Kitabı oku: «Il Vesuvio - Die Ehrenwerte Gesellschaft», sayfa 6
Kapitel 4
Am Rande des Besitzes von Sir Lindsay erstreckte sich ein ausgedehntes Areal. Pinien und Akazien teilten sich diesen Platz mit Agaven. Dazwischen lag karger, ebener Boden, der für die Trailer einen idealen Standplatz bot. Für die Arbeit der Spezialisten, die für die computeranimierten Details zuständig waren, würde Ronald Graham im Zentrum von Neapel eine große Halle anmieten. Diesbezüglich hatte er sich bereits erkundigt, denn heutzutage kam kein Film mehr ohne die Unterstützung durch derartige Technik aus. Das gesamte Team würde in den nächsten Tagen anreisen – Masken- und Kostümbildner, Kameramänner und Techniker.
Eigentlich war es üblich, erst die Logistik anzukurbeln und dann die Besetzungsliste zu erstellen. Doch das Bauchgefühl hatte Ronald geraten, es diesmal anders anzupacken. Und das hatte Gründe: In der Liste seiner Filme gab es, trotz guter Vorlagen, weder oscar-prämierte Werke noch Blockbuster. Gelegentlich lag der mäßige Erfolg einzig an der personellen Besetzung. Auch nahm ein Schauspieler von Rang und Namen kaum eine Rolle in einem Film mit wenig aussagekräftigem Titel an, wie bei ›The Drift Of The White Pony‹ geschehen. Zugegeben, Ronald hatte diesen Streifen mit möglichst wenig Aufwand drehen wollen und für die Hauptrolle Jeff London verpflichtet, dessen Leistungen schon bessere Tage gesehen hatten. Der Titel selbst war ihm vom Drehbuchautor aufgeschwatzt worden und der schwächelnde Darsteller tat ein Übriges. Der Film entpuppte sich als Flop und deshalb brauchte Ronald jetzt dringend einen Kassenschlager!
Lange schon ging ihm das Mafia-Thema im Kopf um.
Diesmal hatte er das Drehbuch selbst verfasst. Es ging dabei nicht um die Einsparung des Entgelts für einen erfahrenen Dramaturgen! Ronald war der Sohn eines Großindustriellen, der diesen finanziell unterstützte, obgleich er dessen ›Beruf‹ eher belächelte. Schon deshalb hatte Graham der Ehrgeiz gepackt: Er wollte es diesmal ›nach oben‹ schaffen.
Als eine Art undercover hatte er sich in das Umfeld der nordamerikanischen Mafia, der cosa nostra begeben, deren Ursprünge in Sizilien lagen. ›Unsere Sache‹ – wie die wörtliche Übersetzung lautete – entpuppte sich als ein Pool des Verbrechens. Er hatte vieles gesehen und gehört, das ihm noch heute die Nackenhaare aufstehen und seinen Magen rebellieren ließ. Bis ins Zentrum der cosa nostra war er vorgedrungen. An die Umstände, die ihm dorthin verholfen hatten, erinnerte er sich nur ungern. Jedenfalls entsprachen die Gepflogenheiten der hiesigen Mafia durchaus deren nordamerikanischer ›Schwester‹.
Mit seiner Film-Idee hatte Graham mehrere der Größen des Films zu begeistern versucht. Nur zu gern hätte er Sean MacWorth verpflichtet, doch der hatte lächelnd abgewinkt. Ronald ließ sich nicht entmutigen und der Zufall war ihm zu Hilfe gekommen: Bei der Verleihung eines Filmpreises in Anwesenheit vieler Stars, entdeckte er Brendon Pitts, Karl Landmann und Malcolm Mortimer jun., die sich unterhielten. Er hatte die günstige Gelegenheit ergriffen und sich mit einem gefüllten Glas wie zufällig in der Nähe der Männer aufgehalten. Deren Gespräch drehte sich um Filmrollen und er bemerkte beiläufig in eine kleine Pause hinein: »Ich fing gerade einige Ihrer Gesprächsfetzen auf. Haben Sie Interesse, in einem Film über die Mafia mitspielen?«
Die drei hatten ihn überrascht gemustert und Brendon hatte sich höflich erkundigt, wer er sei. Ronald stellte sich vor und wiederholte seine Frage.
»Erzählen Sie mal ein bisschen«, hatte Karl Landmann verlangt und sie alle zu einem freien Tisch dirigiert. Ronald wusste, dass er nichts zu verlieren hatte und folgte Landsmanns Bitte. Er gab zu, dass er bis jetzt nicht erfolgreich im landläufigen Sinn gewesen sei – also kein Preisträger. Er beschönigte nichts – und das machte ihn glaubwürdig. Als er seine Filmidee entwickelte, unterbrach ihn einer der Männer ab und zu und erfragte Details. Vor allem waren das Landmann und Pitts. Mortimer hatte einen gelangweilten Ausdruck im Gesicht, als sei er nicht ganz bei der Sache.
Als Ronald schwieg, weil alles gesagt war, hatten sich Pitts und Landmann angeblickt, einander zugenickt und Landmann sagte: »Okay, wir machen mit. Wann fangen Sie an? Wo ist das Drehbuch?« Und an Mortimer gewandt: »Nun mach schon, Malcolm! Wag' dich auch mal an etwas Neues!« Malcolm wurde sozusagen overrouled. Also war diesem nichts anderes übriggeblieben, als ebenfalls zuzusagen, wollte er sein Gesicht nicht verlieren.
Ronald hatte es nicht fassen können: Was bis jetzt nur ein verrückter Plan gewesen war, nahm plötzlich Gestalt an. Und so war es gekommen, dass er für diesen Film zuerst sein Darstellerteam zusammenstellte, ehe er wusste, ob er überhaupt die Chance erhielt, an den Originalschauplätzen in Neapel zu drehen.
Die Vorverträge der Schauspieler wurden daher mit dem Zusatz versehen, dass es möglich sei, jederzeit ein anderes Filmangebot anzunehmen, falls die örtlichen Voraussetzungen für die Dreharbeiten in Italien bis Ende Jänner nicht gegeben seien. Es sollten ja für keinen der Darsteller finanzielle Nachteile entstehen.
Grahams Vater bürgte mit einer erheblichen Summe Geldes. Doch er hatte daran auch eine Bedingung geknüpft: Falls dieses Projekt scheiterte, sollte Ronald das Filmgeschäft an den Nagel hängen und in die Firma einsteigen.
Diesen Deal war Ronald schweren Herzens eingegangen. Und im Augenblick war er seinem Ziel einen gewaltigen Schritt näher als noch vor einigen Wochen.
***
Sir Lindsay wählte für die Besichtigung des Standplatzes saloppe Kleidung. Marie hatte ihn soeben telefonisch verständigt, dass sie auf dem Weg zum vereinbarten Treffpunkt sei, also ließ er sich von Frederic mit einem Elektroauto, wie sie auch auf Golfplätzen verwendet wurden, zu dem Platz bringen, der für die nächsten Monate der Filmcrew zur Verfügung stand …
Marie spürte während der Fahrt Karls Blick in ihrem Nacken. Ein wohliger Schauer lief ihr den Rücken hinab. Verstohlen warf sie ab und zu einen Blick in den Rückspiegel und traf jedes Mal auch auf den seinen. Wann hatte ein Mann sie zuletzt so angesehen?
Es waren nicht die üblichen gierigen Blicke, die den Wunsch nach einem kurzen Abenteuer signalisierten.
Sie zwang sich, ihre Aufmerksamkeit gänzlich dem Straßenverkehr zu widmen. Das war bitter nötig, den man geriet schnell in die Gefahr, einem der ›Kamikaze-Fahrer‹ – wie sie die Mopedfahrer bezeichnete – zu nahe zu kommen. Die quetschten sich waghalsig ohne Beachtung einer einzigen Verkehrsregel durch die hupenden Kolonnen der Autofahrer. Marie nahm daher auch Ronalds Frage nur mit halbem Ohr auf.
»Wie bitte? Ich habe Sie nicht ganz verstanden.«
Der Regisseur wiederholte sein Anliegen, als sich nach der nächsten Kreuzung die Verkehrslage etwas beruhigte. »Hätten Sie Interesse, für uns als Sprachmittlerin zu arbeiten? Und erlaubt es Ihre Zeit, gewisse Textstellen im Drehbuch der Originalität halber ins Italienische zu übersetzen?« Rasch fügte er hinzu: »Selbstverständlich gegen Vergütung.«
Auf der Rückbank hielt Karl die Luft an. Würde Marie zusagen? Auch Ronald schielte unauffällig von der Seite auf die junge Frau. Ihrer Mimik war nichts zu entnehmen.
Tatsächlich wusste Marie so schnell keine Antwort auf diese Fragen. Sicher war es interessant, ein wenig ins Filmgeschäft hineinzuschnuppern, wenn auch nur als Sprachmittler. Und natürlich bedeutete es, dass sie den sympathischen Mann, der hinter ihr saß, öfter zu sehen bekäme. Gleich darauf aber schalt sie sich eine Närrin. Vergaß sie, wie alt sie war? Sicher ein paar Jahre älter als Karl Landmann. »Bis wann muss ich mich entscheiden, Mister Graham?«, sagte sie ruhig, ohne den Blick von der Straße zu lassen. »Ich möchte Ihren Vorschlag mit Sir Edward besprechen.«
Ronald war froh, dass Marie nicht von vorn herein abgelehnte. »Ich will Sie keinesfalls unter Druck setzen«, beteuerte er. »Aber Tatsache ist, dass Sie für diesen Job sehr gut geeignet sind. Ich habe Sie mit dem Fischer im Gespräch beobachtet. Sie können mit der einheimischen Bevölkerung gut umgehen und das werden wir bei den Dreharbeiten brauchen. Ebenso eine Übersetzung von Textpassagen.« Und dann setzte er hinzu: »Karl und ich würden es begrüßen, wenn Sie zusagten.« Damit hatte er geschickt das richtige Fangnetz ausgelegt.
Im Weiteren genoss er die Fahrt und nahm die Eindrücke der Umgebung in sich auf.
Marie hatte eine nicht so befahrene Strecke gewählt. Das Landschaftsbild wandelte sich, vom regen Treiben der Stadt war nichts mehr zu merken. Ab und zu bewegten sich die Blätter einer scheinbar wahllos in die karge Landschaft gestellten Palme im Wind. Der Gipfel des Vesuvs versteckte sich hinter einer Wolke, obwohl der Himmel azurblau leuchtete.
Interessiert folgte Ronalds Blick einer Herde schwarzer Rinder. »Bisschen groß für eine Kuh«, dachte er. »Und viel zu große Hörner.« Schließlich siegte die Neugierde und er fragte: »Was sind das für Tiere?«
Marie lächelte. »Das sind bufali – Büffel. Aus deren Milch wird die echte mozzarella di bufala hergestellt. Die müssen Sie probieren, kein Vergleich zur herkömmlichen Kuhmilch-Mozzarella.«
»Und was habe ich unter Mozzarella zu verstehen?« Ronald war völlig ahnungslos. Er wunderte sich zudem, dass diese riesigen, kuh-ähnlichen Tiere auf dem kargen Boden etwas zu fressen fanden.
»Mozzarella ist eine Art Käse. Er schmeckt vorzüglich zu Tomaten und Basilikum.«
Und Marie erklärte weiter: »Bald kehrt hier der Frühling ein, dann setzt der Oleander Blüten an. Die milde Meeresluft lässt hier viele Blumen gedeihen. Auch leuchtet dann grün und satt Gras, wo jetzt nur trockener Lavaboden zu sehen ist.«
Die Landschaft wurde abenteuerlich düster.
Marie wies nach draußen. »Das sind die campi flegrei, die ›brennenden Felder‹. In nicht allzu großer Tiefe fließt Lava und heiße Quellen schießen aus dem Boden. Ab und an kann man Fontänen aufsteigen sehen. Von diesem Gebiet geht eine fast noch größere Gefahr aus als vom Vesuv selbst.«
Sie fuhren einen Hang hinauf. Vor ihnen wurde in einer Mauer ein großer Torbogen sichtbar. Marie drückte auf einen Knopf an der kleinen Fernbedienung, die im Auto montiert war. Langsam und bedächtig öffnete sich das Tor nach innen.
»Wir sind da«, sagte sie. »Das ist der Ort, von dem Sir Edward sprach. Er erwartet uns bereits.«
Die Männer stiegen aus und Ronald staunte. Er hatte sich vorgestellt, einen etwas größeren Platz angeboten zu bekommen und befürchtet, die Trailer dicht an dicht stellen zu müssen. Doch nun erkannte er, an Stellmöglichkeiten mangelte es hier nicht. Wie groß mochte das gesamte Anwesen des Lords sein? Jedenfalls sah man vor hier aus nicht einmal eine Ecke des Wohngebäudes.
Ronald näherte sich Sir Edward, der sich mit dem Butler unterhielt.
Karl machte keine Anstalten, ihm zu folgen. Er stand noch immer neben Marie und überlegte krampfhaft, was er sagen sollte. Schließlich bat er: »Sie werden uns doch nicht … ich meine … es wäre schön, wenn Sie ein wenig … ich meine … mit uns zusammenarbeiteten.« Herrgott! War er ein Esel!
Marie schien sein Gestottere nicht aufzufallen. Sie antwortete nachdenklich: »Es wäre schon eine neue Erfahrung für mich. Und ich würde mich auch jetzt sehr gern mit Ihnen darüber unterhalten, Mister Landmann. Trotzdem sollten Sie besser Mister Graham begleiten, falls es Fragen gibt. Vielleicht sehen wir uns später, denn der Lord wird Sie beide zum five o'clock tea einladen. Er will mit Ihnen über Neuseeland sprechen.«
Karl nickte beschämt und erfreut zugleich. Beschämt, weil Marie ihn wie einen Schuljungen an seine Pflichten erinnerte, und erfreut, dass es für sie ein ›später‹ gab. Er folgte Ronald mit großen Schritten.
Frederic fuhr mit Marie weiter zum Landhaus. Dort verschwand sie mit dem Medikamentenpäckchen für Sir Edward in dessen Arbeitszimmer. Der Butler fragte nie, was Marie in regelmäßigen Abständen beim medico für den Lord abholte. Sie hätte ihm darauf vermutlich auch nicht geantwortet. Dass er ahnte, worum es sich handelte, war eine andere Geschichte.
Während sie dann gemeinsam den Tisch im Wintergarten deckten, erkundigte sich Marie, was Frederic davon hielte, wenn sie als Sprachmittlerin für die Filmleute arbeitete. »Meinst du, das wäre etwas für mich?«
Der Butler hörte mitunter das Gras wachsen! Zugegeben – ein wenig hatte er hier und da auch die Ohren aufgesperrt und also damit gerechnet, dass Mister Graham Marie genau das fragen werde. Mister Landmanns Interesse an Marie war dagegen ganz anders geartet. Verständlich, verständlich! »Wenn du diese Filmarbeit mit deinem Dienst vereinbaren kannst, wird der Lord nichts dagegen haben«, versicherte er. »Für dich wäre es eine Bereicherung. Du wirst neue Leute kennenlernen, allerdings auch viel von deiner Freizeit opfern müssen. Aber wann wird je wieder ein Filmteam nach Neapel kommen, das dich fragt, ob du mitarbeiten willst? Und nie wieder wird ein so netter Mann dabei sein, dem sehr viel daran gelegen ist, dass du zusagst.« Jetzt grinste der Butler fröhlich.
Marie wollte aufbegehren, da sah sie die drei Männer durch die Gartenanlage auf den Wintergarten zukommen. Der Lord schien sehr guter Laune zu sein, der Regisseur erzählte etwas, heftig gestikulierend, und Karl Landmann lachte.
In diesem Augenblick wusste Marie – sie würde zusagen.
»Frederic, bitte bringen Sie uns Tee und wahlweise auch Kaffee«, rief der Lord, als er in den Wintergarten eintrat. »Nein, Sie bleiben bitte«, ordnete er höflich an, als Marie mit dem Butler in die Küche eilen wollte. Sie erwartete einen zweiten Auftrag, doch nichts dergleichen geschah. Sir Edward bat sie, ebenfalls am Tisch Platz zu nehmen, dirigierte Karl Landmann an ihre Seite und setzte sich neben Ronald, dem Schauspieler gegenüber.
Frederic servierte und als er den Raum verlassen hatte, fragte der Lord: »Nun, wie steht es, Marie? Haben Sie inzwischen eine Entscheidung getroffen? Mister Graham deutete an, dass er um Ihre Unterstützung in sprachlicher Hinsicht bitten werde.«
Marie verbarg ihr Erstaunen. Sie war noch dabei zu überlegen, wie sie Sir Edward den Wunsch des Regisseurs unterbreiten sollte und nun zeigte sich, dass er bereits informiert war. Fast klang es, als wolle er sie … aber nein, dazu gab es keinen Anlass.
»Nicht, dass ich Ihre Arbeit nicht schätzte«, setzte der Lord seine Rede fort, als habe er Marie die Gedanken vom Gesicht abgelesen. »Das ist keineswegs der Fall. Ich machte Mister Graham bereits klar, dass ich dieser Bitte nur stattgäbe, wenn dadurch Ihre häuslichen … Pflichten …«, Sir Lindsay räusperte sich vernehmlich, ehe er fortsetzte, »… nicht beeinträchtigt werden. Auch für Sie gilt, keine Verpflichtungen an den Wochenenden.« Das waren klare Worte.
Wie es schien, erwarteten die Männer, einschließlich des Lords, von ihr eine Antwort.
Marie spürte die Anspannung, die Karl Landmann erfasst hatte. Es war gut, dass sie ihm nicht in die Augen sehen musste. Dafür heftete sie den Blick auf Ronald Graham, als sei er ihr Rettungsanker. »Ich bin einverstanden«, sagte sie mit fester Stimme. »Das betrifft sowohl die Kommunikation mit den Einheimischen als auch die Übersetzung gewisser Textstellen des Drehbuchs ins Italienische. Im Übrigen haben Sie ja gehört, was Lord Lindsay verfügte.«
Ronald rief: »Das ist ein Wort!«, und Karl atmete erleichtert auf. Einen Moment lang war er in Versuchung, Marie die Hand vertraulich auf die Schulter zu legen, doch er bezwang sich rechtzeitig. Als sie nun Anstalten machte, sich vom Stuhl zu erheben, weil sie glaubte, ihre Anwesenheit sei nicht mehr erforderlich, hielt Sir Edward sie wiederum zurück. »Bleiben Sie, Marie. Es gilt noch einige andere Dinge zu besprechen, bei denen ich Ihren Rat hören möchte.« Er schob ihr Notizblock und Kugelschreiber über den Tisch zu.
Im Wesentliche ging es um technische Dinge, deren Koordinierung in ihren täglichen Aufgabenbereich fiel: Wasser, Strom, – alles in Hinsicht auf die Dreharbeiten.
Die Beratung verlief in regem Gedankenaustausch.
Zwangsläufig ergab es sich, dass Karl Marie beim schriftlichen Formulieren gedanklich unterstützte. Das gab ihm Gelegenheit, seinen Arm wie zufällig auf der Rückenlehne ihres Stuhles zu platzieren. Und wenn Marie sich gelegentlich zurücklehnte, um wieder am Gespräch teilzunehmen, sah es aus, als habe er den Arm um ihre Schulter gelegt.
Ronald registrierte es schweigend und den Lord regte es an, sich seinen nächsten ›französischen Sonntag‹ vorzustellen.
Und dann unterhielten sie sich über Neuseeland.
Es dunkelte bereits, als man sich verabschiedete. Frederic hatte in weiser Voraussicht ein Taxi bestellt und dadurch Marie ungewollt das Konzept verdorben. Sie hatte nämlich daran gedacht, die beiden Männer selbst ins Hotel zu bringen. Vielleicht hätte Karl Landmann ihr ja im Schutz der Dunkelheit … wenn er hinter ihr im Auto saß … die Hand auf die Schulter gelegt und …
Ein Kribbeln wanderte über ihren Rücken und sie schalt sich eine Närrin: Es gab Wichtigeres zu bedenken als sich einer Schwärmerei hinzugeben, denn das war es wohl, was sie erfasst hatte. Schließlich hatte sie vielfältige Verpflichtungen in diesem Haus, auch solche, von denen niemand wusste. Sie war in gewissem Sinn die einzige Vertraute des Lords und froh, dass das Wochenende generell als tabu für Dreharbeiten auf dem gesamten Areal galt.
Ihre Arbeit für Graham hatte im Prinzip bereits am heutigen Abend begonnen. Sie würde ihn morgen zu einem Anbieter für Miettrailer begleiten. Der Regisseur hatte ziemlich skeptisch dreingeblickt, als sie ihm den verzwickten Weg dorthin beschrieb, deshalb hatte der Lord vorgeschlagen, sie solle ihn selbst hinfahren. »Sonst landet er letztendlich zwischen den Ruinen von Pompeji.« Diesmal hatte Sir Edward die Lacher auf seiner Seite.
Ronald genierte sich ein wenig wegen seiner Hilflosigkeit, dankte fürs Entgegenkommen und versicherte, er wolle dem Lord keine Benzinkosten verursachen. Ein Taxi tue es auch.
Sir Edward winkte ab. »Machen Sie sich darüber keine Gedanken. Marie wird die Limousine nehmen und bei dieser Gelegenheit Domenico informieren, dass er meine Jacht bald zu Wasser bringen soll.«
Außerdem würde der Anblick der Limousine des Lords Domenicos Großzügigkeit wecken, was den Preis für die Leihe der Trailer betraf. Sir Edward war schließlich einer seiner besten Kunden, der es vorzog, in den ersten Monaten des Jahres – außerhalb der Saison – mit seiner weißlackierten Jacht auf dem Mar Tirreno, dem Tyrrhenischen Meer, zu kreuzen. Zu dieser Zeit war das Wasser noch klar und zwischen dem Festland und den Inseln Ischia und Capri schipperten nicht zahlreiche Ausflugskähne umher.
Die italienische Regierung hatte zwar mehrmals überlegt, beide Inseln in den Sommermonaten für den Tagestourismus zu sperren, doch wer drehte sich schon selbst den Geldhahn zu? Und so würden die Fischer Neapels auch weiterhin von Mai bis September die Touristen in ihren Booten dorthin bringen und Domenicos Geschäft schmälern, der wesentlich teurere Tagesfahrten nach Capri und Ischia anbot.
Außer Frederico begleitete auch Marie die Männer zum Taxi. Ehe Ronald Graham einstieg, fragte sie, wann sie sich morgen im Hotel einstellen solle.
»Gibt es einen Zeitpunkt, der für das Geschäft günstig ist?«, wollte Graham im Gegenzug wissen. Er wusste, zur falschen Zeit am falschen Ort, und schon war die Chance auf Vorteile vertan.
Den gab es tatsächlich. Der frühe Vormittag eignete sich schlecht, da war Domenico zu dieser Jahreszeit unausgeschlafen und es konnte durchaus passieren, dass man schlichtweg vor verschlossener Tür stand. Während der Siesta – von zwölf bis circa vier Uhr nachmittags – wurden in Neapel keine Geschäfte abgeschlossen. So richtig lebendig wurde Domenico erst danach.
»Ich hole Sie gegen sechzehn Uhr ab«, schlug Marie vor. »Die Menschen ticken hier ein wenig anders, auch was Geschäftszeiten anbelangt.«
»Gut, dann werden wir uns morgen ausschlafen.« Ronald winkte Abschied nehmend. Abgesehen davon hatte er einige wichtige Telefonate zu führen.
Auch Karl hob grüßend die Hand. Ihm würde die Zeit bis zum späten Nachmittag sehr langsam vergehen, aber das Drehbuch musste ja studiert werden.
***
Gedämpftes Licht fiel in den Raum, in dem der Avvocato geduldig darauf wartete, Don Carlos zu sprechen. Er wusste, dass dies zu einem Ritual gehörte: Niemand wurde sofort zu dem mächtigsten Mann Neapels vorgelassen.
Aus dem Nebenzimmer, dem Büro des Padrone, drang kein Laut. Eine gepolsterte Tür schluckte jedes Geräusch, vermutlich selbst das einer Kugel.
Vor dieser ›Schallmauer‹ stand einer der ›Schatten‹ des Padrone – beinahe wie eine Statue: Die langen, schwarzen Haare zu einem Zopf gebunden, das von einer langen Narbe verunstaltete Gesicht ausdruckslos und starr. Die Hände hielt der Mann hinter dem Rücken verschränkt, jedoch jederzeit bereit, die im Halfter steckende Waffe zu ziehen. Dieser Wächter kannte weder Angst noch hatte er Furcht vor dem Tod. Es war eine Ehre, für den Padrone zu arbeiten und zu sterben. Das klang theatralisch, aber es entsprach den Tatsachen. Hier herrschte ein Ehrenkodex, der außerhalb seiner engen Grenzen unvorstellbar war.
In diese famiglia wuchsen jene Jugendlichen hinein, die anderenfalls dazu verurteilt waren, ihr Leben ohne jegliche Perspektive in den schmutzigen Gassen Neapels zu fristen. Immerhin lag die Arbeitslosenrate der Stadt bei mehr als 58 Prozent. Und wer hier aufwuchs – möglicherweise noch in den Stadtteilen Scampia oder Secondigliano – hoffte nicht etwa auf einen Ausbildungsplatz bei einem pizzaiolo oder in einem ristorante, nein, er wartete auf die Chance, für den Padrone arbeiten zu dürfen und auf diese Weise etwas von dem goldenen Kuchen abzubekommen.
Möglichkeiten, sich innerhalb der Camorra zu betätigen, gab es viele – als Dealer, als Wachposten, als Schmieresteher und, wenn man Glück hatte, irgendwann sogar als persönlicher Geleitschutz des Padrone. Aber nicht nur das Geld lockte! Das Gefühl, in einem mächtigen Verband Aufnahme gefunden zu haben, war unbezahlbar.
Vor der Tür des Allerheiligsten stand also einer, der es geschafft hatte, ziemlich weit nach oben zu kommen.
Dies und viel mehr wusste der Avvocato und verharrte deshalb ruhig und gelassen auf einem verstaubten Barocksessel in einem ebenso verstaubten Vorraum. An den Wänden hingen Bilder von Al Capone, Al Lissi, Pablo Escobar, Frank Costello und anderen, deren Namen dem Anwalt nicht geläufig waren.
Über Headset erhielt der Wächter vermutlich einen Befehl, denn seine Haltung straffte sich.
Die Tür wurde geöffnet und heraus traten eine attraktive junge Frau und ein ebenso hübsches kleines Mädchen. Das feuerrote Haar der hochgewachsenen Italienerin lockte sich bis weit über die Schultern hinab. Ein Lederkostüm umschloss hauteng einen makellos geformten Körper. Hochhackige Schuhe rundeten das perfekte Bild ab – Luisa Berlotta hätte in jedes Modejournal gepasst.
Das Mädchen, ungefähr zehn Jahre alt, wirkte für sein Alter sehr selbstbewusst. In Anlehnung an den Gang der jungen Frau trippelte die Kleine am Avvocato vorbei. Das dichte dunkle Haar bewegte sich als geflochtener Zopf auf ihrem schmalen Rücken.
Unvermutet kehrte das Kind noch einmal um und warf sich dem großen bulligen Mann, der den beiden aus dem Büro gefolgt war, mit einem Aufschrei in die Arme. »Papa, papa, veni presto. Voglio passeggiare con te. Voglio giocare con … «, bettelte es, als sei der Vater ein Spielkamerad, mit dem es Ball spielen könne.
»Basta, basta, Anna«, unterbrach Don Carlos das Betteln seiner Tochter. Seine Stimme klang beinahe zärtlich, als er erklärte: »Al momento non ho tempo. Capisce? Al fine settimana facciamo qualcosa insieme. Ciao, cara mia.«
Er hob das zarte Mädchen zu sich empor und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. Die Tochter würde sich bis zum Wochenende gedulden müssen. Jetzt war keine Zeit für gemeinsame Unternehmungen. Ohne Widerrede lief Anna zur Mutter zurück, nahm ihre Hand und beide verließen das Zimmer.
Natürlich gab sich auch der Avvocato den Anschein, als sei er nicht Zeuge des Gespräches zwischen Vater und Tochter gewesen. Die nächsten Augenblicke würden zeigen, ob Don Carlos über seine Familie sprechen wollte oder nicht.
Der wandte sich nun mit einladender Geste seinem Besucher zu. »Avvocato Girardi, treten Sie ein. Es tut mir leid, dass Sie so lange warten mussten. Aber Sie sahen eben selbst – Familienangelegenheiten! Und die Geschäfte lassen keinen Raum für Frau und Kind.«
Die Sachlage war geklärt! Die gepolsterte Tür schloss sich von außen hinter beiden Männern.
»Bitte, nehmen Sie Platz.«
Girardi ließ sich auf dem angebotenen Stuhl nieder. Vorsicht war weiterhin geboten, sie hatten sich nicht die Hände geschüttelt. Diese Geste war ein Ritual und signalisierte eine gewisse Sicherheit für den Besucher.
»Was führt Sie zu mir, Avvocato?«, eröffnete Don Carlos das Gespräch. »Doch wohl nicht die leidige Angelegenheit der Entführung von Luigi Garibaldi? Ich habe bereits einen Boten zur Signora gesandt, der ihr unsere Unterstützung in dieser Sache anbietet.«
Mit einem angedeuteten Lächeln erwiderte der Anwalt: »Nein, Signore Carlos. Ich nehme aus einem anderen Grund Ihre wertvolle Zeit in Anspruch. Es gibt es etwas Interessantes, das ich Ihnen gern mitteilen würde.«
Don Carlos wusste nicht, wie er diesen Ausspruch verstehen sollte. ›Rechtsverdreher‹ waren nicht sein Fall. Sie jonglierten mit Worten wie Zirkuskünstler mit Bällen und verstanden sich vorzüglich auf Verwirrspiele der verbalen Art.
Für Girardi nicht einsehbar lag in einer stets geöffneten Schublade des massiven Schreibtisches eine Beretta 92FS mit Perlmuttgriff, Kaliber 9 Millimeter. Der Camorra-Boss hatte sich, ehe er der Bitte um ein Treffen nachkam, noch einmal eingehend über den Mann informiert, der ihm nun gegenübersaß. Girardi war ein As im wirtschaftlichen Bereich, allerdings nicht im Dunstkreis seiner eigenen Geschäfte. Das war gut. Auch der Name Sir Edward Lindsay stand im Zusammenhang mit dem des Avvocato.
Vor einigen Jahren war Don Carlos mit diesem steifen, schrullig wirkenden Engländer zusammengetroffen. Sie hatten über Kunstgeschichte und über Frankreich gesprochen. Der Brite besaß auf seine Anweisung hin eine Art Sonderstatus in Neapel. Er brachte infolge seines Lebensstils der Stadt und dadurch in gewisser Weise der Camorra viel Geld ein. Daher blieb er von Schutzgeldzahlungen unbehelligt. Und der Lord ließ sich von Signore Girardi vertreten.
»Interessante Dinge?«, wiederholte Don Carlos. »Ich höre.«
Der Avvocato erläuterte ohne Umschweife den Plan des amerikanischen Regisseurs. Natürlich definierte Girardi das Vorhaben nicht als Mafia-Film, sondern beschrieb das Projekt als eine romanhafte Darstellung der Probleme der unterschiedlichen Schichten innerhalb der Gesellschaft Neapels.
Dass Don Carlos im Drehbuch blättern wollte, ehe er seine Zustimmung zu den Dreharbeiten gab, war vorauszusehen. Vorsorglich hatte Girardi deshalb eine Kopie mitgebracht, die er nun überreichte.
Der Padrone war des Englischen mächtig und las – mal hier, mal ein paar Seiten weiter. Gelegentlich zogen sich seine Augenbrauen kritisch zusammen, dann wieder huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Schließlich schlug er das Skript zu und lehnte sich nachdenklich zurück: Also einen Film über die famiglia wollte dieser Mister Graham aus Übersee drehen. Er war der Sache gar nicht so abgeneigt. Natürlich hatte auch er seine Anwälte, die diese Sache erst einmal nach allen Richtungen hin abklopfen mussten … Vielleicht fand sich ja im Film auch eine Rolle für seine wunderschöne Frau – quasi ein Geschenk, das er ihr machen würde!
Don Carlos räusperte sich und dann lobte er den Avvocato, dass dieser sich in der Angelegenheit zuerst bei ihm eingestellt habe. »Das weist Sie als kompetenten Kenner der politischen Landschaft in unserer Stadt aus. Ich bin beeindruckt, dass dieser Amerikaner ein so vielschichtiges Thema in Angriff nehmen will.« Er wies auf das Drehbuch. »Meine Anwälte werden das hier ebenfalls lesen. Es geht mir um Glaubwürdigkeit und dass keine Fehlinterpretationen entstehen. Sie erhalten demnächst Bescheid und – falls ich dem Projekt zustimme – wünsche ich, den Amerikaner persönlich kennenzulernen. Spricht er Italienisch?«
Girardi schüttelte den Kopf. »Bedauerlicherweise nein. Aber er wird eine Übersetzerin mitbringen: Signora Marie, eine Angestellte aus dem Hause Sir Edward Lindsays, mit dem Sie ja, wenn ich mich recht erinnere, bereits einmal zusammengetroffen sind. Signora Marie spricht unsere Sprache perfekt. Doch dürfte es – dank Ihrer eigenen hervorragenden Englischkenntnisse – kein Problem geben, sich ausführlich mit Mister Graham zu unterhalten.«
Der letzte Satz erzielte die gewünschte Wirkung: Don Carlos lächelte geschmeichelt.
Eigentlich hatte Girardi mit einer generellen Absage gerechnet. Doch die konnte noch immer kommen, wenn der Padrone das Drehbuch erst einmal gründlich studiert hatte. Also immer auf der Hut bleiben!
Don Carlos erhob sich. Er war gut einen Kopf größer als der Anwalt, was sehr respektgebietend wirkte. »Darf ich Ihnen etwas anbieten, Avvocato? Cognac, Grappa oder vielleicht einen Espresso? Machen Sie mir die Freude, noch etwas zu bleiben. Setzen wir uns bequemer.« Wie einem Kind legte Don Carlos seinen massigen Arm Girardi um die Schultern und dirigierte ihn in dem elegant eingerichteten Büro zu einer gemütlichen Sitzecke.
Der Avvocato wusste, dass er nicht ablehnen durfte. Das gehörte ebenso zu den Spielregeln, die man zu befolgen hatte. Der Padrone wollte mehr erfahren, das war sicher.
»Warum nicht?«, dachte der Anwalt. Zudem kam er auf diese Weise aus der Reichweite des Schreibtisches, in dessen Schublade der Anwalt eine Waffe vermutete, die jederzeit auf ihn gerichtet werden konnte.
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