Kitabı oku: «Die Romantik (Buch 1&2)»
Ricarda Huch
Die Romantik (Buch 1&2)
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2021 OK Publishing
EAN 4066338117489
Inhaltsverzeichnis
Teil I. Blüthezeit
Vorrede.
Die Gebrüder Schlegel.
Karoline.
Das Athenäum.
Novalis.
Apollo und Dionysos.
Der romantische Charakter.
Romantische Philosophie.
Die neue Religion.
Schiller und Goethe.
Leben.
Romantische Liebe.
Romantische Ironie.
Romantische Bücher.
Das Märchen.
Symbolische Kunst.
Die alte Religion.
Tod.
Teil II. Ausbreitung und Verfall
Ueberblick
Die Zerstreuung.
Schöne Fremde und heimischer Nord.
Romantische Weltanschauung.
Neue Wissenschaften.
Die romantische Zahl.
Der Mensch in der romantischen Weltanschauung.
Das Thier in der romantischen Weltanschauung.
Romantische Lebensläufe.
Brentano.
E. T. A. Hoffmann.
Die Nachtseiten in der Literatur.
Romantischer Katholicismus.
Die Kunst des Unendlichen.
Romantische Aerzte.
Romantische Politik.
Kampf und Niederlage.
Ausblicke.
Teil I.
Blüthezeit
Inhaltsverzeichnis
Vorrede.
Inhaltsverzeichnis
Es sind jetzt gerade hundert Jahre her, daß eine Geistesrichtung sich in Deutschland zu entwickeln begann, zu der die in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts herrschende einen Gegensatz bildet, die aber seit etwa zwei Jahrzehnten einer Wiedergeburt entgegenzugehen scheint. Deshalb dürfte in unserer Zeit, wo man nach einer vorangegangenen gänzlichen Abwehr der romantischen Ideen sie um sich herum von Neuem aufleben sieht, ein größeres Verständniß dafür möglich sein, als eine frühere Generation haben konnte. In dieser Meinung habe ich das vorliegende Buch geschrieben, das sich den über denselben Gegenstand bereits bestehenden Werken nicht an die Seite stellen, geschweige denn sie verdrängen soll. Denn ich beabsichtige nur den Sinn der Romantik darzustellen, das Denken der Romantiker, wie es aus ihrem Wesen hervorging, und habe deshalb versucht, ein Bild der Menschen, die in Betracht kommen, zu geben, und dann ihrer Ideen.
Meine Quellen waren einzig die Werke der Romantiker, ihre Briefe und sonstiges Biographische mit eingeschlossen.
Während der vorliegende Band das Entstehen und Erblühen der Romantik zum Gegenstande hat, will ich in einem folgenden versuchen, ihr Reifen und Abwelken darzustellen. Er soll die sogenannte jüngere romantische Schule umfassen oder besser gesagt, alle diejenigen Erscheinungen, die die angeregten romantischen Ideen weitergeführt oder irgendwie innerhalb derselben gelebt und gewirkt haben; wobei es mein Bestreben sein wird, nichts Wesentliches zu übersehen.
Ich hoffe, diesen Band nach Verlauf eines Jahres vollendet zu haben.
Die Gebrüder Schlegel.
Inhaltsverzeichnis
Eine Schaar junger Männer und Frauen stürmt erobernd über die breite träge Masse Deutschlands. Sie kommen wie vor Jahrhunderten die blonden germanischen Stämme der Wanderung: abenteuerlich, siegesgewiß, heilig erfüllt von ihrer Sitte und ihrem Leben, mit übermüthiger Verachtung die alte morsche Kultur über den Haufen werfend. Von der scheuen Ehrfurcht vor überlegener Gewalt, die die feine Ausbildung des Römischen Reiches trotz alledem den barbarischen Eroberern einflößte, empfanden freilich die Romantiker nichts. Sie standen den eigenen Vorfahren gegenüber, deren Schwächen sie durch und durch kannten, und deren Vorzüge ihnen wenig imponirten; ihre Bewunderung griff in entlegene Vorzeit zurück, wo sie die Eigenart ihres Stammes rein ausgeprägt zu finden glaubten.
Das sonnige Glänzen junger wandernder Sieger liegt blendend über dem kleinen furchtlosen Trupp. Aber am meisten gleichen sie gerade jenen Stämmen der Völkerwanderung, den blühendsten, genialsten, die in der Fremde, wo sie heimisch zu werden gedachten, früh untergingen, die Frucht ihrer Kämpfe Späterkommenden überlassend. Sie verbrauchten ihre Kräfte in der muthwilligen Verschwendung des ersten Sturmes, kindisch und sorglos schwelgten sie in leichten Siegen über schwächliche Gegner, die sie verachteten, Verspritzten ihr schäumendes Blut ohne Noth, aus Lust des Kämpfens und Ringens, hielten ihren Besitz nicht zu Rathe und dauerten nicht aus. Ueber der freudigen Pracht ihrer Triumphe liegt schwer schattend der frühe, nicht ruhmlose, aber zunächst erfolglose Ausgang und macht sie zu tragischen Erscheinungen.
Derjenige, der als Führer des streitbaren Häuschens angesehen wird, Wilhelm Schlegel, war kein Feldherrngenie, kein Herrscher von Gottes Gnaden, vor dem sich Alles niederwirft, unwillkürlich einer elementaren Macht huldigend. Er war ein Mensch von hellem und weitem, aber fast ausschließlich äußerem Bewußtsein, von Umsicht und Klarheit; es war kein Lodern allgewaltiger Leidenschaft um ihn her, aber ein vielfarbiges, reizendes Raketensprühen beweglichen Geistes blitzte aus seinen Augen. Leicht, elegant, freundlich, ritterlich, als immer bereite Waffe in der Hand den anmuthig geformten Dolch haarscharfen Witzes, so müssen wir uns sein Bild ausmalen, wie er in guter Stunde war. »Das, was ich am Meisten an Dir liebe«, schrieb ihm sein zärtlicher Bruder, »ist am Sichtbarsten, wenn Du glücklich bist.« Jung hätte er sterben sollen, in der Fülle des Gelingens; das war die Tragik des eisernen, folgerichtigen Schicksals für ihn, daß er so lange lebte und das Alter erfuhr, das er sein Leben lang mit ahnender Angst gefürchtet hatte. Dies sich Anklammern an die Jugend war nicht etwa Mangel an Fähigkeit oder gutem Willen, die Dinge ernst zu nehmen. Aus dem tändelnden Jüngling wurde sogar, wenn er arbeitete, ein gelehrter Pedant, als welcher er ja auch in der Erinnerung der späteren Geschlechter fortlebte, die für die »übermüthigen Götterbuben«, wie Wieland die Brüder Schlegel nannte, kein Verständniß mehr hatten. Jetzt immer noch kennt man ihn hauptsächlich als den gründlichen Forscher, den unermüdlichen Uebersetzer, der von sich selbst sagte: »Im Stehn, im Gehn, im Wachen und im Bette, auf Reisen selbst, wie unter'm Schutz der Laren, stets dichtend.« Diese eigenthümliche Mischung von Anmuth, Oberflächlichkeit und Pedanterie beruht auf dem Mangel an Gewicht. Es fehlte ihm an Masse, an dem unbewußten Kern, der die Grundlage des Menschen bildet. Alles läßt sich daraus erklären: in seinen Beziehungen zu den Frauen die Unfähigkeit, große, stätige Leidenschaften zu erregen und zu empfinden. Er suchte und fand viel Neigung der Frauen, liebenswürdig, wie er war, mit dem feuchten Schimmer, der seine glänzenden braunen Augen so anziehend machen konnte; aber nur gaukelndes Schmetterlingsglück, alle Lieblichkeit eines spielenden Jünglingslebens war ihm beschieden, niemals das satte, stolze Genügen einer kraftvollen Natur. Von der einzigen Frau, für die er ein echtes, ernstes Gefühl hatte, soweit er das haben konnte, von Karoline muß man wohl sagen, daß sie ihn niemals wahrhaft geliebt hat. In seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahre schrieb ihm sein jüngerer Bruder warnend: »Ich wünschte nicht, daß Du die Zeit Deiner Jugend und das Jugendliche in Deiner Liebe als Dein ganzes Leben ansähest … Warum wolltest Du das Ende der jugendlichen Liebe als das Ende Deiner Herrlichkeit des Lebens überall betrachten? Sie sollte eigentlich nur den Enthusiasmus in Deiner Seele stark und vollkommen gemacht haben, dessen Gegenstand alsdann im männlichen Alter der Wille und die Gedanken Deines eigenen besseren Selbst sein könnte.« – »Das kannst Du, wenn Du willst«, fuhr Friedrich fort; aber der unglückliche Narcissus, der sein besseres Selbst über dem zitternden Spiegelbild der unstäten Wellen, in das er verliebt war, vergaß, hätte das nicht einmal wollen können. Wenn er nicht der junge, blonde, muthwillige Schwärmer sein konnte, wollte er nicht leben. Er war ganz ohne Größe und darum ohne Fähigkeit, das Große ganz zu erkennen, zu lieben, zu wollen. Das ist der Kern all der zarten und liebevollen Ermahnungen, die Friedrich an ihn richtete: wenn er ihn vor Zerstreuung warnt, die der Tod aller Größe sei. – Größe sei nur mit Concentration aller Kräfte verbunden möglich; wenn er ihn bittet, er möchte sich die Begeisterung nicht schwinden lassen, wenn er fürchtet, es möchte eine gewisse unzufriedene Kälte bei ihm herrschend werden. Wilhelm's »uralter Haß gegen die Vernunft« bildete einen beständigen Streitpunkt zwischen den Brüdern, »seine Idiosynkrasie gegen die Vernunft, das Denken«, die es ihm unmöglich machte, wie Friedrich sagte, das Große, z. B. in Schiller's Person zu verstehen. Unter Vernunft begriff nämlich Friedrich das Vermögen der Ideale; er nannte sie einen Grundtrieb, den nach dem Ewigen. Wenn nun auch Wilhelm dichtete:
»Ich wollte dieses Leben
Durch ein unendlich Streben
Zur Einigkeit erhöh'n«,
so besagt das nichts Andres, als daß er geschmackvoll und klug genug war, um zu wissen, was man thun und sein müsse. Grundtriebe aber besaß er gar nicht, das war eben das Ein und Alles, was ihm fehlte. Auch die peinliche, stets verletzte Eitelkeit, zu der er verdammt war, hatte in diesem Mangel ihren Grund. Es ist eigenthümlich, wie alle eiteln Menschen den Eindruck einer großen inneren Leere erwecken. In dem dunkeln Gefühl, keinen nährenden Kern im Innern zu haben, hungert es sie beständig nach andern Menschen, an denen sie zehren können. Sie gehören nicht zu den guten Menschen, von denen Salomon in den Sprüchen sagt, daß sie von sich selber gesättigt werden. Eitelkeit ersetzt das Selbstbewußtsein; sie ist wie ein Corsett oder Geradehalter, der Einem das Ansehen eines aufrechten, starken Menschen geben soll, eine Art Auto-Suggestion: wenn der Schwache sich nicht überschätzte, würde er aus Mangel an Selbstvertrauen zusammenbrechen. Diejenige Selbstliebe, die Friedrich meinte, wenn er schrieb: »Wer sich selbst liebt, der ist auf dem Wege, etwas Großes zu werden«, die fehlte Wilhelm. Er war wie ein Schiff ohne Ballast, nur auf einem kleinen ruhigen Gewässer zu spielen gemacht.
In den Augenblicken, wo er das Herz hatte, ganz ehrlich zu sein, gestand er sich, daß ihm in der Kunst der schönste Kranz versagt bleiben müsse. Dann brandmarkte er, wie Friedrich sagt, seine Kraft, in die innerste Eigenthümlichkeit eines großen Geistes einzugehen, unmuthig mit dem Namen »Uebersetzertalent«. Was für eine reizbare Empfänglichkeit für das Schöne, welches Verständniß für fremdes Genie, was für ein erstaunliches Sprachgefühl und Gedächtniß mit angestrengtem Fleiße zusammenkommen mußten. damit die unsterbliche Shakespeare-Uebersetzung entstehen konnte, das kann nie genug hervorgehoben werden. Und dennoch – liest man darin, so empfindet, so denkt man an Shakespeare, nicht an Wilhelm Schlegel. Des Dichters Persönlichkeit kann man nur in seinen eigenen Werken suchen. Schlegel's Gedichte belehren uns in feinster Weise darüber, wie aller gute Geschmack und alles Wissen von dem, was schön und nicht schön ist, die geheimnißvoll wirkende Kraft, die blind das Gute hervorbringt, nicht zu ersetzen vermögen. Wie klar sah er, worauf es ankommt. »Unser Dasein«, sagt er gelegentlich, »ruhet auf dem Unbegreiflichen, und die Poesie, die aus diesen Tiefen hervorgeht, kann dieses nicht rein auflösen wollen. Dasjenige Volk, wofür es sich der Mühe verlohnt, zu dichten, hat hierüber, wie über Vieles, die natürliche Gesinnung beibehalten; Alles verstehen d. h. mit dem Verstande begreifen wollen, ist gewiß ein sehr unpopuläres Begehren. Beispiele werden dies einleuchtend machen. Die Bibel, wie sie gegenwärtig in den Händen des Volkes ist, wird nur sehr unvollkommen verstanden, ja vielfältigst mißverstanden, und dennoch ist sie ein äußerst populäres Buch. Von unsern neueren Exegeten zum allgemeinen Verständnisse zugerichtet, würde sie unfehlbar ihre Popularität großentheils einbüßen. Die alten, besonders katholischen Kirchenlieder, voll der kühnsten Allegorie und Mystik, waren und sind höchst populär; die neuen bild- und schwunglosen, vernünftig gemeinten und wasserklaren, die man an ihre Stelle gesetzt hat, sind es ganz und gar nicht. Und warum sind sie es nicht? Weil in ihrer ekeln Einförmigkeit nichts die Aufmerksamkeit weckt, nichts das Gemüth plötzlich trifft und es in die Mitte desjenigen versetzt, was ihm durch förmliche Belehrung nicht zugänglich werden würde. Mit einem Worte, wer für das Volk etwas schreiben will, das über dessen irdische Bedürfnisse hinausgehen soll, darf in der weißen Magie oder in der Kunst der Offenbarung durch Wort und Zeichen nicht unerfahren sein.«
Aber er selbst war kein Magier. Es war nichts, gar nichts Dämonisches in ihm. In seinen Liebesgedichten fehlt der süße Schmelz starker Sinnlichkeit, und nur sein unbestechlicher Geschmack bewahrte ihn davor, anstatt dessen witziger Lüsternheit Raum zu geben, die dagegen in seinen satyrischen Scherzgedichten gern hervortritt. Seine Schwester Charlotte traf ganz das Richtige, wenn sie ihn mit Wieland verglich, indem sie sagte, die beste und wirksamste Kritik eines Autors sei ihrer Meinung nach, in eben dem Fache ein besserer Schriftsteller zu sein, und sie traue Wilhelm zu, auf diese Art gegen Wieland zu Felde ziehen zu können. Fast niemals fehlt ihm Grazie, die freilich zu elegant ist, um die Grazie eines Naturkindes zu sein. Nicht die Anmuth, die aus Kraft hervorgeht, beseelt seine Gedichte; aber es ist doch etwas Schwebendes in ihnen, wie wenn die Naturtriebe mit der Schwere ihres Müssens nicht auf ihn wirkten. Zarte, im Kopf entstandene Empfindungen hauchen leicht vorüber; man kann wohl unmuthig werden über die seifenblasenartige Glätte und Leere dieser angeblichen Leidenschaften; dafür senken sich die Verse auch niemals mit schwüler Schwermuth belastend auf's Gemüth, des Dichters Geistesunfreiheit verrathend. Man möchte ihm einen Erguß heißen irdischen Blutes in die Adern mehr wünschen, er ist wie eine lose, flatternde Blume, in deren zierlichen Stengel die Säfte der Erde nicht hinaufströmen können.
Nur einmal ist er, wie auch Goethe urtheilte, über sich selbst hinausgegangen: in der Zueignung des Trauerspiels »Romeo und Julia«, an Caroline gerichtet, die damals endlich seine Frau geworden war. Mag ihm hier auch seine innige Vertrautheit mit der Dichtung zu Gute gekommen sein, so ist es doch das nicht allein; indem er fein die poetische Weisheit Shakespeare's rechtfertigt, die Romeo und Julia gerade deshalb auf der Höhe des Glückes und der Liebe sterben läßt, damit nicht sie – ein weit herzzerreißender Untergang – ihre Liebe überleben, mochte er die Gefahr mit dunkler Wehmuth ahnen, die in seinem eigenen Wesen und Geschick lag. Kein feindlicher Anblick schreckt Liebe, im Kampfe schwillt ihr Muth, sie schaudert nicht, bei Todten sich zu betten –
»Ach, schlimmer drohn ihr lächelnde Gefahren,
Wenn sie des Zufalls Tücken überwand.
Vergänglichkeit muß jede Blüth' erfahren:
Hat aller Blüthen Blüthe mehr Bestand?
Die wie durch Zauber fest geschlungen waren,
Löst Glück und Ruh und Zeit mit leiser Hand,
Ach, jedem fremden Widerstand entronnen
Ertränkt sich Lieb' im Becher eigner Wonnen.«
Es liegt eine wahre und keusche Trauer in den Versen. Das gedämpfte Herzklopfen einer furchtsamen Wehmuth über die eigene Gebrechlichkeit und Vergänglichkeit, das ist, was er am Wahrsten und Tiefsten in sich durchlebte, und überall, wo das anklingt, berührt uns, wenn auch nur ganz leise, der geheimnißvolle Zauber, der aus den Elementen der Natur und des Menschen dringen kann:
»Nicht bloß die Blume welkt, das Duftgewebe
Der Frühe reißt, entflieht des Lenzes Prangen,
Nicht bloß erbleichen junge Rosenwangen,
Dem Geist auch droht's, daß er sich überlebe.
Wie kühn er erst auf freien Flügeln schwebe,
Dumpf g'nügsam bleibt er bald am Boden hangen.
O wißt Ihr für sein grenzenlos Verlangen,
Weis' oder Dichter, keinen Trank der Hebe?«
Die Mängel in Wilhelm's Natur schlossen freilich auch große Vorzüge ein. Frisch und kräftig befaßte er sich nicht mit Psychologie, schrieb einmal Karoline, was hier als entschiedenes Lob gemeint ist; er zerfaserte nicht das Innere, wie es damals die Darstellungsweise der modernen Schriftsteller wurde, denen es dabei nur selten gelang, eine ganze Erscheinung lebendig vor die Augen zu stellen. »Du bist gewaltig bei Frommann's gelobt worden«, schrieb sie ihm ein ander Mal, »Du könntest, was Du wolltest und thätest, was Du könntest und wärest ein Kleinod von Rechtlichkeit.« Ja, das Kränkliche, Unbestimmte, in's Grenzenlose Ausschweifende der meisten übrigen Romantiker lag nicht in seinem Wesen. Alles, was er schrieb, wenn es auch tiefer und bedeutender hätte sein können, war doch ein Ganzes, abgerundet, hatte Form. Er verfügte über das, was man Mache oder Virtuosität nennt. Eine gewisse Behendigkeit des Handelns und Ausführens machte ihn im praktischen Leben den Gefährten überlegen, die sich zum Theil mit der Unermeßlichkeit ihrer Pläne begnügten. So wurde er der Direktor, Wortführer, Herausgeber, Anordner, Antreiber; so ist er noch jetzt als das Haupt der romantischen Schule bekannt. Als Vorkämpfer des Guten, Neuen und Bekämpfer des Schlechten in der Literatur, hat er jedenfalls unter allen das Meiste geleistet, der unermüdliche Rufer im Streit.
Die Reinheit und Schärfe seines Verstandes, seine unfehlbare Empfindung für das Schöne, wie für das Häßliche und Lächerliche, sein Muth, seine schneidige Kampflust machen viele seiner kritischen Schriften zu kleinen Kunstwerken. Er selber sagte in späteren Jahren, zwischen Ernst und Ironie, von seinen Leistungen auf diesem Gebiete: »Der Kritiker, aus dessen Schriften man hier eine Auswahl gesammelt findet, stand in seinen jüngeren Jahren in üblem Rufe. Man schilderte ihn wie einen Wütherich, einen Herodes, der an einer Menge unschuldiger Bücher nichts Geringeres als einen bethlehemitischen Kindermord verübt habe. Man hat, wie mich dünkt, dem Manne Unrecht gethan. Er hat sein lästiges Amt mit Mäßigung und Schonung verwaltet.« Und wirklich wird man in seinen schärfsten Angriffen fast nie die Höflichkeit des Weltmanns vermissen, der sich selbst zu hoch schätzt, um grob oder plump zu werden. Sein Witz ist zu anmuthig, um nicht die Beleidigung durch die spielende Form zu mildern. Und die unerbittliche Schärfe dem Schlechten gegenüber ist besonders nachdrücklich, wenn das Schlechte überschätzt wird und unverdiente Lorbeeren erntet: er suchte sich gern mächtige Gegner, er machte es sich nicht leicht. Was aber seine Angriffslust um so schätzenswerther macht, ist sein ritterliches Einstehen für das Schöne, das ihm nie entging. Er hatte genug Muth und Zutrauen zum eignen Urtheil, um verborgene, namenlose Talente zu entdecken, verunglimpfte zu vertheidigen; war er doch der Erste, der den jungen Tieck ermunterte und anpries, der Einzige, der sich des unglücklichen Bürger gegen Schiller's allzuharte, verständnißlose Kritik annahm. So erfreulich aber auch diese ernste Würdigung eines großen Todten ist, am Gelungensten sind doch seine übermüthigen Streifzüge in's feindliche Philisterlager. Hier vor Allem findet sich die Urbanität und Festivität des Styles, um die Friedrich seinen Bruder so sehr beneidete, während er »sententiae vibrantes fulminis instar« vermißte.
Eigenthümlich ist es, daß, wenn man noch eben diese Vorzüge Wilhelm's aufrichtig bewunderte, einem doch wieder ein Ausspruch von seiner Schwester Charlotte Ernst in den Sinn kommen kann, die einmal an Novalis über ihre Brüder schrieb: »Wenn sie sich recht strenge selbst prüfen wollten, so würden sie finden, daß nicht allein die reine Liebe zum Guten und Wahren ihre Triebfeder ist, sondern daß etwas Muthwille zu Grunde liegt und eine Eitelkeit, ihre brillant witzigen Einfälle nicht unterdrücken zu können.« Diese Eitelkeit ist vielleicht zu allgemein menschlich, um nicht vollkommen entschuldbar zu sein, und doch ist es so: man weiß, es war ihnen ernst; sie sagten ihre Ueberzeugung, auch wenn es gegen ihren Vortheil war, und trotzdem empfinden wir nicht die Bewunderung und Sympathie, die wir für ein muthvolles und uneigennütziges Betragen haben. Vielleicht hängt es mit dem Gefühl zusammen, als hätten sie nicht so handeln müssen, als sei Absicht dabei gewesen; und man schätzt nun einmal den blinden Trieb zum Guten höher als die löblichste Absicht. Charlotte's Tadel bezieht sich auf beide Brüder; Wilhelm allein eigen – sogar im Gegensatze zu Friedrich – ist eine Eigenschaft, die noch ärgerlicher berührt, als Muthwille oder Eitelkeit; die Correktheit, die über sein ganzes Wesen und alle seine Handlungen ausgegossen war. Schon seine äußere Erscheinung war peinlich correkt, »allerliebst geputzt und gesalbt«, wie Karoline neckend sagte; aber auch das jedenfalls nicht zuviel. Ebenso wenig war jemals etwas an seinem Betragen auszusetzen. Ob Karoline ihm einen Korb gab oder seine Hülfe beanspruchte oder sich von ihm scheiden lassen wollte – er war immer gleich höflich, ohne sich wegzuwerfen, gefaßt und entgegenkommend, ohne frivol zu sein; that, was in seiner Macht stand, um sie zu schonen, ohne zu zögern noch auch zu überstürzen, sowohl ohne Schwäche wie ohne Gewaltsamkeit Einzig in einer gewissen Schärfe des Wesens verrieth sich zuweilen seine Unzufriedenheit. Ebenso im brüderlichen Verhältniß: Friedrich bat ihn nie umsonst um Geld, er war immer hülfsbereit, und zwar ohne seine Gabe durch mehr Vorwürfe und Ermahnungen als nöthig waren zu vergällen; obwohl er viel zu verständig war, um verschwenderisch oder auch nur besonders freigebig zu sein, hätte man ihn doch nicht berechnend nennen können. Mustergültig war auch sein Benehmen gegen literarische Feinde und Angreifer: er bediente sich nur ehrlicher Mittel im Kampf, nie war er falsch oder hinterlistig, die Geringeren beachtete er kaum, sondern stürmte neuen Feinden entgegen. Andrerseits athmete auch die erwähnte Ehrenrettung Bürger's vollendete Tadellosigkeit aus. Kurz man muß immer loben, wie er handelte; und doch ist vielleicht diese einwandfreie Correktheit gerade das, was ihn der wärmeren Zuneigung am meisten entrückt.
Wie ganz anders Friedrich, an dem seinem Freunde Schleiermacher die »Leichtigkeit, mit der er sich bisweilen einem unrechtlichen Verfahren in seinen Angelegenheiten nähert«, auffiel. »Schlegel ist aber eine hohe, sittliche Natur«, setzte Schleiermacher voll Anerkennung hinzu, und es scheint fast, als ob dem ernsten, unbestechlich rechtlichen Geistlichen diese Mischung von hoher Sittlichkeit und moralischer Nachlässigkeit sehr gefallen habe, Wieviel mehr Liebe und Freundschaft erfuhr der stets incorrekte Friedrich als sein Bruder! Wenn Wilhelm der Leichte war – zierlich und beweglich, aber ohne Größe – so war Schwere Friedrich's Wesen. Er sei, sagte seine Gattin Dorothea von ihm, was die Orgel unter den Instrumenten, die Orangenblüthe unter den Blumen, die Pfirsich unter den Früchten; höchst charakteristische Vergleiche für diesen Menschen von imponirender, aber nur schwer beweglicher Masse, der erfüllt war von Gedanken und Gefühlen, von sinnlich-geistigen Schätzen, die aber, allzu tief in den Grund seines Wesens eingewühlt, nur selten, nach den mächtigsten Erschütterungen, gegen die Oberfläche stiegen. Während man Wilhelm beklagen muß, daß er nicht mehr war, möchte man Friedrich vorwerfen, daß er nicht mehr wurde. Denn die Bestimmung zur Größe war in ihm und hatte keinen andern Feind, als seine weibischträge Sinnlichkeit. Bewege, tummle dich, schaffe, handle, möchte man ihm immer zurufen, der nicht viel Andres that als lesen, lesen und lesen. Er las so viel, wie Wilhelm schrieb. Unablässig vermehrte er seine Kenntnisse, häufte Ideen auf Ideen, die seinen schwerfälligen Geist belasteten. Es sei keine Gefahr, sagte einmal Dorothea, daß er jemals an Gehalt zu Geisteswerken verarme, allein die Gefahr sei, daß er an seiner Ideenmasse ersticke. In seiner Constitution lag eine Neigung zum körperlichen und geistigen Fettwerden. Sein großer, runder, priesterlicher Kopf mit den etwas schweren, sinnenden Augen und dem vollen weichlichen Kinn, das sich zu einem doppelten ausbildete, zeigt einen bedeutenden, aber bequemen und sinnlichen Menschen. »Die Männlichkeit seiner Gestalt offenbarte sich nicht in der hervorgedrängten Kraft der Muskeln. Vielmehr waren die Umrisse sanft, die Glieder voll und rund, doch war nirgends ein Ueberfluß. In hellem Licht bildete die Oberfläche überall breite Massen; so beschreibt er selbst mit Wohlgefallen seinen behaglichen Körper. Weniges klingt so aus seinem Herzen gekommen, wie seine Lobpreisungen des Müßiggangs. »O Müßiggang, Müßiggang, du bist die Lebensluft der Unschuld und der Begeisterung; dich athmen die Seligen, und selig ist, wer dich hat und hegt, du heiliges Kleinod, einziges Fragment von Gottähnlichkeit, das uns noch aus dem Paradiese blieb.« Das Sprechen und Bilden sei nur Nebensache in allen Künsten und Wissenschaften, das Wesentliche sei das Denken und Dichten, und das sei nur durch Passivität möglich. Je schöner das Klima, desto passiver sei man. Nur die Italiener wissen zu gehn und die Orientalen zu liegen, am Zartesten und Süßesten habe sich der Geist in Indien gebildet. Das war nicht nur Humor der Uebertreibung; er begnügte sich wirklich mit dem Denken und Dichten und verachtete das Bilden und Ausführen, er hat jedenfalls wirklich unzählige Male »wie ein nachdenkliches Mädchen in einer gedankenlosen Romanze am Bach« gesessen, »gleich einem Weisen des Orients versunken in heiliges Hinbrüten und ruhiges Anschauen der ewigen Substanzen.« Er erinnert an einen jungen Mann, von dem Steffens in seinen Lebenserinnerungen erzählt, er sei so faul gewesen, daß er ein förmliches Studium darauf verwendet habe, auf welche Weise man am Längsten im Stuhle sitzen könne, ohne seine Stellung zu verändern.
Diesem Trägen hatte sein Genius eine beschwerliche Lebensbahn ausgesucht, aber er verstand die weise Absicht, benutzte den Wink nicht. Womöglich ließ er immer Andre für sich arbeiten. Und er hatte eine gewisse zuthunliche Kindlichkeit an sich, die machte, daß es thätige Menschen natürlich fanden, etwas für ihn zu thun.
Die Jünglingsjahre, die Wilhelm so leicht und geräuschlos abliefen, verbrachte er unter peinvollen Zuckungen und Krämpfen seines Innern. Er litt unter einem beständigen Mißklang, den er in sich fühlte, und dessen letzte Ursache war, daß er kein hinreichendes Gegengewicht besaß für sein ungeheures Denkvermögen, für seine Receptivität. Das Vermögen und die Lust, hervorzubringen und zu handeln, worin sein aufgespeicherter Ideenstoff sich hätte verarbeiten können, war Wilhelm allein zugetheilt. So gut wie Friedrich sich seines mächtigen Verstandes bewußt war, wußte er, daß ihm etwas Großes fehlte, welches Etwas er verschieden benannte, sehr häufig aber Liebe, die Seele der Seele. Nicht um Verstand möchte er Gott bitten, sondern um Liebe. Die stets rege, Alles durchschauende Kritik seines Verstandes erschwerte ihm das unbefangene Liebhaben, wonach er doch schmachtete. Je nachdem ob er die reich ausgestattete Seite seines Wesens genoß oder die verkümmerte entbehrte, wechselte ein gerechtfertigtes Gefühl von Ueberlegenheit mit einem Gefühl von Ohnmacht und Einsamkeit, was ihn scheinbar unvermittelt zwischen den höchsten Höhen und den tiefsten Tiefen auf- und abschwanken ließ. Er lebte in einem beständigen Wechsel von Schwermuth und Ausgelassenheit, sagt er in der »Lucinde«. Rührend ist es, wie er zu sein oder auf die Menschen zu wirken wünschte, nämlich so, »daß von meiner Rechtschaffenheit immer mit Achtung, von meiner Liebenswürdigkeit oft und viel mit Wärme geredet würde. Von meinem Geiste brauchte gar nicht die Rede zu sein, oder höchstens sollte man mich verständig finden. Jedermann sollte mich gut nennen, wo ich hintrete, sollte sich Alles erheitern, Jeder sich nach seiner Art an mich schmiegen, und die sich was dünken, mich gnädig anlächeln. Aber längst habe ich bemerkt, welchen Eindruck ich immer mache. Man findet mich interessant und geht mir aus dem Wege. Wo ich hinkomme, flieht die gute Laune, und meine Nähe drückt. Am Liebsten besieht man mich aus der Ferne wie eine gefährliche Rarität. Gewiß, Manchem flöße ich bitteren Widerwillen ein. Und der Geist? Den Meisten heiße ich doch ein Sonderling, das heißt ein Narr mit Geist.«
Wie deutlich sieht man hier, was er war – klug, geistreich, witzig, interessant, bedeutend – und was er nicht war: unbefangen, liebenswürdig, heiter, herzlich. Erstaunlich ist es, mit welcher Schärfe er seine Größe und seinen unersetzlichen Mangel sah: daß er nicht lieben konnte, weder Andre noch sich selbst. »Ich weiß, daß ich gar nicht leben kann, wenn ich nicht groß bin, d. h. mit mir zufrieden. Denn mein Verstand ist so, daß wäre Alles ihm gleich und Harmonie in mir, so wäre ich's schon.«
Das Ideal seines Wesens sah er in Hamlet. Nicht, daß er es ausdrücklich sagte; aber seine Auffassung Hamlet's ist so persönlich, wie man einen fremden Charakter nur vermittels seines eigenen faßt, weil man mit seiner Seele lebt, oder was dasselbe sagen will, ihm die eigene Seele zum Leben leiht. Der Grund zu Hamlet's innerer Zerrüttung, sagt er, liege in ihm selbst, in dem Uebermaß seines Verstandes und dem Mangel verhältnißmäßiger Kraft der Vernunft. Wäre er weniger groß, so würde er ein Heros sein. Seine Unentschlossenheit rühre daher, daß er eine zahllose Menge von Verhältnissen übersehe. »Durch eine wunderbare Situation wird alle Stärke seiner edeln Natur in den Verstand zusammengedrängt, die thätige Kraft aber ganz vernichtet. Sein Gemüth trennt sich wie auf der Folterbank nach entgegengesetzten Richtungen auseinander gerissen; es zerfällt und geht unter im Ueberfluß von müßigem Verstand, der ihn selbst noch peinlicher drückt, als Alle, die ihm nahen. Es gibt vielleicht keine vollkommenere Darstellung der unauflöslichen Disharmonie, welche der eigentliche Gegenstand der philosophischen Tragödie ist, als ein so grenzenloses Mißverhältniß der denkenden und der thätigen Kraft, wie in Hamlet's Charakter. Der Totaleindruck dieser Tragödie ist ein Maximum der Verzweiflung. Alle Eindrücke, welche einzeln groß und wichtig scheinen, verschwinden als trivial vor dem, was hier als das letzte einzige Resultat alles Seins und Denkens erscheint, vor der ewigen kolossalen Dissonanz, welche die Menschheit und das Schicksal unendlich trennt.« Ganz ebenso erschien Friedrich damals seinen Freunden: »Deine urtheilende Idee steht mit Deiner genießenden im Mißverhältniß«, schrieb ihm Novalis. Nur daraus, daß er sich eins mit Hamlet fühlte, krank an derselben unheilbaren Disharmonie, läßt sich seine Meinung erklären, die Tragödie könne unter Umständen augenblicklichen Selbstmord veranlassen. Diese Umstände waren eben die seinigen. »Wenn ich aus dem Wege, den ich in Göttingen ging, beständig mit dem Verstande zu genießen ohne zu handeln, blieb, so hätte er mich in Kurzem zum Selbstmorde geführt. Die Liebe zu einem Gegenstande, der Kampf mit Hindernissen und die Freude des erkämpften Gelingens muß unsern eilenden Geist aufhalten; denn sonst wird diesem Kurzsichtigen die Welt bald zu klein.« Selbstmord war denn auch lange Zeit sein täglicher Gedanke, und er wäre, wie er selbst sagt, diesen Entschluß auszuführen wohl fähig gewesen, »wenn er überhaupt zu einem Entschluß hätte kommen können.«
Ich will anführen, wie er selbst den qualvollen Zustand dieser Jahre, wo er »unthätig und mit sich uneins« war, schildert:
»Eine Liebe ohne Gegenstand brannte in ihm und zerrüttete sein Inneres. Bei dem geringsten Anlaß brachen die Flammen der Leidenschaft aus: aber bald schien diese aus Stolz oder Eigensinn ihren Gegenstand selbst zu verschmähen und wandte sich mit verdoppeltem Grimme zurück in sich und auf ihn, um da am Marke des Herzens zu zehren. Sein Geist war in einer beständigen Gährung; er erwartete in jedem Augenblick, es müsse ihm etwas Außerordentliches begegnen. Nichts würde ihn befremdet haben, am Wenigsten sein eigener Untergang. Ohne Geschäft und ohne Zweck trieb er sich umher und unter den Menschen wie Einer, der mit Angst etwas sucht, woran sein ganzes Glück hängt. Alles konnte ihn reizen, nichts mochte ihm genügen. – Er konnte mit Besonnenheit schweigen und sich in den Genuß gleichsam vertiefen. Aber weder hier noch in den mancherlei Liebhabereien und Studien, auf die sich oft sein jugendlicher Enthusiasmus mit einer gefräßigen Wißbegier warf, fand er das hohe Glück, das sein Herz mit Ungestüm forderte. Und so verwilderte er denn immer mehr und mehr aus unbefriedigter Sehnsucht, ward sinnlich aus Verzweiflung am Geistigen, beging unkluge Handlungen aus Trotz gegen das Schicksal und war wirklich mit einer Art von Treuherzigkeit unsittlich.«
Ohne Zweifel hätte er sich heraufreißen können. »Es ist Trägheit, was uns an peinliche Zustände kettet«, sagt Novalis. Aber träge war er eben; der Elasticität seines Freundes Novalis gegenüber war er wie etwa eine Kuh, vor deren Augen eine Lerche pfeilschnell in die Wolken steigt. Was für goldene Worte wußte er seinem Bruder über den Nutzen eines bürgerlichen Amtes zu sagen: ein vollkommener Querpfeifer erfülle doch sein Wesen, nämlich die Querpfeiferei; wenn er einen guten Pfiff thue, könne er ebenso zufrieden mit sich sein wie Gott, wenn er eine Welt gemacht habe. Durch sein ganzes Leben hindurch zieht sich der Wunsch, ein Amt, einen festen Beruf zu haben, seinem Hange zum bequemen Sichgehenlassen ganz entgegen; und doch wich er gern aus, wenn sich eins bieten wollte. Wenn er seinem Bruder predigte: »Es kommt nur auf dich an, ein großer Mensch zu werden« oder »Laß doch ja nicht die Gottheit aus deiner Brust aus Trägheit allmälig entweichen« oder er solle sein Glück für seine Vortrefflichkeit nützen, so ermahnte er damit eigentlich mehr sich selbst als Wilhelm, für den diese Lehren gar nicht paßten und kaum verständlich sein mochten. Klopstock, Schiller, Luther, Fichte, Männer von frischer Thatkraft, waren die Muster, die er aufstellte, die er groß nannte. An Einsicht konnte es ihm bei seinem umfassenden Verstande nicht fehlen; aber er war wie die Jünger, denen Christus zurief: »Könnet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen? Siehe, der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.«
Das Außerordentliche, das er so lange dunkel erwartet hatte, geschah: er lernte Karoline kennen, und die Liebe, die zerrüttend in ihm gebrannt hatte, weil ihr der Gegenstand fehlte, begrüßte entzückt die endlich Gefundene. Im Allgemeinen waren ihm die Frauen zu platt – denn sie wären noch platter als die Männer, sagte er – um sich mit ihnen abzugeben. Daß er auf diejenigen mit dem Geiste herabsah, die seine Sinnlichkeit mächtig anzogen, war stets die Ursache zu quälenden Conflikten, wenn er mit Frauen in Berührung kam. Damals meinte er, er sei reiner Liebe wohl nur zu Männern fähig. Und die Leidenschaft zu einer Frau, die er als Student in Leipzig durchmachte, war allerdings eine dermaßen verzerrte »armselige Raserei«, daß man ihre Geschichte in seinen Briefen nicht ohne Ekel und Mitleiden lesen kann. Karoline ergriff ihn ganz. Da gab es keine Spaltung in seinem Gefühl, wie es keine in ihrem Wesen gab: seine Freundschaft, seine Bewunderung, sein Urtheil gehörten ihr wie seine blinde Zuneigung. Aber indem er sich seine schrankenlose Liebe gestand, schwur er sich zugleich Entsagung; denn diese einzig verehrte Frau war die Geliebte Wilhelm's seines heißgeliebten Bruders. Nie erscheint Friedrich liebenswerther als damals, wo er, still und anspruchslos verzichtend, sich dankbar des Glückes freute, der heimlich Geliebten, die zugleich Freundin seines Bruders war, dienen zu können, des Glückes zu lieben überhaupt. Durch Karoline fühlte er sich dem Leben wiedergegeben; in der Liebe, die eine positive Thätigkeit des Gemüthes ist, fand er das Gegengewicht gegen den negativen Verstand.
Von dem Zeitpunkt an, wo die Liebe der beiden Brüder, durch das Gefühl für dieselbe Frau nicht aufgelöst, sondern erhöht, einen so schönen Triumph feierte, ging sie ihrem Niedergange entgegen. So langsam allerdings, daß das Verhältniß durch eine Reihe von Jahren noch unverändert blieb, ja sogar in vollerer Blüthe zu stehen schien. Beide, Wilhelm sowohl wie Friedrich, konnten glauben, jetzt dem Höhepunkte des Glückes nahe zu sein. Was er so lange vergebens ersehnt hatte, Freundschaft und Liebe, fand Friedrich reichlich in Berlin, wohin er sich als fünfundzwanzigjähriger junger Mann begab: die Freundschaft Schleiermacher's, die Liebe von Dorothea Veit, der Tochter von Moses Mendelssohn. Ein Bild hoher Freundschaft hatte ihm immer vor der Seele geschwebt; er hielt sich für geschaffen, es zu verwirklichen. »Ich bin nun einmal eine unendlich gesellige und in der Freundschaft unersättliche Bestie«, sagte er von sich selbst. Er konnte durchaus nicht allein sein, nichts allein treiben; er brauchte Jemanden zum Symphilosophiren, zum Symfaullenzen, kurz zum Symexistiren – eine charakteristische Wortbildung, die er sich erfunden hatte und gern gebrauchte. »Mittheilung, Theilnahme, Arm, an dem du wandelst, das wird dir fehlen, und wird dir fehlen, wie es Keinem fehlt«, schrieb ihm Novalis einmal, als er nach einer anderen Stadt übergesiedelt war, wo er Niemanden kannte. Aber der »gute innige« Schlegel hatte einen Teufel in sich, der ihm die liebsten Freunde muthwillig und bösartig verscheuchte. So sagte er Novalis geradezu in's Gesicht, daß er ihn zuweilen verachte, und begriff kaum, daß der Beleidigte diese Erklärung nicht mit seinem Wahrheitsdrange oder seiner Eigenheit »Dolche zu reden«, wenn es die Gelegenheit mit sich brachte, entschuldigte. Später freilich zog sich der Zwist wieder zu; Friedrich's »Zauberkraft auf menschlichen Geist« war so groß, seine kindliche Offenheit und Umgangslust so versöhnlich, daß seine Freunde ihm nicht leicht Etwas nachtrugen. Damals aber führte das Leben ihm Schleiermacher zu, der von allen Männern, die Friedrich nahe traten, ihm die zärtlichste und dauerndste Neigung geschenkt hat.
Mit seinen lebhaften Augen, der Schärfe seines Blickes, die sogar etwas Zurückstoßendes haben konnte, mit seinen streng geschlossenen Lippen, immer überlegt und besonnen, war Schleiermacher ein bestimmter Gegensatz zu dem weichen, behaglich trägen Schlegel. Dieser Verschiedenheit waren sie sich auch wohl bewußt und nannten ihr Verhältniß scherzweise eine Ehe, in der Schleiermacher die Frau war. Mit weiblicher Innigkeit hing der kleine, zarte, etwas verwachsene Jüngling an dem schönen, stattlichen Freunde. Friedrich's Kindlichkeit und Naivetät, die Heftigkeit seiner Wünsche, Neigungen und Abneigungen, ja sogar seine Leichtfertigkeit entzückten ihn. Alles, was Schleiermacher fehlte, hatte Friedrich im Uebermaß. Ein großes Wort habe Friedrich einmal von ihm gesagt, schreibt Schleiermacher, »nämlich ich müsse aus allen Kräften darauf arbeiten, mich immer frisch und lebendig zu erhalten. Niemand ist dem Verwelken und dem Tode immerfort so nah als ich.« Friedrich war eher in Gefahr des Erstickens oder dem Tode durch Ueberfütterung nahe. Ihren Verstand bewunderten sie gegenseitig. Und wenn Friedrich durch seine Natur, durch die Wucht seiner Persönlichkeit imponirte, gestand er selbst wiederum Schleiermacher, obwohl er der Jüngere war, eine gewisse Ueberlegenheit zu, die ihren Grund in seiner Frühreife, Besonnenheit, Zielbewußtheit, seinem thätigen Fleiß, seinem Ernst hatte. Friedrich hatte ein sinnliches, Schleiermacher ein moralisches Uebergewicht. Damit hing zusammen, daß Schleiermacher ganz unkünstlerisch war, was aber nicht störend empfunden ward; denn Ethik, Psychologie, Religion, kurz die Wissenschaft war ein so großes Gebiet gemeinsamen Interesses, daß es an Stoff zu endlosem »Symphilosophiren« nicht fehlte.
Die Freundschaftsehe hinderte aber beide Theilnehmer nicht, auch Frauenliebe zu suchen. Während Schleiermacher einen eigenthümlich geistig-herzlichen Verkehr mit der berühmten Schönheit Henriette Herz pflegte, stürzte sich Friedrich in zügellose Leidenschaft zu der häßlichen Dorothea. Auch Dorothea ergänzte Schlegel: sie war immer thätig, geschickt zu aller Arbeit, ebenso behende zum Schreiben und Schaffen, wie er schwerfällig. Freilich gab es in ihr auch nicht entfernt so viel Gehalt zu verarbeiten. Sie galt für klug und bedeutend; auch dürfte man nicht das Gegentheil von ihr behaupten; aber weder logisch noch tief zu denken war ihre Sache. Daß sie lebhaft, leicht und viel sprach, eine rasche Fassungsgabe besaß, auch gescheidt genug war, um nichts Dummes zu sagen, Nichtwissen einzugestehen und wo es angebracht war, zu schweigen, ließ sie geistvoller erscheinen als sie war. So selbständig sie im Handeln sein konnte, im Denken war sie durchaus abhängig. Grade das machte sie zu einer bequemen Frau für Friedrich. Während sie alles Praktische für ihn besorgte, so viel als möglich für ihn arbeitete, ordnete sich ihr Verstand dem seinigen völlig unter, und da ihre weibliche Hingebung keine Grenzen kannte, wurde er der Gott dieser unschönen, aber liebevollen, strebsamen und temperamentvollen Frau, der gegenüber sein Mißtrauen und seine Empfindlichkeit ihn bald verließen. Sich so bedingungslos angebetet zu fühlen, das war es, was ihm immer gefehlt hatte; daß sie ihm das gab, zog ihn hauptsächlich zu ihr hin; bei ihm vertraten allmälig Dankbarkeit, Bequemlichkeit und Gewöhnung die Stelle der Liebe, soweit sie nicht nur Sinnlichkeit war. Es ist begreiflich, daß fast alle Freunde Friedrich's sich von diesem Verhältniß, auf das Dorothea so stolz war, peinlich berührt fühlten. Ja, vielleicht haben Diejenigen nicht Unrecht, die sie späterhin seinen bösen Dämon genannt haben. Denn mit ihrer blinden Unterwürfigkeit konnte sie nichts als seiner Trägheit Vorschub leisten. Sie hatte jene Affenliebe für ihn, die Müttern als Sünde angerechnet wird; es war nicht sein guter Genius, den sie in ihm erkannte und liebte. Das Temperament seines Wesens, seine gemüthliche Kindlichkeit, die olympische Ruhe, die er haben konnte, hätten ihn nach zwei Seiten führen können: zur heiteren Ueberlegenheit des Weisen und Glücklichen oder zur immer stumpfer werdenden Behäbigkeit eines Haremsweibes. Ohne es zu ahnen, trieb ihn Dorothea den bösen Weg abwärts. Sein durch ihre geistige Unterordnung gelähmter Intellekt trat mehr und mehr in den Dienst seiner stärker anschwellenden materiellen Seite. Sie hätte ihn beflügeln sollen und zog ihn, in der Meinung, sein Wohl zu befördern, mit starkem Gewicht zur Erde.
Wie anders, wie fördernd wirkte Karoline durch die Ueberlegenheit ihres Geistes auf die Männer ein, die ihr nahestanden, obwohl sie nicht weniger thätig und liebevoll war. Man kann sich eines wehmüthigen Lächelns nicht enthalten, wenn man sich erinnert, was für Grundsätze Friedrich in Bezug auf Freundschaft und Liebe hatte. Von keiner andern wollte er etwas wissen, als die auf gegenseitiger Anregung zur Sittlichkeit beruhe. Als Karoline das erste Mal Wilhelm's Antrag zurückgewiesen hatte, tröstete er den betrübten Bruder, indem er ihm rieth, seinerseits sie zu verwerfen und sich dadurch über den Verlust hinwegzusetzen: »Deine Liebe zu ihr war nur Mittel zu einem hohen Zweck, den das Mittel zu zerstören droht. Du hast sie nur gebraucht, und mit Recht wirfst Du sie weg, da sie Dir schädlich wird. Oder weißt Du etwa nicht, daß Du in ihr Dein eigenes Ideal der Größe liebtest?« Und über ihr eigenes brüderliches Verhältniß schrieb er an Wilhelm: »Ich sage Dir aber, daß ich es so mit dir halte, wie Lavater mit Christus, der ihm geradezu erklärt, daß, wenn er ein noch besseres Medium mit Gott findet, er den ersten Platz räumen muß.« Als er Karolinen kennen lernte, entsagte er dem Glück, »aber er beschloß es zu verdienen und Herr über sich selbst zu werden.«
Jetzt berauschte er sich in dem Genuß, dessen Entbehrung so peinlich an ihm gezehrt hatte. Nun hatte er, was er vor Jahren als das Wünschenswertheste hingestellt: die Liebe zu einem Gegenstande, den Kampf mit Hindernissen und die Freude des erkämpften Gelingens; denn da Dorothea verheirathet war, fehlte es nicht an Widerstand und Schwierigkeit von allen Seiten. Da die »Wuth der Unbefriedigung« gestillt war, wurde er liebenswürdiger, zuversichtlicher, froher. Muthig und stolz sah er in's Leben; niemals vorher hatte er eine so rege und fruchtbare Thätigkeit entfaltet. Bis dahin hatte er mit einer Mühseligkeit gearbeitet, die an einem Menschen, der sich selbst zum Schriftsteller bestimmt, etwas Komisches hat. Das elegante, liebenswürdige Sichausströmen Wilhelm's hatte ihm als Ideal vorgeschwebt, wiewohl er sich halb und halb seiner gediegeneren, körnigeren Eigenart nicht ohne Genugthuung bewußt war. Jetzt glaubte er seines Bruders Geschmeidigkeit mit seiner Kraft und Tiefe vereinigt zu haben. Wirklich vollendete er mehrere Aufsätze ästhetischen Inhalts voll neuer Gesichtspunkte, originaler Ideen, weiter Aussichten. Er lud einmal etwas ab von dem großen Haufen angesammelter Entwürfe.
Von langer Dauer war indessen dieser Aufschwung nicht. Nachdem der Kampf vorüber war und das Glück gesichert, sank Friedrich tiefer als vorher in seine Trägheit zurück; eine zunehmende Hypochondrie war die Folge. »Wird er aber schwer über den Dingen«, erzählte Dorothea, »oder die Dinge schwer über ihm, das ist nicht zu entscheiden, aber gewiß ist, daß das Leben ihm sauer wird«; und in komischem inneren Conflikt zwischen praktischer Einsicht und mißverstandenem Idealismus: »Friedrich wird das Dichten immer leichter, dafür aber – soll ich leider sagen? – das eigentliche Arbeiten und alles Geschäft immer schwerer.« An Gründen für seine Unthätigkeit fehlte es ihm nie. Nur blitzartig waren die Augenblicke einer so staunenswerthen Selbsterkenntniß, die ihn einmal zu Wilhelm sagen ließ: »Wußtest Du nicht, daß ich den Mangel an innerer Kraft immer durch Pläne ersetze?« Gewöhnlich schob er Alles auf die Ungunst seiner materiellen Lage. Gewiß ist es, daß für jeden Armgeborenen der Kampf um's Dasein desto härter ist, je mehr er einem ideell-geistigen Leben zugethan, und nicht ohne Bitterkeit kann man die äußere Beschränktheit im Leben eines so hochbegabten Menschen mit ansehen. Aber wo blieben in späterer, besserer Zeit die großen Thaten, die kommen sollten, wenn nur einmal das Gespenst des Mangels und der Sorge von der Schwelle verscheucht wäre? Muß man nicht Karolinens klaren Blick bewundern, die sagte: »Denn Manche gedeihen in der Unterdrückung, dahin gehört Friedrich; es würde nur seine beste Eigenthümlichkeit zerstören, wenn er einmal die volle Glorie des Siegers genösse.«
Seit Karoline und Dorothea neben den Brüdern standen, fing das alte feste Band, durch das sie sich untrennbar vereinigt glaubten. locker zu werden an, und das ist wohl das Traurigste, was sie erleben mußten. Anfänglich war Friedrich, der sechs Jahre jüngere, der unbedingt Aufschauende und Verehrende gewesen, allmälig aber, als der Reichthum und Umfang seines Geistes zur Geltung kam, änderte sich das Verhältniß und Wilhelm empfand ihn als den Stärkeren, den Tonangebenden. In diesem Verkehr einzig war Eitelkeit ganz ausgeschlossen, wo beide gegenseitiger Anerkennung, ja Bewunderung gewiß waren, sich überhaupt als zwei Hälften eines würdigen Ganzen fühlten. Sie wurden inne, wie sie einander ergänzten und wurden nicht müde, es einander zu sagen und sich dieser Blutsfreundschaft und Gemeinsamkeit zu freuen. Sie schwelgten in gemeinsamen Entwürfen und besonders Friedrich war kindlich beseligt, wenn er ihre beiden Namen nebeneinander gedruckt unter ihren brüderlichen Werken lesen konnte. Und diese Einheit und Einigkeit wurde angetastet, nicht durch Feindliches, dessen sie sich hätten erwehren können, sondern durch Frauen, die auch Antheil an ihnen hatten, die ihrem Herzen nahe standen, im Grunde also durch sich selbst. Aber leicht konnten sie von dem Traume ihrer Unüberwindlichkeit im Zusammenwirken nicht lassen. »Ihr seid ein einziges untheilbares Wesen«, schrieb Novalis an Friedrich zu der Zeit, als der Samen der Entzweiung schon gesät war. Mit ängstlicher Besorgniß hielten sie das Kleinod fest, das für sie einen Talisman bedeutete: den Glauben an die innere Nothwendigkeit, den Naturzwang ihrer Liebe. Die romantische Schule selbst ist ein Denkmal dieser Liebe. Der gewichtige Friedrich war der Magnet, der die begabten Freunde anzog, Wilhelm, der Rührige, Helle, Wache, wie Karoline ihn nannte, organisirte sie.
Hoffnungsvoll stand er am Strande, um auf seligen Inseln ein neues Reich der Poesie zu gründen:
Verbrüderte Gefährten seh' ich schweben.
Was schreckte mich, daß ich dahinten bliebe?
Es leuchten wilde Sterne, droht kein Wetter.
So leit', o süße Poesie, mein Leben!
Du Jugend in der Jugend, Lieb' in Liebe,
Natur in der Natur, Gottheit der Götter!
Karoline.
Inhaltsverzeichnis
Wenn über einen Verstorbenen das Urtheil der Zeitgenossen auseinandergeht, Haß und Liebe wetteifern, sein Bild jedes in seinen Farben auszumalen, dann wünschen wir, alle die widersprechenden Zeugnisse einmal vergessen und anstatt dessen einen Blick in das Antlitz thun und ein Wort aus dem Munde vernehmen zu können, die der Tod ausgelöscht hat, damit wir das Geheimniß der Seele daraus abläsen. Wie war sie denn in Wahrheit, diese Karoline, die der große Schiller Dame Lucifer nannte und die so vielen Andern die Einzige, Unvergleichliche war, die unwiderstehlich Alle anzog, auf die der warme, kluge Blick ihres liebevollen Auges fiel? Wenn wir sie selber fragen könnten, würde sie gewiß stolz und freimüthig und klar über sich Auskunft geben, und vielleicht würde sie mit lieblicher, halb scherzender Wehmuth sagen: Seht Ihr es mir denn nicht an, daß mein Herz gut ist?
Sie war nicht eigentlich ein romantischer Charakter mit sonderbaren Mischungen, Dämmerungen, Räthseln, sondern ihr Wesen war die Sicherheit und Ruhe der Harmonie, und es ließe sich auf sie anwenden, was Friedrich Schlegel in seiner »Lucinde« von der kleinen Wilhelmine sagt: »Der stärkste Beweis für ihre innere Vollendung ist ihre heitere Selbstzufriedenheit.«
Sie war die Tochter des Göttinger Professors Michaelis und, im Jahre 1763 geboren, fast noch ein Kind des ancien régime, aufgeklärt und verständig, in ihrer frühen Jugend sogar ein wenig sentimental. Wie sie in einem Brief an ihre Freundin Luise Gotter ihre Verlobung und Hochzeitsfeier beschreibt, bei welcher Gelegenheit man das junge Paar in bekränzte und mit Versen geschmückte Lauben führte, das muthet wie Klopstock und Wieland an. Aber wenn einmal von Zeit zu Zeit ein heller, starker Naturlaut durchbricht, so spürt man, daß diese Merkmale eines ausgehenden Zeitalters ihr nur angeflogen sind durch Beispiel und Sitte, die auf einen harmonischen Charakter stark zu wirken pflegen. So dichtete ja der junge Goethe seine Anfänge ganz im Geschmacke seiner Zeit und mußte erst von Herder auf revolutionäre Bahnen geführt werden.
Karoline begann ihr Leben als Frau des Bergmedikus Böhmer in Klausthal, eingeengt in Wälder und Berge, zurückgezogen in einen beschränkten Kreis, wo sie sich niemals heimisch fühlte. Es war nicht, daß sie großartigere Verhältnisse ersehnt hätte; aber ihre starke Natur verlangte unbewußt nach Geschicken, die sie bilden und entwickeln könnten; denn der Genius des Menschen will immer, was ihn fördert, und bringt sogar Unglück herbei, wenn der Mensch es braucht und daher ein Anrecht darauf hat. Sie war nicht dazu angethan, über sich selbst nachzugrübeln und sich durch wirkliche oder eingebildete innere Conflikte einen Zeitvertreib zu verschaffen; aber sie fühlte deutlich, daß die Ruhe und Gemächlichkeit ihr nicht gut thaten, und eine leise Angst erwachte in ihr, die »edle Thätigkeit« möchte ganz erlahmen, sie könnte träger und träger werden in ihrer Meeresstille und zuletzt abseits liegen bleiben mit stockenden Kräften. Sie war auch deswegen frei davon, sich der Schwermuth hinzugeben, weil die ihr natürliche Weltanschauung war, der Mensch sei bestimmt, zu genießen, mehr als jedes andre Geschöpf, und verfehle seinen Zweck, wenn er es nicht thue. Glücklich zu sein schien ihr, wenn sie es nicht von selbst war, eine Pflicht, und sie versuchte es immer wieder und wieder, wie auch die Umstände es ihr erschweren mochten. Leichtsinn oder Genußsucht war das nicht – wie es sich denn um ein roh materielles Genießen natürlich nicht handelte –, vielmehr eine große, seltene Gerechtigkeit: wenn sie unzufrieden war, suchte sie niemals die Schuld anderswo als in sich. Daß die Welt schön sei, voller Gaben und Segen, war ihr unumstößliches Gefühl; wenn ihr Blüthe und Frucht nicht zufielen, machte sie es sich zur Aufgabe, an einem Zweiglein oder Blatte froh zu werden. Unter gedämpften Thränen lächelnd, suchte sie sich heiter zu erhalten zwischen den ernsten, graden, schwarzen oder verschneiten Tannen des Harzes, mit denen sie nichts anzufangen wußte, las und las in den Büchern, die die Schwester ihr aus der Göttinger Bibliothek durch die Botenfrau hinüberschickte – Romane, Memoiren, Weltgeschichte, verschollene Philosophie und Lebensweisheit und stellte sich wohl auch inmitten der drückenden Einsamkeit vor den Spiegel, nickte ihrem betrübten Bilde zu und rief es ermunternd an: Gräme dich nicht allzusehr, Karolinchen!
Ihres Mannes Rechtlichkeit achtete sie, und die blinde Zärtlichkeit, die ihr junges liebesuchendes Gemüth auf ihn geworfen hatte, hielt sie ängstlich, wie zum Selbstschutz, in ihrem Herzen zusammen. Auch Schwäche mag man es von einem andern Standpunkte aus nennen, diejenige Schwäche, die ihr eigenstes Wesen ausmachte und zugleich ihre Stärke war, daß sie nämlich ohne Liebe nicht sein konnte. Da er nun einmal ihr Gefährte war, wollte sie nicht wissen und sehen, sondern liebhaben, liebhaben, weil sie ohne das nicht hätte athmen und sein können. Da er aber, wie es scheint, viel weniger Umfang des Wesens hatte, als sie Liebesfülle besaß, überschüttete sie mit allem Ueberfluß ihres Herzens die Kinder, die sie bekam, so daß man hätte meinen können, die Mutterschaft wäre ihre einzige Bestimmung gewesen.
Ueberhaupt ist das besonders an ihr zu schätzen, daß sie alle Pflichten, die das Leben mit sich brachte, und alle Gelegenheiten, sich zu bethätigen, wenn es auch geringfügige Haushaltsangelegenheiten waren, gründlich ergriff, und bei allem, was sie vorhatte, so sehr mit ganzer Seele war, daß man jedesmal hätte meinen können, grade dies sei für sie die Hauptsache und grade dafür sei sie geschaffen. Die kleine Auguste freilich war und blieb in Wahrheit die Hauptsache, das seltsame Geschöpfchen, unschön zuerst, aber von immer zunehmendem Liebreiz, wie es bei den Menschen der Fall ist, an deren Schönheit der sich entwickelnde Geist großen Antheil hat, altklug, kindisch, naiv, frühreif, wissensdurstig und vergnügungssüchtig, ein staunenerregendes Durcheinander, mit demselben zärtlich weichen Gesicht und der blumenhaften Neigung des Kopfes, wie es der Mutter eigenthümlich war. Die andern Kinder starben früh, bald nach dem Tode ihres Mannes, der nach vierjähriger Ehe stattfand.
So rauh wurde sie aus dem Gefängniß ihrer kindlichen Jugend erlöst und keinen andern Gebrauch konnte sie zunächst von ihrer Freiheit machen, als daß sie den kleinlichen Kampf mit alltäglichen Familienkümmernissen und überflüssigen Nörgeleien aufnahm; sie kehrte nämlich zu ihrer Familie nach Göttingen zurück. Wie eng und klein die dortigen Verhältnisse auch waren, empfand sie es doch als eine Wonne, frei zu sein und die Flügel weit, so weit sie wollte, ausspannen zu können, und erinnerte sich mit Grauen an die dumpfen Jahre in Klausthal. Jetzt erst gestand sie sich, daß sie sich wie in einen Zwinger eingeschlossen gefühlt hatte. Aber kaum, daß sie es recht inne geworden war, begab sich die Unglückliche freiwillig in neue Sklaverei. Das war eben ihr Fluch – wie vielleicht auch ihr Segen –, daß sie nicht frei sein konnte, daß ihr Herz die Abhängigkeit suchte von etwas Angebetetem. Dieser Hang ihres Herzens konnte, wie sie selbst wohl wußte, sogar für eine Zeitlang ihren hellen, sonst unbestechlichen Geist verblenden, obwohl sie es immer dunkel in sich ahnte, wenn sie auf Irrwegen war. «
Der Mann, dem sich ihre Seele nun mit blinder, schrankenloser Hingebung vertraute, scheint ein problematischer Charakter gewesen zu sein. Der starke Instinkt, der sie so sicher machte, fehlte ihm. Er muß sie wohl auf seine Art geliebt haben und war jedenfalls ein Bewunderer ihrer Vorzüge; aber es wäre möglich, daß die Stärke ihrer Natur, die er an ihr liebte, ihn zugleich beängstigt hätte; denn er griff nicht zu, um sie festzuhalten, die ihm mit dem ganzen Stolze und der ganzen Freudigkeit ihrer Liebe entgegenkam.
Ob er sich ihr nicht gewachsen fühlte und deshalb den Muth nicht hatte, sie besitzen zu wollen, oder ob er überhaupt unfähig war, zu lieben, und nur als ein schwächlicher Egoist eine Weile mit halbwahren Gefühlen spielte, bange von sich selbst, seiner Würde und Bequemlichkeit ein Stückchen zu verlieren – kurz, er ließ sich ihre unermüdliche Liebeswilligkeit und Güte gefallen, reizte sie wohl auch gar und blieb dabei doch in einer spröden Zurückhaltung Mit ihrem vollen Herzen fühlte sie sich fähig, glücklich zu machen, und wollte den, den sie sich erkoren hatte, zu seinem Glücke zwingen. Heirathsanträge, die ihr gemacht wurden, schlug sie um seinetwillen ans.
Damals machte sie die Bekanntschaft des jungen Wilhelm Schlegel, der im Umgange mit Bürger, dem einsamen, vergessenen Greise, seine ersten dichterischen Studien machte, und es läßt sich denken, daß der regsame, vorurtheilsfreie Jüngling eine erquickende Erscheinung für sie war inmitten der dumpfen Herkömmlichkeit oder vorsichtigen Steifheit der Göttinger Honoratioren. Daneben freilich fühlte sie sich ihm gründlich überlegen, und das nicht nur, weil er sechs Jahre jünger als sie war. Für die moderne Richtung in der Literatur mit ihrem, wie man jetzt sagen würde, nervösen, sensitiven Leben hatte sie ohnedies keinen Sinn; der altmodische Gotter, der Mann ihrer Freundin Luise, war für sie, was man nur von einem ordentlichen Dichter verlangen kann. Mit allem Uebermuth ihrer starken, zuversichtlich das Höchste begehrenden Persönlichkeit wies sie den jungen Schöngeist ab, ja, nicht ohne jene Grausamkeit, die nur Verliebte haben, wenn sie völlig in den geliebten Gegenstand versunken sind.
Matt darf sich nun aber nicht vorstellen, sie hätte jemals über einen geliebten Mann wirklich sich und die ganze Welt vergessen. Das brauchte man kaum hervorzuheben und noch weniger zu rühmen. Es möchten leicht mehr Frauen zu finden sein, denen die Liebe Alles war; sie unterscheidet das grade von den meisten, daß sie über ihre Liebe, so groß und hingebend sie auch war, doch die Welt niemals vergaß. Ihr aufmerksamer Geist blieb ihrer blinden, elementarischen Leidenschaft ebenbürtig. Nie verlor sie die denkende Theilnahme an den Menschen und ihrem Thun. Wie klar war aber auch der Spiegel ihres geistigen Auges, mit dem sie die Bilder ihrer Zeitgenossen auffing. Sie konnte auch Vater, Mutter und Geschwister wie Fremde sehen und schildern, nur daß ihr Liebe oder Pietät immer zur Seite standen und wenn nicht ihr Urtheil, so doch den Ausdruck ihres Urtheils beeinflußten. In ihren Freundschaften mit Frauen war nichts Schwärmerisches und Verstiegenes, vielmehr lag eine gewisse Unerbittlichkeit in der Art, wie sie die Freundin ganz nahm, wie sie war, ohne je zu idealisiren; aber wenn sie auch nicht durch Schmeichelei verwöhnte, so beglückte sie umsomehr durch Verständniß, richtige Schätzung und unwandelbare Anhänglichkeit. Jene echte, geniale Kunst des Idealisirens verstand sie aber doch, daß sie nämlich die Menschen als Ganzes sehen konnte, ihr Wesen der zerstückelnden Zeit entreißend und schöpferisch zusammenfassend. Daher haben ihre Schilderungen von Personen, die wenigen Fälle ausgenommen, wo persönliche Leidenschaft ihren Blick erhitzte, die Milde parteiloser Wahrheit, der man unbedingt Glauben schenkt.
Wie deutlich tritt die Gestalt Therese Forster's aus den kurzen Bemerkungen hervor, die sie in Briefen über sie gemacht hat: der glückzerstörende Geist, der in ihrer ganzen Familie wohnt, ihre Unglückssucht, die sich diejenigen, die sie liebt, durchaus unglücklich vorstellen muß, wie sie überall Bitteres findet, wie unerquicklich sie für die Menschen im Allgemeinen ist, wie unendlich viel sie Wenigen sein kann, ihr Zug zur Größe, ihre Energie und Kühnheit. Wie fein und gut ist es, daß sie in Allem, was an Theresen abstößt, die »convulsivischen Bewegungen einer großen Seele« erkennt. Wie Karoline war Therese die Tochter eines Göttinger Professors, des angesehenen Philologen Heyne, und wurde, nachdem ihre Beziehungen zu dem jungen Wilhelm von Humboldt gelöst waren, die Frau des Naturforschers Georg Forster. Für keine Frau hatte Karoline jemals ein stärkeres Interesse. Grade daß diese ringende und unklare Seele von ihrer Harmonie und Güte, die, nach ihrem eigenen Ausdruck, mit solcher Sicherheit am Busen der Natur ruhte und ihr in's Auge sah, so verschieden war, machte sie ihr merkwürdig und anziehend. In ihre thatenlose Einsamkeit kam eine Einladung dieser Freundin, zu ihr nach Mainz überzusiedeln, das sich eben der neuen französischen Republik angeschlossen.hatte. Da war das Element, in dem sie athmen konnte: Leben und Handlung!
Wie eine Erlösung, wie ein Ruf des Schicksals mußte ihr diese Aufforderung erscheinen, ihr, die sich fähig fühlte, »Wunder zu thun und ein widerstrebendes Schicksal durch ein glühendes, überfülltes, in Schmerz und in Freuden schwelgendes Herz zu bezwingen«, und die keine andre Aufgabe vor sich sah, als die Erziehung eines kleinen gutartigen Mädchens, überflüssige gesellige Pflichten und Aufheiterung einer mißvergnügten Familie. Allen Warnungen auch der geliebtesten Menschen zum Trotz zog sie mit ihrem Kinde in die aufgeregte Stadt, in das krampfhafte Treiben eines großen Volkes hinein, wo die wohlmeinenden Freunde ein so leidenschaftliches, liebebedürftiges Geschöpf allerdings für gefährdet halten konnten. Sie indessen pflegte sich auf den Zug ihres Herzens zu verlassen. Mit vollem Bewußtsein that sie es, es war ihr Stolz und ihre Sicherheit. Sie wußte, daß sie sich irren konnte, nie aber sich selbst verlieren. Sie besaß den glücklichen Instinkt der Nachtwandler, die nicht stürzen, wenn man sie nur ruhig gehen läßt Auch die Fehltritte, die sie that, und die Irrwege, die sie wählte, mußten ihr dienen. Um nichts hätte man sie mehr beneiden dürfen, als um dies Talent zur Bildung des Lebens, wenn man diesen Ausdruck gebrauchen kann, das in jedem Schicksal Zuversicht verleiht, weil man im Grunde um den letzten Ausgang nicht besorgt ist. »Vielleicht bin ich wirklich schwer zu einer Entscheidung zu bringen«, sagte sie einmal, »allein ich habe sie noch stets gefaßt, ehe es zu spät war, und mich unverrückt an ihr gehalten. Ich sage nicht heute, ich will dies thun und morgen, ich will ein Andres, und jedesmal so zuversichtlich, als wenn es ewig gelten würde – nein, es malt sich wohl sehr deutlich in meinen Aeußerungen, daß ich nicht weiß, was ich thun soll – bis der Moment kommt.« Scharf prägt sich in diesen Worten eine Natur von denen aus, die stets mehr halten, als sie versprechen, die zu klar bewußt sind, um sich selbst belügen zu können, und deren reiner, starker, nicht zu mißdeutender Instinkt sie schließlich, wenn es nöthig ist, zu handeln, das für sie Angemessene thun läßt.
Es mochte nicht leicht für Karoline sein, zwischen Forster und Therese zu leben, die in entgegengesetzter Weise ihr Interesse in Anspruch nahmen; ihr Verstand erkannte Therese's große Anlagen an, aber ihr Gemüth wurde immer weniger durch sie befriedigt; dagegen mißbilligte ihr Kopf Forster, »den schwächsten aller Menschen«, während ihre weiblich mütterliche Zärtlichkeit ihm vielleicht grade wegen seiner Unkraft nicht anders als liebevoll begegnen konnte, dessen Intelligenz, Bescheidenheit und großmüthige Gesinnung außerdem ihr Herz bewunderte. Das Verhältniß wurde dadurch noch verwickelter, daß gerade um diese Zeit die Ehe sich vollends auflöste, indem Therese, die jetzt behauptete, ihren Mann eigentlich niemals geliebt zu haben, sich gänzlich Huber zuwandte, dem ehemaligen Freunde Schiller's und Bräutigam der Schwägerin Körner's, Johanna Stock. Forster hörte bis zum Tode nicht auf, seine Frau zu lieben oder wie Karoline nicht ohne Geringschätzung es beschrieb, »man würde seine Liebe tödten können, aber seine Anhänglichkeit nicht«. Er habe nicht die Kraft, sich loszureißen, erzählte sie, lebe von Attentionen und schmachte nach Liebe. Nachdem Therese ihr Haus verlassen hatte, wurde Karoline die Trösterin des Unglücklichen. Kurze Zeit hernach traten furchtbare Ereignisse ein; Mainz wurde von den Deutschen belagert und erobert, Forster entfloh nach Paris und Karoline fiel den Siegern in die Hände.
Die Gefangenen wurden als Geiseln auf eine Festung gebracht und mit ausgesuchter Rohheit und Nichtachtung ihrer rechtmäßigen Forderungen behandelt. Karoline's zarte Gesundheit und die Angst um ihr Kind, das sie bei sich hatte, machten ihr alle Leiden und Entbehrungen doppelt empfindlich. Was war aber das gegen die Martern, die ihrem zarten und stolzen Herzen zugefügt wurden! Niemand hatte ihr Verweilen in Mainz, ihren Enthusiasmus für die französische Freiheit und ihre Theilnahme für Forster, den Vertreter derselben, gebilligt, man hatte ihr im Geiste die rothe Mütze der Jakobiner aufgesetzt – und welcher Schlechtigkeit hielt man Jakobiner nicht für fähig? Ueber die Unglückliche und Wehrlose ergoß sich die Verleumdung: sie sollte die Geliebte des französischen Generals Custine gewesen sein, ihre Freundschaft mit Forster wurde nichtsdestoweniger als Liebesverhältniß aufgefaßt, ihr Schwager Böhmer, der auf Seiten Frankreichs war und eine zweideutige Rolle gespielt hatte, wurde für ihren Mann gehalten. Sie konnte nichts thun, als stolz und entrüstet ihre Unschuld betheuern, aber sie that es mit dem Gefühl, daß der Schein gegen sie war. Denn, wie falsch auch die Anklagen waren, die gegen sie vorgebracht wurden, etwas Verhängnißvolles war geschehen: sie erwartete Mutter eines Kindes zu werden, ohne mit dem Vater desselben rechtlich verbunden zu sein, ja, was erst das eigentliche Unglück ausmachte, ohne sich ihm innerlich verbunden zu fühlen.
Man hätte nichts gewonnen, wenn man mit Sicherheit ermitteln könnte, wer der Mann war, dem sich die Einsame so unbesonnen und freudlos hingegeben hatte. Daß sie, die Anschmiegsame, von einem Manne, der sie zu fesseln wußte, hingerissen werden konnte und um seinetwillen Vernunft und Vorsicht hintangesetzt, ist weniger überraschend, als daß Leidenschaftlichkeit ihre hellen Augen so umflorte, daß sie die Unwürdigkeit des Liebhabers nicht erkannte oder übersah; und vielleicht hätte es doch nicht geschehen können, wenn nicht vorher die Pein, einen Mann zu lieben, der sie niemals ganz an sich zog und doch auch niemals entschieden von sich stieß, sie überreizt und im Herzen krank gemacht hätte.
Da sie nun aber allein in die entsetzlichsten Verhältnisse hinausgestoßen war, fand sie ihre ganze Ueberlegenheit, Seelengröße und Hoheit wieder. Das war es gerade, was ihrer Schwachheit das Verächtliche nahm, daß sie bei aller Weichheit die edle männliche Eigenschaft besaß, nach einem Sturze unverletzt aufstehen und ebenso stark und sicher wie vorher ihres Weges weitergehen zu können. Daß sie Liebe gegeben hatte, für etwas, das sie für Liebe genommen hatte und das es auch wohl gewesen war, wenn auch von Seiten eines Schwächlings, war ihr vor sich selbst nichts, dessen sie sich geschämt hätte. Was in ihr vorging, war ihrem klaren Bewußtsein immer ganz übersichtlich und durchsichtig, das verlieh ihr das Unschuldsgefühl derer, die durch keine Lüge in sich befleckt sind, und Festigkeit in schwankender Lebenslage, während Andre oft selbst dann schwanken, wenn der Boden unter ihnen fest ist. Wie sie immer zu thun pflegte, erkannte sie Alles, was geschehen war und was sie gethan hatte, in seiner Folgerichtigkeit und ertrug das Nothwendige, ohne ein außer ihr befindliches Schicksal anzuklagen. Ihr Muth und ihre Kraft wuchsen mit der Gefahr. Man weiß nicht, wie sie es aufnahm, daß der Mann, der so lange der Stern gewesen war, auf den sie gehofft hatte und dem seine Stellung es am ersten ermöglicht hätte, ihr zu nützen, sich zurückzog, wie es den Anschein hat aus feiger Vorsicht, um sich nicht durch Beziehungen zu der verfolgten, politisch anrüchigen Frau bloßzustellen; möglich ist es, daß sie schon vorher mit diesem Traume abgeschlossen hatte. Etwas Bitteres muß es für sie gehabt haben, daß derjenige, der sich am unermüdlichsten ihrer annahm, Wilhelm Schlegel war, den sie in glücklichen Tagen so übermüthig verworfen hatte. Korrekt, wie er im Empfinden und Handeln zu sein pflegte, ritterlich und verliebt, sprang er ohne Bedenken für sie in die Schranken. Nachdem durch das Zusammenwirken mehrerer Freunde und namentlich ihres jüngeren Bruders ihre Befreiung erzielt war, übernahm er es, was fast noch schwieriger war, für ihre fernere Sicherheit zu sorgen. In völliger Abgeschiedenheit, in der Nähe von Leipzig, erwartete sie die Entbindung von ihrem vaterlosen Kinde. Hier lernte Friedrich Schlegel sie kennen, der sie gewissermaßen als Bevollmächtigter und an Stelle seines Bruders besuchte, der einzige Gast, der ihre Einsamkeit unterbrach. Friedrich kannte Karoline schon aus ihren Briefen an Wilhelm, und seine reflektirende Phantasie hatte sich so gut mit ihr beschäftigt, daß er schon ihr Bewunderer war, als er zum ersten Mal vor sie hintrat Nun aber überwältigte ihn ihre Persönlichkeit vollständig; er vermochte nichts Einzelnes mehr zu tadeln, er empfand sie selbst als Ganzes und wurde ganz von ihr ergriffen.
Welchen Eindruck mußte sie aber auch gerade damals machen: in einer so peinlichen Lage doch voll natürlicher Würde, ohne ängstliche Gedrücktheit, bei beständigen körperlichen Leiden doch stets munter, zu Scherz und geistigen Genuß geneigt, auch den Ernst und lebhaftesten Schmerz durch Humor oder kluge Betrachtung mäßigend. Ebenso lieblich wie im Glück, so groß und rührend war sie im Unglück.
Wie ein Wunder erscheint es an dem selbstbewußtem Jüngling, daß er ihren Verstand als dem seinigen überlegen achtete, dazu aber, sagte er, habe sie das, was ihm fehle, nämlich die Seele der Seele: Liebe. Immer und immer wieder, Jahre später, als Bitterkeit, Eifersucht und Mißverständnisse das ursprünglich so reine und schöne Verhältniß getrübt hatten, rühmte er an ihr das Talent zur Liebe, mit dem sie jede Entfremdung überbrücken könne – wenn sie wolle. In der Lucinde hat er die Frau, »die einzig war und die seinen Geist zum ersten Male ganz und in der Mitte traf«, folgendermaßen geschildert:
»Ueberhaupt lag in ihrem Wesen jede Hoheit und jede Zierlichkeit, die der weiblichen Natur eigen sein kann, jede Gottähnlichkeit und jede Unart, aber Alles war fein, gebildet und weiblich. Frei und kräftig entwickelte und äußerte sich jede einzelne Eigenheit, als sei sie nur für sich allein da, und dennoch war die reiche, kühne Mischung so ungleicher Dinge im Ganzen nicht verworren, denn ein Geist beseelte es, ein lebendiger Hauch von Harmonie und Liebe. Sie konnte in derselben Stunde irgend eine komische Albernheit mit dem Muthwillen und der Feinheit einer gebildeten Schauspielerin nachahmen und ein erhabenes Gedicht vorlesen mit der hinreißenden Würde eines kunstlosen Gesanges. Bald wollte sie in Gesellschaft glänzen und tändeln, bald war sie ganz Begeisterung und bald half sie mit Rath und That, ernst, bescheiden und freundlich wie eine zärtliche Mutter. Eine geringe Begebenheit war durch ihre Art, sie zu erzählen, so reizend, wie ein schönes Märchen. Alles umgab sie mit Gefühl und Witz, sie hatte Sinn für Alles, und Alles kam veredelt aus ihrer bildenden Hand und von ihren süß redenden Lippen. Nichts Gutes und Großes war zu heilig oder zu allgemein für ihre leidenschaftlichste Theilnahme. Sie vernahm jede Andeutung und sie erwiderte auch die Frage, die nicht gesagt war. Es war nicht möglich, Reden mit ihr zu halten; es wurden von selbst Gespräche, und während dem steigenden Interesse spielte auf ihrem feinen Gesichte eine immer neue Musik von geistvollen Blicken und lieblichen Mienen.« Zum Schlusse aber hebt er hervor, daß diese Frau voll zarter Poesie, bei jeder großen Gelegenheit Kraft und Muth zum Erstaunen gezeigt habe.
Es ist beklagenswerth, daß auf die höchste Entfaltung der menschlichen Geisteskräfte mit Nothwendigkeit eine Erschlaffung folgen muß, wie denn auch Karoline, nachdem sie eben als Ueberwinderin ihrer Schwäche und der Noth der Welt triumphirt hatte, gerade diejenige Handlung beging, um deretwillen man ihr am ehesten ernstlich zürnen möchte: daß sie nämlich die Ehe mit Wilhelm Schlegel einging. Denn abgesehen davon, daß sie in späterer Zeit selbst erklärte, ihn weniger aus Liebe geheirathet zu haben, als auf den Wunsch ihrer Mutter hin und um sich und ihrem Kinde eine gesicherte Lebensstellung zu geben, wie könnte man glauben, daß sie den Mann wirklich liebe, von dem sie sechs Jahre vorher gesagt hatte; »Schlegel und ich! ich lache, indem ich es schreibe! Nein, das ist sicher – aus uns wird nichts!« Ja, selbst wenn man betonen wollte, welche Veränderungen sechs Jahre im Menschen hervorbringen können, wieviel die Zeit hier wirklich verändert hatte; daß die Ehe so bald sich wieder auflöste, beweist doch, daß eine innere Zusammengehörigkeit sich nicht ausgebildet hatte. Sich aber halb aus spielender Verliebtheit, halb aus Bequemlichkeit in Liebe hineinzulügen, ist doppelt sündhaft für eine Frau, die sich das Recht nimmt, dem Instinkte ihres Herzens, wie wenn es eine heilige, unbestechliche Stimme wäre, sich anzuvertrauen, was auch das Urtheil der Welt dagegen sagen möge. Im Geheimsten war sie sich dieses Unrechts auch wohl bewußt, denn alle ihre Aeußerungen über ihre Verlobung den Freunden gegenüber scheint ein Gefühl von Verlegenheit zu lähmen.
Was Alles andrerseits ihren Schritt entschuldigen und erklären kann, ist so selbstverständlich, daß ich es nur flüchtig anzudeuten brauche. Sie hatte Ursache, Wilhelm dankbar zu sein, der sich so umsichtig, so thatkräftig, so selbstlos ihrer angenommen hatte, und Dankbarkeit macht das Herz für Liebe empfänglich Die Lage war so, daß sie die Bedrängte und Hülflose, er der Beschützer war, was ihm ein Ansehen von größerer Männlichkeit und Ueberlegenheit verlieh, als er in Wirklichkeit besaß. Dazu kam noch Eifersucht auf die holländische Sophie, deren Liebe Wilhelm über Karoline's Härte getröstet hatte, welches Gefühl er nicht ohne kokette Sprödigkeit, vielleicht auch seinerseits aus Eifersucht auf den Vater des neugeborenen Kindes reizte. Man braucht nicht zu bezweifeln, daß sie in den »anmuthigen Freund«, der so jung, hübsch und unternehmend war, sich verliebt habe; der uneigennützige Friedrich behauptete »kolossalisch verliebt«. Die Hauptsache war, daß sie ohne Liebe nicht sein konnte, und daß der Rechte nicht zur Stelle war.
Es sollte sich aber an ihr rächen, daß sie aus Furcht vor dem Alleinsein und vor dem Kampfe des Lebens eine Verbindung geschlossen hatte, in der man sein ganzes Selbst auf's Spiel setzt. Sie lebte nun in Gemeinschaft mit einem Manne, den sie trotz aller seiner Talente und geistigen Vorzüge übersah, nicht daß sie klüger oder edler oder verständiger gewesen wäre, sondern durch ihre allgemeine Wesensreife, die vorgerückter war als seine. Und als nach kurzer Zeit ein Mann in ihren Kreis trat, von dem auch wir zum ersten Mal das sichere Gefühl haben, daß er ihr nothwendig, ihr bestimmt war, Schelling, war sie gefesselt und fand sich durch eigene Unbesonnenheit und Schwäche in schreckliche äußere und innere Conflikte verstrickt. Bei alledem, wie erfreut man sich gerade dann an der unbezwinglichen Frische ihrer Natur, die kein Zweifel an sich selbst und der Wahrheit ihrer Empfindungen ankränkelte. An den um ihre Fähigkeit zur Treue sich sorgenden Freund schrieb sie:
»Spotte nur nicht, Du Lieber, ich war doch zur Treue geboren, ich wäre treu gewesen mein Leben lang, wenn es die Götter gewollt hätten, und ungeachtet der Ahndung von Ungebundenheit, die immer in mir war, hat es mir die schmerzlichste Mühe gekostet, untreu zu werden, wenn man das so nennen will, denn innerlich bin ich es niemals gewesen. Dieses Bewußtsein aber von innerlicher Treue hat mich oft böse gemacht, hat mir erlaubt, mir wagend zu erlauben; ich kannte das ewige Gleichgewicht in meinem Herzen. Konnte mich etwas Andres vor dem Untergang in meinem gefahrvollen Leben bewahren, als dieses Höchste? Und wenn ich mir Verzweiflung bereitet hätte in der Verzweiflung der von mir Geliebten – ja, ich würde im Schmerz darüber verzweifeln, im Gewissen nicht, niemals könnt' ich wie Jakob ausrufen: Verlasse dich nicht auf dein Herz. Ich müßte mich verlassen auf mein Herz über Noth und Tod hinaus und hätte es mich in Noth und Tod geleitet.«
Man fühlt, daß es keine Redensarten sind; das glaubt man. Sie war treu, weil sie sich selbst treu war und, was für Umwege sie auch einschlug, die rechte Richtung unerschütterlich im Sinne behielt. So bekommt man ein Vertrauen, daß wohl auch die Umwege nothwendig und zu irgend etwas nützlich und dienlich waren.
Haben aber alle Worte Karoline lebendig machen können, so wie sie war? Wo ist ihr schalkhafter Muthwillen, das unfehlbare Schicklichkeitsgefühl, mit dem sie das Ernste, das keinen Scherz ertrug, ernsthaft behandelte, wo die schlichte Würde, mit der sie jede Verleumdung und jedes Vorurtheil der Uebelwollenden oder schlecht Unterrichteten entwaffnete, die kluge Bescheidenheit, mit der sie die Grenzen ihrer Natur erkannte? Nichts von Allem ist doch so wundervoll, wie die Unschuld ihres Selbstbewußtseins, das auf der zweifellosen Ueberzeugung von der ursprünglichen Güte ihres Herzens beruhte. Es ist, wenn sie von dem sanften Muthe ihres Herzens spricht, der sie wegtrage über die dunkelsten Stunden und drohendsten Gefahren, als freue sie sich dankbar eines schönen treuen Gesellen in ihrer Brust, des holden Genius, der ihr innewohnte. Nachdem sie den größten Schmerz ihres Lebens erfahren, ihr Kind verloren hatte, las sie einmal, daß im Homer die Worte vorkommen sollten: Die Herzen der Guten sind heilbar, und bat ihren Mann, ob er nicht die Stelle für sie aufsuchen wolle. »Denn im Homer«, schrieb sie, »habe ich das niemals gefunden, bloß in meinem eigenen Herzen.«
Das Athenäum.
Inhaltsverzeichnis
Der Buchstab' ist der echte Zauberstab.
Friedr. Schlegel.
In dem lieblichen Thale der Schwarza hatte sich im Sommer 1799 der junge Norweger Steffens, Studirender der Naturwissenschaft, der Philosophie, der Literatur und alles Neuen und Schönen, gelagert und las Fichte's Wissenschaftslehre und das Schlegel'sche Athenäum. Daß Fichte und Goethe die Brennpunkte der neuen Zeit seien, hatte er im Athenäum gelesen; Goethe war der Genius seiner Jugend gewesen, Fichte aber ihm bis dahin unbekannt geblieben. Nun vertiefte er sich in die Kunst des abstrakten Denkens, was ihm auch nach einiger Bemühung so wohl gelang, daß er sich im Bannkreise des sich selbst setzenden Ich ziemlich heimisch fühlte. Aber seltsam war es ihm doch, wenn er aufblickte, das Gebirge, die Bäume, die Vögel und die Sonne in ihrem strahlenden unwiderleglichen Dasein zu sehen. Nichts erwähnt er von einem solchen Gegensatz der Natur zum Athenäum, wiewohl es durchaus ein Geschöpf des bewußten Geistes ist: das riß ihn hin und zwar, wie er sagt, durch den mächtigen Geist der Einheit des ganzen Daseins, der wie ein frischer Lebensstrom darin wehe und alle Wissenschaften in eine zusammenzufassen suche.
»Der Bildung Strahlen all' in Eins zu fassen,
Vom Kranken ganz zu scheiden das Gesunde,
Bestrebten wir uns treu im freien Bunde«
sagte Friedrich Schlegel in dem Gedichte, das er das Athenäum betitelte; zum Beweise, daß die Leidenschaft zur Einheit wie die Seele der ganzen Romantik so auch die des Athenäums war oder sein sollte.
Wer die vergilbten, altfränkischen Bände des Athenäums aus einer Bibliothek sich holt und von außen betrachtet, kann es sich kaum vorstellen, daß ein Jüngling, im kühlen, sommerlichen Walde sitzend, sich aus diesen Blättern einen Rausch der Begeisterung las; daß sie einmal so modern und aufsehenerregend waren wie jetzt etwa die »Jugend«, nein, viel mehr: eine Fahne der Revolution, von jungen, wagemuthigen, hoffenden Menschen unter Lachen und Jubel geschwungen. Das sollte mit einem Male eine Lücke reißen in die Mauern der Philisterburg! Und dann wollten sie hinterdrein stürmen und sich erobernd in die dämm'rige, dumpfe Höhle werfen. Wie Feuerbrände sollten die phantastischen Einfälle in die steifen, breitspurigen Gassen fliegen und zünden.
Wer das ausgeheckt hatte unter unzähligen andern Entwürfen, das war natürlich Friedrich, während er in Berlin nach langem Darben der ersten Jugend in Freundschaft und Liebe schwelgte. Von seinem faulen Freunde in Kopenhagen, für den die bequemste Stellung ein Studium war, erzählt Steffens, daß er der geistig Angeregteste unter ihnen Allen gewesen sei; aus seiner körperlichen Unbeweglichkeit heraus habe er stets die ganze Gesellschaft in Athem gehalten. Ebenso verhielt es sich mit Friedrich; damals aber namentlich war er durch und durch von Begeisterung beseelt, von einer gründlichen, nachdrücklichen, massenhaften Begeisterung. Mitten in seiner philosophisch-ästhetischen Abhandlung über das Studium der griechischen Poesie und in einem Aufsatz über Lessing steckend, erübrigte er Zeit, den Plan für die neue Zeitschrift zu entwerfen und einen Namen zu ersinnen für die herrliche Waffe, die sie schmieden wollten. Herkules sollte sie heißen, sei es wegen der Schlangen, die der Heros in der Wiege erwürgt oder weil er den Augiasstall gereinigt hatte, dann wieder schlug er Dioskuren vor oder Schlegeleum; denn der verbrüderte Geist von Wilhelm und Friedrich sollte das Ganze regieren. Aber großherzig entsagungsvoll, wie man ist, wenn es sich um die Verwirklichung einer Lieblingsidee handelt, gab er nach und ließ sich das Athenäum gefallen.
Nun aber galt es, den eigenen Enthusiasmus dem Bruder einzuflößen, der dem fremden Plane gegenüber gar nicht so rührig war, wie er sonst zu sein pflegte, auch vielleicht ein nicht unbegründetes Mißtrauen gegen Friedrich's Entwurfsfieber hatte. Etwas Neues und Gründliches über Lessing war Friedrich selbst im Begriff zu schreiben; ein entscheidendes Wort sollte über Goethe gesagt werden; Wieland hinzurichten sollte Wilhelm übernehmen. Aber vor allen Dingen eine Fülle von Ideen! Wir sind jetzt gewohnt, in jeder Tages-, Wochen- und Monatszeitung eine Fülle von Aphorismen zu finden, meistens Lückenbüßer, die einen allgemeinen, wohlbekannten Gedanken nett zugespitzt ausdrücken und so, vertraut und doch überraschend, bequem eingehen. Damals war das etwas Neues und Friedrich glaubte, die Anmaßung, die darin zu liegen schien, entschuldigen zu müssen. Ganze Werke zu schreiben, sagte er, sei freilich ungleich bescheidener, weil sie ja wohl bloß aus andern Werken zusammengesetzt sein könnten, und weil den Gedanken im schlimmsten Fall die Zuflucht bliebe, der Sache den Vorrang zu lassen und sich demüthig in den Winkel zu stellen. Aber Gedanken, einzelne Gedanken seien gezwungen, einen Werth für sich haben zu wollen und müßten Anspruch darauf machen, eigen und gedacht zu sein.
Eigen und gedacht waren seine Ideen wirklich, die »Feuerluft aus Friedrich Schlegel's Laboratorium«, wie Goethe einmal sagte; keine angeflogene, schillernde Einfälle, sondern hartschalige Nüsse, die man oft mühsam aufknacken und abschälen mußte, eh' man sie genießen konnte. Sie waren das Ergebniß langen, gründlichen, philosophischen Nachdenkens und ohne energisches Mitdenken des Lesers durchaus nicht zu verstehen. Darin liegt ihr Reiz. Man sieht, es hat sich da ein Denker, um sich den Vorrath seines Bewußtseins klar und übersichtlich zu machen, eine Reihe von Ausdrücken geschaffen, die man, durch gründliches Studium oder besser durch eine gewisse Verwandtschaft der Anschauung, in sich erleben muß, wenn man sie ganz würdigen will.
Es ist auffallend, wie das Fragment die für Friedrich geeignete Form zu sein scheint. Man kann sagen, die Fülle seiner Ideen sei zu schwer gewesen, oder seine Gestaltungskraft habe nicht ausgereicht, eine größere Masse zu formen. Denkfaul war er keineswegs; aber es war ihm bequem, sein bloßes Denken, roh, unverbunden, wieder zu geben, nebeneinander gestellte Steine, damit wer Lust habe, sich ein Haus daraus baue. Wegen dieses Hanges, sich fragmentarisch auszudrücken, liebte er den Vergleich mit Lessing; Lessing'sches Salz sollten seine Ideen sein gegen die geistige Fäulniß – Randglossen zum Texte des Zeitalters. Aber Lessing's Fragmente waren Splitter, die bei einer Riesenarbeit abfielen; Friedrich's Fragmente sind Schnitzeleien, auf die er sein höchstes Können verwendete. Das setzt freilich die Fragmente selbst nicht herab; als eigen gedachte Gedanken haben sie ihre Unsterblichkeit.
Von der umgebenden Welt ganz abgesondert und in sich selbst vollendet wie ein Igel sollten die Fragmente sein, sagte Friedrich und charakterisirte damit allerliebst seine berüchtigten Paradoxen. Man muß jedes als ein Reich für sich nehmen, voll Stacheln, aber inwendig schön ausgestattet, sauber und wohnlich. Wilhelm und Karoline gingen beim Frühstück die vielen Hunderte Friedrich'scher Ideen durch, die er ihnen zur Einsicht schickte, und hielten es für nöthig, wenn ihnen etwas gar zu paradox, stachelig oder schwerverdaulich schien, das Veto einzulegen, zu dem die beiden Gründer berechtigt waren. Er hat die Vetoscheu, sagten sie, als er bald darauf über Kranksein klagte. Bei aller Ehrlichkeit und Unerschrockenheit im Kampf hielt Wilhelm, als Professor in Jena, eine gewisse Vorsicht und Rücksicht doch für geboten; Karoline war ohnehin nie für das Extreme. Friedrich war empfindlich und entrüstet; wenn man eine Meinung habe, solle man sie unterdrücken, weil man nicht sicher sei, ob Goethe lächeln oder die Stirn runzeln werde? Indessen versprach er um des Gelingens Willen schließlich Alles: es sollte gewissenhaft vermieden werden, was »an Schiller grenzte«, nicht einmal über Agnes von Lilien, den Roman seiner Schwägerin, sollte ein Wort fallen. Dagegen mußte Karoline alle seine früheren Briefe durchlesen, um »sittliche Fragmente« zu suchen, woran es noch mangelte, ebenso ihre eigenen und die seines Bruders. Denn nichts lag Friedrich ferner, als etwa das Athenäum mit seinem Geist allein beherrschen zu wollen: es sollte eine große Symphonie verwandter Geister sein. Ob er selbst einsah, daß, wie Wilhelm und Karoline sagten, der Frédéric tout pur unverdaulich wäre, jedenfalls war er der erste, der auf esprit de Wilhelm, esprit de Karoline, esprit de Schleiermacher drang, damit jene Universalität entstehe, die er in jeder Erscheinung, auf jedem Gebiete suchte. Sein Freundschaftshunger hatte die Romantiker gesammelt; unermüdlich betonte er die Nothwendigkeit, daß die Gebildeten sich zusammenthun und eine unsichtbare Kirche bilden müßten, da der Einzelne nichts Großes ausrichten könne. Die Künstler, sagt er in den Fragmenten, sollen zusammentreten als Eidgenossen zum ewigen Bündniß; eine Hanse bilden wie die Kaufleute im Mittelalter. Ihm selber entwickelten sich die Gedanken vorzüglich im Gespräch und im Briefwechsel. Dessen war er sich bewußt; ohne die Freunde glaubte er nichts, mit ihnen Alles leisten zu können. Tieck, Novalis und Schleiermacher führte er seinem Bruder zu und warb sie zum Mitwirken am Athenäum an. Novalis sollte philosophische und chemische Beiträge geben, Karoline persönliche, Schleiermacher ethische, Wilhelm ästhetische. Und so ist denn das Athenäum wirklich ein Zusammenklang der verschiedensten Individuen geworden, die nur darin Eins waren, daß sie die Wahrheit suchten und an den Geist glaubten. Bald sehen uns die reinen, scharfen Augen Schleiermacher's daraus an, bald die zum Himmel schwärmenden des frommen Novalis. Von ihm sagte Friedrich, er dichte in Atomen. Seine Aussprüche schweben wie Leuchtkugeln auf in schönem Schwunge, eine sanfte Helligkeit über den dunkeln Himmel verbreitend und still ausathmend, ehe man sich ihrer deutlich bewußt geworden ist.
»Wir sind dem Aufwachen nahe, wenn wir träumen, daß wir träumen.«
»Der Tod ist eine Selbstbesiegung, die wie alle Selbstüberwindung, eine leichtere Existenz verschafft.«
Man ahnt einen unergründlichen Gehalt in den Worten und möchte ihn fassen; aber zugleich hauchen sie eine Musik aus, der man sich mit geschlossenen Augen hingeben möchte, ohne zu untersuchen.
Schärfer und bestimmter ist, was Schleiermacher giebt; fast Alles berührt das Psychologische, wie sein durchdringender Blick es zu Tage förderte. Man erfreut sich an der feinen Beobachtung, an der unbeugsamen Wahrheitsliebe, mit der er Folgerungen zieht und keinem Schlusse ausweicht; aber da ist keine zitternde Oberfläche, unter der unermeßliche Tiefe lockt, keine blaue Ferne, kein süßes Dunkel, das geheimnißvollen Urwald ankündigt. »Was oft Liebe genannt wird, ist nur eine eigene Art von Magnetismus. Es fängt an mit einem beschwerlich kitzelnden en rapport Setzen, besteht in einer Desorganisation und endigt mit einem ekelhaften Hellsehen und viel Ermattung. Gewöhnlich ist auch Einer dabei nüchtern.«
An ihrer zierlichen Geschliffenheit und der Weltlichkeit ihres Inhalts erkennt man Wilhelm's Zuthaten. Er bezieht sich niemals, wie die eigentlichen Romantiker zu thun pflegten, auf das Unendliche; sondern beschränkt sich auf ein bestimmtes Werk, irgend eine bestimmte Erscheinung, die er richtig und hübsch beleuchtet. Seine weltmännische Correktheit und Urbanität verhindert ihn, in Gesellschaft sich anders als allgemein verständlich und vermittelnd auszudrücken.
Friedrich's Geist ist im Athenäum der verbindende Goldgrund des farbigen Gemäldes. Jeden angedeuteten Gedanken verfolgt er bis in seine äußersten Folgen und sammelt alle zu Systemen oder wenigstens System-Projekten. Man erfährt hier die anregende Kraft, mit der er lebend so Viele an sich fesselte, und die vielleicht hauptsächlich darin besteht, daß sein gewaltiger Hang, sich über die Welt klar zu werden, uns wie ein langsam fließender, aber starker Strom ergreift und mitreißt; wie Schwärmereien sich epidemisch mitheilen, so entzündet seine philosophische Wuth seine Zuhörer zum Kreuzzuge nach dem heiligen Grabe des Welträthsels.
Ein majestätischer Idealismus ist die Weltanschauung, die das Athenäum proklamirt. An allem Aeußerlichen, das der Mehrzahl der Menschen wichtig dünkt und sie beschäftigt, wird mit großartiger Nachlässigkeit vorübergegangen, oder das innerliche Wesen wird daraus hervorgesucht und dadurch die Alltäglichkeit ihren Verehrern entfremdet und auf eine hohe Stufe gerückt. »Nicht in die politische Welt verschleudre du Glauben und Liebe, aber in die göttliche Welt der Wissenschaft und der Kunst opfere dein Innerstes in dem heiligen Feuerstrom einiger Bildung.«
Wissenschaft und Kunst werden von Friedrich einmal geradezu den Göttern und der Unsterblichkeit gleichgesetzt. Als der höchste Vorzug der Deutschen wird ihr Idealismus hingestellt. »Nicht Hermann und Wodan sind die Nationalgötter der Deutschen, sondern die Kunst und die Wissenschaft.« Was für ein hochschwellender vaterländischer Stolz liegt in diesem Bekenntniß; wie fern aber von eitler Ueberhebung; denn: »es giebt nur wenige Deutsche.« Aber der Charakter der großen deutschen Künstler aller Zeit sei rechtlich, treuherzig, gründlich, genau und tiefsinnig, dabei unschuldig und etwas ungeschickt; nur der Deutsche treibe die Kunst als eine Tugend und als Religion. Als die größten Vertreter deutscher Kunst und Wissenschaft zählt Friedrich auf: Kepler, Dürer, Luther, Jakob Böhme, Lessing, Winkelmann, Goethe und Fichte, alles Männer, die durch Geist und Charakter zugleich hervorragen. Auch wird absichtlich kein Unterschied gemacht zwischen Künstlern oder Denkern und großen Menschen; rauscht doch das Motto: Einheit und Ganzheit beständig dem marschirenden Heere voran wie eine Musik von Trompeten und Trommeln, ein heroisches Feldgeschrei.
»Universalität ist Wechselbethätigung aller Formen und Stoffe.« So wurde das Gemeinschaftliche in den verschiedenen Künsten gesucht, im Gegensatz zu Lessing, dessen sondernder Verstand ihre Grenzen feststellte. In der Dresdener Galerie hatten Wilhelm und Karoline Betrachtungen über die bildenden Künste angestellt, die sie zu einer Gabe für das Athenäum unter dem Titel »die Gemälde« anmuthig verarbeiteten. Da heißt es: »Und so sollte man die Künste einander wieder nähern und Uebergänge aus einer in die andere suchen. Bildsäulen beleben sich vielleicht zu Gemälden, Gemälde werden zu Gedichten, Gedichte zu Musik, und wer weiß? so eine herrliche Kirchenmusik stiege auch einmal wieder als ein Tempel in die Luft.« Und noch einmal in einem Fragment berührt Wilhelm denselben Gedanken:
»In den Werken der größten Dichter athmet nicht selten der Geist einer andern Kunst. Sollte das nicht auch bei Malern der Fall sein? Malt nicht Michelangelo in gewissem Sinne wie ein Bildhauer, Raphael wie ein Architekt, Corregio wie ein Musiker? Und gewiß würden sie darum nicht weniger Maler sein als Tizian, weil dieser bloß Maler war.«
Auch das kühne und schöne Bild von der Architektur als einer gefrorenen Musik, jetzt beinahe gemeinplätzig geworden, hat Wilhelm zuerst gebraucht.
Das Ineinanderüberschwanken von Musik und Poesie und Malerei wurde ein Lieblingsthema von Ludwig Tieck. »Wie?« sagt er in der Verkehrten Welt, »es wäre nicht erlaubt, in Tönen zu denken und in Worten und Gedanken zu musiziren? O wie schlecht wäre es dann mit uns Künstlern bestellt! Wie arme Sprache, wie ärmere Musik! Denkt ihr nicht so manche Gedanken so fein und geistig, daß diese sich in Verzweiflung in Musik hineinretten, um nur Ruhe endlich zu finden? Ach, ihr liebe Leute, das Meiste in der Welt grenzt weit mehr an einander, als ihr es meint.«
Daß er im Zerbino die Flöten sagen läßt: »Unser Geist ist himmelblau, führt dich in die blaue Ferne« hat man in nachromantischer Zeit lächerlich gemacht, während man jetzt anfängt, die Verwandtschaft zwischen den verschiedenen Sinnesempfindungen wissenschaftlich zu untersuchen.
Wie nun in allen Künsten ein einziges Grundprinzip geahnt wird, so sollen auch alle Wissenschaften auf eine Wissenschaft zurückgeführt, ja schließlich Kunst und Wissenschaft Eins werden.
»Alle Kunst soll Wissenschaft und alle Wissenschaft soll Kunst werden; Poesie und Philosophie sollen vereinigt sein.«
Und eben diese Poesie, die auf ihrem höchsten Gipfel Eins mit der Wissenschaft ist, ist die romantische, die Universalpoesie, die werdende, die Poesie der Poesie. Die dunkeln Vorstellungen, die die meisten Menschen von der romantischen Poesie haben, als stehe sie in einem unversöhnlichen Gegensatze zu der sogenannten klassischen, als sei sie die überschwengliche, phantastische, verworrene, sind weit ab von der großartigen Idee, die den romantischen Aesthetikern vorschwebte: jedes unpoetische Element soll aus der Dichtung ausgeschieden werden, Alles aber, was der Sinn ausnehmen, der Geist erkennen, das Gemüth ahnen kann, soll die allumfassende in sich begreifen. Alles soll poetisirt werden. Nichts ist zu gering oder zu groß für die Poesie; denn auch die kleinste Erscheinung verhüllt ein Unendliches.
Es scheint dem, der sich in das Athenäum vertieft, als gäbe es auf der Welt nichts als Kunst und Wissenschaft, und als ob insofern der Vorwurf gerechtfertigt wäre, alles dies habe nur für gelehrte Künstler und künstlerische Gelehrte, also für einen sehr kleinen Kreis von Menschen, Bedeutung. Und allerdings gehörten ja die Wenigen, die hier zu Worte kamen, einer Hanse an, fühlten sich stolz als Mitglieder einer unsichtbaren Kirche. Mit kühler und klarer Verachtung reden sie von der großen Gegenpartei mit ihrem Wahlspruch: vernünftig, aber dumm.
»Es giebt rechtliche und angenehme Leute, die den Menschen und das Leben so betrachten, als ob von der besten Schafzucht oder vom Kaufen oder Verkaufen der Güter die Rede wäre. Es sind die Oekonomen der Moral und eigentlich behält wohl alle Moral ohne Philosophie einen gewissen illiberalen und ökonomischen Anstrich … Es giebt ökonomische Schwärmer und Pantheisten, die nichts achten als die Nothdurft und sich über nichts freuen, als über ihre Nützlichkeit. Wo sie hinkommen, wird Alles platt und handwerksmäßig, selbst die Religion, die Alten und die Poesie, die auf ihrer Drechselbank nichts edler ist als Flachshecheln.«
Von der sogenannten guten Gesellschaft wird gesagt, sie sei eine Mosaik von geschliffenen Karrikaturen. Oder: »Die meisten Menschen sind, wie Leibnitzens mögliche Welten, nur gleichberechtigte Prätendenten der Existenz. Es giebt wenige Existenten.« Und kann man einen exklusiveren Standpunkt haben als den, daß selbst in den äußerlichen Gebräuchen der Lebensart die Künstler sich von den andern Menschen unterscheiden sollten? Dies ist die aristokratische Seite des Athenäums. Auf die Klage des Publikums, die deutschen Autoren schrieben nur für einen kleinen Kreis, ja oft nur für sich selbst unter einander, erwiderten sie trotzig, das sei gut so, »dadurch wird die deutsche Literatur immer mehr Geist und Charakter bekommen.« Die Künstler sind, sagen sie, unter den Menschen, was die Menschen unter den andern Bildungen der Erde. Sie sind Brahminen, eine höhere Kaste; aber – und nun kommt ein Zusatz, der den ganzen Ausspruch wieder demokratisirt – sie sind nicht durch Geburt, sondern durch freie Selbsteinweihung geadelt. Unermüdlich wird betont, daß es eines Jeden Beruf und Pflicht ist, Mensch, Künstler, Gott zu werden. So haben wir hier dieselbe Mischung von Popularität und Aristokratismus wie im Christenthum: Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.
Durch das, was die Romantiker unter dem Begriff »Künstler« sich dachten, wird die Würde, die auf einen kleinen Kreis beschränkt schien, auf die ganze Menschheit erweitert: »Künstler ist ein Jeder, dem es Ziel und Mitte des Daseins ist, seinen Sinn zu bilden.« Nur auf den Entschluß kommt es an, »sich auf ewig von allem Gemeinen abzusondern.« Aber noch auf andre Weise wird die Möglichkeit dargethan, daß ein Jeder sich erfolgreich dem höchsten Ziele zuwenden könne. »Genie ist der natürliche Zustand des Menschen.« Wer anders als der überschwenglich kühne Geist Hardenberg's wagte so zu denken und so sich zu äußern? Das größte Kunstwerk, so philosophirt der Schüler Fichte's, erschafft die unbewußte Phantasie des Menschen, indem sie aus eigner Kraft die Welt sich aufbaut; der Liebende, der die Geliebte vergöttert und ein anbetungswürdiges Bild sieht, das nicht ist; der Wilde, der die Sprache schafft als ein bildsames, nach ewigen Gesetzen wandelbares Symbol für die erscheinende Welt und beweglichen Körper für die Gedanken, sie sind Alle Künstler von Gottes Gnaden, und es handelt sich für den Menschen nur darum, sich auf das Genie, das in ihm ist, zu besinnen, es in seine Gewalt zu bekommen.
»Jeder ungebildete Mensch ist die Karrikatur von sich selbst.« Daraus folgt, daß sich bilden heißt: sein eigenes Ideal werden. Alles was in diesem Gedanken liegt und sich daraus folgern läßt, faßt Friedrich in den Worten zusammen: »Jeder gute Mensch wird immer mehr und mehr Gott. Gott werden, Mensch sein, sich bilden sind Ausdrücke, die einerlei bedeuten.« Diese Vergötterung des Ich ist himmelweit entfernt von der unfruchtbaren Eitelkeit derjenigen, denen ihr eigenes Selbst der Pflock ist, woran sie mit kurzem Strick festgebunden sind und um den sie sich unaufhörlich drehen. Denn unter dem Gottwerden ist verstanden Erweiterung der eigenen Persönlichkeit zur Aufnahme von unendlich vielen. »Kein Mensch ist schlechthin Mensch, sondern kann und soll wirklich und in Wahrheit auch die ganze Menschheit sein.« Wenn wir nun noch Gott einen Abyssus von Individualität genannt finden, den einzigen unendlich Vollen, so sehen wir ein Religionsprojekt, das Friedrich's Gepräge trägt, dem Fichte's Geist als Stern im Osten geleuchtet hat.
Wie der goldne, Alles durchdringende Aether umhüllt die Idee der Religion die ganze Gedankenwelt, die hier ausgebreitet liegt. Einer Landschaft gleicht sie, in deren Hintergrunde ein ungeheurer, Alles überragender Berg mit schimmerndem Gipfel lagert, den man von jedem Platze aus sehen kann und dessen unvertilgbaren Umriß man noch ahnt, wenn ihn silberne Dünste oder graues Regenwetter verschleiern.
»Nur durch Religion wird aus Logik Philosophie, nur daher kommt Alles, was diese mehr ist als Wissenschaft. Und statt einer ewig vollen, unendlichen Poesie werden wir ohne sie nur Romane haben oder die Spielerei, die man jetzt die schöne Kunst nennt.«
»Die Religion ist nicht bloß ein Theil der Bildung, ein Glied der Menschheit, sondern das Centrum aller Uebrigen, überall das Erste und Höchste, das schlechthin Urspüngliche.«
Was der Grundgedanke von Schleiermacher's Reden über die Religion war, daß nämlich Religion nichts andres sei als Beziehung des Endlichen auf das Unendliche, Gefühl des Universums, das findet sich hier im Keime, in blitzartigen, straff zusammengefaßten Aussprüchen, die auf den Verständnißvollen stärker wirken als Schleiermacher's etwas verwässertes Reden, was freilich bestimmt war, von Vielen eingenommen und begriffen zu werden und seinen Zweck auch erfüllte. Aber inniger als dort fühlt man hier, wie eine aufkeimende Religion schon den Himmel des Zeitalters färbt als verheißungsvolle Morgenröthe. Hundertfach wird mit dem »Zauberstab des Buchstabens« an das Geheimniß der verkündigten Sonne gerührt, das Räthsel der Räthsel durch vermittelnde Gleichnisse dem Sinn nahe gebracht, wie wenn man den Glanz des feurigen Gestirns, der dem menschlichen Auge unerträglich ist, dämpft und verwandelt, indem man es durch farbige Gläser betrachtet.
Eine tröstliche Gewißheit hat der Strebende: »Dein Ziel ist Kunst und Wissenschaft, dein Leben Liebe und Bildung. Du bist ohne es zu wissen auf dem Wege zur Religion. Erkenne es, und du bist sicher, dein Ziel zu erreichen.« Von diesem Standpunkte aus ist es begreiflich, daß Bildung als das höchste Gut und das allein Nützliche gepriesen wird.
Diesen Begriff von Religion, die »den Geist des sittlichen Menschen überall umfließen soll wie sein Element«, müssen wir gegenwärtig haben, um die Aussprüche über Moral zu verstehen, die Allem, was man bisher darunter begriffen hatte, entgegengesetzt waren. Zum Beispiel: »Man hat nur so viel Moral als man Philosophie oder Poesie hat.« Oder: »Die erste Regung der Sittlichkeit ist Opposition gegen die positive Gesetzlichkeit und conventionelle Rechtlichkeit – eine grenzenlose Reizbarkeit des Gemüthes.«
Es ist derselbe Kampf, den der Apostel Paulus gegen das Gesetz kämpfte im Namen der Liebe, welche er des Gesetzes Erfüllung nannte. Allerdings, sagte er, muß, wer das Gesetz umwirft, vom Geiste regiert sein, oder, wie es die Romantiker ausdrücken, er muß im Unsichtbaren leben, sein Leben muß Liebe und Bildung sein; jedenfalls kann man insofern den Romantikern wie jedem Idealisten und jedem Christen den Vorwurf machen, daß sie eine Herrschaft angriffen und zu erschüttern suchten, um dafür eines Reiches Bürger zu werden, das für den Menschen ewig ein Kommendes ist, wie wir ja auch beten: dein Reich komme.
Im Athenäum liegt der Keim zu Allem, was die Romantik bringen sollte. Der Begriff der Ironie, der ein so wichtiger Grundsatz der romantischen Aesthetik war, ist vielfach zu bestimmen versucht. Die ganze Naturphilosophie liegt angedeutet in den Worten: »Willst du in's Innere der Physik dringen, so lasse dich einweihen in die Mysterien der Poesie.« Auch die Entdeckung der orientalischen Poesie mit ihrem gewaltigen Einfluß bereitet sich vor: »Im Orient müssen wir das höchste Romantische suchen.« »Welch eine Quelle an Poesie könnte uns aus Indien fließen.«
Staunenswerth ist für die Leser unsrer Zeit, wie unveraltet diese Blätter sind. Unzähligen Gedanken begegnen wir, die sich in unsern Tagen, ihrer Neuheit und Vereinzelung bewußt, kaum so frei und muthig hervorwagen, wie sie dort ausgesprochen sind. Man kann sich nicht radikaler über die Emanzipation der Frauen aussprechen, als es Schleiermacher, ein Prediger, in seinem Katechismus der Vernunft für edle Frauen that, wo z. B. folgende Gebote gegeben sind:
»Du sollst von den Heiligthümern der Liebe auch nicht das Kleinste mißbrauchen: denn die wird ihr zartes Gefühl verlieren, die ihre Gunst entweiht und sich hingiebt für Geschenke und Gaben, oder um nur in Ruhe und Frieden Mutter zu werden«
»Du sollst nicht falsch Zeugniß ablegen für die Männer; du sollst ihre Barbarei nicht beschönigen mit Worten und Werken.«
Eine noch deutlichere, schlagendere Sprache führt das Glaubensbekenntniß:
1. Ich glaube an die unendliche Menschheit, die da war, ehe sie die Hülle der Männlichkeit und der Weiblichkeit annahm.
2. Ich glaube, daß ich nicht lebe, um zu gehorchen oder um mich zu zerstreuen, sondern um zu sein und zu werden; und ich glaube an die Macht des Willens und der Bildung, mich dem Unendlichen wieder zu nähern, mich aus den Fesseln der Mißbildung zu erlösen und mich von den Schranken des Geschlechts unabhängig zu machen.
Mit ebenso schneidender Rücksichtslosigkeit fällt Friedrich das Urtheil über die Ehe:
»Fast alle Ehen sind nur Conkubinate, Ehen an der linken Hand, oder vielmehr provisorische Versuche und entfernte Annäherungen zu einer wirklichen Ehe, deren eigentliches Wesen, nicht nach den Paradoxen dieses oder jenes Systems, sondern nach allen geistlichen und weltlichen Rechten, darin besteht, daß mehrere Personen nur eine werden sollen. Wenn aber der Staat gar die mißglückten Eheversuche mit Gewalt zusammenhalten will, so hindert er dadurch die Möglichkeit der Ehe selbst, die durch neue, vielleicht glücklichere Versuche befördert werden könnte.«
Als noch viel moderner berührt uns aber die Bemerkung, die eine mehr nützliche als erfreuliche Wahrheit genannt wird, daß sogar die beste Ehe, ja die Mütterlichkeit selbst, welches beides doch gewöhnlich als das einzige Ziel der Frau betrachtet zu werden pflegt, nur allzu leicht die Frau herabziehen könne, sodaß sie, mit den Bedürfnissen der Erde verstrickt, ihres göttlichen Ursprungs und Ebenbilds nicht mehr eingedenk bleibe. Woraus freilich keineswegs der Schluß gezogen wird, daß die Frau sich der Liebe, Ehe und Mutterschaft entziehen solle.
Von der modernen Lehre vom Uebermenschen findet sich ein Vorklang in den Worten: »Es ist der Menschheit eigen, daß sie sich über die Menschheit erheben muß.« Ja, sogar die beinah tollkühn erscheinende Behauptung, die in neuester Zeit aufgetaucht ist, nicht die Kunst richte sich nach der Natur, sondern umgekehrt, wird in einigen flüchtigen Worten berührt, wo es heißt, daß der menschliche Geist der umgebenden Welt seine Gesetze vorschreibe und sie nach sich schaffe und modle.
Auf Richard Wagner und die jetzige Programm- und Gedanken-Musik scheint folgendes Fragment prophetisch hinzuweisen:
»Es pflegt Manchem seltsam und lächerlich aufzufallen, wenn die Musiker von den Gedanken in ihren Compositionen reden; und oft mag es auch so geschehen, daß man wahrnimmt, sie haben mehr Gedanken in der Musik als über dieselbe. Wer aber Sinn für die wunderbaren Affinitäten aller Künste und Wissenschaften hat, wird die Sache wenigstens nicht aus dem platten Gesichtspunkt der sogenannten Natürlichkeit betrachten, nach welcher die Musik nur die Sprache der Empfindung sein soll, und eine gewisse Tendenz aller reinen Instrumentalmusik zur Philosophie an sich nicht unmöglich finden. Muß die reine Instrumentalmusik sich nicht selbst einen Text erschaffen? und wird das Thema in ihr nicht so entwickelt, bestätigt, variirt und contrastirt, wie der Gegenstand der Meditation in einer philosophischen Ideenreihe?«
Was für ein idealistisches Zeitalter, in welchem eine Zeitschrift Leser fand, die keinen, aber auch gar keinen bloßen Unterhaltungsreiz bot; die mehr studirt als gelesen sein wollte. Lange freilich konnte das Athenäum sich nicht halten. Es erschien in den Jahren 1798 – 1800. Im bewußten Gegensatze zur großen Menge war es auf den Kampfplatz getreten; es war deshalb nicht zu verwundern, daß »das platte Volk von Hamburg bis nach Schwaben« einen Schrei der Entrüstung aus dem verwundeten Herzen erschallen ließ. Aber auch die Theilnahme der Gebildeten war geringer, als man erwartet hatte. Man klagte über die Unverständlichkeit namentlich von Friedrich's Fragmenten, was nicht unverzeihlich ist, wenn man z. B. liest: »Karrikatur ist eine passive Verbindung des Naiven und Grotesken. Der Dichter kann sie ebensowohl tragisch als komisch gebrauchen.« Oder: »Urbanität ist der Witz der harmonischen Universalität, und diese ist das Eins und Alles der historischen Philosophie und Plato's höchste Musik. Die Humaniora sind die Gymnastik dieser Kunst und Wissenschaft.«
Man muß gestehen, daß die Bequemlichkeit des durchschnittlich Gebildeten sich in der Regel von einem solchen Ideen-Igel zurückziehen wird, an dem sein Geist sich so ritzen kann, bis er sich ihm offenbart hat. Eine Art von Geheimsprache – ein gewisser Mystizismus des Ausdrucks, wie Friedrich sagt – bildet sich leicht aus, wenn mehrere Menschen sich oft über dieselben Gegenstände ihres gemeinsamen Interesses unterreden; und aus Unterhaltungen Befreundeter ist ja im Grunde das Athenäum entstanden.
In einer wundervollen kleinen Selbstvertheidigung, wo Laune und Ernst sich reizvoll mischen, beantwortete Friedrich die Vorwürfe und Klagen über seine Unverständlichkeit. An seinen Bruder schrieb er, ob es nicht gut sein würde, künftig mit jedem Heft ein Stück Honigkuchen gratis auszutheilen. Er war umsomehr entrüstet, als er sich ehrlich und leidenschaftlich bestrebte, populär zu sein, ja sogar das Wort Popularität häufig mit Wohlgefallen im Munde führte, er der in der Unkunde seines kindlichen Fürsichlebens der beschäftigten Welt seine weltferne Persönlichkeit, den »Frédéric tout pur« so ohne Weiteres zumuthete!
Wie dem auch sei, an der Unverständlichkeit ging das Athenäum zu Grunde. Der schmetternde Jubelton, den die Herolde der kommenden goldnen Zeit in die Welt geblasen hatten, verklang im Gewühl, das sie nicht achteten. Denn das ist das Schönste an diesem Buche und das Künstlerische: die Stimmung, die die einzelnen Theile kraftvoll zusammenfaßt, eine freudige Stimmung von Menschen, die wissen, daß sie das Rechte wollen und glauben, daß das Rechte siegen muß, weil fortschreitende Entwickelung das Gesetz der Welt ist. Die blitzenden Augen auf die Zukunft gerichtet, auf die Spitze des Berges, übersahen die Anstürmenden, was im Wege hinderte und drohte. »Im 19. Jahrhundert wird jeder die Fragmente mit viel Behagen und Vergnügen in der Verdauungsstunde genießen können und auch zu den härtesten, unverdaulichsten keinen Nußknacker bedürfen«, sagt Friedrich, wo er sein Herz ausschüttet über die Unverständlichkeit, die man ihm vorgeworfen hat. »Die neue Zeit kündigt sich an als eine schnellfüßige, fohlenbeflügelte; die Morgenröthe hat Siebenmeilenstiefel angezogen. Lange hat es gewetterleuchtet am Horizont der Poesie, in eine mächtige Wolke war alle Gewitterkraft des Himmels zusammengedrängt, jetzt donnerte sie mächtig, jetzt schien sie sich zu verziehen und blitzte nur aus der Ferne, um bald desto schrecklicher wiederzukehren: bald aber wird nicht mehr von einem einzelnen Gewitter die Rede sein, sondern es wird der ganze Himmel in einer Flamme brennen, und dann werden euch alle eure kleinen Blitzableiter nichts mehr helfen. Dann nimmt das 19. Jahrhundert in der That seinen Anfang, und dann wird auch jenes kleine Räthsel der Unverständlichkeit des Athenäums gelöst sein.«
Das Jahrhundert, an welches diese Appellation gerichtet wurde, ist bald vorüber und überliefert sie einem neuen Richter; denn es hat sich im Laufe seines Wachsthums von denen, die seine Geburtshelfer und Taufpathen waren, undankbar und verkennend abgewandt und ist ihnen die Entscheidung schuldig geblieben.
Novalis.
Inhaltsverzeichnis
Du schienest, losgerissen von der Erde.
Mit leichten Geistertritten schon zu wandeln,
Und ohne Tod der Sterblichkeit genesen.
Wilhelm Schlegel an Novalis.
Von ihm müsse man sagen, er sei ein Genie, nicht er habe Genie, schrieb sein Freund, der Kreisamtmann Just; weil er nicht etwa eine besondere Befähigung zu irgend einer Kunst, Wissenschaft oder Hantirung gehabt habe, sondern ein Gleichgewicht aller Kräfte, so daß er in allem, was er auch ergriffen haben möchte, sich ausgezeichnet haben würde.
Er war Dichter nur insofern er Mensch war, ein solcher Künstler, wie die Romantiker meinten, daß jeder Mensch sein könne oder doch solle. Es lag ihm auch durchaus fern, als Dichter auftreten zu wollen, ja von seinen Freunden wünschte er ausdrücklich in erster Linie als Mensch betrachtet und behandelt zu werden. »Die Schriftstellerei« schrieb er an Just »ist eine Nebensache. Sie beurtheilen mich mehr billig nach der Hauptsache – dem praktischen Leben. Wenn ich gut, nützlich, thätig, liebevoll und treu bin: so lassen Sie mir einen unnützen, unguten, harten Satz passiren … Ich behandele meine Schriftstellerei nur als Bildungsmittel. Ich lerne Etwas mit Sorgfalt durchdenken und bearbeiten – das ist Alles, was ich davon verlange. Kommt der Beifall eines klugen Freundes noch obendrein, so ist meine Erinnerung übertroffen. Nach meiner Meinung muß man zur vollendeten Bildung manche Stufe übersteigen; Hofmeister, Professor, Handwerker sollte man eine Zeit lang werden wie Schriftsteller.« So war er in demselben Sinne und sogar in noch höherem Grade als Goethe Gelegenheitsdichter; denn wenigstens in einem gewissen Alter, namentlich seit seiner Bekanntschaft mit Schiller, fing Goethe an zu dichten, um zu dichten, z. B. um gewisse Kunstprobleme zu lösen. Alles was Novalis geschrieben hat, könnte man Tagbücher nennen, worin auch die Schwächen seiner Prosawerke liegen. Der vollkommenste Mensch und Künstler würde wohl der sein, dessen Tage- und Lebensbücher, so wie er sie natürlich niederschriebe, zugleich die schönsten Kunstwerke wären.
Seine Schönheit war von der Art, die der Menge nicht auffällt, nur dem Kenner sichtbar ist als, wie Tieck von Novalis sagt, »die reinste und lieblichste Verkörperung eines hohen unsterblichen Geistes.« Diejenigen, die ihn kannten und verstanden, konnten die schlanke Gestalt mit den vornehmen Geberden, die Augen voll ätherischer Gluth in dem zartgebildeten Gesichte nicht vergessen. Ebenso wenig lag in seinem Wesen das Hervorstechende, was man zu häufig genial nennt; denn abgesehen davon, daß er sich nur ganz hingab, wenn er verwandte Geister sich entgegenkommen fühlte, war er zu einfach und ohne Affektation, um auf Ungeübte einen überraschenden Eindruck zu machen. Bei seinen großen Kenntnissen und reichem Geiste war er doch nicht hochmüthig, er liebte harmlosen Scherz in der Geselligkeit; weil auch das Geringste ihm bedeutende Ideen weckte, konnte er leicht durch Gespräche über scheinbar unbedeutende Gegenstände die Erwartung der mehr vom Stoffe Abhängigen enttäuschen.
Darin bestand eben seine bewundernswürdige Kunst des Umganges, daß er mit allen aus allem etwas zu machen wußte. Wie er erscheinen konnte, wenn er einem verständnißvollen Geiste begegnete, das erfährt man aus Friedrich Schlegel's Schilderung, nachdem die beiden Jünglinge sich kennen gelernt hatten: seine schwarzen Augen seien von herrlichem Ausdruck, schrieb Schlegel seinem Bruder Wilhelm, wenn er mit Feuer – unbeschreiblich viel Feuer – von etwas Schönem rede; er rede drei Mal mehr und drei Mal schneller als ein Anderer; nie habe er, Schlegel, so die Heiterkeit der Jugend gesehen.
Als er in die Welt hinaustrat, war er ein Jüngling, dem es bestimmt schien, die Fülle aller Erdengüter zu genießen; denn einer vornehmen, wohlsituirten Familie angehörend, fehlte es ihm für seine Laufbahn nicht an den besten Aussichten, er hatte eine einnehmende Erscheinung, eine Persönlichkeit alles anzuziehen und Herz und Sinn alles zu genießen. Ein Wechselverhältniß besteht zwischen dem Menschen und der Welt, daß sie demjenigen liebevoll entgegenkommt, der sie mit aufrichtiger Liebe sucht. Nicht die Liebe des Idealisten zu den Menschen und Dingen hatte Novalis, die in bittere Verachtung umschlägt, wenn die überirdischen Traumbilder sich nicht pünktlich verwirklichen; vielmehr das arglose Zutrauen eines gutartigen Kindes, das mit einem Herzen voll heimlicher Glückseligkeit in seinem kleinen Garten ein Paradies und in seinen Sträuchern und Büschen blühende Wunder sieht. »Tadle nichts Menschliches« sagte er; »Alles ist gut, nur nicht überall, nur nicht für alle.« Dieser Ausspruch seiner späteren Jahre bestätigt schön die Theorie, die er als noch nicht 20jähriger Jüngling gegenüber dem welt- und menschenhassenden Friedrich Schlegel verfocht: daß es nichts Böses auf der Welt gebe. Das war nicht die Unerfahrenheit hoffender Jugend, sondern es ist bezeichnend für den harmonischen Menschen, dessen Verstand wohl die Dissonanzen sieht, auch nicht etwa die Augen davon abwendet, der aber Kraft genug hat, bis zu ihrer Auflösung vorzudringen. In seinem Temperamente lag die Neigung zu diesem schönen und tiefen keineswegs flachen Optimismus, der aus der Ordnung des eigenen Innern sich unbewußt die Gewißheit der Ordnung außer sich schöpft, der an den Sieg des Guten glaubt, weil er die Kraft zum Guten in sich hat; eine Fähigkeit zum Glück lag darin, der äußere Unfälle nicht an's Leben können: wie eine Geistererscheinung bohrt sich einem solchen Menschen das Schmerzensschwert mitten durch die Brust, ohne zu tödten.
Daß er äußerte, er wolle, um alle die Herrlichkeiten der Erde zu genießen, eine reiche Heirath machen, klingt anmuthig komisch im Munde eines Menschen, dessen geflügelte Seele der Anziehung der Materie so wenig unterworfen war, daß sie sich fast in jedem Augenblick himmelhoch über die Erde aufschwingen konnte. Er gehörte eben nicht zu jenen Idealisten, die die Augen an den Sternen hängend mit den Füßen durch den Sumpf waten, im Gegentheil pflegte er nach Art des guten Realisten mehr zu leisten als er versprach, indem seine Aeußerungen über sich selbst sich immer nur mit dem Nächstliegenden beschäftigten, was er in sich erlebt hatte und wofür er einstehen konnte. So schrieb er z. B. als Jüngling an Friedrich Schlegel, seine Bestimmung sei die häusliche der Familie, während Schlegel nach Aufgang der Sonne gehe, gehe er den gewöhnlichen Weg nach Westen; was einen seltsam berührt, wenn man die Lebenswege der beiden Freunde vergleicht: wie der Schlegel's in den Niederungen hausbackener Sinnlichkeit sich verflachte, während Novalis immer mehr dem morgenrothen Himmel sich zu nähern schien. Schlegel ersehnte immer die äußersten Höhen, aber ein irdischer Hang ließ ihn in bequemer Häuslichkeit sich selbst und seine Schwungkraft verlieren; einfache Thätigkeit im traulichen Familienkreise war immer Novalis Ideal, doch ließ sein Genius es ihn nie erreichen und entrückte ihn den Augen der Menschen, ehe seine leichten Füße jemals fest auf der Erde gehaftet hatten.
Der erste Gegenstand seines Hanges und seiner Kraft zu verehren war Schiller, dessen Vorlesungen er als Student in Jena besuchte. Was Novalis so mächtig zu Schiller hinzog, war seine sittliche Größe, die Kraft, mit der dieser heroische Mensch den Widerstand des Irdischen überwinden konnte, nicht seine Poesie, für welche Novalis damals noch weniger Interesse und Verständniß hatte. Daß er in Schiller, ohne es zu wissen, sein eigenes Ideal verkörpert sah und liebte, sieht man deutlich aus dem, was er vorzüglich an ihm rühmte: »dieses Weltbürgerherz, das für mehr als Menschheiten schlägt und doch diese idealische Liebe auf reine Seelen um sich überträgt und nicht den einzelnen entgelten läßt, was die Natur minder für sie als fürs ganze Geschlecht that, eben das nicht auf Erden Heimische und doch Zufriedene, nicht Klagende, Heilige, Resignirende;« denn gerade das, auf der Erde nicht heimisch und doch auf ihr glücklich zu sein, bezeichnet, was so ganz sein eigenes Wesen werden sollte.
Gewiß verdiente Schiller diese Hingebung; aber ebenso wie für ihn nimmt es für den Jüngling selbst ein, wenn er schreibt: »Ihm zu gefallen, ihm zu dienen, nur ein kleines Interesse für mich bei ihm zu erregen, war mein Dichten und Sinnen bei Tag und der letzte Gedanke, mit welchem mein Bewußtsein Abends erlosch. Eine Geliebte hätte ich für ihn weinend aus dem Herzen gerissen, wenn die Vorsehung ein so hartes Opfer verlangt hätte, meinem liebsten Jahre lang gehegten Wunsche am Rande seiner Erfüllung entsagt; denn das Leben ist nicht das stärkste Opfer, was Enthusiasmus und Liebe ihrem angebeteten Gegenstande bringen können, denn wir fühlen nicht seinen Verlust.« Merkwürdig ist das rednerische Pathos in Novalis' Briefen, an und über Schiller, das sonst, seinem Styl durchaus entgegengesetzt, sich nirgends bei ihm findet.
Mit diesem Bedürfniß, zu verehren, ja sich aufzuopfern hätte er ein ewig sich um andere schwingender Trabant, mit dieser Empfänglichkeit ein Nachahmer und Anempfinder, mit dieser Lust alles, was er so innig fühlen und verstehen konnte, zu genießen ein zerstreuter, vielgeschäftiger, liebenswürdiger aber oberflächlicher Schwärmer werden können. Aber er hatte weit mehr Kraft und Festigkeit als seine Zartheit vermuthen ließ. Wenn er auch aus den Versuchungen des Studentenlebens nicht unberührt hervorging, denn er verstrickte sich leichtsinnig in Schulden, so blieb doch das schöne Gleichgewicht seines Innern ungestört oder stellte sich rasch wieder her. Eine gewisse Keuschheit der Empfindung, von der Friedrich Schlegel sagte, daß sie ihren Grund in seiner Seele nicht in Unerfahrenheit habe, bewahrte ihn vor solchen Ausschreitungen, die zu Zwiespalt, Ekel an der eigenen Natur und kränklichem Ueberdruß führen. Kurz, wie auch der Leichtsinn seiner Jünglingsjahre beschaffen gewesen sein mag, sein elastischer Geist war nicht zu zerdrücken, sondern strebte immer und immer wieder empor, seine Vernunft, wie er selbst sich ausdrückte, erhielt das entschiedene Uebergewicht über Sinnlichkeit und Phantasie. Das entwickelte sich nicht nur so von ungefähr, ohne sein Zuthun, sondern unter der Aufsicht seines Bewußtseins. Er hatte die Tugend der Besonnenheit, jene Klarheit und leichte Gegenwärtigkeit des Geistes, die alle Handlungen wie eine sanfte Musik begleitet und auch die wildesten, mit der ganzen Blindheit des Instinkts einstürmenden durch ihren Rhythmus zähmt und erheitert. Allen andern Romantikern, Schleiermacher etwa ausgenommen, war er durch diese Kraft, sich selbst zu fassen und zu lenken, überlegen; aber Schleiermacher, wenn man ihn überhaupt unter die Romantiker rechnen will, hatte weit weniger Sinnlichkeit und Phantasie zu bändigen. Auch Novalis hatte, wie Tieck und Wackenroder und die Schlegel und unzählige Dichter älterer und neuerer Zeit, die natürliche Abneigung gegen die Trockenheit eines Berufes; aber nicht nur aus Willfährigkeit gegen die Wünsche seines Vaters und Schiller's Ermahnungen, sondern ebenso sehr aus gesundem Sinn, angeborenem Triebe zur Thätigkeit und der Einsicht, welchen Nutzen sein Charakter daraus schöpfen werde, widmete er sich der praktischen Laufbahn eines Bergbaubeamten. Gerade in der Art und Weise, wie er den Stoff, der ihm in den äußeren Lebensumständen, zunächst im Beruf, geboten wurde, benutzte, bewies er, daß der Mensch wirklich jener Magier ist, der sich seine Welt erschafft und Staub durch seine Berührung in Gold verwandeln kann. Es ist keine Kunst, sich, wenn man nur Sinn dafür hat, in schönen Dichtungen zu berauschen; aber in monotoner, direkt nur den Verstand oder praktische Fähigkeiten angehender Beschäftigung das allgemein Interessante und Fördernde herauszufinden, das zeigt inneren Reichthum und unendliche Entwickelungsfähigkeit an. Alles erniedrigt den Menschen, was er gezwungen thut, oder mit Worten von Novalis selbst: »Ein Mensch kann Alles dadurch adeln, seiner würdig machen, daß er es will.« Mit dem Instinkt des Freigeborenen machte er sich alles, was er für nothwendig erkannte, lieb, so daß er aus freier Wahl zu thun schien, ja schließlich that, was anfangs seiner Neigung so fern gelegen hatte. Aus jedem Steine wußte er Feuer zu schlagen. Alles Einzelne wußte er an Allgemeines, alles Irdische an Himmlisches anzuknüpfen.
In der Regel pflegen phantasiebegabte, künstlerisch veranlagte Menschen eine besondere Abneigung gegen die Mathematik zu haben, so daß sie gern völlige Untauglichkeit für dies Gebiet vorschützen und sogar stolz auf diese angebliche Lücke sind. Von dieser Einseitigkeit war Novalis weit entfernt, der in jeder Einzelwissenschaft den Grundriß zu einer allumfassenden Wissenschaft suchte, in jedem gesetzmäßigen Verlauf ein Gleichniß der Harmonie des Alls sah. Nicht nur, daß er mit Eifer Mathematik studirte, er poetisirte sie wie alles, womit er sich beschäftigte, durchdrang sie mit seiner lebendig warmen Seele; man lese nur seinen Hymnus an die Mathematik, wie man die Folge seiner Betrachtungen darüber nennen kann. Dieser Hymnus beginnt mit den Worten:
Die Mathematik ist echte Wissenschaft, weil sie gemachte Kenntnisse enthält, Produkte geistiger Selbstthätigkeit, weil sie methodisch genialisirt. Sie ist auch Kunst, weil sie genialisches Verfahren in Regeln gebracht hat, weil sie lehrt Genie zu sein, weil sie die Natur durch Vernunft ersetzt.
Er steigert sich im Verlaufe so:
Das Leben der Götter ist Mathematik.
Alle göttlichen Gesandten müssen Mathematiker sein.
Reine Mathematik ist Religion.
Zur Mathematik gelangt man nur durch eine Theophanie.
Die Mathematiker sind die einzig Glücklichen. Der Mathematiker weiß alles. Er könnte es, wenn er es nicht wüßte.
Daß er sich den Naturwissenschaften mit einer gewissen Leidenschaft ergab, setzt weniger in Erstaunen, da sie das Lieblingsstudium der Zeit waren, das auch die übrigen Romantiker mit mehr oder weniger Dilettantismus betrieben. Heute wird man den Schwung, womit er hier von Hypothese zu Hypothese stürmte, vielleicht unwissenschaftlich nennen; jedenfalls genügten seine Kenntnisse den Gelehrten seiner Zeit, die seine Lehrer waren, erregten sogar nicht selten ihre Bewunderung. Am meisten ist aber das zu rühmen, daß er sich auch in der Verwaltung, in der praktischen Seite seines Berufes, hervorthat. Wie erstaunte der Kreisamtmann Just, der ihn in die Geschäfte einführen sollte, daß diese Geschäfte unter der ungeübten Hand des jungen Denkers so interessant, so lebendig wurden; daß der Gesichtskreis, innerhalb dessen er lebte, sich so unendlich erweitern ließ. Er gestand sich, daß sein Schüler ihn viel mehr und viel Wichtigeres lehren konnte, als er ihm zu geben im Stande war.
Er selbst definirte Philosophie als Heimweh, Trieb überall zu Hause zu sein. Als ein solcher Philosoph war Novalis geboren. Sein Hang, die Dinge in der Art zu betrachten, daß er sich von Ursache zu Ursache tastete und sich daran wie an einer Strickleiter in ihre Tiefen herabließ, macht den echten Philosophen. An der Außenseite eines Dinges haften zu bleiben, war ihm durchaus unmöglich; ein ätherischer Körper drängte sein Geist sich überall in das Innerste hinein. So war er Philosoph immer, in jedem Augenblick, mit allen Kräften, soviel wie er Mensch war, weswegen es ihm nicht hätte begegnen können, daß er eine Theorie verfochten und ihr im Leben zuwider gehandelt hätte. Seine Philosophie war wie seine Poesie sein Leben: erlernt im Leben und darin angewandt.
Sein größtes Erlebniß war der Verlauf seiner Liebe zu Sophie v. Khün. »Jeder geliebte Gegenstand ist der Mittelpunkt eines Paradieses;« das hatte Novalis an sich selbst erfahren. Er hatte dieses dreizehnjährige Mädchen zum Mittelpunkt seiner Welt gemacht, mit Bewußtsein und Absicht. Auf Alles, was die Erde Menschen bieten kann, hätte er mit herzlichem, ja muthwilligem Lächeln Verzicht gethan: diese war ihm nothwendig, der Mittler für die Gottheit, die er sonst nicht fassen, ohne die er nicht sein konnte. Es sind viele Nachrichten überliefert von der Frühreife und dem Zauber Sophien's, den sie ausgeübt habe; Novalis selbst hat ihre wechselnde Backfischseele, auf die er so stolz war, sorgfältig zerlegt und geschildert. Was hilft uns das, da nichts von Allem, nicht auch von hundert anderen Mädchen gesagt werden könnte? Möchte sie auch so oder so gewesen sein, wichtig ist nur, was sie ihm war, und das ist weit mehr in ihm als in ihr zu finden. Als sie krank wurde, ist es erstaunlich zu sehen, wie er ganz menschliche Verzweiflung und zugleich ganz Besonnenheit war; er war immer ebenso tief darin wie hoch darüber. Nicht nur daß sein Vertrauen in den melodischen Gang der Welt und instinktive Lebenszuversicht ihn davon zurückhielten, die Verwirklichung eines solchen Todesschmerzes, wie ihr Sterben ihm gewesen wäre, für möglich zu halten, er glaubte alles Ernstes durch die Kraft seines Willens, diese magische Kraft, die Welten aufbauen und vernichten, die Berge versetzen kann, es verhindern zu können. Er bedachte nicht, daß es ihr – unbewußter – Wille war, der sich dem Tode zuneigte. So erging die Prüfung über ihn, von der er nicht für möglich gehalten hatte, daß sie ihm zugemuthet würde: Sophie starb.
Bedenkt man, daß sie das Gestirn gewesen war, um das seine Welt sich bewegt hatte, muß man darauf gefaßt sein, daß eine so zarte, auch zu frühem Tode vorbestimmte Natur in sich zusammengebrochen wäre. »Es ist Abend um mich geworden«, schrieb er drei Tage nach ihrem Tode, »während ich noch in das Morgenroth hineinsah.« Daß sein Leben mit ihrem Leben erloschen sei, stand ihm fest. Es lag aber eine solche Anmuth in seiner Natur, die durch und durch erfüllt war von dem schwebenden Element seines Geistes, daß er sich nie bis zur Bewußtlosigkeit unter dem Schicksal krümmte. Selbst wo er sich in's Herz und zu Tode getroffen fühlte, blieb sein Haupt frei und immer seiner mächtig. »Einsam wie noch kein Einsamer war, von unsäglicher Angst getrieben, trostlos, nur ein Gedanke des Elends noch« gab er doch seinen Freunden niemals das Bild der Verzweiflung und Zerrüttung, sondern seine keusch erhaltene Klage ging sogleich über in ruhige Betrachtung der Bedeutung seines Schicksals. Denn in seinem wahrhaft frommen Gemüthe war der Glaube an eine himmlische Ordnung in jedem Leben nicht dauernd erschüttert. Am 19. März 1797 war Sophie gestorben, am 28. schrieb er an die Frau des Kreishauptmanns Just: »Gewiß hab ich zu sehr schwer an diesem Leben gehangen – und da ist freilich wohl ein gewaltsames Correctif nöthig« und noch einige Wochen später war es ihm klar geworden, daß ihr Tod ein himmlischer Zufall gewesen sei, ein wunderbar schicklicher Schritt. »Meine Liebe ist zur Flamme geworden«, schrieb er, »die alles Irdische nachgerade verzehrt.« Und weiter: »Meine Kräfte haben mehr zu als abgenommen – ich fühle es jetzt oft, wie schicklich es hat so kommen müssen. Zufrieden bin ich ganz – die Kraft, die über den Tod erhebt, habe ich ganz neu gewonnen. Einheit und Gestalt hat mein Wesen angenommen – es keimt schon ein künftiges Dasein in mir.« Sein die Consequenz über alles liebender Geist schöpfte Beruhigung daraus, daß er Folgerichtigkeit und Vernunft in seinem Schicksal erkannt zu haben glaubte, daß er es sich erklären konnte. Nach seiner Auffassung bezweckte ihr Verlust seine Läuterung und Loslösung vom Leben.
Man hat es für eine kindische Schwärmerei angesehen, die man nachsichtig entschuldigen müsse, daß er mit dem Tage ihres Todes eine besondere Zeitrechnung einführte und den Entschluß faßte, ihr nachzusterben. Das ist kurzsichtig oder oberflächlich geurtheilt. Kann man sich etwas Erhabeneres denken, als wenn ein Mensch seinem Geiste die Kraft zutraut, sich allmählich, aus freier Willkür, aus Sehnsucht nach dem Ueberirdischen vom jungen, genußfähigen Körper, von der geliebten Erde loszulösen? So innig erlebte er den Idealismus an sich, daß er sein Ich, das unsterbliche, zu dieser höchsten Freiheit und Unsterblichkeit zu erziehen sich getraute. Wie unendlich viel kühner, stolzer und menschlicher war dieser Plan als die rohe Abtödtung des Fleisches, durch welche mittelalterliche Heilige die Erde zu überwinden suchten. Weit entfernt war er ja die schöne Welt, aus der er sich ein so unerschöpfliches Glück gewünscht hatte, zu hassen. »Die Erde hatte ich so lieb«, schrieb er wenige Tage nach Sophiens Tode an eine Freundin, »ich freute mich auf die lieben Scenen, die mir bevorstanden.« Er liebte die Sonne, aber da die Nacht unvermeidlich dem Tage sich anschließt und Tod der Ausklang alles Lebens ist, entschloß er sich mit einem stolzen Aufschwung seiner Seele die Nacht und den Tod grenzenlos zu lieben, ähnlich wie er den gordischen Knoten des Welträthsels dem Bilde zu Sais gegenüber löst. »Und wenn kein Sterblicher, nach jener Inschrift dort, den Schleier hebt, so müssen wir Unsterbliche zu werden suchen.« Unwürdig wäre es den Tod zu fliehen, unmöglich ihn zu verachten – außer wenn man mit heißester Anstrengung ihn an Leben anknüpfte, in Leben verwandelte. Als zum Ueberwinder des Todes betete Novalis fortan mit neuem Verständniß zu Christus; als die wesentlich todüberwindende Religion wurde ihm das Christenthum, in dem er erzogen war, eine neue Errungenschaft Was die Philosophie ihm sagte, daß das Ich unvergänglich sei, wie auch der Augenschein dagegen zeuge, das gab ihm nun der blinde, schreiende Schmerz um ein geliebtes Wesen als gedankenlose Ueberzeugung ein, daß sie nicht todt sein dürfe, nicht todt sein könne, diese junge Seele, deren Vollendung zu fördern die höchste Krone seiner Liebe gewesen war. Das Engagement war nicht für diese Welt gewesen, wie er sagte; nicht in dieser Form, nicht auf dieser Stätte hatte sie reifen sollen, und auch ihm, so glaubte er fest, sei es nicht beschieden. Seine Seele strebte mit müdem, sehnendem Flügelschlage nach der heiligen Küste, wo sie bei der Verlorenen ruhen könnte. Damals mag in ihm jenes wunderbare Lied entstanden sein mit den Versen:
Noch wenig Zeiten,
So bin ich los,
Und liege trunken
Der Lieb' im Schoß.
Ich fühle des Todes
Verjüngende Fluth,
Zu Balsam und Aether
Verwandelt mein Blut.
Ich lebe bei Tage
Voll Glauben und Muth,
Und sterbe die Nächte
In heiliger Gluth.
Höchst charakteristisch ist es nun, wie er seine innerliche und natürliche Ablösung vom Leben zu bewerkstelligen dachte, nämlich nicht etwa so, daß er sich völlig von den Menschen und ihren Vergnügungen zurückgehalten hätte. Ohne sie gerade aufzusuchen, vermied er doch seine Familie und seine Freunde nicht, zeigte sich immer heiter und mitgenießend, so aber wie etwa ein an fremde Küsten verschlagener Fremdling die Sitten des Landes aus edler Gefälligkeit mitmacht, dessen Seele doch immer und immer in der geliebten Heimath verweilt. An Freunden, die ihm seine Trauer gerne leichter gemacht hätten, fehlte es ihm nicht.
Ein sonderbares Verhältniß bestand zwischen ihm und Friedrich Schlegel, einem seiner ältesten Freunde. Fast mit keinem andern war der geistige Verkehr so anregend und fruchtbar, mit keinem konnte er besser symphilosophiren. Ihre beiden Intellekte liebten es zusammen spazieren zu gehen und ihre Erlebnisse auszutauschen. Aber Friedrich, so fein, mächtig, umfassend er auch dachte, dachte nicht herzlich wie Novalis. Und Novalis' schlanke, geschmeidige, keusche Natur scheute manchmal vor Friedrich's schwerfälliger Ueppigkeit zurück. Es war wie wenn ein Erdgeist und ein Luftgeist miteinander verkehrten. Friedrich spürte den reinen, starken, beseelenden Hauch, der von Novalis ausging, und liebte ihn mit einer ganz kleinen und sehr rührenden Beimischung von Demuth; Novalis mochte wohl seine leichte Gestalt gern einmal an die untersetztere, irdischbreite des Freundes schmiegen. Jedenfalls vergaß er gewiß nicht, was er als 21jähriger an Friedrich geschrieben hatte: »Für mich bist du der Oberpriester von Eleusis gewesen. Ich habe durch dich Himmel und Hölle kennen gelernt, durch dich vom Baume des Erkenntnisses gekostet.«
Wilhelm empfand in Novalis etwas Fernes, Fremdes und Schönes, das er nicht ohne Ehrerbietung umwarb; und wie hätte Karoline diese harmonische Erscheinung nicht lieb haben sollen? Aber sie beide waren für ihn, was man vielleicht am kürzesten zu wenig romantisch nennen könnte.
»Er sprach wie aus einer tiefen Vergangenheit des Geistes heraus«, sagt Steffens von Novalis, wo er in den Lebenserinnerungen seiner gedenkt. In diese heimliche Innenwelt, wo er am liebsten weilte, konnten sie nicht mit. Sie liebten ihn, wie man den liebt, der aus einem fernen, geheimnißvollen Lande kommt, dessen Sprache einen seltsamen, nievernommenen Accent hat, der im Sprechen Bilder gebraucht, die einer Landschaft von unbekanntem, unerhörtem Reiz entnommen zu sein scheinen. Der liebste unter den Romantikern war ihm Tieck, der ihm an Klarheit des Geistes, Kraft und Ausdauer weit nachstand, seine zarte Empfindung aber auf's Innigste theilte. Sie lernten sich aber erst zwei Jahre später kennen.
Anfänglich mischte er sich nur aus Pflichtgefühl in die Gesellschaft der Uebrigen, riß er sich nur ungern von seinen Todesbetrachtungen los. Aber allmälig wirkte doch die Schwerkraft der Erde auf die leicht schreitende, zum Schwunge bereite Gestalt. Gerade weil das Unsichtbare mit dem Sichtbaren so enge, für uns unzertrennlich verbunden ist. Je tiefer man in die Erscheinungen eindringt, desto lieber werden sie. Wenn es auch die Wissenschaften waren, die ihn zunächst in ihren Kreis zogen, so war das doch auch mit Irdischem verknüpft. Gespräche darüber, besonders mit Friedrich Schlegel, brachten ihn in eine angeregtere Laune, als er für seine Lage möglich und schicklich gehalten hatte. Er glaubte deshalb sich geradezu vor dem Umgang mit diesem Freunde hüten zu müssen; denn Alles, was an Muthwillen, Scherz und elektrischem Feuer in ihm war, entlud sich, wenn er mit ihm in Berührung kam.
Mit einem leisen Bangen fühlte er sich unwiderstehlich vom Lebendigen angezogen. Dann versuchte er gewaltsam sich in Ueberirdisches zu versenken, an Sophiens Grabe sitzend sich ihr Wesen und Alles was sie ihm war recht greifbar und entzündend vor die flüchtige Seele zu führen. Und mit einem kindlichen Stolze, der rührend und doch zugleich erhaben ist, zeichnete er aus, wenn es ihm gelungen war, die Flügel wieder auszubreiten und mächtig in die jenseitige Ferne des Nachthimmels einzudringen. Man könnte den Verlauf dieses Ringens eine umgekehrte Tragödie nennen: mit Furcht und Mitleid, aber doch mit Wonne erfüllt es zu sehen, wie das Leben, von dem der Entsagende im ersten Akte Abschied genommen hat, durch seine einfache Kraft und Schönheit ihn wieder in seine Mutterarme lockt und im letzten Akte den schamhaft Glühenden, Besiegten wieder an sein ewiges Herz drückt. Der Sieg wurde dem Leben nicht leicht, und nicht ohne sichtbare Erschütterung ging die Umkehr in seinem Busen vor. Denn er machte die entsetzliche und räthselhafte Erfahrung an sich, daß das wahrste, reinste und hingebendste Gefühl, wenn der Anblick des geliebten Gegenstandes die Flamme nicht nährt, erlöschen kann, daß das treumeinendste Herz der Untreue fähig ist. Man spürt das Wanken seines Herzens an dem Nachdruck, mit dem er sich vorhält, wie er durch sein freiwilliges Streben oder Resignation des Lebens der Welt die Möglichkeit der Treue über den Tod hinaus beweisen müsse. In höchster Angst ruft er die Formel aus: Christus und Sophie! Es war ihm ein Glaubenssatz gewesen, daß sie die Hälfte seines Wesens war, daß er dereinst den Bund mit ihr erneuern müsse, die durch die Weisheit ewiger Gesetze ihm jetzt von der Seite gerissen war. Hatte er sich doch vorgenommen, wenn er in der »alten längst bekannten Urwelt« sie wiederfinden würde, ihr zu erzählen: »Ich träumte von dir, ich hätte dich auf der Erde geliebt – du glichst dir auch in der irdischen Gestalt – du starbst – und da währte es noch ein ängstliches Weilchen, da folgte ich dir nach.«
Aber es war ihm nicht möglich Schatten zu lieben. In Freiberg, wohin er sich nach dem Wunsche seines Vaters begab, um an der Bergakademie zu lernen, verlobte er sich mit Julie v. Charpentier, die, wie es scheint, ihm Liebe entgegenbrachte und dadurch die seinige weckte. Steffens schildert sie als hochgebildet, schön, weich, mit einem wehmüthigen Ausdruck.
Ob er sie, wie gesagt wird, weniger leidenschaftlich liebte als Sophie, ist wohl schwer zu entscheiden, aber unwahrscheinlich; denn es war nicht seine Art, im Fühlen oder Handeln halb zu sein. Das freilich ist nicht zu bezweifeln, daß die Erinnerung an seine Liebe, die stärker als der Tod hatte sein sollen und es nicht gewesen war, zuweilen beengend sich auf die Freude seines neubelebten Herzens legte. Er gab auch, trotz Allem, das Verhältniß zu Sophie keineswegs auf. Seine Liebe war ihm Religion geworden. Seine Treulosigkeit, da er sich doch treu wußte und fühlte, seine Doppelliebe wurde das Problem, mit dem sich seine Gedanken immer beschäftigten. Er löste es in seinem Roman »Heinrich von Ofterdingen« in der Weise, daß Sophie und Julie nur in der Welt der Erscheinungen zwei sind, einst aber, im Lande der Erfüllung, wo alles Geschiedene sich vereinigt, als eine und dieselbe sich offenbaren. Er hätte an sich selbst verzweifeln müssen, wenn er sein früheres Gefühl, das so stark und echt in ihm gewesen war, aufgegeben hätte; deshalb suchte er es sich zu bewahren und mit dem neuen mystisch zu vereinigen. Jedenfalls sah er hoffend und liebend in die Zukunft und faßte sein Verhältniß grade so metaphysisch auf wie ehemals das mit Sophie, wie aus den Strophen an Julie zu sehen ist:
»Daß ich mit namenloser Freude
Gefährte deines Lebens bin
Und mich mit tiefgerührtem Sinn
Am Wunder deiner Bildung weide –
Daß wir auf's Innigste vermählt
Und ich der Deine, du die Meine,
Daß ich vor Allem nur die Eine
Und diese Eine mich gewählt,
Das danken wir dem süßen Wesen,
Das sich uns liebevoll erlesen.«
Damals, als Novalis die Arme nach dem Tode ausstreckte, umfing ihn das Leben; nun er den höchsten Kranz des Lebens dicht über seinen Locken wähnte, stand der Tod neben seinem Bette. Er fürchtete ihn jetzt. Er hatte Stimmungen gehabt, in deren einer er den schwermüthigen Ausspruch gethan hatte: »Leben ist eine Krankheit, ein leidenschaftliches Thun.« Aber es stammt doch auch der prächtige Vers von ihm:
»Ruh' ist Göttern nur gegeben,
Ihnen ziemt der Ueberfluß,
Aber uns ist Handeln Leben,
Macht zu üben nur Genuß.«
Im Ganzen gehörte die Anhänglichkeit an das Leben mit zu seiner Frömmigkeit, da doch das Leben die einzige uns bekannte Form ist, in der wir uns entwickeln können. Und er war doch Künstler: Er lebte so gern im Lande der Sinne, wie er nach dem Bericht des Kreisamtmanns Just selbst sagte, wenn auch nicht in dem der Sinnlichkeit. Indessen zweifelte er doch nicht daran, daß, wie und wo immer es auch sein möge, jeder Mensch auch nach seinem körperlichen Tode dem Ziele seiner Vollkommenheit weiter nachstreben dürfe. Er glaubte, daß nichts geschehe, was nicht zu seinem Besten sei. Also wandte er, ein Sterbender, seine weichende Kraft dazu aus, gelassen und heiter zu sein und sich zu fügen. Er litt viel unter körperlichen Beängstigungen, und rührend ist es in seinem Tagebuch zu lesen, wie er dieser Angst beizukommen, ihr Wesen zu ergründen und mit Einsicht und gutem Willen zu überwinden sucht. Daß man bis zum Aeußersten seine Pflicht zu thun habe, war ihm selbstverständlich; man könnte sagen, ein angeborenes Schicklichkeitsgefühl habe ihn verhindert, sich gehen zu lassen. Ueber das Verhältniß von Glück und Pflicht hat er einmal etwas Schönes gesagt; nämlich der sogenannte Eudämonismus sei ein eigentlicher Unsinn: »In der That ist es keinem nachdenkenden Menschen in den Sinn gekommen, ein so flüchtiges Wesen wie Glückseligkeit zum höchsten Zweck, gleichsam also zum ersten Träger des geistigen Universums zu machen. Ebenso könnte man sagen, daß die Weltkörper auf Aether und Licht ruhten. Wo ein fester Punkt ist, da sammelt sich Aether und Licht von selbst und beginnt seinen himmlischen Reigen; wo Pflicht und Tugend – Analoga jener festen Punkte – sind, da wird jenes flüchtige Wesen von selbst ein- und ausströmen und jene kalten Regionen mit belebender Atmosphäre umgeben.«
Ruhig richtete er sich für die Möglichkeit ein, daß der Wunsch seines Herzens sich erfülle und er demnächst Hochzeit mit Julien halten könne, zugleich aber auch für die andere, daß seine Krankheit es nicht gestatte; für welchen Fall er sich eine Reihe von Dingen vornahm, mit denen er sich beschäftigen, die er studiren wollte. Was ihm auch beschieden sei, er wollte es für seine Bildung nutzen. Sein schwarzes Geisterseherauge sah dem Lebensgange zu, den sein Genius ihm wählte, und beleuchtete den Weg mit sanft durchdringendem Licht. Ob es sich nicht doch mit Thränen füllte, als es erkannte, daß es der Weg des Todes war und nicht der der Liebe?
Apollo und Dionysos.
Inhaltsverzeichnis
Die leise Besonnenheit des Apollo und
die göttliche Trunkenheit des Dionysos.
Friedr. Schlegel.
Wissen ist des Glaubens Stern,
Andacht alles Wissens Kern.
Friedr. Schlegel.
Die Romantiker waren die Entdecker des Unbewußten. Indiensuchende Träumer, sandten sie ihre Seele aus nach dem uralten Wunderlande, von dem die Märchen der Vorzeit erzählten. Düfte, Blumen, die abgerissen im Wasser flossen, verkündeten den einsamen Schiffern oft die Nähe der blühenden Küste. Wie Kolumbus, wußten sie nicht, was sie gefunden hatten. Denn nicht das entfernte Mittelalter oder irgend ein wunderbares Traumland war es, sondern in ihnen selbst öffnete sich das unendliche Nachbarland ihres Geistes, die entgegengesetzte Scheibe des beseelten Planeten, wie einer von ihnen die verhüllte Hälfte des mit sich selbst unbekannten Menschen nennt, hatte sich ihnen zugewendet.
Im Jahre 1807 schrieb Ritter, nachdem er eine Somnambule beobachtet hatte, an Baader: »Eine Entdeckung von Wichtigkeit denke ich durch die eines passiven Bewußtseins, die des Unwillkürlichen, gemacht zu haben. Es wird durch Frage, Antwort erregt.… Hier neue Aufschlüsse in der Magie. Dann Theorie der Kraft der Phantasie. Alles Vorgestellte ist wirklich, eben deshalb aber hat es nur die Hälfte seiner Wirklichkeit, eine Halbwirklichkeit, für uns, gerade wie schon jeder Dritte uns doch nicht so wirklich ist, als wir uns selbst. Ferner hier Theorie des Gewissens, indem aktives Bewußtsein sich von passivem nur dadurch unterscheidet, daß dort die Frage mit der Antwort, und hier die bloße Antwort zum Bewußtsein kommt. Alle unsre reinen Handlungen sind somnambulistisch, Antwort auf Frage; wir die Frager. Jeder trägt selbst seine Somnambule bei sich und ist selbst der Magnetiseur von ihr. – Fall wo die Frage die Antwort selbst erräth, oder eigentlich die bewußte Unwillkürlichkeit selbst. Gott im Herzen.«
Von dieser empirischen Entdeckung eines passiven Bewußtseins, das von dem sonnenwachen Bewußtsein verschieden und nicht mit dem Gehirn, sondern mit dem sogenannten sympathischen Nervensystem verbunden sein sollte, wußten die jungen Führer der Romantik noch nichts. Immer pflegt der Erfahrung ein blinder Prophet der Wahrheit vorauszugehen. Uebrigens war das Gefühl, daß dem Menschen zwei Seelen in der Brust wohnen, kaum jemals unbekannt, und jeder kann Beobachtungen über ihr Verhalten zu einander anstellen. Im Leben des Kindes giebt es eine kurze Epoche, wo es sich nur als Objekt empfindet und von sich in der dritten Person redet; es ist zum Selbstbewußtsein noch nicht erwacht. Allmälig lösen sich die beiden Seelen von einander ab und trennen sich immer mehr – ebenso wie sich die Menschheit in eine männliche und eine weibliche Hälfte spaltet –, woraus die heißen Kämpfe der reifenden Jugend zu erklären sind, von denen nur wenige Menschen garnichts erfahren. Nun stellt die wache, sehende Seele Gesetze und Ideale auf, denen die schwerfällige blinde nicht folgen kann, oder umgekehrt, das überschwängliche Gefühl der blinden drängt zu Thaten, denen die berechnende sich widersetzt. Wenn die Jugend zu Ende geht, wird der Zweikampf so oder so entschieden, häufiger durch Ueberwältigung der einen oder durch ein schwächliches Sichmiteinanderabfinden, als durch Versöhnung.
In der Völkergeschichte wiederholt sich derselbe Vorgang. Kein Kampf ist im Innern der Thiere, wo der blinde Instinkt noch unangezweifelt herrscht; abgesehen von gewissen Hausthieren, in denen unter dem Einflusse der Menschen die ersten Keime des Selbstbewußtseins sich entfalten mögen. Auch bei den kulturlosen Völkern kann die schwache Stimme der Einsicht noch nichts ausrichten gegen die ungebändigte Wildheit des Instinkts. Der reine, harmonische Mensch des goldenen Zeitalters hat nie gelebt; eine optische Täuschung der menschlichen Phantasie versetzte ihn, wie den persönlichen, bewußten Gott, die beide am Ende aller Geschichte stehen, an ihren Anfang. Allerdings lebten die Griechen, wie wenn uns ein Vorbild gesetzt sein sollte, nach dem wir strebend uns zu richten hätten; hier herrscht eine innere Uebereinstimmung wie die zwischen Oedipus und Antigone: die kindliche Führerin schmiegt sich in vertraulichem Gehorsam an den blinden, weiseren Vater. Das Christenthum war die erste Auflehnung gegen die Tyrannis des Triebes. Das Bersten der Erde und das Zerreißen des Vorhangs im Tempel waren die ersten Vorzeichen der beginnenden Seelenschlacht im Menschen.
Wie im Leben des Einzelnen Tage oder Jahre, wo er handelt und lebt, auf solche folgen, wo er sich auf sich selbst besinnt, wechseln auch die Zeiten in der Weltgeschichte mit einander ab; während das Innenbewußtsein ruht, steigen die großen Thaten gerüstet, entschlossen aus der Tiefe des Unbewußten empor. So lösten auch im Mittelalter innerliche und äußerliche Zeiten einander ab; aber die Innerlichkeit gab der ganzen Epoche ihren Charakter. Wie eine große Revolution die neue Zeit eröffnete, ist sie durch eine andre, die französische beschlossen, während gleichzeitig die Romantik ein erneutes, erhöhtes Mittelalter heraufführte.
Es giebt keine interessantere und furchtbarere Zeit, als das frühe Mittelalter, wo der Mensch sich im Innern einem Dämon gegenübersah, der ihm sein eigenstes Reich streitig machte, den er fürchtete und haßte und dessen er sich doch nicht entledigen konnte, mit dem er wie mit einem Zwillingsleibe verwachsen war, und der doch ewig nach entgegengesetzter Richtung drängte. Er wußte sich eins und fühlte sich doch zwei, was einen wohl krank und wahnsinnig machen kann. Vergebens suchten die Priester die bösen Geister aus den Besessenen auszutreiben und durch Beschwörungsformeln bei der Taufe den Teufel aus dem neugeborenen Kinde zu bannen. Bald wähnte man in der edelsten Begierde des Menschen, der nach Erkenntniß, die fremde, feindselige Wirkung zu spüren, bald in den natürlichen Leidenschaften; unbändiger Frevel wechselte ab mit heldenmäßigen Opferthaten und weltüberwindender Entsagung. Durch die beständige, wenn auch feindselige Berührung mit dem Unbewußtem wuchs das Bewußtsein mächtig; dem Antäus gleich, dem aus der mütterlichen Erde die Kraft einströmt.
Auf einer inneren Zweiheit beruht die Möglichkeit des Selbstbewußtseins überhaupt; je deutlicher sich jene ausprägt, desto schärfer kann auch dieses werden. Einige Aussprüche der Romantiker sollen zeigen, daß sie die Doppelerscheinung des Ich klar erkannten.
Novalis: Denn Niemand kennt sich, insofern er nur er selbst und nicht auch zugleich ein andrer ist.
Eine nicht synthetische Person ist eine Person, die mehrere Personen zugleich ist, ein Genius. Jede Person Apollo und Dionysos ist der Keim zu einem unendlichen Genius. Sie vermag, in mehrere Personen getheilt, doch auch eine zu sein.
Die höchste Aufgabe der Bildung ist, sich seines transcendenten Ich zu bemächtigen, das Ich seines Ichs zugleich zu sein.
Unser Denken ist also Zwiesprache und unser Empfinden Sympathie.
Jede Person, die aus Personen besteht, ist eine Person in zweiter Potenz oder ein Genius.
Friedr. Schlegel in der Lucinde: Nur in der Antwort seines Du kann jedes Ich seine unendliche Einheit ganz fühlen. Dann will der Verstand den inneren Keim der Gottähnlichkeit entfalten, strebt immer mehr nach dem Ziele und ist so voll Ernst die Seele zu bilden, wie ein Künstler das eigene geliebte Werk. In den Mysterien der Bildung schaut der Geist das Spiel und die Gesetze der Willkür und des Lebens. Das Werk des Pygmalion bewegt sich, und den überraschten Künstler bewegt ein Schauer im Bewußtsein eigener Unsterblichkeit, und wie der Adler den Ganymedes reißt ihn die göttliche Hoffnung mit mächtigem Fittich zum Olymp.
Nicht mehr fremd und feindselig also stehen die Menschen ihrem Du gegenüber; seit sie sich ihm gewachsen fühlen und es besser erkennen, sehen sie die Möglichkeit einer Verständigung, ja das erste Schaudern liebender Neigung überläuft sie. Mit gutem Grunde spricht matt hier von Liebe, da die Wesenshälften des Menschen sich wie die Hälften des Menschengeschlechts positiv und negativ, männlich und weiblich zu einander verhalten.
Daß das Erkennen das weibliche Prinzip sei, liegt in einer der ältesten Sagen des Menschengeschlechtes: Eva war es, die den verhängnißvollen Apfel pflückte. Allerdings stellen eine Menge Frauen, vielleicht sogar die Mehrzahl, eher ein entgegengesetztes Prinzip dar. Diese vergegenwärtigen den Urtypus, in dem die Geschlechter noch unvermischt bei einander waren. Man kann ihn nicht androgyn nennen, da er nicht männlich und weiblich war, sondern weder das eine noch das andre, ein chaotisches Neutrum. Der Mann, das positive, thätige, schöpferische Prinzip riß sich zuerst los und eilte voran, die Frau folgt ihm zwar langsam nach, aber sie vertritt das höhere, wenn auch ohne ihn ohnmächtige Prinzip. Thatsächlich indessen vereinigen viele Frauen noch den Urtypus in seiner schwerfälligen, mütterlichen Trägheit. Erst in neuerer Zeit wird die Differenzirung des Männlichen und Weiblichen immer schärfer und bildet sich der rein weibliche Typus heraus. Auch stellen die modernen Schriftstellerinnen den Mann mit Vorliebe als den gutartigen, etwas rohen und etwas tolpatschigen Bären hin, der mit schwerer Tatze nach der feinen, neckischen Frauen-Libelle greift, die ihn umschwirrt. Je stärker die Differenzirung sich ausprägt, desto heftiger wird die Anziehung zwischen den Geschlechtern: der physiologische Grund, warum die Liebe in den neueren Zeiten eine so viel größere Rolle spielt als im Alterthum. Es ist anzunehmen, daß die Liebe ihren Charakter wieder ändern wird, wenn einst ein dem Urtypus analoger Mensch entsteht, in dem sich Männliches und Weibliches vereinigt, ohne in einander unterzugehen.
Dieser Umstand also, daß es zwei Frauentypen giebt und ferner, daß es weibliche Männer und männliche Frauen giebt, je nachdem welches Prinzip gerade stärker entwickelt werden soll, sind die Ursache, daß die Frau von den Männern meistens als Vertreterin des Unbewußten hingestellt wird, während doch gleichzeitig die weibliche Neugier, Eitelkeit, Gefallsucht, Frühreife, Schlauheit, Bosheit, Bewußtheit in Aller Munde ist. Daß die Neugier, das Wissenwollen, weibliches Erbteil ist, ist allbekannt. In der Sprache der Romantiker könnte man sagen: die Frau ist eine Potenzirung des Mannes, ist der romantisirte Mann, das heißt der bewußtwerdende. Diesen Sinn wird man in folgenden Aussprüchen von Novalis über die Frau finden:
Die Holzkohle und der Diamant sind ein Stoff und doch wie verschieden! Sollte es nicht mit Mann und Weib derselbe Fall sein? Wir sind Thonerde und die Frauen sind Weltaugen und Saphire, die ebenfalls aus Thonerde bestehen.
Das Beiwesen des Mannes ist das Hauptwesen der Frau.
Ungeheuere Verstellungsgabe, Verbergungsgabe der Weiber überhaupt. Ihr feiner Bemerkungsgeist. Alle Weiber haben das, was Schlegel an der schönen Seele tadelt. Sie sind vollendeter als wir. Freier, aber gewöhnlich sind wir besser. Sie erkennen besser als wir.
Ihre Natur scheint unsre Kunst, unsre Natur ihre Kunst zu sein. Sie sind geborene Künstlerinnen.
Alles fordert von der Frau unbedingte Liebe zum ersten besten Gegenstande. Welch hohe Meinung von der freien Gewalt und Selbstschöpfungskraft ihres Geistes setzt das nicht voraus.
Alles dies und das Goethe'sche Wort, daß das Ewig-Weibliche uns hinanziehe, steht mit dem Mythos, daß das Weib den Sündenfall veranlaßt habe, nur scheinbar im Widerspruch. Man ist leicht geneigt, die Natur um ihre Sicherheit und Unschuld zu beneiden; die sorglose Lebenswonne der Thiere, ihre körperliche Unbefangenheit, Kraft und Bestimmtheit erscheint uns vorzüglicher als unser zusammengesetztes Wesen, und wir bedauern es, wenn der kindliche Frohsinn wilder Völkerschaften bei Berührung mit der Kultur in Angst, Unsicherheit und Sorge untergeht. Und doch können die Thiere nicht lachen; ein Zug großartiger Traurigkeit ist in ihren Gesichtern, da wo von Gesicht und Gesichtsausdruck überhaupt die Rede sein kann. Die Angst der Kreatur sieht aus ihren flehenden Augen. Ebenso erkennt man an den vollen, schweren, gesenkten Lippen, an einer beständigen unwillkürlichen Schwermuth des Auges den Sklaven-Menschen, der noch an der Kette des Instinktes liegt. Daß jedes Geschöpf zur Freiheit geboren und von edler Art ist, beweist die unbewußte Trauer über die Schmach der Unterthänigkeit. Selbst die wundervollen griechischen Götter- und Heldengestalten. ob sie uns nun in der Plastik oder in der Poesie begegnen, haben bei all ihrer Pracht eine stolze, verhaltene Schwermuth in den Zügen, als wären sie vom Geschlechte des Tantalus und trügen das eherne Band um die Stirn, das verdunkelt und fesselt; die verhältnißmäßig niedrige Stirn in dem formschönen, kraftvollen Antlitz ist der sichtbare Ausdruck davon. Und die Fröhlichkeit des Naturmenschen ist keine andre als die des Kindes, die jeden Augenblick grundlos in die äußerste Trübseligkeit umschlagen kann. Häufiger Genuß von Berauschungsmitteln muß ihm den dumpfen Druck des Lebenmüssens erträglich machen: der Rausch giebt ihm die Flügel, die der Geist ihm noch nicht geben kann.
Nur Bewußtheit verleiht echte, dauernde Heiterkeit. Was ist dem Kinde sein Glück, um das wir es beneiden; dem Schmetterling, dem Schläfer, dem Todten? Die Schlange hatte Recht mit ihrer Verheißung: eritis sicut deus scientes bonum et malum. Die griechische Mythe erzählt, daß Zeus den Menschen das Licht habe vorenthalten wollen, damit sie nicht den Göttern gleich würden, und wie wirklich das Licht Bringer der Kultur wurde. Ebenso wie Psyche, deren Sünde wie Eva's im Sehen-, das heißt Wissenwollen bestand, nach vielen erduldeten Qualen an der Hand des Geliebten als Göttin in den Olymp eingeht. Tiefsinniger, wenn auch nicht so abgeschlossen und vollendet, ist die biblische Darstellung. Wir sehen da, wie die Erkenntniß das bisher verantwortungsfreie Geschöpf zunächst in Schuld verstrickt. »Ohne das Gesetz war die Sünde todt«, sagt Paulus. Wir ahnen den Riesenkampf, den der werdende Geist gegen die Natur wird kämpfen müssen, bis er ihr gleich und frei von ihr geworden ist. Wir vernehmen, daß das durch einen Menschen verlorene Paradies durch einen Menschen wiedergewonnen wird. Neben der tiefsten Herabwürdigung des Weibes in Eva steht, nach einem gelegentlichen Worte Baader's, ihre höchste Verherrlichung in Maria. Im Märchen ist es die Prinzessin, die den durch eine Hexe in einen Fisch oder Bären verwandelten Prinzen durch einen freiwilligen Liebeskuß erlöst.
Die Romantiker hatten das Verdienst einzusehen, daß die Erkenntniß, die die Einheit der Natur zerstörte, dennoch ihr Heil und das Mittel zu einer Wiedervereinigung auf höherer Stufe ist. Das bedeutet wohl die flüchtige Notiz von Novalis: »Adam und Eva. Was durch eine Revolution bewirkt wurde, muß durch eine Revolution aufgehoben werden (Apfelbiß).«
In einer dramatischen Dichtung Tieck's begegnet Zerbino dem Lieblingshelden der Romantik, Shakespeare. Auf seine Frage, was man auf Erden von ihm sage, antwortet Zerbino:
»Nun, man hält dich für einen wilden, erhabenen Geist, der bloß die Natur studirt hat, sich ganz seiner Furie und Begeisterung überläßt und nun darauf los dichtet, was es giebt, gut und schlecht, erhaben und gemein durch einander.« Worauf Shakespeare antwortet:
»Grüße deine Bekannten von mir und sag ihnen, daß sie sich irren. Verkündige ihnen, daß die Kunst immer meine Göttin war, die ich anbete.«
Es war die Entgegnung des Romantikers auf die Lehre der Geniezeit, daß die Poesie eine Blume sei, die sich nur des Nachts erschließe und dufte. Nachdem eben die Einsicht gewonnen war, daß nicht die Gelehrten, sondern das Volk die schönsten Dichtungen hervorgebracht hatte, fing man an, die Produkte eines gebildeten und unterrichteten Menschen mit Mißtrauen zu betrachten. Nicht denken, nicht lernen, damit die Unschuld des Instinkts nicht zersetzt werde. Diesem kleinmüthigen Pessimismus, der dem Kulturmenschen nur die Wahl lassen wollte, entweder sein stolzes Erbe der Jahrhunderte oder die Kraft der Kunst aufzuopfern, schleuderte Novalis mit revolutionärem Uebermuth die Frage zu: Kann man Genie lernen? um sie zu bejahen.
»Kann man Genie sein und werden wollen? So mit dem Witz, dem Glauben, der Religion u. s. w. Es hat in Beziehung auf das Genie bisher beinahe das Prädestinationssystem geherrscht. Die zum Theil wahre Beobachtung liegt zu Grunde, daß der Wille Anfangs ungeschickt wirkt und das Naturspiel stört – Affektation – und einen unangenehmen Eindruck macht – im Anfang durch Theilung der Kraft – bei der Aufmerksamkeit – sich selbst untergräbt und aus mangelhaftem Reiz und mangelhafter Capacität das nicht zu leisten vermag, was er dunkel, instinktartig beabsichtigt.«
Der vormalige lächerliche Aberglauben, Gelehrsamkeit könne Genie ersetzen, verwandelte sich in den frohen Glauben, daß Wissen dem Genie förderlich sei, an die Möglichkeit eines unendlichen Fortschritts in der Kunst. »Glaubt ihr nicht«, läßt Tieck seinen Dürer sagen, »daß es den künftigen Zeiten möglich sein wird, Sachen darzustellen und Geschichten und Erfindungen auszudrücken, auf eine Art, von der wir jetzt nicht einmal eine Vorstellung haben?«
Gern sprachen die Romantiker von der absichtsvollen Weisheit des Dante, Cervantes und Shakespeare, die Friedrich Schlegel den Dreiklang der romantischen Poesie nannte. An Goethe's Meister hob er hauptsächlich hervor »die geheimen Absichten, die er im Stillen verfolgte, und deren wir beim Genius, dessen Instinkt zu Willkür geworden ist, nie zu viel voraussetzen können.«
Unter den bildenden Künstlern war ein Liebling der Romantiker Leonardo da Vinci mit seiner überschauenden Intelligenz, mit seiner gewaltigen Phantasie, die sich dennoch unter die Leitung des grübelnden Kopfes beugte. »Uebrigens ist man bei Leonardo nicht in Gefahr, einen zu tiefen Sinn in seine Werke zu legen. Er dachte sich gewiß immer noch viel mehr, als er auszuführen im Stande war. Diese Ueberlegenheit des Verstandes über das ausübende Vermögen giebt er selbst als Kennzeichen des echten Künstlers an. Er hätte einer immer erneuten Jugend bedurft. Sein vieljähriges Leben war zu kurz für seine Gedanken, der Tod riß ihren labyrinthischen Faden ab. Bei ihm hielt das Streben nach Wahrheit mit dem Kunsttrieb nicht nur gleichen Schritt: beides hatte sich gegenseitig durchdrungen und war eins geworden. Sein Forschungsgeist war durchaus romantisch, bizarr und mit Poesie tingirt, und er verfolgte hinwieder die Forderungen der Kunst mit der Strenge der Wissenschaft oder der Pflicht.«
Diese Stelle kommt in dem Gespräche Wilhelm's und Karoline's über die Gemälde vor, das sie für das Athenäum schrieben; vielleicht hatten sie die Anregung zu dieser Auffassung Leonardos aus Wackenroder's Herzensergießungen geschöpft, wo der Klosterbruder mit anbetendem Staunen vor dem ungeheuren Manne steht, der zugleich schaffen konnte und denken, was er schaffte. Diesem klaren Geiste stellt Wackenroder den phantastischen Maler Piero di Cosimo gegenüber und beschließt seine Betrachtungen mit den ahnungsvollen Worten:
»Das Kunstgenie soll, wie ich meine, nur ein brauchbares Werkzeug sein, die ganze Natur in sich zu empfangen, und, mit dem Geiste des Menschen beseelt, in schöner Verwandlung wiederzugebären. Ist er aber aus innerem Instinkte und aus überflüssiger, wilder und üppiger Kraft ewig für sich in unruhiger Arbeit, so ist er nicht immer ein geschicktes Werkzeug, vielmehr möchte man dann ihn selber eine Art von Kunstwerk der Schöpfung nennen.«
Man irrt sich, wenn man annimmt, es sei den Romantikern nur in unklarer Verworrenheit wohl gewesen; auf die sogenannten älteren wenigstens trifft das durchaus nicht zu. Novalis nennt es im Gegentheil Folge einer krankhaften Constitution, Einseitigkeit, daß das Genie bisher meistens ohne sein Wissen wirkte; der Mangel an Bewußtsein sei schuld, daß es immer nur glückliche Augenblicke hatte. »Das erste Genie, das sich selbst durchdrang«, sagt er, »fand hier den typischen Keim einer unendlichen Welt; es machte eine Entdeckung, welche die merkwürdigste der Weltgeschichte sein mußte, denn es beginnt damit eine ganz neue Epoche der Menschheit.« Das Wort »Mehr Licht«, das Goethe nicht gesprochen haben soll, war doch jedenfalls wie aus seinem, so auch aus dem Geiste seiner Jünger gesprochen. Es ist bezeichnend, daß Novalis einen Traktat vom Lichte zu schreiben beabsichtigte. »Licht ist Symbol der echten Besonnenheit«, sagt er einmal. »Also ist Licht, der Analogie nach, Aktion der Selbstberührung der Materie. Der Tag ist also das Bewußtsein des Wandelsternes, und während die Sonne wie ein Gott in ewiger Selbstthätigkeit die Mitte beseelt, thut ein Planet nach dem andern auf längere oder kürzere Zeit das eine Auge zu und erquickt in kühlem Schlafe sich zu neuem Leben und Anschauen. Also auch hier Religion. Denn ist das Leben der Planeten etwas Andres als Sonnendienst?«
Schelling sah im Licht und in der Schwere die Urdualität der Natur; wenn man also »den Zauberstab der Analogie« gebraucht, müßte man, wie dem Licht das Bewußtsein, der Schwere den dunkeln Trieb, das Unbewußte gleichsetzen.
Empfindet man nicht auch eine Leidenschaft, der man trotz allen Ringens nicht Herr werden kann, als Schwere in sich? Im Gegensatze zu den Sturm- und Drang-Menschen, die mit Vorliebe in der Gewitterschwüle der Leidenschaft athmeten und nur in ihren krampfhaften Aeußerungen Kraft sahen, feierten die Romantiker den elastischen Geist, der die unbändige Wildheit der Triebe gebändigt hat und lenkt.
»Der Adel des Ich besteht in freier Erhebung über sich selbst – Laster ist eine ewig steigende Qual, Abhängigkeit vom Unwillkürlichen, Tugend ein ewig steigender Genuß, Unabhängigkeit vom Zufälligen.«
Die geschmeidige Jünglingskraft des Novalis'schen Geistes ist in diesen Worten nicht zu verkennen; ein Geist, der wie David, furchtlos und fromm, ein künftiger König, den Riesen herausfordert. Es gab eine Zeit, wo man die gothischen Kathedralen, die mit einer Art von Raserei allen Naturgesetzen trotzen zu wollen schienen, barbarisch fand und Nichts gelten ließ als den kindlich an Hain und Wald geschmiegten griechischen Tempel. Aber die Romantiker verstanden den schaurigen Trotz, mit dem der mittelalterliche Geist, die Schwerkraft des Gesteins im Riesenauflauf überwindend, leicht und mächtig, titanenhaft gegen den Himmel anstürmt; ihr reizbares Ohr vernahm den steinernen Triumphschrei, die kolossale Herausforderung des Menschen an den alten Naturgott. Wie Goethe früher gethan hatte, verherrlichte Tieck den Straßburger Münster in seinem Sternbald: »Es ist zum Entsetzen, daß der Mensch aus Felsen und Abgründen sich einzeln die Steine hervorholt und nicht rastet und ruht, bis er diesen ungeheuren Springbrunnen von lauter Felsenmassen hingestellt hat, der sich ewig, ewig ergießt und wie mit der Stimme des Donners Anbetung vor uns selbst in unser sterbliches Leben hineinpredigt.«
Das Selbstbewußtsein des Menschen reckt sich, die Löwennatur zu zähmen. Sieg über die Schwere ist seine Losung. Es ist kein Wunder, daß die Erfindung der Flugmaschine eines der Lieblingsprobleme der modernen Menschheit ist; eins von den vielen Beispielen moderner Phantastik, in der sich trockene Wissenschaft und Technik mit schwärmerischer Einbildungskraft mischen. Trieb in Kunst zu verwandeln, das Unbewußte in Wissen, war das Studium der Romantiker. Man könnte aus ihren Werken die interessantesten Zusammenstellungen darüber machen. Während Novalis tiefsinnige Andeutungen über die Kunst des Essens macht, lehrt Tieck, daß jede Tischunterhaltung ein Kunstwerk sein sollte, »das auf gehörige Art das Mahl accompagnirte und in richtigen Generalbaß mit ihm gesetzt würde.« Die Unterhaltung der Freunde im Phantasus, die wie Blumengewinde die verschiedenen Märchen und Erzählungen umrahmen und verknüpfen, bestehen hauptsächlich in Versuchen, sich über Instinkte klar zu werden und die unwillkürlichen Gefühle zu ergründen; wodurch dieses handlungslose Selbstgespräch so unerschöpflich und anziehend wird. Da wird über die »Tiefe und Innigkeit« des Geschmackes gesprochen, der Farbensinn behandelt: »Wie wundersam, sich nur in eine Farbe als bloße Farbe recht zu vertiefen. Wie kommt es denn, daß das helle ferne Blatt des Himmels unsre Sehnsucht erweckt, und des Abends Purpurroth uns rührt, ein helles goldenes Gelb uns trösten und beruhigen kann, und woher nur dieses unermüdete Entzücken an frischem Grün, an dem sich der Durst des Auges nie satt trinken mag?« Immer näher und näher schleicht der Dichter dem Abgrund des Unbewußten. eine schaurige Lust des Schwindels lockt ihn, sich ganz über den schwarzen Schlund zu beugen und den in Nebel wallenden Geburten und Gestalten zuzusehen, bis ihn ein unnennbares Gefühl von Angst aufschreckt und zurücktreibt. Das sieht man vor sich, wenn man ihn in seinen Schriften beobachtet. »Die Kunst hat diese Geheimnisse wohl unter ihren vielfarbigen Mantel genommen«, sagt er im Phantasus, »daher die wilde Verzweiflung in der Lust mancher bacchantischer Dichter. – So wollten wild schwärmende Corybanten und Priesterinnen ein Unbekanntes in Raserei entdecken, und alle Lust, die über die Grenze schweift, nippt von dem Kelch der Ambrosia, um Angst und Wuth mit der Freude laut tobend zu verwirren. Auch der Dichter wird noch einmal erscheinen, der dem Grausen und der wilden Sehnsucht mehr die Zungen löst.« Mit unmüdlicher Rüstigkeit und Frische bekämpft Baader den Jacobischen empfindsamen Satz, daß Denken dem Fühlen schade. Wenn Jacobi sagt: Der Gott, der gewußt werden könnte, wäre gar kein Gott, entgegnet Baader: der Gott, der ohne Gott gewußt werden könnte, wäre keiner; er erinnert daran, daß Christus nicht gesagt hat: ihr werdet die Wahrheit fühlen oder ahnen, sondern: ihr werdet sie erkennen. Er versucht eine Wissenschaft der Liebe zu begründen und unterscheidet die freie Zuneigung – Liebe – die vom Erkennen ausgeht, von der Leidenschaft, die, von einem Nichtgedachten ausgehend, ein unfreies Bewegtsein ist: »der Mensch weiß in diesem seinem blinden (finstern) Getriebensein nicht eigentlich, was er will und thut, und seine Bewegung ist insofern keine lebendige, weil sie nicht von seinem Innersten ausgeht.« Ganz ähnlich sagt Novalis: »Neigungen sind materiellen Ursprungs; Anziehungs- und Abstoßungskräfte sind hier wirksam. Die Neigungen machen uns zu Naturkräften. Sie perturbiren den Lauf des Menschen, und man kann von leidenschaftlichen Menschen im eigentlichsten Sinne sagen, daß sie fallen.« An Schlegel's Lucinde ist die Wachsamkeit und stete Gegenwärtigkeit des Dichters das Merkwürdigste, die ihm inmitten des Sinnenrausches ermöglicht, »mit kühler Besonnenheit auf jeden leisen Zug der Freude zu lauschen.«
Wie die Liebe soll auch die Religion ein freies Geschöpf des Bewußtseins werden, und in Goethe's Bekenntnissen einer schönen Seele findet Schlegel diesen Grundsatz künstlerisch dargestellt. »Daß auch die Religion hier als angeborene Liebhaberei dargestellt wird, die sich durch sich selbst freien Spielraum schafft und stufenweise jede Kunst vollendet, stimmt vollkommen zu dem künstlerischen Genusse des Ganzen und es wird dadurch, wie an dem auffallendsten Beispiele gezeigt, daß er Alles so behandeln oder behandelt wissen möchte.« Daß der ganze Meister eigentlich nicht sowohl die Kunst behandelt als »die Kunst aller Künste, die Kunst zu leben«, hatte Friedrich Schlegel bewiesen und gerühmt. Sittlichkeit definirt Novalis als die Kunst, unter den Motiven zu Handlungen einer sittlichen Idee, einer Kunstidee a priori gemäß zu wählen und die Masse innerer und äußerer Handlungen zu einem idealischen Ganzen zu ordnen. »Nicht nur Mensch werden, ist eine Kunst«, hat er gesagt, sondern dieser unerschrockenste und zugleich feinste der romantischen Denker spricht sogar von einer Kunstlehre der Unsterblichkeit.
Die ersten Romantiker haben denn auch unermüdlich gelernt und das Erlernte denkend zum Besitz ihres Bewußtseins zu machen gesucht, ja sie alle waren zugleich Kritiker der Kunst, die sie ausübten. Niemals glaubten sie, wie die modernen Künstler zu thun pflegen, sie würden die glückliche Kraft der Gesundheit des dunklen Instinktes dadurch wiederfinden, daß sie sich in's Dunkel der Unwissenheit versteckten. Hierin wie überhaupt war Herder ein Vorläufer der Romantik, der die Poesie Kultur zum Schönen nennt, die Bekanntschaft der neuen Poesie mit der Wissenschaft freudig begrüßt, weil sie dadurch an dem Fortschritt und Wachsthum des menschlichen Geistes theilnehmen werde, der zur besonnenen Nachahmung andrer Völker auffordert und als die Muse des bewunderten Briten die Reflexion bezeichnet Es ist bekannt, wie Goethe beinahe pedantisch seine Kenntnisse zu erweitern und Ordnung in dem, was er wußte, zu halten suchte, wie er sogar nach Mustern oder Ideen, ja zuweilen um Exempel zu statuiren, dichtete.
Das aber haben Schiller und viele Andre auch gethan, und zwar gerade solche, deren ärgste Feinde die Romantiker waren. Wenn das Wissen und Bewußtwerden allein den Romantiker machte, wie wäre es möglich, daß sie mit gutem Gewissen den großen Krieg gegen die Aufklärung hätten führen können, daß jeder beim Worte Romantik an den geheimnißvollen lauschigen Wald des Märchens und der Sage denkt, in den sie die Menschen wieder eingeführt haben; daß in ihrem Gefolge der Zauber, die Magie, das Räthsel, die Sehnsucht – alle die verschleierten Gestalten des Unbewußten erscheinen? Das ist eben, was man niemals vergessen darf, daß das Bewußtsein des Romantikers mit dem Gehalte des Unbewußten erfüllt ist; das Thor, das die beiden Reiche trennte, ist nicht mehr geschlossen, sondern nur angelehnt, und langsam strömt das Licht von der einen Seite in die wallende Finsterniß, lösen sich von der andern Seite die dunklen Bildungen im Lichte auf. Baader führt einmal folgende Stelle aus einem alten Schriftsteller an: »Dieweil Studiren und Lernen eine Erweckung ist des, das in mir ist, nämlich, daß ich erkenne und gewahr werde des, das in mir ist und in allen Menschen verborgen liegt, denn das Himmlische und Irdische liegt in mir verborgen. Dannenhero auch die Platonici gesagt: discere esse reminisci.« Mit solchem Sicherinnern und Sichbesinnen war alles Lernen der Romantiker verbunden. Der unbewußte Mensch wird sich seines instinktiven Lebens nur dadurch bewußt, daß es wirkt; in ungestörter Stille reifen seine Gefühle heran, bis sie auf einmal als Handlungen an's Licht treten; sein Denken ist weißes Licht, erst durch das Prisma des Bewußtseins wird es in die Regenbogenfarben zerlegt. Dem bewußten Menschen, der seine Gefühle im Lichte zersetzt, fehlt leider oft die Formel, sie wieder ganz und lebendig zu machen, so daß man sagen kann: Der unbewußte Mensch hat die Gefühle, aber kennt sie nicht, der bewußte kennt sie zwar, aber hat sie nicht, der harmonische Zukunftsmensch hat und kennt sie.
Man kann sich den Verkehr zwischen den beiden Welten etwa so vorstellen, als gäbe es eine Klappe, die die obere von der unteren trennte. Bei dem gemeinen Durchschnittsmenschen öffnet sich diese Klappe niemals von selbst, außer vielleicht im Traume. Es kann auch bei diesen Vieles und Großes sich unterirdisch entwickeln, aber es tritt nicht in's Bewußtsein, sondern setzt sich in Arbeit um. Es sind die einfachen, handelnden Menschen, die Arbeitsthiere, aber auch solche, die im Stande sind, heroische Thaten zu thun. Man könnte diesen den Bauern- oder den Römer-Typus nennen, oder einfach den männlichen. Als Nacht-Menschen könnte man sie bezeichnen, insofern sie unbewußt handeln, als Tag-Menschen, insofern ihr Bewußtsein der äußeren Welt nie durch Nebel aus dem Innern gestört wird; wenn man nicht unter Tag-Menschen diejenigen verstehen will, denen das Unterirdische überhaupt fehlt und die in Folge dessen in diese Betrachtung nicht gehören.
Nun kommen die Menschen, bei denen die Klappe immer offen steht, oder eine Spalte ist darin. Es ist gerade, wie wenn ein Riß in einer Dampfmaschine wäre, die nicht arbeiten kann, weil der Dampf entweicht und keinen Druck mehr ausübt. Denn weil die Triebe, ehe sie sich ansammeln und bilden, in's Bewußtsein eintreten, können sie sich nicht in Handlung umsetzen und nach außen wirken. Dies ist der weibliche oder artistische Typus. Diese Menschen sind nicht groß durch ihre Handlungen, kaum giebt es überhaupt eine Außenwelt für sie, die ganz durch die unentdeckte Innenwelt in Anspruch genommen sind. Vorzüglich Musiker gehören hierher, Dichter, Schauspieler, alle Arten von Künstlernaturen und Talenten, nur nicht die ganz Großen, die das Bleibende schaffen. Auch Schwärmer, Idealisten und Kritiker, die Alles besser wissen, aber Nichts besser machen können, sind unter diesen. Man kann sie auch Uebergangs- oder Dämmerungsmenschen nennen.
Der dritte Haupttypus ist der die beiden früheren vereinigende, der mannweibliche. Diesen Typus trägt das Genie. Hier ist die Verbindung zwischen den beiden Welten durch eine Feder geregelt. Ungestört geht die Entwickelung der Kräfte im Unterirdischen vor sich. Sind sie aber reif, so heben sie die Klappe und betreten das Lichtreich. Sie können sowohl nach außen wie nach innen wirken. Diese Menschen müssen sich nicht selbst zerstören, um sich selbst zu kennen. Sie brauchen nicht deshalb, weil sie wissen, auf das Handeln und Schaffen zu verzichten. Sie können zuweilen mit den Menschen der ersten Klasse verwechselt werden, wie denn das Genie auch oft aus primitiven Kreisen hervorgeht. Sie können einfach, ja unbedeutend erscheinen, und es kann das Ansehen haben, als brächten sie das Große, was sie leisten, nur zufällig hervor.
Für jeden Menschen ist das Sichöffnen der Klappe wenn ich bei dem elementaren Bilde bleiben darf – etwas Erwünschtes, das er herbeizuführen strebt: Rausch im weitesten Sinne, die höchsten Momente des Lebens. Es ist das Auflösen des Festen und Schweren im Menschen, weswegen auch die Berauschten, Begeisterten sich so leicht fühlen, als flögen sie. Man könnte es auch Bewußtwerden oder Romantisiren nennen. Eine alte chemische Regel heißt: corpora non agunt nisi soluta; die Alchymisten gingen deshalb darauf aus, eine Substanz zu finden, die jeden Körper löste: Alkahest nannten sie dies hypothetische Mittel. Auch der Mensch wirkt nur, wenn das Unbewußte in ihm sich löst, so daß er handelt nach außen oder nach innen. Seine Lösungsmittel sind vor allem Jugend, Liebe und Wein – die Griechen nannten Dionysos den Lösenden – kurz Wärme. Die südlichen Völker gebrauchen weniger Wein als die nördlichen, weil die Klappe sich mit Leichtigkeit, fast allzuleicht, von selbst öffnet. Diese und die Dämmerungsmenschen, bei denen die Klappe immer offen steht oder einen Riß hat – solche giebt es mehr im Norden – sind die Immerberauschten; ein Alkahest, das noch dazu kommt, wirft sie ganz über den Haufen. In seinem Sternbald läßt Tieck den Lukas v. Leyden, den er als schlichten, unermüdlich thätigen, mehr schaffenden als denkenden Mann schildert, am liebsten nach Tische arbeiten, wenn er vom Wein erhitzt ist; während der sinnige, phantasievolle Dürer sagt, daß er im Gegentheil nur nüchtern malen könne: »denn mir steigt der Wein in den Kopf und verdunkelt mir den Gedanken.« Kunstgenuß wirkt nicht auf Alle lösend. Je geistiger das Alkahest ist, dessen der Mensch bedarf, um sich selbst zu genießen, desto höher steht er. Einst wird es ganz überflüssig werden: dann leben die Zukunftsmenschen, von denen Novalis sagt, daß sie immer zugleich wachen und schlafen werden.
Die meisten Romantiker waren weiblicher Art, Dämmerungsmenschen, aber sie strebten nach Harmonie. Selbst oft einseitig, ließen sie doch nie die Einheit und Ganzheit aus den Augen; in ihr Gebet an die Sonne klingt die berühmte Heraufbeschwörung der mondbeglänzten Zaubernacht wie eine harmonische Begleitung einstimmiger Melodie hinein.
Insofern als das wachsende Selbstbewußtsein beständig mit Fragmenten, mit in der Entwicklung unterbrochenen Organismen zu thun hat, bringt es krankhafte, verzerrte Erscheinungen hervor. Die romantische Literatur ist reich daran. Friedrich Schlegel sagt sogar geradezu, Jean Paul stehe so hoch über Sterne, als er krankhafter sei als dieser. Aber ihr Interesse am Krankhaften war nicht etwa blasirter Ueberdruß am Einfachen und Schönen oder überreizte Sucht nach dem noch nie Dagewesenen, sondern die Einsicht in das Wesen des Krankhaften als Symptom der beginnenden Entwicklung, als ein nothwendiges Uebergangsstadium, das mit Freuden begrüßt werden muß, weil es beweist, daß der Kampf, ohne den der Sieg nicht sein kann, nun doch im Gange ist. Ich will einige darauf bezügliche Bemerkungen von Novalis anführen:
»Krankheit gehört zur Individualisirung. Es gilt hier, wie auch bei den menschlichen Gemüthern, gerade das, was in der bildenden Kunst von dem DoryphorDoryphorusm Canon gilt.«
»Krankheiten zeichnen den Menschen vor den Pflanzen und Thieren aus. Zum Leiden ist der Mensch geboren. Alle Krankheiten gleichen der Sünde darin, daß sie Transcendenzen sind. Unsre Krankheiten sind alle Phänomene einer erhöhten Sensation, die in höhere Kraft übergehen will.«
»Je mehr der Mensch seinen Sinn für's Leben künstlerisch ausbildet, desto mehr interessirt ihn auch die Disharmonie – wegen der Auflösung.«
Daß es immer nur »wegen der Auflösung« ist, darf nie vergessen werden. Und wie verschieden die Entwicklung vor sich gehen kann, zeigt das Beispiel der Nationen. Bei den romanischen Völkern bildet sich der Stoff des Geschehens allmälig im Unbewußten und bricht plötzlich in furchtbaren Revolutionen hervor. Bei den germanischen Völkern geht die Entwicklung in kleineren Wellenbewegungen, langsamer, zuweilen verzweifelt langsam, aber sie ist interessanter, reicher und viel umfassender, besonnener. In den Engländern vereinigt sich die Harmonie und Kraft des Unbewußten mit der Fülle, Tiefe und Vielseitigkeit des Bewußten.
Die schönste Verherrlichung der »dunklen Gefühle« muß man bei Wackenroder, dem lieblichsten, dem verträumtesten Romantiker suchen. Seine Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders sind eine schwärmerische Verkündigung des Glaubens, daß Kunst nichts Erlernbares, sondern göttliche Eingebung, Offenbarung sei. Das Buch ist wie eins, das lange, lange Jahre in einer Kirche gelegen hat, ein Psalterium mit goldnen und flammenden Ornamenten zwischen den mystischen Gesängen und durch und durch süß von dem Weihrauch, der es beständig umwölkt hat. Ihn ängstigte das Licht, weil er nie völlig aus dem Schlafe erwacht war: sein ganzes Leben war wie das Aufschrecken eines müden Schläfers, der blinzelnd in's Morgenlicht sieht, aus den umschlingenden Blumenranken seines Traumes sich nicht losreißen kann und sich willig von ihnen in den Schlummer zurücklocken läßt. »Die Weltweisen«, sagt er, »sind aus einem an sich löblichen Eifer für die Wahrheit irre gegangen; sie haben die Geheimnisse des Himmels aufdecken und unter die irdischen Dinge, in irdische Beleuchtung stellen wollen und die dunklen Gefühle von denselben, mit kühner Verfechtung ihres Rechtes, aus ihrer Brust verstoßen. Vermag der schwache Mensch die Geheimnisse des Himmels aufzuhellen? Glaubt er verwegen an's Licht ziehen zu können, was Gott mit seiner Hand bedeckte? Darf er wohl die dunkeln Gefühle, welche wie verhüllte Engel zu uns herniedersteigen, hochmüthig von sich weisen? Ich ehre sie in tiefer Demuth; denn es ist große Gnade von Gott, daß er uns diese echten Zeugen der Wahrheit herabgesendet. Ich falte die Hände und bete an.« Weil er mit Worten, der Sprache des Bewußtseins, die dunklen Gefühle nicht offenbaren kann, die so überwältigend aus dem Grunde seines Innern ihn überströmen, flüchtet er zur Musik. Sie könnte ihn aus seiner Bedrängniß erlösen. Der ganze Strom von Schmerz und Wonne, der sich aus den Tönen über das widerstandslose, behende Herz ergießt, rauscht unterirdisch unter seiner Sprache.
»Und so erkühne ich mich denn, aus meinem Innersten den wahren Sinn der Tonkunst auszusprechen und sage: Wenn alle die inneren Schwingungen unsrer Herzensfibern – die zitternden der Freude, die stürmischen des Entzückens, die hochklopfenden Pulse verzehrender Anbetung –, wenn alle die Sprache der Worte, als das Grab der inneren Herzenswuth, mit einem Ausruf zersprengen: dann gehen sie unter fremdem Himmel, in den Schwingungen holdseliger Harfensaiten. wie in einem jenseitigen Leben in verklärter Schönheit hervor und feiern als Engelgestalten ihre Auferstehung.«
Unermüdlich tönt seine wohllautende Klage über die kalten Vernünftler, die das »stumme Singen, den vermummten Tanz der unsichtbaren Geister in ihrem Innern« an das Licht zerren wollen; die sich nicht begnügen, den verdeckten Strom in der Tiefe ihres Gemüths von ferne rauschen zu hören. Unermüdlich lobt seine melodische Zunge die göttliche Kraft der Musik, die uns das unendliche Lied, das wir da unten gehört haben, aus bezauberten Saiten schöner wieder vorsingt, bis zuletzt seine Worte in Thränen sich auflösen. »Aber was streb' ich Thörichter, die Worte zu Tönen zu zerschmelzen? Es ist immer nicht, wie ich's fühle. Kommt, ihr Töne, ziehet daher und errettet mich aus diesem schmerzlichen irdischen Streben nach Worten, wickelt mich ein mit euren tausendfachen Strahlen in eure glänzenden Wolken und hebt mich hinaus in die alte Umarmung des allliebenden Himmels!«
Wie ein keimendes Pflänzchen, das unter der winterlichen Blätterhülle allzulange der Sonne entzogen war und niemals frisch und kräftig werden kann, sehnt er sich immer in den dunkeln Schoß der Erde. Aber dennoch, und ohne diesen Zug wäre er kein echter Romantiker, graut es ihm zuweilen vor der »frevelhaften Unschuld, der furchtbaren, orakelmäßig-zweideutigen Dunkelheit« der Musik. Nachdem er eine Symphonie in Worten an sich vorübergezaubert hat, schließt er so: »Dann, wenn ich in finsterer Stille noch lange horchend dasitze, dann ist mir, als hätt' ich ein Traumgesicht gehabt von allen mannigfaltigen menschlichen Affekten, wie sie, gestaltlos, zu eigener Lust, einen seltsamen, ja fast wahnsinnigen pantomimischen Tanz zusammen feiern, wie sie mit einer furchtbaren Willkür, gleich den unbekannten, räthselhaften Zaubergöttinnen des Schicksals, frech und frevelhaft durch einander tanzen.«
Es ist die leise Gewissensangst des Träumers, der die heilige Erlöserkraft des Lichtes ahnt und es doch flieht. Vorwitzig hat er das Thor zum Hades seines Innern aufgerissen, und nun schweben die bleichen Schatten ihm nach, umdrängen ihn und verlangen Leben. Hätte er sie in das Lichtreich seines Bewußtseins geführt, so wären sie entweder, wie man aus vielen Märchen weiß, augenblicklich zerflattert oder in Asche zerfallen, oder aber der mächtige Strahl hätte ihre Leiber verklärt in Kunst. Nun aber, da sie zurück nicht können, werden sie in ihrer Todesnoth zu Vampyren und saugen ihm bis auf den letzten, zitternden Tropfen das junge Blut aus.
Es ist der Irrthum der meisten modernen Künstler, daß sie, weil sie ihr Bewußtsein mit den Gestalten der Unterwelt zu bevölkern begonnen haben, nun aus der Oberwelt ein Reich der Finsterniß zu machen suchen, während sie grade des Lichtes am meisten bedürfen. Ihre Unterwelt entvölkert sich, ein Schaffen im Unbewußten ist für sie unmöglich geworden, aber sie könnten dasselbe im Bewußtsein erreichen; denn, sagt Novalis, der vollkommen Besonnene heißt der Seher. Es ist wahr, daß sie zunächst durch die Aushöhlung des unterirdischen Reiches schwankend und unkräftig werden, aber durch Verbreitung künstlicher Dunkelheit können sie es nicht wieder ausfüllen. Tieck war von dieser Schwäche, auch dem Bewußten den Schein des Unbewußten aufzuzwingen, nicht frei. Viele seiner Gedichte sind in einem Ton des Stammelns und Lallens gehalten, der nicht kindlich, sondern albern ist. Zuweilen macht es den Eindruck, als habe er glücklich sein aufmerksames Bewußtsein halbwegs eingeschläfert und bemühe sich nun eilig, ehe es wieder zu sich kommt, so viel Worte wie möglich hervorzusprudeln; oder als kneife er die Augen zu, um sich einbilden zu können, er träume. Das Bestreben immer, »aus dem Innersten zu reden«, wie es die Romantiker unter sich nannten, verführt zu Simili-Offenbarungen. An den affektirten Faseleien seiner Nachahmer erkannte Tieck mit Schrecken, wohin seine Art führen konnte, und er hat in dem Schwank »Der Autor«, in der Scene, wo der Bewunderer dem Autor seine Gedichte vorlesen will, ein allerliebstes warnendes Beispiel davon gegeben.
Autor:Sie drücken sich aber kuriose aus.
Bewunderer:Es muß immer aus dem innersten Gemüth heraus, Und oft will es nicht weichen und wanken, Oft fehlen wohl selber die Gedanken, Da muß man die Sprache recht bei der Wurzel kriegen, Aus dem Innersten sprechen, es mag brechen oder biegen, So ist es mir schon oft gelungen, Zu gerathen auf treffliche Vorstellungen.
Worauf er folgendes Gedicht vorträgt:
Stille, stille
Wie die Welle,
In den Seen
Blumen stehen,
An dem Rande
Sanfte Bande,
Und es flimmern
In den Schimmern
Süße Töne,
Ach wie schöne!
Komm und kröne
Mein Verlangen,
Denn dein Bangen
Ist so ferne
Wie die Sterne,
Liebesblicke
All mein Glücke,
Binden Flammen
Sich zusammen,
Daß sie schwammen;
Ach die schöne Zeit,
Weit! weit!
Ob wir nun in der Romantik bald auf ein Ausschweifen in dunklen Gefühlen treffen, bald auf Vergötterung des Kunstverstandes und der Kritik, das möchte ich eben vor Allem betonen, daß das Ideal der romantischen Aesthetik eine Vereinigung von Fühlen und Wissen war. Das will auch die lange Erklärung Friedrich Schlegel's sagen, von der ich nur den Anfang hier anführen will:
»Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennten Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald vermischen, bald verschmelzen.«
Das Wort »romantisiren«, das besonders bei Novalis häufig vorkommt, kann man zuweilen durch »Bewußtwerden« oder »Bewußtmachen«, bald durch »Unbewußtwerden«, »Unbewußtmachen« übersetzen. Aus der Fülle der diese Ansicht beleuchtenden Aphorismen kann ich nicht unterlassen, noch einige hier zusammenzustellen.
»Genie ist zwar nicht Sache der Willkür, aber doch der Freiheit, wie Witz, Liebe und Glauben, die einst Künste und Wissenschaften werden müssen. Man soll von Jedermann Genie fordern, aber ohne es zu erwarten. Ein Kantianer würde dies den kategorischen Imperativ, die Genialität nennen.«
»In jedem guten Gedicht muß Alles Absicht und Alles Instinkt sein. Dadurch wird es idealisch.«
»Die ganze Geschichte der modernen Poesie ist ein fortlaufender Commentar zu dem kurzen Texte der Philosophie: alle Kunst soll Wissenschaft und alle Wissenschaft soll Kunst werden; Poesie und Philosophie sollen geeinigt sein.«
»Durch Kunst allein wird der Menschen zu einer leeren Form; durch Natur allein wird er wild und lieblos.«
»Das Vorrecht der Natur ist Fülle und Leben; das Vorrecht der Kunst ist Einheit.«
»Reine Liebe ist schlechthin arm; alle ihre Fülle ist eine Gabe der Natur. Reine Natur ist nichts als Fülle; alle Harmonie ist ein Geschenk der Liebe. Freundlich begegnen sich ihre beiden Unendlichkeiten und bilden ein neues Ganzes, welches als die Krone des Lebens Freiheit und Schicksal vereinigt.«
Diesen Aussprüchen von Friedrich Schlegel füge ich noch einige von Novalis hinzu:
»Die Natur wird moralisch sein, wenn sie aus echter Liebe zur Kunst sich der Kunst hingiebt, thut, was die Kunst will, die Kunst, wenn sie aus echter Liebe zur Natur für die Natur lebt und mit der Natur arbeitet. Beide müssen es zugleich aus eigner Wahl, um ihrer selbst willen, und aus fremder Wahl, um des Andern willen thun. Sie müssen in sich selbst mit dem Andern und mit sich selbst im Andern zusammentreffen.«
»Alles Unwillkürliche soll in Willkürliches gewandelt werden.«
»Die Trennung von Philosoph und Dichter ist nur scheinbar und zum Nachtheil beider. Es ist ein Zeichen einer Krankheit und krankhaften Constitution.«
»Jetzt ist der Geist aus Instinkt Geist, ein Naturgeist, er soll ein Vernunftgeist, aus Besonnenheit und durch Kunst Geist sein.«
Unter diesem Gedankensystem hat Friedrich Schlegel in seinem bedeutendsten Jugendwerk, über das Studium der griechischen Poesie, die antike und moderne Kunst in ihren Unterschieden betrachtet. Er bedient sich, um das Unbewußte und Bewußte zu bezeichnen, gewöhnlich der Ausdrücke Trieb und Absicht, zuweilen auch für Trieb des später durch Schopenhauer geläufig gewordenen Willen. Schon Jakob Böhme nannte den organisch wirkenden Trieb Willen und leitete das Wort ab von dem Wallen des immer schwangeren Geistes, dessen Funktion es sei, die innere Geburtsgestalt mit und in seinem Leibe darzustellen. Die antike Poesie nun, sagt Schlegel, sei eine Schöpfung des Triebes, die moderne eine Schöpfung der Absicht. Was der Trieb hervorbringt, prangt in organischer Vollendung und Fülle; es sei daran nichts zu tadeln, wie jede Pflanze in ihrer Art ist es schön. Nicht genug kann Schlegel die reizende, selige Vollkommenheit jener Naturkunst rühmen, die durch die »chymischen Versuche« des Verstandes, sein willkürliches Scheiden und Mischen, nur zerrüttet wird. Aber nichtsdestoweniger wendete er sich gegen das allgemeine Vorurtheil, es sei die Kunst nichts als eine Frühlingsblüthe der Menschheit, bestimmt, zu blühen, zu reifen und zu welken, nichts als der unwillkürliche Erguß eines leidenschaftlichen Herzens oder eines unbewußten Naturmenschen, nichts als ein süßer Kindertraum, der im Lichte der Bildung und Wissenschaften zerfließen müsse. Die Kunst zwar, die der unbewußte Trieb hervorbringt, vergeht wie jede Bildung der Natur; aber es giebt eine andre, welche einen sehenden Führer hat. »So wie es eine Poesie giebt«, sagt Baader, »die ahnend und träumend dem Gedanken vorangeht, so giebt es eine bessere Poesie, welche dem klaren Gedanken sich zugesellend, ihm dienend folgt.« Für diese werdende Poesie, die das Bewußtsein, langsam zwar und auf Irrwegen, der Vervollkommnung entgegenführt, giebt es den Naturzwang des Sinkens und Vergehens nicht, weil es keine Schranken des Fortschritts, der Weiterentwicklung für sie giebt. In Goethe's Erscheinung erblickte Schlegel eine Bürgschaft, daß die durch das Bewußtsein verlorene Schönheit mit Bewußtsein wieder gewonnen werden könne, und zwar als eine unvergängliche.
Dieser Adler-Optimismus mit der Devise »Ascendam« macht die Romantik so ewig jung und herrlich. Sie zweifelten nicht, daß sie, wenn auch hundert Mal geblendet und gelähmt, ein Mal das Antlitz der Sonne berühren würden. Unerschütterlich war ihr Glaube, daß alle Gespenster und Schrecken der Mitternacht sich im Tageslichte in schöne Wirklichkeit verwandeln müßten, daß jeder Schmerz des Lebens nur auf einer Täuschung des noch umflorten Auges beruhe. Die moderne Phantasie denkt sich ihre Dichter nicht blind, wie die Alten den Homer und Demodokos. Schlegel erwähnt, es sei nach Pindar eine alte Sage, »daß der Dichter, wenn er auf dem Dreifuß der Musen sitze, nicht bei Sinnen sei, sondern wie eine Quelle alles Zuströmende willig von seinen Lippen fließen lasse.« Demokrit soll die besonnenen Dichter vom Parnaß verbannt haben. Und schließlich sagt der platonische Sokrates im Phädros: »Wer sich aber ohne Raserei der Musen der Pforte der Poesie nähert, in der Meinung, die Kunst allein könne ihn schon zum Dichter machen, der bleibt unvollständig und gelangt nicht in's Heiligthum; er und die Poesie des Nüchternen sind nichts gegen die Poesie des Rasenden.« Am ausdrücklichsten verräth die Auffassung der Griechen die Sage, daß Juno den Teiresias blind machte, ehe sie ihm die Gabe der Weissagung verlieh. Warum dies? Das Bewußtsein, das dem griechischen Dichter verhüllt werden mußte, wenn er singen sollte, war anders als das unsrige. Es war nur von der äußern Welt erfüllt. Er richtet sein Auge so unverwandt auf diese, daß es ihm gewaltsam nach innen gekehrt werden muß, damit es die zweite Hälfte der Welt, die innere, wahrnimmt. Der moderne Mensch, in dessen Bewußtsein das Unbewußte sich aufzulösen beginnt, ist von Natur der dionysische; auch nüchtern ewig berauscht von den betäubenden Dünsten, die durch die Spalte aus dem Zauberkessel des Erdinnern aufsteigend sein Haupt umschweben. Er muß Apollo anrufen, daß die Klarheit des Sonnengottes sein verworrenes Stammeln ordne. Eine Felsplatte bedeckte die verhängnißvolle Spalte im Innern des antiken Menschen; ungetrübte Lichthelle herrschte in seinem apollinischen Haupte. Er mußte zu Dionysos flehen, daß er mit der Kraft seines Götterrausches den Stein wegwälzte und die feste Erde erschütterte, bis die magische Geburt sich aus ihrem Schooße löste und nach oben stieg.
Das Werk eines dionysischen Dichters wird sich durch Stimmung, Reichthum und Fülle auszeichnen, aber während man sich im Lesen an tausend Einzelheiten erfreut, wird man am Ende wunderlich enttäuscht sein; gegen das Ganze wird sich der etwaige Tadel richten. Der apollinische Dichter ist ärmer und kälter, aber er hat die Form in seiner Gewalt, und deshalb wird sein Werk die Herzen im ersten Augenblick weniger entzünden, aber es wird leben und dauern. Die Form ist das Organische und wird aus dem Unbewußten heraus geschaffen, die feinste Bildung und Fülle des Geistes kann sie nicht geben; der Körper muß aus dem Körperlichen geboren werden. In der Symbolik der griechischen Mythologie bedeutete Apollo die Einheit, Dionysos die Vielheit.
In den südlichen Ländern folgen Tag und Nacht einander ohne Uebergang. Am Tage herrscht despotisch die ungemilderte Sonne, erst in der Nacht wagt sich das Leben hervor, Thiere und Menschen breiten ihr Gemüth vertrauensvoll gegen den verdunkelten Himmel aus. In den nördlicheren Breiten giebt es zahllose Uebergänge. Und selbst im heißesten Sommer ist der Tag doch die Zeit des Arbeitens und Wachens, der Schlaf fällt immer in die Nacht. Der Tag schmilzt allmälig in die Nacht hinüber, die Nacht in den Tag. In unsern Dämmerungsträumen können wir ahnen, wie es sein mag, wenn wir einst, wie Novalis sagt, immer zugleich schlafen und wachen. Wer die nordische Sommernacht kennt, wo sich zwei Meere von Sonnenschein und Mondschein gegenüberwogen, ohne daß eins im andern erlischt, kann sich vielleicht noch ein besseres Bild von diesem Mysterium machen.
Das Zwielicht ist es, das den Norden zur Heimat der Romantik macht. Und die Gefahr des modernen Künstlers liegt darin, daß er, von der Dämmerung verzärtelt, den Tag nicht mehr ertragen kann. Er vergißt, daß rüstiges Schaffen nur am Tage möglich ist. Immer stärkungsbedürftig schließt er vor dem Tage die Augen im Wahne, daß dann Nacht sei. Aber die balsamischen Quellen des Sternenhimmels bethauen ihn nicht; schlaff und verdrossen erwacht er aus seiner künstlichen Nacht und findet sich unfähiger als zuvor.
Wie die Nacht Trösterin und zugleich Entsetzen der Menschen ist, so ist es mit dem Unbewußten. Das Unbewußte ist das Dämonische. Man kann einen klassischen und einen modernen Dämonismus unterscheiden: der bewußte Mensch ist dämonisch, wenn das Unbewußte in ihm erscheint, der unbewußte, wenn es in ihm wirkt. Gewöhnlich nennt man nur den ersteren dämonisch, in dem das versunkene Rheingold, das bei andern Menschen ungesehen in der unzugänglichen Tiefe ruht, beständig in schwebender, schwankender Bewegung nach oben ist, so daß ein buntes Blitzen, Flimmern und Funkeln von Edelsteinen durch das wechselnde Gewässer der Seele zuckt; denn das dämonische Wesen der naiveren Menschen wird nicht erkannt, bis einmal aus ihrem immer ruhevollen, spiegelglatten Gemüthe unvorbereitet, ungeahnt eine beseligende oder vernichtende That springt, wie aus dem schlummernden Märchensee, wenn die Geisterstunde gekommen ist, der schleierlose Leib der Nixe glänzend hervorsteigt.
Aus der Wechselwirkung zwischen dem Bewußten und Unbewußten entspringt die Magie. Rein theoretisch, durch die stürmische Consequenz seines Denkens, bestimmte Novalis das, was wir jetzt als Hypnotismus kennen. Das Beherrschtwerden des Unwillkürlichen durch das Bewußte war sein Dogma. Auch der bewußte Geist des Menschen hat seine körperliche Erscheinungsform, das Cerebralsystem, aber sein Wirken ist nicht an körperliche Vermittlung gebunden, sondern springt über, wie ein elektrischer Funke, auf andre Geister. »Alle geistige Berührung gleicht der Berührung eines Zauberstabes. Alles kann zum Zauberwerkzeug werden.« Baader führt einmal als Citat aus einem »übrigens possirlichen Schriftsteller« diese merkwürdigen Worte an: daß, wer nur des Geistes gering in sich hätte, um ihn auch in fremde Leiber spediren zu können, diese Leiber von innen heraus bewegen würde, wie seinen eigenen. – Was jetzt erfüllt ist, setzte Novalis als logisch nothwendig voraus und folgerte weiter, daß nichts als unsre eigene Schwäche und Unfertigkeit dieser Wirksamkeit des Geistes auf die Natur eine Schranke setze. Noch können wir weder unsre eigene Somnambule, noch die der Andern, noch die eine große Somnambule Natur völlig magnetisiren; aber er weissagt eine Periode der Magie, wo der Körper der Seele oder der Geisterwelt dienen werde. »Der physische Magus weiß die Natur zu beseelen und willkürlich wie seinen Leib zu behandeln.« Als solchen Magus schildert die Bibel Gott, der sprach: es werde Licht! und es ward Licht. Das kommt einem in den Sinn, wenn man die merkwürdige Notiz von Novalis liest: »Gefährliche Gedanken. Nähern sich etwa manche Gedanken der magischen Grenze? Werden manche de facto wahr?« Gewiß hat es Jeder schon in sich erlebt, daß er irgend einen dunklen auftauchenden Gedanken rasch erdrückte in dem plötzlichen, wahnsinnigen Angstgefühl, er könnte mit eins wirklich werden.
Da nun der Geist so unabhängig vom Körper ist oder sein kann, so muß er auch unabhängig von ihm leben und erscheinen können. Wenn er in ein fremdes Bewußtsein übergeht und von dort auf einen fremden Körper regiert, erscheint er ja gewissermaßen schon in diesem; man hat oft beobachtet, daß Mann und Frau, die ja, wenn sie in inniger Seelengemeinschaft leben, sich gegenseitig hypnotisiren, einander ähnlich werden. Kann er also sich in einem fremden menschlichen Körper materialisiren, wie die jetzigen Spiritisten es nennen, so darf man die Folgerung nicht ausschließen, daß er es in jedem beliebigen Stoffe zu thun fähig sei. Dies etwa mag der Gedankengang Novalis' gewesen sein, als er Folgendes niederschrieb: »Das willkürlichste Vorurtheil ist, daß dem Menschen das Vermögen, außer sich zu sein, mit Bewußtsein jenseits der Sinne zu sein, versagt sei. Der Mensch vermag in jedem Augenblick ein übersinnliches Wesen zu sein. Ohne das wäre er nicht Weltbürger, er wäre ein Thier. Freilich ist die Besonnenheit, Sichselbstfindung in diesem Zustande sehr schwer, da er so unaufhörlich, so nothwendig mit dem Wechsel unsrer übrigen Zustände verbunden ist.« – »Die Geisterwelt ist uns in der That schon aufgeschlossen, sie ist immer offenbar! Würden wir plötzlich so elastisch, als es nöthig wäre, so sähen wir uns mitten in ihr. Unser jetziger mangelhafter Zustand macht immer eine Heilmethode nöthig, sie bestand ehemals in Fasten und moralischen Reinigungen, jetzt wäre vielleicht die stärkende Methode nöthig.« Das heißt: ehemals mußte man das Unbewußte dämpfen und das Bewußtsein heben, jetzt, wie das Bewußtsein sich durch Aufnahme des Unbewußten und auf seine Kosten erweitert hat, müßte man umgekehrt verfahren.
So thaten die Romantiker die ersten Schläge an die Pforte der Geisterwelt, aus welcher bald das unheimliche Nachtvolk in Schaaren hervorströmen sollte. Die Führer waren nicht schuld an den Verirrungen und Mißverständnissen ihrer Jünger; sie sonderten zwar Natur und Geist, aber so extrem sie auch ihre Abstraktionen verfolgten, behielten sie doch ihre Einheit im Sinne und wollten nie das Eine ohne das Andre.
Man kann sich die Stadien des Bewußtseins an einem mathematischen Bilde klarmachen. Der Kreis muß uns die vollständige Unbewußtheit vorstellen, wo die beiden Hälften des Ich noch unzertrennt sind: der Kreis ist eine Ellipse, in der die beiden Brennpunkte zusammenfallen. Die Ellipse wäre dann die Form des vollendeten Selbstbewußtseins, wo jeder Strahl, der von dem einen Seelenbrennpunkt ausgeht, nach dem andern reflektirt wird. Aus der Ellipse aber wird, wenn man die Durchschnittsebene des Kreises so dreht, daß sie seiner Seitenwand parallel wird, die Parabel, das heißt, der eine Brennpunkt rückt in's Unendliche, die unbewußte Seele vereinigt sich mit der Natur. Das könnte man das Allbewußtsein nennen. Jeder Punkt der Unendlichkeit ist Brennpunkt für das Ich geworden; kein Strahl geht vom Unendlichen aus, keiner vom Ich, der nicht nach hier und dort reflektirt würde. Drehen wir die Ebene nun noch weiter, bis wir wieder beim Kreise angelangt wären, so hätten wir ein Bild des romantisirten Universums, des bewußten Chaos.
Der romantische Charakter.
Inhaltsverzeichnis
Wer etwas Unendliches will, der weiß nicht, was er will; aber umkehren läßt sich dieser Satz nicht.
Friedr. Schlegel.
O wie wechselnd ist
Doch mein Gemüth, so wandelbar veränderlich
Ist nichts mehr in der weiten Welt: denn bald
Bin ich so glücklich, so von Herzen froh,
So in mir selber groß, daß ich mit Frechheit
Die Sterne pflücken möchte und wie Blumen
Zum Kranze für mein Haupt zusammenflechten.
Ein Augenblick, so wechselt diese Fluth,
Sie tritt zurück und macht das Ufer nackt,
Und ärmlich dünkt mir dann mein ganzes Inn're.
Dann könnt ich mit dem Bettler tauschen, sterben,
In ferne, nie besuchte Höhlen kriechen,
In ewiger Betrachtung meines Jammers
Ein langes, qualenvolles Leben schmachten.
Dann seh' ich ihren Blick, ein Lächeln grüßt
Den eingekrümmten Geist, und Alles ist
Vergessen, mir gehört die ganze Welt.
Das ist der romantische Charakter, wie er träumerisch, die Augen in den Wolken, durch die Werke Tieck's und seiner Gefährten wandert, ihr eigener Doppelgänger; der bewußtwerdende, der moderne, in dem Geist und Natur, von einander gerissen, sich immer wieder berühren und zu vermischen streben, um heftiger aus einander zu fliehen; der das starke Band nicht hat, das sie trennt sowohl wie vereinigt. Was ihm fehlt, ist Charakter und Harmonie, aber er hat, wenn man den Berührungspunkt des Unbewußten und Bewußten so nennen darf, Seele. Er hat einen Körper, in dem das ausgelassene Herz bald zu geschwinde, bald zu träge klopft, ein Gesicht, aus dem uns suchende, ahnende Augen voll Geheimniß ansehen.
Der Ausspruch Friedrich Schlegel's: »Man nennt viele Künstler, die eigentlich Kunstwerke der Natur sind«, ist auf die meisten Romantiker anzuwenden; weil sie selbst im Strome des Gestaltetwerdens flutheten, konnten sie nicht gestalten und wollten es doch, weil sie besser als ein Fertiger wußten, wie es dabei zugeht. Es ist erstaunlich, bis zu welchem Grade es Tieck mißlang, Menschen zu schaffen. Die unzähligen Personen, die in feinen Büchern austreten, sind nichts als bunte Figuren einer Laterna magica, die, auf eine Wand geworfen, marionettenartig mit zuckenden Bewegungen an dem Beschauer vorübergleiten. Sie springen in erstaunlicher Fülle, mühelos, aus seinem Kopfe; eben weil es nur Kopfgeburten sind, ohne Fleisch und Bein. »Es giebt zwei Arten, Menschen zu schildern«, sagt Novalis, »die poetische und die wissenschaftliche. Jene gibt uns einen durchaus individuellen Zug – ex ungue leonem –, diese deducirt vollständig.« Tieck's Art ist die wissenschaftliche, und insofern haben seine Menschen ein unendliches Interesse. Man muß ihnen die aufgeklebten Etiquetten abreißen und sie allesammt Ludwig Tieck nennen; denn in Wahrheit sind sie nur Brechungen dieses einen Strahles. Auch sind wir ihm für seine Art zu schildern dankbar; denn es wäre schade, einer so künstlichen Spieluhr, wie es der romantische Charakter ist, nur zuzuhören und sie nicht auch einmal aufzumachen und im Innern arbeiten zu sehen – voir ce qu'il y a dedans, sagte ein kleiner Junge, ehe er sein Spielzeug zerbrach.
In dem harmonischen Menschen entwickeln sich die beiden Wesenshälften, Mann und Weib, Thier und Engel, gleichmäßig, sodaß sie in guter Kameradschaft neben einander aushalten können, wie die alten germanischen Heidengötter nie ohne ein edles Thier erschienen, das ihnen gemäß war; der romantische Mensch ist eine personificirte unglückliche Ehe und Mißheirath, gewöhnlich deswegen, weil die Frau sich dem Manne überlegen fühlt, manchmal auch weil sie ihm nicht gewachsen ist, und ringt nicht in ihm unterzugehen, oder denn, daß sie sich nun einmal nicht verstehen können: gegenseitige unüberwindliche Abneigung. Aber die Ehe des Menschen mit sich selbst ist wirklich ein Sakrament, unauflöslich, zum Zwecke gegenseitiger Erziehung, eine oft qualvolle Bildungsschule. Meistens ist der Romantiker der werdende Engel, der die Menschlichkeit haßt, die ihn noch mit der Erde verbindet. Wie das unglückliche Opfer den Leichnam, mit dem sein Peiniger es zusammengebunden hat, um die Todesqual zu verschärfen, möchte der Intellekt den Willen von sich stoßen, der doch der seinige ist: »Ein Engel darf, ein Mensch mag ich nicht sein, nur die Hölle bleibt dem Unbefriedigten übrig«, dieser Verzweiflungsschrei aus Tieck's Abdallah ist das Thema endlos phantasirender Klagen.
»O daß ich mich stürzen könnte in das Meer der unermeßlichen Göttlichkeit! Diese tausendfachen Schätze in meinen Busen saugen! Könnt' ich sie fesseln und ewig wach erhalten in meiner Brust, diese göttlichen Gefühle, die jetzt durch meine Seele zittern! Ach daß der Gesang durch die Laute rauscht und nachher verstummt! Ich höre das Pochen meines ungeduldigen Geistes: was ist diese unnennbare, unausfüllbare Leere, die mich stets im Genusse so kalt und todt ergreift? Ein fremdes Streben ringt mit meiner Begeisterung und wirft sie nieder. Ich schwindle auf der Freude höchstem Gipfel und stürze in den Staub betäubt zurück.«
»O daß der Mensch in seinem Busen einen unversöhnlichen Feind mit sich herumtragen muß, der ihn unablässig quält! Daß das heillose Drängen unsrer Seele, das Streben gegen die Unmöglichkeit uns den Genuß unsres Daseins raubt und uns gegen uns selbst verderbliche Waffen in die Hand giebt!«
»Die Seele steht tief hinab in einem dunkeln Gewölbe in einem dunkeln Hintergrunde und lebt im weiten Gebäude für sich, wie ein eingekerkerter Engel; sie hängt mit dem Körper und seinen vielfachen Theilen ebensowenig zusammen, wie der Verbrecher mit der Stadt, in der er gefangen sitzt. – – Was kann ich also für meine Seele thun, die wie ein unaufgelöstes Räthsel in mir wohnt? Die dem sichtbaren Menschen die größte Willkür läßt, weil sie ihn auf keine Weise beherrschen kann?«
Mit einem andern Bilde, das dasselbe bedeutet, hörte ich Jemand seine Natur mit einem wilden Pferde vergleichen, das sein Geist nicht bändigen und lenken könne.
Schlichter als Tieck, aber kindlich rührender erzählt Wackenroder, wie sein Jakob Berglinger an dieser Mißhelligkeit zu Grunde geht; wie es ihn anwidert, die Leute auf der Straße schwatzen und lachen zu sehen, wenn er in übersinnlichem Enthusiasmus aus dem Concerte kommt, und wie er sich dann vor sich selber schämt, wenn er es sich beim Essen, im Kreise alltäglicher Bekannter, wohlschmecken läßt. Ein unaufhörlicher Kampf, nur unterbrochen durch erzwungene, äußerliche Versöhnungen.
Auch Novalis' Geist schwang sich oft hoch über seine Natur empor, aber er kehrte immer gern und freundlich zu ihr zurück. Es war eine Liebe, nicht wie die der heiligen Paare des Mittelalters, die Gott gelobt hatten, sich niemals zu berühren, sondern eine solche, deren Leidenschaft zu einer reinen Flamme verklärt war: ebenso willig zu Kuß und Umarmung, wie zu Trennung und Thätigkeit, echte Freiheit. Anders ist es, wenn der Intellekt sich dem Willen hingiebt, den er im Stillen fürchtet und haßt. Um die geheime Abneigung zu betäuben, unfähig, dem sinnlichen Reiz zu widerstehen, stürzt er sich blindlings in schwelgerisches Genießen, bis zur Erschöpfung und Zerrüttung. Nicht Ehe ist es, sondern Buhlschaft, und alle Folgen eines unreinen und unwahren Verhältnisses knüpfen sich daran. »Das Schwelgen an den Kräften des Gemüths ist die unerlaubteste aller Verschwendungen, die schlimmste aller Verderbtheiten«, das war eine Erfahrung, die Tieck an sich selber gemacht hatte. Als er einmal einen halben Tag und eine Nacht durch ohne Unterbrechung, seine Erregtheit selbst absichtlich steigernd, einen damals beliebten Schauerroman gelesen hatte, bekam er wirklich einen Anfall von Wahnsinn, den seine lüsterne Phantasie ihm schon so oft vorgespielt hatte. Durch einen großen Natureindruck, den er bald darauf während einer Harzreise empfing, fühlte er sich gerettet. Aber keine Rettung gab es für Wackenroder, der weit unschuldiger war als Tieck, aber schwächer. Sein Geist war wie ein zartes Mädchen, ganz Demuth und Hingebung, die dem Strome von Leidenschaft, der auf sie eindringt, nur mit einem bangen, flehentlichen Blick zu wehren vermag, während ihr sanfter Leib sich ihm schon zuneigt.
Das Bewußtwerden, die beständigen Berührungen zwischen Natur und Geist, denen nie eine gänzliche Vereinigung folgt, die aufregenden Stelldicheine in der Dämmerung sind die Ursachen jener grenzenlosen Sehnsucht, jenes unersättlichen Verlangens, woran der Romantiker sich aufzehrt. Die Wuth der Unbefriedigung hat es Friedrich Schlegel einmal genannt. Wer hat nicht das Sehnen des Herzens in sich gefühlt, beklemmend aber süß, das der erste Thauwind des Jahres oder die bacchantische Sterbeluft des Herbstes einhaucht? Ein leiser Zug, man weiß nicht wohin, vielleicht nach einer fernen, fernen Waldwiese, auf der ein allerschönstes Bild auf uns wartet, sei es Liebe oder Tod, Willkommen im allmächtigen Blick. Was aber bei den meisten Menschen nur ein flüchtiges Mitzittern der Saiten in das große Harfenspiel der Natur ist, das ist der Grundton des romantischen Charakters, sein Merkmal, sein Hauptvermögen, seine Schönheit, sein Fluch. Daß sie diese zehrende Sehnsucht nicht kannte, machte die Größe, Schönheit und Vollendung der Antike, aber ihre Begrenztheit liegt auch darin. Aus der Zerrissenheit des modernen Menschen wächst sie heraus, eine Marterblume mit tiefem, blutendem Kelche, aus dem sich seelenberauschende Düfte unablässig in die Unendlichkeit ergießen.
Warum Schmachten?
Warum Sehnen?
Alle Thränen
Ach sie trachten
Nach der Ferne,
Wo sie wähnen
Schön're Sterne!
Daß sie es nur wähnen, das ist es eben. Das blanke, lockende Sternbild ist eine Fata Morgana, die vor dem Näherkommenden weicht, eine Luft-Oase, die niemals den brennenden Durst löscht. Niemand hat wie Tieck, mit so züngelnden, flackernden, lodernden Feuerbuchstaben die Symptome dieser Krankheit geschildert, die Geschichte der Io, die der Stachel des Wahnsinns rastlos durch alle Welt jagt.
»Aber was ist es, daß ein Genuß nie unser Herz ganz ausfüllt? Welche unnennbare, wehmüthige Sehnsucht ist es, die mich zu neuen, ungekannten Freuden drängt? Im vollen Gefühl meines Glückes, auf der höchsten Stufe meiner Begeisterung ergreift mich kalt und gewaltsam eine Nüchternheit, eine dunkle Ahnung – wie soll ich es beschreiben – wie ein feuchter, nüchterner Morgenwind auf der Spitze des Berges nach einer durchwachten Nacht, wie das Auffahren aus einem schönen Traum in einem engen, trüben Zimmer. Ehedem glaubte ich, dieses beklemmende Gefühl sei Sehnsucht nach Liebe, Drang der Seele, sich an Gegenliebe zu verjüngen – aber es ist nicht das; auch neben Amalien quälte mich diese tyrannische Empfindung, die, wenn sie Herrscherin in meiner Seele würde, mich in einer ewigen Herzensleerheit von Pol zu Pol jagen könnte. Ein solches Wesen müßte das elendeste unter Gottes Himmel sein: jede Freude flieht heimtückisch zurück, indem er danach greift, er steht wie ein vom Schicksal verhöhnter Tantalus in der Natur da, wie Ixion wird er in einem unaufhörlichen, martervollen Wirbel herumgejagt; auf einen solchen kann man den orientalischen Ausdruck anwenden, daß er vom bösen Feinde verfolgt wird.«
»Ich möchte in manchen Stunden von hier reisen und eine seltsame Natur mit ihren Wundern aufsuchen, steile Felsen erklettern und in schwindelnde Abgründe hinunterkriechen, mich in Höhlen verirren und das dumpfe Rauschen unterirdischer Wässer vernehmen, ich möchte Indiens seltsame Gesträuche besehen und aus den Flüssen Wasser schöpfen, deren Name mich schon in den Kindermärchen erquickte; Stürme möchte ich auf dem Meere erleben und die ägyptischen Pyramiden besuchen – o Rosa, wohin mit dieser Ungenügsamkeit, und würde sie mir nicht selbst zum Orkus und im Elysium folgen?«
Die Helden aller romantischen Bücher sind fast beständig auf Reisen: Don Quixote so gut wie Wilhelm Meister und alle ihre Nachkommen. Die Dichter ließen ihre Doppelgänger an ihrer Stelle auf die ersehnte Wanderschaft gehen.
Alles lockt und zieht:
Wie mit süßen Flötenstimmen
Rufen alle gold'nen Sterne;
Weit muß manche Woge schwimmen,
Deine Lieb' ist in der Ferne.
Ist sie es wirklich? Finden sie sie jemals? Heimlich wissen sie es wohl, daß ein Aufhören der Sehnsucht Aufhören des Lebens wäre:
Die Nachtigall singt aus weiter Fern:
Wir locken, damit du lebest gern.
Daß du dich nach uns sehnst und immer matter sehnst,
Ist, was du thöricht dein Leben wähnst.
Ein moderner Romantiker, der Däne Jakobsen, hat vollendeter, als die vor 100 Jahren es konnten, im Niels Lhyne die Geschichte einer solchen Reiselust erzählt und mit der herzzerreißenden Einsicht beendigt, daß nichts Irdisches sie stillen kann. Seelenvoller vielleicht und tröstlicher läßt Tieck dasselbe seinen Sternbald empfinden in einer wehmüthig seligen Nacht:
»Die Scheibe des Mondes stand seinem Kammerfenster gerade gegenüber, er betrachtete ihn mit sehnsüchtigen Augen, er suchte auf dem glänzenden Runde und in den Flecken Berge und Wälder, wunderbare Schlösser und zauberische Gärten voll fremder Blumen und duftender Bäume; er glaubte Seen mit glänzenden Schwänen und ziehenden Schiffen wahrzunehmen, einen Kahn, der ihn und die Geliebte trug und umher reizende Meerweiber, die auf krummen Muscheln bliesen und Wasserblumen in die Barke hineinreichten. Ach dort! dort! rief er aus, ist vielleicht die Heimath aller Sehnsucht, aller Wünsche; darum fällt auch wohl so süße Schwermuth, so sanftes Entzücken auf uns herab, wenn das stille Licht voll und golden den Himmel heraufschwebt und seinen silbernen Glanz auf uns hernieder gießt. Ja er erwartet uns, er bereitet uns unser Glück, und darum sein wehmüthiges Herunterblicken, daß wir noch in dieser Dämmerung der Erde verharren müssen.«
Es ist aber natürlich, daß dennoch die Täuschung – und vielleicht ist es gar keine – immer wieder kommt, als müsse diese schmerzhafte Leere auf Erden ausgefüllt werden können. Liebe kann es: unfehlbar sicher fühlt das jeder Mensch. Zunächst aber wächst und wächst nur das Verlangen, unerträglich, bis endlich im höchsten Genuß der Liebe die ewig stachelnde Pein untergeht. Ein Augenblick himmlischer Ruhe, dann jähes Aufschrecken: das also war die Lösung des unergründlich scheinenden Räthsels!
Alle diese Seelenmarter, die himmelstürzenden Titanengedanken, das Rütteln an den Thoren der Erkenntniß war nur ein Krampf der Sinnlichkeit. Nicht in den Himmel der Ideale, an die Brust eines beliebigen Mädchens mußte er sich flüchten, um für die hohe Ungenügsamkeit, »der Sonne und Mond zu irdisch sind«, Befriedigung zu finden. Allerdings nur für einen Augenblick; dann stößt der Ernüchterte seinen Abgott von sich. Aber wenn wieder ein Frauenkleid ihn streift oder ein warmer Blick ihn berührt, kommt die Hoffnung wieder und wieder die Enttäuschung, bis er sich schließlich nicht einmal mehr selbst betrügt, sondern bewußt aus einem Rausch in den anderen taumelt. So läßt Tieck seinen Lovell sinken, sinken und immer rascher stürzen; es ist wundervoll, wie man in dem engelsreinen, schwärmerischen Jüngling die krasse Genußlehre sich ausbilden sieht. Dies ist seine Lebensweisheit:
»Freilich ist Wollust das große Geheimniß unsres Wesens, freilich will auch die reinste, inbrünstigste Liebe sich in diesem Brunnen kühlen, sie soll eben sterben, damit wir fühlen, daß wir Menschen sind, daß wir von täuschenden Phantomen erlöst werden, die uns als Engelsgestalten besuchen und doch Furien werden, wenn sie das glänzende Gewand fallen lassen. Denn schläft nicht die wildeste Verzweiflung, die gräßlichste Angst, der blutigste Haß, Selbstmord und alle Gräuel im Innern dieses Gefühls?… Daß wir Sinnlichkeit haben, ist keineswegs verächtlich und kann es nicht sein, und doch streben wir unaufhörlich sie uns selber abzuleugnen und sie mit unsrer Vernunft in Eins zu schmelzen, um nur in jedem der vorüberfliegenden Gefühle uns selbst achten zu können. Denn freilich ist nichts als Sinnlichkeit das erste bewegende Rad in unsrer Maschine, sie wälzt unser Dasein von der Stelle und macht es froh und lebendig – Alles was wir als schön und edel träumen, greift hier hinein.… Sinnlichkeit und Wollust sind der Geist der Musik, der Malerei und aller Künste, alle Wünsche der Menschen fliegen um diesen Pol wie Mücken um das brennende Licht. Schönheitssinn und Kunstgefühl sind nur andre Dialekte und Aussprachen, sie bezeichnen nichts weiter als den Trieb des Menschen zur Wollust.… Ich halte selbst die Andacht nur für einen abgeleiteten Kanal des rohen Sinnentriebes« – und zum Schluß kommt die alte Klage – »ich darf kein Engel sein, aber ungestört will ich als Mensch dahinwandeln.«
Wenn Lovell in solchen Gedankenverirrungen sich verwickelte und erwürgte, darf man nicht folgern, so sei es Tieck ergangen. Er glaubte an Liebe und Glück, aber er sah ein, daß das »was den Menschen ganz befriedigen soll, sein Gefühl und seinen Verstand zugleich ausfüllen muß.« Und in ihm waren Gefühl und Verstand »zwei neben einander laufende Seiltänzer, die sich ewig ihre Kunststücke nachahmen, einer verachtet den andern und will ihn übertreffen.« Darum ist der romantische Charakter der Gefahr in Ausschweifungen sich zu verwüsten um so viel mehr ausgesetzt als ein andrer; denn nur im Rausch, sei es der Liebe oder des Weines, wenn die eine Hälfte seines Wesens, das Bewußtsein, betäubt und eingeschläfert ist, kann er die Wonne genießen, um die er jedes Thier beneidet: sich eins zu fühlen.
»O Wein! du herrliche Gabe des Himmels! fließt nicht mit dir ein Göttergefühl durch alle unsre Adern? Flieht dann nicht Alles zurück, was uns in so mancher unsrer kalten Stunden demüthigt? Wir durchschauen wie mit Seherblicken die Welt, wir bemerken die Flucht in unsern Gedanken und Meinungen und fühlen mit lachendem Wohlbehagen, wie Denken und Fühlen, Träumen und Philosophiren, wie alle unsre Kräfte und Neigungen, alle Triebe, Wünsche und Genüsse nur Eine, Eine glänzende Sonne ausmachen, die nur in uns selbst zuweilen so tief hinunter sinkt, daß wir ihre verschiedene Strahlenbrechung für unterschiedene getrennte Wesen halten.«
Die Eine, Eine glänzende Sonne, das Ich, das nicht mehr zerspaltene, die Einheit des eigenen Wesens, das ist im Grunde das Ziel aller Sehnsucht; man kann es nicht deutlicher und schöner sagen, als Tieck hier gethan hat. Sein Ich ist das Wild, das er unermüdlich jagt, das Land, nach dem er auszieht, der Himmel, nach dem er sich sehnt. Sich selbst suchen ist die Arbeit seines ganzen Lebens. Fest gebannt ist er an den Abgrund seines Innern und starrt bezaubert in das wallende Chaos. »Wenn er so in sein bewegtes Gemüth sah«, erzählt Tieck vom Sternbald, »so war es, als wenn er in einen unergründlichen Strudel hinabschaute, wo Woge an Woge drängt und schäumt, und man doch keine Welle sondern kann, wo alle Fluthen sich verwirren und trennen und immer wieder durch einander wirbeln, ohne Stillstand, ohne Ruhe, wo dieselbe Melodie sich immer wiederholt und doch immer neue Abwechselung ertönt: Kein Stillstand, keine Bewegung, ein rauschendes, tosendes Räthsel, eine endlose, endlose Wuth des erzürnten, stürzenden Elementes.« Und dabei, das ist auffallend, kehrt immer die Klage wieder, daß er sich selbst nicht kenne; eben der Romantiker, der viel mehr von seinem Innern weiß als ein andrer Mensch, ist sich selbst ein Räthsel. Es ist im Grunde leicht zu erklären. Eine geistreiche Dame schilderte mir einmal den Zustand ihres Inneren, indem sie sagte, an der Grenze ihres Bewußtseins ständen viele Polizeisoldaten und Zollbeamten, die jedes aus dem Unbewußten auftauchende Gefühl sogleich confiscirten; es wäre in Folge dessen ein ganzer Leichenhügel von Gefühlsembryonen in ihrem Kopfe aufgestapelt. Ganz ähnlich sagt Tieck, daß wir oft, wie Mörder ängstlich den noch halb belebten Leichnam mit Erde bedecken, Empfindungen verscharren, die sich in uns zum Bewußtsein empor gearbeitet haben. Oefters hat er diesen geheimnißvollen Vorgang so anschaulich geschildert, daß wir den geisterhaften Verkehr zwischen zwei unsichtbaren Welten mit Augen zu sehen glauben.
»Wenn ich manchmal in der Abenddämmerung sitze und sinne, da ist es, als schwingt sich mir etwas im Herzen empor, ein Gefühl, das mich überrascht und erschreckt und dabei doch so still und selig befriedigt: ich greife dann mit dem Gedächtniß wie mit einer Hand danach, um es mir selber aufzubewahren Aber sonderbar, es ist in mir und verschwindet mir dann doch gänzlich wieder, so daß ich seiner nicht habhaft werden kann. Alle meine Gedanken stehen mir zu Gebote, alle meine Erinnerungen und Anschauungen, aber das ist ein Gefühl, das feiner und geistiger ist als Alles übrige; aber was ist es und woher kommt es und wohin geht es, wenn es nicht mehr in uns bleibt?« …
»Aus meinen Kinderjahren fallen mir manche Tage ein, wo ich unaufhörlich etwas Gräuliches und Entsetzliches denken mußte, wo ich statt meiner stillen Gebete Gott mit den gräßlichsten Flüchen lästerte und darüber weinte, und es doch nicht unterlassen konnte, wo es mich unaufhörlich drängte, meine Gespielen zu ermorden, und ich mich oft schlafen legte, bloß um es nicht zu thun. Damals war ich gewiß unschuldig und unverdorben und doch war diese Entsetzlichkeit in mir einheimisch – was war es denn nun, das mich trieb und mit gräßlicher Hand in meinem Herzen wühlte? Mein Willen und meine Empfindung sträubte sich dagegen, und doch gewährte mir dieser Zustand wieder innige Wollust.«
Wie der flüchtige Schein einer früheren Existenz, der in seine Kinderjahre hineinspiegelte, schienen ihm diese fremden, unerklärlichen Bilder, die nach eigener Willkür, seinem Einfluß entgegen, in seinem Innern heimisch waren. Wenn es möglich wäre, sich durch Anschauungen des Inneren kennen zu lernen, müßten solche Menschen sich kennen. Aber dort findet man nur das Menschenmögliche, nicht das Individuelle. Nur an seinen Handlungen erkennt man sich. Und wo sind die? In jenem Leichenhügel von Embryonen liegen sie begraben; daraus hätten sie werden sollen. Wie sie aussehen, wenn sie aus der ungestalteten Gefühlsmasse sich bilden und beleben, weiß der Romantiker, aber reif werden sie ihm nun nicht mehr. Man weiß, daß man die Milch nicht anrühren darf, wenn sie im Prozeß des Erstarrens ist; sonst wird sie nicht dick. So hat er die Entwickelung seiner Gefühle unterbrochen; nun können sie nicht mehr als zuversichtliche, ganze große Handlungen in's Leben greifen. Das ist sein wehevollstes Leiden: niemals ein einiges, starkes, lebendiges Gefühl zu haben, das einen unwiderstehlich hierhin oder dorthin risse, sich niemals in der Sturmeshand eines Genius zu fühlen, mit dessen Götterstimme man ohne Besinnen, freudig, siegesgewiß, Menschen und Gestirnen zum Trotz sagt: hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen. Anstatt dessen verdammt immer an sich zu zweifeln, auf den unentschlossenen, zögernden, freudlosen Verstand als Wegweiser angewiesen, immer nur Fragmente, Splitter, Gefühle von Gefühlen. Als Franz Sternbald nach jahrelanger Abwesenheit zu seinem sterbenden Vater kommt, möchte er ihm gern alle seine glühende Liebe zeigen; aber anstatt dessen muß er an Gemälde von Kranken, von trauernden Söhnen und wehklagenden Müttern denken, und ebenso geht es, als der Vater nun stirbt; in Betrachtung des Schmerzes verloren, fühlt er den Schmerz nicht, lechzt nach Thränen und findet keine. »Bin ich wahnsinnig oder was ist es mit diesem thörichten Herzen? Welche unsichtbare Hand fährt so zärtlich und grausam zugleich über alle Saiten in meinem Innern hinweg und scheucht alle Träume und Wundergestalten, Seufzer und Thränen und verklungene Lieder aus ihrem fernen Hinterhalt hervor? O mein Geist, ich fühle es, strebt nach dem Ueberirdischen, das keinem Menschen gegönnt ist! Mit magnetischer Gewalt zieht der unsichtbare Himmel mein Herz an sich und bewegt alle Ahndungen durch einander, die längst ausgeweinten Leiden und unmöglichen Wonnen, die Hoffnungen, die keine Erfüllung zulassen. Daher aber gebricht mir die Kraft, die den übrigen Menschen verliehen ist, und die uns zum Leben nothwendig bleibt, ich matte mich ab in mir selber und keiner hat dessen Gewinn, mein Muth verzehrt sich, ich wünsche, was ich selbst nicht kenne. Wie Jakob sehe ich im Traum die Himmelsleiter mit ihren Engeln, aber ich kann nicht selbst hinaufsteigen.…«
Das Unbewußte ist wie eine Masse, die dem Menschen das nöthige Gewicht giebt, seinen Ballast, damit er nicht den Winden und Wellen ein Spiel wird. Wenn es sich auflöst und wie ein berauschender Wein in den Kopf steigt, verliert er das Gleichgewicht und den Halt, er haftet nicht mehr am Boden. Nun wirkt die Kraft der Natur nicht mehr in ihm, niemals fühlt er ihren warmen, feuchten, fruchtbaren Hauch in sich wehen, niemals ihren treibenden, schwellenden Saft in sich aufsteigen. Ohne Zusammenhang mit der Erde ist er wie eine märchenhafte Fieberblume, die sich nur von Licht nährt, wie ein losgerissenes Blatt, das beweglich auf ewig bewegten Wellen schwankt. In dem Wahne ebenso gut das eine wie das andre thun zu können, ebenso gut ja wie nein sagen zu können, fühlt er sich charakterlos und scheint es. Darin liegt die Unmännlichkeit, die den meisten Romantikern eigen war. Sie haben nie eine feste Ueberzeugung, es ist ihnen niemals ganz Ernst; wenigstens scheint es so. Tieck erzählte in späteren Jahren seinem Freunde Solger, wie er sich in der Jugend mit »frevelhaftem Leichtsinn« in die verschiedensten Geistesströmungen geworfen habe: »erinnere ich mich, durch welche Fluth wechselnder Gedanken und Ueberzeugungen ich gegangen bin, so erschrecke ich und mir fällt Hume's Behauptung ein, daß die Seele nur ein Etwas sei, an dem sich im Fluß der Zeit verschiedene Erscheinungen sichtbar machten.« Wenn Tieck selbst so über seine Unsicherheit und Unzuverlässigkeit dachte, ist es zu begreifen, wenn Jemand anders, es war Karoline, einmal von ihm sagte, er sei im Grunde nichts als ein würdiger und anmuthiger Lump; was freilich auch cum grano salis zu verstehen ist. Nur handelnd und wirkend könnte der romantische Mensch für das Verlorene Ersatz gewinnen und dann doppelt reich sein; aus seinem Bewußtsein würde sich ein Niederschlag bilden, eine neue Masse, Erkenntniß in Instinkt verwandelt. »Gewohnheit ist eine zur Natur gewordene Kunst. Naturgesetze sind Gewohnheitsgesetze.« Wie soll aber etwas Erlerntes anders zur Gewohnheit und zweiten Natur werden als durch fleißige Uebung? Und der romantische Charakter ist faul und stolz auf seine Faulheit. Nur Novalis war ein Romantiker mit Riesenarbeitskraft und -Lust. Tieck gelang es niemals, seine Abneigung gegen methodisches Arbeiten zu überwinden. Auch Sternbald und Lovell sind im Grunde nicht viel mehr als gebildete Vagabunden. Regelmäßige Berufsthätigkeit scheint ihnen unwürdig und erniedrigend, der Geschäftsmensch, der alltäglich seinem Verdienst nachgeht, verächtlich. Er fühlt seine Arbeitsscheu als Bürgschaft, daß er zu Höherem geboren sei. Novalis hat ein strenges, aber nicht unbilliges Wort darüber gesagt: »Wer nicht vorsätzlich, nach Plan und Aufmerksamkeit thätig sein kann, verräth Schwäche. Die Seele wird durch die Zersetzung zu schwach – oft ist Verwöhnung daran schuld. Das Organ der Aufmerksamkeit ist auf Kosten des thätigen Organs geübt – vorausgebildet, zu reizbar gemacht worden. Nun zieht es alle Kraft an sich, und so entsteht diese Disproportion.«
Daß es Schwäche war, ahnten sie im Stillen gut genug und litten schmerzlich darunter. Es ist ergreifend, wie dies Bewußtsein überall, bald als wehmüthige Erkenntniß, bald als bitteres Schamgefühl durchbricht. Im Sternbald ist immer und immer wieder von dem »emsigen Fleiße« Dürer's und des Lukas v. Leyden die Rede; und der müßig schwärmende Franz ahnt, bei allem schüchternen Stolz auf seine überirdische Gefühlswelt, daß gerade dieser prunklose bürgerliche Fleiß die Künstlerschaft jener beiden Großen vollendet, daß sein eigener Unfleiß mit dem tiefsten, verhängnißvollen Mangel seiner Natur zusammenhängt. Mit derselben ahnungsvollen Scheu berichtet Wackenroder von dem unermüdlichen Arbeitseifer der großen Künstler der Vergangenheit, und sein Jakob Berglinger, der nicht Arzt hatte werden wollen, wie der Vater wünschte, krankt an dem »unbehaglichen Bewußtsein, daß er mit allem seinen tiefen Gefühl und seinem innigen Kunstsinn für die Welt nichts nütze und weit weniger wirksam sei als jeder Handwerksmann.« Wenn er die Welt kämpfen und ringen sieht, kommt er selbst sich vor wie ein »lüsterner Einsiedler, der nur innerlich an schönen Harmonieen saugt und strebt, die Leckerbissen der Schönheit und Süßigkeit herauszukosten«, Angst und Scham überwältigt ihn, er möchte ein asketischer Märtyrer werden, um mit der leidenden Welt in's Gleichgewicht zu kommen. Aus derselben Quelle fließt das überreiche Mitgefühl Emil's in Tieck's Liebeszauber, der sich an seinem Hochzeitstage, weil er ein Bild schmutziger Armuth gesehen hat, schluchzend auf die Erde wirft und sterben möchte. »Empfange mich bald, du freundlicher Boden, verbirg mich in deinen kühlen Armen vor den wilden Thieren, die sich Menschen nennen! O Gott im Himmel, wie verdiene ich es, daß ich auf Daunen ruhe und Seide trage – o jetzt versteh ich euch, ihr frommen Heiligen, ihr Verschmähten. ihr Verhöhnten, die ihr Alles bis auf euer Gewand der Armuth ausstreutet – selbst elend wurdet ihr, um nur diese Sünde des Ueberflusses von euch zu werfen.« Und dies waren doch Tieck's Empfindungen, des Handwerkersohnes, der, als er so schrieb, beständig mit Nahrungssorgen zu kämpfen hatte. Nur das Bewußtsein, einen ernstlichen Kampf um's Dasein niemals bestehen zu können, jeder straffen Arbeit kleinmüthig auszuweichen, ließ ihn sich so schuldig fühlen gegenüber den Mühseligen und Beladenen.
Schelling's Erscheinung, als er in den Kreis der Romantiker trat, wirkte imponirend auf sie, fast verblüffend. Man sah ihm an, daß er sich auf's Herrschen verstand. Er hatte die starken Instinkte, die blinden Zu- und Abneigungen, um die jene den Naturmenschen beneideten. Aber wer durch Instinkte herrscht, kann auch ihr Sklave werden; und darin waren sie ihm überlegen, daß sie dieser Gefahr nicht ausgesetzt waren. Die Geistesfreiheit, die sie schmückte, war nur deswegen nicht die höchste, weil sie die Folge eines Mangels war. Einzig in Novalis erschien sie ganz als Stärke, und das war vielleicht die Ursache, warum Schelling ihn niemals leiden konnte; ihm gegenüber war er wie der Löwe, der unwillig, mit Geberden verhaltener Wuth, vor dem Menschenauge in sich zurückkriecht. Uebrigens aber staunte er die Leichtigkeit und geschmeidige Beweglichkeit dieser Geister an, die für die Wucht und Schwerfälligkeit seiner Schwabennatur unerreichbar war.
Eben jener Leichtsinn, der zuweilen an's Frevelhafte grenzte, ist die Stärke dieses Charakters. Er verschafft ihm Zutritt, wo immer die Genien des Scherzes und Muthwillens und der Tollheit sich zum Tanze treffen. Und wenn der Romantiker kein festgegründetes Haus für seine Seele hat, so weiß sie gelenkig durch die schmalste Ritze in fremde Wohnungen einzuschlüpfen und dort sich zu tummeln und umzuschauen. Er besitzt jene »Freiheit und Bildung«, die Friedrich Schlegel verlangte, sich selbst nach Belieben philosophisch oder philologisch, antik oder modern stimmen zu können, »ganz willkürlich wie man ein Instrument stimmt.« Und ebenso kann er sich in und auf jede Person stimmen. Diese Fähigkeit, sich zu stimmen und sich in andre Charaktere hineinzutäuschen, macht den Schauspieler; und es ist nicht zufällig, daß die Sucht des Theaterspielens im Zeitalter der Romantik epidemisch auftrat. Tieck sagt im Phantasus: »Da unser ganzes Leben aus dem doppelten Bestreben besteht, uns in uns selbst zu vertiefen und uns selbst zu vergessen und aus uns herauszugehen, und dieser Wechsel den Reiz unsres Daseins ausmacht, so hat es mir immer geschienen, daß die geistigste und witzigste Entwickelung unsrer Kräfte und unsres Individuums diejenige sei, uns selbst ganz in ein andres Wesen hinein verloren zu geben, indem wir es mit aller Anstrengung unsrer geistigen Stimmung darzustellen suchen: mit einem Wort, wenn wir in einem guten Schauspiel eine Rolle übernehmen.«
Nach dem Urtheil Aller, die ihn haben spielen sehen, hätte Tieck der größte Schauspieler seiner Zeit werden können. Auch Wilhelm und Friedrich versuchten sich darin, wie Jedermann; aber Friedrich glänzte nur in gewissen Rollen, die ihm entsprachen. Tieck hingegen konnte jede denkbare Person mit einer eigenthümlichen und für sie passenden Seele beleben. Niemand, dem jene Vorlesungen nicht Zeitlebens im Gedächtniß blieben, wo er Dramen nicht sowohl vortrug als durch die Gewalt seiner allausdrucksvollen Stimme vorspielte. Das Erstaunlichste schildert Steffens: wie er eine ganze von Uebermuth und Laune funkelnde Posse, auf ein gegebenes Thema, improvisirte. Ueberhaupt ist es schwer zu entscheiden, ob er mehr Improvisator oder Dichter war; diese reizende gesellige Gabe hat ihn um den höchsten Lorbeer gebracht. Er dichtete ganz wie Rudolf im Sternbald, ohne Anfang und Schluß, über Alles und Nichts, wie wenn er nur eben den Hahn öffnete und fließen ließe, bis Niemand mehr trinken kann
Das Lockersitzen des Geistes erleichtert den Umgang; man fühlt den Zwang und Druck seiner Natur nicht, man sieht sich gleichsam selbst zu, wie man gewandt und zierlich die Pantomime der Gesellschaft aufführt. Es liegt zwar in dieser Eigenschaft auch der Grund zu aller Ziererei, Affektation kurz äffischem Wesen, wie Tieck es ausdrückte. Viel gefährlicher aber noch ist die Angewöhnung, auch im wirklichen Leben, wenn es Ernst gilt, Rollen zu spielen. Es ist in Lovell meisterhaft dargestellt zu sehen, wie sich auf diesem Wege eine naiv freche Lügenhaftigkeit heraus bilden kann. Wenn Lovell ein Mädchen verführen will, deklamirt er ihr zuerst in bewußter Verstellung, heimlich sie und sich verlachend, seine Liebe vor; allmälig aber entzünden seine Phantasie und seine Sinne sich an dem bengalischen Feuer, und er schwärmt ihr endlich seine Meineide mit Hingebung und nicht ohne Treuherzigkeit vor. Höchst merkwürdig ist Tieck's Versuch, den Charakter Cromwell's aus dieser Freiheit und Beweglichkeit des Geistes zu erklären; wie er nämlich entdeckt habe, daß der Enthusiasmus, der ihm Anfangs natürlich gewesen sei, dessen er aber, um sein Ziel zu erreichen, öfter benöthigte, als der Trieb ihn brachte, sich auch bewußt herbeilocken lasse, wovon er denn häufigen Gebrauch gemacht habe: »auf die Art mußte dem großen Manne bald zweifelhaft werden, was in ihm wahr, was falsch, was Erdichtung, was Ueberzeugung sei; er mußte sich in manchen Stunden für einen Betrüger, in andern wieder für ein ausgewähltes Rüstzeug des Herrn halten.« Tieck erlebte das beständig in sich selbst; bald erzeugte das Bewußtsein, jede Neigung, jede Ansicht nach Belieben von sich werfen und gegen eine andre austauschen zu können, sprühenden Uebermuth in ihm, dann wieder Zweifel, Gewissensangst und verzweifelte Unsicherheit. Jedem Menschen liegen eine Menge Möglichkeiten des Handelns zur Auswahl vor, auch zu verwerflichem Thun kommen Einladungen, die nichts als ein unwillkürliches Auftauchen von Erinnerungen sind, mechanisches Umdrehen der Gedächtnißwalze, wie es auch im Traum geschieht. Derjenige nun, welcher den Unterschied zwischen einem genügenden Trieb zur Handlung und der Vorstellung davon nicht kennt, nimmt, was nur Zwischenaktsmusik ist, für das Stück selbst und rechnet sich mit verhängnißvoller Verwechselung geträumte Thaten an. Als Lovell, noch ein Knabe, mit seinem Freunde einen Berg bestieg, lockte es ihn unwiderstehlich, den Arglosen von einer schwindligen Klippe hinunterzustoßen bis er, um der Marter ein Ende zu machen, ihn unter heftigen Thränen an seine Brust riß, worauf der Bund für's Leben geschlossen wurde; nach Jahren aber suchte er, aus Rachsucht und Selbstquälerei, dem Freunde dadurch eine tödtliche Kränkung zu versetzen daß er ihm diesen Vorgang offenbarte, um zu beweisen, die scheinbare Freundschaft sei nicht aus Liebe, sondern vielmehr aus Haß und Mordlust hervorgegangen Mit ähnlichen Erlebnissen zerfleischte Tieck sich häufig, besonders in seinen Kinder- und Jugendjahren. Er machte sich in Wahrheit für jede wilde Regung seiner aufgeregten Träume verantwortlich und schauderte vor seinem eigenen Selbst zurück, wenn seine Einbildungskraft es ihm verzerrt vorgespiegelt hatte. Das Bewußtsein, ein heimlicher Missethäter zu sein, drückte ihn nieder und konnte ihn, den Geselligen menschenscheu machen; dann schlich er mit dem Gefühl herum, das fürchterliche Geheimniß seiner erträumten Verbrecher-Orgien vergraben zu müssen, dessen Entdeckung ihn in Schmach und Schande stürzen würde. Die schönere Seite dieser Eigenthümlichkeit ist das warme, freilich auch quälende Mitgefühl für jeden Frevler; denn »wo ist der Bösewicht, der nicht zum Engel würde, wenn er den Richter in die geheime Werkstätte seiner Seele führen könnte?« und es liegt ja, wie Tieck an andrer Stelle sagt, zwischen gut und böse, zwischen Freud' und Leid, Pietisten und Gotteslästerer, dem Patrioten und Landesverräther nur eine Sekunde.
Während der vollkommen unbewußte Mensch nur einen Weg des Handelns sieht, den seinigen, übersieht der vollkommen bewußte eine unendliche Menge, aber nicht ohne einen von Anfang an als den seinigen zu erkennen; beide haben eine richtigere Schätzung von sich und Andern, Jener freilich kein Verständnis. Der bewußtwerdende, der Dämmerungsmensch, mit seinem Eingehen in Andre, seinem Aufschlucken der fremden Persönlichkeit, seinem Aufgehen in ihr, ist der geborene Vertraute der Menschheit, Künstler der Freundschaft. Der instinktive Zug und Schwung des Gefühls, der die Helden der Liebe macht, fehlte den Romantikern meistens; in der feinen, spielenden Kunst, Geist an Geist zu reiben und zu entzünden waren sie Meister. Im Phantasus hat Tieck ein Bild zu geben gesucht von dieser zarten liebenswürdigen Geselligkeitsschwatzerei. Nirgends tritt das Weibliche der Romantik mehr hervor. Würden Männer, die nichts als Männer sind, mit so viel Grazie stundenlang über den hundertsten Theil der Faser einer Empfindung reden, plaudern und plaudern aus lauter Tanzlust des Geistes, heute durch Dick und Dünn eine Behauptung vertheidigen um sie morgen auf's Blut zu bekämpfen – »o Brüder, Engelsherzen, wieviel thörichtes Zeug wollen wir mit einander schwatzen!« Tieck hatte von Allen das größte Talent zur Freundschaft. Er hatte für Jeden Verständniß, Jeder konnte glauben, völlig mit ihm übereinzustimmen; was in dem Augenblick sich auch so verhielt. Sein Einfluß auf die Menschen fand hauptsächlich durch persönliche Gegenwart statt. Es that so wohl, sich in seinem empfänglichen Geiste widergespiegelt zu sehen; aber alle Spiegel bekommen ihren eigentlichen Werth, wenn man davor steht, ja sie sind im Grunde nur Etwas, insofern sie etwas Aufgefangenes widerstrahlen. Dies Gefühl, auch wiederum von denen abhängig zu sein, denen er so viel gab, mag zu der rührenden Pietät beigetragen haben, mit der er das Andenken der alten Freunde festhielt, während sich beständig, bis an sein Lebensende, neue um ihn sammelten. Als er eine Ausgabe seiner Werke veranstaltete, hatte er den Einfall, jeden Band einem Freunde zu widmen mit Worten, aus denen eine feine, geistige und darum unwandelbare Zärtlichkeit spricht. Des Freundes Eigenart ehren, sich von Jedem besonders ergänzen lassen, war die Grundlehre seiner Freundschaftskunst: man kann vielleicht vor dem Einen Geheimnisse haben, die man mit einem weniger Vertrauten theilt, wenn die Natur derselben Jenem unzugänglicher ist. »Verarge doch dem Freunde nicht, wenn du ahndest, daß er dir Etwas verbirgt; denn dies ist ja nur der Beweis einer zärteren Liebe, einer Scheu, die sich ängstlich um dich bewirbt und sittsam an dich schmiegt«; wie schön ist hier der bescheidene Geist der Freundschaft charakterisirt im Vergleich zur tyrannischen Liebe. Auch Schleiermacher und Friedrich philosophirten über Freundschaft, namentlich Friedrich hatte Unerhörtes mit der unsichtbaren Kirche, mit der neuen Hanse vor. Aber gerade er war viel zu massiv für diese ätherische Empfindung und hatte, trotz aller leidenschaftlichen Absicht, kein Glück damit. Wenn Tieck und Wackenroder Arm in Arm am Giebichenstein über der Saale saßen und die Welt hinter sich versinken ließen oder durch das alte Nürnberg mit einander schweiften, trunken von gemeinsamer Begeisterung, Einer durch den Andern beglückt und gehoben – das war romantische Freundschaft; romantisch auch dadurch, daß die verhüllte Gestalt des Todes dicht wie ihr Schatten ihnen nachzog. Ein langes Leben voll Krankheit war dem Einen bestimmt, Wackenroder ein jähes Sterben in der Jugend.
Wackenroder: ein Mensch von solcher Lieblichkeit, daß das zarteste Wort zu plump scheint, um sein Wesen zu bezeichnen; unter den übrigen Menschen wie Daniel unter den Löwen, aber ohne dessen erhabene Sicherheit. Denn er war scheu und nie ohne verhaltene Angst vor dem Leben, vor dem Zuviel; besonders vor dem Zuviel des Glückes. Wenn Tieck ihm seine glühende Freundschaft betheuerte und wie er nicht ohne ihn leben könne, erschrak er fast mehr als er sich freute, und wenn Tieck, von ihm getrennt, ein Wiedersehen und längeres Zusammenleben vorschlug, wehrte er sogar mit inständiger Dringlichkeit ab: das klopfende Herz möchte den liebsten Wunsch so gerne fassen und halten, wenn es nicht zu zerspringen fürchtete, die Krone des Glückes scheint zu schwer für das demüthige Haupt. Er wich aus, wenn das Füllhorn des Ueberflusses sich ihm zuneigte, weil er nicht wußte, wie er hernach das Entbehren ertragen sollte. Aber wenn das Schöne doch kam, empfing er es dankbar und selig. Ein gewisser überirdischer Ernst scheint ihn niemals verlassen zu haben, wenigstens mußte er bei den gemeinsamen Theaterausführungen der Freunde, als der am meisten dazu geeignete, die Kaiser und Könige darstellen. Allerdings war es ihm anzumerken, daß er in einem unsichtbaren Königreiche lebte und sich niemals in der Erdenregion zurechtfinden konnte, wo er auf einmal als ein gewöhnlicher Unterthan mit der körperlichen Welt hantiren sollte. Er gab sich große Mühe dazu und litt beständig unter Mißerfolgen. Um das gewaltthätige Menschenvolk nicht zu verletzen, wagte er sich mit feinen Prinzenideen nicht hervor und quälte sich doch mit Gewissensbissen über solche Unehrlichkeit und Feigheit. Er schleppte sich wund und müde an der Last des Berufes, den sein Vater ihm aufgezwungen hatte, am Studium der Jurisprudenz, und konnte doch, bei aller Hochachtung vor der Wissenschaft, seinen Widerwillen gegen einseitige Thätigkeit des kritischen Verstandes nicht überwinden. Er beneidete die Priester darum, daß ihr einziges Geschäft Verehrung und Anbetung war. Und das ist zu bewundern, wie streng, scharf, kritisch er sein konnte, wenn es galt, Tieck's erste poetische Versuche, die er mit übermüthiger Nachlässigkeit zusammenschrieb, zu beurtheilen; er ließ dem Freunde, an dessen Dichterberuf er glaubte, nichts Mittelmäßiges hingehen.
Von Frauenliebe scheint er nichts gewußt zu haben; Tieck gehörte die ganze Fülle seines zärtlichen Herzens. Vielleicht ahnte er, daß er sich an der Brandfackel der Liebe sogleich verzehrt haben würde. Voll Leidenschaft und Sinnlichkeit war er und hätte vielleicht ein wilder, ausschweifender Mensch werden können, wenn nicht in seinem Innern Etwas entzwei gewesen wäre: ich meine den Riß in der Scheidewand zwischen dem Bewußtsein und dem Unbewußten. Nun strömte, was sich sonst vielleicht in furchtbaren vulkanischen Ausbrüchen entladen hätte, als betäubendes Dampfgewölk an's Licht und machte ihn zum phantastischen Träumer. Dem Geiste, in dem seine Sinnlichkeit sich aufgelöst hatte, theilte sie all ihr Süßes mit. Den Nebel aufzusaugen und zu vertheilen hatte die Sonne seines Bewußtseins nicht die Kraft, und so war ein wogender, dämmeriger Schleier über seinem Geistesleben – eine bezauberte Märchenlandschaft, deren reizenden Umriß man nur ahnen kann, zuweilen brechen Strahlen durch und es scheint klar zu werden, anstatt dessen aber wird der Nebel dichter und dunkler und löscht das liebe Bild aus.
Am Besten hat sich Wackenroder selbst geschildert in seinem Joseph Berglinger: »seine Seele glich einem zarten Bäumchen, dessen Samenkorn ein Vogel in das Gemäuer oder Ruinen fallen ließ, wo es zwischen harten Steinen jungfräulich hervorschießt … Aber sein Inneres schätzte er über Alles und hielt es vor Andern heimlich und verborgen. So hält man ein Schatzkästlein verborgen zu welchem man den Schlüssel Niemand in die Hand giebt. – Es genügte ihm nicht die bloße Gesundheit der Seele, und daß sie ihre ordentlichen Geschäfte auf Erden, als Arbeiten und Gutes thun verrichtete – er wollte, daß sie auch in üppigem Uebermuthe dahertanzen und zum Himmel als zu ihrem Ursprunge hinaufjauchzen sollte.«
Und mit aufblitzender Erkenntniß sagt er am Schlusse der Lebensbeschreibung, was man als Motto über die Werke so manches Romantikers setzen könnte: »Ach, daß eben seine hohe Phantasie es war, die ihn aufrieb! Soll ich sagen, daß er vielleicht mehr dazu geschaffen war, Kunst zu genießen als auszuüben? Sind diejenigen vielleicht glücklicher gebildet, in denen die Kunst still und heimlich wie ein verhüllter Genius arbeitet und sie in ihrem Handeln auf Erden nicht stört? Und muß der Immerbegeisterte seine hohen Phantasien doch auch vielleicht als einen festen Einschlag kühn und stark in dieses irdische Leben einschlagen, wenn er ein echter Künstler sein will? Ja, ist diese unbegreifliche Schöpfungskraft nicht etwa überhaupt ganz etwas Andres und – wie mir jetzt erscheint – etwas noch Wundervolleres, noch Göttlicheres als die Kraft der Phantasie?«
Daß Genie Dualität sei, hatten denkende Romantiker erkannt. Das Verschwimmen des Bewußten und Unbewußten der beiden Personen des Ich in einander, also nicht scharf genug ausgeprägte Dualität ist die Ursache, warum die Künstler, die ich hier die romantischen im engeren Sinne genannt habe, keine schaffenden sein konnten. Physiologisch würde es Schelling als ungehemmte Produktivität bezeichnen. Denn die Natur, sagt er, ist in einer unendlichen Evolution begriffen und niemals würde ein Produkt entstehen, wenn die ewig strömende Produktivität nicht gehemmt würde. Das geschieht durch die Reflexion: »die Nothwendigkeit der Reflexion auf unser Handeln in jedem Moment (die beständige Duplicität in der Identität) ist der geheime Kunstgriff, wodurch unser Dasein Dauer erhält.« Die reine Produktivität geht auf Gestaltlosigkeit, eine entgegengesetzte Macht muß den Fluß aufhalten, damit er gestaltet erscheine. »Die Natur hängt einmal nach dem Verwildern hin, und darum muß man Tag und Nacht dagegen arbeiten«, sagt der alte Gärtner im Lovell, und Tieck ist auf diesen Gedanken der ihm besonders bedeutungsvoll erschienen sein mag, später ausführlicher zurückgekommen
Nach Schelling's Lehre ergießt sich die Kraft der Natur im Strome ihrer Entwickelung über drei Stufen: Reproduktionskraft, Irritabilität und Sensibilität, von denen die Sensibilität die höchste und letzte ist. Da sie die Fähigkeit ist, Eindrücke aufzunehmen und Irritabilität die Gegenwirkung gegen dieselben, so stehen diese beiden Kräfte im Wechselverhältniß und bilden zusammen, was man gewöhnlich Erregbarkeit oder Reizbarkeit nennt. Wo die Reproduktionskraft das Uebergewicht hat, wie etwa beim Löwen, sind die Reizbarkeitsäußerungen selten und schwer, aber kraftvoll; wo Sensibilität herrschen wird, nehmen sie an Leichtigkeit zu, wofür sie aber kraftloser werden. Der moderne, reizbare Mensch ist das Gegenstück des Löwen: während dieser ein Uebergewicht nach unten hat, hat jener es nach oben; es ist, wie wenn die Produktivität beim Löwen nicht in Fluß käme, beim romantischen Menschen sich nirgend staute. Er ist beständig beschäftigt, auf die zahllosen Reizungen, die er empfängt, zu reagiren, sein Herz, Sitz der Irritabilität, mattet sich ab in diesem Kampfe und jagt das Blut mit Heftigkeit durch den Organismus bis zu kraftloser Erschöpfung, aus der neue Reize es aufstören. Löwennatur mit der Reizbarkeit eines romantischen Menschen vereinigt würde den größten Künstler machen.
Wie vielsagend ist es nach diesem Gedankengange, wenn Tieck den Geist des Dichters – eines solchen wie er war, natürlich – mit einem ewig bewegten Strome vergleicht, dessen murmelnde Melodie in keinem Augenblicke schweigt, den jeder Hauch rührt, der jeden Lichtstrahl widerspiegelt. Nach immer neuen Bildern greift seine Phantasie, um die wollüstige Pein dieses unermüdlichen Auf und Ab in der Brust zu schildern. »Mein Leben ist ein rastloses Treiben ungestümer Wünsche«, sagt Lovell, »wie ein Wasserrad vom heftigen Strome umgewälzt, jetzt ist das unten was eben noch oben war, und der Schaum der Wogen rauscht und wirbelt durch einander und macht den Blick des Betrachtenden schwindlig.«
Dieselbe Frage wiederholt Franz Sternbald: »Wenn nur das ewige Auf- und Abtreiben meiner Gedanken nicht wäre! Wenn die Ruhe doch, die mich manchmal nur im Vorbeifluge küßt, bei mir einheimisch würde, dann könnt' ich von Glück sagen, und es würde vielleicht mit der Zeit ein Künstler an's mir … Ach ich seh' es ein, noch mehr fühl' ich es, das wird mir ewig nicht gegönnt sein. Ich kann nicht dafür, ich kann mich nicht im Zaum halten, und alle meine Entwürfe, Hoffnungen mein Zutrauen zu mir geht vor neuen Empfindungen unter, und es wird leer und wüst in meiner Seele, wie in einer rauhen Landschaft, wo die Brücken von einem wilden Waldstrom zusammengerissen sind.«
Tieck selbst klagte noch im Alter darüber, daß auf die Periode des »Leichtsinns« immer lange Zeiten der Melancholie, Muthlosigkeit, ja Verzweiflung folgten, wo er stumpf und unempfindlich, durchaus unfähig sei irgend etwas zu unternehmen und zwecklos in's Leere brüte.
In Wackenroder dieselbe Krankheit: »Ich komme mit mir selber nicht auf festes Land. Meine Gedanken überwälzen und überkugeln sich unaufhörlich. – Und so wird meine Seele wohl lebenslang der schwebenden Aeolsharfe gleichen, in deren Saiten ein fremder unbekannter Hauch weht und wechselnde Lüfte nach Gefallen herumwühlen.«
Daß die »seltsamsten Absprünge von der höchsten Höhe zur tiefsten Tiefe« seinem Gefühle so gewöhnlich waren, fand Friedrich Schlegel als Jüngling am meisten an sich zu tadeln. Es versteht sich von selbst, daß er diese Anlage seinem Julius in der Lucinde leiht, von dem er erzählt: »Dann berauschte er sich in Bildern der Hoffnung und Erinnerung und ließ sich absichtlich von seiner eigenen Phantasie verführen Jeder seiner Wünsche flog mit unermeßlicher Schnelligkeit und fast ohne Zwischenraum von der ersten leisen Regung zur grenzenlosen Leidenschaft. Alle seine Gedanken nahmen sichtbare Gestalt und Bewegung an, wirkten in ihm und wider einander mit der sinnlichsten Klarheit und Gewalt. Sein Geist strebte nicht, die Zügel der Selbstherrschaft fest zu halten, sondern warf sie freiwillig weg, um sich mit Lust und Uebermuth in dies Chaos von innerem Leben zu stürzen.« Mit der ihm eigenthümlichen Gründlichkeit hat er diese für die Menschen seiner Zeit so charakteristische Erscheinung untersucht und begutachtet und kam zu dem Schlusse, daß Reizbarkeit das gefährlichste wie das schönste Geschenk der Götter sei. »Setzt in einem Gemüth die Empfänglichkeit sehr gering, die Reizbarkeit so grenzenlos, daß die leiseste Berührung ihre ganze Schnellkraft anregt; die Selbstthätigkeit sei so stark, daß sie die Herrlichkeit des Lebens mit der Reizbarkeit theile. Sein Dasein würde ein stetes Schwanken sein wie die stürmische Woge, eben schien sie noch die ewigen Sterne zu berühren und schon stürzt sie in den furchtbaren Abgrund des Meeres. Diesem Gemüth fiel aus der Urne des Lebens das höchste und das tiefste Loos der Menschheit; innigst vereint ist es dennoch ganz getrennt und im Ueberfluß von Harmonie unendlich zerrissen.«
So möchten sie Alle das Danaergeschenk doch nicht missen und sind stolz auf das, was sie als ihr Unheil empfinden. Mit bewundernswerther Klarheit erkannte Tieck, daß die Reizbarkeit der Stachel war, der ihn nie dazu kommen ließ, ein ruhiges objektives Urtheil zu gewinnen: seine Sinne, die Gaukler, wie er sie nennt, schoben immer neue Gegenstände zwischen ihn und das beobachtete Bild, bis es ganz verzerrt und zerrissen war. Und doch machte es ihn glücklich, wenn ihm immer neue Gedanken und Gefühle »wie schießende Sterne durch die Seele flogen und einen blaugoldnen Pfad hinter sich machten« und er kannte nichts Schöneres als ein Durcheinander von Gefühlen, Stimmungen und Anklängen, das den Menschen wie mit einer Flamme durchschimmert. Ebenso klammert sich Sternbald, obwohl er beständig klagt über sein Zittern, Schwanken und Schweben, das ihn am kräftigen Schaffen hindert, an diese Krankheit, diesen Rausch, diesen Wahnsinn als an sein Bestes und Schönstes fest; und doch steht Dürer, als der Mächtige, groß und unantastbar im Hintergrund, und es klingt, als wolle er mit wenigen schlichten Worten seine selbstverständliche Ueberlegenheit erklären, wenn er sagt: »Mir hat der Himmel ein gelassenes Blut geschenkt.«
Klar, scharf und keinen persönlichen Antheil verrathend ist, was Novalis über die Reizbarkeit gesagt hat:
»Allzu große geistige Beweglichkeit und Sensibilität deutet auf Mangel an Capacität. Siehe die phantasiereichen ahnungsvollen Menschen.«
»Wer eine reizbare Seele hat, bei dem weckt ganz natürlich die Gegenwart eines Unglück die ganze Schaar des andern Unglücks auf, und nun geht im Sturm und Zittern Alles bunt durch einander, ohne Verstand und Ueberlegung.«
»Eine reizbare Vernunft ist eine schwächliche, zärtliche; daher die Moralisten und Bemerker oft so schlechte Praktiker.«
Die Reizbarkeit gab den Romantikern das ewig Jünglingshafte; denn die Jugend ist die Zeit des schäumenden Blutes, wo auch dem Gelassensten wohl einmal die Zügel aus der Hand fallen. Es ist nicht die runde, unschuldsvolle, staunende, nichts von sich wissende Kindlichkeit, die naive Menschen auch im Alter haben können; es giebt auch frühreife, schmale Kindergesichter mit großen, erschrockenen Augen die mehr wissen, als sie fassen und ertragen können, die nicht ordnen können, was Alles auf sie einstürmt, und deswegen nicht aus und ein wissen in dem verwickelten Leben.
»Ein Kind voll Wehmuth und voll Treue,
Verstoßen in ein fremdes Land« –
so hatte Novalis seinen Freund Tieck angeredet. Tieck erzählte in späteren Jahren, wie er als kleines Kind mit seiner Wärterin auf dem Schloßplatze in Berlin gewesen sei und herzlich vergnügt die vielen Gegenstände um sich herum betrachtet habe, und wie da die Wärterin, von ihm unbemerkt, zum Scherz sich hinter einem Pfeiler versteckt habe; da ergriff ihn zum ersten Mal das Gefühl von Verlassensein so schrecklich, daß das kleine, verschüchterte Gemüth sich gar nicht wieder wollte trösten lassen. Mehr als andre Menschen hat der romantische Charakter Grauen vor der Einsamkeit und ein an Schwäche grenzendes Bedürfniß nach Gesellschaft und befreundeter Umgebung, und bei allem Hang und aller Gabe zur Freundschaft erschwert gerade ihm seine Reizbarkeit den Verkehr mit Menschen unendlich. Jede Abweichung vom Ideal, von dem Bilde, das seinem schönheitssüchtigen Auge vorschwebt, stört ihn und kann ihn zu erbittertem Unwillen reizen. »Sein Freund zu sein, ist die Aufgabe aller Aufgaben; denn er ist so reizbar, daß man nur husten, nicht edel genug essen oder gar die Zähne stochern darf, um ihn tödlich zu beleidigen.« Selbst nicht harmonisch hat er ein leidenschaftliches Verlangen nach Harmonie in Andern. Nur Wenige wissen die Liebe zum Vollkommenen mit Duldung des noch Unvollendeten zu vereinigen, und doch ist jene nur mit dieser großherzigen Nachsicht verbunden schön und gut. »Allzu heftige Unleidlichkeit des Unvollkommenen ist Schwäche«, sagt Novalis.
Der einzige, den die Romantiker ohne Vorbehalt verehrten, war Goethe. Er war für sie etwas der antiken Poesie Gleichzustellendes: ein Sinnbild der Schönheit, der sie zustrebten. Ebenso wie die moderne Poesie im Gegensatz zur antiken war ihr Charakter nicht schön, sondern interessant: interessant bedeutet Zwischensein, also Werden. Alles gilt von ihnen, was Friedrich Schlegel zum Tadel und zum Ruhm der modernen Kunst sagte: die hervorbringende Kraft rastlos und unstät, die Empfindlichkeit immer ebenso unersättlich wie unbefriedigt, Verworrenheit, Gesetzlosigkeit, Skepticismus, vielseitige Charakterlosigkeit – Alles in Allem ein Chaos. Aber aus dem Chaos schuf der schönste der Götter, Eros, eine Welt.
Wenn nun das Chaos, um einen Ausdruck von Friedrich Schlegel zu wiederholen, nur auf die Berührung der Liebe wartet, um eine harmonische Welt hervorzubringen, so erinnert das an die Ansicht von Novalis, jede Verbesserung unvollkommener Constitutionen laufe darauf hinaus, daß man sie der Liebe fähiger mache. Und merkwürdig stimmt damit die Lehre überein, die der alte Mann in Tieck's Roman dem Sternbald giebt, daß das Höchste was der Mensch erlangen könne, Zufriedenheit mit sich selbst sei. »Mit sich zufrieden sein«, rief der Alte, »mit allen Dingen zufrieden sein, denn alsdann verwandelt er sich und Alles um sich her in ein himmlisches Kunstwerk und läutert sich selbst mit dem Feuer der Gottheit«; und eindringlich knüpft er die Empfehlung an den Jüngling daran, seine Kunst und sich selbst zu lieben und zu verehren, ja keiner nachtheiligen Selbstverachtung Zugang zu gestatten. Man könnte es für sehr wunderlich halten – wenn man nicht gar Ziererei darin sieht, – daß eine Schwierigkeit darin liegen soll, sich selbst zu lieben. Und doch war es keine Affektation wenn so viele der Romantiker nach diesem so natürlichen Triebe mühsam rangen, auch Friedrich Schlegel behauptete, daß die Unfähigkeit sich selbst zu lieben ihm die Bahn zur Größe verschließe. Abgesehen davon, daß die beiden Personen, die das Ich bilden, übereinstimmen müssen, wenn sie sich lieben sollen, muß man bedenken, daß die Kunst thatsächlich darin liegt, den richtigen Grad der Selbstliebe zu treffen, so daß man vor Selbstüberhebung ebenso sicher ist wie vor Selbsterniedrigung, ferner das richtige Verhältniß zur Nächstenliebe zu finden. Es giebt Menschen, denen es verhältnißmäßig leicht wäre, den Nächsten mehr als sich selbst zu lieben, während sie das Gebot, welches befiehlt, ihn wie sich selbst zu lieben, nicht erfüllen können. Dem Romantiker ist es eigen, zwischen einer sich selbst wegwerfenden Hingebung an die Menschen und Ekel an ihnen zu schwanken. Man vergleiche die Stelle im Phantasus, wo Tieck von der Empfindung, mit der er im Plutarch von großen Menschen liest, mit einer andern in Lovell, wo Balder seiner Menschenverachtung Ausdruck giebt. Dort fühlt er eine Welt zu viel und möchte sie dem angebeteten Helden in den Schoß werfen, ein quälender Drang sich aufzuopfern beseelt ihn. Hier heißt es: »Ach das Brausen von Mühlrädern ist verständiger und angenehmer als das Klappern der menschlichen Kinnbacken; der Mensch steht unter dem Affen, eben deswegen, weil er die Sprache hat, denn sie ist die kläglichste und unsinnigste Spielerei. – … Ich stand in einer fernen Welt und gebot herrschend über die niedrigen Schwatzthiere, tief unter mir … und rief den Fleischmassen zu: Ihr Armseligen – Klumpen von todter Erde – Thiere und Bäume sind in ihrer Unschuld verehrungswürdiger als die verächtliche Sammlung von Staub, die wir Menschen nennen.« Sind auch diese Worte einem Wahnsinnigen in den Mund gelegt, so hört man ihnen doch an, daß Tieck sie in sich erlebt hat. Und man sieht hier, wie Selbstverachtung und Menschenverachtung sich gegenseitig bedingen.
Wir sehen den Dämmerungsmenschen, das Chaos, in dem die Massen trübe durch einander schwanken. Das Licht ist eingedrungen und sucht sie zu theilen – noch wird es nur als die scheidende Macht empfunden, die aus einander schneidet, was mit dumpfem Wohlgefühl in eins verschwommen war. Reichthum, Harmonie, Vollendung nannte Friedrich Schlegel die drei Theile, die zur reinen Vollkommenheit des Charakters gehörten, womit nichts Anders gemeint ist als Willen (Trieb, Unbewußtes), Intellekt (Absicht, Bewußtsein) und Vereinigung dieser beiden Hälften in eine Welt. Indem er sagt, Vollendung äußere sich als Selbständigkeit oder sittliche Liebe, macht er es uns klar genug, was wir darunter verstehen sollen. Diese Dreieinigkeit ist keine andre als die Herder's: Licht, Liebe, Leben.
Wenn die dämmernden Massen des Chaos in Tag und Nacht geschieden sind, dann erst kann die Liebe sie harmonisch verbinden. Mit der einschlagenden buchstäblichen Richtigkeit klassischer Offenbarungen nannte der Apostel Paulus die Liebe das Band der Vollkommenheit.
Romantische Philosophie.
Inhaltsverzeichnis
Es sind mancherlei Kräfte, aber es ist
ein Gott, der da wirket Alles in Allem.
Paulus, Korinther XII, 6.
Durch alle Töne tönet
Im bunten Erdentraume
Ein leiser Ton, gezogen,
Für den, der heimlich lauschet.
Friedr. Schlegel.
Als ein Märchenland, wo Alles Wunder ist, denken wir uns die Romantik; und doch dürfte Kant, dem unerbittlichsten Denker, ein Monument darin errichtet werden. Nicht weil er in blaue dunstige Ferne hinein die hängenden Gärten seiner intelligibeln Welt baute oder mit undurchdringlichem Lächeln dem Geisterglauben das Wort redete, sondern weil er den Schwerpunkt der Philosophie in den Menschen verlegte. »Nach Innen geht der geheimnißvolle Weg«, verkündigte später Novalis. Diesen Weg hat Kant eingeschlagen. Von allen Seiten hatte man in die Weltveste einzudringen gesucht: da entdeckte er eine kleine überwachsene Pforte, die bisher übersehen war, einen unterirdischen Zugang zur Schatzkammer, wo alle werthvollsten Güter aufgespeichert sind. Nun stürzte sich der Strom des Forschens in die dämmerige, unabsehbare Höhle hinein.
Kant's Meinung war gewesen, die Grenzen unsres Erkennens zu zeigen und die Unmöglichkeit, das Ding an sich, den Kern des Erscheinenden zu greifen, so lange wir in die Maske unsrer Sinne und angeborenen Vorstellungen vermummt sind; wie zwei Ritter in Rüstung, wenn sie sich die Hand geben, nicht die Hand selbst, sondern nur das unempfindliche Eisen berühren und fühlen. So etwa sollten sich der Mensch und die Welt gegenüberstehen: zwei Vermählte, denen die erste, blind feurige Umarmung die erträumte Vereinigung und Befriedigung nicht gebracht hat, und die nun, nachdem sie allmälig von ihrer bitteren Enttäuschung und Erkältung zurückgekommen sind, verzichten und sich zu einem freundschaftlichen, schonenden Nebeneinanderleben entschließen. Wie angemessen tapfer und bewundernswerth dies auch unter Umständen sein mag, so ist es doch nichts Andres als ein modus vivendi: der Mensch ist ein geborener Held, der, wie Achilles, auch in weibisches Gewand verkleidet, nach dem Schwerte greift, sowie er eins von ferne klirren hört; ein Königssohn, dessen Natur nach der Krone zu trachten, wie zurückgedrängt sie auch durch Zufall oder Absicht sei, früher oder später desto mächtiger hervorbricht. Daß es dennoch möglich sei, möglich sein müsse, die Welt zu durchdringen, ihre Seele zu berühren, allwissend zu werden, war die erste dunkle philosophische Regung im Kreise der Romantiker.
»Die Geisterwelt ist nicht verschlossen,
Dein Sinn ist zu, dein Herz ist todt,
Auf, bade, Schüler, unverdrossen
Die ird'sche Brust im Morgenroth«,
diese Goethe'schen Worte erklärte der junge Friedrich Schlegel für seinen Wahlspruch. Goethe, den Vertrauten der Natur, proklamirten sie im Athenäum als ihren Führer, als den Vertreter der neuen Zeit; neben ihm aber einen andern Mann, einen Schüler Kant's, der das, was er Natur nannte, nichtachtend mit dem Fuße von sich stieß: Fichte.
Aus seinen Bildern sehen uns seine großen Augen mit einem fanatischen, zehrenden Geistblick an, der nichts von den wechselnden farbigen und plastischen Gegenständen um sich her wahrzunehmen scheint; man könnte sich aus seinen Augen seine Philosophie erklären: für sie giebt es nichts als das Absolute, ein großes Begriffsgerippe anstatt des athmenden, blutwarmen Naturleibes. Das tollkühne System berührt den Boden nur in dem einen Punkte: Ich bin ich. Von da aus thürmt es sich schwindelnd empor. Wer hinaufklettert, greift vergebens nach einem festen Halte außerhalb, dabei wagt er weder über noch unter sich zu blicken, wo rings der Abgrund des Nichts ist, und die Lust wird dünner und dünner. Es leuchtet ein, daß das nicht Jedermanns Sache ist. Indessen wer geistige Gelenkigkeit und Energie genug besitzt, um den Versuch nicht zu scheuen, bei dem kann die halsbrecherische Uebung sogar zur Passion werden, und er gewöhnt sich daran auf die Gefahr hin, schließlich einmal das Genick dabei zu brechen. Trotzdem, auch wenn man annimmt, die Arbeit des abstrakten Denkens sei der damaligen Jugend nicht so widernatürlich und peinlich gewesen, scheint es erstaunlich, daß eine solche Lehre unter ihr Epoche machen konnte, daß sie, wie es thatsächlich der Fall war, die stürmischen jungen Gemüther jener revolutionären Zeit begeisterte. Die Verwandlung der Welt in ein Ich, die Fichte vornahm, war die heroische That, die ihm die Jüngerschaft der modernen Geister gewann. Dahin drängte die Zeit, es war, was jeder in sich erlebte. Daß die Welt bei Fichte nur eine äußere und das Ich nur ein erkennendes, vorstellendes, bewußtes war, kein fühlendes, dieser Mangel verschwand zunächst vor der Form des mächtigen Gedankens. Es gebe, sagte Fichte, nur zwei Arten der Philosophie: die kritische, die die Grenze des Ich-Bewußtseins nicht überschreite, dies sei die Kant'sche, und im Gegensatz dazu die des Spinoza, welcher jene Grenze überschritten habe. Eine Täuschung ist es zu wähnen, es gäbe noch ein Außerhalb dieser Grenze; denn kann irgend etwas sein außer in unserm Bewußtsein? Was uns von uns unterschieden zu sein, was uns nicht Ich zu sein scheint, ist doch auch wieder nur eine in uns existirende Vorstellung; und weil wir den Begriff des Ich nicht bilden könnten ohne etwas, was nicht Ich ist, müssen wir eine Welt von uns lösen und uns davon unterscheiden. Eine optische Täuschung gleichsam verlegt das Ding an sich nach außen; wir sind es. Auch der stumpfeste Mensch wird geboren mit einer Einbildungskraft, die ihm die Welt schafft: er ist der Gott, der aus dem Chaos Licht werden läßt, den Himmel von der Erde scheidet, den Gang der Gestirne ordnet und nach einem moralischen Gesetz, das er aufstellt, die Handlungen des Geistes regelt.
Daß nichts außer dem Ich sei, war das Packende und Unantastbare in Fichte's Lehre; wäre er nun noch darauf gekommen, daß jene Grenze des Ich-Bewußtseins im Ich selber liegt, daß also das Nicht-Ich ist, aber allerdings nicht außer dem Ich, sondern in ihm, seine dunkle Hälfte, so hätte er in Wirklichkeit die Welt mit eingeschlossen, von der er jetzt abstrahirte und der Natur, die ihm jetzt nichts als vergängliche Materie war, den Geist gegeben. Denn das Ich und die Welt sind, nach einem Worte von Novalis, integrante Hälften.
Gerade in Fichte's Einseitigkeit lag eine verblüffende Größe. Wie ein blinder Riese schritt er durch die Natur und verhüllte sie mit seinem Schatten vor den Blicken derer, die sich ihm anschlossen. Hinreißend und erhebend wirkte sein Glaube an das Allvermögen des menschlichen Geistes. Die Menschheit fing an zu ahnen, was es eigentlich bedeute, daß sie zum Bilde Gottes geschaffen sei. »Was ist denn unsre Würde«, schrieb Friedrich Schlegel, zwanzigjährig, an seinen Bruder, »als die Kraft und der Entschluß, Gott ähnlich zu werden!« Dies tastende Gefühl, daß ein unendliches Ziel und eine göttliche Bestimmung vor dem Menschen liege, erleuchtete Fichte mit dem scharfen Lichte seines Bewußtseins. An dem Gedanken der Einzigkeit und Höhe des Menschen konnte sich der herbe Denker berauschen, und diese abstrakte Trunkenheit, in die er sich zuweilen in seinen Schriften steigerte, ist wohl geeignet, sich dem Leser mitzutheilen. Ich will ein Beispiel herausgreifen, wo er folgendermaßen über die Würde des Menschen spricht:
»Erst durch das Ich kommt Ordnung und Harmonie in die todte formlose Masse Allein vom Menschen aus verbreitet sich Regelmäßigkeit rund um ihn herum bis an die Grenze seiner Beobachtung – und wie er diese weiter vorrückt, wird Ordnung und Harmonie vorgerückt. Durch seine Beobachtung falten sich die Weltkörper zusammen und werden nur Ein organisirter Körper; durch sie drehen die Sonnen sich in ihren angewiesenen Bahnen. Durch das Ich steht die ungeheuere Stufenfolge da von der Flechte bis zum Seraph; in ihm ist das System der ganzen Geisterwelt, und der Mensch erwartet mit Recht, daß das Gesetz, das er sich und ihr giebt, für sie gelten müsse; erwartet mit Recht die einstige allgemeine Anerkennung desselben. Im Ich liegt das Unterpfand, daß von ihm aus in's Unendliche Ordnung und Harmonie sich verbreiten werde, wo noch jetzt keine ist; daß mit der fortrückenden Kultur des Menschen zugleich die Kultur des Weltalls fortrücken werde …… was euch Tod scheint, ist seine Reife für ein höheres Leben – in jedem Momente seiner Existenz reißt er etwas Neues außer sich in seinen Kreis mit fort, bis er Alles in denselben verschlinge: bis alle Materie das Gepräge seiner Einwirkung trage und alle Geister mit seinem Geist Einen Geist ausmachen. – – Das ist der Mensch; das ist jeder, der sich sagen kann: ich bin Mensch. Sollte er nicht eine heilige Ehrfurcht vor sich selbst tragen und schaudern und erbeben vor seiner eigenen Majestät?…«
Diese Ueberzeugung von der schöpferischen Stellung des Menschen im Mittelpunkte der Welt, vorgetragen ohne den empörenden Uebermuth des Emporkömmlings, sondern mit dem angeborenen Bewußtsein, daß Adel verpflichtet, weckte den lauten Wiederhall in der Brust der romantischen Jugend; daß im eigenen Innern die Lösung aller Geheimnisse und der Quell aller Zukunft ruhe, war eben ihr Glaube und ihre Ahnung. Begründen konnte Fichte die unerhörten Forderungen, die er an die Menschen stellte, nur durch das Commandowort: du sollst!, das mit Sternenschrift am Himmel jedes Bewußtseins flammen sollte, eine angeborene moralische Sonne, deren Dasein vorauszusetzen war.
Es ist merkwürdig, wie wenig Beeinflussung eine philosophische Lehre ausübt, wie sie selbst vielmehr von jedem Geiste, der sie auffaßt, Umbildung erfahren muß. Für Manchen mochte Fichte's Ansicht eine Stütze des edelsten Strebens, eine Schule der Erhabenheit sein, schwache und unklare Gemüther sogen sich Gift daraus. Tieck, in dem kein Zug mit Fichte sympathisirte, hat im Lovell unnachahmlich dargestellt, wie zerrüttend die strenge Ich-Wissenschaft auf Kopf und Gemüth wirken konnte. In das gefühlsfromme Herz des Jünglings dringt die Lehre, daß die Natur, die ihn umgiebt, der er sich mit so sehnsüchtiger Innigkeit hinzugeben pflegte, nichts ist als ein Bild, das seine Einbildungskraft ihm vor die Sinne stellt; nirgends, nirgends antwortet seiner Liebe ein begegnendes Gefühl, sich selbst findet er in entsetzlichem Einerlei, wohin sein verlangendes Auge sieht, die ganze Welt ist nur ein Spiegel, der ihm die Ewigkeit seines trostlosen Alleinseins vorhält.
»Ich komme mir nur selbst entgegen
In einer leeren Wüstenei.«
Wie ein Taschenspieler und Zauberer steht er einsam inmitten der wesenlosen Schatten, die er auf die leere weiße Wand wirft, damit er sie nur nicht sieht, die außer ihm das Einzige ist, was ist. Können ihn die Bewegungen der Hampelmänner interessiren, die er selber tanzen läßt? Soll er den Sprüchen lauschen, die die Marionetten aussagen, da er sie ihnen selbst in den Mund gelegt hat? Es ekelt ihn, immer und immer nur die eigenen Stücke aufführen zu sehen.
»Ost schwebt die Welt mit ihren Menschen und Zufälligkeiten wie ein bestandloses Schattenspiel vor meinen Augen. Oft erschein ich mir dann selbst wie ein mitspielender Schatten, der kommt und geht und sich wunderlich geberdet, ohne zu wissen warum. Die Straßen kommen mir dann nur vor wie Reihen von nachgemachten Häusern mit ihren närrischen Bewohnern, die Menschen vorstellen, und der Mondschein, der sich mit seinem wehmüthigen Schimmer über die Gassen ausstreckt, ist wie ein Licht, das für andre Gegenstände glänzt und durch einen Zufall auch in diese elende lächerliche Welt hineinfällt.«
Immer nur sein eigenes Bewußtsein ausschöpfend, geräth er in entsetzliche Verarmung. Dem König Midas ähnlich, dem sich Alles in Gold verwandelte, was er essen wollte, muß er verschmachten, weil er seinem Geiste keine andre Speise als das eigene Ich zu geben hat. Während für denjenigen, den eine Fülle verwandter, befreundeter oder verhüllter Erscheinungen umringt, die Welt ein Schlaraffenland ist, das auszumessen er sich Jahrtausende des Lebens wünscht, steht er gelangweilt, heißhungrig, ausgeleert zwischen den Spiegelbildern seines kranken Ich:
»Ich habe schon oft heimliche Verwünschungen ausgestoßen und gräßliche Sprüche versucht, um die Gegenstände um mich her in andre zu verwandeln Aber noch hat sich mir kein Geheimniß enthüllt, noch hat die Natur nicht meinen Bezauberungen geantwortet; es ist gräßlich, nichts mehr zu lernen und keine neue Erfahrung zu machen.…«
Der Zweifel an der Wirklichkeit der sinnfälligen Außenwelt reißt den grübelnden Geist weiter zum wahnsinnigen Zweifel an sich selbst. Mit dieser tollen Selbstvernichtung wechselt aber der Uebermuth des plötzlich König gewordenen Kindes. Denn der bisher als ein Liebender und Anbetender im Heiligthum der Natur gekniet hatte, erfährt auf einmal, daß er ihr Herr ist, der sie gemacht hat, wo sie schön ist, auf dessen Trost sie harrt, wo sie Mängel hat.
Die Wesen sind, weil wir sie dachten. Im trüben Schimmer liegt die Welt, Es fällt in ihre dunkeln Schachte Ein Schimmer, den wir mit uns brachten: Warum sie nicht in wilde Trümmer fällt? Wir sind das Schicksal, das sie aufrecht hält!
Ohne Zweifel könnte dies Bewußtsein einen starken Geist zum höchsten Heroismus entflammen; aber den weichlichen Lovell drückt die Würde bald nieder, bald leiht sie ihm den Vorwand, seinen Leidenschaften den Zügel schießen zu lassen.
»So beherrscht mein äußerer Sinn die physische; mein innerer Sinn die moralische Welt. Alles unterwirft sich meiner Willkür, jede Erscheinung, jede Handlung kann ich nennen, wie es mir gefällt; die lebendige und leblose Welt hängt an der Kette, die mein Geist regiert, mein ganzes Leben ist nur ein Traum, dessen mancherlei Gestalten sich nach meinem Willen formen! Ich selbst bin das einzige Gesetz in der ganzen Natur, diesem Gesetze gehorcht Alles.«
Es ist selbstverständlich, daß man nicht Fichte dafür verantwortlich machen kann, wenn junge Leute ihr krankhaft angeschwollenes, leidendes Ich seinem höchst correkten Begriff unterschoben und dann an dieser popularisirten Philosophie zu Grunde gingen. In Novalis' schönem Gemüth entzündete jeder hineingesprühte Ideenfunke eine schlank auflodernde Flamme; wie er nichts erleben konnte, das ihm nicht wohl that und ihn nicht förderte, konnte er auch keinen Gedanken aufnehmen, der nicht neue, lebensvolle Gedanken in ihm belebt hätte. Wie wundervoll vermischen sich Trunkenheit und Besonnenheit in seinem philosophischen Jubelrufe: »Was ich will, das kann ich. Bei den Menschen ist kein Ding unmöglich.« Es könnte scheinen, als ob das Fichte's Sprache wäre; aber wenn er und Novalis »ich« sagten, so hatten sie etwas ganz Verschiedenes im Sinne. Aus Reizungen der Sinne schafft sich der Mensch eine bunte, geräuschvolle, greifbare, ja eine vernünftige Welt: er ist ein Zauberer; aber ich zaubere, ohne es zu wissen, also bin ich es nicht, sondern ein andres Ich, das jenseit meines Bewußtseins herrscht, vollzieht in jedem Augenblick diese unerhörte Verwandlung. Wenn es mir gelingt, mich dieses transcendentalen Ich zu bemächtigen, dann bin ich Zauberer, dann bin ich erst in Wahrheit ganz Ich. An ihrem pfeilgraden, stolzen Falkenfluge erkennt man die Gedanken Novalis'. Offenbar war es ihm, daß der Mensch sein inneres Königreich noch nicht ganz kannte, geschweige denn beherrschte, aus einer unabsehbaren Tiefe, wohin der Blick nicht dringen konnte, drang der Ton mächtigen Lebens, und ohne Weiteres wagte er den verwegenen Harrassprung hinunter. Die beiden Reiche zu verbinden, unter ein Scepter zu bringen, die unbewußte Zauberkraft bewußt und dadurch sich erst zu eigen zu machen, war sein Programm für die Zukunft der Menschheit, die Aufgabe, die er ihr stellte. Man soll ihn selbst sprechen hören:
»Der größte Zauberer würde der sein, der sich zugleich so bezaubern könnte, daß ihm seine Zaubereien wie fremde selbstmächtige Erscheinungen vorkämen. Könnte das mit uns nicht wirklich der Fall sein?«
»Unser Körper soll willkürlich, unsere Seele organisch werden.«
»Willkürliche Glieder sind Sinne in strengerem Sinn. Vermehrung und Ausbildung der Sinne gehört mit zu der Hauptaufgabe der Verbesserung des Menschengeschlechts, der Graderhöhung der Menschheit. Bildung und Vermehrung der Seele ist das wichtigste und erste Unternehmen.«
»Der Mensch ist diejenige Substanz, welche die ganze Natur unendlichfach bricht, d. i. polarisirt. Die Welt des Menschen ist Welt, ist so mannigfach, als er mannigfach ist. Die Welt der Thiere ist schon ärmer und so herunter.«
»Kunst, unsern Willen total zu realisiren. Wir müssen den Körper wie die Seele in unsere Gewalt bekommen. Der Körper ist das Werkzeug zur Bildung und Modifikation der Welt; wir müssen also unsern Körper zum allfähigen Organ auszubilden suchen. Modifikation unsres Werkzeugs ist Modifikation der Welt.«
»Werkzeuge armiren den Menschen. Man kann wohl sagen, der Mensch versteht eine Welt hervorzubringen, es mangelt ihm nur am gehörigen Apparat, an der verhältnißmäßigen Armatur seiner Sinneswerkzeuge. Der Anfang ist da.«
»Unser ganzer Körper ist schlechterdings fähig, vom Geist in beliebige Bewegung gesetzt zu werden. Die Wirkungen der Kunst, des Schreckens, der Traurigkeit, des Neides, des Zorns, der Scham, der Freude, der Phantasie u. s. w. sind Indikationen genug. Ueberdem hat man genugsam Beispiele von Menschen, die eine willkürliche Herrschaft über einzelne, gewöhnlich der Willkür entzogene Theile ihres Körpers erlangt haben. Dann wird jeder sein eigener Arzt sein und sich ein vollständiges, sicheres und genaues Gefühl seines Körpers erwerben können, dann wird der Mensch erst wahrhaft unabhängig von der Natur, vielleicht sogar im Stande sein, verlorene Glieder zu restauriren, sich bloß durch seinen Willen zu tödten und dadurch erst wahre Aufschlüsse über Körper, Seele, Welt, Leben, Tod und Geisterwelt erlangen. Es wird vielleicht dann nur von ihm abhängen, einen Stoff zu beseelen – dann wird er vermögend sein, sich von seinem Körper zu trennen, wenn er es für gut findet.«
Ganz wie Fichte nannte Novalis den menschlichen Körper den einzigen Tempel, den es in der Welt gebe: »man berührt den Himmel, wenn man einen Menschenleib betastet«, und ganz wie Fichte verlangt er vom Menschen, daß er Erzieher der Natur sei, die moralisch werden müsse durch ihn. Anderseits hatte auch Fichte von der Theilbarkeit des Ich gesprochen und das, was er Nicht-Ich nannte, das Objekt, als wiederum theilbar, dem theilbaren Ich in ihm selber entgegengesetzt, so daß man hätte meinen sollen, er hätte an der Realität der Außenwelt, die das Ich in sich hat, ihr wirkliches Dasein überhaupt und ihren Zusammenhang mit dem Menschen erkannt. Aber bei Fichte blieb Alles todter Begriff, was Novalis lebendig machte. Wenn Novalis sagte, die Natur sei ein encyklopädischer, systematischer Index oder Plan unseres Geistes, so konnte Fichte das unterschreiben; aber er gehörte zu denen, die sich »mit dem bloßen Verzeichniß unsrer Schätze begnügen« wollen, während Novalis aufforderte, sie selbst zu betrachten, zu bearbeiten und zu benützen. »Das Fatum, das uns drückt«, sagte er, »ist die Trägheit unsres Geistes. Durch Erweiterung und Bildung unsrer Thätigkeit werden wir uns selbst in das Fatum verwandeln. Alles scheint auf uns hereinzuströmen, weil wir nicht herausströmen. Wir sind negativ, weil wir wollen; je positiver wir werden, desto negativer wird die Welt um uns herum, bis am Ende keine Negation mehr sein wird, sondern wir Alles in Allem sind. Gott will Götter.«
So flößte Novalis Blut und Seele in das starre Knochengerüst von Fichte's System und bemerkte gar nicht, daß er selbst der Schöpfer dieses pulsirenden Lebens war. Daß das Fichte'sche Ich eine Versteinerung war, losgerissen von dem Zusammenhang der lebendigen Natur, empfanden alle diejenigen, die den Strom ihrer unendlich entwickelnden Kraft in sich auf- und abschwellen fühlten. Viele, die sich an Kant und Fichte gebildet und die wissenschaftliche Methode dankbar angenommen hatten, geriethen in eine trotzige Widersetzlichkeit, als sie inne wurden, daß der Quell der Liebe in ihnen verschüttet werden sollte. Im Jahre 1796 verfaßte Franz Baader eine Schrift gegen Kant, die damals ungedruckt blieb, worin er dessen moralischen Imperativ angriff, da ein Mensch, der nur einem »du sollst« gehorchend gut handle, daneben ein abgefeimter Bösewicht sein könne. Auf die moralische Willensveränderung komme Alles an, von der Kant, die Natur für unheilbar böse haltend, nichts wisse, und im Gegensatz zu dem Kantischen: lex est res surda et inexorabilis führt er zwei Sprüche frommer und menschenfreundlicher Heiden an, den des Seneca: Sanabilibus aegrotamur malis, nosque in rectum genitos, si sanari velimus, natura adjuvat; und den des Plinius: Deus est mortali juvans mortalem. Ebenso Schelling: »Nur in dem Punkte, wo das Ideal uns selbst ganz auch das Wirkliche die Gedankenwelt zur Naturwelt geworden ist, allein in diesem Punkte liegt die letzte, die höchste Befriedigung und Versöhnung der Erkenntniß, wie die Erfüllung der sittlichen Forderungen allein dadurch erreicht wird, daß sie uns nicht mehr als Gedanken, z. B. als Gebote erscheinen, sondern zur Natur unsrer Seele und in uns wirklich geworden sind.«
Man sieht, daß sich hier ein uralter Kampf erneuern sollte, denselben, den Paulus gegen das Gesetz kämpfte als Verkündiger der Religion, der Freiheit und der Liebe.
Denn durch das Gesetz kommt Erkenntniß der Sünde
So halten wir es nun, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke allein durch den Glauben.
Denn Christus ist des Gesetzes Ende, wer an den glaubt, der ist gerecht.
Also ist das Gesetz unser Zuchtmeister gewesen auf Christum, daß wir durch den Glauben gerecht würden.
Regiert euch aber der Geist, so seid ihr nicht unter dem Gesetz.
Die Liebe thut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.
Setzt man für Gesetz Erkenntniß oder Absicht, für Glauben Trieb oder Instinkt, so sieht man, daß Liebe in Paulus' Sinne nichts andres ist als was die Romantiker Vereinigung von Trieb und Absicht, Bewußtem und Unbewußtem nannten: ist der Instinkt durch die Erkenntniß, als durch seinen Zuchtmeister, so erzogen, daß ihm das Gute natürlich geworden ist, so ist er frei von ihm oder eins mit ihm in Liebe. Es ist begreiflich, daß die Romantiker, denen die Berührung von Natur und Bewußtsein im Ich eigenthümlich war, die die beiden Hälften des theilbaren Ich gleichmäßig zu werthen wußten, Fichte eine Zeit lang vergöttern konnten als geborenen Zuchtmeister, eine Verkörperung beinah des Gesetzes, aber als er die Alleinherrschaft beanspruchen wollte, sich widersetzten im Hochgefühl, daß sie nicht der Magd Kinder seien, sondern der Freien. Höchst charakteristisch ist es, wie sich die Glieder des Freundeskreises zu ihm stellten: die beiden Schlegel, denen wie ihm selbst ein gänzlicher Mangel an Natursinn eigenthümlich war, vermißten nichts Wesentliches an seiner Philosophie und waren auch diejenigen, die ihm den Thron aufgerichtet hatten; Novalis hielt für selbstverständlich, daß er den Uebergang zur Natur noch einschlagen würde und hielt an ihm fest, solange er diese Ueberzeugung hatte; Wackenroder mochte sich nie mit ihm beschäftigt haben, Tieck empfand ihn geradezu als etwas Feindseliges. Den Dämmerungsmenschen war er zu grell und schneidend; sie waren wie Kinder, die auch nicht für einen Augenblick, einem kurzen abenteuernden Streifzuge zu Liebe das Kleid der Mutter loslassen mochten. Nur von ihr wollten sie Alles lernen und erfahren. »Wer die Erde so wie eine geliebte Braut an sich zu drücken vermöchte, daß sie ihm in Angst und Liebe gern ihr Kostbarstes gönnte!« Hundertmal zurückgestoßen schmiegte sich Tieck doch immer wieder an den geliebten Leib der Natur, unerschütterlich in dem rührenden Glauben, sie lebe wie er und müsse sich einmal ihm offenbaren.
»Ich erinnere mich aus meiner Kindheit, daß uns die weite Natur mit ihren Bergen in der Ferne, mit dem hohen gewölbten blauen Himmel, mit den tausend belebten Gegenständen, wie mit einem gewaltigen Entsetzen ergreifen kann. Dann streicht der Geist der Natur unserm Geiste vorüber und rührt ihn mit seltsamen Gefühlen an, die wankenden Bäume sprechen mit verständlichen Tönen zu uns, und es ist, als wollte sich das ganze Gemälde plötzlich zusammenrollen, und das Wesen unverkleidet hervortreten und sich zeigen, das unter der Masse liegt und sie belebt …… Oft ist mir jetzt, als wollte das Gewand der Gegenstände entfliehen wie von einem Sturmwind ergriffen, und ohnmächtig fällt mein Geist zu Boden, und die Gewöhnlichkeit tritt an ihre Stelle zurück.«
Unbefriedigt von der Wissenschaft des Tages zog er sich in seine Waldeinsamkeit zurück mit dem alten Jakob Böhme, dessen verhüllte Mystik ihm verständlicher war als Fichte's unbiegsame Logik. Da las er von der einen Natur, die durch das Sehnen nach Gottes Licht offenbar wird, von dem sehnenden Willen der Natur, die das Paradies in sich spürt und im Paradies die Vollkommenheit, wonach sie sich erhebt und drängt und ängstet, in welchem Drängen sie immer etwas Schöneres, Höheres, Neues hervorbringt. »Nun ist ein Geist andres nichts als ein aufsteigender Wille, und ein Willen hat die Aengstlichkeit zur Geburt, und in der Aengstlichkeit gebiert sich das Feuer, und im Feuer das Licht, und vom Licht wird der Wille freundlich, lieblich, mild und süß; und im süßen Willen gebiert sich die Kraft, und in der Kraft gebiert sich das Reich und die Herrlichkeit.« Der bestrickende Zauber, den diese geheimnißvolle Verkündigung auf den Romantiker ausübte, lag ohne Zweifel darin: daß hier keine unversöhnliche Entgegensetzung von Geist und Natur war, oder Ausschließung des Einen, sondern daß nichts war außer der einen Natur, die Kraft ihres sehnenden Willens sich wandelt und erhebt durch das Licht zum Reich Gottes und der Herrlichkeit.
Alles, was man an Fichte vermißte, theils noch von ihm erwartete, wovon die Romantiker unklar träumten, das wurde plötzlich durch einen ganz jungen Mann, vom Katheder herab, fest, überlegt, machtvoll verkündet als eine neue Wissenschaft: Naturphilosophie. Man kann sich kaum vorstellen, wie Schelling die jungen Geister packte und hinriß; seine Lehre war ihnen eine Befreiung. Augenblicklich schieden sich feindliche Lager; sein Feldzug, an der Spitze eines kleinen aber leidenschaftlichen Trupps, war wie der etwa gleichzeitige eines andern Generals, Bonaparte's, ein Stürmen von Sieg zu Sieg. Das Große, Neue, Packende in den kleinen Schriften, die er nach einander veröffentlichte war nun eigentlich der Glaube an die Einheit und Vernünftigkeit des Alls. »Hätte Kepler seine Forschungen machen können ohne den Glauben an die Vernünftigkeit des Sonnensystems?« sagte Baader einmal. Eben dieser Glauben war die Grundlage von Schelling's Philosophie Während er noch durchaus Fichte's Anhänger war, schwebte ihm der Gedanke vor, daß Einheit von Wissen, Glauben und Wollen das letzte höchste Ziel der Menschheit sei; daß Sein und Erkennen, Gegenstand und Vorstellung im Grunde eins seien; daß die Geschichte des Alls eine Geschichte des Selbstbewußtwerdens sei. Er billigte daß Fichte in seiner Philosophie vom Ich ausging, wie denn Fichte es auch nicht tadelte, daß ein Andrer von der Natur ausginge; denn Beide müssen sich ja nothwendig treffen, beide Wege seien gleich richtig, beide hätten dasselbe Ergebniß. Die Natur nämlich kämpft sich durch zum Ich.
Schelling's Philosophie ist eine Entwickelungslehre. Die organische Natur sah er an als eine höhere Potenz der anorganischen, wenigstens die Hoffnung hegte er, daß man einmal alle Organisationen als successiv, allmälige Entwickelung einer und derselben ursprünglichen Organisation darstellen könne. Die Entwickelung geschieht in der Form eines Riesenkampfes zwischen zwei Grundgewalten, die auf unzähligen Stufen in unzähligen Verwandlungen erscheinen: der Kampf ist die Geschichte der Natur und des Lebens. Die Natur ist das trägste Thier, das Alles haßt, was es zur Bewegung und zur Thätigkeit zwingt. Darum haßt sie die Dualität, die die Ursache des Lebens ist, haßt das Geschlecht, haßt das Individuum, und möchte es in den Schlummer der Bewußtlosigkeit zurückziehen. »Die Natur haßt das Geschlecht, und wo es entsteht, entsteht es wider ihren Willen. Die Trennung der Geschlechter ist ein unvermeidliches Schicksal, dem sie, nachdem sie einmal organisch ist, sich fügen muß, und das sie nie vermeiden kann. – Daß sie das Individuum nur gezwungen und der Gattung wegen ausbildet, erhellt daraus, daß, wo sie in einer Gattung das Individuum länger erhalten zu wollen scheint (obgleich das nie der Fall ist), dagegen die Gattung unsichrer wird, indem sie die Geschlechter weiter aus einander halten und gleichsam von einander flüchten muß. In dieser Region der Natur ist der Verfall des Individuums minder sichtbar schnell als da, wo die Geschlechter sich näher sind, wie in der schnellwelkenden Blume, wo sie bei ihrem Entstehen schon in dem Einen Kelch wie in das Brautbett gefaßt sind, wo aber deswegen auch die Gattung gesicherter ist.«
Beständig drängt die Natur auf den Organismus ein, sein Leben ihren chemischen Kräften zu unterwerfen. Aber eben was das Leben zerstören sollte, erhält es; denn im Ankämpfen gegen die Natur, um sein Einzelrecht gegen sie zu behaupten, bildet der Organismus seine Glieder zu immer tüchtigeren Waffen und begegnet jedem Reiz von außen durch erhöhte, verfeinerte Wirksamkeit. So vervielfältigen und steigern sich die Bildungen im Kampf um's Dasein.
Man könnte hier einen interessanten Vergleich verfolgen: das Lebendige ist der Protestantismus, der sich aus dem Mutterschoße der allgemeinen, alleinseligmachenden Kirche losgerissen hat, das negative verneinende, protestirende Element. Sie giebt ihren Anspruch nicht auf, immer streckt sie ihre Arme flehend, lockend, versprechend, drohend nach den Abtrünnigen und Ketzern aus. Wenn sie dem Rufe folgten und wenn jede Protestation aufhörte, müßte, wie sich das Jeder aus der Geschichte folgern kann, Ruhe, Verfall und Verwesung schließlich eintreten.
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