Kitabı oku: «Health Horse Agility»

Yazı tipi:

RENATE ETTL

Health Horse Agility

Gesundheitstraining für Pferde

Haftungsausschluss

Autorin und Verlag haben den Inhalt dieses Buches mit großer Sorgfalt und nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt. Für eventuelle Schäden an Mensch und Tier, die als Folge von Handlungen und/oder gefassten Beschlüssen aufgrund der gegebenen Informationen entstehen, kann dennoch keine Haftung übernommen werden.

Copyright © 2017 by Crystal Verlag, Wentorf

Gestaltung und Satz: jb:design, Johanna Böhm

Titelfoto: Renate Ettl

Fotos: Renate Ettl

Lektorat: Martina Kiss

Druck: Westermann Druck, Zwickau

Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

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Printed in Germany

ISBN: 978-3-95847-019-4

eISBN: 978-3-95847-719-3

INHALT

Vorwort

1. Ausgangslage

1.1Gesundheit statt Leistung

1.1.1 Die Aufgaben und Übungen im Health Horse Agility

1.1.2 Individuelles Trainingsprogramm

1.2Gesundheitliche Beeinträchtigungen des Pferdes

2. Gesundheitstraining

2.1Das Health-Horse-Agility-Konzept

2.1.1 Befundung

2.1.2 Prävention

2.1.3 Rehabilitation nach Verletzung und Krankheit

2.1.4 Gesundheitliche Defizite

2.1.5 Seniorentraining

2.1.6 Leistungssteigerung und Ausgleichstraining

2.2Muskeldysbalancen ausgleichen

2.2.1 Entstehung und Eliminierung von Muskelläsionen

2.2.2 Gezielter Aufbau der Rückenmuskulatur

2.2.3 Übungen zur Stärkung der Hinterhandmuskulatur

2.2.4 Muskeln im Schulterbereich kräftigen

2.2.5 Die Mikromuskulatur der Wirbelsäule aktivieren

2.3Balance und Koordination fördern

2.3.1 Nervenleitungen aktivieren

2.4Kreislauffördernde Maßnahmen

2.4.1 Konditionsaufbau und Stressabbau

2.5Mentale Fitness

2.5.1 Gehirnjogging

2.5.2 Selbstbewusstsein und Vertrauen stärken

3. Die Trainingspraxis

3.1Trainingsgrundsätze im Health Horse Agility

3.1.1 Richtig belohnen

3.1.2 Einsatz von Hindernissen

3.1.3 Das FoKE-Prinzip

3.2Step-over-Hindernisse

3.2.1 Feste Brücken

3.2.2 Wippe

3.2.3 Wasserspiele

3.2.4 Stangenarbeit

3.2.5 Sprünge

3.2.6 Abhänge und Steigungen

3.3Control-Hindernisse

3.3.1 Slalom und 8er-Lauf

3.3.2 Rückwärtsrichten

3.3.3 Engpass

3.3.4 Seitengänge

3.3.5 Drehungen

3.3.6 Lektionen auf dem Podest

3.4Balancehindernisse

3.4.1 Matratze und Balancepad

3.4.2 Der Schwebebalken

3.4.3 Sensorik-Trails

3.4.4 Der Kreisel und Wackelbretter

3.4.5 Die Hängebrücke

3.5Freie Übungen

3.5.1 Aktive Dehnungen

3.5.2 Verbeugen

3.5.3 Bergziege

3.5.4 Spanischer Schritt

3.5.5 Schaukeln

3.6Hindernis- und Aufgabenkombinationen

4. Der Health-Horse-Agility-Parcours

4.1Variationen in Ausführung und Schwierigkeitsgrad

4.1.1 Gangarten

4.1.2 Führen an der Hand

4.1.3 Leitseilarbeit

4.1.4 Freiarbeit

4.1.5 Reiten

4.2Trainingsplan und zielgerichteter Parcours

4.2.1 Beispielparcours für Freizeitpferde

4.2.2 Trainingsplan für Seniorpferde

4.2.3 Übungsparcours für Anspruchsvolle

VORWORT

In heutiger Zeit werden Gesundheit und Fitness großgeschrieben – nicht nur beim Menschen, sondern auch beim Pferd. Wellness und therapeutische Maßnahmen stehen hoch im Kurs, dennoch ist es nicht ausreichend, dem Pferd eine wohltuende Massage oder eine Solariumsitzung zu gönnen, um das Tier langfristig gesund zu erhalten. Neben Haltungs- und Fütterungsaspekten gehört auch ein adäquates Training zu einem ausgeklügelten Gesundheitskonzept.

Obwohl bekannt ist, dass Pferde von Natur aus nicht dazu geschaffen sind, Lasten zu tragen, will der Mensch das Pferd als Reittier nutzen. Dies bedingt, dass das Pferd diese unnatürliche Mehrbelastung kompensieren muss. Um dies zu bewerkstelligen, ist ein gezieltes Training notwendig, das den Körper über den Muskelaufbau und die Stärkung von Sehnen, Bändern, Gelenkstrukturen und Kreislaufsystem in die Lage versetzt, diese abnorme Mehrbelastung schadlos auszugleichen. Die Umsetzung dieses Trainings ist jedoch nicht so einfach. Es verlangt vom Ausbilder die Fähigkeit, das Pferd entsprechend zu motivieren, damit dieses gegen das Reitergewicht arbeitet. Auf diese Weise kann eine körperliche Überlastung durch das Gerittenwerden langfristig verhindert werden. Voraussetzung hierfür ist der vertrauensvolle und erzieherische Umgang mit dem Pferd und eine technisch anspruchsvolle Hilfengebung des Reiters, um den Pferdekörper so zu formen, dass diese Anforderungen erfüllt werden können. Genau an diesem Punkt scheitern jedoch viele Pferdeliebhaber. Der Weg zu einem einfühlsamen, verständigen Reiter ist lang und dauert mehrere Jahre. In den Lehrjahren des Reiters erleiden viele Pferde diverse Schäden durch falsches Gerittenwerden. Um diese ungünstigen Einflüsse zu mildern und den Weg in die gesundheitlich orientierte Trainingsrichtung zu ebnen, hilft das Health-Horse-Agility-Konzept sowohl Reitern als auch den Pferden auf dem Weg zu einem harmonischen und gesunden Miteinander. Dabei ist es irrelevant, in welcher Disziplin oder Reitweise ein Pferd eingesetzt wird, weil sich das Trainingsprogramm des Health Horse Agility stets individuell nach den Bedürfnissen des jeweiligen Pferdes richtet und nicht nach bestimmten Zielen einer Reitweise.

Gschaid, im September 2017



Das Gesundheitstraining erhöht die Fitness des Pferdes und schafft Reserven für Extremsituationen, die das Verletzungsrisiko minimieren.

1. AUSGANGSLAGE
1.1 Gesundheit statt Leistung

Das Konzept des Health-Horse-Agility-Trainings ist nach dem Gesundheitsprinzip und nicht nach den Grundsätzen der Leistungssteigerung aufgebaut. Das heißt, dass das Pferd in diesem Training nicht unbedingt schneller, höher oder weiter springen und laufen soll, sondern besser. Das Ziel ist, seine Bewegungen zu optimieren, um bestimmte Körperstrukturen planmäßig zu trainieren, damit diese eine Mehrbelastung (durch das Reiten) aushalten und somit langfristig gesund bleiben. Das eine schließt das andere aber nicht aus, denn ein gesundes Pferd ist logischerweise auch leistungsfähiger. Somit können auch gewisse Höchstleistungen erlangt werden, die sonst nicht möglich wären. Dies ist zwar nicht das primäre Ziel des Trainings, aber ein durchaus sinnvoller Nebeneffekt, der nicht nur dem Turnierreiter zugutekommt. Das gezielte Training schafft zudem wichtige Reserven für Extremsituationen und setzt auf diese Weise das Verletzungsrisiko deutlich herab.

Merke!

Das Konzept des Health Horse Agility ist nicht nach dem Leistungsprinzip, sondern nach dem Gesundheitsprinzip ausgerichtet.

Das Health-Horse-Agility-Konzept soll jedem Reiter ein Programm an die Hand geben, das er zielsicher umsetzen kann. Die Aufgaben und Übungen müssen dabei individuell an die Ausgangsposition von Reiter und Pferd angepasst werden. Zudem soll neben dem gesundheitsfördernden Aspekt auch der Spaß nicht zu kurz kommen, der letztendlich auch auf die Psyche einen positiven Einfluss hat. Denn nur ein gesunder Geist kann auch den Körper in seiner Genesung oder Gesunderhaltung unterstützen.

Durch den Einsatz von Hindernissen wie die Kufenwippe werden Muskelkraft, Balance und Koordination trainiert.

1.1.1 Die Aufgaben und Übungen im Health Horse Agility

Zwar steht das Leistungsprinzip im herkömmlichen Sinne nicht auf den Fahnen des Health-Horse-Agility-Konzepts, dennoch ist das Trainingsprogramm auf mehreren Leveln aufgebaut, um den Pferdebesitzer zu motivieren und den Fortschritt der Arbeit erkennen zu lassen. Zudem sollen die Übungen in den weiteren Stufen dazu dienen, die Kommunikation von Mensch und Pferd weiter zu verfeinern, die Aufmerksamkeit zu steigern, das Selbstbewusstsein zu stärken und die Bewegungen nachhaltig zu optimieren. Die Hindernisse und Übungen können zudem geführt, geritten, am Leitseil (Training auf Abstand) oder in Freiarbeit erarbeitet werden.

Die Hindernisse und Aufgaben sollte das Pferd möglichst selbst absolvieren und vom Menschen nur so viel Unterstützung erfahren, wie nötig ist, um die Aufgabe zu verstehen und sie sicher zu bewältigen. Selbstverständlich muss der Mensch eingreifen, wenn das Pferd einen Weg falsch einschlägt oder durch Fehltritte Unfälle und somit Verletzungen drohen. Der Eingriff erfolgt jedoch stets korrigierend, niemals strafend. Erfolgreiches Arbeiten wird zudem immer lobend begleitet.

Das weitgehend selbstständige Arbeiten des Pferdes motiviert das Pferd zur aktiven Mitarbeit und gibt ihm das Gefühl eigener Entscheidungsfreiheit. Der Ausbilder lenkt das Pferd jedoch über lobende und korrigierende Einflüsse sowie mithilfe der verwendeten Medien (Hindernismaterial) in die gewünschte Richtung. So kommen Hindernisse zum Einsatz, die das Pferd sowohl zu aktiven als auch passiven Reaktionen bestimmter Muskelgruppen verleiten. Das Muskeltraining geschieht nicht bewusst, sondern automatisch beim Lösen der Aufgabe. Hindernisse wie Stangen, Wippen, Pylonen, Brücken, Podeste oder unterschiedliche Trittmaterialien dienen nur als Mittel zum Zweck.

Das Hindernis – wie in diesem Fall der Drehteller – unterstützt die Hilfen des Reiters und aktiviert die Muskulatur, die auf diese Weise gezielt angesteuert werden kann.

Das Rad muss nicht neu erfunden werden, denn viele Reitsportdisziplinen bieten einen großen Fundus an Möglichkeiten, die für das Gesundheitstraining genutzt werden können. Aufgaben und Hindernisse aus den Sparten der klassischen Dressur können ebenso in das Health-Horse-Agility-Programm aufgenommen werden wie Übungen aus der Zirzensik, dem Extreme Trail, dem Trailparcours der Westernreiter oder dem Agility-Sport. Immer muss jedoch der Gesundheitsaspekt einer Übung im Vordergrund stehen. Dies erfordert das Verständnis des Ausbilders, welche Effekte bei welcher Übung entstehen und welche Aufgaben für das jeweilige Pferd passend sind.

1.1.2 Individuelles Trainingsprogramm

Die Übungen und Aufgaben im Health-Horse-Agility-Konzept werden für jedes Pferd individuell ausgewählt. Den Trainingsparcours beeinflusst insbesondere die Ausgangslage des Pferdes. Hierzu wird zunächst ein Befundungsprofil erstellt, das Auskunft über die Fitness des Pferdes, dessen gesundheitliche Beeinträchtigungen, eventuelle Exterieurmängel, den Charakter und seinen Ausbildungsstand gibt.

Bei Verletzungen kann ein Osteopath beispielsweise durch passive Mobilisationen dazu beitragen, die Heilung zu beschleunigen.

Aus der Sammlung verschiedener Übungen werden zielgerichtet die passenden Aufgaben ausgewählt. Alle Übungen, die für das jeweilige Pferd als gesundheitsfördernd eingestuft werden, können ins Programm aufgenommen werden. Dabei ist oftmals nicht die Übung an sich „gut“ oder „schlecht“, da dies mitunter stark von der Intensität und der Qualität der Ausführung abhängig ist, sondern die Aufgaben sind für das entsprechende Pferd entweder passend oder ungeeignet. Aus diesem Grund muss eine Übung stets mit Bedacht für jedes Pferd gezielt ausgewählt werden. Mit dem Programm des Health Horse Agility muss kein Reiter seine Leidenschaft für eine bestimmte Reitweise oder Disziplin aufgeben. Vielmehr kann er seine Disziplin mit dem Gesundheitstraining sinnvoll ergänzen. Das Gesundheitstraining nach dem Health-Horse-Agility-Prinzip dient nicht nur dem Ausgleich von Defiziten, sondern ist zusätzlich eine Abwechslung im Trainingsalltag und stellt somit auch ein ideales Ausgleichstraining dar.

Merke!

Das Health-Horse-Agility-Training gleicht Defizite aus, fördert die Vielseitigkeit und steigert die körperliche und psychische Belastbarkeit.

1.2 Gesundheitliche Beeinträchtigungen des Pferdes

Nicht nur alte Pferde sind von gesundheitlichen Beeinträchtigungen betroffen. Jedes Pferd kann von dem einen oder anderen Gesundheitsproblem geplagt sein. Die Ursachen können sehr unterschiedlich sein und reichen von Erbkrankheiten über traumatische Ereignisse bis hin zu degenerativen Erscheinungen. Häufig leiden Pferde auch an inneren Erkrankungen wie Gastritis und Magengeschwüren. Lungenprobleme, Leberschwäche oder Nierenleiden sind weitere Erkrankungen, die sich zunächst nicht unmittelbar äußern und sich dennoch auf den Einsatz des Pferdes auswirken.

Verletzungen und Erkrankungen des Bewegungsapparats gehen häufig mit Lahmheiten einher und sind deshalb offensichtlicher. Sie kommen bei Pferden relativ häufig vor, insbesondere treten Sehnenläsionen und Gelenksarthrosen auf. Neben der Unterstützung von Tierarzt und Therapeut kann das Health-Horse-Agility-Training dazu beitragen, die Pferde schneller wieder fit zu bekommen.

Neben den Erkrankungen und Verletzungen gibt es noch weitere krank machende Faktoren. Der Pferdebesitzer kann viel zur Gesunderhaltung seines Pferdes beitragen, wenn er die natürlichen Bedürfnisse der Equiden kennt und berücksichtigt. Hierzu gehören insbesondere eine naturnahe Haltung und Fütterung. Zusätzlich gilt es, den reiterlichen Einsatz dem Belastungspotenzial des Pferdes anzupassen und ein besonderes Augenmerk auf ein gut sitzendes Equipment (vor allem Sattel und Zaumzeug) zu legen. Selbstverständlich ist die genetische Veranlagung der Physis und Psyche eines Pferdes für die Einsatz- und Belastungsfähigkeit mit zu berücksichtigen.

Das Health-Horse-Agility-Training trägt dazu bei, den Aufbau defizitärer Strukturen gezielt zu fördern, um ein schadloses Reiten zu ermöglichen. Damit ist das Gesundheitstraining die beste Prävention, weil die Pferde länger gesund und fit bleiben.

Die Zweibeinwippe bietet hervorragende Möglichkeiten, die Schultermuskulatur zu kräftigen und die Balance zu verbessern.

2. GESUNDHEITSTRAINING
2.1 Das Health-Horse-Agility-Konzept

Was genau ist unter einem Gesundheitsprogramm, dem Health-Horse-Agility-Konzept, für Pferde zu verstehen und was will man damit erreichen? Einerseits soll es dazu dienen, ein Pferd gesund zu erhalten (Prävention), andererseits aber schon gehandicapte Pferde zu einer gesundheitlichen Balance zurückzuführen (Rehabilitation). Der dritte Aspekt ist die Leistungssteigerung, die den Pferden in ihren Spezialdisziplinen Vorteile verschaffen kann. Wir sprechen hier von einem „Training“, das als Zustandsveränderung, die einer gewissen Zielvorstellung entspricht und durch spezielle methodische, inhaltliche und organisatorische Maßnahmen erreicht wird, definiert wird. Anders ausgedrückt handelt es sich beim Training um einen Anpassungsvorgang des Körpers an eine veränderte (gezielt herbeigeführte) Belastungssituation. Dabei wird die körperliche Belastung dem physischen Zustand des Körpers maßvoll angepasst und auf die Zielvorstellung ausgerichtet. Diese beiden Komponenten in Einklang zu bringen, macht ein gutes Training aus.

Merke!

Mit dem Begriff des Gesundheitstrainings sind folgende drei Ziele verbunden:

1. Prävention

2. Rehabilitation

3. Leistungssteigerung

Um die Anforderungen eines Gesundheitstrainings auf das Pferd zu übertragen, muss zunächst das Ziel definiert und anschließend der körperliche (aber auch seelische) Zustand des Pferdes befundet werden. Darauf baut der Trainingsplan auf, der schließlich die Belastungsart, die -häufigkeit und die -intensität beinhaltet.

Exterieurmängel wie ein Senkrücken können zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen, die durch ein gezieltes Gesundheitstraining kompensiert und zumindest gemindert werden können.

2.1.1 Befundung

Konkret gilt es nun, folgende Überlegungen anzustellen: Der Trainer eines Pferdes muss zunächst den „Ist-Zustand“ des Pferdes feststellen, um daraufhin einen Trainingsplan erstellen zu können. Dies geschieht durch einen Befundungsvorgang mit einer Anamnese (Krankengeschichte), einer Adspektion (Begutachtung), einer Ganganalyse (Bewegungsmuster erkennen) und einer Palpation (Abtasten des Pferdes).

Die Anamnese besteht darin, die Entwicklung einer Krankengeschichte zu erfragen und zu verstehen, wobei insbesondere das Augenmerk auf die ursächlichen Einflüsse einer Erkrankung erforscht werden sollten. Denn das ausgeklügeltste Trainingsprogramm wird keine nachhaltige Wirkung zeigen, wenn die Ursachen von negativen Einflüssen nicht abgestellt werden können.

Die Beobachtung der Verhaltensweisen des Pferdes gibt dem Trainer die wichtigsten Hinweise über das Wohlbefinden des Reittiers.

Der Augenausdruck ist ebenfalls ein wichtiges Indiz für Stress, Angst, Schmerz und weitere Gefühle. Die Hals- und Schweifhaltung, Beinstellungen, die Fellstruktur, die Muskelausprägung und -verteilung sowie ungewöhnliche Exterieurmerkmale (Senkrücken, Karpfenrücken, Hirschhals etc.) werden ebenfalls in der Adspektion mitberücksichtigt. Des Weiteren sollte man auf Schwellungen, Dellen, Narben oder Hautverletzungen achten.

Das Pferd in Bewegung zu begutachten, gibt weiteren Aufschluss über mögliche Gesundheitsdefizite, vor allem im Bereich des Bewegungsapparats.

Zu guter Letzt lässt man seinen Tastsinn weitere Aspekte aufnehmen, indem man das Pferd palpiert und auf Schwellungen, warme Stellen, harte Bereiche und Strukturveränderungen untersucht.

Ist der Befundungsprozess durchlaufen, kann man den Gesundheitszustand eines Pferdes bereits gut einschätzen. Treten jedoch merkwürdige Phänomene auf (wie schlaffe Gliedmaßen, starke Lahmheit, Zittern und Ähnliches), sollte man den Tierarzt verständigen, um diese Symptome abchecken zu lassen. Es könnte sich um eine gefährliche Erkrankung handeln, die stets in die Hände des Tierarztes gehört. Ein allgemeiner Gesundheitscheck ist immer dann notwendig, wenn sich Anzeichen von Unwohlsein zeigen. Hier können die PAT-Werte (Puls, Atmung, Temperatur) erste Hinweise auf mögliche Erkrankungen liefern, wenn diese außerhalb der Normwerte (Puls: 28 bis 40 Schläge/Minute, Atmung: 8 bis 16 Atemzüge/Minute, Temperatur: 37,5 bis 38,2 °C) liegen. Ansonsten steht nichts mehr im Wege, ein für das Pferd individuell angepasstes Trainingsprogramm mit verschiedenen Zielrichtungen zu entwickeln.

Merke!

Folgende wichtige Befundungsfragen sollten geklärt werden, bevor man einen Trainingsplan erstellt:

Woher kommen die Beschwerden?

(Ursachenfindung)

Was sieht man am Pferd?

(Beobachtung des Verhaltens und Begutachtung des Pferdekörpers auf sichtbare Veränderungen)

Wie ist das Laufbild des Pferdes?

(Ist eine Lahmheit oder Taktunreinheit erkennbar? Verzögertes Auffußen? Verminderte Beugefähigkeit von Gelenken?)

Was kann man ertasten? (Schwellungen, Wärme, Strukturveränderungen)

2.1.2 Prävention

Idealerweise kann das Health-Horse-Agility-Training rein prophylaktisch durchgeführt werden und ist nicht aufgrund einer Verletzung oder anderer gesundheitlicher Defizite notwendig. Das Trainingsprogramm kann hierfür sehr individuell gestaltet werden, da man auf keine Vorschädigungen oder körperlichen Einschränkungen Rücksicht nehmen muss. Lediglich die Belastungsfähigkeit des Pferdes muss beachtet werden, um Überforderungen zu vermeiden und keine Verletzungen zu riskieren.

Unter die Belastungsfähigkeit zählt nicht nur die physische Stärke eines Pferdes (zum Beispiel Muskelkraft, Sehnenelastizität und -festigkeit), sondern auch, wie gut ein Pferd mit bestimmten Aufgaben psychisch umgehen kann. Wenn es zum Beispiel noch nie über einen wackeligen Boden (Balancematratze, Wippe, Hängebrücke etc.) gegangen ist, kann das Pferd unsicher werden und sich mit einem unkontrollierten Sprung zur Seite gar Verletzungen zuziehen. Darum ist es wichtig, dass das Pferd langsam an unbekannte Aufgaben herangeführt wird und diese jeweils konzentriert absolviert, ohne in eine Überforderungssituation zu geraten.

Ein Rehatraining ist nach Verletzungen eine wichtige Komponente, um das Pferd langsam wieder aufzubauen. Hierzu kann das Pferd beispielsweise an der Doppellonge gearbeitet werden.

Auf diese Weise hat das Health-Horse-Agility-Programm einen trainierenden Effekt, der dazu beiträgt, das Pferd gesund zu erhalten, da das Training Körper und Geist stärkt und das Pferd damit gegen krank machende Faktoren besser gewappnet ist.

2.1.3 Rehabilitation nach Verletzung und Krankheit

Das Health-Horse-Agility-Training eignet sich hervorragend für eine gezielte Mobilisierung nach einer Verletzung oder Krankheit, denn angeschlagene Strukturen können mit gezielten Übungen wieder aufgebaut und gekräftigt werden. Dies verhindert insbesondere die Gefahr von Rezidiven, denn verletzte Strukturen sind durch die Schonung erst einmal deutlich schwächer und darum verletzungsanfälliger. Aus diesem Grund ist ein gezielter Aufbau eine wichtige Maßnahme, um die Belastbarkeit wieder auf ein Normmaß zurückzuführen.

Typisch für lange Rekonvaleszenzphasen sind Sehnenverletzungen, die sich über Monate ziehen, sodass nicht nur ein physischer, sondern auch ein psychischer Ausgleich in den Zeiten eingeschränkter freier Bewegung für die Pferde wichtig ist. Solange sich die Kollagenfasern der Sehnenstruktur noch im Aufbau befinden, ist eine Bewegung ohne belastende Faktoren das Ziel. Wenn die Bildung von Ersatzgewebe abgeschlossen ist (Vernarbung), sollte die Sehne und ihr zugehöriger Muskel einem speziellen Aufbautraining zur Kräftigung unterzogen werden. Ein gezieltes „Nachsorgetraining“ ist bei Sehnenverletzungen besonders wichtig, damit Rezidive vermieden werden können.

Selbstverständlich ist auch bei allen anderen Verletzungen und Erkrankungen ein Rehatraining sinnvoll. Es müssen allerdings stets die Schwere der Verletzung sowie der Heilungsstatus in das Rehatraining mit einfließen, um keine weiteren Schäden zu produzieren, sondern mit dem Training die Heilung zu unterstützen. Bei Verletzungen sollte aber stets die Zusammenarbeit mit einem kundigen Tierarzt sowie einem therapeutisch erfahrenen Rehatrainer angestrebt werden, um das Bewegungsprogramm für das jeweilige Pferd zu optimieren.

2.1.4 Gesundheitliche Defizite

Manche Gesundheitsprobleme kann der Pferdebesitzer selbst regulieren, wenn er sich ein wenig mit der Materie befasst. Erfahrungsgemäß haben mehr als 80 Prozent der Reitpferde mehr oder weniger Probleme im muskulären Bereich. Diese Muskelprobleme sind selten verletzungsbedingt, sondern meist durch Überlastungen begründet (siehe Kapitel 2.2). Das Gesundheitstraining kann maßgeblich dazu beitragen, Muskeldysbalancen auszugleichen. Hier initiiert nicht in erster Linie der Reiter durch eine spezifische Hilfengebung eine bestimmte Bewegung des Pferdes, sondern dies wird häufig durch die Medien übernommen, die unterstützend eingesetzt werden. Dies hat den Vorteil, dass die Einflüsse des Reiters (Schenkeldruck, Zügelzug, Gewichtsverlagerung) selten gleichmäßig und objektiv gegeben werden können, weil auch Reiter eine stärkere und schwächere Hand haben oder eine ungleichmäßige Gewichtsverteilung durch Asymmetrien im Skelett und in der Muskulatur. Diese übertragen sich entweder verstärkend oder ausgleichend auf das Pferd, wodurch im ersten Fall Muskeldysbalancen und Fehlhaltungen unterhalten oder gar verstärkt werden. Die Führung durch Medien hingegen erfolgt neutral, sodass das Pferd nur seine eigenen Dysbalancen ausgleichen und nicht zusätzlich noch die des Reiters kompensieren muss.

So können beispielsweise Muskelatrophien und -verspannungen eliminiert werden, die Balance trainiert und die Koordination verfeinert werden. Auch wenn der Reiter dabei im Sattel sitzt, unterstützen die Medien und Aufgaben im Health-Horse-Agility-Training einen Teil der Hilfengebung, wodurch Störungen minimiert und der Trainingseffekt erhöht werden.

2.1.5 Seniorentraining

Ein erstklassiges Trainingsprogramm kann das Health Horse Agility für ältere Pferde darstellen. Auch hier helfen die Hindernisse, die Beweglichkeit der Gelenke zu erhalten, wenn Stangen und Auftrittsflächen zu vermehrtem Beugen der Gelenke anweisen. Zudem kann die Kraft erhalten werden, auch wenn sehr alte Pferde nicht mehr geritten werden.

Es ist grundsätzlich anzuraten, Pferde nicht bis ins hohe Alter unter dem Sattel zu bewegen, weil sie kaum mehr in der Lage sind, das zusätzliche Reitergewicht zu kompensieren. Deutlich schneller kommt es zu einer Trageerschöpfung des Rückens mit nachfolgenden Überlastungserscheinungen. Degenerative Vorgänge werden zusätzlich forciert. Dennoch sollen alte Pferde nicht „einrosten“, sondern in Bewegung bleiben. Hier kann das Gesundheitstraining helfen, Defizite auszugleichen und die Kraft, Koordination, Ausdauer und Kondition bis ins hohe Alter zu erhalten. Die alten Pferde sollen dabei Spaß haben und die Aufgaben lösen, die sie noch gut absolvieren können. Ob sie dabei nun an der Hand geführt, am Leitseil begleitet oder in Freiarbeit auf hohem Ausbildungsniveau einen Parcours bewältigen, ist unerheblich. Ein abwechslungsreiches und interessantes Training mit viel Bewegung ohne Überlastung ist im Health-Horse-Agility-Training auch ohne Reiter im Sattel garantiert. Der Übergang ins Seniorenleben kann dabei fließend gestaltet werden. Während der fitte 20-Jährige noch gut und gern seinen Reiter im Sattel mit in den Hindernisparcours nimmt, kann der 30-Jährige dieselben Aufgaben möglicherweise ohne Reiter bewältigen. Sogar ein Mitlaufen als Handpferd ist für ein altes Pferd noch gut möglich, sodass die Senioren nicht auf dem Abstellgleis landen. So ist ein seniorengerechtes Training möglich, ohne Gefahr zu laufen, den Organismus zu überfordern.

Alte Pferde leiden häufig unter Kraftverlust und den damit verbundenen Defiziten in der Balance und Koordination. Auch hier kann das Gesundheitstraining ansetzen und mit Balanceübungen defizitäre Bereiche gezielt ansteuern.

Merke!

Durch ein dem Leistungsniveau angepasstes Gesundheitstraining bleiben alte Pferde länger fit und agil.

2.1.6 Leistungssteigerung und Ausgleichstraining

Ganz abgesehen vom gezielten Einsatz der Health-Horse-Agility-Aufgaben zur Gesunderhaltung und Rehabilitation, eignet sich das Gesundheitsprogramm auch, um eine Leistungssteigerung für fitte Turnier- und Freizeitpferde anzustreben.

Damit die Pferde körperlich und geistig frisch gehalten werden können, ist zunächst ein abwechslungsreiches Training wichtig. Hier steht das Health-Horse-Agility-Konzept an erster Stelle, denn es wartet mit einer großen Vielfalt von Übungen auf. Mit bestimmten Lektionen können auch spezielle Bereiche gezielt trainiert werden, die dem jeweiligen Pferd für seine Spezialdisziplin zugutekommen. So müssen Springpferde zur Stärkung ihrer Hinterhandmuskulatur nicht immer nur Sprünge absolvieren, sondern können an Steigungen arbeiten oder ihre Muskeln mit beweglichen Brücken und Wippen trainieren. Damit bekommt der Reiter ein perfektes Instrument an die Hand, das Training abwechslungsreich und interessant, aber dennoch zielgerichtet zu gestalten.

Andererseits sollte man aber auch bemüht sein, im Training nicht nur ein Ziel zu fokussieren, sondern dem Körper auch einen gewissen Ausgleich anzubieten. Dies ist wichtig, um wiederum Überlastungen der verstärkt trainierten Strukturen zu vermeiden und um andere Körperbereiche nicht unterzuversorgen. Die mindertrainierten Strukturen neigen schließlich zu größerer Verletzungsanfälligkeit. Ein Pferd kann nur wirklich fit sein, wenn es gleichmäßig trainiert ist.


Sowohl junge als auch vor allem alte Pferde können am Gesundheitstraining am Boden gearbeitet oder als Handpferd mitgeführt werden.

2.2 Muskeldysbalancen ausgleichen

Muskeldysbalancen sind bei Pferden sehr häufig. In mehr als 80 Prozent der Fälle ist die Ursache von Lahmheiten im myofaszialen System zu suchen. Eine defizitäre Muskulatur springt dem Pferdebesitzer oft deutlicher ins Auge als die meisten anderen Läsionen des Bewegungsapparats. Somit liegt der Fokus meist im Muskelaufbau. Das Pferd soll athletisch und muskulös aussehen, denn dies zeugt von Fitness und Gesundheit. Auf ein schönes, gesundes und fittes Pferd ist jeder Pferdebesitzer stolz.

So haben die meisten Pferdebesitzer Angst, dass ihre Pferde Muskulatur abbauen, wenn sie beispielsweise während des Urlaubs nicht in der Lage sind, ihre Pferde regelmäßig zu trainieren. Bei sichtbar atrophierten Muskeln wird somit das Training noch stärker intensiviert und der Frust ist groß, wenn die Muskulatur einfach nicht aufbauen will.

Bevor die Frage geklärt werden kann, weshalb Muskulatur trotz intensiven Trainings nicht aufbaut, muss man sich zunächst darüber Gedanken machen, weshalb die Muskulatur zuvor atrophiert ist. Denn die Ursachensuche und -bekämpfung ist der erste und wichtigste Schritt zur Lösung eines Problems. Erst wenn ein Muskel arbeitsfähig ist, kann man ihn durch systematische Übungen trainieren und stärken.

Unpassende Sättel sind häufig der Auslöser, dass der Trapezmuskel durch dauerhaften schmerzhaften Druck atrophiert.

2.2.1 Entstehung und Eliminierung von Muskelläsionen

Das Pferd besitzt über 250 paarig und einige unpaarig angelegte Muskeln, die über ihre sehnigen Ausläufer meist zwei oder mehrere Knochen miteinander verbinden. Muskeln können aber auch an Bandstrukturen oder Fasziensträngen anhaften. Durch Kontraktion verkürzt sich die Gesamtmuskellänge, wodurch die Knochen in Bewegung versetzt werden und sich die Gelenke beugen oder strecken. Diese Muskeln nennt man deshalb Bewegungsmuskeln. Es gibt aber auch sogenannte Haltemuskeln, die Knochen oder Gelenke in einer bestimmten Stellung halten und somit stabilisieren.

Merke!

Um Muskeldysbalancen auszugleichen, muss die Muskulatur zunächst in einen arbeitsfähigen Zustand versetzt werden. Erst dann kann sie mit kräftigenden (Kontraktion der Muskulatur) und dehnenden (Entspannung der Muskelfasern) Übungen aufgebaut werden.

Ein Muskel kann sich aktiv nur zusammenziehen, sich aber nicht selbst wieder entspannen. Hierzu benötigt der Muskel einen Antagonisten (Gegenspieler), der durch dessen Kontraktion den Agonisten wieder in die Länge zieht. Wenn ein Muskel (Agonist) somit ein Gelenk beugt, wird dieses vom Antagonisten (Gegenspieler) gestreckt. Auf diese Weise entsteht Bewegung. Es gibt aber noch weitere Muskeln, die dieselbe Bewegung ausführen wie der Agonist. Sie unterstützen die Bewegung, die der Agonist durch seine Kontraktion initiiert, und werden deshalb Synergisten genannt (aus dem Altgriechischen „Synergie“ = Zusammenarbeit). Fast immer sind mehrere Muskeln an einer Gelenkbewegung beteiligt, sodass im Fall eines Muskelausfalls dennoch eine Bewegung zustande kommen kann.

Man muss aber berücksichtigen, dass ein Muskel, der nicht oder nur teilweise einsatzfähig ist, sowohl auf die Synergisten als auch auf die Antagonisten Einfluss ausübt. Die Synergisten könnten mit ihrer Aufgabe langfristig überfordert sein, weil sie die Arbeit des Agonisten nicht dauerhaft übernehmen können, ohne überfordert zu werden. Die Antagonisten hingegen sind nicht in der Lage, einen arbeitsunfähigen Muskel (der in seiner Kontraktion verharrt) zu dehnen. Auf diese Weise ist darum nun auch die Aktionsfähigkeit der Antagonisten und Synergisten eingeschränkt bis unmöglich. Die Muskeln der einzelnen Muskelgruppen und weiterführenden Muskelketten sind stets voneinander abhängig und bedingen sich gegenseitig.

Ein Muskel kann seine Einsatzfähigkeit verlieren, wenn er verletzt oder überfordert wird. Dies kann verletzungsbedingt durch einen Schlag oder eine übermäßige Dehnung (Zerrung) passieren oder durch eine trainingsbedingte Überforderung. Der Muskel ist daraufhin nicht mehr in der Lage, seine Proteinfasern ineinanderzuschieben – die Kontraktionsfähigkeit lässt nach. Bei einer dauerhaften Überlastung ist die Folge ein schwacher Muskel, dessen Muskelfasern aufgrund der eingeschränkten (oder gar aufgehobenen) Kontraktionsfähigkeit abbauen. Somit kommt es zu einer Atrophie des Muskels. Auch der verletzungsbedingte kontrakte Muskel verfällt durch die fehlenden Dehnungs- bzw. Entspannungsphasen in einen inaktiven Zustand. Durch die Anpassungsvorgänge im Körper verlieren die Muskelfasern ihre Fähigkeiten der Elastizität und Kontraktilität. Die Folge davon ist auf lange Sicht ebenfalls ein schwacher, sprich atrophierter Muskel.

Um eine atrophierte Muskulatur nun wieder in ihren Normzustand zu versetzen, muss die Ursache abgestellt werden, die verhindert, dass der Muskel arbeiten kann. Das bedeutet, dass man die Muskulatur in einen arbeitsfähigen Zustand versetzen muss. Erst mit dieser Voraussetzung können Muskeldysbalancen mit Übungen, die insbesondere das Dehnen (Entspannen der Muskelfasern) und Kräftigen (Kontraktion der Muskulatur) beinhalten, ausgeglichen werden.

Merke!

Muskelatrophien entstehen nicht durch zu wenig Training, sondern durch Überforderung in Form von zu hartem Training oder durch Verletzungen.

Im Falle einer Verletzung verhindern Schmerzen die An- und Abspannungsphasen der Muskulatur. Nach überstandener Akutphase und dem damit verbundenen nachlassenden Schmerzpegel regelt der Körper den Aufbau der verloren gegangenen Muskelmasse durch die wiedererlangte Bewegung ganz von selbst. Bei einer durch Fehl- oder Überlastung herbeigeführten Muskelatrophie hingegen müssen die schädigenden Einflüsse abgestellt werden. Kein Muskel wird aufbauen, solange Überlastungsfaktoren, die den Muskel schwächen, die Regeneration verhindern.

Erzeugt also ein unpassender Sattel einen dauerhaften, schmerzhaften Druck auf den Trapez- und Rückenmuskel, verspannen diese Muskeln und verlieren an Dehnfähigkeit. Aufgrund der Dauerkontraktion ermüden die Muskeln, die infolgedessen schwächer werden und atrophieren. Somit entsteht das berühmt-berüchtigte „Loch“ hinter dem Schulterblatt, insbesondere im Bereich des thorakalen Trapezmuskels.

Viele Reiter versuchen nun, mit verstärktem Training den Muskel wieder in Form zu bringen. Dies schlägt jedoch fehl, denn wir wissen nun, dass der Muskel nie arbeitsbereit (kontrakt- und dehnfähig) werden wird, solange die Schmerzen den Muskel in einer dauerhaften Verspannung halten. Ohne die Ursache (unpassender Sattel) zu beseitigen, kann keine Regeneration stattfinden.

Grundsätzlich kann nur eine entspannte, leistungsfähige Muskulatur gestärkt und somit aufgebaut werden. Das Training von verspannter Muskulatur hingegen führt ins Leere.

2.2.2 Gezielter Aufbau der Rückenmuskulatur

Unpassende Sättel, schwere Reiter und falsche Trainingspraktiken sind häufige Auslöser einer schwachen Rückenmuskulatur. Das Pferd ist nicht mehr in der Lage, die Muskulatur zum Tragen heranzuziehen, wodurch es zur Schwächung der gesamten dorsalen Muskelkette kommt. Das Pferd trägt den Reiter nur noch über sein Skelettsystem, das langfristig ebenfalls vor der Überlastung kapitulieren muss und Schädigungen erleidet. All diese Vorgänge gehen mit Schmerzen einher und zeugen von einem teils jahrelangen Leidensweg des Pferdes.

Somit gilt es, zunächst einmal zu versuchen, die Ursachen der Muskelschwäche abzustellen. Die erste Aufgabe ist: Der Sattel muss passen! Der zweite Schritt sieht vor, das Pferd einem Tierarzt und einem kompetenten Therapeuten vorzustellen, die Verletzungen, Schäden und Blockaden der Wirbelsäule und ihrer umgebenden Strukturen ausfindig zu machen und gegebenenfalls zu therapieren.

Und erst im dritten Schritt setzt nun das gezielte Aufbautraining für einen starken Rücken an. Wie wir schon wissen, darf man den Fokus nicht allein auf den Agonisten (in diesem Fall den Rückenmuskel) legen, sondern muss auch den Antagonisten leistungsfähig halten, weil sonst das gesamte Arbeitsgefüge der Muskulatur nicht funktionieren kann. Um den Rückenmuskel zu entspannen und zu dehnen, muss sein Gegenspieler kräftig sein. Deshalb ist das Ziel eine starke Bauchmuskulatur, denn nur dann ist der Rücken tragfähig. Agonisten und Antagonisten bedingen sich immer gegenseitig, sie müssen stets im Wechsel an- und abspannen können.

Ideale Übungen zur Stärkung der Bauch- und Rückenmuskulatur sind Aufgaben, bei denen das Pferd den Kopf senken und heben muss. Zudem sollte das Pferd animiert werden, die Bauchmuskeln zu kontrahieren, damit der Rückenmuskel sich dehnen kann. Das Eigengewicht des Rumpfes sorgt allein schon dafür, dass sich die Abdominalmuskeln auch wieder dehnen und die Rückenmuskeln kontrahieren.

Somit legt man den Fokus auf das Training der Bauchmuskeln, wozu es sich anbietet, das Pferd über Hindernisse wie Stangen und im Gelände über Wurzelwerk und Steine zu schicken. Eine Kontraktion der Bauchmuskeln wird ebenfalls initiiert, wenn das Pferd die Beine jeweils stärker unter seinen Schwerpunkt platziert und seine Hinterhand vermehrt unter seinen Körper schiebt: Abhänge im Gelände, Rückwärtsrichten, Bergziege, Hinterhandwendungen und dergleichen.

2.2.3 Übungen zur Stärkung der Hinterhandmuskulatur

Hier finden wir schon den fließenden Übergang zur Stärkung der Hinterhandmuskulatur, denn die Muskeln des lumbalen Rückenbereichs, der Kruppe und Hinterhand tragen sowohl zur Stabilisierung des Rückens als auch zur Lastaufnahme bei.

In theoretischen Überlegungen zur Ausbildungsskala soll das Pferd das zusätzliche Reitergewicht vermehrt mit der Hinterhand tragen, weil diese muskulär stärker ist als die Vorhand. Damit sollen Überlastungsschäden der Vorhand weitestgehend vermieden werden.

Merke!

Um das Reitergewicht zu kompensieren, müssen die Muskeln der Hinterhand vermehrt statische Haltearbeit verrichten.

Beim korrekt ausgeführten Rückwärtsrichten wölbt das Pferd den Rücken auf. Rückwärtslektionen zählen deshalb zu den versammelnden Übungen.

Aus diesem Grund ist es das Ziel, die zunächst aus der Hinterhand erzeugte Schubkraft in eine Tragkraft umzuwandeln. Das Ergebnis nennt sich Versammlung und ist das Ziel der modernen Reitweisen.

Hierbei handelt es sich aber auch um eine Umwandlung der muskulären Arbeitsweise. Zunächst soll die Muskulatur mehr Bewegung (Schubkraft) erzeugen, die letztendlich jedoch in eine eher statische Haltearbeit (Tragkraft) übergeht.

Dies erfordert ein erhöhtes Kraftpotenzial, wobei die Dehnungskapazität der Muskulatur nun stärker in den Hintergrund tritt. Die Muskeln arbeiten dadurch verstärkt isometrisch und weniger konzentrisch.

Im Reitsport führen alle versammelnden Übungen (zum Beispiel Rückwärtsrichten) zu diesem Ziel. Schließlich sind die sportlich ambitionierten versammelten Lektionen wie Piaffe, Passage oder Pirouette der Hohen Schule, aber auch der Sliding Stop und Spin aus dem Westernreitsport das Endziel.

Dieses hohe Ausbildungsziel kann jedoch von den wenigsten Reitern und Pferden erreicht werden. Das ist auch nicht nötig. Vielmehr können hoch spezialisierte Lektionen wiederum Überlastungsschäden beim Pferd verursachen. Beim Reiten geht es aber hauptsächlich darum, die Muskulatur so weit zu stärken, dass sie das zusätzliche Reitergewicht ausgleichen kann und schädigende Einflüsse auf den Pferdekörper vermieden werden. Genau dies ist auch das Ziel des Gesundheitstrainings. Für dieses Vorhaben reichen Hinterhand stärkende Übungen aus, die auch jeder Freizeitreiter bewältigen kann.

Im Gesundheitstraining darf eine Balancematratze nicht fehlen, die die Mikromuskulatur der Wirbelsäule aktiviert und stärkt.

Die hierfür klassische Aufgabe, ein Pferd korrekt gerade rückwärtszurichten, ist einfacher, wenn die Reitlinie mit Stangen oder Pylonen eingegrenzt und somit vorgegeben ist. So kann sich das Pferd besser ausbalancieren und gerade ausrichten.

Muskelkräftigend wirken aber auch Übungen auf instabilem Untergrund wie Schaukeln auf der Wippe, Balancieren auf nachgiebigen Schaumstoffpads, aber auch das Bewältigen von Steigungen und Abhängen, Steigeübungen aus der Zirzensik, Podestübungen und Wendungen auf der Hinterhand. Es müssen also nicht immer Sprünge über Cavaletti, höhere Sprünge oder extreme, sportlich ambitionierte Lektionen sein, um die Hinterhand zu kräftigen.

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Yaş sınırı:
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156 s. 77 illüstrasyon
ISBN:
9783958477193
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