Kitabı oku: «Die Geschichte von Michael Bakunin»

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Ricarda Huch

Die Geschichte von Michael Bakunin

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2021 OK Publishing

EAN 4066338117212

Inhaltsverzeichnis

1. Rußlands Beziehungen zur europäischen Geschichte

2. Michael Bakunins Vaterhaus und Jugend

3. Der Einfluß deutscher Romantik auf Bakunin

4. Russische Einflüsse auf Bakunin

5. Deutschland um 1840

6. Freundschaftliche Beziehungen und erste Berührung mit dem Kommunismus

7. Paris und Bekanntschaft mit Proudhon und Marx

8. Bakunins Anteil an der deutschen Revolution

9. Die Gefangenschaft

10. 1850-1860

11. Wiedereintritt ins Leben

12. Bakunins Ideen

13. Bakunin in Italien

14. Bakunin und Marx

15. Netschajew

16. Bakunin und Herzen

17. Der Deutsch-französische Krieg und die Kommune

18. Auseinandersetzung mit Mazzini

19. Die Tragödie der Baronata

20. Das Ende des Kampfes

21. Der Tod


Mikhail Bakunin (1814 - 1876)

1.
Rußlands Beziehungen zur europäischen Geschichte

Inhaltsverzeichnis

Die Flammen, in denen Moskau sich verzehrte, geboten dem Erobererschritt Napoleons halt; aber unangetastet von der Glut stand die Muse unter den knisternden Mauern und sah ihrem Liebling nach, der mit düsterer Stirn sich rückwärts wandte, dem Untergang entgegen. Umgeschlagen das singende Element wie einen flatternden Mantel, schrieb sie mit Geisterfingern in den Schutt, über den sie hinschritt, dann verschwand sie in der herbstlichen Steppe. Sie wanderte an der Wolga und am brausenden Don entlang, sie glitt mit der klingenden Troika über unabsehbare Heiden ohne Dorf, ohne weidendes Vieh, und ihre goldene Sohle berührte die fruchtbare Erde des Südens. Niemand sah sie; aber ihr Atem mischte die Luft zu einem Zaubertranke, der viele Seelen berauschte. Auf manche Schwelle, über die sie gedankenvoll wandelte, grub sie magische Zeichen: Sollte der Fuß eines jungen Helden über sie stürmen? sollten kriegerische Horden über sie eindringen? war sie durch Aufruhr dem Verderben geweiht? Die alten Lieder, die sie vorübersausend sang, vernahm niemand; aber sie blieben an Bäumen und Strömen hangen, die sie fortan verkündeten. Es gab Kinder, die mit ihnen aufwuchsen und sie in sich trugen wie Fanfaren, die zu Taten drängten. Während Eltern, Geschwister und Diener ihrem Vergnügen und ihren Geschäften nachgingen, dumpf in die alltägliche Langeweile versunken, horchten sie auf den lockenden Ton, der von der Harfe der Klio sprühte.

Rußland, mächtig durch sein Gebiet, seine Völker, durch Schätze der Erde, war dennoch bisher ein geschichtsloses, nicht ereignisloses Land; es erlebte, aber ohne allgemeine Teilnahme, Sinn und Entwicklung auf ein höheres Ziel zu. Wenn Keime eines organischen Lebens im russischen Volke lagen, so wurde ihr Wachstum durch besondere Verhältnisse zurückgehalten. Diese bestanden zum Teil vielleicht in dem geographischen Charakter des eintönigen, ungegliederten, massigen Reiches, sodann jedenfalls in einem durchgreifenden Zwiespalt, der Rußland zerriß und lähmte, indem die adlige Bürokratie und die leibeigene Bauernschaft sich fremder als zwei fremde Völker gegenüberstanden. Die Idee des Kaisers als des Statthalters Gottes, in welchem das Ganze des Volkes beschlossen ist, so daß er die Unterdrückung einiger oder vieler durch den Übermut einzelner nicht leidet, ist dem Menschen, und besonders dem russischen Menschen, so eingeboren, daß die russischen Bauern inmitten des Elends ihrer Hörigkeit nie aufhörten zu glauben, der Zar halte es mit ihnen gegen den Adel, der sich seine Übermacht im Widerspruch gegen ihn angeeignet habe. Tatsächlich hatten die Zaren, ähnlich wie die Fürsten des Abendlandes, die Bauern dem Adel preisgegeben, um sich die Unterwerfung des Adels zu erkaufen, und hatten sich dadurch in eine zweideutige Stellung gebracht, aus der sie je länger je weniger einen Ausweg wußten. Trotz der Unfreiheit des Adels, der nichts war als die Beamtenschaft und das Werkzeug des Zaren, hingen sie selbst doch wieder vom Adel ab, der zwischen ihnen und dem größten Teil des eigentlichen Volkes stand; nur ein kleiner Teil der Bauern gehörte dem Staat.

Es ist bekannt, daß Peter der Große die westliche Zivilisation nach Rußland zu verpflanzen suchte, dabei natürlich das herausgreifend, was sich am ehesten durch einen Einzelwillen übertragen ließ und was seiner herrischen Natur zusagte: Das war der Despotismus der in der Person des Fürsten mündenden Adels- und Beamtenherrschaft. Der orientalische Despotismus, der im russischen Wesen zu liegen scheint, vereinigte sich mit dem abendländischen Absolutismus, um das Leben der russischen Gesellschaft zu unterdrücken. Den Hauptunterschied zwischen der Struktur Rußlands und der des übrigen Abendlandes machte der Umstand aus, daß das Bürgertum in Rußland schwach und bedeutungslos war; vergebens hatte sich Katharina bemüht, die Einrichtungen des deutschen Städtewesens in ihr Reich zu übertragen, da sich organisches Leben nicht auf Befehl einführen läßt. Das Fehlen der vermittelnden Klasse machte die Gegensätzlichkeit und Spannung desto heißer und gefährlicher.

Die russischen Zaren hatten von jeher Ursache, vor Verschwörung und Mord auf der Hut zu sein; und zwar waren diejenigen, die ihnen nachstellten, nicht unter den gequälten Bauern, sondern unter dem hohen Adel und der zarischen Familie zu suchen. Paul, der Sohn Katharinas und Vater der beiden Kaiser Alexander I. und Nikolaus I., war durch eine sogenannte Palastrevolution gefallen, der sein Sohn Alexander nahegestanden hatte. Durch den despotischen Willen eines russischen Kaisers fühlten sich zu allermeist die Nächststehenden bedroht, die Familie und der hohe Adel, welcher die eigentliche unmittelbare Dienerschaft des Zaren bildete. Dadurch aber, daß ein Glied des Adels den jeweiligen Zaren bis aufs Blut hassen, ja morden konnte, wurde das autokratische System nicht angetastet, da ja der Reichtum des Adels auf der rechtlosen Abhängigkeit der Bauern beruhte, die der Zar ihm verbürgte; so seltsam waren Herrschaft und Knechtschaft von Zar und Adel verflochten.

Man sollte meinen, die Befreiung der Bauern hätte im Interesse der Zaren gelegen; indessen unmittelbare Gefahr und Mühe wirkt stärker als in der Ferne winkender Vorteil. Katharina hatte mit dem Gedanken der Bauernbefreiung gespielt; von Alexander I. heißt es, er habe ihn aufgegeben, als man ihn vor dem Gifte des Adels gewarnt hatte, der durch eine solche Umwälzung in seinem Besitz und Wohlsein bedroht gewesen wäre. Je länger der Stein dalag, desto mehr Furcht verbreitete sich vor dem Augenblick, wo man ihn aufhöbe und grauenhaftes Gewürm frei hervorkröche. So wenig aber Alexander tat, um den inneren Zustand Rußlands zu heben, beförderte er doch die Kritik und die Sehnsucht nach Besserung, indem er selbst, alles Russische verachtend, auf westeuropäische Bildung stolz war. Auch Katharina hatte junge Leute auf deutschen Universitäten studieren lassen; unter Alexander aber führte der Krieg unzählige junge Offiziere ins Ausland, welche, heimgekehrt, das freiere und edlere Leben, an das sie sich gewöhnt hatten, schmerzlich vermißten. Überhaupt war seit langer Zeit das Französische die Umgangssprache der guten Gesellschaft und französische Sitte und französische Anschauungsweise verbreitet; dem Adel waren die freiheitlichen Ideen der Französischen Revolution vielfach geläufig, während er tatsächlich von der Sklaverei des Volkes lebte.

Die jungen Revolutionäre, welche zur Zeit Alexanders zum ersten Male den Plan einer systematischen Umwälzung in Rußland faßten, gingen alle aus den höchsten Kreisen der Gesellschaft hervor; man nannte diese Erscheinung später den bereuenden Adel. Die Gesellschaft war auf einer Spitze angelangt, wo sie sich selbst beurteilte, sich selbst verdammte und auflöste; sie begriff, wie weit sie sich von der Natur und den in ihr wirksamen sittlichen Gesetzen entfernt hatte und daß sie so nicht weiter fortbestehen konnte, weil sie es nicht durfte. In der Mehrheit war natürlich eine solche selbstvernichtende Erkenntnis nicht lebendig, und viele gab es, die sie wohl hatten, aber keine Schlüsse daraus zogen. Daß die Revolutionäre die herrschende Schicht gegen sich hatten, war selbstverständlich; zu ihrem Unheil konnten sie sich aber auch nicht auf das Volk stützen, das sie nicht verstand.

Überall erhält sich ein mehr oder weniger dunkles Bewußtsein von naturgemäßen Zuständen, wie sie sein sollten, die die Gebildeten, je mehr die Entwicklung sie davon entfernt hat, geringschätzig als phantastisch abzutun pflegen; in Rußland war dies besonders der Fall, da sich einerseits die primitive Freiheit der Dorfgemeinde inmitten der Leibeigenschaft unverändert erhalten hatte, anderseits die Zivilisation gewalttätig eingeführt war und in das Volk nie hatte eindringen können. Um die Ereignisse richtig zu beurteilen, muß man einsehen, daß seit Peter dem Großen ein dauernder Kriegszustand in Rußland herrschte, meist im verborgenen glimmend, zuweilen in hellen Flammen auflodernd. Das Eigentümliche des Dekabristenaufstandes war, daß er aus dem Schoße der westlichen Zivilisation selbst erwuchs und ohne jede Anknüpfung an das leidende Volk war, dem er Erlösung bringen sollte. Die Bauern haßten den Adel und die Bürokratie, aber sie trennten davon den Zaren, der in ihrer Einbildung ein Volkszar war, und was sie anstrebten, Land und Freiheit, hatte nichts zu schaffen mit den Verfassungsplänen der Dekabristen; das Rüstzeug, dessen diese sich bedienten, bestand in westlichen Ideen, die sich allmählich gegen die Schäden der Zivilisation auf dem Boden derselben entwickelt hatten.

Man kann von einem romanischen und einem germanischen Protest gegen die herrschenden Zustände sprechen. Beide gründen sich auf die Idee der Volksherrschaft, die aber auf verschiedene Art von beiden aufgefaßt wird. Die germanische Volksherrschaft beruht auf der Gesamtheit der wehrkräftigen Freien und wird von Männern ausgeübt, die aus ihrer Mitte hervorgegangen und von ihnen gewählt sind; nach der romanischen Idee wird die Herrschaft von der Gesamtheit des Volkes abgelöst, wodurch aus dieser Regierte oder Staatsbürger werden, die mit den öffentlichen Angelegenheiten nichts zu tun haben. Es mag sein, daß es richtiger wäre, die Lebensformen junger und alternder Völker zu unterscheiden; jedenfalls übernahmen die romanischen Völker die Neigung zu den römischen Gesetzen und Regierungen, kurz, die Zentralisation, während die germanischen Barbaren auflösend auf jene Welt wirkten. Die romanische Revolution und Demokratie bedeutet die Teilnahme einer neuen, bisher ausgeschlossenen Schicht an der Regierung und Vertretung im Parlament, die germanische verlangt, daß das, was alle angeht, auch von allen beschlossen und ausgeübt werde, Selbstverwaltung im weitesten Sinne. Im wesentlichen stehen sich Zentralisation und Föderation oder Vergesellschaftung, Gemeindebildung, gegenüber; denn es leuchtet von selbst ein, daß das Besorgen der öffentlichen Geschäfte durch alle die Bildung von Gruppen erfordert, die sich, von unten nach oben zusammenwachsend, untereinander verständigen müssen. Ebensowohl kann man fließendes und erstarrendes Leben unterscheiden: Mit der Zentralisation beginnt das, was man Staat zu nennen pflegt, dessen Wesen Stabilität ist, wohingegen man den fließenden Zustand das Reich der privaten Beziehungen nennen könnte. Denn im Grunde ist es doch so: Das Leben bleibt im Flusse, solange es auf Personen und Gewohnheiten abgestellt ist, es erstarrt, wenn es auf Erblichkeit, auf Gesetzen, Verträgen und Verfassungen beruht.

Der hervorragendste unter den russischen Revolutionären, Pestel, Sohn einer deutschen Mutter und Adjutant des Fürsten Wittgenstein, hatte föderalistische und sozialistische Ideen zu einer Zeit, wo das Wort und der Begriff Sozialismus noch unbekannt waren. Er übte auf seine Genossen einen fast unwiderstehlichen Einfluß aus; doch wichen viele in verschiedener Hinsicht von ihm ab. Er wollte die Republik, andere wollten eine konstitutionelle Monarchie. Die Befreiung der Bauern wollten alle, über die Art ihrer Ausstattung mit Land war man nicht einig. Pestel hielt die Umwandlung des Adelszaren, Vertreters einer Klasse, in einen Volkszaren, Vertreter des Ganzen, für unmöglich und deshalb die Ermordung des Zaren und seiner ganzen Familie für notwendig. Dazu wollten sich verschiedene andere nicht verstehen, doch gaben sie endlich, von Pestel überzeugt, wenigstens in bezug auf die Person des Zaren nach. Einer, ein entschlossener, erbitterter Mann, wollte gelegentlich die Tat ausführen; indessen, die anderen schraken davor zurück, und es gelang ihnen, ihn zurückzuhalten. Alle waren von hoher Uneigennützigkeit und begeistert im Reden; aber die rücksichtslose Kraft des Handelns besaßen sie nicht, wie sie denen eigen ist, die am eigenen Leibe unter Despotismus und Ungerechtigkeit leiden. Pestel hatte Augenblicke tiefer Niedergeschlagenheit, wo er daran dachte, mit Gefahr seines Lebens dem Zaren alles zu gestehen und ihn anzuflehen, die Geheimbünde aufzulösen und die Reformen, die sie anstrebten, selbst durchzuführen.

Der plötzliche Tod Alexanders veränderte die Lage und drängte zum Handeln; namentlich wegen eines besonderen Umstandes, der mit dem Thronwechsel verbunden war. Schon Jahre zuvor hatte der Thronfolger, Alexanders Bruder Konstantin, abgedankt, was aber im allgemeinen unbekannt war, so daß ihm der Treueid geleistet wurde. Wenn nun Nikolaus, der jüngere Bruder, auf die Nachfolge Anspruch erhob, so konnte man die Soldaten glauben machen, es handle sich nicht um Rebellion, sondern um pflichtmäßiges Eintreten für den verdrängten Erben. Die Dekabristen, wie man diese Verschwörer später nannte nach dem Monat Dezember, in welchen der Tod Alexanders und die Revolution fielen, entschlossen sich zu diesem Wege eigentlich, weil sie sich bewußt waren, es widerstrebend zu tun; nachdem sie so lange geredet hatten, hielten sie es für ein Erfordernis der Ehre, zu handeln. Einige fielen ab; andere stürzten sich mit zusammengebissenen Zähnen, hoffnungslos, in den Kampf. Diejenigen, die mit unerschütterlichem Heroismus vom Anfang bis zum Ende standhielten, starben am Galgen oder in Sibirien; nur wenige erlebten die Begnadigung nach dem Tode des Kaisers Nikolaus.

Die seltsame Erscheinung Nikolaus' des Ersten kann man nur begreifen, wenn man ihn als krankhaft ansieht, und das taten auch manche, die ihm nähertraten, besonders gegen das Ende seines Lebens. Man konnte das Urteil hören, die ganze Familie Romanow leide an erblicher Geisteskrankheit; ist sie aber nicht der Fluch, der alle trifft, die keinen Widerstand dulden und keinen finden? Die Eigenart Nikolaus', der charaktervoller, aber beschränkter war als sein Bruder Alexander, kam der Ausbreitung des Giftes besonders entgegen. Seine oft beleidigende Gefühlsroheit, die Leere, die er durch hochtrabende Gesten und Worte zu verdecken suchte, der Stolz, der Eigensinn, das Aufblitzen von Größe, die aber immer im Herrischen, nicht in Großmut lag, alles das deutet auf einen Menschen, der den Zusammenhang mit dem Ganzen verloren hat und, von Königsbewußtsein verblendet, dem Abgrund des Königswahnsinns sich nähert. Er liebte es, bei Paraden, Begräbnissen, Einweihungen seine schöne Person zur Schau zu stellen, als spiele er eine Rolle; er spielte sie bis zum letzten Augenblick seines Lebens mit so viel Glanz und Würde, daß er, wäre er ein Schauspieler gewesen, uneingeschränkte Bewunderung genießen würde. Die Anziehungskraft, die er ausübte, verdankte er vielleicht dem russischen Wesen, das nicht selten eine bezaubernde Wirkung ausstrahlen soll; aber auch die seelische Überspannung verleiht zuweilen einen großen Reiz. Es kam oft vor, daß Menschen, die dem Kaiser ein starkes Vorurteil entgegenbrachten, ja, die ihn fortdauernd mißbilligten und beinah haßten, von seiner Persönlichkeit wider ihren Willen hingerissen wurden.

Es gibt eine Einigung, die gut ist, weil ohne sie das Chaos wäre, die gerade durch ihr Dasein reiches Leben in unzähligen Erscheinungen verbürgt; eine andere, böse dagegen, die daraus besteht, daß ein einziger Mittelpunkt alles Leben an sich zieht und in sich verschlingt, um allein alles zu sein. Eine solche Einheit strebte Kaiser Nikolaus an, das Ideal, das ihm vorschwebte, durch das Motto seiner Regierung bezeichnend: Ein Volk, Ein Gesetz, Ein Glaube. Dies war gerade in Rußland zu verwirklichen unmöglich, einem Riesenreiche, das aus den verschiedenartigsten, durch Zufall und Willkür zusammengeworfenen Teilen bestand, deren Berührung wohl segensreich sein konnte, deren Verschmelzung aber nur gewaltsam und auch durch Gewalt nicht zu erreichen war. Das alte, breite, träge, geheimnisvoll mächtige, lebenbrütende Großrußland, die frische, kriegerische, sagenreiche Ukraine, die deutschen Ostseeprovinzen mit ihrer vornehmen, erstarrten Kultur, die Tüchtigkeit und Unbeugsamkeit Finnlands, eine einsame Welt für sich bildend, die unbändigen kaukasischen Bergvölker, herrlich durch Schönheit und Freiheit, die wilden Kosaken, die hochmütigen, ritterlichen, unlenkbaren und zum Lenken unfähigen Polen, die in Staub getretenen, klugen, wachsamen und geduldigen Juden – wie hätten alle diese Völker unter ein gleiches Gesetz, einen Glauben und eine Sprache gezwungen werden können! Anderseits liegt doch etwas im russischen Lande und im russischen Menschen, das dem Ideal der Uniformität entgegenkommt. Einförmig ist die Natur, und einförmig sind nach Anlage, Bauart und ganzem Charakter die Dörfer und Städte; es heißt, mit einer habe man so ziemlich alle gesehen. Wunderbar steht dem gegenüber die phantastische Herrlichkeit der alten Kirchen und Heiligtümer. Die Einförmigkeit schließt schroffe Gegensätze nicht aus, die nur freiwilliges, allgemeines Leben vermitteln könnte.

Nikolaus, so groß gewachsen, so stark, so herrisch, war im Grunde zu schwach, um es mit freien Lebensäußerungen aufzunehmen. Arm an Ideen, hielt er sich an sein dürftiges System und erschien standhaft und folgerichtig, weil er nie an sich und seinen Ansichten zweifelte. Es kam ihm nicht in den Sinn, sich in die Menschen, die er bearbeitete, hineinzuvertiefen; so hielt man ihn oft für grausam, während ihm nur die Vorstellung der Außenwelt fehlte. Der Despot ist ein Mechaniker: Er zieht den geregelten Gang des Automaten der widerspruchsvollen Mannigfaltigkeit des Lebens vor und möchte aus den Ländern und Völkern, die er als sein Eigentum betrachtet, ein schnurrendes Räderwerk machen, das abläuft, je nachdem er es aufzieht. In dem Bestreben, alles Eigenleben in Rußland zu unterdrücken, blieb er siegreich, solange er lebte. Die Hinrichtung der fünf Dekabristen, die Nikolaus als die Schuldigsten ansah, die Verbannung der übrigen nach Sibirien erregte zwar Schmerz und Entrüstung unter jenem Teil der Aristokratie, welcher ähnlich dachte; aber er verstummte. Jeder einzelne fühlte das Schweigenmüssen wie ein lähmendes Gift durch seine Adern schleichen. Der Druck lagerte atemraubend und beängstigend auf Rußland; wo kein Kampf zwischen dem starren Vergangenen und dem Künftigen ist, da ist kein geschichtliches Leben. Vier Jahre nach dem Regierungsantritt Nikolaus' des Ersten verfaßte ein sonderbarer, einsiedlerisch lebender Mann, Peter Tschaadajew, ein Schreiben, welches klang wie ein Schmerzensschrei über das Schicksal Rußlands, ausgeschlossen vom Abendlande und seiner Kultur geschichtslos zu veröden. Dies abendländische, von einer gleichartigen Kultur durchdrungene und zusammengehaltene europäische Reich sah er als Reich Gottes an, die Krone der Erde. Nur innerhalb dieses Reiches, meinte er, gebe es eine sinnvolle Entwicklung. Schon sein Ausgangspunkt, das Heldenzeitalter, habe einen Schatz von Erinnerungen überliefert, an welchen wie an einen Brückenpfeiler die Geschichte anknüpfe und der Rußland fehle. »Die Epoche unseres sozialen Lebens, die diesem Alter entspricht, war mit einem düsteren und dunklen Dasein angefüllt, welches der Kraft und Energie entbehrte, von nichts anderem außer von Gewalttaten belebt, nur durch die Knechtschaft gemildert wurde. Weder lockende Erinnerungen und anmutige Bilder leben im Gedächtnis des Volkes noch gewaltige Lehren in seiner Überlieferung. Werfen Sie einen Blick auf alle von uns durchlebten Jahrhunderte, auf den ganzen von uns eingenommenen Raum – Sie werden keine anziehende Erinnerung, kein würdiges Denkmal finden, das Ihnen deutlich von der Vergangenheit spräche, das sie vor Ihnen plastisch und bildhaft wiederschüfe. Wir leben der Gegenwart allein in ihren engsten Grenzen, ohne Vergangenheit und Zukunft, inmitten eines toten Stillstandes.« Dieser Brief, die verzweifelte Klage eines im finsteren Kerker Angeschmiedeten, der das Leben der Freien draußen im goldenen Lichte vorüberrauschen sieht, wurde schon im Manuskript viel gelesen und im Jahre 1836 in einer Zeitschrift abgedruckt. Kaiser Nikolaus, darauf aufmerksam gemacht, las ihn und fand ihn, da er ihn nicht verstand, frech und unsinnig; er handelte vermutlich aus Überzeugung, als er den Verfasser für irrsinnig erklären ließ. Tschaadajew, der als Offizier die Kriege gegen Napoleon mitgemacht hatte, der Freund Puschkins, der schöne, bewunderte Stern aller Salons, die für geistvoll galten, wurde von Staats wegen für irrsinnig erklärt und mußte sich von Zeit zu Zeit den Besuch eines Polizeiarztes gefallen lassen, der ihn zu beobachten hatte. Die Zeitschrift, in welcher der Brief abgedruckt war, wurde verboten. Tschaadajew lebte noch zurückgezogener als sonst; als einsamer Spaziergänger, den Hut tief in die Stirn gedrückt, ging er an den Menschen vorüber, selten sich äußernd und stets bereit, das Gesagte zurückzunehmen, wenn es die Grenze des amtlichen Irrsinns streifte. Der Stillstand des Lebens lastete auf den Menschen als Langeweile, ein furchtbares und verhängnisvolles Übel. Sie quälte am meisten diejenigen jungen Männer, die sich nicht entschließen konnten, in den Staatsdienst zu treten, und dadurch beschäftigungslos waren. Vielleicht kann man sagen, daß die Galgen, an welchen die Revolutionäre aufgehängt wurden, die gleichförmige Ebene des ungeheuren, ungegliederten Reiches vorteilhaft belebten. Das Bedürfnis, fremde Völker, fremde Länder kennenzulernen, ist überall vorhanden; in Rußland herrschte in allen Schichten ein außergewöhnlicher Hang, zu wandern und zu reisen, eine Sucht, den Geist durch den Anblick ungebundenen Lebens zu erfrischen, die die damit verbundenen Schwierigkeiten und Gefahren nur verstärkten. Überall, wo Despotismus besteht und die spontanen Kräfte der Individuen unterbunden sind, stellt sich Langeweile als bedenkliches Symptom ein; sie läßt sich durch Mode und Liebesverhältnisse, durch Theater und Spiele beschwichtigen, wo ein Abglanz bunten und wilden Geschehens den Müßigen vorgeführt wird; aber Leben will Blut, und wo noch Leben ist, kann der Funke leicht von den täuschenden Flammen der Bühne auf den Markt überspringen und zünden.

Niemand sprach in der Gesellschaft mehr von den Dekabristen außer mit Entrüstung und Verachtung; die Macht des Bestehenden hatte so durchaus gesiegt, daß die öffentliche Meinung sich ihr völlig unterordnete: Es gab keine Opposition mehr. Die unnatürlichen Zustände indessen hörten nicht auf, Hilfe zu fordern, und durch alle Wolken leuchtete das Sternbild der verklärten Toten. Wie der Knabe Mazzini in Genua beim Anblick der Flüchtlinge, die nach der gescheiterten Revolution Italien verließen, sich schwur, ihnen nachzueifern und sie zu rächen, so nährten sich die Herzen junger Russen mit der Leidensgeschichte ihrer ersten Märtyrer der Freiheit. Die Erstlinge einer großen Revolution erscheinen gewöhnlich ungeschickt in der Wahl ihrer Mittel, unfolgerichtig, fast einfältig im Handeln, und doch geht von ihnen die größte Kraft aus; sie fallen, den Weg bahnend, indem sie die feindlichen Speere auf ihre Brust lenken. Das Geschlecht, das geboren wurde zur Zeit, als Napoleon, der Träger und Beendiger der Revolution, stürzte, war berufen, die Reaktion zu erschüttern, die das aufgelöste Europa versteinern wollte, um es zu erhalten.

2.
Michael Bakunins Vaterhaus und Jugend

Inhaltsverzeichnis

Das weiße Haus ruhte breit und niedrig, mit einer Säulenvorhalle und gastlichen Flügeln zum Eintritt ladend, inmitten von Bäumen und Wiesen. Es war da nichts Gestutztes und Geschnörkeltes, die Pflege hatte sich der Natur bescheiden angeschmiegt: Sie wuchs und blühte überschwenglich aus ihrer eigenen Fülle hervor. An Gebüschen und Baumgruppen vorüber wand sich ein ruhiger Fluß und entschwand dem Blick in dichtere Haine; man sah ringsum keine Grenzen wie in einem Garten oder Park. Dies war das Gut der adligen Familie Bakunin, anschließend an das Dorf Prjamuchino, das ihre Leibeigenen, etwa tausend Seelen, bewohnten. Der Ursprung dieses alten Adels verliert sich im Dunkel; eine Überlieferung führt ihn auf die siebenbürgische Familie Báthory zurück, andere erwähnen die Stadt Baku, die einst den Persern gehörte und wo noch Sonnentempel von ihrem Glauben zeugen. Der Vater des Besitzers war Minister unter Katharina gewesen und hatte seinen Sohn achtjährig nach Florenz geschickt, wo er in Obhut von hochgestellten Verwandten aufwuchs. In Italien hatte Alexander seine Jugend verlebt und Philosophie studiert, um gleichsam als Fremdling in die Heimat zurückzukehren. Eine Zeitlang widmete er sich, wie es Vorschrift war, dem Staatsdienst, zog sich aber, davon unbefriedigt, auf sein Gut in das Privatleben zurück. Erst mit vierzig Jahren wurde Alexander Bakunin von einer entscheidenden Liebesleidenschaft ergriffen zu einem noch ganz jungen Mädchen aus dem Geschlecht der Murawjew. In dieser Familie scheint sich das gegensätzlich gespannte russische Wesen zu spiegeln: sieben Murawjew hatten zu den Dekabristen gehört, einen anderen, der sich zu grausamer Unterdrückung der Polen verwenden ließ, brandmarkte der Beiname »der Henker«. Der Zweifel, ob die so viel jüngere seine Neigung erwidern und ihm die Hand reichen würde, trieb den sonst so gesammelten und beherrschten Bakunin an die Grenze der Verzweiflung und des Selbstmordes, bis das Jawort der Geliebten alles in Glück löste. Dieser Ehe entsprangen elf Kinder: nach vier Töchtern: Ljubow, Warwara, Tatjana, Alexandra, kamen fünf Söhne, von denen der älteste den Namen Michael erhielt. Die Eltern, vom Hofe und vom öffentlichen Leben abgetrennt, widmeten sich ganz der Bewirtschaftung ihres Gutes und der Erziehung ihrer Kinder. Alexander Bakunin hatte selbst unter einer despotischen Mutter gelitten und sich gelobt, seine Kinder einem solchen Druck nicht auszusetzen: Sie wuchsen, liebevoll geleitet, aber nicht gehemmt, zwischen den Blumen und Bäumen von Prjamuchino auf. Den Winter brachte die Familie in Twer zu, der nächsten größeren Stadt. Es wurde französische Sprache, etwas Geschichte und Geographie gelernt und viel Musik getrieben; die Töchter spielten Harfe und Gitarre, und oft tönte vielstimmiger Gesang aus dem weißen Hause in die Sommernächte. Was wirksamer noch ist als guter Unterricht oder gute Schule: Es durchdrang dies Haus ein Hauch geistigen Lebens, der das alltägliche Geschehen veredelte. Was hier gedacht und gesprochen, gescherzt, gelacht und getan wurde, alles schwamm in einem verklärenden Äther des Gefühls, so wie das gewöhnlichste Wort zum Wunder werden kann, wenn Musik es begleitet. Die Kinder wurden inne, sie wußten nicht wie, daß die täglichen Ereignisse, die nahen, gegebenen Zwecke nicht die höchsten sind; daß über allen sichtbaren unsichtbare Güter schweben, denen die besten Kräfte und Kämpfe der Menschen zu gelten haben. In diesem Sinne wuchsen die Kinder im Hause Bakunin religiös auf noch neben der religiösen Erziehung, welche in den üblichen Formen, aber ohne Druck und Zwang vor sich ging. Eine Kapelle in phantastischem Stil befand sich im Park, und der Vater las der versammelten Familie aus der Bibel vor.

Es gibt Familien, in denen ein besonderer Charakter, besondere Vorzüge, lange schon ausgesondert und durcheinanderschießend, endlich die Erscheinung einer vollendeten Blüte bedingen. Hier tritt, was ein Geschlecht unbewußt dem andern überlieferte, ein persönliches Ideal ans Licht, das sich als solches erkennt, seiner Schönheit bewußt wird und somit an die letzten Augenblicke seines Daseins stößt. Gemäß den Gaben der Familie kommt nun zu Worte, was in ihr verborgen war. Gewöhnlich sind die Glieder einer solchen durch ungewöhnlich starkes Gefühl aufeinander bezogen; nicht selten geschieht es, daß die Liebe zwischen Bruder und Schwester sich der Grenze des von der Natur Verwehrten nähert. Dies ist eine schöne und gefahrvolle Stufe. Daß das Schöne sich dem Spiegel gegenüber in sich selbst vergaffen kann, ist augenscheinlich; aber auch der begabte, von Lebenskräften überquellende Mensch neigt dazu, seine Liebesglut auf sich zurückzuwenden und sich damit zu zerstören. Wir ahnen hier das furchtbare Mysterium der Verbindung zwischen Gott und Satan. Die Liebe, die höchste schöpferische Kraft, kann Selbstliebe und damit unfruchtbare Kraftlosigkeit werden; der Mensch, der Gott nah zu sein glaubt, kann abgrundweit von ihm zurückgeschleudert werden. Solange die Familien noch im Dunkel verbreitet dahinleben, trachtet ein jeder irgendeinem mehr oder weniger leicht erreichbaren irdischen Ziele nach und schließt sich Menschen seiner Umgebung oder Gott und seinen Geboten an, wie die Kirche sie ihn gelehrt hat. In diesen Familien aber, die sich enden und vollenden, soll ein bestimmtes, einzigartiges Ideal sich verkörpern, das allzu leicht mit dem absoluten Ideal, mit Gott selbst, sich verwechselt. Während die göttliche Liebe sich beständig ergießt, um die schmachtende Welt zu ernähren, besteht in genialischen Familien die Neigung, sich von der Welt abzusondern, um sich untereinander zu vergöttern und sich mit hohen Worten vom Ideal und Zweck der Menschheit über die selbstgenügsame Leere zu täuschen. Ein solches Schwanken und Überschwanken an verhängnisvoller Grenze gab es in der Familie Bakunin. Die Töchter besaßen, ohne schön zu sein, den Zauber sanfter Grazie, und ein poetischer Duft ging von ihnen aus, der wirksamer berückte als Schönheit oder Gefallsucht. Sie hingen mit solcher Zärtlichkeit aneinander, daß sie wie ein einziges Wesen waren; man mußte alle lieben, wenn man eine liebte, und empfing auch fast die gleiche Wärme von allen. Alle aber liebten mit gleicher Ehrfurcht den Vater und ordneten sich auch in geziemender Weise der Mutter unter, obwohl diese von allen Kindern weniger geliebt wurde. Das Glück schien die Menschen in Prjamuchino mit einem unzerreißbaren Kranze zu umschließen. Tränen flossen nur, wenn im Spätherbst zur Stadt aufgebrochen wurde und alle zusammen die traurigen Abschiedschöre sangen, die die Schwestern selbst komponiert hatten.

Den ersten Mißlaut brachte in dies harmonische Dasein eine seelische Entwicklungskrankheit Warwaras, die man eine Anwandlung von religiösem Wahnsinn nennen könnte. Sie peinigte sich mit Vorwürfen, daß sie den Forderungen der Religion nicht genüge, und litt dabei Qualen, die sie anderen, namentlich dem maßvollen Vater, nicht begreiflich machen konnte. Wie liebevoll er auch auf die Kinder einzugehen pflegte, lehnte er doch diese Übertreibungen, die den heiteren Horizont des gemeinsamen Lebens trübten, erstaunt und verstimmt ab. Er hätte wohl auch nicht helfen können; da ergriff sie das Rettungsmittel, das das Geschick ihr bot, indem sie sich verheiratete. Zwar hörte sie bald auf, ihren Mann zu lieben, wenn sie es überhaupt je getan hatte, aber mit desto heißerer Zärtlichkeit umfaßte sie ihr Söhnchen und schuf sich dadurch einen Lebenszweck, dem sie sich mit ganzer Seele hingeben konnte. Die zweite Störung entstand durch die Besorgnis der Eltern, die älteste Tochter, Ljubow, die zarteste, süßeste von allen, liebe einen Verwandten, einen Onkel von mütterlicher Seite. Die Verwandtenehe ist in Rußland verboten, vielleicht zum Glück für das ungemischte russische Volk, dem Inzucht doppelt gefährlich werden würde; zwar wurde das Verbot vielfach umgangen, aber die ältere Generation hatte eine große Scheu davor. Die Geschwister bestritten, daß die verbotene Neigung Ljubows überhaupt bestehe; jedenfalls sahen sie mit Befremden und beinah mit Entrüstung, wie der sonst so rücksichtsvolle Vater nicht nur einem Gefühl Ljubows entgegentrat, sondern sie zur Verlobung mit einem nicht geliebten Bewerber veranlassen wollte. Vollends aber schlug aus dem Schoße der gesegneten Familie selbst eine zerstörende Flamme auf, als der älteste Sohn, Michael, aus dem Kinde zum selbständigen Manne wurde.

Wie die Mädchen wuchs Michael in der Freiheit des Gutes auf. Er erlebte den ersten tiefen Schmerz, als er dem Kindheitsparadiese entrissen und auf die Artillerieschule geschickt wurde; denn Alexander Bakunin hielt es für notwendig, seinen Sohn die dem Adel vorgeschriebene Laufbahn ergreifen zu lassen. Die Lichtblicke seines dortigen Lebens waren die Sonntage, wo er eine Tante besuchte und sich in eine kleine Cousine verliebte; als im Sommer die Familie aufs Land fuhr, lief er lange abschiednehmend neben dem Wagen her, der die Geliebte entführte. Etwas Bemerkenswertes begegnete ihm sonst weder auf der Schule noch im Dienst; er lernte allerlei ohne Teilnahme und Schwung, und in sein schweres Brüten fiel kein Strahl, der das Chaos geschieden hätte. Die Empfindlichkeit des jungen Aristokraten, der niemals hart angefaßt, vom eigenen Vater stets mit Rücksicht behandelt war, zeigte sich, als ein Vorgesetzter ihn einmal wegen eines dienstlichen Vergehens rauh anfuhr. Er erwiderte ungebührlich und wurde deswegen bestraft. Eine Natur verriet sich, der der Druck der Disziplin und die starren Schranken des Militärdienstes unleidlich waren. In der kleinen Garnison, wohin er versetzt wurde, verfiel er in eine träge Melancholie, verbrachte die Tage lesend oder nichtstuend auf einem Sofa und vernachlässigte den Dienst so, daß er darauf aufmerksam gemacht wurde, er müsse entweder seine Pflicht tun oder denn, wenn sein Beruf ihm nicht zusage, davon zurücktreten. Diese Mahnung war ihm wie eine Offenbarung, die ihm zum Bewußtsein brachte, was er wollte oder wenigstens, was er nicht wollte, und er erklärte seinen Austritt aus dem Militär. Eine so entscheidende selbständige Handlung des zwanzigjährigen Sohnes erschreckte den Vater; sie enthüllte einen Zwiespalt, der sich allmählich vorbereitet und zuweilen schon drohend angekündigt hatte. Michael Alexandrowitsch liebte und verehrte seinen Vater mit Zärtlichkeit und unbedingt, fast wie einen Gott; dazu war ihm angeboren eine anschmiegende, hinreißende Liebenswürdigkeit, die ihm, solange er lebte, die Herzen gewonnen hat; es mußte unglaublich scheinen, daß von diesem Sohne plötzlich ein so einschneidender, weittragender Widerstand ausging. Der hochgewachsene, schöne, durch Körperkraft und unerschütterliche Gesundheit begünstigte junge Mann, dem seine Abkunft schnelle Beförderung sicherte, schien zum Offizier geschaffen zu sein; sein Verwerfen eines so annehmbaren Lebensplanes kam den Eltern wie tolle Laune vor. Gab man dieser Raum, so blieb nach der herrschenden Anschauung und den herrschenden Verhältnissen nichts übrig als Staatsdienst in der Verwaltung, worauf der Vater auch seinen Sohn hinwies. Michael indessen wollte nicht aus dem Regen unter die Traufe kommen; von der Beamtenlaufbahn wollte er noch weniger wissen als vom Militär, er wollte frei sein, die Welt auf sich wirken lassen und sich eine Anschauung von der Welt bilden. Wie in den Schwestern, so war auch in ihm, und noch stärker, der religiöse Trieb lebendig; nicht in der Form, daß er dem natürlich Höheren sich unterworfen hätte, sondern er wollte die allerletzte, allerhöchste Bestimmung des Menschen kennenlernen und dieser sich hingeben. Daß das im allgemeinen die nächste ist, ging ihm nicht ein. Er wies gleichsam alle die Vermittelungen zurück, die die Natur der Gottheit an die Seite stellt, um sich vor Gott hinzuwerfen und den Auftrag aus seinem Munde zu empfangen; das dunkle Gefühl einer besonderen Berufung erfüllte ihn so ganz, daß er ohne Zaudern und Furcht beiseiteschob, was ihn auf den landläufigen Weg geführt und seine Kräfte auf alltägliche Art in Anspruch genommen hätte. Es ist begreiflich, daß die Eltern in diesem Verhalten nur Anmaßung und Torheit sahen. Wie die meisten russischen Aristokraten war Alexander Bakunin, obwohl Besitzer eines großen Gutes und vieler Seelen, nicht reich an Geld und konnte seinem Sohn ein unabhängiges Leben in Moskau oder Petersburg nicht gewähren. Michael ließ sich dadurch nicht abschrecken und erklärte, sich selbst den Lebensunterhalt verdienen zu wollen durch Erteilen von Mathematikstunden. Dazu lächelte der Vater und zuckte die Achseln; er konnte den Ausflug des Sohnes ruhig mit ansehen und seine Rückkehr ins heimische Nest erwarten.

So war Michael frei und ging nach Moskau, versehen mit Visitenkarten, auf denen zu lesen war: Michael Alexandrowitsch Bakunin, Mathematiklehrer. Das war kindliche Prahlerei und doch auch ein Programm und ein Motto: Er schätzte die Kraft, die sich durch eigene Arbeit erhält, höher ein als ererbten Besitz und ererbtes Vorrecht.

In Moskau lebten Freunde der Familie Bakunin, mit denen Michael verkehrte: Frau Beer, eine Witwe mit zwei Töchtern. Die jungen Mädchen waren nicht schön, aber lebhaft und anregend, anziehend genug, daß sich begabte junge Leute gern in dem geselligen Hause einfanden. Dort lernte Michael jenen Stankjewitsch kennen, von dem er noch im Alter mit Liebe und Bewunderung sprach, den er seinen geistigen Vater nannte. Er erinnert an die Betrachtung, die David Strauß, von Jesus Christus sprechend, über gewisse Genies der Menschenliebe anstellt, die, ohne eigentlich Taten zu tun oder Werke zu schaffen, durch den persönlichen Einfluß, den sie auf alle ausüben, unendlich und schöpferisch fortwirken. Zu diesen Genies zählt Bakunin, wenn auch in großem Abstande von Christus, seinen frühverstorbenen Freund Stankjewitsch. Er schildert ihn als frei von jeder Eitelkeit oder Anmaßung, Wärme und Geist ausstrahlend, wie er denn auch von allen Freunden ohne Einschränkung, ohne Neid und Eifersucht geliebt wurde. Durch Stankjewitsch wurde Michael zur deutschen Philosophie geführt, und zwar war das erste Buch, das er studierte, in welchem er zugleich die deutsche Sprache und das Denken lernte, wie er selbst sagt, Fichtes »Anweisung zum seligen Leben«. Es machte einen überwältigenden Eindruck. Wie Fichte noch jener Generation angehörte, die auf Grund der Bibel erzogen wurde, so ist auch dies Buch vom Geist der Bibel durchdrungen, aufgebaut auf dem Grundgedanken des Kampfes zwischen dem Gottesreich und der Welt. Verstand Luther unter Welt die Summe alles dessen, was der Mensch bewußt aus sich hervorbringt, so dürfen wir wohl Welt und Zivilisation gleichsetzen; da in diesen Rahmen vieles fällt, was mehr nach außen schimmert als einem inneren Gehalt entspräche, so unterscheidet man oft gleichbedeutend Äußeres und Inneres, obwohl die Begriffe Äußeres und Inneres, Welt und Gottesreich sich nicht ganz decken. Michael hatte eine Eigenschaft, die für den Dichter wesentlich ist: eine unbegrenzte Empfänglichkeit. Seine Seele war ein lockeres, jungfräuliches Erdreich, durstig nach Keimen, kräftig, sie zu nähren und zu entwickeln. Von dem Samen, der die Luft der Zeit erfüllte, entging ihm nichts; er sog ihn auf, bewußt und unbewußt, und er wurde sein eigen. Charakteristisch aber war für ihn, daß er das neuerfaßte Ideal sofort zu verwirklichen suchte, und zwar innerhalb einer Gemeinschaft. Als nächste Jünger boten sich ihm die Schwestern Beer und seine eigenen Schwestern. Leicht wurde es ihm, jene zu gewinnen, bedeutend schwerer diese, die ihn als den jüngeren Bruder, das Kind, neben sich hatten aufwachsen sehen. Es galt, das mütterliche Gefühl, das sie für ihn gehegt hatten, so umzuwandeln, daß sie den brüderlichen Führer in ihm sahen. Die überschwengliche Bewunderung der Schwestern Beer machte sie anfangs mißtrauisch, trotzdem gelang es der Ehrlichkeit seiner Überzeugung, seinem flammenden Wesen, seiner Gabe zu sprechen, sie den Eltern zum Trotz zu sich hinüberzuziehen. Er brachte ihnen die Ideen Fichtes als neue Religion, in der sie nach Überwindung des anfänglichen Widerstrebens mit Entzücken diejenige erkannten, die sie unter der Hülle der kirchlichen stets gesucht hatten. Es ist nicht leicht, den Inhalt dieser Religion genau anzugeben, denn was ist ein Aufschwung zu höheren Idealen, die nicht näher bezeichnet werden und mit nichts Irdischem in bestimmte Beziehung gebracht werden? Greifbar war zunächst nur der Kampf gegen das Weltliche, wie es das Leben einer Familie in der Stellung der Bakunin durchdrang, die Ablehnung der üblichen Geselligkeit, der geselligen Vorurteile, des gesellschaftlichen Ehrgeizes, des Strebens nach Geltung in der Welt. Es läßt sich denken, wie störend die Eltern Bakunins den Einzug der neuen Religion in die Familie empfanden. Michael, wenn er im Dorf war, wie man kurzerhand Prjamuchino zu benennen pflegte, weigerte sich, an der Gesellschaft teilzunehmen, wenn etwa Besuch kam, blieb auf seinem Zimmer, um zu lesen und zu schreiben, und verargte es den Schwestern, wenn sie Bälle mitmachten und sich den Hof machen ließen. Er wurde hierin bestärkt durch eine despotische Eifersucht, die seine Liebe zu den Schwestern eigentümlich färbte und ihn jeden Mann hassen ließ, der sich ihnen näherte. Ich möchte glauben, er habe nie eine Frau so heiß, so rückhaltlos geliebt wie seine Schwestern, vorzüglich Tatjana. Es erweckt eine hohe Meinung von ihr, wie sie diese Liebe mit ebensolcher Inbrunst erwidert und dennoch mit dem edelsten Zartgefühl die Maßlosigkeit des Bruders abzuschwächen weiß, indem sie das auf sie Gewendete als allen Schwestern geltend auffaßt und auch der den Eltern gebührenden Ehrfurcht, ja auch einer Schonung ihrer etwaigen Schwächen nichts nehmen läßt. Sie empfand die Religion als das Verbindende, Michael erfaßte sie von Anfang an als das Element des unerbittlichen Kampfes.

Eine starke Natur entfaltet eher ihr Temperament, die Stimmung und das Gefühl, womit sie einst im Leben stehen wird, als daß sie Absicht und Richtung erkennen läßt, die ihr selbst erst später zum Bewußtsein kommen. Als Michael etwa vierundzwanzigjährig war, fühlten alle seine Freunde seine Kraft, seine Eigenart, den Zauber, der von ihm ausging, ohne weissagen zu können, wohinaus es damit wollte.

Neben Stankjewitsch war es Wissarion Bjelinski, mit dem Bakunin in enger freundschaftlicher Gemeinschaft lebte. Bjelinski hatte ganz andere Hintergründe als Bakunin: Er war arm, alleinstehend, gedrückt, sehnsüchtig nach Schönheit und doch stolz in seinem Schatten. Wie ein Wunder erschien ihm der glückliche, vollständig unbekümmerte Michael Bakunin. Es ist etwas Schönes, wenn das Äußere eines Menschen sein Wesentliches so deutlich ausprägt, daß er bei seinem Erscheinen sofort als Ganzes wirkt. Das war bei Michael oder Michel, wie man ihn in Rußland in französischer Aussprache nannte, der Fall. Das Gigantische seiner Gestalt, das an Peter den Großen erinnerte, versinnbildlichte das Übermaß seines Wollens, seiner Träume und künftigen Taten. Sein großes, offenes Gesicht mit dem kühnen Blick der hellen Augen, die das Feuer der Seele leicht verdunkelte, ließ die verschiedensten Menschen an ein Löwenhaupt denken und damit an eine wilde, unzähmbare, großmütige Natur. Sein Jugendbild erinnert an Beethoven, nicht nur durch das reiche, dunkellockige Haar und durch das Ekstatische, das sein Blick zuweilen annahm, sondern auch durch die Gesichtsbildung. Bjelinski gab sich diesem neuen Menschen, der anders war als alle anderen, die er kannte, ganz hin, mehr vielleicht durch seine Persönlichkeit bezaubert, als an den Ideen interessiert, die Michel ihm mitteilte. Was als intellektuelle Begabung zunächst an ihm auffiel, war ein scharfer, biegsamer Verstand, der es ihm ermöglichte, die verschiedenen Systeme der deutschen Philosophie zu durchdringen, ihre Grundgedanken herauszuheben und anderen zu übermitteln. Dadurch brachte er Bjelinski, der mehr in der Anschauung lebte und sich bis dahin um Ideen nicht gekümmert hatte, viel Neues; aber es war nicht das Philosophieren, das Bjelinski eigentlich anzog, denn das wurde ihm vielmehr oft zu viel und stieß ihn ab. Natalie Beer schrieb an ihre Schwester, nachdem sie Michel kennengelernt hatte: »Dies ist einer von denjenigen Menschen, deren Charakterstärke und Seelenbegeisterung Großes vermögen. Seine Anwesenheit hat eine Wirkung auf mich ausgeübt, von welcher ich Dir niemals einen vollständigen Begriff werde geben können. Es war ein Chaos, ein Abgrund von Gefühlen und Ideen, die mich vollständig erschütterten; tausendmal machte ich mich daran, diese Dinge zu überdenken, zu vertiefen, und jedesmal verlor ich mich in dem Labyrinth. O das kommt daher, weil das Herz und der Kopf Michaels ein Labyrinth sind, in welchem Du nicht bald einen wegweisenden Faden findest, und die Funken, die dann und wann aufflammen (denn sein Herz und sein Kopf sind aus Feuer), entzünden auch Dir unvermerkt Herz und Kopf.«

Ähnlich erging es seinen Schwestern; die schwungvolle Kraft seines Gefühls, die ihm fast immer gegenwärtig war, trug sie wie auf Flügeln und machte ihn unentbehrlich. War er da, so erschien das Leben wichtig, die Zukunft reich und unerschöpflich; wie hätte man den Besitzer eines solchen Zauberstabes nicht herbeiwünschen oder vermissen sollen? Er fühlte dunkel eine schöpferische Kraft in sich; wie die Welt gestaltet war, die er in sich trug und die er außer sich sehen wollte, wußte er noch nicht, aber das Gefühl von ihr sprang auf seine Bekannten über. Auch Bjelinski urteilte: »In meinen Augen bist Du jetzt nichts anderes als ein Ausdruck chaotischen Gärens der Elemente. Dein Ich strebt, sich herauszuarbeiten, und zwar in riesenhaften Formen.« Das »Kochen des Lebens, der unruhige Geist, das lebendige Streben zur Wahrheit«, so schreibt er, habe ihn eingenommen. Von einem Manne ist es verständlich, daß er sich gelegentlich wieder auflehnt, wenn er sich von einem Freunde hat unterjochen lassen; das Verhältnis zwischen Bakunin und Bjelinski hat eine wechselvolle, stürmische Geschichte, bezeichnet durch Bjelinskis Versuche, sich von dem Freunde loszureißen, und die erneute Rückkehr an das magnetische Herz. Sicherlich hatte Bjelinski recht, wenn er Bakunin Herrschsucht vorwarf: Er war ein geborener Diktator. Er verlangt von seinen Freunden, so hieß es von ihm, daß sie dieselbe Ansicht über das Wetter und denselben Geschmack an Buchweizengrütze haben müssen wie er. Dabei war er so naiv, so kindlich, so gutmütig und so ohne Ahnung von seiner Herrschsucht und ohne Absicht, zu herrschen, daß die Entrüsteten bald ihre Vorwürfe zu bereuen und zurückzunehmen pflegten. Noch etwas anderes war Bjelinski an Michel unverständlich und abstoßend, nämlich sein eigentümliches Verhalten in Geldangelegenheiten. Es zeigte sich bald, daß Alexander Bakunin recht hatte, wenn er kein Vertrauen in die Mathematiklehrerlaufbahn seines Sohnes setzte. Zwar bekam er einen oder einige Schüler, aber er fand immer Gründe, die Stunden ausfallen zu lassen, und ebenso ging es meist mit dem Übersetzen von Büchern, wodurch er Gelegenheit gehabt hätte, zu verdienen. Er schrieb wohl einiges und übersetzte auch aus dem Deutschen, zum Beispiel Bettinas Briefwechsel mit Goethe; allein zu einer regelmäßigen Arbeit kam es nicht, und er verfiel auf die Idee, die Aufgabe unter seine Freunde zu verteilen, so daß auf jeden ein Kapitel zu übersetzen kam und für ihn gar nichts übrigblieb. Zu einem Beruf, der Stunde für Stunde und Tag für Tag ausgeübt werden muß, war er untauglich. Da seine gelegentlichen Einnahmen zum Leben nicht ausreichten, half er sich dadurch, daß er Schulden machte, die er fast nie zurückerstattete. Bjelinski, von Haus aus arm und immer genötigt, sich gegen die Herablassung oder Nichtachtung der Reichen zu wehren, auf seine eigene Arbeit von jeher angewiesen, begriff Michels Unbekümmertheit dem Gelde gegenüber nicht. Unabhängig zu sein, aus sich selbst zu leben, erschien ihm als die erste selbstverständliche Grundbedingung anständigen Lebens, und er warf dem Freunde seine Liederlichkeit heftig vor und machte ihn auf das rücksichtsloseste herunter.

Plötzlich aber, wenn er sich Michael vorstellte, wie er achtlos und fröhlich, wenn er gerade Geld eingenommen hatte, alles hergab, um etwa ihm, Bjelinski, aus einer Klemme zu helfen, wie er sofort vergaß, daß er es getan hatte, so wendete sich ihm das Herz, und es erschien ihm auf einmal, als könne das Überlegenheit sein, was er zunächst als klägliche Schwäche und beinahe verachtungswürdig angesehen hatte. Es gehört viel dazu, sich dauernd mit Geld helfen zu lassen und sich doch niemals abhängig zu fühlen. Zu einem Teil erklärt es sich wohl durch die sorglose Gewohnheit des Aristokraten, aus einem vorhandenen Überfluß zu schöpfen; noch mehr aber durch eine Michel angeborene Geringschätzung des Geldes und ein angeborenes Gemeinschaftsgefühl. Er war frei von dem engherzigen Eigentumsbewußtsein, das für den modernen Menschen charakteristisch ist. So wie er niemals daran gedacht hätte, sein Eigentumsrecht auf Gedanken geltend zu machen, war er auch stets bereit, von anderen zu lernen, und ebenso gab und nahm er auch materielle Werte. Es bleibt höchst wunderbar, daß diese Besonderheit seines Wesens zwar zuweilen das Urteil der anderen über ihn beeinträchtigte und Beziehungen trübte, dennoch aber im ganzen den Eindruck, den seine gewaltige, überraschende Erscheinung überall machte, nicht verkleinert hat. Es ehrt die Menschheit, die doch am Gelde klebt, daß einer, der es von ihr annahm und mit Füßen trat, weitaus mehr Freunde als Feinde fand und weitaus mehr Liebe erregte als Wut, Haß und Verachtung.

Bjelinski war so wenig kleinlich, daß er in dem Verhalten seines Freundes, während er es mißbilligte, doch etwas Neues, Wunderbares, mit gemeinem Maße nicht zu Messendes fühlte.

In die Freundesbeziehungen mischten sich teils belebend, teils störend verschiedene Liebeswirren. Natalie Beer hatte sich zuerst in Stankjewitsch verliebt, und als sie bemerkte, daß ihre Neigung unerwidert blieb, in einem Aufschwung der Seele ihn mit ihrer Freundin Ljubow Bakunin bekannt gemacht, in der er, nach ihrer Meinung, das gesuchte Ideal finden würde. Nach der Bekanntschaft mit Michael lud dieser die Freunde ein, und Stankjewitsch und Bjelinski verlebten glückliche Monate auf dem Gute. Stankjewitsch verlobte sich wirklich mit Ljubow, Bjelinski entbrannte leidenschaftlich für Alexandra, die jüngste Schwester. Beide empfingen einen unauslöschlichen Eindruck von dieser Familie in dieser Umgebung. Bjelinski sah zum ersten Male die Harmonie und Schönheit des Lebens, die er ersehnt hatte, in reifer Wirklichkeit vor sich. Vielleicht gab es viele große Güter in Rußland mit Wäldern und Strömen, gastlichen Herrenhäusern und weiten Blicken in eine unergründliche Natur; hier aber begegnete man dem alles krönenden menschlichen Geist als der Blüte und Frucht, in den die aromatischen Säfte aus unzähligen Quellen münden. In dem Benehmen und den Gesprächen des Vaters und der Kinder war jene Kultur zu spüren, die darin besteht, daß alles Unwesentliche, so angenehm, nützlich und bequem es sein mag, nur um des Ewigen willen geschätzt wird, mit dem es verbunden ist. Der alte Bakunin, durch Erblindung, die ihn traf, als er etwa sechzigjährig war, noch würdevoller und gleichsam geheiligt, hatte als junger Mann dem Kreise der Dekabristen nahegestanden, ohne daß es ihn je zu Taten gedrängt hätte. Einst hatte er seinen Leibeigenen eine Verfassung geben wollen, da sie selbst sie aber als Neuerung ablehnten, jeden Versuch zu Veränderungen aufgegeben. Älter werdend, neigte er ausgesprochen zum Bestehenden, worin ihn seine Frau bestärkte. Mit der Urbanität eines großen Herrn übte er Duldung gegenüber freier Meinungsäußerung in seinem Hause, vorausgesetzt, daß der Gast seinerseits sich im selben Geiste bewege. Bjelinski jedoch, der Arme, Leidende, den die Liebe noch linkischer machte und den das Glück und die Harmonie des Hauses ebenso verletzte, wie sie ihn entzückte, sprach ketzerische Ansichten zuweilen mit einem rohen Nachdruck und einer Absichtlichkeit aus, die den alten Herrn empörten. So handelte es sich einmal bei Tische um die Französische Revolution, die eine Art Maßstab für die Gesinnungen bildete. Der alte Bakunin zürnte seinem Sohne, daß er und mit ihm seine Freunde den Frieden seines Hauses trübten. Es kam so weit, daß die Kinder den Eltern als ein feindlicher Haufe gegenüberstanden, angeführt von Michael unter der Fahne der neuen Religion. Sein Evangelium wurde auch von den jüngeren Brüdern angenommen, welche in Twer auf die Schule gingen und sich dort unaussprechlich langweilten, von Heimweh nach dem geliebten Dorf erfüllt. Sie beschlossen, von Michaels Ideen begeistert, den verhaßten Zwang abzuwerfen und zu ihm nach Moskau zu entfliehen, wo sie dem vorauszusehenden Zorn des Vaters Trotz bieten würden. Als die Großmutter, welche in Twer wohnte und eine Art Aufsicht führte, von ihren Plänen unterrichtet, ihnen ihr Betragen strafend vorhielt, kündigten sie ihr förmlich den Gehorsam auf. Nicht mit Unrecht sahen die erschrockenen Eltern in Michael die eigentliche Ursache dieser Schülerempörung. Michel schrieb denn auch den Brüdern einen Brief, in dem er ihnen klarmachte, sie hätten ihn mißverstanden, in ihrem Alter müsse man noch gehorchen; allein der Brief war unleugbar viel kürzer und weniger eindringlich als die, in denen er Freiheit und Liebe predigte.

Man könnte meinen, Michel hätte eine Verbindung zwischen seinem Freunde Bjelinski und einer seiner Schwestern begünstigen müssen, gerade im Gegensatz zu seinen Eltern; das war aber nicht der Fall. In Märchen erscheinen zuweilen gewalttätige königliche Väter, die ihre Töchter so frevelhaft lieben, daß sie sie keinem Manne geben wollen. Etwas von diesem herrischen Gefühl war in Bakunins Liebe zu seinen Schwestern. Warwara hatte zu einer Zeit, als Michael noch jünger und sein Einfluß weniger entscheidend war, geheiratet, aber sie hörte bald auf, ihren Mann zu lieben. Obwohl er seiner Frau treu anhänglich war, deren Selbstquälerei und religiöse Skrupel ihm gewiß das Leben mit ihr nicht leicht machten, war es für Michel ausgemacht, daß seine Schwester von diesem tieferstehenden Menschen befreit werden müsse. Die lichte Atmosphäre von Kultur, die das Bakuninsche Haus durchdrang, erfüllte augenscheinlich Warwaras Mann, der nicht in einem solchen aufgewachsen sein mochte, mit Bewunderung; er betrachtete sie wohl als ein übergeordnetes Wesen, das an sich zu fesseln er schon allerlei Opfer bringen müsse. Warwara konnte sich im täglichen Umgange mit einem Manne, der ihr nichts zuleide getan hatte und der durch sie litt, nicht dem Mitgefühl für ihn entziehen und auch wohl nicht dem Bewußtsein, ihm gegenüber im Unrecht zu sein; Michael kam dergleichen nicht in den Sinn. Eine Verpflichtung seiner Schwester, in der einmal eingegangenen Ehe auszuharren und sie so gut wie möglich zu gestalten, anerkannte er nicht; ihm galt als höhere Pflicht, sich dem erniedrigenden Einfluß eines gewöhnlichen Mannes zu entziehen. Ihm genügte als Grund schon, daß sie ihn nicht liebe; aber hätte sie ihn geliebt, würde er noch mehr darauf gedrungen haben, daß sie ihn verließe. Warwara ging nicht so weit, machte nur das eine zur Bedingung, daß ihr Mann ihre Religion nicht antaste, von der er offenbar nichts verstand und nichts verstehen wollte; man kann sich dem Eindruck nicht entziehen, daß in diesem Zwist der nachgiebige und versöhnliche Mann religiöser war als die auf diesem Punkte so heikle Warwara. Michel anderseits war nichts so verhaßt als das übliche Versumpfen im gedankenlosen Wohlleben; er erregte jene Stürme, damit lieber etwas zerbreche, als daß Stagnation eintrete; warf er doch sogar Bjelinski gelegentlich vor, er laufe Gefahr, ein Bonvivant ohne Ideale zu werden. Dazu kam nun aber seine brüderliche Eifersucht. Kaum bildete sich ein freundschaftliches Verhältnis zwischen den Schwestern und Bjelinski, als sein Benehmen ungleich, unerklärlich beleidigend gegen den Freund wurde, der in seinem Vaterhause zu Gaste war; erst als Tatjana, der er besonders nahestand, ihm erwiderte, daß sie weder zu Bjelinski noch zu einem anderen Manne eine Neigung habe, beruhigte er sich wieder. Übrigens erwiderte Alexandra die Liebe Bjelinskis nicht, und dieser heiratete später eine andere, ohne daß er je den Zauber hätte vergessen können, den die Schwestern in Prjamuchino ausübten. Als Bjelinski später Michel sein kränkendes Betragen vorhielt, gestand dieser alles zu und erklärte es durch seine Eifersucht mit so viel Freimut und Herzlichkeit, daß er den Zürnenden vollständig entwaffnete.

Einzig gegen die Verlobung der ältesten Schwester Ljubow mit Stankjewitsch hatte er nichts einzuwenden; vielleicht weil er Stankjewitsch so überaus hochstellte, vielleicht weil Ljubow ihm weniger nah verbunden war als die anderen, vielleicht aber auch, weil Stankjewitsch bald erkannte, daß sein Gefühl nicht stark genug war, um eine Heirat darauf zu gründen. Die Süße und Lieblichkeit der armen Ljubow hatte auf die Dauer nichts Anregendes für ihn; es mag sein, daß sie ihm zu ähnlich war: Sie war es ja jedenfalls darin, daß sie beide zu frühem Tode an der Schwindsucht bestimmt waren. Er brachte den Mut nicht auf, das Herz des zarten Mädchens zu zerreißen, und half sich dadurch, daß er ins Ausland reiste und durch Briefe mit ihr verbunden blieb, es der Zukunft und dem Zufall überlassend, die Verwickelung zu lösen. Es geschah durch ihren Tod; sie starb, ohne erfahren zu haben, daß der Geliebte sich längst von ihr gelöst hatte.

Die Flucht des Freundes Stankjewitsch ins Ausland wurde für Michel ein lockendes Vorbild; er hätte sich ihm am liebsten sofort angeschlossen, wenn er die Mittel dazu aufgebracht hätte, die sein Vater ihm nicht geben zu können erklärte. Mit Mühe wurde Warwara die Reise ermöglicht, während welcher sie sich besinnen sollte, ob sie die Ehe wieder aufnehmen oder endgültig lösen wollte. In Italien traf sie mit Stankjewitsch zusammen, der inzwischen erkrankt war, und pflegte ihn bis zu seinem Tode. Zwischen dem Sterbenden und ihr flammte eine Liebe auf, von der es ungewiß bleibt, ob sie sich schon früher vorbereitet und das Verhältnis mit Ljubow gestört hatte.

Für jeden Menschen gibt es viele Möglichkeiten, aber nur einen Weg, der zu dem ihm bestimmten Ziele führt. Bei Michel ist es auffallend, mit welcher Gewalt es ihn ins Ausland drängte, obwohl sein Ziel ihm noch ganz undeutlich war. Schon als Kind hatte er von Abenteuern in fernen Ländern geträumt, worin die Reisebeschreibungen, die der Vater den Kindern vorzulesen pflegte, ihn bestärkten. Wenn er sich Zukunftsbilder ausmalte, so spielten sie weit, weit von Rußland in unbekannter Fremde. Der nomadische Zug im Wesen der Russen mochte dabei mitwirken; aber außerdem noch ein anderes: Seine hochgezüchtete aristokratische Eigenart bedurfte der Begegnung mit einer fremden Welt. Trotz des Verschmolzenseins mit seinen Schwestern, trotz des innigen Zusammenhanges mit seinem Vater, trotz aller Widerstände hielt er unentwegt an dem Plane fest, nach Deutschland zu reisen. Anfänglich glaubte er, die Mittel dazu sich durch journalistische Tätigkeit verdienen zu können; aber er mußte bald einsehen, daß er bei seiner Unfähigkeit zu regelmäßiger, einträglicher Arbeit auf die Unterstützung seiner Eltern angewiesen war. Obwohl er sich mit seinem Vater wieder gut stand, mißtraute derselbe doch seinen Zukunftsplänen. Er glaubte fordern zu können, nachdem Michel sowohl die Soldaten- wie die Beamtenlaufbahn ausgeschlagen hatte, daß er, seinem Beispiel folgend, sich der Bewirtschaftung des Gutes widme, was um so wünschenswerter war, als er selbst durch seine Blindheit und sein Alter gehemmt war. Aber auch davon wollte Michel nichts wissen: Professor in Moskau zu werden, erklärte er für seinen Wunsch und seine Bestimmung. In langen, dringenden Briefen schilderte er dem Vater, wie die Leidenschaft nach Erkenntnis ihn ganz erfülle und beherrsche, wie es ihm unmöglich sei, mit diesem Drang in der Brust sich einer anderen Aufgabe hinzugeben. Den Gedanken, Professor zu werden, hatte zweifelsohne Fichtes Schrift über die Bestimmung des Gelehrten in ihm geweckt oder genährt; an einen zunftgerechten Professor dachte er nicht, ihm schwebte es vor, Führer einer strebenden Jugend zu werden und sie für den Dienst der Wahrheit zu begeistern, die er sie lehren würde. Zu dem Zweck müsse er sich selbst noch ausbilden, so sagte er, und dies konnte nach dem Gange seiner bisherigen Studien natürlich nur in Berlin geschehen. Dem zärtlich bittenden Ungestüm des Sohnes war nicht zu widerstehen: Grundsätzlich wenigstens gaben die Eltern nach, nur daß sie die zum Aufenthalt im Ausland erforderliche Summe nicht bereit zu haben erklärten und den Ungeduldigen zunächst auf die Zukunft vertrösteten. Vielleicht war dies nur ein Ausweg, nicht nein zu sagen und doch die Reise unmöglich zu machen; allein der Zufall fügte es, daß Michel einen neuen Freund gewann, der ihm für den Fall, daß die väterliche Unterstützung ausbliebe, seine Hilfe in Aussicht stellte.

3.
Der Einfluß deutscher Romantik auf Bakunin

Inhaltsverzeichnis

Dieser Freund, der eine Rolle in Michels Leben spielen sollte, hieß Alexander Herzen. Der reiche Fabrikbesitzer Jakowlew hatte auf seinen Reisen in Deutschland eine junge Schwäbin, Luise Haag, kennengelernt und nach Rußland entführt, wo sie ihm einen Sohn schenkte, den der Vater, weil es ein Kind seines Herzens sei, Alexander Herzen nannte. Jakowlew, der seine Abkunft auf den sagenhaften slawischen Fürsten Weidewut zurückführte, wies viele Züge auf, die für den russischen Adel charakteristisch sind, der einerseits durch die unbedingte Herrschaft über die leibeigenen Bauern zu maßloser Selbstüberhebung und Herrschsucht neigte, anderseits, dem Zaren gegenüber Sklave und zu einer freien, würdigen Tätigkeit nicht befugt, entweder kriechend und ängstlich am Hofe lebte oder sich in einer barbarischen Einsamkeit vergrub. Zu den letzteren gehörte Jakowlew. Er hatte sich dem deutschen Bürgermädchen gegenüber von seinem Gefühl hinreißen lassen, doch aber nicht so weit, daß er sie zu seiner rechtmäßigen Frau gemacht hätte. Schon dieser Umstand und die Kälte und Menschenverachtung des Mannes machten ein geselliges Leben im Hause unmöglich. Die Frau lebte ziemlich abseits in ihrer zweideutigen Stellung und litt oft unter der ungebändigten Heftigkeit und Launenhaftigkeit Jakowlews. Neben Alexander wuchs noch der Sohn einer anderen Frau auf, vermutlich einer Untergebenen, da er eine weit geringere Rolle spielte. Allerdings zog Alexander frühzeitig durch sein sympathisches Äußeres wie durch seinen Verstand und Witz die Aufmerksamkeit auf sich. Der Vater war stolz auf ihn und verhältnismäßig schwach gegen ihn. Seine Mutter war eine sanfte, liebe Frau, doch besaß sie offenbar weder die Bildung noch die Persönlichkeit, ihrer Umgebung zu imponieren; die Dienerschaft war ihr ergeben.

Die Welt, in der ein Kind aufwächst, die Familie und das Haus, bilden unvermerkt seine erste, unwillkürliche Weltanschauung. Dem jungen Alexander Herzen drängten sich früh Widersprüche, Unwahrhaftigkeit, Ungerechtigkeit auf; weder seinem Vater noch seiner Mutter brachte er unbedingte Wahrhaftigkeit entgegen. Er litt unsäglich durch die trübselige Öde, die in seinem Vaterhause herrschte, und die einzig unendliches Bücherlesen erträglich machte. Das erste schöne, wärmende Licht ging ihm durch die Freundschaft auf. Nikolaus Ogarjew war es, der Sohn eines entfernten Verwandten des Jakowlew, der, schwärmerisch und weich veranlagt, den stolzen, ehrgeizigen Alexander ergänzte. Sie entdeckten mit wachsendem Glücksgefühl die Ähnlichkeit ihrer Neigungen und wie sie sich von den anderen Knaben ihres Alters unterschieden. Sie lasen zusammen Schiller und berauschten sich an seinem edlen Pathos; sein ganzes Leben hindurch bewahrte Herzen diese Vorliebe und wußte viele Verse des deutschen Dichters auswendig. Ogarjew selbst machte weiche, angenehm fließende Gedichte von wehmütigem Charakter. Gesellig und versöhnlich, war er das verbindende Element zwischen verschiedengearteten Menschen, in allen Verhältnissen der Nachgiebige und der Leidende. Früh sich seines Willens bewußt, lehnte Alexander es von vornherein ab, die militärische Laufbahn einzuschlagen, auf der er es trotz seiner illegalen Geburt durch die Verbindungen des Vaters zu Ehren gebracht hätte, und setzte es durch, an der Universität studieren zu dürfen. Der Zwang, der auf den Universitäten lastete, brachte die Studenten in einen selbstverständlichen Gegensatz zur Regierung. In Herzen bestand dieser ohnehin; er war dreizehn Jahre alt, als die Dekabristen fielen, und hatte sich mit Ogarjew gelobt, ihnen nachzueifern und sie zu rächen. Durch Ogarjew wurde er mit den Schriften des Saint-Simon bekannt, des ersten Verkünders sozialistischer Ideale, und dieser neuen Lehre schloß er sich an. Der Polizei wurde es bald bekannt, daß eine Gruppe von jungen Leuten diese Schriften las, die für höchst verwerflich und gefährlich galten; da es aber nicht anging, ihnen wegen des Lesens von Büchern den Prozeß zu machen, wurde eine andere Gelegenheit ergriffen. Bei Ogarjew pflegten sich die Freunde zu fröhlichen Gelagen zu versammeln; bei einem solchen wurde ein Spottlied auf Kaiser Nikolaus gesungen, das den erwünschten Anlaß zum Einschreiten gab. Das Urteil lautete für Herzen und einige andere auf Todesstrafe und wurde in Verbannung und Beamtendienst unter behördlicher Überwachung gemildert. Er wurde zuerst nach Perm und dann nach Wjatka verschickt.

So bekam Herzen Gelegenheit, die russische Bürokratie gründlich kennenzulernen, die der Initiative des einzelnen keinen Spielraum ließ und aus jungen, dem Leben geöffneten Menschen bald schläfrige Pedanten, bald Betrüger machte. Die dumpfe Jämmerlichkeit des öffentlichen Lebens in einer kleinen Provinzstadt, der erzwungene Umgang mit Menschen, die er verabscheute, peinigten ihn so, daß er anfing zu trinken und ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau einging, dessen Geschichte er später in dem überaus witzigen, scharfsinnigen Roman »Wer ist schuld?« geschrieben hat. Trotzdem stand er bereits in herzlicher Beziehung zu seiner Cousine Natalie, die er nach Auflösung jener Liebschaft heiratete, die die große Liebe seines Lebens blieb, wie Ogarjew der Freund seines Herzens.

Auch diese junge Jakowlew war ein illegitimes Kind; viel schlechter gestellt als Alexander, mußte sie froh sein, von einer alten fürstlichen Verwandten ins Haus genommen zu werden, wo sie ein eingeengtes, freudlos eintöniges Leben führte. Ihrer durch die Einsamkeit gesteigerten Einbildungskraft erschien der geistvolle Vetter mit den blitzenden Augen, den Gefängnis und Verbannung mit der Glorie des Märtyrers umgab, wie ein Held, ja sein Bild verschmolz ihr mit Christus selbst, und ihre Liebe wurde eins mit Religion. Zwar wies er die Vergötterung, die das weltfremde Mädchen ihm weihte, zurück als etwas, das ihm nicht zukomme und das ihn beängstige, und doch konnte nur eine solche Liebe die übermäßige Spannung seines Innern ausgleichen. Seiner Unternehmungslust und einer Reihe von Zufällen, wie sie dem Mutigen zu Hilfe kommen, glückte es, die Geliebte, deren Besitz ihm von den Angehörigen verwehrt wurde, zu entführen und zu heiraten. In Wladimir, nicht weit von Moskau, verlebten sie einige Jahre überschwenglichen Glückes, dem allerlei Einschränkungen und Entbehrungen nur um so mehr einen abenteuerlichen Glanz und den Charakter des Außergewöhnlichen verliehen. Als sie im Jahre 1840 nach Moskau übersiedeln konnten, fanden sie vieles verändert, am störendsten für Herzen, daß auch Ogarjew sich verheiratet hatte und daß seine Frau nicht in den Freundeskreis paßte. Der arme, weichherzige Ogarjew, dessen Herz von zwei Seiten bekämpft, bestürmt, zerrissen wurde, litt unsäglich; vergeblich bemühte er sich, alle, die er liebte, untereinander zu vereinigen, nach einer Reihe von Jahren endete seine Ehe durch Scheidung. Seine Freundschaft mit Herzen war trotz dieser Verwickelung nicht erschüttert worden, überhaupt schränkte die Ehe sein Talent zur Freundschaft nicht ein. Sein Haus war wie einst der Treffpunkt für verschiedene Freunde; auch Bakunin lernte Herzen durch ihn kennen.

In der Hauptsache waren es drei Kreise, die sich jetzt vereinigten: die um Stankjewitsch, zu denen Bjelinski und Bakunin gehörten, die um Herzen und die Slawophilen. Diesen letzteren standen jene als die Westler gegenüber, unter sich wieder unterschieden als Deutsche und Franzosen. Stankjewitsch und seine Freunde standen auf dem Boden der deutschen Philosophen, vertreten namentlich durch Fichte, Schelling und Hegel, Herzen und die Seinigen gingen von Saint-Simon und den Ideen der Französischen Revolution aus, so wie derselbe sie erfaßt und ausgebildet hatte; die Slawophilen lehnten die westliche Kultur überhaupt ab und wünschten das wesentlich Russische in Rußland zur Herrschaft zu bringen.

Ich möchte zusammenfassen, was es wesentlich war, das Bakunin aus den deutschen Einflüssen schöpfte. Fichtes Anweisung zum seligen Leben, das erste deutsche Buch, welches er studierte, ist auf die Bibel, vorzugsweise auf das Evangelium Johannes gegründet und enthält demgemäß als Grundgedanken den Gegensatz zwischen Gesetz und Liebe, daß nämlich der Liebende über das Gesetz erhoben ist. Dieser Gedanke ist es wohl auch, der Michael die Schriften der Bettina von Arnim so lieb machte. Der vom natürlichen Freiheitsgefühl Durchdrungene schwang sich beglückt in den göttlichen Äther der Liebe, der das Gesetz tief unter sich läßt. Er begriff dies ohne weiteres durch seine Natur, die den Menschen nur durch Liebe oder Haß verbunden war. Nicht einmal sein Verhältnis zu den Eltern machte er von Gesetz oder Überlieferung irgendwelcher Art abhängig; er liebte seinen Vater, ja er betete ihn an, er liebte seine Schwester, seine Freunde so, wie sie waren, sofort sie als Ganzes, Unteilbares erfassend; wo er nicht liebte, hemmte ihn keine gesellschaftliche oder sittliche Betrachtung. Sein Gefühl war so stark und hatte so bestimmte Richtungen, daß es ihm gemäß war, sich mit Bewußtsein dem Gefühl zu überlassen. Merkwürdig ist es, daß sein Verstand ebenso groß war wie sein Gefühl, daß aber sein Verstand sich niemals hindernd zwischen sein Gefühl und dessen Betätigung drängte. Sein Gefühl war nie zerfasert und verzettelt: Es sprang gerade und unaufhaltsam wie das Licht aus seinem Herzen. Was übrigens aus Fichtes Werken in ihn einging, war die Entrüstung über den Zustand der Welt und der Wille, diesen Zustand gänzlich umzuwerfen und zu erneuern. Einen nicht ästhetischen, sondern ethischen Maßstab an die Welt anzulegen, das streitbare, unerschrockene Christentum, das, die Idee der menschlichen Brüderlichkeit im Herzen, unnachgiebig fordernd an die verteufelte Welt herantritt, diese Gesinnung Fichtes war es, die bei Michael Bakunin zündete, weil sie in ihm schlummerte. Das durchaus Fremde kann wohl auf den Kopf, nicht aber auf den ganzen Menschen wirken; das Wesentliche von dem, was Fichte sagte, war Michael nicht neu; aber es trat ihm hier, von einer abgeschlossenen Persönlichkeit getragen, übersichtlich entgegen und entrückte ihn mit einem Zauberschlage in eine hohe Geistergemeinschaft. Lange vorher schon hatte er an Natalie Beer geschrieben: »Meinem Herzen ist es eingegraben: dieser wird nicht für sich selbst leben.« Eben zum Bewußtsein erwacht, fühlte er sich schon berufen zu der Aufgabe eines jeden Helden, für die Schwächeren gegen die Übermacht, für die Freiheit gegen Ketten zu kämpfen.

Während Herzen und Ogarjew sich an Schiller begeisterten, vertiefte Bakunin sich in Goethe. Es war das Romantische, was ihn stets am meisten anzog. Faust hatte er ganz in sich aufgenommen; auf einem Jugendbilde, in Aquarell gemalt, das er seinen Freundinnen Beer schenkte, hält er einen Zettel in der Hand, auf den er selbst geschrieben hat: »Nur der verdient sich Liebe und das Leben, der täglich sie erobern muß.« Ob er absichtlich oder versehentlich Liebe statt Freiheit setzte, weiß ich nicht. Die germanische Idee der persönlichen Freiheit, welche sich im Mittelalter geltend machte, wo immer germanisches Wesen durchschlug, bezauberte ihn im jungen Goethe wie in Luther. Die unerschöpfliche Mannigfaltigkeit der Erscheinungen, welche darauf beruht, tat es ihm vielleicht um so mehr an, als er in Rußland eine trostlose Monotonie verwirklicht sah und solche noch mehr angestrebt wurde. Vergleicht man italienische und deutsche Ortschaften mittelalterlichen Ursprungs, so überrascht einen die Fülle phantasiereicher Formen, welche in Deutschland Plätze, Straßen und Häuser schmückt, während die lateinische einförmige horizontale Linie in Italien zwar zuweilen den Eindruck der Größe hervorbringt, aber doch auf die Dauer ermüdet. Noch öder, abstoßend fast muß die Einförmigkeit russischer Ortschaften sein; es wird ja auch in dem ungeheuren großen russischen Reiche nur eine Sprache gesprochen.

Man kann die Romantik die Empörung des Unbewußten gegen das Bewußte nennen, des Elementaren, Volkstümlichen, Bodenständigen, Urwüchsigen gegen die Herrschaft des Selbstbewußtseins und des Verstandes, des organisch Gewachsenen gegen das Gemachte, der persönlichen Freiheit gegen Zentralisation. Daß die deutsche Romantik auf politischem Gebiet in das Lager der Reaktion, des Gottesgnadentums und Absolutismus, auf religiösem zu einem beschränkten, ultramontanen Katholizismus überging, war ein schnöder Bruch mit ihrem eigenen Wesen, der diese in ihren Anfängen so herrliche Bewegung in den Augen späterer Geschlechter verdientermaßen erniedrigte. Die ursprüngliche Idee der Romantik ist zwar dem modernen Verfassungswesen, Parlamentarismus und Konstitutionalismus entgegen, nicht minder aber dem fürstlichen Absolutismus und der Beamtenregierung, und im Grunde hat die spätere Romantik mit der anfänglichen so wenig zu tun wie der ultramontane Katholizismus mit dem ursprünglichen Christentum.

Auch Hegel, dessen Philosophie für Michael und seinen Kreis ein heiliges Buch war, war ausgegangen von einem romantischen Idealbild griechischer Kultur, um als Verteidiger des in Deutschland herrschenden preußischen Absolutismus, der Regierungsmaschine, zu enden. Den ungeheuren Einfluß Hegels erkläre ich mir dadurch, daß er nicht vom einzelnen ausging, sondern vom Ganzen. Die Sehnsucht der Menschen des neunzehnten Jahrhunderts, welche an sich und um sich her die Folgen der äußersten Vereinzelung erlebten, ging auf das Ganze, sowohl auf die ganzen Menschen wie auf die Volks- und Völkergemeinschaft. Ein Geschlecht, welches sich gestimmt fühlte, große Umwälzungen herbeizuführen, wurde mächtig angezogen durch Hegels Auffassung von Geschichte und Entwicklung. Der seltsame Sprung in Hegels Lehre entstand dadurch, daß er trotzdem das Wissen an die Spitze seines Systems stellte und eben deshalb überhaupt systematisch verfuhr. Der Verstand, durch welchen wir wissen, verfährt teilend und hat es mit Teilen zu tun, während das Ganze geglaubt wird. Irrtümlicherweise pflegt man das Wissen als das Sichere, das Glauben als das Unsichere anzusehen, während doch das Geteilte, welches man weiß, immer ein Ganzes, an welches man glaubt, voraussetzt, weswegen es auch eine Wissenschaft ohne sogenannte Hypothesen gar nicht geben kann. Willkürliche Einbildungen von einzelnen haben allerdings keinen Bestand; aber die Natur steht mit dem menschlichen Geiste in ewiger Verbindung, so daß der Zauber des Glaubens die Ideale aus ihrem Schoße steigen läßt, der dem Ungläubigen verschlossen bleibt. Der Zwiespalt, der in Hegel selbst war, daß es ihn nach Lebendigkeit und Ganzheit verlangte, während in ihm selbst der Verstand vorherrschte, spiegelt sich in seinem System, das er anstatt eines Weltbildes gab. Die Ehrfurcht vor der Wissenschaft war jedoch in Deutschland so allgemein, daß gerade die Überschätzung des Wissens keinen Anstoß erregte, außer bei einem Teile der Jugend, die sich denn auch von Hegel, obwohl von ihm ausgehend, abtrennte.

Was Michael betrifft, so war es nicht zuletzt die dialektische Methode, die ihm damals Hegel wert machte, denn er besaß die Fähigkeit, vom Konkreten zum Abstrakten und vom Abstrakten zum Konkreten überzuspringen in einem Grade, der das Staunen aller erregte, die ihn kannten. Manchen von seinen Freunden fiel diese Gabe an ihm mehr auf als seine Herzlichkeit, seine Leidenschaftlichkeit, seine Naivität, seine Traumseligkeit. Trotz der Verwandtschaft im Verstande kann man sich nicht zwei mehr entgegengesetzte Menschen denken als den Kathedermann Hegel und Michael Bakunin, den Abenteurer und Rebellen: Was bei Hegel nur eine Sehnsucht war, die Lebendigkeit, war Kern des Wesens bei Michel, dessen Verstand ihm nur als Gegensatz zur Spannkraft diente. Jetzt und noch auf viele Jahre hinaus machte es ihm außerordentliches Vergnügen, Laien und Neulinge in die Hegelsche Philosophie einzuführen, von denen manche ihm mit Neid und Bewunderung, andere, z. B. Bjelinski, nicht ohne Ingrimm und Grauen zu folgen versuchten. Es mag Bakunin auch das an Hegel gefesselt haben, daß er von der Religion ausging, wenn er auch nicht eigentlich eine religiöse Natur war. Das aber war Michel; er wußte seine Freunde ebenso vom Dasein Gottes und der Unsterblichkeit der Seele zu überzeugen wie von der Hegelschen Algebra. Die mathematische Begabung war ihm angeboren; es war ihm offenbar ein Bedürfnis, diese Kraft zu üben, wie Buben sich raufen oder Sportsmänner ihren Sport treiben.

Hegel war von der Sehnsucht nach schöner, organisch sich entwickelnder Menschheit ausgegangen und versöhnte sich als Mann mit der zerstückelten, widernatürlichen, häßlichen Wirklichkeit, die ihn umgab, so vollkommen, daß er die Stütze der Reaktion zu werden sich herbeiließ. Er machte die fast unbegreifliche Schwenkung der Romantik mit, die sich anstellte, als finde sie in den Territorialfürsten der Gegenwart die Idee von Kaiser und Reich wieder, die jene ja vielmehr mitsamt der alle Gegensätze harmonisch zusammenfassenden Freiheit und Mannigfaltigkeit des Mittelalters untergraben und vernichtet hatten. Da sich in der Welt der Begriffe aus einer Katze ein Pudel machen läßt, gelang es Hegel, seine Idealwelt mit der Welt des Tages zusammenzukleistern, ohne daß die verblüfften Zuschauer die Taschenspielerei durchschauten; aber auf die Dauer ersetzte die Kunstfigur doch das lebendig Gewachsene nicht, und so begann das Flickwerk zu verschrumpfen. Die Idee jedoch, die den jungen Philosophen einst ergriffen hatte, daß die Menschheit als Ganzes ihre Geschichte schafft, ging nicht verloren, sondern wurde fortgeführt von einer neuen Generation, die kühnere Folgerungen daraus zu ziehen wußte.

Wenn Bakunin und Bjelinski, in das Hegelsche System vertieft, einige Schritte in seiner das Bestehende heilig erklärenden Richtung mitmachten, so brauchte doch Herzen sich nicht sehr anzustrengen, um zunächst Michel für die Opposition zu gewinnen. Herzen, obwohl ein ausgezeichneter Schriftsteller, was Bakunin nicht war, war viel weniger Dichter als dieser, und obwohl Sohn einer deutschen Mutter, vielleicht auch gerade deshalb, liefen seine Gedankengänge mehr in französischer Richtung als in germanischer. Verglich doch Bakunin ihn später gern mit Voltaire, während er in sich selbst Verwandtschaft mit Luther fühlte.

Schiller hatte die Französische Revolution begrüßt, Goethe sie abgelehnt. Herzen, der für Schiller schwärmte, war erfüllt von den Ideen der Französischen Revolution. Überhaupt ist Frankreich herkömmlicherweise russisches Ideal, obgleich der Russe im allgemeinen sich eher mit dem Deutschen als mit dem Franzosen versteht. Für Herzen war Paris mit den Erinnerungen an die große Revolution ein ebensolcher Magnet wie für Bakunin Berlin, von wo die Ideen Goethes und der Romantik ausstrahlten.

Die Französische Revolution, soweit sie offiziell war, hatte nur die herrschende Aristokratie verdrängt und das Bürgertum an ihre Stelle gesetzt; die Herrschaft des Grundbesitzes, die Stütze der alten Welt, war durch die Herrschaft des Geldes, die Stütze der neuen Welt, ersetzt worden. Inmitten der Bewegung aber tauchte etwas Neues, ganz anderes auf, die Idee des Gemeinbesitzes, verfochten von dem Träger eines uralten Adelsnamens: Saint-Simon. Wieder ging aus dem Adel ein Rächer des von ihm begangenen Unrechts hervor. Ein Grandseigneur, unternehmend, phantastisch, abenteuernd, wurde er nach vielen Schickungen und Würfen Prophet einer neuen Lehre, eines neuen Glaubens. Es war kein anderer als das Christentum, das nun endlich verwirklicht werden sollte. Wie Hegel empfand auch Saint-Simon die Sehnsucht nach organischem Leben, nachdem die kritische Periode, so nannte er sie, die im Zeitalter der Reformation begann, im Individualismus des achtzehnten Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreicht hatte. Saint-Simon setzte ihr den Sozialismus, die Vereinigung aller menschlichen Interessen, entgegen. Den Nichtbesitzenden, den Arbeitern galt seine Sympathie, und um ihnen zu der ihnen gebührenden Stellung zu verhelfen, griff er namentlich die freie Konkurrenz und das Erbrecht an. Die Julirevolution, welche den Sieg der Bourgeoisie bedeutete, enthüllte zugleich den vollendeten Saint-Simonismus. Die Unbestimmtheit dieser Lehre, ihr Reichtum an neuen Ansichten, ihre Kühnheit, ihre Systemlosigkeit, der Schwung ihrer Gläubigkeit machten ihre Kraft aus und sicherten ihre Wirkung auf ideale Gemüter.

Namen bezeichnen oft geringere Gegensätze, als man meint. Was Herzen und Bakunin unterschied, waren nicht so sehr die Ideen, als daß Bakunin bis dahin sie in Beziehung auf den einzelnen gehegt hatte, während es Herzen um die Anwendung im öffentlichen Leben zu tun war. Sie verständigten sich bald, auch mit Bjelinski, und wurden engverbundene Kämpfer unter der gleichen Fahne.

Mit den russischen Romantikern, die sich später Slawophilen nannten, gab es mehr Gegensätze als Berührungspunkte; in der ersten Zeit aber erfreute man sich beider, da im Disput die Meinungen sich klärten und vertieften.

Die Slawophilen teilten den Abscheu der anderen gegen die in Rußland herrschenden Zustände, Leibeigenschaft und Beamtendespotie. In dem Zwiespalt zwischen der zwangsweise eingeführten Zivilisation Peters des Großen und dem barbarischen Volke stellten sie sich ganz auf die Seite des letzteren. Da nun Peter der Große die Zivilisation aus dem Westen geholt hatte, mußte der Westen Quell alles Bösen sein, woraus sie folgerten, daß im russischen Volke alles Gute daheim sei. Sie meinten, wenn man nur den deutschen und französischen Einfluß ausschalte und sich auf das Einheimische beschränke, so müsse Rußland ein harmonisches, glückliches und mächtiges Reich werden. Sie vergaßen, daß die Leibeigenschaft schon vor Peter dem Großen begründet und daß nicht er der erste Despot in Rußland war. Man kann vielmehr aus der Tatsache, daß in Preußen Zentralisation und Beamtenherrschaft weit stärker sind als im übrigen Deutschland und daß Preußen namhafte slawische Bestandteile hat, den Schluß ziehen, der Despotismus sei im Slawentum begründet, nicht im Deutschtum. Das väterlich wohlwollende Zarenregiment, von dem die Slawophilen träumten, hatte es tatsächlich in Rußland nie gegeben, außer in der Einbildung der russischen Bauern, die beharrlich daran festhielten. Wie die deutschen Romantiker vergnügten sich die russischen an dem erdichteten Bilde einer trauten Vergangenheit, die sie mit der widerwärtigsten und widersprechendsten Gegenwart zu verschmelzen wußten. Auch die starre byzantinisch-russische Kirche, die das in Rußland reichlich quellende religiöse Leben hart und verständnislos unterdrückte, verklärten sie und machten sich zu Helfershelfern Nikolaus' des Ersten, der die Sekten, welche bis dahin sich ziemlich ungestört hatten entwickeln können, zugunsten leichterer Beherrschbarkeit und Ordnung verfolgte. Die russischen Romantiker betätigten ihre Überzeugung durch die Beobachtung kirchlicher Zeremonien, Kreuzschlagen und Bücken vor Heiligenbildern sowie durch das Tragen verschollener altrussischer Trachten, in welcher Verkleidung das Volk sie für Perser hielt. Die bekanntesten unter ihnen waren die Brüder Aksakow, Söhne des Verfassers jener Familienchronik, in welcher allerdings das eigentümlich Russische in wundervollen Figuren und Bildern ausgeprägt ist.

Von allen denjenigen, die diesen Kreisen angehörten, ist im Westen keiner so bekannt geworden wie der Dichter Iwan Turgenjew. Er war eine beschauliche Natur, politische und soziale Probleme interessierten ihn nicht sehr; die Greuel der Leibeigenschaft aber drangen so sehr in das Leben aller ein, daß jeder sich damit auseinandersetzen mußte, und er verabscheute sie wie die übrigen. In seinem Leben spielte Frauenliebe die größte Rolle wie auch in seinen Romanen. Ein unbeschreiblicher Zauber geht von der Natur und von der Liebe aus, wie er sie darstellt, immer von Wehmut und Verzicht beschattet. Sein Schicksal wurde bestimmt durch die Sängerin Viardot-Garcia, die in glücklicher Ehe verheiratet war und deren Haushalt er sich anschloß. Aus einer früheren Verbindung mit einem russischen Mädchen in untergeordneten Verhältnissen hatte er eine Tochter, für die er auch pflichtgemäß sorgte; aber sein Herz gehörte den Kindern der Frau Viardot-Garcia. Wie Michel hatte er eine hohe, mächtige Gestalt, auf die seine Leibeigenen stolz waren, wenn sie ihn die Menge überragen sahen; aber er besaß nicht dieselbe strotzende Gesundheit, sondern litt frühzeitig an Podagra und hatte überhaupt trotz ängstlicher Pflege immer über irgend etwas zu klagen. Seine großen, dunklen, traurigen Augen waren von unwiderstehlicher Schönheit; in ihnen las man vielleicht, daß er nicht an das Glück glaubte, überhaupt nicht glaubte und eben darum nie glücklich war.

Worin die Westler und die Slawophilen, die Herzen »unsere Freunde, die Feinde« zu nennen pflegte, einander begegneten, das war die Verehrung der russischen Bauerngemeinde, des Mir. Und nun komme ich auf das zu sprechen, was Michael Bakunin aus seiner eigenen Heimat an bildenden Einflüssen zugeströmt war.

4.
Russische Einflüsse auf Bakunin

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In der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts wurde Rußland, über das bis dahin nur legendarische Nachrichten im Westen verbreitet waren, verschiedentlich bereist und beschrieben. Am bekanntesten und wirkungsvollsten waren zwei Bücher: das eines Franzosen, des Marquis de Custine, und das eines westfälischen Edelmannes, August von Haxthausen. Custine beschränkte seine Kenntnis auf den Hof und die Beamtenkreise, die ihn umgaben; Haxthausen, ein Zögling der deutschen Romantik, interessierte sich hauptsächlich für das Volk und das Volkstümliche. Custine sah in den Russen hauptsächlich die Affen der westlichen Zivilisation, die sie äußerlich nachahmten, ohne von ihrem Wesen berührt zu werden. Er sprach ihnen originale schöpferische Begabung ab. Von seinem Standpunkt aus, der mehr der des Aristokraten des Ancien régime als der des Liberalen war, beleidigte ihn die doppelte Veranlagung der Russen zu Willkür und Grausamkeit auf der einen, zur Unterwürfigkeit auf der anderen Seite. Es ekelte ihn fast ebenso vor den Getretenen wie vor den übermütigen Herren, die er zu beklagen geneigt war, da sie ja in gewisser Hinsicht die Opfer würdeloser und markloser Demut wären. Die Vergötterung eines Menschen, des Zaren, war in seinen Augen ein Zeichen von Irreligiosität; mit Entrüstung sah er das Gebot, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen, in Rußland vergessen. Diese überall hervorbrechende Gesinnung verleiht dem Buche von Custine Glanz und Schwung.

Haxthausen, eine beschaulichere Natur und Romantiker, berührte die Verhältnisse der Leibeigenschaft möglichst schonend und spürte dem innerhalb der Sklaverei erhaltenen eigentümlichen Volksleben nach. Auf die Begleitung und Führerschaft gebildeter Russen angewiesen, lernte er das Land wohl von der günstigsten Seite kennen; indessen auch unparteiische Russen bestätigten das Zutreffende seiner Schilderungen. Es war die Zeit, wo in Frankreich und Deutschland sich zum ersten Male kommunistische Ideale verbreiteten, im allgemeinen Abscheu und Entrüstung erregend; nun erfuhr Haxthausen zu seinem Erstaunen, daß in der russischen Bauerngemeinde ein kommunistisches Ideal verwirklicht war ohne den Beigeschmack des Verworfenen und Unsinnigen, den die Bourgeoisie damit zu verbinden pflegte. Haxthausen beobachtete und schilderte die russische Bauerngemeinde, Mir genannt, welche auf dem Gemeinbesitz von Grund und Boden beruht; er schilderte, wie das Land nach gemeinsamem Beschluß stets neu verteilt wird in der Weise, daß die Kopfzahl und die Beschaffenheit der Familie in Betracht gezogen wird. Es fiel ihm auf, wie willig sich die ganze Bauernschaft dem einmal gewählten Ältesten unterwarf und daß trotz der rechtlichen Hörigkeit der Bauern innerhalb des Mir weder der adlige Herr noch der Zar etwas zu sagen habe; es schien ihm sinnig und merkwürdig, daß das Wort Mir zugleich Welt bedeutet. Haxthausen unterließ nicht zu betonen, daß er die gedanklichen Schlußfolgerungen, durch welche die modernen Kommunisten zu ihren Grundsätzen kämen, Atheismus und Nihilismus, durchaus verdamme; aber er leugnete nicht, daß er in der russischen Bauerngemeinde etwas tief Menschliches, Schönes bewundere. Namentlich glaubte er, daß dadurch in Rußland die Entstehung eines Proletariats verhindert sei, indem es keinen Menschen gebe, der nicht eine Heimat und eine Gemeinschaft habe, wo er Arbeit und Brot finde. Blieben doch auch die Fabrikarbeiter, deren es damals noch nicht viele gab, Glieder des Mir, zu dem sie zurückkehrten, wenn die Feldarbeit die Anwesenheit aller erforderte. Daß dies möglich war, deutet auf eine andere Erscheinung, die Haxthausen in Rußland auffiel, nämlich das Fließende aller Daseinsformen.

Sowohl der Gemeinbesitz des Bodens wie das Fließende der Zustände sind Zeichen der Jugendlichkeit eines Volkes, die sich in Rußland neben der modernen Zivilisation erhalten hatten. Teilung und Spezialisierung der Arbeit bestanden erst in geringem Grade; Haxthausen staunte, wie die russischen Bauern Geschick zu allem zeigten und in kurzer Zeit ebensowohl zum Tapezierer oder Schreiner als zum Schauspieler auszubilden waren. Während der Deutsche ein Wechseln des Berufes beinah als ehrenrührig betrachtet und gewöhnlich zu jedem Beruf untauglich ist, auf den er sich nicht durch Jahre vorbereitet hat, den womöglich schon sein Vater ausübte, ergreift der Russe nach Bedarf dies und das und zeigt zu allem Talent. Die verhängnisvolle Trennung in körperliche und geistige Arbeit bestand zwar auch; indessen bei allgemeiner Trägheit und Arbeitsscheu galt doch die körperliche Arbeit nicht so wie bei uns als etwas Erniedrigendes. Die Neigung, sich zusammenzuschließen, bemerkte Haxthausen überall in Rußland; wo irgendein paar Russen zusammenkamen, bildeten sie ein sogenanntes Artel, eine Gesellschaft, welche Arbeit, Einnahme und Ausgabe als gemeinsame Angelegenheit behandelte. Auch diese Assoziationen hatten nach Haxthausens Beobachtung einen fließenden Charakter im Gegensatz zu den fest geschlossenen deutschen Korporationen. Eine Mitwirkung am staatlichen Leben hatten und beanspruchten sie natürlich nicht.

Besonders zeigte sich das Fließende in den Besitzverhältnissen. Nirgends sei, sagt Haxthausen, so großer Umschwung in jeder Art von Vermögen wie in Rußland. Selten komme ein großes Vermögen auf den dritten Erben, alles Eigentum hänge an losen Fäden und wechsle mit rasender Schnelle. Die Geldwirtschaft hatte in Rußland noch nicht denselben Grad erreicht wie im Westen, die Industrie war noch in den Anfängen. Sieht man von Petersburg ab, so waren die Lebensgewohnheiten im allgemeinen bescheiden, bis auf die Bequemlichkeit, die die Bedienung durch zahlreiche Leibeigene mit sich brachte. Die Russen waren außerordentlich freigebig. Mit dem Bettler und Vagabunden hatte jeder Mitleid sowie mit den Gefangenen, denen Gaben reichlich zuströmten. Haxthausen beobachtete, daß in den Höfen der Gefängnisse Wagen voller Geschenke für die Verschickten standen. Man nahm Partei für alle Unglücklichen, zu denen jeder unversehens gehören konnte, während im Westen zwischen den Glücklichen und den Unglücklichen, vollends zwischen den Verbrechern und den Unbestraften, eine grausame Scheidewand sich erhebt.

Ein Österreicher, der im Beginn unseres Jahrhunderts Rußland besuchte, schrieb einer russischen Dame ins Album: »Rußland ist ein Kerker, aber er wird von Menschen bewohnt. Der Westen ist frei, aber er kennt fast nur noch Geschäftsleute.«

Mit diesen Besonderheiten, die dem Beobachter des russischen Landes auffallen, ist aber die Eigenart des russischen Wesens nicht erschöpft.

Einmal, als Bakunin als alternder Mann in der Schweiz wohnte, besuchte ihn ein junger Russe, der nach Bakunins Lehre mit dem Volke wie das Volk, körperlich arbeitend, leben wollte. Mit einem Kameraden machte er sich nach dem Sankt Gotthard auf in der Hoffnung, beim Bau des Tunnels Beschäftigung zu finden. Da sie im Freien übernachten wollten und es abends kalt wurde, zündeten sie sich ein Feuer an, wurden aber bald durch einen Waldhüter gestört, der ihnen bedeutete, daß das verboten sei. Das enttäuschte sie sehr; leidenschaftliches Heimweh erwachte in ihnen nach den unermeßlichen Wäldern Rußlands, wo Stunden und Stunden kein Laut ertönt als der Schrei eines wilden Vogels, wo der Wanderer allein ist mit seinen Träumen und der Natur und keinem Menschen begegnet als etwa einem Flüchtling, einem Vagabunden, einem Bettler, die, wenn auch in Lumpen gehüllt und oft einen Bissen Brot entbehrend, doch hier königlicher Freiheit genießen. Es gibt viele tiefsinnige Bestimmungen des Begriffs Freiheit; aber es gibt eine Freiheit, die jedes Kind versteht: ein Leben außerhalb des Staates und der konventionellen Gesellschaft, nur durch die Natur beschränkt, darin inbegriffen die eigene Kraft und die der anderen. So wenig der Russe im allgemeinen davon Gebrauch machen kann, besonders der in Petersburg lebende, beständig überwachte: etwas davon ist doch in seinem Wesen und kann sich plötzlich geltend machen.

Der Hauch dieser Freiheit charakterisiert auch die Meisterwerke der russischen Literatur, die im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts entstanden. In der Erzählung »Die Tochter des Hauptmanns« schildert Puschkin Pugatschew und die von ihm geführte Bauernrevolte, in »Taras Bulba« schildert Gogol das Leben der freien Kosaken. Beides sind Märchenromane, durch die der Takt ungebändigter Rosse sprengt, die das Aroma nie bebauter Erde würzt. Die ferne Vision des Kaukasus, der Wolga, des Ural, Sibiriens verleiht der russischen Dichtung den unnachahmlichen, unwiderstehlichen Reiz. Aus dem Dunkel der tiefen Wälder, aus dem Gräsergewoge der unermeßlichen Steppen raucht es schöpferisch; hier tief unterzutauchen, löst auf und verjüngt.

In der »Tochter des Hauptmanns« begegnet ein junger Aristokrat auf Reisen einem Bauern mit unwillkürlich wirkungsvoller Persönlichkeit, mit einem schlauen und zugleich gütigen Blick und Lächeln, den er sich zu Dank verpflichtet, indem er ihm seinen Pelz überläßt; als er ihn wieder trifft, erkennt er in ihm den gefürchteten Pugatschew, der, für den Zaren sich ausgebend, die leibeigenen Bauern zur Freiheit aufruft. Aus vielen Kämpfen mit den Regierungstruppen ist er als Sieger hervorgegangen und wirft vor sich alles nieder, was Widerstand leistet, schont aber den jungen Freund, der ihm einst gefällig war. Nachdem es endlich gelingt, der Aufständischen Herr zu werden, sieht der junge Adlige den Rebellen auf dem Schafott enden und empfängt seinen Abschiedsgruß, da er ihn in der Menge der Zuschauer entdeckt, in einem verstohlenen Zwinkern der Augen.

Welche Überlegenheit in diesem Blick! Wie heldenhaft wird der Tod dieses dunklen Befreiers durch die geringe Gebärde! Unsterblich hat der Dichter seinem Volke die Gestalt ans Herz gelegt, immer wieder begegnet uns in der russischen Dichtung der plumpe Heldenschatten, neben ihm sein Vorgänger Stenka Rasin, der ein Jahrhundert vorher die geknechteten Bauern zur Empörung anführte.

Ich zweifle nicht, daß Bakunin Puschkins »Tochter des Hauptmanns« kannte und liebte; sicher ist, daß »Taras Bulba« ein Lieblingsbuch von ihm war. Noch im neunzehnten Jahrhundert bildeten die Kosaken freie Räuberrepubliken, in denen sich die uralte Form des Zusammenlebens, die Ebenbürtigkeit aller erhalten hatte. Der Anführer, den sie wählten, blieb der Erste unter Gleichen; auf den Vorschlag eines Beliebigen mußte er zurücktreten, wenn die übrigen zustimmten. Einzig in Kriegsläuften wurde strenge Unterordnung unter den Befehl des Führers gefordert und geleistet. Ein solches Volk war wie ein Wald, in dem jeder Baum ein herrliches Gewächs ist, auf sich selbst ruhend, mit Wind und Wetter kämpfend, jeder ein König und doch im unzertrennlichen Zusammenhang der Gemeinde, wo jeder für alle einsteht und alle für einen. Gogols heroische Dichtung, wunderbar einem Geiste entsprungen, der in unfruchtbarer Mystik erlöschen sollte, hat sich Bakunin tief eingeprägt und sein Denken beeinflußt. Diese Männer, denen die Liebe zum Weibe nicht mehr bedeuten darf als eine kurze Frühlingsmondnacht, deren Leben ausgefüllt ist mit Gefahr, Wagnis und Kampf, Beutezügen und Zechgelagen, in denen mitleidlose Roheit, innigstes Gefühl und über den Tod triumphierende Freiheitsliebe gesellt sind, erschienen ihm als Vorbilder, und ein so verbrausendes Leben schien ihm lebenswert. Wie niederdrückend und beschämend mußte es ihm vorkommen, daß gerade die Kosaken nun ein Werkzeug der Despotie geworden waren, wenn auch immer noch unter sich als Männerrepublik geordnet. In diesem seltsam ungeheuren Reiche gab es nebeneinander unvereinbare Elemente: Neben der alles fesselnden und erstickenden Beamten- und Polizeiwirtschaft konnten in undurchdringlichen Wäldern von schweifenden Menschen fremdartige Abenteuer erlebt werden.

Von diesen Elementen hatte Michael nicht nur durch Lektüre etwas in sich aufgenommen, sondern es war etwas davon in seiner Natur. Er vereinigte alle die charakteristisch russischen Züge in sich: Liebenswürdigkeit, Humanität, Freigebigkeit, Kindlichkeit, Trägheit bei stoßweiser Energie, Hang zu ungeregeltem, vagabundierendem Leben. Dazu kam der Freiheitsdrang und der Stolz, der sich bei den freien Tscherkessen des Kaukasus erhalten hatte. Etwas Wildes und Primitives überraschte aber auch seine russischen Freunde, gerade in Verbindung mit der hohen Kultur, die ihn auszeichnete. Der dem Ausländer als typischer Großrusse erschien, befremdete alle Russen.

Was für Freunde waren diese jungen Russen! Das Einstehen aller für einen und eines für alle, das Michael später so oft als Lebensregel dem herrschenden Egoismus entgegenstellte, ward hier in hohem Grade verwirklicht. Herzens Noblesse ermöglichte Bakunin die ersehnte Reise nach Deutschland; ohne zu zögern, nahm er an, mit einfachen, herzlichen Worten dankend. Es war im Jahre 1840, als er sich von dem schönen Vaterhause, dem vergötterten Vater, den geliebten Schwestern losriß, die ihren Mittelpunkt in ihm verloren. Diese gesicherte Welt, die so viel für ihn bedeutet hatte, versank ganz hinter ihm; frei und vertrauend, magnetisch schicksalhaft angezogen, warf er sich in die verhüllte Zukunft.

5.
Deutschland um 1840

Inhaltsverzeichnis

Frühlingsstürme rauschten um das Jahr 1840 durch Deutschland, durch Europa. Welche Schmach, daß wir Deutschen diese Blüte des Jahrhunderts, mit ihr die edelsten Namen, verleugneten, daß wir nicht etwa nur die Besiegten und Untergegangenen noch bekämpften und verschütteten, sondern sie dem Gelächter oder der Verachtung preiszugeben suchten. Wir, die wir mit dem Jahre 1870 begannen, nannten die großen Gedanken der Freiheit und Brüderlichkeit entweder lächerlich oder verbrecherisch, und während wir uns um Erfolg oder Geld oder, wenn wir ideal waren, um eine literarische Richtung ereiferten, spotteten wir oder entrüsteten wir uns über jene, die auf den Barrikaden der Revolution verblutet waren. Wir besaßen einst eine heroische Jugend, die bereit war, für ihre Götter zu sterben, und starb; nicht nur, daß ihre Zeitgenossen sie einsperrten, marterten und töteten, wir entehrten auch ihr Gedächtnis und zogen ihre Schatten noch in den Staub. Es sollte keine andere Tugend gelten, als vom gesicherten Throne des Besitzes aus die bestehende Macht zu verehren.

Es gibt zwei Geschlechter von Göttern und hat sie immer gegeben: die Götter des Tages und die der Nacht. Die griechischen Götter, welche lachend an der goldenen Tafel des Glückes saßen, waren nicht die einzigen, nicht die wahren, die Griechen wußten das wohl; die echten waren namenlos verborgen im Gewölk, aus dem zuweilen Blitze zuckten und die allmächtige Kraft verrieten, die einst das herrschende Geschlecht stürzen würde. Im Namen der echten Götter wurde immer gekämpft und gelitten; aber es begibt sich mit ihnen wie mit den Göttern des Tages eine seltsame, unheimliche Wandlung. Wenn diese besiegt sind und sich in Rauch aufgelöst haben, darf man die Perücke, die den Würdenträger früher als apollinische Lockenfülle umgab, getrost in die Ecke werfen oder den Zopf abschneiden und mit Füßen darauftreten, man darf sogar das Heilige Römische Reich verspotten, man darf Napoleon fluchen, ja, ein anständiger Mann darf sozialistisch wählen – so wechseln die Ideale.

Wer wüßte nicht, daß Gott die Liebe ist? Der von der siegreichen Kirche auf den Thron gesetzte Herrscher veränderte seine Züge vollständig, aber allmählich und so im Zusammenhange mit den Menschen, daß sie es größtenteils gar nicht bemerkten. Aus dem großen Jehova, dem Allvater, in dessen Händen Segen und Fluch liegt, aus dem ewig aus unerschöpflicher Fülle Schaffenden und Zerstörenden wurde ein Portier im Hotel Europa, der die Aufgabe hatte, für Ordnung zu sorgen in dem Sinn, daß die zahlungsfähigen Gäste es möglichst bequem hatten. Es war ein Portier mit Embonpoint und reicher Livree und so majestätisch, daß man sich ihm ohne ein reichliches Trinkgeld gar nicht zu nähern wagte; seine Witterung für die gesellschaftliche Stellung eines jeden war untrüglich, vor seiner unnahbaren Miene, wenn der Habenichts seinen Nachtsack hereintrug, kam auch der Keckste zum Gefühl seiner Bettelhaftigkeit. Zu einem solchen Portier war allmählich Gott geworden. Dafür, daß er gut gefüttert wurde, mußte er das Bestehende erhalten. Mit ganzen Strahlenbündeln von Heiligkeit wurde das Bestehende überschüttet; es gab kein größeres Verbrechen, keine größere Dummheit, keinen schauerlicheren Irrwahn, als das Bestehende erschüttern zu wollen, ohne noch zu wissen, wie die Geschichtsschreiber hinzuzufügen pflegten, was und wie man wieder aufbauen wollte.

Diese Umwandlung des Herrn der Heerscharen in einen gewöhnlichen Portier erklärt viele Mißverständnisse. Man begreift, daß viele gerade ideal gesinnte Menschen sich lieber Atheisten als Anbeter dieses Gottes nannten. Menschen mit jenem Kinderblick, der erkennt, daß des Kaisers neue Kleider gar nicht vorhanden sind und das Opfer seiner Menschenfurcht im Hemde einhergeht, bemerkten, daß die Majestät am Schalter unmöglich Gott sein könne, der das Licht leuchten ließ und die Erde vom Himmel schied, empörten sich gegen ihn und sagten ihm laut ins Gesicht, sie seien ihm keine Achtung schuldig und könnten ihn sogar hinauswerfen. Je mehr die Anbetung des lebendigen Gottes sie erfüllte, durch dessen Reich die Hotelbewohner hindurchgingen, ohne ihn zu kennen, ohne ihn zu grüßen, ohne sich nach ihm zu sehnen, desto widerwärtiger war ihnen die Majestät an der Hoteltür, und da dieser nun einmal auf den Namen Gott hörte, wurde ihnen der Name verhaßt, und sie vermieden ihn auszusprechen, ja sie merzten ihn geradezu aus, um reine Bahn zu machen. So kam es, daß man von den russischen Nihilisten sagen konnte, ihre Logik sei gewesen: Der Mensch stammt von den Affen ab, darum liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Sie fanden ein trotziges Vergnügen darin, jede Erkenntnis aufzusuchen, die der Kirche, der Bibel, dem Katechismus zu widersprechen schien, und schrieben Gottlosigkeit auf ihre Fahne, womit sie eigentlich Portierlosigkeit meinten.

Der Philosoph, der im Sinne dieser ungläubigen Gläubigen mit der Religion aufräumte, war Ludwig Feuerbach, einer von den hochbegabten Söhnen des berühmten Juristen Anselm Feuerbach. Der Sinn seiner Lehre in kürzester Zusammenfassung war der, daß das, was die Menschen Gott nennen, das Ideal ist, das die Menschheit sich selbst gesetzt hat. Dies wäre höchst wahr gewesen, wenn Feuerbach betont hätte, daß das Ideal nicht etwas ist, was die Menschen machen, was umgekehrt die Menschen macht, so daß die Menschen Objekt sind und das Ideal Subjekt ist, etwas, was im innersten Kern der Menschheit lebt und zur Entfaltung drängt; wenn er hinzugefügt hätte, daß der christliche Glaube darin besteht, daß das in der Menschheit verborgene Ideal in der Person Christi Fleisch wurde so wie andere Ideale von Familien und Völkern in anderen Personen. Der selbstbewußt gewordenen Menschheit entsprach die Verwechslung, die schaffende Idee, von der sie abhängt, für das Geschöpf zu halten. Hatten nun die Theologen recht, den Irrtum, die Menschheit sei selbst Gott, für eine Verirrung zu halten, so übersahen sie ganz, daß, wie fundamental auch der Irrtum war, doch mehr Wahrheit auf Seiten der Irrenden als auf Seiten der herrschenden Theologie war. Denn befreiend wirkte die Feuerbachsche Lehre auf diejenigen, auf welche es überhaupt ankam, durch die Wahrheit, die sie mitteilte, die als sogenannter Pantheismus oder Spinozismus so oft den deutschen Geist magnetisch berührte, daß Gott eine Kraft ist, die nicht von außen, außerhalb der Natur und Menschheit, sondern von innen heraus auf den Menschen wirkt, wenn sie auch den Menschen über sich selbst hinausreißt.

Feuerbach sehnte sich danach, Einfluß zu gewinnen, aber er hatte bei einer leidenschaftlichen Seele die Natur eines Gelehrten. Der allgemeine Beifall hätte ihm vielleicht Schwung gegeben, aber erkämpfen konnte er sich nichts; es war ihm nur wohl in der Einsamkeit, in der Natur, am Schreibtisch. Von den Regierungen hatte er nichts zu hoffen, die öffentliche Meinung war gegen ihn; es war nur ein machtloses Häuflein, das sich um ihn scharte und ihn verstand. Die dreißiger und vierziger Jahre gehörten durchaus der wohlhabenden Bourgeoisie an, die ihren Sieg mit Behagen genießen wollte. Sie war gebildet und duldsam nach oben und unten, nach allen Seiten; sie verstand sich auf den verfeinerten Genuß des Lebens und wollte darin nicht gestört sein. Es war die Blütezeit des Theaters; die Helden der Bühne und ihre Darsteller befriedigten den Drang der Menschen nach dem Außerordentlichen. Man ertrug auch in Preußen den alten König Friedrich Wilhelm III., der sich keinen Dank und keine Anhänglichkeit seines Volkes verdient hatte, mit Hinblick auf seinen bevorstehenden Tod und den verheißungsvollen Nachfolger. Diese gemütliche Stimmung konnte nicht schwer und erstickend werden, weil das unterirdische Klopfen der revolutionären Elemente sie lockerte. Solange es noch fernher tönte, wurde es von vielen gelitten, die es heftig bekämpft hätten, wenn sie es durchschaut hätten. Was für eine lösende Kraft damals von Deutschland ausging, zeigt der Einfluß, den es auf den jungen Jakob Burckhardt ausübte; auch den zu Skeptizismus und Pessimismus neigenden Basler riß eine edle Trunkenheit zu Schwärmerei und Begeisterung hin, so daß es ihm zurückblickend scheinen wollte, als habe er nur damals, unter jungen Menschen, deren Überzeugungen er nicht teilte, gelebt. Es ist merkwürdig, daß der Schweizer den berauschenden Anhauch der Freiheit nicht weniger stark empfand als der Russe.

Wenn liberal denkende Russen die deutsche Grenze überschritten hatten, pflegte sie alles, was sie wahrnahmen, zu entzücken, obwohl der Unterschied in Preußen zunächst noch nicht so augenfällig ist. Gewöhnlich hatte es unendliche Schwierigkeiten und Umschweife gekostet, den Paß zu erlangen, bis zum letzten Augenblicke fürchtete man irgendein Hindernis, nun atmete man endlich frei und leicht. Auch Michael Bakunin empfing von Berlin den angenehmsten Eindruck. Er litt nicht wie Jakob Burckhardt unter dem schlechten Essen und dem beschränkten Raum, in dergleichen Dingen war er leicht zufriedenzustellen: Er rühmte die Theater, die Universität, die Cafés, das billige Leben. Es kam ihm zugute, daß er die deutsche Sprache schon ziemlich beherrschte, bald sprach er sie fließend, wenn auch mit fremdem Akzent. In der Gesellschaft wurde er gut aufgenommen; der alte Varnhagen, der jeden seiner Besuche in seinem Tagebuche vermerkte, verliebte sich fast in den eigenartigen Fremdling. Professor Werder jedoch, der Dozent der Philosophie, an den Bakunin durch Stankjewitsch empfohlen war, enttäuschte. Werder hatte gute Einfälle und konnte die Dinge von einer neuen Seite betrachten, auch in eine gewisse Tiefe gehen, so daß man sich durch seine Vorträge angenehm erregt und erhoben fühlte; aber das befriedigte Michel nicht, wie liebenswürdig und auszeichnend der Professor ihn auch behandelte. Überhaupt gewann er Deutschland gegenüber einen ganz anderen Standpunkt, als er in Rußland gehabt hatte.

Er kannte Goethe, Schiller, Fichte, Hegel, E. T. A. Hoffmann: Sie bedeuteten eine Welt von Schönheit und Freiheit für ihn, in die er sich aus der Welt der Alltäglichkeit und des Zwanges, die ihn umgab, gerettet hatte. Es schien ihm selbstverständlich, daß er den Gehalt dieser deutschen Dichtung im deutschen Leben finden würde; anstatt dessen sah er zahme, vorsichtige Menschen in sauber gepflegter, hübsch verzierter Umgebung, irgendwelchen vorgeschriebenen Beschäftigungen oder einem geordneten, unschädlichen Müßiggang ergeben; vor einer pedantischen, uniformierten, leicht gereizten und knurrenden Regierung sich duckend. Die Gebildeten schwärmten für Goethes Götz und Schillers Räuber, für griechische Freiheit und römische Republiken; aber wenn ihre Ideale ihnen im Leben begegnet wären, so hätten sie sie der Polizei angezeigt oder wären vor ihnen davongelaufen. »Die Deutschen«, schrieb Michel deshalb, »sind schreckliche Philister; wenn der zehnte Teil ihrer reichen geistigen Erkenntnis ins Leben übergegangen wäre, wären sie prächtige Leute; aber bis jetzt sind sie leider ein sehr lächerliches Volk.« Herzen äußerte sich später über die Deutschen, daß sie sich gewöhnt hätten, zu meinen, es sei mit der bloßen Erkenntnis schon etwas gewonnen. Diese Wut, die Dinge zu formulieren und dann befriedigt zu sein, als wären sie schon getan, hat seitdem noch zugenommen. Auch fand er, daß ihr Sybaritismus ihnen im Wege stehe, der nur wegen ihrer geringen Mittel weniger auffalle. In der Tat hängt der Deutsche sehr an seiner häuslichen Gewohnheit und Behaglichkeit, und wenn diese auch nicht in Sekt und Austern, sondern in Kaffee und Butterbrot gipfelt, so ist der Genuß dieser Mittelstands-Sybariten ebenso groß und ebenso einschläfernd als der des lukullischen Schlemmers, ja vielleicht folgenschwerer, weil er das tägliche Leben beherrscht. In keinem Volke ist die Klasse der Spießbürger so zahlreich wie in Deutschland und in keiner Stadt so ausgeprägt wie in Dresden. »Dresden, das Land der Kuchenfresser«, so schilderte es Robert Prutz, »die verwaschenste, farbloseste, butterweichste Generation, die es in Deutschland gibt; Volk wie nasser Schwamm, nicht Welf, nicht Gibelline, bloße träge Maulaufsperrer, die immer noch glauben, das alles geschehe bloß ›draußen‹ und bloß damit sie zu ihrem schlechten dünnen Kaffee alle Morgen eine interessante Zeitung zu lesen haben.« Dahin ging Bakunin, als er von Berlin genug hatte, ohne zu ahnen, wie verhängnisvoll die gemütliche Residenz ihm einst werden sollte.

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