Kitabı oku: «Die Geschichte von Garibaldi»

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Ricarda Huch

Die Geschichte von Garibaldi

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2021 OK Publishing

EAN 4066338117236

Inhaltsverzeichnis

Band I. Die Verteidigung Roms

Band II. Der Kampf um Rom

Band I.
Die Verteidigung Roms

Inhaltsverzeichnis

Wir wollen alte Lieder singen, um den Toten der Insel zu beschwören. Eine Aeolsharfe wollen wir zwischen die Klippen spannen: wenn der Wind darüberfährt, wird sie von heiligen Erinnerungen tönen: von wehenden Fahnen und rasenden Schwertern, von Opfern und Triumphen. Wenn wir von Italiens Begrabensein und Auferstehen singen, wird Garibaldi hören: er steigt aus dem flutenden Schoße des Weltengottes und träumt in die weiten Akkorde der meerdurchhallenden Harfe. Seht, über den Felsen türmt sich sein Leib, sein Haupt umkreisen Wolken, des Ozeans blauer Ring fließt um seine Füße.

Wir wollen alte Lieder singen, um den Löwen der Insel zu beschwören.

Im Sommer des Jahres 1846 bestieg der Kardinal Mastai unter dem Namen Pius IX. den Stuhl Petri. Das stumpfsinnige Regiment seines Vorgängers, Gregors XIV., hatte im Volke die Neigung erregt, von der Zukunft das Höchste zu hoffen, und da unter den patriotischen Männern, die damals Ratschläge gaben, wie das zerrissene und namenlose Land des Apennin zu heilen sei, einer war, nämlich Vicenzo Gioberti, der den römischen Papst als den ältesten und volkstümlichsten Fürsten der Halbinsel für den erklärte, der bestimmt sei, die vielen kleinen italienischen Staaten in seiner Hand zusammenzufassen und Italien zu nennen, war das Ergebnis der Wahl mit größerer Erregung als je erwartet worden. Von Giovanni Mastai-Ferretti war nicht viel bekannt, als daß er ein freundlicher, das Gute wollender Mann sei; zunächst indessen hoffte die Partei der Jesuiten ebenso sich seines Willens zu bemächtigen wie die der Patrioten. Zu den letzteren gehörte der Barnabitenpater Ugo Bassi; er eilte nach Rom und erhielt die Erlaubnis, im Kolosseum zu predigen; aber die gregorianische Partei, die noch herrschte, riet dem Heiligen Vater, wenn er denn einem Anhänger der Revolution, als welcher Ugo Bassi galt, das Wort gestatten wolle, ihn durch einen gegebenen Vorwurf der Rede, wie zum Beispiel die Süßigkeit der Armut oder die Wunderkraft des heiligen Namens Maria, zu binden. Ugo Bassi wählte die Süßigkeit der Armut. Die vielen jedoch, die um die Zeit des Ave Maria nach dem Kolosseum wanderten, erwarteten unter dem gemeinplätzigen Titel etwas ganz andres, das, was in den Herzen wühlte und nicht ans Licht durfte, auf irgendeine Weise zu hören: Freiheit, Vaterland, Größe und Auferstehung.

Der aus Bologna gebürtige Bassi galt auch bei Andersdenkenden als außerordentlicher Redner, weil er jedem Gegenstand Tiefe und Fülle zu geben wußte nicht nur durch Inhalt und Form seines Vortrages, sondern durch die in jedem Worte spürbare Gegenwärtigkeit seiner Seele. Er war sparsamer an Gebärden, als seine Landsleute zu sein pflegen, und im Beginne seiner Reden war es ihm anzumerken, daß er furchtsam, ja fast mit Widerwillen aus der reichen Verborgenheit seines Innern hinaus unter das Volk trat; allmählich vergaß er seine Zuhörer über den Phantasien, die ihm ausgingen, und ließ sich von Eingebungen der Minute hinreißen. Er stand, als das Publikum sich versammelte, auf der Kanzel, die Benedikt XIV. zum Schutze des heidnischen Gebäudes hatte anbringen lassen, stützte sich mit dem linken Arm auf die Brüstung und betrachtete ein paar bunte Blumen, wie sie zwischen den Steinen hervorwuchsen und die er im Hinaufsteigen gepflückt hatte. Päpstliche Wachen waren rings um die Mauern verteilt und blickten gleichmütig auf das Zuströmen der Menge; dagegen hörte man die dröhnende Stimme des Angelo Brunetti die Eintretenden hierhin und dorthin weisen und diejenigen, die sich um Plätze stritten, zur Ruhe mahnen, worauf sich das Lärmen und Brausen jeweilen senkte.

Es gab damals keinen bekannteren und beliebteren Mann in Rom als Angelo Brunetti; Sohn eines vermögenden Fuhrwerkhalters, hatte er das Geschäft des Vaters fortgesetzt und Reichtum damit erworben, er war gesund und stark, gutmütig, freimütig, schlagfertig und herzlich, er besaß eine ebenso schöne wie gute Frau und wohlgetane Kinder, Ansehen und Zuneigung bei allen Ständen und wurde, da er eine gewisse Vollkommenheit des menschlichen Zustandes mehr durch die Gnade Gottes und der Natur als durch Arbeit erreicht hatte, der König von Rom genannt, ohne bei seiner Freigebigkeit und Hilfsbereitschaft viele Neider zu haben. Das Volk, dem er selbst angehörte, pflegte sich ihm unterzuordnen, weniger weil das, was man sich von seiner ungemeinen Körperkraft erzählte, einschüchterte, als weil es wußte, daß er in ehrlicher Meinung zu seinem Besten handelte. Sein Gesicht mit den dicken Lippen, der kleinen Nase und den tierhaft großen und guten, strahlenden Augen erinnerte an den Typus der Neger; es spiegelte die Kraft und Lust eines üppigen Naturwesens wider, zugleich auch die Würde eines verantwortungsvollen Daseins. Er war fast immer in Begleitung seines ältesten Sohnes, des sechzehnjährigen Lorenzo, zu sehen, der außen und innen von seinem Vater verschieden war; seine Gestalt war schmal und geschmeidig, seine dunkeln Augen lagen tief, und während er im Grunde ehrgeizig und hochfahrend, heiß in Haß und Liebe war, zeigte er sich nach außen herb verschlossen. Sie waren häufig uneins, unbeschadet blutstreuer Zusammengehörigkeit.

Als alle saßen, schien es, als wäre ganz Rom in den Mauern des alten Theaters zusammengedrängt: Volksfrauen waren da mit Kindern auf dem Schoße und solche, die ein säugendes an voller Brust hielten. Damen in hellen Kleidern und mit nickenden Federn auf dem Hute, und dazwischen brannten die feuerroten und violetten Mäntel der Geistlichen, die sich beflissen um die Frauen zeigten und hinter ihren Fächern mit ihnen flüsterten, ohne deswegen den berüchtigten Mönch aus den Augen zu lassen.

Dieser überblickte die Versammlung, grüßte Brunetti, den er kannte und der jetzt stramm wie ein Wächter am Fuße eines Strebebogens stand, mit einem Lächeln und fing an: Er schilderte die Armut, eine Pilgerin mit mütterlichen Händen, die geben und liebkosen, der die Waldtiere sich anschmiegen, unter deren bestaubten Füßen Quellen springen, die mit Himmel und Erde vertraut ist und den gottgeschaffenen Menschen der jungen Erde; dann das künstliche Dasein der Menschen zwischen entseelten Dingen, in unzugänglich aufgetürmten Verhältnissen, fern von den tiefen Paradiesesflüssen allgemeiner Qual und Wonne, die lebenstrunken machen. Dann sagte er, daß Gott nach seiner unerforschlichen Weisheit den Menschen den Trieb nach Reichtum eingepflanzt habe; daß der Reichtum gut sei, wenn er Gutes wirke; daß im Tumulte des Marktes die stille Pilgerin, die er geschildert habe, nicht leben könne; daß wer sich nicht ohne Anspruch absondern könne von der Welt, mit ihr drängen und streben müsse; daß jeder im andern die Spur göttlicher Abkunft verehren, daß das Leben nicht einem Rennen gleichen sollte, wo der Vordere nach dem Gestürzten nicht zurückblickt und das Publikum den Schnellsten bejubelt, den im Staube vergißt. Danach machte er eine Pause und fuhr langsamer und in einem veränderten Tone fort: »Ich sah einst eine Bettlerin in Lumpen und mit verstümmelten Gliedern, den marmornen Göttern ähnlich, die Barbaren zertrümmert haben. Sie streckte stumm bittend die Hand aus, und weil sie so herrlich und so ganz verlassen war, kniete ich vor ihr nieder und gab ihr, was ich besaß, alle die Almosen, die fromme Mildtätigkeit mir gereicht hatte; aber ihre trauernden Augen sagten: es ist nicht genug. Ich gab ihr meine Seele, mein Fleisch und mein Blut; doch sagten ihre Augen immer noch: es ist nicht genug. Ich möchte euch, euch alle zu dieser Bettlerin führen, damit ihr alles, was ihr hättet, hingäbet, bis sie genug hätte.«

Die Blicke der Zuhörer, die anfangs mit Spannung an dem kühnen Manne gehangen hatten, von dem man wußte, daß er in Sizilien die Pestkranken gepflegt hatte und daß, wo er auch sprach, ein Hauch der Freiheit durch seine frommen Worte wehte, dann aber sich von ihm verloren hatten und zerstreut den steinernen Bogen gefolgt waren, die schwer und weich am grauen Abendhimmel hinwallten, kehrten hastig zu ihm zurück, als er die Bettlerin erwähnte, in der alle mit vertrautem Verständnis ein Bild Italiens erkannten. Man beugte sich hoffend vor oder horchte lauernd, fast flüsterten unbewußt sich lösende Lippen schon, was er verhüllte, den Namen des Vaterlandes, an dessen Auferstehen aus Knechtschaft und Verkommenheit die schaffenden und schwärmenden Geister des Jahrhunderts ihr Leben wagten; aber der Prediger ließ das angefangene Gleichnis fallen und ging unvermittelt zu der weiteren Ausführung seines Gegenstandes über, wobei er gleichmäßig bis zum Schlusse blieb. Als er aber geendet hatte und einige schon von ihren Plätzen aufgestanden waren, teils um den Mönch besser zu sehen, teils um Bekannte zu begrüßen, machte er ein paar Schritte von der Kanzel bis zu einer freien Stelle des Umgangs, ließ sich auf ein Knie nieder, zögerte noch einen Augenblick und sagte dann, die Arme nach oben ausbreitend, mit warmer Stimme in die bebende Stille hinein: »Gott, segne Italien!« Beim Erklingen des geliebten und verhängnisvollen Namens erstarrte die Menge; plötzlich aber stürzten Tausende auf die Knie, und wie wenn der Frühling mit einem alten Zauber die Erde segnete und Wasser lebendig aus den erweichten Schollen quölle, antwortete ein tiefes Schluchzen dem Gebete der Revolution.

Nach einer Weile bewegte sich die genannte Masse und ergoß sich die hohen Stufen hinunter Ugo Bassi entgegen; seine Hände wurden ergriffen und von brennenden Lippen berührt, sein Name hallte von den ungeheuern Mauern wider, und diejenigen, die noch oben standen, rissen Büschel wilder Reseda und Stränge wuchernden Schlingkrauts ab, die über das Gemäuer hingen, und warfen sie unter Jubelrufen auf ihn hinunter. Es gelang Brunetti, sich zu dem Gefeierten durchzudrängen, und als er dicht an seiner Seite stand, flüsterte er ihm ins Ohr: »Auf hundert, die Euch anbeten, ehrwürdiger Vater, sehe ich einen, der Euch den Dolch ins Herz stoßen möchte. Solange Ihr in Rom seid, müßt Ihr erlauben, daß ich Euch begleite. Ich habe einige von diesen Leckermäulern erkannt, auch solche, die sich in schwarze Mäntel vermummt hatten, die Uebelkeit und Magenkrämpfe bekommen, wenn eine italienische Suppe auf dem Speisezettel steht.«

Ugo Bassi fürchtete sich durchaus nicht; er fühlte sich wohl, wenn das Leben in Gefahr und Abenteuer hoch um ihn her wogte, und obwohl er sich für einen rechten Mönch hielt, für den eintönigen Dienst in Zellen und Klostergängen geschaffen, war ihm sein Stand im Grunde deshalb teuer, weil er ihm ermöglichte, einem irrenden Ritter gleich zu wandern, frei von der Fessel eines Berufes, auf den Zufall jedes Tages angewiesen. Er liebte das Leben und alles Lebendige mit Inbrunst und eigentlich abgöttisch, und weil er aus diesem Grunde mehr, als für gewöhnlich im menschlichen Gefühle liegt, unter der Vergänglichkeit aller Dinge litt, verfiel er oft aus überschwenglichstem Genießen in ebenso leidenschaftliche Todessehnsucht. Das kinderhafte Verhältnis zum Leben, daß er nämlich eigentlich keinen andern Zweck darin verfolgte als eben den, so innig wie möglich zu leben, prägte sich auch in seinem Aeußeren aus. Er war siebenundvierzig Jahre alt, aber seinem Gesicht gaben die weit auseinander stehenden Augen und der träumerische Blick voll erwartungsvoller, fast staunender Empfänglichkeit etwas Kindliches, und die Schlankheit seiner Gestalt ließ ihn von fern einem Jüngling gleich sehen; in Augenblicken der Trauer und Müdigkeit jedoch schien er ein alter Mann zu sein.

Aus den tiefhängenden Wolken floß jetzt weich und lautlos wohlriechender Regen, unter dem die Menschen zu Fuß und in offenen Wagen in froher Unruhe hin und her wogten. Brunetti führte den Mönch, den er in seinen Schutz genommen hatte, in sein Haus vor der Porta del Popolo und hätte sich gern in der Wirtsstube, die er zu ebener Erde hauptsächlich für seine Fuhrleute hatte, mit ihm gezeigt, sowohl um mit dem edeln Gaste zu prahlen, wie damit er beiläufig die richtige patriotische Gesinnung verbreiten helfe, doch verzichtete er darauf, als Bassi sagte, er sei müde und wolle lieber den Abend mit ihm allein in der Familie zubringen. Brunettis Frau, Lucrezia, stammte, wie er selbst, von einem altangesessenen Geschlechte; ihre Augen und Brauen und die starken Haare waren von schwarzer Farbe, sie hatte große und regelmäßige Züge und hätte herrisch ausgesehen, wenn nicht die Wärme mütterlichen Liebens sie umgeben und die Fülle ihrer stattlichen Gestalt ihr einen Ausdruck von Behaglichkeit verliehen hätte. Sie hatte außer Lorenzo einen zwölfjährigen Sohn namens Luigi, der ihr Liebling war, und ein kleines Mädchen von vier Jahren, das dem Vater glich, sowohl äußerlich als insofern es ein sicheres und wohlgemutes Temperament hatte und die widrigen Dinge mit einem spaßhaften Einfall abzulenken wußte. Lucrezia regierte das Haus und die Kinder und die armen Leute, die von ihr abhingen, mit Liebe und Gerechtigkeit und hörte nicht ungern, wenn man sie die Königin von Rom nannte; aber wie sehr sie sich auch ihres Wohlstandes und des Ansehens, das sie mit ihrem Manne besaß, erfreute, so legte sie doch, als von Kind auf daran gewöhnt, keinen allzu großen Wert darauf, und der Stolz, der ihre schönen Brauen hob, ruhte zum größeren Teile auf dem glücklichen Besitze des geliebten Mannes und der vergötterten Kinder. Die Ansichten und Bestrebungen ihres Mannes teilte sie in bezug auf die Kirche, indem sie den Papst verehrte, von den Pfaffen im allgemeinen aber nichts wissen wollte und, obwohl sie fleißig zur Kirche ging, sich die Geistlichen mit Würde vom Leibe zu halten wußte, außer wenn sie ihrer aufrichtigen Gesinnung gewiß war; in bezug auf das politische Wesen, insofern sie einsah, daß üble Zustände im Kirchenstande herrschten, daß es mit der Regierung schlecht bestellt sei und alles von Grund aus müsse geändert werden; jedoch für die übrigen Länder der Halbinsel hatte sie kein Interesse, weder für Neapel noch für Piemont und die Lombardei, und fand es zwar natürlich, daß diese, wie alle Reiche der Welt, zu Rom als zu ihrem herrschenden Haupte aufblickten, nicht aber, daß die Römer sich mit ihnen einließen, und etwa gar in Formen, die der Heilige Vater mißbilligte. Es kam vor, daß sie darüber mit ihrem Manne und besonders mit Lorenzo, der noch weit revolutionärere Meinungen hatte als sein Vater, Streit bekam, aber während Brunetti dabei nicht selten in einen lärmenden, wenn auch kurzlebigen Zorn geriet – er hatte schon als Kind sowohl wegen der blinkend roten Farbe seiner Wangen wie wegen seines leicht zum Aufflammen geneigten Temperamentes den Beinamen »das Feuermännchen« erhalten –, gehörte es zu der Würde ihrer Natur, daß die Aeußerungen ihrer Gefühle nicht über ein ziemliches Maß hinausgingen, ohne daß sie sich sonderlich zu beherrschen brauchte.

Die Männer waren kaum in die Wohnstube eingetreten, als sich ein Wortwechsel zwischen Angelo Brunetti und Lorenzo entspann, weil dieser noch ausgehen und einen etwas älteren Freund namens Locatelli besuchen wollte, einen Mosaikarbeiter, der nach seiner Person den Eltern genehm gewesen wäre, aber einer Vereinigung vom blutigsten Charakter angehörte, weswegen Lorenzo nicht mit ihm verkehren sollte. Es war kürzlich ein Brief von Locatelli an Lorenzo aufgefunden, auf welchem in einer Ecke das kleine Bild der römischen Wölfin mit einem Dolch im Rachen angebracht war als Symbol des Vereins, und ein heftiger Auftritt hatte sich daran geknüpft; es brachte Brunetti und seine Frau besonders auf, daß Lorenzo nicht einmal ein Hehl daraus zu machen versuchte, daß er den Umgang trotz des Verbotes fortsetzte.

Jetzt hielt Brunetti seinem Sohne, drohend vor ihn hingestellt, nochmals das schon oft Gesagte vor; daß die Pfaffen allerdings Heuchler, Faulpelze und Wüstlinge seien, die der Teufel allesamt holen könne, daß aber mit Verschwörertücke nichts Gutes begründet werde; der Römer müsse immer das Gesetz achten und, wenn es schlecht sei, dahin wirken, daß ein besseres aufgerichtet werde, mutig und unbeugsam, aber offen unter der Sonne. Mord sei die Waffe der Sklaven und der Pfaffen, freier Römer unwürdig; im erklärten Kampf einen Gegner töten oder den auf böser Tat ertappten Frevler niederstoßen sei der Ehre gemäß, Mord aus Parteihaß schändlich. Lorenzo stand dem Vater stramm gegenüber, blickte ihm fest in die Augen, die Mienen weder zum Lächeln noch zum Zorn verziehend, so daß sich in seiner Haltung ein wenig mehr Ehrerbietung als Trotz ausprägte, und antwortete nur das Notwendige mit knappen Worten: Ohne Gewaltsamkeit könne man eine schlechte Regierung nicht stürzen; durch Priestertücke seien zahllose menschliche Opfer gefallen; ob Vernunft und Ehre erfordere, daß man sich scheren und schlachten lasse wie Schafe? Blut müsse fließen, aus Blut wachse das Leben. Uebrigens wolle er in den Verein nicht eintreten, bevor er mündig sei; er besuche nur einen Freund, der der Freundschaft wert sei. Das Benehmen Lorenzos pflegte seinen Vater jedesmal zum Aeußersten zu bringen; helles Feuer sprühte aus seinem runden, festen Gesicht, er gestikulierte heftig mit den Armen und brüllte: »Geh! Fahr hin in deiner gottlosen Bosheit! Aber wenn ich höre, daß du etwas tust, was meine Ehre befleckt, so wisse, daß ich dich zusammensteche wie ein störrisches Kalb!« Lorenzo sagte mit demselben ernsten und bescheidenen Gesicht und einer anmutigen Verneigung des Kopfes: »Du bist mein Vater!« küßte dann seine Mutter, die sich in der Küche zu tun gemacht und scheinbar nicht um die Streitenden bekümmert hatte, grüßte den Mönch und entfernte sich. Luigi, der kleine Blonde, der während des Streites bald seinem Vater, bald seinem Bruder zwinkernde Zeichen zu geben versucht hatte, die jedem bedeuten sollten, daß der andre es nicht böse meine, flüsterte jetzt seinem Vater ins Ohr, er sei sicher, Lorenzo werde bald wiederkommen und vielleicht den Locatelli gar nicht sehen, sondern tue nur des Grundsatzes wegen so, als ob er ihn besuche, wofür er einen Kuß auf den frischen Mund erhielt. Brunetti hatte seine Fröhlichkeit bereits wiedergewonnen, wischte sich den Schweiß von der Stirne und lud Bassi, der inzwischen eine große rotgelbe Katze auf dem Schoße gehalten und gestreichelt hatte, mit herzhaften Worten ein, zu Tische zu kommen, da das Essen schon aufgetragen sei. Da der Mönch den reichlichen Speisen nur mit mäßigem Hunger zusprach, bemerkte Brunetti unmutig, ihm gefielen solche Gäste nicht, die es sich nicht schmecken ließen, worauf jener lachend erwiderte: »Und schimpft doch die Geistlichen Dickschwein und Vielfraß, wenn sie es tun.« Brunetti besann sich ein wenig und sagte dann: »Es ist so, der Gehaßte kann es einem nicht recht machen, und dagegen ist nichts einzuwenden; das Warum und Weil ist eben der Haß.« Es begann nun ein Gespräch über den neuen Papst und was nach seinem bisherigen Leben von ihm zu erwarten sei, ob er dem allgemeinen Verlangen nach Verbesserungen im Staate nachgeben und wie er sich zu Oesterreich stellen werde, wenn die Lombardei aufstände und sich losrisse. Sie saßen noch am Tische, als Lorenzo wieder eintrat und sich neben seinen Vater setzte, als ob nichts zwischen ihnen vorgefallen sei, der ihn seinerseits liebevoll um die Schulter faßte und zum Essen nötigte. Nachdem noch eine Weile über die allgemeinen Angelegenheiten geredet worden war, woran sich auch die Hausfrau beteiligte, führte Brunetti den Gast in das für ihn bestimmte Zimmer, das eine Treppe höher gelegen war. Ugo Bassi öffnete ein Fenster und beugte sich weit heraus; es regnete jetzt stark, und durch die dunkle Nacht hörte man das leidenschaftliche Rauschen der Ulmen und Weiden auf den Pariolischen Bergen, die man nicht sehen konnte; kaum waren die Umrisse der gegenüber liegenden Häuser zu erkennen. Indem er sich halb auf das Fensterbrett setzte, sagte Bassi zu seinem Wirt, er wolle ihm einen Traum mitteilen, den er vor einigen Nächten geträumt habe und an den er beständig denken müsse; und nachdem Brunetti sich dicht zu ihm gestellt hatte, erzählte er folgendermaßen: »Ich befand mich neben einer edeln Frau, die wie eine Gefangene oder Kranke schmerzhaft hingestreckt lag, und es war mir bewußt, daß dies Italien sei. Ich fühlte mit der Unglücklichen heftiges Mitleid und konnte doch, ich weiß nicht warum, nichts tun, um ihr zu helfen. Auf einmal drang aus ihrer verfallenden Brust ein Weheruf: Wer errettet mich? der meine Gefühle aufs äußerste erregte, so daß ich ihr mein Blut zu trinken gegeben hätte, wenn sie dessen bedurft hätte. Ich wollte Menschen rufen, damit andre ihr beistehen könnten, aber der Ort, wo wir uns befanden, war ein Raum ohne Weg und Steg, Richtung und Grenze, in dem meine Worte nicht weitergetragen wurden, sondern lautlos tot von den Lippen fielen. Nach einer Weile rief sie zum zweiten Male: Wer errettet mich? Und als sie es zum dritten Male gerufen hatte, antwortete eine Stimme: Ich! Es war eine Stimme, die den wüsten Raum mit Glanz und Klang füllte, eine solche, wie die Gottes gewesen sein mußte, als er sprach: Es werde Licht! und es Licht ward. Meine Angst, die Einsamkeit und das Gesicht selbst verschwanden, und es blieb in mir nur ein Zustand schwingender Erfülltheit, womit ich erwachte.« Brunetti, der mit wachsender Spannung zugehört hatte, beugte sich ganz zu dem Freunde hinüber und fragte flüsternd: »Wessen war die Stimme? War sie des Heiligen Vaters?« worauf Ugo Bassi eine Weile schwieg und sann, dann aber mit Entschiedenheit antwortete. »Nein, nein, nein! Als er mich vor einigen Tagen empfing, zitterte auch ich vor Erwartung und Hoffnung, daß sie es wäre, aber obwohl angenehm und nicht ohne Musik, ist sie mit jener nicht zu vergleichen. Jene, die ich im Traume hörte, war wie ein goldner Pfeil, der die Mitte der Herzen trifft, ohne zu verletzen, weich wie Tauwind und gewaltig wie ein schmetternder Marsch, von Trompeten geblasen, der Tausende mit Lust in den Tod reißt; die des Papstes schmeichelt wohl dem Gehör, aber unterwirft sich die Seele nicht.«

Brunetti, der sich mit mehreren andern Persönlichkeiten von Gewicht nach allerlei Anzeichen und Gerüchten die Ueberzeugung gebildet hatte, der neue Papst wolle und müsse der Erlöser Italiens werden, schüttelte bedenklich den Kopf und warnte den Priester, sich nicht von seiner Phantasie irreführen zu lassen. Dieser lächelte und wiegte beruhigend die Hand; dennoch sagte er, als sie sich trennten und nachdem er seinem Gastwirte gedankt hatte, zwischen Ernst und Scherz: »Ich gehe jetzt nach Bologna und weiter nach Ravenna; sollte ich irgendwo die Stimme meines Traumes hören, würde ich ihr gehorchen, und wenn sie mir geböte, Feuer an Sankt Peter zu legen oder den Heiligen Vater zu verfluchen.«

*

Einige Zeit nachdem Pius IX. die große Amnestie erlassen hatte, nach welcher allen politischen Verbrechern, die in den Kerkern des Kirchenstaates lagen oder in fremde Länder verbannt waren, freie Rückkehr gestattet wurde, wenn sie versprächen, künftig nichts gegen die päpstliche Regierung zu unternehmen, sprach Angelo Brunetti auf der Piazza Navona zum Volke, um den ersten Amnestierten, die am folgenden Tage in Rom ankommen sollten, einen festlichen Empfang zu bereiten. Der geräumige Platz war voll von Menschen, unter denen sich neben Tagdieben und Herumtreibern auch viele Handwerker und Krämer, Herren und Damen der höheren Stände und Fremde befanden, nicht nur, weil der Gegenstand alle bewegte, sondern auch, weil es Sache des guten Tones war, den allbekannten Volksmann und König von Rom gesehen und gehört zu haben. Er stellte sich auf die zur Kirche der heiligen Agnes hinaufführenden Stufen, so daß er von überall her gesehen werden konnte, und sprach in ungesuchter, doch keineswegs kunstloser Weise mit musikalisch singendem Ton und starken, ausgiebigen Bewegungen, die besonders bei bedeutsamen Stellen, wo er sich ganz vergaß, außerordentlich machtvoll wurden. »Meine Freunde,« sagte er, »haltet euch ruhig und horcht aufmerksam in die Runde. Was hört ihr? Das Bimmeln der Gebetsglocken, das Rasseln der Karren und Wagen auf dem Pflaster, das Trompeten der Esel, das feilbietende Geschrei der Obstverkäufer und Wasserträger und Zeitungsburschen. Hört ihr nichts weiter? Ich ja. Ich höre aus der Ferne ein unruhiges Rauschen, wie wenn ein Sturm käme und die Mauern Roms umschlingen wollte, ein Schluchzen, wie wenn die Erde unter Rom weinte, einen pochenden Marsch von Trommeln und Pauken, ein Stürzen taumelnder Schritte auf zitternden Steinen: Die Wiederkehrenden sind es! Rom, deine Wiederkehrenden, Rom, deine Kinder, die sich anbetend in deinen Staub werfen! Denkt es und fühlt es: Hier schwankten Rosengärten über kühlende Mauern; hier sprudelte lauterstes Wasser aus dem Gebirge der Brunnen; hier warfen dichtgelockte Bäume Schattengründe auf den heiligen Boden; hier thronte am Firmament Sankt Peters Kuppel und darüber die Sonne; hier begrüßten sich die Begegnenden in den schmelzenden Tönen unsrer glorreichen Sprache; indessen jene in Kerkerzellen, wie tote Hunde in den Graben geworfen, faulten oder in Ländern jenseits der Berge und des Meeres ihr Fremdlingsherz von gleichgültig Geschäftigen mußten zertreten lassen. Gott, welche Heimkehr! Einst waren sie die Tapfersten und Trotzigsten und Besten und wagten ihr herrliches Leben an des Vaterlandes Freiheit; arm und siech und sterbend kehren sie wieder.«

Er nannte dann Namen und Taten derer, die erwartet wurden, und pries sie, namentlich Giuseppe Galletti aus Bologna, einen ernsten und kühnen Mann, dessen Leben im Wechsel von Kampf und Leiden und neuem Aufschwung verflossen war, und Felice Scifoni, einen Römer von so gelassener Freiheitsliebe und Tüchtigkeit, daß er der Verfolgung der Mächtigen zwar nicht entging, aber von Beifall und Bewunderung oft übergangen wurde; und forderte alle auf, ihre Häuser mit Kränzen und Teppichen zu schmücken und durch feierliche Gegenwart den Duldern Dank und Ehre zu erweisen. Nicht minder aber, sagte er zum Schlusse, sei dem Heiligen Vater als dem Urheber der Gerechtigkeitsakte zu huldigen. Päpste hätten auf dem Stuhle Petri gesessen, die im Namen Gottes geschwelgt und gebrandschatzt, gekreuzigt und verflucht hätten, die den Barbaren, der die eignen Kinder geknechtet und beraubt hätte, »lieber Sohn« genannt und den Römer, der ihm hätte wehren wollen, in den Kerker geworfen hätten. Pius IX. habe, wahrhaft ein Gesandter des Himmels, die Begrabenen auferstehen lassen, er löse alle Ketten und kröne die Freiheit, die von den Fürsten bisher als brandstiftende Zigeunerin von Haus und Hof gejagt worden sei, zur Königin aus Gottes Gnade.

Nachdem er ausgesprochen hatte, ging Brunetti die Freitreppe hinunter, hielt seinen krausen Kopf unter den Strahl des Brunnens der vier Weltströme, schüttelte sich laut prustend und ging, beständig gegrüßt und grüßend, nach Hause, wo ihn seine Frau, da er unterdessen vielfach verlangt und vermißt worden war, mäßig scheltend empfing. Sie war mit dem weitergreifenden politischen Treiben ihres Mannes nicht mehr ganz einverstanden, einmal, weil er immer häufiger außerhalb des Hauses war, besonders aber, weil er anfing, mehr Geld auszugeben, als dem Haushalte zu entsprechen schien, und zwar nicht wie früher, so daß es einzelnen zugute kam und man wußte, wo es blieb, sondern es verfloß hierhin und dorthin zu großen allgemeinen Zwecken und diente nicht Personen, sondern Begriffen, die ihrer Meinung nach des Geldes nicht bedurften. Auch ärgerte es Lucrezia, daß er die Gewohnheit angenommen hatte, wenn er Wohltaten erwies, sei es einem einzelnen oder einer Körperschaft oder einem Vereine, sich dabei als Bevollmächtigter des Papstes auszugeben, und sie suchte ihn durch die Bemerkung zu reizen, er komme ihr vor wie der Sklave eines reichen Patrons, der von Haus zu Haus gehe und austeile und dabei stets wiederhole: »Von meinem gnädigen Herrn Pius IX.«; als ob nicht alles aus seinem guten Willen und seinem guten Geldbeutel fließe.

Waren ihr die Päpste bisher wie eine unantastbare Himmelsmacht vorgekommen, so fing sie an dem jetzigen zu zweifeln an, da er der Unterstützung seiner Untertanen zu bedürfen schien. Brunetti antwortete auf ihre Neckerei: »Eben, weil alles mein ist, was ich im Namen des Heiligen Vaters gebe und tue, tue ich es nicht als sein Sklave, sondern als sein treuer Dienstmann.« Pius sei ein Mann mit zwei Herzen, einem roten, warmen, tätigen und einem dunkeln und trägen, und man müsse sorgen, jenem guten eine Partei zu gewinnen, da leider auch das häßliche eine habe. Er hielt es für besser, nicht einmal seiner Frau zu sagen, daß alles, was er tat, die festlichen Veranstaltungen, die Huldigungen, die ganze zur Schau getragene Anbetung des Papstes nicht dem Gefühl allein entsprungen seien, sondern ebensosehr der Berechnung, daß er mit diesen Rosenschlingen an die vaterländische Partei sollte gebunden und berauscht und geblendet auf ihrer Bahn fortgezogen werden.

Es war in Brunettis Abwesenheit ein Brief von Giuseppe Mastai, einem Bruder des Papstes, überbracht worden, einem Edelmann ohne feine Bildung, der, in jakobinischen Ideen aufgewachsen, die Kirche haßte, den Grundsatz von der Freiheit und Gleichheit aller Menschen verfocht und vom verwichenen Papste als Karbonaro in das Mamertinische Gefängnis geworfen worden war; er schrieb, daß er von der Amnestie seines Bruders keinen Gebrauch machen, sondern als Flüchtling und Feind im unzugänglichen Gebirge hausen wolle. Er sprach seine Verwunderung darüber aus, daß so viel Aufhebens von der Amnestie gemacht werde; ob man noch nicht wisse, daß sein Bruder es liebe, beim Spazierengehen Zuckerwerk unter die Kinder zu verteilen, damit sie ihm zujubelten und seine Hände küßten? Ob er, Brunetti, nicht wisse, daß sein Bruder, wenn er ihn in Audienz empfangen und liebevoll und verständig mit ihm gesprochen habe, hernach Witze über ihn mache? Sein Bruder sei eitel, feige, unwahr und wollüstig und habe die Natur der Weiber, sich erst mit dem Blute edler Herzen vollzusaugen und dann unter die Faust eines Teufels zu kriechen und zu zittern.

Brunetti verstand den Sinn des letzten Satzes nicht und bemühte sich auch nicht darum, eher versuchte er sich den ganzen Inhalt des Briefes aus dem Sinne zu schlagen; aber er konnte sich einer unheimlichen Empfindung nicht erwehren. Wenn der Charakter des Papstes so unzuverlässig war, wie sein eigner Bruder sagte, so konnte es leicht geschehen, daß die Partei der Sanfedisten, welche im alten Unflat der unumschränkten Priesterherrschaft sitzen bleiben wollte, die Oberhand gewann, und daß er dann diejenigen, die das Werkzeug oder gar die Triebfeder seiner anfänglichen Liberalität gewesen waren, verpönen, vielleicht sich ihrer ganz entledigen würde; Brunetti wußte viele Beispiele von der Grausamkeit päpstlicher Strafe und Rache. Während er unruhig im Zimmer auf und ab ging, lief ihm eine Reihe von Vorstellungen durch den Kopf, an deren Ende er seine Frau und seine Kinder, elend und gemieden, sich von Haus zu Haus betteln sah, ohne daß er helfen konnte; ein Gefühl von Uebelkeit und Schwäche überlief ihn plötzlich, und er stieß die Fensterläden auf, um Luft einzulassen, mußte sie aber sogleich wieder schließen, weil das Sonnenlicht wie eine Flamme hineinschlug. Indessen verging das Grauen schnell: der innere Quell seines Frohmuts floß zu tief, als daß er sich so leicht hätte verschütten lassen; er zerriß den Brief in kleine Stücke und lachte über sich selbst, daß er sich durch die vielleicht im Unmut hingeworfene Ansicht eines Mannes, der viele andre widersprachen, hatte beeinflussen lassen. Er hatte den Papst häufig gesehen und einigemal gesprochen und hielt ihn, wenn er auch seine Schwächen haben mochte, für einen edeln, liebenden Mann, was füglich Gewähr genug war; überhaupt aber mußte man jetzt vorwärts gehen, wollte man nicht den Augenblick, wo Italiens Geschick sich zum Heil wenden könnte, verpassen, und in der Entschlossenheit, mit der man es tat, lag die beste Bürgschaft des Gelingens. Er umarmte seine Frau, die ihn forschend betrachtet hatte, mit mutwilligem Ungestüm und zog sie behutsam in das große Schlafzimmer, wo ihr Neugeborenes, ein Mädchen von vier Wochen, in der Wiege lag. Neben der kleinen Maria, die gravitätisch schaukelte, niederkniend, staunte er das eingewickelte Wesen an, das nach ihm Angela benannt worden war, und berührte mit andächtigen Lippen ein paar Zehen, die sich aus den Windeln herausgearbeitet hatten und wie die rosigen Schnäuzchen weißer Mäuse hervorguckten. Er hatte für dieses Kind nicht nur die unterwürfige Zärtlichkeit, die er jeweilen für das Jüngste empfand, es kam ihm besonders ehrwürdig vor, weil es geboren war, als Pius IX. die Amnestie erlassen hatte, und er glaubte, es müsse in ebender Vollendung und Begnadigung heranwachsen wie die neue Zeit, deren Morgenröte an den ersten Tagen ihres Lebens über der Erde aufgegangen war.

Es war bekannt, daß der Papst die Vesper in der Kirche der heiligen Dreifaltigkeit auf der Höhe abhalten würde, deswegen hatte Brunetti den Spanischen Platz zu dem Orte bestimmt, wo ihm die Huldigung wegen der Ankunft der Amnestierten sollte dargebracht werden. Als nun Pius aus der großen Pforte trat, die auf die zum Platze hinunterführende Freitreppe geht, um in seinen Wagen zu steigen, sah er ein Volk zu seinen Füßen, aus dessen Summen und Brausen bei seinem Anblick ein einziger, langanhaltender Schrei des Jubels aufklang. Es überkam ihn ein leichter Schwindel, so daß er den Arm seines Begleiters, des Kardinals Lambruschini, ergreifen mußte; doch war dies Gefühl ebenso reizend wie ängstlich, und er gab ihm lächelnd nach. Anfänglich sah er nichts als eine große bunte Bewegung, die über die Treppenstufen, über die Häuser und Dächer schwankte und von rötlichem Goldfluß überall durchdrungen war, denn die Sonne stand gerade über dem Platze; dann unterschied er ungeduldig stampfende Pferde vor Karossen, in denen nach feinster Mode gekleidete Herren und Damen aufrecht standen, wehende Tücher und Hunderte von Armen, die sich in hingebender Begeisterung nach ihm ausstreckten. Auf beiden Seiten der Treppe standen von unten bis oben Frauen in der Gebirgstracht, die Körbe voll Rosen auf den Köpfen trugen, und er bemerkte, als er sie wohlwollend betrachtete, daß sein Wagen, anstatt oben vor der Kirche, unten auf dem Platze wartete, damit er sich gleichsam zum Volke herablassen und seine Huldigung in Empfang nehmen müsse. Der Ausdruck von Ueberraschung und Freude, der sich in seinen Zügen malte und den er mit Absicht steigerte, um dem Wunsche seiner Verehrer zu genügen, entzückte alle, die es sahen, um so mehr, als sein Gesicht von Natur, besonders wenn es Freundlichkeit ausstrahlte, hübsch und einnehmend war. Als er sich anschickte, die Treppe hinunterzusteigen, neigten die Frauen die Körbe, so daß die Rosen auf die Stufen stürzten und die besonnten Steine von ihrem Ueberfluß verhüllt wurden, und gleichzeitig wälzten sich die Rufe: »Evviva! Heil unserm Vater! Heil unserm König, dem Erlöser Italiens!« ihm entgegen und schienen ihn stürmisch umschlingen und fortreißen zu wollen. Die Empfindung des Schwindels wurde in diesem Augenblick so stark, daß ihm war, als ob er sich in das laute Gewoge hineinwerfen müsse und als ob das eine Lust sein würde. Tränen strömten über sein Gesicht, und als er die Arme zum Segnen erhob, war er sich nicht deutlich bewußt, ob er dabei dieselbe Mischung von herzlicher Liebenswürdigkeit und weltmännischer Würde an sich hatte, womit er vor großen Versammlungen aufzutreten liebte. Im Weitergehen zitterten ihm die Knie, so daß er glaubte, es müsse ihm jeder ansehen, dennoch wies er ungeduldig den Arm des Kardinals zurück, der nun hinter ihm die Treppe hinabstieg, und vollendete den Weg allein.

Am Wagen stand Angelo Brunetti mit lachenden Augen, vergnügt über den glücklichen Verlauf des Festes und weil er zugleich sein eignes Glück und seine Herrlichkeit weithin konnte glänzen lassen. Sein Anblick war dem Papste erfreulich, denn Kraft und Gesundheit waren ihm an Männern, die er sich ergeben wußte, angenehm, und die einfältige Geradheit und Herzensgüte des Volksmannes, der von der Schlauheit, die er besaß, aus einem angeborenen Hange zur Größe nur selten Gebrauch machte, bewunderte er zwar nicht, aber sie flößten ihm ein gewisses Zutrauen ein, wie man es etwa zu der Unschuld eines Kindes hat. Er ergriff geschickt die Gelegenheit, Brunetti gleichsam als dem Vertreter des römischen Volkes für die Huldigung zu danken, worauf er ihm die Hand zum Kusse reichte, dann stieg er unter fortwährend erneutem Jubel in den Wagen, der sich nur langsam Weg durch die Menge bahnen konnte. Als sie außerhalb des Gedränges waren, sagte Kardinal Lambruschini vorsichtig lächelnd: »Eure Heiligkeit glichen droben vor der Kirche unserm Heiland Jesus Christus, dem der Satan vom Berge herunter die Pracht der Welt zeigt.« – »Die Rosen hatten Dornen,« erwiderte Mastai schnell, »barfüßig hätte ich die Treppe nicht hinuntergehen mögen;« konnte aber trotz der gutgelaunten Antwort seinen Verdruß über die Bemerkung des Kardinals nicht ganz verwinden und lehnte sich mit geschlossenen Augen in den Wagen zurück, wie wenn der große Auftritt ihn ermüdet hätte.

Brunetti trug Sorge dafür, daß die Worte, die der Papst zu ihm gesagt habe, allgemein bekannt wurden, nämlich: treue und furchtlose Männer wären ihm in dieser schicksalvollen Zeit vonnöten, und legte sie selbst dahin aus, daß der Heilige Vater kriegerische Ereignisse voraussehe, sei es, daß das Ausland sich der Liga, die er mit andern italienischen Staaten abschließen wollte, widersetzen sollte, sei es, daß er an die Ausbreitung der neuen Freiheit über die ganze christliche Erde dächte. Zwar konnte sich der Papst nicht entsinnen, etwas andres zu Brunetti gesagt zu haben, als daß er ein treuer und zuverlässiger Mann sei, und hatte jedenfalls, was immer er gesagt haben mochte, dabei nur die Absicht gehabt, etwas verlauten zu lassen, was dem Volke angenehm wäre; aber die ihm in den Mund gelegten Worte waren ihm nicht zuwider, und er erkannte sie bald als seine eignen an, da er mit Vorliebe von hohen Dingen und Taten, deren Mittelpunkt er selbst wäre, träumte und bis zu dem entscheidenden Augenblicke, wo gehandelt werden muß, seiner Phantasie einen Tummelplatz ohne Schranken gönnte.

*

Unter den letzten, die aus den Gefängnissen heimkehrten, war Amedeo Desanto, ein junger Mensch von kaum zwanzig Jahren, der um 1844, zur Zeit als die venezianischen Brüder Bandiera bei dem unglücklichen Versuch, im Königreich Neapel die Revolution zu entzünden, den Tod gefunden hatten, mit seinem Vater von den Häschern des Papstes gefangen und wegen der Beteiligung an diesem Aufstande in den Kerker geworfen worden war. Sein Großvater war in der Revolution des Jahres 1831, die auch sein Vater mitgemacht hatte, gefallen, doch war er selbst, trotz dieser Ueberlieferungen, gleichgültig in politischen Dingen, überhaupt noch unreif und von kindlicher Sinnesart und spielte am liebsten törichte Spiele mit kleinen Kindern; einzig die Liebe zu seinem Vater, der sein Abgott war, hatte ihn bewogen, an allen Verschwörungen und Aufständen teilzunehmen, in denen jener mit Leib und Seele tätig war. Der Anblick des im Kerker dahinsiechenden Knaben bewog den Vater, einen Fluchtplan auszusinnen, den die meisten widerrieten, andre billigten und unterstützten; da er mißglückte, wurde Desanto als der Urheber getötet, nämlich gehängt, den übrigen Beteiligten ihre Strafe verschärft und verlängert. Seit dieser Zeit verfiel Amedeo, der, solange er seinen Vater in der Nähe wußte, sich bemüht hatte, heiter zu erscheinen, in stumpfen Trübsinn, so daß er kaum noch Speise zu sich nahm und keine andre Empfindung äußerte als Heimweh, während er Vater und Mutter und Freunde vergessen zu haben schien. Die, welche die Zelle mit ihm teilten und ihn pflegten, trugen schwerer an dieser eintönigen Melancholie als an ihren Ketten, hatten aber den Jungen lieb und gaben sich Mühe, ihn zu zerstreuen und ihn zum Essen zu bewegen. Ihr erster Gedanke, als die Amnestie verkündet wurde, war, wie glücklich Amedeo sein würde, Rom wiederzusehen, wäre es auch nur, um dort zu sterben, denn daß er seine Gesundheit wiedererlangen würde, schien ausgeschlossen; anstatt aber sich zu freuen, verzog er bei der Mitteilung das Gesicht zum Weinen, klammerte sich ängstlich an die Kerkerwand, von wo man ihn, wie er sagte, zum Galgen reißen wollte, und es zeigte sich, daß sein Geist zu gestört und befangen war, um, was man ihm sagte, aufzunehmen. Er mußte mit Gewalt auf ein Fuhrwerk gebracht werden, um die Heimreise anzutreten, und ließ sich schließlich alles gefallen, nur daß er leise vor sich hin weinte; aber als man sich der Stadt näherte, seine Landsleute ihm die Gegend wiesen und, selbst hingerissen, riefen: »Siehst du die steinernen Bogen, die mit uns gehen? Siehst du die Zypressen vom Aventin und den Turm vom Kapitol? Siehst du es nicht? Das ist Rom!« versteckte er das Gesicht in den Händen und jammerte: »Hättet ihr mich gelassen, wo ich war! Ihr führt mich zum Galgen!« und war von dieser schauderhaften Vorstellung nicht zurückzubringen.

Das Haus seines Vaters befand sich in der Nähe des Schildkrötenbrunnens, wurde aber jetzt von andern Leuten bewohnt; denn die Mutter hatte auf die Nachricht vom Tode des Vaters selbst Hand an sich gelegt, und es war von der Familie nur noch eine alte, kindische Großmutter übrig, der die neuen Besitzer gegen allerlei kleine Dienstleistungen, die sie noch verrichten konnte, eine Kammer auf der Terrasse eingeräumt hatten. Diese nickte und lachte, als man ihr den Enkel herauftrug, pflegte und streichelte ihn, ohne zu begreifen, in welcher Beziehung sie zu ihm stand; nur manchmal wurde ihre Miene, indem sie ihn betrachtete, ernst, sie glich dann den uralten Heiligengesichtern voll starren Grames, wie sie halberloschen an den Mauern unterirdischer Kirchen sich noch finden, und man glaubte, sie würde den Mund zu furchtbaren Verkündigungen öffnen; aber es waren nur Augenblicke. Man bettete den Sterbenden auf die Terrasse, wo er am Morgen die Sonne und abends und nachts die lindernde Kühle genießen und wo er Rom bis zum Meere vor Augen haben könnte; aber seine gemarterte Seele hatte sich schon verhüllt wie eine Tote und nahm nichts mehr wahr. Als er, am dritten Tage nach seiner Ankunft, im Sterben lag, holte die Alte einen Geistlichen, der zufällig in dem hohen, geräumigen Hause wohnte, damit er ihm die Sakramente brächte und die Sterbegebete spräche; der jedoch, ein älterer, verdrossener Mensch, als er inne wurde, um wen es sich handelte, weigerte sich, weil der Sterbende ein Ungläubiger und Feind der Kirche sei, der in seinen Sünden hinfahren solle, wie er gelebt habe. Einige der ehemaligen Mitgefangenen des Jünglings, die zugegen waren, stellten ihn scharf zur Rede, wie er sich solcher Beschimpfungen erdreisten könne, da der Heilige Vater selbst die wegen ihrer politischen Umtriebe Eingekerkerten für schuldlos erklärt und befreit habe, worauf der Priester feindselig entgegnete, man wisse wohl, daß die meisten das verlangte Versprechen, nie wieder etwas gegen den Kirchenstaat zu unternehmen, nicht gegeben hätten oder nicht zu halten gedächten, trotzdem aber von der Gnade des Papstes Gebrauch gemacht hätten. Es entspann sich ein heftiger Wortwechsel, während dessen der Knabe starb, was die Männer erst bemerkten, als ihnen nach einer Weile das Verstummen des röchelnden Atems zum Bewußtsein kam. Der Priester, der sich in der Nähe der Treppe gehalten hatte, benutzte den Augenblick, um sich davonzumachen; die Männer folgten ihm, und der Streit setzte sich auf der Straße fort, desto erbitterter, je mehr Menschen dazukamen. In den umliegenden Häusern wohnten kleine Beamte, die zum weiteren Haushalte des Papstes gehörten und mehr dem Geiste der Priesterschaft als der Person des neuen Herrschers anhingen: diese ergriffen die Partei des Geistlichen und verwünschten sogar die Amnestie als vom Teufel eingeblasen; dagegen liefen aus dem nahen Ghetto viele kleine schwarze Juden herzu, schrien mit gellender Beredsamkeit die Unanfechtbarkeit und Himmelsgüte des Heiligen Vaters aus und brachten dadurch andre, die sich sonst gegen den Priester gewendet hätten, aus Haß und Verachtung der eben befreiten Juden auf dessen Seite. Trotzdem geriet dieser, dessen Wut seine Furchtsamkeit allmählich überwunden hatte und sich in giftigen Reden Luft machte, in große Gefahr, geprügelt oder gar erschlagen zu werden, als plötzlich Angelo Brunetti auf dem Platze erschien, den Tumult mit der Kraft seiner Stimme schied und erreichte, daß ihm das Vorgefallene mitgeteilt wurde. Besonders die Juden, die wußten, wie viel sie ihm zu verdanken hatten, der die Abneigung der Römer gegen sie oft mit Ermahnungen zur Einigkeit und Achtung der Freiheit, die sie für sich verlangten, auch in andern erfolgreich bekämpft hatte, umringten ihn mit eifrigen Huldigungen, deren er sich ein wenig ungeduldig zu erwehren suchte. Die Streitenden traten auseinander, einige machten sich aus dem Staube, andre wischten sich den Schweiß ab und lehnten sich an die Mauern, wo Schatten war, um Brunetti zuzuhören, der begann, ein jeder müsse jetzt sein Blut, seine Kraft und seinen Zorn sparen für den großen Kampf, der bevorstehe. Die Barbaren, die entmenschten Tyrannen und ihre Söldlinge, die sollten nicht geschont werden, Pius, der Priesterkönig, selbst würde sein Volk in den Rachekrieg führen, und die Rache sollte so schrecklich sein, wie die Qual der Knechtschaft gewesen wäre.

Nachdem er in dieser Art gesprochen hatte, ging er auf die Zinne des Hauses, um die alte Frau, wenn es nötig wäre, wegen des Begräbnisses zu beruhigen, für das er selbst sorgen wollte, und fand sie auf den Knien neben dem Lager des Knaben, Gebete murmelnd, übrigens unzugänglich, scheinbar verständnislos für das Vorgefallene. Der junge Tote, dessen Körper von langem Siechtum und Darben bis auf die Knochen abgezehrt war, lag in einer Stellung da, als hätte er furchtsam in die Säcke und Kissen, auf die er gebettet war, wie in ein Grab hineinzukriechen versucht, und Brunetti verspürte Neigung, ihn jetzt noch in die Arme zu nehmen und ihm Mut und Trost zuzusprechen. Er dachte an seine eignen Söhne, die schlank und zuversichtlich in ihrer frohen Jugend standen, und wiederum an jenen Vater, der sein geliebtes Fleisch und Blut in einem Kerkerloche hatte umkommen sehen und endlich allein lassen müssen; trotz des Mitleids mit solchem Jammer fühlte er in allen Nerven das Glück und die Weite seines eignen Daseins. Zu seinen Füßen loderte die Stadt, feierlich sich selbst in der untergehenden Sonne verbrennend, um wieder jung und lauter aus der Nacht in den neuen Morgen zu steigen. Er weidete sich einige Minuten an dem Feuerschauspiel, dann, da er sah, daß er für die alte Frau nichts mehr tun konnte, stieg er rasch die vielen Treppen hinunter auf die Straße, wo die Hebräer noch in einem Häuschen standen und sich tief und hastig verneigten, als er vorübereilte.

In den ersten Monaten des Jahres 1848 huschten die Schauder der nahen Revolution über die römische Erde. An einem Abend im Februar waren viele Menschen in einem Wirtsgarten am Aventin versammelt, wo eine fahrende Komödiantentruppe musikalische und deklamatorische Vorträge veranstalten sollte, wie das in der guten Jahreszeit nicht selten vorkam. Man hatte auf Frühlingswetter gerechnet, aber es wurde gegen Abend noch trüber, als der Tag gewesen war, die Sonne zog sich gelb und klein wie der Mond zusammen, und die Wolken liefen, vom Winde gejagt, wie eine Herde über dunkle Heide den Himmel entlang. Die meisten Besucher des Gartens waren nicht so sehr gekommen, um ein Theater zu sehen, sondern weil die innerliche Erregung sie ins Freie trieb; denn seit Sizilien und später Neapel sich siegreich erhoben und dem schlotternden König eine liberale Regierung aufgedrungen hatten, raste das Feuer vom Süden weiter, und Tag für Tag pflanzte sich erschütternder Nachhall aus Apulien, Kalabrien, den Abruzzen, aus Toskana, Modena und Venedig vom Schrei der fackelschwingenden Freiheit und Krachen alter Throne fort durch die Länder Italiens und Europas.

Die Leute verteilten sich auf den Bänken und Stühlen, die umherstanden, bestellten Brot, Wein, Kaffee und Limonade und hörten gleichgültig die Ouvertüre einer modischen Oper an, die ein kleines Orchester auf einer Bretterbühne spielte; der Wind in den unbelaubten Platanen, die sich über den Tischen verzweigten, und das schwere Sausen der Zypressen in einem verlassenen Garten auf der andern Seite der Straße verwehten die dünne Musik, auf die bald niemand mehr achtete. Viele, denen es zu kühl war, standen auf und gingen lebhaft plaudernd in dem geräumigen Garten auf und ab, andre betrachteten die Aussicht oder prüften gedankenlos die Windrichtung am Fluge der Wolken und am Rauch aus den Schornsteinen. Nach einer Pause trat ein Schauspieler im herkömmlichen Rokokoputz eines vornehmen jungen Mannes vor und führte in Form eines Monologs eine kleine Szene auf, die ihn in peinlicher Lage zwischen zwei Geliebten zeigte, von denen die eine eine Gräfin, die andre ihr Kammermädchen war, nämlich so, daß er von der einen im Stelldichein mit der andern überrascht worden war und nun durch Lügen beide zu täuschen versuchte. Niemand belustigte sich an den abgedroschenen Witzen, und da einer von den Zuhörern bemerkte, er wolle sich an den Ueberbleibseln des vorigen Jahrhunderts den Magen nicht verderben, fingen mehrere an zu pfeifen und zu zischen, und der Schauspieler mußte sich schleunig von der Bühne zurückziehen. Er versuchte sein Glück noch einmal, indem er eine Ode des Metastasio anfing, was in Rom als eine Huldigung des römischen Dichters aufgefaßt und mit Beifall aufgenommen zu werden pflegte, aber das Publikum schrie und lachte weiter und fuhr damit auch einem Sänger gegenüber fort, der eine hübsche Stimme hatte und stets mit Erfolg in Rom aufgetreten war. Der Unternehmer wagte sich erst nach einer längeren Pause, während welcher der Garten sich mehr und mehr füllte und die Stimmung trotz der zunehmenden Bewölkung des Himmels immer angeregter wurde, mit einer neuen Nummer hervor: ein schüchterner Mann mit einer Flöte zeigte sich und fing sofort an zu blasen, in der Besorgnis, man möchte ihn nicht einmal zum ersten Tone kommen lassen.

Der Zufall wollte, daß einer der Anwesenden aus dem angeschlagenen Programme den Namen des Vortragenden und welches Lied er spielen sollte, las: es war ein Sizilianer und das Lied eine bekannte Arie aus einer »Die sizilianische Vesper« betitelten Oper, die eine Episode des Mittelalters, die schrecklich glückliche Verschwörung der Sizilianer gegen die ihre Insel beherrschenden Franzosen, zum Gegenstande hatte. Die musikalisch nicht bedeutende Oper war durch ihren Inhalt im Laufe der letzten Jahre bekannt und berühmt geworden, und ganz besonders eine der Heldin in den Mund gelegte Arie, durch welche sie ihren Entschluß verkündet, ihren Geliebten, der als Franzose ein Feind des Vaterlandes ist, nicht zu retten, sondern, wie die Verschwörer es ihr zumuteten, zu töten und dann selbst zu sterben. Kaum war einer aufmerksam geworden, daß der Musikant ebendies Lied spielte, als die Nachricht, von Mund zu Mund laufend, sich unter allen Anwesenden verbreitete, von denen viele ohnehin schon die beliebte Melodie erkannten. Sofort, bevor noch das Lied beendet war, brach lauter und anhaltender Beifall los, in dem die schwache Flötenstimme unterging und der so überraschend war, daß der Spielende zweifelte, ob er ausgezeichnet werden sollte oder ob dies eine neue Form wäre, die Aufführungen zum Schweigen zu bringen. Er war weder alt noch jung und weder hübsch noch häßlich, ein harmloser Mensch, der, um seine bescheidene Kunst und seinen Broterwerb bemüht, sich nie um politische Dinge bekümmert hatte und nicht ahnte, was für eine verhängnisvolle Bedeutung die süß sangliche Arie, die er vortrug, in letzter Zeit erlangt hatte. Doch war er klug genug, sich aus dem Betragen des Publikums und seinen beredten Ausrufungen den Sinn des Vorgangs ungefähr zusammenzureimen, und betrug sich angemessen, nahm mit einer anmutigen Bewegung das Instrument vom Munde und dankte, indem er die Arme über der Brust kreuzte, sich ganz wenig verneigte und stolz lächelte. Als er das Lied von neuem beginnen wollte, spielte er es, von der stürmischen Teilnahme mitgerissen, rhythmischer als vorher, wurde aber sogleich wieder übertönt, denn nun sangen fast alle mit, da auch diejenigen, die es zuvor nicht kannten, wenigstens die Melodie bereits erfaßt hatten und angeben konnten. Besonders eine Strophe entsprach dem Geschmack und Bedürfnis der Zeit, welche lautete:

Ist das Blut der Verhaßten vergossen

Und die Erde gesättigt und frei,

Trinkt mein Herz mit euch Sieg, o Genossen!

Dann zerbrech' es – das Fest ist vorbei

und diese wurde mehrere Male hintereinander gesungen, ungeachtet der Wind lauter geworden war und einzelne große Regentropfen fielen. Auch von den Kellnern, die mit fliegenden Rockschößen durch die Reihen eilten, um bei dem nahenden Wetter Teller und Gläser in das Haus zu bringen, blieben die meisten stehen und stimmten ein oder sahen zu. Die Damen waren auf die Bänke und Stühle gesprungen und ließen ihre Tücher in der wilden Luft flattern zur Huldigung des kleinen Virtuosen, der vergebens mit seiner klagenden Flöte durch den jubelnden Aufruhr, der ihn umtobte, zu dringen suchte. Losgerissen von seiner zierlichen Begleitung, die nach Art alter Opern die grausamsten Worte auf einer munter tanzenden Melodie wiegte, fuhr der Rachegesang im Sturme über den Garten hin und erschütterte die alten Kirchen, die seit Jahrhunderten unbeachtet in die Einsamkeit der verwilderten Gärten des Aventin versanken.

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Am 22. März, dem fünften Tage, den das Volk von Mailand gegen Radetzkys Kroaten kämpfte, saß Pius IX. mit den Kardinälen Lambruschini und Bernetti in einem Gemache des Quirinals und hörte den Bericht des Fürsten Corsini, Senators von Rom, über die Ereignisse an. Es sei nicht möglich, sagte Bernetti mit ungeduldiger Schärfe, daß die Mailänder der Oesterreicher Herr würden; die plötzlich aus dem Hinterhalt hervorspringende Wut des Volkes möge sie zunächst verwirrt haben; hätten sie sich wieder gesammelt, so müßten Tausende bewaffneter Soldaten mit einer Meute von Arbeitern und Vagabunden leicht fertig werden. – Das Volk werde angeführt von zahlreichen mailändischen Edeln, entgegnete Fürst Corsini, von denen viele neben Metzgern und Maurern auf den Barrikaden ständen; auch der Klerus beteilige sich nachdrücklich, nicht nur, daß Priester den in den Kampf Ziehenden das Abendmahl reichten, sondern man sähe sie Waffen aus den Händen der Toten reißen, um sie selbst gegen den Feind zu schwingen. Bernetti verzog seine dünnen Lippen und sagte ärgerlich errötend: »Den Klerus haben sich die Deutschen selbst gezogen; bei uns hat eine so zügellose Gesinnung nicht aufkommen können.« – »Selten,« versetzte Corsini; »indessen zählt Pater Ugo Bassi für viele.« Der Papst fragte den Kardinal Lambruschini, der ans Fenster getreten war, wie es draußen aussähe; dieser drehte sich um und sagte lächelnd: »Fast als ob noch der selige Gregor statt Eurer Heiligkeit auf dem Stuhle Petri säße. Unsre Schweizer haben Raum und Muße, die Rosselenker des Phidias zu studieren.« Corsini sagte erklärend, die Menschen wären in den Kaffeehäusern und vor den Zeitungsausgaben, auf neue Nachrichten begierig, man flüstere und halte den Atem an, um womöglich den Sturm von Mailand zu hören, und Pius fügte hinzu, es sei sein Wille, daß die lärmenden Huldigungen, die das Volk sich gewöhnt habe ihm darzubringen, aufhörten, nicht weil er dadurch belästigt würde, sondern weil sie darüber zu Müßiggängern würden. »Ich habe der Polizei Auftrag gegeben,« bestätigte der Fürst, »dem Volke einzuprägen, daß es seiner üblichen Arbeit nachgehe, und daß jeder Versuch, Eure Heiligkeit mit Ovationen zu verfolgen, als strafbare Zusammenrottung solle betrachtet werden.« Kardinal Bernetti lächelte nachdrücklich in Erinnerung daran, daß er den Mastai einmal in Tränen der Enttäuschung und Wut gefunden hatte, weil der jubelnde Zuruf des Volkes, als er sich zeigte, ausgeblieben war, nahm aber sogleich wieder eine unbefangene Miene an, als er sah, daß Pius erraten hatte, woran er dachte, und sich darüber ärgerte. »Unsre guten Römer werden froh sein, wieder arbeiten zu können,« bemerkte Lambruschini, »und Eure Heiligkeit in ihren Werkstätten desto eifriger segnen.«

Fürst Corsini hatte sich eben empfohlen, um, wie er sagte, neue Nachrichten einzuholen, als Antonelli eintrat, ein großgewachsener, starkgebauter Mann von schwarzgelber Gesichtsfarbe und einem Ausdruck von Ueberlegenheit im Gesichte, der sich auf bewußtes, leidenschaftliches Wollen gründete. Er war keineswegs schön, sogar fast abstoßend durch die freche Roheit seiner Züge, doch ging die Kraft eines unzähmbaren tätigen Lebens von ihm aus und unterwarf ihm nicht nur viele Frauen, sondern auch die schwächeren und trägeren Männer. Er hatte sich schon dadurch in der Gunst des Papstes festgesetzt, daß er der arbeitsamste und entschlossenste unter den Kardinälen war und während jene noch disputierten und ratschlagten, immer schon etwas getan hatte, wodurch er so unentbehrlich geworden war wie in großen Häusern die Dienstboten, die das Getriebe im richtigen Gange halten und denen man dafür herrische Anmaßung und mancherlei Verschuldung hingehen läßt. Ganz besonders wohltuend aber berührte es den Papst, daß, da es Vorurteile der Moral oder Ehre für ihn nicht gab, er Skrupel und Quälereien des Gewissens nicht kannte und seinen Vorteil schlechthin mit einer Sicherheit verfolgte, die in Pius' Augen etwas Heroisches hatte. Schien es ihm, daß der Papst die Anwandlung hatte, eine eigne Meinung durchzusetzen, gab er im Augenblick nach, um bald darauf wieder alles nach seinem Gutdünken zu lenken, wenn die Tatkraft des Mastai erlahmte; in seinem Benehmen war er immer gleich, nicht unehrerbietig, aber kurz und knapp wie einer, der nicht viel Zeit zu verlieren hat, erheiterte aber seinen Herrn von Zeit zu Zeit durch einen derben Spaß oder ein sparsames Zeichen persönlicher Anteilnahme, womit er ihn stets in seine Gewalt bekam.

Er meldete, nachdem er die Hand des Papstes flüchtig an die Lippen geführt hatte, daß nach einem eben eingelaufenen Telegramme die Oesterreicher Mailand in der Frühe des Tages geräumt hätten, und fügte einen Fluch über den teuflischen Draht bei, der, kaum daß es an einem Orte brenne, den Funken an alle Enden der Erde trage und das Feuer verbreite. Die Kardinäle fingen lebhaft über die unerhörte Wendung zu sprechen an, verstummten aber, als die große Glocke des Kapitols anschlug und gleich darauf sämtliche Glocken Roms mit einem Geläute einfielen, das wie die Brandung eines stürmischen Meeres an die Feste des Himmels schlug. Wer dazu Befehl gegeben habe? rief Antonelli ärgerlich, doch da der Papst die Hand hob und sagte: »Laßt sein, es gefällt mir!« meinte er verbindlich: »So dürfte es auch mein Grabgeläute sein!« und verabschiedete sich, ohne die Bemerkung Lambruschinis: »Es könnte leicht unser aller Grabgeläute werden,« zu beachten. Mastai entließ auch die andern, setzte sich, als er allein war, auf einen Sessel unter dem geöffneten Fenster, wo er selbst von draußen nicht gesehen werden konnte, und horchte.

Während das Klingen und Wogen seine Seele hob, zogen Bilder der unerhörten Kämpfe dieser Tage an ihm vorüber: er sah die blonden Lombarden, seinen Namen auf den Lippen, bluten, sterben, siegen; in Mailand, in Venedig, in Padua und Treviso, ja in den Bergen des Friaul flammte sein Name wie ein heiliges Feuer von Altären und Höhen; ohne eine andre Waffe als seinen Namen stürzten Greise, Frauen und Kinder siegesgewiß und todverachtend gegen den geharnischten Feind. Eine große Zärtlichkeit quoll in seinem Herzen auf und spannte seine Brust bis zu einem leisen Gefühl reizender Qual. Unterdessen hatte sich der Platz belebt, und in sein Träumen hinein hörte er das Geräusch zuströmender Menschen, trabender Pferde und rasselnder Wagen, zögerte aber, aufzustehen und sich am Fenster zu zeigen. Kardinal Corboli Bussi, der jetzt eintrat, war ihm in diesem Augenblick erwünscht wie kein andrer, denn von ihm wußte er, daß er seine Gefühle teilte und zu bewundern bereit sein würde. Der edle Mann ging rasch auf den Papst zu, kniete vor ihm nieder und küßte seine Hand, ohne die Tränen zu verbergen, die reichlich aus seinen Augen strömten. Als er sah, daß auch in Mastais Zügen Rührung zuckte, rief er beschwörend: »Schämen wir uns dieser Uebermacht der Gefühle nicht! Ich bin ein Diener Gottes, und Ihr seid sein Stellvertreter auf Erden geworden, aber geboren sind wir beide Kinder Italiens!« Er mußte innehalten, doch als er sich gefaßt hatte und die herzliche Begeisterung in dem weichen Gesichte des Mastai ihn ermutigte, fuhr er eindringlich zu sprechen fort: »Fragt jetzt den Verstand nicht mehr, nur das Herz hat heute recht mit seiner kindlichen Torheit und Weisheit. Gott hat zum ersten Male mit Italien gehalten; was geschehen ist, verkündigt seinen Willen. Verlaßt Italien nicht, verlaßt die Toten nicht, die, Euern Namen auf den Lippen, selig starben! Erfüllt, was ein gutes, unglückliches Volk von Euch erwartet!« Jetzt nahm die Bewegung auf dem Platze zu, und lautes Geschrei: »Krieg! Krieg! Nieder mit Oesterreich!« mischte sich in die üblichen Begrüßungen des Papstes. Gleichzeitig traten die Kardinäle, die den Palast nicht verlassen hatten, wieder ein, Lambruschini warf einen unwilligen Blick auf Corboli Bussi und sagte: »Die Polizei kann die Masse nicht bemeistern. Das Unkraut hätte früher sollen gereutet werden, ehe es so üppig wurde.« Er sah sich herausfordernd um, ob jemand ihn wegen seiner Anmaßung zur Rede stellen wollte, dann, da niemand ihn anfocht, wandte er sich geradezu an den Papst, um ihm vorzustellen, daß er keinesfalls ein Bündnis gegen Oesterreich schließen dürfe; denn er argwöhnte, daß Corboli Bussi ihn bereits im entgegengesetzten Sinne beeinflußt hätte. Er müsse, sagte er, die menschliche Weise zu empfinden und zu urteilen aus dem Busen reißen, wenn er Papst sein wolle; ob er mit jenen Fürsten verglichen werden wollte, die aus Gewinnsucht und Eitelkeit, um ihr Reich zu vergrößern, sich mit den Nachbarn blutig rauften? Ob es dem höchsten Priester der Christenheit anständig sei, unter die Gladiatoren in die Arena zu springen? An irdischem Streit und Wettstreit wie ein Partner teilzunehmen? Wo wäre jetzt die Kirche, wenn die Päpste ihren schwachen und arglistigen Herzen hätten folgen wollen? Allein in seinem Gemache, unbelauscht, möge er Mensch sein, vor der Welt müsse seine Rede lauten: »Ich bin gleich Gott, wer mich anbetet, sei selig, wer mich leugnet, sei verdammt;« für ihn dürfe es nur Gläubige und Ungläubige geben. Corboli Bussi entgegnete schnell: »Jetzt handelt es sich nicht um Sachen der Kirche; nicht der Heilige Vater soll sprechen, sondern der König von Rom!« – »Und was ist Rom?« antwortete Lambruschini scharf. »Rom ist der Felsen Petri. Was Ihr Italien nennt, geht Rom nicht näher an als China oder Sibirien.«

Obwohl der Papst in theologischen Streitfragen bewandert war und es liebte, den Schiedsrichter zu machen, wogte in dieser Stunde das Gefühl in ihm zu hoch, als daß er dem Gegensatz der Kardinäle hätte folgen mögen; eine unwiderstehliche Lust zog ihn zu dem Balkone, von dem aus er oft dem Volke, das nach ihm verlangte, die Arme entgegengebreitet hatte. Noch hatte er keinen festen Willen auf eins gesetzt; im Augenblick aber, als bei seinem Erscheinen der Schrei des Jubels und der Macht laut wurde, der ihm galt, verwarf er alle Erwägungen, mit denen er sich vorher getragen und die man ihm aufgedrängt hatte, und ließ die schönen Wellen des allgemeinen Dranges über sich zusammenschlagen. Seine Stimme tönte deutlich in das jähe Schweigen der Menschen und das Glockengeläute hinein und sagte: »Der Herr hat Italien gesegnet! Laßt uns miteinander für die Toten beten, die um das Vaterland kämpfend gefallen sind. Gott gebe ihnen seinen Frieden!« worauf die Menschen auf die Knie fielen und der eherne Chor seine Worte in die Ewigkeit zu tragen schien.

Als er wieder in das Gemach trat, sagte er mit Nachdruck, sowie der König von Sardinien, Karl Albert, seine Waffen zum Schutze der Lombardei erhebe, sei es sein Wille, sich mit ihm zu verbinden und die Sache Italiens durch Truppen, falls Freiwillige sich anböten, zu unterstützen; Corboli Bussi küßte ihm die Hand, während die andern sich stillschweigend verneigten. Da sich Antonelli ihm näherte und ihm vertraulich mit ernsthafter Miene zuflüsterte: »Welchen Palast wollen Eure Heiligkeit dem Savoyarden einräumen, wenn Rom Hauptstadt von Italien und er König von Rom wird?« stutzte er, lächelte dann und drohte dem Kardinal scherzend mit dem Finger.

Es schien, als ob der vom Volke getragene Wille des Papstes obsiegen sollte; kaum hatte Karl Albert den Krieg gegen Oesterreich eröffnet, so strömte ein Heer Freiwilliger in Rom zusammen, das unter dem Befehl des Generals Durando und mit dem Segen des Heiligen Vaters ausgestattet ungeduldig die Stadt verließ und ins Feld zog.

*

An der Grenze des Kirchenstaates blieb das Heer liegen, und man murmelte, daß dies auf Befehl des Papstes geschehe, der den Auszug zwar zugegeben hätte, um durch den Schein der Nachgiebigkeit das aufgeregte Volk zu beschwichtigen, aber keineswegs die ernstliche Absicht hätte, sich in einen Krieg gegen Oesterreich einzulassen. Brunetti versuchte diesen Argwohn zu zerstreuen und den Glauben an das patriotische Herz des Heiligen Vaters zu erhalten, insgeheim aber grollte er demselben, daß er dem Zweifel nicht durch ein klares Willenswort ein Ende machte. In den letzten Tagen des April kam Ugo Bassi vom Süden her durch Rom auf dem Wege nach Venedig, das zu gleicher Zeit wie Mailand die dort durch den Grafen Zichy nur gelinde vertretene österreichische Herrschaft fast ohne Blutvergießen abgeschüttelt hatte und die leicht gewonnene Freiheit tapfer zu verteidigen willens war. Auf die Bitte des Angelo Brunetti und des Fürsten Canino Bonaparte, der ein Haupt der Demokratie war, sprach er, bevor er weiterging, noch öffentlich zum Volke vor der großen Kirche Santa Maria Maggiore, um es in seiner kriegerischen Stimmung zu bestärken, die eine gewisse Partei zu unterdrücken suchte.

Es war später Abend, denn er wollte sich nicht länger als einen Tag in Rom aufhalten; doch hatte sich die Kunde, daß er sprechen würde, schnell verbreitet und Zuhörer herbeigezogen, von denen viele auf der großen Freitreppe zu Füßen des Barnabiten lagerten. Indem er nach Süden wies, hub er an: »Wenn wir jetzt auf jene Höhen stiegen, dorthin vielleicht, wo über wuchernden Paradiesen die letzten Steine von Tuskulum aus dem Grase starren, oder auf den Gipfel der Volskerberge, wo zwischen Mauern, die Riesengeschlechter der Vorzeit aufrichteten, Räuber und Heimatlose sich verbergen, oder höher hinauf auf den Großen Felsen Italiens, dessen Stirne den Himmel stützt, würden wir unsre Herrin finden, der der Stern überm Haupte scheint. Er scheint durch die schwarzen Wolken, die der Sturm, der dort nicht ruht, über ihn hinjagt, und ihr Leib, um den das rote Kleid wie eine breite Fahne flattert, wankt nicht. Sie hält eine Geige auf dem Arm und spielt zum Tanz auf mit einem Bogen, der stählern durch die Nacht blitzt: es ist ein Schwert!« Der Mönch beugte sich bei diesen Worten vor, als ob er horchte, und die erregte Menge folgte seiner Bewegung; verworrenes Geräusch drang aus der Stadt und abgerissene Musik aus den Gängen des Pincio herüber. Dann fuhr er fort: »Die Töne fließen blutig von den Saiten, die das Schwert schneidet, und die Steine, auf die sie tropfen, und die Gebeine, die darunter liegen, entbrennen. Wer möchte nach dieser Musik nicht tanzen und sterben? Wehe dem, der den pfeifenden Reigen nicht hört! Wehe dem, der die rote Fackel, die von den Bergen flammt, nicht erkennt.

»Wenn der Morgen graut, wird unsre Herrin das Schwert begraben, vielleicht in einem leeren Sarkophag unterirdischer Grüfte, vielleicht unter Zypressen und Rosen, oder da, wo Meilen und Meilen nur das Gras der Heide wächst, damit wir es suchen und finden und sie erlösen. Es gibt Orden, die Männer ehren, und Ketten, die Frauen zieren, es gibt Ruhmeskränze und Reliquien, um die die Menschheit ringt, und das Kreuz ist heiliger als alles dies; aber wir wollen alles, alles lassen, um das Schwert zu suchen. Es ist schlank und schmal und gerade wie ein Strahl aus der Sonne! unnahbar, wie die schwarze Zypresse aus der Erde schießt, durchbohrt es die Luft! Dem springenden Blitze gleich glänzt es, zuckt und trifft! Seine Reinheit spiegelt den Himmel, doch will es Blut wie ein junger Rächer seines Vaters. Gesegnet sei, der es findet, gesegnet sei, der es schwingt und in das Herz des Feindes stößt! Es wird einer kommen, unter dessen Füßen es klirrt, wenn er darüber hingeht, mag es noch so tief begraben sein; wäre er ein Räuber vom Gebirge oder ein Bettler vor der Kirchenpforte, wir wollen ihn anbeten als einen Gesandten Gottes. Wer ihn aber verkennte oder sich von ihm abwendete oder ihm das Schwert entreißen möchte, der soll unser Feind sein, und wenn er unser Vater wäre, der Verachtung und Verfolgung und Rache soll er preisgegeben sein wie ein Verräter!«

Als der Mönch in dieser Weise geendigt hatte, waren diejenigen, die auf den Stufen der großen Treppe gesessen hatten, aufgestanden und blickten starr erwartend in sein bleiches Gesicht; denn sie glaubten verstehen zu sollen, daß seine letzten Worte gegen den Heiligen Vater zielten, falls er den Krieg gegen Oesterreich hintertriebe, schwankten unter neuen und furchtbaren Gedanken und verlangten nach deutlicheren, entscheidenderen Worten.

Ugo Bassi, der, als er anfing zu sprechen, kaum gewußt hatte, wohin es ihn treiben würde, erschrak über den Eindruck, den seine Worte gemacht hatten; die Türme und die Kuppel der Kirche, die Häuser und die Menschen ragten wie ein rätselhaftes Bild in die helle Frühlingsnacht, und es schien ihm auf einmal, als hätte er ihm durch verbotene Zaubersprüche Leben eingeflößt, dessen unbekannte Kräfte sich im nächsten Augenblick furchtbar verkündigen würden. Er dachte daran, daß er jetzt, wenn er wollte, diese Menge mit sich nach dem Quirinal ziehen und dem Papste durch Drohungen die Billigung des Krieges entreißen könnte; aber es graute ihm davor, daß diese Möglichkeit Tat werden müßte, wenn die Menschen, deren Augen unverwandt an ihm hingen, errieten, daß er sie erwog. Indem er die Kapuze tief über das Gesicht zog, eilte er durch die Menge, die ihm staunend Platz machte, die Treppe hinunter, dem Tore zu, um den Weg nach Venedig anzutreten.

*

Im April des Jahres 1848, vier Wochen etwa nachdem Mailand Oesterreichs Herrschaft abgeworfen hatte, erließ der Papst auf Antreiben der Jesuitenpartei und unter dem Einflusse Antonellis eine Enzyklika, in welcher er den Krieg gegen Oesterreich widerrief, indem er es für im Wesen des Stellvertreters Gottes begriffen erklärte, alle christlichen Reiche mit gleicher Liebe zu umfassen, woraus folge, daß er mit keinem derselben Krieg führen könne; die Truppen seien von ihm nur zum Schutze des Kirchenstaates bis an dessen Grenze entsendet worden. Bevor noch das verhängnisvolle Schreiben zur allgemeinen Kenntnis gekommen war, ging Angelo Brunetti mit einem Manne, der mehrere Gewerbe betrieben hatte und augenblicklich Hutmacher war, durch die Porta del Popolo quer über den großen Platz, der voll Sonne war, dem Pincio zu, in wichtigem Gespräche, wobei Brunetti nach seiner Weise laut und lebhaft redete, während der andre die Stimme behutsam dämpfte und aus pechschwarzen Augen pfeilgeschwinde Blicke nach allen Seiten schoß. Es handelte sich um eine Verschwörung der Sanfedisten oder Gregorianer, wie man die Anhänger des verflossenen Systems nannte, welcher Brunetti seit langem auf der Spur war und die der Hutmacher, Malanni mit Namen, in der letzten Nacht entdeckt haben wollte, so daß man das Nest mit einem Gewaltstreich ausheben könnte. Ein gewisses Haus im Borgo stand schon lange im Verdacht, der Schlupfwinkel der Verschwörer zu sein, doch hatte man bisher vergeblich versucht festzustellen, wer die Männer und Frauen, die dort bis in die späte Nacht hinein ein und aus gingen, waren und was sie dort täten. Einem Verwandten des Malanni war es nun gelungen, sich bis zum Abend in dem Hause versteckt zu halten und unter irgendeinem Vorwande in ein Zimmer einzuschleichen, wo er die Bestätigung des Verdachtes gefunden haben mußte; doch wurde er offenbar als Eindringling entdeckt, entfloh schleunig und kam glücklich bis auf die Straße, wo ihn von unbekannter Hand ein tödlicher Dolchstoß traf. Derselbe ließ ihm so viel Leben und Besinnung, daß er einem herbeieilenden Freunde, der in der Nähe Wache gehalten hatte, zuflüstern konnte, das Haus sei wirklich in der Hand der Gregorianer, und wichtige Papiere, ihre Machenschaften gegen Pius IX. und seine Anhänger betreffend, müßten sich darin finden, er sterbe gern für die gute Sache und empfehle seinen Freunden seine Rache.

Die beiden Männer setzten sich auf eine steinerne Bank, die oberhalb des Platzes unter schattenden Bäumen stand, und der Hutmacher sagte: »Es fehlt nicht an Leuten, die gern mit ihrem Leben zahlten, wenn sie nur den schwarzen Schlangen das Genick zertreten könnten; denn die Rache meines Verwandten, der letzte Nacht ermordet wurde, ist nicht die einzige. Ich weiß auch ein Gesicht, wenn ich das nackt unter meinem Messer haben könnte, würde ich meinen Platz im Paradiese dafür geben.« – »Es muß etwas getan werden,« sagte Brunetti langsam, »aber so, daß es der allgemeinen Sache zum Nutzen geschieht. Wenn wir ein Blutbad unter den Schwarzen anrichteten, und selbst wenn wir beweisen könnten, daß es lauter Verräter und Spione und Schurken wären, was sie zweifelsohne sind, wäre keine Versöhnung mehr möglich, und es gäbe Krieg zwischen Rom und Rom, statt zwischen Rom und den Barbaren.«

Indem sie so sprachen, näherte sich ihnen der Fürst Canino Bonaparte, ein großer, beleibter Mann mit hochmütig getragenem Kopfe, der sich laut vor jedermann Freund Italiens und der Freiheit nannte, überhaupt je weniger mit seiner Meinung zurückhielt, desto mehr er die herrschende dadurch abstieß, sowohl aus Vergnügen am Widerspruch wie aus einer Art Furchtlosigkeit, die darin bestand, daß er es für unmöglich hielt, jemand könne sich an ihm vergreifen. Man konnte leicht die wohlbekannten Züge seines abenteuerlichen Geschlechtes in seinem Gesichte wiederfinden, das schön gewesen wäre, wenn er nicht die Gewohnheit gehabt hätte, es besonders beim Sprechen in fratzenhafter Weise zu verziehen, wie er überhaupt das Bizarre liebte und es in seinem wunderlich geschrobenen Auftreten, an dem er, wenn er es auch nicht gerade ganz erkünstelte, doch seine Freude hatte, hervortreten ließ. Er verfügte über eine außergewöhnliche Fassungskraft und Leistungsfähigkeit und hatte sich als Naturforscher einen Namen gemacht, den die Gelehrten in ganz Europa achteten, doch behandelte er alle Dinge mehr mit zerlegendem Verstande als mit tieferer Einsicht in innere Lebensgesetze und war infolgedessen stets schnell mit entschiedenem Urteil bei der Hand, ohne das Unrecht im Rechte oder umgekehrt das Wahre im Irrtum zu erkennen. Er verkehrte mit den Aermsten wie mit seinesgleichen, aber ohne den rechten Griff und Ton, so daß er mit keinem vertraut wurde, wenn auch die Partei im ganzen stolz war, den berühmten, hochstehenden Mann zu den Ihrigen zu rechnen und viele sich an den Seltsamkeiten seines Wesens ergötzten. Sein einziger Sohn, der hübsch, fein und weichlich war, hing den Priestern an, und er pflegte in bezug auf ihn zu sagen, was er, der Vater, Gutes habe, gehe dem Sohne ab, nämlich der Verstand, das Schlimme dagegen habe er geerbt: ein kaltes Herz und heiße Sinne; der Umgang mit verstandlosen Leuten sei ihm unerträglich, und er könne deshalb nicht mit seinem Sohne verkehren, und wirklich sah man die beiden nie zusammen, noch in demselben Kreise von Menschen sich begegnen. Obwohl er sich selbst der Sinnlichkeit zieh und schönen Frauen gern den Hof machte, konnte man ihm doch keine Liebeshändel nachsagen, sei es, daß er sie gut verdeckte oder daß er, wie er zuweilen andeutete, die Genüsse des Gaumens als die behaglicheren vorzuziehen begann.

Als er Brunettis ansichtig wurde, legte er ihm mit einem freudigen Ausruf die Hand auf die Schulter und sagte, daß er ihn in seiner Wohnung vergebens gesucht habe, daß er mit seiner Frau, der schönen Lucrezia, zusammen fortgegangen sei, da sie sich in die Kirche begeben habe, um für ihren Sohn, der mit den Freiwilligen ins Feld gezogen war, zu beten, und daß er nun im Schatten des Pincio habe ausruhen wollen; er schob, indem er so sprach, den Hutmacher, den er gleichfalls kannte, ein wenig beiseite und setzte sich zu den beiden. »Ihr sitzt hier bescheidentlich,« fuhr er fort, »und wißt nicht, daß heute der größte Tag für Rom, Italien und die Welt, wenn anders Rom noch das Haupt der Welt genannt werden kann, aufgegangen ist, und eben um dir das zu sagen, Brunetti, bin ich zu dir gekommen: das Papstreich ist zu Ende, Rom wird Republik;« und er erzählte, der Papst habe eine Enzyklika ausgehen lassen, die an allen Enden der Stadt verlesen werde, des Inhalts, daß die Oesterreicher und Böhmen und Kroaten und Barbaren insgesamt, Radetzky, Welden, der Kaiser und sein Wasserkopf inbegriffen, seine lieben Kinder wären und getrost an seinem christlichen Herzen ruhen sollten; niemals werde er die Waffen gegen sie erheben, der Auszug römischer Truppen sei nichts als beklagenswerter Irrtum und Ungehorsam, der bestraft werden würde, auch werde er den Gebrauch des Wortes »Italien« verbieten, da es nachgewiesenermaßen in den guten Wörterbüchern nicht stehe, eine gewaltsame Neubildung mit unanständiger Nebenbedeutung sei, die das Verständnis mit dem Ausland erschwere.

Während die Augen des Hutmachers in grimmigem Triumphe blitzten, sah Brunetti den Fürsten so zornig an, daß dieser lachend sagte: »Ich weiß, daß der Bote einer schlimmen Nachricht unwillkommen ist. Wenn du mich genug gestraft hast, daß ich dir das Uebel zu Ohren gebracht habe, wird hoffentlich deine Wut auch die treffen, die es verschuldet haben.« – »Es ist nicht möglich!« rief Brunetti, »es muß Irrtum sein oder Betrug oder Mißverständnis!« und stellte sich dabei vor den Fürsten, als wolle er ihn bitten oder zwingen, seine Worte zurückzunehmen. Dieser riet ihm, nach dem Platze von Venedig zu laufen, wo das Rundschreiben angeschlagen sei, worauf Brunetti schweigend die Anhöhe hinuntersprang und mit großen Schritten in die Stadt eilte.

Kaum hatte er sich entfernt, so redete Bonaparte in seiner Art auf den Hutmacher ein: »Nun,« sagte er, »so kommt also die Reihe an dich zu regieren. Da wird es wohl vortreffliche und heilsame Gesetze geben! Da werden wir die Leute voll von schönen, neuen und teuern Hüten sehen! Keiner wird Sonntags mit einem Hute ausgehen dürfen, den er mehr als einmal getragen hat. Sogar der Bettler, der Almosen in der Mütze sammelt, wird keine abgetragenen dazu benutzen dürfen. Es wird die feinste Mode werden, sich mit dem Hut ins Bett zu legen, und man wird einen neuen Hut mit ins Grab nehmen müssen, um sich Gott schicklich vorstellen zu können;« und er begleitete diese Reden mit grotesken Gebärden und heftigem Mienenspiel, so daß Malanni sich bald unbehaglich zu fühlen begann und das Weite suchte, worauf der Fürst es eigentlich angelegt hatte. Er blieb noch eine Zeitlang zufrieden lächelnd auf der Bank sitzen und begab sich dann, als es ihm schien, Brunetti könne inzwischen zurückgekehrt sein, in dessen Wohnung, wo er ihn allein in einem kleinen, nach dem Hofe gehenden Arbeitszimmer fand, das nur wenigen Freunden bekannt war. Es war ein sonnenloser, auch im Sommer kalter Raum, wo nur ein Tisch, ein paar Stühle und ein Bett standen, und wohin sich Brunetti zurückgezogen hatte, um nicht gestört zu werden. Er saß vor dem Tisch und stützte seinen Kopf in beide Hände, betäubt von der unglücklichen Tatsache, die er sich, ohne weiterzudenken, fortwährend wiederholte, und warf nur einen kurzen, gleichgültigen Blick auf den Eintretenden. Dieser setzte sich zu ihm und sagte: »Freund, wenn du König von Rom sein willst, flenne nicht, sondern sammle deine Gedanken und deine Untertanen und lasse die Bestien das Reich der Vernunft begründen. Ich bin nicht zum Eseltreiber geboren, sonst täte ich's. Wenn ich lange mit diesen Hutmachern und Gevattern verkehren müßte, ich würde, Gott sei's geklagt, Bomben werfen wie der große Hanswurst von Neapel. Es mag wahr sein, daß Gott im Volke wohnt, wie unser Mazzini sagt, aber er wird es machen wie die andern großen Herren auch, die fast das ganze Jahr in Paris leben und ihr leeres Haus einem alten blöden Diener oder einem Kobold überlassen. Wie Ochsen, denen ein roter Fetzen vor den Augen flattert, stoßen sie nach einem, dessen Großvater ihrem Großvater ein Aemtchen weggeschnappt hat, oder nach einem, der allzu galant gegen die Frau war, oder nach einem, der lachte, als ihr Vater am Galgen hing. Benutzen aber muß man ihren Blutdurst, und zwar ohne Verzug, denn noch vor der Morgensonne sollte die Revolution da sein.«

Brunetti, der nicht zugehört hatte, sagte langsam: »Ich habe es gelesen und glaube es doch nicht. Die Füchse müssen ihn wohl überlistet und eingefangen haben, die Jesuiten, aber vielleicht ist er noch zu retten; es wäre eines Versuches wert.« Anstatt zu antworten, seufzte Canino und stellte Betrachtungen über die Natur des Menschen an, der auch eine Kartoffel anbeten würde, wenn man ihm oft genug wiederholte, daß sie etwas Heiliges sei. Daß erwachsene Männer mit einem alten Priester Umstände machten, weil er ein besser bezahlter Schauspieler wäre als die übrigen! Es hätte sich bereits gezeigt, daß die Könige nicht auf den Thronen festgewachsen wären und die Throne nicht auf der Erde, auch der Stuhl Petri dürfte unter den Naturgesetzen stehen. »Einer muß seiner Sache sicher sein und Leber haben,« sagte Brunetti bedenklich, »um die Pistole loszudrücken, wenn er weiß, daß es ihm Tausende nachmachen.«

»Mensch,« rief Bonaparte ungeduldig, »fasse dich und deine Seele zusammen, die dir vor Schrecken auseinander gelaufen ist. Komm aus diesem häßlichen Loch in die Sonne, sie zeigt die Stunde des Untergangs der römischen Priesterkönige. Glaube mir, als Pius IX. seinen Namen unter diese Enzyklika setzte, hat er eine große Abdankung unterzeichnet. Wer das Licht seiner Augen hat, muß jetzt sehen, daß ein Papst nicht italienischer Fürst sein kann. Es mag einmal in Jahrhunderten aus allen Staaten der Erde ein Weltfriedensreich werden, dann mögen gute Hirten vor dem Stalle sitzen und die Schafe weiden; jetzt gibt es noch Wölfe, und wir brauchen die Revolution!«

Sie wurden jetzt durch Pietro Sterbini unterbrochen, einen kleinen Mann mit eifrig glotzenden Augen und gerade aufgesträubtem Haar, der Arzt war, seinen Beruf aber seit einigen Jahren nicht mehr ausübte, um sich ganz den öffentlichen Angelegenheiten zu widmen; denn abgesehen davon, daß er Patriot war und es gut meinte, glaubte er der Mann der Zeit und zu großen Dingen bestimmt zu sein. Doch traute er sich ohne Brunetti, der nun einmal die Masse des Volkes in der Hand hatte, nichts zu unternehmen und kam, um ihn zu holen; seiner Meinung nach war die Revolution da wie eine geladene und gerichtete Kanone, die der Kanonier nur zu entzünden brauche. Er erzählte begeistert allerlei, was er mit angesehen oder gehört hatte: Wie man einen Dominikaner, der über das Forum gegangen sei, bis aufs Hemd ausgezogen und ihm ein Bajazzokostüm hingeworfen habe, das er angelegt habe, um nicht splitternackt über den Platz gehen zu müssen; wie das große verschlossene Tor eines Palastes päpstlicher Aristokraten, die Rom verlassen hätten, in Brand gesteckt worden sei, weil der verhinderte Durchgang den Verkehr störe; daß man sich überall zusammenrotte. Die Leute seien dadurch zum Aeußersten gebracht worden, daß man ihnen klargemacht hätte, nach dem Rundschreiben des Papstes müßten die römischen Soldaten entweder auf eigne Faust in Venedig und der Lombardei bleiben und kämpfen und dürften dann nie wieder in die Heimat kommen, oder sie müßten sofort umkehren, um zu Hause eingekerkert zu werden; nun wollten alle, die Angehörige im Heere hätten, das Regiment umstoßen und eines von italienischer Gesinnung aufrichten.

Unterdessen war Brunetti im Geiste draußen im Aufruhr; er wußte, wie es anzufangen wäre. Er warf sich auf das Pferd, gab die Losung, ordnete, schlichtete und befahl. Er sah Aexte in die Balken zischen, ausgerissene Pflastersteine rollen, die Flamme aus den Dächern springen, er hörte es ächzen, pfeifen, heulen, jubeln; ihm nach stürzte das tobende Element und er führte es vor die Burg des päpstlichen Gauklers, der ihn und alle betrogen hatte: auf einen Wink von ihm würde es darüber hinfluten. Dann würden die dunkeln Schwärme des blutsaugenden Ungeziefers fliehen, und aus Schutt und Blut würde sein Rom steigen, schön und stark, allen Menschen zur Verehrung. Er war darüber aufgestanden, seine Muskeln spannten sich bei der Vorstellung des schauderhaften Kampfes und unerhörten Sieges, aus seinen Augen funkelte die Lust zu wagen und zu spielen.

Der Fürst und Sterbini beobachteten seine veränderte Stimmung mit Genugtuung und gedachten sie auszunutzen, als Lucrezia eintrat, die inzwischen nach beendetem Gebete mit diesem und jenem gesprochen hatte und von allem wohlunterrichtet war. Zwar beunruhigten sie Lorenzos wegen die zweideutigen Aeußerungen des Papstes über den Krieg, aber im Grunde fühlte sie sich durch das Bewußtsein des Rechtes gesichert und hielt dafür, daß alles aufs beste erledigt würde, wenn die Truppen aus jenen fremden Ländern, die sie nach ihrer Meinung ohnehin nichts angingen, friedlich nach Hause zurückkehrten. Offene Empörung gegen den Papst schien ihr Frechheit und Wahnwitz zu sein, und sie hatte beschlossen, mit ihrem Leben zu verhindern, daß ihr Mann in solche Umtriebe hineingezogen würde. Indem sie sich breit vor ihn hinstellte, wie wenn er ein Kind wäre, das sie beschützen müßte, sagte sie sprühend vor zorniger Verachtung zu den Herren: »Ihr glaubt also, ihr könntet den Papst aus der Welt schaffen! Versucht es meinetwegen mit euern Armen und euerm Blut und euerm Herzen! Angelo Brunettis Herz soll nicht für eure Torheit zahlen. Rom und der Papst ist eins und Rom ist ewig!« wobei sie immer schneller und lauter sprach und ihre stolze Nase sich drohender zu biegen schien. Der Fürst fürchtete ernsthafte Auseinandersetzungen mit Frauen, besonders solchen, mit denen er bei einem Glase Wein zu scherzen liebte, und machte verzweifelte Grimassen, während Sterbini vergebens versuchte, den feurigen Schwall von Vorwürfen und Behauptungen aufzuhalten und zu widerlegen. Brunetti jedoch, dem die Freude des Aufruhrs schon wieder gesunken war, schob sie entschieden, wenn auch nicht unsanft zur Seite, hieß sie schweigen und sagte: »Genug! Hört auf, mich reizen zu wollen, ich tue es nicht. Es ist nicht, daß ich für mich oder die Meinigen besorgt wäre, denn ihr wißt, daß ich mich und sie dem Vaterland opfern könnte, wenn es sein müßte, obwohl ich sie, meine Frau und meine Kinder, gerne schonte; es ist aus einem andern Grunde, daß ich es nicht tue. Gerade eben als ich im Geiste mitten darin war und den Rauch und das Blut schmeckte und es mich bis ins Eingeweide gelüstete, spürte ich, daß ich es nicht machen kann. Es mag sein, daß mein Gewissen der großen Sache nicht gewachsen ist, denn einen andern Grund weiß ich nicht. Also laßt mich ledig!«

Sterbini wiederholte wütend und fast weinend, es bedürfe nur eines Schusses, der fiele, nur eines Tropfen Blutes, der flösse, dann wäre die Revolution im Gange, es müßte tückische Berechnung sein, daß die Päpstlichen sich so geduldig zeigten, sie machten eher gemeinsame Sache mit dem Volke, als daß sie sich zu einer Gewaltsamkeit reizen ließen. Indessen verflösse der günstige Augenblick! Auch Bonaparte wollte sich noch einmal mit überredenden Worten an Brunetti wenden, als dieser abwehrend und drohend zugleich den Arm erhob und mit gebrochener Stimme schrie: »Laßt mich! Packt euch! Habt ihr nicht gehört, daß ich zu schwach bin?« so daß der Fürst unwillkürlich auswich im Gefühl, es könne ein Schlag auf ihn herunterfahren. Er warf dem Wütenden einen halb mitleidigen, halb ärgerlichen Blick zu, der, nachdem die Herren sich entfernt hatten, noch eine Weile vor sich hin starrte, dann in sein Schlafzimmer ging, sich aufs Bett warf und einschlief. Kurz vor Sonnenaufgang wachte er auf und eilte in die Stadt; sie lag unheimlich groß und still in der farblosen Helle. Wagen mit Gemüse und Geflügel rasselten in der Nähe des Tores, sonst waren die Straßen leer, die Türen und Fenster der Häuser geschlossen, es war alles beim alten.

Nun begann jene schleichende Revolution, die den Sommer lang grollte und pochte und im Spätherbst plötzlich einen mörderischen Stoß führte, unter dem der neue Minister Rossi, ein hochfahrender, unbeugsamer Greis, der Papst und Volk zugleich regieren wollte, verblutete.

*

Der Verein der »Söhne der Wölfin« bestand schon vor dem Regierungsantritt Pius' IX. und zählte ursprünglich etwa dreißig Männer, die sich das Ziel gesetzt hatten, das Vaterland, das eines diesen stürmischen Zeiten gewachsenen Steuermanns entbehre, zu retten. Sie stellten die allerstrengsten Ansprüche an die Mitglieder hinsichtlich der Gesinnung, da nur die heroischen Charaktere, welche selten wären, sich für die bevorstehenden Ereignisse eigneten und die geringste Beimischung schwächlicher Elemente zielbewußtes Handeln vereiteln würde. Republikanische Ueberzeugung und Haß des Papstes, der Geistlichkeit, der Kirche sowie der Religion war das erste Erfordernis, und zwar wurde hierbei wie überhaupt Halbheit, welche paktiert, Ausnahmen macht und persönlichen Gefühlen Raum gibt, ausgeschlossen. Es mußte ferner die Einheit Italiens mit Rom als Hauptstadt angestrebt werden, und infolgedessen war brüderliche Gesinnung gegen alle italienischen Staaten und ihre Bewohner mit Ausnahme der Verräter vorgeschrieben. Bei den Sitzungen, die in einem großen Saale stattfanden, trug jedes Mitglied die rote phrygische Mütze, und mitten auf dem Tische, um den sie saßen, lag ein Dolch, um daran zu erinnern, daß, wer sich gegen die Gesetze des Vereins verginge, dem Tode verfallen sei.

Die Folge der strengen Grundsätze auf der einen und der menschlichen Hinfälligkeit auf der andern Seite war, daß viele Mitglieder nacheinander ausgestoßen werden mußten und ihre Zahl schließlich auf fünf herabsank. Es hatte zum Beispiel einer seine Tochter an einen päpstlichen Angestellten verheiratet, einer, ein Bäcker, hatte trotz dreimaliger Mahnung fortgefahren, einem Trappistenkloster Brot zu liefern, einer hatte sich verleiten lassen, an einem zur Huldigung Pius' IX. veranstalteten Feste teilzunehmen, ein andrer hatte sich mit einem Franziskaner betrunken, einer war sogar zu der sogenannten Konstitutionspartei übergegangen, welche die päpstliche Regierung mit zeitgemäßen Reformen beizubehalten wünschte.

Träger der unerschütterlichen Tugend des Vereins war vor allem der Präsident Matteo Barba mit dem Gesellschaftsnamen Quiritus, Inhaber einer kleinen Mosaikfabrik, ein Mann von etwa fünfundvierzig Jahren, zierlich, schwarzhaarig, mit kleinen glitzernden Augen und einem freundlichen Munde, der in dem meist düster gefalteten Gesichte sich auf eigne Hand lustig machte, höchst beweglich von Kopf bis zu den Füßen, so daß er allein auf der Straße es oft nicht unterlassen konnte, den Kopf hin und her zu werfen und zu gestikulieren. Durch seine Redegewandtheit wie auch durch seine Ueberzeugungstreue war er allen überlegen und in die herrschende Stellung gekommen, die er freilich niemals betonte; er nannte sich einen Ersten unter Gleichen und bediente sich namentlich während der Sitzungen und bei Erledigung der Geschäfte einer höflichen und bescheidenen Sprache, um so mehr, als es keinem einfiel, seine Würde anzutasten.

Die übrigen Mitglieder waren zwei Arbeiter aus Barbas Fabrik, von denen der eine Lorenzo Brunettis Freund, Annibale Locatelli, war, ferner ein alter Karbonaro mit dem Gesellschaftsnamen Mucius Scävola, der niemals lachte, viel trank und alles mißbilligte, und ein Kutscher, Numa Pompilius, von gemütlichem Aeußern, aber äußerst blutdürstiger Sinnesart. Er hoffte beständig darauf, daß ihm die Ausführung der Todesurteile übertragen würde, welche zuweilen über verräterische Mitglieder gefällt wurden, wozu er sich als außerordentlich kräftig und gewandt, obwohl dick, besonders geeignet wußte; allein Quiritus pflegte diese Aufgabe sich selbst vorzubehalten, unter dem Vorwande, der Todgeweihte dürfe nicht ermordet, sondern müsse gerichtet werden, worauf sich nicht jeder verstehe, in Wahrheit, weil er es liebte, sich auf einsamen Spaziergängen die Tat auszumalen, wobei er das Gesicht und die Arme so leidenschaftlich bewegte, daß er das Gelächter der Vorübergehenden erregte; auch machte es ihm Vergnügen, die Opfer einstweilen durch vorbereitende Blicke in Furcht zu versetzen. Numa Pompilius hätte sich niemals eine offene Unbotmäßigkeit gegen den Präsidenten angemaßt und fügte sich schweigend; ließ dieser aber eine allzulange Zeit bis zur Ausführung des Urteils verstreichen, kam es vor, daß ihn die Ungeduld übermannte und er den Betreffenden schnell und insgeheim auf seine Art vom Leben zum Tode brachte, was Quiritus absichtlich übersah, weil ihm im Grunde nur an der Vorfreude etwas gelegen war.

Als es nach der Flucht des Papstes verlautete, daß Garibaldi seine Legion nicht nach Venedig, sondern nach Rom führen würde, beraumten die Söhne der Wölfin eine Versammlung an, um darüber zu entscheiden, wie sie sich gegen ihn verhalten wollten. Der Präsident, welcher eine größere Bewunderung für den berühmten Soldatenführer empfand, als ihm selbst der Würde des Vereins gemäß schien, hielt eine vorsichtige Ansprache, in welcher er die Verdienste Garibaldis beleuchtete: daß er große Siege in Amerika erfochten und den italienischen Namen auf der ganzen Erde herrlich gemacht habe, daß er ein Mann aus dem Volke, einfach, arm, vorurteilslos, edel sei, daß Rom einen tüchtigen Feldherrn von erprobter Gesinnung brauche, und daß man gut tun würde, dahin zu wirken, daß die Regierung ihn festhielte und seine Fähigkeiten verwertete. Dagegen erwiderte der alte Karbonaro, Tapferkeit sei zu loben, genüge aber nicht, die Söhne der Wölfin müßten vor allem auf unentwegte Grundsätze sehen, die Garibaldi nicht hätte. Er habe zuerst von Amerika aus seine Dienste dem feigen, heuchlerischen Vaterlandsverräter Pius IX. angeboten, habe sich darauf persönlich dem treulosen Savoyer Karl Albert vorgestellt, dem Henker, der vom Blute seiner Untertanen triefe, und um eine Anstellung in seinem Heere gebeten; habe dann die löbliche Absicht, das heldenhafte Sizilien zu unterstützen, aufgegeben, um sich in Toskana huldigen zu lassen und mit Guerazzi und Montanelli, untauglichen Leuten von verächtlicher Halbheit, zu verhandeln, und habe dann nach Venedig gehen wollen, das zwar republikanische Größe gezeigt habe, aber dem Daniele Manin, einem mehr einfältigen als braven Manne ohne die Löwenkraft des lateinischen Blutes, zuviel Einfluß einräume. Solle man nun, da die gröbste Arbeit getan und die heilige Fledermaus mit ihrer Brut ausgekehrt sei, sich einen neuen Götzen machen, anstatt selbst zu handeln und nur von sich selbst abzuhängen?

Numa Pompilius trat für Garibaldi ein, indem er darauf hinwies, daß derselbe mehrfach die Republik als die beste Staatsform bezeichnet habe und besonders eine vortreffliche Gesinnung gegen die Pfaffen immer bewährt habe, von denen ihm keiner lebendig entkäme und die er, wie man erzählte, oft mit eignen Händen aufspieße, verbrenne oder ertränke. Auch sei es keineswegs an dem, fügte der Präsident hinzu, daß alle Arbeit getan sei, die Männer, die augenblicklich an der Spitze des Staates ständen, unterhandelten in schmählicher Weise mit dem Papste und würden ihm unversehens Rom wieder in die Hände spielen, wenn man sie nicht beizeiten durch eine wahrhaft volksmäßige und italienische Regierung ersetzte; dazu bedürfe man aber eines Mannes, der Ansehen bei den Soldaten genösse und das bewaffnete Europa nicht fürchtete. Gegen die Folgen etwaiger Untreue Garibaldis sei man geschützt durch den rächenden Dolch, der einem Blitze gleich auf das Haupt eines jeden Verräters falle.

Der kleine Mann sprach mit so viel Feuer und machte ein so böses Gesicht, daß die andern vier teils überzeugt wurden, teils nicht mehr zu widersprechen wagten, worauf beschlossen wurde, daß man zunächst Garibaldi einen angemessenen Empfang bereiten und je nach dem Eindruck, den er machen werde, das weitere Vorgehen einrichten wolle.

Als Garibaldi, der mit seiner Legion auf dem Wege nach Venedig war, erfuhr, daß der Papst seine Residenz verlassen und sich in den Schutz des Königs von Neapel begeben habe und die Abgeordneten des Parlaments, die mit ihm über Versöhnung und Rückkehr unterhandeln sollten, nicht einmal vor sich lasse, wendete er sofort um und ging auf dem geradesten Wege nach Rom, um dem aufgelösten Staat in diesem Schicksalsmoment seinen Dienst anzutragen. Den ersten Gang machte er nicht zu den Ministern, sondern auf das Forum, das er einmal in seinen Jünglingsjahren und seitdem nicht wieder gesehen hatte, und war dabei begleitet von dem Genuesen Luigi Montaldi, einem Kriegsgefährten aus Amerika, und dem Mohren Aghiar, welche beide mit ihm zusammen nach Italien gekommen waren. Montaldi war einige Jahre jünger als Garibaldi, schlank, schön und kräftig, immer tätig und heiter und dadurch erfrischend. In vielen Gefahren und aussichtslosen Kämpfen war er Garibaldis Genosse gewesen und ihm brüderlich nahegekommen, wenn sie auch nicht in allen Ansichten übereinstimmten; denn Montaldi hätte sich, wäre nur Genua eine unabhängige Republik wie ehemals gewesen, um Italien nicht bekümmert und folgte Garibaldi mehr aus Liebe zu ihm und aus Lust an Kampf und Wagnis, als um in die Geschicke der Halbinsel einzugreifen. Rom war ihm fremd, und er ließ Garibaldi führen, der stillschweigend, ohne sich umzusehen, scheinbar ziellos, durch viele kreuz und quer durcheinander laufende Gassen schritt, bis sie auf einmal an einer altertümlichen Kirche vorüber auf den »Campo Vaccino« genannten Platz kamen, den Schutt von Jahrhunderten fast unzugänglich machte. Montaldi sah sich neugierig um, und da er zur Rechten die jähe Felsenmauer des alten Kapitols und zur Linken den unvertilgbaren Umriß des Kolosseums erkannte, reimte er sich zusammen, wo sie waren, und rief: »Das Forum der Römer!« indem er vorauseilte, um die Stätte der Geschichte zu betreten. Er kletterte über aufgehäufte Steine, betastete die vereinzelten Säulenstümpfe und versuchte hier und da eine zerstückte Inschrift zu lesen, während Garibaldi auf ein erhöhtes Gemäuer sprang, das ursprünglich zum Vorhof eines Tempels und später zu einer nun längst nicht mehr benutzten Kirche gehört hatte und von welchem noch fünf gigantische Säulen mit gebrochenem Gebälke aufragten; er blickte von dort nach den Ruinen des gegenüberliegenden Palatins hinüber. Der Tag war grau und still, und die kaum merkliche Bewegung der dünnen Wolken sah aus wie Rauch, der immer noch seit den unvordenklichen Tagen ihres Sturzes aus den furchtbaren Resten der Kaiserburgen stiege. Als Montaldi sich nach seinem Freunde umblickte und ihn an eine der hohen Säulen gelehnt sah, den Mohr nicht weit von ihm auf dem Rande der Mauer sitzend, stutzte er und betrachtete ihn nachdenklich; denn Garibaldi stand nicht wie ein Fremder da, der Denkwürdigkeiten anstaunt, sondern wie ein Heimkehrender vor den hohen Trümmern seines Vaterhauses, in dessen Brust über der Trauer das göttliche Bewußtsein aufsteigt, Erbe dieser gesunkenen Herrlichkeit zu sein. Er sprang auf, lief zu Garibaldi hinüber, umarmte und küßte ihn und sagte: »Ich begreife jetzt, warum du plötzlich, alle früheren Pläne umwerfend, so daß es einige und auch mich ärgerte, nach Rom gegangen bist; du gehörst hierher. Ich möchte wissen, was deine Gedanken waren, als du eben nach dem Palatin hinüberblicktest.« Garibaldi antwortete: »Ich erinnerte mich des Tages, als ich vor etwa dreiundzwanzig Jahren, als armer Schiffsjunge, zum ersten Male hier war und dasselbe sah, was ich jetzt sehe. Von dem wenigen, was mir von Lehrern beigebracht war, hatte ich das meiste vergessen und wußte nicht mehr von Rom, als daß es Sitz eines Volkes war, das die Welt beherrschte und dessen Nachkommen wir sind, die wir die italienische Sprache sprechen; von Italien verstand ich noch nichts. Dennoch hörte ich das unterirdische Schlagen eines begrabenen Herzens, das die römischen Bauern, die ihre Kühe an jene Pfähle banden und um das Vieh handelten, und die Prozessionen der lallenden Priester, die um die Kirche trollten, nicht hörten, und mir ahnte, daß es das Herz Italiens war und daß ich es befreien sollte. Meine Liebe strömte so mächtig in meinem Herzen zusammen, daß mir vor Lust schwindelte, und ich schwur mir, bis zum Tode nicht von jenem Gefühl zu wanken, das ich kaum nennen konnte. Wie viele Jahre ich seitdem auch fort gewesen bin, war doch der Schlag des Herzens, das hier begraben liegt, die Uhr, nach der ich meine Zeit gemessen habe.« – »Unterdessen,« sagte Montaldi, »sind die Liebhaber Italiens wie Pilze aus der Erde gewachsen, und die Nebenbuhler werden dir so viel zu schaffen machen wie deine Feinde, auf die man wenigstens keine Rücksicht zu nehmen braucht.« Garibaldi sah ihn erstaunt an und sagte: »Ich will es nicht besitzen, nur frei machen: wer ebenso denkt, ist mein Bruder, jeder andre mein Feind; so teilt sich mein Gefühl, bis Italien eins und frei ist.«

Er mußte indessen sofort erkennen, daß die Lage überall verwickelter war als in seinem Herzen; als er sich nämlich dem Ministerium und Parlament, das seit der Flucht des Papstes an der Spitze des Staates stand, vorstellte, entging es ihm nicht, daß er fast allen diesen Männern unwillkommen war, insbesondere dem Grafen Terenz Mamiani, den sich Pius IX. zum Schlusse noch als Minister hatte aufdrängen lassen müssen. Derselbe war ein zierliches Männlein, welches dichtete und philosophierte und in politischer Hinsicht die Priestertyrannei der römischen Lande in einen verfassungsmäßigen, aufgeklärten Kirchenstaat umwandeln wollte, weswegen er und seine Anhänger danach trachteten, den Papst nach Rom zurückzuführen und allgemach zu einem der Neuzeit angepaßten Regenten zu machen und alles zu vermeiden, was den Bruch zwischen ihm und seinem Volk unheilbar machen könnte. Sie glaubten aber, und nicht mit Unrecht, daß den Mastai nichts mehr entrüsten würde, als wenn sie sich mit Garibaldi einließen, dem Rebellen, der, nachdem der König von Sardinien Frieden mit Oesterreich gemacht hatte, auf eigne Hand wie ein Souverän den Krieg fortsetzte und dem die Geistlichkeit mehr Widerwillen als Achtung einflößte. Sie waren außerdem gewöhnt, ihn einen Matrosen und Seeräuber zu nennen, da sie wußten, daß er sich selbständig, zum Teil mit eroberten Schiffen in die wilden Parteikriege unentwickelter südamerikanischer Staaten gemischt hatte, und überhaupt aus der unaufhaltsamen Liebe des Volkes zu dem kaum gekannten Manne schlossen, er müsse ein gefährlicher Verführer zum Zweck allgemeinen Umsturzes sein. Zwar, als er selbst in Rom erschien, machte sein schönes Antlitz und der gelassene Blick seiner allmächtigen Augen die Vorurteile wanken, anderseits schien seine abenteuerliche Tracht sie zu bestätigen, noch mehr aber der Mohr, der, beträchtlich größer und breiter als Garibaldi, mit feierlichem Gange und unnahbarer Miene wie der eiserne Vollstrecker seines Willens neben ihm zu schreiten pflegte. Montaldi machte sich das Vergnügen, den Mißtrauischen zu erzählen, der Schwarze sei ein Kannibale und fresse die Pfaffen, die sein Herr für ihn einfange, weil er sie ihres Fettes wegen allem andern Menschenfleisch vorziehe; was, wenn es auch nicht eigentlich geglaubt wurde, doch das unbestimmte Grauen vor dem prächtigen Ungetüm erhöhte.

Im Rat äußerte Mamiani die Ansicht, Rom habe seit Jahrhunderten zu zwei Regierungsarten geneigt, Herrschaft des Papstes oder des niederen Volkes, wovon unbedingt jene vorzuziehen sei, und schwanke jetzt, nun der Papst fort sei, auf scharfer Kante über dem Abgrund, man müsse besorgen, daß es den ungezügelten Massen anheimfalle, wenn ein glücklicher Häuptling sie anführe, und es sei deshalb notwendig, verfängliche Elemente, an denen wie an zündenden Stoffen das Brennbare Feuer finge, aus der Stadt zu entfernen. Da es nun aber auch nicht angezeigt schien, das Volk durch schnöde Abfertigung seines Lieblings zu reizen, erklärte er es für den besten Ausweg, Garibaldi zwar in Sold zu nehmen, aber mit irgendeinem Auftrag in möglichst entlegene Gegend zu verschicken, wo er womöglich in Vergessenheit geriete und wenigstens an der inneren Entwicklung Roms sich nicht beteiligen könne. Da der unbequeme Mann ihm persönlich gegenüberstand, entwarf er zunächst in umständlicher Weise eine Schilderung der Lage; wie sämtliche katholische Fürsten sich beeiferten, dem Heiligen Vater ihren Schutz anzubieten, wie selbst England sich mit offener Erklärung von Rom zurückziehe, wie der Präsident der französischen Republik, damals Cavaignac, das Oberhaupt der Kirche mit Heeresmacht nach Rom zurückzuführen drohe, und was für eine heikle Aufgabe es sei, den innerlich erschütterten Staat durch alle diese äußeren Gefahren hindurchzuleiten.

Garibaldi bemerkte, als der Redner eine Pause machte, seiner Meinung nach habe die Regierung in solcher Lage nur eine Aufgabe, nämlich Geld und ein tüchtiges Heer zu sammeln, das allen diesen Feinden gewachsen wäre. Mamiani blickte eine Weile vor sich nieder und fragte dann mit vorsichtigem Lächeln, unter was für einem Titel und zu was für einem Endzweck er sich gedacht habe, das Schwert für Rom zu führen, worauf Garibaldi antwortete, das beste würde sein, wenn ihm unumschränkte Gewalt übertragen würde, wie die Römer in Zeiten äußerster Gefahr einen Diktator ernannt hätten, der, wenn der Staat gerettet gewesen sei, die verliehene Macht der volksvertretenden Regierung zurückgegeben habe; doch würde er auch als gemeiner Soldat sein Leben für Rom einsetzen. Er sei der Ansicht, Rom werde in Zukunft weder unter einem Papst noch unter Königen stark werden, sondern als Republik, für das Wichtigste halte er aber, daß es das freie Haupt Italiens werde.

Diese Erklärung war der gemäßigten Partei angenehm und nützlich, weil danach auch die Republikaner, die für Garibaldi eingetreten waren, ihn als einen Mann von rücksichtslosem Ehrgeiz zu fürchten anfingen und es billigten, daß er entfernt und unschädlich gemacht würde. Infolgedessen wurde er als Oberstleutnant mit seiner Legion in den Sold der Regierung genommen und nach Macerata, einer hochgelegenen kleinen Stadt im adriatischen Küstengebiet, geschickt, wo er einstweilen im Winterquartier liegen sollte.

Am Abend seiner Ankunft versammelte sich das Volk vor dem kleinen Gasthof, in welchem Garibaldi abgestiegen war, um ihn zu sehen, und so waren dort außer einigen patriotischen Gesellschaften auch Brunetti mit seinem ältesten Sohne und Ugo Bassi, der seit kurzem nicht unerheblich verwundet aus Venedig zurückgekehrt war. Die enge Straße war nur durch Oellämpchen beleuchtet, von denen eines an der Tür des Gasthofes angebracht war, und es war nicht möglich, Garibaldis Züge deutlich zu erkennen, als er, um dem Wunsche seiner Verehrer zu entsprechen, auf einen kleinen eisernen Fenstervorsprung im ersten Stock trat; dennoch kam über die Untenstehenden ein Gefühl, als habe sich ein Adler dort niedergelassen und breite die Schwingen wie einen Schild über ihnen aus. Nachdem mehrere Redner ein langes und breites über das Vaterland, die verflossene Knechtschaft und die bevorstehende Befreiung, über das vergossene und noch zu vergießende Blut, die Barbarei der Päpste und die Heldentugend der Söhne der alten Römer vorgetragen hatten, was alles Garibaldi in ähnlicher Weise kürzlich in Livorno, Florenz und Bologna gehört hatte, antwortete er folgendermaßen: »Römer, ich bin glücklich, unter euch zu sein, und danke euch, daß ihr mir wohlwollt. Eure Ahnen, die die Welt beherrschten, waren karg mit Worten, verschwenderisch mit Taten; ahmt ihnen nach, so werden wir vereint Italien befreien und Rom, Italiens Haupt, aus dem Staube aufrichten. Dafür will ich leben und sterben.« Er dankte mit der Hand für den Beifall, der losbrach, und zog sich in das Haus zurück.

Während die Menge noch vor dem Fenster wogte, hinter dem er verschwunden war, griff Ugo Bassi den neben ihm stehenden Brunetti am Arme und zog ihn durch die nächsten Straßen, schweigend und lächelnd wie ein Verzückter; erst als der andre ihn fragte, was dies bedeuten solle, blieb er stehen und fragte, ob Brunetti sich jenes Traumes entsänne, den er ihm vor Jahren erzählt habe. Die Stimme, die er damals gehört habe, sei Garibaldis. Brunetti sagte staunend und nachdenklich: »Er hat eine edle Stimme, es ist wahr, die aus einer sonnenhaften Seele herauszustrahlen scheint;« und Ugo Bassi fuhr fort: »Was für ein Tor und Träumer war ich! Ich glaubte an Gott und gelobte doch, wenn ein Räuber oder Schelm, ein blutbeflecktes Tier mit der Stimme meines Traumes spräche, ihm nachzufolgen: anstatt dessen ist es Garibaldi, dessen Augen und Lippen dieselbe wohllautende Sprache eines harmonischen Instrumentes reden; so mußte es sein.« Brunetti fügte hinzu: »Wenn er aber auch kreischte wie eine verrostete Türangel oder knurrte wie ein Hofhund, so würde ich doch dafür halten, daß er der Mann ist, den wir brauchen und von dem wir nicht lassen sollen.« – »Er ist ein Werkzeug Gottes,« sagte der Mönch, »und ich will das seine sein.«

Es gelang ihm jedoch nicht, während der wenigen Tage, die Garibaldi noch, mit vielen wichtigen Geschäften überhäuft, in Rom verweilte, sich ihm persönlich bekannt zu machen, besonders auch, weil diejenigen, die in des Generals Umgebung waren, wußten, daß derselbe Geistlichen gern aus dem Wege ging, und den Priester deshalb von ihm fernzuhalten suchten.

*

Von Macerata wurde Garibaldi nach Rieti geschickt, einem Ort an der neapolitanischen Grenze, mit dem Auftrage, die südlichen Provinzen, die infolge der Umtriebe des Papstes und des Königs von Neapel in hellem Aufruhr gegen die vom Heiligen Vater verdammte Regierung in Rom standen, zu unterwerfen. Unter dem Einflusse fanatischer Priester erhoben sich ganze Dörfer und vereinigten sich zur Bedrohung der Patrioten mit den Räuberbanden der Abruzzen, die es wohl zufrieden waren, unter dem Segen des Papstes und dem Schutze des Königs dieselben Frevel auszuüben, die bisher ihr geächteter Beruf gewesen waren und deren grausame Wildheit bald der allgemeine Geist wurde. Diese Horden bekämpfte Garibaldi mit schnellem Erfolge und erhielt durch seine Gegenwart und seinen Namen den Süden in leidlicher Ruhe und Unterwürfigkeit.

Eines Tages kam Ugo Bassi, als es schon dämmerte, vor Rieti an und fand unter den Mauern eine Abteilung Soldaten, von denen einige Fleisch an Feuern rösteten, andre ihre Waffen putzten, noch andre sich an der Flamme zu wärmen suchten, denn es war winterlich frisch. Da er sich einigen von ihnen näherte und nach Garibaldi fragte, fingen sie sogleich an, ihn zu necken und zu beschimpfen; sie hatten sich in dieser Gegend daran gewöhnt, in den Geistlichen einen boshaften Feind und noch dazu der Zahl nach übermächtigen zu sehen, denn es stand hier Kloster an Kloster, und die Glockentürme vieler Kirchen ragten mit den Zypressen wie ein verzauberter Wald über die Mauern von Rieti, und fühlten sich deshalb im Rechte, alle Roheit und Unlust an einem jeden ohne Unterschied auszulassen. Einer fragte Bassi, ob er den bösen Blick habe, ein andrer, ob er ein Messer im Aermel trüge, um den Augen nachzuhelfen, und mehrere schickten sich an, ihn in grober Weise daraufhin zu untersuchen, während von den übrigen einige lachten und ihre Kameraden aufreizten, gründlich zu verfahren. Wäre Ugo Bassi nicht nach mehrtägiger Fußwanderung erschöpft gewesen, hätte er seinen Quälern zureden und sie mit seiner Redegabe auf seine Seite ziehen können, nun suchte er sich ihrer nur zu erwehren; doch auch so gefiel sein unbekümmertes Wesen manchem, und da ohnehin nicht alle mit dem rücksichtslosen Angreifen eines keiner Schuld überführten Wanderers einverstanden waren, entstand unter den Soldaten Streit, der nach heftig gewechselten Worten anfing, tätlich zu werden. In diesem Augenblick erschien der Befehlshaber der Abteilung, Leutnant Nino Bixio, ein junger Mann mit feinem Kopf auf ebenmäßigem, ungewöhnlich muskelstarkem Körper, bei dessen Anblick die Raufenden sich losließen, um sich vor ihm durch Begründung des Streites zu entschuldigen. Bixio hatte kaum von einer Seite gehört, daß es sich um einen spionierenden Priester handle, der sich zu Garibaldi habe drängen wollen, als er den Zorn, der bereits auf seinem Gesichte brannte, gegen Ugo Bassi losbrechen ließ und, ohne ein Wort von ihm oder einem andern Soldaten anzunehmen, befahl, den Elenden zu den gefangenen Räubern zu werfen, damit er bei seinesgleichen sei. Seine Untergebenen wußten aus Erfahrung, daß, wenn sich eine gewisse Falte auf seiner Stirn und ein gewisses Beben in seiner Stimme zeigte, man ihm stillschweigend willfahren mußte, widrigenfalls man sich des Aeußersten zu gewärtigen hatte, und der Mann, den er dazu angewiesen hatte, führte deshalb den Priester ab, der sich seinerseits achselzuckend fügte, empfand aber so viel Mitleid mit ihm, daß er versprach, ihm Essen und Trinken und Stroh zu einem Lager zu bringen, und ihn auch wegen der Räuber tröstete, sie seien an Händen und Füßen mit Ketten zusammengebunden, so daß er sie nicht zu fürchten brauche. Ugo Bassi sagte: »Ich fürchte die Räuber so wenig, wie ich euch gefürchtet habe,« und warf dabei einen gutmütigen Blick auf den Soldaten, so daß dieser lachen mußte und mit zunehmendem Wohlwollen versicherte, Nino Bixios Laune sei wie das Wetter in den Hundstagen, wo in einem Augenblick ein Gewitter zusammenlaufe mit Blitz und Donnerkeilen und im nächsten der Himmel wieder lache, und Garibaldi sei gerecht wie der Herrgott und werde ihn aus seiner peinlichen Lage erlösen, sowie er davon erführe.

Das Gefängnis der Banditen war ein Kellerraum in einem alten Kloster, das den Garibaldinern jetzt als Kaserne diente, wo um diese Jahreszeit eine wohltuende Wärme herrschte, und Ugo Bassi streckte sich, zufrieden, daß er ruhen konnte, auf das Strohlager, das der Soldat ihm bereitet hatte. Die Gesellschaft der Räuber war ihm zwar nicht lieb, aber keineswegs gefährlich, vielmehr beeiferten sie sich, seinem Gewande durch Kniebeugen, Händefalten und mannigfaltige Aeußerungen zerknirschter Demut Ehrfurcht zu bezeugen; denn sie zweifelten nicht, daß er gewissermaßen zu ihrer Partei gehöre und als ein Getreuer des Papstes von dem Antichristen Garibaldi eingefangen und zu ihnen eingesperrt sei. Nachdem er sich ein wenig erholt hatte, fiel es ihm ein, diesen Umstand und daß er viel mit den untersten Volksschichten umgegangen war und sie zu nehmen wußte, zu benutzen und ihnen ins Gewissen zu reden; erstlich hielt er ihnen die Schändlichkeit ihres Gewerbes und aller Art Untaten vor, von denen er annehmen konnte, daß sie sie begangen hatten, und nachdem sie sich dazu bekannt und als der Hölle würdige Sünder selbst beurteilt hatten, folgerte er, daß der Papst, wenn er ein heiliger Mann wäre, sich solcher Uebeltäter nicht als Werkzeuge bedienen und noch viel weniger sie zu Räuberei und Blutvergießen selbst anstacheln würde, was sie einsahen, und bereitete auf diese Weise die Erklärung vor, daß die Republikaner bessere Christen wären als Pius IX. selbst und daß Garibaldi ein Sendbote Gottes sei, der Italien frei und alle Menschen glücklich machen werde.

Die Folge dieser Belehrungen Ugo Bassis war, daß einer der Räuber in der Frühe des folgenden Morgens vor Garibaldi geführt zu werden verlangte und diesem vortrug, es sei ihm und seinen Genossen nachts ein Engel erschienen, der ihnen offenbart habe, daß er, Garibaldi, der echte Papst, Pius IX. aber ein betrügerischer Fürst der Hölle sei, und sie wären nunmehr bereit, ihm zu dienen und das Blut seiner Gegner vergießen zu helfen, wenn er ihnen ihre bisherigen Schandtaten nachsehen und ihnen die Freiheit wiedergeben wolle. Der Mann sah schwarz, häßlich und stumpfsinnig aus, war mit einer Samtjacke, roten Bändern und goldenen Ohrringen geputzt und gut gewachsen; er sprach schnell und zudringlich, während er mit kleinen pfiffigen Augen Garibaldi vorsichtig belauerte. Dieser sagte, nachdem er sich einen Augenblick bedacht hatte: »Die Natur hat dich und deinesgleichen mit geraden Gliedern, scharfen Augen und offenem Verstande geschaffen zur Arbeit und zum Schutze der Schwachen; aber ihr entehrtet euch durch Müßiggang, Diebstahl und Mord. Ich glaube nicht, daß sich euer Herz so schnell von schändlichen Taten zu rühmlichen zu wenden vermag, doch will ich euch prüfen. Erweist ihr euch als tapfere und gehorsame Leute, so soll die Vergangenheit ausgelöscht sein, und ihr mögt euch brave Soldaten des Vaterlandes nennen; laßt ihr euch aber bei einer Widersetzlichkeit gegen eure Vorgesetzten oder bei einem Diebstahl betreffen, sei es auch nur, daß ihr einer Bäuerin ein Ei oder einen Kupferpfennig entwendet, so sterbt ihr infamen Tod am Galgen.«

Da nun Garibaldi sich nach dem Engel erkundigte, welchem die Banditen ihre Bekehrung verdanken wollten, erfuhr er, daß Ugo Bassi da war, der ihm nach seinem Rufe bekannt war, und eilte in den Klosterhof, wo Bassi sich, von Nino Bixio bei Tagesanbruch befreit, wartend aufhielt. Sie trafen sich im Säulengange, und Garibaldi sagte: »Ihr habt kein feines Gastzimmer bei mir erhalten, weil Ihr nicht gut eingeführt waret,« wobei er einen Blick auf das Mönchsgewand warf; »es wird nun künftig von mir heißen, wie es in der Heiligen Schrift steht: ›Siehe, er hat einen Engel beherbergt und wußte es nicht.‹ Ugo Bassi errötete und schüttelte den Kopf, um die Huldigung dieser Worte abzulehnen, indem er erwiderte: »Mein Benehmen war nicht biblisch, denn ich habe üble Behandlung noch übler vergolten, da ich Euch die Banditen beschert habe; ich begann die Sache aber nicht in böser Absicht, sondern im Uebereifer und zur Kurzweil, und dachte zu spät daran, daß man den gefangenen Wolf lieber nicht aus der Falle lassen soll, und wenn er hundertmal beschwört, er wäre ein Lamm geworden.« Hingegen sagte Garibaldi lebhaft, er habe gut gehandelt, ihn habe es geschmerzt, diese mißleiteten Menschen, die auch Italiener seien, als Feinde und Verbrecher behandeln zu müssen; hätte er so viel Zeit sie zu bessern, wie eine gottlose Regierung gehabt hätte sie zu verderben, so könnte etwas Rechtes aus ihnen werden; denn es lägen in jedem Menschen Keime des Guten wie des Schlechten. Wenn es nur Krieg gebe! Bei dem bewaffneten Müßiggange, den sie jetzt treiben müßten, ließen sich schwerlich brave Männer aus Lumpenkerlen machen.

Von diesem Tage an blieb Ugo Bassi bei Garibaldi und erwies sich ihm oft dadurch nützlich, daß er zwischen der Legion und den übelwollenden Landbewohnern vermittelte. Obwohl er Garibaldis Willen fast immer erriet und, wenn er konnte, ausführte, gab er doch in einem nicht nach, daß er seine geistliche Tracht abgelegt hätte, was Garibaldi deshalb wünschte, weil es ihn an das faule, eigennützige und verstockte Mönchstum erinnerte, das er verabscheute, und weil es auf seine Soldaten wie das rote Tuch wirkte, das man vor den Augen des Ochsen flattern läßt, um ihn zu reizen, und sie verhinderte, den kühnen Priester so zu verehren, wie er es wünschte. Er entschuldigte seine Sinnesart damit, daß er erzählte, er habe als Knabe mehr kriegerische Neigung als mönchische verspürt, da sei ihm ein geliebtes Mädchen, reich und von adeliger Geburt, ihm zärtlich vertraut, noch in den Kinderjahren gestorben, und seitdem habe sich seine Sinnesart unglücklich verändert. Nicht das Mädchen hätte er nicht vergessen können, aber den Tod nicht, in allen Dingen der Natur, die er wahrgenommen, hätte er die Vergänglichkeit als etwas Süßes und zugleich untröstlich Trauriges empfunden und hätte sie lieben müssen wie kleine verfolgte Tiere, die in seinem Schoße Schutz vor den Geschossen des Jägers suchten. Durch diese Liebe und diese Trauer sei sein Herz empfindlich geworden und er hätte sehr unter dem Leben gelitten, da wäre das Mönchskleid ihm wie ein geweihter Bezirk gewesen, wo er mit seiner einsamen Empfindung unbehelligt hätte bleiben können, und wenn er es ablegte, würde ihm zumute sein wie einem, der nackt den Pfeilen der Mittagssonne ausgesetzt sei.

Hierüber sprach er oft mit Garibaldi, der sagte, diese Trauer sei natürlich, doch müsse man sie überwinden und nicht wie hartnäckige Kinder mit der himmlischen Natur trotzen, die, unerschöpflich in Verwandlungen, Schöneres aus Schönem hervorgehen lasse. Verschmerze das Herz aber auch nie ganz, so achte der doch seines Wehs weniger, der um göttliche Dinge kämpfte, die ihn selbst überdauerten. So sei es, gab Ugo Bassi zu, so habe er erst Leben gefunden, seit er es für Italien aufs Spiel setzte.

Eines Tages fand Ugo Bassi beim Erwachen statt seiner Kutte eine Uniform vor seinem Lager, nämlich eine scharlachrote Bluse und einen Kalabreserhut mit schwarzen Straußfedern, in allen Stücken der Garibaldis gleich, der bald darauf selbst eintrat und sie ihm zum Geschenk anbot; er selbst habe sie einige Male getragen, sagte er, in der Hoffnung, die sonst unerwünschte Tracht werde ihm dadurch lieber werden. Nachdem er ihm beim Ankleiden behilflich gewesen war, hängte er ihm selbst die Kette mit dem Kreuz um, das Bassi immer auf der Brust getragen hatte, damit es ihm statt jeder Waffe diene und Freund und Feind ihn als einen erkennten, der sein Leben Gott geweiht habe. Die Legion begrüßte den soldatischen Priester mit Jubel, und er selbst fand bald Gefallen an seiner neuen Erscheinung; auch schienen mit der Uniform verkümmerte Triebe seiner Knabenzeit wieder aufzuleben, denn er zeigte Lust zu allen körperlichen Uebungen, ritt mit Eleganz und Keckheit und bat sich die wildesten Pferde von Garibaldi aus, der ihn oft zu größerer Vorsicht ermahnte. Obschon Ugo Bassi fast fünfzig Jahre alt und etwa sieben Jahre älter als Garibaldi war, behandelte dieser ihn wie einen Jüngeren, an dessen dem Augenblick hingegebener Empfänglichkeit man sich erfreut; freilich lag in der Inbrunst, mit der er Lust und Weh sich aneignete, etwas von der Art des Abschiednehmenden, der bereit ist, von sich zu werfen, was seine Arme noch umschließen.

*

Rom! Ueber deinem untergegangenen Leibe schwärmte die Trauer der Erde und schüttete ihrer Schönheit Ueberfluß zerrissen in ewige Opferglut; nun steigst du aus deinem Grabe und erhebst dein unverwelkliches Haupt. Noch ist dein Antlitz dunkel von der Schwere deiner langen Versunkenheit und ihren versteinerten Träumen; aber die fernen Lichter deiner Seele schimmern morgenrot durch den allumfangenden Himmel deiner Augen. Herrin! Mutter! du erwachst; allen Völkern wird der Frühling wiederkehren!

Am 9. Februar des Jahres 1849 zogen die Abgeordneten der verfassunggebenden Versammlung vom Palast Monte Citorio auf das Kapitol und erklärten dort öffentlich nach dem Beschlusse der Volksvertretung Rom als Republik und die weltliche Herrschaft des Papstes für verfallen. Sie wählten eine oberste regierende Behörde von drei Männern, deren einer Carlo Armellini wurde, ein alter Mann, der sich der großen französischen Revolution entsinnen konnte und seiner Familie zum Trotz, die ihn zum Priester hatte machen wollen, sich an ihren starken und einfachen Idealen entwickelt hatte; er war ein geborener Römer und tüchtiger Jurist und sowohl dadurch wie durch Reichtum, Kultur und bewußte Würde geeignet, an der Spitze eines Staates zu stehen. Zum Zeichen jedoch, daß die römische Republik sich nicht beschränken, sondern der Grundstein eines künftigen Italien sein wollte, berief die Versammlung den Genuesen Giuseppe Mazzini, der beim Ausbruch der Revolution aus der Verbannung nach Mailand geeilt war und nach Mailands Fall sich nach Florenz gewendet hatte, in der Hoffnung, Toskana zum Zusammenschluß mit Rom zu bewegen, was ihm nicht gelang.

Als er an der Seite des Präsidenten Galletti zum ersten Male den Saal im Konservatorenpalaste betrat, wo die Versammlung tagte, erhoben sich die Abgeordneten, und vielen pochte die Brust vor Erregung; denn sie waren fast alle noch junge Männer, die ihren Glauben an Italiens Wiedergeburt in der Einheit und Freiheit aus seinen Schriften geschöpft hatten und ihn, den reifen Mann, auch darum verehrten, weil er seine Ideen nicht nur lehrte, sondern auch lebte, nie wankte und mit der Kraft seines selbstverleugnenden Geistes die Leitung und Verantwortung ihrer treibenden Jugend auf sich zu nehmen schien. Sie erblickten einen feingebauten Mann, der durch die Erlesenheit seiner Erscheinung und die einsame Luft unbeugsamen Denkens, die von seiner Stirn glänzte, ihre begeistert entgegenfliegende Neigung aufhielt; sowie er aber im Sprechen war, machte sich die kindliche Süßigkeit seiner Stimme und seines Lächelns geltend und lockte das verscheuchte Gefühl um so inniger zurück. Er fing damit an, daß er sagte: »Als ich ein Knabe war, träumte ich in den Stunden, wo ich mir gönnte, glücklich zu sein, daß ich als alter Mann Rom sehen würde, das dann die Hauptstadt des einigen Italien wäre, und daß die ungebrochene Jugend jener sorglosen Zeit mich grüßen und zu mir sagen würde: ›Du hast für uns gelitten, ruhe nun aus inmitten unsers Friedens!‹ und daß ich dann lächeln und sterben würde; denn die Kinder lieben Blut und einfache, satte Farben. Damals ahnte mir kaum, wie weh der Schmerz tun kann. Ich hätte nicht geglaubt, daß man Jahr für Jahr das Sterben und den Abfall geliebter Freunde, Einsamkeit, Not und Heimweh, die Schwachheit des gefolterten Gewissens, den Hohn der Welt erleiden und dennoch leben kann. Aber alles dies in beinah zwanzig Jahren der Verbannung Erduldete tilgt diese Sonne wie einen Tropfen! Ich, noch nicht alt, noch kräftig zum Kampfe, sehe Rom als Republik Italiens und darf mich ihren Bürger und einen ihrer verpflichtetsten Diener nennen. Nichts nimmt mir diesen Augenblick; er ist und wird sein, solange ich sein werde.« So, fuhr er fort, möchten alle das Erscheinen der römischen Republik auffassen; sie hätte ganz Europa zum Feinde, die Standhaftigkeit und der Mut ihrer Bekenner, so groß sie wären, könnten doch ihre Dauer nicht verbürgen: aber es genügte für die Geschichte, daß sie gewesen wäre. Wenn ein Erfinder eine Maschine erdächte, und sie würde gebaut und bewegte sich und ginge, wenn dann auch der nächste Augenblick sie zerstörte und den Erfinder mit seinem Geheimnis tötete, ihr Dagewesensein zwänge die Zeit, sie wiederzubringen. Er sage das aber nicht, schloß er, um sie zu entmutigen, sondern um jeden Zweifel, der auftauchen könnte und sollte, unschädlich zu machen; beleuchtete dann alle Hilfsmittel und Verbündeten, die in Betracht kommen könnten, und verwies vor allem auf die Kraft des Rechtes und den göttlichen Atemzug des Notwendigen in der Geschichte.

Er hatte, wenn er vor vielen stand, eine Art zu sprechen, als wollte er seine Meinung niemand aufdrängen, ja als ob er nur zu überreden fast mehr fürchte als wünsche; aber die Glut seines Wollens brach durch sein dunkles Auge und pflegte zusammen mit der Ueberlegenheit seines Geistes, die sein Duft war, besonders die Jüngeren in seiner Umgebung unbedingt zu beherrschen, während Eitelkeit und Schwäche sich ihm leicht widersetzte und Andersdenkende oder selbständig Gereifte ihn gern vermieden.

Nachdem er sich von allen, die ihn begrüßen und sprechen und kennen lernen wollten, frei gemacht hatte, ging er schnell, sich jeder Begleitung entziehend, in den belebteren Teil der Stadt, um sich allein der Gegenwart Roms bewußt zu werden. Es war ihm so ums Herz, daß er hätte niederknien und die Steine küssen mögen, auf denen er ging; aber er glitt nur mit zärtlicher Hand im Vorbeigehen über die Mauern der Häuser. Unverhofft sah er aus dem Gewimmel unscheinbarer Straßen, von ewigen Mauern und Säulen mächtig getragen, die erhabene Kuppel des Pantheon steigen; er stand still und trat aufatmend von dem sonnenwarmen Platze in den Göttersaal. Ein paar alte Bettler saßen schlummernd oder gleichgültig auf den Bänken an der Wand, und er konnte seinem überwältigten Herzen genugtun, ohne sich kühler Neugierde preiszugeben. Vor einem der Altäre niederkniend, betete er: »Du, göttliches Bewußtsein, berührtest mich mit einem deiner Strahlen und gabst mir Kraft, dich anzubeten und aus dem Staube nach dir zu ringen. Um dir zu dienen, bekämpfte ich mein ungebärdiges Blut und opferte dir meine Liebe, meine Rache, ja meine Traumbilder und Schönheiten, ach, jede späte Blume, die meine Brust noch tragen wollte, nachdem ihre Rosen längst zertreten waren, riß ich aus, um nur deine Saat zu empfangen. Allgegenwärtiges Licht, den ganz Entblößten führst du zur Höhe und weisest ihm an den Küsten das goldene Wogen deiner reifen Ernte. Laß mich aus deiner Wahrheit denken, führe mich deinem unfehlbaren Gange näher, an Sternen, die irren und täuschen, vorüber.«

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Wie die Schiffe, wenn es Nacht wird, der Wind ins Horn stößt und die Wellen wie ungeduldige Hunde über den glatten Jagdgrund laufen, nach dem Stern des Leuchtturms streben, der unbewegt durch das Getümmel strahlt und den Hafen anzeigt, so eilten die Patrioten nach Rom, als Mazzini das Haupt der Republik geworden war, während in allen andern Ländern Italiens die Hoffnungen wankten. Es kamen Erstlinge der irrenden Ritter Italiens, Maurizio Quadrio und Nicola Fabrizi; jener hatte im Jahre 1821 die verhängnisvolle Täuschung derer geteilt, die Karl Albert von Sardinien, den entnervten Abkömmling fürstlichen Hochmuts und fürstlichen Taumels, zum Könige der Revolution machen wollten, und hatte seitdem das Elend der Verbannung tapfer ertragen, ein einfacher und getreuer Mann, der, mehr seiner als andrer Pflichten eingedenk, niemals prahlte noch klagte und ebenso willig war, andre anzuerkennen, wie die Verkennung seiner selbst zu verzeihen. Nicola Fabrizi von Modena hatte mit Ciro Menotti, dem hochsinnigen Opfer des aufgeblasenen Tyrannen Franziskus, gewagt und verloren, und nach vielen Fahrten suchte sein düsterer Blick vom Exil in Malta aus die blauen Gestade Italiens. Dieser war ein Mann wie ein Felsen in der Hochflut, der sich vom stärksten Drange des Blutes nicht zu unbedachten Opfern verführen ließ, aber nicht zögerte, sich ganz zu geben, wenn es dem Vaterlande nötig war und nutzte, schweigsam, ernst, nicht leicht vertrauend, wo er traute unerschütterlich, als Republikaner geboren, da er der Menschen nicht bedurfte, weder als Beispiel noch als Stütze, noch zur Huldigung. Verschieden von diesen war der unglückliche Carlo Pisacane, Sohn des Herzogs von San Giovanni in Sizilien, den heißes Blut und bange Leidenschaften auf nicht unedeln, aber unsicheren Wegen zum Untergange führten. Zum Offizier erzogen, wäre er in seiner Heimat einer ansehnlichen Laufbahn gewiß gewesen; aber zu stolz, sich bloßen Titeln unterzuordnen, haßte er den brutalen König, dessen Plumpheit und Unwissenheit seinem Adel und seiner Bildung ein Greuel waren. Liebe zu einer Frau, die von ihren Eltern einem von ihr nicht geliebten Manne vermählt war, vollendete sein Geschick; er entriß sie dem Nebenbuhler und entfloh mit ihr, ebenso krank aus Groll gegen die Heimat wie aus Sehnsucht nach ihr. Mazzini ersetzte ihm den schützenden Wurzelgrund eines ehrenvollen Lebens im Vaterlande; dennoch wogten unter der Zuversicht, die er zur Schau trug, trübe Unruhe, Ehrgeiz, Heimweh und nie begnügtes Verlangen. Er war jung, schlank und blondhaarig und hatte die Züge eines von jeher in Wohlstand und im Genusse der Kultur lebenden, noch nicht herabgekommenen Geschlechtes.

Ein Sohn des Volkes war der Bolognese Giuseppe Petroni, von Kindesbeinen an Verschwörer und unversöhnlicher Rebell wie viele in der Romagna. Die Natur hatte seinen Geist reich begabt und seinen Körper entstellt; er war häßlich von Gesicht, schielte und hatte einen buckeligen Rücken. Anstatt sich darüber zu kränken, pflegte er sein Schicksal zu rühmen, daß es ihn dadurch von der Liebe ausgeschlossen hätte, die ohnehin ihre Anhänger mehr plagte als vergnügte und viel Tatendrang und Willen an sich zöge, der für das geknechtete Vaterland nutzbar gemacht werden könnte. Zwar sagte man ihm nach, daß er mehr Glück bei Frauen habe, als er verriet, doch lag ihm nichts daran, ja es hieß, er verjage die Zudringlichen wie Fliegen; das Feuer seines Geistes, das desto lustiger brannte, je älter er wurde, widmete er ungeteilt der italienischen Republik, wie Mazzini sie lehrte, und den Genossen, die sie mit ihm ins Werk setzen wollten. Als erprobter Rechtskundiger war er dem Justizministerium beigeordnet.

Aurelio Sassi, ein junger Edelmann aus Forlì, guter Sohn guter Eltern, der es nicht anders wußte, als daß sein Stand, seine Bildung und sein Vermögen ihn verpflichteten, dem Vaterlande die schwersten Dienste zu leisten, die größten Opfer zu bringen und das geringste Entgelt für sich zu fordern, hatte sich ganz am Geiste Mazzinis erzogen und gab sich ihm ohne Vorbehalt hin, sowie er ihn gesehen und gesprochen hatte. Er trug ihm seine Freundschaft mit dem Bewußtsein an, gegen die Gabe seines ganzen Herzens nur empfangen zu können, was Hunderte, ja alle, die es wollten, mit ihm teilen konnten; obwohl mehr im fremden als im eignen Lichte lebend, besaß er doch die zurückhaltende Würde des feinen Menschen, die für das fehlende Gewicht der Persönlichkeit entschädigt.

In einem Punkte wichen die meisten Anhänger Mazzinis von ihm ab: er wollte, daß der neue Staat dem Papste seine Rechte als Vater aller Christen und Oberhaupt der Kirche nicht nur ließe, sondern verbürgte, wie er überhaupt das Gebäude des Glaubens nicht umgestürzt, vielmehr befestigt, wenn auch gereinigt wissen wollte. Dies wollte er nicht, wie andre, aus Klugheit, um die herrschenden Mächte des Lebens nicht durch Mißachtung der ältesten Ueberlieferung gegen sich aufzubringen, denn er verwarf die Berechnung in der Diplomatie, die der Ueberzeugung Schaden tat, sondern weil er an den das Weltall tragenden Gott glaubte und sich nicht getraute, bessere Formen für das ewige Geheimnis zu erfinden, als die Menschheit im Umschwung der Geschichte sich gebildet hatte. Dagegen vermochten besonders die Italiener des Kirchenstaates, welche das Unwesen der Papstregierung stets vor Augen gehabt hatten, unter dem Unrat und der Verwesung der Zeit die Idee der Kirche nicht mehr zu erkennen und begriffen nicht, warum der Mann des schneidenden Gedankens, der Eroberer der neuen Zeit, der das hungrige Volk an die Majestät seiner Arbeit mahnte, an der schwersten und dunkelsten Vergangenheit nicht rütteln wollte. Es ärgerte sie, daß er sich des Wortes »Gott« nicht nur als Bild bediente, sondern Gott für eine Wesenheit hielt, die er in Zusammenhang mit den irdischen Angelegenheiten brachte. Dennoch siegte nach hitzigem Streit der Wille Mazzinis, und der Schutz des Papstes als Oberhaupt der Kirche wurde in das Grundgesetz der Verfassung der Republik aufgenommen.

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Der März dieses Jahres war schwül und regnerisch. An einem früh dunkeln Abend traf Mazzini im Gasthofe der »Minerva«, wo er mit Freunden die Mahlzeiten einzunehmen pflegte, mit Luigi Miceli, einem jungen Kalabresen, zusammen, der nach Rom gekommen war, um die Hilfe der Republik, die ihr Banner über ganz Italien wehen ließ, für seine Heimat in Anspruch zu nehmen. Sein Geschlecht, das im sechzehnten Jahrhundert um der Reformation willen aus Toskana in das Neapolitanische ausgewandert war, hatte dem neuen Vaterlande Blut der Seinen verschwenderisch geopfert; die Väter vererbten den Söhnen Haß der bourbonischen Könige, Mut und Todesverachtung. Luigi hatte vor fünf Jahren an dem unglücklichen Aufstand teilgenommen, dessen Ende der Fall der Brüder Bandiera besiegelte, und seitdem danach getrachtet, diesen Tod zu rächen. Da nun die jüngste Erhebung, die eine Zeitlang mit dem Glück Siziliens und Neapels glücklich gewesen war, der Uebermacht des Königs erlag, warf er seine Hoffnung auf Rom, entrann mit Not dem Gemetzel und langte flüchtig als Schutzflehender in der freien Stadt an. Um ihn nicht mit vergeblichen Aussichten hinzuhalten, eröffnete ihm Mazzini einen Einblick in die Lage der Republik: hätten sie Geld und Truppen genug, was könnte Rom Lieberes und Größeres unternehmen, als den Süden befreien? Aber es fehle dem eignen Bedürfnis. Das Land hinge zum größeren Teil dem Papste an, die Städte brauchten ihr Volk, um die Grenze und sich selbst zu schützen.

Petronio bemerkte, es wäre besser gewesen, das Feuer in Kalabrien zu schüren, als dem König von Sardinien Truppen zuzuschicken, der an Geld und wohlgeübter Mannschaft Ueberfluß habe, der Republik, die er verachte, die Hilfe nicht danke, ja, wenn er siegte, das erprobte Heer vielleicht im Namen des Papstes gegen Rom wenden würde. Mazzini erwiderte, er wisse wohl, daß die Römer mit wenigen Ausnahmen seiner Absicht, Karl Albert mit Truppen zu unterstützen, entgegen gewesen wären; er könne nicht bereuen, es dennoch durchgesetzt zu haben. Wenige hätte die grausame Schwäche des unseligen Königs so tief und unheilbar ins Herz getroffen wie ihn, er könne ihn nicht lieben, er halte es für möglich, daß er nur deshalb den Krieg gegen Oesterreich erneuert habe, um den Republiken von Rom und Venedig den Ruhm zu entreißen, die einzigen gewesen zu sein, die für Italien eintraten; aber wie dem auch sei, er habe es getan; er kämpfe gegen Italiens Erzfeind und tue es im Gegensatze zu der Hälfte der Bevölkerung seines Landes, die ihm am nächsten stehe; er sei jetzt für ihn keine Person mehr, sondern ein italienischer Staat wie Rom, und Rom müsse ihn achten, wie es von ihm geachtet sein wolle. – Mit dieser Logik, rief Gustavo Modena, der berühmte Schauspieler, könne Rom zugrunde gehen. Wer nicht zu allererst leben und bestehen wolle, sei nicht wert zu leben. Er hasse Oesterreich, aber noch mehr Karl Albert, den kalten Verräter, den neidischen Schwächling, das blutsaugende Gespenst. Ein Sieg seiner meineidigen Hand würde Italiens Fluch werden. Möchte lieber die Zahl der Feinde wachsen, als daß Italiens Zukunft mit diesem König ohne Seele verbunden sei. »Der Bombenwerfer von Neapel,« sagte er, »hetzt Hunde auf die, die an seine Krone fassen, was ein unwillkürliches Reagieren erschrockener Könige ist, und wird schließlich auf seiner Dummheit zur Hölle fahren; aber jener mordet die, die er hegen würde, wenn er sie verdunkeln könnte, weil er ihnen nicht einmal ähnlich sein kann. Er ist dem Himmel zu schmutzig und der Hölle zu zimperlich; wenn die Erde ihn endlich ausstößt, fällt er in das Nichts.« Es antwortete lärmender Beifall. Gustavo Modena stand auf und rief: »Bringen wir seinem Untergang ein volles Glas!« Die Gläser klangen schnell und scharf gegeneinander, nur Mazzini trank nicht. Obwohl er im Gespräch leicht unduldsam war gegen solche, die seine Ansichten bestritten, versuchte er doch, wenn er über Menschen urteilte, gerecht zu sein und sich nicht von Gefühlen des Hasses oder der Rachsucht bestechen zu lassen. Er sagte mißbilligend: »Wer weiß, ob ihr dem Könige nicht wünscht, was er selbst sich sucht. Ein Mann, der das Große fühlt und tun möchte und doch nicht fähig ist, sich vom Niedrigen loszumachen, ist freilich von Gott verworfen; richtet er aber sich selbst, indem er sich opfert, so überwindet er den Fluch, der auf ihm lastete, und macht seinen Namen hell und ehrwürdig.«

»Ja, so spiegeln sich die Dinge in deiner tragischen Seele,« sagte Modena. »Du solltest mir glauben, daß ich die Könige, die ich studiert habe und, wie man sagt, meisterlich darstelle, besser kenne als du. Woher kommt es denn, daß ich, der Schauspieler, als Urbild des Königs auf die Bühne treten kann? Weil die Könige Schauspieler sind! Die Maske, die dem Königskinde in der Wiege angelegt wird, wächst mit ihm, und es gewöhnt sich an sie, daß es sie nicht mehr bemerkt, wie auch andre sie nicht mehr bemerken. Sie wächst fest, und das ist sein Glück; denn würde er sie in einem Augenblicke der Zerstreutheit einmal ablegen, so würde er sehen, daß kein menschliches Gesicht mehr dahinter ist, sondern eine Höhle. Der Schwund ist über seine Seele und sein Gesicht gekommen, das immer hinter der Larve steckte, und die schönen Sentenzen, die von seinem künstlichen Munde abschnurren, werden desto hochtrabender, je mehr er zum Gespenste wird, damit der Betrug nicht ans Licht komme. Du, Pippo, der du erscheinst und verschwindest, ungreifbar und unverwundbar bist wie ein Gespenst, mit deinem Blut und Leben aber Italien, das jener Franzose das Land der Toten nannte, lebendig speisest, du passest nicht zu den Königen und hättest nicht mit ihnen anbinden, dich nicht mit ihnen vertragen sollen!«

Die andern stimmten ihm bei und fuhren fort, sich in beschimpfender Weise über den König zu äußern. Lachend sagte Modena: »Vielleicht hat die Rache den Verdammten ereilt, und aus den Sümpfen seines Lebens schleicht sich sein Geist zu uns und vergiftet unsre Worte!« da er aber sah, daß das Gespräch Mazzini zuwider war, lenkte er es mit der Gabe witzigen Plauderns, die ihm eigen war, unvermerkt auf einen andern Gegenstand.

Immer nach Ruhe und Behaglichkeit begierig und immer auf abenteuernden, gefährlichen Wegen, hatte Gustav Modena lange als Flüchtling in der Verbannung irren müssen, um zwischendurch als Begründer einer neuen Schauspielkunst gefeiert zu werden. Gegen Beifall und Bewunderung zeigte er sich unempfindlich, teils weil er nicht eitel war und den Wert des Publikums nicht überschätzte, vielleicht auch weil den von niemand geahnten, ihm selbst fast unbewußten Ansprüchen seines Herzens doch die überschwenglichste Huldigung nicht genügt hätte. Einzig die Liebe Julias, seiner Frau, einer Schweizerin, die sein Leben begleitete, wie eine Quelle zu Füßen des Wanderers unermüdlich, heiter und erquickend hinfließt, füllte mit ihrer unwandelbaren Liebe und Ergebenheit sein Herz aus.

Es war etwa eine Stunde später, als Mazzini gerufen wurde, da der Gesandte des Königs von Sardinien, ein gewissenhafter Mann, der nicht verhehlte, daß die Republik, der der König und sein Land tatsächlich übelwollten, ihm Achtung abnötigte, ihn allein zu sprechen wünschte: er brachte die Nachricht von der gänzlichen Niederlage des piemontesischen Heeres bei Novara, wodurch Oesterreich wieder unbeschränkter Herr der Lombardei wurde und seine gesammelte Macht zur Wiedereroberung Venedigs und Unterdrückung aller italienischen Erhebung südlich seines Gebietes verwenden konnte. Daran dachten im ersten Augenblick die wenigsten: einige eiferten, sie hätten dies vorausgesagt, man hätte ihnen glauben sollen, nie hätte Karl Albert ehrlichen Krieg mit Oesterreich im Sinne gehabt, er selbst hätte dem Feinde den Sieg in die Hände gespielt, ein so zahlreiches und tüchtiges Heer wäre nicht geschlagen worden, wenn die eignen Führer es nicht in die Falle gelockt hätten; andre frohlockten, daß es so gekommen sei und Italien zu den goldenen Ketten Oesterreichs nicht noch die eisernen Piemonts tragen müsse.

Nach Mitternacht ging Mazzini nach Hause; er war noch ohne Schlaf und setzte sich an ein offenes Fenster der kleinen Wohnung, die er auf dem Kapitol innehatte. Die feuchte dunkelwolkige Nacht verhüllte die Formen der Häuser und Bäume, auf die er blickte, und es sah aus, als tauchten sie selig in eine schöne, ihm unerreichbare Welt; zuweilen flutete Veilchengeruch durch die warme Luft. Wenn Mazzini die Augen schloß, sah er die Ebene, wo Gott gegen Italien entschieden hatte, voll von Toten: braven Piemontesen, die, ihrem König gehorsam, in den Streit gezogen waren, heimatlosen Lombarden, Tapferen aus allen Gauen seines Vaterlandes. Er glaubte das Stöhnen und Seufzen der Sterbenden, das weit und breit niemand hörte, zu hören, und ihre letzten zuckenden Gedanken, Fluch, Verzweiflung, Sehnsucht, Ergebung, jagten wie Pfeile mit einer Blutspur durch seine entblößte Seele. Kurze schwarze Wolken flogen hastig dicht über das verlassene Schlachtfeld und verwandelten sich in Geier und Raben, die niederstießen und mit triefendem Schnabel wieder auf und weiter flogen dem Süden zu. Sie zogen mit der siegreichen Heerschar, gegen die jene Toten ein Wall gewesen waren, und die nun unbezwingbar, grausam und verachtend vorwärts stürmte gegen Rom. Der Tag fiel ihm ein, als er in die freudenvolle Stadt eingezogen war und ein halbnackter brauner Junge, der auf einem der Löwen am Obelisk der Piazza del Popolo saß, jubelnd eine kleine rote Mütze geschwenkt hatte; er mußte an einen Tag denken, wo alle diese Leute, die er damals nur mit halbem Bewußtsein gesehen hatte, aus den Trümmern ihrer Häuser flüchtend, bergauf und bergab durch die Straßen irren würden, flüchtig vor der Wut barbarischer Soldaten, die das Angstgeschrei hilfloser Kinder zum Morde reizte.

Nach einer Weile stand er auf und versuchte die grauenvollen Bilder, die sich ihm anhängten, abzuschütteln. Er sagte sich: »Der König hat den Gang verloren, nun treten wir in die Schranken; der nächste Augenblick der Geschichte ist unser, und wenn er auch weder Frucht noch Lorbeer für mich oder einen der meinigen trägt, so wollen wir trachten, wenigstens Samen in seine Tiefe zu säen, der unverloren den Späterkommenden aufgeht.«

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Viele Geistliche fügten sich scheinbar dem neuen Zustande, andre folgten dem Papste nach Gaëta, einige blieben in Rom und suchten heimlich das Volk in ihrem Sinne zu beeinflussen. Es wurde bekannt, daß ein Kanoniker von Sankt Peter, mit Namen Don Silvio, in einem kleinen Wirtshaus im Borgo feindselige Reden gegen die Republik halte, und da er witzig sei, viel Beifall finde, worauf sich sogleich mehrere Republikaner mit Hintansetzung ihrer Berufsgeschäfte dem Aufspüren des sanfedistischen Verschwörers widmeten, indem sie in allen Schenken der bezeichneten Gegend die Runde machten und dabei ein vergnügtes Leben führten. Schließlich entdeckten sie den Uebeltäter, wie er im verräucherten Winkel einer Taverne mit seinen Anhängern beim Weine saß und fröhlich das Wort führte. Don Silvio war ein mittelgroßer dicklicher Mann, dessen grauer Haarkranz einen struppig kecken Wuchs hatte, wie bei einem Pinscherhunde, und dessen Augen, wenn er listig blinzelte, im umgebenden Fett verschwanden, wenn er erschrocken war, wie glänzendschwarze runde Knöpfe hervorsprangen; seine Lippen waren so dünn, daß sein Mund einer langen, das Untergesicht durchschneidenden Spalte glich. Die Bedrohungen der Republikaner, die mit groben Schimpfwörtern nicht zurückhielten, versetzten ihn dermaßen in Angst, daß er, heftig zitternd, kaum um Gnade zu bitten vermochte, was bei seinen Feinden kein Mitleid erregte, vielmehr ihre Rachsucht steigerte. Sie fingen schon an, ihm gefährlich zu Leibe zu gehen, als einer von ihnen auf den Einfall kam, zu verlangen, er solle nun ebenso eine Rede für die Republik halten, wie er zuvor gegen sie getan hätte, widrigenfalls sie ihm den Beweis ihrer Gerechtigkeit auf die kürzeste Art liefern wollten, und ließen dabei ein paar blanke Messer vor seinen Augen spielen. Don Silvio warf einen wehmütigen Blick darauf und sagte, er sei gern bereit, über einen so trefflichen Gegenstand zu sprechen, der nur vielleicht größer als seine Beredsamkeit sei, aber an seinem guten Willen solle es nicht fehlen. Dann fing er sogleich geläufig zu reden an und sagte unter anderm: »Vorüber sind nun die abergläubischen Zeiten, wo die Priester das Volk regierten: sie saßen auf den guten Weideplätzen, sie hatten die fettesten Pfründen, die höchsten Aemter ohne Zoll und Steuer, sie sogen die Armen aus, übervorteilten die Reichen und teilten mit den Mächtigen ihre Beute. O Barbarei! o Greuel! Heil der Republik, die nach unten gekehrt hat, was oben war in ihrer Gerechtigkeit! Jetzt sitzen auf allen Thronen und Stühlen, in allen Aemtern und Stellen die Laien und besteuern und verfolgen und übervorteilen die Pfaffen. Das ist Ordnung! Das ist Weisheit! Das ist die Lösung aller Fragen! Wieviel mehr Wohllaut liegt im Winseln blutender Pfaffen, als im Jammern geplagter Laien! Wieviel saftiger und fetter sind sie, wieviel ausgiebiger! Ist es nicht billig, daß sie die Maschine des Staates speisen, anstatt sie zu drehen? Dazu gehören starke Knochen und schwielige Fäuste von Leuten, die arbeiten. Die Pfaffen sind fett, sauget sie aus, das Volk hat Muskeln, es regiere!« Er mischte ergötzliche Beispiele und Anspielungen dazu, und schon der weinerliche Ausdruck seines schlauen Gesichts war in Anbetracht der festlichen Stimmung seiner Rede so komisch, daß die Männer lustig wurden und er schließlich vor Beifall und Gelächter kaum weiterreden konnte. Dabei legte sich der Groll, und es entfaltete sich ein brüderliches Zechen im Wirtshause; immerhin schworen die Republikaner, als man sich trennte, wenn sich Don Silvio noch einmal antreffen ließe, daß er das Volk gegen die Regierung aufwiegle, würden sie ihn ohne Umstände an die nächste Laterne hängen.

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Aus Imola, Forlì, Lugo, Ancona und andern kleinen Städten des Kirchenstaates wurde von Untaten berichtet, die im Namen der Republik begangen wurden, denen zum Teil Anhänger des Papsttums, zum Teil auch andre zum Opfer fielen, bei denen von politischer Gegnerschaft keine Rede sein konnte. In Imola war es hauptsächlich eine große, verzweigte Familie, die von den Republikanern verfolgt wurde. Diese Leute, die sehr reich waren und namentlich viel Land besaßen, setzten sich dadurch dem Uebelwollen aus, daß ihre Häuser der Sammelplatz aller derer waren, die dem alten Regiment anhingen, seien es Geistliche oder Laien; auch führte man den erbitterten Haß auf ein bestimmtes Vorkommnis aus nunmehr etwa dreißig Jahren entfernter Zeit zurück. Damals hatte ein Ehepaar aus dieser Familie einen jungen Mann, der mit einer seiner Töchter ein Liebesverhältnis angeknüpft hatte, dem es dieselbe aber, da er arm und vielleicht auch von revolutionärer Gesinnung war, nicht geben wollte, mittels einer Anklage wegen geheimer Umtriebe gegen die Regierung unschädlich zu machen versucht, was zu dessen Tod am Galgen führte. Das Mädchen starb bald hernach, andre behaupteten, sie sei nicht tot, sondern werde von den Eltern, in einem Zimmer eingeschlossen, verborgen gehalten, wo sie, verwildert wie ein Tier, bis zur Unkenntlichkeit verkommen, nur zuweilen durch ein sinnloses Geheul ihr Dasein verrate.

In Ancona hatte sich eine Bande von Männern gebildet, die sich nachts in die dunkeln Häuser schlichen und mordeten. Man hörte sie nicht kommen, wußte sich auch nicht zu erklären, wie sie eintraten und wohin sie verschwanden; am Tage war keine Spur von ihnen auszufinden, und hatte man auch Verdacht gegen den einen oder den andern, so wagte man ihn doch nicht geradezu anzuklagen oder gar festzunehmen. Der Ursprung dieser Frevel war folgendes: Zu einer kleinen frommen Handwerkerfamilie gehörte eine alte Frau, die ihr beträchtliches Vermögen einem ihrer Neffen, einem guten einfachen Knaben, für den Fall vermachte, daß er in ein Jesuitenkloster einträte, wozu er denn auch von seinen Eltern, die arm waren und in der Aussicht aus die Erbschaft lebten, bestimmt wurde. Die Väter, denen das Vermögen, wenn das Kind stürbe, zufallen sollte, verbrauchten dasselbe für sich und ihre Zwecke und waren damit schon fertig, bevor der Knabe mündig war, weshalb sie Anstalt machten, ihn durch ein langsames Gift aus dem Wege zu räumen, damit ihr räuberisches Vorgehen nicht an den Tag käme. So wenigstens wurde erzählt, nachdem der früher gesunde Junge kränklich und nach längerem Siechtum, wenn auch körperlich einigermaßen wiederhergestellt, schwachsinnig geworden war und nun die Veruntreuung des Geldes dennoch mußte zugestanden werden. Den Vater des verblödeten Knaben wußten die Jesuiten so zu bearbeiten, daß er glaubte, er würde sein Seelenheil verscherzen, wenn er das mindeste von dem, was er wußte und zu vermuten Ursache hatte, laut werden ließe, und blieb ein stiller, scheuer Arbeiter, der alle kirchlichen Obliegenheiten noch ängstlicher als früher erfüllte; doch hatte er noch einen andersgearteten Sohn, einen robusten Menschen, der die Geistlichkeit haßte und nicht unzufrieden war, einen Grund zu persönlicher Rache zu haben. Dieser begrüßte die in Rom verkündete Republik als den Anbruch der Zeit, wo die Gerechten, die bisher gelitten hätten, die ungerechten Urheber ihrer Leiden bestrafen dürften, ja sollten, und bildete mit Gleichgesinnten eine Gesellschaft, die sich als eine Art Tribunal betrachtete und Geldbußen oder Tod über die Gehaßtesten unter den Gegnern verhängte. Sie hatten mit den meisten Häusern irgendwelche Verknüpfung, sei es durch ein Glied der Familie oder durch Bedienstete oder andre, die ein und aus gingen, so daß sie heimlich Eintritt gewinnen und den Gerichteten, der sich sicher wähnte, lautlos niedermachen konnten.

In Rom fehlte es nicht an solchen, die jubilierten, daß die Stunde der Vergeltung gekommen wäre, dagegen sahen die Verständigen ein, wie häßlich der Name der Republik befleckt würde, wenn solche Verbrechen ungeahndet blieben, und Mazzini betrieb mit höchstem Eifer die Schlichtung des gefährlichen Aufruhrs. Es hatte das aber bedenkliche Schwierigkeiten; denn die Abgeordneten der Republik, die beauftragt waren, die Schuldigen ohne Verzug und ohne Ansehen der Person nach strengem Gesetz zu bestrafen, fanden ihre Urteilskraft aufgehoben: in diesen kleinen Orten, zwischen alten kahlen Mauern, wo sich die Menschen so nah und so allein mit ihrem heißen Blute waren, wütete Flamme gegen Flamme, und niemand konnte sich dem Umkreis, wo die Glut wehte, nähern, ohne mit zu entbrennen und, statt zu richten, an den tödlichen Leidenschaften teilzunehmen.

In dieser Verlegenheit kam Mazzini auf den Gedanken, Felice Orsini zu entsenden, einen der schönsten und unerschrockensten Männer des römischen Volkes, den nur ein unbändiger Stolz, der ihn schwerfällig im Umgang machte, von manchem Erfolge ausschloß, den seine Kenntnisse und seine Tatkraft ihm sonst verdient hätten. Er hatte mehrere Jahre wegen Beteiligung an Aufständen gefangen gesessen und war durch die Amnestie befreit worden, ohne sich vor dem Papste gebeugt zu haben. Die republikanische Gesinnung war ihm angeboren, und wer ihn kannte, wußte, daß nichts eine Ueberzeugung, die er einmal gefaßt hatte, würde erschüttern können; auch hätte der Mann, der keinen über sich ertragen konnte und doch nicht als Herrscher geboren war, sich nur mit einem Staatswesen befreunden können, wo alle wenigstens dem Titel nach einander gleich waren. Mazzini hatte keine Vorliebe für ihn; die Roheit vieler Romagnolen, die durch einen Anflug mittelalterlich-scholastischer Bildung, wie sie oberflächlich auf den Schulen beigebracht wurde, notdürftig zugedeckt wurde, etwa wie der Faltenwurf eines wallenden Gewandes einen unschönen Körper verhüllt, widersprach in verletzender Weise der feinen Kultur seines eignen Geistes. Anderseits war er voreingenommen für alle, die sich zu seinen Ansichten bekannten, besonders wenn sie entsprechend handelten, was Orsini in tapferer und selbstloser Weise getan hatte. Obwohl nicht ohne Ueberwindung gestand Orsini, wenn auch nicht ausdrücklich in Worten, so doch in seinem Bewußtsein, Mazzini einen gewissen Vorrang zu. Als Mazzini ihm sein Ansinnen vorgetragen hatte, antwortete er nach kurzem Bedenken, daß er ein solches Amt nicht gern übernehmen würde, wo es gälte, die mit harter Hand niederzudrücken, die endlich sich das Recht selbst suchten, das eine gewissenlose Regierung ihnen vorenthalten hätte, dagegen Leute zu beschützen, die seine Feinde wären. Feinde dürfe er allerdings, entgegnete Mazzini, als Beamter der Regierung unter den Bürgern des Staates nicht haben, als solcher dürfe er in diesem Falle nur Schuldige und Unschuldige kennen und jene rücksichtslos bestrafen. Auch er, setzte er hinzu, leide darunter und wünsche, es wäre zu diesen Verirrungen nicht gekommen; aber das neue Rom müsse zeigen, daß es die Gerechtigkeit besitze, deren Mangel es dem päpstlichen vorgeworfen habe. Eines Mannes bedürfe man, der unbestechlich, unerschütterlich, unbeugsam sei; er wisse, ein solcher sei er, Orsini, er möge sich dem Vaterlande, das seiner bedürfe, nicht entziehen. »Es ist mir zuwider,« sagte Orsini abweisend, »die Epoche der Freiheit mit Häscherdiensten zu beginnen.« »Auch Garibaldi hat sich nicht zu gut gedünkt, Räuber zu fangen und zu strafen, weil die Republik es forderte,« warf Mazzini ein. »Mag sein, Garibaldi,« sagte Orsini kurz, ohne daß eine Miene in seinem schönen Römergesichte spielte. Mazzini errötete leicht. »Er trägt freilich Lorbeeren, die nichts und niemand ihm nehmen kann,« sagte er scharf. Orsini schien sich durch die Zurechtweisung nicht gekränkt zu fühlen, vielmehr sagte er einlenkend: »Es gibt nichts, was ich im Namen der Freiheit nicht täte, außer eben diejenigen einkerkern, die ihr zu rasch und trotzig dienten.« Mazzini fuhr ungeduldig auf mit den Worten: »Gäbe es doch ein Gebot gegen diejenigen, die den Namen der Freiheit unnützlich führen! Freiheit ist kein Genuß, Freiheit ist eine Aufgabe. Sie bringt und gibt nicht, sie verlangt. Es gäbe nicht so viele Tyrannen auf der Erde, wenn es nicht leichter wäre zu gehorchen und zu leiden, als frei zu sein. Wären diese Morde unter Gregor geschehen, ich würde die Täter wie die Opfer beklagen und die Schuld denen zuschieben, die sie regieren; da sie sich Republikaner und freie Männer nennen, kann ich keine Nachsicht üben. Wenn wir nicht tüchtigere Männer und geordnetere Zustände in Rom haben, als in jedem andern Staate Italiens sind, haben wir nicht das Recht zu dauern.« In seinem Wesen, das für gewöhnlich weich und liebenswürdig war, kam leicht eine zurückstoßende Schärfe zum Ausdruck, wenn er widerstreitenden Ideen begegnete, zumal bei denen, die auf derselben Grundlage standen wie er, so daß die Möglichkeit vollen Verständnisses vorhanden schien. Orsinis Hochmut war durch seinen tadelnden Ton verletzt, trotzdem machte ihm die Größe von Mazzinis Standpunkt, wofür er Sinn hatte, Eindruck, und er sagte freimütig: »Ich habe Euch verstanden und muß Euch recht geben. Es ist mir darum nicht minder unlieb zu tun, was Ihr verlangt, aber wenn Ihr es keinem andern und kein andrer es sich zutraut, will ich mich zwingen und es tun.« Mazzini dankte lebhaft mit warmen Worten der Anerkennung und machte Orsini mit allen Einzelheiten der Vorgänge und mit dem, was bisher in der Sache geschehen war, bekannt. »Ihr könnt nun wegen dieser Dinge ohne Sorge sein,« sagte Orsini, als sie sich trennten; »denn da ich es übernommen habe, werde ich ohne Verzug so handeln, daß dem Rechte Genüge geschieht und ähnliches sich nicht wiederholen kann.«

In diesen Tagen kam ein Franziskaner nach Rom, der durch den ganzen Kirchenstaat wanderte, um das Volk gegen die Republik aufzustacheln, und predigte vor der Laterankirche, die einsam außerhalb des Verkehrs lag, so daß er darauf rechnen konnte, von den Bürgerwachen, die meist die besuchteren Plätze und Straßen abgingen, weniger bald bemerkt zu werden. Er war ein alter Mann von einiger Bildung, besonders aber von Ueberzeugung und Aufrichtigkeit, wodurch es seinen Reden nie an Wirksamkeit fehlte, wenn er auch in Rom selbst, wo die Anwesenheit vieler Patrioten und eine kluge Regierung die Stimmung zugunsten der Republik entschied, einen nennenswerten Zulauf nicht hatte. Er stand auf der Treppe der Kirche gegen die grasbewachsene Steppe außerhalb der Stadt gewendet und kam im Verlaufe seiner Predigt zu folgender Stelle: »Ein Engel des Zornes steht über den sieben Hügeln. Die Kirchen sind verlassen, die Heiligen Gottes haben ihr Antlitz abgewendet und hören die Anbetung der Armen nicht mehr. Denkt an die Tage, als der Heilige Vater in eurer Mitte war, euch speiste und kleidete und segnete; das waren Tage milder Sonne, wo eure Felder trugen und die Trauben an euern Bergen reiften; jetzt zerstampft die Saaten der Ungestüm raubender Soldaten, und was er nicht zerstört, vernichtet der Nachbar dem Nachbarn in unnatürlicher Fehde. Die sich vorher liebten, kennen sich nicht mehr, zielen auf ihre Herzen. Blut rinnt in die Erde, nicht von Fremden, von Brüdern, die Wurzeln trinken es, es steigt in die Stämme, die Halme, die Früchte und Körner, das Brot, das wir essen, ist voll davon. Alle Völker der Erde, die Christen heißen, waffnen sich gegen euch, Neapel, Oesterreich, Frankreich, Spanien und die von Norden werden kommen, werden eure Männer verstümmeln, eure Kinder töten, euer Gut verprassen, um euch für die Schmach zu strafen, die ihr dem Vater der Christenheit angetan habt.«

Zufällig kamen Mazzini und Maurizio Quadrio vom freien Felde her auf die Kirche zu, als der Mönch mitten in dieser Rede war, und traten näher heran, um zu sehen, was der Zusammenlauf von Menschen an dieser Stelle zu bedeuten hätte, so daß der Franziskaner ihrer ansichtig wurde. Er erkannte sofort den geistesstolzen Kopf Mazzinis, den er oft auf Abbildungen gesehen hatte, und anstatt zu erschrecken, daß er von ihm bei einer so aufrührerischen Handlung betroffen wurde, wendete er sich ihm ganz zu und richtete, mit ausgestrecktem Zeigefinger auf ihn weisend, die Rede an ihn: »Da bist du, Luzifer, Empörer gegen Gott! Fluch dir und wehe euch, die sich von ihm mitreißen lassen in die teuflische Rebellion! Der Blitz des beleidigten Gottes trifft alle, die sich von deinen lügnerischen Worten umgarnen lassen, im Augenblick, wo sie sich dir ergeben, verläßt sie der Herr. Wie geschlachtete Kälber sind sie gefallen, schöne Jünglinge, Kinder liebender Eltern, die du vor dir her schicktest, und liegen stumm vor deinen Füßen. Wo du hinkommst, schwinden Friede, Wohlstand und Liebe, wo du hinkommst, bewegen sich die Schwerter in der Scheide und klirren. Deine Farbe ist bleich, weil du bei Nacht umgehen und mit den Toten ringen mußt, die ihre Seele von dir wollen. Glaubst du, dein beladenes Herz könne ein Volk glücklich machen? Glaubst du, du könntest so viel Glück schaffen, daß es das Unglück aufwiegt, das du über unser Land gebracht hast? Was weißt du von dem Gesetz, nach welchem Gott Glück und Unglück, Reichtum und Armut, Freiheit und Dienst verteilt hat? Du unterfängst dich, die Welt nach den Plänen deines Kopfes umbauen zu wollen, der Staub ist, nein, eine Luftblase vor den Atemzügen des göttlichen Verhängnisses! Glaubt mir, ihr Betrogenen, die unter euch, die Gott arm geschaffen hat, wird euer Abgott nicht reich machen, diejenigen, die Gott krank geschaffen hat, nicht gesund. Wenn er mit eurer Hilfe den alten Gott gestürzt hat, wird er euch vor den Pflug spannen, damit ihr das Brot aus der Erde grabt, und wenn ihr euch weigert, werdet ihr Steine essen müssen, wie es bisher gewesen ist.«

Während der ganzen Anrede stand Mazzini ohne sich zu rühren und starrte in das drohende Mönchsgesicht. Es hatte nicht gemeine Züge: die nicht großen Augen lagen tief unter der vorspringenden Stirne, die Backenknochen waren wuchtig gebaut, aber am auffallendsten waren Kiefer und Kinn, die dem barbarischen Gott eines wilden Riesengeschlechtes anzugehören schienen. Mit dem, was er sagte, schnitt er in die wundeste Stelle von Mazzinis empfindlichem Herzen, das alles, was, seit er die Leitung der italienischen Revolution in seine Hand genommen hatte, an Leiden und Sterben kühner Patrioten geschehen war, auf sich geladen hatte, auch wenn er nicht unmittelbar daran beteiligt war. Hatte er auch die Ueberzeugung von der Notwendigkeit der Opfer, so litt er doch nicht geringere Qual darum, ja, er hatte unsäglich trostlose Stunden, wo er zweifelte, ob jemals ein Errungenes das Verlorene aufwiegen würde. Auch Quadrio hatte sich anfangs dem Eindruck, den der Mann und seine Sprache machte, nicht entziehen können, aber bald überwog das Mitleid mit dem Freunde, dessen bittere Empfindung er mitfühlte, und die Besinnung, daß ein solcher Angriff gegen das Haupt der Regierung augenblicklich unterdrückt werden müsse, und er sah sich schleunig nach Wachen um, die nun auch sogleich zu mehreren herbeieilten und den furchtbaren Mönch ergriffen, um ihn in Gewahrsam zu bringen. Bei diesem Anblick kam Mazzini zu sich, drängte sich rasch durch die Menge, verabschiedete die Polizeisoldaten durch einen Wink und sagte zu dem Mönch, der trotzig stehen blieb: »Dieses Mal, weil ich selbst gegenwärtig bin, sollst du frei ausgehen; sprächest du noch einmal so zum Volke, würdest du als ein Aufwiegler bestraft, wie das Gesetz es verlangt. Ich zürne dir nicht und will dir nur dies sagen: ich bin ein Mensch, der in Gottes Hand steht wie du, irren kann wie du, und dem vergeben werden kann wie dir.« Der Mönch warf einen düsteren Blick auf Mazzini, aus dem nicht abzulesen war, ob und wie er die Worte aufgenommen hatte, und entfernte sich langsam; die Soldaten standen unschlüssig wartend, allein Mazzini bedeutete sie nochmals, daß sie den Mann unbehelligt sollten ziehen lassen, worauf sie sich zurückzogen. Während Quadrio dem Davongehenden eine Strecke folgte, um acht zu geben, daß das Volk ihm nicht nachliefe, und auch den Wachen winkte, ihn zwar nicht anzugreifen, aber doch zu beobachten, blieb Mazzini auf dem Flecke stehen; seine Augen hingen, ohne daß er es wußte, an den steinernen Heiligenfiguren auf der Zinne des Lateran, deren gigantische Gebärde über ihn hinaus in das Unendliche starrte. Er fuhr aus Gedanken auf, als Quadrio zurückkam und ihm gutmütig Vorwürfe machte, daß er den Mönch habe gehen lassen, anstatt dem Gesetze seinen Lauf zu lassen. Allenfalls hätte er vorübergehen können, ohne scheinbar etwas zu bemerken, da er aber einmal stehen geblieben wäre, hätte er eine solche Aufsässigkeit nicht unbestraft lassen dürfen. Die, welche dabei gewesen wären, würden nicht glauben, daß Großmut oder eine hohe Gerechtigkeit seine Handlungsweise veranlaßt hätten, sondern würden denken, er hätte nicht gewagt, Hand an einen Mann Gottes zu legen, dessen Wort ihn getroffen und niedergeschmettert hätte. Mazzini gab dem Freunde recht und entschuldigte sich damit, daß er in diesem Augenblick nicht anders hätte handeln können und daß er der Sache keinen großen Wert beigelegt hätte, da die Zuhörer nur ein Haufen Müßiggänger, die dem Zeitvertreib nachgingen, gewesen wären. Der gequälte Ausdruck verschwand aus seinen Augen, und er sagte, indem sie weitergingen: »Ich dachte vorher mit Entsetzen, wie es um mich stände, wenn jener recht hätte und ich unrecht; aber ich kann nichts andres tun, als nach meiner Einsicht handeln und die Entscheidung Gottes erwarten. Vielleicht,« fügte er lächelnd hinzu, »sollte er mir auch nicht recht geben, läßt er mich doch ohne Strafe laufen wie ich jenen, weil ich es ebenso ehrlich gemeint habe.«

*

In Rieti hatte ein Soldat aus Garibaldis Legion eine alte Bäuerin erschlagen, woraus ein Aufruhr entstanden war, und Bauern und Soldaten, in deren Mitte der Täter trotzig einherging, ohne sich führen oder gar binden zu lassen, kamen vor Garibaldi gelaufen, der, wie gewöhnlich des Abends, mit Ugo Bassi, Montaldi und einigen andern Offizieren auf seinem Lieblingsplatze in der Nähe des Klosters saß. Es standen dort auf einer hügelartigen Erhöhung Feigenbäume mit glutstarren Zweigen hinter steinernen Bänken um einen Brunnen, zu dem über einer breiten flachen Treppe Frauen und Mädchen kamen, um Wasser zu holen, mit ernsten Gesichtern und steilem Halse, hochaufgerichtet und feierlich unter der Last der schweren Kupfergefäße, die sie auf dem Kopfe trugen. Garibaldi gebot den Bauern, die durcheinander schrien, und den Weibern, die laut heulten und beteten, zu schweigen, und hieß den Beschuldigten selbst sagen, was geschehen sei; der, ohne zu leugnen, erzählte, er habe der Alten Eier abkaufen, sie ihm keine geben wollen, er habe ihr Geld gereicht, um zu zeigen, daß er bezahlen könne, eine neugeprägte republikanische Münze, darauf habe sie ihm das Geldstück aus der Hand gerissen, darauf gespien und ihm ins Gesicht geworfen, dazu in unverständlicher Sprache gegen ihn gezischt, auch mit den Händen Zeichen gemacht, so daß ihn die Wut und noch mehr der Abscheu vor ihrem geifernden Hexengesicht übermannt und er mit dem Kolben seines Bajonetts nach ihr geschlagen habe. Er habe nicht die Absicht gehabt, sie zu töten, doch bedauere er auch nicht, daß es geschehen sei, er wisse, daß er sterben müsse, und sei dazu bereit. Die Soldaten und Offiziere, die anwesend waren, schwiegen beklommen und blickten ängstlich und einige trotzig bittend auf Garibaldi, der auf das fließende Wasser des Brunnens starrte und endlich sagte: »Du warst immer ein braver Soldat und hast nie Schändliches begangen; die Strafe mußt du leiden, die das Gesetz will, aber du sollst durch die Kugeln deiner Kameraden einen ritterlichen Tod sterben.« Der Mann rief mit fester Stimme: »Es lebe Garibaldi!« und machte kehrt, von den andern blieben mehrere unschlüssig, ob sie noch um sein Leben bitten sollten, aber vor dem verdüsterten Gesicht des Generals wichen sie gesenkten Hauptes zurück. Den Bauern, die mit verbissenen Gesichtern noch dastanden, während die Weiber zu heulen fortfuhren, vielleicht in der Hoffnung, Almosen zu erhalten, befahl Garibaldi drohend, wie es sonst seine Weise nicht war, nach Hause zu gehen und ihre Tote in der Stille zu begraben, worauf sie erschraken und wie böse mutlose Tiere, blutige Blicke rückwärts wendend, davongingen. Ugo Bassi stand auf, um den Verurteilten auf seinem letzten Gange tröstend zu begleiten; die Legionäre hatten sich an ihn gewöhnt, und so widerspenstig sie auch im allgemeinen gegen religiösen Zuspruch waren, ließen sie sich doch seine Predigten, in denen nur von Gott als der großen Selbstverständlichkeit des rätselhaften Daseins und sonst von nichts Kirchlichem die Rede war, und seine brüderliche Anteilnahme an allen ihren Angelegenheiten gern gefallen. Montaldi, der allein bei Garibaldi zurückblieb, ging mit schnellen Schritten auf dem Platze auf und ab und schalt mit zornig gefalteter Stirn auf die Bevölkerung der Gegenden, durch die sie während dieses ruhm- und freudlosen Feldzuges gekommen waren. Die Soldaten, sagte er, könnten unmöglich begreifen, warum sie Räuber niederschießen dürften und diese nicht, da sie doch allesamt Gauner wären, Wölfe, dazu abgerichtet, den Rosenkranz durch die Zähne zu ziehen. Warum brave Bursche aus Mailand oder Modena oder Bologna ihr Blut vergießen sollten, um dies Gesindel als Brüder umarmen zu können, das die Gelegenheit nur benutzen würde, um ihnen während des Kusses die Börse aus der Tasche zu ziehen. Ein besserer Dienst würde Italien geleistet, wenn man sie ausrottete, und es wäre richtiger, Belohnungen auf die Vertilgung solcher Bestien zu setzen, als Strafe.

Da Garibaldi nicht antwortete, fing er an, von dem Soldaten zu sprechen, der zum Tode geführt wurde, und sagte: »Dieser Mann war ein braves und tapferes Herz. Er kam zu meiner Zeit nach Montevideo, war Matrose gewesen und hatte Briefe von Mazzini aus Marseille nach Genua und Livorno befördert, darum mußte er fliehen. Gelernt hatte er nicht viel, aber er war ein treuer Kamerad und besonders deswegen bei allen so beliebt, weil er viele Geschichten, die er Gott weiß wo aufgefangen hatte, zu erzählen wußte.« – »Auf dem Meere mußte man ihn sehen,« fiel Garibaldi ein, »wenn Sturm war und das Schiff von Welle zu Welle stürzte, kletterte er auf den höchsten Mast und stieß gellende Schreie aus, der Möve ähnlich, die durch Mark und Bein gingen und einem das Herz hoben.«

Die Sonne ging unter, und während die nahen Gipfel der Apenninen dunkler wurden und näher rückten, erglomm die Einöde des fernen Hochgebirges in rötlichblauen Farben, die erst immer süßer und röter wurden, dann grau und zuletzt den Stein und die Schneestreifen tonlos und kalt zurückließen. Das war die Stunde, wo die Frauen zu dem Brunnen zu kommen pflegten, aber an diesem Tage blieben sie aus, vielleicht eines Tanzes wegen; denn man hörte von irgendwoher schwirrende Musik von Flöten und Geigen. Plötzlich fielen ein paar Schüsse, die anzeigten, daß das Urteil an dem Soldaten vollzogen sei, und ein verlängerter Widerhall rollte wohllautend durch die Berge. Montaldi warf sich aufatmend auf die niedrige Steinbank unter den Feigenbäumen, und da gleich darauf Ugo Bassi zurückkam, begann er mit diesem, wie er gerne tat, zu streiten, indem er sagte: »Ich glaube, der brave Mann hat ein fröhliches Sterben von Euch nicht lernen brauchen, eher könntet ihr Pfaffen es von ihm lernen, die ihr das Leben in Ewigkeit verlängern wollt. Ein rechter Mann muß es mit dem Leben halten wie mit den Frauen: sich hinein schicken, wenn sie grausam sind, sie genießen, wenn sie einem lächeln, ohne warum? und wielange? zu fragen, und ihnen nicht nachblicken, wenn sie einen verlassen.« Ugo Bassi entgegnete lächelnd: »Ihr habt recht, euch Heiden müßte man eher lehren, das Leben zu lieben, als den Tod nicht zu fürchten. Denn freilich ist es mit dem Leben wie mit den Frauen: je zärtlicher, leidenschaftlicher und getreuer wir sie anbeten, desto mehr Ueberfluß an Süßigkeit und Heiligkeit werden sie uns geben.« Der andre machte eine ungeduldige Bewegung und sagte: »Sie sind wert, was ich daraus mache, und ich hüte mich wohl, sie meiner Herr werden zu lassen.«

Es war inzwischen Nacht geworden, und die Truppen zogen mit ihren Signalen in die Kaserne; über einem schwarzen Bergrücken stand noch ein Flecken dunkle, traurige Abendröte. Garibaldi hatte an dem Gespräch der beiden nicht teilgenommen, auch nicht zugehört, da er eignen Gedanken nachhing; jetzt ließ er sich von dem Brunnenrande, auf dem er gesessen hatte, herunter, näherte sich den Freunden und sagte: »Ich bin des Lebens in diesen Gegenden nie froh geworden und habe mich jetzt entschlossen, ein Ende damit zu machen. Es war gut und nützlich, daß wir dies Volk in Ordnung und Gehorsam erhalten haben; aber was hilft es? Ehe nicht hüben und drüben ein andres Regiment herrscht, werden diese armseligen Menschen Schmuggler und Banditen sein wie seit alters und mit jedem Feinde des Staates zusammen spielen. Sollen wir deshalb bis an das Ende unsrer Tage hier Wache stehen? Ich habe gesehen, daß unsre Leute, die in der Mehrzahl gutartig und willig waren, bei diesem tatenlosen Leben und zwischen anrüchigem Volk, das sie schonen sollen, träge und aus Unlust lasterhaft werden; denn der Mensch ist so, daß ihn seine schwere Natur in den Schlamm zieht, wenn ihn nicht ein stärkerer Wille oder die Schwungkraft großer Zeiten emporhebt. Das darf nicht weitergehen, weil ich feste und reine Herzen für größere Zwecke brauche. Es gibt Soldaten genug, die uns hier ablösen und die Räuber jagen können, aber ich muß fürchten, es gibt niemand, der das Volk aufruft, um den fremden Räuber zu vertreiben, der Italien nach dem Leben stellt. Mailand ist gefallen, Piemont streckt die Waffen, die Männer ducken sich, wenn der verfluchte Tiger auf Italiens Nacken tritt. In Umbrien, in der Romagna, in den Marken ist mein Name nicht unbekannt; sie werden mir in Scharen folgen, wenn ich ausrufe: ich schenke österreichisch Blut! Der Augenblick muß endlich kommen, wo wir sie Gnade flehen hören und ihnen das Eisen ins Herz stoßen, wo wir unsre Pferde über ihre Leichen jagen, daß sie sie mit ihren Hufen zertreten. Kann ich den Kampf im Namen der römischen Republik führen, so ist es mir lieb, hat sie nicht Mut zu dem Krieg, so führe ich ihn im Namen des Volkes und mit dem Volke; statt des Schwertes mögen sie mit den eisernen Zähnen des Pfluges töten. Wer mit gutem Hasse haßt, findet die Waffe, um den Feind zu erlegen.«

Bis in die tiefe Nacht hinein erklärte er Ugo Bassi, wie er sich den allgemeinen Volkskrieg vorstellte, den er im Geiste schon mit allen Einzelheiten entworfen hatte, und beauftragte ihn, sich in aller Eile nach Rom zu begeben und der Regierung seinen Plan vorzulegen. Vor Tage verließ der Gesandte Rieti und ritt nach Rom.

*

Nicht lange nachdem Ugo Bassi das Lager verlassen hatte, traf dort eine Botschaft der Regierung ein, die Garibaldi nach Rom rief, da in den nächsten Tagen schon der Angriff eines französischen Heeres müsse erwartet werden. Nachdem nämlich Pius IX. eingesehen hatte, daß sein Volk ihm freiwillig die Tore nicht öffnen werde, wählte er betrübt und mißtrauisch unter den Mächten, die ihm die Hilfe ihrer Waffen antrugen, ohne sich entscheiden zu können; denn die schwächeren, so Spanien, verbürgten keinen Erfolg, und von den stärkeren mußte er annehmen, daß sie ihren Sieg ebensosehr gegen ihn wie gegen die Republikaner ausbeuten würden. Da ihm aber die Anmaßung Oesterreichs, das die Wiedereinsetzung entthronter Fürsten in Italien als sein herkömmliches Recht betrachtete, vor allem unleidlich war und er auch fürchten mußte, jeden Anhang in seinem Reiche zu verscherzen, wenn er auf der Spur der berüchtigten Kroaten zurückkehrte, ließ er sich Frankreichs Schutz aufdrängen, freilich mit saurer Miene, denn der Name der französischen Republik war ihm so zuwider wie der ihres Präsidenten Napoleon Bonaparte. Die Wahl war dem Papst insofern günstig, als die Römer nicht glauben wollten, Frankreich, das ihnen bisher als Lehrmeister und Muster der Freiheit erschienen war, das die Unantastbarkeit der Freiheit andrer Länder zu einem Grundgesetz seiner Verfassung gemacht hatte, könne sich zum Häscher des Priestertyrannen gegen sein Volk erniedrigen, und verabsäumten in ihrem eigensinnigen Vertrauen, rechtzeitig Maßregeln gegen den zweizüngigen Feind zu ergreifen. Es kam dazu, daß von Bonaparte, dem Präsidenten, der Jahre seiner Jugend in Italien verbracht hatte, die Rede ging, er sei Karbonaro gewesen und habe nach den furchtbaren Gesetzen dieses Bundes geschworen, für Italien zu leben und zu sterben, widrigenfalls er der Rache der Genossen wolle verfallen sein, und daß er tatsächlich in der Revolution des Jahres 1833 eine bedeutende Rolle gespielt hatte, weswegen man eher für möglich hielt, er werde für Mazzini als für den Papst eintreten. Immerhin gab es einige, die den Neffen des Oheims, wie man den jüngeren Napoleon nannte, und seinen weibischen Ehrgeiz durchschauten und voraussagten, daß er die europäischen Verhältnisse verwirren wolle, wie sein großer Vorfahr, um sich leichter zur Größe aufschwingen zu können, aber mit kleineren Zielen und unechtem Glanze. Fürst Canino sagte, er habe seinem Vetter nie getraut, weil er sich selbst nicht traue und seine Zukunft nicht beherrsche. Er habe Verstand und könne ein feiner Gelehrter sein, klage auch zuweilen darüber, daß ihm der stille Platz am Schreibtisch bei Büchern nicht vergönnt sei, doch vertreibe ihn niemand von dort als seine eignen Träume, denn er sei Phantast, obwohl er Staatsmann sein möchte. Seine Phantasie habe indessen nicht den Hochschwung des Adlers, sondern das ungewisse Stoßen der Fledermäuse, die erst, wenn es dunkelte, heimlicherweise zu kreisen anfingen, auch schwärme sie häufiger in den Busen einer nackten Frau als nach Gipfeln in Wolken, und verlange nach Krone und Zepter nicht viel anders, als ob es eine Vorstecknadel, sich zu zieren, wäre. Ob er Karbonaro gewesen sei, wisse er nicht, halte es aber für möglich und meinte, wenn ihn damals ein Gelüsten oder Zweck zur Rolle eines patriotischen Verschwörers gelockt hätte, würde ihn kein Bedenken zurückgehalten haben, so wenig wie ihn jetzt eins abhalten würde, Rom der teuflischen Dummheit der päpstlichen Reaktion auszuliefern, wenn es seinen Plänen diente. Grundsätze habe er nicht, nur Wollust, Gefühl und Berechnung. Italien liebe er, aber mit der schnöden Liebe des eiteln Schwächlings, der die starke Leidenschaft einer hochherzigen Frau fürchtet, indem er sie anbetet und sie gelegentlich einer buhlerischen Dirne aufopfert, die er verachtet.

Trotz des Glaubens an Frankreich und der Erwägung, daß es unklug sein würde, die einzige Nation, von der noch Beistand zu erwarten war, gegen sich aufzubringen, war die Versammlung stolz genug, den Abgesandten des französischen Heeres, der freien Einzug in Rom für dasselbe forderte, damit es verhindern könne, daß eine andre Armee, etwa die österreichische, unter dem Vorwande, die Rechte des Papstes zu wahren, sich dort festsetze, mit der Antwort abzuweisen, daß sie jedem Versuch irgendeiner Macht, Rom zu besetzen, mit Waffengewalt entgegentreten würden, und es war demnach geboten, die Stadt schleunig in Verteidigungszustand zu setzen. Es war eine der wichtigsten und schwierigsten Fragen, wer zum leitenden General der gesamten Heeresmacht ernannt werden sollte; denn so wenig es an tüchtigen Offizieren fehlte, die sich an ihrer Stelle schon bewährt hatten, so sehr mangelte es an einem Manne, welcher die Feldherrngabe des Ueberblicks und der Verteilung großer Massen besessen hätte; Garibaldi wurde sie gleich lebhaft abgestritten wie zugeschrieben. Mazzini wußte, daß er in soldatischen Kreisen außerhalb Roms als der einzig Geeignete angesehen wurde, und neigte zu derselben Ansicht; aus andern Gründen war er unsicher, ob die Wahl nicht schlimme Folgen haben könnte. Es war kürzlich vorgekommen, daß Garibaldi Gefangene, die aus Ankona nach römischen Gefängnissen transportiert wurden, weil sie bei jenen Ausschreitungen der republikanischen Partei beteiligt gewesen waren, die erst Orsini hatte unterdrücken können, willkürlich befreit hatte, um sie bei einer kriegerischen Operation zu verwenden, was eine peinliche Auseinandersetzung zwischen ihm und der Regierung zur Folge gehabt hatte. Diese Nichtachtung der Regierung und seiner Grundsätze machte Mazzini Bedenken, und er fragte sich, ob es angehe, einen Mann mit militärischer Gewalt zu bekleiden, der sein Ziel, die Besiegung der Feinde, verfolge wie die ungeheuer waltende Natur, deren Gewitter Häuser niederbrenne und Menschen erschlage, um die Saat fruchtbar zu machen, und Geschlechter hinraffe, um einem neuen Keime Raum zu schaffen. In einer Versammlung, wo darüber endgültig sollte beschlossen werden, nahm er das Wort und sagte: Im Kriegsministerium sei der Oberst Roselli vorgeschlagen, der, ein gebildeter Offizier und vortrefflicher Mensch, ihm selbst vollkommen genehm sei; doch müsse er darauf aufmerksam machen, daß noch ein Mann in Frage komme, der vielleicht mehr Anwartschaft auf eine so hohe und verantwortliche Stellung habe als Roselli oder irgendein andrer: Garibaldi. Dies sage er nicht wegen der Siege, die Garibaldi mit seiner Legion jenseits des Meeres erfochten habe, so staunenswert sie wären, denn die dortigen Verhältnisse wären von den hiesigen zu verschieden, als daß man von jenen auf diese schließen könnte. Hier habe er noch keine Gelegenheit gehabt, große Schlachten zu schlagen; aber man sage oft, die schwerere Kunst sei, einen Rückzug geschickt auszuführen oder sich nach einer Niederlage schnell zu erheben, und es sei ihm gelungen, aus dem schmachvollsten Feldzuge als der einzige nicht ohne Ehre und Glanz hervorzugehen.

Avezzana, ein Genuese, der am Tage zuvor flüchtig in Rom eingetroffen war, nachdem die Erhebung seiner Vaterstadt gegen Piemont wegen des Friedens mit Oesterreich unglücklich geendet hatte, gab seine Stimme nachdrücklich für Garibaldi ab. Giuseppe Avezzana hatte die Jahre der Verbannung in Amerika zugebracht; er besaß mit fünfzig Jahren noch die Gläubigkeit der Jugend und hätte Außerordentliches leisten können, wenn seine Geistesgaben seiner Redlichkeit und seinem Opfermut gleichgekommen wären. Er hob rühmend hervor, daß Garibaldi allein, nur auf sich selbst gestützt, im Felde geblieben sei, nachdem der König von Sardinien entmutigt oder verräterisch das Schwert weggeworfen hätte.

Das könne nur verblendeter Eifer der Partei loben, warf Pisacane ein, im Dienste des Königs hätte er dem Könige gehorchen müssen. Ob man glaube, er werde im Dienste der Republik nicht derselbe Mann voll Trotz und Willkür sein? Auch als römischer General werde er angreifen oder zögern, Waffenstillstand halten oder brechen, wie es ihm, nicht wie es der Regierung beliebe. »Italien hat diesen göttlichen Ungehorsam gesegnet,« rief der junge Caldesi, »sollen wir ihm eine Falle daraus machen?«

Man könne es dem Menschen zum Ruhme, dem Feldherrn müsse man es als schlimmsten Fehler anrechnen, wenn er seinem Herzen folge, beharrte Pisacane. Garibaldi sei tapfer, ausdauernd, tatkräftig wie andre Offiziere, oder mehr, und was mit diesen Eigenschaften ausgerichtet werden könne, leiste er; aber Krieg führen sei eine Wissenschaft, und die habe er nicht gelernt. Er könne Glück haben, und der Zufall könne ihn begünstigen; einen Plan, der durch die Klugheit seiner Berechnungen den Sieg herbeiführen oder im schlimmsten Falle eine Katastrophe verhindern müsse, könne er nicht ersinnen oder durchführen, da er wie alle ursprünglichen Menschen der Macht des Augenblicks unterliege. Die Mehrzahl der Abgeordneten fiel dem Redner lebhaft bei. Einige gaben zu, daß Garibaldi wohl ein glänzender Krieger sein und Gewandtheit und Erfahrung sich angeeignet haben möge, bezweifelten aber, ob er deswegen auch zum Befehlshaber einer regelmäßigen Armee tauge. Andre fanden, daß, da er als Schiffsmann geboren und seine besten Erfolge mit der Flotte erzielt habe, er allenfalls Admiral, doch nicht Führer zu Lande werden könne, noch andre betonten, daß er aus Nizza gebürtig sei und nur ein Römer römische Soldaten regieren könne. Er kenne die Eigenart des römischen Volkes nicht, und es sei gefährlich, wenn Mißverständnisse zwischen dem Feldherrn und seinen Leuten entstünden, schon seine Kleidung, der weiße Mantel, die wallende Straußenfeder am Hut wirke fremdartig, er gleiche einem Helden auf der Bühne, nicht einem Offizier von europäischer Kultur. Auch seine Persönlichkeit, hieß es, erwecke nicht das Vertrauen, das eine Regierung zu dem Manne haben müsse, dem sie ihre Macht in die Hand lege. Ob einer bürgen könne, daß er sie niemals gegen sie brauchen werde? Eine dunkle Kraft elementarischer Natur scheine in ihm verborgen zu sein, sie könne sich gegen diesen oder jenen entladen, er selbst wisse es vielleicht heute noch nicht, der zufällig zwischen seinem Wollen und seinem Ziele stehe.

Mazzini widersprach: Er kenne Garibaldi nicht näher, habe aber bei der ersten Begegnung einen bestimmten Eindruck von ihm empfangen, den er auch jetzt noch für richtig halte; danach sei er allerdings im einzelnen unberechenbar, er sei von einem undurchdringlichen Mantel unsichtbarer Kraft umgeben, so daß er gleichsam in seiner eignen Welt lebe und mit ihr in die Welt der andern eintrete, die ihm nie völlig nahekommen könnten. Aber obwohl auch er, Mazzini, ihm im Grunde fremd geblieben sei, so sei er doch dessen sicher, daß er Italien über alles liebe, unfähig sei zu lügen und zwischen zwei Handlungen immer die größere tun werde.

Die, welche ihm die größere sei, wandte Aurelius Saliceti ein, sei vielleicht die schlimmste und gefährlichste für die Republik.

In früheren Zeiten hätten sich die Republiken von solchen Männern die Länder erobern lassen und sie nachher ermordet, meinte Fürst Bonaparte behaglich. Danach sei die Zeit nicht mehr, auch würde es schade um Garibaldi sein. Was nun zu tun sei? Uebergehen könne man ihn nicht, ihn unter einen Höheren stellen? Wer solle der sein? Vielleicht könnte man ihm einen Wächter zur Seite stellen, einen Getreuen der Regierung, der sie warnen könnte, wenn es in dem großen Krater zu rumpeln beginne.

»Das ist die Politik der Schwächlinge,« rief Sterbini herausfordernd, »und eines Mannes wie Garibaldi unwürdig. Er ist Republikaner und ehrlich, wie jeder von uns es zu sein glaubt. Daß er siegen kann, hat er bewiesen, und das wollen wir eben. Oder wollen wir etwas andres? Wollen wir eine Prüfung in der Kriegsschule bestehen? Wir können Garibaldi nicht zum General machen, er ist es. Die Geschichte wird über uns hohnlachen, wenn wir mit einem preisgekrönten Biedermanne untergehen, wo wir mit einem Garibaldi siegen konnten.« Zambianchi, ein schlüpfriger Gesinnungsprahler, der niemandem geheuer war, und mit dem doch niemand anbinden wollte, sagte mit anzüglichem Grinsen: »Käme nur endlich eine entschlossene Hand, die den alten Unrat ausräumte! Wir haben den Namen einer Volksrepublik auf den alten Stall geschrieben. Da gehen die Wölfe aus und ein, wie früher, die Jesuiten und die Oesterreicher, die Spione, die den Mantel auf beiden Achseln tragen, die Diplomaten, die es mit keinem verderben wollen, und die guten Schäferhunde sind angekettet und werden zur Ruhe verwiesen, wenn sie knurren und die Zähne zeigen. Wenn die Verräter sich ins Fäustchen lachen und die Braven feiern müssen, haben wir noch Pfaffentum und Fremdherrschaft, wie wir uns auch mit unserm echten Gott und unserm freien Volke brüsten.«

»Die Bonaparte haben gezeigt, wie es diejenigen machen, die den alten Wust auszukehren versprechen; sie fegen die Freiheit mit aus und setzen sich die blankgeputzte Krone auf,« entgegnete Pisacane kühl.

Canino sagte, er glaube nicht, daß der brave Garibaldi Salböl für seinen eignen Kopf brauchen würde, eher sei zu fürchten, daß er sich in kindlicher Treue seines alten Landesherrn, des Savoyers, erinnere. »Man begreift,« fiel Zambianchi boshaft ein, »warum gerade der Fürst Bonaparte einen solchen Abfall fürchtet. Wir sind alt genug, uns der Zeit zu erinnern, wo er ebenso despotisch das Recht des Papstes verfocht wie heute das der Republik.«

Mit diesen Worten war die Losung zu verletzenden Feindseligkeiten gegeben, mit denen mehr aus persönlichen Gründen als wegen abweichender Meinungen gegeneinander gestritten wurde, bis endlich, da der Präsident Galletti nicht vermochte, Ruhe herzustellen Mazzini noch einmal das Wort nahm und die Aufgeregten daran mahnte, daß, wie sie sich auch zueinander verhalten möchten, die Liebe zu Italien sie doch vereinigte; daß sie einander Redlichkeit der Gesinnung zutrauen müßten, wenn anders sie erfolgreich zusammen arbeiten wollten, und daß sie schließlich, wenn kein andrer Grund verfinge, aus Not sich einig zeigen müßten, um dem sich ansammelnden Feind widerstehen zu können. »Wir streiten jetzt,« sagte er, »wie Brüder eines Hauses, die im Uebermut einer glücklichen Gegenwart und in der Sicherheit der Liebe ihre Gegensätze schärfen und auf ihr Eigenwesen pochen, sich entzweien und mit Willen gegeneinander verblenden, die aber, wenn die Zeit sie zerstreute, diese Zwiste kindisch nennen und mit bitterer Sehnsucht des gemeinsamen Lebens im Vaterhause denken. Es könnte auch für uns ein Tag kommen, wo wir aus unserm Vaterhause auswandern müßten, und wo wir, ein jeder fern vom andern und fern vom Strahl unsrer schönen Sonne, wieder die ziellosen Wege der Verbannung gehen müßten, die wir kennen.« Seine Stimme bebte kaum merklich; diejenigen, die lange Jahre in der Fremde zugebracht hatten, dachten schaudernd des erlebten Elends, die, welche zu jung waren, um schon für ihre Sache gelitten zu haben, überlief die Ahnung künftiger Schmerzen. Er wolle sie, fuhr er nach einer Pause fort, mit seinen Worten weder schrecken noch rühren, nur an den Ernst ihrer Lage erinnern. Er hoffe mit ganzer Seele darauf, daß sie sich, sei es durch Klugheit oder Gewalt, der vielfachen feindlichen Bedrängung entziehen könnten; nur möchten sie nicht, wie es allzu leicht in Italien geschehe, den Sieg aufs Spiel setzen, weil jeder dem andern die Früchte des Sieges mißgönnte. Dann kam er noch einmal auf Garibaldi und sagte, man solle ihn und sich selbst weder durch Mißtrauen noch durch Vergötterung entehren; er habe, nach seinem Urteil, Kraft, Willen und Glück, das müsse man nützen.

Auch Mazzini bestand indessen nicht darauf, die ganze römische Heeresmacht unter Garibaldi zu stellen, und so ging ein vermittelnder Vorschlag durch, nach welchem Garibaldi zwar General wurde, Roselli aber die Oberleitung des gesamten Heeres erhielt und also Garibaldi übergeordnet wurde. Diese Anordnung führte viele Unzuträglichkeiten herbei, da es infolge der Teilung des Kommandos vorkam, daß Garibaldis Offiziere widersprechende Befehle von beiden Seiten empfingen, überhaupt aber, weil ein Widerspruch in der Tatsache lag, daß Garibaldi dem Roselli untergeordnet sein sollte, einem makellosen, uneigennützigen, das Beste wollenden Manne, dem er wie der Löwe dem Hunde überlegen war.

*

Für den Fall eines Straßenkampfes in der Stadt bildete die Regierung eine Kommission für den Barrikadenbau, an deren Spitze drei junge Männer standen. Enrico Cernuschi, ein Mailänder, Vincenzo Caldesi aus Faënza und der Römer Cattabeni glichen einander darin, daß sie gesund, kräftig und mutig waren, den Genuß liebten und keine Gefahr fürchteten, vielmehr in ihr mehr noch als eine Würze, die Grundlage der Freude suchten. Cernuschi war etwa fünfundzwanzig Jahre alt, von allen der Jüngste, aus dem Volke gebürtig, aber geschaffen, den feinen Herrn zu spielen, witzig, munter und oberflächlich, schlank und geschmeidig, im Gesicht hübsch wie ein Mädchen, mit zierlichen Händen, die er sorgfältig pflegte; er war stets nach der letzten Mode gekleidet, mit Benutzung ihrer geheimsten und elegantesten Schnörkel. Caldesi hingegen, der urwüchsiger und weniger berechnend war, vernachlässigte seine äußere Erscheinung, die trotzdem immer gefiel und die Phantasie anregte. Er betete den Augenblick an, der ihm alles gewährte, wie er in ihm aufging; ohne sich um die Gewogenheit der folgenden Stunde zu kümmern, schwelgte er in der Gunst der gegenwärtigen, die ihn dankbar zum Helden, Dichter oder Maler machte, wie die Gelegenheit es eben wollte. Cernuschi hatte sich während der fünf großen Mailänder Tage einen Namen gemacht, wo er sauber und elegant unter Blut und Rauch, mit spitzen Lackschuhen auf den Barrikaden kämpfte; Caldesi war infolge der Amnestie Pius' IX. aus der Verbannung zurückgekehrt. Cattabeni machte, weil er ein gemäßigtes Temperament hatte, weniger von sich reden.

Die drei pflegten in einem kleinen Zimmer, das weit über die flachen Dächer der Stadt hinsah, die Mitteilungen und Ausrufe an das Volk zu verfassen, die sie an den Mauern anschlugen; denn es fiel ihnen auch zu, die zuversichtliche Gesinnung in Rom zu unterhalten, damit nicht die Opferfreudigkeit erlahme und Verzagen am guten Ausgange der Kriegsgefahr die Niederlage vorbereite. Cattabeni liebte, daß alle Dinge rasch und sachgemäß vorwärts gingen und verfaßte Schriftstücke, in denen das Notwendige mit den wenigsten, einfachsten und eindringlichsten Worten ohne Zutat gesagt wurde, weswegen seine Entwürfe von den beiden andern als zu simpel und geschmacklos, Wurst ohne Speck und Knoblauch, verworfen wurden. Wenn zum Beispiel der Papst ein neues Rundschreiben erlassen hatte, in welchem er die Republik und ihre Anhänger verfluchte, und es sich darum handelte, den Warnungen und Bedrohungen, die die Geistlichen wo sie konnten daran knüpften, entgegenzutreten, schrieb er etwa so: »Volk von Rom! Pius IX. hat abermals einen Fluch über die Republik und die Republikaner ausgesprochen. Die Republik, die sich keiner Schuld bewußt ist, nimmt keine Notiz davon und erwartet dasselbe von euch;« worüber Cernuschi und Caldesi nicht genug lachen konnten. Sie erfanden unter mutwilligen Späßen andre Machwerke, von denen das abgeschmackteste trotz der entrüsteten Proteste Cattabenis ausgewählt wurde; es war in folgendem Stile gehalten: »Die große Kreuzspinne von Gaëta« – das nämlich war der Aufenthaltsort des Papstes – »hat neuerdings alle Fliegen verflucht, die nicht in ihr Netz laufen wollen. Ihr Abtrünnigen, so geifert sie, ihr Vatermörder, ihr Gottesleugner, die ihr euch nicht von mir einfangen und anbeißen und aussaugen lassen wollt! Hiermit verdamme und verfluche ich euch und wünsche euch die Pest und den Tod und den Krebs und das Sterben und die Hölle an den Leib. Solltet ihr je wieder in mein Netz geraten, so werde ich euch mit meinen liebenden Armen väterlich umklammern und christlich erwürgen, wie das heilige Beispiel meiner Vorspinnen es mich lehrt! – Ich denke, wir werden uns hüten. Der Putztag ist vorbei, der Festtag ist da, sorgen wir nun, daß sich keine Spinngewebe wieder in den Ecken bilden.«

In den letzten Tagen des April, als der französische Gesandte Leblanc die Mahnung der Triumvirn, Frankreich lade durch sein Vorgehen die Verantwortung eines Krieges zwischen zwei nahverwandten Nationen auf sich, mit der prahlerischen Herausforderung beantwortet hatte: »Die Italiener schlagen sich nicht!« kamen Cernuschi und Caldesi auf den Gedanken, die dadurch im Volk entstandene kriegerische Stimmung zu der Ausführung einer Barrikadenschlacht zu benutzen, was eine nicht überflüssige Uebung und zugleich eine Belustigung sein würde. Caldesi schlug vor, das Manöver dadurch kurzweiliger zu machen, daß man die Frauen, die, im Fall es Ernst würde, sich auch beteiligen würden, die Römer vorstellen und auf den Barrikaden kämpfen ließe, während die Männer den anrückenden Feind spielten, wovon Cattabeni, der überhaupt gegen ein solches Theaterspielen war, vollends nichts wissen wollte; er wurde aber wie gewöhnlich mit Scherz und Gelächter überstimmt und fügte sich grollend. Der Aufruf, durch welchen die Bevölkerung zur Teilnahme an dem Kampfspiel eingeladen wurde, lautete so: »Römer, euch, das wehrhafteste Volk der Erde, hat schnödes Pfaffentum verweichlicht. Schnell werdet ihr die angeborene Titanenkraft zurückgewinnen, wenn Rom eurer bedarf. Erproben wir es heute! Sehen wir, ob wir noch schlagen könnten, wenn ein Gegenstand da wäre, der es verdiente! Nicht nur zu Männern spreche ich, auch zu Frauen: sie, die uns Tapfere und Edle gebären, werden ihren Söhnen nicht nachstehen. Ich nenne Römerin nur eine solche, die ebensowohl ein Herz mit dem Schwerte zu durchbohren, wie mit den Augen zu entzünden weiß!«

Zum Schauplatz des Kampfes war eine in der Nähe der Porta del Popolo verlaufende Straße bestimmt, und der dort befindliche Neubau eines Klosters, der seit dem Beginne der Republik unterbrochen war, wo aber Gerüste und Verschläge noch standen, lieferte Holz und Bretter in verschiedener Größe für die Barrikaden. Die Errichtung derselben ging unter Anleitung der Kommission und mit Hilfe mehrerer, die schon Revolutionen in Paris mitgemacht hatten, flink wie die Vorbereitung zu einer Lustbarkeit voran. Während die Frauen sich hinter den beweglichen Mauern verschanzten, pflückten die Männer in einem nahen Garten Narzissen und Hyazinthen, um sich die Mützen und Jacken zu schmücken, worauf sie, den spöttisch entstellten Text der Marseillaise singend, vorrückten. Der Kampf, der sich nun entspann, bestand hauptsächlich darin, daß die Männer die Frauen von ihren gesicherten Plätzen zu vertreiben und gewissermaßen gefangen zu nehmen suchten; diese hatten harmlose Waffen, die sie zu ihrer Verteidigung benutzten, und im Schwung und Eifer des Kampfes kam es zu erheblichen Püffen und Schlägen, was den festlichen Lärm nicht wenig vermehrte.

Unter den Mädchen fiel eine durch die fröhliche Emsigkeit auf, womit sie schleppte und hantierte, obwohl sie durchaus nicht an schwere Arbeit gewöhnt zu sein schien; denn nach ihrer zweckmäßig einfachen und doch eleganten Kleidung und nicht zum mindesten nach der sicheren Grazie, mit der sie auf das tolle Spiel einging, gehörte sie den höheren Ständen an. Sie war von mittlerer Größe und strahlte in reinen starken Farben; das Gold der Haare, das Rot der Wangen, das weiße Glänzen der Zähne erweckten trotz des lieblichen Ernstes in ihrem regelmäßigen Gesicht den Eindruck lachender Heiterkeit. Kaum hatte Caldesi sie gesehen, als er Feuer fing, wodurch Cernuschi aufmerksam wurde und sie nun gleichfalls mit Feindseligkeiten bestürmte, unter denen die Huldigung des Liebhabers sich neckend verbarg. Sie entschlüpfte den beiden Gegnern mit so viel Anmut und Laune, daß sie nur immer heftiger entbrannten und schließlich die lästige Rolle abwarfen, um ihre Leidenschaft offen zu äußern, wobei sie sich gegenseitig zu übertrumpfen suchten. Das Mädchen suchte sie hinzuhalten, indem sie behauptete, nicht zum Schlusse darüber kommen zu können, welcher von beiden ihr besser gefalle, doch sagte das den Ungestümen nicht zu; sie fingen an, miteinander zu streiten, und waren im Begriff, auf der Stelle durch Zweikampf über den Besitz der Frau zu entscheiden, als diese plötzlich ausrief: »Glaubt ihr ernstlich, eine Römerin würde sich einem Vaterlandsfeinde ergeben?« und gleichzeitig einem eben herantretenden jungen Manne die Hand reichte, um von dem Bretterhaufen, auf dem sie stand, herunterzuspringen. Es zeigte sich, daß das vermeintliche Mädchen eine neuvermählte Frau war, Antonietta Colomba, die später an den Mauern Roms, neben ihrem Manne kämpfend, den Tod fand. Cernuschi und Caldesi fluchten, lachten, versöhnten sich untereinander und befreundeten sich mit den jungen Eheleuten.

Inzwischen hatte der Kampf aufgehört, allerwärts fanden sich Paare zusammen und bildeten Gruppen um Vorräte von Wein und Brot, die herbeigeschafft worden waren. Die Frauen, die sich sehr angestrengt hatten, waren erhitzt und schöner als sonst, in allen Augen war Begierde und Wonne, die zum Teil nicht unerheblichen Wunden wurden flüchtig verbunden oder nicht beachtet. Cernuschi und Caldesi, die um ihren Kampfpreis gekommen waren, gingen von einer Gruppe zur andern und neckten die Glücklicheren, wobei sie auf Cattabeni stießen, der gemächlich, als wäre er es nicht anders gewöhnt, zwischen zwei wunderschönen Frauen saß, einer dunkeln mit überschwenglichen Madonnenaugen, die mitten aus dem üppigsten Leben hervorglühten, und einer derben, deren unbedenklichen Blicken man ansah, daß sie ergriff und wegwarf, was ihr gefiel und verleidet war. Nachdem sie sich von ihrem Erstaunen über das entdeckte Nest gesammelt hatten, versuchten sie dem Freunde die Frauen abspenstig zu machen, mußten sich aber, obwohl Cattabeni sie gleichmütig gewähren ließ, ohne Erfolg zurückziehen. Als nach Mitternacht der Tau fiel, leerten sich die Barrikaden, und das Lachen und Flüstern verstummte.

In der Frühe des folgenden Morgens meldete ein Maueranschlag den bevorstehenden Angriff der Franzosen. »Der Augenblick ist nahe,« hieß es, »wo die Römer sich als Söhne des Kriegsgottes erweisen können. Leider ist es nicht Hannibal, der vor den Toren steht, sondern ein aufgeblasener Pfaffenknecht, General Oudinot, der sich mit Verrat in unser Land eingeschlichen hat, und den wir mit Mut und blanken Waffen daraus vertreiben werden.«

Garibaldi war kaum in Rom angekommen, als er wieder zu Pferde stieg und, nur von dem Mohren begleitet, einen Rundgang um die Stadt machte, um sich von der Beschaffenheit des Bodens in Hinblick auf die Verteidigung zu überzeugen und zu sehen, was zur Befestigung geschehen wäre. Oberhalb der Engelsburg stieß er auf eine hölzerne Brücke, die, um dem Feinde nicht zum Uebergange zu dienen, abgerissen werden sollte, und an welcher auch schon gearbeitet war, doch waren mehrere der größten Pfeiler stehen geblieben, sei es, daß man für unnötig gehalten hatte, sie zu entfernen, oder daß die Arbeiter, der dringenden Umstände ungeachtet, um die Nachmittagsstunde schon Feierabend gemacht hatten. Garibaldi sah sich nach Leuten um, die zugreifen könnten; da aber niemand in der Nähe war, fragte er mit den Augen den Mohren, ob er allein damit fertig würde, worauf dieser das Gerüst, das noch stand, mit einem hochmütigen Blick maß, nickte und zugleich den schwarzen Umhang, den er trug, abnahm und auf die Erde warf. Garibaldi stieg in das seichte Wasser des Ufers, fing an, die Schrauben loszudrehen, die das Holzgefüge zusammenhielten, und rüttelte versuchsweise an einem großen Balken, der widerstand. Der Mohr lächelte, schlang beide Arme um das Holz und zog mit dem ganzen Gewicht seines riesenhaften Körpers, wobei er ein dumpfes, langsam anschwellendes und ausrollendes Brüllen ausstieß, bis der Balken ächzend nachgab. Dann reckte er sich, trocknete den Schweiß ab, der ihm vom Gesicht lief, und watete tiefer in den Fluß hinein, um weiterzuarbeiten; sein Oberkörper stieg wie ein nasser, schwarzer Felsen, an dem das Licht sich spiegelt, aus dem gelben Tiberwasser. Während sie noch an der Arbeit waren, kam der Leutnant Nino Bixio, der am selben Tage aus Genua zurückgekommen war und Garibaldi begrüßen wollte, und da er von weitem sah, bei welcher Beschäftigung der General und der Mohr waren, beschleunigte er den Schritt, zog im Laufen schon den Rock aus und sprang mit einem Satze in den Fluß, um sich zu beteiligen. Garibaldi lachte und lobte ihn wegen seines Talentes, zur rechten Zeit zu kommen; nicht so stark wie der Mohr, doch robust genug, hantierte er mit so viel Sachkenntnis und Geschick, daß bald alles weggerissen war, was noch zum Vorteil des Feindes hätte dienen können.

Während Garibaldi den Lauf des Tiber verfolgen wollte, beauftragte er Bixio, von ein paar Soldaten, welchen er zuerst begegnen würde, die Porta Fabbrica nächst der Peterskirche verbarrikadieren zu lassen, wenn es nicht schon geschehen wäre, und da die Stadt von Truppen voll war, stieß Bixio bald auf ein Häuflein Legionäre, die er nach dem bezeichneten Tore mitnahm. In der Nähe desselben kamen ihm drei junge Offiziere entgegen, die denselben Rang wie er hatten, und da er nicht wußte, wieviel und welcherlei Arbeit es geben würde, rief er ihnen zu, sie möchten sich anschließen. Einer von den dreien war ein Neapolitaner, dessen Vater ein hoher Offizier in der bourbonischen Armee war, und zu dem er in unversöhnlichen Gegensatz getreten war, als er sich in den Dienst der Republik Rom begab, wobei es unklar blieb, ob ein feindseliges Verhältnis zum Vater diesen Schritt veranlaßt hatte, oder ob die Entzweiung eine Folge der abweichenden politischen Richtung war. Er war mit dem Anspruch nach Rom gekommen, von den Freiheitsmännern mit besonderer Rücksicht oder gar Bewunderung behandelt zu werden, weil er mit Verzicht auf äußere Vorteile aller Art auf ihre Seite getreten wäre, hatte aber auch Anwandlungen, wo er überzeugt war, daß man ihn als verächtlichen Ueberläufer ansähe oder den Haß gegen seinen Vater auf ihn übertrüge, was ihm eine Unsicherheit gab, die er aus Eitelkeit hinter kleinlichen Anmaßungen versteckte. Seine ganze Person, Haar, Augen, Stimme und Wesen hatten einen öligen Glanz, seine Gesichtszüge waren fein, aber schwächlich in die Länge gezogen und drückten meistens Langeweile, zuweilen eine müde, zärtliche Grausamkeit aus. Er wirkte im allgemeinen leicht abstoßend, nur die bezaubernden Formen seiner Höflichkeit und eine unabänderliche Traurigkeit, die von einem guten Beobachter unschwer als Grund seines Wesens zu erkennen war, konnten mit ihm versöhnen.

Da er feinfühlig, ja überempfindlich war, hatte er bei dem ersten flüchtigen Bekanntwerden bemerkt, daß Bixio ihn nicht leiden mochte, und sagte jetzt, in der Absicht, ihn zu reizen, kaum die Augen aufschlagend, mit einem nachsichtigen Lächeln: »Ihr sprecht vielleicht im Auftrage des Generals?« um anzudeuten, daß Bixio sein Ansinnen nicht fein eingekleidet und daß er ihm nichts zu befehlen habe. Die Art, wie diese Bemerkung gemacht wurde, hätte Bixio in jedem Falle geärgert; da ihm aber der Neapolitaner ohnehin zuwider war, stieg der Zorn ihm jäh in den Kopf, und er entgegnete kurz und unhöflich, er hoffe, jener wolle nicht die Moden der bourbonischen Armee in Garibaldis Heer einführen, worauf dieser wiederum, in demselben Geiste vornehmen Mitleids wie vorher, mit einem Spott über die Ungeschliffenheit der genuesischen Seeleute antwortete. Nun war Bixio so weit, daß er nichts mehr als den eignen oder den Tod des Gegners vor den siedenden Augen sah, und er schleuderte ihm das Gehässigste, was ihm einfiel, ins Gesicht, damit es nur schnell zu Handgreiflichkeiten käme: In Neapel gäbe es nur Räuber, Henker oder Spione, infolgedessen könnten die Neapolitaner und die Bewohner andrer italienischer Provinzen nichts miteinander gemein haben. Der andre erbleichte und griff nach seinem Säbel, und es wäre trotz der Einmischung der beiden andern auf der Stelle zum Schlagen gekommen, wenn nicht in diesem Augenblick Garibaldi erschienen wäre, bei dessen Anblick die Streitenden auseinander wichen. »Was muß ich sehen!« rief er. »Zwei meiner Offiziere, die Italien gegen die Völker Europas verteidigen sollten, ziehen am Vorabend der Schlacht den Säbel gegeneinander! Wenn ich das Vorgehen nicht bestrafe, geschieht es, weil ich hoffe, daß ihr morgen die Gelegenheit nutzt, es zu sühnen. Jetzt reiche der, der sich schuldig an diesem Auftritt fühlt, dem andern die Hand zur Versöhnung!« Er richtete bei diesen Worten die Macht seines Blickes auf Nino Bixio, der ihn trotzig eine Weile aushielt, ohne sich zu rühren; plötzlich aber nahm er sich zusammen, machte hastig einen Schritt auf den Neapolitaner zu und streckte ihm die Hand hin, die jener mit der seinen, einer länglichen, etwas behaarten Hand, vorsichtig wie etwas Unsauberes berührte. Garibaldi enthielt sich jeder weiteren Bemerkung, erteilte, als wäre nichts geschehen, den drei Offizieren in liebenswürdiger Weise einen Auftrag und wendete sich mit Bixio der Porta Fabbrica zu.

Unterwegs sagte er zu Bixio, der düster neben ihm herging: »Nino, Nino, dein Herz ist ein junger Bluthund, der an der Kette liegen muß; beeile dich, es abzurichten, damit ein edles Tier daraus wird, das frei ohne Maulkorb laufen darf, und vor dem nur die Schlechten zittern.« Bixio antwortete bescheiden: »Ihr habt recht, mein General; aber mir wäre wohler, als mir jetzt ist, wenn ich dem Skorpionsgesicht einen Säbelhieb durch sein niederträchtiges Lächeln gezogen hätte.« Garibaldi hielt sein Pferd an und rief entrüstet aus: »Ihr heillosen Zornteufel! Wenn man euch zusieht, muß man sich einen Narren schelten, daß man Blut und Schweiß vergießt, um einen gemeinsamen Stall für euch zu bauen. Er wird euch nur dazu gut sein, daß ihr um so besser miteinander raufen könnt.« Bixio wurde durch diesen Vorwurf beschämt und sagte kleinlaut, aber doch mit einer Hartnäckigkeit: »Mein General, immerhin werdet Ihr mir zugeben, daß ich auch gegen die hitzig werde, die von Rechts wegen meine Feinde sind.« Garibaldi erinnerte sich besänftigt daran, daß ihm berichtet worden war, Bixio sei vor einigen Tagen, als er, in Civitavecchia ankommend, dort die Franzosen gefunden hätte, aufgebracht über die Tücke, mit der sie sich eingeschlichen hätten, mitten in ihren Kriegsrat gestürmt, den sie gerade abhielten, und habe dem General Oudinot vor allen seinen Offizieren das unehrliche Verhalten vorgeworfen. Als Garibaldi ihn fragte, was daran wahr sei, bestätigte er es und sagte: »Oudinots Augen traten noch dümmer und größer hervor, während ich redete, und nachdem er sich lange genug besonnen hatte, nahm er meine Jugend zum Vorwand, um mir meine Keckheit zu verzeihen.« Und verlegen fügte er hinzu: »Hätte ich meinem Zorn Zeit gelassen, sich zu legen, hätte ich es unterlassen; denn im Grunde war es nur das ohnmächtige Kläffen eines gereizten Hündchens;« worauf Garibaldi ihn tröstete, er werde bald Gelegenheit finden, den Franzosen zu zeigen, daß er auch beißen könne.

Bixios Jugendgeschichte war wild und trübe. Er war einem elternlosen Kinde zu vergleichen; denn sein Vater, ein schwer zugänglicher Mann, dessen Brust vielleicht sorgfältig versteckte Träume mit mühelosem Leben füllten, beachtete seine Familie wenig und brach nur dann und wann, wenn ihr Dasein mit seinen Bedürfnissen ihn störte, rücksichtslos hart aus seiner Verborgenheit hervor; seine Mutter, die ihn liebte, Colomba Caffarelli, die jüngere Freundin der Mutter Mazzinis, starb jung in seinen ersten Kinderjahren. Seine Geschwister, die ungeleitet ihre Wege gingen, bedienten sich des Jüngsten nach Gelegenheit als Knecht, Spielzeug und Zeitvertreib, wodurch er sich gewöhnte, stets auf der Hut und von vornherein widerspenstig zu sein. Weil seine Welt in Unordnung war, denn es fehlte nun bald an Geld im Haushalt, da niemand sorgte und sparte, weil in seiner Welt das Faustrecht herrschte, wo jeder tat, was er durchsetzen konnte, sammelte sich gegen die ganze Welt in seiner Brust Haß und Verachtung. Auch die Schule bot ihm kein Beispiel der Ordnung und Gerechtigkeit; denn dafür, daß er ohne seine Schuld die vorgeschriebenen Bücher nicht hatte, mußte er sich von den Lehrern bestrafen und von den Mitschülern verlachen lassen.

Als sein Vater sich die zweite Frau nahm, war Nino schon, ehe er sie gesehen hatte, entschlossen, sie zu lieben, so warm und zärtlich war sein Herz. Die junge Frau ergriff die schwere Aufgabe, ein Haus voll halb erwachsener, verwilderter Kinder zu regieren, vielleicht nicht mit genug Klugheit und Güte; Nino hatte sie nur um so lieber, weil sie die ungebärdige Bande oft mit hilflosen Augen ansah. Das gute Verhältnis des Jüngsten zu seiner Stiefmutter ärgerte die Geschwister, und sie neckten und reizten ihn damit, bis er zornig wurde. Er hatte nämlich die Eigenheit, daß er, im allgemeinen gutmütig, hilfsbereit und dabei anspruchslos, wenn er bis zu einem gewissen Grade gereizt wurde, in krampfartige Wut ausbrach, so daß er sich blindlings auf den Neckenden warf, ohne die Folgen seines Angriffs zu berechnen. In diesem Zustande, wo seine Kraft verdreifacht war, konnte er auch älteren und stärkeren gefährlich werden. Von dem Augenblick an, wo die Erregung anfing, nach außen überzulaufen, war jeder Versuch, ihn zurückzuhalten, nutzlos und diente nur dazu, die Anwandlung bösartiger zu machen; man mußte sie wie eine Naturerscheinung vorübergehen lassen. Ihren Grund hatte diese Reizbarkeit in einer inneren Zaghaftigkeit, die sich mit leidenschaftlichem Streben schlecht vertrug; da er sich selbst mißtraute, überspannte er leicht die Kräfte und verlor dadurch das Gleichgewicht. Solange er klein war, hatten sie es als ein komisches Schauspiel angesehen, wenn er knurrte und gegen sie sprang wie ein wütender Affe, allmählich aber fingen sie an, solche Ausbrüche zu fürchten, und verklagten ihn nun bei seinem Vater. Sie schämten sich nicht, seine Eifersucht auf den fünfzehnjährigen Jungen zu lenken, und der Umstand, daß die arme Frau, um niemand zu kränken, ihre Zuneigung zu ihm zu verbergen suchte, bestärkte den übelberatenen Mann in seiner törichten Leichtgläubigkeit. Es kam dazu, daß er sie und Nino bedrohte, und daß dieser im Jähzorn seinen Vater angriff und ihn umgebracht hätte, wenn die Mutter selbst sich nicht dazwischengeworfen hätte. Nach einem solchen Auftritt verstieß der Vater, anstatt sich auf sein eignes Unrecht zu besinnen, den Jungen, der nichts gelernt hatte, keine Einsicht hatte, ja, nichts glaubte und wollte. Der lebte nun das wilde Leben eines Vagabunden und verschlang das Essen, das seine Mutter ihm heimlich auf die Schwelle setzte, wie ein kranker Hund, den niemand bei sich leiden will. Er träumte Haß, Rache, Blut und Mord, dürstete nach großen, schrecklichen Verbrechen und hätte wohl welche begangen, wenn das Meer nicht gewesen wäre; kam er auf seinen scheuen Wegen dorthin, so hielt es ihn fest, er lag stundenlang lauschend, und sein Herz wurde dabei still und frei. Wie er viel in der Nähe des Hafens umherlungerte, wurde er Schiffsjunge, kam in fremde Länder und erlebte vielerlei Abenteuer mir Flucht, Todesgefahr, Rettung und abermaligem Entweichen; mehr als unter der rohen Strenge der Vorgesetzten litt er unter dem Spott der andern Schiffsjungen, die den Herrensohn in ihm witterten und ihn nicht als ihresgleichen wollten gelten lassen. Er hatte keine Erziehung genossen und nur als Kind, solange seine Mutter lebte, das Beispiel anmutiger Sitte vor Augen gehabt, daher war er in seinem Benehmen unausgeglichen und ohne die freie Gelassenheit der Menschen, die sich zeitlebens in den durch gewisse äußere Formen ausgezeichneten Kreisen bewegt haben. Dennoch erkannte man an der eleganten Bildung seines Kopfes seinen Ursprung aus verfeinerten Schichten; alle Linien in seinem Gesicht waren bestimmt, bedeutungsvoll, kühn und zart zugleich, wie mit Silberstift von der Hand eines Künstlers gezogen, sie zeigten Verstand und Rücksichtslosigkeit ohne Roheit, ja sogar ohne robuste Veranlagung, vielmehr mit kindlicher Empfindung verbunden. Kaum war er heimgekehrt, als sein Vater, der ihn in die piemontesische Marine bringen wollte, die Polizei auf seine Spur brachte, und er versteckte sich eine Zeitlang, ließ sich dann von Gasse zu Gasse, von Winkel zu Winkel, von Dach zu Dach jagen, verhungert, knirschend, schäumend, um endlich doch dem verhaßten Geschick ausgeliefert zu werden, das ihm wohltat, indem es ihn zähmte und bildete. Zum ersten Male lernte er sich als Mensch mit Pflichten und Rechten fühlen, der vertrauen durfte, und dem andre vertrauten, für den es Aussichten und Hoffnungen gab; er ahnte hinter dem wüsten Durcheinander unruhig umgetriebener, qualvoll kämpfender Geschöpfe große, verzweigte Beziehungen, gewaltige Zwecke. Zeit, diese Fragen zu ergründen, hatte er nicht; aber das Bewußtsein schon, einem Volke anzugehören, das seine Dienste forderte, in einer Welt zu leben, die im Gesichtskreise großer Menschengeister schön und fehlerlos durchdacht erschien, hob und befestigte ihn. Gerade deswegen aber genügte ihm nach einigen Jahren das eintönige Dienen auf der sardischen Flotte nicht mehr; er lernte Mazzinis Schriften kennen, schwur auf seinen Namen und weihte sein Leben dem zu befreienden, eigentlich zu erschaffenden Italien. In Genua, wohin er ging, nachdem er die savoyische Uniform abgelegt und neuerdings allerlei abenteuerliche Meerfahrten bestanden hatte, waren seine Tage rebellischer Jubel, wahnsinniges Erkühnen um ein Nichts, um den Namen Pius IX. oder um ein verbotenes Lied, Triumphe vor der Schlacht. Er gewann in diesem Jahre einen Freund, Goffredo Mameli, der, ein Sohn des berühmten Admirals und der einer vornehmen Familie angehörigen Adele Zoagli, im Genuß heimischen Wohlstandes und heimischer Ehre aufgewachsen war und ebensoviel feine Sitte, harmonisches Wesen und Bildung besaß, wie Nino trotzig und ungleichmäßig war. Er war als kränkliches Kind von seiner Mutter in verzärtelnder Weise gepflegt worden, aber seine Phantasie zog ihn zum Kraftvollen und Heroischen. Seine dichterische Veranlagung schätzte er nicht hoch ein, und er war nicht stolz auf den Ruhm, den seine patriotischen Verse ihm eingetragen hatten; dies alles hätte er gern hingegeben, wenn er anstattdessen in einem Kriege oder sonst durch verwegene Taten zur Befreiung Italiens sich hätte auszeichnen können. Selbst seine Liebenswürdigkeit, das Weiche und Einschmeichelnde, was sowohl in seinen Zügen wie in seiner Weise sich zu geben lag und ihn beliebt machte, war ihm verdächtig als ein Zeichen von Schwäche, die ihn zu etwas Heldenhaftem untauglich mache. Mameli bewunderte an Bixio die Kraft, mit der er sich ohne Schutz und Hilfe aus Untiefen und Wüsten heraus zu den Höhen des Lebens kämpfte, seine kindliche Ahnungslosigkeit und Dreistigkeit vor den Gewundenheiten der Zivilisation, und schmiegte sich glücklich an die durch nichts zu erschütternde Felsenmasse seiner ungeteilten Liebe; Nino dagegen verehrte die reiche Kultur, die des jungen Patriziers Erbteil war, die Phantasie, die sein weiches Gesicht hundertfältig, immer anmutvoll bewegte, und das Vertrauen, das er in seine, Ninos, hohe Zukunft setzte. Da sie sich eins in ihren Hoffnungen und Zielen fühlten, wirkte ihre Verschiedenheit wie ein Zauber, der sie mehr in der geheimnisvollen Zärtlichkeit Liebender als in der selbstbewußten Zuneigung von Freunden oder Brüdern verband.

Als Garibaldi, mit Bixio von der Porta Fabbrica zurückkehrend, auf den Petersplatz kam, traf er mehrere Offiziere von der Legion und Angelo Brunetti, die sich ihm anschlossen, um den Monte Mario zu besteigen und von dort aus die Stadt zu überblicken. Auf der halben Höhe, da wo die Straße sich um den Hügel biegt und der Blick, gleichmäßig angezogen, zwischen der festlich blühenden Anhöhe und dem unendlich ausgegossenen Leben drunten auf und ab schwankt, begegneten ihnen mehrere von oben kommende junge Männer, Mailänder Offiziere, die ebenfalls an diesem Tage in Rom angekommen waren und vom höchsten Gipfel der Umgebung aus sich eine Ansicht von der ihnen unbekannten Stadt hatten bilden wollen. Es waren Luciano Manara, derselbe, der während der fünf Tage von Mailand den entscheidenden Kampf an der Porta Tosa geleitet hatte, und seine Freunde, die Brüder Enrico und Emilio Dandolo, Emilio Morosini, Signoroni, Mancini und andre, die alle die Uniform des neugegründeten Regiments der lombardischen Bersaglieri trugen, nämlich dunkelgrünen Rock und ebensolche Hosen mit karminroten Kragen, Aufschlägen und Streifen, goldene Epauletten und einen schwarzen Filzhut, über dessen breite Krempe auf einer Seite lange grüne Federbüsche herunterhingen. Da Goffredo Mameli Manara kannte, ihn begrüßte und alle stehen blieben, sprang Garibaldi vom Pferde, denn jene waren zu Fuß, bot Manara die Hand und sagte zuvorkommend: »Es möge für Rom ein gutes Zeichen sein, daß Ihr, der so jung schon Heldenruhm errungen hat, kurz vor dem Kampf hier eintrefft.« Manara grüßte höflich, aber seine blauen Augen blieben kalt und sein schmales, gebieterisches Gesicht schien Garibaldis gütige Worte gleichgültig zurückzuwerfen, indem er sagte: »Man kämpft leicht gut und glücklich für sein Vaterland; ich habe das meinige verloren.« Was ihn denn nach Rom geführt habe, fragte Garibaldi ruhig. »Die Not,« antwortete er hart; »Rückkehr nach Mailand gab es für uns nicht, auch in Piemont war unsers Bleibens nicht, hier finden unsre Soldaten Sold und Beschäftigung, und wo gekämpft wird, ist Leuten unsers Schicksals am wohlsten.« Jetzt nahm Brunetti das Wort und sagte halblaut zu Daverio und Montaldi, doch deutlich genug, um von allen verstanden zu werden: »Sie werfen ihr Almosen beileibe nicht aus Mitleid oder Liebe, sondern weil es sie drückt und sie es sonst nicht loszuwerden wissen.« Manara drehte sich rasch nach dem Sprecher um und sagte: »Wir brauchen hier wenigstens nicht bange zu sein, ob wir es loswerden, in einer Stadt, wo nur Bettler und Faulenzer einheimisch sind;« vielleicht ohne zu wissen, daß er mit einem Römer sprach, vielleicht gerade in der Absicht, ihn zu verletzen. Indes verzog Brunetti seine dicken Lippen zu einem belustigten Lächeln, warf sich in die Brust, um die natürliche Majestät seiner Haltung komisch zu übertreiben, und sagte, mit der Hand auf Manara weisend, zu den andern: »Wenn wir ein Geschichtsbuch zur Hand nehmen, können wir lesen, daß seine Väter erschrocken den Buckel krümmten, wenn die Väter der ärmsten Fischverkäufer in Trastevere niesten.« Der Scherz und der Mann gefielen Manara, so daß er mit Mund und Augenwinkeln zu lächeln anfing, während er ihn mit unverhohlenem Wohlgefallen betrachtete; allein es kamen ihm sogleich wieder trübe Vorstellungen, und er sagte bitter, wenn auch ohne Unfreundlichkeit: »Jetzt niest es im Norden statt im Süden, aber krümmen und ducken müssen wir uns wie damals.«

Unterdessen hatte Garibaldi sein Pferd wieder bestiegen, grüßte die Mailänder Herren und sagte mit Bezug auf die ersten Worte, die gewechselt waren: »Ich bedaure für euch, daß es ist, wie ihr sagt; es muß etwas Trauriges sein, für eine gleichgültige Sache zu kämpfen;« worauf die beiden Gruppen sich trennten und Garibaldi mit den Seinigen weiter den Monte Mario hinaufritt. Es entspann sich sofort ein erregtes Gespräch über Manara, dessen Benehmen und Reden Daverio und Nino Bixio entrüstet hatten, während Mameli ihn zu verteidigen suchte, das aber Garibaldi mit den Worten abschnitt, Manara sähe aus wie ein Edelmann und wäre es sicherlich; das Unglück seines Vaterlandes und sein eignes hätten wohl sein Gemüt verdüstert, man solle mit Leidenden nicht rechten.

Auf der Höhe des Berges angekommen, betraten sie den Park, der seine Stirn wie eine schwarze Krone umschlingt, und gingen durch Alleen von Zypressen und Steineichen bis zu der Plattform, von welcher aus der Blick das Meer der Stadt in seinen Grenzen umfaßt. Garibaldi trieb sein Pferd bis zum Rande vor und weidete seine Augen an dem Bilde Roms, das, die letzte Glut der Sonne verschlingend, in Purpur starrte. »Wer dieses Gipfels Herr ist, dem gehört Rom,« sagte er zu den übrigen, die, nachdem sie sich umgesehen hatten, sich einige Schritte zurückzogen, weil sie wußten, daß Garibaldi es liebte, wenn große Entscheidungen bevorstanden, allein sich die Gestaltung des voraussichtlichen Schlachtfeldes einzuprägen. Sie holten aus einem nahegelegenen kleinen Wirtshause Wein, Brot und Käse und fingen, auf einem freien Platz gelagert, zu essen an, währenddessen Montaldi erzählte, in Amerika sei der Glaube allgemein gewesen, daß in der Nacht, die einer Schlacht vorhergehe, ein Dämon Garibaldi auf das Schlachtfeld führe, ihn alle Bewegungen des Feindes sehen lasse und ihm zeige, wie er sich halten müsse, um zu siegen. Bixio erzählte sein Erlebnis mit dem Neapolitaner und wie Garibaldi ihn zurechtgewiesen habe und sagte, er liebe Garibaldi am meisten, wenn er gegen ihn zürne, obwohl er sich gleichzeitig dadurch vernichtet fühle; es gehe ihm insofern mit Garibaldi wie mit dem Meere, das er immer schön finde, wenn es mit sich selbst spiele wie ein Kind, wenn es den schäumenden Mantel seiner Gottheit entrolle, aber am schönsten, wenn er vor seinen Stürmen zittre. »Seine Augen sind wie das Meer,« sagte Mameli sinnend, »ich habe mich oft gewundert, wie sie, in ein so schmales Bett gedrängt, so unermeßlich wirken können. Sie haben keine und alle Farben, das Licht phantasiert darin, sie sind kalt, grausam, barmherzig, undurchdringlich, allmächtig; wenn man sie anschaut, ahnt man die letzten Dinge, die man sonst nicht nennen kann.«

Es verging eine geraume Zeit, bis Garibaldi sich wieder zu den Offizieren gesellte, die inzwischen ihren Imbiß beendet hatten; er aß noch etwas, wobei er nicht viel Zeit zu verlieren pflegte, und dann traten sie den Rückweg an in der Weise, daß der General, der schweigsam geworden war, voranritt und die andern langsamer folgten. Auf dem steinernen Treppenvorsprung vor der hochgelegenen Kirche Maria del Rosario saßen zwei augenscheinlich zur Kirche gehörende Geistliche, Männer mit dunkeln, scharfgeprägten Gesichtern, die die angenehme Lauheit des späten Abends genießen mochten und beim Anblick der vorüberreitenden Offiziere mit der Hand grüßend riefen: »Es lebe die Republik! Es lebe die republikanische Armee!« und ihnen aufmerksam nachsahen. Die Luft war weich vom Geruch der Akazien, die weißlich aus den schwarzen Baumgruppen am Wege schimmerten, der wolkenlose Himmel schien einen schönen Tag zu versprechen. Da aus dem dunkelblauen Dunste ein großer Stern wie ein Geharnischter des himmlischen Heeres in glitzernder Rüstung hervortrat, sagte Mameli hinaufdeutend: »Der Stern Italiens!« worauf alle mit dem Gefühle einer glücklichen Vorbedeutung nach oben und dann auf den weißen Mantel Garibaldis blickten, den die vom Ritt erregte Luft gelinde hob und lautlos bewegte.

*

Die Offiziere der mailändischen Bersaglieri waren meist untereinander befreundete vermögende junge Herren, die sich aller glücklichen Kräfte ihrer Jugend erst recht bewußt geworden waren, seit sie nach Manaras Beispiel die Anstrengungen und Gefahren des Kriegslebens unter unglücklichen Umständen auf sich genommen hatten; der Feldzug gegen Oesterreich im Jahre 1848 war schlecht geleitet, das Heer mit dem Notwendigsten nicht versorgt, die unerfahrenen Offiziere fast ganz auf ihre Talente und Eingebungen angewiesen, mit unverhältnismäßiger Verantwortung belastet. Wie nun aber die aus Mailand und Savoyen ausgestoßene Truppe sich über die Apenninen nach Rom durchschlug ohne Mittel und Unterstützung, das war eine Leistung, die zeigte, wie erfolgreich die jungen Anführer, namentlich der Hauptmann Manara, sich selbst erzogen und die Soldaten geschult hatten.

Dem Luciano Manara ordneten sich alle unter, obwohl er nicht der älteste war, nicht nur in militärischen Dingen, wo es seine Stellung mit sich brachte, sondern auch im bürgerlichen Leben. Das war nicht dem Umstande zuzuschreiben, daß er verheiratet war und Kinder hatte, während die andern fast alle Junggesellen waren, vielmehr einem seelischen Uebergewichte; in ihm war kindlich arglose Gemütsart mit einem energischen Pflichtbewußtsein verbunden, dem er sich unbedingt opferte, und zwar hielt er für seine Pflicht, was nach seiner Lage und den Zeitverhältnissen das Schwerste war. Ein Trieb, von dem ihm selbst nichts bewußt war, zog ihn vom behaglichen Genusse fort dahin, wo Kampf und Mühe um etwas Großes war; während aber andre zwar im Drange des Augenblicks Opfer auf sich nahmen, aber bald erlahmten und sich wieder zu entziehen suchten, ließ er nicht nach, sondern eben das Herzblut, das eine Sache ihn kostete, band ihn immer fester an sie. Doch war er, wie seine Freunde, keineswegs leicht zu begeistern, außer für das, was herkömmlicherweise in seinem Umkreise lag, nämlich die Unabhängigkeit Mailands und etwa noch ein in edeln Formen ausgeprägter Gottesglaube, welcher letztere freilich hinter den gegenwärtigen Bedürfnissen der ringenden Vaterstadt zurücktrat. Ohne im mindesten ehrgeizig zu sein, hatte er, was ihm irgend erreichbar war, getan, um seinen Geist auszubilden im Gefühl, daß seine Leistungen mit seinem Glückszustande im Gleichgewicht sein müßten. Als Offizier von fünfundzwanzig Jahren, denn er war erst so alt, als Mailand sich von Oesterreich losriß, traten oft Aufgaben an ihn heran, denen er bei seiner geringen Erfahrung nicht gewachsen war; in solchen Fällen scheute er sich nicht, begangene Fehler einzugestehen und wenn möglich wieder gutzumachen. Nach der stetigen Anspannung der Willenskraft war in den Stunden der Erholung seine Fröhlichkeit die eines Knaben, der die karg zugemessenen Ferien glücklich genießt, und sein Gesicht, das meist einen streng gefaßten, stolzen Ausdruck hatte, veränderte sich dann bis zur Unkenntlichkeit, harmlosen Uebermut ausstrahlend. Er verstand es, mit den Untergebenen lustig zu sein, ohne das Ansehen bei ihnen einzubüßen.

Die Brüder Dandolo waren zarte Söhne einer frühverstorbenen Mutter und eines gelehrten Vaters, die Klugheit, Geschmack und Empfindung, aber weniger Kraft und Geschlossenheit besaßen. In der Luft eines vornehmen Daseins aufgewachsen und zu hohen Zielen erzogen, dachten und strebten sie niemals unedel; aber wie die Schiffer, die ein gebrechliches Fahrzeug haben und keine kühnen Steuerer sind, sich stets dicht an der heimischen Küste halten, so schreckten sie mißtrauisch vor fremdem und stärkerem Leben zurück, weil sie fürchten mußten, bei der Berührung sich selbst zu verlieren oder unterzugehen. Enrico, der ältere, hatte die Schönheit eines reizenden Mädchens, die, obwohl nur sich selbst und nichts andres bedeutend, auf unerschöpfliche Schätze der Seele schließen läßt. Er war tapfer und pflichttreu ohne Begeisterung, nur so, als ob es zum Spiel gehöre, wie er überhaupt alles, was er tat, in einem gefälligen, zwecklosen Spiel, das ihm Vergnügen machte, zu tun schien. Gefühl verriet er selten, doch lag zuviel davon in seiner Erscheinung und seinem Wesen, als daß er kalt hätte wirken können. Auch sein Witz, in dem viel Spottlust war, konnte nicht kränken, weil er im Grunde nur um der Anmut seines flüchtigen Daseins willen gemacht zu werden schien. Mit seiner zierlichen Eigenart erschien er jünger als Emilio, der sich auch als der ältere fühlte und betrug; er war ernster und sehr erregbar und leicht zu verstimmen, wie seine Gesundheit schwächer und empfindlicher war. Er liebte Manaras wunderschöne Frau, die, wie er selbst, den Keim einer tödlichen Brustkrankheit in sich hatte, ohne auf Gegenliebe zu hoffen, und ohne das unglückliche Gefühl zu bekämpfen, das sie ahnte, und das Manara völlig durchschaute. Alle drei hüteten das glühende Geheimnis, das sie eher inniger verknüpfte als trennte, da jeder dem andern uneingeschränkt vertraute; es kam vor, daß Emilio sich gereizt und unwillkürlich ungebärdig gegen Manara zeigte, dessen schonende Liebe dadurch nicht erschüttert wurde. Rosagutti, Signoroni, Mancini gehörten gleichfalls wohlhabenden Familien an, die seit dem ersten unglücklichen Versuch Mailands, sich unter dem Schutze Savoyens von Oesterreich loszureißen, eine große patriotische Verschwörung bildeten, deren Ziel zunächst war, eine Gelegenheit abzuwarten und inzwischen an Oesterreich vorbeizuleben. Der jüngste von allen war der achtzehnjährige Morosini; seine Seele schwebte noch in einer goldenen Kindheitssphäre, die die Freunde als etwas Heiliges hüteten, in der sie sich nur mehr von außen spiegeln konnten, deren ungetrübte Vollkommenheit sie aber mit den guten und glücklichen Mächten des Daseins zu verknüpfen schien.

Unzertrennlich zu ihnen gehörte Alessandro Mangiagalli, Manaras Kutscher, der den Feldzug als gemeiner Soldat begonnen und bald den Unteroffiziersgrad erreicht hatte, und von dem man bei seiner Umsicht, Pünktlichkeit und Tapferkeit glaubte, daß er eine noch steigende Laufbahn vor sich habe. Er hatte von jeher ein besonders vertrauliches Verhältnis zu Manara und seinen Freunden gehabt, was teils in dem Umstande lag, daß er einige Jahre älter als sie war, sodann in seinem Wesen; er war zu allem zu gebrauchen, wußte immer Rat und Hilfe und war nie übler Laune, so daß er den jungen Männern fast unentbehrlich geworden war. Bildung besaß er keine, aber sein gefälliges Temperament und seine mannhafte Erscheinung kamen bis zu einem hohen Grade dafür auf. Er liebte Manara mit unbedingter Treue, aber tyrannisch und eigensinnig, wogegen Manara sich durch scharfes Hervorkehren seiner Herrschaftsstellung nicht immer erfolgreich zu wehren suchte.

Nach der Begegnung mit Garibaldi aßen die Freunde im Gasthof »zum Pavian« zu Nacht und sprachen von ihm, den keiner von ihnen zuvor, außer im Bilde, etwa in den groben Holzschnitten revolutionärer Blätter, gesehen hatte. Mangiagalli, der die Herren beim Essen bediente, machte, während er Wein einschenkte, die Bemerkung, er hätte nicht geglaubt, daß Garibaldi so schön wäre; er wäre unter den Menschen, was der Löwe unter den Tieren, die die Nase in den Sand steckten, wenn sein Haupt wie die Sonne am Rande der Wüste aufginge. »Der Mann ist schön, aber sein Kleid ist mir zu bunt,« sagte Manara kühl, und Enrico Dandolo fügte mit süßlächelnden Augen und sanfter Stimme hinzu: »Mir gefällt der Mohr am besten; er ist zweifelsohne aus Afrika oder Amerika, während Garibaldi nur aus Nizza ist, geht halbnackt und hat vielleicht schon Menschenfleisch gefressen. Wäre noch ein Affe und ein Papagei dabei, so würde ich an dem Aufzuge nichts vermissen; das können die roten Jacken des Generalstabes nicht ganz ersetzen.« Während die andern lachten, fuhr Mangiagalli unbekümmert fort: »Vor ihm sind alle andern Knechte, denn was er zu ihnen sagt, ist immer Befehl, wenn er auch höflich bittet, und was man zu ihm sagt, klingt immer wie ›zu dienen!‹, wenn einer auch ›zum Teufel!‹ sagte.« Manara wendete den Kopf nach ihm herum und sagte gereizt: »Du bist zum Bedienen da und nicht zum Reden;« indes Signoroni meinte gutmütig: »Laß ihn doch, er redet besser, als er bedient, und wenn er an einem verhaltenen Worte erstickte, so hättest du zwar nur einen störrischen Diener, aber das Vaterland hätte einen angehenden Helden verloren.« – »Meinetwegen möchte er sprechen, so viel er kann,« sagte Enrico Dandolo, »wenn er nur uns und keinen andern lobt.« Auf diese Aufforderung fiel Mangiagalli sofort ein und sagte: »Ich müßte nicht ein Mensch, sondern ein Spiegel sein, wenn ich eure Vorzüge schildern wollte, ohne hinter der von der Natur erschaffenen Schönheit zurückzubleiben. Aber die Bemerkung kann ich nicht unterdrücken, daß ich an keiner Tafel einen Herrn und nicht einmal eine Dame gesehen habe, die einen Hühnerknochen mit so schmalen Fingern so edel gehalten und mit so glänzenden Zähnen so anständig benagt hätte.« Es war bekannt, daß der junge Dandolo seine Schönheit wie ein liebes Wesen, das ihm anvertraut wäre, pflegte, sie auch ebenso gern rühmen hörte, und alle belachten den Scherz. Manara konnte. obwohl er auf die Heiterkeit der andern einzugehen versuchte, die Verstimmung, die ihn drückte, nicht verbergen. Es waren nämlich die Bersaglieri in Civitavecchia durch die Franzosen, die dort die Herrschaft an sich gerissen hatten, festgehalten und nur gegen das Versprechen freigelassen worden, vor dem 4. Mai in keinen Kampf gegen die Franzosen einzutreten, bis zu welchem Zeitpunkt Oudinot siegreich in Rom zu sein rechnete. Jetzt gestand Manara, daß er sich überlistet fühle: »Es hätte mich gelockt,« sagte er, »neben diesem Garibaldi zu kämpfen, der allen Ruhm der Tapferkeit, der in Italien aufgeht, an sich zieht und mit einer Hoheit erscheint, als müsse es so sein, und ihm und allen zu zeigen, daß es bei uns auch Soldaten gibt, die Mut und Ehre haben. Vielleicht habe ich nichts andres gegen ihn, als daß ich ihn beneide, weil er das Recht hat, sich zu schlagen, und ich zusehen muß. Ein blinder Narr war ich, dem Franzosen mein Wort zu geben; er hätte uns doch müssen ziehen lassen! War es nicht klar, daß er am 4. Mai schon alle Arbeit getan glaubte?« – »Mir war es klar,« brummte Mangiagalli, »und ich sagte es auch; aber weil ich schweigen muß, wurden meine Worte zwar gehört, aber doch auch wieder nicht gehört, nämlich nicht in Betracht gezogen.« – »Schweig,« rief Manara zornig, »du bist auf der Stelle entlassen!« worauf Mangiagalli sich schnell auf den Hacken herumdrehte und der Tür zueilte, indem er rief: »Hurra! Ich laufe zum Garibaldi und kämpfe morgen mit!«, aber von den jungen Leuten unter Gelächter ergriffen und zurückgebracht wurde. »Wärest du auch aus meinem Dienst entlassen,« erklärte Manara, »so wärest du es doch nicht aus meiner Truppe. Aber du magst in Gottes Namen noch einmal bei mir bleiben, wenn ich auch froh wäre, der Verantwortung für einen so unzähmbaren Menschen ledig zu sein.« – »Ich fände auch wohl einen bequemeren Herrn,« erwiderte Mangiagalli, »aber ich habe der gnädigen Frau bei meiner ewigen Seligkeit geschworen, für Euch zu sorgen und über Euch zu wachen; darum bleibe ich.« Er konnte es nicht vertragen, wenn die häufigen Wortwechsel mit seinem Herrn abschlossen, ohne daß er als der letzte gesprochen hätte, und da Manara diese Eigenheit kannte und nicht dagegen aufkommen konnte, hatte er sich angewöhnt, den unausbleiblichen letzten Satz zu überhören.

*

Wie vor dem eilenden Schiff her sich Wellen ausbreiten, bebte die Luft vor der nahenden Sonne, als am 30. April des Jahres 1849 die Türen der Häuser sich öffneten, Männer und Knaben mit allerhand Waffen auf die Gasse heraustraten, nach den Fenstern zurückblickten, aus denen ihnen Gruß und Segen nachklang, und nach den Wällen liefen. Angelo Brunetti ging mit seinen beiden Söhnen, von denen auch Luigi, der jüngere, eine zierliche Flinte trug, damit er nicht wehrlos sei, und seiner Frau, die das jüngste Kind auf dem Arme trug und die kleine Maria an der Hand führte, den Korso hinunter. Auf der Piazza Venezia blieben sie stehen, um Abschied zu nehmen, denn es war ausgemacht, daß Lucrezia dort umkehren und die beiden kleinen Mädchen nach Hause zurückbringen sollte. Sie empfahl ihrem Mann und ihren Söhnen, in der Peterskirche ein Gebet zu sprechen und noch vor dem Kampfe von Vater Ugo Bassi den Segen zu erbitten, und küßte sie dann nacheinander, indem sie sagte: »Ich weine nicht!« und sie fest aus ihren strahlenden Augen ansah, die dennoch feuchter und milder als sonst waren. Brunetti umarmte die Kleine, beugte sich über das schlafende Kind, dessen Kopf auf der Mutter Schulter lag, und küßte seine Hand, die wie ein winziger brauner Hügel aus allerlei buntem Zeug hervorguckte; dann gingen sie nach entgegengesetzter Richtung auseinander.

Nun stürmte die Sonne an den Hügeln hinauf in den Aether und entzündete das feurige Spiel des Lebens: Roms göttlicher Leib hob und wölbte sich in Licht und Schatten und übergoß sich mit dem Balsam seiner immergrünen Gärten. Dem Tore von San Pancrazio gerade gegenüber lag, höher als alle andern Häuser am Janiculus, Villa Corsini, die auch »das Haus der vier Winde« genannt wurde, und die, weil sie der wichtigste Punkt im Umkreise war und die weiteste Aussicht ermöglichte, Garibaldi zu seinem Standquartier gewählt hatte. Die leichte Pracht des reizenden Palastes sprach von dem Kunstsinn und der vornehmen Ueppigkeit seiner Erbauer; das Innere war mit Wandgemälden geschmückt, das Treppenhaus und die Gänge mit alten Bildwerken, die zum Teil in den Gärten des Hadrian waren ausgegraben worden. Wenn man über die breite Freitreppe in die Eingangshalle trat, fiel das Auge auf eine große Marmorgruppe, die nach der Meinung der meisten Kunstkenner Achilles darstellte, der den toten Patroklus beklagt; die Formen waren kaum noch kenntlich; aber der leidenschaftliche Gegensatz in der Bewegung des Lebens und des Todes, die der Geist eines unbekannten Künstlers vor Jahrhunderten wie einen Blitz in den Stein geschleudert hatte, war durch die Zertrümmerung erst befreit und völlig sichtbar geworden.

Von dem eleganten Turme der Villa sah Garibaldi die französische Armee über die Aurelianische Straße heranziehen und sich gegen den Vatikan und den Janiculus verteilen. Er dachte daran, daß das die Armee war, auf die noch ein Leuchten von dem untergegangenen Namen des großen Napoleon fiel, an die er nie anders als mit Bewunderung gedacht hatte, in deren Mitte zu kämpfen er früher stolz gewesen wäre. Er wußte und sah als geübter Feldherr, wie überlegen diese Truppen den seinigen waren, nicht nur durch die Zahl: sie waren erfahren, ausdauernd und tapfer nicht aus der Leidenschaft der Begeisterung oder des Hasses, sondern aus Gehorsam, Gewohnheit und Ehrliebe, Tugenden, auf die man sich verlassen konnte. Anstatt aber durch den Anblick einer solchen Kraft des Feindes erschreckt zu werden, fühlte er sein Bewußtsein gehoben; es hätte ihn nicht befriedigt, sich vor den Toren Roms mit einem geringen Gegner zu messen. Langsam ging er die Treppen hinunter, warf einen Blick auf die Gruppen der Marmorbilder und sprengte dann nach dem Tore von San Pancrazio zurück, wo sein Stab und seine Regimenter ihn erwarteten. Es waren ihm zu seiner Legion noch die Kohorte der Studenten unter dem unentwegten Zamboni, die Freiwilligen, welche noch mit dem Segen Pius' IX. ausgezogen waren und im Venezianischen gekämpft hatten, und schließlich die Abteilung der Finanzieri unter jenem Zambianchi zugeteilt, dem Gutes nachzusagen niemand wußte und Böses niemand wagte. Von den aus Venedig Heimgekehrten abgesehen, kannten diese Körper den Krieg noch nicht und kämpften heimlich gegen das Grauen der Schlacht, mit dem Unterschiede, daß die Finanzieri sich mehr vor der Gefahr, die Studenten mehr vor der Pflicht zu töten oder dann vor den Tücken ihrer unbefestigten Natur fürchteten. Aber wie Kinder, die allein im Dunkel verirrt sind und vor dem struppigen Haupt der alten Weide und vor dem Flüstern unsichtbarer Nachtgesichte zittern, aufatmen, wenn sie den Schritt des Vaters hören, der sie sucht, so verschwand die Beklemmung, als Garibaldi erschien und mit heller Stimme, aus der vor dem Beginn des Kampfes schon die Glorie des gewissen Tags strahlte, ihre jubelnde Begrüßung erwiderte. Seine Seele breitete sich gegenwärtig über dem ganzen Heere aus wie ein neues Element, in dem man siegt.

Der Verlauf des Tages war so: die Franzosen griffen zuerst den Vatikan an, wo sie von einem römischen Linienregiment unter General Galletti und den Kanonen des Ludovico Calandrelli empfangen und aufgehalten wurden; zugleich versuchten sie mit ihrem rechten Flügel die Villen im Parke Doria, der den Monte Verde krönt, zu nehmen, und es gelang ihnen, die Villa Valentini, nicht aber die Villa Corsini zu besetzen. Das Feuer der römischen Kanonen erwiderten sie durch Geschütze, die sie auf den Resten der Aurelianischen Wasserleitung aufstellten. Ihr Ziel, das sie kühn und hartnäckig verfolgten, war, von zwei verschiedenen Seiten, vom Vatikan und vom Janiculus aus, in Rom einzudringen und beide Flügel auf dem Petersplatz zu vereinigen. Erst am späten Nachmittage, als Garibaldi aus den Toren Pancrazio und Cavallegieri zugleich ausfiel, den Angriff selbst leitend, mußten sie weichen, gaben alle ihre Stellungen auf und versuchten nicht mehr, den Kampf zu erneuern.

Etwa um die dritte Nachmittagsstunde kam Goffredo Mameli mit einer leichten Wunde zu dem Torgebäude von San Pancrazio, wo die abgelösten Truppen sich mit Wein und Brot erfrischen und wo auch kleinere Verwundungen verbunden werden konnten; es hatte ihn ein Schuß, der sein Pferd tödlich getroffen hatte, am Fuße gestreift. Wenn auch bekümmert über den Verlust des Tieres, freute er sich doch der ersten Wunde, die ihm endlich das Gefühl gab, sich wie ein rechter Soldat geschlagen zu haben, denn bisher war ihm immer zumute, als spiele er nur, während die andern arbeiteten, ja, als erteile ihm Garibaldi absichtlich Aufträge, bei denen er keiner Gefahr ausgesetzt sei, weil er ihm wohl Begeisterung zutraue, aber nicht Geistesgegenwart und vernünftiges Tätigsein. Der alte Doktor Ripari, Garibaldis Leibarzt, ein Cremonese, kam bald hernach, untersuchte Mamelis Wunde und erzählte, während er sie verband, von einem jungen Genuesen, namens Ghiglione, der soeben in seinen Armen verschieden sei und ihm sein Pferd vermacht habe; es war ein Blesse, ein großes schwarzes Tier mit weißen Flecken an der Stirn und an einem Hinterfuße. Der junge Mann, sagte er, sei kurzsichtig, aber sehr verwegen gewesen, Garibaldi selbst habe ihn gewarnt, sich nicht zu weit vorzuwagen, worauf er lachend geantwortet habe, er müsse das seines kurzen Gesichts wegen tun, da er den Feind sonst nicht erkenne; da habe ihn denn bald darauf der Tod ereilt. »Ihr jungen Leute,« sagte scheltend der Alte, der seinen Kummer über das Leiden und Sterben des tapferen jungen Blutes, das er mitansehen mußte, durch Brummen über die wirklichen oder vermeintlichen Ursachen desselben zu äußern pflegte, »führt den Krieg auf eine besondere und nicht die rechte Weise. Ihr meint, er wäre für euch da, damit ihr Wundertaten verrichtet und euch auszeichnet, und anstatt sie klug zu vermeiden, sucht ihr die Gefahr; die Wunden tun ja erst hernach weh. Wir brauchen keine Zweikämpfe, keine Keckheiten, die später der Daheimgebliebene kopfschüttelnd bewundern muß! Ordnung und Plan brauchen wir, gehorsame Soldaten, nicht waghalsige Heldenjünglinge, die sich gebärden, als ob der Krieg ein Theater wäre!« Mameli, der aufmerksam zugehört hatte, sagte nachdenklich: »Ihr habt gewiß recht. Wir bilden uns viel ein und schaden wohl mehr, als wir nutzen. Ich will nicht leugnen, daß ich mich seit meinen Knabenjahren danach sehnte, der Krieg gegen Italiens Feinde möchte losbrechen, und es möchte mir vergönnt sein, nach vollbrachten Heldentaten den Heldentod zu sterben, und über meinem Trachten nach außerordentlichen Leistungen habe ich vielleicht Naheliegendes unterlassen, das zweckmäßig gewesen wäre.« – »Seht Ihr!« triumphierte Ripari. »Ich dachte mir's, daß Ihr auch einer von denen wäret! Seid Ihr nicht jener Dichter Mameli? Ihr hättet friedfertig und bescheidentlich zu Hause bleiben können, da die Phantasten ohnehin mit dem Schwerte nicht umzugehen wissen. Man sieht es Euch an, daß Ihr nicht viel aushalten könnt. Was für Arme, was für eine Brust! Da ist nichts Robustes, da sind keine Muskeln, das Ganze taugt nichts. Mein Rat ist, daß Ihr augenblicklich diese Jacke da auszieht, nach Hause geht und weiter dichtet, wozu Ihr Euch besser eignen mögt und was Euch nicht schaden wird.« Mameli sagte demütig: »Ich hatte vielmehr gehofft, Ihr würdet mir das Pferd meines verstorbenen Landsmanns überlassen, das Euch augenblicklich nicht von Nutzen sein kann, mir aber aus der Not hülfe, da ich mit meinem Fuße unberitten nicht in den Kampf zurück kann.« Ripari fuhr entrüstet auf und zankte, Mameli gehöre ins Bett, er würde nicht dulden, daß er heute noch ins Gefecht gehe, und ein andrer mischte sich ein, indem er ihn warnte, Blessen seien unglückbringende Pferde und trügen den Reiter ins Verderben; doch kam in diesem Augenblick eine Anzahl Soldaten, von Montaldi geführt, der dem Alten die Hand auf die Schulter legte und ihn erinnerte, daß er ihn vor einer halben Stunde gesehen habe, wie er den sterbenden Ghiglione gegen einen übermächtigen Feind verteidigt und sich damit auch ohne Zwang dringender Gefahr ausgesetzt habe. Sie wurden durch Ugo Bassi unterbrochen, der einen Schwerverwundeten vor sich auf dem Pferde trug; Ripari entschied, nachdem er einen Blick auf ihn geworfen hatte, daß er sofort nach der nahen Kirche San Pietro in Montorio getragen werden müsse, wo ein notdürftiges Lazarett eingerichtet war. Schon nach wenigen Minuten kam Bassi zurück, da der Mann unterwegs verschieden war; er sah traurig vor sich nieder. »Seid Ihr der Ugo Bassi, der den Krieg so predigte, daß die Blinden und Lahmen ein Messer ergriffen und ihm nachhinkten?« rief Montaldi ermunternd. »Ich würde es wieder tun,« erwiderte der Priester, »wenn es sein müßte; aber ich sage doch: der Krieg ist Sünde, die Sünde austreibt.« Montaldi füllte ein Glas mit Wein, trank ihm zu und reichte es ihm, indem er ausrief: »Es lebe der Krieg! Es lebe der Ruhm! Das Leben ist nur die Form aus Ton, die zerbrochen wird, der Ruhm das Erzbild, das glänzt und dauert!« – »Heide,« sagte Ugo Bassi lächelnd und gab das Glas zurück, worauf er wieder dem Parke zuritt, wo gekämpft wurde.

Von den Bastionen her kam gleichzeitig Garibaldi und sagte zu Montaldi, der ihm entgegenritt: »Jetzt muß es entschieden werden. Du führst die besten Truppen, die kampffähig sind, gegen den rechten Flügel, Sacchi fällt aus Porta Cavallegieri aus, so fassen wir sie von beiden Seiten und müssen sie von ihrem Lager abschneiden können.« Da sein Auge auf Mameli fiel, rief er ihm zu, er solle, verwundet, wie er sei, am Tore in seiner Nähe bleiben; der hatte aber die Gelegenheit benutzt, um sich an das Pferd des Doktor Ripari heranzuschleichen, schwang sich eben auf und jagte davon, mit spitzbübischer Miene nach dem drohenden Alten zurückblickend. Montaldi sammelte in Eile die verfügbaren Truppen und sprengte den Soldaten voran gegen den Feind, der gerade eine frische Abteilung gegen Villa Corsini führte. Diese mußte sich, flüchtend vor dem Schwung des Angriffs, zurückziehen; allein zugleich mit seinem getroffenen Pferde stürzte Montaldi und war im Nu von den schnell zurückkehrenden Franzosen umringt. Er erwehrte sich ihrer eine Weile, auch als er nicht mehr aufrecht stehen konnte, auf den Knien den zerbrochenen Säbel schwingend; so fand ihn Ugo Bassi, der herbeieilte und sich neben ihm auf den Boden warf, um den mehr von der Todesohnmacht als vom Feinde Ueberwältigten aufzufangen. Montaldi erkannte den Priester, lächelte und wollte sprechen, aber sein Kopf fiel zurück, und der Körper wog mit lebloser Schwere auf Ugo Bassis Brust; die Franzosen wurden von Legionären beschäftigt, die zu spät ihren Anführer zu befreien herbeigekommen waren. Garibaldi befand sich auf der höchsten Stelle des Walles, von wo aus der Blick den Teil des Parkes übersieht, in dem die wichtigsten Stellungen der Schlacht waren; als er sah, daß Montaldi fiel, der Angriff dadurch abgeschwächt wurde und der Kampf stockte, gab er seinem Pferde die Sporen, stellte sich an die Spitze von etwa fünfzig Reitern, die außer Tätigkeit waren, sammelte die Zerstreuten und stürzte sich selbst in das Gefecht. Aus seinem Blick empfingen die Soldaten eine Schwungkraft, die sie wie unfehlbare Werkzeuge seines Willens gegen den Feind schnellte; er wankte, gab nach und, auf beiden Flügeln gleich bedrängt, mußte das ganze französische Heer unter fortwährenden Verlusten sich zurückziehen.

Nachdem Ugo Bassi den Leichnam Montaldis einigen Soldaten übergeben hatte mit dem Auftrage, ihn aus dem Gewühl an einen geschützten Platz zu bringen, ließ er sein Pferd traben, wie es wollte, bis er plötzlich bemerkte, daß er allein jenseits der Linie des römischen Heeres zwischen Weinbergen war, die französischen Truppen als Schlupfwinkel dienten. Wie er das Pferd wendete, hörte er einen Schuß fallen, sah, daß sein Tier sich bäumte, und stürzte gleich darauf mit ihm zu Boden; er selbst war nicht verletzt, aber das Pferd tödlich getroffen; es versuchte mit krampfigen Bewegungen sich aufzurichten, wobei es seinen Herrn inständig ansah, und starb. Ugo Bassi legte den Arm um den Hals des schönen Tieres und weinte. »Ach, verlasse mich doch nicht,« klagte er, »mein Liebling, mein stummgeborener Bruder. Dein Blicken aus unergründlicher Seele war reicher als unsre Worte. Dein tanzender Schritt, das Beugen deines Schlangenhalses, das Schnauben deiner Nüstern sprach schöne und stolze Gedanken der Natur aus. Wie warest du zärtlich, aufmerksam und ungestüm, wie warst du mir vertraut! Wie die Welle das Schiff trägt, zu den Wolken hebt und wieder ins Meer reißt, so trugest du mich durch die Elemente, und wie im Rauschen der Welle witterte ich den Dunst des Weltgeists, wenn ich dein Wiehern hörte, oder wenn dein warmer Atem feucht um meine Wange blies.«

Seiner Trauer hingegeben, hatte er nicht darauf geachtet, daß französische Soldaten sich ihm genähert hatten, die ihm nun zuriefen, er solle sich ergeben. Er nannte seinen Namen, zeigte das Kreuz, welches er am Halse trug, und daß er ohne Waffen war, und bat, sie möchten ihn sein friedliches Amt weiter verrichten lassen. Einer der Franzosen entgegnete mit Bezug darauf, daß er den Hals des toten Pferdes umschlungen gehalten hatte, ob er etwa dem Gaul die Sterbesakramente gereicht habe, und ein andrer sagte, es gehe sie nichts an, wer er sei, übrigens sei ein Priester im Lager Garibaldis schlimmer als der Teufel, er sei ihr Gefangener und müsse ihnen folgen. Da er einsah, daß jeder Widerstand und jedes Widerwort vergeblich sein würde, fügte er sich schweigend; er wurde von den Franzosen mit absichtlicher Roheit behandelt und wäre vielleicht erschossen worden, wie sie es später mit einem Geistlichen vor der Kirche Santa Maria del Rosario machten, der sich zur Republik hielt, wenn nicht eine beträchtliche Anzahl Franzosen in die römische Gefangenschaft geraten wären, die sie durch eine namhafte Persönlichkeit, wie Ugo Bassi war, auszulösen dachten.

Ein absonderlicher Fang war Nino Bixio geglückt; er war nämlich bei der Verfolgung der flüchtenden Franzosen auf eine abseits gelegene, von dem französischen Oberst Picard besetzte Meierei gestoßen, der nicht ahnte, daß die Hauptmasse seines Heeres bereits im Rückzuge begriffen war. Nino Bixio, der keinen Feind in fester Stellung mehr zu finden vermutet hatte und seinen Truppen um eine gute Strecke voraus, also ganz hilflos war, erschrak heftig, als er sich ohne Rettung der Uebermacht preisgegeben sah; aber der Schreck äußerte sich bei ihm als Wut, mit der er auf den französischen Oberst zusprang, ihn am Kragen faßte, tüchtig schüttelte und anschrie, er solle sich ergeben. Oberst Picard hatte das Aussehen eines Wüterichs, war aber ein unentschlossener, leicht zu erschütternder Mann, der sich seine Lage und das Benehmen des rasenden Italieners nicht zu erklären wußte und in der Verlegenheit seinen Soldaten gebot, die Waffen zu strecken. Dem Bixio brach der Angstschweiß aus, als er sich von fünfzig Gefangenen umringt sah; zu seinem Glück erschien aber jetzt eine Abteilung Soldaten, die ihm gefolgt waren, nahmen die Franzosen in ihre Mitte und führten sie in die Stadt.

Als Garibaldi von der Verfolgung des abziehenden Feindes zurückkam, war der Janiculus voll von Menschen, die das Gerücht des Sieges herbeigelockt hatte. Er machte sich Bahn durch das Gedränge, um von der Bastion aus, die den weitesten Blick ins Land gab, die Bewegungen des französischen Heeres zu beobachten, und das Volk, das ihn erkannte, wich ehrerbietig zurück; doch zuckte sein Name, von einem zum andern geworfen, durch die erregte Menge und schlug plötzlich aus der Glut unzähliger Herzen wie eine Flamme in die Luft. Da er dem freien Felde zugekehrt stand, wendete er sein Pferd, um die Begrüßung anzunehmen, worauf das Rufen: »Heil Garibaldi! Schwert Italiens! Stern Italiens!« sich erneuerte. Die hellen, stürmischen Glocken Roms fingen in diesem Augenblick zu läuten an, anschwellend wie eine Flut, die mit seinem triumphierenden Namen zum Himmel stieg. Auf den Mauern, auf den Geschützen, auf Dächern und Bänken, überall waren Menschen. Garibaldi sah Soldaten seiner Regimenter, lombardische Bersaglieri, die nicht hatten mitkämpfen dürfen, Männer, Frauen und Kinder, die Hüte und Tücher schwenkten; auch die Gleichgültigen und die Vorsichtigen, die sich zurückgehalten hatten, weil sie einen guten Ausgang der Sache nicht für möglich hielten, kamen auf die Nachricht von der Flucht der Franzosen herbeigeeilt. Indem sie seinen Namen riefen, staunten sie auf den wundervollen Mann, aus dessen Händen sie das freie Vaterland empfangen sollten; er stand ehern gegen den feurighellen Abendhimmel, nur sein weißes Pferd bewegte den hohen Hals auf und nieder und schnaubte leise. Der Platz, auf dem er sich befand, war gegen die Stadt zu von Akazien umgeben, die blühten und deren süßer Geruch seine tiefste Seele erfüllte zugleich mit dem starken Bewußtsein, daß er Italien machen werde und daß das Volk um ihn her es wisse und auf ihn baue; ja, auf einmal schien es ihm, als sei er weit fort, einsam auf rollendem Meere, und als sei das übermenschliche Werk lange, lange schon vollendet, und er frei, ganz durchdrungen von dem schwebenden Geiste getaner Taten.

Als der Jubel der Menge nachließ, richtete er sich auf, blickte um sich und sagte: »Soldaten! Eure Tapferkeit hat den Sieg über die tüchtigste Armee Europas davongetragen: ich danke euch! Heute, Heer und Volk, habt ihr Rom mit Blut in Italiens Fleisch eingegossen. Wehe dem, der eins vom andern reißen wollte!« Dann, da er grüßte und mit einigen Offizieren dem Vatikan zu ritt, löste sich die zusammengedrängte Menge, und von der Anhöhe stürzte sich der Jubel des Sieges hinunter und überflutete Rom. Er wälzte sich durch die Gassen und über die Hügel wie ein Schwarm von Bacchanten, deren trunkener Schrei von den schwarzen Ruinen widerhallt und deren goldene Becken glühend wie Schwertergeklirr durch die laue Dämmerung dröhnen.

Luciano Manara, der von den Galerien der Peterskirche den Gang des Kampfes verfolgt hatte, suchte Garibaldi auf und fand ihn, auf der Lafette einer Kanone sitzend, im Gespräch mit dem Obersten der Artillerie, Ludovico Calandrelli; es war nämlich vorgekommen, daß den Feind verfolgende römische Soldaten von den Geschossen der eignen Geschütze getroffen worden waren, wie es sich zeigte, ohne Calandrellis Schuld infolge des zwiespältigen Oberbefehls, der einheitliches Handeln erschwerte. Manara näherte sich und sagte zu Garibaldi, er befürchte, seine Achtung durch sein Benehmen am vergangenen Tage eingebüßt zu haben, Garibaldi möge jene Begegnung vergessen; es sei sein Wunsch, daß es ihm trotz des heutigen Sieges noch vergönnt sein möge, mit seinen Truppen unter Garibaldi zu fechten, damit er sähe, daß, welches ihre Gesinnung auch sein möchte, sie tapfer zu kämpfen und zu sterben wüßten. Garibaldi reichte ihm die Hand mit dem Lächeln, das, ohne daß er es wußte, auch seine Gegner bestrickte, und sagte: »Das weiß ich und möchte das letztere nicht sehen müssen. Meine Achtung konntet Ihr, Hauptmann Manara, nicht verlieren: man soll die Menschen nicht nach ihren Worten, sondern nach ihren Taten beurteilen.« Dann sprach er in froher Erregung von seiner Hoffnung, den Franzosen eine völlige Niederlage zu bereiten und das erprobte Heer gegen Italiens Erzfeind, Oesterreich, wenden zu können. Der Zwist mit Frankreich sei nur etwas Zufälliges und Vorübergehendes, das Werk einer ränkevollen Partei, die bald gestürzt werden würde. Das Notwendige sei, daß Mailand befreit und Oesterreich über die Alpen zurückgeworfen werde. »Das wäre möglich?« rief Manara aus, indem er Garibaldi ungläubig, fast erschrocken ansah. »Wie denn?« fragte dieser erstaunt. »Dachtet Ihr, Mailand sollte allezeit in dieser Knechtschaft bleiben?« – »Nein,« antwortete Manara und lächelte traurig; »aber ich habe mich gewöhnt zu denken, daß ich den Tag der Befreiung nicht sehen werde.« Garibaldi sprang ungeduldig auf, indem er ausrief: »Soll denn immer der größte Ruhm der besten Söhne Italiens ein tapferes Sterben sein? Leben und leben wollen müßt Ihr! In Euern Jahren glaubte ich mich noch unsterblich!« – »Ihr seid es vielleicht,« lachte Manara und fuhr ernster fort: »Was mich entnervt hat, waren nicht die Entbehrungen und Leiden dieses Jahres, sondern die Einsicht in unsre Ohnmacht. Unsre Kette zerreißen wie ein wildes Tier, das haben wir können, nicht unsers Feindes Herr werden, weil wir es unser selbst nicht sind.« Garibaldi schwieg und sann eine Weile, dann sagte er ruhig: »Wer unterliegt, scheint immer unrecht zu haben; mich soll das nicht irremachen. Wenn meine Mutter oder meine Brüder und Kinder im Elend sind, grüble ich nicht, ob sie es verschuldet haben, sondern versuche ihnen zu helfen und helfe ihnen hundertmal, wenn sie sich hundertmal wieder verderben, weil ich sie liebe.« Nach einer Pause sagte Manara: »Ich möchte so fühlen und handeln können wie Ihr, und wenn ich Euch ansehe und mit Euch spreche, scheint mir fast, ich könnte es.«

Garibaldi sah es als eine Gunst des Schicksals an, daß er an dem Tage, wo Montaldi gefallen war, zwei Männer fand, die diesem an militärischer Begabung und Hochherzigkeit gleichkamen, nämlich außer Manara den Reiterführer Angelo Masina aus Bologna, der sich bei dem letzten, den Ausschlag gebenden Angriff hervorgetan hatte. Er hatte sich in Bologna den Namen eines Patrioten, in Spanien Kriegsruhm erworben, war infolge der päpstlichen Amnestie in die Heimat zurückgekehrt und hatte, als äußere Feinde die Republik bedrohten, aus seinem eignen bedeutenden Vermögen fünfzig Reiter ausgestattet und nach Rom geführt. Er pflegte im Feuer der Schlacht so energisch zu leben, daß, wer ihn sah, meinte, Gefahr und Anstrengung seien das Element, in dem er sich heimisch fühle und sein ganzes Wesen könne spielen lassen, zwischen den Schlachten aber sich ganz der Muße des friedlichen Lebens hinzugeben, und glich dann einem weichlichen Schwelger, den weder Pflicht noch Ehre von seinem Lotterbett würde reißen können. Sowie er Garibaldi sah, entschied er sich für ihn und hing ihm an, wie wenn er durch Eideskraft gebunden wäre; denn während er die Frauen ebenso schnell vergaß, wie er ihnen häufig und in ehrlicher Meinung ewige Liebe schwur, schloß er sich Männern selten, dann aber unverbrüchlich an und hatte wenige Ueberzeugungen, an denen er niemals irre wurde. Durch diesen Mann fühlte sich Garibaldi glücklich bereichert; es war ihm, als hätte er in ihm eine neue, vernichtende Waffe gefunden, mit der er gegen Oesterreich kämpfen könnte.

Beim Einbruch der Nacht waren die Höhen still und menschenleer geworden: die Soldaten füllten die Schenken der Stadt und erzählten, was sie getan und erlebt hatten. Garibaldi ging nach der Kirche San Pietro in Montorio, um den Leichnam Montaldis zu sehen, der dort lag. Der alte Ripari hatte ihn erwartet und zeigte ihm traurig und stolz die neunzehn Wunden, mit denen der Tapfere gefallen war; sein Gesicht war klar und unentstellt. Lange betrachtete Garibaldi den schönen schlanken, festen Körper, der das Siegel des Todes wie einen hohen Orden trug, in dessen Besitz er zum erstenmal die Augen schließen und in seiner eignen Seele ruhen möchte. Dann hieß er den Arzt heimgehen und setzte sich zu dem Mohren, der ihn auf der zur Kirche führenden Treppe erwartete, um mit ihm die Totenwache zu halten. Es wollte ihm nicht in den Sinn, daß er den Mann, der zwanzig Schritte von ihm lag, nicht wecken konnte, damit er ihm den Kummer verscheuche; denn er hatte ihn nie krank, nie müde, nie verzagt oder hilflos gesehen. Während die andern Licht, Kraft und Hoffnung aus ihm, Garibaldi, sogen, hatte Montaldi seiner nicht bedurft, außer daß er ihn liebte; er hatte bei keinem andern jemals Zuflucht gesucht, als bei sich selbst, auch bei Gott nicht. Keine Gefahr war ihm zu groß, keine Arbeit zu schlecht gewesen; er hatte die Seele des strömenden Wassers, das Mühlen und Schiffe und Fabriken treibt und mit Schaum und sprühenden Tropfen, den Ueberschuß seiner Kraft verspielend, über die Räder stürzt.

In den Häusern unten ging Licht an Licht aus, und die festliche Stadt flammte prahlerisch gegen die Sterne. Garibaldi sah es ohne Bewußtsein: er dachte an die wilde Weite der Neuen Welt und den riesigen Wurf ihrer zügellosen Schöpfung, wo er und Montaldi sich in verwegener Jagd die Augenblicke des ungebändigten Lebens fangen mußten. Er dachte an silberne Nächte, wo sie ohne Weg, ohne Nahrung, allein mit den Gefahren der Wildnis, doch festen Herzens durch die Steppe geritten waren, zwei feurig lebendigen Welten gleich, die durch die Unendlichkeit schwärmen; an eine Fahrt, die sie mit meuternder Mannschaft über das Meer machten, als wären sie im Käfig mit Raubtieren, die gähnend den Schweif fegen, in Kreisen den Menschen umschleichen und sich auf ihn stürzen, sowie sein Blick, der sie bändigt, die Spannkraft verliert. Er hätte es auch ohne ihn bestanden, aber mit ihm wurde das Mißgeschick ein Abenteuer und selbst der Verlust ein Anlaß, sich auf eigne Schätze zu besinnen.

Mit Aghiar tauschte er Erinnerungen aus und hörte ihn die Taten und Eigenschaften des Toten loben: Er war wie ein Palmbaum mit glattem Stamme, der im Sturme sich singend biegt, aber die Blätter und Zweige festhält, und wenn der Sturm sich legt, dasteht wie zuvor, ohne einen Riß in der Rinde, als wäre der Himmel heiter gewesen. Sein Herz war kühl wie die Quelle des Gebirges, sein Haß und sein Schmerz waren stark und schnell, die Vergangenheit gärte nicht in seiner Brust. Er liebte nichts wie die Freiheit; der Tod hat ihn gefangen, aber er wird sich losreißen und auf glänzendem Schiff die weiten Meere jenseits des Himmels befahren.

Eine tiefe Traurigkeit kam über Garibaldi; es schien ihm, als könne er diesen Freund nicht verschmerzen, obwohl ihm noch viele andre blieben und obwohl er schon manchen Verlust verwunden hatte. Auch Gaëtano Sacchi hatte die kriegerischen Tage Amerikas mit ihm geteilt, er war tapfer, treu und verschwiegen, ein eiserner Ritter für ihn und Italien; der junge Medici scheute keine Gefahr, auch er war edel geartet, unternehmend und willig, den Weg der Zukunft zu gehen; aber sie hätte er nicht vermißt wie Montaldi. Dieser nahm seine Jugend mit weg, die grenzenlose Zeit der Vorbereitung und Hoffnung. ›Diese Nacht,‹ dachte er, ›soll dir und unsrer Jugend gewidmet sein, dann gehe du und ringe mit den Geheimnissen des Todes, und ich will Schlachten des Lebens schlagen; wenn unsre Geister sich je begegnen, sollen sie sich ohne Wehmut grüßen.‹

Er saß träumend an die dunkle Schulter des Mohren gelehnt, bis den Osten das Licht erregte, dann suchten beide einen kurzen Schlaf in dem kleinen Gasthof, den Garibaldi bewohnte.

Garibaldi hatte die flüchtenden Franzosen verfolgen und womöglich vom Meere abschneiden wollen, aber die Regierung, von der er abhing, billigte den Plan nicht und hintertrieb ihn. Mazzini äußerte sich den beiden andern Triumvirn gegenüber folgendermaßen: Garibaldi, dem vor allem der Erfolg des Tages zu danken sei, habe die erste Stimme in Angelegenheiten des Krieges; auch leuchte ihm selbst wohl ein, daß der Feind im Augenblick, wo er verwirrt und betäubt sei, einem vernichtenden Schlag nicht ausweichen könne, daß er aber, wenn man ihm Zeit lasse, sich sammeln und mit verdoppelter Streitkraft und Kampfesmut zurückkehren könne. Dennoch müsse er dies Bedenken äußern, ob mit einem solchen Schlage viel gewonnen sein würde? Ob Frankreich nicht ein neues, größeres Heer, als dieses sei, gegen Rom senden könne, wenn es wolle? Er glaube, Rom könne nur dann gerettet werden, wenn es gelinge, Frankreich sich aus einem Feinde zum Freunde zu machen. Ob das möglich sei, wisse er nicht, wolle man es aber versuchen, so könne man es nur, wenn man die Eitelkeit und Ehrliebe der Nation schone und sie nicht noch mehr demütige, um ihnen die Versöhnung nicht allzu schwer und Rache zur scheinbaren Pflicht zu machen. Armellini billigte lebhaft, was Mazzini gesagt hatte. Er zweifle nicht daran, sagte er, daß Garibaldi ein mutiger Anführer sei, und das Heer möge seinen Abgott haben; aber dem Soldaten eine Stimme in Staatsgeschäften einzuräumen, würde törichte Schwäche sein. Er hätte von jeher die Entzweiung mit Frankreich beklagt und freundliche Vereinbarung herbeiführen wollen; vielleicht wäre es gelungen, wenn man Vertrauen gezeigt und sich nicht durch die Bravaden eines unbedachten Schwätzers hätte beirren lassen. Dem römischen Stolze sei nun genug getan, jetzt gelte es sich weise zu mäßigen. Frankreich müsse in kurzem zu einer Politik der Unabhängigkeit und des Freisinns zurückkehren, ein störender Einfluß, der mit trüben Mitteln herrsche, müsse überwunden werden, die beiden lateinischen Republiken würden sich verbinden und der Welt das Licht der Kultur vorantragen.

Mazzini hörte unruhig und ungeduldig im Innern zu; er überschaute klar, was in Armellinis Geist an Begriffen und Wünschen, eine kleine, enge, geordnete Welt, beieinander war, es reichte nicht aus für die Zeit, die Lage und die Menschen, und es war ihm unlieb, seine Neigungen für sich zu nützen; dennoch widersprach er ihm nicht. Er glaubte weder an Frankreichs noch an einer andern Macht uneigennützige Freundschaft und Hilfe, aber er sah keinen Ausweg für Rom, als eine Verständigung mit dem zweideutigen Gegner. Es gab Männer im französischen Parlament, die unaufhörlich den pfäffischen Feldzug bekämpften; täglich konnten sie den Sieg davontragen, und bitter wäre es dann für Rom, den Frieden durch Siege verscherzt zu haben. Zugleich indessen fühlte er alles, was seiner Einsicht Lebendiges widersprach: Es war ein großes Auferstehen in allen Herzen, das naturgewaltig vorwärts drängte, und er fühlte, wie den Soldaten die Hand auf der Waffe zucken und wie es den Mann, der sie beherrschte, dahin ziehen mußte, wo die unerbittliche Göttin winkte. Aber er glaubte diese persönlichen Gefühle nicht betonen zu dürfen, und so wurde nach seinem und Armellinis Vorschlage entschieden. Im Parlament war so wie so im allgemeinen der Grundsatz angenommen, daß Rom sich auf die Verteidigung beschränken solle, um immer im Rechte zu sein und die großen Mächte, deren Beifall retten und deren Ungunst vernichten könne, nicht zu reizen. Auch fiel in die Wagschale, daß der Ruhm Garibaldis die Republikaner ängstigte, die den Verdacht hatten, das niedere Volk würde im Grunde froh sein, wieder einen Herrn zu haben.

Indessen, daß Garibaldis Absichten in solcher Weise durchkreuzt wurden, verstärkte nur die Gefahr, die das Parlament fürchtete. Hauptmann Daverio, der als ein einfacher, der Verstellung unfähiger Mann ausgeforscht wurde, sprach es ohne Bedenken aus, daß fast alle Offiziere Garibaldis der Ansicht wären, Rom könne nur gerettet werden, wenn er die Diktatur erhielte. Es hätte sich am gestrigen Tage gezeigt, wie viel Unzuträglichkeit es hätte, daß das Kommando nicht in seiner Hand läge. Keiner außer Garibaldi hätte mit so knappen Mitteln den Sieg erringen können: sie würden ihm zugeteilt, als wolle er sie nicht zur Verteidigung der Republik, sondern gegen sie gebrauchen. Von ihm hänge aber die Dauer der Republik ab, darum dürfe er von niemandem abhängen.

Die Abgeordneten, die anwesend waren, fuhren auf. »Wenn das geschähe,« rief Sterbini, »wenn Garibaldi Diktator würde, gäbe es keine Republik mehr, und es wäre nichts mehr zu verteidigen. Jedermann weiß, wie hoch ich Garibaldi schätze, aber ich täte es nicht mehr, wenn ich ihn für keinen guten Republikaner mehr halten könnte. Die Sachen liegen nicht immer zwischen Heer und Heer, sind nicht immer mit dem Säbel zu durchhauen. Im Heer soll er herrschen, er allein, das ist das Recht seiner Feldherrngröße und seiner Vaterlandsliebe; wenn er höher hinaus will, verscherzt er sein Ansehen, anstatt es zu vermehren.« Das ängstliche Sichverwahren des Parlaments machte keinen Eindruck auf Daverio, um so mehr was Mazzini, den er verehrte, sagte. Zwar schien auch das ihm darauf hinauszulaufen, daß er Garibaldi nicht genügend kenne und verstehe, oder die Bedeutung der kriegerischen Dinge unterschätze; aber er war ein Mann, der das Gute und Große fühlte und hochhielt, ohne daran zu kritteln, und wagte deshalb seine Ansicht gegen Mazzini nicht gewaltsam durchzusetzen. Auch sah er ein, daß die Versammlung einer Diktatur Garibaldis niemals geneigt zu machen sein würde; befragt, wie er glaube, daß Garibaldi die Nichtbeachtung seiner Ansprüche aufnehmen werde, sagte er grollend, das wisse er nicht, es könne leicht sein, daß er ihnen sein Brevet vor die Füße würfe.

Inzwischen war Garibaldi einer Einladung des Angelo Brunetti gefolgt, dessen Frau sich die Ehre nicht nehmen lassen wollte, den Sieger zu bewirten; denn auch die Weiber und alle Leute, die sich unheimisch und gottverlassen in Rom gefühlt hatten ohne Papst, söhnten sich am 30. April mit der Republik aus, an deren Spitze sie nun Garibaldi als einen neuen Heiligen Vater sahen. Der gefeierte Gast plauderte galant mit der schönen Frau, aß und trank wenig und wendete sich bald ganz den Kindern zu, die sich Schritt für Schritt näher an ihn heranwagten. Lorenzo und Luigi erzählte er von Schiffbrüchen und Seeschlachten, der kleinen Maria, die noch nicht schreiben konnte, malte er Buchstaben vor, unermüdlich ihr planloses Kritzeln verbessernd und das runde Fäustchen mit dem Stift behutsam herauf und herunter führend. Bei dieser Beschäftigung trafen ihn einige ihm besonders ergebene Abgeordnete, die es über sich genommen hatten, dem Gefürchteten gelinde zu unterbreiten, daß er aus Gründen innerer Politik auf eine Vermehrung seiner Gewalt verzichten möge. Ohne sich stören zu lassen, ging er auf ein gemächliches Gespräch mit ihnen ein, als er aber merkte, daß sie zu ihrem Auftrage kommen wollten, unterbrach er sie etwas unwirsch, indem er sagte, sie möchten ihre Worte sparen, die Regierung habe eine andre Meinung als er, die Folge würde zeigen, wer recht gehabt habe; jetzt wolle er nichts mehr von der Sache hören.

Die Versammlung war zufrieden, daß es so abgelaufen war; doch glaubten die meisten, Garibaldi habe die Fassung, die er gezeigt habe, nur erheuchelt und warte auf eine Gelegenheit, wo er, vielleicht der Volksmasse noch sicherer als im Augenblick, die Ansprüche seiner Herrschsucht erneuern und durchsetzen könnte.

*

An einem der ersten Maitage versammelte Garibaldi seine Truppen im Parke der Villa Borghese vor dem Tore del Popolo, um auf täuschenden Umwegen in den Süden zu gelangen und den König von Neapel, der mit seiner Armee die Grenze überschritten hatte, zurückzuwerfen.

Steh wieder auf, totes Heer, gleite noch einmal wie ein Echo stolzer Märsche über die veilchenblauen Hügel, die Zypressen und Rosengewinde schwärmerisch umkränzten! Steige aus deinen Gräbern, den versunkenen und vergessenen in der Heide, und tauche deine entseelten Hände in den Frühling, mit dem du siegtest und starbest!

Wie Trompetenstöße fährt Garibaldis Legion vorüber. Die schwarze Feder nickt auf das braune Gesicht, der Mantel weht, die Hand späht am Degen; es sind Verbannte und Fremdlinge und Abenteurer, welche die Heimat suchen. Sie sind schweigsam und haben wilde Träume und rasen vor Mut in glücklichen Schlachten; wie dunkle Wolken mit goldenen Rändern am Feuerhimmel jagen sie durch die gewitternde Zeit.

Die mit hellen Hörnern marschieren, sind die Bersaglieri. Kühn und lustig und getreu klopfen ihre Herzen, flink und leicht fliegen ihre Füße. Wie sind sie voll Mutwillen und Leichtsinn und Jugendblut! Kein Geschick ficht sie an, ihr Lachen fliegt an heiteren und wilden Tagen und läßt sich nicht fangen, bis der beinerne Pfeil des dämonischen Schützen es trifft und welk in den Staub tritt.

Herrlich wie Wasserstürze aufrauschen, galoppieren die Reiter Masinas. Lange Mähnen wallen spiegelnd über den blanken Hals der Pferde. Die Söhne der fetten Bologna halten sich festlich; sie haben wuchtige Arme und ein starkes Herz und glauben nicht, daß ihre Sonnen untergehen. Die mit wehenden Locken um leuchtende Stirnen, welche die Brust mit der dreifarbigen Schärpe umwunden haben, sind die Studenten. Sie drängen sich glühend zum Opferaltar, wirbeln die Fackel ihres Lebens hoch in der Luft und werfen sie mit großem Schwunge nieder, die fallend erlöscht. Ein Haufen ungeselliger Fratzen streicht vorbei, mit Banditenhut und gezacktem Bart, das Messer im Gürtel. Sie haben Lust am Blut und keine Freude am Leben, wie wilde Tiere lauern sie dem Gegner auf und schleichen knirschend am Freunde vorüber. Aber dort, was für eine behende Schar sind jene, die den Säbel stolz und feierlich wie Knaben ein Spielzeug tragen? Kinder Italiens! Sie schlagen sich furchtlos wie Helden und grimmig wie fauchende Katzen, und wenn die Schlacht aus ist, wetten sie in Spielen und lachen zu Schelmenstreichen; nachts träumen sie von der Schule und denken heimlich an das Weinen einer armen Mutter.

O Heer des Frühlings! Er liebte dich, weil du mit ihm sterben solltest! Er kränzte deine Stirn mit Rosen und Lorbeer, die sich mit ihm neigen und in Feuer verzehren sollte. Er überschüttete die quellende Erde mit Narzissen und Lilien, die dich begraben sollte, und entblätterte Tag für Tag die Krone der Sonne, damit deine Wege von rotem Ruhme rauschten. Er sang in Pinienhainen Lieder der Liebe und Heldengesänge, damit du melodischen Schrittes mit ihm hinunterstiegest in die Nacht. O Heer des Frühlings, er berauschte dich mit Sieg und Freiheit, ehe er dein Herz zerriß, um mit dir zu verbluten!

*

Im Stabe Garibaldis befand sich ein Schwabe, Gustav von Hofstetter, der in seiner Heimat an der liberalen Revolution teilgenommen hatte und nach ihrem Niedergange erst in die Schweiz und dann nach Italien ausgewandert war, um unter der Fahne der Freiheit, wenn auch im Auslande, zu kämpfen. Er hatte ein nachdenkliches Gesicht und beobachtete die Welt mit Liebe aus ernsten Augen, die einem von schwarzen Tannenwäldern umgebenen tiefen Weiher glichen; man konnte sie für unveränderlich sanft und heiter halten, bis einer seine Empfindlichkeit reizte, dann wehrte er sich so bissig, daß man sich hütete, ihn wieder anzugreifen. An diesen wandte sich Masina, als die Truppen abzumarschieren begannen, mit den Worten: »Ihr seht wie ein verschwiegener und träumerischer Mann aus, mit dem sich ernstlich von Liebessachen reden läßt. Wollt Ihr der Not eines aus Liebesflammen wehklagenden Herzens beispringen?« Der Deutsche antwortete gutmütig: »Warum nicht? Soll ich einen Guß kalten Tiberwassers darüber schütten?« worauf Masina, die Brauen hochziehend, erwiderte: »Das Mittelmeer würde kaum genügen!« und folgendes erzählte: Er war kurz nach seiner Ankunft in Rom eines Abends am Theater Metastasio vorbeigegangen, wo Gustavo Modena aufgetreten war. Ein Schwall von Menschen drängte den Ausgängen zu, wo die Wagen unter dem Geschrei der Kutscher vorfuhren; in diesem Wirrsal sah er eine Dame stehen, deren schwaches Rufen unbeachtet verhallte. Gerührt von ihrer Gestalt, die, schmal und sehr elegant, doch etwas hilflos Kindliches hatte, machte er sich Bahn zu ihr und führte ihr einen offenen Wagen zu, in den sie nach kurzem Zögern einstieg, obwohl, wie es schien, die eigne Karosse sie erwartete. Der eine Blick, den sie dabei wechselten, spann ein Band zwischen ihnen, das sie nicht sogleich zerreißen mochten, und sie verwehrte ihm nicht, neben ihr zu reiten. In der warmen Nacht, die sie umgab, schmolzen die Formen und Masken des gemeinen Lebens: sie fühlten sich allein miteinander auf einem Zauberfeste, wo Träume reifen und Sehnsucht Gesetz ist. Er fand den Mut, sie zu fragen, ob sie ihn lieben könne, sie fand keinen, nein zu sagen; seitdem trafen sie sich fast jede Nacht. Sie verschwieg ihm ihren Namen, ihren Stand, ihre Verwandtschaft und Lebensweise, um, wie sie sagte, ihm gegenüber eine nackte, heimatlose Seele zu sein, die demütig die ganze Aussteuer des Lebens von seiner Liebe empfange; deshalb nannte er sie Trovata, das Findelkind. Da er nicht wußte, wie sie hieß, noch wo sie wohnte, konnte er ihr keine Botschaft schicken, auch hatte sie ihm verboten, ihr mehr zu schreiben, als sich auf ein Blatt ritzen ließe; doch sehnte er sich, ihr ein Zeichen zu geben, und meinte, daß er sie in einer gewissen Kirche, wo sie jeden Morgen die Messe hörte, und wo sie sich auch schon getroffen hatten, einen Brief könnte finden lassen, ohne daß es ihr gefährlich würde.

Da sie gerade an einer Gartenmauer entlang ritten, über die hinaus Aloe und die felsgrauen Blätter und Strünke der Agave starrten, deutete Hofstetter darauf hin und sagte, er möge ein solches als Brief benutzen, es hätte ein ganzes Sonett darauf Raum, und niemand würde es bemerken, nur ihr Auge würde vielleicht die Ahnungskraft der Liebe anziehen. »Ich hätte nicht geglaubt, daß ein Schwabe einen so glücklichen Einfall haben könnte!« rief Masina froh verwundert, indem er mit dem Säbel ein fleischiges Aloeblatt herunterhieb; nun möge Hofstetter ihm auch raten, was er darauf schreiben solle, nicht viel, zwei oder drei Worte, gleichsam ein Blutstropfen aus seinem Körper auf das grüne Pergament gefallen. Der Deutsche besann sich eine Weile und schlug dann die Worte vor: »O, meine Gefundene, mögest du mir nie Verlorene heißen!«, die Masina, obwohl sie ihn zuerst befremdeten und ihm seiner Empfindung nicht zu entsprechen schienen, billigte. Er zog einen kleinen spitzen Dolch aus seinem Gürtel und ritzte den Satz, den Hofstetter ihm langsam vorsprach, mit ungefügen Lettern auf das Blatt, so daß sie es ganz ausfüllten.

Im freien Felde, wo sie sich jetzt befanden, trafen sie einen berittenen Hirten, der Masina als Bote geeignet erschien: der Mann, der finster und blöde aussah, schüttelte den Kopf und sagte, er dürfe seine Herde nicht verlassen, doch hätte er einen Buben, mit dem sie reden könnten. Der Junge kam in scheuer Neugierde unter dem Strohzelt hervorgetreten und hörte aufmerksam an, was Masina ihm einprägte. Ob das etwas Unheiliges sei? fragte er, ängstlich auf das Blatt deutend, während seine Augen mit funkelnder Habgier über ein Goldstück huschten, das Masina aus der Tasche gezogen hatte. Der zeigte sich entrüstet: ob er glaube, daß er ein Heide, ein Kirchenschänder, ein Republikaner sei? Es handle sich vielmehr um ein hochheiliges Gelübde, und der Junge werde für das Heil seiner eignen Seele arbeiten, wenn er bei der Ausführung desselben behilflich sei. Das schwarze Gaunergesicht glänzte auf, er versprach, den Auftrag pünktlich auszurichten, verbarg das Blatt ehrfürchtig in seiner Tasche, steckte das Goldstück nachlässig in eine andre und machte sich auf den Weg. Masina rief ihm noch einmal den Namen der Kirche und der Kapelle nach, wo er das Blatt niederlegen sollte, und eine Mahnung, das gegebene Versprechen zu halten. »Hier auf der Stelle soll mich der heilige Blitz des Himmels niederschlagen, wenn ich dich betrüge!« rief der Junge, winkte lächelnd mit der Hand und schlängelte sich behend durch das hohe Gras der Heide. Hofstetter meinte, dem Burschen nachblickend: »Wenn wir ihm aufgetragen hätten, Mazzini umzubringen, hätte er das auch, vielleicht um dasselbe Geld, besorgt.« – »Möge er nur nicht zur Hölle fahren,« rief Masina vergnügt, »bevor er das Blatt an seinen Ort besorgt hat.«

Im Weiterreiten erkundigte sich Masina, was den Deutschen bewogen habe, die römischen Kämpfe, die ihn seiner Meinung nach nichts angingen, mitzumachen. Es sei das nicht anders, antwortete Hofstetter, als wenn ein Italiener in Venedig, Sizilien, Spanien oder Griechenland kämpfe, wie viele getan hätten. Auch habe jeder Deutsche außer der Heimat, die ihn geboren habe, eine zweite, Nährmutter seines Geistes, das Land der Griechen und Römer; wenn er zum erstenmal dorthin komme, glaube er wiederzukehren, wie in einen Kindergarten, aus dem er zu früh hinaus gemußt, um die Erinnerung daran im Bewußtsein zu tragen, die dennoch unverloren in ihm mitschwinge und dufte. Da er nun seiner natürlichen Heimat durch die Härte der Zeit entfremdet sei, habe er die zweite aufgesucht und werde nun wohl sein Leben lang ruhelos zwischen zwei gleich starken Polen schweben.

Masina blickte mit stolzen Augen um sich und sagte, sein Pferd zügelnd: »Hier ist der Ruhepunkt des Herzens! Hier liegt das Kind still zwischen Himmel und Erde eingebettet und staunt gesättigt in das schaffende Licht. Seht, wie die amethystene Kette der Berge leicht am gebogenen Himmelsrande fließt! Seht, wie die Reben sich von Baum zu Baum winden, wie hochgeschürzte Kleider tanzender Mädchen! Seht, wie der Silbermantel des alten Oelbaumhains königlich müde von jenes Abhangs Schulter herabwallt! Dies Land ist ein schöner Leib, den brünstige Götter mit Liebeszauberzierat behängten.«

Sie hatten sich mittlerweile einer Gruppe von Reitern genähert, unter denen Garibaldi war, dessen Schönheit, wie er, ganz Nerv und Feuer, marmorn unabänderlich auf einem ausgreifenden Pferde ruhte, Masina so betroffen machte, daß er seine Betrachtungen unterbrach und ausrief: »Wer weiß, ob Italien nicht allen Schmuck von sich täte wie die Mutter der Gracchen, und sagte: ›Es genügt mir, die Mutter Garibaldis zu sein!‹« Damit spornten die beiden Nachzügler ihre Tiere, um sich mit den Kameraden zu vereinigen.

*

Um die Abendzeit lagerte das Heer auf einer Lichtung in den Albaner Bergen, wo zwischen vereinzelten Eichbäumen und brennenden Ginsterbüschen das edle Geschlecht der Asphodelen blühte. Einer der Herren hatte einen Hasen durch das Gras laufen sehen und schlug eine Jagd vor, an der sich Masina, Manara, Hofstetter und viele andre Offiziere beteiligten; Garibaldi, obwohl ein ausgezeichneter Jäger, machte nicht mit, sei es, daß er ausruhen oder daß er etwas bedenken wollte. Als die Truppen wieder im Marsche waren, bemerkte er im niedrigen Buschwerk ein Häschen, das sich, hinkend, mühsam fortzubewegen suchte, fing es ein, und da er sah, daß es an einer Pfote verletzt war, nahm er es mit sich, damit es nicht den Jägern oder einem Raubvogel wehrlos zur Beute fiele. Nach einer Stunde zog sich der Weg in einen Laubwald, dessen breite Zweige luftige Wölbungen bildeten und aus dessen Blättern und Stämmen heilsam belebender Wohlgeruch strömte. Beim Aufgange des Mondes, der noch nicht voll war, erhob sich nach und nach das Flöten der Nachtigallen, und es schien, da ihrer viele waren, die man nicht sah, als finge die Luft, von magischem Licht getroffen, zu tönen an. Garibaldi ritt allein, da die meisten Offiziere seines Stabes noch beim Jagen waren; nur der Mohr, der sich immer in seiner Nähe aufzuhalten pflegte, folgte ihm. Er hatte anfänglich die Ereignisse des kommenden Tages im Sinn, an welchem er auf den Feind zu stoßen rechnete; allein das flaumige Fell des kleinen Hasen und das furchtsame Herz, das gegen seine Hand klopfte, erinnerten ihn wieder und wieder an etwas weit Entferntes, Liebliches und Trauriges, und es fiel ihm endlich ein, daß dies eine Nacht in Montevideo war, wo er mit seinem erkrankten kleinen Kinde durch waldige Gegend zu einem Arzte geritten war. Es war ein kleines vierjähriges Mädchen, das er über alles geliebt hatte und das bald nach jener Nacht gestorben war, während er vom Hause und der Familie entfernt im Felde lag. Wie damals fühlte er einen zarten, weichen Leib an seinem Arm und seiner Brust, in dem geheim und leise wundervolles Leben spielte. Er stellte sich das runde Gesicht vor mit den meerblauen Augen, die zuweilen, wenn sie ihn betrachteten, einen zärtlich listigen Ausdruck hatten, wie wenn sie über ihn lächelten, die Berührung des Mundes, der süß und kühl wie eine betaute Rose war, und das Trüppchen kurzweiliger Finger, mit denen sie schwatzte und allerhand träumerische kleine Aufführungen machte. Dann dachte er an das winzige Grab in der grenzenlosen Raumesferne, in das der Körper, den er so oft geherzt hatte, gelegt worden war, und eine bitterliche Traurigkeit, als wäre nichts mehr erstrebenswert, da er das Kind nicht wiederhaben könnte, legte sich drückend auf sein Herz. Aber er sagte sich, daß das geliebte Geschöpf, das Seele von seiner Seele war, nach den allweisen Gesetzen der gottvollen Natur nicht unerreichbar weit und nicht auf immer von ihm getrennt sein könne; vielmehr müsse das Verwandte beieinander sein, nicht so, daß kurzsichtige Sinne es erkennten, aber durch einen Zusammenhang gleichartiger Kräfte, deren Leben die Welt wäre. Es könne sein, dachte er, daß sie nah bei ihm wäre, und ein Anschmiegen ihres Wesens an ihn mache, daß er an sie denken müsse; sie wäre vielleicht eine flinke Eidechse, die lautlos durch das feuchte Kraut glitt, vielleicht eine von den Nachtigallen, die im Gebüsche schlügen, vielleicht auch das braune Häschen, das warm und jetzt ganz still in seinen Arm geduckt saß. Das Weh, das er gefühlt hatte, verging allmählich in diesen Vorstellungen, als ob das Kind in Wirklichkeit wieder bei ihm wäre; er atmete ruhig den Dunst der steigenden Säfte und des mächtigen Blühens der Mainacht ein.

Am folgenden Abend wurden auf einem unbebauten steinigen Acker unweit Palestrina die Hasen zugerichtet, wobei Masina die Leitung übernahm, da er seine Kochkunst der Mangiagallis, die Manara anrühmte, überlegen hielt. Er schickte Soldaten nach Zitronen, Salbei und andern Kräutern aus, um das Wildfleisch zu würzen, und half inzwischen die Spieße zuschneiden, an denen es sollte geröstet werden. Währenddessen tadelte er Manara und die Brüder Dandolo, daß sie von der Küche nichts verständen; denn ein Mann und vorzüglich ein Soldat dürfe nichts von einem Untergebenen besorgen lassen, das er nicht selbst besser machen könne. Er gehöre nicht zu denen, die vorlieb nähmen, sagte er, schlechte Küche sei barbarisch, auch wenn er in den Schluchten der Abruzzen oder in der Verlassenheit der Sümpfe sei und seine Mahlzeit mit der Degenspitze von der bloßen Erde essen müsse, sie müsse würdig sein, auf den Tisch des leckersten Pfaffen zu kommen. Freilich könne er alles selbst zubereiten, wie es sein müsse: er wisse die Reiskörner glatt, blank und durchsichtig zu machen und bis zu dem Grade anschwellen zu lassen, wo sie nicht hart und nicht weich wären; er könne den Spargeln das innerste Aroma aus den Fasern locken und den Geschmack des Wildes gleich entfernt von kälberner Nüchternheit und anrüchiger Fäulnis halten. Unterdessen waren die Hasen abgezogen, kleine Feuer angefacht und Stecken zur Aufnahme des Bratspießes darüber aufgerichtet. Masina ging vom einen zum andern und paßte auf, daß weder zu rasch noch zu langsam gedreht wurde, nicht ohne daß Mangiagalli hineinredete und widersprach, was zu lärmenden Auseinandersetzungen führte, bei denen Masina recht behielt und Mangiagalli sich an dem Triumph, das letzte Wort vor sich hin zu brummen, genügen ließ. Die Truppen brieten sich Schaffleisch; der Rauch kroch zwischen den Steinen hin wie heißer Atem aus glimmenden Drachenmäulern. Aus der nahen Stadt kam auf Wagen Brot und der Wein des Landes, mit Jubel von den Soldaten begrüßt.

Garibaldi hatte die Einladung der Offiziere angenommen, lehnte es aber ab, von den Hasen zu essen, und ließ sich anstatt dessen geröstetes Schaffleisch reichen, weil er die einfachere Kost vorziehe. Während sie aßen und plauderten, schob Garibaldi von Zeit zu Zeit Blätter, die er vorher gesucht hatte, unter seinen Mantel und erregte dadurch die Neugierde der Offiziere, bis sie das Häschen entdeckten, das geschäftig kaute und seine runden Augen erschrocken herumgehen ließ, als es plötzlich viele Blicke auf sich gerichtet sah. Garibaldi lächelte lustig und sagte: »Das Häschen habe ich euch gestern weggefangen und mir deshalb kein Recht auf den Braten zugemessen; da ihr nun doch alle satt werdet, getraue ich mich, es zu verraten.« Sie wetteiferten, das kleine Waldwesen zu streicheln, und Masina sagte: »Bei Gott, wir sind ruchlose Störenfriede, daß wir so unschuldige Gesellen umbringen. Es ist gut, daß ich genug gegessen habe, für heute wäre mir der Leckerbissen verleidet.« Garibaldi untersuchte die verwundete Pfote und fand sie genügend geheilt, um das Tier laufen zu lassen; er könne es nicht wohl, meinte er, mit in die Schlacht nehmen. Immerhin wollte er es nicht auf dem unfruchtbaren Acker, wo sie sich eben befanden, aussetzen, sondern trug es bis zu einem bewachsenen Saatfelde, das weiterhin an ein Gehölz grenzte; es spitzte die Ohren, schnupperte in der Luft und huschte mit langen Sprüngen in den Aehrenwald.

Am nächsten Tage fand das Gefecht bei Palestrina statt, in welchem Garibaldi die Neapolitaner besiegte und bei dem er zum ersten Male die treffliche Schulung, die elastische Beweglichkeit und das pünktliche Funktionieren der Bersaglieri Manaras kennen lernte.

*

In die steile Stadt Velletri hatte sich der König von Neapel zurückgezogen, nachdem seine Truppen unter den Felsen von Palestrina von Garibaldi geschlagen worden waren, und beharrte laut darauf, dem Papst eine Straße nach Rom eröffnen zu wollen; allein im Grunde trachtete er danach, sich so eilig wie möglich diesem Feldzuge zu entziehen, weil er irgendein Unglück für seine Person befürchtete, insbesondere in die Gefangenschaft Garibaldis zu fallen. Als in der Frühe des 19. Mai die ersten römischen Truppen in der Ebene sichtbar wurden, gebot er dem General Lanza nachdrücklich, es solle unter allen Umständen zum Gefecht kommen und die aufrührerische Rotte vernichtet werden, worauf er sich mit seinem Gefolge in die Kirche der Maria am Kreuzweg begab, um zu einem wundertätigen Muttergottesbilde zu beten, welches, vom Schwerte durchbohrt, an gewissen kirchlichen Feiertagen aus der Wunde blutete. Es fand sich aber, daß das Bild, welches noch am Tage zuvor von mehreren Personen gesehen wurde, von seiner Stelle verschwunden und allem Anschein nach geraubt war. Die Aufregung, die deswegen in Velletri entstand, war nicht so groß wie der Schrecken des Königs, welcher das Verschwinden des Bildes an ebendiesem Tage auf sich und sein drohendes Unglück bezog und in seinen Beichtvater drang, ihm Kasteiungen und Pönitenzen aufzuerlegen, durch welche er das Geschick von sich abwenden könne. Nachdem ihm ein längeres Beten aufgetragen war, zog sich der König in ein hohes, mit rotem Damast bekleidetes Schlafzimmer zurück und kniete unter heftigen Beklemmungen auf dem Betpult nieder; doch schien ihm diese Buße nicht zu genügen, und er verlangte zu beichten, obwohl er dies erst vor einigen Tagen getan hatte. Er hatte kaum damit begonnen, als ihm von den ersten Bewegungen des Gefechtes Mitteilung gemacht wurde, was ihn bewog, die fruchtlose Stubenweisheit des Generals zu verwünschen, der stets ungünstige Stunden und verhängnisvolle Orte zum Kampfe wähle. In wachsender Unruhe eilte er durch die weiten Gemächer des Schlosses von einem zum andern Fenster, so daß einer seiner Adjutanten ihm den Rat unterbreitete, aufzubrechen und sich unvermerkt nach Neapel zurückzuziehen; hierüber indessen zeigte sich der König entrüstet und bedrohte den Ehrlosen mit zornigen Worten, der ihm eine so feige Handlung zuzumuten wage. Die ersten Nachrichten, die vom Kriegsschauplatze eintrafen, lauteten überaus günstig, indem es sich bemerkbar machte, daß Garibaldi, der die Vorhut führte, ohne Wissen des Obergenerals Roselli hatte angreifen müssen und nicht unterstützt wurde; um die glänzende Tafel, an der der König mit seiner Begleitung im hellen Säulensaale die Mittagsmahlzeit einnahm, verbreitete sich üppige Laune. Er speiste noch, als gemeldet wurde, daß einem Priester von der Marienkirche auf geheimem Wege ein Zettel überbracht worden sei, des Inhalts, der berühmte Räuber Vendetta habe das Muttergottesbild entwendet und werde es gegen eine gewisse Geldsumme zurückstellen; er bewahre das unvergleichliche Heiligtum mit schuldiger Ehrfurcht, so daß es in den Händen des Heiligen Vaters selbst nicht besser vor Unbill geschützt sein würde. Der Schreiber des Zettels machte den Vorschlag, daß das vereinbarte Geld auf dem Standorte des Bildes niedergelegt werden, die Kirche von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang unverschlossen und unbewacht bleiben sollte; verbürge sich der Geistliche schriftlich und eidlich dafür, daß den Räubern nicht aufgelauert würde, so würde in der Frühe des nächsten Morgens die Mutter Gottes wieder auf ihrem Platze stehen und weder Person noch Habe in Velletri angetastet werden.

Der König war über dies wunderbare Wiederauftauchen des Bildes hocherfreut und wies den Pfarrer an, sogleich auf alle Forderungen des Vendetta einzugehen, damit die Madonna so schnell wie möglich wieder an ihren Ort käme; bei sich aber war er der Meinung, daß der Pfarrer mit dem Räuber unter einer Decke spiele, und gab Befehl, eine Abteilung Soldaten solle sich in der Kirche verstecken, sich des Geldes bemächtigen, über die Räuber, wenn sie kämen, herfallen und ihnen das Bild entwenden, und zwar so, als ob sie es ohne Auftrag aus Habgier, auf eigne Faust täten. Am folgenden Tage sollte dann eine Feier in der Kirche stattfinden und womöglich das wunderbare Blut fließen, wozu bereits Vorbereitungen getroffen wurden; doch wurde dies alles durch die Wendung, welche das Gefecht nahm, unterbrochen, infolge welcher die Möglichkeit, von der republikanischen Armee eingeschlossen zu werden, in Betracht gezogen werden mußte. Der König wütete, er habe es vorhergesehen und vorhergesagt, er versuchte durch das Fernrohr den Gang der Schlacht zu verfolgen, vermochte sich aber nicht zu sammeln, und kam endlich auf den Einfall, als Mönch verkleidet, oder dann mit Hilfe der Räuber, die in der Nähe sein müßten, zu entfliehen. Die Botschaften vom Schlachtfelde klangen jedoch insofern beruhigend, als der General es für durchaus tunlich hielt, daß das gesamte Heer Velletri räume und sich zurückziehe, was auch bei hereinbrechender Abendstunde ins Werk gesetzt wurde. Besonders ermutigte den König die Nachricht, die von seiner Umgebung vielleicht absichtlich, um ihn zu trösten, verbreitet wurde, daß Garibaldi verwundet sei; denn diesen fürchtete er um so mehr, als er ihn für einen Söldner des Teufels und letzteren im Grunde für viel freigebiger und pfiffiger hielt als die Heiligen, von denen er selbst abhing.

*

Der Obergeneral Roselli, welcher die Expedition gegen den König von Neapel leitete, hatte einen Feldzugsplan entworfen, in welchem ein Zusammenstoß mit dem Feinde bei Velletri nicht vorgesehen war; auch dachte Garibaldi nicht daran, zu schlagen, doch als er Bewegungen des feindlichen Heeres bemerkte, die einen Konflikt zu bezwecken schienen, und nachdem ein Umblick vom höchsten Punkt der Ebene aus ihn in dieser Ansicht bestärkt hatte, entschloß er sich zum Angriff, um nicht zurückweichen zu müssen. Dem Hauptmann David, einem Bergamasken, befahl er, eilends zurück zum Roselli zu eilen und ihm die Lage, in der er sich befinde, vorzustellen; er möge ihm zu Hilfe eilen, da es sonst leicht um den Erfolg des Tages und um seine Truppen geschehen sein könnte.

Hauptmann David galt als ein Mann von großem Mute und war es auch in der Schlacht, wo er sogar mit einer gewissen Wildheit auf den Feind ging; aber er pflegte weder vorher noch nachher mit Genugtuung davon zu erzählen, wie viele andre taten, sondern sprach von allem, was zum Kriege gehörte, als von einer fürchterlichen Notwendigkeit, unter der man zweifelsohne zugrunde gehen würde, die man aber nicht von sich abwälzen könne. Auch sah er, ein großer, aber schmal gebauter, mit den Schultern etwas nach vorn gebeugter Mann, immer so aus, als ob er gewöhnt wäre, übermäßige Lasten zu tragen. War ein Gefecht in Aussicht oder auch während desselben erging er sich gegen seine Kameraden in kummervollen Betrachtungen, nun gehe das Schießen und Stechen wieder los, wenn er nur viele Meilen weit entfernt wäre, er käme gewiß nicht lebendig davon, seinetwegen könne der Großmogul ganz Europa erobern, ihm solle es gleich sein, wenn er nur wieder Ruhe hätte. Er nahm Garibaldis Auftrag in dienstlicher Haltung entgegen, verabschiedete sich von den Umstehenden mit einem Blinzeln und Achselzucken, welches andeutete, daß er auf Erfolg weder im besonderen noch im allgemeinen rechne, und galoppierte dann blindlings davon.

Während Garibaldi noch Befehle ausgab, eröffnete Masina mit seinen Reitern die Schlacht, die aber, sei es daß sie selbst oder daß die Pferde den Krieg noch nicht genügend kannten, von einem plötzlichen Schreck ergriffen, flohen und ihren Anführer schutzlos vor den feindlichen Reihen ließen. Garibaldi, der es sah und sich ihrer Flucht entgegenwarf, wurde von ihrer Wucht zu Boden gerissen und hätte, unter seinem Pferde liegend, in die Gewalt des Feindes geraten können, wenn nicht das Knabenbataillon flink zur Stelle gewesen wäre, um den General zu decken, der sich selbst nicht schützen konnte. Obwohl Masina seine Reiter inzwischen wieder gesammelt und in das Gefecht zurückgeführt hatte, sah Garibaldi den Augenblick sich nähern, wo die erschöpfte Minderzahl die gewonnenen Stellungen würde wieder freigeben müssen; da ertönten die Signale der Bersaglieri, die das Getöse der beginnenden Schlacht hergezogen hatte. Zwar hatte Manara geschwankt, ob er ohne Weisung Rosellis und eigentlich dem von ihm empfangenen Befehle entgegen sein Regiment in den Kampf führen dürfe, und als Mangiagalli sich zur Stimme der ungeduldigen Soldaten machte und ungestüm den Wink zum Vormarsch von ihm erbat, glaubte er vollends das Gesetz vertreten zu müssen und gebot zu warten, indem er Mangiagalli seine unbotmäßige Keckheit verwies. Da er indessen selbst nichts anders wünschte und auch für richtig hielt, als Garibaldi zu Hilfe zu kommen, bereute er bald darauf, daß er seinen Stolz den Ausschlag hatte geben lassen und führte nun doch die dankbar jubelnden Soldaten auf den Kampfplatz. Ihm folgte bald darauf Ludovico Calandrelli, der nicht lange zögerte, als er bemerkte, daß für Rom und die Republik geschlagen wurde; dennoch zweifelte Garibaldi, ob ohne den Zuzug der Hauptmasse des Heeres der Feind aus seiner vorteilhaften Stellung würde geworfen werden können. Hauptmann David kam mit der Meldung zurück, Roselli habe diese Antwort gegeben: Er habe keine Schlacht gewollt; warum Garibaldi seine Pläne durchkreuze? Jetzt wären seine Soldaten beim Speisen. Wenn das erledigt sei, würde er kommen. Garibaldi sagte nichts dagegen, hieß David für sein zitterndes Tier sorgen, winkte Ugo Bassi, der in der Nähe war, und bat ihn, Roselli zu größerer Eile anzutreiben. »Das Volk hält Euch für einen Engel,« sagte er, »nützt also Eure Flügel und Eure Feuerzunge, das Glück des Tages steht auf dem Spiele.«

Bassi traf das Heer mit den Vorbereitungen zum Abmarsch beschäftigt; doch hatte es den Anschein, als bemühe sich Roselli mehr, ihn zu hintertreiben als zu beschleunigen. Die erneute Botschaft Garibaldis verdroß ihn sichtlich, was Ugo Bassi nicht beachtete; vielmehr fing er an, den Verlauf des Kampfes zu schildern, ohne dazu ermutigt worden zu sein, mit lauter Stimme und so, daß es nicht nur der General und sein Stab, sondern auch die Soldaten hören mußten. Er sprach von Masina, wie er herrlich, als stürme ein Gott gegen zusammengerottete Titanen, allein dem frischen Angriff der geordneten Feinde entgegensprengte; von dem Sturze Garibaldis, wie es mit einem Male war, als lege sich eine zermalmende Wolke auf die mittelste Sonne, so daß nun alle Sonnen und alle Sterne, die sie hält, verwaisen: die Sterne schwanken wie bunte Lampen in Bäumen, die der Wind hin und her weht, viele erlöschen, in unermeßlichen Wellen zittert der Aether, durch den im nächsten Augenblick die entfesselte Welt stürzen soll, so stockte die Schlacht, als Garibaldis helles Haupt im Gewühl verschwand. Dann sprach er von den Knaben: eine Meute kleiner tapferer Hunde, die, mit den Zähnen in das Fleisch des Gegners geklammert, sich nicht abschütteln lassen, bis er nachgibt und flieht, drangen sie auf den übermütigen Feind ein und beschäftigten ihn mit ihrem hingebenden Ingrimm, bis Garibaldi wieder Herr seiner Kraft geworden war. »Dann,« sagte er, »stand die Schlacht; ein einziger Mann mit Schwert und Fahne stand Garibaldis Legion vor den Mauern von Velletri, aus denen immer neue Scharen gegen sie fluteten. Kameraden, verlaßt ihr Garibaldi? Der rote Mittag siedet um sein kämpfendes Herz, zwischen heißen Steinen kauern Feigenbäume wie böse Tiere mit aufgesperrten Rachen, stürmende weiße Wolken über seinem Haupt erstarren in der feurigen Luft und bewegen sich nicht mehr. Kameraden, laßt ihr Garibaldi untergehen? Da klingen Schritte und klingen Hörner: so kommen die lombardischen Bersaglieri zur Schlacht!«

An dieser Stelle unterbrach Roselli den Barnabiten, indem er in gereiztem Tone sagte: »Sie hatten dazu keinen Befehl von mir!«, worauf Ugo Bassi fortfuhr: »Das sagte Manara. Garibaldi antwortete: Gott schickt euch! Wie ein erlöschendes Feuer, das leise raschelnd am Boden kriecht, in großen Flammen aufschlägt, wenn es neues Holz ergreifen kann, belebt sich nun die Schlacht; der Feind weicht erschreckt, Italiens Schwert lacht über seiner Flucht. Aber unter Velletris Mauern empfängt er neue Kraft und kehrt verdoppelt zurück. Für Rom streiten Helden: einer hohen Welle gleich, die, hundertmal vom Felsen zurückgeworfen, hundertmal wieder heranrollt, mit hochgehobenem Haupte erneuert Masina unermüdlich den Angriff; ein Turm im Meere, der unbeweglich aus dem Schwall und Strudel der Wellen steigt, steht Manara aufrecht zwischen seinen geduckten Schützen. Aber die unbesiegbare Masse des bourbonischen Heeres überschüttet die Tapferen. Kameraden, laßt ihr Garibaldi untergehn? Da krachen Kanonen: so melden sich Calandrelli und seine Braven.«

»Auch er hatte keinen Befehl von mir,« sagte Roselli, die Stirne faltend. Ugo Bassi fuhr unbekümmert fort: »Er hörte die Schlacht rufen und gehorchte. Seine Kugeln pfeifen wie laute Grillen durch den singenden Mittag. Hoch flammt Italiens Fahne; über dem rauchenden Altar, wo die Opfer verenden, wallt sie leuchtend von goldenem Blut und flattert stürmisch unter dem eisernen Himmel. Garibaldi siegt! Kameraden, was tatet ihr, als Garibaldi siegte?«

Die Bataillone, die in wachsender Unruhe die Erzählung des Predigers angehört und von Augenblick zu Augenblick lebhaftere Zeichen von Kampflust gegeben hatten, setzten sich tumultuarisch in Bewegung und folgten unaufhaltsam dem Priester, der ihnen voran zum Schlachtfelde eilte. Als Roselli mit seinem Stabe in Velletri anlangte, war die Schlacht geschlagen, und die bourbonische Armee zog sich in die Stadt zurück. Garibaldi führte den Obergeneral auf eine Anhöhe, von der aus er die Schlacht geleitet hatte, erklärte ihm die Lage und seinen Plan, dem Feinde den Rückzug nach Neapel abzuschneiden, was er für leicht ausführbar hielt; allein Roselli, der die plötzlich veränderten Verhältnisse nicht so schnell übersehen konnte und außerdem wegen der Vereitelung seiner eignen Absichten grollte, behauptete, was Garibaldi für Flucht des Feindes hielte, wären nur Scheinbewegungen, um irrezuführen, und sprach sich drohend über die Ereignisse des Tages und die Meuterei der Truppen aus, die gegen seinen Willen sich in das Gefecht eingelassen hätten; er werde, sagte er, über das Vorgefallene nach Rom berichten. »Eine Schlacht ist vorgefallen und ein Sieg gewonnen,« sagte Garibaldi trocken; Roselli antwortete nicht und entfernte sich, um gelegenes Nachtquartier für sich und seine Umgebung zu suchen.

*

Die Sonne des heißen Tages ging in roten Dämpfen unter, aus denen in Nähe und Ferne die schroffen Zacken der Felsen und Burgen stiegen. Ein Herr aus Velletri, Graf Ginetti, kam, von einigen Dienern begleitet, die Körbe mit Obst, Wein und allerlei Leckerbissen trugen, auf das Schlachtfeld, um Garibaldi und seinen Offizieren eine Erfrischung anzubieten; Garibaldi nahm dankbar an, und man lagerte sich auf der Stelle zu einer Mahlzeit. Nachdem der General, der auszukundschaften wünschte, was der Feind vorhatte, fortgegangen war, blieb der Graf mit Manara, den Brüdern Dandolo und Goffredo Mameli allein, zu denen ihn sofort das vertrauliche Gefühl gleicher Lebensformen und Lebensgewohnheiten gezogen hatte. Er sagte in verbindlichen Worten, es sei ihm eine Genugtuung, zu sehen, daß italienische Tapfere nicht notwendig Vandalen sein müßten; sogar Garibaldi, den er sich als einen derben Kriegshauptmann vorgestellt habe, sei ihm durch seine edle Haltung nicht nur heldenmäßig, sondern auch von schöner Natur erschienen. Seine Art zu essen habe ihn zur Bewunderung hingerissen; es habe sich darin weder Verachtung der Speise noch Wollust und Behagen ausgedrückt, anstatt dessen die Gleichgültigkeit gegen das verhältnismäßig Untergeordnete, verbunden mit einer liebevollen Verehrung für die wunderbaren Hervorbringungen der Erdmutter; dergleichen könne einer, der von Kindesbeinen an sich in den Sälen der aristokratischen Gesellschaft bewege, nicht lernen, wenn es nicht in seiner Seele gelegen habe. Um so weniger, sagte er, könne er begreifen, was solche Männer zu so erschütternden Unternehmungen antreibe. Es ließe sich etwa begreifen, daß die Lombarden die Oesterreicher verjagen möchten, obwohl sie das Geschäft des Regierens mit Weisheit besorgt hätten und es ungewiß sei, ob die Eingeborenen es ihnen darin gleichtun könnten. Vollends die Päpste könnten sich rühmen, ein friedliches, die Kultur förderndes Regiment geführt zu haben. Es hätte kürzlich der Abgeordnete Sterbini eine Rede in Velletri gehalten, wie der Kirchenstaat einer verlorenen Insel im befahrenen Meere gleich sei, an deren Küste der Wellenschlag des Lebens nicht gelange. In allen andern Ländern habe der Mensch durch Luft und Erde zahllose Straßen geführt für das wirkende Licht, für den allbeweglichen Aether, für alle Elemente, die Kräfte und Sinne der Menschen unabsehbar steigerten, und verknüpfe so Länder und Erdteile und Völker. Auf den Flügeln gebändigter Naturgewalten dehne sich Leib und Seele der Menschen grenzenlos über die Welt aus. Ausgeschlossen aus diesem Netz tätiger Blitze sei Rom, das mit der Menschheit nur durch Gräberstraßen verbunden sei, auf denen Esel und Ochsen hölzerne Karren hin und her zögen. »Während das zappelnde Volk,« sagte der Graf, »entrüstet nach dem neuen Leben verlangte, das ihm vorenthalten werde, betete ich bei mir zu den alten Göttern, daß sie unsre heilige Insel beschützen. Ist es nicht billig, daß unter vielen Rennbahnen und Märkten ein stiller dunkler Hain stehen bleibe, wo Andächtige vor goldenen Bildern knien und trunkenen Weissagungen lauschen können? Unsre Väter haben die Schönheit geschaffen, wir sind die Erben und Hüter; die frische Kraft der Barbaren machte sie von jeher zu Söldnern geeignet. Sollen wir zerstören, was unsre Ehre war? Die Völker lernen von uns, und wenn wir weniger Freiheiten haben als andre, so teilen wir das Gebundensein mit den mächtigsten Königen und mit Gott selbst, dessen Wesen Gesetz ist; nach Freiheit dürften die Kinder, die sich räkeln und austoben müssen; der gereifte Mensch bedarf ihrer nicht mehr.«

Manara fragte, ob die Bettler und Krüppel vor der Kirchentüre und die Räuber auch zu der Schönheit gehörten, die gehütet werden sollte; worauf der Graf erwiderte, sie zierten die Landschaft immerhin mehr als Arbeiter an Dampfkesseln und Maschinen und wären auch zufriedener mit ihrem Lose. »Gott und das Volk« hätte Mazzini auf seine Fahne geschrieben. Ja, er hätte ebensogut sagen können, Gott und das Tier; hätten doch die weisen Aegypter und Inder Gott in den Tieren gewittert. Was aber daraus werden sollte, wenn Ochsen und Schweine sich nicht mehr wollten schlachten lassen? Ihm scheine, entgegnete Manara, in Mazzini etwas Erhabenes zu sein, und er überlasse ihm die Lösung solcher Fragen, von denen er selbst wenig verstehe; und Mameli, der seinen berühmten Landsmann aus vertrautem Umgang kannte, rühmte lebhaft, daß in seinem Geiste die Unerbittlichkeit des Rechtes und Zweckes und der Ueberfluß der Schönheit vereinigt wären und er sich somit als Vorbild der Lebensordnung setzen dürfe.

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11 ekim 2024
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830 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
4066338117236
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

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