Kitabı oku: «Planungsinstrumente für Wandern und Mountainbiking in Berggebieten»
Nationalpark-Forschung in der Schweiz
Band 104

Nationalpark-Forschung in der Schweiz
Herausgegeben von der Forschungskommission des Schweizerischen Nationalparks – eine Kommission der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz SCNAT
Recherches scientifiques au Parc National Suisse
Publie par la Commission de recherche du Parc National Suisse – une Commission de l’Académie suisse des sciences naturelles SCNAT
Ricerca scientifica sul Parco Nazionale Svizzero
Pubblicato della Commissione per la ricerca scientifica nel Parco Nazionale Svizzero – una Commissione dell’Accademia svizzera di scienze naturali SCNAT
Perscrutaziuns scientificas en il Parc Naziunal Svizzer
Publitga da la Cumissiun da perscrutaziun dal Parc Naziunal Svizzer – ina Cumissiun da l’Academia svizra da las scienzas natiralas SCNAT
Scientific Research in the Swiss National Park
Published by the Research Council of the Swiss National Park – A Council of the Swiss Academy of Sciences SCNAT

Früherer Titel der Reihe (bis Nr. 84):
Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchungen im Schweizerischen Nationalpark
(vgl. Verzeichnis der bisher erschienenen Arbeiten am Schluss des Buches)
Reto Rupf
Planungsinstrumente für Wandern und Mountainbiking in Berggebieten
unter besonderer Berücksichtigung der Biosfera Val Müstair
Haupt Verlag
Reto Rupf, Prof. Dr., ist Leiter des Forschungsbereichs Integrative Ökologie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Seine Forschungsschwerpunkte bilden Umweltplanung, Schutzgebietsmanagement, Besuchermanagement, Outdoorsport, Mensch-Natur-Interaktionen sowie Umweltaspekte von Sport, Freizeit und Tourismus (recreation ecology).
| Herausgeberin | Forschungskommission des Schweizerischen Nationalparks, eine Kommission der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz (SCNAT) |
| Redaktion | Thomas Scheurer |
| Lektorat | Jürg Schlegel |
| Layout und Satz | Reto Rupf |
| Zitiervorschlag | Rupf R. (2015) Planungsinstrumente für Wandern und Mountainbiking in Berggebieten – unter besonderer Berücksichtigung der Biosfera Val Müstair. Nationalpark-Forschung in der Schweiz 104 |
| Umschlaggestaltung | René Tschirren (Haupt Verlag) nach Konzept von pooldesign.ch |
| Umschlagbild | Blick in die Val Müstair Foto: Reto Rupf |
| Verkauf | www.haupt.ch/shop |
1. Auflage 2015
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
ISBN 978-3-258-40024-2
Alle Rechte vorbehalten.
Copyright © 2015 Haupt Berne
Jede Art der Vervielfältigung ohne Genehmigung des Verlages ist unzulässig.
www.haupt.ch
Diese Publikation stützt sich auf die Dissertation des Autors an der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) unter dem Titel "Choice-Experimente als Grundlage für Agenten-basierte Modelle zur Planung im naturorientierten Outdoorsport. Wandern und Mountainbiking in Tourismus- und Bergregionen sowie Schutzgebieten" (Leitung Prof. Ulrike Pröbstel, BOKU und Prof. Wolfgang Haider, Simon Fraser University, Burnaby, Kanada).
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
Kurzfassung
Freizeit spielt im Leben vieler Menschen eine bedeutende Rolle und gleichzeitig wird naturorientierter Outdoorsport stets beliebter. So fördern Alpendestinationen Wandern und Mountainbiking mit neuen Infrastrukturen und Marketingkampagnen, um vor dem Hintergrund des Klimawandels die Erträge im Sommertourismus zu steigern. Diese intensiveren Freizeitnutzungen können zu Beeinträchtigungen von Lebensräumen und Habitaten seltener Arten führen und beinhalten Konfliktpotenzial zwischen Outdoorsportlern. Daher sind eine bestmögliche Planung sowie ein integriertes Gebietsmanagement notwendig.
Mit Agenten-basierten Modellen (ABM) stehen Computersimulationen als neue Instrumente für Planung und Management zur Verfügung. Dabei werden auf der Grundlage von Befragungen bei Erholungsuchenden Regeln für das Verhalten der Agenten im Modell entwickelt. Diese beziehen sich auf deren Umgebung und andere Agenten. Die Besonderheit der vorliegenden Arbeit liegt darin, dass ein ABM für eine Bergregion entwickelt und aufgezeigt wurde, wie eine integrierte Behandlung von zwei verschiedenen Aktivitäten, Wandern und Mountainbiking, erfolgen kann.
Darüber hinaus wurde zur Herleitung der Verhaltensregeln für die Agenten eine aufwändigere Befragungsform mit Discrete-Choice-Experimenten (DCE) entwickelt, um damit die Entscheidungssituationen der Wanderer und Mountainbiker möglichst realitätsnah nachzubilden. Zentrale Elemente sind mit Karten- und Profilskizzen visualisierte Tourentscheidungen sowie Entscheidungen an Wegabzweigungen. Die DCE wurden mit realen Touren-Daten justiert. Dazu wurden in der Biosfera Val Müstair vorgängig 772 Wander- und 223 Mountainbike-Touren mit GPS-Loggern aufgezeichnet und analysiert.
Insgesamt 948 Wanderer und 317 Mountainbiker beantworteten die Befragung mit den Choice-Experimenten. Aus deren Analyse ergeben sich für Wanderer und Mountainbiker je zwei Kurztour- und Langtour-Sportlertypen mit spezifischen Vorlieben, resp. Parametern für die Agenten. Unter Anwendung des multinominalen Logit-Modells werden aus diesen Parametern Decision-Support-Systeme entwickelt. Mit deren Hilfe lassen sich in Destinationen und Schutzgebieten die Touren- und Wegangebote bezüglich ihrer Attraktivität für die Sportler überprüfen und als benutzerfreundliche Planungsinstrumente nutzen.
Die Arbeit zeigt, dass sich Choice-Experimente zur Herleitung von wichtigen Grundlagen für ABM eignen, letztere aber für den praktischen Einsatz als Planungsinstrumente im Bereich Outdoorsport in Berggebieten noch einer Weiterentwicklung bedürfen.
Schlagwörter
Discrete-Choice-Experiment, Agenten-basiertes Modell, GPS-Logging, Umweltplanung, naturorientierter Outdoorsport, Wandern, Mountainbiking, Besuchermanagement, Destinationsentwicklung, Alpen, Grossschutzgebiete, Pärke, Biosfera Val Müstair
Abstract
Leisure time and recreation are gaining importance in many people’s lives, while natureoriented outdoor sports are becoming more popular. Destinations in the Alps have therefore introduced new infrastructures and marketing campaigns to encourage hiking and mountainbiking, in order to increase the revenue from summer tourism in the face of climate change. However, as increased visitor numbers impinge on habitats of rare species, on landscape and create potential user conflicts, optimal planning and integrated area management are needed.
Agent-based models (ABM) offer new computer tools that simulate independent actions by individuals (agents) and could be used in planning and management. The agents base their actions on rules relating to their environment and to other agents. The speciality of this study is the development of a methodology to derive agents’ rules regarding the design of an ABM for mountain regions in the field of nature-oriented outdoor sports with a view to optimizing the planning process. It demonstrates a manner of an integrated management of two different outdoor recreation activities, hiking and mountainbiking.
In this study the rules required for an ABM are defined by Discrete Choice Experiments (DCE) with outdoor recreationists in order to emulate decision-making situations encountered by hikers and mountain bikers as realistically as possible. Central elements of the experiments are tour decisions, visualized by maps and profiles, and decisions at trail junctions. Real trip data is used to adjust the DCE. For this purpose 772 hiking and 223 mountain biking tours were recorded with GPS-Loggers in the Biosfera Val Müstair and the data analyzed using a Geographic Information System.
The responses of 948 hikers and 317 mountain bikers to the DCE questionnaire showed that hikers and mountain bikers can each be divided into different recreational types, that is, two preferring short and two preferring long trips, each with specific parameters for the agents concerned. The subsequent application of multinominal logit model allows for the development of decision support systems (DSSs) which can be used to validate the attractiveness of a destination’s and protected areas’ tour and trail supply. Such DSSs are user-friendly planning tools.
This study shows how DCE can be applied to create a tailored base for ABM. To elaborate new infrastructure for nature-oriented outdoor sports in mountain regions the ABM should be enhanced.
Keywords
Discrete choice experiment, agent-based model, GPS-logging, environmental planning, outdoor sports, hiking, mountainbiking, recreation, visitor management, destination development, trail network, mountain regions, Alps, protected areas, Biosfera Val Müstair
Vorwort
Die Bewegung in der freien Natur ist für mich seit meiner Kindheit ein wichtiger Bestandteil meines Lebens: zu Fuss wandernd, rennend oder mit dem Mountainbike durch Felder, Wälder und Berge, mit Skiern durch die weite Bergwelt oder in letzter Zeit auch vermehrt mit verschiedenen Booten auf Fluss, See oder Meer – mit Freunden, Familie oder ganz alleine. Durch diese Aufenthalte ist mein Bewusstsein für den Wert und die Sensibilität der Natur über die Jahre immer weiter gewachsen. Gleichzeitig verbrachte ich praktisch mein ganzes Leben in Berg- und alpinen Randregionen und verstehe deshalb die Notwendigkeit der Bevölkerung, mit der Natur Wertschöpfung zu generieren, sprich: den Lebensunterhalt zu erwirtschaften. Neben Land- und Forstwirtschaft stellen Tourismus und Freizeit weitere Einkommensmöglichkeiten dar. Langfristig darf durch diese Nutzung die Natur jedoch nicht beeinträchtigt werden. Die Suche nach einem verträglichen Miteinander von Schutz und Nutzung ist daher das Thema, das mich seit vielen Jahren beschäftigt. Klar scheint mir, dass es dieses Miteinander gibt. So beschreiben Biologen Gewöhnungseffekte von Wildtieren an Menschen. Können also detaillierte Kenntnisse über Wildtiere in der Natur mit dem Wissen über die Wünsche und das Verhalten von Erholungsuchenden zusammengebracht werden, müsste mit einer sorgfältigen Planung und entsprechendem Management eine konfliktarme Koexistenz von Natur und Freizeitnutzung erreichbar sein. – Diesem Thema habe ich mich verschrieben und es bildet den Rahmen der vorliegenden Arbeit.
Zur Freizeitnutzung in der Natur gibt es viele noch offene Fragen. Eine Frage, die mich bis heute nicht losgelassen hat, wurde am AIEST-Kongress 2003 in Athen von Timothy Tyrrell diskutiert (Tyrrell et al., 2003): „How many visitors were there?“ Dieser Vortrag von Timothy hat mich sofort fasziniert, doch es dauerte noch zwei Jahre, bis ich mich selbst an diese Frage wagte – im Sommer 2005 sollten im Schweizerischen Nationalpark (SNP) die Besucherzahlen neu geschätzt werden. Ich ergriff die Gelegenheit, das automatische Zählsystem im SNP zu überprüfen und war vom Ergebnis mehr als überrascht. Die automatischen Zählsysteme konnten nur etwa die Hälfte der Besucher erfassen (Rupf-Haller et al., 2006, Wernli et al., 2009). Da sich einige Studien mit Hochrechnungen auf solche Besucherzahlen berufen (Küpfer, 2000, Job, 2008, Mayer et al., 2010, Backhaus et al., 2013, Mayer, 2013), war ich motiviert, eine bessere Basis für Besucherzählungen und -management zu erarbeiten. Für Wildtiere und die Planung, resp. für das Management von Räumen wie Grossschutzgebiete, Pärke oder Tourismusdestinationen ist es zudem entscheidend, wie sich diese Erholungsuchenden im Raum bewegen. Ich suchte also nach neuen Methoden zur Erörterung dieser Frage, die schliesslich Bestandteil des Projektes mafreina – „Management-Toolkit Freizeit und Natur“ wurde (Rupf et al., 2010).
Ein weiteres Schlüsselerlebnis war das Zusammentreffen mit Wolfgang Haider anlässlich der Konferenz MMV3 (The Third International Conference on Monitoring and Management of Visitor Flows in Recreational and Protected Areas) 2006 in Rapperswil (Siegrist et al., 2006) und an der Leisure-Future-Konferenz 2007 in St. Gallen (Unbehaun et al., 2008). Er berichtete mir von seinen Studien und Befragungen unter Anwendung von Discrete-Choice-Experimenten. Sofort war ich von der Methodik begeistert. Diese beinhaltete für mich Potenzial, einen weiteren Bestandteil in meinem Suchen nach dem Miteinander von Schutz und Nutzung der Landschaft beizusteuern.
Im Anschluss an die Leisure-Future-Konferenz 2007 kam ich mit Ulrike Pröbstl ins Gespräch und diskutierte mit ihr meine Ideen bezüglich der Kombination von Monitoring von Outdoorsport-Aktivitäten und Choice-Experimenten. Sie brachte zusätzlich das vielversprechende Planungsinstrument der Agenten-basierten Modelle zur Diskussion. Nach einem Austausch mit Hans Skov-Petersen, dem Entwickler des Simulationsmodells kvintus.org, war ich überzeugt, einen sich optimal ergänzenden Methodenmix gefunden zu haben, um einen innovativen Beitrag zur Weiterentwicklung der Planungs- und Managementmethodik für die nachhaltige Entwicklung im Bereich „Freizeit und Natur“ leisten zu können.
Zum Abschluss stellte sich die Frage, ob ich neben der Familie, meinem beruflichen Engagement und den damit verbundenen Verantwortungen und Herausforderungen noch eine Dissertation in Angriff nehmen könnte und möchte. – Ich habe es gewagt, und das Resultat liegt hiermit vor: „Choice-Experimente als Grundlage für Agenten-basierte Modelle zur Planung im naturorientierten Outdoorsport – Wandern und Mountainbiking in Tourismus- und Bergregionen sowie Schutzgebieten“.
Hinweis zum Sprachgebrauch:
Die Arbeit ist in deutscher Sprache verfasst. Allerdings werden englische Fachbegriffe wie beispielsweise Decision-Support-System für Entscheidungsunterstützungssystem teilweise ohne deutsche Übersetzung verwendet.
Dank
Ohne das Engagement vieler Personen wäre das Gelingen dieser Arbeit nicht möglich gewesen – ihnen allen spreche ich meinen aufrichtigen Dank aus:
Im Speziellen danke ich allererst Frau Univ. Prof. Dr. Ulrike Pröbstl für die Betreuung der Arbeit, für ihren Weitblick bei den verschiedensten Aspekten, insbesondere auch für ihre Mithilfe bei der Konzipierung des Projektes, sowie für ihr Engagement in unzähligen Diskussionen mit ihren wertvollen Anregungen bei der Umsetzung.
Prof. Dr. Wolfang Haider danke ich für die Infizierung mit dem Choice-Modelling-Virus und seine Einführung in diese für mich neue Befragungs-Welt. Ohne seine wichtigen Beiträge und Hilfestellungen bei der Umschiffung mancher Choice-Model-„Klippen“ wäre diese Arbeit nicht möglich gewesen. Im Weiteren bedanke ich mich bei ihm für seine Unterstützung und Ermöglichung meiner Aufenthalte an der Simon Fraser University in Vancouver/Burnaby B.C, Kanada.
Ein herzliches Dankeschön gebührt Dr. Hans Skov-Petersen für seine Einführung in die Agenten-basierten Modelle, die Diskussionen und das unermüdliche Suchen neuer Wege für Bedürfnisse aus Gebirgsregionen an die Modelle. In diesem Zusammenhang danke ich auch Bernhard Snizek, der unsere Ideen in Programm-Code für das Model kvintus.org umgesetzt hat.
Eine Dissertation war aufgrund meines Engagements und meiner Verantwortlichkeiten am Institut Umwelt und Natürliche Ressourcen IUNR der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW nur in Anlehnung an ein Projekt unseres Forschungsteams möglich. Mit dem KTI-Projekt mafreina – „Management-Toolkit Freizeit und Natur“ gelang die Lancierung eines solchen Projektes. Deshalb gebührt mein herzliches Dankeschön den Projektpartnern Martin Ruesch (Rapp Trans AG), Bruno Käufeler (Impuls AG), Cla Semadeni und Tanja Bischofberger (Amt für Raumentwicklung Graubünden), Andreas Cabalzar (Amt für Natur und Umwelt Graubünden), Gian Cla Feuerstein (Amt für Wald Südbünden), Gabriella Binkert mit Hansjörg Weber, Ursula Koch und Marco Falett (Biosfera Val Müstair – Parc Naziunal), Dr. Ruedi Haller (Schweizerischer Nationalpark), Stefan Engel (armasuisse) sowie Dr. Felix Keller (Academia Engiadina). Für einen längeren oder kürzeren mafreina-Einsatz danke ich folgenden Personen: Dr. Don Anderson, Ben Beardmore, Prof. Dr. Margaret Lussi Bell, Gabriele Breuer, Andrea Flück, Prof. Dr. Roland Graf, Hasan Inci, Barbara Karlen, Dr. Peter Kauf, Dr. Daniel Köchli, Dr. Patrick Laube, Paulus Mau, Pascal Ochsner, Matthias Riesen, Jürg Schlegel, Marcel Styger, Hannes Weber, Michael Wernli und Martin Wyttenbach.
Ein herzliches Dankeschön spreche ich dem Leiter des IUNR Prof. Jean-Bernard Bächtiger aus. Er hat mich bei der Umsetzung meiner Pläne stets unterstützt und es mir ermöglicht, mich über längere oder kürzere Perioden ausschliesslich meiner Dissertation zu widmen. In diesem Zusammenhang gebührt weiterer Dank Prof. Dr. Klaus Robin, welcher die Leitung des Zentrums Naturmanagement in den Jahren 2007 bis 2009 übernahm und mir damit Freiräume für den Start der Dissertation schuf.
Unsere Kinder Salome und Nicola fragten mich während der letzten Jahre ab und zu: „Papa, warum machst du das? Warum kommst du nicht mit uns mit?“ Manchmal fiel mir die Antwort schwer, ich zweifelte selber. Ich erklärte ihnen dann, dass es für mich ein Weg sei, Neues zu entdecken und zu lernen, Erfahrungen zu sammeln, spannende Diskussionen zu führen, neue Freunde kennen zu lernen und dass sie daran ebenfalls teilhaben könnten. Es gäbe allerdings schwierige Zeiten, beispielsweise wenn wir zusammen lieber etwas anderes unternehmen würden – dafür gäbe es aber auch besondere Höhepunkte.
Ein solcher Höhepunkt für unsere ganze Familie war der Aufenthalt in Vancouver B.C. vom Februar bis August 2009. Allen, die uns dabei unterstützten, danke ich herzlich und in diesem Zusammenhang auch Salome und Nicola, die das Abenteuer Vancouver mit ihrer Queensbury Elementary School fast ohne Englischvorkenntnisse mutig in Angriff nahmen und fast nicht mehr in die Schweiz zurückkehren wollten.
Ein grosses Dankeschön gebührt auch meinen Eltern Hedy und Richard Rupf-Nadig sowie Marlies Haller-Forter für ihre Unterstützung, insbesondere auch für die Betreuung von Salome und Nicola während meiner Auslandaufenthalte.
Einen speziellen Dank möchte ich auch Pascal Haegeli aussprechen. Er war so zu sagen mein Buddy, mit dem ich verschiedenste Fragen diskutieren konnte und wir so unzählige Skype-Stunden miteinander verbrachten.
Für das Lektorat mit den wertvollen Hinweisen bedanke ich mich bei Gabriele Breuer und Jürg Schlegel.
Schliesslich danke ich meiner Partnerin Barbara Haller Rupf für ihr Verständnis, die vielen Feedbacks und ihre Hilfe bei der Überbrückung mentaler Durststrecken.
Inhaltsverzeichnis
Kurzfassung
Abstract
Vorwort
Dank
1 Einleitung
1.1 Outdoorsport in unserer Gesellschaft
1.2 Einschätzung künftiger Entwicklungen
1.3 Planungsansätze im Bereich Outdoorsport
1.4 Herausforderungen und allgemeine Zielsetzung
1.5 Aufbau der Arbeit
2 Outdoorsport – Management- und Planungsmethoden
2.1 Überblick
2.2 Zentrale Begriffe und systemische Betrachtungen
2.2.1 Outdoorsport im Kontext von Tourismus und Freizeit
2.2.1.1 Tourismus
2.2.1.2 Freizeit
2.2.1.3 Sport als Freizeitaktivität
2.2.1.4 Herleitung der Definition des naturorientierten Outdoorsports
2.2.1.5 Bedeutung verschiedener Sportarten in der Schweiz
2.2.2 Entwicklungen im naturorientierten Outdoorsport
2.2.2.1 Allgemeine Entwicklungen im naturorientierten Outdoorsport zwischen 1960 und 2010
2.2.2.2 Motive im naturorientierten Outdoorsport
2.2.2.3 Zukunftsaussichten
2.2.3 Beeinträchtigungen und Konflikte
2.2.3.1 Allgemeine Betrachtungen
2.2.3.2 Beeinträchtigungen der Natur durch naturorientierten Outdoorsport
2.2.3.3 Konflikte unter Outdoorsportlern
2.2.4 Folgerungen für die vorliegende Arbeit
2.3 Naturorientierter Outdoorsport in den Alpen
2.3.1 Bedeutung der Bergregionen für den Outdoorsport
2.3.2 Bedeutung des Outdoorsports für die Bergregionen
2.3.2.1 Wirtschaftliche Bedeutung
2.3.2.2 Anforderungen an eine Outdoorsport-Destination
2.3.3 Zukunftsaussichten und resultierende Aufgaben
2.4 Wandern in den Bergen
2.4.1 Bedeutung des Wanderns und des Bergwanderns
2.4.2 Bedürfnisse und Gewohnheiten der Wanderer
2.4.3 Spezielle Auswirkungen des Wanderns
2.4.3.1 Beeinträchtigungen der Natur und Infrastruktur
2.4.3.2 Konflikte zwischen Wanderern und anderen Outdoorsportlern
2.4.4 Präferenzen von Wanderern und Bergwanderern
2.4.4.1 Tourenpräferenzen
2.4.4.2 Wegpräferenzen
2.4.5 Erwartete weitere Entwicklung
2.5 Mountainbiking
2.5.1 Bedeutung des Mountainbikings
2.5.2 Bedürfnisse und Gewohnheiten der Mountainbiker
2.5.3 Auswirkungen des Mountainbikings
2.5.3.1 Beeinträchtigungen des Naturhaushalts
2.5.3.2 Konflikte zwischen Mountainbikern und anderen Outdoorsportlern
2.5.4 Präferenzen von Touren- und Cross Country-Bikern
2.5.4.1 Tourenpräferenzen
2.5.4.2 Wegpräferenzen
2.5.5 Erwartete weitere Entwicklung
2.6 Infrastrukturen für Wanderer und Mountainbiker
2.6.1 Basis-Infrastrukturen in Destinationen
2.6.2 Wegsystem
2.6.3 Rastinfrastruktur
2.6.4 Bergbahnen
2.7 Planung im Bereich des naturorientierten Outdoorsports
2.7.1 Allgemeine theoretische Aspekte des Umweltmanagements und der Umweltplanung
2.7.2 Spezielle planungstheoretische Ansätze im Bereich des Outdoorsports
2.7.2.1 Charakteristiken der Planung im naturorientierten Outdoorsport
2.7.2.2 Planungsansätze
2.7.3 Planungsinstrumente in der Schweiz
2.7.3.1 Raumplanung
2.7.3.2 Planung von Schutzgebieten - Pärke von nationaler Bedeutung
2.7.4 Defizite bei der Planung im naturorientierten Outdoorsport
2.8 Methoden zur Erfassung von Outdoorsportaktivitäten
2.8.1 Grundlegende Fragestellungen
2.8.2 Übersicht über die Erfassungsmethoden
2.8.3 GPS-Logging
2.9 Agenten-basierte Modelle
2.9.1 Allgemeine Eigenschaften von Agenten-basierten Modellen
2.9.2 ABM als Planungsinstrumente im naturorientierten Outdoorsport
2.10 Discrete-Choice-Experimente
2.10.1 Entscheidungstheorie
2.10.2 Anwendungen von Discrete-Choice-Experimenten im naturorientierten Outdoorsport, insbesondere beim Wandern und Mountainbiking
2.11 Fazit und Forschungsfragen
3 Methodik
3.1 Übersicht
3.2 Untersuchungsgebiet Biosfera Val Müstair
3.2.1 Räumliche Gliederung
3.2.2 Regionalwirtschaftliche Situation
3.2.3 Die Val Müstair als Biosphärenreservat
3.3 Agenten-basiertes Modell für Outdoorsport in der Val Müstair
3.3.1 Grundmodell kvintus.org
3.3.2 Outdoorsport-ABM in der Val Müstair als System
3.3.3 Parameter für das Outdoorsport-ABM Biosfera Val Müstair
3.3.3.1 Methoden zur Herleitung der Parameter
3.3.3.2 Entscheidungen der Wanderer- und Biker-Agenten und Umsetzung im ABM
3.3.3.3 ABM auf der Grundlage eines gemischten RP-SP-Modells
3.3.3.4 Ergebnisse der ABM
3.3.4 Ungewisse Zukunft - Modellierung von Szenarien
3.3.5 Evaluation der Agenten-basierten Modelle
3.4 GPS-Logging und absolute Nutzungserfassung
3.4.1 Einsatz von GPS-Loggern
3.4.2 Stichprobe
3.4.3 Analyse der Logger-Daten mit Geografischem Informationssystem
3.4.4 Erfassung von absoluten Nutzungszahlen von Outdoorsportlern mit Kameras
3.4.5 Abschätzung von Konflikten unter Outdoorsportlern aufgrund der Nutzungsintensität
3.5 Befragung mit Discrete-Choice-Experimenten
3.5.1 Allgemeines zum Fragebogen
3.5.1.1 Aufbau der Befragung
3.5.1.2 Technische Umsetzung der Internet-Befragung
3.5.1.3 Grundgesamtheit und Stichprobe
3.5.2 Inhalte der allgemeinen Befragungsteile
3.5.3 Statistische Auswertung der allgemeinen Befragungsteile
3.5.3.1 Verfahren
3.5.3.2 Planungsindex
3.5.4 Statistische Grundlagen der Discrete-Choice-Experimente
3.5.4.1 Random-Utility-Theorie und multinominales Logit
3.5.4.2 Analyse von Choice-Experimenten mit latenten Klassen
3.5.5 Entwicklung der Choice-Experimente im Hinblick auf die Definition von Regeln für Agenten-basierte Modelle
3.5.6 Touren-Choice-Experimente für Wanderer
3.5.6.1 Attribute und Level für Wandertouren
3.5.6.2 Statistisches Design des DCE-Wandertour
3.5.6.3 Visualisierung des DCE-Wandertour
3.5.6.4 Setting des DCE-Wandertour
3.5.7 Touren-Choice-Experimente für Mountainbiker
3.5.7.1 Attribute und Level für Mountainbike-Touren
3.5.7.2 Statistisches Design des DCE-Mountainbike-Tour
3.5.7.3 Visualisierung und Setting des DCE-Mountainbike-Tour
3.5.8 Weg-Choice-Experiment für Wanderer und Mountainbiker an Abzweigungen
3.5.8.1 Attribute und Level für das DCE-Weg
3.5.8.2 Statistisches Design des DCE-Weg
3.5.8.3 Visualisierung der Entscheidungen im DCE-Weg
3.5.9 Datenbereinigung und Auswertung der Choice-Experimente
3.5.10 Erstellung von Decision-Support-Systemen
4 Ergebnisse
4.1 Übersicht
4.2 Tourencharakteristik und Raumnutzung von Wanderern und Mountainbikern
4.2.1 Geloggte Touren
4.2.1.1 Stichprobe
4.2.1.2 Verlässlichkeit des GPS-Loggings
4.2.1.3 Charakteristiken der Wandertouren
4.2.1.4 Charakteristiken der Mountainbike-Touren
4.2.1.5 Vergleich der Wander- und Mountainbike-Touren
4.2.2 Räumliche Nutzung der Landschaft durch Outdoorsportler
4.2.2.1 Wandern
4.2.2.2 Mountainbiking
4.2.3 Effektive Raumnutzung an ausgewählten Standorten
4.2.3.1 Situation Val Mora
4.2.3.2 Situation Alp Champatsch
4.2.4 Geschätztes Konfliktpotenzial infolge der Nutzungsfrequenzen
4.3 Ergebnisse der Befragung
4.3.1 Charakteristik der Stichprobe und Vergleich mit der Grundgesamtheit
4.3.2 Vergleich von Wanderern und Mountainbikern
4.3.2.1 Aufenthalt und naturorientierter Outdoorsport in den Bergen
4.3.2.2 Häufigkeit und Dauer der Sportausübung
4.3.2.3 Motive für naturorientierten Outdoorsport
4.3.2.4 Einstellungen der Outdoorsportler zur Situation in den Alpen
4.3.2.5 Tourenplanung und -entscheidung
4.3.2.6 Verhalten auf Touren
4.3.3 Heterogenität unter den Wanderern und Mountainbikern
4.3.3.1 Vorbemerkung
4.3.3.2 Unterschiede zwischen Langtour- und Kurztour-Wanderern
4.3.3.3 Unterschiede zwischen Langtour-Bikern und Kurztour-Bikern
4.3.4 Tour-Modelle Wandern
4.3.4.1 Modellentwicklung
4.3.4.2 Charakterisierung der Wandererklassen bezüglich Tourpräferenzen
4.3.4.3 Top-Touren für Wanderer
4.3.4.4 Weitere Eigenschaften der Wandererklassen
4.3.5 Tour-Modelle Mountainbiking
4.3.5.1 Modellentwicklung
4.3.5.2 Charakterisierung der Bikerklassen bezüglich Tourpräferenzen
4.3.5.3 Top-Touren für Mountainbiker
4.3.5.4 Weitere Eigenschaften der Bikerklassen
4.3.6 Wegentscheidungsmodelle für Wanderer
4.3.6.1 Modellentwicklung
4.3.6.2 Wegpräferenzen der Wandererklassen
4.3.6.3 Top-Wege für Wanderer
4.3.7 Wegentscheidungsmodelle für Mountainbiker
4.3.7.1 Modellentwicklung
4.3.7.2 Wegpräferenzen der Mountainbiker
4.3.7.3 Top-Wege für Mountainbiker
4.4 Parameter für das Outdoorsport-ABM Biosfera Val Müstair
4.4.1 Überblick
4.4.2 Agenten-Typen
4.4.3 Verteilung der Agenten
4.4.3.1 Verteilung der Agenten auf die Ausgangspunkte
4.4.3.2 Verteilung der Agenten auf die Touren
4.4.4 Startzeiten der Agenten
4.4.5 Verhalten der Agenten an Wegabzweigungen
4.4.6 Bewegungsgeschwindigkeit
4.5 Überprüfung des Tourenangebots der Biosfera Val Müstair mit Decision-Support-Systemen
4.5.1 Einleitung
4.5.2 Attraktivität publizierter Wandertouren
4.5.2.1 Lange Wandertouren
4.5.2.2 Kurze Wandertouren
4.5.3 Attraktivität publizierter Mountainbike-Touren
4.5.3.1 Lange Mountainbike-Touren
4.5.3.2 Kurze Mountainbike-Touren
4.6 Umsetzung der Parameter im Agenten-basierten Modell
4.6.1 Einleitung
4.6.2 Einzelne Simulationen im Überblick
4.6.3 Verteilung der Agenten von einem Ausgangspunkt auf verschiedene Touren
4.6.4 Tour eines Agenten
4.6.5 Verhalten der Agenten an einer Abzweigung
4.6.6 Geschwindigkeitsdifferenzen von Wanderern und Bikern
5 Diskussion und Schlussfolgerungen
5.1 Einleitung
5.2 Ideale Grundlagen für die Planung und Bildung im Outdoorsport
5.2.1 Spezifische Methodenkombination
5.2.2 Herausforderung Berggebiete für ABM
5.2.3 Decision-Support-Systeme als neue Planungsinstrumente
5.2.4 Übertragbarkeit der Ergebnisse
5.2.5 Aufwand und Mehrwert
5.3 Charakterisierung von naturorientierten Outdoorsportlern
5.3.1 Typisierung von Wanderern und Mountainbikern
5.3.2 Ausübung des Wander- und Mountainbikesports
5.3.2.1 Häufigkeit der Sportausübung
5.3.2.2 Motive zur Sportausübung
5.3.2.3 Tourenvorbereitung
5.3.2.4 Tourenentscheidung
5.4 Entscheidende Parameter für die Wahl von Touren und Wegen
5.4.1 Neue Methoden und Modelle
5.4.2 Bevorzugte Touren
5.4.2.1 Wandertouren
5.4.2.2 Mountainbike-Touren
5.4.3 Bevorzugte Wege
5.4.3.1 Wege für Wanderer
5.4.3.2 Wege für Mountainbiker
5.4.4 Zusätzliche Infrastrukturen
5.4.4.1 Ergänzende Infrastrukturen für Wanderer
5.4.4.2 Ergänzende Infrastrukturen für Mountainbiker
5.5 Reflexion und Weiterentwicklung der angewendeten Methoden
5.5.1 Befragung mit Discrete-Choice-Experimenten
5.5.1.1 Stichprobe
5.5.1.2 Discrete-Choice-Experimente
5.5.1.3 Modellwahl hinsichtlich der Planung
5.5.2 Einsatz von ABM für Planung und Management im naturorientierten Outdoorsport
5.5.3 Umweltbildung und Planung mit Computerspielen oder ABM
5.5.4 Erfassung der Bewegungen der Wanderer und Mountainbiker
5.5.5 Crowdinginformationen in der Kommunikation von Tourenangeboten
5.6 Schlussfolgerungen für die Biosfera Val Müstair
5.7 Ausblick
5.7.1 DCE, DSS und ABM als Instrumente zur Planung im naturorientierten Outdoorsport
5.7.2 Beitrag zum nachhaltigen Destinations- und Schutzgebietsmanagement.
Literaturverzeichnis
Tabellenverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis
A Anhang
A.1 Ausgabe- und Protokollformular GPS-Logging
A.2 Approximative Bestimmung der Wegnutzung
A.3 Befragung - Lange Wandertouren
A.4 Befragung - Kurze Wandertouren - DCE-Tour
A.5 Befragung - Lange Biketouren - DCE-Tour
A.6 Befragung - Kurze Biketouren - DCE-Tour
A.7 Wandertouren in der Val Müstair mit Zuordnung der DCE-Attribute
A.7.1 Lange Wandertouren
A.7.2 Kurze Wandertouren
A.8 Mountainbike-Touren in der Val Müstair mit Zuordnung der DCE-Attribute.
A.8.1 Lange Mountainbike-Touren
A.8.2 Kurze Mountainbike-Touren
A.9 GPS-Logging - Dauer von Wander- und Mountainbike-Touren
A.9.1 Wandertouren
A.9.2 Moutainbike-Touren
A.10 Informationsquellen für die Tourenplanung
A.10.1 Langtour- und Kurztour-Wanderer
A.10.2 Langtour- und Kurztour-Biker
A.11 Decision-Support-Systeme für Wanderer
A.11.1 DSS - Lange Wandertouren
A.11.2 DSS - Wegpräferenzen Wanderer
A.12 Decision-Support-Systeme für Mountainbiker
A.12.1 DSS - Lange Mountainbike-Touren
A.12.2 DSS - Wegpräferenzen Mountainbiker
A.13 ABM-Grundlagen
A.13.1 Tourenverteilung
A.13.2 Verteilung der Agenten an den Ausgangspunkten
A.14 Einzelne Tagessimulationen mit Prototyp-ABM für Kurztouren
A.15 Alternatives Wegmodell für Mountainbiker
1 Einleitung
1.1 Outdoorsport in unserer Gesellschaft
Sport ist eine Freizeitbeschäftigung mit vielen positiven Auswirkungen. Dieser Überzeugung ist u.a. der ehemalige UNO-Generalsekretär Kofi Annan und er ernannte deshalb das Jahr 2005 zum „Jahr des Sports und der Sporterziehung“. Anlässlich seiner Eröffnungsrede äusserte sich Kofi Annan wie folgt:
„ Sport kann eine wichtige Rolle für die Verbesserung des Lebens jedes Einzelnen spielen, ja nicht nur des Einzelnen, sondern von ganzen Gesellschaften.“
(Deutscher Olympischer Sportbund, 2005)
Der ehemalige UNO-Sonderbeauftragte für Sport und Schweizerische Altbundesrat Adolf Ogi teilte Annans Aussage und bekräftigte diese immer wieder. Speziell die Bewegung in der Natur war ihm ein besonderes Anliegen. Heiner Geissler, ehemaliger deutscher Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit sowie Gründungsvorsitzender des Kuratoriums Sport und Natur sagte: „Natursport ist eine umfassende Charakterschulung.“ (Kuratorium Sport und Natur, 2012, 30). Mit diesen Auffassungen stehen diese gesellschaftlich anerkannten Persönlichkeiten nicht alleine, verschiedene wissenschaftliche Autoren stützen diese Aussagen und streichen dabei auch die Bedeutung der Outdooraktivitäten für die positive Entwicklung der Psyche, beispielsweise des Selbstwertgefühls heraus (Breitenmoser, 2001, Armour und Sandford, 2012, Deimel, 2013, Virkkunen et al., 2014). Daneben fördert Sport auch die physische Gesundheit und wird für Therapien nach Erkrankungen eingesetzt (Skinner, 2001, Woll und Bös, 2004, Banzer, 2013).
Aufgrund dieser grossen Bedeutung wurde das Sportverhalten in der Schweiz und in anderen Ländern verschiedentlich durch gross angelegte Studien untersucht – in der Schweiz beispielsweise in den Jahren 2000 und 2008 (Lamprecht und Stamm, 2000, Lamprecht et al., 2008a). Dabei stellten Lamprecht et al. (2008a) fest, dass ca. 73 % der Schweizer Wohnbevölkerung zwischen 15 und 74 Jahren mindestens ab und zu Sport ausübten, der Anteil der regelmässig Sporttreibenden zugenommen hat und insbesondere Outdoor-Sportarten immer mehr Zuspruch fanden1. Im Vergleich zu anderen Freizeitaktivitäten nimmt Sport in der Schweiz eine bedeutende Stellung ein. Unter den wöchentlich mindestens einmal ausgeführten Tätigkeiten führten „sich entspannen, nichts tun“ (ca. 78 %), „Sport treiben“ (ca. 63 %) und „ins Grüne gehen“ (ca. 54 %) die Rangliste an (Lamprecht und Stamm, 2000).
Gemäss Lamprecht et al. (2008a) waren „Radfahren, Mountainbike“ (35 %) sowie „Wandern, Walking, Bergwandern“ (33,7 %) die am häufigsten ausgeübten Sportarten. In absoluten Zahlen kann in der Schweiz mit ihren etwa 8 Millionen Einwohnern also von ca. 2 Millionen Radfahrern inkl. Mountainbikern sowie 1,9 Millionen Wanderern ausgegangen werden.2 Bei ersteren ist das Mountainbike sehr bedeutend, so lag bei den verkauften Fahrrädern deren Anteil in den Jahren 2006 bis 2012 zwischen 35,5 % und 46,1 % (velosuisse, 2013).
Auch im internationalen Kontext wird die Bedeutung der Freizeitbeschäftigung Sport, im Speziellen Wandern und Mountainbiking durch verschiedene Studien belegt. Im EU-Durchschnitt sind 49 % der Befragten regelmässige Sportler, was gegenüber dem Wert von 2004 mit 38 % (TNS Opinion & Social, 2004) einen markanten Anstieg darstellt. Dabei bevorzugten im EU-Durschnitt 48 % der Sportler die Natur oder den Park als Umgebung, d.h. Outdoorsport (TNS Opinion & Social, 2010). In Schweden und Finnland gaben in der EU-Sportstudie 2010 72 % der Befragten an, dass sie sich wöchentlich mindestens einmal sportlich betätigten. In Dänemark waren es ca. 64 %, also etwa gleich viel wie in der Schweiz.
Ein Trend ist von eher passivem Naturgenuss, wie Vögel beobachten und Spazieren, hin zu eher aktiven, materialintensiven Sportarten wie Klettern, Mountain Biking, Kanufahren usw. zu beobachten (Eagles et al., 2002). Die Bedeutung der neuen Sportarten unterstreichen die Umsatzzahlen der Outdoorsport-Industrie in Europa, welche ein jährliches Wachstum von ca. 2 % verzeichnet und im Jahre 2010 einen Umsatz von 6 Milliarden Euro erreichte (Neue Zürcher Zeitung, 2011). Weitere Indizien für den Trendwechsel zu aktivem Outdoorsport sind der wachsende Zuspruch zu Veranstaltungen wie dem „Bergfestival“ oder dem „International Mountain Summit“ in Brixen, Italien oder zu Büchern mit dem Thema „Berge“, die sich grosser Nachfrage erfreuen, obwohl die Buchbranche ansonsten mit Schwierigkeiten kämpft (Neue Zürcher Zeitung, 2011). Vogt (2009) spricht allerdings eher von einem medialen, denn von einem realen „Wanderboom“ in der Landschaft.
Jedenfalls bleibt die zweifellos intensive Nutzung der Natur für und durch den Outdoorsport nicht ohne Konsequenzen. Verschiedentlich treten Konflikte auf, die auch in der Öffentlichkeit heftig diskutiert werden, beispielsweise in Zeitungen (Buschor, 2010, Blick, 2012, Huff Post, 2012, Neue Zürcher Zeitung, 2012, Arnet, 2013, Tagesanzeiger, 2013a) oder auch in Online-Blogs (Deutsche Initiative Mountainbike e.V., 2012, Tagesanzeiger, 2013b). Diese Konflikte im Outdoorsport betreffen einerseits die Sportler untereinander, beispielsweise Mountainbiker und Wanderer (Moore, 1994, von Janowsky und Becker, 2002, Cessford, 2003, Reichhart und Arnberger, 2010, Wyttenbach, 2012) oder andererseits Beeinträchtigungen der Natur durch Outdoorsportler (Leung und Marion, 2000, Ingold, 2005, Pickering et al., 2010b).
1.2 Einschätzung künftiger Entwicklungen
Der Tourismus hat in den vergangenen Jahren international erheblich an Bedeutung gewonnen. Auch in der Schweiz ist der Tourismus mit Einnahmen von ca. 35,5 Milliarden Franken im Jahr 2010 und vielen Arbeitsplätzen besonders in Bergregionen eine wesentliche Branche (Schweizer Tourismus-Verband, 2012). Das Thema „Outdoorsport und Natur“ nimmt im Schweizer Tourismus eine wichtige Stellung ein und wird denn auch im Internetauftritt von Schweiz Tourismus (www.myswitzerland.com) prominent dargestellt. Der Werbeslogan „Schweiz. ganz natürlich.“ spricht neben der Kultur auch die Natur an. Bei näherer Betrachtung der Webseite von Schweiz Tourismus fällt die starke Propagierung der Erlebnisse Wandern, Velo fahren und Mountainbiking auf, ebenso werden Berge und Schweizer Pärke als Reiseziele bestens platziert (Schweiz Tourismus, 2013).
Jürg Schmid, Direktor von Schweiz Tourismus, nimmt Trends hin zu Aktiv-Ferien und Outdoor-Aktivitäten wahr. Insbesondere hebt er ein langfristiges Wachstumspotenzial im Sommertourismus für die Schweiz hervor (Schweizer Radio und Fernsehen, 2013) und streicht Chancen zur Inwertsetzung der schweizerischen Naturlandschaft insbesondere in Bergregionen hervor. Bei fortschreitendem Klimawandel bilden Bergregionen im heissen Sommer Rückzugsgebiete für Menschen aus Tallagen und Städten. Wenn Bergregionen infolge ansteigender Schneegrenze zunehmend Probleme mit dem Wintertourismus bekommen, so empfiehlt Schmid ihnen pro-aktiv auf den Sommertourismus zu setzen, Angebote zu kreieren und auf den Markt zu bringen (Schweizer Radio und Fernsehen, 2013).
Die Touristiker der Schweizer Bergregionen arbeiten intensiv darauf hin, mehr Sommergäste für Aktiv- und Outdoor-Erlebnisse in ihre Regionen zu holen. Wandern, Velo fahren und Mountainbiking sind wichtige Aktivitäten für ihre Gäste. Deshalb ist mit einer Zunahme von Sportlern in der Natur zu rechnen. Als direkte Folge davon werden die Infrastrukturen wie Wege, Gaststätten, Zugänge usw. der erwarteten Gästezahl angepasst oder neue erstellt wie z.B. Flowtrails. So wurde im Jahr 2010 vom Kanton Graubünden ein grosses Projekt „Graubünden Bike“ lanciert, um den Mountainbike-Sport im ganzen Kanton zu fördern (Fachstelle Langsamverkehr, 2010).
Um den Gästen wertvolle Erlebnisse zu bieten und dabei die Beeinträchtigungen der Natur möglichst gering zu halten, aber auch um für die sich verändernden Rahmenbedingungen vorzubereiten (Job et al., 2011), bedürfen diese Regionen einer sorgfältigen Planung unter Einsatz verschiedener Szenarien. Dabei stellt sich die Frage, wie diese Planung angegangen werden soll. Bislang wurden Planungen in Regionen oft von externen Experten durchgeführt und anschliessend je nach rechtlicher Umsetzung von den Stimmbürgern der Region gutgeheissen oder abgelehnt. Die Akzeptanz solcher Planungen war aufgrund der ungenügenden Partizipation der betroffenen Bevölkerung von unterschiedlicher Qualität (Müller und Kollmair, 2004).
Beim Management von Ökosystemen, Schutzgebieten und Regionen erlangt die partizipative Planung immer grössere Bedeutung, da sie zu besseren Ergebnissen führt (Brody, 2003). Insbesondere ist dies bei der Planung und im Management von Grossschutzgebieten der Fall, in welchen der Naturschutz und die touristische Nutzung integriert werden müssen (Schmitz-Veltin, 2005). Diese Notwendigkeit wurde erkannt und die Beteiligung der Bevölkerung ist deshalb Bestandteil von verschiedenen, neueren Richtlinien zur Schutzgebietsentwicklung, beispielsweise auf internationaler Ebene von der IUCN (Thomas und Middleton, 2003) oder in der Schweiz bei der Planung von Pärken von nationaler Bedeutung (Bundesamt für Umwelt - BAFU, 2008a). Als Untersuchungsregion für die vorliegende Studie wurde deshalb ein Schutzgebiet von nationaler Bedeutung in der Schweiz ausgewählt, die Biosfera Val Müstair.
1.3 Planungsansätze im Bereich Outdoorsport
Spezielle Planungs- und Managementansätze für den Bereich Outdoorsport sind vor allem im Zusammenhang mit Schutzgebieten bekannt. Insbesondere in Europa dominieren dabei Naturschutz- und Managementkonzepte für Arten und Lebensräume, jedoch weniger Managementkonzepte für Besucher (Alexander, 2008). Dazu bilden erholungsbezogene Schutzgebiete wie Naturpärke oder touristisch genutzte Landschaften eine Ausnahme (Pröbstl, 2010).
Anders präsentiert sich die Situation in den USA, Kanada und Australien, wo verschiedene Managementkonzepte für Besucher entwickelt worden sind. Im Fokus dieser Konzepte steht die Ermöglichung von Naturerlebnissen durch Outdooraktivitäten. Als wichtigste Basiskonzepte sind das „Recreation Opportunities Spectrum – ROS“ (Clark und Stankey, 1979) und das „Limits of Acceptable Change – LAC“ (Stankey et al., 1985) zu nennen. Darauf aufbauend entstanden einige Weiterentwicklungen mit Kombinationen verschiedener Elemente, so beispielsweise das „Visitor Activities Management Planning – VAMP“ (Graham et al., 1988), das „Visitor Impact Management – VIM“ (Graefe et al., 1990) oder das „Visitor Experience and Resource Protection – VERP“ (Eagles et al., 2002).
Diese oben genannten Managementkonzepte eignen sich vor allem für Gebiete mit einem hohen Schutzstatus. Sie sind oft sehr allgemein gehalten und schwierig auf den europäischen oder schweizerischen Kontext übertragbar. Trotzdem lassen sich einige Ideen, beispielsweise die Zielorientierung für lokal angepasste Konzepte, aufnehmen (Nilsen und Taylor, 1997). Den Schutzstatus von Regionen auf internationaler Ebene regelt die Welt-Naturschutzorganisation IUCN (International Union for the Conservation of Nature and Natural Resources). Sie entwickelte sechs verschiedene Schutzkategorien vom „Strengen Naturschutzgebiet / Wildnisgebiet – Ia und Ib“ bis hin zu „Geschützte Landschaft / Geschützte Meeresregion - V“ und „Schutzgebiet mit nachhaltiger Nutzung Natürlicher Ressourcen – IV“ (IUCN, 1994, EUROPARC, 2010). Verbunden mit diesen Schutzkategorien sind Leitlinien für den Aufbau und das Management der entsprechenden Schutzgebiete aufgestellt (Eagles et al., 2002, Phillips, 2002, Thomas und Middleton, 2003), welche auch die Nutzungsmöglichkeiten definieren.
In Europa stellen die Natura 2000-Schutzgebiete eine wichtige Initiative zur Erhaltung der biologischen Vielfalt dar (European Commission, 2014); insbesondere deshalb, weil es sich dabei nicht nur um einzelne Schutzgebiete handelt, sondern vielmehr um einen Verbund derselben, also einem System auf der Grundlage der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (Garbe et al., 2005). Diese naturnahen Landschaften bilden allerdings auch Anziehungspunkte für die Ausübung von Outdoorsport-Aktivitäten (Pröbstl und Prutsch, 2009), was wieder zu Problemen zwischen Sport und Naturschutz führen kann und deshalb planerisch gelöst werden muss.
Die Planung für den Outdoorsport darf sich jedoch nicht nur auf Schutzgebiete beschränken, sondern muss aufgrund der auftretenden Konflikte auch in anderen Räumen durchgeführt werden, um eine nachhaltige Entwicklung zu fördern. In der Schweiz erfolgt diese Planung für den Outdoorsport gemäss Raumplanungsgesetz hauptsächlich mit kantonalen Richtplänen und kommunalen Nutzungsplänen (Schweizerische Eidgenossenschaft, 1979). Seit Mitte der 1990er-Jahre wurde in der Schweiz ein neues Planungsinstrument, das Landschaftsentwicklungskonzept LEK, erarbeitet. Es ist als ein Instrument für die Entwicklung von Planungen für Gemeinden oder Regionen zu betrachten und kann als Grundlage für die rechtlich verbindliche Nutzungs- und Richtplanung eingesetzt werden. Im Gegensatz zu den anderen Planungen wird im LEK dem Einbezug der Bevölkerung eine grosse Bedeutung zugemessen (Winter, 2000).
Die IUCN empfiehlt ebenso diverse Beteiligte in den Planungsprozess auf verschiedenen Ebenen einzubeziehen (Phillips, 2002). Allerdings werden die eigentlichen Nutzer geschützter Landschaften, die Besucher oder Outdoorsportler, nicht genannt. Der Einbezug dieser Personen und deren Bedürfnisse in die Planung ist für ein gelungenes Management unabdingbar (Cole, 2004). Ebenfalls von entscheidender Bedeutung für das Management von Gebieten im Zusammenhang mit der Freizeitnutzung ist die Kenntnis von Bedürfnissen und Verhaltensweisen der verschiedenen Besucher, die mitunter sehr unterschiedlich sein können (Thapa et al., 2002).
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die meisten Planungskonzepte expertenbasiert von aussen erarbeitet und dabei der direkte Einbezug der Nutzerinteressen bis auf einzelne Ausnahmen wenig berücksichtigt worden sind. Bei allen Konzepten ist zudem die Wirkungsevaluation der geplanten Massnahmen in der Planungsphase nicht formuliert. Diese erfolgt erst nach der Realisierung (Thomas und Middleton, 2003, Hockings et al., 2006) – pointiert ausgedrückt, werden die Massnahmen nach dem „Trial and Error“-Prinzip geplant und realisiert.
1.4 Herausforderungen und allgemeine Zielsetzung
Die beschriebene grosse Bedeutung des Outdoorsports mit den besonders häufig ausgeführten Aktivitäten Wandern und Mountainbiking verlangt eine nähere Betrachtung dieser Aktivitäten. Bisherige Studien beschäftigten sich praktisch ausschliesslich mit einer der beiden Sportarten: für das Wandern u.a. Brämer (2000, 2008a, 2013b), Dichter (2003) oder Lamprecht et al. (2009) und für das Mountainbiking u.a. Wöhrstein (1998), Gilomen (2005) oder Kornexl und Brunner (2009). Da Konflikte zwischen den verschiedenen Freizeitsportlern auftreten und vermehrt in verschiedensten Medien diskutiert werden, liegen interessante Aspekte zur Erläuterung und Lösung solcher Konflikte jedoch in einer integrierten Betrachtungsweise des Wanderns und Mountainbikings. Dabei ist der Fokus nicht auf die Sportarten zu legen, sondern vielmehr auf die Sportler an sich, d.h. die Wanderer und Mountainbiker mit ihren Bedürfnissen und ihrem Verhalten.
Die Beeinträchtigung der Natur durch die Freizeitnutzung und im Speziellen durch Wandern und Mountainbiking beleuchten verschiedenste Arbeiten, u.a. bezüglich Pflanzen und Boden von Wöhrstein (1998), Thurston und Reader (2001), Pickering et al. (2003, 2010b, 2011), Marion und Wimpey (2007) oder bezüglich Wildtiere von Margraf et al. (1999), Ingold (2005) sowie Hirnschall et al. (2012), um nur einige zu nennen. In diesem Bereich ist auch das von der Schweizerischen Kommission für Technologie und Innovation geförderte Projekt „mafreina – Management-Toolkit Freizeit und Natur“ positioniert, aber zusätzlich auf Wintersport ausgerichtet (Rupf et al., 2010, Rupf et al., 2011). Die vorliegende Arbeit steht im Zusammenhang mit diesem Projekt, fokussiert aber auf soziale und methodische Aspekte zur Konfliktlösung im Bereich Wandern und Mountainbiking.
Die bereits heute bestehenden, grossen Herausforderungen für Planungen im Bereich Natur und Freizeit in Agglomerationsnähe und in Bergregionen und Schutzgebieten werden künftig noch zunehmen, da aufgrund des Ausbaus der Infrastruktur und verschiedensten Marketingmassnahmen in Tourismusdestinationen eine Erhöhung der Gästezahl angestrebt wird. In einem integrierten, neuartigen Planungsprozess ist der Einbezug der Bedürfnisse der Sportler aber auch der lokalen Bevölkerung sehr sinnvoll (Schroth, 2007) und die Evaluation von Planungs-Massnahmen vor deren Realisierung unabdingbar. Mit den bisherigen Planungswerkzeugen konnte dieser Schritt kaum umgesetzt werden, die Abschätzung der Wirkung von Massnahmen basierte auf der Erfahrung von Experten.
So ist bei derartigen Planungen konkret die Frage zu beantworten, wie ein System von Erholungsuchenden in der Natur auf Veränderungen reagiert, wenn neue Infrastrukturen gebaut werden oder sich die Anzahl der Outdoorsportler verändert. Zu derer Beantwortung wird ein Planungsinstrument benötigt, welches das Verhalten von Individuen zu modellieren vermag und welches sich für den Einsatz als Hilfsmittel bei partizipativen Planungsprozessen eignet.
Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, ein Instrumentarium zu entwickeln, mit welchem die formulierten Herausforderungen gemeistert werden können, um damit einen Beitrag zu einer optimierten Planung im Bereich Outdoorsport, insbesondere in Tourismus- und Bergregionen sowie Schutzgebieten zu leisten.
1.5 Aufbau der Arbeit
Outdoorsport im Sommer, speziell Wandern und Mountainbiking in den Alpen wird in Kapitel 2 thematisiert. Ein wichtiger Punkt dabei bilden die Konflikte zwischen den Sportlern sowie Beeinträchtigungen der Natur durch den Outdoorsport. Spezielle Beachtung wird den erforderlichen Infrastrukturen für Wandern und Mountainbiking geschenkt. Weitere wichtige Themen in diesem Literaturteil sind die Planungstheorien und -konzepte im Bereich des Outdoorsports. Ferner werden Planungsinstrumente wie technische Methoden zur Erfassung der Raumnutzung von Sportlern erläutert und die Funktionsweise von Agenten-basierten Modellen sowie die Grundlagen für den Einsatz von Discrete-Choice-Experimenten erörtert.
Kapitel 3 ist der Darstellung der Methodik dieser Arbeit gewidmet. Als erstes werden das Untersuchungsgebiet, die Biosfera Val Müstair, vorgestellt und die Anforderungen des eingesetzten ABM dargelegt. Anschliessend wird der Einsatz des GPS-Loggings aufgezeigt. Ein zentraler Teil dieses Kapitels und dieser Arbeit bildet die Erläuterung der Entwicklung der Discrete-Choice-Experimente und der darauf aubauenden Decision-Support-Systeme.
Die Ergebnisse der Untersuchungen dieser Studie werden in Kapitel 4 vorgestellt. Aus dem GPS-Logging wird die räumliche Nutzung von Wanderern und Bikern in der Biosfera Val Müstair hergeleitet. Anschliessend werden die Resultate der Befragung mit den Choice-Experimenten detailliert präsentiert. Dabei wird auf die Unterschiede zwischen Wanderern sowie Mountainbikern eingegangen und innerhalb der Sportarten werden verschiedene Ansprüche und Vorlieben erörtert. Daraus werden die Input-Parameter für das ABM vorgestellt und Ergebnisse der Simulation präsentiert.
Die Forschungsfragen werden in Kapitel 5 aus den eigenen Untersuchungen im Kontext mit der Literatur erörtert. Zu Beginn werden ideale Grundlagen für ein Outdoorsport-ABM thematisiert und darauf mögliche Typisierungen von Wanderern und Mountainbikern mit den entscheidenden Parametern für die Wahl von Touren und Wegen vorgestellt. Im Weiteren werden die angewendeten Methoden reflektiert und deren Weiterentwicklungen vorgeschlagen. Die Arbeit schliesst mit konkreten Folgerungen für die Pilotregion Biosfera Val Müstair mit einem Ausblick auf die Anwendung von Agenten-basierten Modellen bei der naturschutzorientierten Planung und dem Destinations- und Schutzgebietsmanagement.
1 Im Juni 2014 publizierte das Schweizerische Bundesamt für Sport eine neue Sportstudie (Lamprecht et al., 2014), deren Ergebnisse in der vorliegenden Arbeit jedoch nur noch punktuell ergänzend berücksichtigt werden konnten. Grundsätzlich dient die Sportstudie des Jahres 2008 (Lamprecht et al., 2008a) als Basis der Arbeit. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Sportaktivität der Schweizer Bevölkerung zwischen den Jahren 2008 und 2014 weiter anstieg, da es mehr Personen gab, die häufiger Sport treiben, während der Anteil an Nichtsportlern stabil blieb.
2 Nach Lamprecht et al. (2014) stiegen diese Anteile auf 44,3 % (Wandern, Bergwandern) und 44,6 % (Radfahren, Mountainbike), wobei 6,3 % Mountainbike-Sport betrieben.
2 Outdoorsport – Management- und Planungsmethoden
2.1 Überblick
„Sport in unserer malerischen Natur ist ein besonderes Erlebnis. Für die Biosfera Val Müstair sind die Sportlerinnen und Sportler willkommene Gäste und eine Stütze unserer Wirtschaft. Damit wir unseren Gästen auch künftig einmalige Erlebnisse in einer intakten Natur anbieten können, sind wir auf das Management des Outdoorsports angewiesen. “ (Gabriella Binkert Becchetti, ehemalige Direktorin Biosfera Val Müstair: Testimonial zum Weiterbildungsstudiengang „CAS Outdoorsport Management“ 2013)
Mit diesem Statement fasst die ehemalige Direktorin der Biosfera Val Müstair die Situation in prägnanten Worten zusammen. Allein die Antwort auf die Frage „wie?“ bleibt offen.
In Kapitel 2 werden die theoretischen Grundlagen für die Arbeit dargelegt, zentrale Begriffe definiert und der Forschungsstand aufgearbeitet. In einem ersten Block (Kapitel 2.2 – 2.6) wird das Umfeld der Arbeit, also die Zusammenhänge zwischen Tourismus, Freizeit und Sport beleuchtet, welche sich überschneidende Bereiche darstellen (vgl. Abbildung 2.1). Ein spezieller Fokus wird auf den naturorientierten Outdoorsport in der Freizeit gerichtet – insbesondere auf Wandern und Mountainbiking.

Abbildung 2.1: Thematisches Umfeld der Arbeit (eigene Darstellung)
In einem zweiten Block in Kapitel 2.7 steht die Planung im Bereich Outdoorsport und Natur in den Alpen im Zentrum der Betrachtungen (vgl. Abbildung 2.2). Bestehende Planungsmethoden und -konzepte sowie Methoden für die Erfassung der Raumnutzung werden vorgestellt. Eine besondere Aufgabe ist dies für Grossschutzgebiete, Pärke oder Outdoorsport-Destinationen – diese planen nicht nur angebotsseitig umweltnormkonforme Infrastrukturen, sondern möchten gleichzeitig eindrückliche Naturerlebnisse für Besucher oder Gäste anbieten. In der vorliegenden Arbeit liegt der Fokus auf Wanderern und Mountainbikern. Betreffend der Nachfrageorientierung weist die Standard-Planung (vgl. gestrichelte Linien Abbildung 2.2) beispielsweise bei Baugesuchen oder Umweltverträglichkeitsprüfungen einige Mängel auf, indem sie die Wechselwirkungen der Wanderer und Mountainbiker auf die Natur, auf einander sowie zu den Infrastrukturen und weiteren Outdoorsport-Angeboten kaum berücksichtigen (vgl. ausgezogene Pfeile in Abbildung 2.2). In einer optimierten Planung soll diesen Wechselwirkungen Rechnung getragen werden.

Abbildung 2.2: Optimierte Planung im Bereich Outdoorsport und Natur mit neuen Beziehungen zwischen Nutzern und dem Planungsgegenstand (eigene Darstellung)
Dazu werden in den Kapiteln 2.8 – 2.10 neue bedürfnisintegrierende und die für die nachfolgenden Untersuchungen zentrale Methoden Discrete-Choice-Experiment und Agenten-basiertes Modell vorgestellt. Abschliessend werden als Folgerung dieser Aufarbeitung die konkreten Forschungslücken und -fragen in Kapitel 2.11 formuliert
2.2 Zentrale Begriffe und systemische Betrachtungen
2.2.1 Outdoorsport im Kontext von Tourismus und Freizeit
2.2.1.1 Tourismus
Outdoorsport ist im Begriffsgefüge von Freizeit, Tourismus und Sport eingebettet (vgl. Abbildung 2.1), für welche vielfältige Definitionen existieren, die teilweise sehr allgemein gehalten und schwer operationalisierbar sind (Bieger, 2010).
So kann Tourismus angebotsseitig definiert werden, wenn die Abgrenzung gegenüber anderen Wirtschaftszweigen im Vordergrund steht; wobei diese Abgrenzungen jedoch nicht absolut erfolgen können. Zudem existieren nachfrageseitige Definitionen des Tourismusbegriffes mit „Touristen“ im Zentrum der Definition. Die World Tourism Organisation der Vereinigten Nationen (UNWTO) definiert Touristen wie folgt: Ein Tourist ist eine Person, die eine Reise in eine Destination ausserhalb der üblichen Umgebung unternimmt und dabei mindestens einmal, aber weniger als 365-mal in der Destination übernachtet. Zusätzlich darf das primäre Ziel dieser Reise nicht in der Suche einer Arbeitsstelle liegen. Erfolgt das Aufsuchen der Destination ohne Übernachtung, wird die Person als Besucher bezeichnet (United Nations World Tourism Organisation, 2013).
Die touristische Destination wird als Ort oder Region verstanden, welche mit ihren Eigenschaften für den Grund der Reise entscheidend ist. Die Reise in eine Destination kann bei Touristen wie bei Besuchern beruflich oder privat begründet sein (Freyer, 1998, Bieger, 2010, United Nations World Tourism Organisation, 2013).
Zur ganzheitlichen Erfassung des Phänomens Tourismus bieten sich Systemmodelle an (Müller, 2002). Anfänglich waren dies sehr einfache, statische Modelle, die zunehmend durch komplexere, dynamische Modelle abgelöst werden (Bieger, 2010). Ein erwähnenswertes Modell ist das touristische Strukturmodell (vgl. Abbildung 2.3), das im Rahmen des Schweizerischen Tourismuskonzeptes im Jahr 1979 entwickelt wurde (Beratende Kommission für Fremdenverkehr des Bundesrates (Hrsg.), 1979). Diesem Modell kann eine gewisse Vorreiterrolle zugesprochen werden, da es bereits Ende der 1970er-Jahre eine nachhaltige Entwicklung beinhaltete (Stettler, 2012) – also acht Jahre vor der Veröffentlichung des Nachhaltigkeitskonzepts mit dem Brundtland-Bericht der Vereinigten Nationen (Brundtland und Khalid, 1987). Das touristische Strukturmodell ist ein offenes System mit Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Elementen (Bieger, 2010). Verschiedene Ereignisse wie beispielsweise die Erweiterung der touristischen Infrastruktur mit der Eröffnung eines neuen Weges können Veränderungen des ganzen Systems bewirken, indem sich die Nutzungen in einer Region wandeln (Kernen et al., 2010) oder neue Gästesegmente anziehen usw. Solche Systemmodelle bilden die Grundlage für die Modellierung künftiger Szenarien (vgl. Abbildung 2.3).

Abbildung 2.3: Touristisches Strukturmodell (leicht verändert nach Beratende Kommission für Fremdenverkehr des Bundesrates (Hrsg.), 1979, 84)
Einige Jahre später entwarf Krippendorf (1984) ein Modell für das Leben der Menschen in der Industriegesellschaft (vgl. Abbildung 2.4). Dabei betrachtet er den menschlichen Alltag als Dreiteilung zwischen Arbeit, Wohnen und Freizeit. Dieses Gefüge stellt er in den Kontext der Dimensionen Gesellschaft (W erthaltungen) – Wirtschaft sowie Staat – Umwelt. Tourismus und Reisen sind im Modell von Krippendorf als Gestaltung eines Gegenalltags zu verstehen, in welchem Reisende auf Bereiste treffen – Menschen im Gegenalltag begegnen also Menschen im Alltag. Im Modell sind zudem wichtige Rückkoppelungen aufgezeigt, welchen oftmals zu wenig Beachtung geschenkt wird.

Abbildung 2.4: Industriegesellschaftliches Lebensmodell (Krippendorf, 1984, 29)
Aus der nachfrageseitigen Definition des Tourismus werden verschiedene Tourismusarten nach dem Motiv der Reise festgelegt (Kaspar, 1991, Kaspar, 1996), welche z.T. heute immer noch ihre Berechtigung haben (Bieger, 2010), sich aber zunehmend überschneiden. Zu nennen sind u.a.
- Erholungstourismus:
- Nah- und Ferienerholung zur physischen und psychischen Regeneration
- Kurerholung zur Herstellung von Heilung
- Kulturorientierter Tourismus:
- Bildungstourismus (Kennenlernen anderer Kulturen und Sitten)
- Alternativtourismus (Kennenlernen des Lebens anderer individueller Menschen in ihrem Wohnumfeld)
- Wallfahrtstourismus
- Gesellschaftsorientierter Tourismus
- Verwandtentourismus
- Klubtourismus (Integration des Feriengastes in der Gruppe)
- Sporttourismus
- Aktiver Sport
- Passiver Sport
- Wirtschaftsorientierter Tourismus
- Politikorientierter Tourismus
Hyde und Laesser (Bieger, 2010) verfolgen einen aktivitätsorientierten Strukturansatz bei der Definition des Tourismus und schlagen drei Makrostrukturen vor, bei welchen sich das Reiseverhalten der Touristen mit den damit verknüpften Strukturen des Tourismussystems voneinander unterscheidet:
- Ferien an Ort und Stelle
- Ferien mit arrangierten Touren
- Ferien mit freien Touren
Zum Reiseverhalten äussert sich Bieger (2008, 9) wie folgt und bietet damit eine Erklärung für die zunehmende Attraktivität des Outdoorsports:
„Je mehr der Mensch in seinem Alltag die Begrenztheit der natürlichen Ressourcen spürt, je mehr er durch Normen geprägt wird, je mehr ein anonymer Staat in sein Leben eingreift und je weniger er am Arbeitsplatz direkt mitgestalten kann, desto mehr will er seine Ferien aktiv, naturnah und möglichst frei erleben. “
2.2.1.2 Freizeit
Freizeit wird in der Literatur sehr unterschiedlich festgelegt, vielfach wird zwischen negativen und positiven Formulierungen unterschieden. Negative Freizeitdefinitionen bezeichnen Freizeit als Residualzeit der Lebenszeit (vgl. Abbildung 2.4), d.h. als Zeit, welche neben Arbeiten und Wohnen (schlafen, essen, familiäre Kontakte pflegen usw.) noch übrig bleibt (Egner, 2000, Müller, 2002). Bei den positiven Definitionsansätzen erfolgt die Beschreibung von Freizeit als frei verfügbare Zeit im Sinne der Selbstbestimmung oder über die Zuordnung von Funktionen wie Erholung, Kontemplation, Kompensation des Berufsalltags (Müller, 2002).
In Abbildung 2.5 kombiniert Bieger (2010) diese beiden Definitionsansätze zu einem neuen Modell im Bezugsrahmen von „Inhaltsautonomie“ (was ich tue) und „Zeitautonomie“ (wann ich etwas tue). In den letzten Jahren treten zunehmend Vermischungstendenzen zwischen Erwerbsarbeitszeit und Freizeit auf und somit steht der dualistische Ansatz vermehrt in der Kritik (Müller, 2002).

Abbildung 2.5: Abgrenzung von Freizeit (Bieger, 2010, 91)
Die Aussagen zur Freizeitthematik in der Schweiz stützen sich vielfach auf die im Rahmen der Langzeitbeobachtung UNIVOX durchgeführten, repräsentativen Telefonerhebungen von gfs-Zürich in Zusammenarbeit mit der Universität Bern, Forschungsinstitut für Freizeit und Tourismus (Müller, 2010). Hinsichtlich des Stellenwertes wird in der Befragung 2009 Freizeit als drittwichtigster Lebensbereich nach Familie/Freunde und Gesundheit unmittelbar vor Arbeit/Beruf eingestuft. Gegenüber der Befragung 1996 stieg die Bedeutung der Freizeit merklich. So schätzten im Jahr 1996 45 % der Befragten und im Jahr 2009 58 % den Lebensbereich Freizeit als sehr wichtig ein (Müller, 2010).
2.2.1.3 Sport als Freizeitaktivität
Die für die Schweizer Bevölkerung wichtigste und tägliche Freizeitbeschäftigung stellt der Medienkonsum dar (Fernsehen, Zeitungen und Zeitschriften, Radio hören, Surfen im Internet, Bücher lesen). „Aktiv Sport treiben“ wird typischerweise wöchentlich ausgeführt (31 %). Als tägliche Freizeitbeschäftigung hat „aktiv Sport treiben“ zwischen den Jahren 2000 und 2009 von 14 % auf 19 % zugenommen (Müller, 2010).
Sport nimmt als Freizeitbetätigung also eine wichtige Stellung ein und wird diese auch in Zukunft behalten. So wollten künftig 47 % der Befragten dem „aktiven Sport treiben“ eine höhere Bedeutung zukommen lassen (Müller, 2010). Ob dies die Befragten tatsächlich umsetzen werden, ist eine andere Frage, denn bereits 2004 gaben 48 % an, dass sie künftig mehr Sport treiben wollten (Müller, 2010).
In der deutschen Bevölkerung konnte ebenfalls eine Zunahme der regelmässigen Sportaktivitäten um ca. 5 % (n=15 202 Personen im Alter von 18 bis 70 Jahren) zwischen den Jahren 1992 und 2001 beobachtet werden. Dabei betraf die Zunahme in erster Linie die Frauen (Becker et al., 2006).
2.2.1.4 Herleitung der Definition des naturorientierten Outdoorsports
Für den Begriff Sport hat sich keine allgemeingültige Definition durchgesetzt (Stettler, 1997, Lamprecht und Stamm, 2000, Scherrer, 2001, Wopp, 2006). Eine weit gefasste Definition liefert Wopp (2006, 24): „Sport ist die Lösung von Bewegungsaufgaben, die von den Handelnden als Sport bezeichnet werden. “ Diese Überlassung der Definition von Sport an die Handelnden wandten bereits Lamprecht und Stamm (2000) an. Einen weiteren Aspekt der Freiwilligkeit bringt der Schweizerische Landesverband für Sport (heute Swiss Olympic) ein und definiert Sport wie folgt: „Sport ist jede freudbetonte, körperliche Betätigung, die spielerische Eigenschaften aufweist und Möglichkeiten einer verantwortungsbewussten Auseinandersetzung mit sich selbst, mit andern und der Natur bietet. “ (Lorch, 1995, 6).
Freizeitsport beinhaltet gemäss Wopp (2006) die Idee „Sport für alle“. Andere Definitionen von Freizeitsport haben die Leistungsverbesserung explizit nicht zum Ziel (Brinkmann und Spiegel, 1986). Da der Bereich Fitness und Leistungssteigerung im Freizeitsport für viele Menschen eine wichtige Rolle spielt (Beier, 2001, Woll, 2006, Lamprecht et al., 2008a, Wydler, 2011), wird diese Definition nicht weiter verfolgt, denn Sport und Freizeitsport, insbesondere Ausdauersport wie Triathlon, Laufen oder Radfahren, bergen gar eine gewisse Suchtgefahr in sich. Dies manifestiert sich, indem die Sportler körperliche Signale ignorieren, trotz Schmerzen trainieren, Lebenspartner und Freunde zugunsten des Trainings vernachlässigen oder Entzugserscheinungen auftreten (NZZ am Sonntag, 2013).
Diverse Kategorisierungen von Sportarten werden unter Anwendung verschiedenster Kriterien vollzogen; in Tabelle 2.1 sind einige Beispiele angeführt.
Tabelle 2.1: Einteilungssysteme von Sportarten – einige Beispiele (eigene Darstellung)
| Kriterium | Sportartentyp | Erläuterung |
| Antriebsart der Bewegung | Motorsport | |
| Bewegungsart | LaufsportRadsportWurfsport | |
| Medium | AerosportBergsportSchneesportWassersport | |
| Motiv | GesundheitssportNatursport | Auseinandersetzung mit sich selbst in der Natur und mit der Natur (Seewald et al., 1998) |
| Risikosport | Gefahr wird gesucht, jedoch ist deren Verwirklichung nicht gewollt (Scherrer, 2001) – d.h. es wird der Adrenalinschub gesucht und die Gefahr dadurch in Kauf genommen. | |
| Trendsport | Sportarten, welche in jüngster Zeit entstanden sind und welche einer Trendkurve unterliegen (Roth et al., 2003) | |
| Organisationsform | IndividualsportTeamsport | |
| Professionalität | Amateursport | Amateursportler erhalten für ihre Leistung keine Entschädigung, allenfalls Auslagenvergütungen (Scherrer, 2001) |
| Berufssport | Berufssportler üben Sport im Rahmen eines Vertragsverhältnisses aus, meist Arbeitsverträge (Scherrer, 2001) | |
| Breitensport / Freizeitsport | Sport für alle (Wopp, 2006) | |
| Leistungssport / Spitzensport | Sport zur Erzielung besonderer Leistungen, insb. auch an Wettkämpfen | |
| Umgebung | IndoorsportOutdoorsport | Sportarten, welche in einer Halle betrieben werdenSportarten, welche im Freien ausgeübt werden. (vgl. auch unten) |
Im Zentrum dieser Arbeit stehen die Begriffe Natursport und Outdoorsport, welche im deutschen Sprachgebrauch teilweise synonym, hier aber differenziert verwendet werden. Abbildung 2.6 stellt den Zusammenhang verschiedener Begriffe in diesem Kontext vor, welche anschliessend beschrieben werden.

Abbildung 2.6: Begriffe im Bereich Outdoorsport (eigene Darstellung)
Outdoorsport ist gemäss Roth et al. (2004) kein englischsprachiger Begriff, sondern eine Wortkreation, welche v.a. im deutschsprachigen Raum und in den Niederlanden Verwendung findet. Seewald et al. (1998, 166) definieren Outdoorsport wie folgt:
„Outdoorsportarten sind anlagengebundene oder nicht anlagengebundene Freizeitsportarten, die immer im Freien ausgeführt werden, einem Modetrend unterliegen können, auch auf speziell für sie errichteten offenen Anlagen durchgeführt werden und auch Wettkampfcharakter aufweisen können.“ Im englischen Sprachraum wird von „outdoor recreation“ oder von „outdoor recreation activitiy“ gesprochen. Im Unterschied zu Seewald et al. (1998) sind in der englischen Bedeutung allerdings Motorsportarten wie Motorbootfahren, Schneemobilfahren, Offroad-fahren mit Motorrädern, Quads, Geländewagen usw. ebenfalls enthalten (Flather und Cordell, 1995, Outdoor Recreation Resources Review Commission 1962 zitiert nach: Fennell, 2002, Manning, 2011).
Roth et al. (2004, 17) definieren Natursport als „selbstbestimmte Bewegungsaktivität in der freien Landschaft, die sowohl die eigentliche Ausübung von Sportarten als auch die körperliche Bewegung aus verschiedenen Motiven und in unterschiedlichen Erlebnisformen umfasst. Dabei ist die Bewegungsaktivität weder an Motorantrieb, noch an Sportanlagen zwingend gebunden und ermöglicht die Auseinandersetzung mit sich selbst in der Natur und mit der Natur. “
Egner (2000) kombiniert die Begriffe Natursport und Trendsport zu einem neuen Begriffspaar „Natur- und Trendsport“ oder verwendet Trendsport gar als Synonym zu Outdoorsport wie auch Margraf et al. (1999). Wie Roth et al. (2004) ausführen, verstehen sich aber viele Natursportler selbst nicht als Trendsportler und möchten nicht als solche bezeichnet werden.
Wopp (2006), Roth et al. (2004) sowie Lamprecht und Stamm (1998) setzen sich mit dem Phänomen Trends im Sport auseinander. Wopp entwickelte ein Trendsport-Modell in Bezug auf die Wirkungsdauer und die Wirkungsbreite von Trends (vgl. Abbildung 2.7).

Abbildung 2.7: Sportarten-Trendportfolio (verändert nach Wopp, 2006, 38)
Die Wirkungsbreite wird im Modell von Wopp (2006) als sehr gross eingeschätzt, wenn viele Bereiche der Gesellschaft betroffen sind, z.B. Konsum, Technologie, Bevölkerungsgruppen, Politik, Kommunikation usw. Die genaue Trendschwelle (zum Hype oder zu Megatrends) kann nicht beziffert werden. Bei der Wirkungsdauer wird dann von einem Trend gesprochen, wenn die Dauer des Phänomens fünf Jahre überschreitet.
Für Trendsportarten formulieren Roth et al. (2004) folgende Merkmale:
- Sportaktivität muss den Bedürfnissen vieler Menschen entsprechen
- Sportaktivität muss relativ leicht erlernbar sein
- Erleben neuer körperlicher Wahrnehmungen
- Steigerungsfähigkeit der Ausübung bis zum Extremen
- Kleines Risikopotential bei normaler Ausführung
- Exklusivität
- Mit der Sportaktivität verbundener Lifestyle kann kommerzialisiert werden
- Bei der Sportaktivität sollen technische Geräte eingesetzt werden können
- Die Aktivität soll nicht an feste Gruppen gebunden und flexibel bezüglich Ort und Zeit sein
Bei der Erfindung neuer Trendsportarten kommt oftmals ein sogenanntes „Refraiming“ zum Einsatz (Wopp, 2006), beispielsweise die Entwicklung des Nordic walking aus dem Wandern. Es handelt sich dabei um eine leicht erlernbare Aktivität mit dem Einbezug der Armmuskulatur als neues Körpergefühl, einem kommerzialisierbaren Lifestyle sowie dem Einsatz neuer technischer Geräte usw.
Die Abgrenzung von den oben aufgeführten Sportkategorien zum Risikosport ist fliessend. Im Risikosport in reiner Form wird dabei die Gefahr gesucht, resp. es wird der Adrenalinschub gesucht und die Gefahr dadurch in Kauf genommen wie beispielsweise beim Base-jumping. Allerdings wird vieles unternommen, damit das Gefahrenereignis nicht eintritt (Scherrer, 2001). Prinzipiell bergen aber alle Outdoorsportarten die Möglichkeit in sich, in der Ausübung einer Extremform zu einer Risikosportart zu werden, wie z.B. vom Bergsteigen zum Free-Climbing.
Aus den obigen Ausführungen ist ersichtlich, dass sich nicht jede Sportart eindeutig einem Sporttypus zuordnen lässt (vgl. Abbildung 2.6), insbesondere wenn deren Ausdifferenzierungen einbezogen sind. Obwohl teilweise Outdoorsport und Natursport mit Trendsport gleichgesetzt werden, haftet dem Begriff Natursport ein etwas technikfeindlicher Beigeschmack an, der sich mit neueren Sportarten wie E-Mountainbiking nur noch bedingt vereinbaren lässt.
Als Basis für die vorliegende Arbeit wird in Anlehnung an Seewald et al. (1998) und Roth et al. (2004) ein neuer Begriff geprägt – der „naturorientierte Outdoorsport“:
Naturorientierte Outdoorsportarten sind anlagengebundene oder nicht anlagengebundene Sportarten, welche immer im Freien ausgeführt werden. Die Auseinandersetzung mit sich selbst in der Natur und mit der Natur sind dabei inhärente Bestandteile. Naturorientierte Outdoorsportarten werden vorwiegend ohne Motorunterstützung praktiziert, können einen hohen Einsatz von technischen Hilfsmitteln bedingen oder auch Wettkampfcharakter aufweisen.3
Im Begriff des naturorientierten Outdoorsports ist das Motiv der Natur als zentrales Element enthalten. Der Begriff bietet zudem mit dem Outdoorsport genügend Raum, um neue Entwicklungen aufzunehmen und somit als Basis für zukunftsgerichtete Planungen.
2.2.1.5 Bedeutung verschiedener Sportarten in der Schweiz
In der Schweiz wurden in den Jahren 2000 und 2008 grosse Sportstudien durchgeführt (Lamprecht und Stamm, 2000, Lamprecht et al., 2008a). In der nachfolgenden Tabelle 2.2 sind die Ergebnisse der Studie 2008 mit 10 562 Befragten zwischen 15 und 74 Jahren sowie den Veränderungen gegenüber der Befragung 2000 aufgeführt. Dabei zeigt sich, dass Aktivitäten des naturorientierten Outdoorsports wie Radfahren, Mountainbike sowie Wandern, Walking und Bergwandern von der schweizerischen Bevölkerung am häufigsten ausgeübt werden. In Zahlen ausgedrückt bedeutet dies, dass in der Schweiz je ca. 2 Millionen Menschen Radfahren/Mountainbiking und Wandern in ihrer Freizeit als Sportaktivität betreiben. Die weite Verbreitung von Fahrrädern zeigen Zahlen vom Schweizerischen Bundesamt für Statistik und liefern so ein weiteres Indiz für die Outdoorsportaktivität der schweizerischen Bevölkerung. So wurden bei der letzten Erhebung im Jahr 1996 3,7 Millionen Fahrräder festgestellt, und im Jahr 2010 waren in 69 % aller Haushalte mindestens ein Fahrrad und in 47 % mindestens ein Mountainbike vorhanden. Ca. 50 % der Fahrradkilometer werden für Freizeit zurückgelegt (Bundesamt für Statistik und Bundesamt für Raumentwicklung, 2012).
Tabelle 2.2: Die 20 beliebtesten Sportarten in der Schweiz im Jahr 2008 (Auszug aus Lamprecht et al., 2008a, 16; verändert; * Naturorientierter Outdoorsport)

Aufgrund der grossen Bedeutung des Wanderns, beziehungsweise des Bergwanderns, sowie des Mountainbikings im naturorientierten Outdoorsport in der Schweiz fokussiert die vorliegende Arbeit auf die Untersuchung dieser beiden Sportarten.
2.2.2 Entwicklungen im naturorientierten Outdoorsport
2.2.2.1 Allgemeine Entwicklungen im naturorientierten Outdoorsport zwischen 1960 und 2010
Naturorientierter Outdoorsport ist für die grosse Mehrheit der Bevölkerung eine Freizeitbeschäftigung, nur wenige betreiben diese Sportarten als Berufssport, u.a. Bergführer, Mountainbike-Guides usw. Deshalb ist die Entwicklung dieser Sportarten in erster Linie im Zusammenhang mit der Freizeitentwicklung zu betrachten.
Ein Ansatz für die Ermittlung der Zeit, welche für den Freizeitsport zur Verfügung steht, liefert der negative Ansatz der Freizeitdefinition (vgl. Kapitel 2.2.1.2), bei welcher Freizeit als Restzeit festgelegt wird. Ein Rückgang der Arbeitszeit hätte also mehr Freizeit zur Folge. Dieser Rückgang der Arbeitszeit in der Schweiz kann auch festgestellt werden. 1946 betrug die mittlere wöchentliche Arbeitszeit noch 47,9 Stunden. Diese reduzierte sich bis 1985 kontinuierlich auf 43,4 Stunden pro Woche. Bis ins Jahr 1990 erfolgte ein weiterer Schritt zurück auf 42,2 Stunden pro Woche, seither war die Abnahme nur noch geringfügig auf 41,9 Stunden pro Woche im Jahr 1998 (Schweizerischer Bundesrat, 2000) und auf 41,4 Stunden im Jahr 2012 (Bundesamt für Statistik, 2013b). Allerdings sind diese einzelnen Werte nicht exakt vergleichbar, da über die Jahrzehnte die Erfassungsmethodik geändert wurde.
Seit den 1970er-Jahren führt Swiss Olympic zur Erfassung der Sportaktivitäten direkte Befragungen durch (vgl. Abbildung 2.8). Offensichtlich ist dabei der Anstieg des Anteils der Personen, welche mehrmals pro Woche Sport treiben anstelle der einmal oder weniger als einmal pro Woche sportlich aktiven Bevölkerung. Der Anteil der Nicht-Sportler blieb annähernd konstant. Bei den ausgeübten Sportarten spielten die naturorientierten Outdoorsportarten stets eine wichtige Rolle.

Abbildung2.8: Entwicklung der Sportaktivität bei der Schweizer Bevölkerung 1978–2014 (verändert nachLamprecht et al., 2014, 7)
Gemäss des Spezial-Eurobarometers „Sport und körperliche Betätigung“ (TNS Opinion & Social, 2010) nahmen die Sportaktivitäten der Bevölkerung in Europa ebenfalls zu. Zwischen den Ländern zeigten sich einige Unterschiede, insbesondere die Bevölkerung der nordeuropäischen Länder Schweden, Niederlande, Finnland, Dänemark und Irland war in der Freizeit häufig sportlich aktiv (TNS Opinion & Social, 2010).
In den USA werden seit 1960 landesweite Untersuchungen im Freizeitbereich durchgeführt (National Survey on Recreation and the Environment NSRE). Freizeit wurde stets als fundamentaler Bestandteil des Lebensstils betrachtet und es war ebenfalls ein starker Zuwachs der sportlichen Betätigung zu beobachten (Cordell et al., 2002). Die Anzahl Personen, die „Outdoor Recreation“ betreiben, erhöhte s ich zwischen 2000 und 2007 um 25 %, die Anzahl Outdoor-Tage stiegen dabei um fast 14 % (Cordell, 2008). Einige Aktivitäten, darunter Mountainbiking, verzeichneten allerdings einen Rückgang (Cordell et al., 2008). Freizeitaktivitäten, die zum naturorientieren Outdoorsport zählen, verzehnfachten sich in den US-Wilderness-Gebieten zwischen 1950 und 1990 (Cole und Landres, 1996). Egner (2000), Manning (2011) und andere Autoren zeigten ebenfalls starke Zunahmen bei den Besuchern in Nationalparks der USA auf. Seit Mitte der 1990er-Jahre stagnierte die Besucherzahl allerdings in einigen Parks (Egner, 2000, Manning, 2007).
Beim Vergleich der Veränderungen der 20 am häufigsten betriebenen Sportarten in der Schweiz zwischen den Jahren 2000 und 2008 (vgl. Tabelle 2.2) fällt auf, dass die naturorientierten Outdoorsportarten im Durchschnitt um 2,13 % zunahmen, während die restlichen Sportarten eine mittleren Abnahme von -0,32 % zu verzeichnen hatten6. Zu diesem relativ hohen Zuwachs bei den naturorientieren Outdoorsportarten trugen v.a. das Walking und das Bergwandern bei (Lamprecht et al., 2008a).
Aufgrund technischer Entwicklungen der Ausrüstungen erfuhren die Sportarten in den letzten Jahren eine enorme Ausdifferenzierung, die in teilweise recht kurzlebigen Trendsportarten mündeten (Strasdas et al., 1994). Aus dem Mountainbiking der 1980er-Jahre entwickelten sich die Sportarten Marathon-Biking, Allmountain-Biking, Freeriding, Downhill-Biking, Dirt-Biking, Trial-Biking, Heli-Biking, Uphill, Snow-Downhill (Egner, 2000, Wadenpohl und Kenny, 2011), welche andere Infrastrukturen bedürfen und Menschen mit unterschiedlichen Motiven ansprechen.
2.2.2.2 Motive im naturorientierten Outdoorsport
In der Freizeitforschung und speziell in der „outdoor-recreation“-Forschung in Nordamerika wurde die Frage nach Motiven eingehend bearbeitet (Manning, 2011). Erste Studien fanden um 1960 zum Angeln statt (Bultena und Taves, 1961), einer Outdooraktivität, die bis heute immer wieder eingehend untersucht wird (Hunt et al., 2007, Dorow et al., 2010, Hunt et al., 2010). In einer Metastudie über die Messbarkeit der Motivation für Freizeitaktivitäten untersuchten Manfredo et al. (1996) 36 Einzelstudien mit über 300 Faktoren. Für diese Studien bildeten die Motivationstheorie und später auch die „theory of planned behavior“ von Ajzen die Grundlagen (Ajzen, 1991, Ajzen und Driver, 1991). Ein Resultat dieser und anderer Vergleiche (Manning, 2011) war, dass die Motivationen bei gleicher Aktivität im gleichen Raum sehr unterschiedlich sein können. Basierend auf der „theory of planned behavior“ und auf den Motivclustern von Rheinberg (1993) führte Zeidenitz die erste Studie dieser Art für Freizeitaktivitäten im Freien in der Schweiz durch (Zeidenitz, 2005, Zeidenitz et al., 2007). Die dabei verwendeten dreizehn Motivationsfaktoren bildeten später die Grundlage für weitere Befragungen im Schweizerischen Nationalpark (Filli et al., 2007, Campell et al., 2010):
1) Alltagsflucht
2) Eigene Aktivität
3) Schönes Landschaftserlebnis
4) Allein sein
5) Naturerlebnis
6) Abenteuer, Risiko, Nervenkitzel erleben
7) Erholung und Entspannung finden
8) Zusammensein mit Freunden oder Familie
9) Zeit und Raum vergessen
10) Spass haben
11) Kosten sparen
12) Gesundheit und Fitness
13) Wildtierbeobachtung
Bei der Befragung von Zeidenitz (2005, n=1340) waren Erholung/Entspannung, schönes Landschaftserlebnis, Naturerlebnis sowie Gesundheit/Fitness die wichtigsten Motive und Abenteuer/Risiko/Nervenkitzel sowie Kosten sparen die Motive mit der geringsten Bedeutung. Im Speziellen untersuchte Zeidenitz als Kontrastbeispiele die Outdoor-Aktivitäten Variantenfahren (Ski/Snowboard, n=116) und Picknicken (n=740). Bei den meisten Motiven unterschieden sich die Beurteilungen der Wichtigkeit zwischen den beiden Gruppen nicht signifikant. Ein deutlicher Unterschied bestand allerdings im Motiv Abenteuer/Risiko/Nervenkitzel (wichtiger für Variantenfahrer) sowie in den Motiven Landschaft erleben, Naturerlebnis, Zusammensein mit Freunden oder Familie und Wildtierbeobachtung (wichtiger für Picknicker).
In Deutschland untersuchte Beier (2001) mit einer anderen Kategorisierung die Motivationen für Outdoorsport-Aktivitäten. Die drei wichtigsten der acht Anreize waren Naturerleben, Leistungsverbesserung/Kompetenzerleben und soziales Wohlbefinden, mit Abstand an letzter Stelle wurde die Leistungspräsentation eingestuft. Zwischen den sechs untersuchten Sportarten (ntotal=244) gab es markante Differenzen, sodass nicht von einem typischen Outdoorsportler gesprochen werden kann (vgl. auch Manning, 2011).
Bei verschiedenen Studien über die Besuchsmotive im Schweizerischen Nationalpark von 1993 (Lozza, 1996) bis 2007 (Camenisch, 2008, Campell et al., 2010) nahm gegenüber 1993 das Motiv der körperlichen Betätigung mit Wandern markant zu (+22 %), während der Genuss der Pflanzenwelt für Parkbesuche mit -11 % merklich an Bedeutung verlor. Allerdings unterschieden sich die Präferenzen und Motivationen für das Aufsuchen der verschiedenen Täler; so stand in der Val Trupchun die Tierbeobachtung an erster Stelle und in der Val Minger die Wanderung in der unberührten Landschaft (Lozza, 1996, Campell et al., 2010). Camenisch (2008) bestätigte obige Aussagen auf der Grundlage einer Befragung ausserhalb des Parks in der Nationalparkregion, bei welcher die Befragten das Naturerlebnis, Erholung sowie körperliche Betätigung als Hauptgründe des Besuchs im Nationalpark angaben.
2.2.2.3 Zukunftsaussichten
Aussagen über künftige Entwicklungen im Bereich des naturorientierten Outdoorsports stützen sich auf verschiedene Methoden, u.a. räumliche Regressionsmodelle, expertenbasierte Trendforschung und sozialwissenschaftliche Befragungen.
In den Vereinigten Staaten von Amerika unternahm ein Team mit renommierten „outdoor recreation“-Wissenschaftlern Projektionsversuche für das Jahr 2050 (Bowker et al., 1999). Ihre Prognosen basierten auf Regressionsmodellen mit erklärenden Variablen aus dem Nachfragebereich (demografische Prognose-Daten des US-Zensus) und dem Angebotsbereich (beispielsweise Fliessgewässer, stehende Gewässer, Schneebedeckung, Skipistenflächen usw.). Landesweit und gemessen an den Anzahl Personen berechneten Bowker et al. bis ins Jahr 2050 Zunahmen im Bereich Langlauf und Alpin-Skifahren, beim Besuch von historischen Orten und Sehenswürdigkeiten, sowie beim Biking mit einem Zuwachs zwischen 70 % und 95 %. Als Aktivitäten mit dem geringsten Zuwachs im Hinblick der Anzahl Personen gingen Rafting, Trekking (Backpacking), Offroad fahren, infrastrukturarmes Camping und schliesslich die Jagd (-11 %) aus den Berechnungen hervor. Beim Wandern, der populärsten Outdooraktivität in den USA, lag die Zunahme im Rahmen des Bevölkerungswachstums, da bereits zum Zeitpunkt der Studie sehr viele Menschen diese Aktivität betrieben (Bowker et al., 1999). Bei der Prognoseentwicklung integrierten die Autoren regionale und topografische Modelle und beschränkten beispielsweise die Wintersportarten vorwiegend auf die schneebedeckten Gebirgsregionen oder auf den Norden.
Buckley (2010) sprach dem Abenteuertourismus, dessen Aktivitäten grossteils zum naturorientierten Outdoorsport gehören, auf internationaler Ebene ein weiteres Wachstum zu, insbesondere bei geführten Touren und im Luxus-Segment. Dabei formulierte er einen Wachstumstrend bei kostspieligen, sogenannten „Firsts“, also Erstbesteigungen, ersten Wandertouren durch eine bestimmte Landschaft oder ersten Schlucht-Durchquerungen. Mengenmässig fallen solche „Firsts“ nicht ins Gewicht, hingegen sind diese aus der Naturperspektive nicht unproblematisch, weil mit solchen Trips neue Gebiete erschlossen werden, welche vorher der Natur überlassen blieben und Nachahmer erzeugen. Im Zusammenhang mit dem Abenteuertourismus beschrieben Newsome et al. (2011) Zunahmen bei Abenteuer-Rennen mit Offroad-Fahrzeugen, Mountainbikes, Gleitschirmen usw., welche weltweit stattfinden, in den Alpen beispielsweise das Red Bull X-Alps (Red Bull, 2013). Solche Veranstaltungen werden meist mit wenigen Teilnehmenden durchgeführt (31 beim Red Bull X-Alps 2013), erzielen aber ein grosses Medienecho.
Generell erklärt sich die Zunahme der Bedeutung des naturorientieren Outdoorsports vor dem Hintergrund von Trends und Megatrends der letzten Jahrzehnte (Wopp, 2006). Das in der Schweiz zu den führenden Trendforschern gehörende Gottlieb Duttweiler Institut wurde von Schweiz Tourismus beauftragt, eine Studie über die Zukunft des Schweizer Tourismus (Frick et al., 2010) und für Reiseanbieter (Bosshard und Frick, 2006) auszuarbeiten. In der Studie 2006 stützten die Autoren ihre Ergebnisse durch Interviews mit anderen Trendforschern ab. Eine wichtige Erkenntnis war eine neue Formulierung von Wohlstand und Luxus in Westeuropa; den naturorientierten Outdoorsport tangierende Eigenschaften waren: kein Verkehr, selber machen, Zeitsouveränität, Entschleunigung, Renaturalisierung und unberührte Natur, „barfüss“ und Fairness (Bosshard und Frick, 2006), welche sich mit den Wohlstandformulierungen von Bieger (2008, 9) grossteils decken (vgl. Kapitel 2.2.1.1). Als Grundlage für die Weiterentwicklung des Sommertourismus in der Schweiz führten Frick et al. (2010) folgende Trends auf: u.a. Klimawandel, Wasserverknappung, Natursehnsüchte, Angstkultur, Sport und Aktivität, „cool forever“ der Babyboomer sowie „Reisen als Spiel“ (u.a. mit neuen Medien).
Lamprecht et al. (2008a) befragten die Personen nach den Sportarten, welche sie in Zukunft ausüben möchten. In der gesamten Stichprobe nannten die Probanden die bestehenden Favoriten Wandern/Walking/Bergwandern sowie Radfahren/Mountainbiking am häufigsten. Bei Kindern figurierten andere Sportarten an der Spitze: Fussball, Reiten, Tennis, Tanzen. Die Reihenfolge änderte sich mit zunehmendem Alter zugunsten anderer Sportarten wie Kampfsport oder Fitness (Lamprecht et al., 2008b).
Zusätzlich zu obigen Betrachtungen ist in den vergangenen Jahrzehnten eine bedeutende Industrie im Bereich des naturorientierten Outdoorsports entstanden (Egner, 2000). Diese wirkt als selbstverstärkende Komponente im System, stützt den naturorientierten Outdoorsport und entwickelt ihn vom ökonomischen Standpunkt aus weiter. Frick et al. (2010, 25) formulieren dies so: „Outdoor-Mode ist längst alltagstauglich. Trekkingschuhe und Outdoor-Jacken gehören heute zum Basis-Outfit des modebewussten Städters. “
Obwohl solche Aussagen über künftige Entwicklungen oftmals aus der Retrospektive getroffen werden oder auf Ansichten von Einzelpersonen beruhen, darf davon ausgegangen werden, dass der naturorientiere Outdoorsport in den nächsten Jahrzehnten ebenfalls einen wichtigen Bestandteil der Freizeitbetätigung bilden wird und mit einem Wachstum zu rechnen ist. Das Ausmass ist dabei ungewiss, deshalb wird es die Aufgabe der Planung sein, verschiedene Nutzungsszenarien in die Überlegungen einzubeziehen. Bei allen selbstverstärkenden Systemen braucht es jedoch gewisse Regulatoren, damit das System künftig funktionieren kann und möglichst viele Beteiligte profitieren können. Daher gilt es im nächsten Kapitel einen Blick auf die mit dem naturorientierten Outdoorsport verbundenen Konflikte zu richten.
2.2.3 Beeinträchtigungen und Konflikte
2.2.3.1 Allgemeine Betrachtungen
In der englischsprachigen Literatur wird der Forschungsbereich zu Auswirkungen von Freizeit/Tourismus auf die Natur der „recreation ecology“ zugeordnet (Cole und Landres, 1996, Leung und Marion, 2000) und mit „impact“ bezeichnet. Neben diesen Beeinträchtigungen der Natur sind zudem Konflikte zwischen Menschen möglich – Erholungsuchende und Landnutzer sowie unter Erholungsuchenden derselben oder verschiedener Aktivitäten (Ammer und Pröbstl, 1991).
Solche Beeinträchtigungen und Konflikte werden im System des touristischen Strukturmodells in Abbildung 2.9 gezeigt. So beeinflusst die touristische Nutzung den Naturhaushalt (1) (Ingold, 2005, u.a.) und der Naturhaushalt kann seinerseits die touristische Nutzung prägen (3), u.a. durch die Folgen des Klimawandels mit geringerer Schneebedeckung oder der Destabilisierung von Hängen durch auftauenden Permafrost (Pröbstl, 2011b, Pröbstl et al., 2011, Landauer, 2013, u.a.). Einen weiteren Gesichtspunkt bilden die teilweise gegenläufigen touristischen Bedürfnisse, d.h. Interessen von Sportlern verschiedener oder derselben Outdoorsportarten (2) (von Janowsky und Becker, 2002, u.a.).
Die vorliegende Arbeit widmet sich speziell der Untersuchung der Auswirkungen (2) und (3). Selbstverständlich existieren noch weitere Beeinträchtigungen in diesem System, auf welche hier aber nicht näher eingegangen wird.

Abbildung 2.9: In dieser Arbeit behandelte Konflikte und Beeinträchtigungen im System des touristischen Strukturmodells (Beratende Kommission für Fremdenverkehr des Bundesrates (Hrsg.), 1979, verändert)
2.2.3.2 Beeinträchtigungen der Natur durch naturorientierten Outdoorsport
Die naturorientierten Outdoorsportarten stehen seit den 1960er-Jahren in der Kritik, indem sie als Folge von Wohlstand und aufkommender Mobilität zu einem Massenphänomen wurden (Lauterwasser, 2010). Ohne Rücksichtnahme auf Natur und Umwelt wurden immer mehr Infrastrukturen errichtet und bewirtschaftet. So erregten beispielsweise im alpinen Skisport zunächst der Bau neuer Bergbahnen und Pisten sowie 1979 die ersten technischen Beschneiungsanlagen der Schweiz (Savognin) grosses Aufsehen (Höhener, 2009); es formierte sich entsprechender Widerstand.7
Solche, durch den naturorientierten Outdoorsport verursachte Beeinträchtigungen, gliedern diverse Autoren in direkte, resp. primäre Effekte und indirekte, resp. sekundäre Effekte (Lorch, 1995, Seewald et al., 1998, Wöhrstein, 1998, Leung und Marion, 2000). Die direkten Effekte beschreiben Einflüsse, die sich aus der unmittelbaren sportlichen Betätigung ergeben, die indirekten Effekte sind nicht auf den ersten Blick ersichtlich und haben oft längerfristigen Charakter. Seewald (1998) zählt auch Auswirkungen, welche aus den für die Outdooraktivitäten notwendigen Infrastrukturbauten oder aus der Anreise hervorgehen, zu den indirekten Effekten. Über die direkten Effekte existieren etliche Studien, während bei den indirekten und oft grossräumigen Effekten noch viel Forschungsbedarf besteht (Cole und Landres, 1996, Monz et al., 2010, Pickering et al., 2010b).
Eine Auswahl solcher Umweltbeeinträchtigungen ist in Tabelle 2.3 aufgeführt. Diese Effekte können von verschiedener Qualität sein – von Störung bis Vertreibung/Tötung (z.B. Wildtiere) oder von Beschädigung bis Zerstörung (z.B. Vegetation).
Tabelle 2.3: Ausgewählte Beeinträchtigungen einzelner Umweltbereiche durch naturorientierten Outdoorsport (Beispiele in Anlehung an Leung und Marion, 2000)8

Pickering (2010) wählte einen handlungsorientierten Ansatz zur Beurteilung der Auswirkungen von Outdoorsportaktivitäten und für das Management von Schutzgebieten. Sie identifizierte dazu zehn Faktoren:
1) Naturschutzwert des genutzten Raumes
2) Widerstandsfähigkeit gegenüber der Nutzung
3) Regenerationsfähigkeit von der Nutzung
4) Erosionsanfälligkeit
5) Schwere der direkten Auswirkungen der Nutzung
6) Schwere der indirekten Auswirkungen
7) Nutzungsgrad – Anzahl Personen
8) Soziale Aspekte der zeitlichen Verteilung der Nutzung
9) Ökologische Aspekte der zeitlichen Verteilung der Nutzung
10) Genutzte Fläche
Mit der vorliegenden Arbeit werden Beiträge zur Erfassung der Faktoren 7 – 10, also zur räumlichen und zeitlichen Nutzung der Landschaft durch Outdoorsportler geleistet.
2.2.3.3 Konflikte unter Outdoorsportlern
Konflikte im Freizeitbereich können als Zieldifferenz zwischen den verschiedenen Akteuren angesehen werden (Jacob und Schreyer, 1980). Sie führen dazu vier Faktoren auf:
1. Aktivitätsart: persönliche Bedeutung der Aktivität
2. Bedeutung der spezifischen Ressource: z.B. Landschaft
3. Erlebnismodus: Erwartungen an die Umweltwahrnehmung
4. Lebensstil-Toleranz
Jacob und Schreyer (1980), aber auch Vaske (2000) beschreiben solche Konflikte mit der Ausprägung obiger Faktoren und mit der Art der Interaktion, wie beispielsweise die Bewegungsgeschwindigkeit, Art und Grösse der Gruppe sowie des Gebietes. Diese Konflikte können zwischen verschiedenen Sportaktivitäten, aber auch innerhalb derselben Sportaktivität entstehen (Strasdas et al., 1994), da die Motive und das Verhalten innerhalb einer Sportart unterschiedlich sein können (vgl. Kapitel 2.2.2.2).
Konflikte zwischen verschiedenen Sportlern sind meist asymmetrisch (Ramthun, 1995), wie auch aus Tabelle 2.4 hervorgeht. Mountainbiking hat oft störenden Charakter gegenüber anderen Sportarten. So fühlten sich nur 5,6 % der Mountainbiker durch Wanderer gestört, während umkehrt 32,2 % der Wanderer ihre Erlebnisse durch Mountainbiker als beeinträchtigt empfanden (Ramthun, 1995).
Konflikte unter Sportlern derselben Sportart entstehen in Situationen, wenn die Erholungsuchenden ein Gebiet als überfüllt wahrnehmen (Strasdas et al., 1994), was mit dem englischen Fachbegriff „crowding“ beschrieben wird. Crowding wurde in der nordamerikanischen Freizeitforschung bereits eingehend untersucht (Vaske und Shelby, 2008). Die beiden Autoren verglichen in ihrer Arbeit 181 Studien zur Crowding-Thematik, bei welchen die 9-Punkte-Skala zum Einsatz kam („not at all crowded“ bis „extremely crowded“). Im Zusammenhang mit dem Crowding-Kontext ist das Konzept der „carrying capacity“ zu nennen, welches in den 1960er-Jahren mit der Arbeit von Wagar (1964) im Bereich der Freizeitnutzung in Parks wissenschaftlich eingeführt und im Zusammenhang mit dem Artikel von Hardin „The Tragedy of the Commons“ (1968) diskutiert wurde. Die Feststellung der Akzeptanz anderer Erholungsuchender beruhte auf der Einschätzung von Situationen in Befragungen, beispielsweise mit Bildern, die von den Probanden mit der erwähnten Skala bewertet werden mussten. Aus der Aggregation all dieser persönlichen Normen ermittelten die Forschenden gemeinsame Normen bestimmter Gruppen und machten diese in sogenannten sozialen Normkurven sichtbar (Manning und Lawson, 2002). Das Konzept der carrying capacity wird teilweise kontrovers diskutiert und uneinheitlich operationalisiert. Manning et al. (2002) setzten die geforderten Methodenkombinationen ein und kamen zu Schluss, dass die damit ermittelten crowding-Normen robust seien. In der Publikation von Manning (2007) wurden darauf aufbauend verschiedene Anwendungen für das Parkmanagement vorgestellt. Arnberger und Haider (2007a) kombinierten die globale Crowding-Perzeption in Bildern mit der aktuellen Situation vor Ort, welche von den Befragten jeweils tiefer eingestuft wurde. Cole und Carlson (2010) entwickelten Vorgehensweisen zur Bestimmung solcher Besucherkapazitätsgrenzen in einem etwas weiteren Kontext und betonten, dass das Setzen von Besucherkapazitätsgrenzen nie die erste Managementmassnahme sein könne, sondern dass diese zumindest in eine ganzheitliche Analyse der Problematik und der Lösungssuche eingebettet sein müsse (Cole und Carlson, 2010).
Konflikte zwischen Erholungsuchenden unterschiedlicher Sportarten werden vor allem durch die verschiedenartige Nutzung desselben Raumes verursacht. Ein objektiver Faktor dabei ist die unterschiedliche Bewegungsgeschwindigkeit bei der Sportausübung, wodurch gefährliche Situationen und deshalb Konflikte entstehen können, beispielsweise Mountainbiker–Wanderer oder Kanufahrer–Motorbootfahrer (Strasdas et al., 1994). Ein weiterer objektiver Grund ist die Verursachung von Lärm, z.B. Motorradfahren–andere naturorientierte Outdoorsportarten (Jauss, 2012, u.a.) oder Jet Ski fahren–Schwimmen (Strasdas et al., 1994).
Neben den objektiven können auch subjektive Faktoren bei der Entstehung von Konflikten eine wichtige Rolle spielen. Diese beruhen auf unterschiedlichen Lebens- und Freizeitstilen (Strasdas et al., 1994, Trachsel und Backhaus, 2011). So stellte Wyttenbach (2012) fest, dass Biker mit Schutzausrüstung deutlich häufiger als störend empfunden wurden als Radfahrer ohne Schutzausrüstung.
Von Janowski und Becker (2002) erarbeiteten zum Konfliktpotenzial mittels Interviews eine Zusammenstellung, welche auszugsweise in Tabelle 2.4 wiedergegeben ist. Dabei wurde das Konfliktpotenzial unter Sportlern derselben Sportart, welches sehr wohl besteht, nicht beachtet (vgl. Crowding-Thematik in diesem Kapitel). Neuere Forschungsarbeiten zeigten weiter, dass Wanderer und Spaziergänger mit Hunden ein Konfliktpotenzial in anderen Wanderern und Spaziergängern sehen, da sie dann den Hund weniger frei laufen lassen können (Arnberger und Haider, 2005, Arnberger et al., 2010c).
Tabelle 2.4: Konfliktpotenzial zwischen verschiedenen Sportlern (+++ = schwere Konflikte; ++ = mittlere Konflikte; + = leichte Konflikte; - = keine Konflikte) (Auszug aus von Janowsky und Becker, 2002)

2.2.4 Folgerungen für die vorliegende Arbeit
Der naturorientierte Outdoorsport ist Teil eines komplexen Freizeit- und Tourismussystems, das für die Gesellschaft und Wirtschaft eine grosse Bedeutung hat und sich heute sowie in Zukunft grossen Herausforderungen gegenüber sieht. Stettler (2012) formuliert die Situation wie folgt:
„ Grosse, ungelöste Problembereiche des alpinen Tourismus sind auf lokaler und regionaler Ebene die Raumplanung […] Können die Probleme auch in Zukunft nicht gelöst werden, wird die Attraktivität der Natur und Landschaft weiter abnehmen und damit auch die Wettbewerbsfähigkeit des alpinen Tourismus beeinträchtigt. “
Die Notwendigkeit einer systemischen Planung im Bereich des naturorientierten Outdoorsports konstatieren verschiedenste Autoren (u.a.: Strasdas et al., 1994, Roth et al., 2004, Cordell, 2008, Cordell et al., 2008)
Für die Ausarbeitung geeigneter Instrumente werden in der vorliegenden Arbeit aufgrund der zentralen Bedeutung im naturorientierten Outdoorsport die Aktivitäten Mountainbiking und Bergwandern verwendet.
2.3 Naturorientierter Outdoorsport in den Alpen
2.3.1 Bedeutung der Bergregionen für den Outdoorsport
Berge und Gebirge sind faszinierende Regionen und erfüllen wichtige Ökosystemleistungen für den Menschen. Besondere Bedeutung haben Bergregionen als Süsswasserquellen, Hotspots der Biodiversität, für Mineralien, für die landwirtschaftliche Produktion und für die Erholung. Diese sogenannten „Ecosystem services“ wurden in den letzten Jahren immer deutlicher wahrgenommen und erforscht (Grêt-Regamey et al., 2012).
Die Beliebtheit der Bergregionen zeigt die Tatsache, dass bereits vor 10 Jahren ca. 15–20 % der weltweiten Wertschöpfung (ca. 70–90 Mrd. US-Dollars) im Tourismus in Bergregionen erwirtschaftet wurde (United Nations Environment Programme, 2002). Für die in der Schweiz lebende Bevölkerung lagen im Jahr 2010 Ferien in den Bergen hinter Strandferien an zweiter Stelle, bei Personen ab 55 Jahren waren die Berge die beliebteste Destination (Schmid, 2012). Bergregionen bieten mit ihren topografischen Formen und der vielgestaltigen Landschaft für diverse naturorientierte Outdoorsportarten hervorragende Bedingungen. Viele Outdoorsportarten sind auf die Eigenschaften von Bergregionen unmittelbar angewiesen (vgl. Tabelle 2.5).
Tabelle 2.5: Auswahl spezieller Eigenschaften der Bergregionen für naturorientierten Outdoorsport (eigene Darstellung)
| Eigenschaft der Bergregion | Resultierende Eigenschaft für Outdoorsport | Sportart zwingend auf Eigenschaft beruhend | Durch die Eigenschaft bereicherte Sportart |
| Vertikale Dimension mit relativen Erhebungen gegenüber der Umgebung | Gefälle | Alpin-SkifahrenAlpinwandernBergwandernCanyoningHängegliden/GleitschirmKlettern/BergsteigenSkitourenSnowboardenWildwasserfahren (Kanu, Kajak) | Nordic WalkingSchneeschuhwandernSkilanglaufenTrailrunning/JoggenMountainbiking |
| Aussicht | Bergwandern | Nordic WalkingTrailrunning/JoggenMountainbikingReiten | |
| Dünn besiedelte Landschaft | Erlebnis von Natur und „Einsamkeit“ als Kontrast zum Alltag | Klettern/BergsteigenSki-/SnowboardtourenSchneeschuhlaufen | Bergwandern/Backpacking |
| Temperaturen unter dem Gefrierpunkt | Schneedecke | Alpin SkifahrenSchneeschuhlaufenSki-/SnowboardtourenSkilanglaufenSnowboarden | HochtourengehenWinterwandern |
| Eisdecke | Eislaufen auf SeenEisklettern | ||
| Oberfläche | Fels | Klettern/Bergsteigen |
Die Entwicklung der Übernachtungszahlen und Ankünfte in den Bergregionen stieg in den vergangenen Jahrzehnten und letzten Jahren markant an auf ca. 100 Millionen Besuchertage pro Jahr in den Europäischen Alpen (United Nations Environment Programme, 2007).
Beispielhaft zeigt dies das österreichische Bundesland Tirol9, dessen Tourismus zu einem grossen Teil in Verbindung mit naturorientierten Outdoorsportarten steht. Die jährlichen Übernachtungs- und Ankunftszahlen haben sich in den letzten fünfzig Jahren etwa vervierfacht. Die Übernachtungen im Sommer reduzierten sich allerdings seit 1990 von ca. 23,5 Millionen auf ca. 18 Millionen, wurden jedoch durch die Anstiege im Winter kompensiert (Tirol Tourismus Research, 2013).
Die Übernachtungszahlen sind für den naturorientierten Outdoorsport nur ein Indiz für die Feststellung der Nutzungsintensität. Infolge der hohen Mobilität werden viele Tagesausflüge in die Berge unternommen. So machte im Jahr 2010 in der Schweiz der Freizeitverkehr ca. 40 % der durchschnittlichen Tagesdistanz im Inland aus (Bundesamt für Statistik und Bundesamt für Raumentwicklung, 2012).
2.3.2 Bedeutung des Outdoorsports für die Bergregionen
2.3.2.1 Wirtschaftliche Bedeutung
Outdoorsport und Tourismus haben eine grosse Bedeutung für die Wirtschaft in Bergregionen (vgl. Kapitel 2.3.1) und insbesondere für dortige Schutzgebiete. Diese Feststellung gilt auch für die Schweiz. Deren Bevölkerung ist in den Bergregionen insgesamt überproportional angestiegen (Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete, 2010). Trotzdem ist gleichzeitig in vielen Bergregionen die Bevölkerungszahl rückläufig (Bätzing, 2002). Rund die Hälfte aller Erwerbstätigen im Berggebiet findet im dritten Sektor ihr Auskommen, insbesondere im Bereich Freizeit und Tourismus. Zudem ist der Anteil im primären Sektor im Berggebiet ebenfalls stärker vertreten (Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete, 2010)10. Siegrist et al. (2002) berechneten für die Schweiz die Gästeausgaben im Bereich des naturnahen Tourismus von ca. 2,3 Mrd. Franken. Etwa 30 % des Binnentourismus können dem naturnahen Tourismus zugeordnet werden. Wandern ist dabei die wichtigste Aktivität.
Aus der grossen Bedeutung der Bergregionen für die verschiedensten Lebensbereiche ergibt sich die Forderung nach der Orientierung an einer nachhaltigen Wirtschaftsweise in der Tourismus- und Freizeitbranche, was den Ressourcen-, Natur- und Landschaftsschutz miteinschliesst (United Nations Environment Programme, 2002, Müller, 2007, United Nations Environment Programme, 2007).
2.3.2.2 Anforderungen an eine Outdoorsport-Destination
Destinationen werden vorwiegend aus der Sichtweise der Konsumenten, d.h. Touristen oder hier Outdoorsportler, definiert. Bieger (2008) fordert daher ein kunden- und prozessorientiertes Destinationskonzept unter Anwendung von Dienstleistungsketten.
Eine touristische Destination, die sich im Bereich des naturorientierten Outdoorsports positionieren will, muss ihre potenziellen Kunden und deren Bedürfnisse kennen. Eine Möglichkeit kundenorientierter Angebotsgestaltung sind sogenannte „Packages“. Diese dienen dem Kunden zur direkten Buchung eines Produktebündels und zusätzlich kann ihr Angebot Individualreisenden Ideen für den Urlaub aufzeigen (Bieger, 2008).
Exemplarisch für den naturorientierten Outdoorsport untersuchte Flesch (2007 zitiert nach: Heinemann, 2010) verschiedene Mountainbike-Destinationen in deutschen Mittelgebirgsregionen. Er stellte positive wirtschaftliche Effekte für die Destinationen fest – allerdings müssten Zusatznutzen für Mountainbiker angeboten werden, um sich von der Konkurrenz abzuheben. Flesch (2007 zitiert nach: Heinemann, 2010) teilte den Kundennutzen für Mountainbiker in drei verschiedene Stufen ein: Basisnutzen, Leistungsfaktoren und Begeisterungsfaktoren (vgl. Tabelle 2.6, wobei beispielsweise GPS-Touren und Portale heute bereits zu einer Selbstverständlichkeit geworden sind). Ähnliche Anforderungen an eine Mountainbike-Region betonte Prinz (2008).
Im Jahr 2008 entschied die Destination Engadin/St. Moritz, sich strategisch auch im Bereich Mountainbiking zu positionieren. Dazu wurde ein Masterplan mit einer speziellen Positionierung der Destination erarbeitet. Das Credo lautete nicht „grösser, weiter, mehr“, sondern es sollte mit sanften Eingriffen ein nachhaltiges Produkt für ein neues Genusserlebnis Mountainbiking im Engadin geschaffen werden (Cazin, o.J.). Die Elemente dieses Masterplans sind in Tabelle 2.6 ersichtlich. Die Elemente sollten flexibel gestaltet werden, da der Mountainbike-Markt noch als sehr jung eingeschätzt wurde und sich deshalb noch weiter differenzieren würde. Bis Ende des Jahres 2013 wurden verschiedene Elemente, wie beispielsweise Flowtrails bereits realisiert und weitere werden folgen (Wohlgensinger, 2013).
Das Beispiel von Flesch (2007 zitiert nach: Heinemann, 2010) und der Destination Engadin/ St. Moritz zeigt die Mountainbike-spezifische Umsetzung einer Positionierung, welche als exemplarisch betrachtet werden kann. Scarpa und Thiene untersuchten in Norditalien die Positionierung von Kletterdestinationen (Scarpa und Thiene, 2005) und Wanderdestinationen (Thiene und Scarpa, 2008). Die beiden Autoren verwendeten aber weniger Attribute, sodass diese nur sehr lückenhaft in das Konzept von Tabelle 2.6 integrierbar sind. Sicherlich wäre dieses Konzept auch auf andere Outdoorsportarten übertragbar. Für das Wandern werden die hauptsächlichen Bedürfnisse jedoch bereits mit dem Basisnutzen abgedeckt, da das Reiseziel mit den Landschaftshöhepunkten, Wanderwege und -angebote und Unterkünfte die wesentlichen Merkmale für den Destinationsentscheid nach Dreyer et al. (2010) darstellen. Weitere Faktoren wie Rahmenprogramm, Familienangebote, Hundefreundlichkeit usw. lassen hingegen Differenzierungen zu.
Tabelle 2.6: Kundennutzen und Produktehierarchie einer Destination im Mountainbike-Tourismus und Umsetzung in der Destination Engadin/St. Moritz (erweitert nach Flesch 2007 zitiert nach: Heinemann, 2010)
| Kundennutzen | Produkte | Produkte des Mountainbike-Masterplans der Destination Engadin/St. Moritz |
| Basisnutzen | Vielfältiges Routen- und WegnetzBeschilderungssystemDifferenziertes Übernachtungsangebot (Camping bis gehobene Hotellerie)KartenmaterialBikeverleihstationen und reparaturwerkstätten | Grosses Routen- und Wegnetz ursprünglicher Forst- und Wanderwege (Zone 1)Beschilderung nach VSS-NormVielfältige ÜbernachtungsmöglichkeitenBikekarten und -führerBikeshops und Rentalsysteme |
| Leistungsfaktoren (Zusatznutzen I) | Zertifizierte Bike-freundliche Übernachtungs- und GastronomiebetriebeAngebot von GPS-Daten und – GeräteverleihRadportalGeführte TourenFahrtechnik-Seminare | Bikehotels in allen KategorienTracks auf WebplattformenGeführte TourenFörderung der lokalen Bikeszene |
| Begeisterungsfaktoren (Zusatznutzen II) | Spezialisierte Bike-HotelsBike-ParkTest-CenterEvents | Bergbahnservice um in grössere Höhen zu gelangen: Naturerlebnis und Fahrspass (Zone 2)Bestehende Wege Mountainbiketechnisch unterhalten und geringfügig umgebaut (Zone 2)Flowtrails – Hauptantrieb ist Schwerkraft, aber nicht zu schwierige Hindernisse (Zone 3)Bike-SchuleÜbungsgeländePackagesTestcenters |
2.3.3 Zukunftsaussichten und resultierende Aufgaben
Die Bedeutung der naturorientierten Outdoorsportarten wird nach Auffassung einiger Experten weiterhin zunehmen (Bowker et al., 1999, Cordell, 2008, Frick et al., 2010). Roth et al. (2004) äusserten hingegen die Meinung, dass das quantitative Wachstum im naturorientierten Outdoorsport nicht mehr gross sei und sich allenfalls Verlagerungen zeigen werden. Allerdings sahen diese Autoren durchaus ein Wachstumspotenzial bei Frauen und bei Menschen aus sozial schwächeren Milieus. Daraus ergeben sich verschiedene Positionierungsmöglichkeiten für Destinationen.
Hinsichtlich des Klimawandels ortete Wirth (2010) ebenfalls Nischen im Ausbau von Outdoorsportangeboten und -aktivitäten. Sie wies darauf hin, dass dies nur im beschränkten Masse erfolgen sollte, damit die vorhandenen Gäste dadurch nicht verstimmt würden. Sensible Lebensräume sollten von einer Erschliessung ausgenommen werden.
Die Trends Klimaerwärmung mit heissen Sommern, die Bedeutung von Naturerlebnissen, Gesundheit und Fitness sowie mehr Mobilität deuten darauf hin, dass Menschen vermehrt im Sommer in den Bergen unterwegs sein werden (Pröbstl, 2011a). „ Um die Bedürfnisse von Mensch und Natur zu berücksichtigen und dazu touristisch erfolgreich zu sein, braucht es auch im Outdoorsport Managementkompetenz. Denn Outdoor ist mehr als nur die Türe öffnen “, unterstreicht Jürg Schmid, Direktor Schweiz Tourismus (Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur, 2013) diese Auffassung. Um als Destination im naturorientierten Outdoorsport langfristig erfolgreich zu sein, d.h. den Sportlern unvergessliche Erlebnisse zu bieten, erfordert dies also ein umfassendes Management – gut geplante Infrastruktur, Marketing, Besuchermanagement usw. Eine proaktive Steuerung zur Konfliktvermeidung in verschiedener Hinsicht im Sinne des Vorsorgeprinzips ist daher notwendig (Lorch, 1995, Pröbstl, 2011a, Pröbstl et al., 2011).
2.4 Wandern in den Bergen
2.4.1 Bedeutung des Wanderns und des Bergwanderns
Das Wandern ist die naturorientierte Outdoorsportart mit der längsten Tradition. Eine gültige Abgrenzung zwischen den verschiedenen Begriffen Spazierengehen, Wandern, Bergwandern, Bergsteigen und Klettern existiert nicht. Hingegen kann Bergwandern von alpinem Klettern unterschieden werden, indem das Bergwandern keine Zuhilfenahme der Hände erfordert (Muhar et al., 2006). Auf den Alpin-Wanderwegen in der Schweiz sind allerdings auch Stellen vorhanden, welche nur unter Zuhilfenahme der Hände zur Sicherung überwunden werden können. Roth et al. (2003) verstehen unter Klettern alle Bewegungsformen in Fels und Eis. Bergwanderer bewegen sich jedoch ebenfalls teilweise im Fels – die Übergänge sind also fliessend.11
Bei der schweizerischen Wohnbevölkerung stellt das Wandern mit 32,9 % knapp hinter dem Radfahren die zweithäufigste ausgeführte Sportart dar (Lamprecht et al., 2008a), mit Wanderern aus allen Bevölkerungsschichten. Jugendliche, Personen mit geringerem Bildungsgrad sowie die ausländische Wohnbevölkerung sind jedoch unterrepräsentiert (vgl. auch Brämer, 2008a). Wandern ist insbesondere bei der älteren Bevölkerung beliebt. Diese Gruppe betreibt das Wandern mit ca. 47 Wanderungen pro Jahr deutlich häufiger als die Jüngeren. Bergwanderungen unternehmen allerdings „nur“ 10,3 % der schweizerischen Bevölkerung, die Bedeutung des Bergwanderns stieg aber zwischen dem Jahr 2000 und 2008 deutlich an (Lamprecht et al., 2009).
Boller widmete seine Aufmerksamkeit dem Wandern in abgelegenen Regionen der schweizerischen Südalpen, die durch Alpwirtschaft extensiv genutzt werden. Diese Wanderform ist sonst eher in Nordamerika, Nordeuropa oder Neuseeland verbreitet. Er prognostizierte eine leichte, durchaus gewollte Zunahme solcher Wanderaktivitäten, schätzte die Übernutzungsgefahr aber als gering ein (Boller, 2007, Boller et al., 2010).
In Deutschland verzeichnete Brämer mit den jährlich durchgeführten Allensbacher Marktanalysen (2000–2009) einen Wanderer-Anteil zwischen ca. 53 % und etwas über 60 % der deutschen Bevölkerung ab 14 Jahren (Brämer, 2008a). Ein Maximum wurde in den Jahren 2004 und 2005 erreicht und seither nahm die Zahl der Wanderer bis ins Jahr 2009 auf ca. 55 % ab, was immer noch etwa 36 Mio. Deutschen entspricht. Wandern ist in Deutschland v.a. in der Altersgruppe der 40–59-Jährigen beliebt, welche einen Anteil von etwa 54 % der Wanderer ausmachen (Brämer, 2008a).
Wandern in den Bergen ist auch in anderen Regionen der Welt sehr verbreitet und oft ein wichtiger Wirtschaftszweig für die lokale Bevölkerung. Im Himalaya werden immer mehr Regionen für Wanderungen und Trekkings zugelassen und bieten so für die sogenannten „Firsts“ (vgl. Kapitel 2.2.2.3) neue Erlebnismöglichkeiten und Herausforderungen (Geneletti und Dawa, 2009) und gleichzeitig willkommene Einnahmequellen für die einheimische Bevölkerung (Beispiel Great Himalaya Trail, 2014). Verschiedene Studien unterstreichen die grosse Popularität des Wanderns in Nordamerika und Australien (u.a. Ewert und Hollenhorst, 1997, Cordell, 2008, Pickering et al., 2010b, Hawkins und Smith, 2011).
2.4.2 Bedürfnisse und Gewohnheiten der Wanderer
Wandern als Freizeitbetätigung hatte seine Anfänge im frühen 18. und 19. Jahrhundert, Motive lagen oftmals in der Freude an der Natur und in der Flucht vor dem Alltag, insbesondere für junge Menschen (Schümer, 2010) – also Motive, welche auch heute noch verbreitet sind, wie nachfolgende Ausführungen aufzeigen.
In der Schweiz untersuchten Lamprecht et al. die Motive von Wanderern in zwei verschiedenen Studien, einerseits allgemein im Rahmen von „Sport Schweiz 2008“ bei 10 262 Personen (Lamprecht et al., 2008a) und andererseits mit einer schriftlichen Befragung der Wandernden vor Ort in verschiedenen Wandergebieten bei 2 225 Personen (Lamprecht et al., 2009). Aus Abbildung 2.10 geht hervor, dass sich die Sportmotive der Wanderer nur unwesentlich von denen aller Sportler unterschieden. Gesundheit, Abschalten und Einmalige Erlebnisse wurden von Wandernden leicht höher bewertet, während die Motive Spass haben, Fit und trainiert sein, Erfahren von Grenzen, Besser aussehen und Persönliche Leistungsziele von Wandernden leicht niedriger eingestuft wurden als von der Gesamtheit der Sportler (Lamprecht et al., 2009).
In der Wanderstudie von Lamprecht et al. (2009) wurde die Motivationsfrage offen gestellt, und die Wandernden mussten die Motive selber formulieren. Die Antworten wurden anschliessend kategorisiert (vgl. Abbildung 2.11). Das bei den allgemeinen Sportmotiven nicht explizit gefragte Motiv Unberührte Landschaft, Natur führte die Rangliste bei den Wanderern an, gefolgt von Körperliche Bewegung, Sport, Fitness. Letzteres nahm auch bei den allgemeinen Motiven eine wichtige Stellung ein. Am Schluss der Rangliste fanden sich Tiere beobachten und Leistung, wobei diese auch bei den allgemeinen Sportmotiven von geringer Bedeutung war.

Abbildung 2.10: Allgemeine, als sehr wichtig taxierte Sportmotive der Wanderer im Vergleich zu den anderen Sportlern (Lamprecht et al., 2009)

Abbildung 2.11: Spezifische Wandermotive (Lamprecht et al., 2009)
Brämer (2008a) verglich die Entwicklung der Rangfolge der Motive in verschiedenen in Deutschland durchgeführten Studien des Deutschen Wanderinstituts der Jahre 2003, 2006 und 2008. In all den Jahren war Natur und Landschaft geniessen mit Nennungen zwischen 83–91 % das wichtigste Motiv. Neu kam als zweitwichtigstes Motiv mit 70 % Gesundheit hinzu, hingegen verlor Fitness (Sich mal wieder richtig bewegen) an Bedeutung (52 % statt vorher 77 %). Wichtiger wurden in dieser Zeit Entlastung von Berufs- und Alltagsstress sowie das Gemeinschaftserlebnis in kleinen Gruppen mit Partner oder Familie (62 %). Aus der Studie von Pröbstl-Haider et al. (2014) resultierten ähnliche Motive.
Dichter (2004) stellte die Wandermotive in Deutschland denjenigen in der Schweiz gegenüber und unterteilte diese in zwei Achsen: „Leistung – Erholung“ sowie „Sein – Haben“ (vgl. Abbildung 2.12). Unterschiede zeigten sich insbesondere im Bereich Wellness, welcher in Deutschland verbreiteter war und im Bereich Freunde/Geselligkeit, welcher die grösste Gruppe ausmachte und in der Schweiz mit 65 % häufiger genannt wurde.

Abbildung 2.12: Vergleich von Wandermotiven in Deutschland und der Schweiz (Dichter Ernest, 2004, 3, leicht verändert)
Lamprecht et al. (2009) untersuchten, welche Störfaktoren von Wanderern wie häufig wahrgenommen wurden. Der grösste Störfaktor, von 72 % der Befragten genannt, stellte Herumliegender Abfall dar. Immerhin gaben 24 % der Personen an, häufig oder sehr häufig Abfall auf ihren Touren anzutreffen. Die zweitwichtigsten Störfaktoren bildete eine Gruppe von Lärm, Mängel an Markierungen, Motorisierter Verkehr sowie Harter Wegbelag, jeweils von ca. 40 % genannt. Dabei wurde Harter Wegbelag von ca. 20 % häufig erlebt, den anderen Faktoren begegneten die Wanderer nur maximal 10 % häufig. Als dritte nennenswerte Faktoren-Gruppe folgten Radfahrer/Mountainbiker (27 %), Hunde (26 %) und Langweilige Wegstücke (22 %). Mehr als 30 % der Wanderer gaben an, Radfahrer/Mountainbiker sowie Hunde häufig oder sehr häufig anzutreffen.
Diese Störfaktoren werden jedoch nicht von allen Wanderern gleich wahrgenommen. Insbesondere ältere Personen scheinen sich an solchen Faktoren häufiger zu stören (Trachsel und Backhaus, 2011).
Einige Autoren versuchten mit ihren Studien eine Typisierung von Wanderern vorzunehmen. Farias Torbidoni et al. (2005) leiteten in einem Schutzgebiet der Pyrenäen drei Besuchertypen her und stellten diese verschiedenen Wegetypen gegenüber: Naturschutzbesucher, Gelegenheitsbesucher (casual visitors) und Betrachtungsbesucher (contemplators). In einer Studie über Wanderer in teilweise gebirgigen Natura 2000-Schutzgebieten in Katalonien identifizierte Farias Torbidoni drei verschiedene Wanderertypen bezüglich deren Motivation: naturorientierte Wanderer, Sportwanderer und Allgemein interessierte Wanderer. Arnberger und Haider (2005) typisierten Besucher von stadtnahen Wäldern aufgrund ihrer Crowding-Wahrnehmung. Eine Vielzahl von Studien u.a. mit Wanderern und Typisierungen wurde in der Lobau bei Wien von verschiedenen Autoren verfasst (u.a. Taczanowska, 2009, Arnberger et al., 2012). Taczanowska (2009) beschrieb mittels Interviews mit Tourreports drei Besuchertypologien: Klassische Besucher, Infrastrukturgeleitete Besucher und Naturpfad-Besucher (wild-path users). Van Marwijk (2009) unterschied im Niederländischen Dwingelderveld Nationalpark vier Wanderer-Besuchertypen: Kenner, Glückliche Wanderer (happy hiker), Anspruchsvolle Wanderer und Sich gestört fühlende Wanderer (disturbed hiker).
2.4.3 Spezielle Auswirkungen des Wanderns
2.4.3.1 Beeinträchtigungen der Natur und Infrastruktur
Wandern hat vergleichbare Beeinträchtigungen der Natur und Infrastruktur zur Folge wie Mountainbiking (Gander und Ingold, 1997, Cessford, 2003, Taylor und Knight, 2003), eine Zusammenstellung findet sich in Tabelle 2.8. Im Folgenden wird auf einige Besonderheiten eingegangen.
Torn et al. (2009) verglichen die Beeinträchtigung von Wandern mit Reiten und Wintersportarten. Dabei stellte sich heraus, dass das Reiten viel grössere Beeinträchtigungen der Vegetation und der Wege nach sich zieht als Wandern, dass diese aber von der Beschaffenheit der Umgebung abhängig sind. Beispielsweise gedeihen auf den Reitwegen Pflanzen, welche sonst nicht vor Ort vorkommen.
Die Abhängigkeit der Wegschäden von der Topographie, den geologischen und mikroklimatischen Verhältnissen und die relative Unabhängigkeit von der Anzahl Wanderer bestätigt Liebing (1989) bei seinen Untersuchungen im Schweizerischen Nationalpark, wo nur Wandern zur Fortbewegung erlaubt ist. Lorch (1995) erwähnt zusätzlich das Abkürzen von Wegen (sog. Abschneiden bei Kurven), welche oft in der Falllinie verlaufen und deshalb Rinnen für die Erosion vorbereiten.
Einige Autoren untersuchten in verschiedenen Studien die Beeinträchtigungen der Grasnarbe und des Bodens (Pickering et al., 2003, Torn et al., 2009, Pickering, 2010, Pickering et al., 2010a, Pickering et al., 2010b, Pickering et al., 2011). Danach sind die Schäden verursacht durch das Wandern etwas geringer als durch Mountainbiking, allerdings nur bei hoher Frequentierung. Diese Untersuchungen wurden in der Folge auf zusätzliche Standortparameter, beispielsweise Steilheit ausgeweitet (Pickering et al., 2011).12 Entgegen den ersten Befunden (Gander und Ingold, 1997) geht Ingold (2005) aufgrund der Überraschungseffekte durch die höhere Bewegungsgeschwindigkeit ebenfalls von grösseren Beeinträchtigungen von Wildtieren durch Mountainbiking als durch Wandern aus.
Vögel, insbesondere Bodenbrüter, können durch begangene Wanderwege in ihrem Bruterfolg beeinträchtigt werden (Kangas et al., 2010). Eine Erklärung dazu liefert der Umstand, dass viele Wanderer oft von Hunden begleitet sind, welche bestimmte Vogelarten auch angeleint stören (Ingold, 2005). Auf Büschen und Bäumen, resp. in Höhlen brütende Vögel wurden durch die Erholungsnutzung jedoch kaum gestört (Kangas et al., 2010).
2.4.3.2 Konflikte zwischen Wanderern und anderen Outdoorsportlern
Nach von Janowsky und Becker (2002) werden Wanderer nur als Konfliktverursacher wahrgenommen, wenn sie mit einem Hund unterwegs sind (vgl. Kapitel 2.2.3.3). Von einem Konflikt auf niedrigem Niveau kann bei bemerkten Störfaktoren gesprochen werden. Als solche werden von den Wanderern in absteigender Reihenfolge Radfahrer/Mountainbiker (27 %), Hunde (26 %), Reiter (7 %) und Andere Wanderer (3 %) genannt. Solche Begegnungen treten mit Ausnahme von Reitern recht häufig auf. Die Wahrnehmung dieser Störungen ist nicht bei allen Wandergruppen gleich. Insbesondere nichtschweizerische und jüngere Wanderer scheinen toleranter gegenüber Störfaktoren zu sein (Trachsel und Backhaus, 2011). Dies gilt beispielsweise für die Radfahrer/Mountainbiker, welche von den älteren Personen häufiger genannt werden als von den jüngeren (Lamprecht et al., 2009).
Wyttenbach (2012) untersuchte die Störfaktoren für Wanderer auf Wegen am Üetliberg bei Zürich. Die wichtigsten Störfaktoren waren Mountainbiker, Radfahrer, Lärm und Hunde. Dabei stellte Wyttenbach fest, dass sich die Wahrnehmung der Störfaktoren Mountainbiker, Lärm und Hunde bei den Wanderern signifikant zwischen den verschiedenen Befragungsstandorten mit unterschiedlicher Wegbeschaffenheit unterscheidet. Andere Wanderer oder Jogger wurden zwischen den Befragungsstandorten nicht unterschiedlich beurteilt und höchst selten als Störfaktor wahrgenommen.
In einer Untersuchung in Neuseeland auf einem von Bikern und Wanderern benutzten Weg beobachtete Cessford (2003), dass Wanderer die Biker durchaus positiv wahrnehmen und das Zusammentreffen mit Bikern sich nicht negativ auf die Zufriedenheit der Wanderer auswirkte. Einzig die älteren Personen, die keine Mountainbiker antrafen, beurteilten die Präsenz von Bikern negativer.
So ist man auch der Schweiz bestrebt, wo möglich eine Ko-Existenz zwischen Wanderern und Mountainbikern zu belassen und nur an gewissen Stellen eine räumliche Trennung vorzunehmen (van Rooijen, 2009, Schweizer Wanderwege et al., 2010). Diese Ko-Existenz sollte mit den entsprechenden Verhaltensregeln erreicht werden, wie es die verschiedenen Vereinigungen im Bereich Wandern und Mountainbiking gemeinsam vertreten und kommunizieren (Brügger, 2006, Schweizer Wanderwege et al., 2010).
2.4.4 Präferenzen von Wanderern und Bergwanderern
2.4.4.1 Tourenpräferenzen
Lamprecht et al. (2009) erkundeten die Bedeutung diverser Toureigenschaften für Wanderer. Dabei zeigte sich, dass die durchschnittliche Tourendauer ca. 3,9 Stunden beträgt und praktisch in allen Wandergebieten ähnlich ist, mit Ausnahme des Hüttenwanderns im Tessin, wo die durchschnittliche Wanderung 4,9 Stunden dauert. Insbesondere in abgelegeneren Gebieten sind die Wanderungen länger. Boller (2007) fand bei seiner Befragung, dass die überwiegende Mehrheit der Bergwanderer im Kanton Tessin mehr als 4 Stunden unterwegs ist, in einem bestimmten Tal sogar länger als 6 Stunden. Eine Tendenz zu längeren Wanderungen im Gebirge bestätigten auch Muhar et al. (2006). In ihrer Befragung im österreichischen Alpenraum in Berghütten (n=1 189) dauerten 47,6 % der Touren zwischen 4 und 6 Stunden, 25,9 % waren kürzer und 26,5 % dauerten 7 Stunden und länger.
In der Profilstudie Wandern 2008 in Deutschland (Brämer, 2008b) gaben 32 % eine Tourdauer von weniger als 3 Stunden an, 42 % bevorzugen Wanderungen zwischen 3 und 5 Stunden und 26 % bevorzugten Touren von 6 Stunden und länger. Mehrtagestouren waren von untergeordneter Bedeutung. Die mittlere Tourenlänge gab Brämer (2008a) mit ca. 15 km an.
Brämer (2013b) stellt hingegen in Deutschland auch einen Trend zu kürzeren Wanderungen fest und nennt diese Gruppe Spazierwanderer. Diese Gruppe umfasst gemäss Brämer mit 63 % der Deutschen Wanderer eine relativ grosse Gruppe, die sich Wanderangebote zwischen 3 und 7 Kilometern Länge wünscht. Solche kürzeren Wanderungen mit Mittelwerten zwischen 5,6 km und 6,5 km für verschiedene Typen bestimmten auch van Marwijk (2009) mit GPS-Tracks im agglomerationsnahen Nationalpark Dwingelderveld in den Niederlanden. Im österreichischen Nationalpark Donau-Auen, Lobau wurde eine mittlere Tourlänge von 7 km von Taczanowska (2009) festgestellt. Diese Wanderungen sind aber nur bedingt mit den oben genannten Wanderungen vergleichbar, da es sich bei diesen Untersuchungen um Studien in Agglomerationsnähe handelte.
Zwischen den Vorlieben der Einheimischen und den Gästen können relativ grosse Differenzen bestehen. So haben die Einheimischen vermehrt das Bedürfnis, Gipfel zu besteigen, während die Gäste eher Touren im unteren und mittleren Höhenbereich der Alpen bevorzugen (Brämer, 2005, Brämer, 2013a).
Von den Tourentypen her bevorzugen die meisten Personen in Deutschland Rundwanderungen (Brämer, 2008b). Sofern mit den öffentlichen Verkehrsmitteln wieder an den Ausgangspunkt gelangt werden kann, sind auch Streckenwanderungen beliebt (Brämer, 2009).
Zu Präferenzen für Höhenmeter finden sich in der Literatur keine Angaben. Deshalb wird hier auf die Auswertung der 53 am qualitativ besten beschriebenen Wander- und Bergtouren (9 und 10 Punkte, max. 10) in den Kantonen Graubünden und St. Gallen zurückgegriffen. Eine mittlere Tour weist hier eine Länge von 16 km und eine Höhendifferenz von 1 002 m auf (GPS-Tour.info, 2013)13.
2.4.4.2 Wegpräferenzen
In der Schweiz werden offiziell drei verschiedene Wanderwegtypen verwendet und beschildert. Die gelb markierten Wanderwege sind meist flach angelegt und bieten keine besonderen Schwierigkeiten. Die weiss-rot-weiss markierten Bergwanderwege sind überwiegend steil, schmal und teilweise exponiert. Die Alpinwanderwege (weiss-blau-weiss) sind anspruchsvoll und führen teilweise auch über wegloses Gelände mit kurzen Kletterstellen (Hadorn, 2013).
Von den Wanderern in der Schweiz werden die rot-weiss markierten Bergwanderwege (84 %) und die gelben Wanderwege (81,4 %) am häufigsten benutzt14. Immerhin benutzten 23,6 % auch Alpinwanderwege und 15,6 % waren auch auf nicht markierten Wegen unterwegs. Es konnten kaum regionale Unterschiede beobachtet werden (Lamprecht et al., 2009).
Die wichtigsten Eigenschaften des Wanderwegnetzes für die Wanderer in der Schweiz sind abwechslungsreiche, einheitlich beschilderte und gut unterhaltene Wege (über 80 % der Befragten). Weniger als 30 % der Befragten nannten keine übermässigen Höhenunterschiede, Feuerstellen oder breite Wege. Im Mittelfeld rangierten Eigenschaften bezüglich Rastmöglichkeiten (Restaurants, Sitzbänke) oder der Verkehrsanbindung (öffentlicher Verkehr, Auto, Bergbahn) (Lamprecht et al., 2009).
Die Wanderer in der Schweiz sind im Allgemeinen mit dem Zustand des Wanderwegnetzes sehr zufrieden. Nur bei wenigen Eigenschaften (Zeitangaben, Informationstafeln, Sitzbänke und Feuerstellen) erreichte der Anteil der Zufriedenheit (sehr zufrieden und zufrieden) weniger als 75 % (Lamprecht et al., 2009).
2.4.5 Erwartete weitere Entwicklung
Wandern zählt in der Schweiz, Europa aber auch in Nordamerika zu den am meisten betriebenen Outdoorsportarten (Lamprecht und Stamm, 2000, Cordell, 2008, Lamprecht et al., 2008a, Vogt, 2009). Nach Vogt (2009) wäre es aber vermessen, von einem Hype zu sprechen, welcher eher in den Medien als in der Natur stattfinde.
Das Wandern befindet sich heute in einem Umbruch und profitiert dabei von den neueren Sportarten wie Nordic Walking, um das bisweilen etwas altmodische Image zu verlieren und weiterhin im Trend zu bleiben (Frick et al., 2010). Dichter (2004) prognostizierte Verschiebungen im Bereich der Motive. Nach seiner Einschätzung der Wanderwünsche werde in der Schweiz das Geselligkeitsmotiv an Bedeutung verlieren und die anderen Motive Wellness, Gesundheit und Herausforderungen an Bedeutung gewinnen; für Deutschland erwartete er ähnliche Verschiebungen, wenn auch in etwas geringerem Ausmass. Brämer (2013b) bestätigte einen Trend hin zu Kurzwanderungen.
Mit verschiedenen Werbekampagnen sollte in den letzten Jahren das Wandern und Bergwandern weiter gefördert werden. Im Zusammenhang mit der Klimaerwärmung werden die schneeunabhängigen, naturorientierten Outdoorsportarten weiter an Bedeutung gewinnen; vor allem weil die schneefreien Gebiete zu- und die Schneebedeckungszeiten der Landschaft abnehmen. Heissere Sommer werden als Chance für die kühlen Bergregionen angesehen, welche sich auch zunehmend in dieser Thematik positionieren (Doebeli, 2003, Dichter Ernest, 2004, Kappler, 2004b, Kappler, 2004a, Frick et al., 2010, Kappler, 2011, Abegg et al., 2013). Wirth (2010) stellte fest, dass der Klimawandel mit kühlerem Bergsommer gegenüber den wärmeren Städten eine zusätzliche Anziehung der Berggebiete ausüben werde.
Die Klimaerwärmung bietet für das Wandern in Bergregionen jedoch nicht nur positive Aspekte. Instabile Hänge als Folge des auftauenden Permafrosts und Starkregen (statt Schneefälle) verursachen Erosion, Hangrutschungen, Steinschlag usw. Diese neuen Gegebenheiten stellen sowohl die Verantwortlichen für die Wanderwege als auch die Wanderer selbst vor Herausforderungen (Ritter et al., 2012, Abegg et al., 2013). Letztere könnten durch die neuen Umstände auch verängstigt werden und als Folge neue Destinationen aufsuchen (Pröbstl et al., 2011) oder ihre Wanderaktivitäten in andere Jahreszeiten verlegen (Hawkins und Smith, 2011).
2.5 Mountainbiking
2.5.1 Bedeutung des Mountainbikings
Mountainbiking ist eine recht junge Sportart, welche Mitte der 1970er-Jahre in Kalifornien von Radsportlern lanciert wurde. Im Jahr 1996 war diese Sportart bereits olympisch und avancierte zu einer der beliebtesten Outdoor-Sportarten (Penning, 1998).
In der Schweiz nennen – gemäss den grossen Sportstudien von 2008 und 2014 (Lamprecht et al., 2008c, Lamprecht et al., 2014) – etwas mehr als 6 % der Schweizer Wohnbevölkerung zwischen 15 und 74 Jahren Mountainbiking als eine von ihnen betriebene Sportart. Gemäss Gilomen (2005) stiegen die Verkaufszahlen der Mountainbikes in der Schweiz stetig bis 1997. Anschliessend hat sich der Fahrradmarkt weiter differenziert (z.B. durch E-Bikes), aber das Mountainbike hat immer noch eine herausragende Stellung, insbesondere im Bereich der Sportfahrräder. Die Zahl der verkauften Mountainbikes variierte von 2006 bis 2012 zwischen ca. 125 000 und 142 000, was einem Marktanteil zwischen 36 % und 46 % entsprach (velosuisse, 2013). Der Marktanteil scheint sich zu stabilisieren. Nach Huber (2013) beläuft sich allein der direkte Umsatz in der Radsportbranche für Mountainbikes, Bekleidung und Zubehör auf ca. 450 Mio. Franken jährlich und macht damit ca. die Hälfte des Umsatzes der Fahrradbranche aus. Die Popularität des Mountainbike-Sports zeigt sich auch in der Entwicklung der Anzahl Mountainbike-Experten15 in der Schweiz, welche stark anstieg.
Der Sportart und ihrem regionalwirtschaftlichen Effekt werden in Bergregionen, aber auch in Agglomerationsnähe, eine grosse Bedeutung zugemessen (Fachstelle Langsamverkehr, 2010, Wadenpohl und Kenny, 2011). Einige bekannte Schweizer Tourismusregionen haben in den letzten Jahren Masterpläne zur ihrer Positionierung als Mountainbike-Destination verfasst, so beispielsweise Engadin/St. Moritz (Cazin, o.J.), Lenzerheide Vaz/Obervaz (Wirth, 2012) sowie die Jungfrau-Region (Weiler, 2012) u.a.
Eine hohe Popularität des Mountainbikings ist auch auf internationaler Ebene zu beobachten, beispielsweise in Nordamerika (Cordell, 2008), Australien (Davies und Newsome, 2009), Deutschland (Heinemann, 2010) oder Österreich, speziell im Bundesland Tirol (Kornexl und Brunner, 2009).
2.5.2 Bedürfnisse und Gewohnheiten der Mountainbiker
Mountainbiker sind nicht gleich Mountainbiker – seit der Lancierung des Mountainbikings hat sich die Zahl der Sporttreibenden stark erhöht und die Sportart hat sich in diverse Untergruppen spezialisiert, was durch technische Innovationen gefördert wurde.
Manche Autoren kategorisierten nach Motiven und Bedürfnissen. So unterschied Wöhrstein (1998) Typen wie Feierabend- und Wochenendfahrer, Sportliche Feierabend- und Wochenendfahrer, Trainingstyp und Modetyp – allerdings einleitend und nicht auf der Basis empirischer Daten. Kornexl und Brunner (2009) entwickelten für Crosscountry-Mountainbiker sechs Motivklassen mittel einer Clusteranalyse: Sportliche (25 %), Gemeinschaftsfahrer ohne Selbstbestätigung (26 %), Ängstliche (20 %), Fitnessorientierte (12 %), Gruppenorientierte mit Selbstbestätigung (9 %) und Naturorientierte (9 %). Heinemann (2010) verwendete die Kategorien Action- und Funbiker, Sport- und Naturbiker sowie Ruhe- und Erholungsbiker. Cessford (1995b) unterteilte die Biker bezüglich derer Erfahrung in: Anfänger, Mittelerfahrene, Biker mit grosser Erfahrung sowie Experten.
Einen anderen Ansatz zur Typisierung verfolgten Morey et al. (2002), indem sie aus der Analyse eines Tour-Choice-Experimentes vier Mountainbiker-Typen identifizierten und beschrieben: Gelegenheitsfahrradfahrer (casual cyclists), Seriöse Mountainbiker, Strassenfahrer sowie Wochenend-Mountainbiker.
Die meisten Autoren folgten jedoch einer Kategorisierung, die stark in der Art der Gerätenutzung und der technischen Ausstattung begründet ist. Bei den Studien konnten sich die Befragten selber den verschiedenen Typen zuordnen. So spricht man hauptsächlich von folgenden Disziplinen (Hofer, 2003, Gilomen, 2005, Davies und Newsome, 2009, Deutsche Initiative Mountainbike e.V., 2010):
- Cross Country / Allmountain (z.T. Wettkämpfe)
- Touren-Biking (Freizeitbiker)
- Race/Marathon
- Freeride
- Downhill
- Dirt
- (Street-) Trial
Für diese Disziplinen wurden verschiedene Bikes entwickelt, sie unterscheiden sich in Gewicht (z.B. Carbon für leichte Bikes), Federung (Front-Federung, Full-suspension, verschiedene Federweglängen), Komfort (Rahmengeometrie), Übersetzungen und anderen Aspekten.
Die grösste Verbreitung finden Cross-Country-Biking und Tourenbiking. Die Schätzungen der Marktanteile liegen zwischen 25 % und 55 % für Cross-Country-Biking (Hofer, 2003, Gilomen, 2005, Deutsche Initiative Mountainbike e.V., 2010) und zwischen 50 % und 77,2 % beim Tourenbiking (Hofer, 2003, Gilomen, 2005, Deutsche Initiative Mountainbike e.V., 2010), abhängig von der jeweils gewählten Definition der Kategorie.
Die Anforderungen an die Weg-Infrastruktur unterscheiden sich deutlich zwischen den Bike- Disziplinen. Die nachfolgenden Präferenzen betreffen die grössten Gruppen, welche vorwiegend das bestehende Fuss- und Wanderwegnetz nutzen: Touren- und Cross-Country- Biker, in geringerem Masse noch die Freerider (Hofer, 2003). Im Weiteren werden unter dem Begriff Mountainbiking die Disziplinen Touren- und Cross-Country-Biking verstanden, Ausnahmen werden erwähnt.
Die Motive für den Mountainbike-Sport aus verschiedenen Untersuchungen sind in Tabelle 2.7 dargestellt. In allen Untersuchungen wird das Motiv Landschaft/Natur als sehr wichtig beurteilt. Ähnlich wichtig werden die Motive Fitness, Kondition sowie Ausgleich vom Alltag, Entspannung beurteilt. Nur in der grossen Studie in Deutschland der Deutschen Initiative Mountainbike (DIMB, 2010) wird das Motiv Abenteuer, Risiko prioritär bewertet.
Die meisten Biker betreiben ihren Sport individuell und sind nicht in Verbänden oder Vereinen organisiert (Froitzheim und Spittler, 1997). Im Weiteren nimmt die Beteiligung an Wettkämpfen mit zunehmendem Alter ab (Gilomen, 2005).
Tabelle 2.7: Mountainbike-Motive verschiedener Untersuchungen
| Motiv | Gilomen (2005), (n=2 255) | DIMB (2010), (n=9 000) | Kornexl und Brunner (2009), (n=547) | Beier (2001),(n=75, mean zw. 1 und 5)16 |
| Spass haben | 89,1 % | -17 | - | - |
| Landschaft, Natur | 88,0 % | 79 % | 94,9 % | 4,24 |
| Fitness, Kondition | 84,3 % | 40 % | 94,7 % | 4,49 |
| Gesundheit | 66,3 % | 64 % | - | 3,91 |
| Gemeinschafts-erlebnis | 34,9 % | 64 % | 77,0 % | 3,86 |
| Abenteuer, Risiko | 33,9 % | 73 % | - | 2,96 |
| Ausgleich vom Alltag, Entspannung | - | 80 % | 88,1 % | 4,04 |
| Selbstbestätigung | - | - | 72,9 % | 3,7918 |
| Gewicht, Figur | - | - | 77,1 % | 3,70 |
| Andere | 5,7 % | 3 % | - | - |
2.5.3 Auswirkungen des Mountainbikings
2.5.3.1 Beeinträchtigungen des Naturhaushalts
Entsprechend der Ausführungen in Kapitel 2.2.3.1 werden in dieser Arbeit die Beeinträchtigungen des Mountainbikings auf die Natur sowie die Konflikte zwischen Mountainbikern und anderen Outdoorsportlern (vgl. Kapitel 2.5.3.2) differenziert beleuchtet.
Die Beeinträchtigungen der Natur durch das Mountainbiking sind in Tabelle 2.8 dargestellt.
Tabelle 2.8: Direkte und indirekte Beeinträchtigungen der Natur und Infrastrukturen durch Mountainbiking

Wie verschiedene Autoren feststellten, sind entgegen der vorherrschenden Meinung die von Mountainbikem verursachten Beeinträchtigungen ähnlich denjenigen von Wanderern und Reitern einzustufen und nicht grösser – dies gilt auch für Schäden an Wegen (Wilson und Seney, 1994, Cessford, 1995a, Gander und Ingold, 1997, Wöhrstein, 1998, Thurston und Reader, 2001). Marion und Wimpey (2007) gingen sogar eher davon aus, dass Mountainbiking geringere Schäden an Wegen verursacht als Wandern. Bei intensiver Befahrung, resp. Begehung von Grasland stellten Pickering et al. (2011) das Gegenteil fest.
Ingold (2005) hingegen sprach dem Mountainbiking ein grosses Beeinträchtigungspotenzial für Wildtiere zu, dies als Folge des Querfeldeinfahrens (vgl. auch Taylor und Knight, 2003), hoher Geschwindigkeit und dem hohen Überraschungsmoment aufgrund der geräuscharmen Annäherung sowie durch die längere tageszeitliche Raumbeanspruchung (Reimoser et al., 2008). Allerdings werde das Off-trail Biking, resp. Querfeldeinfahren nur selten ausgeübt (Froitzheim und Spittler, 1997, Gilomen, 2005). Reimoser et al. (2008) kamen bei ihrer Studie im Wienerwald zu einem anderen Ergebnis. So gaben 67 % der Befragten Mountainbiker an, den Weg regelmässig zu verlassen (zum Vergleich: Jogger 67 %, Wanderer 50 % und Reiter 37 %). Als Hauptgrund für das Verlassen der offiziellen Bikewege im Wienerwald gaben die Biker an, mit dem Wegnetz nicht zufrieden zu sein und dies nicht hinnehmen zu wollen.19
Wilson und Seney (1994) führten verschiedenste Feldversuche zu Wegbeschädigungen von Outdoorsportarten durch. Sie stellten fest, dass das meiste Wegbelagsmaterial durch Reiter und durch Wanderer gelöst wurde, speziell betraf dies das Bergabgehen, resp. -reiten (Weaver und Dale, 1978, zitiert nach: Cessford, 2003)
Zusammengefasst sind die Beeinträchtigungen der Natur durch die beiden Sportarten Mountainbiking und Wandern jedoch vergleichbar (Pickering et al., 2011).
2.5.3.2 Konflikte zwischen Mountainbikern und anderen Outdoorsportlern
Einige Ursachen, wie Mountainbiker bei anderen Outdoorsportlern Konflikte auslösen können sind in Tabelle 2.9 zusammengestellt. Bei den Konflikten zwischen Mountainbikern und Wanderern spielt die Wahrnehmung eine grosse Rolle. So zeigten Wanderer, die keine Mountainbiker angetroffen haben, eine grössere negative Wahrnehmung der Mountainbiker als solche, die Mountainbikern begegnet sind. Speziell negative Gefühle hatten dabei die älteren Wanderer (Cessford, 2003). Aber generell bezeichneten über 85 % der Mountainbiker den Umgang mit anderen Naturnutzern als freundlich oder überwiegend freundlich (Deutsche Initiative Mountainbike e.V., 2010).
Die meisten Unfälle der Mountainbiker werden selbst verursacht und ohne Beteiligung von anderen Personen. Nur gerade 1,3 % der über 9 000 Befragten hatten eine Kollision mit einem Fussgänger, wobei 71 % der Unfallgegner nicht verletzt wurden (Deutsche Initiative Mountainbike e.V., 2010). Cessford (2003) bestätigte die Seltenheit solcher Ereignisse.
Tabelle 2.9: Durch Mountainbiker verursachte Konflikte mit anderen Outdoorsportlern
| Konfliktursache | Wandern, Joggen, Nordic Walking | Reiten | Jagen, Natur beobachten |
| Neuer Naturnutzer im selben Raum | Thurston und Reader (2001)Froitzheim und Spittler (1997)Chavez (1996)Lorch (1995)Moore (1994) | ||
| Kleidung, insb. Schutzkleidung | Froitzheim und Spittler (1997)Lorch (1995)Keller (1990) | ||
| Geschwindigkeitsdifferenz | Cessford (2003)Froitzheim und Spittler (1997)Chavez (1996) | ||
| Erschrecken durch plötzliches Auftauchen | Cessford (2003)Froitzheim und Spittler (1997) | Keller (1990) | |
| Kollision oder Beinahe-Kollision | Deutsche Initiative Mountainbike (2010)Davies und Newsome (2009)Chavez (1996) | ||
| Zielkonflikt | Freuler (2008)Schemel und Erbguth (2000)Lorch (1995) | ||
| Gefühl der Bikerpräsenz | Cessford (2003) | ||
| Andere soziale Gruppe / Lifestyle | Cessford (2003) | ||
| Rücksichtslosigkeit | Heer et al. (2003) |
Um die Konflikte zwischen den verschiedenen Outdoorsport-Aktivitäten zu lösen, schlagen Parkmanager folgende Massnahmen vor (Chavez, 1996): Information/Schulung (63 %), Kooperation (27 %), Einschränkungen (17 %) und Infrastrukturanpassungen (7 %). Zeitliche Einschränkungen und Wegegebot sind beispielsweise im Biosphärenpark Wienerwald in Kraft (Reimoser et al., 2008).
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