten war übrig geblieben. Wenn er nicht gewesen wäre, hätte man in dem Gebäude eher ein kleines, feines und teures Hotel alter Pracht vermuten können. In Paris oder anderen französischen Städten fand man sie noch, ausgestattet mit edlen Stilmöbeln und schweren Teppichen. Aber zu Flensburg hätte das nicht gepasst. So stellte sich die Frage, wozu das Gebäude früher gedient haben mochte. Es musste aus der Gründerzeit stammen, die Stilrichtung war nicht eindeutig zuzuordnen. Die Fassade war reich ornamentiert. Simse, Steinmetzarbeiten und schmiedeeiserne Geländer vor Balkonen und Austritten zierten die Vorderfront. Vor einiger Zeit hatte es einen strahlend weißen Außenanstrich erhalten. Es hob sich auch deswegen vorteilhaft von der ebenfalls dekorativen Nachbarschaft ab.

»Moin, Herr Oberrat«, begrüßte sie der wachhabende Beamte am Eingang.

»Moin, Petersen. Das ist Charlotte Bakkens, Kriminalkommissarin aus Kiel. Sie wird die nächste Zeit bei uns sein«, stellte Jung seine Begleiterin vor.

»Schön. Wenn Sie etwas brauchen sollten, Frau Kommissarin, ich bin immer für Sie da«, sagte Petersen und lächelte charmant.

»Ich werde Sie bei passender Gelegenheit daran erinnern, Hauptwachtmeister«, lächelte Charlotte zurück.

Jung setzte sich in Bewegung und Charlotte folgte ihm auf dem Fuß.

»Das Gesülze hat er sonst nicht drauf«, flüsterte Jung ihr ins Ohr.

»Bei Ihnen wäre das auch völlig unangebracht, Chef«, flüsterte sie zurück und lachte.

Jung streifte sie mit einem irritierten Blick und strebte dem Treppenhaus zu.

»Die Akten sind bei mir«, wandte er sich an sie, als sie das Stockwerk erreicht hatten, auf dem sein Büro lag. »Hast du schon einen Schreibtisch und einen PC?«

»Ja. Der Boss hat das bereits geregelt. Ich sitze unten, gleich neben Petersen. Meinen Laptop habe ich auch mitgebracht.«

»Gut. Dann komm mit.«

In seinem Zimmer händigte Jung ihr die Akten aus.

»Ich warte auf deine Ideen, Charlotte«, sagte er schmunzelnd.

»Und Sie denken an den Anruf, Chef?«, entgegnete Charlotte, während sie die Tür hinter sich schloss. Jung ließ sich seufzend in seinen Bürostuhl fallen.

*

Sie warf die Akten auf den Tisch und stellte ihre Segeltuchtasche daneben. In letzter Zeit waren ein paar findige Newcomer in der Modeszene auf die Idee gekommen, aus dem Leder alter Turngeräte, ausrangierten Armeezelten und ausgemusterten Segeln Taschen zu fertigen. Die Materialien hatten alle Strapazen der Vergangenheit überstanden. Sie waren einfach unverwüstlich. Deswegen hatte sich Charlotte für sie entschieden. Aber nicht allein deswegen. Die Taschen waren sorgfältig verarbeitet. Auf handwerkliche Qualität legte sie Wert. Nicht zuletzt schätzte sie den sportlichen Chic. Die schwarze Fünf auf der Vorderseite erinnerte sie an das Alter, in dem sie sich unwiderruflich entschieden hatte, Polizistin zu werden. Für sie war die Fünf eine geheime Botschaft, die ihr ungeahnte Kräfte verlieh. Bis zu diesem Augenblick waren sie noch nie versiegt.

Sie packte ihren Laptop aus. Smartphone und Portemonnaie ließ sie in der Tasche. Den Rest hatte sie im Auto. Für ein paar Tage außer Haus benötigte sie nicht viel. Eine kleine Reisetasche, ebenfalls aus weißem Segeltuch, genügte ihr. Den meisten Platz nahm ihre Joggingausrüstung in Anspruch. Ohne Joggen würde ihr etwas fehlen. Es gehörte zu ihrem Leben wie Essen und Trinken. Vorhin hatte sie schon eine attraktive Laufstrecke ausgekundschaftet. Die Promenade entlang um die Hafenspitze herum auf die andere Seite, hinauf auf das Steilufer – eine geeignete Treppe für eine verschärfte Härteübung würde sich da schon finden lassen – und wieder zurück zu ihrem Hotel unweit der Polizeiinspektion.

Das Hotel gefiel ihr nicht. Die genormte Plastik-Nasszelle jagte ihr Schauer über den Rücken. Sie wollte da nicht bleiben und würde sich eine neue Unterkunft suchen. Vielleicht sollte sie den Hauptwachtmeister an der Wache beim Wort nehmen.

Sie setzte sich auf den einfachen Stuhl vor ihrem Schreibtisch. Es war das einzige Sitzmöbel in ihrem Büro, wenn man den Raum überhaupt so nennen wollte. Er wirkte wie die ehemalige Arrestzelle für orientierungslose Betrunkene, festgenommene Nutten oder rabiate Randalierer. Das musste schon eine Weile her sein. Jetzt gab es neben Tisch, Stuhl und Aktenablage ein Telefon, einen PC mit Zugang zum Internet und dem Netzwerk der Polizei. Mehr brauchte sie auch nicht. Tageslicht wäre schön gewesen. Sie tröstete sich bei dem Gedanken, dass ihre Verweilzeit hier ohnehin nicht lang dauern würde. Die Suche nach den Vermissten würde sie ganz gewiss nach außerhalb führen. Sylt war nicht gerade ihr Lieblingsplatz. Aber sie hatte hier ihren ersten spektakulären Erfolg als Kriminalbeamtin gehabt. Und das versöhnte sie mit der Aussicht, wieder dort hinzumüssen.

Sie schlug die erste Akte auf. Die Vermisste, Goscha Müller, war 53 Jahre alt, eine Witwe aus Düsseldorf. Zuletzt hatte sie mit ihrer Schwester vom Bahnhof Niebüll aus telefoniert. Ihre ältere Schwester erwartete sie in ihrem Ferienhaus in Rantum. Gosche Müller hatte sie gebeten, sie vom Bahnhof in Westerland abzuholen. Sie war dort nie angekommen. Die Schwester meldete sie nach zwei Tagen als vermisst.

Der Zweite war ein Mann, Helmut Bohl, er wohnte in Berlin und war auf dem Weg in den Urlaub gewesen. Seine Frau war vorausgefahren und hatte sich im Hotel Stadt Hamburg in Westerland einquartiert. Er war 55 Jahre alt. Sein Beruf als Fondsmanager hatte ihn auf dem Festland aufgehalten, sodass er erst später zu seiner Frau stoßen wollte. Von Niebüll aus hatte er seine Frau über seine Ankunft in Westerland informiert. Sie wartete vergeblich. Als sie die nächsten zwei Tage nichts von ihm hörte, ging sie zur Polizei und gab eine Vermisstenanzeige auf.

Die dritte Vermisste, Gisela Terhegen, war ebenfalls in den Fünfzigern: Eine verheiratete Frau, wohnhaft in Köln und allein unterwegs nach Sylt. Sie hatte von Niebüll aus mit dem Facilitymanager der Eigentumsanlage in Westerland telefoniert, in der sie ein Apartment hatte. Sie hatte ihn angewiesen, ihre Wohnung für einen längeren Aufenthalt herzurichten und mit dem Nötigsten zu versorgen. Im Klartext hieß das, er sollte die Betten neu beziehen und den Kühlschrank auffüllen. In der Folgezeit hatte sie nichts mehr von sich hören lassen, weder beim Hausmeister noch bei ihrem Mann. Eine Woche später hatte der Ehemann seine Frau als vermisst gemeldet.

Der Vierte, Jens Eilers, fiel durch sein Alter aus dem Rahmen. Er war Anfang 30, hatte eine führende Position als Projektmanager eines Baukonsortiums. Zur Zeit seines Verschwindens leitete er die millionenschwere Konversion eines ehemaligen Militärgeländes an der Ostsee. Er hatte sein Segelboot in List auf Sylt liegen. Seine Mutter hatte mit ihm zuletzt am Telefon gesprochen, als er in Niebüll den Zug bestieg, um ein Segelwochenende auf der Nordsee zu verbringen. Das war das letzte Lebenszeichen von ihm gewesen. Der Liegeplatz im Lister Hafen blieb leer. Seine Mutter meldete ihn am darauffolgenden Dienstag als vermisst.

Den Akten waren Fotos beigeheftet. Sie zeigten gut frisierte Köpfe und gepflegte Gesichter, wie man sie auf Anzeigen für Kreuzfahrtschiffe und Bildungsreisen nach Kappadokien fand.

Allen Fällen gemeinsam war, dass sie jeweils an einem Freitag vom Bahnhof Niebüll aus Kontakt zu ihren Angehörigen hatten und die Züge, die sie vermutlich bestiegen hatten, mit demselben Bahnpersonal unterwegs waren.

Charlotte Bakkens lehnte sich zurück. Das gibt eine Menge Arbeit, dachte sie. Zum Glück war sie frei, musste keine Rücksicht nehmen, etwa auf eine feste Beziehung oder gar eine Familie. Es hatte in der Vergangenheit den einen oder anderen Mann in ihrem Leben gegeben. Aber warum musste immer alles gleich so kompliziert werden? Warum konnte es nie dabei bleiben, ein paar unbeschwerte Stunden oder auch eine Nacht miteinander zu verbringen, Spaß zu haben und dann wieder an die Arbeit zu gehen?

Sie schüttelte den Kopf. Ideen sollte sie haben, hatte der Chef gesagt. Welche Ideen? Niebüll und das Bahnpersonal am Freitag waren allen Fällen gemeinsam. Dem Kollegen vor ihr war das natürlich sofort aufgefallen und er war diesem Aspekt zuerst hinterhergestiegen. Ohne handfestes Ergebnis. Langweilig, höchstwahrscheinlich auch nutzlos, da weiterzumachen. Was gab es noch? Das Alter der Vermissten war eine weitere Gemeinsamkeit. Bis auf eine Ausnahme gehörten sie der älteren Generation an, Menschen im besten Alter mit Geld. Sylt, teure Hotels, Ferienwohnungen ließen darauf schließen. Wahrscheinlich gab es noch mehr als das, was in den Akten festgehalten worden war. Auf Neudeutsch hießen diese Menschen »Bestager«. Der junge Typ machte da keine wirkliche Ausnahme. Er war Eigner eines Segelbootes mit Liegeplatz im Lister Hafen. Geld schienen sie also alle zu haben. Aber was hieß das schon? Man konnte daraus alle möglichen Schlüsse ziehen. Was noch?

Zuerst einmal sollte sie die Personen googeln, dachte sie. Vielleicht ergaben sich ein paar versteckte Hinweise, wo und wie sie weiterkommen konnten. Sie mussten sich den vermissten Personen nähern. Das hatte sie von Jung gelernt. Tätern und Opfern auf den Pelz zu rücken, das Innerste nach außen zu kehren, das war das Geheimnis eines erfolgreichen Ermittlers.

Sie packte ihren Laptop aus, stellte die Tasche neben den Stuhl und entriegelte die Klappe.

An die Arbeit

Sein Ärger war nach der Begegnung mit Charlotte fast verflogen. Er verspürte einen Hauch von Elan. Sie würden arbeiten und erfolgreich sein. Er warf sich vor, dass er an allem etwas auszusetzen hatte und automatisch Schwierigkeiten befürchtete. Ohne Kritik fühlte er sich einfach unwohl. Er neigte zu Pessimismus, gestand er sich ein, einem Pessimismus, der ihn zu beherrschen schien, egal, was auf ihn zukam. Warum nur? Seine Lebenserfahrung, seine berufsspezifischen Traumata, seine Skepsis gegenüber scheinbar unumstößlichen Tatsachen, reichte das als Erklärung aus? In Momenten der absoluten Stille, wenn er tief in sich hineinhorchte, vernahm er ein fernes Rauschen, ein Grauen vor den Menschen und vor dem, wozu sie fähig waren.

Erst neulich hatte im Fernsehen eine Journalistin berichtet, dass sogenannte Gotteskrieger im Irak ihre Gefangenen folterten. Sie setzten sie so lange auf Flaschen mit abgebrochenen Hälsen, bis After und Enddarm zerfetzt waren. Ihm war schlecht geworden. Er hatte sich danach eine Folge True Detective reingezogen. Er war ein Fan amerikanischer TV-Serien. The Sopranos, Dexter, The Wire und andere faszinierten ihn. Die Schauspieler waren gut, ihre Gesichter unverbraucht, echt und wirklichkeitsnah. Die Sicht auf die Welt war seiner eigenen Sicht recht ähnlich. Danach schaltete er um auf Eurosport 1 und platzte in einen Werbespot für einen Online-Möbelversand. Am Arsch der Welt kaufe man keine Möbel ein, behauptete ein Schauspieler, der durch seine Auftritte in deutschen TV-Krimis prominent geworden war. Der Trottel lümmelte sich auf einem weißen Sofa, fingerte auf einem Tablett-PC herum und merkte gar nicht, dass er selbst schon längst im Arsch der Welt angekommen war. Jung wechselte daraufhin zu Arte, dem Bildungssender. Auf dem Kanal lief ein Erotikthriller. Endlose Szenen, in denen alte Männer an einer bewusstlos gedopten nackten Studentin herumsabberten. Das hatte gereicht. Er flüchtete sich ins Bett und verbrachte eine unruhige Nacht.

Jung schüttelte den Kopf und ließ sich in seinen Bürostuhl sinken, das einzige luxuriöse Möbelstück in seiner kargen Arbeitszelle. Er versuchte sich weiter Mut zu machen und dachte, dass es ganz und gar unmöglich war zu wissen, was genau die Zukunft bringen würde. Ganz im Gegenteil. Versuchte man im Vorfeld zu verhindern, was man ängstlich befürchtete, so bekam man das Schlimmste irgendwann auf dem Silbertablett serviert. Das hatte ihn das Leben gelehrt. Aber wie war es mit dem, was man sich sehnlichst wünschte? Gingen Wünsche eher in Erfüllung, wenn man gar nichts tat? Das hatte ihn das Leben nicht gelehrt. Noch nicht!

Seine Art zu denken und zu handeln hatte ihm in letzter Zeit Erfolge eingebracht. Der Gedanke daran richtete ihn halbwegs wieder auf. Das Lob seiner Chefs hatte ihm geschmeichelt. Das konnte er nicht leugnen. Seine Freude darüber irritierte ihn, weil das Lob aus einer Ecke kam, die er oft kritisiert hatte und insgeheim verachtete. Der Beifall kam von der falschen Seite. Aber von welcher Seite sollte er sonst kommen?

Am liebsten hätte er das Gespräch mit Holtgreve rückgängig gemacht und noch einmal geführt. Dann hätte er sich in aller Ruhe angehört, was sein Chef vorzubringen gehabt hätte, bis zum Schluss und ohne zu unterbrechen, hätte vielleicht die eine oder andere Frage zur Präzisierung oder zum besseren Verständnis gestellt und hätte, wie es sich für einen guten Beamten gehörte, seinen vollen Einsatz zugesichert. Statt eines disharmonischen Arbeitsessens hätten sie eine lösungsorientierte Besprechung gehabt, aus der beide gestärkt den heraufziehenden Herausforderungen ins Auge geblickt hätten. Zu schön, um wahr zu sein, aber durchaus möglich, dachte Jung. Es lag an ihm. Wenn er etwas zum Besseren wenden wollte, dann sich selbst. Die anderen waren die anderen. Sie hatten das Recht, zu sein, wie sie waren, und sich zu ändern oder nicht. Dieses Recht nahm er für sich selbst auch in Anspruch. Und jede Einmischung von außen hätte er als Anmaßung und ungehörig zurückgewiesen.

Fang endlich an zu arbeiten und versinke nicht in Grübeleien, ermahnte er sich. Was war zu tun?

Das Telefon läutete und hielt ihn von weiteren Erwägungen ab.

»Jung, Polizeiinspek…«

»Ich bin’s, Svenja. Ich hatte vorhin schon einmal versucht, dich zu erreichen. Hat dir dein Chef das nicht ausgerichtet?«

Jung seufzte lautlos und lehnte sich zurück.

»Hallo, Svenja. Doch, hat er. Was gibt es denn so Dringliches?«, sagte er, um einen freundlichen Tonfall bemüht.

»Wie geht es dir in deiner WG? Musstest du schon ordentlich putzen?«

»Danke der Nachfrage. Es geht. Aber deswegen rufst du doch nicht an, oder?«

»Cara kommt in zwei Wochen aus dem Semester.« Sie schwieg, als erwartete sie eine heftige Reaktion.

»Ja und?«, erwiderte er gleichmütig.

»Hast du nicht mehr zu sagen?«, reagierte sie ungehalten.

»Was willst du von mir, Svenja?«

»Ich meine, du solltest dich darum kümmern, dass du …«

»Svenja, ich fände es besser, wenn du dich um dich selbst kümmerst und nicht um mich. Ich mag es nicht, wenn wir …«

»Warum sind wir eigentlich noch verheiratet, Tomi?«, sagte sie in einem Tonfall, der nichts Gutes verhieß.

»Svenja, wenn du wirklich nach einer Antwort suchst, dann frage dich lieber, warum wir geheiratet haben. Du hältst mich von der Arbeit ab.«

»Arbeit? An was arbeitest du denn, mein Lieber?« Ihre Ironie war unüberhörbar.

»Ich soll vier Menschen finden, die spurlos verschwunden sind.«

»Sicherlich waren sie zu lange verheiratet«, sagte sie schnippisch.

Bevor Jung reagieren konnte, klickte es in der Leitung. Jung legte den Hörer langsam zurück. Der Schmerz, den er empfand, wurde gedämpft von dem Gedanken, dass sie durchaus den Nagel auf den Kopf getroffen haben könnte. Nicht, was sie beide, Svenja und ihn, anbelangte, so weit war er noch lange nicht. Aber was die Vermissten anging.

Es war immer wieder das alte Lied. Man musste den Opfern nahekommen, in sie hineinkriechen, das Unterste zuoberst kehren. Dann kam man den Dingen auf die Spur, auch möglichen Tätern. Und wie machte man das, wenn die Vermissten nicht greifbar oder vielleicht schon tot waren? Man musste ihre Beziehungen zu anderen untersuchen, zu Angehörigen, Kindern, Ehepartnern und so weiter und so fort. Ganz einfach. Die gab es immer.

Beziehungen, dachte er und lachte lautlos. Beziehungen, mein Gott. Die ganze Welt war eine einzige riesige Beziehungskiste, man konnte sich davor gar nicht schützen, auch wenn man wollte. Selbst eine unerwünschte Nicht-Beziehung war eine Beziehung, gerade weil man sie als Pest empfand. Sie verursachte Schmerzen. Und Schmerzen, das hatte sein Beruf ihn gelehrt, waren die produktivsten Antreiber, unaufhaltsam und mit erschreckend grausamen, oft aber auch mit überraschend wohltätigen Folgen.

Also, was war zu tun? Er musste die Verwandten aufsuchen und fragen. Wer waren die Vermissten? Was trieb sie um? Wonach waren sie auf der Suche? Was war ihnen wichtig?

Bei wem sollten sie am besten anfangen? Beim Letzten. Bei Jens Eilers. Sein Fall bot die besten Aussichten, rasch voranzukommen. Der Vater hatte ein spezielles Interesse bekundet. Er und seine Frau hatten ihre rückhaltlose Unterstützung zugesagt. Jedenfalls hatte Holtgreve das berichtet. Es wäre blöd, nicht davon Gebrauch zu machen.

Jung nahm den Hörer auf und wählte die Vermittlung.

»Wir haben eine neue Mitarbeiterin. Ihr Büro liegt neben dem Wachlokal. Unter welcher Nummer kann ich sie dort erreichen? … Danke.«

Jung wählte 3010.

»BKI, Bakkens.«

»Charlotte, ich bin’s. Wir sollten loslegen. Kannst du hochkommen?«

»Okay. Bin schon unterwegs.«

*

»Also, hast du eine Idee?«, begann Jung.

»Ich habe die vermissten Personen gegoogelt«, antwortete Charlotte und machte eine Pause.

»Und? Was hast du gefunden?«

»Eine Menge, aber nicht viel, was uns weiterhelfen könnte. Es ist merkwürdig. Unsere Vermissten haben so gut wie keine Präsenz im Netz. Alles sehr, sehr dünn. Bis auf den jungen Eilers. Und der auch nur als Segelenthusiast. Ein Fan von Folkebooten.«

»Die anderen sind alt. Sie sind anders aufgewachsen als die Handy-Generation. Mit Facebook und Co haben die nichts am Hut.«

»Zumindest von dem Fondsmanager hätte ich mehr erwartet. Schließlich geht es ums Geschäft. Soviel ich weiß, sammelt so ein Typ Geld ein, um damit noch mehr Geld zu machen. Das Netz bietet ihm ideale Möglichkeiten dafür.«

Jung lachte.

»Warum lachen Sie, Chef? Wenn ich …«

»Weißt du, dass die Schweizer Großbanken eigene Abteilungen zur Verschleierung und Vernichtung von Daten eingerichtet haben? Ohne das Netz geht bei denen natürlich gar nichts mehr. Deswegen brauchen sie die Datenfuzzis, um ihre Aktivitäten zu tarnen. Anlagestrategien, Kunden, Transaktionen, niemand soll die Nase in ihre Angelegenheiten stecken können. Vertrauensschutz nennen die das.«

»Woher wissen Sie das, Chef?«

»Zufall. Ein Journalist, Lucas Hässing. Er schreibt gerne über die Großbanken und ihre Geheimnisse. Ich weiß nicht mehr, wo ich auf ihn gestoßen bin.«

»Okay. Wenn es um schmutziges Geld geht, dann muss natürlich …«

»Nicht nur das, Charlotte«, unterbrach sie Jung. »Auch normale Leute schätzen es nicht, wenn jeder über ihre Verhältnisse Bescheid wissen kann. Armut ist eine Bürde, Geld aber auch. Den ganzen Tag zermartern sich die Reichen das Hirn. Die Frage, wohin mit der Knete, begleitet sie wie eine juckende Allergie. Schließlich soll ihr Geld ja nicht renditelos in den Tresoren der Banken …«

»… oder in den Steuersäckeln unfähiger Politiker versickern«, ergänzte Charlotte.

»Genau. Das will keiner.« Jung lachte grimmig.

»Vielleicht trifft das ja auch auf die anderen zu. Ferienhäuser auf Sylt, Urlaub im Stadt Hamburg. Das stinkt geradezu nach Geld.«

»Du sagtest vorhin, ihre Präsenz im Internet sei dünn. Wie dünn?«

»Die Witwe wird in den Sylter Nachrichten erwähnt. Der Artikel berichtete über die Eröffnung des Golfhotels Budersand in Rantum. Sie war einer der namentlich aufgeführten Gäste. Der Fondsmanager …«

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
26 mayıs 2021
Hacim:
283 s. 6 illüstrasyon
ISBN:
9783839249369
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