Kitabı oku: «Sword Art Online – Alicization – Light Novel 12»










Kapitel VII
Die zwei Administratoren
Mai des Jahres 380 menschlicher Zeitrechnung
1
Es war am 7. November 2024 gewesen, als ich, Kazuto Kirigaya, mich aus dem VRMMORPG Sword Art Online ausgeloggt hatte.
Nach meiner Rehabilitation konnte ich Mitte Dezember in mein Zuhause in Kawagoe zurückkehren. Zwei Monate zuvor war ich sechzehn Jahre alt geworden. Während jedoch meine ehemaligen Mitschüler gerade für die Aufnahmeprüfungen an der Highschool gebüffelt hatten, hatte ich mich in das Labyrinth auf der fünfzigsten Ebene von Aincrad gestürzt. Es gab also natürlich keine reguläre Schule, die ich nach meiner Rückkehr hätte besuchen können.
Glücklicherweise – wenn man es so nennen konnte – hatte meine Mittelschule Nachsicht mit mir gehabt und mir ein Abschlusszeugnis ausgestellt, obwohl ich nur die Hälfte der Kurse besucht hatte. Für gewöhnlich hätte ich anschließend eine Vorbereitungsschule besucht, um die Aufnahmeprüfung ein Jahr später abzulegen. Doch da hatte die Regierung eine unerwartete Lösung präsentiert.
Unter den etwa sechstausend Rückkehrern aus SAO waren auch mehr als fünfhundert Mittel- und Highschool-Schüler gewesen. Eigens für sie wurde in West-Tokyo eine Schule gegründet, an der sie ab April 2025 ohne Aufnahmeprüfung und Schulgebühren aufgenommen wurden und beim Abschluss die Qualifikation für die Universität erhielten.
Als Campus wurde das ehemalige Gebäude einer städtischen Schule genutzt, das seit deren Schließung im vorigen Jahr auf den Abriss gewartet hatte. Das Lehrpersonal bestand zum Großteil aus pensionierten Lehrern, die in Teilzeit wieder eingestellt wurden. Offiziell wurde die Einrichtung als staatliche Fachschule eingeordnet.
Paradoxerweise verursachte mir die unerwartete Sorgfalt bei der Planung dieses Sicherheitsnetzes eher ein mulmiges Gefühl. Dennoch hatte ich mich nach Rücksprache mit Asuna und natürlich auch meiner Familie dazu entschlossen, an die Schule zu gehen. Ich hatte meine Entscheidung kein einziges Mal bereut. Mit meinen Freunden aus dem Mechatronics-Kurs verschiedene Geräte zu entwerfen und zu bauen, hatte mir großen Spaß gemacht, und zudem hatte ich jeden Tag Asuna, Lisbeth und Silica sehen können. Trotz der obligatorischen, wöchentlichen Beratungsgespräche war es ein erfülltes Schulleben gewesen.
Doch wieder war es mir nicht vergönnt gewesen, die Schule bis zum Abschluss zu besuchen.
Ein Jahr und zwei Monate nach meinem Eintritt in die Schule, im Juni 2026, war mein Bewusstsein in die Alternativwelt Underworld katapultiert worden. Nachdem ich in einem Wald nahe dem Dorf Rulid im Norden der Menschenwelt erwacht war, hatte ich verzweifelt nach den Mitarbeitern von RATH – dem Unternehmen, das für die Entwicklung und Administration dieser Welt zuständig war – gerufen, aber keine Antwort bekommen.
Somit war ich gezwungen, eine Systemkonsole zu finden, um Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen. Die vermutete ich in der Central Cathedral der Axiom-Kirche, die sich inmitten der Zentralstadt Centoria erhob. Und so war ich mit Eugeo, meinem ersten Freund in dieser Welt, zu einer Reise zur Stadt im Herzen der Menschenwelt aufgebrochen.
Wir hatten ein geschlagenes Jahr nach Underworldler Zeitrechnung gebraucht, bis wir endlich Centoria erreicht hatten. Aber wir hatten nicht einfach direkt in die Kathedrale marschieren können. Die Axiom-Kirche hielt ihre Tore stets fest verschlossen, und nur die Sieger des jährlich im Frühling abgehaltenen Turniers der vier Kaiserreiche durften passieren.
Daher waren Eugeo und ich, die aus unterschiedlichen Gründen dasselbe Ziel verfolgten, zunächst in die kaiserliche Akademie der Schwertkünste eingetreten, um uns für die Teilnahme am Turnier zu qualifizieren. Der Großteil der Kurse bestand aus Übungen in Schwertkunst und Magie, die hier als sakrale Kunst bezeichnet wurde. Es war ein Lehrplan, wie es ihn in der realen Welt niemals gegeben hätte, außerdem hatte ich dort zum allerersten Mal in einem Studentenwohnheim gelebt. Trotz der ungewöhnlichen Situation hatte ich mich gewissermaßen an das Leben an der Akademie gewöhnt … nein, ich hatte sogar Spaß daran gehabt.
Doch an einem Tag im Mai des Jahres 380, ein Jahr und einen Monat nach meinem Eintritt in die Akademie, war es zu einem Vorfall gekommen, der unserem Leben an der Akademie unwiderruflich ein Ende gesetzt hatte. Zwei Studenten adliger Herkunft hatten unsere Pagen, die Novizinnen Ronie und Tiese, in eine heimtückische Falle gelockt, um ihr krankes Spiel mit den Mädchen zu treiben.
Als Eugeo ihrer Schandtat auf die Schliche gekommen war, hatte er den bedingungslosen Gehorsam aller Underworldler gegenüber dem Gesetz durchbrochen und sein Schwert gezogen. Unter Aufbietung all seiner Kräfte hatte er dem Adligen Humbert den linken Arm abgeschlagen. Als ich endlich am Ort des Geschehens eingetroffen war, hatte ich gegen Raios gekämpft und ihm dabei beide Hände abgehackt.
Trotz dieser schweren Verletzung hätte keine Lebensgefahr für ihn bestanden, wenn man seine Blutung sofort gestoppt und die Wunden mit einer sakralen Kunst geheilt hätte. Doch in dem Moment war etwas Seltsames geschehen. Zu einer Wahl zwischen der Befolgung des absoluten Gesetzes des Tabu-Index und seinem eigenen Leben gezwungen, war Raios unter unmenschlichen Schreien gestorben … oder besser gesagt, er hatte sich abgeschaltet.
Eugeo und ich waren der Akademie verwiesen worden. Ein von der Axiom-Kirche entsandter Integrationsritter hatte uns in einen Kerker unterhalb der Kathedrale geworfen. Ohne mich von meinem dritten Schulabbruch in Folge entmutigen zu lassen, war ich mit Eugeo aus dem Gefängnis ausgebrochen. Während wir auf der Suche nach einem Eingang zur Kathedrale durch den Rosengarten auf dem Kirchengelände geirrt waren, war es zum Kampf gegen weitere Integrationsritter gekommen. Auf unserer verzweifelten Flucht hatten wir unerwartet Hilfe erhalten von einem mysteriösen Mädchen, das sich als Cardinal vorgestellt hatte.
Cardinal lebte in einer gewaltigen Bibliothek innerhalb eines geschlossenen Raumes. Sie hatte den nach einem Sturz in einen Springbrunnen vollkommen durchnässten Eugeo erst einmal ins Bad geschickt und mir derweil die verblüffende Wahrheit offenbart.
Underworld war eine Gesellschaftssimulation, die ganze 450 Jahre interner Zeit umspannte.
Die Hohepriesterin der mächtigen Axiom-Kirche war einst ein sehr schönes, aber ansonsten ganz normales Mädchen namens Quinella gewesen.
Sie hatte die sakralen Künste, mit anderen Worten die Systembefehle, gemeistert und in ihrer unendlichen Gier nach immer mehr Macht schließlich die verbotene Formel gefunden, um eine Liste mit sämtlichen Kommandos aufzurufen. Das hatte sie von einem einfachen Testobjekt innerhalb der Simulation zu nichts Geringerem als dem Administrator dieser Welt aufsteigen lassen.
Von der Spitze der Central Cathedral blickte Quinella nun auf die Welt hinunter, über die sie mit uneingeschränkter Macht herrschte. Ich fragte mich, ob ihr Blick auch Eugeo und mich erreichte, die sich in ihren heiligen Garten verirrt hatten …?
Ein unvermitteltes Frösteln ließ mich am ganzen Körper erzittern. Cardinal sah mich von der anderen Seite des runden Tisches mit einem grimmigen Lächeln an. Sie trank einen Schluck Tee aus ihrer Tasse und schob ihre kleine Brille hoch.
»Es ist noch zu früh, um vor Angst zu zittern«, sagte sie seelenruhig.
Ihr gelassener Tonfall half mir, den eisigen Schauer abzuschütteln. »Richtig … Entschuldige, bitte fahr fort.«
Ich griff meine eigene Tasse und nippte an dem Tee, dessen Geschmack stark an Kaffee erinnerte. Cardinal lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und fing mit ruhiger Stimme wieder an zu erzählen.
»Vor 270 Jahren, nachdem es Quinella letzten Endes gelungen war, die komplette Liste aller Systembefehle aufzurufen, hat sie zuerst ihre eigene Systemkontrollkompetenz maximiert, was sie befähigte, in das CardinalSystem selbst einzugreifen. Anschließend übertrug sie alle Rechte und Kompetenzen, die Cardinal vorbehalten waren, auf sich. Die Gestaltung von Gelände und Gebäuden, das Generieren von Items und sogar die Manipulation der Haltbarkeit von beweglichen Einheiten, Menschen eingeschlossen … kurzum, die Manipulation der Lebensspanne …«
»Die Manipulation … der Lebensspanne? Das heißt, sie kann die Höchstdauer eines Lebens …«, fragte ich bange, und die junge Weise nickte gelassen.
»… überschreiten, richtig. Ihre erste Handlung als unumschränkter Administrator war die vollständige Regeneration ihrer Lebensspanne, die zu diesem Zeitpunkt bereits achtzig Jahre zählte und nahezu erloschen war. Dann stoppte sie deren automatischen Verfall. Stellte ihre physische Erscheinung wieder her. Quinella war außer sich vor Freude, als sie die strahlende Schönheit ihrer Jugend zurückerlangte. Als junger Mann wirst du das vermutlich nicht nachvollziehen können …«
»Nun ja, ich kann schon verstehen, dass es einer der größten Träume jeder Frau ist«, antwortete ich ernst.
Cardinal schnaubte. »Selbst ich, ohne jegliche menschliche Emotionen, bin froh, dass mein Erscheinungsbild fixiert ist. Auch wenn ich gern fünf oder sechs Jahre älter aussehen würde, wenn ich es mir aussuchen könnte … Jedenfalls war Quinella wie im Rausch, als sie sich all die Begierden erfüllt hatte, die sie angetrieben hatten. Sie hatte unbegrenzte Macht über die weite Menschenwelt und ewige Schönheit erlangt. Ihre Euphorie … grenzte an Wahnsinn. So sehr, dass sie allmählich den Verstand verlor …«
Hinter der Brille verengten sich Cardinals Augen, als würde sie die Torheit der Menschen verspotten – oder vielleicht bemitleiden. »Hätte sie sich doch nur damit zufriedengegeben. Aber in Quinellas Herz hatte sich ein bodenloser Abgrund geöffnet. Sie war noch nie zufrieden mit dem gewesen, was ihr gegeben worden war … und sie konnte keine Existenz mit einer ebenbürtigen Autorität dulden.«
»Du meinst … das Cardinal-System selbst?«
»Korrekt. Obwohl es nur ein Programm ohne Bewusstsein war, beschloss sie, es zu vernichten. Doch … so versiert sie in den sakralen Künsten auch sein mag, schlussendlich ist sie doch nur ein Bewohner von Underworld – einer Welt, die weit von einer wissenschaftlichen Zivilisation entfernt ist. Sie konnte die komplizierten Befehle auf Administrationsniveau unmöglich innerhalb einer Nacht begreifen. Sie versuchte mit aller Macht, die für die RATH-Ingenieure aufgezeichneten Verweise zu entziffern … und dann unterlief ihr ein Fehler. Ein einziger, aber gewaltiger Fehler. Sie entschied sich, das Cardinal-System selbst in sich aufzunehmen, und rezitierte ein ellenlanges, sakrales Mantra. Infolgedessen …«, erklärte Cardinal mit einem leisen Seufzer, »hat Quinella den Basisbefehl des Cardinal-Systems als nicht überschreibbare Maxime in ihr Fluctlight eingebrannt. Sie wollte nur dessen Kompetenzlevel an sich reißen, doch stattdessen hat sie ihre eigene Seele mit dem Cardinal verschmolzen!«
»Was … sagst du da …?«, stammelte ich, unfähig, ihre Worte auf Anhieb zu begreifen. »Und … was genau ist Cardinals Basisbefehl …?«
»Die Erhaltung der Ordnung. Das ist der primäre Daseinszweck des Cardinal-Systems. Falls du schon einmal in vom Cardinal-System kontrollierten Welten gewesen bist, müsstest du das wissen. Cardinal überwacht permanent die Handlungen von euch ›Spielern‹. Und sobald das System ein Phänomen registriert, das die Balance der Welt stören könnte, ergreift es rigorose Gegenmaßnahmen.«
»Ja … stimmt. Ich habe mir oft genug den Kopf zerbrochen, wie man das System austricksen kann, aber wann immer ich ein Schlupfloch gefunden habe, wurde es verschlossen …«, murmelte ich und erinnerte mich daran, wie ich zu SAO-Zeiten einmal geglaubt hatte, eine sichere und effektive Farmmethode gefunden zu haben, die sofort rundheraus unterbunden worden war.
Cardinal lächelte wieder stolz. Es waren die einzigen Momente, in denen sich ihre weise Ausstrahlung zu der arglosen Miene eines jungen Mädchens wandelte. »Aber natürlich, das Cardinal-System lässt sich nicht von Halbstarken überlisten, selbst wenn sich noch so viele von ihnen zusammenrotten. Aber Quinellas Erhaltung der Ordnung ist noch weitaus radikaler. Nachdem sie den Befehl in ihr Fluctlight, also ihre Seele, geschrieben hatte, brach sie ohnmächtig zusammen und erwachte erst einen Tag später wieder. Zu diesem Zeitpunkt war sie in jedweder Hinsicht kein Mensch mehr. Sie alterte nicht mehr, nahm weder Wasser noch Nahrung zu sich … Ihr einziges Begehren war nunmehr die ewige Erhaltung der Menschenwelt, über die sie herrschte …«
»Die ewige Erhaltung …«, wiederholte ich flüsternd.
Nicht nur AIs im weiteren Sinne wie das Cardinal-System, auch die Administratoren jedes VRMMOs hofften auf den Fortbestand ihrer Spielwelt. Deswegen regulierten sie die Balance von Währung, Items und Monster-Spawnraten, um die Ordnung zu erhalten. Doch selbst für die Administratoren mit ihrer gottgleichen Macht gab es einen einzigen Faktor, den sie nicht kontrollieren konnten: Die Spieler.
Ob man dasselbe über diese Welt sagen konnte …?
Als hätte Cardinal meine Gedanken gelesen, nickte sie leicht und fuhr mit ihrer Erklärung fort.
»Früher hat das Cardinal-System dieser Welt Objekte und Effekte wie die Flora und Fauna, das Gelände oder auch das Wetter reguliert … Mit anderen Worten, es hat die Welt nur als Gefäß kontrolliert, aber nicht in das Leben ihrer Bewohner, der synthetischen Fluctlights, eingegriffen. Quinella war da anders. Sie wollte selbst die Beschäftigung ihrer Untertanen lebenslang festlegen.«
»Festlegen … Du meinst, dass jeder täglich der gleichen Tätigkeit nachgeht, ohne je etwas Neues auszuprobieren …?«
»Hmm … im Großen und Ganzen, ja. Aber weiter im Text … Nachdem Quinella mit dem Cardinal-System fusioniert war, hat sie ihren Namen geändert. Fortan nannte sie sich Hohepriesterin der Axiom-Kirche, Administrator …«
Als ich das hörte, fiel ich ihr erneut ins Wort. »Den Namen hat auch dieser Integrationsritter erwähnt, Eldrie Synthesis … äh …«
»Thirty-One.«
»Ja, genau. Er meinte, er sei von der Hohepriesterin Administrator vom himmlischen Reich auf die Erde beschworen worden. Dann hat er dabei also von Quinella gesprochen … Sie hat sich ja einen ziemlich – wie soll ich sagen – hochtrabenden Namen gegeben.«
Für mich hatte das englische Wort administrator vor seiner ursprünglichen Bedeutung eines Verwalters in erster Linie die Konnotation eines PC-Admins. Allerdings war ich mir nicht sicher, welche Bedeutung Quinella im Sinn gehabt hatte, als sie sich selbst diesen Namen verliehen hatte.
Cardinal grinste schwach und nickte. »Ich schätze, es ist bezeichnend, dass sie sich den Namen der Götter dieser Welt gegeben hat … Wie dem auch sei, sobald Quinella in Namen und Funktion zum Administrator dieser Welt geworden war, erließ sie ihr erstes Edikt. Sie ernannte die vier hohen Adligen der damaligen Zeit zu Kaisern und teilte die Menschenwelt in die vier Reiche Nord, Süd, Ost und West auf. Du hast doch sicher schon einmal die Mauern gesehen, die Centoria kreuzförmig unterteilen, oder?«
Die Akademie, an der ich gelebt hatte, lag im fünften Bezirk von Nord-Centoria, der Hauptstadt des Nordreiches Norlangarth. Vom Fenster des Wohnheims waren stets die weißen Trennwände zu sehen gewesen, die höher waren als alle anderen Bauwerke in der Stadt. Ich war bass erstaunt gewesen, als ich erfahren hatte, dass gleich hinter diesen »unvergänglichen Mauern« die Hauptstädte der anderen Kaiserreiche lagen.
»Diese Mauern wurden nicht in jahrelanger Arbeit mühsam vom Volk aus Marmorquadern errichtet. Quinella … ich meine, Administrator hat sie mit ihrer göttlichen Macht innerhalb eines Augenblicks erscheinen lassen.«
»In einem Augenblick?! Diese Mauern?! Das übersteigt aber jede sakrale Kunst … Hat das die damaligen Einwohner nicht total verängstigt?«
»Natürlich, und genau das war auch ihr Ziel: Die Macht des Cardinal-Systems zu demonstrieren, um den Leuten so Ehrfurcht einzubläuen. Durch diese mentalen Schranken und die physische Barriere der unvergänglichen Mauern wollte sie die Bewegungen und den Austausch ihrer Untertanen beschränken, um so die Kommunikationswege in die Gewalt der Axiom-Kirche zu bringen und die Gesinnung der Menschen zu kontrollieren. Die Menschen sollten für alle Zeiten unwissende und naive, treu ergebene Gläubige der Kirche bleiben. Aber diese grotesken Mauern sind nicht die einzigen physischen Barrieren, die sie errichtet hat. Um auch die Gebiete der Siedler zu begrenzen, die sich bereits überall ausgebreitet hatten, hat Administrator auch große Objekte im Gelände platziert. Unzerbrechliche Felsen, unüberquerbare Stromschnellen, unfällbare Riesenbäume …«
»Mo… Moment mal. Sagtest du gerade ›unfällbare Bäume‹ …?«
»Korrekt. Eine Zeder von absurder Größe, der sie noch dazu eine quasi unendlich hohe Priorität und Haltbarkeit verlieh.«
Ich dachte an die dämonische Gigas Cedar, die einem mit ihrer unnachgiebigen Härte die Tränen in die Augen getrieben hatte, und rieb mir unwillkürlich die Hände unter dem Tisch.
Die Gigas Cedar war also nicht natürlich in dem Wald südlich von Rulid gewachsen, sondern als künstliches Hindernis von Administrator dort platziert worden, um durch dessen extrem hohe Haltbarkeit und die Absorption von Ressourcen die Ausbreitung des Lebensraums der Dorfbewohner zu unterbinden.
Von solchen Objekten existierten demnach noch mehr Exemplare in dieser Welt. Und um diese zu beseitigen, mühten sich Generationen von Menschen seit Jahrhunderten vergebens ab …
Als ich den Blick hob, sah mich das Mädchen, das sich selbst Cardinal nannte, unverändert an, als könne sie bis in mein Innerstes blicken. Mit leiser Stimme hörte ich sie sagen: »So gab es unter der absoluten Herrschaft von Administrator ein langes Zeitalter des Friedens und Müßiggangs. Zwanzig Jahre vergingen … dreißig Jahre … Das Volk verlor jeden Tatendrang, die Adligen gaben sich ihrem faulen Leben hin, und die Schwertkämpfer der alten Zeiten ließen ihre ausgefeilten Schwerttechniken zu bloßen Showelementen verkommen. Du hast es selbst miterlebt. Für vierzig, fünfzig Jahre blickte Administrator hinab auf den monoton dahinplätschernden Alltag der Menschenwelt und empfand dabei tiefste Zufriedenheit …«
Gewissermaßen war es wohl wie die Freude am Beobachten eines Aquariums mit einem perfekten Ökosystem. Ich erinnerte mich daran, wie ich als Kind fasziniert meine Ameisenfarm beobachtet hatte, und fühlte mich mit einem Mal ziemlich unwohl.
Cardinal, die mit gesenktem Blick ebenfalls in Gedanken versunken gewesen war, erklärte plötzlich entschieden: »Aber in keinem System ist ewiger Stillstand möglich. Irgendwann muss zwangsläufig etwas geschehen … Und so bemerkte Quinella, siebzig Jahre nachdem sie zu Administrator geworden war, eine Veränderung in sich. Selbst in ihren Wachphasen hatte ihr Bewusstsein immer wieder kurzzeitige Ausfälle, sie konnte die Erinnerung an die letzten paar Tage nicht mehr reproduzieren, und vor allem konnte sie sich nicht mehr auf Anhieb an die perfekt einstudierten Systembefehle erinnern. Diese Phänomene konnte sie auf keinen Fall ignorieren. Also benutzte sie einen Adminbefehl, um ihr eigenes Fluctlight genau zu untersuchen … und das Ergebnis ließ sie schaudern. Von ihr unbemerkt hatte ihr Erinnerungsspeicher die Grenze seiner Kapazitäten erreicht.«
»Grenze!?«, echote ich, verblüfft über diese unerwartete Wendung. Ich hörte zum ersten Mal davon, dass Seelen nur eine begrenzte Kapazität für Erinnerungen, sprich Daten, hatten.
»Wieso überrascht dich das? Wenn man ein wenig darüber nachdenkt, ist es doch nur logisch. Die Light Cubes, auf denen die Fluctlights deponiert sind, haben wie das biologische Gehirn nur eine begrenzte Größe, daher ist natürlich auch die Menge an Qubits limitiert, die darauf gespeichert werden können«, erklärte sie seelenruhig.
Ich hob eine Hand, um eine Bemerkung einzuwerfen. »Einen Moment, bitte. Du hast jetzt schon mehrmals diese Light Cubes erwähnt. Das sind also die Medien, auf denen die Fluctlights der Underworldler gespeichert sind, verstehe ich das richtig?«
»Was denn, nicht einmal das weißt du? Ja, richtig. Ein Light Cube ist ein Kubus mit einer Seitenlänge von fünf Zentimetern, der das Fluctlight genau eines Bewohners von Underworld enthält und zudem für die Speicherung keine Ressourcen benötigt. Sie sind in einem sogenannten Light-Cube-Cluster mit einer Seitenlänge von drei Metern zusammengeschlossen.«
»Ähm … also fünf Zentimeter große Cubes auf einer Länge von drei Metern …«
Ich versuchte, die Gesamtzahl der Light Cubes im Kopf zu errechnen und hatte gerade dreihundert durch fünf geteilt, als Cardinal mir kurzerhand die Antwort gab.
»Theoretisch wären das insgesamt 216.000 Cubes. Allerdings befindet sich im Zentrum des Clusters der Hauptspeicher, alias ›Main Visualizer‹, daher müsste die tatsächliche Anzahl niedriger sein.«
»216.000 … Das ist dann also die Obergrenze für die Bevölkerung von Underworld.«
»Mhm. Nebenbei gesagt, es gibt noch genug freien Platz. Wenn du also mit irgendeinem Mädel Nachwuchs zeugen möchtest, musst du dir keine Gedanken um die Anzahl leerer Cubes machen.«
»Aha … äh, das habe ich natürlich nicht vor!«, protestierte ich hastig und schüttelte heftig den Kopf.
Die junge Weise warf mir einen durchdringenden Blick zu, bevor sie wieder zum eigentlichen Thema zurückkam. »Nun, wie bereits erwähnt, erreicht die Speicherkapazität eines einzelnen Light Cubes über kurz oder lang ihre Grenze. Administrator hatte seit ihrer Geburt als Quinella bereits unglaubliche 150 Jahre gelebt. Das Gefäß ihrer Erinnerungen, die sie während dieser langen Zeit gesammelt hatte, begann schließlich überzulaufen, was ihre Fähigkeiten zum Aufzeichnen, Speichern und Reproduzieren von Erinnerungen beeinträchtigte.«
Das war wirklich eine schauderhafte Vorstellung, die auch mich nicht kalt ließ. Schließlich hatte ich in dieser Welt mit beschleunigter Zeit schon Erinnerungen von über zwei Jahren angehäuft. Selbst wenn in der Wirklichkeit nur ein paar Monate oder auch nur ein paar Tage vergangen waren, war dadurch gewiss die Lebensdauer meiner Seele verkürzt worden.
»Sei unbesorgt, dein Fluctlight hat noch reichlich freien Platz«, bemerkte Cardinal, die abermals meine Gedanken erraten hatte, mit einem Grinsen.
»Das klingt jetzt irgendwie, als würde in meinem Kopf gähnende Leere herrschen …«
»Nun, wenn ich eine Enzyklopädie wäre, wärst du im Vergleich dazu ein Bilderbuch.« Mit Unschuldsmiene nippte sie an ihrem Tee und räusperte sich. »Weiter im Text. Mit der unvorhergesehenen Situation ihres begrenzten Erinnerungsspeichers konfrontiert, verlor selbst Administrator die Fassung. Im Gegensatz zum Statuswert der Lebensspanne war das eine Ressource, die sie nicht manipulieren konnte. Aber sie ist keine Frau, die sich ergeben ihrem Schicksal fügt. Wie damals, als sie den Thron Gottes usurpierte, ersann sie eine teuflische Lösung …«
Angewidert verzog sie das Gesicht und stellte ihre Tasse ab, bevor sie ihre Hände, zierlich wie die Blüten der Cattleya-Orchideen, auf dem Tisch fest ineinander verschränkte.
»Zu der Zeit – also vor zweihundert Jahren – gab es eine junge Novizin der Axiom-Kirche, nur wenig älter als zehn Jahre, die auf den unteren Ebenen der Central Cathedral die sakralen Künste studierte. Ihr Name … ach, der ist mir entfallen. Sie war die Tochter eines Schreiners in Centoria und verfügte durch eine Schwankung der zufälligen Parameter über eine geringfügig höhere Systemkontrollkompetenz als andere. Aus diesem Grund wurde ihr die Berufung als Nonne verliehen. Es war ein Mädchen mit braunen Augen und ebenso braunen Locken …«
Ich blinzelte und begutachtete erneut Cardinal, die mir gegenübersaß. Es schien, als würde sie nichts anderes als ihr eigenes Aussehen beschreiben.
»Administrator ließ das Mädchen in ihr Gemach im obersten Stockwerk der Kathedrale kommen und begrüßte sie dort mit einem liebevollen Lächeln wie die heilige Mutter höchstpersönlich. Dann erklärte sie ihr: ›Du wirst von nun an mein Kind sein. Das Kind Gottes, das diese Welt leiten wird.‹ In gewissem Sinne war das auch zutreffend. Wenn man bedenkt, dass das Kind die Informationen ihrer Seele übernehmen sollte. Aber natürlich lag darin nicht ein Funken mütterlicher Liebe. Denn ihr Plan war, die Seele des Mädchens mit einer Kopie der Gedankensphäre und wesentlichen Erinnerungen ihres eigenen Fluctlight zu überschreiben.«
»Wa…?!«
Abermals lief mir ein kalter Schauer über den Rücken. Eine Seele zu überschreiben – allein der Gedanke war entsetzlich. Ich rieb meine jetzt schweißnassen Handflächen aneinander und brachte mit verkrampftem Kiefer mühsam hervor: »A… Aber wenn solche komplexen Manipulationen der Fluctlights möglich sind, hätte sie dann nicht einfach die Erinnerungen löschen können, die sie nicht mehr benötigt?«
»Würdest du etwa so ohne Weiteres deine wichtigen Dateien editieren?«, fragte sie zurück.
Für einen Moment fehlten mir die Worte, dann schüttelte ich den Kopf. »Nein, ich würde erst ein Back-up machen.«
»Eben. Administrator hatte nicht vergessen, dass sie damals für einen Tag und eine Nacht das Bewusstsein verloren hatte, als sie die Maxime des Cardinal-Systems auf sich übertragen hatte. So gefährlich ist die direkte Manipulation der Fluctlights. Sie befürchtete, dass wichtige Daten beschädigt werden könnten, wenn sie versuchte, ihre Erinnerungen umzustrukturieren. Also wollte sie sich stattdessen zuerst der Seele des Mädchens bemächtigen, die noch reichlich Kapazitäten für Erinnerungen übrig hatte, um dann nach der geglückten Replikation ihre bisherige, abgenutzte Seele zu vernichten. Sie ging äußerst akribisch und vorsichtig vor … doch genau an dieser Stelle machte Administrator, nein, Quinella ihren zweiten großen Fehler.«
»Fehler …?«
»So ist es. Denn wenn sie Besitz von dem Mädchen ergriff und ihr altes Selbst entsorgte, würden für einen einzigen Augenblick zwei Götter mit ebenbürtiger Macht existieren. Administrator hatte das teuflische Ritual sorgfältig geplant und vorbereitet … Und mit diesem Synthese-Ritual, bei dem Seele und Erinnerungen vereinigt werden, war es ihr schließlich gelungen, ein anderes Fluctlight zu rauben. Wie sehr … wie sehr ich auf diesen Moment gewartet hatte … siebzig lange Jahre!«, rief Cardinal plötzlich ungewöhnlich erregt.
Ich starrte sie nur verständnislos an. »Warte mal … Wer bist denn dann du …? Wer ist die Cardinal, mit der ich gerade spreche?«
»Verstehst du es immer noch nicht?«, murmelte sie und rückte sich die Brille wieder zurecht. »Kirito, du kennst doch meine Originalversion, oder? Nenne mir die Besonderheit des Cardinal-Systems.«
»Äh … ähm …« Mit gerunzelter Stirn rief ich mir meine Zeit in Aincrad ins Gedächtnis. Akihiko Kayaba hatte dieses autonome Verwaltungsprogramm für den Betrieb des tödlichen Spiels SAO entwickelt. Kurzum … »Es kann über einen langen Zeitraum laufen, ohne dabei eine Korrektur oder Wartung durch den Menschen zu benötigen …?«
»Richtig. Und zu diesem Zweck …«
»Zu diesem Zweck verfügt das System über zwei Kernprogramme … Der Hauptprozess kontrolliert die Balance, während der Subprozess den Hauptprozess auf Fehler überprüft …« An dieser Stelle hielt ich inne und starrte das Mädchen mit dem Lockenkopf mit offenem Mund an.
Ich wusste aus eigener Erfahrung nur zu gut, dass das Cardinal-System mit einer mächtigen Fehlerkorrekturfunktion ausgestattet war. Die AI Yui, die Asuna und ich während unserer Zeit in SAO als unsere Tochter angenommen hatten, war ein Unterprogramm von Cardinal. Es hatte mich verzweifelte Mühen gekostet, Yui vor Cardinal zu retten, das sie als Fremdkörper identifiziert und gnadenlos zu löschen versucht hatte.
Im Grunde hatte ich nur mit einer Systemkonsole auf SAOs Programmbereich zugegriffen, Yuis Konfigurationsdateien herausgesucht, komprimiert und in ein Objekt umgewandelt. Aber es war praktisch ein Wunder gewesen, dass ich all das in den wenigen Sekunden geschafft hatte, bevor Cardinal meinen Systemeingriff registriert und den Zugang gesperrt hatte. Die gewaltige Präsenz, die mir auf der anderen Seite der Holo-Tastatur gegenübergestanden hatte, war der Fehlerkorrekturprozess von Cardinal gewesen. Also eben jenes niedliche Mädchen, das mir hier gerade gegenübersaß.
Während ich noch mit meinen verworrenen Empfindungen kämpfte, seufzte sie leise, als hätte sie es mit einem besonders unverständigen Kind zu tun.
»Du scheinst es endlich begriffen zu haben. Quinella hat nicht nur ein einziges Grundprinzip auf ihre Seele geprägt. Der Hauptprozess gab ihr den Befehl, die Welt zu erhalten. Und der Subprozess wies sie an … die Fehler des Hauptprozesses zu korrigieren.«
»Die Fehler korrigieren …?«
»Als ich noch ein Programm ohne Bewusstsein war, habe ich nichts anderes getan, als unaufhörlich die Daten zu verifizieren, die der Hauptprozess ausspuckte. Aber sobald ich sozusagen als Quinellas Schattenbewusstsein eine Persönlichkeit bekam, musste ich ohne die Unterstützung von redundantem Code mein eigenes Handeln beurteilen. Es war gewissermaßen wie eine ›multiple Persönlichkeit‹, wie ihr es nennen würdet.«
»Wobei es in der Wirklichkeit auch die Meinung gibt, dass multiple Persönlichkeiten nur in der Fiktion existieren.«
»Oh, ist das so? Nun, für mich klingt es sehr realistisch. Nur in Momenten, in denen Quinellas Bewusstsein leicht nachließ, konnten meine Denkprozesse überhaupt an die Oberfläche kommen. Also dachte ich, diese Quinella … nein, Administrator musste einen gewaltigen Fehler begangen haben.«
»Einen Fehler …?«, fragte ich unwillkürlich. Wenn Cardinals Grundprinzip die Erhaltung der Welt war, schienen Quinellas bisherige Handlungen immer vollständig mit diesem Prinzip übereinzustimmen, ganz gleich, welche drastischen Maßnahmen sie auch ergriffen haben mochte.
Doch Cardinal erwiderte meinen Blick offen und antwortete in würdevollem Ton: »Lass mich dir eine Frage stellen. Hat das Cardinal-System in der Welt, die du einst kanntest, auch nur ein einziges Mal eigenhändig den Spielern geschadet?«
»Äh … Nein, das hat es nicht. Es war zwar in der Tat der ultimative Gegner der Spieler … aber es hat nie jemanden auf unfaire Art direkt attackiert. Entschuldige, hast recht«, sagte ich.
Cardinal schnaubte kurz, bevor sie fortfuhr: »Doch sie hat genau das getan. Über diejenigen, die gegenüber dem von ihr erlassenen Tabu-Index Zweifel hegten oder rebellische Tendenzen zeigten, verhängte sie eine Strafe, die grausamer war als der Tod … Aber dazu später mehr. Zu den seltenen Gelegenheiten, wenn ich aus meinem Schlaf erwachte, beurteilte ich – als Subprozess des Cardinal-Systems – Administrators Existenz selbst als kolossalen Fehler und versuchte, sie auszulöschen. Dreimal habe ich versucht, von der Spitze des Turms zu springen. Zweimal wollte ich mit einem Messer mein Herz durchbohren, und zweimal probierte ich, mich mit sakraler Kunst zu verbrennen. Nicht einmal die Hohepriesterin hätte der Auslöschung entgehen können, wenn ihre Lebensspanne auf einen Streich auf null gefallen wäre.«
Diese krassen Worte aus dem Mund des niedlichen Mädchens zu hören, schockierte mich. Doch Cardinal sprach mit ruhiger Stimme weiter, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.
»Beim letzten Versuch war ich wirklich nah dran. Ich entfesselte eine sakrale Kunst mit der höchsten Angriffskraft auf mich selbst. Die donnernden Blitze, die auf mich herniedergingen, radierten selbst Administrators gewaltige Lebensspanne bis auf den letzten Punkt aus. Doch in diesem Moment riss der Hauptprozess wieder die Kontrolle über den Körper an sich … und sobald das geschah, konnte sie keine noch so schwere Verletzung mehr töten. Im Nu hatte sie ihre Lebensspanne mit einem Heilmantra vollständig wiederhergestellt. Noch dazu begann sie durch diesen Vorfall, mich, also ihr verborgenes Bewusstsein, als ernsthafte Gefahr zu betrachten. Als sie erkannte, dass ich nur dann die Kontrolle übernehmen konnte, wenn im Fluctlight Konflikte auftraten – einfach gesagt, in Momenten seelischer Unruhe –, machte sie sich daran, mich mit einer grotesken Methode zu versiegeln.«
»Grotesk …?«
»Mhm. Von ihrer Geburt bis zu dem Zeitpunkt, da sie als Dienerin der Göttin Stacia ausgewählt worden war, war Administrator ein Mensch gewesen. Sie verfügte über genug Emotionen, um Blumen hübsch zu finden oder den Klang von Musik zu genießen. Die emotionalen Schaltkreise, die sich zu dieser Zeit herausgebildet hatten, blieben auch nach ihrem Aufstieg zum halbgottartigen Herrscher noch am Grunde ihrer Seele erhalten. Sie kam daher zu dem Schluss, dass die geringfügige Destabilisierung ihrer Seele bei unvorhergesehenen Ereignissen von diesen Emotionen verursacht wurde. Also griff sie mit einem Adminbefehl direkt auf ihr Fluctlight im Light Cube zu und riegelte ihre emotionalen Schaltkreise ab.«
»Was …?! Heißt das etwa, sie hat einen Teil ihrer Seele zerstört?«, fragte ich entsetzt. Cardinal nickte mit finsterer Miene. »Aber … Aber das ist doch verrückt … Das klingt noch viel gefährlicher als das Kopieren des Fluctlight, von dem du vorhin erzählt hast …«
»Natürlich hat sie es nicht direkt an ihrer eigenen Seele durchgeführt. Bei solchen Dingen ist Administrator geradezu enervierend vorsichtig. Ist dir aufgefallen, dass die Menschen dieser Welt verborgene Parameter haben, die nicht im Stacia-Fenster, sprich im Status-Fenster, aufgeführt sind?«
»Ah, nun ja, ich hatte so eine Ahnung … Ich habe schon mehrere Leute gesehen, deren physische Kraft oder Agilität nicht zu ihrem Äußeren passte«, antwortete ich und dachte dabei an Sortiliena, der ich an der Akademie ein Jahr lang als Page gedient hatte. Trotz ihres schlanken, fast schon zerbrechlichen Körpers hatte sie mich im Nahkampf viele Male zurückgeschlagen.
Das Mädchen, das weitaus schwächer aussah als Sortiliena, aber eine unermessliche Würde ausstrahlte, nickte mir zu. »Mhm. Unter diesen verborgenen Parametern gibt es einen Wert, der als ›Verstoß-Exponent‹ bezeichnet wird. Das ist die numerische Darstellung des Grads der Befolgung von Gesetzen und Regeln jedes einzelnen Weltbewohners, basierend auf einer Analyse seiner Aussagen und Handlungen. Vermutlich haben die Beobachter in der Außenwelt diesen Wert konfiguriert, um die Überwachung zu vereinfachen … Administrator hat schnell herausgefunden, dass sie diesen Exponenten nutzen kann, um die Menschen aufzuspüren, die ihrem Tabu-Index gegenüber skeptisch sind. Für sie sind diese Menschen wie Bakterien, die in einen sterilen Raum eingedrungen sind. Sie hätte sie nur zu gern auf der Stelle ausgemerzt, aber zumindest das Verbot, Menschen zu töten, das ihre Eltern ihr in der Kindheit erteilt hatten, konnte sie nicht übertreten. Also führte sie an den Menschen mit hohem Verstoß-Exponenten eine entsetzliche Prozedur durch, die denjenigen zwar nicht tötete, aber unschädlich machen konnte.«
»Ist das die ›Strafe, die grausamer ist als der Tod‹, von der du gerade gesprochen hast?«
»In der Tat. Als Versuchsobjekte für ihre direkte Manipulation von Fluctlights wählte sie Personen mit hohem Verstoß-Exponenten. Sie untersuchte, wo im Light Cube welche Informationen gespeichert sind oder welche Teile sie manipulieren musste, um einen Verlust der Erinnerungen, der Gefühle oder des Denkens hervorzurufen … Es waren grausame Menschenversuche, vor denen selbst die Beobachter in der Außenwelt zurückschrecken würden«, sagte sie, der letzte Satz kaum mehr als ein Flüstern. Ich spürte eine leichte Gänsehaut auf meinen Unterarmen. Cardinals Gesicht nahm einen schwermütigen Ausdruck an, als sie mit gedämpfter Stimme weitersprach: »Die meisten der Personen, die für ihre ersten Experimente benutzt wurden, büßten ihre Persönlichkeit ein. Sie endeten als Geschöpfe, die nicht mehr taten als zu atmen. Administrator fror ihre Körper und Lebensspannen ein und lagerte sie in der Kathedrale ein. Durch diese wiederholten Grausamkeiten verbesserte sich ihre Technik der Manipulation von Fluctlights stetig weiter. Als sie auf den Gedanken kam, ihre eigenen Emotionen zu blockieren, um mich zu versiegeln, experimentierte sie dafür erst an einer Menge Menschen, die in ihren Turm verschleppt worden waren, bevor sie den Befehl an sich selbst ausführte. Zu dem Zeitpunkt war sie etwa hundert Jahre alt.«
»War sie erfolgreich …?«
»Das könnte man wohl so sagen. Sie konnte zwar nicht sämtliche Emotionen beseitigen, aber es gelang ihr, Gefühle wie Angst, Entsetzen und Zorn zu blockieren, die eine spontane Unruhe verursachen. Seither ist Administrator durch keine wie auch immer geartete Situation zu erschüttern. Sie ist wie ein Gott … nein, wie eine Maschine. Ein Bewusstsein, das nur existiert, um die Welt zu erhalten, zu stabilisieren und stagnieren zu lassen … Ich wurde in einem Winkel ihrer Seele versiegelt und konnte nicht mehr an die Oberfläche gelangen. Bis zu jenem Moment, als sie im Alter von 150 Jahren die Kapazitäten ihres Fluctlight erschöpft hatte und versuchte, sich der Seele dieses armen Mädchens zu bemächtigen.«
»Aber … wenn ich das richtig verstanden habe, war die Seele, die sie auf die Schreinerstochter übertragen hat, doch eine vollständige Kopie des Originals, oder nicht? Dann hätten deren Emotionen doch auch abgeriegelt sein müssen … Wie konntest du dann in diesem Moment überhaupt an die Oberfläche kommen?«, fragte ich.
Cardinal ließ ihren Blick in die Ferne schweifen, als würde sie gerade auf die unfassbar lange Zeitspanne von zweihundert Jahren zurückschauen.
Schließlich hörte ich sie sehr leise sagen: »In meinem Wortschatz existiert kein Ausdruck, der die Befremdung und das Grauen dieses Moments präzise beschreiben würde. Administrator ließ die Schreinerstochter zu sich in die oberste Etage der Kathedrale kommen und machte sich daran, durch das Synthese-Ritual deren Seele mit einer Kopie ihres Fluctlight zu überschreiben. Die Prozedur gelang ihr ohne Komplikationen. Was sie in dem Mädchen deponierte, war nichts anderes als Administrators, oder besser gesagt, Quinellas Persönlichkeit, wenn auch eine komprimierte Version ohne die überflüssigen Erinnerungen. Eigentlich war Quinellas Plan gewesen, ihre ursprüngliche Seele, die ihre maximale Kapazität erreicht hatte, nach dem erfolgreichen Abschluss des Rituals zu beseitigen … Doch …«
Aus Cardinals Wangen, die sonst eine so jugendliche, gesunde Röte hatten, war mit einem Mal alle Farbe gewichen. Entgegen ihrer Behauptung, keine Emotionen zu haben, schien sie in diesem Moment offenkundig von einer tiefen Furcht ergriffen zu sein.
»Doch nachdem die Replikation abgeschlossen war … und wir beide in nächster Nähe zueinander die Augen öffneten … ereilte uns ein immenser Schock. Es ist wohl am besten als Aversion gegenüber der grundsätzlich unmöglichen Situation zu beschreiben, dass es zwei Exemplare derselben Person gab. Ich … nein, wir starrten einander an und spürten prompt eine überwältigende Feindseligkeit. Wir konnten die Existenz des jeweils anderen auf keinen Fall akzeptieren … Es war ein Instinkt, der ein bloßes Gefühl überstieg … Gewissermaßen der erste Grundsatz, der tief im Geist eingebrannt ist. Hätte diese Situation nur wenig länger angehalten, wären wahrscheinlich unsere beiden Seelen unter dem Schock kollabiert. Doch – leider, wie ich sagen muss – kam es nicht dazu. Das auf die Schreinerstochter kopierte Fluctlight brach einen Moment vorher zusammen, und im selben Augenblick übernahm ich als Subpersönlichkeit die Kontrolle. Wir erkannten uns gegenseitig als Administrator in Quinellas Körper und Cardinals Subprozess im Körper der Schreinerstochter. Und gleichzeitig wurde der Kollaps unserer Seelen aufgehalten, und sie stabilisierten sich.«
Der Kollaps der Seele.
Cardinals Worte erinnerten mich unweigerlich an das ebenso schreckliche wie rätselhafte Ereignis, dessen Zeuge ich an jenem Abend vor zwei Tagen geworden war.
Ich hatte gegen Raios Antinous, den obersten Elite-Kadetten der Akademie der Schwertkünste, gekämpft und ihm mit der Serlut-Geheimtechnik »Wirbelnder Strudel« beide Hände abgetrennt. Eine solch schwere Verletzung konnte in der Wirklichkeit tödlich enden, doch hier in Underworld hätte Raios mit der entsprechenden Behandlung überleben können. Ich hatte die Wunden abbinden wollen, um seine Lebensspanne – der HP-Wert in dieser Welt – zu bewahren.
Doch bevor ich dazu gekommen war, war er unter bizarren Schreien zu Boden gefallen und gestorben.
Zu diesem Zeitpunkt war immer noch Blut aus seinen Wunden geflossen, seine Lebensspanne war also noch nicht gänzlich erschöpft gewesen. Anders ausgedrückt, er war nicht an dem totalen Verlust seiner Lebensspanne gestorben.
Bevor Raios zu Boden gegangen war, hatte er vor dem unmöglichen Dilemma gestanden, entweder sein Leben oder den Tabu-Index zu bewahren. Unfähig, eine Wahl zu treffen, war er in eine mentale Endlosschleife geraten, bis seine Seele sich letztendlich offenbar selbst zerstört hatte.
Es war denkbar, dass Quinella bei der Konfrontation mit ihrer eigenen Replik im Grunde der gleiche Schock ereilt hatte. Ich konnte mir nicht einmal vorstellen, wie furchterregend es sein musste, wenn eine andere Person mit denselben Erinnerungen und Gedanken wie man selbst existierte.
Die ersten Tage nach meinem Erwachen im Wald südlich von Rulid hatte ich die Möglichkeit nicht ausschließen können, ein synthetisches Fluctlight zu sein, das lediglich eine Kopie des echten Kazuto Kirigaya war. Diese Befürchtung hatte mich nie losgelassen, bis ich mich mit Selkas Hilfe vergewissert hatte, ob ich im vollen Bewusstsein meines Handelns gegen den Tabu-Index verstoßen konnte.
Was, wenn mein Bewusstsein allein in die endlose Dunkelheit geworfen worden wäre und meine eigene, vertraute Stimme zu mir gesprochen hätte: »Du bist meine Replik. Eine simple Kopie für Testzwecke, die mit einem einzigen Tastendruck gelöscht werden kann.« Wie entsetzlich wären der Schock, die Verwirrung und die Angst gewesen, die ich in diesem Moment gespürt hätte …
»Nun, hast du bis hierher alles verstanden?«, hörte ich Cardinals lehrmeisterhafte Stimme von der anderen Tischseite fragen, als ich mich wie so oft in meinen Gedanken verlor.
»Ähm … Ja, ich denke schon …«
»Ich komme mit meiner Erläuterung nun zum eigentlichen Thema. Daher wäre es problematisch, wenn du mir jetzt schon nicht mehr folgen könntest.«
»Das eigentliche Thema …? Ach so, verstehe. Du hast mir noch nicht erklärt, was ich für dich tun soll.«

»Korrekt. Ich habe seit jenem Tag zweihundert Jahre lang darauf gewartet, dir das mitzuteilen … Nun, ich hatte dir bis zu dem Punkt berichtet, als Administrator und ich uns aufgespalten haben«, sagte Cardinal, wobei sie die mittlerweile leere Teetasse in ihren Händen drehte. »An jenem Tag erhielt ich endlich einen Körper ganz für mich allein. Genau gesagt gehörte dieser Körper natürlich der bemitleidenswerten Novizin … Doch mit dem Augenblick, als die Daten in ihrem Light Cube überschrieben wurden, wurde ihre Persönlichkeit vollständig ausgelöscht. Nachdem ich also durch dieses barbarische Ritual und einen unerwarteten Unfall ins Leben gerufen worden war, starrte ich Administrator für einen Sekundenbruchteil an, bevor ich schließlich tat, was getan werden musste. Kurzum, ich versuchte sie mit einer sakralen Kunst der höchsten Stufe auszulöschen. Als vollständige Kopie von Administrator verfügte ich natürlich auch über identische Systemzugriffsrechte. Meine Prognose war, dass ich ihre Lebensspanne ausradieren könnte, bevor die räumlichen Ressourcen der Umgebung erschöpft waren, wenn ich sie zuerst angriff, selbst wenn sie mit einer Technik der gleichen Klasse kontern sollte. Die erste Attacke war ein Volltreffer, und der weitere Verlauf war genau so, wie ich vorhergesehen hatte. Auf der obersten Etage der Kathedrale bekämpften wir uns auf Leben und Tod mit donnernden Blitzen, Wirbelstürmen, lodernden Flammen und eisigen Klingen, und unsere Lebensspannen schrumpften zusehends – und zwar exakt im gleichen Tempo … Da ich zuerst angegriffen hatte, hätte ich also am Ende siegreich hervorgehen müssen.«
Bei der Vorstellung dieses Kampfes zwischen den zwei Göttern erschauderte ich. Die einzigen mir bekannten offensiven Sakralkünste waren die äußerst simplen Geschosse, die aus den Elementen erzeugt wurden, wie ich sie im Kampf gegen Eldrie angewandt hatte. Diese Attacken verfügten über weitaus weniger Angriffskraft als ein einzelner Hieb eines Schwertes und eigneten sich bestenfalls als Ablenkungsmanöver, aber keinesfalls dazu, jemandes Lebensspanne komplett zu vernichten …
»Hm? Moment mal. Du hast mir doch vorhin erzählt, dass Administrator keine Menschen töten kann. Müsste diese Einschränkung dann nicht auch für dich als ihre Kopie gelten? Wieso konntet ihr einander angreifen?«
Cardinal schürzte etwas verstimmt die Lippen, als ich ihre Erzählung an dieser dramatischen Stelle unterbrach. Doch dann nickte sie und antwortete: »Hm … das ist eine gute Frage. Administrator ist zwar nicht an den Tabu-Index gebunden, aber wie du schon sagtest, kann sie nicht gegen das Verbot des Mordens verstoßen, das ihr damals in ihrer Kindheit als Quinella von ihren Eltern auferlegt wurde. Obwohl ich mir viele Jahre den Kopf darüber zerbrochen habe, dass wir synthetischen Fluctlights niemals gegen Befehle von oben verstoßen können, konnte ich mir die Ursache nie erklären … Allerdings ist dieses Phänomen nicht so unabänderlich, wie du glauben magst.«
»Was bedeutet …?«
»Nun, zum Beispiel …« Cardinal hielt ihre rechte Hand mit der Teetasse über den Tisch. Statt die Tasse jedoch auf die Untertasse zu stellen, machte sie Anstalten, sie rechts daneben abzustellen – aber kurz bevor der Tassenboden die Tischdecke berührte, stoppte ihre Hand. »Weiter als bis zu diesem Punkt kann ich die Tasse nicht senken.«
»Wie?«, fragte ich verständnislos.
Sie zog eine Grimasse und erklärte: »Als ich noch klein war, hat meine Mutter – ich meine natürlich Quinellas Mutter – mir beigebracht, dass die Teetasse auf die Untertasse gehört. Und diese kleine Regel ist immer noch in Kraft. Das einzige schwerwiegende Tabu ist Mord, aber darüber hinaus gibt es noch siebzehn weitere Regeln, darunter eben auch so belanglose wie diese. Ich bin nicht imstande, meine Hand weiter zu senken, und wenn ich es mit Gewalt versuche, treten in meinem rechten Auge scheußliche Schmerzen auf.«
»Schmerzen … im rechten Auge …«, murmelte ich.
»Dennoch gibt es einen großen Unterschied zu den gewöhnlichen Bewohnern dieser Welt. Denn sie würden nicht einmal auf die Idee kommen, die Tasse auf die Tischdecke zu stellen. Mit anderen Worten, ihnen ist gar nicht bewusst, dass sie an eine Vielzahl von unumstößlichen Regeln gebunden sind. Aber in diesem Fall ist Unwissenheit wohl ein Segen …«
Cardinal, die sich ihrer Existenz als künstliche Schöpfung offenbar vollkommen bewusst war, setzte ein selbstironisches Grinsen auf, das nicht so recht zu ihrem mädchenhaften Gesicht passen wollte, und zog ihre Hand wieder zurück. »Nun, Kirito. Sieht das hier für dich wie eine Teetasse aus?«
»Hä?«, machte ich wenig intelligent. Dann starrte ich auf die Tasse in Cardinals rechter Hand.
Sie war aus weißem Porzellan, mit leicht geschwungenen Wänden und einem schlichten Griff. Außer einer einzelnen blauen Linie am Rand gab es keine Verzierungen.
»Ja … das sieht wie eine Teetasse aus, war ja auch Tee drin …«
»Mhm. Wie ist es dann hiermit?«
Cardinal streckte ihren linken Zeigefinger aus und tippte leicht auf den Tassenrand.
Wie schon zuvor füllte sich die Tasse sofort mit Flüssigkeit, und weißer Dampf stieg in einer dünnen Schwade auf. Aber dieses Mal roch es anders. Meine Nasenflügel zuckten unwillkürlich. Dieser kräftige und aromatische Duft war definitiv kein Tee – es konnte nichts anderes als Maiscremesuppe sein.
Ich reckte den Hals, und Cardinal neigte die Tasse ein wenig, damit ich hineinsehen konnte. Tatsächlich war darin eine blassgelbe, sämige Flüssigkeit. Sogar ein paar herrlich knusprige Croutons schwammen darauf.
»Maissuppe! Danke, ich habe gerade wieder Hunger bekommen …«
»Dummkopf, ich habe dich nicht nach dem Inhalt gefragt. Was ist der Behälter?«
»Äh …? Na ja …«
Die Tasse selbst hatte sich seit vorhin überhaupt nicht verändert. Aber als sie mich jetzt fragte, erschien sie mir für eine gewöhnliche Teetasse etwas zu schlicht, zu groß und zu dickwandig.
»Äh … Eine Suppentasse?«, antwortete ich unsicher, woraufhin Cardinal zufrieden lächelte und nickte.
»Genau. Jetzt ist es eine Suppentasse. Schließlich ist Suppe darin.« Dann stellte sie die Tasse zu meiner Überraschung ohne zu zögern auf der Tischdecke ab.
»Wa…!?«
»Siehst du? In gewissem Sinne sind die den synthetischen Fluctlights auferlegten Tabus sehr schwammig. Schon durch eine Veränderung der subjektiven Wahrnehmung können sie gekippt werden.«
Mir fehlten vor Verblüffung die Worte, doch vor meinem inneren Auge spielte sich erneut die Szene vor zwei Tagen ab.
In eben dem Moment, als ich in das Schlafzimmer gestürmt war, wollte Raios gerade den am Boden kauernden Eugeo erbarmungslos niederstrecken. Hätte ich seinen Angriff nicht mit meinem eigenen Schwert abgefangen, hätte Raios mit einem Hieb Eugeos Kopf abgeschlagen.
Mord war selbstverständlich das größte Tabu. Doch für Raios war Eugeo in diesem Moment kein Mensch mehr gewesen, sondern ein Sünder, der gegen den Tabu-Index verstoßen hatte. Durch diese Betrachtungsweise konnte er das in seine Seele eingebrannte Tabu mit Leichtigkeit umgehen.
Während ich noch schweigend darüber nachdachte, hörte ich ein leises Knarren von der Stuhllehne gegenüber. Als ich aufsah, hob Cardinal wieder ihre Teetasse, beziehungsweise Suppentasse, an die Lippen. Die Teigtaschen und Sandwiches, die ich vor einiger Zeit gegessen hatte, waren längst in Lebenspunkte umgewandelt worden, und mein leerer Magen zog sich krampfartig zusammen.
»Könnte ich auch etwas davon bekommen …?«
»Was für ein unersättlicher Bursche du bist. Gib mir deine Tasse.« Cardinal schüttelte zwar missbilligend den Kopf, streckte aber ihre Hand aus und schnippte an den Rand der leeren Tasse, die ich ihr hinhielt. Im Nu füllte sie sich mit cremegelber Flüssigkeit.
Freudig zog ich die Tasse heran, blies auf die dampfende Suppe und nippte daran. Ein vertrauter, kräftiger Geschmack erfüllte meinen Mund, und ich schloss genießerisch die Augen. Zwar gab es in Underworld eine ganz ähnliche Suppe, aber eine so perfekte Maiscremesuppe hatte ich seit zwei Jahren nicht gekostet.
Nach ein paar weiteren Schlucken seufzte ich zufrieden, und Cardinal fuhr mit ihrer Erzählung fort, als hätte sie nur darauf gewartet.
»Verstehst du, wie ich dir gerade an der Tasse demonstriert habe, können die Tabus durch einen einfachen Perspektivenwechsel umgangen werden. Wir – Administrator und ich – betrachteten einander nicht als Menschen, als wir uns in den Kampf stürzten. Für mich war sie ein defektes System, das die Welt schädigte, und für sie war ich ein lästiger Virus, der nicht gelöscht werden konnte … Keine von uns zögerte auch nur im Geringsten, die Lebensspanne der anderen auszumerzen. Wir griffen uns mit den mächtigsten Techniken an, bis wir an den Punkt gelangt waren, an dem ich Administrator mit zwei oder drei weiteren Attacken eliminiert hätte oder wir uns schlimmstenfalls zumindest gegenseitig vernichtet hätten.«
Cardinal biss sich fest auf die Lippe, als würde sie die Frustration jenes Moments erneut durchleben.
»Doch … Doch zu allerletzt erkannte diese boshafte Hexe den fundamentalen Unterschied zwischen uns beiden.«
»Ein fundamentaler Unterschied …? Aber du und Administrator unterscheidet euch doch nur äußerlich … Ihr habt doch exakt dieselben Systemzugriffsrechte und kennt dieselben Sakralkünste, oder nicht?«
»Das ist korrekt. Solange wir ausschließlich mit Sakralkünsten kämpften, hätte ich schlussendlich durch meinen erfolgreichen Erstschlag natürlich siegen müssen. Also … verwarf sie die Sakralkünste. Stattdessen konvertierte sie eines der zahllosen Objekte von hoher Priorität in ihrem Gemach in eine Waffe und bestimmte gleichzeitig den gesamten Raum, in dem wir kämpften, zu einer Serveradresse, an der Systembefehle untersagt waren.«
»A… Aber dann konnte sie das Verbot doch selbst nicht mehr aufheben, oder?«
»Mhm, zumindest nicht, solange sie diesen Bereich nicht verließ. Als sie den Befehl zum Generieren einer Waffe anstimmte, begriff ich ihr Vorhaben. Aber ich konnte nichts mehr dagegen ausrichten. Und als die Systembefehle erst einmal blockiert waren, konnte auch ich es nicht mehr rückgängig machen … Also erzeugte ich notgedrungen ebenfalls eine Waffe und versuchte ihr mit physischem Schaden den Rest zu geben.«
Cardinal verstummte und griff nach ihrem Stab, den sie an den Tisch gelehnt hatte. Sie hielt ihn mir entgegen, und ich streckte verdutzt die Hand danach aus. Sobald ich den Stab ergriff, fühlte ich dessen erstaunlich schweres Gewicht, das ich bei seinem schlanken Äußeren nicht erwartet hatte. Ich musste ihn mit beiden Händen packen, um ihn mit einem dumpfen Klappern auf dem Tisch abzulegen. Dieser Stab hatte zweifelsohne eine mindestens ebenso hohe Priorität wie mein schwarzes Schwert oder Eugeos Schwert der blauen Rose.
»Verstehe. Nicht nur deine Kompetenz für den Einsatz von Sakralkünsten, sondern auch zum Ausrüsten von Waffen ist auf der Stufe eines Gottes«, sagte ich und rieb mir das Handgelenk.
Cardinal zuckte nur mit den Schultern, als sei das selbstverständlich. »Administrator hat nicht nur ihre Erinnerungen und Gedanken kopiert, sondern auch ihre Zugriffsrechte und Lebenspunkte. Das Schwert, das sie erschuf, und dieser Stab hier hatten ebenfalls exakt die gleiche Leistungsfähigkeit. Selbst als wir von sakralen Künsten zu physischen Angriffen übergingen, war ich mir sicher, schlussendlich siegreich hervorzugehen. Aber sobald ich den Stab ergriff, erkannte auch ich Administrators wahre Absicht und den fundamentalen Unterschied zwischen uns …«
»Ja, aber was ist das denn nun für ein Unterschied?«
»Es ist ganz simpel. Sieh dir doch mal meinen Körper an.«
Mit der rechten Hand öffnete Cardinal ihre dicke Robe. Darunter kamen eine weiße Bluse, eine schwarze Pumphose und weiße Kniestrümpfe zum Vorschein. Es war die zierliche Gestalt eines jungen Mädchens, die im starken Kontrast zu ihrem Auftreten einer alten Weisen stand.
Mit dem Gefühl, etwas gesehen zu haben, das nicht für meine Augen bestimmt war, wandte ich reflexartig den Blick ab und fragte: »Was ist denn mit deinem Körper …?«
Cardinal schloss wieder ihre Robe und brummte unwirsch: »Meine Güte, wie kann man so begriffsstutzig sein? Stell dir doch mal vor, du würdest plötzlich in diesen Körper gesteckt werden. Schon die Augenhöhe und Länge der Arme wäre eine ganz andere. Meinst du, du könntest einfach wie bisher mit dem Schwert kämpfen?«
»Oh …«
»Bis dahin hatte ich im Körper von Administrator … ich meine, Quinella gesteckt, die für eine Frau recht hochgewachsen ist. Solange wir uns mit sakralen Künsten bekämpften, war es mir nicht bewusst gewesen … doch als ich den Stab packte, um mich für ihren Angriff zu wappnen, erkannte ich endlich die kritische Lage, in der ich mich befand.«
So betrachtet war es für mich einleuchtend. Auch in den zahlreichen VRMMOs brauchte man erst eine gewisse Zeit, um im Nahkampf das richtige Gefühl für die Distanz zu bekommen, wenn man einen Avatar gewählt hatte, dessen Größe zu sehr vom echten Körper abwich.
»Wie ist denn eigentlich der Größenunterschied zwischen dir und Administrator …?«
»Gut fünfzig Zentimeter werden es wohl sein. Selbst jetzt erinnere ich mich noch nur zu gut an ihren Gesichtsausdruck, als sie von oben lächelnd auf mich herabsah. Gleich darauf begannen wir wieder zu kämpfen, aber schon nach zwei oder drei Kollisionen unserer Waffen musste ich einsehen, dass meine Niederlage unausweichlich sein würde …«
»Und … Und was ist dann passiert?«
Da sie sich hier mit mir unterhielt, musste sie diese Situation offensichtlich irgendwie überstanden haben. Trotzdem hielt ich vor Spannung den Atem an.
»Administrator war eindeutig überlegen, aber ihr unterlief ein einziger Fehler. Hätte sie den Ausgang des Zimmers versiegelt, bevor sie den Einsatz von Systembefehlen untersagte, wäre ich vermutlich ohne jeden Ausweg vernichtet worden. Mit meinem Defizit an menschlichen Emotionen«, erklärte Cardinal, und ich wies sie lieber nicht darauf hin, dass ihre aufgebrachte Miene sie Lügen strafte, »befand ich, dass ich augenblicklich fliehen musste, und rannte wie ein geölter Blitz zur Tür. Jedes Mal, wenn ihr Schwert von hinten auf mich niederging und meinen Rücken streifte, büßte ich ein wenig mehr meiner Lebensspanne ein …«
»Das ist ja schrecklich …«
»Ich schätze, über kurz oder lang wirst du in eine ähnliche Lage geraten. Nachdem du zwei Jahre und zwei Monate jeder Frau hinterher gegeifert hast.«
»Ich … Ich hab überhaupt niemandem hinterher gegeifert!«, protestierte ich und rieb mir angesichts dieses unerwarteten Vorwurfs nervös über den Mund. Dann runzelte ich plötzlich die Stirn. »Warte, stopp mal. Zwei Jahre und zwei Monate …? Du hast mich doch nicht etwa die ganze Zeit beobachtet …?«
»Aber natürlich habe ich das. Und obwohl es nur zwei Jahre und zwei Monate von den zweihundert Jahren waren, die ich hier verbracht habe, erschien mir diese Zeit ungemein lang.«
»Wa…?« Ich konnte sie nur fassungslos anstarren. Die junge Weise mir gegenüber hatte also all meine Taten genau beobachtet. Ich war mir zwar einigermaßen sicher, nichts getan zu haben, für das ich mich hätte schämen müssen, aber ganz ausschließen konnte ich es auch nicht. Da ich jetzt ohnehin nicht die Zeit hatte, jede einzelne Erinnerung der vergangenen zwei Jahre durchzugehen, zwang ich mich, diesen Gedankengang zu beenden. »Nun ja, lassen wir das. Also … wie bist du Administrator denn dann entkommen?«
»Hm. Mit Müh und Not gelang es mir, aus ihrem Gemach in der obersten Etage der Kathedrale zu fliehen, wodurch ich meinen Zugriff auf die Kommandos wiederherstellte. Aber das änderte nichts an der grundlegenden Situation. Wäre ich erneut mit Sakralkünsten zum Gegenangriff übergegangen, hätte sie dieses Mal wohl einfach den Flur zur Verbotszone bestimmt. Lediglich meine Fluchtmethode wechselte vom Laufen zum Fliegen. Um mich zu erholen, musste ich an irgendeinen Ort fliehen, wo mich ihre Attacken nicht erreichen konnten.«
»Ja, aber … Administrator ist doch, wie ihr Name schon sagt, der Admin dieser Welt, oder? Wie kann es überhaupt einen Ort geben, den sie nicht erreichen kann?«
»Sie mag hier als Admin in der Tat ein Gott sein, aber das heißt nicht, dass sie allmächtig ist. Es gibt zwei Orte in dieser Welt, die nicht unter ihrer Kontrolle stehen.«
»Welche zwei Orte denn …?«
»Der erste ist das Land jenseits des Grenzgebirges … das Dark Territory, das die Bewohner der Menschenwelt gemeinhin als Reich der Finsternis bezeichnen. Der andere ist diese Bibliothek, in der wir uns gerade befinden. Administrator hat diesen Ort ursprünglich als eine Art externen Speicher selbst erschaffen, als sie erfuhr, dass auch ihr Erinnerungsvermögen seine Grenzen hatte. Die Bibliothek enthält sämtliche Systembefehle und eine gewaltige Datenmenge in Bezug auf Underworld. Aus diesem Grund entschied sie, dass niemand außer ihr selbst je einen Fuß hineinsetzen sollte. Also gestaltete sie diesen Ort so, dass er sich zwar innerhalb der Kathedrale befindet, aber dennoch räumlich nicht damit verbunden ist. Es gab nur eine einzige Tür hinein, und niemand außer ihr … nein, niemand außer ihr und mir kannten das Kommando, um sie aufzurufen.«
»Aha …«, murmelte ich und sah mich erneut in der großen Bibliothek um, mit ihrem komplexen Gewirr aus Gängen, Treppen und Bücherregalen. Die gewölbten Wände sahen aus wie ganz gewöhnliche Backsteinmauern … »Dann liegt hinter diesen Wänden …«
»Nichts. Die Wände selbst sind unzerstörbar, aber selbst wenn sie eingerissen werden würden, wäre dahinter nur Leere.«
Für einen Moment versuchte ich mir vorzustellen, was passieren würde, wenn man sich in diese Leere stürzen würde, vertrieb den Gedanken aber gleich wieder mit einem leichten Kopfschütteln.
»Und diese eine Tür ist die, durch die wir vorhin vom Rosengarten hereingekommen sind?«
»Nein, die Tür habe ich erst viel später erschaffen. Bis vor zweihundert Jahren gab es im Zentrum der untersten Etage eine riesige, zweiflügelige Tür. Auf meiner verzweifelten Flucht vor Administrator stimmte ich den Befehl an, um die Tür aufzurufen. Aber sogar ich verhaspelte mich dabei ganze zweimal. Mit knapper Not vollendete ich das Kommando, woraufhin am Ende des Flurs die Tür erschien. Ich warf mich hindurch, schloss die Tür und verriegelte sie sofort.«
»Du hast sie verriegelt? Aber wenn du das gleiche Kompetenzlevel hast wie die Hohepriesterin, hätte sie das Schloss dann nicht von der anderen Seite wieder öffnen können?«
»Ganz recht. Aber glücklicherweise konnte die Bibliothek von innen durch eine einfache Rechtsdrehung des Schlüssels im Schloss verriegelt werden, während von außen ein langatmiges Kommando nötig war, um es zu entriegeln. Während ich von der anderen Seite der Tür Administrators kalte, hasserfüllte Stimme das Kommando zum Entsperren rezitieren hörte, stimmte ich schon ein neues Mantra an. Der Schlüssel drehte sich vor meinen Augen schon nach links, als ich mein Mantra beendete …«
Cardinal schlang die Arme um ihren Körper, als würde sie das Grauen jenes Moments erneut durchleben. Obwohl das Ereignis schon zweihundert Jahre zurücklag, überlief auch mich ein kalter Schauer bei der Vorstellung dieser Szene. Ich trank den letzten Schluck meiner Maissuppe und atmete einmal durch, bevor ich sie fragte: »Also hast du ein Kommando benutzt, um die Tür zu zerstören?«
»Korrekt. Ich habe die große Tür, die einzige Verbindung zwischen der Kathedrale und der Bibliothek, pulverisiert. Mit diesem Augenblick wurde dieser Ort vollständig von der Außenwelt isoliert, und ich war vor Administrators Verfolgung sicher.«
»Und warum hat die Hohepriesterin nicht einfach eine neue Tür erzeugt …?«
»Ich habe es dir doch gerade erklärt. Administrator erschuf zuerst die Bibliothek inklusive der Tür und trennte sie anschließend von der Kathedrale. Die Koordinatenwerte dieses Raumes wechseln konstant zwischen zufällig ausgewählten, unbenutzten Bereichen im System. Ohne eine präzise Prognose dieser Werte ist es unmöglich, von außen auf diesen Ort zuzugreifen.«
»Ach so … Und weil die Central Cathedral feste Koordinaten hat, ist es umgekehrt möglich, von hier aus einen Durchgang nach draußen zu öffnen, richtig?«
»Genauso ist es. Allerdings wird jede erzeugte Tür sofort von Administrators Kundschaftern aufgespürt, sobald sie einmal geöffnet wurde. Deswegen kann ich sie nie ein zweites Mal benutzen. So wie die Tür im Rosengarten, durch die ich dich und Eugeo vorhin hereingeholt habe.«
»Oh, das tut mir leid …«, sagte ich und senkte demütig den Kopf.
Die junge Weise lachte kurz auf und wandte ihren Blick dann zur Decke der Bibliothek. Ihre Augen hinter den Brillengläsern verengten sich, als sie nachdenklich murmelte: »Administrator ist ein Fehler, den es zu korrigieren gilt. Ich habe gegen sie gekämpft und verloren. Ich bin schmachvoll geflohen und habe mich hier verkrochen … Und in den zweihundert Jahren seitdem habe ich nichts anderes getan, als Beobachtungen und Spekulationen anzustellen …«
»Zweihundert Jahre …«, flüsterte ich.
Ich hatte gerade einmal siebzehneinhalb Jahre in der Wirklichkeit verlebt, plus die zwei Jahre beschleunigter Zeit in Underworld. Mit weniger als zwanzig Jahren Lebenserfahrung konnte ich diese Zeitspanne beim besten Willen nicht erfassen. Ich konnte es mir nur als einen unendlich weiten Fluss der Zeit vorstellen.
Das Mädchen mir gegenüber hatte diese schier endlose Zeit hier in dieser Bibliothek durchlebt, umgeben von nichts als den stummen Büchern, ohne eine Person oder auch nur eine Maus, die ihr Gesellschaft geleistet hätte. Ein Wort wie Einsamkeit konnte eine so vollständige Isolation von der Welt nicht einmal ansatzweise beschreiben. Wäre ich in der gleichen Situation gewesen, hätte ich nie und nimmer zwei Jahrhunderte lang durchgehalten. Ich hätte sicherlich die Tür zur Außenwelt selbst geöffnet, im vollen Bewusstsein, dass es meinen Untergang bedeutete.
Aber Moment mal …
»Cardinal … Hast du nicht vorhin gesagt, dass ein Fluctlight eine Lebensdauer von etwa 150 Jahren hat? Administrator hat sich doch überhaupt erst überlegt, ihr Fluctlight zu kopieren, weil sie sich dieser Obergrenze näherte … Wie konntet ihr dann die zweihundert Jahre seit der Spaltung überstehen?«
»Eine berechtigte Frage«, antwortete Cardinal und stellte ihre geleerte Tasse auf den Tisch. »Obwohl Administrator nur ausgewählte Teile auf mein Fluctlight kopiert hat, gab es keine Ressourcen mehr, um zusätzlich noch die Erinnerungen einer solch langen Zeit aufzunehmen. Nachdem ich mich also vergewissert hatte, dass ich in der Bibliothek vor ihr sicher war, musste ich als Erstes meine Erinnerungen umstrukturieren.«
»Umstrukturieren …?«
»Ja. Eine direkte Bearbeitung von Dateien ohne Back-up, um bei unserem Beispiel von vorhin zu bleiben. Wäre mir bei der Arbeit auch nur ein Fehler unterlaufen, hätte sich mein Bewusstsein im Light Cube vermutlich in Licht aufgelöst.«
»Also, ähm … das heißt, auch nachdem du in dieser Bibliothek eingeschlossen wurdest, hast du immer noch deine Bearbeitungsrechte für das Light-Cube-Cluster in der Wirklichkeit? Wäre es dann nicht möglich gewesen, auf Administrators Fluctlight zuzugreifen, statt auf dein eigenes, und ihre Seele mit einer Attacke in die Luft zu jagen …?«
»Wenn dem so wäre, hätte sie umgekehrt dasselbe tun können. Doch bedauerlicherweise – oder auch zu meinem Glück – muss in dieser Welt beim Einsatz von Sakralkünsten, die den Zustand des Ziels verändern, prinzipiell direkter Kontakt oder zumindest Sichtkontakt zu der betreffenden Einheit oder dem Objekt gewährleistet sein. Und zwar ungeachtet jedweder Reichweite. Aus diesem Grund musste Administrator die Schreinerstochter auch in ihr Gemach in der Turmspitze kommen lassen, und gleichermaßen war es notwendig, euch beide in die Kirche bringen zu lassen.«
Als ich das hörte, erschauderte ich unwillkürlich bei dem Gedanken, was man wohl bei der Vernehmung mit uns angestellt hätte, wenn unser waghalsiger Gefängnisausbruch nicht geglückt wäre.
»Kurzum, nachdem ich mich selbst in dieser Bibliothek isoliert hatte, konnte ich ihr Fluctlight trotz aller Zugriffsrechte nicht angreifen. Gleichzeitig war ich aber auch vor weiteren Attacken von ihr geschützt.«
Ohne von meiner Beunruhigung Notiz zu nehmen, schlug sie die langen Wimpern nieder und fuhr fort. »Die eigene Seele umzustrukturieren … war ein wahrhaft schauderhaftes Unterfangen. Mit einem einzigen Kommando verschwanden Erinnerungen spurlos, die mir bis dahin lebhaft im Gedächtnis geblieben waren. Aber ich hatte keine andere Wahl. Unter den gegebenen Umständen war anzunehmen, dass es eine exorbitant lange Zeit in Anspruch nehmen würde, Administrator zu löschen. Letztendlich löschte ich alle Erinnerungen an das Leben als Quinella und neunzig Prozent derer ab der Wandlung zu Administrator …«
»A… Aber waren das nicht fast all deine Erinnerungen?«
»So ist es. Die lange, lange Geschichte von Quinella ist für mich keine persönliche Erfahrung mehr, sondern nur noch Wissen, das ich vor der Löschung der Erinnerungen aufgezeichnet habe. Ich kann mich nicht mehr an die Gesichter meiner Eltern erinnern, die mich auf die Welt gebracht und aufgezogen haben. Auch nicht an die Wärme des Bettes, in dem ich jeden Abend eingeschlafen bin, oder den Geschmack der süßen Pfannkuchen, die ich so mochte … Wie ich schon sagte, ich habe keinerlei menschliche Emotionen. Ich habe fast sämtliche Erinnerungen und Gefühle verloren. Ich bin ein Programm, das einzig und allein dem einen in meine Seele eingebrannten Befehl folgt, das korrumpierte Hauptprogramm aufzuhalten. Das ist meine ganze Existenz.«
Cardinal lächelte mit gesenktem Blick, aber ihr Gesicht war erfüllt von einer unaussprechlichen Einsamkeit. Ich wollte ihr sagen, dass sie nicht nur ein Programm war, dass sie genauso Gefühle hatte wie ich oder andere Menschen, aber ich fand nicht die richtigen Worte.
Sie hob den Kopf und warf mir einen kurzen Blick zu. Dann lächelte sie noch einmal, bevor sie weitersprach: »Infolge der selektiven Löschung meiner Erinnerungen konnte ich in meinem Fluctlight vorläufig ausreichend freie Kapazitäten sicherstellen. So habe ich mir viel Zeit verschafft, um einen Plan auszuarbeiten, wie ich mich für meine schmachvolle Niederlage rächen und Administrator einen Gegenschlag versetzen konnte. Zunächst hatte ich vor, sie zu überrumpeln und in einen direkten Kampf zu verwickeln. Sie kann von außen keinen Zugang zu dieser Bibliothek öffnen, aber wie du gerade selbst erwähnt hast, ist der umgekehrte Fall möglich. Das Kommando zum Erzeugen von Türen hat zwar auch eine begrenzte Reichweite, aber vom Garten bis zu den mittleren Stockwerken der Central Cathedral kann ich theoretisch an jedem beliebigen Ort Türen platzieren. Da sie hin und wieder auch zum unteren Teil des Turms hinabsteigt, hätte ich eine dieser Gelegenheiten durchaus für einen Überraschungsangriff nutzen können. Zumal ich mich unerwartet schnell an die Handhabung dieses Körpers gewöhnt habe.«
»Verstehe. Wenn man einen garantierten Erstschlag landen könnte, wäre es einen Versuch wert … Aber wäre das nicht ein ziemlich großes Risiko? Es wäre ja nicht verwunderlich, wenn auch Administrator irgendwelche Vorkehrungen treffen würde …«, überlegte ich.
Überraschungsangriffe glückten kaum jemals, wenn sich der Gegner eines möglichen Angriffs schon bewusst war. Zu SAO-Zeiten hatten die Orange Player und ich uns viele Male gegenseitig aufgelauert. In den meisten Fällen war der Überfall fehlgeschlagen, weil das jeweilige Ziel in für Hinterhalte geeigneten Gegenden schon darauf gefasst und somit wachsam gewesen war.
Cardinal nickte mit verdrießlicher Miene. »Schon bevor Quinella zur Hohepriesterin wurde, hatte sie ein meisterliches Talent, die Schwächen anderer Menschen zu durchschauen. Ebenso wie ich mitten in unserem Kampf nach der Spaltung den Schwachpunkt meines Körperbaus bemerkte, erkannte sie sogleich ihren eigenen Vorteil und ergriff entsprechende Maßnahmen.«
»Vorteil …? Aber im Grunde haben du und Administrator doch identische Angriffs- und Abwehrfähigkeiten, oder? Und auch die gleiche – wie soll ich sagen – Denkfähigkeit.«
»Die Formulierung missfällt mir zwar, aber das ist korrekt«, sagte sie und schnaubte. »In Bezug auf die bloßen Kampffähigkeiten gibt es zwischen ihr und mir kaum einen Unterschied. Das gilt allerdings nur im Falle eines Zweikampfs.«
»Ein Zweikampf … Ah, jetzt verstehe ich.«
»Ganz recht. Ich bin ein Einsiedler ohne Unterstützung, während sie die Herrscherin einer so gigantischen Organisation wie der Axiom-Kirche ist … Aber immer der Reihe nach. Nachdem Administrator mich als Störenfried hervorgebracht hatte und dadurch an den Rand des Todes getrieben worden war, erkannte sie die große Gefahr beim Kopieren ihres eigenen Fluctlight. Das änderte jedoch nichts an dem Umstand, dass ihre Logikschaltungen unter ihren überlaufenden Erinnerungen zusammenzubrechen drohten. Sie musste dringend etwas unternehmen, aber im Gegensatz zu mir wagte sie sich nicht an den risikoreichen Schritt, ihre Erinnerungen direkt zu editieren. Also musste sie gezwungenermaßen einen Kompromiss eingehen. Sie entschied sich dafür, nur ihre jüngsten, oberflächlichen Erinnerungen zu löschen, deren Manipulation relativ ungefährlich ist, um so ein Minimum an freien Kapazitäten zu schaffen, und zudem die Menge an neu aufgezeichneten Informationen drastisch zu reduzieren.«
»Wie das denn …? Selbst im Laufe eines jeden Tages sammeln sich doch zwangsläufig Erinnerungen an.«
»Das hängt ganz davon ab, wie man den Tag verbringt. Wenn man vieles sieht, tut oder denkt, nimmt man natürlich auch mehr Informationen auf. Aber was wäre, wenn man zum Beispiel nie sein Himmelbett verlassen und die Zeit mit geschlossenen Augen verbringen würde?«
»Uff … Das könnte ich nicht. Da würde ich lieber den ganzen Tag lang mein Schwert schwingen.«
»Ja, deine Ruhelosigkeit ist mir inzwischen nur zu gut bekannt.«
Darauf hatte ich keine Erwiderung. Wenn Cardinal mich zu welchem Zweck auch immer all die Zeit beobachtet hatte, wusste sie bereits, dass ich mich in meiner freien Zeit gerne ziellos treiben ließ, ohne Eugeo davon zu erzählen.
Ihre zu einem leichten Lächeln verzogenen Mundwinkel strafften sich wieder, als die Weise ihre Erzählung fortsetzte. »Im Gegensatz zu dir kennt Administrator keine Gefühle von Langeweile oder Lethargie. Falls notwendig, bleibt sie tage- und wochenlang in ihrem Bett liegen und schwelgt im Dämmerzustand in den sentimentalen Erinnerungen an ihren Aufstieg zur Herrscherin dieser Welt …«
»Aber sie ist doch die höchstrangige Person der Axiom-Kirche, oder nicht? Hat sie in der Position nicht auch Dinge zu erledigen? Muss sie nicht mal Ansprachen halten oder so was?«
»Eine Zeit lang hat sie das auch getan. Zum Hochfest am Jahresbeginn musste sie den vier Kaisern eine Audienz gewähren und in regelmäßigen Abständen die mittleren und unteren Stockwerke der Kathedrale aufsuchen, um das Verwaltungssystem der Welt zu überprüfen. Und jedes Mal war sie auf der Hut vor einem möglichen Angriff von mir. Also überlegte sie sich etwas Neues. Sie hat den Großteil ihrer Dienstpflichten an Stellvertreter übertragen und gleichzeitig eine Reihe von absolut treuen und starken Untergebenen als ihre Leibgarde aufgestellt.«
»Das ist also ihr Vorteil als Herrscherin einer großen Organisation, den du als Einzelperson nicht hast. Aber sorgt das nicht eher für noch mehr Unsicherheitsfaktoren? Wenn ihre Leibwachen dir die Stirn bieten können, obwohl deine Kampfkraft ihrer ebenbürtig ist, könnten sie doch im Zweifel auch Administrator überwältigen, falls es aus irgendeinem Grund zu einer Rebellion kommen sollte, oder nicht?«
Auf meine Frage zuckte Cardinal nur leicht mit den Schultern und wiederholte: »Wie gesagt, sie sind ihr absolut treu ergeben.«
»Ich weiß, dass sich die Underworldler nicht gegen Befehle von oben stellen, aber du hast mir selbst gezeigt, dass das nicht unumstößlich gilt. Was, wenn ihre Leibwächter irgendwie auf die Idee kommen, dass die Hohepriesterin eine Agentin aus dem Reich der Finsternis ist …?«
»Diese Möglichkeit war nicht ganz auszuschließen, und dessen war sie sich natürlich auch bewusst. Schließlich hat sie an unzähligen Menschen mit hohem Verstoß-Exponenten experimentiert. Blinder Gehorsam ist nicht gleichbedeutend mit Loyalität … Nein, auch wenn die Leibwächter ihr aufrichtige Treue schworen, hätte sie niemals allein darauf vertraut. Immerhin hatte sich selbst ihre eigene Kopie gegen sie gewandt«, sagte Cardinal und grinste. »Als sie ihren Wächtern die Kompetenz und Ausrüstung gab, um sich mir entgegenstellen zu können, musste sie sichergehen, dass sie sich niemals, unter keinen Umständen, gegen sie wenden würden. Und wie konnte sie das erreichen? Die Antwort war simpel: Sie musste ihre Fluctlights entsprechend modifizieren.«
»Wa… Was sagst du da?«
»Das komplizierte Kommando für diese Zwecke hatte sie bereits perfektioniert. Mit anderen Worten, das Synthese-Ritual.«
»Das ist … die Vereinigung der Seele mit Erinnerungen, richtig?«
»Ja. Und sie hatte reichlich hochqualitative Basiskörper mit starken Seelen zur Verfügung. Die Menschen mit hohen Verstoß-Exponenten, die sie für ihre Experimente missbraucht und anschließend eingefroren gelagert hatte, verfügten ausnahmslos über bemerkenswerte Fähigkeiten … oder vielleicht könnte man eher sagen, dass sie gerade wegen ihrer herausragenden intellektuellen und körperlichen Fähigkeiten skeptisch gegenüber dem Tabu-Index und der Axiom-Kirche gewesen waren. Unter den Menschen, die sie zuerst gefangen genommen hatte, war auch ein Held, der als außergewöhnlicher Schwertkämpfer bekannt war und aus Ablehnung der Herrschaft der Kirche mit seinen Kameraden in das Grenzland zog, um dort selbst eine neue Siedlung zu errichten. Da er versucht hatte, das Grenzgebirge zwischen Menschenwelt und Dark Territory zu überwinden, wurde er in die Kirche verschleppt. Ihn wählte Administrator als ihren ersten treuen Wächter.«
Diese Geschichte kam mir irgendwie bekannt vor, aber bevor ich mich entsinnen konnte, wo ich davon gehört hatte, sprach Cardinal schon weiter.
»Die Erinnerungen dieses Schwertkämpfers wurden durch das Experiment zum Großteil beschädigt, aber das kam Administrator gerade recht. Seine Erinnerungen an die Zeit vor seiner Festnahme waren für sie nur ein Störfaktor. Sie erzeugte ein Objekt namens ›Piety Module‹, das ihn zu absoluter Loyalität zwang … Es sieht aus wie ein violettes Prisma von etwa dieser Größe …«, erklärte Cardinal und hielt dabei ihre kleinen Hände etwa zehn Zentimeter weit auseinander. Sobald ich es mir vor meinem inneren Auge vorstellte, standen mir die Haare zu Berge. Ich hatte dieses Objekt schon einmal gesehen. Und zwar erst wenige Stunden zuvor.
»Beim Synthese-Ritual wird dieses Prisma durch die Stirnmitte im Kopf der Zielperson eingebettet. Dadurch wird die ihrer Erinnerung beraubte Seele mit den neu generierten Erinnerungen sowie Handlungsprinzipien verschmolzen und so eine neue Persönlichkeit erschaffen. Ein Superkrieger, der Administrator und der Kirche absolute Treue schwört und dessen einziges Ziel die Erhaltung der gegenwärtigen Weltordnung ist … Das Ritual verlief erfolgreich, und als er anschließend erwachte, verlieh Administrator ihm den Titel des Integrators als derjenige, der jedes Chaos korrigieren, die Welt in ihrer Gesamtheit bewahren und alle Dinge der Herrschaft der Kirche unterwerfen sollte. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sich dieser älteste Integrationsritter dir und Eugeo in den Weg stellen wird, wenn ihr die Kathedrale erklimmt. Präge dir seinen Namen gut ein.«
Cardinal sah mich durchdringend an und verkündete feierlich: »Der Name des Ritters ist … Bercouli Synthesis One.«
»… Nein, nein, das kann nicht sein, auf keinen Fall«, protestierte ich entschieden, noch bevor Cardinal ihren Mund geschlossen hatte.
Bercouli.
Das war doch der Name dieses legendären Helden, von dem mir Eugeo einmal voller Bewunderung erzählt hatte. Er war einer der Gründer von Rulid und ein kühner Abenteurer gewesen, der das Grenzgebirge erforscht und das Schwert der blauen Rose vom weißen Drachen zu rauben versucht hatte.
Auch Eugeo hatte offenbar nichts über Bercoulis spätere Lebensjahre gewusst. Ich hatte angenommen, dass er sein Leben in Rulid verbracht und dort alt geworden war. Nicht im Traum hätte ich mir ausgemalt, dass er von Administrator entführt und zum ersten Integrationsritter transformiert worden war.
»Ähm … hör mal, Cardinal, du weißt doch sicher, dass Eugeo und ich uns vorhin einen extrem harten Kampf geliefert haben mit Eldrie Synthesis Thirty-One – was ihn dann wohl zum einunddreißigsten Ritter macht. Dann können wir doch unmöglich im Kampf gegen die Nummer eins bestehen«, sagte ich, aber die Weise tat meinen Einwand mit einem simplen Schulterzucken ab.
»Du kannst es dir nicht erlauben, schon vor Bercouli allein zu zittern. Wie du gerade richtig bemerkt hast, gibt es derzeit einunddreißig Integrationsritter.«
Es gab also noch dreißig stärkere Kämpfer als Eldrie. Um mich etwas von dieser grausamen Realität abzulenken, sagte ich: »Dafür, dass es so viele von ihnen gibt, bekommt man sie aber erstaunlich selten zu Gesicht. Seit ich in die Zentralstadt gekommen bin, habe ich nur ein einziges Mal nachts einen Ritter auf einem Flugdrachen fliegen gesehen.«
»Selbstverständlich, die Hauptaufgabe der Integrationsritter ist schließlich auch die Verteidigung des Grenzgebirges. In der Stadt tauchen sie nur auf, wenn ein Sünder gegen den Tabu-Index verstoßen hat, und das passiert seltener als einmal im Jahrzehnt. Für gewöhnlich bekommen weder die Adligen noch die kaiserlichen Familien, geschweige denn das gemeine Volk die Integrationsritter zu sehen. Vielleicht muss man eher sagen, dass sie bewusst isoliert werden …«
»Hmm … Oh, aber das bedeutet, der Großteil der Ritter ist am Grenzgebirge?«, fragte ich ein wenig hoffnungsvoll, doch Cardinal schüttelte sofort den Kopf.
»Vom Großteil kann nicht die Rede sein. Derzeit müssten mindestens zwölf oder dreizehn erweckte Ritter im Inneren der Kathedrale sein. Und wenn ihr beide eure Ziele erreichen wollt, müsst ihr sie samt und sonders besiegen und zur Spitze der Kathedrale gelangen.«
»Leichter gesagt als getan …« Ich ließ mich auf dem Stuhl zurücksinken und stieß einen tiefen Seufzer aus.
Um es mal mit einem RPG zu vergleichen, fühlte es sich so an, als hätten wir uns mit mangelhafter Ausrüstung und zu niedrigem Level in den finalen Dungeon gestürzt. In der Tat war ich zu der weiten Reise in die Zentralstadt aufgebrochen, um in die oberste Ebene der Kathedrale zu gelangen und dort irgendjemanden in der Wirklichkeit zu kontaktieren. Doch die überwältigende Kampfkraft der Integrationsritter ließ meine Pläne hoffnungslos erscheinen.
Mit zusammengekniffenem Mund hielt ich den Blick auf meine Brust gesenkt. Dank der magischen Teigtaschen, die ich von Cardinal bekommen hatte, waren die Verletzungen, die ich durch Eldries vollkommene Rüstungskontrolle erlitten hatte, wieder komplett verheilt, doch ein leichtes Stechen war an den Stellen zurückgeblieben.
Wenn die Ritter, denen wir von jetzt an begegnen würden, noch stärker waren als Eldrie, würde es kaum möglich sein, sie auf faire Art zu besiegen … Da fiel mir wieder der merkwürdige Vorfall gegen Ende des Kampfes im Rosengarten ein.
Als der Integrationsritter durch Eugeo etwas über seine Vergangenheit und den Namen seiner Mutter erfahren hatte, war er auf einmal unter Qualen auf die Knie gefallen. Er war nur noch halb bei Bewusstsein gewesen, als eine durchsichtige, dreieckige Säule mit einem violetten Leuchten aus seiner Stirn aufgetaucht war. Das musste sicherlich dieses Piety Module gewesen sein, von dem Cardinal gerade gesprochen hatte. Das Schlüsselitem, um das Selbst und die Erinnerungen der Integrationsritter zu manipulieren und sie zu treuen Dienern der Hohepriesterin zu machen.
Aber war dieser Effekt tatsächlich so unumkehrbar, wie Cardinal sagte? Allein den Namen seiner Mutter zu hören, hatte Eldrie schon fast von der zwingenden Kraft des Moduls befreit – so schien es mir zumindest. Falls das gleiche Phänomen auch bei den anderen Rittern auftreten sollte, gab es für uns noch einen anderen Weg, als die Schwerter mit ihnen zu kreuzen. Außerdem bedeutete es auch eine realistische Chance auf die Erfüllung von Eugeos innigstem Wunsch, den Integrationsritter Alice wieder in ihr altes Selbst zurückzuverwandeln.
Während ich über diesen Gedanken brütete, hörte ich Cardinals ruhige Stimme. »Meine Geschichte ist fast am Ende. Soll ich fortfahren?«
»Oh, ja, bitte.«
»Mhm. Nun, angefangen mit Bercouli erschuf Administrator eine Reihe von Integrationsrittern und minimierte dadurch meine Chancen auf einen erfolgreichen Überraschungsangriff. Die Ritter sind zwar nicht so mächtig wie Administrator selbst, aber auch sie verfügen über hohe Offensiv- und Defensivkräfte, sodass ich sie unmöglich auf Anhieb eliminieren kann. Ich musste mich darauf gefasst machen, dass sich der Kampf gegen sie über einen extrem langen Zeitraum erstrecken würde …«
Cardinals lange Geschichte schien sich allmählich ihrem Ende zu nähern. Ich setzte mich wieder gerade hin und konzentrierte mich ganz auf die würdevolle Stimme der Weisen.
»Aufgrund der veränderten Situation lag es also auf der Hand, dass auch ich Mitstreiter brauchen würde. Aber so einfach finden sich keine Leute, die mit mir gegen die Herrscherin dieser Welt kämpfen würden. Diejenigen müssen zunächst einmal einen hohen Verstoß-Exponenten besitzen, um dem Tabu-Index zuwiderzuhandeln, darüber hinaus aber auch den Integrationsrittern ebenbürtige Fähigkeiten im Kampf mit Waffen und Sakralkünsten. Also ging ich das Risiko ein und öffnete möglichst weit entfernt eine Tür. Dann versah ich die Vögel und Insekten in der Umgebung unter anderem mit einer Technik für ›geteilte Wahrnehmung‹ und ließ sie in die ganze Welt ausschwärmen …«
»Ah … Sie waren also sozusagen deine Augen und Ohren, was? Hast du mich zufällig auch auf die Art beobachtet …?«
»Ja.« Cardinal grinste und streckte ihre Hand aus. Sie drehte ihre Handfläche nach oben und machte eine Bewegung, als würde sie jemanden heranwinken.
»Huch!?« Plötzlich sprang etwas Kleines aus meinem Stirnhaar und landete lautlos in Cardinals Hand. Bei genauerem Hinsehen entpuppte es sich als eine pechschwarze Spinne, nicht einmal so groß wie die Spitze meines kleinen Fingers. Flink drehte sie sich um, sah mit vier tiefroten Augen zu mir auf und hob das rechte Vorderbeinchen wie zum Gruß.
»Ihr Name ist Charlotte. Seitdem ihr Rulid verlassen habt, hat sie sich in deinen Haaren, deiner Tasche oder einer Zimmerecke versteckt und von dort eure Worte und Taten verfolgt … Hin und wieder scheint sie auch mehr als nur ein stiller Beobachter gewesen zu sein«, erklärte Cardinal.
Die Spinne zog ihre acht Beinchen ein und schien mit den Schultern zu zucken.
Diese niedliche Geste erinnerte mich daran, wie mir ein beherztes Ziehen an einem meiner Stirnhaare den Weg durch den Rosengarten gewiesen hatte, als wir vor dem Integrationsritter auf dem Flugdrachen geflohen waren. War das etwa dieses kleine Tierchen gewesen? Und das war nicht das einzige Mal gewesen. Seitdem wir aus Rulid aufgebrochen waren, in Zakkaria am Schwertkampfturnier teilgenommen und als Wachsoldaten gearbeitet hatten, aber auch nachdem wir in die Akademie der Schwertkünste von Centoria eingetreten waren, hatte ich viele Male in entscheidenden Momenten das Gleiche gespürt.
»Dann war dieses Ziepen also nicht meine Einbildung, sondern es hat tatsächlich jemand an meinen Haaren gezogen …«, murmelte ich verdutzt. Ich dachte an diese und jene Szene zurück, bis mir zuletzt eine besonders bedeutende Erinnerung in den Sinn kam. Aufgeregt lehnte ich mich vor und flüsterte der keine fünf Millimeter großen Spinne auf Cardinals Handfläche zu: »Kann es sein, dass du es warst, die mich aufgemuntert hat, als sie all meine Zephilias abgerissen haben …? Du hast mir gesagt, ich solle an die Lebenskraft der Zephilias und den Wunsch der anderen Blumen glauben …«
Ich hatte ihre Stimme noch im Ohr, die Stimme einer schon etwas reiferen Frau. Also hatte die schwarze Spinne, wie auch ihr Name Charlotte schon andeutete, offenbar einen weiblichen Charakter. Aber war das überhaupt möglich? Besaßen auch Insekten Seelen – beziehungsweise Fluctlights?
Während mich diese Fragen beschäftigten, taxierte mich Charlotte mit ihren tiefroten Augen nur wortlos. Dann hüpfte sie mit einem Mal von Cardinals Hand, flitzte über den Tisch und sprang in eines der nahegelegenen Bücherregale, wo sie verschwand.
Cardinal sah ihrer winzigen Agentin nach und sagte mit sanfter Stimme: »Charlotte ist die älteste Beobachtungseinheit, die ich in die Menschenwelt ausgesandt habe. Ihre lange Mission ist nun endlich beendet. Da ich die natürliche Abnahme ihrer Lebensspanne eingefroren habe, arbeitet sie schon über zwei Jahrhunderte für mich …«
»Eine Beobachtungseinheit …«, murmelte ich und starrte wieder zu dem Bücherregal, in dem Charlotte verschwunden war. Ihre Mission war es gewesen, Eugeo und mich lediglich zu beobachten. Aber seit unserem Aufbruch aus Rulid vor zwei Jahren hatte Charlotte mir einige Male an den Haaren gezogen oder mir Ratschläge zugeflüstert, um mir zu helfen. In gewissem Sinne war sie mir eine noch engere Begleiterin gewesen als Eugeo, auch wenn ich ihre Existenz nicht bemerkt hatte.
Danke, flüsterte ich ihr in Gedanken zu und verneigte mich leicht in Richtung des Bücherregals.
Dann wandte ich mich wieder zu Cardinal und fragte nach kurzer Überlegung: »Mit anderen Worten … während du hier in der Bibliothek eingeschlossen warst, hast du durch die Augen und Ohren deiner Agenten über zweihundert Jahre lang nach Menschen gesucht, die sich als Mitstreiter eignen würden …?«
»Mhm. Von hier aus kann ich den Verstoß-Exponenten der Menschen nicht direkt einsehen. Wenn ich irgendwelche Gerüchte von sonderbaren Ereignissen aufschnappte, schickte ich eine meiner Einheiten vor Ort, um den vermutlichen Verursacher dieser Ereignisse beobachten zu lassen … und so habe ich beflissen immer weitergesucht. Mehr als einmal wurden vielversprechende Kandidaten vor meiner Nase von den Integrationsrittern verschleppt. Ich habe zwar keine Emotionen, aber die Bedeutung von Entmutigung und Geduld habe ich bis zum Überdruss erfahren … und um ehrlich zu sein, habe ich im vergangenen Jahrzehnt allmählich auch eine Vorstellung vom Begriff der Resignation bekommen.« Cardinal verzog ihre Lippen zu einer Grimasse, in der das ganze Gewicht der letzten zwei Jahrhunderte lag. »Während ich die Welt beobachtet habe, hat Administrator ein noch effektiveres System ausgearbeitet, um sich die stärksten Kämpfer als Integrationsritter in spe zu sichern. Das ist der wahre Zweck des großen Turniers der vier Kaiserreiche.«
»Das heißt, die Sieger dieses Turniers haben nicht die Ehre, zu Integrationsrittern ernannt zu werden, sondern …«
»Sie werden mit Gewalt zu Integrationsrittern gemacht. Ihre vorherigen Erinnerungen werden versiegelt und sie in mächtige Marionetten verwandelt, die der Hohepriesterin blind folgen. Die Familien, die Integrationsritter hervorgebracht haben, erhalten schwindelerregende Prämienzahlungen und hochrangige Adelstitel. Aus diesem Grund lassen die Adligen und Kaufmannsfamilien ihre Kinder die Schwertkunst studieren, selbst wenn sie ihre Söhne und Töchter nach dem Sieg im Turnier nie wiedersehen können. Und den Rittern selbst wird ein Posten zugewiesen, der es ihnen unmöglich macht, mit ihren Familien in Kontakt zu bleiben. Sie werden vollständig von ihrer Vergangenheit abgekapselt.«
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