Kitabı oku: «Blindlings ins Glück»

Yazı tipi:

And if I ever lose my eyes, if my colours all run dry,

yes, if I ever lose my eyes, oh if … I won’t have to cry no more.

Cat Stevens, Moonshadow

Die Geschehnisse, sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.

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EPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbH

eISBN 978-3-8271-8410-8

Ria Hellichten

Blindlings

ins Glück


Für Vivian, die mehr sieht als wir alle.

PLAYLIST

Ben Howard – 7 Bottles

U2 – Sleep Like a Baby Tonight

Mumford & Sons – Blind Leading the Blind

The Rolling Stones – Tumbling Dice

Cat Stevens – Moonshadow

Lady Gaga & Bradley Cooper – Shallow

Kodaline – Ready

Queen – Let Me Live

Birdy – Save Yourself

Mumford & Sons – Hold on to What You Believe

Kodaline – The One

PROLOG

Das Rattern der Jalousien durchbrach die friedliche Stille des Büros wie Kanonenschüsse. Gleißende Sonne füllte den Raum.

Tabea beobachtete, wie Barbara sich wieder vom Fenster entfernte und vor ihrem Computer Platz nahm. Die Sekretärin strich den Rock glatt und zog ihre Brille auf die Nasenspitze. Es dauerte geschlagene drei Sekunden, bis die Sekretärin bemerkte, dass alle Fenster minimiert waren und sie mit konzentriertem Blick auf das Hintergrundbild starrte: ein getigertes Kätzchen auf einer Wiese. Hektisch klickte sie auf den Maustasten herum.

Sprich ihn am besten gar nicht an, hatte Barbara gesagt. Der Vollautomat ist seit Freitag kaputt. Das macht ihn wahnsinnig und ich muss jetzt seinen Kaffee von Hand aufbrühen. Außerdem stehen die Gehaltsabrechnungen an: Die letzte Woche des Monats ist immer der Horror.

Entschlossene Schritte näherten sich vom Flur her, dann schwang die Glastür auf. Tabea wandte den Kopf. Das war also Johannes Baumann: Der maßgeschneiderte Anzug saß perfekt, genauso das unverbindliche Lächeln. Ein leichter Windzug wehte durch das gekippte Fenster und strich ihm lässig eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Fehlt nur noch, dass von irgendwoher coole Musik dröhnt, dachte sie. Aber statt Rock You Like a Hurricane begleitete nur das disharmonische Surren einer Fliege den Auftritt des Personalchefs.

Baumann verschränkte die Arme vor der Brust – das Jackett war wohl doch etwas zu eng geschnitten, denn es spannte bei dieser Geste eindeutig an den Oberarmen – und blickte wortlos von Tabea zu Barbara und wieder zurück. Dabei runzelte er die Stirn und sah sie beide so finster an, dass Tabea am liebsten unter dem kleinen Behelfsschreibtisch verschwunden wäre, den man ihr ins Zimmer geschoben hatte. Stumm drehte sich ihr Chef zum Fenster um.

„Soll ich Ihnen Kaffee bringen? Schwarz, wie immer?“, fragte Barbara.

Baumann nickte seiner Sekretärin zu, stellte seine Aktentasche ab und blieb ungeduldig vor dem Fenster stehen. Es verstrichen zwei oder drei stille Minuten, bis Barbara wieder herbeieilte und ihm eine dampfende Kaffeetasse reichte. Baumann nahm einen Schluck und verzog das Gesicht, dann goss er den restlichen Inhalt der Tasse in eine schmächtige Yuccapalme auf dem Fensterbrett. War wohl nicht das erste Mal, dass er seinen Kaffee teilte.

„Haben Sie wieder vergessen, den Filter anzufeuchten? Das schmeckt ja wie Spülwasser.“

Woher er wohl wusste, wie Spülwasser schmeckte? Tabea unterdrückte ein Schmunzeln. Das hatte sie nur gedacht, oder? Puh.

Baumann ließ sich in den ledernen Chefsessel hinter dem höhenverstellbaren Schreibtisch fallen. Schließlich knöpfte er sein Jackett auf, feuchtete einen Zeigefinger an und machte sich daran, einen turmhohen Stapel an Unterlagen zu signieren. Er war schon fast bei der Hälfte des Papierbergs angekommen, als er fragte, ohne aufzusehen: „Möchten Sie sich vielleicht vorstellen oder haben Sie schlicht vor, den ganzen Tag stumm dazusitzen und mir bei der Arbeit zuzusehen?“

Barbara verschluckte sich und spuckte beinahe ihren Kräutertee über den Bildschirm. „Entschuldigen Sie, Herr Baumann“, klinkte sie sich ein. „Ich dachte, Sie wüssten Bescheid, dass heute Frau …“

Tabea unterbrach ihre halbherzig gespielte Partie Tic- Tac-Toe gegen sich selbst und stand auf. Sie gab sich keine Mühe, irgendwas glattzustreichen, denn der recycelte Baumwollstoff ihres Fairtrade-Blazers machte ohnehin, was er wollte. „Bach“, sagte sie mit fester Stimme. „Tabea Bach. Wir haben uns nach dem Bewerbungsgespräch kurz gesehen und sicher hat Ihnen Herr Döring mitgeteilt, dass ich Ihre Abteilung in den nächsten Wochen als Praktikantin unterstützen werde.“

Beim Namen seines Vorgesetzten zog Baumann unverhohlen eine Augenbraue hoch, aber noch bevor er etwas erwidern konnte, streckte ihm Tabea enthusiastisch die Hand entgegen. „Ich freue mich auf die Zusammenarbeit.“

Er zögerte kurz. Verdammt! Hatte sie es wieder mal übertrieben?

Aber dann griff Baumann beherzt zu, drückte ihre Finger einmal kräftig und sagte: „Ganz meinerseits.“

Für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich ihre Blicke. Keiner von beiden blinzelte, keiner sah weg. In Baumanns Augen lag plötzlich ein Funkeln, fast so, als wüsste er, dass er bei einer Lüge ertappt worden war. Gleichzeitig bog sich einer seiner Mundwinkel nach oben. Tabea verstand: Dieses jungenhafte Halblächeln war keine Show, das war ganz er. Für einen Moment dachte sie, Baumann wollte noch ein paar höfliche Begrüßungsfloskeln austauschen, aber alles, was er sagte, war: „Ich hoffe, Sie können Kaffee kochen.“

JOHNNY

Wie gerädert. Gehängt, gerädert und gevierteilt. Der letzte Abend der Geschäftsreise hatte ihm im wahrsten Sinne des Wortes den Rest gegeben. Er wusste nicht mal, wie lange er geschlafen hatte.

Freitag war er am Flughafen Basel-Mulhouse-Freiburg gelandet, daran erinnerte er sich. Von dort aus ging es nach Hause und er hatte sogar angefangen, eine Präsentation für die nächste Woche vorzubereiten. An seinen Rausch hingegen waren ihm nur wirre Erinnerungen geblieben, die wie im Fiebertraum zusammenhanglos an ihm vorbeischwirrten, dazu ein drückendes Gefühl in der Magengegend und stechende Kopfschmerzen. Nie wieder würde er solches Teufelszeug trinken, so viel war sicher.

Am Samstag, dem Tag nach der Landung, war Johnny speiübel geworden; er hatte seine Zeit zwischen der Toi­lette und dem Sofa verbracht und war früh ins Bett gegangen. Trotzdem fühlte er sich heute nicht viel besser. Und Johnny hasste Sonntage, selbst wenn er sie nicht mit einem üblen Kater zubringen musste. Wahrscheinlich türmten sich inzwischen die Briefe auf seinem Schreibtisch und das E-Mail-Postfach quoll über.

Johnny schlug die Augen auf, aber im Schlafzimmer war es stockfinster. Er massierte die Haut zwischen seinen Augenbrauen, die sich so kalt und glatt anfühlte wie Wachs. Sicher war es schon Nachmittag, dabei musste er dringend wieder an die Präsentation. Das war gleich der erste Punkt auf der Tagesordnung, abgesehen davon, sich mithilfe eines doppelten Espressos, einer heißen Dusche und zwei oder drei Kopfschmerztabletten wieder in einen ansehnlichen, disziplinierten und motivierten Menschen zu verwandeln.

Wenigstens nahm Johnny an, dass die anderen über die Eskapaden der letzten Tage Stillschweigen bewahren würden – denn niemand legte sich freiwillig mit dem Personalchef an. Außerdem waren die meisten seiner Untergebenen verheiratet und er war nicht sicher, ob die jeweiligen Ehefrauen, die ihnen am Flughafen „Viel Spaß“ gewünscht hatten, wussten, wie richtig sie damit lagen. Als internationales Pharmaunternehmen hatte Sanacur auch eine Tochterfirma in Spanien. Und die Spanier wussten, wie man feiert.

Etwas Weiches, Warmes schmiegte sich an seine Seite. Johnny streckte den Arm aus und kraulte den Kater. Das Schnurren des Tieres hatte eine angenehm beruhigende Wirkung auf ihn. Johnny seufzte und blinzelte ein paarmal. Die Dunkelheit umgab ihn grau und dicht, durchdrungen lediglich von ein paar bunten Blitzen und schemenhaften Formen.

Allmählich kroch ein Anflug von Panik in seinen müden Gliedern hoch. Betrunken war er bestimmt nicht mehr, also konnte es wohl nur die Erschöpfung sein. Vielleicht war er langsam zu alt für diesen Scheiß. Johnnys Magen krampfte sich zusammen, die Zunge klebte ihm trocken am Gaumen und der dumpfe Schmerz hinter den Schläfen zermürbte seine sonst eiserne Selbstbeherrschung. Reiß dich zusammen, Mann, sagte er sich und drückte seinen Oberkörper mit den Ellenbogen hoch. Dann richtete er sich ruckartig auf und stolperte aus dem Bett, wobei der Kater ein protestierendes Maunzen von sich gab. Für einen Moment verlor Johnny die Orientierung, schwankte und glaubte zu fallen, bis seine Beine endlich Halt auf dem polierten Parkettboden fanden. Trotzdem blieb das beklemmende Gefühl: Er konnte nichts erkennen und ihm war, als würden die Wände auf ihn zukommen; als müsste er jeden Augenblick dagegenprallen. Als er endlich den verdammten Lichtschalter gefunden hatte, stöhnte er auf: Murphys Gesetz. Ausgerechnet jetzt war die Birne kaputt oder die Sicherung durchgebrannt oder der Strom ausgefallen … es blieb dunkel.

Schlaftrunken stocherte Johnny in der Luft herum, bis seine Hand das kalte Metall der Türklinke fand. Im Flur hatte er keine Rollläden und die Morgensonne würde durch das Dachfenster scheinen. Ja, selbst an einem so trostlosen Sonntag wie heute. Er öffnete die Tür, aber auch im Flur war es finster. Leise fluchte er. Vielleicht hatte ihm jemand etwas in den Drink getan? Bei diesem Gedanken schnürte sich sein Brustkorb zu, was das Atmen – und somit auch das Denken – beinahe unmöglich machte.

Es kostete Johnny alle Mühe, sich zu erinnern: Nach dem letzten Caipirinha hatte er die Bekanntschaft aus der Bar mit auf sein Hotelzimmer genommen. Er wusste ihren Namen nicht mehr, Camila oder Chiara oder so was. Sie hatte eine Flasche Schnaps dabeigehabt, die sie irgendwo aufgetrieben hatte. An alles, was danach geschehen war, konnte er sich nur vage entsinnen. Da waren zwar undeutliche Bilder von den übernächtigten Gesichtern seiner Kollegen am Flughafen und einer schier endlosen Taxifahrt, aber keine Erinnerungen an die letzte Nacht in Barcelona.

Johnny klopfte sich mit den Handflächen auf die Wangen, um sich zur Besinnung zu rufen. Er war nicht in der Lage, eine Erklärung für seine Verfassung zu finden. Sein Herz pumpte einen Adrenalinstoß nach dem anderen durch seinen Körper und auf seiner Stirn bildeten sich feine Schweißperlen, aber er musste jetzt ruhig bleiben, das Problem analysieren: Plan – Do – Check – Act. Er wiederholte diese magische Formel so lange stumm, bis sich sein Herzschlag beruhigte. Als Erstes würde er sich wieder hinlegen. In ein paar Stunden wäre alles überstanden und dieses Gift, was auch immer es war, aus seinem Organismus gespült worden. Außerdem würde er Dr. Google fragen, der ihm schon in fast jeder Lebenslage beratend zur Seite gestanden hatte.

Benommen tapste Johnny wieder ins Schlafzimmer. Er hangelte sich am Kleiderschrank entlang zur gegenüberliegenden Wand und schließlich wieder zu seinem Bett, wo er sich fallen ließ. Dann streckte er den linken Arm aus und tastete nach seinem Handy, das auf dem Nachtschrank lag. Er drückte den Homebutton, aber das Display blieb schwarz. Johnny seufzte und drückte die Taste noch einmal. Ein Piepton erklang. „Hallo, Siri“, murmelte er.

„Hallo, Johnny“, kam es blechern zurück.

„Warum kann ich nichts sehen?“

„Das. Ist. Das. Resultat meiner Websuche zu. Warum kann ich –“

Resigniert pfefferte Johnny das Telefon auf sein Kissen. Ein grauenvoller Gedanke formte sich in seinem pochenden Kopf: Was, wenn er schon tot war und das hier seine ganz persönliche Hölle? Im nächsten Moment wollte er fast lachen, so absurd erschien ihm diese Vorstellung. Er hatte wohl in der Schulzeit zu viel Sartre gelesen! Andererseits begann er allmählich, an seinem Geisteszustand zu zweifeln. Vielleicht war er ja jetzt ein körperloses Wesen, nur noch eine Seele, die im Raum schwebte – oder sogar ein Zombie? Was für ein Blödsinn. Bis auf diese leidigen Kopfschmerzen war er bei bester Gesundheit, daran bestand kein Zweifel. Montags trafen sich die Abteilungsleiter zum Jour fixe und außerdem wurde es Zeit, ein paar arbeitsmüde Kollegen abzumahnen. Ganz zu schweigen von den Stellen, die für den neuen Außendienst besetzt werden mussten. Ohne ihn ging der Laden den Bach runter, so viel war sicher. Also würde er, Johannes Baumann, Master of Arts in Human-Resources-Management, am nächsten Morgen wie an jedem Montagmorgen spätestens um viertel vor acht an seinem Schreibtisch sitzen, notfalls auch blind.

Blind? Obwohl Johnny eben noch geschwitzt hatte, lief ihm jetzt ein eiskalter Schauer über den Rücken. Das konnte nicht sein – oder doch? Sollte er sein Augenlicht verloren haben, vielleicht sogar für immer? Der grausame Gedanke erfüllte das stickige Zimmer wie eine unbestimmte, gestaltlose Bedrohung. Johnnys Nackenhaare stellten sich auf. Der Drang, wegzulaufen, war so überwältigend, dass das Blut in seinen Ohren rauschte. Aber trotz dieses animalischen Fluchtinstinkts konnte Johnny keinen Finger rühren. Er war gefangen in dieser fremdartigen Dunkelheit.

Behutsam führte Johnny seine Hände an die Augen und befühlte mit den rauen Fingerspitzen die Lider. Er übte leichten Druck auf die Augäpfel aus. Die bunten Blitze, die durch sein Sichtfeld zuckten, wurden heller und plötzlich übernahm sein Verstand wieder die Führung. Dass er noch Formen und Farben sah, war ein gutes Zeichen, oder? Er musste dringend einen Arzt aufsuchen. Wo war denn jetzt das verdammte Handy? Vielleicht könnte er heute noch einen Termin bekommen … das heißt, es war ja Sonntag. Seine charmante Hausärztin fiel also schon mal weg. Warum passierte so etwas ausgerechnet am Wochenende?

Johnny tastete mit den Handflächen über seine Satinbettwäsche. Es dauerte eine Weile, dann hielt er endlich sein Handy wieder in der Hand. Gewohnheitsmäßig glitten seine Finger über den Bildschirm. Er drückte den einzigen Knopf, den das iPhone besaß. „Siri, ruf den ärztlichen Notdienst an.“ Er hätte nie gedacht, dass er diese Worte einmal sagen müsste.

„In Ordnung“, antwortete Siri. „Starte Notruf in 3 … 2 … 1 … Tuuut.“

Nervös lauschte Johnny dem Freizeichen in der Leitung, seiner einzigen Verbindung zur Außenwelt. „Notrufzentrale, guten Tag, mit wem spreche ich?“

„Hallo, Baumann hier. Ich kann nichts mehr sehen.“ Bestürzt stellte er fest, dass seine Stimme zitterte.

„Bitte erklären Sie mir genau, was geschehen ist. Gab es einen Unfall?“

„Nein. Aber ich glaube, ich bin blind.“

Die Stimme am anderen Ende der Leitung zögerte. „Haben Sie Schmerzen im Auge oder sonstige Beschwerden?“

Johnny stöhnte. „Zählt ein übler Kater dazu?“

Die Telefonistin schien keinen Spaß zu verstehen. „Hier ist die Notrufzentrale. Wenn Sie sich nicht in akuter Gefahr für Leib und Leben befinden, wenden Sie sich bitte an –“

Allmählich war seine Geduld zu Ende. „Verdammt noch mal!“, brüllte Johnny in sein Handy. „Ich kann nichts sehen! Ich finde alleine noch nicht mal zur Toilette, okay?“

„Bitte bleiben Sie ruhig. Nennen Sie mir Ihre Adresse, dann schicke ich einen Krankenwagen vorbei.“

Johnny schluckte. Er wollte nicht mit Blaulicht ins Krankenhaus gefahren werden wie ein Invalider. „Haben Sie denn keinen Arzt, der Hausbesuche macht? Einen Augenarzt am besten.“

„Warten Sie einen Moment, ich verbinde Sie.“

Mit der freien Hand fuhr sich Johnny durch die Haare und wartete. Was für ein beschissener Morgen! Es konnte wohl kaum noch schlimmer kommen. Kurz darauf meldete sich eine andere Frauenstimme und Johnny musste sich anhören, dass auch der ärztliche Bereitschaftsdienst keine Hausbesuche abstattete.

„Haben Sie jemanden, der Sie ins Krankenhaus fahren kann?“, fragte die Telefonistin.

Johnny überlegte. Seine Mutter könnte ihn sicher fahren, aber da würde er lieber im Schlafzimmer krepieren. „Danke, ich komme schon irgendwie hin“, nuschelte er ins Handy. Dann legte er auf.

Was er jetzt brauchte, wäre jemand, der keine Fragen stellte. Der machte, was man ihm sagte, und über die ganze Sache morgen im Büro kein Wort verlieren würde. Morgen im Büro? Was, wenn er morgen nicht ...

Johnny wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn, wie um den Gedanken zu vertreiben, und wandte sich wieder seinem Handy zu. „Siri, ruf Babsi an.“ Babsi war seine Assistentin. Oder zumindest das, was dem in seiner Abteilung am nächsten kam.

„Ich finde keinen Bab-si in deinen Kontakten.“

„Siri, ruf BARBARA an.“ Allmählich nervte ihn die Konversation mit seinem Telefon und er freute sich da-rauf, endlich persönlich mit einem Menschen sprechen zu können – selbst wenn es nur Babsi war.

Die Sekunden, bis jemand den Hörer abnahm, zogen sich unerträglich. Na komm, Babsi, dachte er, geh ran. Was konnte sie an einem Sonntag schon vorhaben?

„Münzer?“, meldete sich eine zarte Frauenstimme.

„Babsi, haben Sie noch die alte Klapperkiste?“

„Herr Baumann, sind Sie das?“

Johnny stöhnte. „Hundert Punkte, Babsi.“

„Wie oft soll ich Ihnen noch sagen, dass ich für Sie Barbara heiße?“

„Jaja. Also, Babsi – Barbara –, kommen Sie sofort her, ich muss dringend ins Krankenhaus.“

„Ist was passiert?“, fragte Babsi. „Ein Notfall?“ Ihre ohnehin hohe Stimme überschlug sich fast und schmerzte in seinen Ohren.

Johnny knirschte mit den Zähnen. „Ja, so ungefähr. Holen Sie mich jetzt ab?“

Babsi zögerte. „Sie wissen aber, dass heute Sonntag ist? Und Sie hören sich gar nicht krank an.“

Johnnys stechende Kopfschmerzen machten diese Diskussion noch nervenaufreibender. „Und wissen Sie, dass Ihr Gleitzeitkonto ziemlich in den Miesen ist?“

Sie schnaubte. „Es ist doch einfach nicht zu fassen –“

„Kommen Sie jetzt … bitte?“

Wortlos legte Babsi auf. Aber Johnny war sicher, dass sie genau in diesem Moment aus ihrer Wohnung stolperte und in spätestens einer halben Stunde ihren alten Golf vor der schicken Altbauvilla in der Wiehre geparkt hätte, in der seine Maisonettewohnung lag.

Barfuß schlich er über den Holzfußboden und dachte nach. Um Babsi die Tür zu öffnen, musste er die Treppe hinuntergehen, in den Flur, wo sich die Gegensprechanlage befand. Wahrscheinlich wäre es auch nicht verkehrt, wenn seine Boxershorts und das durchgeschwitzte T-Shirt nicht die einzigen Kleidungsstücke wären, mit denen er im Krankenhaus auftauchte. Er hatte eine vage Ahnung, wo sich seine Jogginghose im Kleiderschrank befinden musste. Vielleicht könnte er den dicken Sweatstoff sogar erfühlen. Aber um sicherzugehen, sollte er das lieber Babsi überlassen, die sicher nichts dagegen hätte, wenn er ihr fast so gegenüberstünde, wie Gott ihn geschaffen hatte. Na gut, Gott und das örtliche Fitnessstudio. Trotz der beängstigenden Situation, in der Johnny sich zweifellos befand, amüsierte ihn dieser Gedanke. Und obwohl er wusste, dass er es mit seiner zynischen Art manchmal übertrieb, war ihm im Moment alles recht, was die Gedanken davon abbrachte, um dieses eine fatale, unaussprechliche Wort zu kreisen.

Mit der rechten Hand fuhr Johnny sich über die Bartstoppeln am Kinn. Er war sicher, dass man ihm das wilde Partywochenende ansah. Vermutlich hatte er Augenringe und eine ungesunde Gesichtsfarbe. Er wusste zwar, dass er einer der wenigen Männer war, denen selbst ein gewisses heruntergekommenes Flair gut stand, aber trotzdem wuchs seine innere Unruhe, weil er sich nicht ausgiebig im Spiegel betrachten konnte wie an jedem gewöhnlichen Morgen.

Die Klingel ertönte und Johnny zuckte zusammen. Er hörte, wie der Kater leichtfüßig voranlief und die Treppe herunterschwebte, aber er selbst hatte Mühe, ins untere Stockwerk zu gelangen, ohne sich dabei den Hals zu brechen. Mit einer Hand umfasste er das lackierte Holzgeländer, das sich glatt und kühl anfühlte, während seine nackten Zehen vorsichtig Stufe um Stufe ertasteten. Nie im ganzen Leben hatte er sich so hilflos gefühlt. Aber der Arzt würde ihm irgendwelche Augentropfen verschreiben und in ein paar Stunden wäre der Spuk hoffentlich vorbei. Johnny arbeitete sich zur Sprechanlage vor – nicht ohne sich den Fuß kräftig an der Vitrine mit den Modellautos zu stoßen – und drückte auf den Summer. Babsis Absätze klimperten auf dem Marmorboden, als sie über die Loggia auf seine Wohnungstür zusteuerte. Dann klopfte es energisch an der Tür.

„Ist offen“, rief er.

Babsi zog die Tür auf und kam auf ihn zu. Er spürte den Luftzug, den ihre Bewegungen verursachten, und roch ihr übersüßes Parfum. Wahrscheinlich musterte sie ihn gerade mit entsetztem Blick. Auch Designer-Boxershorts ersetzten nun mal keinen Stresemann und sein Outfit wäre selbst an einem Casual Friday nicht durchgegangen.

„Um es kurz zu machen und uns die Peinlichkeiten zu ersparen, Babsi: Ich scheine da ein Problem mit meinen Augen zu haben, sicher nur vorübergehend. Sie sehen aber trotzdem bezaubernd aus, wie immer.“

Sie schnaubte.

„Tun Sie das nicht, das ist nicht sehr damenhaft.“ Er machte ein paar Schritte auf sie zu und tastete sich dabei unbeholfen an der Wand entlang.

Es dauerte einen Moment, bis Babsi antwortete. „Ist das ein schlechter Scherz? Soll das heißen, dass Sie nichts mehr sehen können?“ Sie hielt inne und er hörte, wie sie nach Luft schnappte. „Sind Sie etwa blind?“

Blind. Schon wieder dieses Wort, das ihm durch Mark und Bein ging. Zum zweiten Mal, seit er an diesem elenden Morgen aufgewacht war, drohte ihn die blanke Angst zu überwältigen. Johnny zwang sich zu einem Lächeln. „Ach, papperlapapp, jetzt machen Sie mal nicht die Pferde scheu. Wenn Sie bitte so gut wären, ins Schlafzimmer im Obergeschoss zu gehen.“ Er machte eine vage Handbewegung in Richtung der vermuteten Treppe. „Und kommen Sie bloß nicht auf falsche Gedanken: Ich möchte eine Hose an- und nicht ausziehen, also holen Sie irgendwas Bequemes aus dem Kleiderschrank.“

Obwohl er es nicht sehen konnte, war er ziemlich sicher, dass Babsi den Kopf schüttelte. Ihren Absätzen nach bewegte sie sich an ihm vorbei über das Parkett in Richtung Treppe. Sie würde noch seinen Boden ruinieren, dachte er und verschränkte die Arme. Als sie oben war, hörte er, wie sie etwas Unverständliches vor sich hin murmelte, dann trippelten die Absätze wieder zu ihm herunter und kurz darauf spürte er ihre Finger auf seinem Oberarm.

„Erschrecken Sie sich nicht. Ich habe hier Unterwäsche, eine Jogginghose und ein frisches T-Shirt. Ich nehme an, Sie möchten nicht im Anzug zum Arzt.“

Johnny zog einen Mundwinkel hoch und streckte die Handflächen aus. Unbeholfen nahm er das weiche Stoffpaket entgegen, das Babsi ihm reichte, klemmte es sich zwischen Ellenbogen und Körper und wankte damit in Richtung Bad. Seine Hände streckte er dabei seitlich von sich, die Finger tasteten über die Vliestapete. Obwohl er seit fünf Jahren in dieser Wohnung lebte, musste er sich konzentrieren und steuerte mit unsicheren Schritten auf die Badezimmertür zu.

„Vorsicht!“, drang Babsis Stimme plötzlich an sein Ohr, aber es war zu spät: Johnny drehte den Kopf und prallte im nächsten Moment mit der Schläfe gegen etwas Hartes. „Verdammt!“ Er biss die Zähne zusammen und hielt sich mit der freien Hand den Kopf. Leise verfluchte er sich dafür, dass er dem Kater zuliebe die Türen immer halb offen stehen ließ. Die Schamesröte stieg Johnny heiß ins Gesicht und er musste ein paarmal tief Luft holen, um sich zu beruhigen. Es nützte niemandem, am wenigsten ihm selbst, –, wenn er jetzt die Nerven verlor.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte seine Assistentin.

„Es geht schon.“ Johnny seufzte. Kaum hörbar setzte er noch einmal an: „Babsi?“

„Ja?“

„Danke.“ Etwas lauter fügte er hinzu: „Und versuchen Sie erst gar nicht, mir zu folgen. Ich höre Sie kommen!“

Johnny zog vorsichtig die Tür hinter sich zu – um sich auf dem Rückweg nicht wieder zu stoßen und nicht weil ihn Babsis Blicke gestört hätten. Er torkelte zum Waschbecken, drehte den Hahn auf und schöpfte sich das angenehm kühle Wasser ins Gesicht. Nachdem er einen großen Schluck getrunken hatte, machte er eine eilige Katzenwäsche und versuchte, mit den feuchten Fingern seine Frisur in Ordnung zu bringen. Er zog sich die Kleidung über und stellte dabei fest, dass auch sein Outfit von Freitag noch auf dem Fliesenboden lag. Erleichtert zog er sein Portemonnaie aus der Hosentasche der Jeans: Die Chipkarte der Krankenkasse würde er brauchen. Er steckte die Geldbörse ein, aber plötzlich ließ ihn etwas innehalten. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal das Haus verlassen hatte, ohne einen gründlichen Blick in den Spiegel zu werfen. Bei diesem Gedanken stieg ein beklemmendes Gefühl in Johnny auf. Er ließ die Finger in sein Gesicht wandern, um die vertrauten Konturen zu betasten. Er war immer noch der Alte. Die hellbraunen, mit ein paar Silberfäden durchsetzten Haare fielen ihm in die Stirn, weil er sie nicht geföhnt hatte, aber sie waren auch nicht lichter als gestern, da war er sicher. Er konnte die stoppelige Haut ertasten, die sich über seine Wangenknochen und sein Kinn spannte – die Rasur musste warten. Probeweise verzog er die Lippen zu einem Lächeln, obwohl ihm überhaupt nicht danach zumute war. Die Grübchen saßen an derselben Stelle wie immer. Erleichtert atmete er auf und schüttelte den Kopf über sich selbst. Er war noch genau derselbe Mann. Derselbe gut aussehende Mann, auch wenn er nicht in den Spiegel gucken konnte, um das zu überprüfen.

Was Babsi anging, hatte er ohnehin schon länger den Verdacht, dass sie mehr als nur kollegiale Gefühle für ihn hegte. So wie beinahe alle Frauen, die diese Stelle in der Personalabteilung vorher bekleidet hatten. Im Gegensatz zu Babsi war keine von ihnen lang geblieben. Diese Anziehungskraft musste wohl von der Aura der Autorität ausgehen, die ihn umgab. Trotzdem würde er niemals etwas mit Babsi anfangen: Er pflegte Berufliches und Privates zu trennen. Kein Techtelmechtel im Job. Geschäftsreisen waren die Ausnahme, denn da konnte er sicher sein, seine Begleitung der vergangenen Nacht niemals im Büro wiederzutreffen. Oder überhaupt bei Tageslicht. Die Stadt bot schließlich genügend Möglichkeiten, seine Einsamkeit zu vergessen, wenn sie ihn doch einmal überkam, was selten genug passierte.

Aber von all dem brauchte Babsi nichts zu wissen. Schließlich war er jetzt auf sie angewiesen, wenn er nicht seine Mutter – Gott behüte! – oder seinen Kumpel Dirk anrufen wollte, der irgendwie nicht mehr derselbe war, seit er in den Ehehafen geschippert war.

Johnny hörte, wie Babsi sich räusperte. „Können wir jetzt bitte los? Ich habe heute noch etwas vor.“

Johnny seufzte und schwankte ein paar Schritte durch den Flur, um ihr seine Hand entgegenzustrecken. Aber anstatt sich bei ihm einzuhaken, schloss Babsi die Finger um seinen Unterarm und führte ihn zur Wohnungstür.

„Ein bisschen sanfter bitte“, säuselte Johnny mit gespielter Entrüstung. Den langen Haarsträhnen nach, die seine Wange kitzelten, schüttelte Babsi jetzt gerade den Kopf. „Ich brauche dringend einen neuen Job“, sagte sie halb laut zu sich selbst.

„Wie war das?“ Johnny blieb stehen. „Sagen Sie so etwas nicht! Hinterher landen Sie bei irgendeinem Ekel, das es nur auf Ihren hübschen Hintern abgesehen hat und nicht auf Ihre anderen Qua–“

Johnny spürte ihren wütenden Blick. Er hatte zwar nie sonderlich feine Antennen für zwischenmenschliche Stimmungen besessen, aber hier knisterte die Luft.

„Sie können von Glück reden, dass ich so geduldig bin“, zischte Babsi. „Ich hätte nicht wenig Lust, Sie hier sitzen zu lassen, und was machen Sie dann? Es ist Sonntagabend und zu Hause wartet mein Verlobter mit dem inzwischen kalten Essen, also lassen Sie einfach die blöden Sprüche.“

Johnny erstarrte. Er konnte nicht sagen, was ihn mehr schockierte: dass es schon Abend war und er über vierundzwanzig Stunden geschlafen hatte oder dass Babsi verlobt war. Zwar war ihm nicht entgangen, dass sie in letzter Zeit irgendwie aufgeblüht war, aber ... ein Verlobter? Und er hatte nichts davon gewusst? Nicht zu fassen.

„Sie sind verlobt?“, fragte er, ohne sich Mühe zu geben, die Neugier in seiner Stimme zu verhehlen.

Babsi stieß einen langen Seufzer aus und womöglich verdrehte sie auch die Augen. „Ach, hören Sie bitte auf, sich für mein Privatleben zu interessieren, das kaufe ich Ihnen nicht ab. Wenn Sie nicht so ein –“

Johnny zog erwartungsvoll die Augenbrauen hoch. Vielleicht hatte er es mit seinen Provokationen diesmal doch zu weit getrieben. Keine von Babsis Vorgängerinnen hatte ihn je beleidigt.

„Wenn Sie nicht so mit sich selbst beschäftigt wären, hätten Sie das vielleicht auch mitbekommen.“

Johnny zuckte nonchalant mit den Schultern. „Spätestens wenn sich der ganze Papierkram wegen der Namensänderung auf meinem Schreibtisch gestapelt hätte, wäre es mir schon aufgefallen.“

Babsi öffnete stumm die Wohnungstür und schob ihn umständlich hindurch. Johnny schaffte es gerade noch, in einem Anflug geistiger Gegenwärtigkeit seinen Wohnungsschlüssel vom Haken neben der Tür zu nehmen und einzustecken, dann zog Babsi die Tür hinter ihnen wieder zu. „Das sind bezahlte Überstunden“, sagte sie, bevor sie auf die Ruftaste für den Aufzug drückte, die einen leisen Piepton von sich gab. Johnny überlegte kurz, was er erwidern könnte; aber hier, an der Schwelle, die von seiner gewohnten Umgebung in die ihm neuerdings fremde Welt hinausführte, verging ihm plötzlich die Lust, zu streiten.

Vor dem Aufnahmetresen des Krankenhauses ließ Babsi ihn einfach stehen. „Es tut mir leid, Herr Baumann. Ich wünsche Ihnen alles Gute, aber ich muss jetzt wirklich wieder nach Hause.“

In ihrer gereizten Stimme schwang noch ein anderes Gefühl mit, das dafür sorgte, dass Johnny sich plötzlich wieder wie ein Schuljunge fühlte, der ins Büro des Direktors gerufen worden war. Wieder und wieder huschte ihm derselbe Gedanke durch den Kopf: Scheiße. Diesmal hast du wirklich großen Mist gebaut. Verdammte Scheiße …

„Bitte?“, fragte im nächsten Moment eine kratzige Frauenstimme mittleren Alters. „Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?“

Johnny stammelte drauflos und schaffte es irgendwie, der Dame am Tresen zu erklären, weshalb er dort war. Er berichtete von bunten Blitzen, die durch sein Sichtfeld zuckten, von stechenden Kopfschmerzen und dem Wunsch, das Patienten-WC aufzusuchen. Gern in Begleitung, weil er es allein leider nicht finden würde.

Die Rezeptionistin schien etwas überfordert zu sein. Sie gab ein paar undefinierbare, genuschelte Wörter von sich und tippte dann wild auf den Tasten eines Telefons herum, bevor sie mit eindringlicher Stimme eine Stationsschwester herbeirief. Dann ging auf einmal alles ganz schnell: Menschen kamen, fragten Johnny aus, zerrten an ihm herum und ließen ihn wieder allein. „Guten Tag, ich bin Herr Doktor Soundso.“ „Hallo, ziehen Sie sich bitte aus und legen Sie sich hin.“ „Wir machen noch eine Computertomografie, könnten Sie die Uhr ablegen?“ …

Johnnys Kopf schwirrte und er wusste nicht, ob es am Kater lag oder an den Eindrücken, die er kaum zu fassen bekam, weil er in der riesigen Klinik und dem Gewirr aus fremden Stimmen inzwischen jegliche Orientierung verloren hatte. Gut zwei Stunden und etliche Untersuchungen später – er lag in einem Krankenbett und man hatte ihm inzwischen eine Infusion gelegt – fragte ihn jemand, der sich noch nicht einmal richtig vorgestellt hatte, schlicht: „Was haben Sie in den letzten achtundvierzig Stunden gemacht?“

Johnny klopfte mit zitternden Fingern auf die Tischplatte in dem Einzelzimmer, das man ihm kurzerhand zugewiesen hatte. „Wie ich bereits Ihrem Kollegen und dessen Kollegin gesagt habe, bin ich von einer Geschäftsreise zurückgekommen.“

„Wo arbeiten Sie?“

„Im Personalmanagement. Bei Sanacur, einem Pharmaunternehmen.“

„Die Reise war innerhalb Europas?“

„Spanien.“

Sein Gegenüber schien zu überlegen. „Und haben Sie am letzten Abend etwas getrunken?“

Johnny nickte beiläufig.

„Was genau?“

Er seufzte ungeduldig. „Meine Güte, ein paar Drinks eben. Als ob ich mich an jeden einzeln erinnern würde. Wir waren in einer Bar, also … erst Bier, dann ein paar Mojitos oder Caipirinhas und so weiter …“

„Vielleicht auch etwas Selbstgebranntes?“

Johnny schüttelte den Kopf. „Bestimmt nicht, nur das Bier und die Cocktails.“ Angestrengt versuchte er, den letzten Abend noch einmal in Gedanken Revue passieren zu lassen. „Außer –“ Er hielt inne und spürte, wie Wirbel für Wirbel ein eiskalter Schauer seinen Rücken hinunterlief. „Ich war später noch mit einer Frau auf meinem Hotelzimmer, die hatte eine Flasche dabei. Aber fragen Sie mich nicht, was das für ein Zeug war. Korn oder so was.“

Es folgte eine schwere, unheilvolle Stille, die nur von dem Geräusch durchbrochen wurde, das Johnnys nervös trippelnde Finger auf der billigen Pressspanplatte des Tisches verursachten. Es machte ihn wahnsinnig, dass der Arzt schwieg und er ihm nicht einmal ins Gesicht sehen konnte. „Jetzt sagen Sie doch was: Ist das irgendwie wichtig? Und wann bekomme ich endlich die Kopfschmerztablette, die mir die Schwester schon vor einer halben Stunde bringen wollte? Sonst lassen Sie mich wenigstens wieder nach Hause.“

Statt einer Antwort hörte Johnny leise Pieptöne, dann sprach der gesichtslose Arzt eilige Worte – größtenteils unverständlichen Fachjargon – in ein Telefon. „Herr Baumann“, begann er kurz darauf. „Bleiben Sie jetzt bitte ruhig und hören Sie mir gut zu.“

Schlagartig war Johnny hellwach. Er ballte die Finger zur Faust und versuchte sich ganz auf die Worte des anderen Mannes zu konzentrieren. Die Zeit schien für einen kurzen Augenblick stillzustehen. Er konnte seinen eigenen Herzschlag hören und spürte, wie das Blut durch seine Adern rauschte.

„Es ist denkbar, dass Sie eine Methanolvergiftung haben. Wir müssen noch auf einige Testergebnisse warten, aber ich will Ihnen keine falschen Hoffnungen machen.“

Johnny begann, unmerklich zu zittern. Er konnte nicht sagen, ob es an den Kopfschmerzen, an der Erschöpfung oder am Schock lag. Und bevor er eine Gelegenheit hatte, etwas zu erwidern, fuhr der Arzt erbarmungslos fort.

„Wenn Sie vor über achtundvierzig Stunden gepanschten Schnaps getrunken haben, sind die Schäden eventuell nicht mehr reversibel. Ihr Sehnerv ist womöglich geschädigt und es kann sein, dass Sie Ihr Augenlicht selbst bei sofortigem Therapiebeginn nicht zurückgewinnen. Mit Glück haben Ihre Nieren keinen Schaden davongetragen, das werden die Blutwerte zeigen. Wir verlegen Sie gleich in die Klinik für innere Medizin IV, die auf Nierenleiden spezialisiert ist. Dort kann der zuständige Nephrologe über das weitere Vorgehen entscheiden, aber wahrscheinlich ist eine Blutwäsche nötig, um weitere Spätfolgen zu vermeiden.“

Das Zittern wurde stärker und Johnny verbarg sein Gesicht in einer Handfläche. Er spürte, dass der Mann ihm sacht seine Finger auf die Schulter legte, aber die Berührung war so kalt wie das nach Sterilium und Linoleum stinkende Zimmer. „Ein Glas mehr von dem Schnaps und Sie wären jetzt vielleicht nicht mehr hier.“

Johnnys Brustkorb schnürte sich zu. Gleichzeitig schoss das Adrenalin schwindelerregend durch seinen Körper. Er schnappte nach Luft und schüttelte fassungslos den Kopf. Sein bisheriges Leben war zu Ende. Alles rauschte in einem irrsinnigen Kopfkino an ihm vorbei: der Erfolg, das Geld, die Frauen. Ja, er konnte sogar bildhaft vor sich sehen, wie seine Mutter entsetzt die Hände vor das Gesicht schlug und ihre effektvollen Krokodilstränen schluchzte. Ihr Junge, ihr einziges Kind, war ein Krüppel.

In diesem Augenblick wurde die Tür aufgeworfen, Jemand kam eilig herein, vermutlich eine Schwester, und nestelte an seinem Infusionsständer herum.

„Herr Baumann, ich bringe Sie zur Hämodialyse auf die nephrologische Station“, sagte sie.

Johnny setzte sich halb auf. „Kann ich danach wieder nach Hause?“

Die Schwester drückte ihn sanft zurück ins Kissen.

„Vorerst müssen wir Sie stationär aufnehmen“, entgegnete der Arzt. „Es kann einige Tage dauern, bis alle Behandlungen abgeschlossen sind.“

Johnny schnaubte spöttisch und spürte, wie ihm gleichzeitig Tränen in die Augen stiegen. Es dauerte einen Moment, bis er sich gefasst hatte. „Machen Sie von mir aus diese Dialyse oder was auch immer. Und dann will ich einfach nur noch schlafen.“

Die Verlegung und alle folgenden Prozeduren ließ Johnny mit stoischer Ruhe über sich ergehen. Er spürte den kalten Nebel auf seiner Haut und eine übelkeiterregende Alkoholwolke stieg ihm in die Nase, als die Schwester ihm Hals und Brustkorb desinfizierte. Der Nephrologe erklärte ihm, dass man eine örtliche Betäubung für einen zentralen Venenkatheter setzen müsste, um sein Blut möglichst schnell von den schädlichen Stoffen zu reinigen. Johnny nickte stumm. Er fragte nichts mehr und widersprach auch nicht. Er wollte endlich allein sein, um irgendwie zu begreifen, was geschehen war. Einen Schritt nach dem anderen, sagte er sich, obwohl dieser Gedanke ihn kaum beruhigen konnte. Du musst die Zwischenziele im Blick haben – wie beim Projektmanagement. Stell dir vor, es ginge um Geld und nicht etwa um dein eigenes Leben. Er stieß ein höhnisches Lachen aus.

Die Stunden zogen an ihm vorbei, ohne dass er genau verstand, was passierte. Johnny konzentrierte sich nur darauf, ein- und wieder auszuatmen und dabei möglichst nicht nachzudenken.

Nach der Blutwäsche fühlte er sich unendlich müde. Der Arzt fragte ihn, ob er irgendjemanden für ihn anrufen sollte, und Johnny verneinte vehement. Als der Arzt gegangen war, kam der Schlaf endlich tief und erlösend über ihn.

Am nächsten Morgen fragte eine Schwester wieder, ob er jemanden anrufen wolle. Johnny rieb sich stöhnend die Schläfen, ohne die Augen zu öffnen. „In meinem Portemonnaie – ich glaube, es liegt auf dem Nachttisch – sind Visitenkarten. Können Sie bitte meinen Arbeitgeber, Sanacur, benachrichtigen und ihm mitteilen, wie lange ich hier noch bleiben muss?“

„Natürlich.“ Er hörte, wie die Schwester an seiner Geldbörse herumnestelte. „Gibt es … keine Angehörigen, die ich informieren soll?“, fragte sie.

Johnny schüttelte den Kopf. Dann kam ihm ein anderer Gedanke. „Doch: Rufen Sie meine Mutter an. Sie muss den Kater füttern. Die Katze ist alleine in meiner Wohnung.“

„Haben Sie die Nummer für mich?“

Johnny überlegte. „0 … 7 … 61 … “ Er schluckte schwer. Verdammter Mist! Konnte es sein, dass er sich nicht einmal an die Nummer seiner Mutter erinnerte, die sich seit Jahrzehnten nicht geändert hatte und nur aus vier Ziffern bestand? „Sehen Sie in meinem Handy nach. Der Code ist mein Geburtsdatum.“ Zumindest das wusste er noch, auch wenn ihm die genaue Zahlenfolge nicht einfallen wollte.

Keine halbe Stunde später stand seine Mutter im Zimmer. Sie trug schon seit über dreißig Jahren das gleiche Parfum – Opium von Yves Saint Laurent –, sodass er instinktiv aus seinem Dämmerschlaf hochschreckte, sobald sie durch die Tür trat. Sie stellte etwas auf dem Boden ab, vermutlich hatte sie ihm Kleidung mitgebracht, dann umfasste sie sein Gesicht mit beiden Händen und sagte mit leiser, zitternder Stimme: „Oh, mein Junge. Du siehst schrecklich aus. Was hast du nur angestellt?“

Eine Weile saß sie stumm neben seinem Bett und er erkannte nur an ihrem verhaltenen Schluchzen und der aufdringlichen Duftwolke, dass sie noch da war. Seine Zunge fühlte sich plötzlich klebrig und trocken an und der aufdringlich-süße Duft verstärkte das Gefühl noch. Johnny wusste, dass auf dem Nachtschrank ein Wasserglas stand, aber er wollte sich nicht die Blöße geben, sich vor seiner Mutter zu bekleckern. Es war schon demütigend genug, dass sie jetzt hier war und ihn bemitleidete wie ein kleines Kind. Außerdem hatte man ihn wieder an eine Infusion gehängt, sodass sein Körper so oder so mit der nötigen Flüssigkeit versorgt wurde.

„Ich werde jetzt deinen Vater anrufen“, durchbrach Violetta plötzlich das Schweigen, dann hörte er, wie sie in ihrer Handtasche kramte.

Johnny erstarrte. Er hatte fast genauso lange nicht mit seinem Vater gesprochen wie sie. Waren es fünf Jahre oder schon zehn? Ganz sicher wollte er nicht, dass er ihn so sehen konnte. „Das wirst du nicht“, erwiderte er kühl.

Sie schnalzte mit der Zunge. „Junge, sei nicht albern! Er muss doch Bescheid wissen. Bis er von München hier ist, dauert es eine Weile.“

„Ich will ihn nicht sehen.“ Johnny sprach die Worte so hart und entschlossen aus, wie er konnte. Falls sie widersprach, müsste er sich die Infusionsnadel aus dem Arm reißen, aufstehen und sie persönlich aus dem Zimmer begleiten.

Violetta schluchzte leise. „Aber Junge …“

Er schloss die Augen. „Wenn du das nicht akzeptieren kannst, dann geh bitte.“

Seine Mutter erwiderte nichts, aber er hörte, dass sie den Reißverschluss ihrer Tasche wieder zuzog. Dann breitete sich die Stille erdrückend zwischen ihnen aus.

Nach einer Weile räusperte er sich. „Hast du den Kater gefüttert?“

Seine Mutter brauchte einen Moment, bis sie sich gefangen hatte. „Ja, ja … das mache ich nachher gleich. Das mache ich gleich als Erstes.“

Johnny biss die Zähne zusammen. Auf einmal drohte all die Wut, die sich in den letzten Stunden in ihm aufgestaut hatte, über ihm zusammenzubrechen. Wut über die Ungerechtigkeit, dass ausgerechnet ihm so etwas Schreckliches zugestoßen war, Wut über die Ärzte, in deren fremde Hände er sein Leben legen musste, ob er wollte oder nicht. Wut über seine ganze, sinnlose Existenz. Und jetzt auch noch darüber, dass sein Kater, dieses unschuldige Tier, das nichts für Johnnys Dummheit konnte, darunter leiden musste. Er wollte all das am liebsten herausschreien, aber derbe Flüche und zornige Vorwürfe hatten Violetta noch nie beeindruckt. Also tat er, was er schon früher, als Kind, stets getan hatte, wenn sie nicht seiner Meinung gewesen war: Er schluckte die Wut herunter, ignorierte das Gefühl, als sich schmerzhaft sein Magen verkrampfte, und atmete tief ein und wieder aus. Dann sagte er so gefasst wie möglich: „Du musst ihn mit zu dir nehmen. Er frisst nur sein gewohntes Futter, aber im Vorratsschrank in der Küche sollten genügend Dosen sein.“ Es würde mehr als nur ein Bad brauchen, um den Gestank nach Nikotin und teurem Parfum wieder aus dem Fell seines geliebten Tieres zu bekommen – dabei war der Kater wasserscheu.

Violetta seufzte schwer. „Ach, Junge. Die ganzen Katzenhaare überall … du weißt doch, dass ich da manchmal ein bisschen allergisch reagiere.“

„Bitte“, fügte Johnny in flehendem Ton hinzu und deutete ihr Schweigen als Zustimmung. Zu seiner Erleichterung stellte seine Mutter auch keine Fragen mehr. Er war sicher, dass die Ärzte ihr bereits alles gesagt hatten, was es zu wissen gab. Nach einer Weile stand Violetta auf, nahm den Wohnungsschlüssel vom Nachttisch – Johnny konnte hören, wie das Metall auf dem Plastik klirrte – und verabschiedete sich, indem sie unerwartet sanft über seine Wange strich.

Obwohl die Kopfschmerzen allmählich besser wurden und auch die Übelkeit nachließ, verbrachte Johnny den Rest des Morgens wie im Delirium und auch den Nachmittag und den Abend.

Aus den Stunden wurden Tage, in denen seine Gedanken immer wieder um dieselben Dinge kreisten: Er dachte an die Papierberge auf seinem Schreibtisch, die sich inzwischen wohl kaum noch bewältigen ließen, und an die Stellen im Außendienst, die erst einmal unbesetzt bleiben würden. Er dachte an seine Kollegen, die mit einer sonderbaren Mischung aus Sensationslust und Entsetzen über ihn sprechen und für Blumen samt Genesungskarte sammeln würden. Vielleicht waren sie sogar so geistesgegenwärtig, einen duftenden Strauß zu nehmen. Und er dachte an den Kater, der jetzt ein ebenso trostloses Dasein in einer Wohnung im achten Stock eines heruntergekommenen Plattenbaus in Haslach-Weingarten fristete.

Nur selten erlaubte sich Johnny, sich seine Zukunft auszumalen; sich vorzustellen, wie sein Alltag als Blinder überhaupt aussehen würde. Diese Überlegungen drohten ihn jedes Mal zu überwältigen und endeten nicht selten damit, dass er um Luft ringend, panisch und völlig aufgelöst nach der Schwester klingelte. Die gab ihm meist eine Beruhigungsspritze, mit der sich die quälenden Gedanken in einem weißen Nebel auflösten. Manchmal dachte Johnny auch an die dunkelhaarige Frau, die an diesem verhängnisvollen Abend vor zwei – oder drei? – Wochen sein schreckliches Schicksal geteilt hatte, ohne es zu wissen. Dann fragte er sich, ob Chiara, oder Camila, jetzt auch blind war. Aber er glaubte, sich dunkel daran zu erinnern, dass sie im Gegensatz zu ihm selbst nur wenig von dem Schnaps getrunken hatte.

Einmal, als die Sonne durch das geschlossene Fenster in sein Krankenzimmer fiel und kribbelnd seine Haut wärmte, ertappte sich Johnny sogar dabei, an Franzi zu denken und sich zu fragen, was sie sagen würde, wenn sie ihn jetzt so sehen könnte. Je klarer sein Verstand wurde und je besser es ihm nach Meinung der Ärzte ging, desto pathetischer fühlte er sich. Dann endlich, nach schier endlosen Wochen, war der Tag seiner Entlassung gekommen.

„Ich hatte Ihnen ja schon angeboten, dass Sie ein Sozialarbeiter aus unserer Klinik besuchen kann, um die weiteren Anträge zu stellen“, begann der Oberarzt. „Wollen Sie sich das vielleicht noch einmal überlegen?“

Johnny schüttelte den Kopf. Er erinnerte sich vage an das Gespräch. „Danke, aber meine Sekretärin wird sich um den ganzen Papierkram kümmern.“

Der Arzt schwieg einen Moment lang. „Gut. Aber bitte melden Sie sich noch diese Woche bei Ihrem Hausarzt. Die Nachsorgetermine sollten Sie ernst nehmen. Und er wird Sie auch zu den Angeboten beraten, die Sie in Anspruch nehmen können: spezielle Rehabilitationsangebote bei Späterblindung zum Beispiel und natürlich auch psychologische Betreuung.“

Johnny machte eine abweisende Handbewegung. „Ich brauche keinen Psychologen.“ Er stand mit wackeligen Schritten auf. In den letzten Wochen hatte er sein Bett nur für ein paar kurze Spaziergänge im Park des Klinikums verlassen, stets in Begleitung einer Schwester natürlich.

„Die Entlassungspapiere schicken wir direkt an Ihren Hausarzt. Sollen wir jemandem Bescheid geben, der Sie abholen kann?“

„Ich kann meine Mutter selbst anrufen, danke.“

„Möchten Sie, dass eine Schwester Sie ins Foyer bringt?“

Johnny wollte widersprechen. Aber der Wunsch, wieder nach Hause zu kommen, war größer als das bisschen Stolz, das ihm noch geblieben war – und allein würde er sich zweifellos im Irrgarten der Klinikflure verlaufen. Er nickte stumm. Der Arzt drückte auf den Rufknopf und verabschiedete sich.

Als er wieder allein war, zog Johnny sein Handy aus der Hosentasche. „Siri, ruft Violetta an.“ Am Telefon fasste er sich so kurz wie möglich und legte auf, bevor seine Mutter ihn mit neuen Fragen überhäufen konnte. Gleich darauf kam die Schwester herein und begrüßte Johnny freundlich. Für einen Moment atmete er auf.

Schließlich stand er mit der Sporttasche in der Hand im Krankenhausfoyer. Er überlegte, ob er nicht lieber ein Taxi hätte rufen sollen, aber das wäre nur wieder ein Fremder gewesen, der ihn angestarrt hätte; selbst wenn er die brennenden Blicke nicht sehen, sondern nur spüren konnte.

Johnny lauschte auf die automatische Eingangstür, die bei jedem Öffnen und Schließen ein disharmonisches Surren von sich gab. Vermutlich standen hier auch die Aschenbecher, denn eine Nikotinwolke drang zu ihm herüber und er konnte hören, dass sich in ein paar Metern Entfernung jemand unterhielt. Am liebsten wäre er hingegangen, um nach einer Zigarette zu fragen. Das hätte sein miserables Leben wenigstens für einen Moment erträglicher gemacht. „Verdammte Scheiße“, fluchte er leise, aber mit jeder Sekunde wuchs die Gleichgültigkeit, die ihn betäubend umhüllte. Er war Ende dreißig und wartete wie ein Schuljunge, der etwas ausgeheckt hatte, darauf, dass seine Mutter ihn abholte. Es war entwürdigend – und es machte ihm nicht einmal etwas aus.

BEA

Endlich war es so weit: Der ältere Mann hielt inne, zumindest für einen Augenblick. Kurz zuvor hatte er sich von dem Eichenpult erhoben – die ausgeblichene schwarze Robe spannte dabei nicht sehr würdevoll an seinem Oberkörper –, um zu verkünden: „Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil: Die Angeklagte wird für schuldig befunden und zu einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen à 20 Euro verurteilt.“

Tabea unterdrückte den Drang, sich eine Haarsträhne aus der feuchten Stirn zu streichen. Jetzt war ihr Einsatz. Auch wenn sie jedes Mal Panik überkam, liebte sie den Augenblick. Die Stille, die nur einen Herzschlag lang andauerte, kurz bevor man das erste Mal zu seinem Publikum sprach. Es war der gleiche vertraute Adrenalinrausch, der sie immer dann durchströmte, wenn sie hinter dem Vorhang hervortrat, auf die Bretter trat, die die Welt bedeuteten. Dabei dachte sie immer nur an den ersten Satz oder das erste Wort. Wenn man einmal angefangen hatte, lief es von allein. Auch wenn das hier eigentlich keine Bühne war.

Sie sah dem Richter in die Augen. Er hatte schon den kleinen Hammer erhoben und der hölzerne Kopf zitterte in der Luft, als sie den Mund öffnete, um zu sprechen. „Ich beantrage, eine Ersatzfreiheitsstrafe anzutreten.“

Aus dem Augenwinkel sah Tabea, dass eine blonde Frau im Publikum zusammenzuckte: ihre Mitbewohnerin Doro. Trotzdem fuhr sie fort: „Auch wenn ich gegen das Gesetz verstoßen habe, bereue ich nichts. Die letzte Wiese auf dem Campus zuzupflastern, war eine Fehlentscheidung. Die Ausbetonierung der begrünten Fläche hat dafür gesorgt, dass die Temperatur in der Innenstadt um circa zwei Grad angestiegen ist und noch weiter ansteigen wird. Aber noch bedenklicher ist die Tatsache, dass die freigelegten Grundmauern der alten Synagoge einfach wieder zugeschüttet werden sollen. Dabei wäre es ein wichtiges Zeichen der Solidarität, dieses Mahnmal der Reichskristallnacht zu würdigen, indem man beispielsweise –“

An diesem Punkt wurde sie von dem weißhaarigen Mann unterbrochen. Er hatte die buschigen Augenbrauen zornig zusammengezogen. „Frau Bach, eine Ersatzfreiheitsstrafe kommt nur bei Zahlungsunfähigkeit infrage. Ihr Anwalt wird Sie dazu beraten. Und die Beweggründe für Ihre … Aktion haben Sie bereits zur Genüge erläutert. Das Urteil ist hiermit verkündet.“ Er schlug seinen Hammer jetzt umso kräftiger auf das Pult. „Ich erkläre die Verhandlung für geschlossen.“

Es hätte schlimmer kommen können. Tabea hatte erwartet, deutlich mehr Spott aus den Worten des Richters herauszuhören. Immerhin hatte sie nicht einfach friedlich mit einem Plakat demonstriert, sondern sich an einen Bagger gekettet, um die Arbeiten auf der Baustelle zu behindern. Insgeheim hoffte sie immer noch, dass ihr Fall vielleicht genügend mediale Aufmerksamkeit bekommen würde, um die Umgestaltung des Campus in letzter Sekunde zu verhindern. Auch wenn ihre Aktion manchen Mitbürgern etwas übertrieben vorkommen musste, ging es für sie um mehr als ein paar hundert Quadratmeter Granit. Sie wollte, dass die Gräueltaten der Nationalsozialisten niemals in Vergessenheit gerieten – und somit auch nicht die Erinnerung an ihren Großvater, den sie nur aus Erzählungen kannte.

Tabea starrte dem Richter trotzig in die Augen und blieb stehen, bis ihr Verteidiger Platz genommen hatte und beharrlich am Ärmel ihres Blazers zupfte. Widerwillig gab sie nach und setzte sich wieder. Ihr Anwalt schob seine Unterlagen zusammen. „Das Urteil war zu erwarten, Frau Bach. Wir besprechen alles Weitere nachher in meinem Büro. Gehen Sie doch erst mal etwas essen.“

Tabea nickte, schüttelte kurz seine Hand und beeilte sich, nach draußen zu kommen. An ein Mittagessen war allerdings nicht zu denken, denn in zwanzig Minuten musste sie im Sprechzimmer von Professor Kohlmeis sein und sie wusste nur zu gut, wie sehr er Unpünktlichkeit verabscheute.

Aber bevor sie durch das Eingangsportal des Amtsgerichts eilen konnte, legte ihr jemand eine Hand auf die Schulter. „Bea!“, zischte eine vertraute Frauenstimme. Im nächsten Moment wurde Tabea in eine ruhige Ecke des Flurs gezogen. „Bist du eigentlich völlig verrückt geworden?“ Doro sah sie eindringlich an. Ihre blauen Augen funkelten wütend. „Du willst wegen ein paar alter Steine in den Knast gehen? Das kann doch nicht dein Ernst sein!“

Tabea versuchte erfolglos, sich aus dem Griff ihrer Freundin zu wenden. „Du weißt, wie wichtig mir das ist.“

Doro verengte skeptisch die Augen. „Ich kann es einfach nicht fassen! Wenn du wenigstens den Schlüssel nicht ins Gebüsch geworfen hättest, wäre die Feuerwehr nicht gerufen worden, um dich loszuschneiden, und es wäre bestimmt auch nicht zur Anklage gekommen.“

„Doro, das bringt doch jetzt nichts. Können wir das später in Ruhe besprechen? Ich muss gleich zur Kohlmeise.“

Ihre Mitbewohnerin ließ sie los und schüttelte nur stumm den Kopf.

In diesem Moment rief jemand vom Saal her ihre Namen: „Bea, Doro!“ Die hohe Stimme des jungen Mannes war Tabea nur zu vertraut. Flüchtig kam ihr der Gedanke, einfach so zu tun, als hätte sie nichts gehört. Aber dann drehte sie sich um und zwang sich, zu lächeln. „Justus! Was machst du denn hier?“

Doro warf Tabea einen bedeutsamen Blick zu, so, als wollte sie sagen: Ist doch offensichtlich, was der hier macht – dasselbe wie in den letzten zwei Monaten. So lange war es her, dass Tabea ihm unter dem Einfluss von einer Menge Alkohol und noch viel mehr Idiotie Hoffnungen gemacht hatte, dass sie jemals mehr sein könnten als Freunde. Und selbst das war schon zu viel gesagt, denn das Einzige, was sie verband, war ihre Leidenschaft für das Studententheater. Später, formte Doro tonlos mit den Lippen, dann drehte sie sich um und eilte über die Vordertreppe aus dem Gebäude. Tabea war sich ziemlich sicher, dass ihre Freundin sie bestrafen wollte, indem sie sie jetzt mit Justus allein ließ. Mit einem Seufzen wandte sie sich wieder zu ihm.

Justus lächelte. „Ich musste doch zu deiner Verhandlung kommen! Du hast dich tapfer geschlagen. Mann, ich glaube, ich habe dich noch nie im Kostüm gesehen …“

Tabea sah an sich herunter. Auch sie hatte sich noch nicht an diesen Anblick gewöhnt. Aber wie hatte ihre Oma immer gesagt? Kleider machen Leute. Und zumindest heute wollte sie einen seriösen Eindruck hinterlassen.

„Jedenfalls finde ich das Strafmaß in deinem Fall völlig überzogen.“ Der Student strich eine blassblonde Locke beiseite, die ihm in die Stirn gefallen war. „Wenn du möchtest, spreche ich mit meinem Vater. Bei der nächsten Kreistagssitzung könnte er vielleicht –“

Tabea holte tief Luft. Die Christdemokraten waren zwar von vorneherein gegen den Umbau des Platzes gewesen, allerdings nur aus finanziellen Gründen. Und auch wenn sie damit Aufmerksamkeit für ihr Anliegen gewinnen könnte, wollte sie sich nur ungern zum Werbeträger in der Wahlkampfkampagne von Justus’ Vater machen lassen, zumal sie bestimmt keine konservative Wählerin war. „Danke für das Angebot, Justus, aber ich habe einen guten Anwalt. Und ich muss jetzt leider los, gleich ist Sprechstunde bei meinem Professor.“

„Verstehe.“ Sein Lächeln verblasste. „Dann wünsche ich dir viel Erfolg. Sehen wir uns Freitag bei der Probe?“

Nachdenklich zog Tabea die Augenbrauen zusammen. „Ich glaube, diese Woche proben wir am Samstag. Lisa ist doch auf einer Exkursion.“

Justus rieb sich demonstrativ das Kinn. „Stimmt, du hast recht. Sollen wir dann vielleicht einen Kaffee trinken oder so? Wir können ja auch noch mal den Text durchgehen –“

„Tut mir leid“, unterbrach sie ihn, „aber ich kann nicht.“

„Die Abschlussarbeit?“ Justus ließ die Schultern hängen.

„Genau.“ Sie lächelte entschuldigend, stammelte eine Verabschiedung und nahm gleich zwei Treppenstufen auf einmal. Die Abschlussarbeit. Und die Tatsache, dass es eine dämliche Idee gewesen war, sich von Lisa dazu überreden zu lassen, das Gretchen zu spielen – obwohl Justus die Rolle des Faust übernahm. Zumindest in der Theorie, denn eigentlich war ihre Version der Tragödie eine recht moderne Adaption. Gedankenverloren eilte sie über den Bürgersteig und schüttelte den Kopf über sich selbst. Wenigstens konnte ihr Tag unmöglich noch schlimmer werden.

Aber diese Ansicht musste Tabea revidieren, als sie vollkommen abgehetzt und fünf Minuten zu spät im Büro ihres Professors stand, der zu ihrer Verwunderung überaus gut gelaunt zu sein schien.

„Ah, Frau Bach, kommen Sie doch herein. Sie sind ja fast pünktlich heute“, stichelte er.

Dass er zu Späßen aufgelegt war, konnte nichts Gutes heißen. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch trat Tabea in das stickige Zimmer, nahm auf dem ihr angebotenen Stuhl Platz und musterte den schon recht betagten Professor. Er hatte seine Hände über dem dunkelroten Pullunder gefaltet, unter dem sich ein Wohlstandsbauch wölbte, und lehnte sich jetzt erwartungsvoll in seinen Freischwinger zurück.

„Leadership 4.0 – Beziehungsarbeit zwischen Führungspersonen und ihren Mitarbeitern im digitalen Zeitalter“, las er den Titel ihres Exposés vor, das samt dem ersten Kapitel vor ihm auf dem Glastisch lag.

Tabea nickte verhalten.

„Wie würden Sie denn selbst die Konzeption Ihrer Arbeit einschätzen, Frau Bach?“

Tabea räusperte sich. Sie hasste solche Fangfragen. „Na ja, ich denke … in Anbetracht dessen, dass es bis zur Abgabe noch fast fünf Wochen sind, komme ich mit meiner Studie gut voran. Mein Praktikumsbericht aus dem letzten Jahr war eine hilfreiche Grundlage, um das Verhalten der führenden Mitarbeiter bei Sanacur wissenschaftlich zu analysieren.“ Zwar hatte sie hauptsächlich Kaffee gekocht und Akten sortiert, aber erstens musste Kohlmeis das nicht wissen und zweitens waren das tatsächlich ideale Voraussetzungen gewesen, um die Mitarbeiter der Firma, allen voran den unausstehlichen Leiter der Personalabteilung, genau zu beobachten.

„Schön und gut“, sagte Kohlmeis kühl. „Es ist auch ein aktuelles Thema, darüber hatten wir ja schon gesprochen. Die Bibliografie scheint mir recht ordentlich zu sein …“ Er blätterte durch die Unterlagen. „Aber jetzt kommen wir mal auf den Punkt: Ich sehe hier keine Eigenleistung.“

Tabea blinzelte und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass ihr gerade das Herz in die Hose gerutscht war. „Ich verstehe nicht ganz –“

Kohlmeis begutachtete sie von oben bis unten und schenkte ihr dann ein Lächeln, das irgendwie väterlich wirkte. „Frau Bach, ich mag Sie ja gern. Sie sind immer so fleißig. Und Ihr Engagement für … für …“ Er stockte, zog seine Brille von der Nase und putzte sie am Pullunder ab. „Ihr generelles Engagement in allen Ehren, aber Sie haben nicht mehr allzu viel Zeit bis zum Abgabetermin und wenn Sie bis dahin nicht mehr vorzuweisen haben, muss ich Ihnen leider sagen, dass das nicht genügen wird.“

Tabea spürte, wie ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief. War sie hier im falschen Film? Sie hatte ungefähr jede deutsch- und englischsprachige Publikation gewälzt, die es auf dem Gebiet gab, nicht wenige davon sogar zweimal. Was hatte Kohlmeis, der olle Vogel, bloß für ein Problem?

„Wir hatten Ihre Fragestellung besprochen“, sagte er jetzt etwas energischer. „Sie sollten eine Korrelation zwischen den konkreten Führungsstrategien des leitenden Personals und der Motivation und Arbeitsleistung der Mitarbeiter herstellen.“

„Genau das habe ich ja vor“, warf Tabea ein.

„Nein.“ Der Professor nahm die Brille ab, legte sie auf den Tisch und massierte seine buschigen Augenbrauen. „Sie sind da leider auf dem Holzweg.“

Tabea schüttelte wie in Trance den Kopf und holte Luft, um etwas zu erwidern, obwohl sie nicht die geringste Ahnung hatte, was da gerade passierte. Aber in diesem Moment hob Kohlmeis mahnend eine Hand.

„Die persönliche Komponente fehlt gänzlich. Dass die Psychologie eine Wissenschaft ist, die sich mit dem Seelenleben des Menschen befasst, brauche ich Ihnen wohl nicht zu erklären. Dieser Herr …“ Er blätterte hektisch durch die Unterlagen. „Dieser Herr …“

„Baumann“, bemerkte sie trocken. „Johannes Baumann, der Leiter der Personalabteilung. Meinen Sie den?“

„Genau. Also, dieser Herr Baumann, was ist das für ein Mensch?“

Kohlmeis hatte seine Brille wieder aufgesetzt und senkte den Kopf ein wenig, um sie über die dicken Gläser hinweg anzusehen. „Sie haben den armen Mann ja förmlich als Ungeheuer dargestellt.“ Er schmunzelte. „Ein Chef, wie er im Buche steht. Aber warum, frage ich mich? Wie tickt dieser Mann ganz persönlich? Und wo könnte man ansetzen, um ihn zu wertorientierter Führung zu veranlassen? Was sind Ihre Schlüsse, Frau Bach, und was ist Ihr Erkenntnisgewinn?“

Ihr Erkenntnisgewinn? Wut stieg in Tabea auf und brannte in ihrer Kehle. Oh, sie hatte in diesen vier Wochen im letzten Herbst ganz gewiss eine Erkenntnis gewonnen: dass Johannes Baumann ein Mensch war, dem sie nie wieder begegnen wollte. Dabei konnte sie sich nicht einmal erinnern, ob er mehr als ein paar Worte mit ihr gewechselt hatte. Wahrscheinlich nicht, denn er war sehr beschäftigt damit gewesen, seine Mitarbeiter in Schach zu halten – allen voran die arme Barbara, die von ihm fast im Minutentakt getriezt worden war. Babsi, wo kommt das Chaos auf meinem Schreibtisch schon wieder her? Das gehört in die Ablage! Ach, heute mal im Rollkragenpullover – wollen Sie sich für die Außendienststelle in Sibirien bewerben? Und was sollen diese Hieroglyphen in meinem Terminkalender heißen, habe ich etwa um zehn ein Treffen mit dem ägyptischen Museum?

Wie dieser Mensch ganz persönlich tickte? Nein danke, das interessierte sie nicht die Bohne.

Prof. Dr. Kohlmeis ordnete die Blätter ihrer Arbeit fein säuberlich auf dem Tisch, ehe er sie beiseite legte.

Allmählich schien er Mitleid mit ihr zu haben, denn sein Blick wurde sanfter. „Nun gut. Mein Vorschlag wäre, dass Sie einen Persönlichkeitstest durchführen, um die Verhaltensmuster dieses Herrn Baumann detaillierter zu beschreiben. Ich dachte zum Beispiel an das FPI. Sie wissen, was ich meine?“

Tatsächlich erinnerte sich Tabea an das Freiburger Persönlichkeitsinventar, von dem sie das erste Mal in einer Überblicksvorlesung zu Beginn ihres Studiums gehört hatte. Das inzwischen etwas veraltete Verfahren funktionierte mit einem Katalog aus 138 Fragen. Das waren 138 Fragen mehr, als sie Johannes Baumann jemals stellen wollte. „Vielen Dank für die Anregung, Prof. Dr. Kohlmeis. Ich bezweifle allerdings, dass Herr Baumann für ein Interview oder gar einen psychologischen Test zur Verfügung stehen wird.“

Kohlmeis streckte die offenen Handflächen von sich und zuckte mit den Schultern. „Mit Verlaub, Frau Bach, das ist Ihr Problem.“ Er zog eine Augenbraue hoch, ließ seinen Blick noch einmal an ihr hinuntergleiten und ergänzte dann: „Gehen Sie nicht so viel auf Demonstrationen und dergleichen. Setzen Sie sich lieber an Ihren Schreibtisch. Das neue Kapitel können Sie mir ja per E-Mail zukommen lassen. So, jetzt muss ich los, bevor die Mensa schließt.“

Er erhob sich schwerfällig aus seinem Stuhl, drückte kurz und kräftig ihre Hand und bedeutete ihr mit einer Geste, das Zimmer zu verlassen.

Tabea wollte erwidern, dass sie nicht auf einer Demonstration gewesen war – zumindest nicht in den letzten zwei Wochen –, aber der Professor war bereits vorausgegangen und wackelte ungeduldig mit dem Büroschlüssel, den er in seiner Rechten hielt.

So freundlich, wie es ihr Stolz zuließ, murmelte sie ein Dankeschön, nickte ihm zu und lief den schmalen Korridor entlang, ohne sich noch einmal umzudrehen. Ein psychologischer Test mit dem größten Misanthropen des Jahrhunderts: Das konnte ja nur schiefgehen.

JOHNNY

Violetta legte ihre Finger fest um Johnnys Arm. Die langen Nägel kratzten auf seiner Haut. Trotzdem wartete er stoisch, bis sich endlich die Tür des Fahrstuhls schloss. Eine dichte Wolke aus Parfum und Nikotin erfüllte die enge Kabine und schien ihm die Luft zum Atmen zu nehmen. Johnny spürte, wie der Kragen ihrer Lederjacke seinen Arm streifte. Er selbst schwitzte bei den hochsommerlichen Temperaturen, die in diesem Juni herrschten, obwohl er nur ein T-Shirt trug.

„Mutter“, versuchte er es noch einmal. „Ich hatte dich gebeten, mich nach Hause zu bringen.“

„Ich weiß.“ Sie stieß einen langen Seufzer aus. „Aber ist es nicht besser, wenn du erst mal mit zu mir kommst?“ Sie ließ seinen Arm nicht los. „Ich kümmere mich doch jetzt um dich. Ich kann einfach nicht glauben, dass mein armer Junge –“

„Sicher ist dir nicht entgangen, dass ich inzwischen ein erwachsener Mann bin.“

Darauf antwortete Violetta nur mit einem unterdrückten Schluchzen und Johnny war erleichtert, als sich die Fahrstuhltür surrend wieder öffnete.

Seine Mutter ging energisch voran und führte ihn in ihre Dreizimmerwohnung mit Blick über die Stadtteile Haslach und Weingarten, auch bekannt als Ha-Wei oder Hawaii. Ein knarzendes Geräusch zeigte Johnny, dass sie gerade einen ihrer Louis-XVI-Stühle vom Esstisch zog, und schon drückte sie ihn beherzt auf das weiche Polster. „Ich koche einen Kaffee. Du möchtest doch einen Kaffee?“, fragte sie mit zittriger Stimme, während sie den Glasschrank öffnete, in dem ihr Gin stand. Das Scharnier quietschte schon seit Ewigkeiten.

„Ich kann hören, dass du an der Vitrine bist. Schenk mir bitte auch einen ein.“ Erschöpft ließ Johnny den Kopf gegen die Lehne sacken. „Ach, was soll’s, gib mir einfach die Flasche rüber!“

Violetta seufzte. „Auf keinen Fall. Ich glaube nicht, dass es in deiner momentanen Verfassung –“

„Mutter, ich bin nicht sterbenskrank.“

Jetzt stieß sie ein empörtes Schnauben aus. „Ha! Du tust ja so, als wäre das gar nichts … Ich kenne dich, mein Junge, du brauchst dich nicht zu verstellen. Lass es einfach raus.“

Johnny kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf. Wenn seine Mutter so weitermachte, würden sich bald die Kopfschmerzen wieder melden. Er spürte schon ein unangenehmes Pochen hinter seinen Schläfen. Wieso, verdammt noch mal, hatte er sich kein Taxi gerufen? Konnte es sein, dass er irgendwo tief im Unterbewusstsein doch das Bedürfnis verspürte, sich von seiner Mutter trösten zu lassen wie ein kleiner Junge, der sich die Knie aufgeschlagen hatte? Die Vorstellung war absurd. Als er sie das letzte Mal gesehen hatte, vor ein oder zwei Monaten, hatte sie auf ihrem Samtsofa gesessen und ihn mit großen Augen angestarrt wie ein kleines Mädchen. Abgesehen davon, dass kleine Mädchen normalerweise keine Zigarillos rauchten. Dieser Bürokram macht mich ganz krank und du weißt doch, wie das geht! Der Steuerberater will Unsummen von mir, dabei habe ich es schwer genug. So ist das eben, wenn man allein ist. Aber ich habe mir immer zu helfen gewusst, seit mich dein Vater damals ...

Dann hatte sie wieder die alte Geschichte ausgegraben, darüber, dass sein Vater sie einfach weggeworfen hatte wie eine leere Zigarettenschachtel. Er war Bürgermeister von Haslach gewesen und sie folglich beinahe die First Lady of Hawaii, hätte er nicht im letzten Moment kalte Füße bekommen. Aber obwohl sein Vater sie schwanger und mittellos zurückgelassen hatte und sich seine Mutter seitdem mit einem Job im Callcenter durchschlug, war Violetta zufrieden, solange sie über ihr schweres Los jammern konnte. Und jetzt hatte ihr das Schicksal auch noch einen blinden Jungen aufgebürdet.

Johnny überlegte, ob er später ein Schlafmittel nehmen sollte, damit wenigstens diese Grübeleien aufhörten. Aber zusammen mit dem Alkohol? Andererseits: Was sollte denn passieren? Er spannte den Unterkiefer an. „Jetzt gib schon den Gin her!“

Zu seiner Erleichterung kam Violetta der Forderung nach. Johnny setzte die Flasche an die Lippen, aber allein von dem Geruch wurde ihm speiübel. Was machte er da bloß? Er musste in die Firma! Bestimmt wartete dort das reinste Chaos auf ihn. Wenn er im Krankenhaus mit Babsi telefoniert hatte, hatte er nichts als freundliche Genesungswünsche aus ihr herausbekommen. Es wurde Zeit, dass er sich selbst ein Bild von der Lage machte!

In diesem Moment setzte sich seine Mutter neben ihn an den Tisch. „Junge, stell die Flasche weg“, forderte sie. „Das ist nicht gut für deine … deine Nieren.“ Anscheinend hatte sie mit den Ärzten geredet. „Du weißt, dass du in ein paar Tagen zur Nachsorge musst, und bis dahin solltest du wirklich keinen Alkohol trinken!“

Bei diesen Worten waberte der Gestank nach Vanille und Nikotin noch eindringlicher zu Johnny herüber. Seine Mutter rauchte wie ein Schlot, wenn sie nervös war. Die Tatsache, dass ihr einziges Kind, ihr Vorzeigesohn, jetzt ein Wrack war, schien an ihrem ohnehin nicht sehr stabilen Nervenkostüm zu nagen. „Und du solltest nicht so viel rauchen, schon gar nicht in der Wohnung!“ Er tastete mit der rechten Hand nach der Tischplatte und stellte die Flasche vor sich ab.

„Wenn du wieder hier eingezogen bist, wirst du dich daran gewöhnen müssen“, gab sie kühl zurück.

Johnnys Puls beschleunigte sich und er sprang hastig auf. Er konnte spüren, dass der Stuhl, auf dem er eben noch gesessen hatte, bedrohlich wackelte. „Wie bitte?“

„Na, allein kannst du wohl kaum bleiben. Und die große Wohnung in der Wiehre wird auf Dauer auch zu teuer sein, wenn du nicht mehr arbeitest.“

„Ich fahre jetzt nach Hause“, erwiderte Johnny kühl. Es kostete ihn alle Kraft, nicht die Beherrschung zu verlieren.

Auch Violetta klang gereizt. „Junge! Wir müssen über deine Zukunft sprechen. Wie stellst du dir das überhaupt vor?“

„Einen Scheiß muss ich!“ Verzweifelt tastete sich Johnny an dem schmalen Bartresen entlang, um zur Wohnungstür zu gelangen.

„Rede nicht so mit mir.“ Violettas Stimme zitterte. Er hörte, dass sie aufstand, um ihm zu folgen. Ehe er an der Tür war, packten ihn ihre Finger am Arm. Sie zog ihn zu sich und legte ihren Kopf auf seine Schulter. Der Zigarettenrauch stieg heiß neben seinem Gesicht auf und ihr Schluchzen dröhnte in seinen Ohren.

„Entschuldige“, presste er leise hervor.

„Bleib doch erst mal hier. Du kannst im Kinderzimmer schlafen. Musst du noch deine Sachen holen? Ich rufe dir ein Taxi, aber verabschiede dich vernünftig von deiner Mutter.“

Zögerlich legte Johnny eine Hand auf ihre Schulter. Die Vorstellung, wieder bei seiner Mutter einzuziehen, lähmte seine Gedanken viel mehr als der Schock, unter dem er noch immer stand. Aber er wusste, dass sie recht hatte: Es war, zumindest im Moment, das Beste. „Schon gut“, sagte er. „Bis später, Mutter.“

Mit diesen Worten löste er sich von ihr und tastete nach dem Türgriff. Das Metall lag angenehm kühl in seiner Handfläche. Die Wohnungstür fiel lautstark ins Schloss.

Johnny tastete sich eilig ein paar Meter an der Wand entlang, dann blieb er stehen. Endlich frische Luft. So frisch, wie die Luft im fünften Stock eines Achtzigerjahre-­Plattenbaus in Haslach-Weingarten eben sein konnte. Und trotzdem war das jetzt alles, was ihm noch blieb. Seine Mutter hatte ausgesprochen, was er insgeheim schon seit seinem ersten Tag im Krankenhaus wusste – dass sein altes Leben vorbei war. Aber erst jetzt spürte er, wie ihm diese Gewissheit unerträglich langsam und beständig die Kehle zuschnürte.

Die folgenden Tage waren die Hölle: mit dem Kater und seiner Mutter eingepfercht in der viel zu kleinen Wohnung, mitten im Hochsommer. Er teilte sich das schmale Jugendbett mit dem Kater, umgeben von stummen Zeugen seiner Kindheit – Actionfiguren der Teenage Mutant Hero Turtles und Kassetten für den Walkman. Das Bett verließ er nur, um auf die Toilette zu gehen oder etwas zu essen, obwohl er Letzteres meist auch im Bett tat. Und natürlich, um notgedrungen den Termin bei seiner charmanten Hausärztin wahrzunehmen. Jetzt schien sie allerdings nicht mehr so charmant zu sein. Sie überprüfte seine Blutwerte, die wohl nicht allzu schlecht waren, und versuchte, ihn von allerlei Therapien und Maßnahmen zu überzeugen. Aber Johnny wollte davon nichts wissen und sagte nicht viel außer: Jaja, meine Mutter kümmert sich darum.

Anfangs las Violetta ihm ständig aus medizinischen Ratgebern oder von irgendwelchen Wunderheilern vor. Sie ging allmählich dazu über, ihn wieder zu umsorgen wie ein Baby, indem sie sein Essen kochte, seine Wäsche wusch, ihm jeden Morgen den Bart trimmte und ihm die Hemden zuknöpfte. So, als wäre er dazu nicht selbst in der Lage. Es war schrecklich, aber Johnny fehlte die Kraft zum Widersprechen. Ab und zu stellte er sich sogar vor, wie es gewesen wäre, wenn er einfach noch ein paar Schlucke mehr von dem Schnaps getrunken hätte. Dann wäre ihm dieses Elend erspart geblieben.

Nur in den wenigen Stunden, wenn Violetta im Callcenter war, stand er manchmal auf und versuchte, sich allein etwas zu essen zu machen oder ihre Sammlung kleiner Parfumflakons im Setzkasten durcheinanderzubringen, um sie zu ärgern. Mehr als einmal verfluchte er sich dafür, dass er sich hatte überreden lassen, bei ihr zu wohnen, denn jetzt musste er nicht nur mit einer neuen Situation, sondern auch mit einer unbekannten Umgebung zurechtkommen. Er kannte sein eigenes Appartement in- und auswendig, aber die Wohnung seiner Mutter, in der alle Möbelstücke mit einem hartnäckigen Nikotindunst überzogen waren und sentimentale Erinnerungen in jedem Zimmer lauerten, hatte er in den letzten Jahrzehnten gemieden, so gut es ging.

Einmal verließ Johnny die Wohnung sogar. Er arbeitete sich zum Aufzug vor und schaffte es nach einer kleinen Irrfahrt durch die diversen Stockwerke des Gebäudes, im Erdgeschoss durch das Foyer zu gehen. Vor dem Haus war eine Wiese und die Sommerluft umfing ihn warm, duftend und verlockend. Das war sein erster Spaziergang ohne Begleitung seit Wochen. Am liebsten hätte er den Kater mitgenommen, der eigentlich ein Freigänger war und vom Balkon seines Appartements aus die Wiehre erkundete. Aber das wäre zu riskant gewesen.

Mit etwas Mühe fand Johnny auch den Weg zurück ins Gebäude und dann in den achten Stock. Allerdings hatte er aus Gewohnheit die Wohnungstür hinter sich zugezogen und saß an diesem Abend fast zwei Stunden auf dem Flur, bis seine Mutter wieder nach Hause kam und ihm unter Vorwürfen die Tür aufschloss.

Das waren kleine Siege, aber sie bedeuteten ihm alles. Als er es eines Abends geschafft hatte, sich eine Tiefkühllasagne aufzutauen, ohne dass sie im Backofen verkohlt war – am Tag zuvor hatte er bei dem Versuch, ohne seine Mutter zu essen, fast die Wohnung in Brand gesetzt –, überkam ihn ein seltsames Gefühl: Johnny war stolz. Stolz darauf, es allein geschafft zu haben. Er fand sogar den Flaschenöffner und machte sich entgegen allen Warnungen ein Bier auf.

In diesem Moment wusste er, dass er seine Freiheit wiederhaben wollte. Es gab da draußen noch ein Leben, das ohne ihn weiterging, und er wollte es nicht verpassen. Deshalb musste er hier weg und zurück in sein eigenes Reich. Kurzerhand packte Johnny seine Sachen zusammen, zumindest die, die er auf Anhieb finden konnte, schickte seiner Mutter eine knappe Sprachnachricht und bestellte sich und dem Kater ein Taxi.

In seinem Appartement war es angenehm kühl. Ein schwacher, beißender Geruch nach Putzmittel lag noch in der Luft. Jeden Donnerstag kam seine Haushaltshilfe, Milena Kowalski, und auch in den letzten Wochen hatte sie in seiner Wohnung nach dem Rechten gesehen und ab und zu Staub gewischt. Johnny zog die Wohnungstür hinter sich zu, stellte die Transportbox des Katers auf dem Parkett ab und öffnete den Reißverschluss.

Er holte tief Luft und versuchte, unter dem künstlichen Zitronenduft noch etwas anderes, Vertrautes auszumachen, das ihm zeigen würde, dass er zu Hause war. Aber die beruhigende Gewissheit blieb aus. Bis auf das sanfte Tapsen der Katzenpfoten auf dem Holz lag das Appartement vollkommen still da. Johnny streckte die Arme schräg nach vorne aus und tastete sich zum Wohnzimmer vor. Er wollte sich gerade auf sein Sofa fallen lassen, als das schrille Klingeln des Telefons den Raum erfüllte.

Johnny zuckte zusammen und fühlte, wie sein Puls einen unangenehmen Sprung machte. Wahrscheinlich war das seine Mutter, die wissen wollte, ob er tatsächlich heil angekommen war. Er versuchte, das Geräusch zu ignorieren, aber eigentlich hatte er das Bedürfnis, mit einem anderen Menschen zu sprechen – um sich davon zu überzeugen, dass er trotz der Zeit, die er eingepfercht in der Plattenbauwohnung verbracht hatte, immer noch bei Verstand war.

Unentschlossen zog Johnny das iPhone aus der Hosentasche. Er könnte seinen Kumpel Dirk anrufen, aber ihm war nicht danach, zu erklären, was in den letzten Wochen passiert war. Nein, er sehnte sich einfach nach einer belanglosen Unterhaltung. Johnny zögerte kurz, dann sagte er: „Siri, ruf Babsi an.“

Es klingelte ganze zehn Mal, ehe sie ranging. „Babsi! Wieso dauert das denn so lange? Wie läuft es in der Firma und … wie geht es Ihnen sonst so?“

„Sind Sie noch im Krankenhaus? Was sagen die Ärzte?“, fragte sie zurück.

„Nein, ich bin zu Hause. Den Rest erzähle ich Ihnen lieber persönlich. Kommen Sie vorbei? Ich bestelle uns auch eine Pizza.“ Er musste zwar dringend wieder auf seine Ernährung achten, vor allem jetzt, wo er keine Möglichkeit mehr hatte, joggen zu gehen, aber das konnte auch bis morgen warten.

„Ich hatte für heute Abend schon andere Pläne.“

„Sagen Sie bloß, Ihr Verlobter hat was dagegen?“

Babsi schwieg.

Johnny unterdrückte ein verärgertes Schnauben. Die Lust, sich mit seiner Assistentin zu streiten, war ihm plötzlich vergangen. „Okay. Halten Sie mich auf dem Laufenden, wenn es etwas Neues im Büro gibt, ja? Ich soll noch ein paar Tage zu Hause bleiben, aber vielleicht schaue ich trotzdem mal vorbei.“

Babsi atmete lange aus. „Diavolo oder Speciale?“

„Was?“

„Ihre Pizza. Ich komme sowieso bei Domino’s vorbei, wenn ich zu Ihnen fahre.“

„Oh, ach so. Speciale in dem Fall. Und eine Flasche Wein, wir wollen es uns doch gemütlich machen.“

Babsi legte auf, dabei musste sie doch wissen, dass er sowieso niemals das Gesöff vom Pizzabäcker trinken würde, oder?

Eine Dreiviertelstunde später klingelte es an seiner Tür. Johnny drückte die Taste an der Freisprechanlage und lauschte, bis Schritte auf der Treppe erklangen.

„Hallo“, sagte sie und zwängte sich mit den zwei Pizzakartons an ihm vorbei.

„Sie finden den Weg ja selbst“, erwiderte er halb im Scherz und legte eine Hand auf ihre Schulter, um ihr ins Wohnzimmer zu folgen. Es tat gut, dass sie nicht so an ihm herumzerrte wie seine Mutter, die ihn wie einen leblosen Gegenstand hin- und hergeschoben hatte, wenn er ihr im Weg stand. Johnny konnte hören, wie Babsi sich auf sein Ledersofa plumpsen ließ.

„Trinken wir was zusammen?“

„Wein habe ich nicht mitgebracht, aber ich kann Ihnen ein Glas Wasser holen.“

„Von mir aus“, antwortete Johnny. „Geschirr steht in der Küche, bedienen Sie sich.“

Babsi ging aus dem Zimmer. Er hörte, wie sie mit den Gläsern hantierte und das Wasser in die Spüle plätscherte, dann kam sie wieder herein.

„Und ziehen Sie doch die Schuhe aus.“

„Wie bitte?“

„Die ruinieren das Parkett.“ Er versuchte, ein empörtes Gesicht zu machen, aber weil er ihre Reaktion nicht beobachten konnte, kam er sich dabei vor wie ein Clown.

Babsi stellte die Gläser auf dem Couchtisch ab, schob den Pizzakarton weiter zu ihm herüber und öffnete ihn mit einem leisen Rascheln. „Bitte schön, guten Appetit. Ist schon geschnitten.“

„Danke.“ Johnny tastete nach dem Karton, aus dem ein herrlicher Duft zu ihm herüberwaberte, aber als seine Finger auf die Pappe stießen, hielt er inne. Während der Zeit bei seiner Mutter hatte er meist allein im Kinderzimmer gegessen und sich eingeredet, das läge an ihrer schlecht bekömmlichen Gesellschaft. Aber jetzt wurde Johnny klar, dass es ihm schlicht unangenehm war, vor anderen Leuten zu essen.

„Warum haben Sie es sich anders überlegt, Babsi?“, fragte er, um die Stille zu überbrücken. Noch im selben Moment wurde ihm bewusst, dass er die Antwort eigentlich gar nicht hören wollte. Er tastete suchend mit den Fingern nach seinem Getränk.

Babsi stellte ihr Wasserglas ab. „Weil Ihr Leben plötzlich auf den Kopf gestellt worden ist. Sie haben niemanden, der für Sie da ist, und ich habe kein Herz aus Stein.“

Johnny schluckte mühsam. Ihre Worte trafen ihn, weil sie wahr waren. Trotzdem: Er war schon lange allein gewesen. Und Einsamkeit hatte ihm noch nie etwas ausgemacht. Nur hilflos sein, das wollte er ganz sicher nicht. „Und was sagt Ihr Verlobter dazu?“, hakte er nach und nahm das Wasser entgegen, das sie ihm hingeschoben hatte, sodass das kühle Glas sein Handgelenk streifte.

„Er sieht es nicht gern, aber Job ist Job.“

„Hm.“ Johnny nahm vorsichtig mit beiden Händen ein Pizzastück aus dem Karton. „Er wird sich schon daran gewöhnen, wenn Sie in Zukunft häufiger hier sind. Wie ist Ihre Pizza? Hawaii, würde ich wetten.“ Natürlich wusste er, dass sie Vegetarierin war.

Babsi schwieg und rutschte auf dem Sofa herum. Er konnte hören, wie ihre nackten Beine auf dem Leder quietschten. Im Büro trug sie immer Strümpfe und irgendwie fand er den Gedanken befremdlich, dass sie überhaupt etwas anderes tragen sollte als Rock und Blazer, selbst in ihrer Freizeit.

„Was soll das heißen: Ich werde öfter hier sein?“, fragte Babsi in einem Tonfall, der ihn an ein trotziges Kind erinnerte. Er hatte plötzlich große Lust, sie aufzuziehen wie früher, aber er konnte es sich nicht erlauben, sie gleich wieder zu vergraulen. Denn der Einfall, der ihm gerade eben gekommen war, war brillant. Johnny hob beschwichtigend die Hand. „Nicht das, was Sie wieder denken. Ich werde Ihnen ein vollkommen seriöses Angebot machen. Eines, das Sie nicht –“

„Kommen Sie zur Sache, bitte.“

Er seufzte. „Schon gut. Sie schaffen es auch immer, die Stimmung zu ruinieren.“ Er hätte einige bunte Scheine darauf gewettet, dass sie jetzt die Augen verdrehte. „Also, Sie wissen ja, dass ich Sie schätze. Sie leisten hervorragende Arbeit, sind immer zuverlässig und akkurat.“ Plötzlich war er wieder ganz der Personalchef, selbst in der Jogginghose und dem ausgeleierten T-Shirt. „Aber … solange ich noch zu Hause bin – und das dürften zumindest noch ein, zwei Wochen sein –, gibt es im Büro nicht viel für Sie zu tun. Hier könnte ich Sie besser gebrauchen. Für ein paar alltägliche Dinge, als private Assistentin sozusagen.“ Jetzt schwang in seiner Stimme kein Sarkasmus mehr mit. So könnte er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Babsi würde ihm bei täglichen Erledigungen behilflich sein und ihn gleichzeitig über alles informieren, was in der Firma vor sich ging.

„Sie wollen in ein oder zwei Wochen wieder ins Büro kommen?“, fragte sie. Die Skepsis in ihrer Stimme versetzte ihm einen Stich.

„Ja. Wieso denn nicht?“

„Na ja – ich … es … “ Babsi verstummte.

Bildete er sich das ein oder hatte er es tatsächlich geschafft, sie in Verlegenheit zu bringen?

„In der Firma ist man noch nicht sicher, wie es nach Ihrem … Unfall weitergehen soll.“

Er erwiderte nichts.

Sie schien einen Moment zu überlegen, dann fuhr sie fort. „Herr Döring meint, dass Sie unter diesen Umständen vorerst nicht in die Abteilung zurückkehren können. Es gibt allerdings spezielle Rehabilitationsmaßnahmen für den Wiedereinstieg in den Beruf. Ich könnte Ihnen helfen, die Anträge auszufüllen, und vielleicht ergeben sich in der Zwischenzeit Möglichkeiten, dass Sie anderweitig …“

„Wie bitte?“ Johnny ließ sein angebissenes Pizzastück in den Karton fallen und stand abrupt auf. „Ich brauche keine Rehabilitationsmaßnahmen! Und was soll das überhaupt heißen, ich kann nicht in die Abteilung zurück? Das hätte ich ja nicht mal von Döring erwartet. So ein verdammter Mistkerl! Selbst blind bin ich immer noch zehnmal fähiger als dieser Idiot!“

Und das war eine schamlose Untertreibung. Seit der neue Geschäftsführer vor etwas über einem Jahr die Leitung der Firma übernommen hatte, ging es nach Johnnys Meinung mit Sanacur bergab. Das Unternehmen biederte sich vielversprechenden Kunden gegenüber geradezu an, umgarnte sie mit teuren Geschäftsessen und protzigen Präsentationen, anstatt wie zuvor durch Qualität zu überzeugen. Nicht dass Johnny etwas gegen gutes Essen oder schicke Technik einzuwenden gehabt hätte, aber er konnte es nicht ausstehen, wenn nichts hinter der blendenden Fassade steckte. Wobei er ja gute Arbeit leistete. Menschenkenntnis und Intuition machten einen hervorragenden Personaler aus und er konnte die Stärken und Schwächen der meisten Menschen schon auf den ersten Blick erahnen. Nach einem kurzen Gespräch kannte er ihr Potenzial. Das galt zumindest für die Zeit, als er noch in der Lage gewesen war, seinem Gegenüber in die Augen zu sehen.

Babsi klopfte angespannt mit den Fingernägeln auf den Tisch.

„Sie wissen, dass ich mich aus solchem Gerede he-

raushalte, Herr Baumann. Wie dem auch sei: Ich helfe Ihnen gerne mit dem Papierkram, wenn ich kann, aber ich werde auf keinen Fall Ihre persönliche Krankenschwester sein.“

Bildete er sich das nur ein, oder war ihr Tonfall ihm gegenüber forscher geworden? Er war vielleicht ein wenig paranoid, aber nicht dumm. Sie wusste genau, dass er eine Konfrontation mit Döring nicht überstehen würde – auch wenn er schon seit fast einem Jahrzehnt in der Firma arbeitete. Johnny lächelte verbittert in sich hinein.

„Babsi“, begann er schließlich und versuchte, sich seine Verzweiflung nicht anmerken zu lassen. „Wenn Sie es nicht für Ihren Vorgesetzten tun können, dann tun Sie es doch für einen alten Freund. Wollen Sie mich ausgerechnet jetzt hängen lassen? Herrgott noch mal, meine Mutter will, dass ich wieder bei ihr einziehe! Verlegen Sie doch einfach Ihr Büro in mein Gästezimmer.“

Babsi schnaubte verärgert. „Für solche Fälle gibt es Sozialarbeiter, Johannes. Ich werde dir sicher nicht beim Anziehen und Duschen helfen! Es war ein Fehler, überhaupt hierherzukommen.“

In diesem Moment entglitt Johnny ein spöttisches Lachen, ehe er es verhindern konnte. Selbst in seinen eigenen Ohren klang er verzweifelt, ja, beinahe hysterisch. Hatte sie ihn geduzt? Und beim Vornamen genannt! Johannes nannte ihn ja nicht einmal seine eigene Mutter. Babsi hielt ihn für einen Invaliden. Einen Krüppel, der sich nicht ohne Hilfe waschen und anziehen konnte. Und für größen­wahnsinnig noch dazu, aber das war ja nichts Neues.

Obwohl ihm klar war, dass sie ihn missverstanden hatte, lagen ihm ihre Worte im Magen wie ein Stein. Das Lachen verklang und er starrte in die Leere. Die Vorstellung, wie Babsi ihn duschte, nahm vor seinem inneren Auge Form an, ohne dass er etwas dagegen tun konnte. Er kannte Dutzende Frauen wie sie und er hatte immer geglaubt, dass ihm diese Geschichten nichts bedeuteten. Aber jetzt? Würde er jemals wieder mit einer Frau zusammen unter der Dusche stehen?

Er wollte zu Babsi herübergehen und wenigstens ihre Hand berühren. Dem Spott und vor allem dem Mitleid die Stirn bieten, aber die Übelkeit, die in ihm aufstieg, überwältigte ihn. Er war doch immer noch ein richtiger Mann … War er das? Die Frage hallte in seinen Gedanken wider, ließ alte Erinnerungen und neue Ängste aufsteigen, die sich miteinander verwoben und sich wie ein Seil um seinen Hals legten, immer fester, bis er flach um Luft rang und keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Er war nur noch ein kranker Körper, eine papierdünne Hülle und darunter ein gebrochener Mann. Es kostete ihn all seine Selbstbeherrschung, sich nicht vor seiner ehemaligen Assistentin auf den Teppich zu übergeben.

Babsi stand auf, brachte ihr Glas und den Pizzakarton in die Küche und verabschiedete sich wortkarg. Johnny konnte sich gerade noch so lange zurückhalten, bis die Wohnungstür ins Schloss fiel. Dann stürmte er ins Badezimmer, stieß sich auf dem Weg den Ellenbogen und den Knöchel und brach über der Kloschüssel zusammen.

Er wusste nicht, wie viel Zeit verging, bis er endlich in der Lage war, aufzustehen, sich das Gesicht zu waschen und den Mund auszuspülen. Als das Rauschen des fließenden Wassers verklungen war, miaute es neben ihm. Sein Kater. Ein schlechtes Gewissen überkam ihn plötzlich und schmerzte fast mehr als das wunde Gefühl in seiner Kehle. Er nahm das Tier hoch und trug es in die Küche. Dort suchte er den Wassernapf und füllte ihn auf. Er fand auch eine Dose Katzenfutter im Schrank. Als er sie öffnete, wurde ihm wieder ein wenig übel. Trotzdem kratzte er das Futter in den Napf und stellte es auf den Boden. Sein Kater machte sich schmatzend über die Mahlzeit her und schmiegte dann dankbar den Kopf in seine Hand, die noch immer ein wenig zitterte. Der Flaum im Katzennacken war weich und Johnny schloss die Augen, obwohl es nicht nötig war.

Er wählte Babsis Nummer an diesem Abend nicht noch einmal, weil ihm die Kraft fehlte. Stattdessen schickte er ihr eine kurze Sprachnachricht: „Barbara, bitte leiten Sie das mit dem Sozialarbeiter in die Wege, es wäre mir eine große Hilfe.“

BEA

Als Tabea an der Haltestelle Lorettostraße aus der Straßenbahn stieg, schlug ihr die Mittagshitze ins Gesicht. In den letzten zwei Wochen hatte der pausenlose Sonnenschein – dem Klimawandel sei Dank – dafür gesorgt, dass es in Freiburg, auch bekannt als „Toskana Deutschlands“, so warm war wie am Gardasee oder auf Mallorca. Aber natürlich war es hier viel schöner. Das Blätterdach der stämmigen Rosskastanien, die sich nach dem wolkenlosen Himmel ausstreckten, spendete Tabea Schatten. Die Bäume waren so dicht belaubt, dass nur ab und zu die romantische Turmspitze einer der alten Fabrikantenvillen durch das Grün blitzte oder ein vereinzelter Sonnenstrahl auf das Kopfsteinpflaster fiel. Tabeas Pluderhose flatterte im lauen Wind, darüber fiel ihre bunte Tunika. Beide Kleidungsstücke mochte sie besonders: Weil sie bequem waren und weil es sie jedes Mal mit Schadenfreude erfüllte, sich so anzuziehen, dass ihrer Mutter die Haare zu Berge stehen würden, könnte sie sie sehen. Du hast immer etwas von einer Vogelscheuche, hatte sie einmal gesagt. Aber das machte nichts, fand Tabea, denn als Spatzenschreck konnte man sich wenigstens den ganzen Tag auf den Getreidefeldern die Sommerluft um die Nase wehen lassen und müsste bestimmt nicht irgendeinem Personalchef hinterherjagen, der sich in letzter Zeit nicht sonderlich oft in seinem Büro sehen ließ. Dass der aufgeplusterte Vogel ernsthaft krank sein sollte, konnte sie sich nur schwerlich vorstellen.

Tabea bog ein letztes Mal in eine Seitenstraße ein, um der Beschreibung auf Google Maps zu folgen. Geschmack hatte Herr Baumann ja, zumindest was seine Behausung anging. Die neobarocke Villa an der Straßenecke war ein eindrucksvolles Relikt aus den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Ehrfürchtig bestaunte Tabea das dreigeschossige Gebäude mit den gesprossten Rundbogenfenstern und den ausladenden Erkern. Sie dachte daran, dass es bald immer weniger dieser gemütlichen Straßen und grünen Plätze in Freiburg geben würde, wenn der Bauwahn weiter voranschritt. Und das nicht zuletzt wegen Menschen wie Johannes Eduard Baumann – ja, sie hatte sogar seinen Zweitnamen recherchiert, um die Kohlmeise zufriedenzustellen –, denn die Betonklötze, in denen sie arbeiteten, brauchten Platz und ebenso die Golfplätze und Parkhäuser voller Sportwagen.

Aber als Tabea vor dem großen Eisentor stand, das von einer Buchenhecke umrahmt wurde, stiegen Zweifel in ihr auf. War es die richtige Entscheidung gewesen, unangemeldet hier aufzutauchen? Die freundliche Stimme von Baumanns Assistentin klang ihr noch in den Ohren: Sanacur, Büro Baumann, Barbara Münzer am Apparat … Ach, schön, dich zu hören, Tabea – es tut mir leid, aber Herr Baumann ist krankgeschrieben … Nein, ich glaube, es wird noch eine Weile dauern, bis er wieder ins Büro kommen kann. Viel Erfolg für deine Arbeit.

Von welcher ominösen Krankheit der Personaler befallen worden war, hatte Barbara ihr nicht verraten und jetzt stand sie vor seinem Wohnhaus und fühlte sich unwohl dabei, so ungeniert in die Privatsphäre dieses überaus unangenehmen Menschen einzudringen. Andererseits hatte sie keine Wahl. In etwas mehr als vier Wochen musste ihre Arbeit fertig sein und dazu brauchte sie die Hilfe von Johannes Baumann.

Zögerlich trat sie durch das angelehnte Tor und ging die Treppenstufen hinauf, die zur Haustür führten. Sein Name war fein säuberlich auf das Klingelschild gedruckt, daneben prangten noch drei andere Namensschilder, versehen mit Zusätzen wie LL. M. oder Dr. rer. nat.

Tabea atmete tief durch und läutete. Nichts geschah. Typisch. Wahrscheinlich war Herr Baumann schon längst zum Champagnerfrühstück ausgeflogen. Aber sobald ihr dieser absurde Gedanke gekommen war, befiel sie ein schlechtes Gewissen. Vielleicht war er gar nicht zu Hause, weil er beim Arzt oder sogar im Krankenhaus war? Obwohl, sein Rückgrat konnte er sich nicht gebrochen haben … Sie schüttelte den Kopf, um sich zur Besinnung zu rufen, und schluckte den Frust herunter, der in ihr aufstieg, als sie plötzlich wieder an Kohlmeises kritische Worte denken musste. Sie haben den armen Mann ja geradezu als Ungeheuer dargestellt. Wahrscheinlich hatte ihr Professor recht: Der Personalchef würde höflich ihre Fragen beantworten, sie könnte schon bald wieder gehen und müsste ihn nach dem Interview nie wiedersehen.

Entschlossen drückte Tabea erneut auf den Klingelknopf, diesmal etwas länger. Ein paar Sekunden verstrichen und nichts geschah, dafür zwitscherten die Vögel in den Kastanien und der Sommerwind rauschte leise durch ihr kurzes Haar. Tabea wollte sich gerade wieder umdrehen, als eine unfreundliche, verschlafene Stimme aus dem Lautsprecher dröhnte und die idyllische Geräuschkulisse ruinierte. „Wer ist da?“

Ihre Gedanken überschlugen sich hektisch. Na toll. Jetzt stand sie hier und wusste nicht einmal, was sie sagen sollte. Auf keinen Fall durfte sie sich ihre Unsicherheit anmerken lassen, sonst hielt er sie noch für eine lästige Zeitschriftenvertreterin und sie würde nie eine Gelegenheit bekommen, in Ruhe zu erklären, was sie wollte. „Hallo, Bach ist mein Name“, begann sie. „Ähm, Ihre Assistentin schickt mich.“ Das war nur halb gelogen. „Es geht um …“ Aber bevor sie sich erklären konnte, ertönte bereits der Summer. „Ganz oben“, sagte die Stimme knapp.

Mit klopfendem Herzen drückte Tabea die Haustür auf und betrat die Villa, die zu einem schicken Mehrfamilienhaus ausgebaut worden war. Eine gewendelte Treppe mit prunkvollem Geländer führte in die oberen Etagen und daneben gab es sogar einen Aufzug. Sie stieg die Treppenstufen aus lackiertem Edelholz hinauf, bis sie im obersten Stock angekommen war, und bewunderte dabei die hübsch restaurierten Buntglasfenster.

Als sie sich der Wohnungstür näherte, wurde die Klinke heruntergedrückt, aber ehe sie dem großen Mann, der ihr geöffnet hatte, ins Gesicht sehen konnte, hatte er sich schon umgedreht und eilte davon, wobei er sich mit einer Hand an der Wand abstützte.

Tabea blieb nichts anderes übrig, als seine Rückseite zu betrachten. Sie war überzeugt gewesen, dass jemand wie Johannes Baumann auch zu Hause nur Anzüge trug. Dass er vielleicht sogar im Anzug schlief, wie Barney Stinson. Aber sie hatte sich geirrt: Dieser Mann trug nichts weiter als ein weißes T-Shirt und Boxershorts – zugegeben, er hatte wohl auch die Figur dafür. Allem Anschein nach hatte sie ihn geweckt. Tabea spürte, wie ihr das Blut in den Kopf schoss. Natürlich! Er war schließlich krank und verbrachte wahrscheinlich den ganzen Tag im Bett. Vielleicht hätte sie sich doch anmelden sollen.

Vorsichtig schloss sie die Tür hinter sich und trat ein. Gleich darauf schmiegte sich etwas Weiches und Warmes um ihre nackten Knöchel. Eine Katze! Sie beugte sich herunter und streichelte den gescheckten Stubentiger. Sollte Baumann etwa ein Tierfreund sein? Ausgeschlossen. Wer fütterte denn die arme Katze bei einem 12-Stunden-Tag im Büro? Obwohl, wahrscheinlich übernahm das auch Barbara. Das und noch andere Dinge …

„Jetzt kommen Sie schon rein“, rief Herr Baumann vom Wohnzimmer aus. Tabea spähte durch den Flur und sah, dass er es sich dort auf einem dunklen Ledersofa bequem gemacht hatte und mit gelangweiltem Blick auf die gegenüberliegende Wand starrte.

„Es wird auch höchste Zeit, dass Sie kommen“, rief er. „Meine Haushaltshilfe hat erst nächste Woche wieder Zeit, aber das Katzenklo muss dringend gereinigt werden und mir geht langsam das Futter aus.“

Für Sie oder für die Katze?, schoss es Tabea durch den Kopf, aber sie biss sich rechtzeitig auf die Zunge und schluckte die unangebrachte Frage herunter. Das war eindeutig ein Missverständnis, wie sonst sollte er darauf kommen, dass sie zum Putzen hier war? Und auch wenn sie während ihres Praktikums nie mehr als ein paar Worte gewechselt hatten, müsste Baumann sie doch erkennen, oder nicht?

„Sie wissen, wer ich bin?“, fragte sie und setzte sich in einiger Entfernung zu dem Sofa, auf dem sich Herr Baumann ausgestreckt hatte, auf einen Klubsessel. Der Kater lief an ihr vorbei, sprang ihrem Gegenüber auf den Bauch und ließ sich kraulen.

Er sah sie nicht einmal an. „Ja, natürlich. Babsi hat mir gesagt, dass ich wohl nicht drum herumkommen werde, also können wir uns den Small Talk auch sparen. Und machen Sie Ihren Job gut, sonst suche ich mir eine andere Assistentin … oder Sozialarbeiterin oder wie auch immer Sie sich nennen.“

Tabea spürte, wie ihr das Blut in den Kopf stieg. Er hielt sie für seine Sozialarbeiterin! Wie kam er bloß auf die Idee? Und weshalb sollte Johannes Baumann eine Sozialarbeiterin brauchen? „Also, ich wollte eigentlich …“, setzte sie an, verstummte aber gleich darauf. Eine verlockende Idee begann sich in ihrem Geist zu formen. War das vielleicht die Gelegenheit, auf die sie gewartet hatte? Ihre Chance, ihn persönlich kennenzulernen und herauszufinden, was unter der rauen Schale steckte, so wie Kohlmeis es ihr aufgetragen hatte? Tabea faltete die Hände und räusperte sich. „Ich wollte Ihnen erst mal ein paar Fragen stellen. Das ist wichtig für unsere … Zusammenarbeit, wie Sie sicher verstehen.“

„Ach ja?“ Er ließ von seinem Kater ab und sah auf. In dem Moment, als er ihr ins Gesicht sah, überkam sie ein merkwürdiges Gefühl. Seine Augen wanderten unruhig hin und her, als suchten sie einen Fixpunkt. Er seufzte, dann sah er wieder zu Boden, sodass seine Lider beinahe geschlossen waren. „Meinetwegen. Fragen Sie, wenn es sein muss.“

Tabea strich den Stoff ihrer hoffnungslos zerknitterten Hose glatt. „Ich danke Ihnen für Ihre Offenheit. Sie sind krank? Wollen Sie mir vielleicht sagen, was Ihnen genau fehlt?“

Baumann zuckte mit den Schultern. „Ich bin blind. Ich dachte eigentlich, das wüssten Sie. Es kam plötzlich.“ Er schwieg einen Moment, dann fügte er hinzu: „Eine Erbkrankheit. Nicht reversibel.“

Tabea erstarrte. Blind? Wie konnte das sein? Sollte Johannes Baumann tatsächlich in den wenigen Monaten, seit sie ihn zuletzt gesehen hatte, erblindet sein? Hatte er vielleicht schon immer Probleme mit seinen Augen gehabt, aber sie war während ihres Praktikums so mit sich selbst beschäftigt gewesen, dass sie das nicht … nein, sicher wäre ihr etwas aufgefallen, oder nicht?

Sie hatte Mühe, die aufkeimenden Schuldgefühle zu unterdrücken. Die Vorstellung war schrecklich. Seine abweisende Art erschien ihr plötzlich in einem ganz neuen Licht. Tabea schluckte und sammelte sich. „Sind Sie vollständig erblindet?“

Er schnaubte. „Was glauben Sie denn? Wollen wir ein Spielchen spielen? Mal sehen, wie viele Finger Sie zeigen? Ja, verdammt, das bin ich! Blind wie ein Maulwurf.“

„Eigentlich ist es nur ein Ammenmärchen, dass Maulwürfe –“ Tabea schüttelte den Kopf und holte tief Luft. Warum konnte sie bloß nie die Klappe halten?

Baumann hatte trotzig den Kopf erhoben und Tabea betrachtete sein Gesicht genauer. Zu ihrer Erleichterung zuckten bei ihrer vorlauten Äußerung über Maulwürfe tatsächlich seine Lippen nach oben, sodass man beinahe glauben könnte, er würde lächeln – wenn auch nicht so selbstgefällig wie früher. Auch sonst hatte dieser Mann nicht mehr viel mit dem geleckten Johannes Baumann im maßgeschneiderten Anzug gemeinsam. Die kurzen, hellbraunen Haare, die er im letzten Herbst immer akkurat frisiert getragen hatte, waren zerzaust, aber nicht auf die modische Art. Dabei hatte er damals auf sie gewirkt wie ein Mann, der ein bisschen zu lange vor dem Spiegel stand: Der Anzug saß stets perfekt, die Hemden hatten edle Kontrastnähte oder eingestickte Initialen. Sein gebräuntes Gesicht war penibel glatt rasiert gewesen und die blauen Augen stachen unter den markanten Augenbrauen hervor. Überhaupt fand sie damals, dass seine Gesichtszüge ein bisschen zu hübsch für einen Mann waren. Und dass sein Blick mit den immer etwas skeptisch zusammengezogenen Augenbrauen wahrscheinlich etliche Frauenherzen zum Schmelzen gebracht hätte, wenn Baumann nicht so arrogant gewesen wäre – eine Eigenschaft, die zumindest Tabea bei Männern überaus abstoßend fand, wie attraktiv sie auch sein mochten.

Wenn sie sich jetzt daran zurückerinnerte, fiel ihr auf, wie genau sie ihn damals beobachtet hatte. Sicher, deshalb hatte sie ja das Praktikum gemacht: um zu studieren, wie er mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern umging. Trotzdem verunsicherte sie diese Erkenntnis. Gedankenverloren schüttelte sie den Kopf und versuchte, sich wieder auf die Gegenwart zu konzentrieren. Der Johannes Baumann von heute trug einen Dreitagebart, er hatte dunkle Augenringe und auf seinem T-Shirt waren ein paar Flecken, die aussahen wie Marmelade oder Tomatensoße. Er wirkte beinahe ein wenig verwegen, wie jemand, der auf einer einsamen Insel gestrandet war. Nur dass er dafür noch zu viele Kleider trug, auch wenn es ja nur Unterwäsche war.

O Gott! Ihre Fantasie ging schon mit ihr durch. Sie würde jetzt sicher nicht anfangen, sich Baumann nackt vorzustellen. Oder war es dafür schon zu spät? Tabea spürte, wie ihr wieder die Hitze ins Gesicht stieg. Das war wie bei dem psychologischen Problem des blauen Elefanten, das jedem Studenten ihres Fachs bekannt war: Woran dachte jemand, den man bat, auf keinen Fall an einen blauen Elefanten zu denken? Genau.

Aber selbst wenn ihr Unterbewusstsein sich gerade auf abwegige Pfade begeben hatte, hieß das nicht, dass ihr gefiel, was sie gesehen hatte. Sie mochte Männer, die wussten, was sie wollten. Und jemand, der so offensichtlich das Alphatier markieren musste wie Johannes Baumann, wusste es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht. Sie glaubte sogar, dass sich unter der harten Schale vielleicht ein empfindlich weicher Kern verbarg.

„Ich kann spüren, dass Sie mich anstarren“, bemerkte Baumann beiläufig.

„Das tue ich nicht“, log sie und räusperte sich. „Also, kommen wir zu meinen Fragen.“ Sie zog Block und Stift aus ihrem Rucksack. Wo war denn jetzt die verdammte Liste mit dem FPI-Katalog?

Baumann richtete sich halb auf. „Möchten Sie etwas trinken?“, unterbrach er ihre Kramerei.

Tabea sah verdutzt auf. „Äh, nein. Vielen Dank.“

Er zuckte mit den Schultern. „Nur weil ich blind bin, habe ich nicht verlernt, ein Gentleman zu sein.“

Bei diesen Worten musste Tabea ein ironisches Schnauben unterdrücken. Ein Gentleman! Sie konnte sich noch lebhaft daran erinnern, wie er die arme Barbara an einem verregneten Montag im letzten Herbst viermal zur Kaffeemaschine hatte laufen lassen, weil ihm der Kaffee zu kalt, zu heiß, zu schwach oder zu bitter gewesen war. Als Tabea ihr damals zur Hand gehen wollte, hatte Baumanns Assistentin nur stumm den Kopf geschüttelt und ihr einen vielsagenden Blick geschenkt.

Ah, da war ja der Fragenkatalog. Na endlich. Triumphierend zog Tabea das Blatt aus dem Collegeblock. Sie wollte nicht mehr Zeit in Baumanns Wohnung verbringen als unbedingt nötig. Jetzt bestünde die Kunst darin, zunächst Fragen auszuwählen, die relativ unverfänglich waren, damit sie nicht sofort als Psychologiestudentin auf-flog. Mit etwas Glück würde Kohlmeis es gar nicht merken, wenn sie die ein oder andere Frage ausließ. Improvisieren, dachte sie. Das war nichts anderes als beim Theater, wenn man einen Texthänger hatte: einfach improvisieren.

„Gut … ähm, Herr Baumann, würden Sie sagen, dass Sie viel über Ihr Leben nachgrübeln?“

Er lachte auf und wischte sich theatralisch mit dem Handrücken über die Stirn, wobei das T-Shirt über seiner Brust spannte. „Aber ja, ständig! Ich grüble immerzu über den Sinn des Lebens nach und vor allem über die Frage, warum ausgerechnet mich dieses tragische Schicksal ereilt hat.“ Er zog einen Mundwinkel hoch und grinste sie unverhohlen an.

Tabea schluckte und schwieg einen Moment, ohne auf seine Provokation einzugehen. Dann sagte sie ruhig: „Sie möchten doch sicher, dass Ihre Katze nachher eine vernünftige Mahlzeit bekommt und keine Reste aus der Biotonne? Dann nehmen Sie bitte auch meine Fragen ernst.“

„Das würden Sie tun?“ Neben Empörung schwang echte Verwunderung in seiner Stimme mit. Hatte sie es tatsächlich geschafft, den großen Johannes Baumann mit ihrer Schlagfertigkeit zu beeindrucken?

„Um ehrlich zu sein: nein. Beantworten Sie jetzt meine Frage?“

Er schüttelte den Kopf.

Es war doch nicht zu fassen! Tabea holte tief Luft und wollte gerade etwas erwidern, da fügte er hinzu: „Nein, ich bin kein Grübler. Ich bin ein Mann der Tat, nicht der Worte, verstehen Sie?“

„Hm.“ Tabea nickte und setzte ein Kreuzchen auf ihrem Bogen. Das Inventar war einfach aufgebaut und so brauchte sie sich nur zu notieren, ob er der Aussage zugestimmt hatte oder nicht. „Und sind Sie gern mit unbekannten Menschen zusammen?“

Baumann verschränkte die Arme. „Mit Frauen oder Männern?“

„Sowohl als auch.“

Er starrte zur Zimmerdecke, als müsse er überlegen. „Ich denke, Sie kennen die Antwort.“

„Gut, aber es wäre trotzdem wichtig, dass Sie –“

„Wissen Sie, ich habe da gerade eine andere Idee.“ Baumann wandte ihr seinen Kopf wieder zu. „Der Sinn dieses kleinen Spielchens hier ist doch, dass wir uns besser kennenlernen, oder nicht? Damit es nachher nicht so unangenehm ist, wenn wir … na ja, enger zusammenarbeiten. Ich müsste mich zum Beispiel dringend mal wieder rasieren. Hab mich noch nicht getraut, eine Klinge in die Hand zu nehmen.“

Tabea erstarrte. Da hielt sich wohl jemand für besonders witzig. „Keine Sorge, der Bart steht Ihnen ausgezeichnet“, erwiderte sie so kühl wie möglich, obwohl sie wohl nicht verhindern konnte, dass sich ein winziges Schmunzeln in ihre Stimme schlich.

„Danke, aber den habe ich auch nicht gemeint.“

Sie seufzte und spielte an ihrem Kugelschreiber herum, ohne etwas zu erwidern.

„Jedenfalls wäre es nur fair, wenn Sie mir auch ein paar Fragen beantworten. Was halten Sie davon? Vielleicht sogar dieselben Fragen, die Sie mir stellen, ja?“

Das Letzte, was Tabea wollte, war, Johannes Baumann persönliche Details über sich zu verraten. „Also, ich denke nicht, dass das von Nutzen ist hinsichtlich Ihrer … Genesung – äh, Gewöhnung an den neuen Alltag.“

„Fangen wir doch erst mal damit an, uns zu duzen. Ich bin Johnny.“

„Hm.“ Ein Name wie gemacht für einen Hipster, dachte sie. Nur dass er dafür mindestens zehn Jahre zu alt war. „Ich bin Tabea.“

„Bea also.“

Bevor sie widersprechen konnte, läutete es an der Tür. Sie erhob sich aus dem Sessel. „Ich kann schnell gehen, wenn Sie möchten … wenn du magst“, bot sie an.

„Nein“, entgegnete er. „Wie du vorhin selbst gesehen hast, kann ich das allein.“

Johnny tastete sich zur Wohnzimmertür vor und ließ sie hinter sich zufallen. Bea konnte zwar hören, dass er kurz mit jemandem sprach, aber sie verstand nicht, wo-rum es ging.

„Wer war es denn?“, fragte sie, als er wieder ins Zimmer kam.

Johnny zuckte mit den Schultern. „Nur der Postbote. Ich sollte mal wieder ein Paket für meinen Nachbarn annehmen.“

Aha, dachte Bea. Hatte er also doch eine hilfsbereite Ader? Da sollte sie nachhaken. „Machst du das öfter?“

„Nein. Wenn er sich seine DVDs schon online bestellen muss, kann er sie auch selbst in der Postfiliale abholen. Heutzutage kann man alles streamen. Scheint ein neuer Postbote zu sein, der alte hat mich gemieden wie die Pest.“

Bea ignorierte seine Bemerkung. „Gut, also weiter mit den Fragen … Achtest du auf ausreichend Bewegung, um in Form zu bleiben?“ Gedankenverloren umkreiste sie die Frage auf ihrer Liste. Es war mehr als offensichtlich, dass Johnny sehr viel Wert darauf legte, in Form zu bleiben. Die strammen Schenkel, von denen die Boxershorts nicht sehr viel bedeckten, und die Bauchmuskeln, die man unter seinem T-Shirt erahnen konnte, bezeugten das zweifelsfrei. Aber darum ging es bei den Fragen nicht. Es ging darum, wie er sich selbst einschätzte.

Ein leiser Seufzer entwich ihm. „Ich bin früher viel gejoggt und wollte immer mal einen Marathon laufen. Aber das geht ja momentan schlecht.“ Er räusperte sich. „Und jetzt schuldest du mir schon zwei Antworten.“

„Was?“

„Grübelst du viel nach, Bea?“

Bea knirschte mit den Zähnen. Sie wollte nicht mit Johnny plaudern, aber noch viel weniger wollte sie sich eingestehen, dass sie sein Interesse peinlich berührte. Vielleicht ging Johnny ja tatsächlich auf, dass es noch Menschen gab, die ganz, ganz anders tickten als er und trotzdem glücklich waren? „Jein“, antwortete sie.

Sein Grinsen wurde breiter.

„Ich denke, dass ich durchaus ein nachdenklicher Mensch bin. Aber Grübeleien allein bringen einen nicht weiter. Dafür braucht es, wie du schon gesagt hast, Taten.“

„Hm. Wie wahr.“ Er tätschelte den Kopf seines Katers, der ihm auf den Bauch gesprungen war. „Und bist du gern mit unbekannten Menschen zusammen?“

„Ja“, antwortete sie eilig. „Ich komme eigentlich mit allen Menschen gut aus –“

Aber Johnny war noch nicht fertig. Er schob hinterher: „Auch mit solchen wie mir?“

Bea musterte den Mann, der ihr gegenübersaß. Sie hatte nicht das Gefühl, ihn jetzt besser zu kennen als im letzten Herbst. „Ich glaube, ich werde mich mal um die Katze kümmern“, sagte sie und stand auf. „Die Fragen können noch warten. Wie heißt sie denn eigentlich?“

„Er heißt Kater.“

„Es ist also ein Kater?“, fragte Bea.

„Ja. Und das ist auch sein Name.“

Sie zog eine Augenbraue hoch. „Dann hat er keinen Namen?“

Johnny schnalzte mit der Zunge. „Doch: Er heißt einfach nur Kater. Weißt du, es ist so ...“

Sie sah ihn erwartungsvoll an.

„Namen verletzen. Sie werden einem übergestülpt, von Menschen, die einen noch gar nicht kennen. Und dann kleben sie ein Leben lang an einem dran, wie ein Etikett auf einer Weinflasche. Aber anders als bei Namen bezeichnet der Aufkleber wirklich das, was in der Flasche ist, stimmt’s? Ich will meinem Kater kein Etikett verpassen – er darf einfach nur er sein.“

Bea öffnete den Mund und schloss ihn sofort wieder. Und sie hatte gedacht, der Name seiner Katze wäre ein unverfängliches Gesprächsthema. Schweigsam betrachtete sie den Mann, der ihr gegenübersaß. Irgendetwas in Johnnys, wenngleich rastlosem, Blick ließ sie vermuten, dass diese Worte ihr viel mehr über den Menschen Johannes Baumann verrieten, als es der ganze Katalog mit all seinen 138 Fragen könnte.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
330 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783827184108
Yayıncı:
Telif hakkı:
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