Kitabı oku: «Sword Art Online – Alicization uniting– Light Novel 14»










Integrationsritter, gelegentlich auch Integratoren genannt. Sie sind die mächtigsten Diener der Axiom-Kirche und verfügen über eine ausgereifte Schwertkunst, hochrangige Sakralkünste und können sogar gezielt die gefürchtete vollkommene Rüstungskontrolle einsetzen.
Drei Jahrhunderte lang waren diese Ritter die Macht, die Recht und Gesetz in den vier Kaiserreichen der Menschen aufrechterhalten hat, ebenso wie die Herrschaft der Axiom-Kirche – aber der Ritterorden selbst war erstaunlich klein. Wie der Name des neuesten Ritters, Eldrie Synthesis Thirty-One, schon andeutet, gab es nur etwas mehr als dreißig von ihnen.
Doch statt die Würde und Macht des Ritterordens zu schmälern, hat diese geringe Zahl sie sogar noch vergrößert. Eine Organisation, die kleiner war als eine komplette Raid-Gruppe in Games wie SAO oder ALO, hatte die Länder der Menschen all die Jahre vor den Bedrohungen des Dark Territory beschützt.
Ich, Kirito, der einst bekannt war als »Beater« oder der »Schwarze Schwertkämpfer«, aber jetzt ein Elitekadett der kaiserlichen Akademie der Schwertkünste in Nord-Centoria war, hatte, ausgerüstet nur mit meinem treuen Schwert und meinem noch treueren Gefährten, dieser Truppe von Integrationsrittern den Krieg erklärt. Unsere Rebellion war nicht geplant, sondern das Ergebnis unserer Flucht aus dem Gefängnis – denn nachdem wir unsere Schwerter gegen die Axiom-Kirche gezogen hatten, die höchste Instanz des Landes, gab es kein Zurück mehr.
Eldrie Synthesis Thirty-One, Träger der Frostschuppenpeitsche.
Deusolbert Synthesis Seven, Träger des Bogens der glühenden Flamme.
Fanatio Synthesis Two, Trägerin der Himmelsperforatorklinge.
Alice Synthesis Thirty, Trägerin des Schwerts des goldenen Osmanthus.
Wir hatten uns unseren Weg die Haupttreppe der Central Cathedral der Axiom-Kirche hinauf gebahnt und dabei nur mit Mühe diese Ritter und ihre allmächtigen Waffen geschlagen, die als göttliche Objekte bekannt waren. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass es nicht meine Fähigkeiten allein waren, die uns den Weg geebnet hatten.
Der Schmiedemeister Sadore in Centoria hatte sich ein ganzes Jahr Zeit genommen, um aus einem Ast der dämonischen Gigas Cedar ein schwarzes Schwert für mich zu schmieden. Die weise Cardinal hatte mich mit einem Ruheort, Essen und umfassendem Wissen über diese Welt versorgt und mich die vollkommene Rüstungskontrolle gelehrt, die ich brauchte, um gegen die Ritter bestehen zu können. Am wichtigsten aber war, dass ich meinen Freund Eugeo hatte, der seit zwei Jahren, seit wir das weit entfernte Dorf Rulid verlassen hatten, an meiner Seite gewesen war.
Ich hatte Eugeo die Einhandschwerttechniken des Aincrad-Stils beigebracht, doch im Gegenzug hatte er mir so viel mehr gegeben. Nur durch Eugeos Hilfe, Ermutigung und Führung hatte ich meinen unerwarteten Sturz aus der realen Welt in die unbekannte Underworld überlebt.
Auf der achtzigsten Etage der Central Cathedral wurde ich von meinem Partner getrennt. Mitten in einem erbitterten Kampf hatten der Integrationsritter Alice und ich ein Loch in die Außenmauer des Turms geschlagen und waren hinausgefallen.
Es kostete mich große Mühe, Alice dazu zu bringen, die Klingen ruhen zu lassen, aber im Verlauf einer ganzen Nacht gelang es uns, die glatte Wand des Turms hinaufzuklettern, bis wir das Gebäude schließlich in der fünfundneunzigsten Etage wieder betreten konnten. Ich rannte die Treppen hinauf, überzeugt, dass Eugeo vor mir sein müsste, und traf auf einen gruseligen Mann, der sich Erzbischof Chudelkin nannte. Ich verfolgte ihn bis in die neunundneunzigste Etage, nur ein Stockwerk unter den Gemächern von Administrator, der Hohepriesterin und obersten Herrscherin über die Menschheit.
In diesem Raum, in dem es nichts gab außer der Treppe, die wieder nach unten in die Etagen des Senats führte, und einer schwebenden Plattform, die in den hundertsten Stock führte, traf ich meinen Partner wieder.
Aber er war nicht länger der umgängliche, gutherzige junge Mann, den ich kannte.
Er war Eugeo Synthesis Thirty-Two, gekleidet in die silberne Rüstung eines Integrationsritters.
Kapitel XII
Administrator
Mai des Jahres 380 der menschlichen Zeitrechnung
1
Eugeos Schwert der blauen Rose und mein schwarzes Schwert zeichneten gleichzeitig hellgrüne Spuren in das abgedunkelte Gemach.
Die Linien hatten eine perfekte Symmetrie. Das war zu erwarten, da wir gleichzeitig dieselben Skills angewandt hatten, einschließlich des Angriffsskills »Sonic Leap«. Das Timing war so absolut synchron, dass die Schwertspitzen im exakt gleichen Moment den Zenit ihrer Kurve erreichten und heller erstrahlten, um anzuzeigen, dass die Angriffsstärke ihr volles Potenzial erreicht hatte. Dann trafen die silberne und die schwarze Klinge aufeinander.
Ich führte nicht einfach nur die Technik aus. Ich nutzte die Spannung in meinen Füßen, die Drehung meines Körpers und den Schwung meiner Arme als drei verstärkende Kräfte für meine Attacke. Dennoch war Eugeos »Sonic Leap« nicht mal eine Mikrosekunde langsamer als meiner. Er hatte alles hineingelegt, genau wie ich. Und ich hatte ihm noch nicht mal richtig beigebracht, wie man das machte.
Während ich nicht aufgepasst hatte, hatte Eugeo geduldig und unermüdlich weiter trainiert. Hunderte Male jeden Tag hatte er sein Schwert geschwungen, bis er die Stimme der Klinge hören konnte.
»Wie …?«, ächzte ich, als sich unsere Klingen trafen. »Wie hast du gegen das Syntheseritual verloren? Der Grund, warum du die Schwertkunst erlernst hast … der Grund, warum du aus Rulid nach Centoria gekommen bist, war, deine Kindheitsfreundin Alice zurückzuholen. Oder nicht?«
Schweigend und unbewegt stand Eugeo da und hielt meinem Schwert stand. Wie er vor dem Kampf geschworen hatte, hatte er mir nichts mehr zu sagen – seine Lippen waren versiegelt. Ich meinte, ein Schimmern in seinen grünen Augen bemerkt zu haben, als er den Namen Alice gehört hatte, aber was immer es gewesen war, es wurde augenblicklich von der Dunkelheit verschluckt. Vielleicht war es nur eine optische Täuschung gewesen, hervorgerufen von dem grünen Schein, der von den Schwertern ausging.
Wenn unser Patt noch ein paar Sekunden länger anhielt, würde sich der »Sonic Leap« verflüchtigen und uns in einen erbitterten Nahkampf zwingen. An diesem Punkt würde ich keine Zeit mehr zum Nachdenken haben. Ich nutzte die kurze Verschnaufpause, um meinen Verstand anzukurbeln.
Integrationsritter wurden geschaffen, indem man im sogenannten Syntheseritual eine Operation an ihrer Seele vornahm. Das beinhaltete, einen Erinnerungskristall aus dem Geist des Subjekts zu entfernen und ihn durch ein Gerät zu ersetzen, das es zur Loyalität zwang. Dieses Objekt war das Piety Module.
In dem Moment, als Eldrie den Namen seiner Mutter gehört hatte, war er zusammengebrochen, und das Piety Module war aus seiner Stirn getreten. Das bedeutete, Administrator hatte ihm die Erinnerung an seine Mutter gestohlen, um ihn zum Integrationsritter zu machen.
Die anderen Ritter mussten ähnlich kostbare Erinnerungen verloren haben. Bei Deusolbert war es wahrscheinlich die Erinnerung an seine Frau gewesen. Bei Fanatio und Bercouli wusste ich es nicht genau, vermutete aber, dass es entweder um ihre Familien oder einen geliebten Menschen gegangen war.
Was also war es bei Alice? Die goldene Ritterin stand an der Wand und beobachtete den Kampf zwischen Eugeo und mir. Die wahrscheinlichste Antwort wäre ihre kleine Schwester Selka, die immer noch in Rulid lebte. Als ich beiläufig Selkas Namen erwähnt hatte, während wir uns auf dem Sims an der Außenseite des Turms ausgeruht hatten, hatte Alice sehr heftig reagiert. Sie hatte bei der Erwähnung ihrer Schwester geweint und geschworen, sich gegen die Axiom-Kirche aufzulehnen.
Aber soweit ich das beurteilen konnte, hatte Selkas Name nicht dazu geführt, dass ihr Piety Module instabil geworden wäre. Entweder lag das daran, dass sie schon seit sechs Jahren ein Integrationsritter war oder weil die gestohlenen Erinnerungen sich doch nicht um Selka drehten.
Wenn meine Vermutungen stimmten, welche Erinnerung hatte Administrator dann Eugeo gestohlen?
Nicht weit entfernt von dem Punkt, an dem wir in unseren Zweikampf verstrickt waren, befand sich die schwebende Plattform, mit der Chudelkin in die obere Etage geflüchtet war und die ich wieder nach unten gerufen hatte. In der Decke klaffte ein Loch von etwa einem Meter Durchmesser. Dort oben mussten sich Administrators Gemächer befinden, aber hinter dem Loch war es stockdunkel. Falls sie dort oben war, konnte ich es nicht erkennen.
Erst vor einer Stunde hatte sie dort Eugeo »synthetisiert« und ihm seine kostbaren Erinnerungen genommen. Aber von wem handelten sie?
Ich konnte mir nur eine Antwort vorstellen. Es musste das Mädchen sein, dem er seit acht Jahren hinterherjagte, seit Deusolbert sie als Kind verschleppt hatte: Alice Zuberg, die jetzt Alice Synthesis Thirty war.
Aber warum zeigte Eugeo dann überhaupt keine Reaktion auf Alice, die mit uns im Raum stand, während wir unseren Kampf ausfochten? Eldries Modul war allein bei der Erwähnung seiner Mutter fast herausgefallen. Wenn die kurze Zeit, die er ein Integrationsritter gewesen war, ein verantwortlicher Faktor für die Instabilität des Moduls gewesen war: Eugeo war erst seit knapp einer Stunde einer. In dem Moment, als er Alice gesehen hatte, hätte er noch heftiger reagieren müssen.
Aber dieser Eugeo hatte sich komplett von der Welt abgekapselt. Wenn es nicht die Erinnerungen an Alice waren, die ihm gestohlen worden waren, was – oder wen – hatte Administrator ihm dann genommen?
In diesem Augenblick verblasste das Leuchten der beiden Sword Skills.
Ohne den systemunterstützten Antrieb stießen sich die weiße und die schwarze Klinge ab. Funken flogen, und ich biss die Zähne zusammen, während Eugeo so unbewegt wirkte wie eh und je. Wir richteten unsere Schwerter für den nächsten Angriff aus.
»Jaaa!«
Mit synchronen Schreien – einer ausgestoßen, der andere stumm – starteten wir in perfektem Einklang hohe linkshändige Hiebe. Die Klingen prallten aufeinander und stießen sich ab. Es folgte ein Schwung von rechts. Die Schneiden trafen sich und glitten aneinander ab, was einen nach unten geführten Schlag von links einleitete. Auch dieser wurde sicher pariert.
Während wir in unserem zweiten Patt gefangen waren, musste ich darüber nachdenken, dass unsere Schwerter vielleicht identische Werte hatten, aber die Menschen, die sie führten, nicht. Ich war leichter und trug normale Kleidung, während Eugeo in einer schweren Plattenrüstung steckte. Er trug ein Vielfaches meines Gewichts mit sich herum, und doch hatten seine Attacken dieselbe Geschwindigkeit. Entweder hatte ein Integrationsritter zu werden, seine Kräfte verstärkt oder es war ein Effekt dieser »Incarnate«-Sache, die Alice kurz vor dem Kampf erwähnt hatte.
Ich wusste, dass diese Welt über ein paar Systeme verfügte, die sich mit der Logik anderer VRMMO-Welten, die ich kannte, nicht erklären ließen. Unsichtbare Kräfte wie Entschlossenheit und Vorstellungskraft konnten manchmal Effekte hervorrufen, die sogar die von hochrangigen Systembefehlen überstiegen.
Ein Integrationsritter zu werden, hatte Eugeo seine Erinnerungen und Gefühle genommen, aber seine Entschlossenheit war eiskalt und unnachgiebig. Bevor der Kampf begonnen hatte, hatte er das Schwert der blauen Rose, das ich bei mir getragen hatte, per Telekinese zu sich gerufen. Alice hatte diese Fähigkeit als »Incarnate Arms« bezeichnet.
Was ging gerade in Eugeos Herz vor? Es war seine Entschlossenheit gewesen, Alice aus den Fängen der Kirche zu befreien, die ihn ursprünglich dazu gebracht hatte, ein Integrationsritter werden zu wollen. Welcher Antrieb füllte nun diese gigantische Leere?
Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es nur die Loyalität zur Axiom-Kirche und ihrer Hohepriesterin, die in seine Seele eingebrannt war, sein sollte. Ich wollte das einfach nicht glauben. Es war undenkbar, dass das Schwert der blauen Rose mit einer so künstlich erzeugten Entschlossenheit meinem schwarzen Schwert so vollkommen standhalten können sollte.
Irgendwo in diesen eiskalten Augen loderte noch etwas. An diesem Glauben musste ich festhalten. Und wenn es einen Weg gab, dieses Etwas hervorzulocken, dann …
»Eugeo …«, flüsterte ich und legte all meine Kraft in mein Schwert. »Vielleicht erinnerst du dich nicht mehr … aber du und ich sind nie dazu gekommen, uns einen richtigen, ernsthaften Kampf zu liefern.«
Eugeos Augen, die einst grün geleuchtet hatten, waren nun dunkel und trüb. Ich starrte in sie hinein und versuchte, ihnen eine Reaktion abzuringen.
»Auf der Reise von Rulid nach Centoria und während wir an der Akademie der Schwertkünste waren, habe ich mir immer wieder dieselbe Frage gestellt: Wer würde gewinnen, wenn wir in einem echten Kampf die Schwerter kreuzen sollten? Und um ehrlich zu sein … dachte ich immer, dass du mich eines Tages übertreffen würdest.«
Eugeo erwiderte meinen Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. Eigentlich erwiderte er ihn auch nicht wirklich – seine Augen waren wie geschlossene Fensterläden. Ich war nichts weiter als ein Eindringling, der ausgeschaltet werden musste. Wenn ich auch nur einen Augenblick lang Schwäche zeigte, würde er zuschlagen. Dennoch beendete ich meine Rede, in der Hoffnung, dass wenigstens etwas zu ihm durchdrang.
»Aber diese Zeit ist noch nicht gekommen. Du hast mich, Alice, Tiese und Ronie und sogar Cardinal vergessen. Du kannst mich nicht besiegen. Und das werde ich dir beweisen.«
Sobald die Worte meine Lippen verlassen hatten, hielt ich den Atem an und legte die Kraft jedes Muskels in meinem Körper in mein Schwert. Feine Linien bildeten sich auf Eugeos Stirn, während er versuchte, dagegenzuhalten.
Genau in diesem Augenblick ließ ich von ihm ab.
Tschang! Die Klingen prallten aufeinander und erzeugten eine Spur aus Funken in der Dunkelheit. Die Kräfteverlagerung warf mich zurück, und Eugeo stolperte ins Leere.
Wenn ich versuchen würde, Halt zu finden, wäre ich ein schutzloses Ziel für Eugeo. Stattdessen folgte ich der Bewegung und ließ mich rückwärts zu Boden fallen. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Alice nach ihrem Schwert des goldenen Osmanthus griff, weil sie überzeugt war, dass ich geschlagen war.
Aber sie hatte ihre Entscheidung drei Sekunden zu früh getroffen. Sieg oder Niederlage hingen davon ab, ob meine Strategie aufging – und davon, wie gut Eugeo den Aincrad-Stil wirklich beherrschte.
Kurz bevor ich auf dem Boden landete, riss ich meinen rechten Fuß hoch. Die Spitze meines Stiefels blitzte auf, und der Lichtreflex fiel von unten auf Eugeos Kinn.
»Jaaa!«
Mit angespanntem Knöchel machte ich einen Überschlag nach hinten. In der Kampfkunst des Aincrad-Stils nannte sich dieser Tritt mit Rückwärtssalto »Crescent Moon«. Diese nützliche Technik, die man aktivieren konnte, während man nach hinten fiel, hatte mir im alten SAO oft das Leben gerettet. Ich hatte sie weder im Kampf noch im Training angewandt, seit ich nach Underworld gekommen war, aber der Bewegungsablauf hatte sich in meine Muskeln eingebrannt – und das Wichtigste war: Ich hatte sie Eugeo nie gezeigt.
Andererseits hatte ich ihm durchaus Kampfkunsttricks mit den Fäusten und den Schultern beigebracht. Auch hier hatte er Talent gezeigt. Er beherrschte den einfachen Schlag-Skill »Flash Blow« sowie drei Teile von »Meteor Break«, einer hochrangigen Kombination aus Körperschlägen und Hieben.
Sollte er von sich aus Trittattacken entdeckt haben oder auch nur ahnen können, dass es sie gab, würde er meinem »Crescent Moon« ausweichen. Und der Nachteil an diesem Angriff war, dass er eine sehr lange Erholungsphase nach sich zog, wenn er sein Ziel verfehlte. Wenn ich nicht traf, wäre ich seinem Schwert gnadenlos ausgeliefert.
Jetzt entscheidet es sich, Eugeo!
Mein rechter Fuß näherte sich dem Ringkragen meines Gegners. Selbst in dieser Situation waren Eugeos Augen von einer gleichgültigen Kälte erfüllt. Ohne eine Miene zu verziehen, drehte er seinen Oberkörper, um meinem Fuß auszuweichen. Doch der Vorwärtsschwung von seinem Stolpern, als ich nach hinten gefallen war, zerrte immer noch an ihm. Meine aufblitzende Stiefelspitze näherte sich seinem ungeschützten Kinn.
Tonlos entwich die Luft aus Eugeos Mund. Der Arm, der das Schwert der blauen Rose hielt, schnellte mit wilder Kraft seitwärts. Doch egal wie mächtig sein Hieb war, mein Bein war schneller. Wenn ich mich nur darauf konzentrierte, ihn zu treffen, würde ich …
Nein.
Eugeo versuchte keinen Gegenangriff. Er nutzte nicht die Klinge seines Schwerts, sondern den Griff, und er zielte auch nicht auf meinen Körper, sondern auf mein Bein. Ein Rückhandschlag mit dem Schwertgriff. Es war ein ausgesprochen nützlicher Kniff, einer, der in Underworld nicht existieren dürfte, wo die gesamte Schwertkampfkunst von eleganter Feierlichkeit geprägt war. Selbst im alten SAO hatten nur die erfahrensten PvP-Spieler so eine Taktik ausführen können.
Er konnte die Bahn des »Crescent Moon« durch einen Schlag von der Seite verändern. Wohin sollte ich also zielen?
Ich biss die Zähne zusammen und tat alles in meiner Macht Stehende, um den Tritt zurückzuhalten. Aber wenn ich zu sehr dagegenhielt, würde der Skill fehlschlagen, und ich wäre ihm hilflos ausgeliefert. Ich musste den Fortschritt um eine geschätzte Viertelsekunde verzögern, damit seine Hand mich verfehlen würde.
Jetzt!
Ein lautes Krachen ertönte.
Statt Eugeos Kehle zu treffen, wie ursprünglich vorgesehen, erwischte mein »Crescent Moon« den Rücken der Hand, die sein Schwert hielt. Wie die anderen Integrationsritter trug er dicke Kampfhandschuhe, seiner Hand würde also nichts passieren – aber es erzielte den gewünschten Effekt.
Eugeos Hand wurde nach oben geschlagen, sodass ihm das Schwert der blauen Rose entglitt. Es wirbelte hoch in die Luft und bohrte sich in die Marmordecke, wie ich aus dem Augenwinkel sah. Ich packte mein Schwert fester und machte mich für den nächsten Angriff bereit, sobald ich meinen Überschlag abgeschlossen hatte und wieder auf den Füßen gelandet war.
Meine Schuhsohle berührte den Boden, als das Leuchten des Angriffs verblasste. Ich ging in die Knie, um die Aufprallenergie abzufangen, und warf mich nach vorn, bevor ich mich aufrichten oder wieder nach hinten fallen konnte. Mein linker Fuß schoss vor und brachte mich direkt vor die Brustplatte des unbewaffneten Eugeo, auf die ich mit einer einfachen »Slant«-Attacke in einer Aufwärtsdiagonale von links zielte …
Während ich mich erhob und extrem nach vorn gebeugt war, um meinen Skill zu aktivieren, streckte Eugeo seine linke Hand aus. Die Finger glühten grün. Kurz bevor mein Schwert sich in die schimmernde Rüstung graben konnte, hörte ich, wie Eugeo rief: »Burst Element.«
Fünf einzelne Windelemente schossen aus seinen Fingern und schlossen mich in einem Wirbelsturm ein. Da es sich nur um eine einfache Freisetzung handelte, verursachte sie keinen Schmerz, aber die Energie reichte, um mich wie einen Stofffetzen in die Luft zu schleudern.
»Arrgh!«, stöhnte ich und breitete in dem verzweifelten Versuch, das Gleichgewicht zu wahren, die Arme aus. Wenn ich mit dem Kopf gegen die Wand prallte, würde ich zehn Prozent meiner Lebensspanne einbüßen. Stattdessen gelang es mir, mich so zu drehen, dass meine Füße auf die Oberfläche gerichtet waren, die auf mich zuraste.
Beim Aufprall ging eine enorme Erschütterung von meinen Füßen durch meinen ganzen Körper und presste mich gegen die Wand, bis schließlich die Taubheit nachließ und ich wieder auf dem Boden landen konnte. Ich blickte auf und bemerkte, dass Eugeo ebenfalls gegen die gegenüberliegende Wand geschleudert worden war, doch das zusätzliche Gewicht seiner Rüstung hatte ihn am Boden gehalten. Er erhob sich in eine stehende Position, und seine Miene war schon fast nervtötend gelassen.
Ich kam nach ihm auf die Füße und hörte rechts von mir eine leise Stimme. »Ist das wirklich Eugeo, dein Partner?«
Es war Alice, die an der Wand stand und den Kampf beobachtete, wie ich es ihr aufgetragen hatte. Ich warf der Ritterin in der goldenen Rüstung einen flüchtigen Blick zu und zischte: »Was soll das heißen? Du warst doch diejenige, die meinte, er sei synthetisiert worden, oder nicht?«
»Ja, schon … aber … ich weiß nicht, wie ich’s sagen soll«, murmelte sie seltsam zögerlich. »Dafür, dass er gerade erst synthetisiert wurde, ist er viel zu geschickt im Kampf. Weder das ›Incarnate Arms‹, das er vorher angewandt hat, noch diese Windelementtechnik wirken auf mich so, als sei er neu oder unerfahren.«
»Man weiß all diese Dinge also nicht einfach automatisch, wenn man in einen Integrationsritter verwandelt wird?«, fragte ich, nur um sicherzugehen.
Trotz der angespannten Situation zog ich den Kopf beschämt ein, als sie mich anfuhr. »Die Fähigkeiten des Ritterordens kommen nicht einfach aus dem Nichts! Es bedarf eines langen Trainings in den Waffentechniken und Sakralkünsten, um sie anwenden zu können – von den ›Incarnate‹-Fähigkeiten und der vollkommenen Rüstungskontrolle ganz zu schweigen!«
»Ah. O… Okay. Aber … was war das dann gerade? Ich glaube nicht, dass Eugeo zuvor fünf Elemente an einer Hand erschaffen konnte …«
»Deshalb frag ich ja, ob das wirklich Eugeo ist!«
Ich presste die Lippen zusammen und starrte den Ritter in der silbernen Rüstung an, der gelassen auf mich zukam.
Direkt über uns, in der hundertsten Etage der Central Cathedral, befand sich Administrator, die neben Cardinal unten in der großen Bibliothek zu den ultimativen Beherrschern der Sakralkünste gehörte. Sie konnte die Erinnerungen der Leute manipulieren, warum sollte sie also nicht auch einen Doppelgänger erschaffen können, der mit dem Original körperlich identisch war. Und doch …
»Das ist Eugeo«, krächzte ich.
Seine Augen waren glanzlos, seine Wangen fahl, keinerlei Fröhlichkeit umspielte seine Lippen, und doch war der Integrationsritter vor mir kein anderer als mein bester Freund aus Rulid. Ich hatte eine Menge Fehler in Underworld gemacht, aber hier war ich mir absolut sicher.
Wie konnte es sein, dass dieser neueste Integrationsritter Fähigkeiten an den Tag legte, die selbst Alice, die in ihren Rängen an dritter Stelle stand, erstaunten? Ich wusste es nicht. Und ich wusste auch nicht, wie der erzwungene Syntheseprozess bei ihm innerhalb von nur einer Stunde abgeschlossen sein konnte, wenn er üblicherweise drei Tage und Nächte dauerte.
Aber so unmöglich diese ganze Situation auch war, die Realität ließ sich nicht leugnen. Mir blieb nur ein Ausweg: Ich musste alles in mein Schwert legen und es gegen ihn richten.
Ich atmete tief ein, stieß die Luft aus und umklammerte das schwarze Schwert. Eugeo blieb in der Mitte des runden Raums stehen, vielleicht weil er meine Entschlossenheit spürte, und streckte die rechte Hand aus. Die unsichtbaren Mächte des »Incarnate Arms« wurden ausgesandt, zogen sein Langschwert aus der Decke und brachten es ihrem Meister zurück.
Das Schwert der blauen Rose würde niemals einem Doppelgänger gehorchen.
Eugeo ließ das unglaublich schwere göttliche Objekt herumwirbeln und hielt es dann in Brusthöhe. Es gab keine Öffnung in seiner Deckung.
»Soll ich gegen ihn antreten?«, flüsterte Alice.
»Bist du dumm?«, schoss ich zurück und streckte mein eigenes Schwert aus. Eugeo und Alice waren als Freunde zusammen im Dorf Rulid aufgewachsen, auch wenn sich keiner der beiden mehr daran erinnern konnte. Ich konnte nicht zulassen, dass sie gegeneinander kämpften – und außerdem war es meine Aufgabe, Eugeo aufzuwecken.
Als ich Alice als dumm bezeichnet hatte, während wir an der Außenmauer der Kathedrale gehangen hatten, war sie vor Wut explodiert, aber jetzt trat sie einfach einen Schritt zurück und verschränkte die Arme, um anzudeuten, dass sie nicht eingreifen würde, selbst wenn das meinen Untergang bedeutete.
»Danke«, murmelte ich und konzentrierte mich voll und ganz auf die Aufgabe, die vor mir lag.
Für den bevorstehenden Kampf würde ich alles Unwichtige aus meinem Kopf verdrängen. Ich würde eins mit meinem Schwert werden und jeden Trick anwenden, den ich kannte. Andernfalls würde ich den Integrationsritter Eugeo niemals besiegen können – oder zum Herz meines Freundes durchdringen, das noch irgendwo unter dieser dicken Metallrüstung schlagen musste.
Die schwarze Spitze meines Schwerts sang leise. Es war, als würde ein Echo des fernen Donners an dem Tag, als wir vor zwei Jahren aufgebrochen waren, durch die Nebel der Zeit dringen.
Bitte, Partner. Ich gebe dir einen Namen, sobald der Kampf vorbei ist … aber jetzt gib mir Kraft, flehte ich die zuverlässige Waffe in meiner rechten Hand an. Als ich fertig war, atmete ich tief durch und sammelte mich.
Alle Geräusche, die Umgebung und sogar meine Sinne verblassten. Es gab nur noch mich, mein Schwert, Eugeo und das Schwert der blauen Rose. Der Moment, vor dem ich mich unbewusst während der letzten zwei Jahre gefürchtet hatte, war endlich gekommen.
Los geht’s, Eugeo!
Mit einem stummen Brüllen stürmte ich durch den Raum.
Eugeo hielt seine Position und wartete auf meinen Angriff.
Er beherrschte sowohl den Aincrad-Stil der Schwertkunst als auch die fortgeschrittenen Sakralkünste – billige Tricks waren wirkungslos gegen ihn. Ich legte fünfzehn Meter zurück und nutzte meinen Schwung für einen Überkopfangriff von rechts.
Eugeo stampfte so fest auf, dass der Boden hätte aufbrechen müssen, und startete selbst einen zweihändigen Aufwärtsschwung von rechts.
Die schwarze und die weiße Klinge prallten aufeinander und erzeugten einen grellen Lichtblitz. Unsere Waffen wurden zurückgeworfen, aber ich berechnete, dass nicht genug Raum blieb, um einen Sword Skill einzusetzen. Ich legte meine linke Hand an das Heft für einen Zweihandgriff. Ohne gegen den Schwung der schweren Klinge anzukämpfen, erreichte ich mit dem kleinstmöglichen Bogen eine Überkopfposition.
»Jaaa!« Ich stieß meinen gesamten Atem aus und ließ das Schwert herabsausen. Wenn man davon ausging, dass die Werte von Schwert und Träger bei beiden Gegnern absolut identisch waren, war es unmöglich, einen direkten Schlag von oben mit einem Seitwärts- oder Diagonalhieb ganz abzuwehren. Die einzige Möglichkeit, ihn aufzuhalten, wäre, dieselbe Attacke anzuwenden und auf einen gegenseitigen Niederschlag zu hoffen oder darauf, der Bahn des Schwerts zu entgehen.
Aber nach seinem Rechtshieb war sein Schwert noch in dieser Richtung ausgestreckt. Und weil sein Körperschwerpunkt ebenfalls in diese Richtung ging, konnte er auch nicht zurückspringen. Dieses Mal würde ich einen Treffer landen!
Ich ignorierte jegliche Ablenkungen und konzentrierte mich nur darauf, einen so schnellen und mächtigen Treffer wie möglich zu erreichen. Die Spitze des schwarzen Schwerts traf die Schulterplatte meines Ziels. Egal wie hoch die Priorität der Rüstung der Integrationsritter auch war, sie war nicht stark genug, um einem Schlag von einer göttlichen Waffe unbeschadet zu widerstehen.
Mit einem schrillen Kreischen drang die Klinge in das Metall ein und arbeitete sich nach einem winzigen Moment des Widerstands weiter nach unten vor. Ein Lichtstrahl breitete sich von Eugeos linker Schulter zu seiner Brustplatte aus.
Einen Augenblick später erzitterte die schwere Rüstung und zerbrach mit einem Klirren wie zersplitterndes Glas. Die Metallteile flogen vermischt mit einem roten Nebel in die Luft. Es konnte nicht sehr tief sein, aber mein Schwert hatte Eugeo definitiv verwundet.
Sobald ich erkannte, dass ich meinen Freund verletzt hatte, verspürte ich einen schrecklich schneidenden Schmerz an derselben Stelle. Unwillkürlich verzog ich das Gesicht, aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Als mein vertikaler Hieb den Boden erreichte, drehte ich mein Handgelenk und nutzte die Energie des Aufpralls, um dieses Mal nach oben zu schwingen.
Ein dumpfer Schock fuhr durch meine Arme, und mein Schwert wurde zur Seite abgewehrt.
Von der Schulter bis zur Brust aufgeschlitzt zu werden, hatte Eugeo nicht eine Sekunde ausgebremst. Er hatte die Schiene an seinem rechten Bein genutzt, um mein Schwert abzulenken. Als ich erkannte, dass ihn das auch in die richtige Position für einen Gegenangriff brachte, lief mir ein Schauer des Schreckens über den Rücken, und ich wand mich verzweifelt. Das Schwert der blauen Rose kam von links auf mich zu.
Gerade so entging ich einem Treffer am Hals, konnte aber nicht ganz ausweichen. Die Klinge glitt über meine linke Schulter. Statt Schmerz empfand ich jedoch eher eine brennende Kälte und sprang mit dem rechten Fuß ab, um Eugeo mit genau dieser Schulter zu rammen.
Dieses Mal spürte ich den alles versengenden Schmerz, und Blut spritzte auf. Durch den roten Nebel sah ich, wie Eugeo sich mit dem linken Bein abfing, um nicht zu stürzen.
Aus dieser Position wäre ein direkter Gegenangriff unmöglich. Einmal mehr hielt ich mein Schwert einhändig in der Rechten. Die schwarze Oberfläche schimmerte blassblau – die diagonale »Slant«-Attacke. Wenn ich ihn an der rechten Schulter traf, wäre er auf beiden Seiten verwundet und könnte einen solchen Hieb nicht mehr ausführen.
»Raaah!« Aber gerade, als ich die Attacke freisetzen wollte, erschien ein rotes Licht an der anderen Seite von Eugeos Körper.
Es war das Leuchten eines Sword Skills. Aber es gab im Aincrad-Stil keinen Skill, der es ihm ermöglichen würde, mich aus einer Position heraus anzugreifen, bei der mir sein rechter Rücken zugewandt war.
Zu verwirrt und an diesem Punkt auch nicht mehr in der Lage, die Bewegung abzubrechen, aktivierte ich »Slant«. Einen Augenblick später drehte sich Eugeos Körper mit unglaublicher Geschwindigkeit gegen den Uhrzeigersinn. Ein grellroter Blitz schoss von links auf mich zu.
Ich erkannte, dass es der Zweihänder-Skill »Backlash« war – ein Angriff, der auf einen Gegner zielte, der hinter einem stand. Aber den hatte ich Eugeo nie beigebracht.
Der darauffolgende Einschlag verdrängte alle weiteren Gedanken aus meinem Kopf. Mein »Slant« und Eugeos »Backlash« trafen aufeinander, und unsere Schwerter wurden heftig zurückgeworfen. Während frisches Blut aus unseren Schultern floss, richteten Eugeo und ich in perfektem Einklang unsere Schwerter über Kopf aus.
Zwei Klingen, die dunkelblau leuchteten, für den einzelnen, abwärts geführten Schlag »Vertical«.
Auch wenn er als vertikaler Hieb klassifiziert war, war seine Bahn nicht in Stein gemeißelt. Der Winkel konnte um bis zu zehn Grad abweichen, je nach der Position der dominanten Hand. Daher war es möglich, dass sich die Klingen von zwei Leuten, die sich gegenüberstanden, trafen und beide zurückwarfen.
So begann es auch dieses Mal. Das schwarze und das Schwert der blauen Rose trafen auf einem Drittel ihrer Länge aufeinander und versprühten gleißende Funken.
Aber anders als im alten SAO gab es in Underworld Momente, in denen sich zwei Sword Skills begegneten und sich nicht gegenseitig abstießen. Ich vermutete, das trat ein, wenn der entschlossene Kampfeswille – die Stärke der Vorstellungskraft oder Willenskraft – bei beiden Kämpfern der natürlichen Neigung des Systems, Waffen abzuweisen, entgegenwirkte.
Die Schwerter waren ineinander verkeilt und versprühten orange Funken und blaue Lichtblitze. In dieser dritten Pattsituation standen Eugeo und ich uns von Angesicht zu Angesicht gegenüber, und unsere Arme und Schwerter waren in einer völligen Ausgeglichenheit gefangen, während jeder von uns versuchte, den Skill zu Ende zu bringen.
Unter den sprühenden Funken hindurch blickte ich Eugeo in die Augen und zischte durch zusammengepresste Zähne: »Hat diese Attacke von dir einen Namen?«
Mit einer Miene so ruhig wie ein zugefrorener Teich erwiderte Eugeo: »Baltio-Stil, ›Storm Wave‹.«
Auf Anhieb konnte ich nicht sagen, wo ich den Namen dieses Stils schon mal gehört hatte. Ich runzelte die Stirn, und dann fiel es mir ein.
Baltio-Stil. Das war die Schwertkampfschule, deren Stil der Elitekadett Golgorosso Balto praktiziert hatte, der Mentor, dem Eugeo an der kaiserlichen Akademie der Schwertkünste in Nord-Centoria bis März als Page gedient hatte.
Weil er im Vergleich zum Norkia- und zum Hoch-Norkia-Stil schlicht und schnörkellos war, verachteten die adeligen Schüler ihn, so wie sie es auch mit dem Serlut-Stil getan hatten, den meine eigene Tutorin Sortiliena angewandt hatte.
Aber tatsächlich bedeutete das nur, dass es ein pragmatischerer Stil war. Und in dem Jahr, das er Page gewesen war, hatte Eugeo von Golgorosso eine gründliche Einweisung in seine Techniken bekommen. Das warf allerdings eine weitere Frage auf.
»Eugeo … erinnerst du dich, wer dir diesen Angriff beigebracht hat?«, fragte ich erneut und legte all meine Kraft in den Punkt, an dem unsere Klingen sich trafen.
Einen Augenblick später erhielt ich die erwartete Antwort: »Nein, und es ist mir auch egal.«
Er musste genauso viel Kraft aufwenden wie ich, um mich in Schach zu halten, doch sein Tonfall und sein Gesichtsausdruck waren vollkommen kalt und emotionslos.
»Ich muss nur sie kennen«, fuhr er fort. »Für sie setze ich mein Schwert ein. Ich existiere nur, um ihre Gegner auszuschalten …«
Er hatte also nicht nur Alice und mich vergessen, sondern auch Golgorosso. Und doch kannte er die Namen seiner Skills und wusste, wie man sie anwendete. Die Erinnerungen der Person, die zu einem Integrationsritter gemacht wurde, komplett zu löschen, hätte bedeutet, dass sie auch all ihr Training und die erlernten Sakralkünste vergessen hätte. Deshalb hatte sich Administrator das komplizierte Verfahren des Syntheserituals ausgedacht, um das zu umgehen.
Statt die Erinnerungen der Zielperson komplett zu löschen, blockierte es ihren Zugang, sodass es unmöglich wurde, die Erinnerungen abzurufen, obwohl sie noch da waren. Die genaue Logik dahinter erschloss sich mir nicht ganz, aber es schien ähnlich dem zu sein, was wir in der realen Welt als retrograde Amnesie bezeichnet hätten: Die Erinnerungen an die eigene Identität und die von anderen war verloren, aber Sprach- und sonstige lebensnotwendige Fähigkeiten waren noch vorhanden.
Es war das Piety Module, das in seine Seele, sein Fluctlight, eingesetzt worden war, das verhinderte, dass Eugeos Erinnerungen ungehindert fließen konnten. Aber die Erinnerungen an wen hatten sich an der Stelle befunden, an der jetzt das Modul saß? Wenn ich das wüsste, hätte ich den ersten Schritt geschafft, um ihn wieder zur Vernunft zu bringen …
Aber nein.
Ich würde mehr als Worte brauchen, um den bösen Zauber dieser Frau zu brechen. Seit dem ersten Tag meiner Gefangenschaft in der Welt von Aincrad hatte ich mit so vielen die Klingen gekreuzt – Asuna, Suguha, Sinon, Yuki. Und in dieser Welt waren es Sortiliena, der Elitekadett ersten Ranges Volo und Ritter wie Eldrie, Deusolbert und Fanatio gewesen. Selbst Alice, die sich diesen Kampf aus nächster Nähe ansah.
Schwerter in der virtuellen Welt waren nicht nur polygonale Datenbits. Weil unsere Leben von ihnen abhingen, konnten die Gefühle, die wir in unsere Klingen hineinlegten, die Seele des Gegners erreichen. Ich wollte daran glauben, dass ein Schwert, das frei von Hass war, manchmal ein Verständnis vermitteln konnte, das über bloße Worte hinausging.
Das blaue Licht des »Vertical« verblasste langsam um unsere verkeilten Schwerter. Ich rang meinem Körper seine letzten Kraftreserven ab.
Ich musste sicherstellen, dass mein ganzes Wesen sich nach der Seele meines Freundes ausstreckte.

»Eugeooooo!«, schrie ich in dem Moment, als der Sword Skill erlosch und ich mein Schwert zurückzog.
Ich schlug mit aller Macht erneut zu. Meine Attacke wurde abgewehrt. Eugeo stach nach mir, und ich parierte seinen Hieb mit der Basis der Klinge. Unsere Füße waren wie angewurzelt, sodass wir aus nächster Nähe zuschlagen konnten. Ein kontinuierlicher Strom aus Schlägen und Funken erfüllte den Raum mit Krach und Licht.
»Rrraaaahhh!«, brüllte ich.
»Hajaaaa!«, stieß Eugeo seinen ersten Schrei in diesem Kampf aus.
Schneller. Schneller!
Ich reihte beständig Attacken aneinander – es waren keine Skills oder Formen, und sie folgten auch keiner Strategie, es war einfach reiner Instinkt –, und Eugeo wehrte sie perfekt ab. Mit jedem Schlagabtausch konnte ich spüren, wie die unsichtbare Hülle, die ihn umgab, Risse bekam.
Schließlich bemerkte ich, dass mir ein breites Grinsen auf den Lippen lag. Ich erinnerte mich an eine Zeit, in der Eugeo und ich so wild wie jetzt gekämpft und uns einen guten, befreienden Schwertkampf geliefert hatten. Es war nicht in der Trainingshalle an der Akademie gewesen. Und auch nicht auf der Reise nach Centoria. Nein, es war in den Feldern und Wäldern um Rulid gewesen … Wir hatten uns vorgestellt, dass wir mit unseren Schwertern trainieren würden, benutzten Holzschwerter, die nicht mehr als Spielzeuge waren … und hatten aufeinander eingeschlagen wie ausgelassene kleine Jungs …
Aber hatten Eugeo und ich das wirklich getan, gleich nachdem wir uns vor zwei Jahren kennengelernt hatten?
Waren diese Risse in Wahrheit … in meiner Erinnerung …?
Ka-chiiiing! Ein scharfes metallisches Klirren riss mich aus meiner vorübergehenden Trance. Erneut trafen sich das Schwarze und das Schwert der blauen Rose in einem perfekten Winkel, sodass sie den Schwung des anderen neutralisierten und sich wirkungslos kreuzten.
»Eugeo …?«, flüsterte ich.
Ich sah, dass sich seine Lippen bewegten. Ich konnte seine Stimme nicht hören, aber ich wusste, dass der Ritter in Silber und Blau meinen Namen gemurmelt hatte.
Seine normalerweise glatte, blasse Stirn war von tiefen Furchen durchzogen. Durch seine geöffneten Lippen konnte ich erkennen, dass er die Zähne zusammengebissen hatte, und in seinen kalten, dunklen Augen glomm ein schwaches Flackern auf. Über meine Schulter blickte er zu Alice, die sich weiter an der Wand hielt.
Erneut zitterten seine Lippen und formten tonlos Alice’ Namen.
»Eugeo … Erinnerst du dich, Eugeo?!«, rief ich. Dadurch glitt meine Klinge ab. Sie konnte der vollen Kraft des Schwerts der blauen Rose nicht standhalten und wurde zurückgedrängt.
Ich verlor das Gleichgewicht und hatte Schwierigkeiten, mich auf den Beinen zu halten. Ich wusste, ich saß in der Falle – aber Eugeo setzte nicht nach. Er stand einfach nur da und hielt sein Schwert in einem seltsamen Winkel.
Ich zog mich zurück und blieb neben Alice stehen, atmete tief ein und stieß dann die Luft in einem langen Ruf wieder aus. »Eugeooooo!«
Er zuckte zusammen, und langsam hob er sein gesenktes Gesicht.
Es war so blass wie immer, aber dieses Mal standen echte Emotionen darin: Verwirrung, Angst, Bedauern und Zuneigung … All diese Gefühle, die durch das Ritual eingefroren gewesen waren, fügten sich zu einem schwachen Lächeln zusammen, das die dicke Eisschicht, die ihn umgab, ein wenig zu erschüttern schien.
»Kirito …«, sagte er und einen Moment danach: »Alice …«
Dieses Mal hörte ich es ganz deutlich. Eugeo sprach unsere Namen laut aus.
Es hatte funktioniert. Mein Schwert … hatte ihn erreicht … und die Barrieren überwunden, die sein Herz von meinem getrennt hatten. »Eugeo …«
Das schmale Lächeln auf seinen Lippen wurde breiter. Er drehte das Schwert der blauen Rose in der Hand nach hinten. Dann senkte er den Arm, bis die Schwertspitze auf dem Marmorboden auftraf. Mit einem Knirschen sank die leicht dampfende Waffe etwa einen Zentimeter tief ein.
Ich verstand das als Zeichen, dass der Kampf vorüber war, und senkte mein Schwert. Ich stieß den Atem aus, den ich angehalten hatte, und machte mit dem rechten Fuß einen Schritt nach vorn.
Aber der darauffolgende Moment war nur der Anfang einer Serie von Ereignissen, die ich nicht vorhergesehen hatte.
»Kirito!« Das war Alice, die mich von hinten rief. Ich hatte nicht gemerkt, dass sie sich genähert hatte. Ihr linker Arm schlang sich um meinen Oberkörper, und sie riss mich hoch.
Dann drangen weitere Worte über Eugeos Lippen: »Release Recollection.«
Das war das Mantra. Die Einleitung für die größte Kampffähigkeit in Underworld, die die Erinnerung einer Waffe hervorrief und das wahre Herz der übermächtigen vollkommenen Rüstungskontrolle entfesselte – das Geheimnis der Erinnerungsfreisetzung.
Grelles weißblaues Licht schoss aus seinem Schwert.
Ich konnte nicht ausweichen oder mich verteidigen. Vollkommene Kälte breitete sich von der Klinge aus und ließ augenblicklich den gesamten Raum gefrieren. Den Treppenabgang in der Ecke, die schwebende Scheibe, die zum Obergeschoss hinaufführte, und auch Alice und ich waren bis zur Brust in dickem, unnachgiebigem Eis gefangen. Wenn Alice mich nicht aufgerichtet hätte, wäre das Eis mir über den Kopf gegangen.
Als wir Bercouli Synthesis One im großen Bad in der fünfundneunzigsten Etage der Kathedrale gefunden hatten, war er auch so bis zum Hals eingefroren gewesen. Eugeos Erinnerungsfreisetzung war mächtig genug, um ein ganzes Becken mit heißem Badewasser so schnell gefrieren zu lassen, dass nicht einmal der älteste der Ritter hatte entkommen können. Das hatte ich nicht vergessen oder übersehen, aber auf diesem Stockwerk gab es nicht mal Wasser. Und er hatte auch keine große Menge an Eiselementen generiert, um sie zu nutzen – wo war all dieses Eis hergekommen?
Aber das war nicht mal das Schockierendste.
Warum hat Eugeo das gemacht? Er hat seine Erinnerungen zurück. Warum sollte er mich und Alice im Eis einsperren?
In der alles verzehrenden, stechenden Kälte hatte ich gerade noch die Kraft, um die Worte zu formen: »Eugeo … warum …?«
Etwa fünfzehn Meter entfernt kam Eugeo mühelos wieder auf die Beine und schenkte mir ein trauriges Lächeln. »Es tut mir leid, Kirito … Alice. Bitte versucht nicht, mir zu folgen …«
Und dann zog mein bester Freund und Alice’ Kindheitsgefährte das Schwert der blauen Rose aus dem Boden und ging auf die schwebende Scheibe in der Mitte des Raums zu.
Die riesige Marmorplattform war wie die Treppe und wir von einer dicken Eisschicht überzogen, aber der Ritter stieg einfach darauf und tippte sie mit dem Schwert an. Unter dem Krachen absplitternder Eisplatten erhob sie sich.
Während die Scheibe aufstieg, sah ich, dass Eugeo immer noch das Lächeln im Gesicht trug – eine Miene, die sich bemühte, einer Flut von widersprüchlichen Emotionen zu widerstehen –, bis er schließlich durch das Loch in der Decke verschwunden war.
»Eu…ge…oooooo!«, schrie ich, doch das laute, schwere Geräusch der Scheibe, die sich wieder nahtlos in die Decke einfügte, übertönte mich.
2
»Remove core protection.«
Nur drei Befehlsworte, ein Ausdruck, den er nie zuvor gehört hatte. Doch sobald er ihn ausgesprochen hatte, erkannte Eugeo, dass er gerade eine Tür geöffnet hatte, die niemals geöffnet werden sollte.
Eine Stunde vor dem undenkbaren Duell gegen Kirito hatte Eugeo nur mit Mühe ein schmerzhaftes Unentschieden gegen Bercouli, den Kommandanten der Integrationsritter und Träger eines Schwerts, das in die Zukunft schneiden konnte, erreicht. Aber indem er die Erinnerungsfreisetzungsfunktion des Schwerts der blauen Rose eingesetzt hatte, hatte er sie beide an Ort und Stelle einfrieren können, bis ein seltsamer Mann, der sich Erzbischof Chudelkin nannte, seinen bewusstlosen Körper mit in die hundertste Etage der Central Cathedral genommen hatte.
Dort war Eugeo dem Mädchen mit den silbernen Haaren und den Spiegelaugen begegnet, dieser außerweltlichen Schönheit Administrator, der Hohepriesterin der Kirche. Durch einen geistigen Nebel, der sich einfach nicht lichten wollte, hatte er ihren Worten gelauscht.
Du bist eine Blume in ihrem Beet, der man das Wasser der Liebe entzogen hat. Aber ich bin anders. Ich werde dich und nur dich lieben. Aber nur, wenn du mich ebenso liebst.
Es war, als handele es sich bei den Worten selbst um Befehle der Sakralkunst, die seinen Willen vereinnahmten. Er hörte sich selbst die drei Befehlsworte wiederholen, wie sie es von ihm verlangt hatte.
Es musste sich um eine Art verbotene Kunst handeln. Etwas, das die Tür aufgebrochen hatte, die eigentlich seine wertvollsten Besitztümer beschützen sollte: seine Erinnerungen, Gedanken … seine Seele.
Mit diesem perfekten Lächeln hatte Administrator in Eugeos Verstand geblickt und dort etwas eingepflanzt, das kälter als Eis war.
Dann hatte er wieder das Bewusstsein verloren.
Als er erwachte, war es, als würde er von einer weit entfernten Stimme vom Grund einer tiefen, dunklen Schwärze heraufgeholt.
Helle Funken. Silberner Stahl. Und ein junger Mann mit schwarzem Haar, der erbittert gegen ihn kämpfte.
Da hatte Eugeo erkannt, dass er die Rüstung eines Integrationsritters trug und dass er sein Schwert gegen den Freund richtete, dem er mehr als jedem anderen vertraute, und gegen die Kindheitsliebe, die ihm teurer war als jede andere Seele.
Doch selbst diese Erkenntnis konnte nicht den eisigen Dorn entfernen, der sich ins Zentrum seines Verstands bohrte. Er unterwarf seine Gedanken seinem Willen und befahl ihm unablässig, für den Ruhm der großen Administrator auf diese beiden Feinde einzuschlagen. Unfähig, sich davon abzuhalten, hatte Eugeo die Erinnerungsfreisetzung seines Schwerts der blauen Rose aktiviert und diese beiden teuren Seelen im Eis gefangen. Sein Widerstand war zwecklos, aber dies war der einzige Weg, den Kampf zu beenden.
Ich habe ihren Versuchungen nachgegeben und etwas zerstört, das nie hätte zerstört werden sollen. Und doch gibt es noch Dinge, die ich tun kann … Dinge, die ich tun muss.
»Es tut mir leid, Kirito … Alice«, hatte er hervorbringen können.
Eugeo trat auf die schwebende Plattform, um in die hundertste Etage des Turms zurückzukehren – in Administrators Schlafgemach.
Als die Plattform schwerfällig anhielt, reflektierten Eugeos Rüstung und Schwert das Mondlicht, das durch die riesigen Fenster fiel, und schickten blasse Lichtstrahlen durch den Raum.
Es war etwa zwei Uhr morgens am fünfundzwanzigsten Tag des fünften Monats des Jahres.
Noch vor drei Tagen hatte er zu dieser nachtschlafenden Zeit in seinem Bett im Wohnheim der Elitekadetten geschlafen. Nach einem langen Tag aus Unterrichtsstunden und Training schlief er immer wie ein Stein und wurde erst durch die Morgenglocke geweckt.
Er dachte an die letzten Nächte zurück. Den Zweiundzwanzigsten hatte er in der Strafzelle der Akademie verbracht und den Dreiundzwanzigsten im unterirdischen Gefängnis der Axiom-Kirche – nicht unbedingt die besten Voraussetzungen zum Schlafen. Nach ihrer Flucht am frühen Morgen des Vierundzwanzigsten hatte er einen Kampf nach dem anderen bestanden. Allein bei dem Gedanken wurde sein Körper taub unter der Last der Müdigkeit, aber dieser pulsierende, pochende Eisdorn in seinem Kopf hielt ihn wach.
Gib alles der Hohepriesterin hin. Kämpfe, um die Axiom-Kirche zu schützen, befahl der Dorn, so eisern wie eine Stahlpeitsche und so süßlich wie feinster Honig. In Wahrheit war der »Dorn« wahrscheinlich derselbe violette Kristall, der in Eldries Stirn gesteckt hatte. Und Eugeo hatte das Gefühl, wenn er nachgab und diesen Honig noch einmal kostete, würde er seinen Verstand für immer verlieren.
Die einzigen Gründe, warum er momentan überhaupt bei klarem Bewusstsein war, waren Kiritos verzweifeltes Bemühen und die Unerbittlichkeit ihres Kampfes. Und der Grund, warum er größtenteils unversehrt zurückkehren konnte, war, dass Alice dem Kampf nur zugesehen hatte, statt sich einzumischen.
Alice Synthesis Thirtys Fähigkeiten mit der Waffe und ihr Umgang mit der vollkommenen Rüstungskontrolle ihres Schwerts des goldenen Osmanthus, einem Sturm aus goldenen Blüten, waren eine Kombination, der Eugeo im Augenblick nichts entgegenzusetzen hatte. Wenn sie ihr Schwert gezogen und an Kiritos Seite gekämpft hätte, wäre Eugeo gefallen, bevor er je sein eigenes Bewusstsein hätte wiedererlangen können.
Er konnte sich nicht genau erklären, warum Alice sich einer Rebellion gegen die Axiom-Kirche verschworen haben sollte. Vielleicht war es Kirito gelungen, sie zu überzeugen, wie er es sich bei seinem Aufstieg durch das Treppenhaus ausgemalt hatte. Vielleicht war es etwas sogar noch Beeindruckenderes.
Alice hatte einen Verband über dem rechten Auge getragen, der ausgesehen hatte, als sei er aus Kiritos zerrissener Kleidung gemacht. Eugeo vermutete, was immer passiert war, es war dasselbe gewesen, was ihm auch widerfahren war, als er Humbert Zizek an der Akademie angegriffen hatte. Ihr rechtes Auge musste explodiert sein, als sie das Verbrechen begangen hatte, der Kirche den Krieg zu erklären. Sowohl bei ihrer ersten Begegnung an der Akademie als auch später im Garten über den Wolken in der achtzigsten Etage waren sie nicht in der Lage gewesen, Alice aufzuhalten. Und es war nicht Eugeo gewesen, der sie zu dieser bedeutenden Entscheidung gebracht hatte, sondern Kirito …
Aber darüber darf ich mich jetzt nicht beklagen. Ich habe Administrators honigsüßen Worten nachgegeben. Ich habe die Tür zu meinem Herzen aufgestoßen. Damit habe ich Kirito und Alice betrogen. Tiese und Ronie, Frenica, Golgorosso und Sortiliena, Frau Azurika, die Aufseherin des Wohnheims, Sadore, den Schmiedemeister, und alle auf der Wolde-Farm, Selka und den alten Garitta zu Hause in Rulid, Dorfvorsteher Gasupht und die kleine, weise Cardinal in ihrer verborgenen Bibliothek.
Er umklammerte das Heft seines Schwerts und widerstand dem eisigen Dröhnen, das beständig stärker wurde. Er würde diese geistige Klarheit nicht mehr lange aufrechterhalten können. Er musste für seine Sünden büßen, bevor er für immer verschwand.
Und dafür gab es nur eine Möglichkeit.
Eugeo hob den Kopf und sah sich um. Die Anordnung des neunundneunzigsten und hundertsten Stockwerks musste versetzt sein, da er hier an der Südseite des Raums herausgekommen war. Jenseits der Glasfenster, die den Raum umgaben, gab es nur das Sternenzelt. Die riesigen Dekoschwerter an den Säulen zwischen den Fensterscheiben funkelten im Licht des Mondes und der Sterne.
Plötzlich hatte er das Gefühl, jemand hätte nach ihm gerufen, und blickte nach oben.
Die schneeweiße Decke zehn Mer über ihm zeigte ein Fresko, das ihm schon beim ersten Mal aufgefallen war, als er hier gewesen war: die Geschichte der Götter. Zwischen den Göttern und Drachen und Menschen im Bild waren winzige Kristalle eingelassen, die ihr eigenes Licht abgaben.
Ist es dieses Licht, das mich ruft?
Er kniff die Augen zusammen und konzentrierte sich auf einen der Kristalle. Dann hörte er eine tatsächliche Stimme aus einer anderen Richtung und wandte sich ihr schnell zu.
In der Mitte des weitläufigen Gemachs stand ein rundes Bett, das einen Durchmesser von zehn Mer haben musste. Die Bettvorhänge waren zugezogen und versperrten die Sicht auf das Innere. Aber wenn er genau hinhörte, konnte er eine leise Stimme jenseits des dünnen Materials ausmachen. Was er hörte, bewegte sich irgendwo zwischen einem Singen und einem Flüstern, und es war lieblich anzuhören.
Die Stimme von Administrator.
Es klang, als würde sie eine Sakralkunst rezitieren, doch es fehlte die leidenschaftliche Härte eines Angriffszaubers. Wenn sie nur eine übliche, alltägliche Haushaltskunst anwandte, wäre das seine Chance.
Er steckte das Schwert der blauen Rose in seine Scheide und legte sie auf den Boden, dann zog er die Rüstung aus, die im Kampf gegen Kirito beschädigt worden war. Er legte die Handschuhe, die Stiefel und den Umhang ab, bis er nur noch seine übliche Kleidung aus Hemd und Hose trug. Mit den Fingern strich Eugeo sich über die Brust, um sicherzustellen, dass das, was er nun brauchte, noch da war.
Er machte einen Schritt auf den Betthimmel zu, dann noch einen.
Eine dickliche Gestalt kam unsicher aus den Tiefen des Betts näher. Sie gab ein unangenehmes Glucksen von sich. »Ho hi, hi hi hi … Ich dachte mir doch, dass ich mir so fünf bis zehn Minuten verschaffen könnte. Ich hatte allerdings nicht erwartet, dass du lebend zurückkommen würdest. Vielleicht bist du doch ein besserer Fund, als mir bewusst war!«
Sobald er die Gestalt im Mondlicht erkannte, stockte Eugeo der Atem. Nur mit Mühe konnte er sich davon abhalten, das Gesicht zu verziehen.
Er trug lächerliche Kleidung, knallrot auf der rechten und knallblau auf der linken Seite. Die Mitte seiner ballonartigen Brust war ein hässlicher Flickenteppich. Sein Gesicht war weiß mit schmalen Augen wie Schlitze und einem breiten, nach oben gebogenen Mund. Die goldene Kappe, die er auf seinem kahlen Schädel getragen hatte, war verschwunden, aber den Rest hätte Eugeo unmöglich verwechseln können.
Es war Erzbischof Chudelkin. Er war am Ende von Eugeos und Bercoulis Kampf erschienen, hatte eine »Deep Freeze«-Kunst angewandt, um den Kommandanten in Stein zu verwandeln, und hatte dann den bewusstlosen Eugeo hierher in die oberste Etage gebracht.
Auch wenn er nur wie ein kleiner, alberner Clown aussah, war er mit ziemlicher Sicherheit nach der Hohepriesterin der mächtigste Anwender der Sakralkünste und ein extrem grausamer Inquisitor. Wenn er herausfand, dass Eugeo (vorübergehend) seinen Verstand wiedererlangt hatte, würde er augenblicklich diese Versteinerungskunst anwenden. Die einzige Möglichkeit, wie Eugeo seine letzte Pflicht erfüllen konnte, war, an diesem Mann vorbeizukommen, ohne einen Verdacht zu erregen.
Chudelkin warf einen Blick auf die Rüstung, die Eugeo abgelegt hatte, und seine fast haarlosen Augenbrauen schossen theatralisch in die Höhe. »Meine Güte. Da hast du ja ganz schön was angerichtet mit der Rüstung, die Ihre Heiligkeit dir gegeben hat. Ich hoffe doch sehr, dass du nicht von den aufmüpfigen Rebellen so zugerichtet wurdest und jetzt mit eingezogenem Schwanz hier angekrochen kommst, Nummer zweiunddreißig …?«
Ihre Heiligkeit musste Administrator sein, diese aufmüpfigen Rebellen Kirito und Alice, und Nummer zweiunddreißig war seine Kennung als Integrationsritter. Er hatte das Gefühl, sich bereits verraten zu haben, doch egal wie, er musste eine Antwort geben.
Eugeo stählte sich und bemühte sich, alle Emotionen aus seinem Gesicht zu verbannen. »Ich habe die zwei Rebellen im Eis eingeschlossen, Erzbischof.«
Chudelkins Augenwinkel zogen sich nach oben, als würde er übers ganze Gesicht strahlen, doch in seinen Augen selbst funkelte kalte, unerbittliche Boshaftigkeit. »Ho ho! Du hast sie im Eis eingeschlossen? Das ist ja alles schön und gut … aber hast du auch deinen Auftrag ausgeführt, Nummer zweiunddreißig?«
Es entstand ein Moment der Stille, und Eugeos Verstand raste.
Natürlich hatte er weder Kirito noch Alice getötet. Die erweiterten Fähigkeiten des Schwerts der blauen Rose dienten dazu, den Gegner festzusetzen, nicht, ihm zu schaden. Solange ihre Gesichter frei waren, würden sie nicht viel von ihrer Lebensspanne einbüßen, auch wenn sie unter einer dicken Eisschicht begraben waren.
Wäre es besser, das nicht zu erwähnen, und einfach zu behaupten, dass sie erledigt waren? Wenn Chudelkin nach unten ging, um es zu überprüfen, würde seine Lüge sofort auffliegen. Kirito hätte in einer solchen Situation dank seiner Intuition und seines Muts sofort die passende Antwort parat gehabt.
Ich habe mich immer nur hinter ihm versteckt. Wann immer ich in Schwierigkeiten war, habe ich Hilfe bei meinem Partner gesucht. Er hat alle wichtigen Entscheidungen getroffen.
Dieses Mal muss ich selbst nachdenken und selbst die Entscheidung treffen. Kirito hat nicht alles seinem Bauchgefühl überlassen. Er hat gut überlegt, die richtige Antwort gefunden und mich bis hierher gebracht. Ich muss wie er denken.
Einen Augenblick lang überlegte Eugeo so angestrengt, dass er das eisige Pochen in seinem Schädel vollkommen vergaß. Er öffnete den Mund und sagte so leise wie möglich: »Nein, ich habe sie nicht erledigt, Erzbischof. Die Hohepriesterin hat mir aufgetragen, die Rebellen ›aufzuhalten‹.«
Eigentlich war er sich nicht sicher, ob das wirklich der Befehl war, den Administrator ihm gegeben hatte. Aber soweit er seinen vagen Erinnerungen trauen konnte, war dieser Mann nicht hier gewesen, als er in diesem Gemach erwacht war. Wenn Chudelkin nicht anwesend gewesen war, als Eugeo in einen Integrationsritter verwandelt worden war, konnte er auch den genauen Wortlaut der Befehle, die er erhalten hatte, nicht beurteilen – und was Administrator gesagt hatte, konnte dieser Mann unmöglich übergehen.
Falls natürlich Administrator vom Bett aus, nur zehn Mer entfernt, zuhören sollte, wäre alles verloren. Doch hinter den Stoffbahnen des Betthimmels schien sie immer noch dabei zu sein, irgendeine Art von Sakralkunst zu rezitieren. Es bestand also eine realistische Chance, dass sie ihn, solange er flüsterte, nicht hören konnte.
Eugeo wartete auf Chudelkins Reaktion und war dabei verzweifelt darauf bedacht, sich sein Nervenflattern nicht anmerken zu lassen.
Die Lippen des kleinen Clownmanns zuckten, und er verzog sie zu einem Schmollmund. »Ganz schlecht, Nummer zweiunddreißig, wirklich schlecht!« Mit einem Finger stach er nach Eugeos Gesicht. »Wenn du mich ansprichst, musst du mich ›Hochwürden Erzbischof‹ nennen. Verstanden? Hochwürden! Wenn du das noch mal vergisst, mach ich dich zu meinem Pferdchen! Ich reite auf deinem Rücken und schlag dir meine Fersen in die Rippen – hi ho hi ho! Hi hi hi hi!«
Er gackerte in den höchsten Tönen, schlug sich dann die Hände vor den Mund und linste zum Bett. Sobald er sicher war, dass Administrator ihre Sakralkunst nicht unterbrochen hatte, bemühte er sich, sich zu beruhigen, wobei er theatralische Gesten vollführte, und strahlte dann. »Tja, dann sollte ich wohl jetzt die Befehle ausführen, die Ihre Heiligkeit mir aufgetragen hat. Dieser arme korrumpierte Ritter muss sofort in ›Deep Freeze‹ versetzt werden. Oh, und du wartest hier, Nummer zweiunddreißig. Es macht einfach keinen Spaß, wenn andere sich einmischen, weißt du? Ho, ho ho ho!«
Eugeo nickte und musste die Übelkeit niederringen, die sich in seiner Brust breitmachte.
Chudelkin watschelte auf die schwebende Plattform am Südende des Raums zu. Wie schon bei Bercouli hatte er sicher auch für Kirito und Alice allerhand erniedrigende Behandlungen im Sinn, während sie in Stein eingeschlossen waren.
Aber eigentlich sollte er sich um sie keine Sorgen machen müssen. Das eisige Gefängnis, das das Schwert der blauen Rose geschaffen hatte, war Alice’ vollkommener Rüstungskontrolle nicht gewachsen. Im Garten über den Wolken hatte Eugeo Alice’ gesamten Körper im Eis eingeschlossen, doch das Schwert des goldenen Osmanthus hatte sich in unzählige winzige Splitter verwandelt, die sich mühelos durch das Eis gefressen hatten.
Entweder hatten sie sich längst aus dem Eis befreit oder Alice würde ihre gnadenlose Macht einsetzen, sobald Chudelkin auftauchte. Der fette kleine Mann jedenfalls hüpfte schnaufend und hechelnd auf die Plattform und begab sich nach unten. Eugeo sah ihm nach und wartete, bis die Plattform leer zurückgekehrt und wieder mit dem Boden verschmolzen war. Der Erzbischof musste sie wieder nach oben geschickt haben, damit er sich in Ruhe amüsieren konnte. Somit war unmöglich zu sagen, was in der neunundneunzigsten Etage vor sich ging.
Schon gut. Der Idiot kann sie nicht besiegen.
Eugeo atmete tief durch, um seine Nerven zu beruhigen, und richtete seinen Blick wieder auf die Mitte des Raums. Er hob seine linke Hand und legte sie über dem Hemd auf seine Brust.
Ich muss nur meinen Teil erfüllen.
Er stählte sich, nahm sein Schwert und setzte sich in Bewegung. Er war nur drei Mer vom Bett entfernt, zwei, einen.
Und genau da endete das endlose Murmeln des Sakralkunstmantras ganz plötzlich, als sei es erstickt worden. Automatisch erstarrte Eugeo, sein Verstand raste.
War die Sakralkunst nur zufällig in genau diesem Moment abgeschlossen gewesen oder hatte sie sich unterbrochen, weil sie spürte, dass er näherkam? Und was war das überhaupt für ein Zauber?
Er blickte sich schnell um, doch nichts schien sich verändert zu haben. Der runde Raum war größer als das Stockwerk darunter, hatte einen Durchmesser von vielleicht vierzig Mer, und es gab kaum Möbel – nur das Bett, den dicken Teppich und mehr als ein Dutzend Säulen mit riesigen Schwertornamenten, die als Rahmen für die Fenster dienten, die den Raum umgaben. Im Mondlicht hatten sie golden geschimmert, doch sie wirkten unverändert.
Eugeo gab seine Untersuchung des Raums auf und wandte sich wieder dem Bett zu. Sofort pochte es im Inneren seines Schädels.
Der kalte Schmerz wurde nach und nach schlimmer. Wahrscheinlich würde er nicht mehr lange klar denken können. Bevor er wieder voll und ganz ein Integrationsritter wurde, würde er tun, was getan werden musste.
Er machte noch ein paar Schritte, bis er an der Bettkante stand, und legte dann nach einigem Zögern das Schwert der blauen Rose auf den Boden. Sobald er es losgelassen hatte, überkamen ihn Angst und Einsamkeit, aber er durfte der Frau keinen Anlass geben, ihn für eine Bedrohung zu halten.
Eugeo richtete sich auf, atmete tief durch und betete, dass seine Stimme nicht zittern möge. »Herrin Hohepriesterin …«
Nach ein paar Sekunden der Stille, die sich deutlich länger anfühlten, antwortete ihre Stimme: »Willkommen zurück, Eugeo. Du hast deinen Auftrag erfolgreich ausgeführt.«
»Ja, Herrin …«, flüsterte er. Eugeo war ein schlechter Schauspieler, aber in Rulid hatte er Jahre damit verbracht, seine Gefühle zu unterdrücken. Er musste sich also nur in diese Zeit zurückversetzen. In sein altes Ich, bevor er diesem seltsamen schwarzhaarigen Jungen an der Gigas Cedar begegnet war.
»Sehr gut. Dann schulde ich dir eine Belohnung. Komm zu mir ins Bett«, erklang die sanfte, samtige Einladung von hinter dem Vorhang.
Erneut strich er sich über seine Brust, bevor er vorsichtig den Betthimmel auseinanderzog. Im Inneren herrschte eine purpurne Finsternis, doch der süße, vertraute Geruch lockte ihn tiefer hinein.
Er stützte sein Gewicht auf die seidenen Laken und kroch vorwärts. So groß das Bett auch sein mochte, bis zu seiner Mitte hätten es nur fünf Mer sein sollen. Doch egal wie weit er kroch, er konnte vor sich weder etwas sehen noch ertasten.
Aber wenn er in Panik geriet oder etwas sagte, würde sie wissen, dass sein Geist wieder unter seiner eigenen Kontrolle stand. Er bewegte sich weiter und konzentrierte sich nur auf das Gefühl der Laken.
Plötzlich erschien ein wenig oberhalb seiner Augenhöhe ein blasses Licht, ohne einen Ton von sich zu geben.
Dieses Licht stammte nicht von einer Kerze oder Lampe. Es war ein Lichtelement der Sakralkünste, obwohl er keinen entsprechenden Befehl gehört hatte. Der schwebende kleine Lichtpartikel ließ die Dunkelheit ein klein wenig zurückweichen.
Eugeo sah nach unten und erblickte ihr lächelndes Gesicht nur zwei Mer entfernt. Kurz wurden seine Augen groß, dann fing er sich schnell wieder und verbeugte sich mit auf das Bett gestützten Armen.
Es war ein Mädchen in einem durchsichtigen violetten Kleid mit langem, silbernem Haar. Die Herrscherin über die Menschheit mit ihrer alles übertreffenden Schönheit und ihren Spiegelaugen, die ihre Gedanken verbargen. Administrator, die Hohepriesterin der Axiom-Kirche.
Die junge Frau, die sich entspannt auf der Decke räkelte, starrte Eugeo an, und ihre silbernen Spiegelaugen reflektierten das Licht des kleinen, schwebenden Elements, während sie flüsterte: »Komm zu mir, Eugeo. Wie versprochen werde ich dir geben, wonach du verlangst. Eine Liebe, die nur dir allein gehört.«
»Ja, Herrin …«, erwiderte er und näherte sich ihrer liegenden Gestalt.
Sobald er auf einen Mer heran war, würde er sich auf sie stürzen, ihr den Mund zuhalten, damit sie keine Befehle von sich geben konnte, mit der anderen Hand seine Geheimwaffe unter seinem Hemd hervorziehen und sie damit erstechen. Insgesamt würde das alles nicht mehr als zwei Sekunden dauern, doch gegen einen Gegner wie Administrator schien das eine Ewigkeit zu sein.
Kaum hatte er über seine Rebellion ihr gegenüber nachgedacht, da schoss ein scharfer Schmerz von dem Punkt zwischen seinen Augen in seinen Schädel hinein. Aber er hatte keine Zeit, sich damit zu befassen. Er musste sich entspannen, so gut es ging, und sich näher schleichen, näher …
»Aber zuerst«, flüsterte Administrator, kurz bevor er nah genug herangekommen war, und er hielt inne, »will ich, dass du mir dein Gesicht zeigst, Eugeo.«
Spürte sie seine finsteren Absichten? Würde er versuchen, seinen Plan jetzt auszuführen, würde er misslingen. Er musste gehorchen.
Langsam erhob er sich von den Laken und sah sie an. Dabei behielt er eine versteinerte Miene bei. Wenigstens wollte er vermeiden, ihr in die Augen zu sehen, aber diese glasigen Flächen zogen seinen Blick unwiderstehlich an. Sie selbst gaben nichts preis und hatten doch die Fähigkeit, direkt in die Gedanken eines jeden zu blicken, der in sie hineinsah. Das schwebende Licht verlieh ihnen ein unheimliches Schimmern.
Er hätte nicht raten können, wie viele Sekunden vergingen, bevor die Frau sagte: »Praktischerweise war in deinen Erinnerungen ohnehin schon ein Loch, also habe ich das Modul genau dort eingesetzt. Vielleicht hätte ich nicht so faul sein sollen …«
Sie schien eher mit sich selbst zu reden, und Eugeo wusste zunächst auch nicht, wovon sie sprach.
Da war ein Loch in seinem Gedächtnis? Also hatte ihm schon eine Erinnerung gefehlt, bevor er in dieses Gemach gebracht worden war? Aber er hatte nicht den Eindruck, dass irgendein Teil aus seinem Leben fehlen würde. Vielleicht war gerade, dass er sich nicht erinnerte, das Loch in seinem Gedächtnis. Aber da war noch das, was Cardinal gesagt hatte.
Um das Piety Module einzusetzen, musste erst die wichtigste Erinnerung des Opfers entfernt werden. In der Regel war das die Person, die es am meisten liebte.
Diese Unterhaltung in der verborgenen Bibliothek schien Ewigkeiten zurückzuliegen. Eugeo dachte darüber nach.
Die Person, die ich am meisten liebe … Das wäre Alice Zuberg, das Mädchen, das vor acht Jahren vor meinen Augen von einem Integrationsritter verschleppt wurde. Ich konnte sie nicht vergessen. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich, wie ihr goldenes Haar in der Sonne glitzert. Ihre Augen sind blauer als der Himmel im Hochsommer, und dann dieses bezaubernde Lächeln.
Und auch wenn es eine andere Form der Liebe ist, ist da noch mein Partner, ein Freund, der mir fast so wichtig ist wie Alice. Ein seltsamer junger Mann, der mir vor zwei Jahren und zwei Monaten im Wald südlich von Rulid begegnet ist. Ein »Findelkind Vectors« mit schwarzem Haar und schwarzen Augen wie die Leute des Ostens. Kirito ist mein bester Freund – er hat mich aus dem Dorf geholt und mir auf dem Weg in die Central Cathedral zur Seite gestanden. Ich kann dieses freche Grinsen förmlich vor mir sehen.
Alice und Kirito. Vielleicht sehe ich ihr Lächeln nie wieder. Aber selbst wenn es mein Schicksal ist, hier zu sterben, weiß ich, dass ich sie bis zu meinem letzten Atemzug nicht vergessen werde.
Ich hatte gehofft, dass ich mit Kirito und Alice nach Rulid zurückkehren könnte, sobald sie ihre Erinnerungen zurückhat … aber ich habe nicht mehr das Recht, darauf zu hoffen. Ich habe Administrators Versuchung nachgegeben. Ich habe mich selbst verloren. Ich habe mein Schwert gegen die beiden Menschen gerichtet, die mir am wichtigsten sind.
Als er zu dieser Erkenntnis gelangte, spürte Eugeo, wie sein Auge nur ein winziges bisschen zuckte.
Leicht irritiert legte Administrator den Kopf schräg, als wüsste sie nicht genau, wie sie dieses Zucken interpretieren sollte. »Ja, du scheinst immer noch ein bisschen instabil zu sein. Nun gut, dann muss ich dich wohl neu synthetisieren. Deine Belohnung bekommst du im Anschluss, Eugeo.« Sie streckte die rechte Hand aus.
Es wäre vielleicht der ideale Moment zum Angriff gewesen, doch sobald ihr schlanker Finger auf seine Stirn deutete, durchfuhr Eugeo ein äußerst seltsames Gefühl. Sein Körper zuckte und wurde taub, sodass er nicht in der Lage war, zu sprechen oder seine Glieder zu bewegen.
Im nächsten Moment fuhr eine sehr eigenartige Empfindung von dem Punkt zwischen seinen Augen in seinen Hinterkopf hinein.
Die Quelle des eisigen Pochens, dieser Dorn aus Eis, wurde langsam, aber mit Gewalt aus seiner Position gezogen. Es tat nicht weh, aber bei jeder Bewegung des Dorns zuckten Blitze vor seinen Augen, und verschwommene Szenen tauchten vor ihm auf.
Grüne Äste, die im Wind schaukelten. Sanftes Sonnenlicht, das sich durch die Bäume bewegte.
Rennen und Lachen unter ihnen.
Leuchtend goldenes Haar vor ihm.
Widerspenstiges schwarzes Haar, das rechts von ihm auf und ab hüpfte.
Im Rennen blickte der junge Eugeo nach rechts. Doch das Lächeln seines anderen Kindheitsfreundes verging in einem Lichtblitz, unerreichbar …
Ein mächtiger Schock holte Eugeo zurück ins Bett und die Dunkelheit. Während sich sein tauber Körper nach hinten bog, trat etwas Fremdartiges aus seiner Stirn. Ein dreieckiges, durchsichtiges Prisma, das violett leuchtete.
Als sie im Rosengarten gegen den Integrationsritter Eldrie gekämpft hatten, hatte er angefangen, sich merkwürdig zu verhalten, nachdem der Name seiner Mutter gefallen war, bis schließlich eine Art Prisma aus seinem Kopf ausgetreten war. Aber das, was gerade aus Eugeos Stirn austrat, war größer, die eingravierten Symbole waren aufwendiger und das Glühen heller.
Eugeo war so geschockt darüber, dass etwas so Großes die ganze Zeit in seinem Kopf gesteckt hatte, und auch darüber, dass die Sakralkünste von Administrator mächtig genug waren, um so etwas zu vollbringen, dass er einfach nur stumm zusehen konnte.
»Ja … guter Junge. Bleib einfach so«, gurrte die silberhaarige junge Frau. Vorsichtig zog sie das violette Prisma aus Eugeos Kopf. Sobald das Objekt entfernt war, setzte sein Verstand aus, und Eugeo sackte hilflos auf die Laken.
Administrator hielt das Prisma in den Fingerspitzen und betrachtete es liebevoll. »Das ist ein weiterentwickeltes Modell des Moduls. Ich habe es gerade erst fertiggestellt. Es erzwingt nicht nur Loyalität mir und der Kirche gegenüber, es enthält auch Schaltkreise, die die Fantasie anregen. Mit diesem Teil hier ist weiteres ineffizientes Training unnötig. Du wirst ›Incarnation‹ sofort einsetzen können. Fürs Erste ist es allerdings immer noch auf sehr grundlegende Funktionen beschränkt …«
Eugeo verstand nicht mal die Hälfte von dem, was sie sagte. Aber eines war klar – dieses Prisma, das Piety Module, kontrollierte seine Gedanken, machte ihn zu einem Integrationsritter und ließ ihn seine Freunde bedrohen. Ja, er hatte diesen Pfad selbst gewählt, aber jetzt, wo das Modul entfernt war, konnte er seine letzte Aufgabe erfüllen, ohne dass ihm diese lästige künstliche Gehorsamkeit in die Quere kommen konnte. Er bemerkte, dass der schrecklich kalte, stechende Schmerz ebenfalls aus seinem Kopf verschwunden war.
Doch auch ohne das Modul ließ die Taubheit, die ihn überkommen hatte, als sie mit dem Finger auf ihn gezeigt hatte, nicht nach. Er hatte keinerlei Kontrolle über seine Glieder.
Wenn er doch nur seine rechte Hand bewegen könnte. Dann könnte er das Ding an seiner Brust packen und sie damit erstechen …
Er wehrte sich mit aller Kraft gegen diese Pose, in der er mit gebeugtem Rücken gefangen war – und dann streckte sie ihre Hand wieder aus.
Eugeos Augen rollten nach oben, und er sah die Hohepriesterin. Sie hatte das Modul in der linken Hand und war ihm so nah, dass ihre Knie sich fast berührten. Ohne dass er auch nur dem geringsten Druck widerstehen konnte, wurde sein Kopf zu der lächelnden Frau hingezogen, und er fiel nach vorn.
Administrator bettete seinen Kopf in ihren Schoß und fuhr mit der Fingerspitze seinen Haaransatz nach. »Zeig mir noch mal deine Erinnerungen. Dieses Mal versenke ich das hier am allerkostbarsten Platz. Dann wird auch dein Kopf nicht mehr wehtun. Und noch besser … du wirst für immer frei sein von all diesen sinnlosen, armseligen Problemen und Schmerzen, deinem Hunger und deinem Durst.«
Der blasse Finger zog sich zurück und strich dann über seine Lippen. Das taube Gefühl verging, aber nur um seinen Mund herum.
Erneut zog sie die Hand weg, schenkte ihm ein Lächeln, bei dem ihm die Sinne vergingen, und forderte: »Jetzt sag noch mal die Worte, die ich dir beigebracht habe.«
Jetzt, wo er wieder ein wenig Kontrolle über sie hatte, zitterten Eugeos Lippen. Seine Erinnerung an den Kampf mit Kirito als Integrationsritter war verschwommen, genauso wie alles, was davor gewesen war. Aber die drei Befehlsworte, die er rezitieren sollte, standen ihm klar vor Augen.
Remove core protection.
Die sakralen Worte waren ihm unbekannt, und er konnte nur raten, was sie bedeuteten, aber eines war sicher: Dieser knappe Befehl diente dazu, die Tür, mit der alle Menschen geboren waren – und die geschlossen bleiben sollte, um den Geist zu schützen –, aufzureißen.
So war es Administrator gelungen, in Eugeos Erinnerungen zu blicken und die Leerstelle zu finden, in die sie das Piety Module eingesetzt hatte. Aber ihrer Aussage zufolge war der Syntheseprozess instabil gewesen, weshalb sie nun einen neuen Versuch startete.
Trotz der unglaublichen Gefahr, in der er sich befand, war Eugeo immer noch bei klarem Verstand, was bedeutete, dass die Tür wieder geschlossen war. Entweder schloss sie sich mit der Zeit selbst oder die Hohepriesterin hatte sie aus irgendeinem Grund geschlossen, nachdem sie fertig gewesen war. Er wusste es nicht. Aber wie dem auch sei, um ihn neu synthetisieren zu können, war Administrator darauf angewiesen, dass Eugeo den aus drei Worten bestehenden Befehl erneut aussprach.
Wenn er das tat, würde er aller Wahrscheinlichkeit nach vollkommen zu einem Integrationsritter werden und nie wieder die Gelegenheit bekommen, Alice’ Erinnerungen wiederherzustellen.
Aber wenn er sie nicht aussprach, würde Administrator seinen Verrat erkennen.
Der Moment war gekommen. Genau jetzt, während ihre Haut ungeschützt vor ihm lag, eröffnete sich Eugeo die letzte und beste Gelegenheit. Er musste einen Weg finden, das Gefühl in seinen tauben Händen wiederherzustellen, und sie erstechen.
Mit einer einfachen Geste hatte sie seinen Körper gelähmt. Und nicht nur das – sie hatte auch ohne ein Wort ein Licht über ihnen generiert.
Es hatte noch eine andere Situation gegeben, in der Eugeo beobachtet hatte, wie eine unsichtbare Macht genutzt worden war, ohne dass ein Befehl gesprochen worden wäre, auch wenn es sich um eine andere Art der Sakralkunst gehandelt hatte. Zuvor war es Bercouli Synthesis One gewesen, gegen den er viele Stockwerke tiefer im Badehaus gekämpft hatte – den Eugeo eigentlich als den Helden der alten Geschichten kannte, der das Dorf Rulid gegründet hatte. Mit einer einzigen Handbewegung hatte er sein entfernt liegendes Schwert an seine Seite geholt.
Genau genommen war das nicht das einzige Mal gewesen. In der großen Bibliothek hatte Cardinal Passagen mit einem Schwenk ihres Stabs geschlossen und Tische aus dem Nichts erscheinen lassen. Es musste ein Machtlevel geben, auf dem einfache Gedanken dieselbe Wirkung haben konnten wie das Rezitieren von Sakralkünsten.
Natürlich war Eugeo noch vor wenigen Tagen nichts weiter als ein Schüler an der Akademie gewesen. Seine Fähigkeiten in den Sakralkünsten waren nicht einmal so gut wie die der Novizen in der Axiom-Kirche, ganz zu schweigen von Meistern wie Administrator oder Cardinal.
Aber jetzt, in diesem Moment, blieb ihm nur die Macht seines Geistes, um diese Lähmung zu überwinden.
Kirito hatte ihm einst erklärt, dass man das, was einem am wichtigsten auf der Welt war, in sein Schwert legen musste. Mit anderen Worten, das Schwert bemächtigte sich der Kraft, die man in Herz und Geist trug, und dadurch wurden seine Hiebe härter und schneidender.
Wenn der Geist ein Schwert stärker machen konnte, musste dasselbe auch für die Sakralkünste gelten … oder überhaupt für alles, was Menschen taten.
Beweg dich, betete Eugeo. Seine Lippen öffneten sich, und er atmete gleichmäßig. Beweg dich, Hand, los.
Ich habe so viele Fehler in meinem Leben gemacht. Ich konnte Alice nicht retten, als der Integrationsritter sie verschleppt hat. Ich habe Jahre verschwendet, in denen ich nicht nach ihr gesucht habe. Und als ich endlich am Ende meiner langen Reise angelangt war, habe ich das Ziel aus den Augen verloren. Ich muss all meine Schwächen wettmachen.
»B…« Ein heiseres Krächzen entrang sich seiner Kehle. »Be…«
Administrators Lächeln, das direkt über seinem Kopf schwebte, erstarb. Ihre silbernen Spiegelaugen verengten sich, während sie versuchte, zu ergründen, was Eugeo vorhatte. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Er leitete alle Energie, die ihm zur Verfügung stand, in seine rechte Hand.
Doch die Taubheit wollte nicht nachlassen. Tausende unsichtbarer Nadeln stachen auf seine Finger und seine Handfläche ein und hielten sie an Ort und Stelle. Wenn er nur einen Moment lang seine Hand bewegen könnte, könnte sie danach gern in tausend Scherben zerspringen. Er musste kein Schwert schwingen. Nur eine winzige …
»Be…weg …«, presste er hervor.
In diesem Moment hüllte ein Licht seine Hand ein, die auf dem Laken lag. Es war warm und sanft und schien jeglichen Schmerz fortzuspülen. Augenblicklich verschwanden die Eisdornen, die sein Fleisch und seine Knochen durchbohrten.
»Was hast du …?«, murmelte Administrator und versuchte, vor ihm zurückzuweichen. Doch Eugeos bewegliche Hand glitt bereits in den Kragen seines Hemds und packte das Objekt, das dort an einer Kette um seinen Hals hing.
Es war ein kleiner Dolch, der in einem dunklen Kupferton glänzte.
Er zog ihn heraus und stach zu. Das Ziel war die weiße Haut, die aus dem tiefen Ausschnitt von Administrators Nachthemd herausschaute.
Er konnte sie gar nicht verfehlen. Die Klinge maß vielleicht nur fünf Cen, aber sie waren so dicht beieinander, sie berührten sich ja quasi schon – sie konnte unmöglich zu kurz sein.
Doch gerade als die nadelfeine Spitze in die Haut von Administrator eindringen sollte, passierte etwas Unfassbares.
Ein Krachen wie ein Donnerschlag ertönte, und um die Spitze des Dolches herum erschien ein Streifen aus violettem Licht. Die glühende Oberfläche bestand aus extrem winziger sakraler Schrift. Die Zeichen waren so klein, sie sollten gar keine Masse haben, und doch widerstand der dünne Film der scharfen Messerspitze.
»Hrrggh …!«
Eugeo biss die Zähne zusammen und beschwor seine gesamte Willenskraft, um den Widerstand zu durchbrechen. Cardinal hatte ihm und Kirito jeweils einen dieser Dolche gegeben. An und für sich hatten sie praktisch keine Angriffsstärke, doch das Ziel würde empfänglich werden für die Sakralkünste der kleinen Weisen in ihrer isolierten Bibliothek.
Eugeos Dolch hatte den Integrationsritter Alice in Schlaf versetzen sollen, und der von Kirito hätte Administrator bezwingen sollen. Aber dieser hatte seinen bereits bei Fanatio Synthesis Two verwendet, der Vizekommandantin der Ritter, gegen die sie auf der fünfzigsten Etage gekämpft hatten.

Damals hatte Cardinals körperlose Stimme zu ihnen gesagt: »Den Umständen nach zu urteilen, befindet sich Administrator momentan mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem Trancezustand. Wenn ihr die oberste Etage erreicht, bevor sie erwacht, könnt ihr sie auch ohne den Dolch eliminieren.«
Aber sie waren zu spät. Nun, da sie wach war, war die einzige Möglichkeit, Administrator zu besiegen, die ebenso mächtig war wie Cardinal, den Dolch in Eugeos Hand einzusetzen.
Er hatte Alice’ Erinnerungen wiederherstellen und sie mit nach Rulid nehmen wollen. Das war seit Jahren alles, was er sich gewünscht hatte. Aber dann hatte er zugelassen, dass er dem Zauber der Hohepriesterin verfiel, wenn auch nur vorübergehend. Er hatte sich in die Rüstung eines Integrationsritters stecken lassen und Kirito und Alice mit dem Schwert bedroht. Eugeo ahnte, dass sein ursprünglicher Wunsch nie in Erfüllung gehen würde. Es war unmöglich.
Aber wenn es einen Weg gab, für seine Sünden zu büßen, dann musste er sich selbst opfern – und diese Tat nicht aus seiner eigenen Überzeugung heraus ausführen, sondern, um ein sehr viel bedeutenderes Schicksal zu erfüllen.
Die elfjährige Alice, die aus ihrer Heimat verschleppt, ihrer Erinnerungen beraubt und in einen Ritter verwandelt worden war.
Tiese und Ronie, vollkommen unschuldige Mädchen, die wegen nichts weiter als des Geburtsrechts des Adels geschändet worden waren.
Sie waren die Produkte eines kaputten, korrupten Herrschaftssystems, und er würde all seine Kraft und sein Leben geben, um es zu zerstören. Wenn er sterben musste, um sicherzustellen, dass die Hohepriesterin gestürzt wurde, dann hätte all die Zeit, die er auf seiner Reise und an der Akademie verbracht hatte, wenigstens einen Sinn gehabt.
Doch trotz dieser Entscheidung, trotz der Entschlossenheit hielt ihn der violette Film von Administrators Haut fern. Sie selbst dagegen hatte offensichtlich nicht mit Eugeos Verhalten gerechnet, denn sie schreckte vor ihm zurück und atmete schwer.
Jetzt stand Wut in ihren weit aufgerissenen Spiegelaugen. Eugeo packte den Dolch auch mit der linken Hand und versuchte mit aller Kraft, den Film zu durchstoßen.
»Jaaaaa!« Die nadelfeine Spitze schnitt kaum einen Mil in die schimmernde Schutzschicht – als die sakrale Schrift, aus der die Barriere bestand, in einem grellen Licht explodierte und Eugeo und Administrator zurückwarf.
Eugeo taumelte durch die Luft, als sei er von der Hand eines unsichtbaren Riesen erwischt worden, aber während er vom Bett geschleudert wurde, gelangen ihm zwei Dinge gleichzeitig.
Er konnte die Kette, an der der Dolch hing, packen, bevor sie ihm entgleiten konnte, und als sein Rücken auf dem Boden aufschlug, griff er mit der anderen Hand nach der Scheide des Schwerts der blauen Rose, die direkt neben ihm lag.
Auch mit dem schweren Schwert, das ihn ausbremste, wurde er weiter über den Boden geschleudert, bis er mit dem Rücken gegen eins der riesigen Fenster prallte, die diesen Raum von der Außenwelt trennten.
»Nng …« Eugeo stöhnte vor Schmerz, hob den Kopf und blickte in die Mitte des Raums.
Der Betthimmel war abgerissen worden, sodass nur noch das runde Bettgestell übrig war. Auf der gegenüberliegenden Seite davon stand eine stumme Gestalt. Wie Eugeo war sie von der Explosion der Barriere zurückgeworfen worden, doch dabei schien nur ihr langes Haar in Mitleidenschaft gezogen worden zu sein, das nun wild um ihren Kopf stand. In ihrer linken Hand hielt sie das schimmernde Prisma, das sie aus seinem Schädel entnommen hatte.
Der dünne violette Stoff ihres Nachthemds hatte die Wucht der Explosion jedoch nicht überlebt. Administrator schien sich allerdings nicht die geringsten Gedanken über ihre Nacktheit zu machen. Mit der freien Hand glättete sie ihr langes silbernes Haar.
Dann nahm sie eine sitzende Position ein, als würde hinter ihr ein unsichtbarer Stuhl stehen, und überschlug ihre schlanken Beine. Geräuschlos bewegte sie sich durch die Luft, ohne ihre Haltung zu verändern, bis sie zehn Mer von der Stelle, an der Eugeo in der Südecke auf dem Rücken lag, anhielt.
Auf ihrem unsichtbaren Thron legte die Hohepriesterin die Finger an ihr Kinn und starrte Eugeo an. Er konnte sich weder rühren noch sprechen. Schließlich grinste die silberäugige junge Frau und sagte: »Ich habe mich schon gefragt, wo du dieses Ding versteckt hast … Das ist wohl das Werk der Kleinen aus der Bibliothek, nicht wahr? Sie hat es vor meinen Sinnen verborgen. Seit ich sie zuletzt gesehen habe, ist sie ganz schön gewieft geworden, was?«
Sie kicherte tief in ihrer Kehle. »Zu schade. Aber ich hab auch nicht einfach während der Arbeitszeit gepennt. Ihr Fehler war, diese Waffe aus einem Metallelement zu schaffen. Kein Metallobjekt kann meiner Haut noch Schaden zufügen. Weder die Machete eines Ogers noch eine dünne Nähnadel.«
»Wa…?«, stöhnte Eugeo, der immer noch am Boden lag.
Keine Metallwaffen konnten sie verletzen? Wenn das stimmte, war nicht nur Cardinals Dolch nutzlos, sondern auch jedes andere Schwert. Wenn er davon ausging, dass es sich bei dieser schützenden Sakralkunst um den seltsamen violetten Film handelte, der die Spitze seines Dolchs eben abgestoßen hatte, hatte er nicht die geringste Ahnung, um was für eine Kunst genau es sich handelte oder wie er sie brechen konnte – ganz zu schweigen davon, dass Eugeo dafür ohnehin die Fähigkeiten fehlten.
Er versteckte die kleine Klinge in seiner Handfläche und starrte zu der schwebenden Hohepriesterin hinauf. Etwas anderes blieb ihm nicht.
Die nackte Frau flüsterte: »Du armes Ding.«
Er schwieg.
»Ich habe dir ein Versprechen gegeben. Du hättest dich mir nur ganz hingeben müssen, und ich hätte dich geliebt. Und als die ewige Liebe, nach der du dich immer gesehnt hast, die ewige Herrschaft, in greifbarer Nähe war, hast du beschlossen, das zu tun?«
»Ewige … Liebe …«, wiederholte Eugeo, ohne sich wirklich bewusst zu sein, was er tat. »Ewige … Herrschaft …«
Sie nickte und spielte mit dem Piety Module, das sie aus seiner Stirn gezogen hatte. »Ganz genau, Eugeo. Wenn du dich mir ganz hingibst, wird der Durst, der dich schon dein ganzes Leben lang quält, gestillt. Die Probleme und Ängste, die dich die ganze Zeit verfolgt haben, werden verschwinden … Das ist deine letzte Chance, Eugeo. Benutz das Schwert in deiner linken Hand, um das Spielzeug in deiner rechten zu zerstören. Dann vergebe ich dir deine Sünden und belohne dich mit meiner Liebe.«
Aus seiner liegenden Position blickte Eugeo erst zum Schwert der blauen Rose, dann zu dem kupferfarbenen Dolch. Schließlich sah er zu Administrator und sagte: »In der Liebe geht es darum, zu herrschen und beherrscht zu werden …? Die Einzige, die mir leidtut, bist du, wenn du sie nicht anders beschreiben kannst.«
Jetzt war es an ihr, sprachlos zu sein.
Es bedurfte nur einer einzigen Bewegung ihrer schlanken Hand, um eine hochrangige Sakralkunst heraufzubeschwören und seine Lebensspanne augenblicklich auszulöschen. Doch Eugeo redete weiter. »Ich bin sicher … dass du auch so empfunden haben musst. Ausgehungert und auf der Suche nach Liebe … ohne sie je zu finden«, fuhr er fort, während er nachdachte.
Vielleicht war ich ein Kind, das nie von seinen Eltern geliebt wurde. Aber selbst wenn das stimmt, habe ich viele Menschen in meinem Leben geliebt. Den alten Garitta, den früheren Holzfäller. Schwester Azalia von der Kirche. Selka, die Novizin. Großvater, der mir Geschichten aus der Vergangenheit erzählt hat. Meine große Schwester Celinia, die sich um mich gekümmert hat, als ich klein war. Vanot und Triza Wolde von der Farm. Ihre Zwillinge, Telin und Telulu. Golgorosso, der mich trainiert hat. Frau Azurika, die Wohnheimaufseherin. Tiese, die in der kurzen Zeit, die sie mein Page war, mein Leben mit ihrem Lachen erfüllt hat. Ronie, die der Page meines Partners war.
Und Kirito.
Und … Alice.
»Du irrst dich, du bemitleidenswerte Seele.« Eugeo starrte in die mysteriösen Regenbogenaugen von Administrator und betonte jeden Satz. »Herrschen ist keine Liebe. Liebe ist kein Handel. Man gibt sie nicht, um etwas dafür zu bekommen. Man gibt beständig und selbstlos, wie Wasser, mit dem man eine Pflanze gießt … Das ist Liebe.«
Administrator hörte zu, und ein leises Lächeln umspielte einmal mehr ihre Lippen. Doch die Honigsüße war verschwunden. »Es ist eine Schande. Ich war bereit, dem kleinen Verbrecher, der die Axiom-Kirche betrogen hat, zu vergeben und seine Seele zu retten, und was bekomme ich im Gegenzug?«
Eugeo konnte nur fassungslos staunen, während sich die silberhaarige junge Frau, die dort in der Luft schwebte, vom Menschen zum Gott verwandelte.
Ihre äußere Erscheinung veränderte sich nicht. Aber ihre makellose weiße Haut wurde erfüllt von einer heiligen Aura. Unbegreifliche Macht lag in der Luft, die allein durch den Wink eines Fingers den größten Krieger oder Anwender der Sakralkünste in Stück reißen könnte.
»Eugeo … glaubst du wirklich, dass ich dich brauche? Dass ich es nicht wagen würde, dir das Leben zu nehmen, wenn ich dich wirklich als meinen Ritter haben wollte?«
In ihrem Lächeln ließ sich keine Emotion ausmachen. Er konnte nur den Dolch noch fester umklammern und dem entsetzlichen Druck, der seinen Körper zerquetschte, standhalten.
»Hi hi … Langweilige kleine Jungs wie dich brauche ich nicht. Ich sauge dir dein Leben aus, verwandle deinen Körper in ein winziges Juwel und sperre dich in einer Schachtel ein. So werde ich, nachdem ich die heutigen Erinnerungen wegarchiviert habe, wenigstens noch etwas empfinden, wenn ich es ansehe«, höhnte sie.
Es war kein Trick. Wenn sie wollte, dass das geschah, würde es augenblicklich eintreten.
Er hätte nicht fliehen können, selbst wenn es einen Ausweg gegeben hätte. Es würde viel zu lange dauern, bis die schwebende Scheibe ihn in den Stock darunter gebracht hätte. Und wenn es ihm irgendwie gelingen sollte, das Fenster hinter sich zu zerbrechen, erwartete ihn draußen nur die leere Luft, bis er in Hunderten Mer Tiefe auf dem Boden aufschlagen würde.
Außerdem war Eugeos Schicksal in dem Moment besiegelt gewesen, als er seine vollkommene Rüstungskontrolle gegen Alice und Kirito angewandt hatte. Er musste Cardinals Dolch in die Hohepriesterin rammen, und wenn es ihn umbrachte.
Sie wurde von einer Barriere geschützt, die alle metallischen Waffen abwies. Aber er hatte das Gefühl, dass sie nicht so übermächtig war, wie sie ihn glauben machen wollte. Als er all seine Kraft eingesetzt hatte, um den Dolch hineinzutreiben, hatte es gewirkt, als sei die Barriere selbst explodiert. Er bezweifelte, dass damit die Sakralkunst aufgehoben war, aber vielleicht konnte der Dolch nach der Detonation ihren Körper erreichen.
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