Kitabı oku: «Termonia»
Renate Doms
TERMONIA
Band 3
Der Schleier der Schatten

KNABE VERLAG WEIMAR
Für alle meine Lieben
»Möge die Fantasie Euch Flügel verleihen«
Renate Doms
INHALT
Cover
Titel
Widmung
Karte
Prolog
Eins - Geheimnisvolle Geschäfte
Zwei - Pläne
Drei - Die Schattenjäger
Vier - Was lange währt …
Fünf - Landazar Eastvale
Sechs - Neuer Weltenwechsel
Sieben - Kein Ausweg
Acht - Leinen los!
Neun - Schicksalhafte Erkenntnis
Zehn - Unheimliche Gefilde
Elf - Stürmische Nacht
Zwölf - Neue Hoffnung
Dreizehn - Mond der Seefahrer
Vierzehn - Rätselhafte Begegnung
Fünfzehn - Todbringender Eisklotz
Sechzehn - Kalte Schönheit
Siebzehn - Nemelist
Achtzehn - ... wird endlich gut
Danksagung
Nachwort
Weitere Bücher
Impressum
Fußnoten


Prolog
Julius saß auf seinem Schaukelstuhl, die Pfeife im Mundwinkel, und paffte weiße Rauchschwaden in den Nachthimmel. Sein Blick folgte dem Qualm, der durchs halb geöffnete Fenster von einer leichten Brise erfasst und hinaus aufs Meer getrieben wurde. In stetem Takt streifte der Lichtkegel des Leuchtfeuers die Gebirgskette am Horizont. Der alte Leuchtturm von Pelenall war das stolze Wahrzeichen der kleinen Hafenstadt. Unzähligen Seeleuten hatte sein Licht über viele Jahre den Weg nach Hause gezeigt. Der Leuchtturmwärter sah weiter hinaus aufs Meer. Das Wasser lag ruhig vor ihm und glitzerte im Schein des Mondes, der vom sternenklaren Himmel schien. Doch in der Ferne türmten sich schwarze Wolken auf.
»Das Wetter wird schlechter, bevor der Göttermond am Himmel erscheint«, bemerkte Julius und blickte zu seinem Enkel Tamilo, der am Tisch mit einem hölzernen Drachen spielte.
»Dauert es noch lange, Großvater?«, fragte der Junge, stand auf und stellte sich neben Julius.
Der alte Mann strich seinem Enkel, der sich die Nase an der Fensterscheibe plattdrückte, lächelnd über den roten Schopf. »Nur Geduld. Die musst du haben, mein kleiner Tamilo, wenn du eines Tages Leuchtturmwärter werden möchtest. Geduld, gute Ohren und Augen wie ein Adler. Heute ist die Nacht von Nemelist, dem Wasserschloss der Götter. Ich bin ganz sicher. Wenn diese schwarze Wand sich auflöst und der Göttermond sich in den Wellen spiegelt, dann wird Nemelist aus der Gischt emporsteigen, so heißt es.«
»Gibt es denn keinen, der das Schloss gesehen hat? Du auch nicht?«
Julius legte seine Pfeife in eine Holzschale, die auf der Fensterbank stand, und drehte sich zu Tamilo um.
»Nemelist selbst hat noch nie ein Mensch zu Gesicht bekommen. Im Grunde weiß keiner, ob das Schloss tatsächlich existiert.«
»Glaubst du es denn, Großvater?«
»Wer seinen Glauben an Hedog nicht verliert, der glaubt auch an dessen Schöpfung. Nemelist ist eine davon, ebenso wie die Triade der drei Magier. Das Mädchen aus der Menschenwelt hat Großes vollbracht und die Magier wieder vereint. Die Kunde verbreitet sich in Windeseile durch unsere Welten. Ja, mein Sohn, ich glaube ganz fest daran, dass Nemelist existiert. Es liegt inmitten der Todesklippen, bewacht von einem Lauerfisch. Kein Kapitän würde freiwillig in einer solchen Nacht die Segel setzten – nicht einmal ein Piratenkapitän. Aber du kennst die Geschichte doch.«
»Erzähl sie mir trotzdem noch einmal, Großvater. Wohnt jemand in diesem Schloss?«
Julius lächelte, setzte sich in seinen Schaukelstuhl, stopfte sich erneut ein Pfeifchen und begann zu erzählen.
»Hedog, der Gott des Lichtes und Wächter über die magischen Welten, hat neben seiner Triade noch andere göttliche Wesen, die dabei helfen, alles im Gleichgewicht zu halten. So auch die Elementare Telluria, die Erde, Aqualovandor, das Wasser, Auris, die Luft, und Ignis, das Feuer. Obwohl die vier Geschwister sind, gab es nie für sie die Möglichkeit sich zu begegnen. Das machte die Elementare sehr traurig. Telluria wurde unfruchtbar, woraufhin kaum eine Pflanze überleben konnte, Auris wollte vor Gram keine Winde mehr über das Land schicken, ihr Bruder Aqualovandor hockte bewegungslos in seiner Meereshöhle, so dass sich keine einzige Welle mehr an Ufern und den Felsen brach, und Ignis züngelte nur noch lustlos vor sich hin. Für die Menschen war das katastrophal. Die Schiffe konnten nicht mehr in See stechen, weil kein Wind ihre Segel aufblies und keine Welle sie über das Wasser tragen würde. Die Früchte auf den Äckern verdorrten, weil kein Wind auch nur eine Regenwolke über den Himmel trug. Die Menschen froren, weil kein Feuer so recht lodern wollte. Die Menschen drohten an der Hungersnot zu sterben, weil die Pflanzen und Bäume nicht mehr gediehen … Hedog konnte das nicht zulassen. Er ist ein guter Gott, der die Menschen liebt. So beschloss er, den Elementaren zu helfen und eine neue Ordnung zu errichten. Er wollte einen Ort schaffen, an dem sich die Elementare treffen konnten, um für kurze Zeit vereint zu sein. So erschuf er Nemelist, ein Schloss ganz aus Wasser und Meeresschaum, das von nun an in den Todesklippen liegen sollte. Und damit nie ein Mensch dieses göttliche Bauwerk zu Gesicht bekam, würde es von einem riesigen Lauerfisch bewacht werden. Einmal im Jahr zum Göttermond sollte Nemelist aus den Fluten steigen und den Elementaren für eine Nacht Unterschlupf bieten. Aber Hedog wusste, das Ignis dieses Schloss nicht einfach so betreten konnte, denn das Wasser würde den Feuerelementar zerstören. Von den Wolkenkindern ließ Hedog einen schwarzen Schleier weben, der ganz und gar aus den Schatten der Nacht und dem Licht der Sterne gefertigt war. Die Wolkenkinder webten emsig und jedes von ihnen webte eine Gabe mit hinein – Unverwundbarkeit, ewige Jugend und unendliche Macht. Dieses Artefakt wurde von nun an im Schloss aufbewahrt und durch seine Magie schützte der Schleier den mächtigen Feuerelementar vor dem Wasser. Seit dieser Zeit taucht Nemelist an Göttermond aus den Fluten empor und öffnet seine Tore für die Elementare. Viele wagemutige Seefahrer haben versucht Nemelist zu finden, um den wertvollsten Gegenstand zu erbeuten. Der Schleier der Schatten, der sich im Schloss auf einem Altar befindet, ist der größte Schatz, den es zu besitzen gilt. Doch keines der Schiffe ist je aus den Todesklippen zurückgekehrt und so konnte auch kein Mensch berichten, ob Nemelist tatsächlich existiert«, beendete Julius die Geschichte und blickte zu seinem Enkel.
Tamilo war zu seinen Füßen eingeschlafen. Sachte hob er den Jungen auf und trug ihn hinüber auf die Pritsche, die im Nebenraum stand. Ohne zu erwachen rollte sich der Kleine auf die Seite. Julius deckte Tamilo zu und strich ihm zärtlich über den Kopf. Dann ging er zurück, steuerte auf eine alte Truhe zu, hob den Deckel und holte einen Krug Rum hervor. Julius schlurfte die schmale Treppe empor, die zum Lampenhaus führte. Er trat hinaus auf den Rundgang, der um den gesamten Leuchtturm verlief, stellte den Krug auf den Boden und kontrollierte im Inneren das Leuchtfeuer und die zwei großen Spiegel, die sich allein durch die Willenskraft des Leuchtturmwärters um das Feuer drehten und so den Lichtkegel bis weit in die Ferne seine Kreise ziehen ließ. Als Julius sich vergewissert hatte, dass die Flammen hoch und die Spiegel blank genug waren, trat er wieder hinaus, lehnte sich an die Brüstung und blickte aufs offene Meer. Die schwarzen Wolken lösten sich allmählich auf und der alte Leuchtturmwärter wusste, dass es nun nicht mehr lange dauern würde. Kein Lüftchen wehte, kein Vogel kreischte. Nur das stete Geräusch der rotierenden Spiegel, die sich unermüdlich um das Leuchtfeuer drehten, war zu hören. Mit den Zähnen zog Julius den Korken aus dem Krug und nahm einen kräftigen Zug.
»Die Ruhe vor dem Sturm«, flüsterte er …


Eins
Geheimnisvolle Geschäfte
Der Marktplatz von Pelenall war an diesem sonnenverwöhnten Morgen voller Menschen. Buntes Treiben herrschte an jedem Fleck, dicht an dicht drängten sich farbenfrohe Karren und Stände und der Geruch von Fisch und Kräutern lag in der Luft. Fahrende Gaukler, Feuerschlucker, Messerwerfer und ein echter Schlangenbeschwörer sowie unzählige Musiker und Puppenspieler lockten die Vorbeigehenden mit ihrer Kunst. Händler boten ihre Ware feil und feilschten um jeden Tibar. Zwei Fischer stritten lautstark mit einer alten Frau um eine der begehrten Zinnmünzen.
»Weib, ich sage dir, dieser Tibar ist meinem Bruder eben aus der feuchten Hand geglitten, also rück ihn wieder raus!«
»Ihr bezichtigt mich der Lüge? Vergesst nicht, wen ihr vor euch habt. Ich bin keine Geringere als Salenga. Wie könnte ich je die Unwahrheit sprechen? Dieser Tibar ist mir aus meinen zittrigen Fingern gefallen«, erwiderte die Alte und ließ das Geldstück in ihrem Bauchbeutel verschwinden. Der Fischer war außer sich. Wutschnaubend kletterte er von seinem Fischerkarren und stapfte auf die Alte zu.
»Warte nur, ich werde dir schon beibringen, was es heißt, zwei ehrbare Fischer zu bestehlen.« Doch bevor er die Frau erreichte, stellte sich ihm eine andere in den Weg.
»Halte ein, guter Mann! Du willst dich doch nicht unglücklich machen.«
Der Fischer schaute die Dame erschrocken an. Die schlanke hochgewachsene Frau lächelte sanftmütig und hielt ihm eine Münze hin. »Ist es dies, was du begehrst? Nimm es hin und lass die Alte ziehen!«
Der Fischer starrte sie sprachlos an. Ihr langes Haar, über das ein seidener Schleier fiel, schimmerte golden in der Morgensonne. Sie trug ein edles Gewand, das ihr ohnehin anmutiges Antlitz unterstrich. Ehrfürchtig nahm der Mann den Tibar an sich.
»Habt Dank, edle Dame, und nehmt euch in Acht. Die Alte ist eine Hexe«, flüsterte er und kletterte zurück auf seinen Karren.
»Schick dich, Alte. Du bist nichts weiter als eine Kräuterhexe«, spottete der andere Fischer. Ein heftiger Stoß seines Freundes in die Seite ließ ihn verstummen.
»Halt’s Maul, oder willst du uns unglücklich machen?«
»Ich verfluche euch und euren Karren. Möge sich ein Gestank von verfaultem Fisch daraus erheben!«, wetterte die Alte.
»Lass gut sein, Frauchen. Wie war doch gleich dein Name?«, fragte die schöne Frau.
»Wer will das wissen?«, knurrte die Alte misstrauisch und musterte die Unbekannte genau. Sie ahnte nicht, dass sie Youla, der mächtigen Zauberin aus Termonia, gegenüberstand.
Ein unsäglicher fauliger Gestank breitete sich urplötzlich aus. Erstaunt drehte Youla sich zu dem Fischkarren um und hörte die beiden Fischer wehklagen.
»Was hast du getan, du Hexe? Unser schöner Fisch. Alles faul.«
Salenga lächelte zufrieden und Youla legte sich ein Tuch vor die Nase. Sie würde sehr vorsichtig sein müssen, diese Alte war nicht zu unterschätzen.
»Forderst du den Tibar nun von mir ein?«, fragte Salenga bissig und rümpfte ihre Hakennase.
»Wie käme ich dazu? Er soll dir gehören, ganz gleich, wie du an ihn gekommen bist.«
»Ich habe ihn nicht gestohlen, falls du das glaubst. Und diese elenden Gauner haben ihre gerechte Strafe erhalten. Niemand bezichtigt mich ungestraft der Lüge.«
Youla nickte stumm, dann brachte sie ihr Anliegen hervor: »Ich würde gern deine Dienste in Anspruch nehmen. Oder besser gesagt, ich könnte deine Hilfe gebrauchen.«
»Wieso sollte ich dir helfen?«
Youla hielt einen kleinen, prallgefüllten Lederbeutel vor das Gesicht der Alten. »Weil du dem hier nur schwerlich widerstehen kannst.«
Salengas Augen begannen zu leuchten. »Nun, bei diesem Argument, kann ich in der Tat schwer nein sagen.«
Die Alte grabschte gierig nach dem Geldsäckchen, doch die Zauberin zog es ruckartig zurück und ließ es wieder verschwinden.
Salenga schaute sich verschwörerisch um und bedachte die beiden Fischer mit einem garstigen Blick. »Folge mir! Wir gehen besser in meinen Karren. Hier treibt sich allerlei Gesindel herum, was ich nie zuvor gesehen habe. Der Pöbel strömt neuerdings aus allen Himmelsrichtungen nach Pelenall.«
Youla folgte der Alten quer über den Markt, vorbei an unzähligen Ständen, Marktschreiern, Waschfrauen und weiteren Händlern. Sie alle traten einen gehörigen Schritt nach hinten und senkten furchtsam die Köpfe, als die Frauen an ihren Ständen vorbeieilten. Sobald ihnen die beiden jedoch den Rücken zukehrten, starrten sie der alten Salenga und ihrer Begleitung neugierig hinterher.
»Ein edles Tuch aus zarter Seide für die schöne Dame?«, rief plötzlich ein Tuchmacher aus vollem Halse, als Youla seinen Marktstand passierte. Die Zauberin würdigte ihn keines Blickes.
»Welch arrogantes Gehabe. Und was hat die wohl mit der alten Kräuterhexe zu schaffen?«, schnaubte er verbittert und legte das Seidentuch zurück auf den Stapel.
»Lass sie lieber ziehen, Skolar. Du weißt, was beim letzten Mal geschehen ist«, riet ihm der Kerzenzieher vom Nachbarstand.
»Diese Hexe schnappt uns die erhabene Kundschaft vor der Nase weg und für uns bleibt kein Tibar übrig. Ich lasse mir das nicht länger gefallen.«
Salenga hatte des Händlers Worte vernommen und blieb abrupt stehen. Sie drehte sich zu ihm um und funkelte ihn mit glühenden Augen bösartig an.
»Kusch dich, Tuchmacher, oder ich belege dich mit einem Fluch«, zischte sie in seine Richtung.
Der untersetzte Mann zog es nun doch vor zu schweigen und tauchte hinter seinem Tuchstapel unter.
Die Zauberin hielt in ihrer Bewegung inne. »Mir scheint, die hiesigen Leute zollen dir gehörigen Respekt«, bemerkte sie anerkennend.
»Der Lohn jahrelanger Arbeit. Komm weiter!«, drängte Salenga und hielt auf die Mitte des Platzes zu, auf dem ein kleiner, aber sehr ansehnlicher Verkaufskarren stand. »Beerenweine & feinste Elixiere« stand in geschwungener Schrift auf einem Tuch, das vom Dach des Wagens über den Verkaufstisch gespannt war. Darunter reihten sich unzählige Flaschen, Phiolen, Gläser, Krüge eng aneinander und überall hingen duftende Kräuterbüschel von der Decke. Doch Youlas Aufmerksamkeit galt etwas anderem. Zwei weiße Spitzhorn-Omihyns waren vor den Karren gespannt und mümmelten an einem Heuhaufen, der vor ihnen lag.
Langsam ging Youla auf die Tiere zu, hielt jedoch respektvoll Abstand. Das Fell der Tiere glänzte silbrig in der Morgensonne. Eins der Omihyns hob den stolzen Kopf, auf dem ein goldenes Horn aus der langen Mähne hervorstach, und schaute Youla mit stahlblauen Augen an. Es legte seine Ohren an und gab ihr mit einem grimmigen Knurren zu verstehen, dass sie besser nicht näher kommen sollte. Fasziniert starrte Youla auf die Fabelwesen, die als lange ausgestorben galten. »Ich habe ja schon viel gesehen, Alte, aber das … Wie ist das möglich?«
»Geh besser nicht so dicht ran. Sie mögen es nicht, wenn Fremde sich ihnen nähern. Es sind die letzten dieser Art, deshalb hüte ich sie wie meinen Augapfel.« Die unausgesprochene Warnung in diesen Worten war nicht zu überhören. Die Alte ging an die hintere Seite des Karrens und kam schlurfend, einen weiteren Heuballen hinter sich her ziehend zurück. Die Tiere schreckten hoch, als die Alte an sie herantrat, ließen sie aber gewähren.
Salenga kraulte das eine Tier hinterm Ohr und es entspannte sich augenblicklich. »Nur die besten Kräuter sind in diesem Heu und sie danken es mir mit ihrer Zuneigung«, erklärte Salenga nicht ohne Stolz, während sie das Heu vor den stetig kauenden Mäulern ausbreitete. »Gehen wir rein und reden übers Geschäft.«
Youla folgte der alten Kräuterhexe zur Rückseite des Karrens, die nun die zu einer kleineren Tür führende Trittleiter hochstieg.
»Hereinspaziert, meine Schöne, und setz dich!« Salenga wies mit einer ausladenden Geste in den dunklen Innenraum.
Als Youla den Wagen betrat, schlug ihr ein starker Kräutergeruch in die Nase, der ihr fast den Atem raubte.
Unmengen von Kräuterbüscheln hingen mit Haken befestigt an der Wand oder von der Decke herab, einige lagen auf kleinerenund größeren Haufen. In zahlreichen Fläschchen brodelten Tinkturen, Arzneien und Säfte. Youla wagte nicht sich vorzustellen, was noch alles in den Gläsern und Gefäßen vor sich hin gärte und betrachtet angewidert ein Glas, das auf der Fensterbank stand. Ein Augenpaar schwamm in einer gelben Flüssigkeit und die Pupillen folgten gespenstig jeder ihrer Bewegung. In anderen Gläsern krabbelten hunderte von Käfern, Fliegen, Spinnen und anderes Kleingetier. Eine Kiste, die unter dem wackligen Tischchen stand, bewegte sich ruckartig.
Salenga fegte mit dem Fuß eine staubige Decke von der Bank und schob ein paar Gläser und Töpfe, die auf der Tischplatte standen, beiseite. »Du musst das Durcheinander schon entschuldigen, aber ich versuche immer, so viel wie möglich in den Karren zu stopfen, wenn ich auf den Markt fahre. Nimm doch Platz.«
Salenga wollte die Tür schließen, doch Youla hob abwehrend die Hand. »Lass sie offen, der Gestank ist ja unerträglich«, bestimmte die Zauberin und fügte mit einem unbehaglichen Seitenblick auf die sich bewegende Kiste hinzu: »Ich stehe lieber.«
»Wie du willst.« Salenga zuckte mit den Schultern und ließ die Tür offen stehen, vergewisserte sich aber gründlich, dass sie vor neugierigen Augen und Ohren verschont bleiben würde, während sie mit der feinen Dame Geschäfte machte.
»Nun, was kann ich für dich tun?«
Youla wusste, dass sie hier genau richtig war. Diese alte Kräuterhexe konnte ihr ganz sicher das geben, was sie begehrte. Die Zauberin nahm das Glas mit dem Augenpaar von der Fensterbank, drehte sich zur offenen Tür und hielt es gegen die Sonne.
»Mir scheint, dass du neben der Kräuterheilkunde auch eine Menge über, sagen wir mal, einzigartige Wesen weißt.« Youlas Augen glühten kurz auf und das Augenpaar im Glas schloss die Lider.
Entsetzt riss Salenga ihr das Glas aus der Hand. »Was hast du mit ihnen gemacht? Wer bist du?« Verstört klopfte die Alte gegen den Deckel, doch die Augen blieben geschlossen.
»Ich mag es nicht, wenn man mich beobachtet. Keine Bange, sie schlafen nur. Mein Name ist Youla und ich komme von weit her, um dich aufzusuchen.«
Beim Klang dieses Namens hoben sich Salengas müde Lider, teils aus Angst, teils aus Ehrfurcht.
»Youla?? Die Youla?«
Youla lächelte zufrieden. Es überraschte sie nicht, dass sie auch hier nicht unbekannt war, trotzdem gab sie sich bescheiden. »Wie mir scheint, eilt mein Ruf mir voraus.«
»Bei Hedog und das mir! Du bist eine der mächtigsten Zauberinnen. Wie könnte ich dir denn helfen?« Untertänigst beugte Salenga ihren betagten Rücken.
»Ich mag in der Tat eine gewisse Macht besitzen, dennoch gibt es etwas, dass ich nicht vermag. Aber du kannst das.«
»Was sollte das sein? Ich habe meine Kräuter und braue Tinkturen und Heilmittel daraus. Nicht mehr und nicht weniger.«
Youla ging einen Schritt auf das kleine Fenster zu, durch das man den Kutschbock und die zwei davor gespannten weißen Omihyns sehen konnte, die noch immer genüsslich das Heu mit ihren Zähnen zermahlten.
»Du bist im Besitz dieser edlen und einzigartigen Geschöpfe da draußen …« Die Zauberin wandte sich vom Fenster ab und warf einen sorgenvollen Blick auf den noch immer zuckenden Korb am Boden. »… und ich möchte lieber nicht erfahren, was sich in dieser Kiste verbirgt. Magische Geschöpfe waren mir schon immer ein Rätsel und ich ziehe es vor, ihnen weitestgehend aus dem Weg zu gehen. Es gibt allerdings ein Geschöpf, das ich aufzusuchen gedenke. Und damit dieses Zusammentreffen gut ausgeht, benötige ich deine Hilfe.«
»Welches Geschöpf sollte das denn sein?«
Youla schaute Salenga fest in die Augen. »Ein Lauerfisch.«
Salenga lachte spitz auf, aber dadurch konnte sie nicht verhindern, dass Youla ihr angsterfülltes Gesicht sah.
»Der Lauerfisch ist ein Mythos. Jeder weiß das. Ebenso wie Nemelist. Glaubst du tatsächlich an das Märchen von diesem Wasserschloss und dem Schleier der Schatten? Schleier, Schloss und Lauerfisch existieren nicht«, behauptete die Alte felsenfest, doch etwas an ihr zeigte, dass da ein Fünkchen Glaube an diese Dinge aufkeimte.
»Du weißt, dass sie existieren, Alte. Und du weißt, wie man dieses Ungetüm lahm legen kann, um ungehindert das Schloss zu betreten.« Youlas stechender Blick durchbohrte die Alte.
Salenga fühlte sich mehr und mehr unwohl in Gegenwart dieser Zauberin, denn sie spürte die schwarze Magie, die durch Youlas Adern floss. Angst überkam die Kräuterfrau und schließlich brach sie ein. Keine Sekunde länger hätte sie diesem Blick standhalten können, und Youla wusste das sehr genau.
»Ja, du hast recht, ich weiß um Nemelist und auch was es beherbergt. Ich weiß aber auch, dass es besser für uns alle ist, dass das, was im Schloss aufbewahrt wird, an seinem angestammten Platz verbleibt. Oder willst du den Zorn der Elementare auf dich ziehen?«
»Lass die Elementare meine Sorge sein. Brau du mir nur einen Trank, der den Lauerfisch außer Gefecht setzt«, erwiderte die Zauberin.
Salenga beäugte Youla nun argwöhnisch. Trotz Furcht witterte sie ein großes Geschäft … Größer als alle Geschäfte, die sie je abgewickelt hatte. Hiernach würde sie sich zur Ruhe setzen können. Sie durfte jetzt nur keinen Fehler machen. Sie stand auf, ging ein paar Schritte auf Youla zu und reckte sich zu voller Größe, was nicht viel nützte, denn Youla überragte sie um einen ganzen Kopf.
Die hochgewachsene Zauberin schaute hochmütig auf das Kräuterweib herab.
Salenga räusperte sich. »Was springt für mich dabei heraus? Mit ein paar lumpigen Tibar wirst du meine Dienste für dieses Vorhaben nicht bekommen«, tönte sie und mühte sich, ihre Stimme fest und fordernd klingen zu lassen, was Youla jedoch kaum beeindruckte. Die halbherzige Forderung rang der Zauberin nur ein müdes Lächeln ab. Sie packte die Alte an ihrem Tuch, drängte sie in eine Ecke des Wagens und drückte sie gegen die mit Haken bestückte Wand. Knisternd zerbröselten die Kräuter in abertausend Stückchen und rieselten zu Boden. Der Geruch von Salbei, Melisse und Minze breitete sich aus. Die metallenen Spitzen der Haken drückten sich durch Salengas Kleid und stachen sie in den Rücken. Die Alte stöhnte auf.
»Ich denke nicht, dass du in der Position bist, Forderungen an mich zu richten«, gab Youla ihr unmissverständlich zu verstehen, dann ließ sie sie los. »Die Bedingungen unserer Geschäftsbeziehung stelle ich.«
Salenga sackte zusammen, japste nach Luft und kroch von Youla weg.
»Ich gebe dir genau zwei Tage Zeit, dann komme ich wieder und hole den Trank. Und lass dir ja nicht einfallen zu verschwinden. Ich werde dich aufspüren«, drohte Youla und verschwand in einer weißen Rauchwolke.


Zwei
Pläne
Das monotone Piepsen des Weckers holte Cathy Punkt 5 : 30 Uhr aus einem unruhigen Schlaf. Ohne sich groß aufzurichten, suchte sie mit ausgestrecktem Arm im Dämmerlicht nach der nervenden Uhr, um sie zum Schweigen zu bringen. Der Inhalt des Bechers, den sie tags zuvor auf dem Nachttisch abgestellt hatte, ergoss sich über ihrer linken Schulter. Nun schnellte Cathy hellwach empor.
»So ’n Mist«, wetterte sie und schlug ihre Bettdecke zurück. Sie verpasste dem Wecker, den sie aus Watford mitgebracht hatte und der noch immer nervtötend piepste, einen kräftigen Schlag und er verstummte augenblicklich. Es war noch dunkel und Cathy horchte in die Stille. Sie hoffte, dass ihre Großeltern nicht wach geworden waren, was bei dem Lärm, den der Wecker und ihr Gepolter veranstaltet hatten, sehr unwahrscheinlich war. Cathy sollte sich nicht täuschen, denn Sekunden später pochte es ganz sachte an ihrer Tür.
»Komm rein, ich bin wach«, rief sie leise und ihre Großmutter trat ins Zimmer. Unter ihrem langen gelben Nachthemd schauten lustige bunte Pantoffeln hervor.
Perl hatte eine große Stola um ihre Schultern gelegt. Ihr graues Haar hatte sie zu einem Zopf geflochten, der über ihrer Schulter hing.
»Was in Hedogs Namen veranstaltest du denn so früh schon hier drin?«, flüsterte Perl verschlafen.
»Entschuldige, ich wollte euch nicht aufwecken. Ich habe den Wasserbecher umgestoßen, als ich den blöden Knopf vom Wecker nicht gleich gefunden hatte. Jetzt ist mein Bett ganz nass.«
Perl entzündete die kleine Lampe an der Wand über der Waschschüssel, woraufhin sich ein gemütliches Licht in der kleinen Kammer ausbreitete.
»Wo willst du denn um diese Uhrzeit hin?«
»Ich wollte mit Annabelle und Finn zu Hesekiel. Wir wollen schauen, wie weit er mit dem magischen Spiegel ist.«
Perl schüttelte ungläubig ihren Kopf. »Magischer Spiegel. So ein Unfug und dann auch noch mitten in der Nacht, als ob das nicht bis zum Tagesanbruch Zeit hätte.« Perl schüttelte müde den Kopf. »Der alte Hesekiel schafft es aber auch immer wieder, euch Kinder in seinen Bann zu ziehen. Kein Wort glaub ich ihm. Ich geh Frühstück machen.«
»Nein, warte, Großmutter, das brauchst du nicht. Leg dich wieder hin. Ich komm schon allein zurecht«, beteuerte Cathy, doch Perl winkte nur ab.
»Soweit kommt es noch, ich bereite seit Jahrzehnten das Frühstück in diesem Haus und das wird sich nicht ändern«, erklärte Cathys Großmutter lächelnd und verschwand nach unten.
Nachdem Cathy sich gewaschen und angezogen hatte, fand sie sich in der Küche ein. Ihre Großmutter schüttete gerade heiße Milch in einen Becher und stellte ihn zu dem Topf Honig auf dem Tisch. »Bei aller Magie um diesen Spiegel, Cathy, vergiss nicht, dass du deine Mutter und Onkel Milo heute noch holen musst«, erinnerte Perl ihre Enkelin und schob ihr die Brötchen hinüber.
Cathy gab einen Löffel Honig in die Milch und begann zu rühren. »Keine Sorge, das vergess ich nicht, Großmutter.«
»Cathy, willst du dir das mit der Schule nicht doch noch einmal überlegen? Nicht, dass wir dich nicht sehr gern hier haben, aber ich habe doch Bedenken, ob das alles so richtig ist, was wir hier tun.« Nachdenklich füllte Perl einen weiteren Becher mit Milch und setzte sich an den Tisch.
»Keine Chance, du kannst aufhören, Großmutter. Ich geh nicht zurück. Ich werde Youla suchen und ich werde sie aufspüren. Sobald Hesekiel eine Möglichkeit gefunden hat, wie Mom und Onkel Milo ohne das Amulett zwischen Watford und Termonia hin und her reisen können, mache ich mich mit Finn und Annabelle auf den Weg.« Cathy war entschlossen und Perl wusste, dass daran nicht zu rütteln war.
»Aber wo wollt ihr eure Suche beginnen?«
»Zunächst werden wir uns nach einem weiteren Portal umsehen. Das am Brunnen ist ja leider nur im Winter zu sehen. Aber es gibt sicher noch andere. Wir müssen nur die Augen offen halten.« Voller Zuversicht schaute Cathy ihre Großmutter an. »Ich finde diese Hexe und bringe sie zur Strecke. Und wenn es das Letzte ist, was ich tun muss. Sie wird nicht ungestraft davonkommen, nicht solange ich das verhindern kann.« Cathy stopfte sich den letzten Bissen ihres Brötchens in den Mund und stand auf. Sie ging zu ihrer Großmutter hinüber und gab ihr einen Kuss auf die Wange.
»Danke, du bist die Beste. Ich hab dich lieb. Muss jetzt los, Finn und Annabelle warten. Bis später.« Sie schlüpfte in ihre Jacke und die Schuhe, nahm den Bogen und die Pfeile und trat vor die Tür. Ein frischer Wind blies ihr um die Nase.
Cathy sog die Frische des Morgens in sich hinein. Es roch nach Frühling und sie liebte diesen Duft. Die ersten Frühlingsboten steckten ihre farbenfrohen Köpfe bereits aus der Erde und ein paar Vögel zwitscherten munter durcheinander. Cathy blickte zufrieden nach oben. Am Himmel über dem Berg zeichnete sich die Morgenröte ab.
»Hallo Frau Sonne, na, schälst du dich auch langsam aus deinem Bett?«, begrüßte Cathy den Tag, schloss ihre Jacke und überlegte kurz, ob sie den Weg zu Annabelles und Finns Haus zu Fuß oder durch die Luft beschreiten sollte. Sie entschied sich zu laufen. Obwohl sie das Fliegen in letzter Zeit für sich entdeckt hatte, ging sie auch gern zu Fuß. Sie liebte dieses Land und es fühlte sich an, als sei sie nie irgendwo anders gewesen. Cathy konnte sich nicht mehr recht vorstellen, wie es vorher gewesen war, als sie nichts von der Existenz Termonias ahnte. Sie spürte, dass dieser Ort ihr zu Hause war und dass es vorherbestimmt war, dass sie hier lebte. Als sie bei ihren Freunden ankam, begann Cathys Herz ein bisschen schneller zu pochen. Sie blickte in den liebevoll angelegten Garten. Annabelle hatte sich große Mühe gegeben, den Garten so schön wie möglich zu gestalten, und Cathy fand, das war ihr gelungen. Man konnte an der Farbenpracht der Blütenspitzen, die sich bereits über der Erde zeigten, erahnen, wie sich in wenigen Wochen ein Meer bunter Blüten rechts und links des Weges entfalten wird. Hyazinthen, Tulpen, Krokusse, Narzissen und viele andere Blumen, solche die Cathy völlig unbekannt, aber nicht minder schön waren, warteten hier vor dem Haus auf weitere wärmende Sonnenstrahlen, dazu der helle Anstrich am Haus, den Finn angebracht hatte. Cathy gefiel die wundervoll frische, junge und sehr gepflegte Oase. Viel Arbeit hatten die drei in den letzten Wochen in das Haus gesteckt, und es hat sich gelohnt. Cathy verbrachte fast jede freie Minute bei Annabelle und Finn, denn das Haus war in einem bedauernswerten Zustand gewesen, als die drei aus Itros zurückkamen. Das Geschwisterpaar Quinx hatte vorher jahrelang im Tempel gelebt und Barkasan und Youla gedient. Nach der Befreiung Termonias und der Zerstörung des Tempels kehrte die beiden in ihr Elternhaus zurück. Cathys Großeltern hatten über die Jahre zwar versucht, das Haus vor dem gänzlichen Zerfall zu bewahren, aber ein unbewohntes Haus verlor im Laufe der Zeit seinen Glanz, ganz gleich, ob man kleinere Reparaturen durchführte oder nicht. Doch nun sah das Haus wieder belebt und frisch aus und Cathy war sehr stolz, dass sie dazu beigetragen hatte. Sie mochte Annabelle unheimlich gern und ihren Bruder erst recht. Noch immer hatte sie das Gefühl, dass Heerscharen von Ameisen in ihrem Bauch zu tanzen begannen, wenn sie Finn Quinx näher kam.
Annabelles Bruder hatte ihr gehörig den Kopf verdreht und Cathy war verliebt bis über beide Ohren. Diese Verliebtheit machte es ihr jedoch schwer, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Noch hatte sie ihre neu erworbenen Fähigkeiten nicht jederzeit voll und ganz im Griff und Finns Anwesenheit während ihrer Übungsstunden lenkte sie immer wieder aufs Neue ab. Annabelle rollte dann stets genervt mit den Augen und scheuchte ihren Bruder fort, damit sie mit Cathy in Ruhe trainieren konnte.
Noch einmal atmete Cathy tief ein, um sich ein bisschen zu beruhigen, dann klopfte sie an die Tür.
»He, du bist ja überpünktlich«, wurde sie von Annabelle begrüßt. »Komm rein! Mein Bruder liegt noch immer in den Federn. Er hat gestern bis in die tiefe Nacht in dem Buch gelesen, dass du ihm geschenkt hast. Eigentlich tut er kaum noch was anderes, wenn du nicht hier bist.«
Cathy lächelte zufrieden. Als sie das letzte Mal in Watford gewesen war, um noch ein paar Sachen zu holen, hatte sie beschlossen, einige ihrer Bücher nach Termonia mitzunehmen. Ein paar ihrer Märchen und Fabeln hatte sie Finn gegeben, der sichtlich begeistert über die Drachenbuchreihe war, aber die Geschichte des jungen Zauberers hatte es ihm besonders angetan. Er schaffte es nur mit Mühe, das Buch wegzulegen, doch Annabelle bestand darauf, dass erst die Pflichten erledigt wurden.
»Hm, wenn ich geahnt hätte, dass er sich die Nächte um die Ohren schlägt, hätte ich ihm wohl besser keine Bücher geben sollen«, sagte Cathy und marschierte geradewegs an Annabelle vorbei die Treppe hoch. »Keine Sorge, ich schmeiß ihn aus dem Bett.«
»Tu das, ich mach derweil das Frühstück. Hast du Hunger?«, fragte Annabelle ihrer Freundin hinterher.
»Nein, danke, Hunger hab ich seit Omas leckerem Frühstück nicht mehr. Aber eine Tasse Tee, die trinke ich noch mit.«
Wenig später stand Cathy mit klopfendem Herzen vor Finns Tür, atmete noch einmal tief durch und trat dann leise ein.
Die Decke bis an die Nasenspitze gezogen schnarchte Finn vor sich hin. Cathy musste schmunzeln, als sie die knarzenden Töne vernahm, die ihr Freund von sich gab. Das Buch, das er gelesen hatte, lag aufgeschlagen auf dem Boden. Es hatte den Anschein, als war Finn über dem Lesen eingeschlafen und das Buch war heruntergerutscht. Leise ging sie hinüber zum Bett, hob das Buch auf und legte es auf den kleinen Tisch, der neben Finns Schrank stand. Dabei stieß sie gegen den Wasserkrug, der bedrohlich zur Seite kippte. In letzter Sekunde konnte Cathy verhindern, dass er umfiel, jedoch nicht ohne Geräusche zu machen.
»Annabelle, lass mich schlafen und hör auf, solchen Lärm zu machen«, moserte Finn unter seiner Decke hervor und drehte sich ohne aufzuschauen an die Wand.
»Ich bin’s. Wach auf du Schlafmütze«, lachte Cathy und zuppelte an der Bettdecke. Dann setzte sie sich auf die Bettkante.
Verschlafen drehte Finn sich zu ihr um und grinste. »Ach, du bist das. Na dann …«, freute er sich, griff nach ihrer Hand und zog sie zu sich herunter.
Die Ameisen in Cathys Bauch schienen ein Wettrennen zu veranstalten. Ihr Herz pochte so schnell, dass sie befürchtete, es könnte sich überschlagen. Sie lag neben ihrem Freund und ihre Gedanken rasten wie Kugelblitze durch ihren Kopf.
Finn hielt sie in seinem Arm und strich ihr zärtlich über den Rücken. »Von dir lass ich mich gerne wecken«, hauchte er leise und küsste ihren Hals.
Ein wohliger Schauer nach dem anderen huschte über Cathys Körper. Sie lag ganz still, mochte sich weder rühren noch atmen, aus Angst, das himmlische Gefühl könnte zu schnell verstreichen. Dann schaute sie ihn verliebt an. Einen Bruchteil einer Sekunden blickten sich beide in die Augen, dann küsste Finn seine Freundin. Finn hatte Cathy schon oft geküsst, aber dieser Kuss, das spürte sie tief in ihrem Herzen, war anders als alle anderen zuvor. So hatte er sie noch nie geküsst und Cathy wusste, wohin das führen könnte, wenn sie es zulassen würde. Doch so neu, schön und aufregend dieses Gefühl war, und so sehr sie Finns Nähe genoss, Cathy war noch nicht bereit für den nächsten Schritt. Befangen hangelte sie sich aus seiner Umarmung.
»Hab ich was falsch gemacht?«, fragte Finn nervös.
»Nein, hast du nicht«, sagte sie etwas atemlos und zupfte ihren Pulli zurecht. »Annabelle wartet mit dem Frühstück. Ich geh besser wieder runter zu ihr. Und du sieh zu, dass du aus den Federn kommst. Wir wollen Hesekiel nicht warten lassen.«
»Cathy …« Finns Stimme hatte einen seltsamen Klang.
Cathy stand an der Tür mit der Klinke in der Hand. Sie hielt in der Bewegung inne und drehte sich zu ihm um.
»Ich lieb dich. Ich will, dass du das weißt.« Das Gesicht ihres Freundes spiegelte die Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit seiner Worte wider.
Cathy spürte ein Glücksgefühl in sich aufsteigen. »Ich dich auch.« Lächelnd verließ sie das Zimmer und lief in Gedanken versunken die Stufen hinab.
Annabelle empfing sie fröhlich: »Na, hast du den Langschläfer wach bekommen?«
»Ja, kein Problem«, erwiderte Cathy und hoffte, dass Annabelle ihr nichts anmerkte. So unbekümmert es ihr möglich war, plapperte sie los: »Was glaubst du, wie weit wird Hesekiel sein? Ob er etwas gefunden hat, das er magisch beeinflussen kann, um meine Mom und Milo sicher durch die beiden Welten zu bringen?«
»Ich weiß es auch nicht, aber wie ich Hesekiel kenne, wird er sich ganz sicher etwas einfallen lassen. Hier dein Tee.« Annabelle schob Cathy einen dampfenden Becher über den Tisch.
»Danke.« Cathy setzte die Tasse an den Mund und pustete leicht hinein. Dann nippte sie und eine kleine Geschmacksexplosion offenbarte sich ihrem Gaumen. Cathy schmeckte Kamille und Minze, aber auch einen angenehmen blumig süßen Geschmack, den sie nicht zuordnen konnte. Sie stellte den Becher ab und lächelte zufrieden.
»Schmeckt ja klasse. Was ist das für ’ne Sorte?«
»Ich nenne ihn Tränenmeer.«
»Tränenmeer? Muss ich gleich weinen, oder was?«
Annabelle lachte. »Nein, ganz sicher nicht. Ich habe die Mixtur selber hergestellt. Zum einen ist es der Saft der Meerweide und zum anderen ein paar Silbertränen. Die wiederum schützen vor Gluroxgeifer, wie wir, dank Hesekiel, wissen. Und noch ein paar andere Kräuter wie Minze, Salbei und Kamille. Schön, dass er dir schmeckt«, freute sich Annabelle.
Cathy schaute Annabelle skeptisch an. »Gluroxgeifer? Ich bitte dich, Annabelle. Wo sollen wir denn mit diesem Schleim noch in Berührung kommen? Es gibt keine Glurox mehr.«
»Man kann nie vorsichtig genug sein. In Itros gab es sie schließlich noch, oder was waren das für Viecher, die auf und um Schloss Torvitas Wache standen? Nein, meine Liebe, ich bin vorsichtig, gerade, was diese Monster angeht.«
Cathy spürte die Anspannung, die Annabelle jedes Mal dann überkam, wenn sie nur über diese furchtbaren Kreaturen sprachen.
»He, Annabelle. Da sind keine Glurox mehr. Ganz bestimmt. Zytra ist tot und mit ihr starben diese Monster«, versuchte Cathy, ihre Freundin zu beruhigen.
»Was ist los? Habt ihr alles alleine aufgefuttert?« Finn kam die Treppe herunter und stoppte augenblicklich, als er das ängstliche Gesicht seiner Schwester sah. »He Annabelle, was ist mit dir? Hast du einen Geist gesehen?«
Cathy gab ihm durch einen strengen Blick zu verstehen, dass er ruhig sein und sich setzen sollte.
Finn jedoch rollte mit den Augen, während er zum Tisch ging, nahm die Kanne und goss sich Tee ein. Dann brach er ein Stück vom Brotlaib ab, tauchte es in ein Honigglas und stopfte sich das süße Stück Brot in den Mund.
»Nicht schon wieder, Schwesterchen. Dir jagen diese Teufel doch nicht immer noch Angst ein?«, schmatzte er.
»Doch, das tun sie. Und ihr zwei tätet gut daran aufzuhören, mich wie ein Kleinkind zu behandeln! Ich weiß, dass es keine Gluroxkrieger mehr geben dürfte. Ich war ja schließlich dabei, als wir ihnen den Garaus gemacht haben. Und doch sollten wir nicht allzu sicher sein. Immerhin werden wir uns auf die Suche nach dieser Hexe machen und glaubt mir, ich kenne Youla besser als jeder andere. Diese Zauberin besitzt große magische Fähigkeiten, und ich rede hier von der verbotenen Sorte der Magie.« Unwirsch begann Annabelle den Tisch abzuräumen.
»He, lass den Honig hier. Ich war noch nicht fertig«, protestierte Finn.
»Jetzt schon«, zischte Annabelle ihren Bruder an.
»Lass gut sein, Finn. Essen kannst du später auch noch. Du bist manchmal so unsensibel, weiß du das«, wies Cathy ihren Freund zurecht und half beim Aufräumen. »Wir sollten jetzt aufbrechen.«
»Unsensibel? Ich? Alles klar, ich versteh schon.« Kopfschüttelnd stand Finn auf und ging nach draußen. Krachend fiel die Tür ins Schloss, wodurch die beiden Mädchen erschrocken zusammenzuckten.
Cathy ging zu Annabelle hinüber und legte ihr den Arm um die Schulter. »He, er meint es nicht so, Annabelle. Komm schon, du hast ja recht, und dein Tee ist wirklich allererste Sahne. Wenn er dann noch schützt, was wollen wir mehr.« Cathy trocknete die letzen Teller ab und sah durchs Fenster, wie Finn draußen derweil ein paar Holzscheite zusammenraffte.
»Schon gut. Du brauchst ihn nicht in Schutz zu nehmen. Er ist manchmal eben plump, wie ein Grullop.«
In diesem Moment kam es Cathy in den Sinn, dass sie, obwohl sie schon seit gut vier Monaten in Termonia lebte, noch immer nicht wusste, was genau ein Grullop war.
»Sag mal, Annabelle, wo findet man diese Grullops? Und was sind das eigentlich für Viecher? Von Milo weiß ich nur, dass sie wohl gut schmecken sollen.«
»Ich selbst hab auch noch keins gesehen, aber von Glox weiß ich einiges über diese Tiere. Sie sollen sehr scheu sein, und größer noch als ein Omihyn. Sie haben sechs Gliedmaßen, die hinteren vier dienen zur Fortbewegung und die beiden vorderen nutzen sie wie Greifarme. Ihr Fell schimmert golden und sie stellen sich auf die Hinterbeine, um an die besten Blätter zu gelangen. Glox erklärte mir, wer einem Grullop einmal in die schwarzen Augen geschaut hat, dem soll ein langes Leben bestimmt sein. Angeblich leben sie in den Wäldern von Termonia. Was den Geschmack angeht, so denke ich, dass Milo dir einen Bären aufbinden wollte. Nie im Leben hat er eines dieser Tiere zu Gesicht bekommen. Ich jedenfalls würde es nie übers Herz bringen, eins zu verspeisen, wenn es mir über den Weg liefe. Es sind sehr magische Wesen, die sich nur dort ansiedeln, wo sie sich in Sicherheit glauben. Die Glurox haben Jagd auf sie gemacht und wahrscheinlich die restlichen hier lebenden Grullops ausgerottet. Das jedenfalls befürchtet Glox, und dass die, die ihnen nicht in die Falle gegangen sind, die Wälder und Termonia für immer verlassen haben.«
»Was meinst du, hat Glox einem Grullop ins Auge geschaut? Zumindest würde das sein hohes Alter erklären«, vermutete Cathy und stellte den letzten Becher in den Schrank.
»Ich weiß nicht, wir können ihn ja fragen. Er ist ganz sicher auch bei Hesekiel.«
Eine halbe Stunde später waren die drei auf dem Weg nach Jorba zu Hesekiel.


Drei
Die Schattenjäger
Eine frische Brise wehte vom offenen Meer in die Hafenbucht von Pelenall und ließ die Schiffe, die draußen am Kai vor Anker lagen, seicht schaukeln. Die letzten Sonnenstrahlen brachen sich glitzernd auf der Wasseroberfläche, als hätten die Götter selbst sie dort platziert. Im Hafen herrschte reges Treiben. Youla flanierte an den großen Handelskoggen entlang und suchte ein Schiff, welches für ihr Vorhaben geeignet war. Um sie herum wirbelten Hafenarbeiter, Matrosen und Schiffskapitäne hektisch auf und ab, als das Wetter schlagartig wechselte. Dunkle Wolkenberge zogen am Horizont auf und kamen bedrohlich auf Pelenall zu. Der Schatten eines riesigen Schiffes zeichnete sich vor der grauen Wolkenwand ab. Es sah ganz so aus, als würde der Dreimaster, der Kurs auf den Hafen nahm, die Schlechtwetterfront hinter sich her ziehen, um sie auf der Stadt niedergehen zu lassen. Die weißen Totenköpfe, die auf gekreuzten Säbeln thronten und sich deutlich von den schwarzen, vom Wind aufgeblähten Segeln abzeichneten, konnte man trotz der großen Entfernung, die noch zwischen dem Kai und dem Schiff lagen, deutlich erkennen. An der Mastspitze des Schiffes wehte eine schwarze Flagge, auf der ein weiterer Totenkopf hässlich grinste. Das weit aufgerissene Maul und die rotglühenden Augen der Galionsfigur ließen die Menschen im Hafen fiebrig durcheinander laufen.
»Das ist die Schattenjäger! Sie wird sich an der Starfire gütlich tun! Seht doch! Das Handelsschiff wird nicht weit genug im Bogen um die Schattenjäger fahren können!«, schrie ein Schiffsjunge aufgeregt und zeigte auf eine Handelskogge, die gerade abgelegt hatte und Kurs aufs offene Meer nahm. Panisch bahnte sich der Bursche einen Fluchtweg durch die Menschenmenge.
Youla fuhr erschrocken herum und schaute ihm ärgerlich nach. Er hatte sie in seiner Hektik übersehen und angerempelt. Solche unvorhersehbaren Berührungen mit dem Pöbel, wie die Zauberin die Einheimischen hier und andernorts stets zu nennen pflegte, mochte sie gar nicht und so überlegte Youla für den Bruchteil einer Sekunde, dem Burschen einen Fluch hinterher zu jagen. Jedoch war dieser zu flink und längst in der Menge verschwunden. Youla strich sich angewidert ihr Gewand glatt und blickte wieder in Richtung Kai hinaus. Die Handelskogge fuhr direkt auf den Dreimaster zu. Immer mehr Schaulustige drängten sich nun nach vorn, um Zeuge dessen zu werden, was gleich geschehen sollte.
Youla sah sich den Dreimaster genauer an und stellte fest, dass dieses Schiff zwar bedrohlich aussah, aber gänzlich unbewaffnet schien.
»Hm, das ist sehr untypisch für Piraten«, platze es amüsiert aus der Zauberin heraus.
»Lassen Sie sich nicht von dem, was sie sehen täuschen, Gnädigste. Dieser Dreimaster ist die Schattenjäger und ihr Kapitän kein geringerer als Landazar Eastvale selbst. Ein übler Bursche, sag ich Ihnen, und erst seine Mannschaft … Eine Dame Ihres Standes sollte sich jetzt nicht hier aufhalten«, riet ein Mann, der neben ihr stand und dessen Uniform erkennen ließ, dass es sich um einen Kapitän handelte.
Youla betrachtete den Mann argwöhnisch. Sein Bauch war so gigantisch, dass die Knöpfe seiner Jacke drohten, jeden Moment wie Geschosse auf die Menge niederzugehen. Vorsorglich trat die Zauberin einen Schritt zur Seite, blieb aber dennoch in seiner unmittelbaren Nähe. Er wartete darauf, dass die Ladung im Bauch seines Schiffes gelöscht wurde, bevor er seine gesamte Aufmerksamkeit den beiden Schiffen zuwandte.
»Wie soll ich das verstehen? Und was ist mit der Mannschaft?«, wollte Youla wissen.
»Wie meinen, Gnädigste?« Der Dicke hatte Mühe seinen Blick vom Geschehen abzuwenden.
Youla packte den Mann grob an seinem Arm, riss ihn herum und bohrte ihren Blick in seine Augen. Der füllige Kapitän zuckte schmerzvoll zusammen und starrte die Zauberin im nächsten Moment benebelt an.
»Ich habe dich etwas gefragt!«
Ohne es wirklich zu wollen, brabbelte er drauf los. »Die Mannschaft des Schiffes, das sind keine Menschen. Und auf dem Kapitän lastet seit jeher ein böser Fluch«, hauchte er und japste nach Luft, als würde er gleich ersticken.
Youla lockerte ihren Blick etwas, packte den Mann aber am Schlafittchen: »Ein Fluch? Rede!«
Der Dicke holte tief Atem und starrte Youla in die Augen. »Es gibt einen Guhl mit hohlen Augen und rissigen Lippen«, begann er, löste sich aus Youlas Griff und zuppelte sein Halstuch zurecht. Youla ließ den Mann gewähren.
»Auch wenn er seine Gestalt ändern kann, wie es ihm beliebt, so verrät er sich doch durch den Leichengestank, der von ihm ausgeht. Des Kapitäns rechte Hand ist eine Harpyie mit messerscharfen Krallen und Zähnen. Sie ist nicht so groß, wie die üblichen Harpyien, aber nicht minder gefährlich. Sie hält die Mannschaft in Schach. Ein Gobblin hockt meist im Krähennest, und dann gibt es noch zwei riesige, echsenähnliche Kerle. Die reden nie viel, aber ihr Geifer, den sie ständig absondern, soll hochgiftig sein.«
»Glurox. Interessant.«
In diesem Augenblick schien die Menge gemeinschaftlich den Atem anzuhalten und Youla schaute zum Hafen. Je näher die Schattenjäger kam, umso mehr Menschen suchten eilig das Weite. Eine ältere Dame neben ihr hielt ein Fernglas vor ihre Augen und blickte zu den Schiffen. Youla entriss es ihr, um selber sehen zu können, was da geschah.
»Unverschämtheit. Geben Sie mir sofort mein Glas zurück!«, forderte die Dame, doch Youla winkte nur abwertend in deren Richtung. Die Zauberin blickte zum Kai und sah, dass die beiden Schiffe derweil dicht aneinander vorbeifuhren. Bei genauerem Hinsehen bemerkte Youla allerdings, dass die Mannschaft der Handelskogge fast komplett verschwunden war. Nur ihr Kapitän befand sich noch immer auf der Brücke und hielt sein Steuerrad fest in den Händen.
»Ich sagte, Sie geben mir sofort mein Glas wieder!« Die Dame griff nach ihrem Glas, riss es Youla vom Gesicht, öffnete ihren Sonnenschirm und verschwand kopfschüttelnd im Gedränge. Youla wandte sich erneut an den dicken Kapitän, der angespannt aufs Wasser starrte.
»Was weißt du noch!?«
Der Kapitän druckste herum: »Da gibt es noch einen, einen einäugigen Riesen unter Deck in der Kombüse, und hin und wieder findet sich ein schwarzer Engel an Deck ein. Letzterer ist aber nicht ständig an Bord.«
»Du sagtest etwas von einem Fluch, der auf dem Kapitän lastet. Was kannst du mir darüber erzählen?«, fragte die Zauberin weiter, hielt den Mann am Arm fest und schaute zum Dreimaster.
Noch war die Schattenjäger nicht am Kai angelangt. Als ein Raunen durch die Menge ging, lösten sich die ersten Ansammlungen schnell auf. Die, die am Hafen zurückblieben, nahmen wieder ihr geschäftiges Treiben auf. An den sehr viel hektischeren Bewegungen der Marktleute und Hafenarbeiter bemerkte die Zauberin, dass die Anspannung jedoch weiter anhielt. Der Dreimaster flößte offenbar allen hier Furcht ein. Jeder wollte so schnell es eben ging fertig werden, um diesen Ort vorerst verlassen zu können.
Youla hakte bei dem fetten Kerl nach: »Was ist mit dem Fluch? Und wieso weißt du so viel über das Schiff und die Mannschaft?«
»Ich war einst unfreiwilliger Passagier an Bord der Schattenjäger. Und dieses Schiff trägt nicht umsonst diesen Namen. Landazar hat keinen eigenen Schatten. Den braucht er aber, um sein Schiff verlassen zu können. Dieses Handelsschiff, die Starfire, segelt bereits ihrem Verderben entgegen. Denn alle Schatten, die es je auf diesem Schiff gab, befinden sich nun auf der Schattenjäger«, berichtete der Mann nicht ganz freiwillig.
Youla horchte auf. »Aber wie um alles in der Welt kann jemand Schatten stehlen?«
»Wie er es tut, weiß ich nicht, nur dass er es tut. Unter Deck der Schattenjäger befinden sich viele Fässer. Jedes einzelne ist mit Pech verschmiert, sodass kein einziger Lichtstrahl hindurchdringen kann. In diesen Fässern bewahrt Landazar die gestohlenen Schatten auf. Und wenn er einen Landgang plant, so wie heute, dann braucht er sich nur zu bedienen. Sein Vorrat ist schier unerschöpflich, denn auf den Meeren gibt es jede Menge Schiffe, die ihm Nachschub liefern. Wenn sie mich nun entschuldigen würden, ich muss mich um mein eigenes Schiff kümmern und schauen, dass ich fortkomme, denn ich möchte meinen Schatten gern behalten und wenn Sie schlau sind, tun Sie das Gleiche«, legte der Mann ihr nahe, hob kurz seinen Hut zum Gruß und verschwand in der Menge.
Youla schenkte ihm keine große Beachtung mehr, denn sie hatte genug in Erfahrung bringen können. Dieser Kapitän kam ihr wie gerufen. Was passte perfekter in ihren Plan als ein Mann, der über keinen eigenen Schatten verfügte. Er würde sicher nur zu gern Kurs auf Nemelist nehmen, um in den Besitz des Schleiers zu gelangen.
Die Zauberin blickte zufrieden zum Kai. Das Objekt ihrer Begierde lief gerade in den Hafen ein. Youla steuerte auf den Kai zu, der nun nahezu menschenleer war, um dem Kapitän des Schiffes ihre ganz persönliche Aufwartung zu machen. Jetzt konnte sie die Umrisse des Piratenkapitäns ausmachen, der ohne jede Regung hinter seinem Steuerrad stand und unbeirrt Kurs auf den Hafen hielt. Eine Handbewegung seinerseits und auf der Schattenjäger wurden die Segel eingeholt und an der Takelage befestigt.
Das ist genau der Richtige für mein Vorhaben, dachte die Zauberin zufrieden und beobachtete, fast ein wenig ungeduldig, wie die merkwürdig anmutende Mannschaft der Schattenjäger die dicken Taue an der Kaimauer befestigte und sich dann mit aller Kraft in die Riemen legte, um den Dreimaster längsseits zu vertäuen.
»Eilt euch gefälligst, lahmer Haufen. Ich will in diesem Kaff nicht übernachten«, brüllte der Kapitän und kam langsam von der Brücke herab. Youla erreichte das Schiff in dem Moment, als das Laufbrett befestigt wurde. Kapitän Landazar stand oben und setzte einen Fuß auf das Holz. Youla legte ihr schönstes Lächeln auf und wollte den Kapitän in Empfang nehmen, als eine Harpyie mit weit aufgerissenem Maul und ausgefahrenen Krallen schreiend auf die Zauberin herabstürzte. »Geh aus dem Weg, Frauenzimmer!«
Im letzten Moment konnte Youla ihren Kopf in Sicherheit bringen. Aufgeregt beäugte der Guhl die Situation und der Gobblin, der gerade aus dem Krähennest kletterte, feuerte die Harpyie lachend an.
»Los Onori, mach sie alle. Fando kann sie dann für uns zubereiten. Das gibt ein köstliches Mal.«
Die beiden Glurox standen reglos an den Tauen, die sie gerade vertäut hatten, und beobachteten das Geschehen stumm.
Youlas rotglühender Blick haftete nun auf der Harpyie und im nächsten Augenblick schoss ein feuriger Blitz aus den Augen der Zauberin. Geschickt schlug die Harpyie einen Haken und Youla verfehlte das Biest um Haaresbreite. Krachend schlug der Zauber in den Bauch des Schiffes und hinterließ ein unschönes Loch im Holz. Schlagartig verging dem Gobblin das Lachen. Die Harpyie aber drehte ab und startete den nächsten Angriff auf die Zauberin.
»Halte ein, Onori!«, donnerte die raue Stimme Landazar Eastvales, der sich auf der mittleren Höhe des Laufbretts befand. Die Harpyie stoppte augenblicklich, flog zu ihrem Herren und setzte sich auf dessen Schulter.
Youla blickte den Kapitän an. Landazar Eastvale war eine imposante Erscheinung. Was auch immer für Gründe es sein mochten, dass sich manche Menschen Haare im Gesicht wachsen ließen, bei diesem Kerl war es ganz sicher Ausdruck seines Charakters. Diese ungeheure Menge schwarzer Haare, die wie Zweige eines Baumes wucherten, ließen selbst die Zauberin für einen kurzen Augenblick ins Wanken geraten. Dieser Bart war pechschwarz und der Kapitän hatte ihn zu einer unglaublichen Länge heranwachsen lassen. Die Breite des Gesichtshaares war auch nicht zu verachten, es stand ihm bis an die Augen und war mit Bändern zu kleinen Zöpfen gezwirbelt worden, die der Kapitän sich um die Ohren gewickelt hatte. Unter seinem Hut wucherte sein Haupthaar, das seitlich vom Kopf abstand und sein Gesicht und seine Augen rahmte. Diese wild und grausam schauenden Augen ließen den Kapitän wie eine Furie, die mitten aus dem tiefsten Itros stammte, erscheinen. Youlas Blick wanderte weiter und entdeckte die Pistolen … vier Stück an der Zahl, die in Holstern über seinen Schultern hingen. In der Tat, dachte Youla, dieser Mann weiß, was er will und was nicht. Und was er nicht hatte, war ein eigener Schatten. Genau das war es, was die Zauberin suchte.


Vier
Was lange währt …
Cathy, Annabelle und Finn entschieden sich, einen Teil des Weges zu Fuß zu gehen. Die Sonne lachte von einem wolkenlosen Himmel, die Vögel zwitscherten vergnügt und es roch nach Frühling. Bei diesem herrlichen Wetter war der Streit vom Frühstück zwischen Annabelle und ihrem Bruder fast verflogen.
»Es tut mir leid, Annabelle«, sagte Finn plötzlich.
»Was tut dir leid?«
»Na das, was ich vorhin beim Frühstück gesagt hab, über die Glurox und so.«
»Ja, mir tut es auch leid«, erwiderte Finns Schwester.
»Und was tut dir jetzt leid?«, fragte Cathy in die Runde, erhielt aber kein Antwort.
Stattdessen holte Annabelle ein kleines, mit Leinentuch umwickeltes Päckchen aus ihrem Beutel und reichte es Finn.
Er schaute sie fragend an und begann das Tuch abzuwickeln. Zum Vorschein kamen zwei Brotkanten, getränkt mit süßem Honig.
»Ich weiß doch, dass du unausstehlich bist, wenn du nicht richtig gefrühstückt hast.«
Mit vollem Mund nuschelte Finn: »Bist die beste Schwester der Welt, Annabelle.«
»Hast ja auch nur die eine«, bemerkte Cathy. Die beiden Mädchen lachten und Finn verzog das Gesicht.
»He, wenn ihr nicht aufhört, dann störe ich beim nächsten Mal wieder eure Übungsstunde.« Cathy rollte mit den Augen.
In der Vergangenheit hatte es sich Annabelle zur Aufgabe gemacht, Cathy ein wenig Unterricht im Zaubern zu geben. Doch Cathy stellte recht schnell fest, dass ihre Fähigkeiten viel ausgeprägter und vor allem anders waren, als die ihrer Freundin. So konnte Cathy nicht nur Gegenstände von A nach B zaubern, nein, sie konnte Aussehen und Farbe und manchmal sogar deren Beschaffenheit verändern. Wie genau das funktionierte, wusste Cathy allerdings noch nicht, was sie aber nicht daran hinderte, es immer wieder auszuprobieren. So durchlöcherte sie zum Beispiel an einem Tag sämtliche Eimer, die sich in Annabelles und Finns Haus befanden, ohne es selber zu wissen. Bemerkt wurde es erst, als Finn Wasser holen sollte und sich bei George einen unversehrten Eimer leihen musste. An einem anderen Tag hatte Cathy der Butter auf wundersame Weise eine grüne Farbe und einen bitteren Geschmack verpasst, das Feuerholz zu Staub zerfallen lassen, die Milch angesäuert und Finn ohne Hose dastehen lassen. Letzteres war ihr schon sehr peinlich, auch wenn Annabelle sich den Bauch vor Lachen halten musste.
Bisweilen bekam es Cathy mit der Angst zu tun, wenn sie darüber nachdachte, was wohl alles in ihr schlummerte und wozu sie noch fähig war, ohne eine Ahnung davon zu haben. Doch das Üben lohnte sich, denn Cathy verbesserte sich von Tag zu Tag und beherrschte bereits ein paar sehr zweckmäßige Zauber. Das Fliegen zum Beispiel klappte immer besser. Cathy schaffte es prima, ihre Höhenangst zu besiegen, doch so hoch hinaus wie Finn und Annabelle stieg sie noch nicht in die Lüfte. Sie glaubte, aus drei oder vier Metern Höhe eine Bruchlandung zu machen, war sehr viel ungefährlicher als aus richtig großer Höhe abzustürzen.
Finn lächelte sie dann nur gequält an und pflegte zu sagen: »Es ist egal, wie hoch du bist, Cathy, wenn du ’ne Bruchlandung hinlegst, kann die auch aus geringer Höhe ins Auge gehen.«
Cathy ging dennoch lieber auf Nummer sicher, auch wenn sie ahnte, dass Finn vermutlich recht hatte.
Heute stand zum Glück kein Übungsprogramm an. Nein, heute wollten sie Hesekiel besuchen. Und ja, sie würde fliegen … aber nicht höher als sonst. Hesekiel, der alte Botaniker, Heiler und Alchimist, lebte am Rande von Jorba. Jeder in Termonia kannte und schätze den klugen Mann. Egal, welches Wehwehchen einen plagte, Hesekiel hatte eine Medizin. Wenn das Obst und das Gemüse nicht so gedeihen wollten, wie sie sollten, Hesekiel lieferte stets ein Gebräu, das auch die kleinste Tomate zu einer Melone anschwellen ließ. Und wenn jemand eine Reisekarte benötigte, hatte Hesekiel auch dafür stets einen Plan.
Doch dieses Mal hatte Cathy Hesekiel um einen ganz besonderen Gefallen gebeten. Sie benötigte etwas, das ihrer Mutter und Milo erlaubte, ohne den Gebrauch des Amuletts zwischen Termonia und Watford zu wechseln. Ein schwieriges Unterfangen, denn man hatte den Tunnel, der einst durch die Kastanie im Garten der McAlasters in Watford führte, aus Sicherheitsgründen zerstört. Somit konnte man nur noch mit dem Schlüssel der Welten zwischen Termonia und Watford hin und her reisen, doch den benötigte Cathy selber, um Youla aufzuspüren.
Cathy blickte Annabelle und Finn an. »Was meint ihr, hat Hesekiel etwas gefunden, das für Reisen zwischen Termonia und meiner Welt geeignet ist?
Finn zuckte stumm mit den Schultern und Annabelle erwiderte: »Das werden wir gleich wissen.« Sie steuerte auf das Haus zu, an dessen Wänden sich eine Vielzahl verzweigter Pflanzenstränge emporhangelte. Überall steckten neue Triebe die Köpfe aus den Stängeln. Hier und da sah man schon die eine oder andere Blüte, aber alles in allem war es noch ein wenig zu früh für die ganze Farbenvielfalt, die dieses Haus und der Garten noch verbargen.
Es hatte schon lange nicht mehr geregnet, stellte Cathy fest, als sie den trockenen Boden ansah. Sie erinnerte sich an ihren ersten Besuch bei Hesekiel. Sie wusste, dass man die Lehmwände des Hauses aufgrund der Bepflanzung in ein paar Wochen nicht mehr ausmachen konnte. Die Ranken würden in den schönsten Farben blühen und das kleine Haus in eine Blütenpracht verwandeln, die in ganz Termonia ihres Gleichen suchte. Sie erinnerte sich sogar an den betörenden Duft, den diese exotischen Pflanzen verströmten. Aber irgendwie schien in diesem Jahr alles langsamer zu gedeihen, weil der Regen fehlte.
»Schade, dass die Blumen noch nicht alle blühen«, sagte sie und schaute sich ein wenig traurig um. Auch in den Kräuterbeeten, die Hesekiel so liebevoll angelegt hatte, schimmerte es bereits in zartem Grün.
Annabelle nickte Cathy zu. »Ja, im Sommer ist es wunderbar hier.«
»Hast du auch das Gefühl, dass ein bisschen Regen fehlt, Annabelle?«
»Ja, jetzt, wo du es erwähnst, Cathy. Es ist sehr trocken für die Jahreszeit.«
»Los, kommt jetzt! Wir haben Wichtigeres vor, als Hesekiels Blumen zu bestaunen«, ermahnte Finn seine Begleiterinnen und klopfte an die Tür.
»Nur herein spaziert!«, hörten sie Hesekiel freundlich rufen.
Die drei betraten das Haus und Cathy sah sich erwartungsvoll um, doch sie stellte rasch fest, dass sich nicht sehr viel seit ihrem letzten Besuch verändert hatte. Die Öffnung in der Decke war nach wie vor dort und versorgte den Raum mit Licht. Die alte Pritsche, auf der Hesekiel Verletzte versorgte, stand ebenfalls noch an ihrem Platz. Und auf den Regalen, die an den Wänden und vor den Fenstern angebracht waren, standen allerlei Tinkturen, Schalen mit Mörsern, die vielen seltsamen Instrumente, die sich drehten oder auf- und ab wippten, und viele Töpfe, in denen man bereits kleine Schösslinge sehen konnte.
Cathy wusste, dass viele der Pflanzen eine große Heilkraft für die unterschiedlichsten Gebrechen hatten. Und wahrscheinlich hatte jedes Kraut, das hier heranwuchs, auch ganz sicher magische Kräfte. So wie das Mondgras, dessen Heilkräfte für Cathy noch immer ein großes Wunder waren. Geistesgegenwärtig wandte sie sich dem Regal auf der gegenüberliegenden Seite des Tresens zu. Hier standen sie, große und kleine Töpfe, allesamt bepflanzt mit dem wertvollsten Kraut, das in Termonia je gewachsen war.
»Ich habe euch zwar erwartet, allerdings nicht ganz so früh am Tage.« Wie schon bei ihrem ersten Besuch tauchte Hesekiel auch dieses Mal wie aus dem Nichts hinter dem Tresen auf. Ruckartig drehten sich die drei zu ihm um. Cathy strahlte den betagten Mann im roten Umhang an. Wahrscheinlich hatte er sich noch nie gekämmt, kam es ihr in den Sinn, als sie die wenigen, aber dennoch sehr zerzausten weißen Haare betrachtete. Gebückt, auf seinen Gehstock gestützt stand er da und strahlte nicht minder, als er Cathy anschaute.
»Na, wenn das nicht meine kleine Cathy ist«, sagte er sanft und reichte ihr seine faltige Hand.
»Hesekiel, ich freu mich.« Strahlend legte sie ihre Hand in seine und eine wohlige Wärme durchfuhr sie, die die Härchen an ihren Armen aufstellte.
Hesekiel blickte ihr lächelnd in die Augen. »Voller Tatendrang wie eh und je, jedoch ist da noch etwas anderes, wie ich spüre. Du bist im Besitz einer wertvollen Gabe, Cathy. Nutze sie klug, mein Kind«, riet der Alte und wandte sich Annabelle und Finn zu.
»Die beiden Quinx-Geschwister. Es ist gut zu wissen, dass ihr mit Cathy befreundet seid. Hütet diese Freundschaft wie euren Augapfel, denn sie wird euch eines Tages euer Leben retten.« Liebevoll strich er Finn durchs Haar und streichelte Annabelle die Wange.
Unvermittelt brach Hesekiel seine Bewegungen ab und gab den dreien mittels Handzeichen zu verstehen, dass sie ihm hinter den Verkaufstisch folgen sollten. »Lasst uns nach unten gehen, ich habe Neuigkeiten für euch.«
Eine schmale Wendeltreppe führte nach unten in einen Keller. Nun war Cathy klar, dass es sich nicht um Zauberei handelte, wenn Hesekiel hinter seinem Tresen auftauchte.
»Seit achtsam mit den Stufen, bisweilen hat der Zahn der Zeit an ihnen genagt und einige sind ganz schön wackelig«, warnte der alte Heiler und nahm, den Gehstock fest im Griff, langsam eine Stufe nach der anderen. Die freie Hand rutschte zittrig über den Handlauf.
»Soll ich Sie stützen?«, bot Finn an.
»Nein, nicht nötig, junger Mann. Wenn ihr wieder fort seid, muss ich den Auf- und Abstieg auch allein bewerkstelligen.«
Den Raum, den sie mit der letzten Stufe betraten, würde Cathy als Labor bezeichnen. Weißer Dampf schlängelte sich an der Decke entlang bis hin zur Treppe, um sich schließlich nach oben entweichend aufzulösen. Feuchtwarm war es hier unten und es roch muffig.
»Puh, hier riecht es aber streng«, versuchte Cathy, es milde auszudrücken, und musste ein paar Mal husten. Auch Annabelle und Finn fiel das Atmen hier unten schwer. Das war kein Ort, an dem man sich sehr lange aufhalten wollte, doch Hesekiel schien das nicht zu kümmern.
Auf Tischen und Pulten, die im gesamten Raum verteilt waren, brodelte und köchelte es wie in einer Hexenküche. Die Wand gegenüber der Treppe war bis hoch zur Decke mit Büchern vollgestopft.
»Wow, und ich dachte schon, Glox hätte viele Bücher«, staunte Cathy und schritt ehrfürchtig auf die Bücherwand zu.
Finn und Annabelle gingen ein paar Schritte in den Raum hinein und schauten sich ebenfalls um.
Cathy konnte die Vielfalt an Wissen noch immer nicht fassen. »Haben Sie die alle gelesen?«
»Das sollte man meinen, mein Kind. Für das, was ich tue, ist es notwendig, diese Bücher gelesen zu haben und gegebenenfalls immer mal wieder nachzuschlagen«, bestätigte Hesekiel ihre Frage und steuerte auf eine Werkbank zu, die sich neben einer großen Truhe befand. Neugierig, was Hesekiel dort wohl werkelte, ließ Cathy von den Büchern ab und ging zu ihm hinüber. Die Geschwister folgten ihnen wissbegierig.
»Sieht aus wie bei einem Uhrmacher«, bemerkte Cathy anerkennend und ließ ihren Blick über den Tisch schweifen, an dem Hesekiel bereits Platz genommen hatte. Mit einem Auge schaute der Alte durch ein Vergrößerungsglas, das er sich auf den Kopf gesetzt hatte.
Die kleine Werkbank war übersät mit allerlei merkwürdig anmutenden winzigen Werkzeugen, die alle um einen Gegenstand verteilt waren, der Cathy bekannt vorkam, den sich jedoch nicht zuordnen konnte. Unzählige Zahnräder, Nadeln, Ösen, Spangen und Nieten, hauchdünne Drahtfedern, winzig kleine Schräubchen und etwas, das aussah wie die Kanüle einer Spritze, bedeckten die hölzerne Oberfläche. Inmitten des Wirrwarrs aus Kleinteilen stand eine kleine Kanne, in der Cathy Öl vermutete.
Finn kam näher an den Tisch heran und schaute fragend von einem zum andern. »Was ist das hier?«
Annabelle zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht. So ein Sammelsurium an verschiedenartigen Gegenständen habe ich noch nie gesehen«, stammelte sie fassungslos.
»Hol mir den Leuchter da drüben, Finn«, wies Hesekiel den Jungen an und deutete auf einen Kerzenhalter auf einem der Pulte.
Finn tat, wie ihm geheißen, und stellte den Leuchter schwungvoll auf den Tisch.
Schützend beugte sich Hesekiel über die Werkzeuge. »Sachte, Junge! Nicht auszudenken, wenn davon etwas zerstört würde.«
»Was tun Sie hier? Ich dachte immer, Sie seien Heiler und Botaniker. Seit wann sind Sie auch Mechaniker?« Cathy kratzte sich fragend am Kopf.
Annabelle starrte ihre Freundin unwissend an. »Ein was?«
»Das hier ist eines meiner Steckenpferde. Die Botanik, die Heilkunde und auch die Alchemie sind natürlich meine wichtigsten Arbeiten, aber ich liebe es auch, ein wenig zu tüfteln und auszuprobieren.« Hesekiel zwinkerte Cathy geheimnisvoll zu. »Die okularische Linse war, wie ich glaube, eines meiner Meisterstücke.«
»Die ist von Ihnen?«, fragten Annabelle und Finn wie aus einem Munde.
»Ganz recht.« Hesekiel beugte sich zu der Truhe hinunter und versuchte sie zu öffnen.
»Warten Sie, ich helfe Ihnen.« Cathy hob knarrend den Deckel an.
»Nimm das Tuch herunter«, forderte Hesekiel.
Cathy entfernte das schwarze Tuch und zum Vorschein kamen viele kleine, mit schwarzen Tüchern umhüllte Päckchen.
»Reich mir bitte eins, Cathy.«
»Welches?« Sie blickte ratlos auf die verschiedenen Bündel.
»Egal, gib mir irgendeins.« Hesekiel schmunzelte und seine Augen begannen zu leuchten, als er das von Cathy gewählte Päckchen in den Händen hielt. Vorsichtig wickelte er das Tuch ab.
»Was …«, mehr vermochte Finn nicht zu sagen, als er sah, was Hesekiel vor sich auf den Tisch legte.
»Na, wisst ihr, was das sein könnte?«
»Sieht aus wie ein Käfer«, warf Finn überrascht ein.
»Aber der sieht ganz anders aus, als die, die draußen rumschwirren. Der ist so glänzend«, bemerkte Annabelle verwundert.
»Das liegt daran, dass es kein gewöhnlicher Käfer ist. Dieser hier ist aus Metall«, platzte es aus Cathy heraus.
»Genau genommen aus Gold, Cathy«, erklärte Hesekiel und grinste noch immer über das ganze Gesicht.
Cathy kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Aus ihren Büchern wusste sie, dass es solche mechanischen Insekten gab. Auch hatte sie gelesen, dass es immer wieder Tüftler in ihrer Welt gab, die so etwas bauten. Aber sie hätte nie gedacht, dass ausgerechnet hier in Termonia jemand diese Kunst beherrschte. In ihrer modernen Welt war es kein Problem, an das Werkzeug und die Materialien heranzukommen. Aber wie um alles in der Welt war Hesekiel das gelungen? Unternahm er vielleicht hin und wieder einen Abstecher in die Menschenwelt?
»Wie ist das möglich? Ich meine, woher haben Sie die Sachen, die man dafür benötigt? Also das Gold und das Werkzeug und so?«
»Das Werkzeug habe ich mir selber angefertigt und das Gold lieferte mir der Goldstaub den mein Ur-Ur-Ur-Ur …, na du weißt, wen ich meine, vererbt hatte.«
»Sie meinen den Goldstaub, der vor tausend Jahren das Mondgras hervorbrachte?«, fragte Annabelle.
»Genau dieser. Aber nicht alles fiel damals auf den Boden, nein, einen großen Teil des Goldstaubes konnte mein Ur-Großvater zu seiner Zeit auffangen. Er hat es gut verwahrt. Ich habe es gefunden und festgestellt, dass man es nicht nur wie Saatgut behandeln kann. Mit Hilfe des Feuers ist es mir gelungen, den Staub zum Schmelzen zu bringen und ihn mir dann anderweitig zu Nutze zu machen. Zum Beispiel um es für einen solchen Käfer zu verwenden.«
»Ich wette, Sie können diesem Krabbler Leben einhauchen«, war sich Cathy sicher.
»Du bist ein kluges Kind.« Der Alte nahm den Käfer, klappte einen seiner Flügel hoch und zog an einer kleinen Feder, die sich direkt darunter befand. Dann setzte er den Käfer wieder ab und dieser begann zu summen und zu sirren, es tickerte und tackerte und plötzlich klappte er die Flügel auseinander, begann, sie schneller und immer schneller vor- und zurückzubewegen, und hob dann von Tisch hab.
Finn und Annabelle zogen die Köpfe ein, als der kleine Krabbler haarscharf über sie hinwegfegte.
Runde um Runde schwirrte der Käfer durch das Labor, bis Hesekiel seine flache Hand ausstreckte. Sofort drehte das mechanische Insekt ab und steuerte auf die Hand zu, um Sekunden später sicher dort zu landen.
»Hier unten funktioniert das sehr gut. Ich wage allerdings noch nicht, es draußen auszuprobieren. Ich befürchte, mein kleiner Freund könnte sich aus dem Staub machen und womöglich noch in die falschen Hände geraten.« Der Alte nickte zufrieden und wickelte den Käfer wieder in sein Tuch.
»Das ist …« Annabelle war völlig aus dem Häuschen.
»Und das alles ganz ohne Zauberei? Man zieht nur an diesem kleinen Ding unter seinem Flügel und dann schwirrt er los? Haben Sie noch mehr davon?« Wie ein kleiner aufgeregter Junge wippte Finn auf und nieder.
»So ist es. Alles mechanisch erklärbar. Die gesamte Truhe ist voll. Ich habe Libellen, Skorpione, Ameisen, Bienen, nahezu alles, was die Insektenwelt so zu bieten hat. Ist mein ganzer Stolz.«
»Okay, ich bin total begeistert, aber dennoch sind wir wegen etwas anderem hier«, warf Cathy ein.
»Ja, richtig, das hätte ich fast vergessen.« Der Alte reichte Cathy den umhüllten Käfer.
»Leg ihn bitte zu seinen Geschwistern«, bat er und wandte sich an Finn. »Ich zeige sie dir ein anderes Mal, mein Junge.«
Hesekiel schaute jetzt zu Cathy, die den Alten ihrerseits voller Erwartung ebenso ansah.
»Den Schlüssel der Welten zu kopieren, ist leider unmöglich, Cathy. Auch ein zweiter Tunnel nach Watford lässt sich nicht so ohne Weiteres bewerkstelligen. Der Spiegel, von dem Glox dir erzählte, ist leider auch nicht für unser Vorhaben zu gebrauchen.«
Cathy erinnerte sich an Glox’ Worte, als er ihr von dem alten Spiegel berichtete, den er einst bei Hesekiel gesehen hatte. Und da in Termonia so ziemlich alles magisch oder zumindest anders als die Dinge in Watford war, war auch dieser Gegenstand kein gewöhnlicher Spiegel.
»Heißt das, wir haben nichts, was es meiner Mom und Milo ermöglicht, zwischen Watford und hier zu reisen?« Cathy war aufgebracht, sollte alles Hoffen umsonst gewesen sein?
»Das ist nicht gut«, fuhr sie fort. »Dann haben wir ein echtes Problem. Ich kenne meine Mom, sie wird sich ganz sicher nicht dazu entscheiden, nur hier zu leben. Sie hängt zu sehr an unserer Welt. Und ich kann mich nicht auf die Suche nach dieser Hexe machen, wenn ich nicht hundertprozentig weiß, dass meine Mom in Sicherheit ist!«
»He, schon gut, uns fällt was anderes ein, ich versprech’s«, versuchte Finn Cathy zu trösten und drückte liebevoll ihre Schulter.
»Hör auf, Finn …« Cathy wischte seine Hand weg. »Sie und Milo werden uns begleiten wollen und das werde ich nicht zulassen. Es sind schon genug Menschen gestorben, weil sie mir helfen wollten.«
Hesekiel räusperte sich, nahm den Gegenstand vom Tisch, an dem er zuvor noch gearbeitet hatte, und zeigte ihn in die Runde. »Ganz hoffnungslos ist die Lage nicht«, raunte er.
Cathy schaute auf. »Haben Sie etwa doch was gefunden?«
»Sagen wir mal so: Ich glaube, das Etwas hat mich gefunden.« Er zeigte eine münzgroße silberne Scheibe, die aus vielen Zahnrädern, Federn und winzig kleinen Stiftnadeln montiert war. »Ich muss nur noch den Omihynstaub hier hineinstreuen und es dann zusammensetzen.« Er öffnete ein kleines Säckchen, fasste mit Daumen und Zeigefinger hinein und streute behutsam ein golden glänzendes Pulver auf die Zahnräder, dann setzte er sich die Lupe wieder auf den Kopf und schaute mit dem einem Auge hindurch. Vorsichtig legte er den Deckel auf die Scheibe und drehte die kleinen Schräubchen wieder in ihre Löcher. Zum Schluss befestigte er ein Zahnrad an der Seite und betrachtete sein Werk.
»Moment mal …« Cathy nahm ihm die Scheibe ab und schaute sie genauer an. Der Glasdeckel, der das Bild darunter schützte, war ein wenig gesprungen. Zwei goldene Symbole konnte Cathy auf dem tiefblauen Untergrund sehen. Bei näherer Betrachtung erkannte sie, dass es keine Symbole sondern geschwungene Buchstaben waren. Ein T auf der einen und ein W auf der gegenüberliegenden Seite. Eine winzige goldene Pfeilspitze, die an einem Pendel befestigt war, wiegte sich hin und her und zeigte mal auf das T und mal auf das W.
»Das ist meine alte Armbanduhr. Ich hatte sie hier gegen meinen Bogen eingetauscht. Sie sieht zwar verändert aus, aber ich erkenne sie wieder. Das Glas hatte einen kleinen Sprung, seht ihr, hier …« Sie zeigte Finn und Annabelle den kleinen Riss im Glas. »… und einer der Stifte, die das Armband hielten, fehlte. Wo haben Sie die her und was haben Sie daraus gemacht?«
Hesekiels Blick wanderte zu Cathy, die ein wenig erschrak, als sie in das riesige Auge des Alten schaute. Der Alte erschrak nicht minder. Ihm war nicht bewusst gewesen, dass er seine Lupe noch auf dem Kopf hatte, und glotzte mit einem Auge durch das Vergrößerungsglas. Rasch nahm er sie vom Kopf, dann machte sich ein Lächeln auf seinem Gesicht breit. Er nahm Cathy die Uhr wieder ab, grinste weiter und schwieg.
»Was ist so komisch daran?« Finn fand nichts Lustiges an der Situation.
»Ja, sagen Sie es uns«, drängte auch Anabelle voller Neugier.
»Nun …«, begann Hesekiel zufrieden, »… wenn dies ursprünglich dein Eigentum war, wie du sagst, dann sollte der Zauber seine Wirkung nicht verfehlen. Auch wenn diese Uhr, wie du sie nennst, mittlerweile durch viele Hände gegangen ist und jeder, der sie besaß, ein wenig daran verändert hat, so bleibt ihr Ursprung also Watford in London. Ich konnte sie auf dem Markt erstehen und sie für unsere Zwecke etwas bearbeiten. Ich nenne es Perpentikulum. Und jetzt wollen wir schauen, ob es auch funktioniert.«
Er drehte an dem kleinen Rädchen und stellte das Pendel mit der Pfeilspitze auf den Buchstaben W. Im nächsten Augenblick legte sich ein goldener Schein um die Scheibe und das Perpentikulum begann zu surren und zu pfeifen.
»Wow, was für ein Ton, schrecklich!« Cathy hielt sich die Ohren zu und kniff die Augen zusammen. Urplötzlich war es wieder still.
»Er ist weg«, stellte Finn erstaunt fest. »Einfach so.«
Cathy öffnete die Augen. »Glaubt ihr, er ist gerade in Watford? Das wäre ja fantastisch, dann könnten wir bald aufbrechen«, freute sie sich.
»Noch ist er nicht wieder hier, Cathy. Freuen wir uns also nicht zu früh«, stoppte Annabelle den Eifer ihrer Freundin.
Die drei warteten, doch Hesekiel kehrte auch nach geraumer Zeit nicht zurück.
»Wir nehmen das Amulett und schauen bei mir zu Hause nach«, beschloss Cathy. »Vielleicht ist er ja tatsächlich dort gelandet und wird nun von meiner Mom mit Fragen bombardiert.« Als sie das Amulett hervorholte und an ihr Herz legen wollte, vernahmen sie Hesekiels Stimme aus dem Verkaufsraum. Sofort eilten die drei nach oben.
Der Alte stand am Tresen und betrachtete das Perpentikulum von allen Seiten. Doch er war nicht allein … Glox stand neben ihm und Cathy fand, dass beide ein wenig zerzaust aussahen. Auch die Geschwister schauten sich irritiert an.
»Du solltest noch etwas an der Feinabstimmung arbeiten, mein Lieber«, mahnte Glox seinen alten Freund. »Nicht auszudenken, wo man landen könnte, wenn mit der Navigation etwas schiefgeht. Bedenke, dass dieses Perpentikulum kein Schlüssel der Welten ist.«
»Dessen bin ich mir durchaus bewusst, Glox«, versicherte Hesekiel. »Auch ist die Reise noch immer sehr holperig, wenn du mich fragst. Vielleicht könnte ich auch daran noch etwas ändern. Lass uns gleich ans Werk gehen.«
»Hallo? Haben Sie uns etwa vergessen?«, fragte Annabelle. »Sie haben uns einen ganz schönen Schrecken eingejagt, als Sie einfach verschwunden und nicht zurückgekommen sind.«
»Hallo Kinder«, begrüßte sie Glox herzlich.
Verwirrt blickte Hesekiel von einem zum anderen. »Was tut ihr denn hier?«
Entgeistert schauten die drei sich an.
»Aber …« Cathy war so geplättet, dass sie nichts mehr sagen konnte.
»Oh ja, richtig …« Hesekiel schlug sich vor die Stirn. »Tut mir leid, aber ich war so in Gedanken … Nun, wie ihr seht, hat es funktioniert. Zwar noch nicht so, wie ich mir das vorstelle, aber ich denke, es bedarf tatsächlich nur noch einer kleinen Feinabstimmung. Wahrscheinlich habe ich ein wenig zu viel Omihynstaub verwendet, was sicher auch meinen kurzzeitigen Gedächtnisverlust erklärt.« Hesekiel nickte, um seine Worte zu bestärken.
»Du hast Omihynstaub?«, fragte Glox sichtlich verblüfft.
»Was? Ach so, ja, den hab ich. Ist wahrscheinlich der letzte, den es gibt. Wissen kann man das natürlich nicht, aber hier in Termonia bin ich mir sicher, dass niemand außer mir diesen magischen Staub besitzt.«
»Aber es gibt hier in Jorba Omihyns. Lindas Dad hat welche, soviel ich weiß.« Cathy freute sich, den alten Herren auch einen Rat geben zu können, doch zu früh gefreut.
»Oh, das sind ganz normale Tiere, Cathy. Dieser Staub hier …« Hesekiel wackelte mit dem kleinen Säckchen. »… ist von ganz besonderen Tieren.«
»Ich habe darüber gelesen«, mischte sich nun Annabelle ins Gespräch ein. »Sie sind weißer als der Schnee und glitzern silbrig im Sonnenlicht. Man sagt, sie tragen ein goldenes Horn auf der Stirn und ihre Augen sollen so blau sein, dass einen ein kalter Schauer ergreift, wenn ihr Blick einen trifft.«
»Also, so wie Einhörner?«
»Nein, ganz und gar nicht, Cathy«, verneinte Glox. »Einhörner gibt es noch, aber die weißen Omihyns sind bereits vor vielen Jahrhunderten ausgerottet worden. Ihr Horn hat magische Kräfte, weshalb die Menschen überall, wo sie auftauchten, Jagd auf diese Tiere gemacht haben.«
Cathy schüttelte verständnislos mit dem Kopf. »Und ich dachte, nur in unserer Welt sind die Leute so abscheulich.«
Hesekiel räusperte sich. »Also gut, genug der Worte, lasst uns versuchen, das Perpentikulum fertig zu stellen, damit deine Mutter und dein Onkel Milo sich zwischen Termonia und Watford frei bewegen können und ihr euch auf die Suche nach Youla begeben könnt, bevor diese Hexe ein neues Unglück heraufbeschwören kann.«

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.