Kitabı oku: «Michael Unger»

Yazı tipi:

Ricarda Huch

Michael Unger

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2021 OK Publishing

EAN 4066338117427

Inhaltsverzeichnis

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Titelblatt

Text

Dies also, dies ist das Leben, Michael Unger? Dies sind die süßen und tödlichen Früchte, die du von seinem Baume zu pflücken gedachtest? Nichts anderes als dies bedeutete das Rätsellied, das die Glücksfee sang, als sie mit glänzendem Leib und stolzem Auge an deiner Wiege stand und Blumen und Verheißungen auf die feine Decke schüttete, unter der du träumtest? Während am unendlichen Himmel eine göttliche Sonne schwebt, von heiteren Herzen unter Gesängen angebetet, trägst du wie ein Esel Tag für Tag deine Säcke voll Arbeit zur Pflichtmühle, auf ödem Futterwege alternd. Darum die Hoffnungen! Darum die unendlichen Wünsche!

Jahr um Jahr ging er denselben Weg, vom Wohnhause ins Geschäftshaus und zurück, die langen, geraden, reinlichen Straßen und die gepflegte Kastanienallee bis zu dem stattlichsten Bau in der Reihe, allein oder an der Seite seines Vaters, Geschäfte und Tagesangelegenheiten besprechend oder ein gelesenes Buch bedenkend, zufrieden im gleichmütigen Genusse der behaglichen Gegenwart. Heute, an dem warmen Vorfrühlingstage, der an sich nicht ereignisreicher war als ein beliebiger anderer, erhoben plötzlich Gedanken, die seit längerer Zeit unterirdisch in ihm gepocht und gewühlt hatten, laut ihre fremde Stimme, gerade in dem Augenblicke, als er aus dem Kontor auf die Straße trat und mit sonst nicht empfundenem Widerwillen die bekannten Gesichter von Ladenmädchen, Arbeitern, Angestellten sah, die täglich um diese Stunde vorüberkamen und heute flüchtig nach dem blauen Sonnenhimmel hinaufschauten.

Wenn ich sterbe, fragte er sich, werde ich mehr oder etwas anderes gewonnen und zugenommen haben, als äußeren Besitz und etwa Geschick und Kenntnisse in Handel und Wandel? Man kann einen Ball einmal oder tausendmal in die Höhe werfen und wieder auffangen, ohne daß es einen anderen Unterschied machte, als daß er mehr oder weniger abgenützt wird; ebenso bleibt es sich gleich, ob ich heute oder in zehn oder in fünfzig Jahren sterbe. Es ist wahr, daß auch mein Vater nichts anderes mit Arbeit und Sorge erreicht hat, als Geld, eine schöne Frau, die allen lächelt und für ihn nur kühle Blicke hat, und Söhne, auf die er seine Hoffnungen überträgt und die ihm nicht einmal für das danken, was er für sie getan hat. Ich bin nicht mehr als er, und kann nicht mehr als er erwarten. O Bitterkeit, daß ich nichts anderes habe und nichts anderes bin, als diese Kaufleute mit den rötlichen Backenbärten und den nackten leeren Augen, auf die ich mitleidig herabzusehen pflegte, die auch mit Arbeit und Sorge Geld errungen haben, eine schöne Frau und hochmütige Kinder! Die vor mir die Überzeugung voraus haben, daß dies das Wichtigste und Größte ist, was man dem Leben abgewinnen kann.

Er war inzwischen auf die Allee gekommen, wo weniger Menschen gingen und wo seine Gedanken sich allmählich beschwichtigten. Wenn der Rosenschleier der Jugend zerreißt, sagte er sich, erkennt man, daß die Wolkenschlösser und die Duftinseln am Horizonte Luftspiegelungen der sehnsüchtigen Phantasie waren. Wehe dem, der aus solchen träumerischen Gespinsten das Gewand seines Lebens weben will! Das eben ist die Kunst des Lebens, zur rechten Zeit zu erwachen und die Träume abzuschütteln!

Es fiel ihm ein, gehört zu haben, daß er sich langsam entwickelt habe und lange Kind geblieben sei, und nun glaubte er sich auf einer jugendlichen Schwäche ertappt zu haben, die seinem Alter, da er fast dreißig Jahre alt war, bei weitem nicht mehr gemäß schien. Jetzt erst werde ich gewahr, fuhr er fort, daß der bunte Flor vor meinen Augen fehlt, und es widert mich an, was mich umgibt, Menschen und Sachen. Selbst diese braunglänzenden Kastanienknospen, die mir einst ein Frühlingswunder bedeuteten, erregen mir den Ekel sinnloser Langeweile, aus keinem anderen Grunde, als weil mein Auge trocken geworden ist.

Indem das breite, feste Haus mit dem großen Garten dahinter sichtbar wurde, aus dem die noch kahlen Zweige hoher Bäume starrten, wo sein ganzes Leben sich abgespielt hatte, fühlte er seine Anhänglichkeit daran zugleich mit der Zuversicht, daß er die häßliche Stimmung, die ihn seit einiger Zeit drückte, überwinden würde.

Als ich klein war, dachte er, glaubte ich, wenn an Frühlingsabenden die Pappeln vor dem Hause rauschten, sie sängen einen Gesang, der hieße: »O Leben, o Schönheit! O Leben, o Schönheit!«, und mein kindliches Herz sang diese beiden Worte unersättlich mit, in stiller Verzückung nach einer wilden Melodie, womit, meinem Gefühle nach, die Seele aller Poesie von meinen Lippen strömte. Das war ja Leben und Glück, wenn ich es auch nicht wußte. Und daß jetzt die Frau, die ich liebe, mit meinem Söhnchen, das mein ganzes Herz erfüllt, unter denselben Bäumen wandelt, ist das nicht schönste Erfüllung? Wird auch die schwärmende Liebe zu der Frau, die wir wie eine Göttin umwarben, gedämpft, ehren wir sie dafür um so mehr als Mutter unserer Kinder, die der Mittelpunkt unseres Lebens werden. Es ist das allgemeine Menschenlos, daß wir unsere liebsten Träume auf unsere Kinder übertragen, und hoffen, daß das Wunder, auf das wir verzichteten, an ihnen wahr wird. Vielleicht ist anderen anderes beschieden, und der schaffende Geist schöpft Märchenzauber in die Wirklichkeit aus einer Schatztiefe, die dem gemeinen Menschen verschlossen ist. Wer zu diesen Seltenen nicht gehört, muß sich begnügen, aus dem, was sie dachten und bildeten, einen Strahl in sein Leben zu leiten, damit es im Staube des Alltags und im Dienste der Notdurft doch nicht gemein werde.

Mit dem Gedanken an sein Kind war ein Lächeln in Michaels Gesicht aufgegangen, aber der Druck war, obwohl er es sich vorredete, durchaus nicht von seinem Gemüte gewichen. Als er in den Garten eintrat, wo seine Frau mit einer Freundin stand, die ihn, wie viele andere Mädchen, heimlich hoffnungslos geliebt hatte, fühlte er sich, ohne zu wissen warum, gestört, nahm sich aber zusammen und ging den beiden zu freundlicher Begrüßung entgegen. Seine Frau, die auf ihn hatte zueilen wollen, tat, wie sie die Verstimmung in seinem Gesichte bemerkte, die letzten Schritte langsamer und berührte mit ihrer langen, schmalen Hand seine ausgestreckte nur scheinbar. Indessen betrachtete die Freundin Michael verstohlen und dachte: Der Erzengel bist du! Dein sind die Töchter der Erde! Du schreitest über dem Staube, dein flüchtigster Blick versetzt unter die Sterne! und dergleichen mehr, was Michael außerordentlich komisch vorgekommen sein würde, wenn er es geahnt hätte. In völliger Unbefangenheit dachte er nur daran, in diesem Augenblick ein Alleinsein mit Verena, seiner Frau, zu vermeiden, deren frostiges Gesicht verriet, daß sie gekränkt war, und knüpfte ein Gespräch mit dem jungen Mädchen an, das sich aber doch, verlegen und aufgeregt, bald entfernte. Kamen ihm nun auch seine Eltern, die im Garten auf und ab gegangen waren, und später das Mittagessen zu Hilfe, so blieb die Auseinandersetzung doch nicht aus; denn Verena konnte nicht leicht vergessen, am wenigsten, wenn sie sich durch Kälte von demjenigen, den sie am meisten, ja einzig auf der Welt liebte, beleidigt glaubte. Es war in der letzten Zeit nicht selten vorgekommen, daß Verena ihm Mangel an Innigkeit, Vertrauen und Feuer vorgeworfen hatte, was Michael besonders peinlich und ärgerlich war, da er durch keinen guten Willen etwas daran ändern zu können glaubte und ihr vielmehr schuld gab, daß sie sich an eine gewisse Schlichtheit und Mittelmäßigkeit, die der Alltag mit sich bringe und dem Menschen auch nützlich, ja notwendig sei, nicht gewöhnen wolle.

»Sieh«, sagte er, während sie zusammen am Fenster standen, »wenn wir alle Tage aus dem Tiefsten unseres Herzens heraus lebten, würden wir bald erschöpft und aufgerieben sein. Auch darin, daß wir uns vielleicht einmal kaum bemerken, daß uns das Herz nicht höher schlägt, wenn unsere Hände sich berühren, liegt ein Reiz, so wie das stille Ruhenkönnen in der leisen, unbekümmerten Natur ihr Schönstes und Göttlichstes ist. Laß es dir doch genug sein an dem bescheidenen Gange des Lebens und erwarte keine Wunder, am allerwenigsten aber von mir, den du vielmehr ganz und gar, in jedem Zusammenhange kennen und wie das Brot auf dem Tische liebhaben solltest. Warum kann ich mich niemals ohne Furcht und Mißtrauen schweigend an dich lehnen, mich bei dir ausruhen, glücklich, die Kleinlichkeit des Geschäftes zu vergessen und mit dir dem Stammeln und Zappeln unseres Kindes zuzusehen? Der Hauch des Frühlings dringt zu uns durch das Fenster, hinter uns stehen buntverschleierte Lampen neben einladenden Sesseln und zahllose reizende Bequemlichkeiten, welche die meisten Menschen entbehren; wir genießen es nicht, sondern tragen Unfrieden, Streit und Widerstreben hinein.«

»O Gott«, rief Verena aufflammend, »daß du mir mit jedem Blick und jedem Wort Altweibermoral und Bierbürgerideale predigen mußt! Gibt es denn nichts auf Erden zu ersehnen, als die Ruhe im Arm des Weibes und Dämmern im Sessel bei verschleiertem Lampenlicht? Halte mir doch nicht diese abgestandene Zimmerpracht vor als eine hohe Glückesgabe, deren wir uns würdig zeigen müssen, indem wir sie faulenzend genießen. Wären wir Bettler! Müßten wir barfuß durch die Frühlingsnacht wandern und in der Fremde um das Brot für unser Kind kämpfen! Die Ruhe und Wohlhabenheit des Hauses, die bei Verlust der Seelenseligkeit nicht gestört werden durfte, war der Fluch meiner Kindheit und Jugend. Da sah ich dich und dachte, du würdest mich erlösen!«

Sie sah ihn mit ihren schönen, dunklen Augen traurig an, und er erinnerte sich ihrer Brautzeit nicht ohne Wehmut und ein unbewußtes Reuegefühl. »Ich hatte immer die Ahnung«, sagte er nach einer Weile, »daß du mehr von mir erwartest, als ich leisten kann. Ja, du kennst mich nicht, das ist unser Unglück, und das macht unsere häufigen Mißverständnisse aus, daß du einen andern anredest, ein Bild deiner Phantasie, dem vielleicht mein Bruder Raphael eher entspräche, und daß doch die Antwort von mir kommt. Man sagt, daß ich ein schönes und bedeutendes Gesicht habe, und das mag dich verführt haben, dämonische Triebe bei mir zu suchen, die dir ein abenteuerlich hinreißendes Leben versprachen. Aber ich bin nichts anderes und will nichts anderes sein, als ein mittelmäßiger Mensch, mit menschlichen Schwächen und Neigungen, der den Wunsch hat, das gut zu machen, was seine Pflicht von ihm fordert, und dessen größter Vorzug es eben sein mag, daß er seine Grenzen kennt. Diesen Menschen, der ich in Wirklichkeit bin, kennst du weder, noch liebst du ihn.«

Er sprach aufrichtig und mit Überzeugung aus, was er sich an eben diesem Tage klar zurechtgelegt hatte, und war fast erschrocken über die Wirkung seiner Worte; denn Verena glaubte in seiner Behauptung, sie kenne und liebe ihn nicht, einen zärtlichen Vorwurf zu hören, und sogleich im Innersten dadurch umgewendet, warf sie sich heftig zu seinen Füßen nieder und schluchzte: »Ich liebe dich nicht? O Michael, ich liebe dich allzusehr, mit unsäglichen Schmerzen! Sage auch das nicht, daß ich dich nicht kenne. Nur ich kenne dich, nicht deine Eltern, du selbst dich nicht. Sähest du dich mit meinen Augen! Ja, dein Gesicht verrät dich, wie anders du bist, als du glaubst. Wolle nur, du könntest alles, wenn du nur wolltest. Ein Jahr lang schon schmachtet mein Herz an deinem Herzen, und du gibst mir nichts als das bürgerliche Vorschriftsgefühl, in das du auch deine Liebe eingezwängt hast. Hundertmal, wenn du kamst, warf ich mich dir entzückt und erwartungsvoll entgegen, und wenn ich dann den ledernen Panzer, in den du dich geschnürt hast, berührte, wurde mein Herz kalt und kehrte sich ab. Ein ganzes Leben in bequemem Genuß an deiner Seite verlebt, gäbe ich gerne, wenn ich dich einen Tag lang sehen könnte, wie du bist, in der Kraft und Schönheit deines Wesens.«

Sie sprach die letzten Worte unter Tränen an seiner Brust, denn es war ihm unterdessen gelungen, sie an sich zu ziehen, und er streichelte, in Gedanken verloren, sanft ihre schweren blonden Haare, froh, daß ihn eine warme, erbarmende Zärtlichkeit für sie überkam.

»Armes Kind«, sagte er liebkosend, »ich glaube, du kennst dich selbst noch weniger als mich. Was möchtest du denn, das ich täte? Soll ich mein Hab und Gut auf einem Scheiterhaufen verbrennen und sagen, alles ist eitel, oder es unter die Armen verteilen und den Steinen predigen? Soll ich Parteigänger werden, Vereine gründen und Volksreden halten? Soll ich einen sechsten Weltteil entdecken oder ausziehen, um den Stein der Weisen zu suchen? Alles das würde dir in Wirklichkeit nicht gefallen.«

»Wenn es dir Ernst wäre, warum nicht«, sagte sie weich. »Könnte ich dir in Worten sagen, was ich so deutlich fühle. Als ich ein junges Mädchen, ein halbes Kind noch war, wenn ich dann an solchen Frühlingsabenden zusah, wie alle Gegenstände langsam in der großen stillen Nacht untergingen, fühlte ich die ungeheure Macht des Lebens mir so nah, als könnte ich mit meinen Händen den Schleier davonziehen, und nur eine wunderliche Scheu, ja die Sehnsucht selbst hielt mich davor zurück. Alles, was ich kannte und was mich umgab, war so anders, so schattenhaft, so fade und häßlich gegen das Leben, das sich meiner Seele offenbarte; erst als ich dich kennenlernte, glaubte ich es zu berühren.«

»Liebe Verena«, sagte Michael, indem er sie auf die braunen Augen küßte, »diese Sehnsucht, die du fühltest, war nichts als die Sehnsucht der ganzen keimenden Frühlingserde und ging in dich hinein, nicht nach außen in die Welt. Nach Liebe sehntest du dich, nach Blüten und Früchten, und was dich bei meinem Anblick ergriff, war die Ahnung des Glückes, das uns in unserem Kinde beschieden sein sollte.«

Sie schüttelte den Kopf, aber entgegnete nichts, um die zärtliche Stimmung nicht zu verscheuchen, in der es ihr wohl war. Im Innern wiederholte sie sich stürmisch: Nein, es kann nicht sein, das kann nicht alles sein! wie sie unzählige Male dachte, wenn sie, an dem kleinen Kinderwagen sitzend, die alte Sehnsucht fühlte, nur nicht mit der früheren Wonne und Zuversicht, sondern wie aus einer Gefängniszelle heraus, deren Pforte nicht knarrt, wie mit Flügeln, die ein unglücklicher Flug gelähmt hat.

Michael ahnte, was für Gedanken sie zurückhielt; er rief sich die ersten Monate ihrer Schwangerschaft ins Gedächtnis zurück, wo sich das Nichtverstehen zwischen ihnen ausgebildet hatte; denn keine himmlische Beseligung hatte sich an ihr gezeigt, wie er es für selbstverständlich gehalten hatte, sondern ein qualvolles inneres Ringen, das bald in bitterer, spröder Kälte, bald in glühendem Haß gegen ihn ausbrach, bis sie schließlich, aufgelöst und demütig, wie eine, die sich zum erhabensten Opfer entschlossen hat, mit krampfhaft gesteigerter Liebe an ihm niedersank. Dies alles hatte er mit Befremden angesehen, wie ein Schauspiel, in dem er seine Rolle nicht kannte, und eine immer wachsende Enttäuschung bemächtigte sich seiner, wovon er aber, zartfühlend und gut wie er war, angesichts ihrer Leiden nichts hatte merken lassen. Wenn er sich kälter werden fühlte, hielt er sich vor, wie sehr er sie geliebt hatte, wie sie so fein, klug, stolz und feurig war, und vor allem, daß er sein Wort gegeben hatte, ihr treu zur Seite zu stehen und sie zu beglücken; was stets genügte, um ihn in einem gleichmäßigen Betragen voll Rücksicht und liebevoller Freundlichkeit gegen sie zu erhalten. Dazu kamen ihm jetzt, während sie an ihn gelehnt sich am Gefühle seiner zärtlichen Nähe berauschte, die Gedanken des Vormittags zurück, und er freute sich seiner geistigen Kraft, die ihm möglich machte, die Trockenheit des Lebens zu erkennen und bewußt auf sich zu nehmen, anstatt wie sie, die Schwächere, sich ein phantastisches Dasein in Nebel und Wolken zu erschleichen und dabei, strauchelnd und unsicher, stets der hilfreich stützenden Hand zu bedürfen.

Ein helles Geschrei weckte sie aus ihren Gedanken, und sie eilten beide, vergnügt lachend, in das Kinderzimmer, um zu sehen, was es gäbe. Dort hatten sich bereits mehrere Dienstboten und Michaels Eltern versammelt und sahen zu, wie die Amme das schreiende Kind singend und wiegend im Zimmer herumtrug, ohne die leiseste Veränderung dadurch zu erzielen. Der Großvater holte Uhr und Kette, einen goldenen Bleistift und was er sonst dergleichen bei sich trug, hervor und hielt es dem Enkel hin, in der Hoffnung, die kleinen geballten Hände möchten sich lösen und danach greifen, doch vermehrte sich nur seine Wut, da die Amme einen Augenblick zu singen aufhörte, um Verena Rede zu stehen, die ihr schuld gab, die vorgeschriebene Pünktlichkeit in der Ernährung nicht eingehalten zu haben. Der winzige und doch energische Zorn, der sich durch nichts begütigen ließ, hatte etwas Komisches, zugleich aber lag das Unaufhaltsame der Elemente darin, das man erstaunt und bänglich über sich austoben lassen muß. Michaels Mutter, die schöne Malve, die sich bei solchen Gelegenheiten niemals beteiligte, lag bequem zuschauend in einem Sessel und sagte lächelnd: »Er kommt mir wie ein häßlicher kleiner Fetisch vor, den das Volk, über seinen Zorn erschrocken, in Prozession herumträgt und mit Gebet und Opfern zu versöhnen sucht.« Indessen gelang es Michael, der geschickte, kräftige und weiche Hände hatte, den aufgeregten Schreihals zu beschwichtigen, und wie die zarten Hände sich krampfhaft um seinen Finger schlossen und die dunklen heimatlosen Augen sich an seinen festsaugten, als hätten sie endlich ihre Ruhe gefunden, empfand er ein warmes, großes Lebensgefühl, das seine Brust ganz ausfüllte und, aus unerschöpflicher Fülle strömend, sich dicht um das gebrechliche Geschöpf in seinen Armen wie eine schützende Wolke legte.

Wer hätte nicht Waldemar Unger und Malve Santen beneidet, als sie mit großem Aufwand im Dome Hochzeit hielten? Dennoch konnte niemand ihnen etwas Böses nachsagen, als dem Manne, daß er ein Fremder war, nämlich aus Spanien eingewandert, wenn auch von deutschen Vorfahren, die sich dort niedergelassen, abstammend, und dem Mädchen etwa, daß es eitel und gefallsüchtig sei, freilich nicht mehr als jede andere Schöne. Manch ein Gutmütiger, der sich des herrlichen Paares freute, das zum Altar schritt, schüttelte bedenklich den Kopf und fragte: Wird ihre Zeit bald um sein? Hat es noch niemals nachts an ihre Fenster geklopft oder in ihre Träume gegrinst, um sich zu verkündigen? Denn man konnte es ihrem dreisten Dahinschreiten ansehen, daß sie nicht dem Worte Gottes zu folgen gewohnt waren, sondern der rollenden Fortuna, die der Sage nach ein blaues Irrlicht in den Locken trägt, womit sie die Unbedachten, die ihr trauen, in Sumpf und Untergang lockt.

Waldemars Erscheinung war immerhin erbaulicher als die ihre; denn sein Gesicht war durch die natürlichen Formen sowohl wie im unbewußten Ausdruck ernst, ja melancholisch, und obgleich er niemals über die göttlichen Dinge nachgedacht hatte, pflegte er doch unwillkürlich in der Kirche, wie überhaupt bei feierlichen Anlässen eine Würde anzunehmen, die seinem Wesen nahelag und ihm wohl stand. Sie dagegen ging wie eine junge Königin zur Krönung und ließ ihre Augen frei über die Menge gleiten, mit dem Lächeln der Herrscherin, die sich freut, daß ihre Untertanen zahlreich zur Huldigung erschienen sind. Es verursachte ihr ein angenehmes Lustgefühl, ihr seidenes Kleid im Gehen rascheln zu hören und sich bewußt zu sein, daß an ihrem anmutig gerundeten Gesichte unter den glänzend schwarzen Haaren, an ihrer hohen, schlanken und vollen Gestalt nicht der kleinste Fehler war, und daß der Mann an ihrer Seite ebenfalls schön, stattlich und tadellos in Erscheinung und Kleidung war, wie sie selber.

Sie wußte, daß es üblich für Bräute war, sich am Hochzeitstage ernst und gerührt zu gebärden, aber sie gedachte nichts davon mitzumachen, weil sie gewohnt war, am meisten zu gefallen, wenn sie sich gehenließ, und weil sie stolz darauf war, keinerlei Weichmütigkeit und Beängstigung irgendwelcher Art zu empfinden. Sie konnte in ihrer Hochzeit nichts anderes als ein Freudenfest sehen, wie sie überhaupt, der Liebling des Glückes, von den Kümmernissen und Bedenken der anderen Menschen nichts wußte und wissen wollte. Nicht einmal die Tränen der Liebe, in denen auch fröhliche und glückliche Mädchen gern schwelgen, hatte sie kennengelernt. Nachdem sie mehrere Freier abgewiesen hatte, war Waldemar Unger in ihrer Vaterstadt erschienen, schöner und eigenartiger als alle ihr bekannten jungen Leute, und deshalb, wie sie nicht zweifelte, bestimmt, ihr anzugehören. Ehe sie einander vorgestellt waren, hatten ihre Herzen sich schon verbündet, und da er wohlhabend und willens war, mit ihrem Vater, der ein bedeutendes Speditionsgeschäft hatte, in Verbindung zu treten, standen ihren Wünschen keine Hindernisse entgegen.

Auch in der Folge sah man die Malve immer stattlich, glatt und lächelnd im Schimmer gewählter Pracht. Sie wirkte niemals überladen und ihre heitere Liebenswürdigkeit niemals albern oder langweilig; denn die feinen, tief schwarzen Augenbrauen zogen sich in ausdrucksvoller Linie, wie von Schmerz gehoben in ihre Stirn, so daß es aussah, auch wenn sie lustig war, als träumte dort ein Weh oder ein trauriges Sinnen. Man wußte, daß zahlreiche Verehrer in ihr Haus kamen, doch verlautete nie etwas Übles, was füglich ihrer kühlen Natur zugeschrieben werden konnte, die sich nicht einmal dem erstgeborenen Kinde gegenüber mit Hingebung äußerte. Das war Michael, nach dessen Geburt sein Vater das Krankenbett der Malve mit Smaragden und Rubinen behängte, um ihr seine Dankbarkeit kenntlich zu machen, die nicht nur in Gesellschaft als die Schönste und Witzigste glänzte, sondern ihm auch einen gesunden Knaben geboren hatte und in ihrem Wochenbette so bezaubernd war wie im Festsaale. Ihr gefiel es wohl, wenn man sie mitsamt dem Jungen bewunderte, der ihr glänzend schwarzes Haar und ihre Augen mit den geheimnisvollen Brauen, übrigens aber die edelkräftigen, südlichen Züge des Vaters hatte; aber sie gab sich nicht sonderlich mit ihm ab, da Kinder sie leicht ermüdeten. Die Mutterliebe spielte keine Rolle in seiner Kindheit, jedoch die großen, schwarzen, von schweren Lidern etwas gedeckten Augen seines Vaters schienen warm und unerschütterlich wie die Sonne darüber. Für ihn brannte sein Herz in einer geraden Flamme der Anbetung, die jeder Gedanke, jedes Leid und jede Freude nähren mußte. Sein Vater war die gute Macht, die über seinem Kinderkopf einen zauberhaften Sonderhimmel sich wölben und wohltätig scheinende Sterne daran auf- und niedergehen ließ. Zwar störte auch Malve seinen und ihren eigenen Frieden nicht durch Schelten und Zanken, aber sie hatte doch zuweilen ein scharfes Verbot, irgendeinen schneidenden Ton, wohingegen des Vaters Liebe, die ewig gleiche, die einzig unveränderliche blieb, die Leben und Wonne verlieh auch in bitteren Augenblicken. Für ihn und durch ihn zu sterben war, solange Michael Kind war, die höchste Lust, die er sich vorzustellen vermochte. Gerade daß Waldemar meist ernsthaft und schweigsam war, machte ihn so hehr und unantastbar und sein Lachen und Augenglänzen, wenn er mit Michael spielte, so hinreißend. Je älter indessen Michael wurde, desto weniger wußte sein Vater sich mit ihm zu beschäftigen, besonders daß er auf die vielen Fragen, die er stellte, als er anfing zu lernen und nachzudenken, nicht einging, empfand er als Mangel. In dieser Zeit gewann die Malve an Bedeutung für ihn, die es liebte, mit ihm zu plaudern und zu phantasieren und sich von ihm allerlei, was er gehört oder gesehen hatte, erzählen zu lassen. Abtrünnig wurde er aber seinem Vater deswegen nicht, sondern er schrieb dessen Unempfänglichkeit einem Kummer zu, an dem er litte und der ihn verschlossen gemacht hätte, welches Kummers Grund ausfindig zu machen auch nicht schwer war, nachdem er einmal darauf zu merken angefangen hatte. Es konnte ihm nicht entgehen, daß zwischen seinen Eltern die Liebe und Gemeinschaft nicht bestand, durch welche Kinder zunächst alle Menschen und vorzüglich die, welche ihnen nahestehen, verbunden glauben, wie auch nicht, daß seine Mutter an diesem unnatürlichen Verhältnis schuld war. Er sah, daß sein Vater unablässig arbeitete und mit dem Gelde, das er verdiente, schöne Kleider, Schmuckgegenstände, Zierat für das Haus, Leckereien und Kostbarkeiten kaufte, um sie der Malve zu schenken, und daß sie es wie etwas ihr Gebührendes mit kühlem Danke hinnahm, häufig auch belachte und bespöttelte, wenn es ihrem Geschmack nicht entsprach, und nie den Versuch machte, seine Aufmerksamkeit in irgendeiner Weise zu erwidern. Gegen alle Menschen, die im Hause verkehrten, war sie wärmer als gegen ihn, und das Urteil des Gleichgültigsten und Unbedeutendsten war ihr wichtiger als seines, ja wenn sie sich nicht zuweilen geradezu feindselig gegen ihn betrug, lag es nur an ihrem Hang zur Behaglichkeit und ihrer angeborenen gefälligen Liebenswürdigkeit. Dies zu beobachten machte Michael stets größeren Schmerz, je mehr der Liebreiz seiner Mutter und namentlich ihre anmutige Laune ihn fesselten und er sich der Treulosigkeit an seinem Vater schuldig fühlte.

Er war etwa fünfzehn Jahre alt, als er durch seinen Bruder Raphael, der alles Heimliche und Verbotene auszuspüren wußte, erfuhr, seine Mutter habe in den ersten Jahren ihrer Ehe eine Leidenschaft zu einem anderen Manne gehabt, wodurch denn die Spannung zwischen ihr und ihrem Manne genügend erklärt war. Michael konnte sich schwer vorstellen, daß die schöne, ruhige, selbstzufriedene Frau einmal mit Liebesschmerzen sollte gekämpft haben, vollends erstaunlich und eigentlich empörend aber war es ihm, daß der Gegenstand ihrer Neigung ein kleiner häßlicher Jude namens Arnold Meier war, der als treuer Hausfreund mit seinen frühesten Erinnerungen verknüpft war. Die Malve hatte es so einzurichten gewußt, daß der geliebte Mann ihr wenigstens als Freund erhalten blieb und aus der Härte der Entsagung ein Verhältnis erwuchs, das allmählich dazu beitrug, die Gemütlichkeit des Hauses zu erhöhen; denn auch Waldemar, obwohl er seine in der Verschiedenheit der Naturen und in den Umständen doppelt begründete Abneigung nie überwand, gewöhnte sich mit der Zeit an den unausbleiblichen Besucher, der alle Lücken ausfüllte, alle toten Stellen belebte und die nüchternste Stimmung würzte. Michael indessen hatte ihn, seit er denken konnte, verabscheut, ursprünglich aus keinem anderen Grunde, als weil er seines Vaters Gesinnung fühlte und seine Mutter, wie es ihm schien aus Trotz, den zudringlichen Menschen durch offenes Vertrauen begünstigte. Später unterstützte er seinen Widerwillen auch durch Gründe: Arnolds hin und her fahrende Lebhaftigkeit erschien seinem ruhigen Temperament unmännlich, und seine prahlerische Vielwisserei kam ihm wie ein aus hundert bunten zusammengebettelten Läppchen gefertigtes Kleid vor, das ein gediegener Mann sich zu tragen schämte. Dennoch wurde er immer häufiger in die harmlose Munterkeit, die zwischen Arnold Meier, seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder herrschte, hineingezogen. Gegenstand der Scherze waren nicht selten Geschäftsfreunde seines Vaters, ihm in seiner Kindheit geheiligte Personen, deren Schwächen ihm aber, wie er größer wurde, doch auch nicht verborgen blieben. Waldemars bester Freund war Herr Peter Unkenrode, ein um mehrere Jahre älterer, in der Stadt angestammter Mann, dessen Reichtum den aller anderen Kaufleute, auch der begütertsten, so sehr überstieg, daß ihm eine Art oberhirtlicher Stellung bereitwillig von jedermann eingeräumt wurde. Arnold Meier, der sozialdemokratische Neigungen hatte und nur Geist gelten ließ, machte diesen mit Vorliebe zur Zielscheibe seiner Witze und wurde darin von der Malve unterstützt; denn Geld imponierte ihr nicht, solange sie selbst reichlich davon hatte. Er nannte Peter Unkenrode das goldene Kalb, was besonders dann eine gewisse Berechtigung zu haben schien, wenn man ihn bei öffentlichen Gelegenheiten sich gravitätisch bewegen sah, als trüge er einen massiven Heiligenschein aus purem Golde auf seinem Kopfe mit dem rötlichblonden Haar, den steifen, glänzenden Augen und der glattgespannten Haut. Aus den unzähligen Späßen, die in bezug darauf gemacht wurden, bildete sich ein Kranz von Legenden, wobei für die Eingeweihten der vorzüglichste Reiz darin bestand, daß ihre Bedeutung vor Waldemar verborgen bleiben mußte, da ihn solche Pietätlosigkeit in die bedrohlichste Wut versetzt haben würde.

Als an einem hohen Feiertage für gut befunden wurde, daß die ganze Familie zur Kirche ginge, schilderte Arnold Meier vor dem Aufbruch und selbstverständlich in Abwesenheit des Vaters, wie Prediger und Gemeinde es anstellten, beim Gottesdienste unter den gebräuchlichen Zeremonien doch eigentlich dem goldenen Kalbe die Ehre zu geben, welches das auch wohl wüßte und das verstohlene Verbeugen und Handaufheben, womit es angebetet würde, mit ebenso heimlichem Nicken und Blinzeln annähme. Auch würden, behauptete er, die herkömmlichen Kirchenlieder geschickt um ein unmerkliches abgeändert, wie denn anstatt des bekannten Verses: »Wie groß ist des Allmächtgen Güte, Ist der ein Mensch, den sie nicht rührt« gesungen würde:

Wie groß ist unsres Kalbs Vermögen,

Ist der ein Mensch, den das nicht rührt?

Der frech in feuerfesten Trögen

Den Zins erstickt, der ihm gebührt?

Unterwegs, nachdem sich Arnold Meier verabschiedet hatte, konnten die Malve und Raphael kaum ihre Lachlust unterdrücken, und in der Kirche brachten die listigen Blicke, welche die Malve von Zeit zu Zeit auf Herrn Peter Unkenrode warf, selbst Michael aus der Fassung. Da er vollkommen der Meinung seines Vaters war, daß Ehrbarkeit der Haltung in der Kirche den gebildeten Menschen bezeichne, ärgerte ihn der törichte Schabernack, an dem er sonst von Herzen gern teilgenommen hätte, nicht nur, weil er überhaupt gern lachte, sondern weil er auch nicht umhin konnte, Peter Unkenrode lächerlich zu finden. Die Selbstverständlichkeit, mit der er sich seines Reichtums wegen eine ungemeine Wichtigkeit beimaß, sein salbungsvolles Moralisieren, das im Grunde auf eine Verherrlichung aller Eigenschaften, durch die man zu Wohlstand gelangen, und auf strafende Verwerfung aller, durch die man davon einbüßen kann, herauskam, hätte er so gut wie Arnold Meier verspotten können. Doch hielt er aus Rücksicht auf seinen Vater an sich und machte namentlich nicht mehr gemeine Sache mit jenem, seit er wußte, aus welcher Quelle sich die Freundschaft mit seiner Mutter und die Abneigung des Vaters entwickelt hatte.

Die schmerzliche Entrüstung über seine Mutter indessen hielt nicht lange an, deren unbegreifliche Neigung sie ihm vielmehr merkwürdig und rührend machte. Wie hatte die schöne Frau sich in dies Männchen vergaffen können, dessen Gesicht in lebhafter Bewegung etwas Affenartiges bekam, und an dem höchstens die geistreich blitzenden Augen und die von wohlklingender Stimme getragene Beredsamkeit allenfalls anziehend wirken konnten. Er lebte als Privatgelehrter von einem kleinen ererbten Vermögen, das ihm kein glänzendes Auftreten ermöglichte; auch suchte er durch ungepflegtes Äußere von den Durchschnittsherren der Gesellschaft abzustechen. Malvens Unfolgerichtigkeit nun, mit der sie seine ärmliche Kleidung als künstlerische Nachlässigkeit rühmte, während sie sonst über jede Abweichung von Eleganz und Mode spottete, belustigte Michael. Wie sie sich, ohne es selbst zu wissen, in allen Dingen Arnolds Geschmack und Urteil fügte, in der Einrichtung des Hauses kindliche Versuche machte, seine Ideen über Hauskunst auszuführen, und in den Büchern blätterte, die er empfahl, wenn es freilich auch nur Tändelei blieb, gerade das, was ihn hätte erbittern sollen, weil es seinen Vater erbitterte, machte sie ihm lieber. Er suchte zu vermitteln, wo es anging, ohne daß er den Schein freundlicher Gesinnung für Arnold Meier auf sich zog, von dem er sich nach wie vor mit Abneigung fernhielt. Die dunkle Kraft, die seine Kinderseele an seinen Vater gebunden hatte, klang immer in ihm nach, auch als eigenes Unterscheiden und Wählen ihr das Gegengewicht zu halten begannen, und beherrschte seine Haltung im Leben. Wie er, seinem Geschmack und Wunsch entgegen, sich hatte bestimmen lassen, in seines Vaters Geschäft einzutreten, der seinen Liebling ganz in sein Leben und seine Tätigkeit einzuverleiben strebte, hielt er sich auch bei jeder Meinungsverschiedenheit auf Waldemars Seite, so daß er, selbst wenn er der Gegenpartei beistimmte, seinen Äußerungen doch das Gepräge des Standpunktes gab, den sein Gefühl ein für allemal eingenommen hatte.

Die Malve stützte sich in ähnlicher Weise auf ihren zweiten Sohn Raphael, den sie von Anfang an zärtlicher geliebt hatte als den erstgeborenen, hauptsächlich wohl, weil sie inzwischen um einige Jahre älter geworden und eher geneigt war, sich einmal mit etwas anderem als mit sich selbst zu beschäftigen. Auch war Raphael lebhafter und unterhaltender, als Michael gewesen war, und wußte sich mit immer wechselnden Einfällen und drolligen Launen einzuschmeicheln. Äußerlich glich er seinen Eltern nicht ausgesprochen, doch war er deswegen nicht weniger hübsch; sein lockiges braunes Haar, seine zärtlichen Augen, sein voller Mund mit dem runden Kinn wurden von der Malve überschwenglich gepriesen. Sie bestimmte ihn, da es ausgemacht war, daß Michael Kaufmann würde, zum Künstler, worauf er auch selbst mit raschem Verständnis einging, so daß er schon als Knabe von jedermann wie ein angehender Apollo behandelt wurde, obwohl durchaus nicht einzusehen war, warum. Als Arnold Meiers gelehriger Schüler und mit großer Beweglichkeit des Geistes ausgestattet, lernte er früh Verse machen und über Poesie, Kunst und alles Erdenkliche fließend reden, ja er verriet auch ein hübsches Talent zum Zeichnen und Malen. Was an einem andern gerügt worden wäre, Nachlässigkeiten und Ausschweifungen in der Schule, wurden ihm als aufblühende künstlerische Talente angerechnet und beseligten die Malve, die seine Untaten wie witzige Anekdoten allerliebst wiederzuerzählen wußte.

Als Michael etwa zwanzig Jahre alt war, wurde noch ein Nachkömmling geboren, der den Namen Gabriel erhielt. Es hatte nämlich Arnold Meier den kleinen Michael, der auf den Namen seines Großvaters getauft worden war, scherzweise den Erzengel genannt, was sich erhielt, da sein schönes dunkles Gesicht gut dazu paßte und den Anlaß gab, daß der zweite Sohn den Namen Raphael bekam. Es wurde gleich damals in Aussicht genommen, daß, wenn sich noch ein dritter Erzengel einstellen sollte, er Gabriel heißen müßte, und die Malve malte sich damals gern aus, wie er äußerlich und innerlich beschaffen sein müßte, um zu den beiden anderen zu passen. Da er nun aber kam, als sie längst aufgehört hatte, an ihn zu denken, erregte ihr seine Ankunft weniger Freude als Verdruß, den sie nur, weil sie zu gutartiger Natur war, und besonders weil sie ja nicht nötig hatte, sich um ihn zu bekümmern, nicht an ihm ausließ. Es kam dazu, daß der kleine Gabriel nicht eben häßlich und kränklich, aber doch im Vergleiche zu den älteren Brüdern dürftig war und ein verschlossenes, abstoßendes Wesen hatte, womit man nichts anzufangen wußte. Auch Waldemar, obwohl stets freundlich und liebevoll gegen den Jüngsten, war doch zu schwerfällig geworden, um sich so viel und eingehend mit ihm abzugeben, wie er mit Michael getan hatte, und so blieb der Kleine den Dienstboten überlassen. Nachdem Michael geheiratet hatte, pflegte die Malve zu ihm und seiner Frau zu sagen: »Ihr müßt mir den Gefallen tun, das kleine Zeug für eures auszugeben, denn einer Matrone im weißen Haar, wie ich bin, steht es schlecht an«; wobei sie besonders anmutig lächelte, wohl wissend, daß sie unter den weißen Haaren noch das weiche verführerische Gesicht hatte, dem man nicht böse sein konnte. Verena nahm sich des kleinen Schwagers anfänglich nur aus Pflichtgefühl an, da er aber schon in einem Alter war, wo vernünftiger Einfluß statthaben konnte, entdeckte sie außerordentliche Begabung und Lust zum Erziehungswesen in sich und betätigte dasselbe zum allgemeinen Erstaunen und Vergnügen an dem vernachlässigten Kinde. Da Gabriel zu Kinderspielen keine Lust hatte und am allerwenigsten zu lärmenden Kinderspielen, hielt er sich gänzlich zu Verena und wurde altklug oder, wie die Malve sagte, herzlich unausstehlich. Verena wußte, daß ihre Schwiegermutter sich über ihr erzieherisches Walten belustigte, ließ sich aber dadurch nicht irremachen; denn sie mißbilligte im Innern das nachlässige Gehenlassen, das in Malvens Umkreise herrschte, und fühlte einen heißen Drang, Leben zu bilden; irgendwohin mußte sie die große Schönheit schreiben, die sie als Antlitz ihrer Seele fühlte, und die einmal, wenn der Augenblick gekommen und alles Umhüllende abgeworfen wäre, in die Welt hinausstrahlen sollte.

*

Es war der feurigste Tag im Herbste, als Rose Sarthorn ankam, und im Ungerschen Garten blühten Beete voll Astern und Georginen, gelbe, rote, purpurrote und solche, die fast schwarz waren und nicht glänzten. Die Bäume hingen voll Obst, und auf den Tischen lagen Trauben und gelbe Melonen aus dem Treibhause aufgehäuft. Obwohl sie nicht die prächtige Schönheit der Unger hatte und in einem schlichten schwarzen Kleide einherging, erschien sie doch nicht ungehörig inmitten dieses Überflusses, vielmehr war es so, als bekäme alles durch sie erst seinen eigentlichen Ausdruck. Sie hatte Augen wie ein Zauberbrunnen, in dem das Schöne und Wunderbare der Welt sich spiegeln mußte; aus ihrem ernsten, nicht blassen und nicht roten, gleichmäßig gefärbten Gesicht schauten sie groß und mächtig und sprachen zu allen Wesen und Dingen: Komm zu mir, ich mache dich frei, ich mache dich schön. Das Überraschendste für die, welche sie noch nicht kannten, ereignete sich, wenn sie lachte; denn dann schimmerte plötzlich ihr ganzes Gesicht von seliger Heiterkeit, und sie hatte etwas von einem Kinde, dessen Augen tiefere Dinge träumen, als seine Gedanken wissen. Sie machte auf alle einen angenehmen und bedeutenden Eindruck zu Verenas Genugtuung, die ihr Kommen veranlaßt hatte.

Sie hatte nämlich in einer Zeitschrift von Rose Sarthorn als von einer jungen Malerin gelesen, die sich durch einige Tierbilder ausgezeichnet hätte, aber auch gut porträtierte; hatte sich schriftlich mit ihr in Verbindung gesetzt und sie gebeten, Mario, ihr Söhnchen, zu malen. Wenn das Bild gut ausfiele, hatte sie im Sinn, auch sich selbst malen zu lassen; die Hauptsache war ihr aber überhaupt die Bekanntschaft mit der Künstlerin. Sie war, ehe sie heiratete, mit dem Gedanken umgegangen, Malerin zu werden, hatte aber nie über das Spielerische hinauskommen können, wie es unter ihren weiblichen Bekannten gang und gäbe war, und das sie so sehr verachtete. Sie schrieb das den damaligen Umständen, wie zum Beispiel ihrer durch Familienschranken gedrückten Stimmung, zu und hatte die Absicht, die früheren Studien einmal wiederaufzunehmen, wozu die Anknüpfung mit einer Malerin die Gelegenheit bringen könnte. Wenn diese etwa ein günstiges Urteil über ihre Versuche fällte, würde das sie ermutigen und auf die anderen Eindruck machen; auch konnte sie sich beiläufig nach den Mitteln erkundigen, durch die eine gute, gründliche Technik zu erreichen war. Zunächst hielt sie mit diesen Plänen noch zurück und hörte nur aufmerksam auf alles, was Rose, die freilich nicht viel von sich selbst sprach, in bezug auf ihre Kunst erwähnte. Es verstand sich von selbst, daß Rose hauptsächlich auf Verena und Raphael, als den künstlerischen Teil der Familie, angewiesen war; doch kam es bald so, daß sie sich am eingehendsten mit Michael unterhielt, bei dem sie ein echteres Verständnis für ihre Ansichten und ihr Wesen herauszufühlen schien. Michael hatte bis dahin die Überzeugung gehabt, Frauen, die einen Beruf ausübten, müßten etwas Lächerliches oder Abstoßendes an sich haben, und hatte Verena mit ihrer sonderbaren Laune, sich mit der unbekannten Malerin einzulassen, geneckt; doch gestand er willig ein, daß er unrecht gehabt hatte, und er erklärte sich gespannt, sein Kind von ihr gemalt zu sehen. Indessen fand Rose, Mario sei noch allzu klein, und machte den Vorschlag, im Frühjahr wiederzukommen, wenn er ein Jahr alt sein und sein Gesicht sich etwas mehr geformt haben würde. Die ihr herzlich angetragene Gastfreundschaft nahm sie für einige Tage an und beobachtete während derselben das Kind aufmerksam; es habe, sagte sie, ein kaum wahrnehmbares Schielen, eigentlich nur eine kleine Unsicherheit im Blick, und darin läge die Anziehungskraft, die es ausübe; wenn es ein Mädchen wäre, könnte es eine gefährliche Männerverderberin werden.

Ihr scharfer Blick für die körperlichen Formen und die Sicherheit, mit der sie daraus Schlüsse auf das Innere zog, war allen neu und merkwürdig, wenn sie es auch, Michael und Verena ausgenommen, mehr als unterhaltende Plauderei auffaßten; Michael erschien sie zuweilen wie eine fremde Richterin, die ihn und die Seinigen bis in die Eingeweide erkannte, und eine Unruhe ergriff ihn dann, wie die Menschen, die ihm so nahe verbunden waren, vor ihr bestehen möchten. Doch äußerte sie sich über alle mit lebhafter Freude und Bewunderung, wie sie überhaupt das Häßliche oder Störende weniger übersah, als daß es für sie nicht vorhanden zu sein schien.

»Ihre Mutter«, sagte sie einmal zu Michael, »ist eine wunderschöne Frau, die einen lächeln macht fast wie ein Kind: trotzdem möchte ich, wenn ich sie malte, ein Bild zum Weinen aus ihr machen. Sie sieht aus, als sänne sie im tiefsten Innern über ein trauriges Rätsel, das sie sich zu lösen fürchtete und im Grunde doch schon gelöst hätte; dieser Zug ist verborgen, aber das allerschönste an ihr.« Von Verena sprach sie als der seltensten Erscheinung, die sie gesehen hätte; gerade das Mißverhältnis zwischen der hohen, überaus edlen Stirn, den stolzen Augen, der schönen strengen Nase und einer krankhaften Müdigkeit, ja Grämlichkeit, die sich von ihren Wangen herab um Kinn und Mund zog, hatte etwas Reizendes; die Gestalt wie ein Halm, die übermäßige Schlankheit ihrer Glieder, die keineswegs mager waren, ließen sie unter hundert Frauen als die vornehmste erscheinen. Oft kam Rose auf das Fremdartige zurück, das sie hätte, und suchte, worin es läge; sie sähe nicht eben wie ein Geist, aber doch auch nicht ganz wie ein Mensch aus, oder vielleicht wie einer, der zu lange im Mondschein geschlafen hätte. Trotz dieser offenbaren Teilnahme sprach sie nie den Wunsch aus, Verena zu malen, was diese ihr geflissentlich nahelegte.

Als Rose fort war, erschien es allen öder als vorher im Hause zu sein: sie war zwar nicht besonders lebhaft oder gesprächig gewesen, aber ihr Wesen hatte sich wie Goldgrund um die Bilder des alltäglichen Lebens ergossen, und sie hatten sich selbst tiefer gewertet und dadurch gehoben gefühlt. Mehr als alle beschäftigte sich Verena innerlich mit ihr. Sie hatte es aufgegeben, Rose ihre Malstudien zu zeigen, weil sie ihr jetzt ganz unbedeutend erschienen und sie es doch nicht ertragen hätte, etwas anderes als Lob und Bewunderung zu hören, besonders von jemandem, dem das Recht, zu urteilen, nicht abgesprochen werden konnte. Insgeheim beneidete und bewunderte sie Rose um die Unabhängigkeit und Kraft ihres Lebens; oft hatte sie die Frage auf den Lippen gehabt: Liebtest du denn niemals? Wie hast du die furchtbare Gottheit beschwichtigt, daß sie dir Freiheit, zu wirken und zu schaffen, ließ? Aber es fehlte ihr der Mut, sie auszusprechen, wenn die stillen, unschuldig wissenden Augen auf ihr ruhten. Fast hätte sie zürnen mögen wegen des Eindruckes, den sie machte: anstatt dessen empfand sie den heftigen Wunsch, von ihr geliebt zu sein, und sogar eine leise Sehnsucht, sie zu lieben.

Es waren schon kalte Tage gewesen, und die Beete, wo Astern und Georginen geblüht hatten, waren dicht mit feuchten dunkelbraunen Blättern zugedeckt, doch lockte eine warme Mittagsonne noch zuweilen in den Garten. Einmal, als Michael und Verena auf der Freitreppe standen und durch die kahlen Äste der Pappeln auf die Kirchtürme und Dächer der Stadt blickten, fragte Verena plötzlich: »Hast du nie für Rose ein wärmeres Gefühl gehabt, als du haben durftest?« Michael sagte lächelnd mit offenem Blick: »Nein, niemals; so wenig, daß ich nicht begreife, wie mein Benehmen zu dieser Vermutung sollte Anlaß gegeben haben.« Verena schritt langsam in den Garten hinunter, daß ihr schleppendes Kleid auf den Treppenstufen rauschte, und schauerte unter der kühlen Sonne. »Dein Benehmen war so gut und aufrichtig wie immer«, sagte sie, »und doch habe ich denken müssen, die hätte dich glücklich gemacht.«

»Das mag wohl sein«, sagte Michael, »aber ich bin nicht der romantische, abenteuerliche Held, wie du mich zu träumen liebst, sondern bin meiner Frau zugetan und anderen Frauen nur so weit, wie es sich mit den Ansprüchen der anspruchsvollen verträgt.« Sie schlürfte seine Worte mit Leidenschaft, wie einen starken Trank, und rief mit rascher Wärme: »Ich, ich möchte wie sie sein, ja, das möchte ich, selbst um den Preis, daß ich dich dann nie gesehen hätte. Sie ruht in sich selber und faßt die ganze Welt in ihre bildende Seele. Sie ist reich und bedarf der Götter und Menschen nicht. Was mit stillem Atem ihr Herz ernährt, reißt mich mit unbekannten Trieben und widerspruchsvollen Wünschen zerstörend auseinander. Ich verschwende mich in nutzlosen Qualen und behalte nicht Kraft, weder zu schaffen noch zu dulden, noch zu genießen. Aber vielleicht verdiene ich gerade deshalb deine Liebe mehr als jede andere, weil ich ihrer am meisten bedürftig bin, und weil meine Schwäche dich heben und bereichern soll.« Sie stand und erwartete die Beteuerung seiner Liebe, die er ihr auch in diesem Augenblick aus innigstem Gefühl heraus darbrachte. Noch niemals hatte sie sich so weit über sich selbst ausgelassen, und er wußte, wieviel es ihren Stolz gekostet hatte. Ihr schmales, durchsichtiges Gesicht war gerötet, und in ihren Augen tanzte die Glut; so hatte er ihre Persönlichkeit empfunden, als er sich in sie verliebte. Das schwache Zucken der Aufregung um ihren Mund, das ihm zuweilen häßlich vorkam, rührte ihn jetzt, und er drückte warme Küsse darauf, die sie bald wieder abwehrte. »Weißt du«, sagte sie lachend, »wenn Rose dich glücklicher machen würde als ich, ist es doch nur, weil sie dich weniger lieben würde.«

Der Winter, der nun kam, verging schnell und angenehm; Michael litt nicht mehr unter dem Drucke, der ihm eine Zeitlang das Leben schwer gemacht hatte, und wie er fröhlicher und herzlicher war, war Verena weicher und zufriedener.

»Wenn ich deine Liebe habe«, sagte sie einmal, »schweigt mein Ehrgeiz still, ja ich freue mich, nichts zu sein, wenn ich mich mit dir vergleiche, und dein Übergewicht wird meiner Liebe zum Sporn. Aber wenn du mich nicht liebtest! Es sind Dämonen in meiner Brust, die ich loslassen könnte, damit sie sich an dir versuchten.« Sie verband aber keine ernstliche Bedeutung mit solchen hingeworfenen Drohworten, vollends daß sich jemals etwas wie Eifersucht in ihr geregt hatte, ärgerte sie, und sie bestritt es sich selbst, da sie sich gleichsam dadurch herabgewürdigt zu haben glaubte. Wenn die anderen sich auf Roses Kommen im Frühling freuten, stimmte sie ein, aber es lag dann in ihrer Art, sich zu äußern, ein Wohlwollen fast wie einer Herrin, die von ihrer hübschen Magd spricht, deren Reize in einem unscheinbaren Kreise glänzen.

Dies verlor sich indessen, sowie Rose kam, vor der stillen Macht und Überlegenheit ihrer Persönlichkeit. Es schien allen, als gehörte sie zur Familie, und sie besannen sich darauf, wie sie während des Winters gefehlt hatte. Am Tage nach ihrer Ankunft wurde ein festliches Abendessen veranstaltet, wozu zwar kein Fremder geladen war, aber doch Blumenschmuck und die feinsten und schönsten Geräte herbeigeschafft wurden, um der frohen Stimmung Ausdruck zu geben. Rose erschien viel heiterer als im Herbst und lachte häufiger und herzlicher, wodurch sich Raphael gelockt fühlte, das ganze Feuerwerk seiner bunten Späße zu entzünden. Sie sprach von einem Bilde, das sie zu malen vorhätte, welches das goldene Zeitalter vorstellen solle in der Art, daß sich allerhand wilde Tiere friedlich um ein Kind sammelten. Zu diesem Zwecke hatte sie Studien in einer fahrenden Menagerie gemacht, was Raphael tadelte, da ein genialer Künstler nicht malen müsse, was er gesehen hätte und was es wirklich gäbe, sondern die Fabelgestalten seiner zaubernden Phantasie. Beispielsweise entwarf er mit dem Bleistift allerlei drollige Wundertiere, so flink, nett und übermütig gezeichnet, daß Rose nicht nur ihr Vergnügen, sondern auch lebhafte Anerkennung äußerte. Raphaels gute Laune und seine Billigung ihrer Person nahm infolgedessen zu, vollends aber dadurch, daß sie auf seine Frage, ob sie nicht auch ein Kalb auf dem Bilde anbringen könnte, da er ein Modell von vollkommener Schönheit wüßte, mit schnellem Verständnis, daß es sich um einen Menschen handelte, einging, wodurch denn eine neue Quelle für Scherz und Gelächter eröffnet war.

Für Michael blieb wenig Raum, sich Rose zu nähern, doch empfand er ihre Gegenwart mit ruhigem Wohlgefallen, das durch nichts gestört wurde. Spät am Abend, als er am offenen Fenster des Schlafzimmers stand, sah er Rose, die er schon im Bett vermutet hatte, auf der Freitreppe stehen, die Arme gegen den Mond gereckt, dessen fast vollendetes Rund zwischen den erst spärlich belaubten Bäumen ganz sichtbar war. Überrascht sah er die kindlich kräftige und sanfte Seitenlinie ihres zum Himmel erhobenen Gesichtes, ihren festen schlanken Hals und ihre schönen Hände, die im gelben Licht leuchteten, und er konnte sich nicht enthalten, leise zu fragen: »Sind Sie Nachtwandlerin oder beten Sie?« Sie ließ die Arme fallen, drehte sich langsam nach ihm um und sagte: »Ich bete«; und da er sie noch immer fragend ansah, fuhr sie fort: »Ich bete: Mond, bleicher Engel, schütze mich vor Tränen!«, worauf Michael vom Fenster zurücktrat, um Verena, die sich schon niedergelegt hatte, auf ihre Frage, mit wem er spreche, Bescheid zu geben.

Da der folgende Tag ein Sonntag war, sagte Michael mit Bezug auf das gestrige Erlebnis scherzend zu Rose, sie ginge wohl nie zur Kirche, da sie ihre eigenen Götter habe. Allerdings, sagte sie, wäre sie nur als Kind einige Male zur Kirche gegangen, wovon sie keine deutliche Erinnerung hätte, auch hätte sie nie das Bedürfnis, zu beten, außer daß sie den Mond anriefe, wie er schon wisse, und wenn es irgendwo besonders schön wäre, niederkniete und betete: Mutter Erde, segne dein Kind! Es lag darin vieles, was Michael ganz neu war, und doch berührte es ihn nicht wie etwas Fremdes, vor allen Dingen aber empfand er, daß es Rose natürlich war und daß sie nicht anders hätte sein können. Es verursachte ihm gleichsam eine stolze Freude, daß er sie kannte und daß sie ihm gut gefiel, und er brachte den ganzen Tag in froher Bewegung zu. Am Abend bemächtigte sich seiner plötzlich eine tiefe Verstimmung. Verena fragte Rose, ob sie zu dem Friedenskinde auf dem Bilde, das sie plante, Marios Bild, an dem sie jetzt malte, benützen könnte, und Rose entgegnete, Mario, so reizvoll er wäre, entspräche nicht dem, was sie vorhätte, sie hätte auch schon einen kleinen Jungen im Sinne, den sie eingehend schilderte, ein Dorfkind, das sie im Sommer, den sie stets auf dem Lande zubrächte, malen wollte. Während die anderen Rose fragten, wie sie es auf dem Lande aushielte, wo jede Anregung fehlt, und Rose erstaunt erwiderte, sie hätte überall ungefähr gleichviel Anregung gefunden, auf dem Lande aber die reinste und fruchtbarste, und die anderen sich das nicht erklären konnten, verweilte Michael in Gedanken bei dem Kinde, das sie in begeisterten Ausdrücken beschrieben hatte, und eine Unruhe, die ihm selbst unerklärlich und peinlich war, bemächtigte sich seiner mehr und mehr. Es fiel ihm ein, daß es auch ihr eigenes Kind sein könnte, wenn wahr wäre, was man zuweilen über die Lebensweise von Künstlerinnen hörte, und wenn er den Gedanken auch gleich wieder verwarf, blieb doch etwas Bitteres in ihm zurück, das ihn störte und aufregte. Und als ob dadurch auf einmal alles Törichte und Verderbliche in ihm geweckt wäre, war ihm nun Raphaels harmloses Geplänkel mit ihr unerträglich, ebenso sehr, weil es ihm schien, sie ließe sich dabei im Grunde zu ihm herab, wie weil er es natürlich fand, daß der hübsche, talentvolle junge Mann ihr gefiele. Er stand, da ohnehin das Essen vorüber war, von seinem Platze auf und blätterte in Büchern auf einem Tische; als indessen seine Mutter, der seine Schweigsamkeit aufgefallen war, bemerkte, er sähe aus wie der Engel mit dem feurigen Schwert, der die Menschen aus dem Paradiese vertrieb, ging er kurzweg aus dem Zimmer und entschuldigte sich damit, daß er noch zu arbeiten hätte. Verena, die ihm nachgehen wollte, wies er mit einem zornigen Blick zurück, der sie in der Tat hätte erschrecken können; doch blieb sie nicht aus Furcht, sondern weil sie sich beleidigt fühlte, bei den übrigen.

Michael ging schnell bis an das Ende des Gartens, wo beträchtlich tiefer als dieser ein Arm des Flusses, an dem die Stadt liegt, vorüberging. Der Kinder wegen war der Garten oben durch einen hölzernen Zaun abgeschlossen, doch konnte man durch eine Tür bis zum Flusse hinuntersteigen. Er war seit seiner Kindheit, wo die Gefahr und das Verbotene lockte, nicht dort unten gewesen, weil die Luft stockend und moderig war und der träge fließende Fluß, der stets allerlei Unrat mitschleppte, halb traurig, halb widerlich anzusehen war. Die Tür, noch durch aufgehäufte welke Blätter gehemmt, wollte sich kaum öffnen lassen.

Er fragte sich beängstigt, warum er denn hierhergekommen sei, und wußte es selbst nicht zu sagen; es mochte ein dunkler Trieb gewesen sein, sich möglichst sicher zu verbergen. Auf der halben Höhe des Abhanges blieb er, an einen Baum gelehnt, stehen und starrte in das schwarze Wasser, denn das Land fiel zu steil hinein, als daß man am Ufer hätte stehen können. Etwas Fürchterliches engte ihm die Brust ein, von dem er mit Grauen fühlte, daß es inwendig in ihm war und die Seele seiner Seele anrühren und erwürgen konnte. Was war es? Gedanken und Bilder flogen so an ihm vorüber, daß er keiner deutlichen Vorstellung habhaft werden konnte.

Auf einmal war es ihm, als ob das hohe prächtige Haus, das von dort aus, wo er stand, nicht zu sehen war, in Wirklichkeit versunken und verschwunden wäre, zerronnen wie ein Luftschloß, und als ob nun hier an dem trüben Fluß, unter dem tiefen Himmel und zwischen den mageren Bäumen die Welt wäre. Sein Vater, seine Mutter, seine Brüder, sein Kind sogar waren zufällige und nichtige Nebelbilder, er nur hatte schauderndes Dasein. Ja, hatte er in Wahrheit etwas gekannt und gelebt außer der schmutzigen Tiefe, über der er hing, und war nicht alles andere nur Traum und Erinnerung gewesen? Diese Einbildung, denn er fühlte, daß es eine solche war, hatte etwas so Gräßliches, daß er die Arme bewegte, wie um sie herunterzustürzen und ihr zu entrinnen. Gleichzeitig aber schien es ihm, als wäre doch etwas Lebendiges bei ihm: ein paar stille tröstende Götteraugen, die ihn ansahen. Er wußte, daß es Rose war, und eine große Sehnsucht überkam ihn, mit ihr in dieser Frühlingsdunkelheit allein zu sein. Er schloß die Augen und ließ sich langsam in einem unnennbaren Gefühl von Furcht und Wonne untergehen, bis er plötzlich Stimmen unterschied, die ihn vom Hause her riefen.

Indem er erschrocken das Fremde und Schreckliche, das ihn dort unten gebannt hatte, abschüttelte, eilte er so schnell wie möglich in den vorderen Garten und sagte den Entgegenkommenden, er hätte starke Kopfschmerzen gehabt und wäre deshalb hinausgegangen, fühlte sich aber infolge der Abendluft wieder wohler.

Die Nacht durch schlief er fest und tief und war am andern Morgen froh, sich klaren Blickes und Denkens bewußt zu sein. Zwar stellte er fest, daß er Rose Sarthorn überaus anziehend fand und sie lieben würde, wenn er frei wäre; da er es aber nicht war, wollte und konnte er sich daran genügen lassen, sich ihr freundschaftlich anzuschließen. Etwas anderes, urteilte er, sei in ihm vorgegangen, etwas, was im Grunde weit wichtiger wäre und ihn mit einer herrlichen Unruhe erfüllte; er fühlte sich verändert und gewachsen. Ja, jetzt waren Schleier vor seinen Augen zerrissen, jetzt erst löste sich das Traumgewölk der Kindheit ganz, das ihn so lange getragen hatte, und die Pfade der Erde lagen vor seinen Füßen. Er sah jetzt, daß der Kreis, in den er hineingeboren war, nicht die Welt, nicht das Schicksal, sondern etwas Zufälliges und Unvollkommenes war, und daß jenseits erst das Leben mit seinen Höhen und seinen Wundern begann, das Gefilde sich breitete, wo Seelen sich entfalten und reifen.

In dem Bestreben, kühl und klar zu bleiben, denn er hielt es für das erste Erfordernis, sich nicht von den Ereignissen hinreißen zu lassen, legte er sich die Frage vor, warum denn diese Wandlung gerade jetzt eingetreten sei, verwies sie sich aber gleich darauf als töricht; denn einmal müsse das Samenkorn platzen und die Knospe aufbrechen, und ebenso genüge für die Menschenseele, wenn sie weit genug gediehen sei, ein Sonnenstrahl, ein gehörtes oder gelesenes Wort, irgendeine geistige Begegnung, an sich vielleicht nicht bedeutend, um das Bewußtsein des neuen Zustandes zu wecken. Es entging Verena nicht, daß Michael anders war als früher, anders blickte, anders ging und anders sprach; als sie ihn darauf anredete, lachte er und sagte rasch: »Ein Reif ist gesprungen.« Da er aber sah, daß sie ihn aufmerksam und mißtrauisch betrachtete, küßte er sie und sagte herzlich: »Du mußt nichts fürchten, es bedeutet nur Gutes.«

Je häufiger er nun mit Rose zusammenkam und je lieber sie ihm wurde, desto glücklicher und seiner selbst sicherer fühlte er sich, dachte auch nicht daran, aus seiner Zuneigung ein Hehl zu machen. Doch war sein Wesen auffallender, als er selbst glaubte, und würde mehr befremdet haben, wenn nicht die Aufmerksamkeit durch etwas anderes abgelenkt worden wäre: es fand nämlich in dieser Zeit ein Wohltätigkeits-Basar statt, und bei solchen Gelegenheiten pflegten die weiblichen Angehörigen der Ungerschen Familie an der Spitze zu stehen.

Es war seitdem von nichts anderem die Rede mehr; in den Sitzungen, die den Basar leiteten, wurde zunächst die Form, in der er sich darstellen sollte, beratschlagt, ob die Verkäuferinnen in Volkstracht, als Blumen oder als was sonst erscheinen sollten, und Malve und Verena bespöttelten die Vorschläge der übrigen Damen als einfältig und abgedroschen. Malvens Einfall, der Basar sollte unter dem Zeichen der weißen Farbe stehen, fand schließlich Anklang und gab den Ausschlag. Als Waldemar eines Morgens in der Zeitung las, eine sowohl durch Geist wie durch Schönheit bekannte Dame der hiesigen Gesellschaft hätte den zündenden Gedanken gehabt, den diesjährigen Wohltätigkeits-Basar zu einem Farbengemälde eigenster Art zu gestalten, indem sowohl die verkaufenden Damen wie die Waren in allen Schattierungen des Weißen erscheinen sollten, wurde er durch diese öffentliche Anerkennung seiner Frau in beste Laune versetzt und stellte ihr so viel Geld, wie sie wolle, zur Verfügung, damit sie anständig und ihrer Stellung gemäß auftreten könne.

Die Malve war übrigens zu bequem und zu gleichgültig, um sich bei der Einrichtung des Basars im einzelnen noch weiter einzulassen; dies war vielmehr das Feld, wo Verena vorzüglich glänzte. Obschon sie sich über die Wichtigkeit lustig machte, mit der die Damen den Basar, als wäre er ein Feldzug oder eine Nordpolfahrt, behandelten, nahm sie selbst ihn doch ebenso ernst wie alle und hatte dazu noch den Ehrgeiz, alles zu beherrschen.

Sie erreichte das auch in solchem Grade, daß das Haus von Damen und Herren gestürmt wurde, die ihren Rat und ihre Befehle, die Anordnung und Kleidung betreffend, entgegennahmen. Sogar Waldemar, obschon er über das Frauenwerk schalt und lachte, verriet einen gewissen Anteil, wie denn überhaupt die Sorge für das Getränk ganz den Herren übertragen wurde. Malve war unerschöpflich, mit anmutigem Witz von den Sitzungen zu erzählen, an denen sie, aber ohne sich einzumischen, teilnahm, worüber Verena ihre Empfindlichkeit oft kaum zurückhalten konnte; denn sie wirtschaftete nunmehr mit Ernst und Heftigkeit, da sie ja, wie sie sagte, die Verantwortung trüge, daß keine Dummheiten gemacht würden. Allerdings zeigte sie auch viel Geschick und Geschmack sowohl im Entwerfen von Kostümen und Dekorationen, wie im Dichten von Versen, die in die Schachteln und Umhüllungen des Zuckerwerks eingelegt wurden. In allem diesem wurde sie von Raphael unterstützt, während Rose, die dem ganzen Treiben mit höchster Verwunderung zusah, beschämt eingestand, daß sie zu solchen Dingen nicht zu gebrauchen sei. Gerade das hob Verenas Selbstgefühl und gute Laune, und sie bemerkte gelegentlich, es zeige sich wieder, daß die Künstler von Beruf an Fleiß und Tüchtigkeit wohl andere Menschen überragen möchten, daß ihnen aber meistens die geniale Hand fehlte, die im gegebenen Augenblicke ohne viel Besinnen aus unscheinbaren Mitteln etwas Reizendes hervorzaubere.

Das einzige Verdienst hatte Rose, einen glücklichen Einfall für die Verkleidung von Malve und Verena zu haben; daß nämlich diese die Schneekönigin und Malve das Alter vorstellen sollte. Zur allgemeinen Überraschung war die Malve sogleich auf den Vorschlag eingegangen, zum Teil, weil sie Verständnis für die Gedanken hatte, die Rose über die Schönheit des Alters äußerte, zum Teil aber in der Überzeugung, die dauernde Blüte ihrer Jugend würde in solcher Fassung um so überzeugender leuchten.

Da darauf bestanden wurde, daß Rose mitging, schnitt sie sich im letzten Augenblick aus einem billigen, stumpfweißen Stoffe ein hemdartig wallendes Gewand zurecht – denn es dürfe weder Zeit noch Geld kosten, sagte sie – und sah darin feierlich und lieblich aus, wenn sie auch inmitten der Pracht und Frauenschönheit verschwand. Michael schien sie die einzig Lebende unter lauter Drehpuppen zu sein, wie sie in Schaufenstern von Haarkünstlern oder Schneidern die Blicke anziehen. Er mußte sich Zwang antun, um mit den Damen seiner Bekanntschaft in den gewöhnlichen liebenswürdigen Formen zu verkehren, ja seine eigene Frau und seine Mutter hatten etwas Fremdes und beinahe Abstoßendes für ihn. Immer mußte er denken, wie falsch, kleinlich und lächerlich Rose der künstliche Feenzauber vorkäme; doch auf seine Frage, ob sie sich langweile, schien sie ehrlich erstaunt und behauptete, daß sie sich im Gegenteil herrlich unterhalte und viel Schönes an Licht- und Farbenwirkungen, Gesichtern und Gestalten sehe. Etwas enttäuscht äußerte sie sich über die Malve; denn sie sähe nach nichts anderem als nach einer stattlichen, noch immer schönen älteren Dame aus, während sie ihrer Meinung nach eine hehre, stille, tragische Erscheinung hätte werden sollen. »Es wäre besser gewesen, wenn sie sich von mir hätte anziehen lassen«, sagte sie bedauernd; »und wenn sie überhaupt anders wäre!« setzte Michael lachend hinzu. Rose errötete und sah ihn ein wenig unwillig an. »Ihre Mutter«, sagte sie, »war vielleicht weiser als ich, indem sie sich dem Stil angeschlossen hat, der hier nun einmal der herrschende ist.« Durchwegs bewundern müsse man aber Verena, deren Erscheinung vollkommen in den Rahmen des Bildes passe, da sie in keinem Zuge die reiche Dame verleugne und doch wiederum die Schneekönigin so glänzend verkörpere, daß ein Kind sie bei Namen nennen könne. »In ihren Augen«, sagte sie, »brennt die Sonne des Nordens, aber man fühlt, daß sie selber an dieser Glut nie warm werden und nie schmelzen kann.« Michael antwortete nicht darauf, und Rose bereute plötzlich, daß sie diese Bemerkung gemacht hatte, ohne sich selbst recht klarwerden zu können, warum.

Verena vermißte ihren Mann nicht, so sehr war sie von Bewunderern umringt, die ihr als Veranstalterin, Malerin und Dichterin huldigen wollten. Auch hatte sie noch fortwährend aufzumerken, daß alles seinen rechten Gang ginge, und kam ihren Verpflichtungen mit einer Umsicht und Geistesgegenwart nach, welche die beteiligten Herren stets zu neuen schmeichelhaften Versicherungen anfeuerte. Häufig sah man auch Peter Unkenrode an ihrem Zelte, der wie ein Fürst ab und zu ging, bestrebt, den Strom seines Goldes gerecht zu verteilen und kein Fleckchen zu überschwemmen, keines ganz verschmachten zu lassen. Dennoch war nicht zu verkennen, daß er Verena auszeichnete, die darüber zugleich lächelte und triumphierte, je nachdem Arnold Meier oder ein anderer sie damit neckte.

Arnold Meier pflegte bei solchen Anlässen nie zu fehlen, regte durch lustige Einfälle an und füllte namentlich die Pausen, die von Zeit zu Zeit zum Essen und Trinken gemacht wurden, mit witzigen Reden aus. Während an kleinen Tischen gefrühstückt wurde, die nahe genug beieinander standen, daß die Unterhaltung von einem zum anderen gehen konnte, schlug er an sein Glas, um eine Rede auf das goldene Kalb zu halten, und begann etwa folgendermaßen: »Ich bitte die verehrten Anwesenden um Erlaubnis, das Wohl eines trefflichen und nützlichen Tieres auszubringen, das wir alle kennen und schätzen, ja insgeheim mehr oder weniger anbeten; denn das Kalb, an das ich denke, ist nicht das gemeine, von der Kuh geworfene, im Stalle geborene, vom Metzger geschlachtete, sondern das goldene Kalb, das die Bewohner Palästinas Mammon nannten. Werden Sie mir in pietätvoller Erinnerung, daß Jehova, der ein eifriger Gott war, sich die Vergötterung dieses beliebten Tieres verbat, die Erlaubnis verweigern? Ein anderes Mal, verehrte Freunde, würde ich mich dieser löblichen Gewissenhaftigkeit fügen, aber heute, heute lassen Sie uns unseren schönen Götzen öffentlich rühmen und unser Fest seiner Gnade empfehlen. Wenn er nicht über uns thronte in seiner goldenen Fülle, wenn sein breites, triefendes Maul uns nicht lächelte, was hülfen uns unsere Schönen und selbst ihr Genie und ihre Talente? Ja, gestehen wir es, das goldene Kalb ist eine brauchbare Bestie, gemästet an Leib und Seele, glatt und feist von Gliedern, mit Recht hoffärtig, und Jehova hatte Ursache, eifersüchtig zu sein. In seinem runden Bauch, der glänzt wie ein Spiegel, sehen wir unser Bild dick, breit und zufrieden, so wie wir sein wollen und sollen. Wir haben ihm trotz seiner Schönheit noch kein Standbild auf unserem Markte errichtet, gönnen wir ihm ein Heiligtümchen in einem schattigen Winkel unseres Herzens. Bringen wir ihm einige Tropfen des edlen Weines, den wir durch seine Gnade genießen und der uns so unentbehrlich ist, wenn wir fröhlich und witzig sein möchten.«

So erging er sich eine gute Weile, funkelnd vor Spott und Vergnügen, durch Gelächter und Beifallsklatschen häufig unterbrochen. Die größte Genugtuung für ihn und die Eingeweihten war, daß Peter Unkenrode, der am nächsten Tische saß, wohlwollend glänzte und lachte und, obwohl er im allgemeinen kein Freund Arnold Meiers war, die feineren Wendungen durch ein kurzes billigendes Wort hervorhob. Am Abend indessen, als nach Beschluß des Verkaufes ein Gelage gefeiert wurde, bei dem es laut und üppig zuging, führte seine bittersüße Laune einen verdrießlichen Ausgang herbei.

Ohne Anlaß stellte er plötzlich an Malve die Frage, ob sie wisse, zugunsten welcher Notleidenden der Basar eigentlich unternommen sei; worauf sie sich erstaunt im Kreise umsah und lächelnd, als ob es sich um die fremdeste und gleichgültigste Sache handelte, sagte: »Nein, wie sollte ich das wissen? Es ist niemals davon die Rede gewesen.« Alle lachten, am meisten Waldemar, der immer lustiger und zugänglicher war, wenn er eine Flasche guten Weines getrunken hatte, und den die Weltunerfahrenheit und das kindliche In-den-Tag-Hineinleben seiner Frau stets von neuem entzückte. Auch Arnold Meier lachte, nahm dann aber mit einem gewissen Nachdruck das Wort und sagte:

»Dieselbe Antwort hätte ich vielleicht von mehreren schönen Lippen erhalten, wenn ich in die Runde fragte; um aber etwaige Verlegenheiten zu ersparen und weil ich glaube, daß es Sie höchlichst interessiert, will ich Ihnen mitteilen, daß der Ertrag des Basars für die Arbeitslosen bestimmt ist, deren Elend diesen verflossenen Winter über die Augen ihrer Mitchristen auf sie gelenkt hat. Aus den Münzen, die galante Herren hier den Grazien opfern, wird eine angenehme Halle erbaut werden, wobei diejenigen, welche nichts Besseres zu tun haben, beschäftigt werden und wo sich außerdem diejenigen ein wenig erwärmen und vielleicht auch sättigen können, die zu Hause keine Gelegenheit dazu haben. Um Sie noch eingehender über den Hintergrund des Weißen Basars zu unterrichten, will ich Ihnen ausmalen, wie es in dieser Stunde bei denjenigen aussieht, denen Sie das Opfer dieses Festes mit so viel Arbeit des Geistes und des Körpers bringen. Mann und Frau und Kinder werden sich in ihre Lumpen hüllen, denn sie wissen, daß im Frühling die Nächte noch kalt sind, und das jüngste Kind wird in durchnäßten Windeln zittern. Auf dem wackeligen Tisch wird ein Teller voll Kartoffeln stehen, und der Säugling wird mit einer spülichtfarbenen Suppe ernährt, in der einige Brocken Brot schwimmen. Vielleicht wird eine zerbrochene Petroleumlampe brennen oder die ganze Familie kriecht im Dunkeln in das eine strohgefüllte Bett zusammen. Sie können sich vorstellen, welch eine Erbauung und welch ein Trost es für diese Elenden bedeutet, zu wissen, daß edle Menschenfreunde zu ihrem Wohle in glänzend geschmückten Sälen zusammenkommen und überflüssige Dinge kaufen und verkaufen, daß sie, um ihnen wohlzutun, Hummersalat, Spickaal und Austern essen, um ihnen wohlzutun, Champagner trinken, daß insbesondere die edlen Frauen, um ihnen wohlzutun, ihren vollen Hals und ihre weißen Arme enthüllen, damit die geblendeten Männer um so lieber den Beutel ziehen und leeren.«

Es waren während der ganzen Rede abwehrende Bewegungen gemacht und warnende Ausrufe laut geworden: bei den letzten Worten stand Waldemar, der seinen Zorn bis dahin unterdrückt hatte, mit Geräusch auf und rief: »Genug, wir sind hier in keiner französischen Komödie!«, worauf sich auch einige andere Herren von den Stühlen erhoben. Malve fand diesen heftigen Ausdruck ihres Mannes weit lächerlicher und unanständiger als Arnold Meiers Rede und tauschte mit Raphael einen Blick des Einverständnisses darüber aus. Um den störenden Eindruck soviel wie möglich zu verwischen, sagte sie zu Arnold Meier, der während des Sprechens die scharfen, blitzenden Augen unausgesetzt auf sie gerichtet hatte, weniger unfreundlich als kindlich schmollend: »Wollten Sie mich wieder einmal erziehen, lieber Arnold? Bin ich Ihnen selbst heute nicht alt genug, daß Sie die Hoffnung aufgeben, etwas zu erreichen?« Der Scherz wurde bereitwillig belacht, und während sich hier und da wieder Gespräche anknüpften, fügte die Malve langsam hinzu: »Ich fühle mich auch nicht einmal getroffen, denn das herzlose Weib, als das Sie mich malen möchten, bin ich nicht; nur ein oberflächliches Weltkind bin ich, und das werde ich wohl auch bleiben, denn etwas anderes aus mir zu machen, ist es zu spät.« Sie sagte es in einer Weise, daß kein Zweifel blieb, daß sie zufrieden war mit der Rolle, die sie im Leben spielte, dennoch lag eine leise, feuchte Wehmut in dem Blick, mit dem sie träumend ins Weite sah.

Inzwischen war auch Verena aufgestanden und sagte mit klarer Stimme: »Ich finde, daß Herr Arnold Meier mit dem, was er uns zu verstehen geben wollte, recht hat. Das weiße Fest hat einen toten, kalten, harten Klang, und man sieht ihm an, daß es von gedankenlosen Egoisten angeordnet ist. Da wir es nun aber einmal unternommen haben, können wir nichts Besseres tun, als es mit möglichst großem Erfolge zu Ende zu bringen. Zu diesem Zwecke will ich, so viel an mir ist, sogleich den Anfang machen und mit den übrigen Mitgliedern des Vorstandes, die den Auftrag haben, abrechnen und die nötigen Einrichtungen für morgen treffen.« Sie reichte Arnold Meier ihre Hand, der sie küßte und ihr dann den Arm bot, um sie in den Geschäftsraum zu führen.

Rose hatte während dieses Vorganges unwillkürlich hilfesuchend auf Michael geblickt, der, sowie sein Vater aufgesprungen war, den Arm in den seinigen gelegt hatte und, um ihn zu beruhigen, langsam in dem großen Saale mit ihm auf und ab ging. Er erwiderte Roses Blick mit einem Zusammengehörigkeitsgefühl, das er noch nie so lebhaft empfunden hatte und das ihn beglückte, obwohl ihm der Vorfall äußerst widerlich und besonders auch darum peinlich war, weil Rose ihn miterlebte. Als ob sie sich durch den Blick verabredet hätten, wendete sie sich freundlich zu Malve und klagte über Müdigkeit, worauf diese sofort einging und Raphael bat, den Wagen vorfahren zu lassen, damit sie zusammen nach Hause führen, während Verena, wenn sie noch ihre Geschäfte erledigen wollte, in Arnold Meiers Obhut zurückbliebe.

Waldemar und Michael gingen zu Fuß; sie waren in den stillen Straßen streckenweise die einzigen Menschen. »Nimm es nicht so schwer, Papa«, sagte Michael leise; »du kennst Arnolds Art, seine wohlgemeinten Ansichten bei den unpassendsten Gelegenheiten in einer Form vorzutragen, wo sie kraß und beleidigend wirken. Wir haben dergleichen öfter erlebt und es immer um der alten Bekanntschaft willen hingehen lassen.«

»Ja«, sagte Waldemar, der zu erregt war, um seine Stimme zu dämpfen, »ich habe vieles erlebt und vieles hingehen lassen, ohne Dank davon zu haben. Ich muß mit den Brosamen zufrieden sein, die von meinem eigenen Tische fallen, an dem ein anderer Herr ist. Ich hasse sie allesamt, diese geborenen Sozialdemokraten, die mit hämischer Geschäftigkeit unsere Gesellschaft unterwühlen. Es gibt Leute, die sich ärgern, wenn es einem gut geht, der sein Leben lang gesorgt und gearbeitet hat, und sich verwundern, daß ihr leeres Geschwätz ihnen den Beutel nicht füllt. Wer arbeitet, ist zufrieden, und wer stets unzufrieden ist und dem braven Manne sein Glas Wein nicht gönnt, verurteilt sich selbst als Tagedieb und Müßiggänger.«

Michael ließ die immer zusammenhangloser werdenden Reden hinströmen und betrachtete traurig seinen Vater von der Seite, der, in einen Pelzmantel vermummt und an seinem Arme hängend, ihm sonderbar klein und gebeugt erschien. Sie waren von gleicher Größe, und Michael hatte es nicht anders gewußt, als daß sein Vater, der Ältere, Breitere und Dickere, bei weitem stattlicher als er aussah. Jetzt war er erhitzt, und seine schwarzen Augen flatterten in nassem Glanze; Michael hörte ihm kaum noch zu, sondern folgte seinen eigenen Gedanken, und ein quälendes Mitleid für seinen Vater stieg in ihm auf. Als sie am Dome vorbeikamen, schlug es Mitternacht, und sie blieben unwillkürlich stehen, um die Glockenschläge zu zählen; ihre Schatten und die der Türme fielen dunkelgrau und scharf umrissen auf den leeren Platz. »Lieber Papa«, sagte Michael, indem sie weitergingen, »ich glaube, es tut Arnold Meier jetzt schon leid, was er angerichtet hat; denn er ist nicht so eingebildet und anspruchsvoll, wie du glaubst, und sicherlich mit der Zeit dir und uns Kindern ein treuer Freund geworden. Du solltest so schwere Gedanken nicht in dir aufkommen lassen, da du doch mit mehr Genugtuung als viele andere auf dein vergangenes Leben und auf die Gegenwart blicken kannst. Du hast deiner Familie eine Grundlage des Glückes geschaffen, worauf wir weiterbauen werden, während es für dich Zeit wird, mehr zu genießen als zu arbeiten und des Deinigen froh zu werden.«

Allmählich beruhigte sich der aufgeregte Mann, aber sein heißes Gesicht behielt den schwermütig stieren Ausdruck. Michael war unruhig und wollte ihn in sein Schlafzimmer begleiten, ihm beim Auskleiden helfen und warten, bis er eingeschlafen wäre, doch da sein Vater darauf beharrte, keine Hilfe nötig zu haben, blieb er noch eine Weile lauschend vor der Tür stehen. Er hatte fast das süße Gefühl vergessen, das ihn bei Roses hilfesuchendem Anblick plötzlich überkommen hatte.

Es überraschte Michael nicht, daß Rose am folgenden Morgen erklärte, abreisen zu müssen. Das Bild des kleinen Mario war bereits vollendet, und sie hatte auf vieles Bitten nur noch einige Tage zugegeben, um die Eröffnung des Basars mitzumachen, und es fiel nicht auf, daß sie nun sagte, die Unruhe, an ihre Arbeit zu kommen, triebe sie fort; auch war bei der allgemeinen Abspannung, und da noch dazu der Verkauf im Basar weiterging, keine Gelegenheit, auf ihr Bleiben zu dringen und Umstände wegen ihrer Abreise zu machen. Raphaels Anerbieten, sie zur Bahn zu begleiten und ihr behilflich zu sein, nahm sie gern an, und es verstand sich von selbst, daß Michael sich nicht auch noch anschloß. Er nahm im Beisein der anderen von ihr Abschied und wunderte sich selbst, daß er eher ein Gefühl von Erleichterung als von Schmerz verspürte, als sie das Haus verlassen hatte.

Michael hatte keinen Augenblick geglaubt, er sähe Rose zum letzten Male, wenn er auch nicht wußte, auf welche Weise ein Wiedersehen mit ihr herbeigeführt werden sollte. Den Tag ihrer Abreise und den folgenden verlebte er mit abwesendem Geiste und nur äußerlichem Anteil an allem, was vorging. Er brachte, weil es gewünscht wurde, mehrere Stunden auf dem Basar zu, und der Anblick seiner Mutter in dem weißen Samtkleide, das mit Perlen behängt war, seiner Frau in dem kostbaren Pelzwerk, aus dem einige verstreute Diamanten funkelten, der beständig ausströmende starke Geruch von Lilien und Tuberosen, alles das versetzte ihn in eine seltsame Betäubung. Man hätte ihm in einigen Augenblicken sagen können, er befinde sich auf einem mondbeschienenen Kirchhof zwischen verlarvten Gespenstern; er konnte die Empfindung nicht loswerden, als wäre zwischen ihm und eben diesen Figuren ein großer Zwischenraum, so daß er sie niemals leibhaftig berühren könnte.

Wenige Tage später fielen in einer Nacht heftige Regenströme, von Stürmen begleitet, die den Schlaf beunruhigt hatten, und am andern Morgen schien die Sonne warm und strahlend, wenn der Wind auch noch nicht ruhte. An diesem Morgen schlug Michael, anstatt in das Geschäft zu gehen, den Weg zum Bahnhofe ein, obgleich er noch nicht eigentlich entschlossen war, Rose nachzureisen. Er wußte, daß sie zunächst nach einem kleinen Ort am Bodensee hatte gehen wollen, und diese Tatsache hatte ihm, solange sie fort war, unablässig vor Augen gestanden. Er ging auch an diesem Morgen im Grunde nur der Tatsache nach, bis ihn plötzlich, als er vor dem Schalter stand, wo er die Karte lösen mußte, die stürmende Gewißheit ergriff, er müsse sie wiedersehen und den Abschied von ihr nehmen, den er nicht hatte nehmen können, als sie fortreiste. Seine Stimmung veränderte sich so, daß, nachdem er eben noch in halb unbewußtem Traume hingeschlendert war, jetzt ein gespanntes, verzweifeltes Wollen in ihm brannte, das ein Scheitern seines Planes von vornherein unmöglich machte. Als er seinen Wagen gefunden hatte, warf er sich zuerst in die der offenen Tür gegenüberliegende Ecke, sprang aber sogleich wieder auf und stellte sich auf das Trittbrett, um alle, die kamen und einstiegen, zu sehen. Von Zeit zu Zeit glitt sein Blick nach der Bahnhofsuhr, deren Zeiger nicht von der Stelle zu rücken schien; jeden Augenblick konnte sein Vater, sein Bruder oder sonst jemand kommen und ihn fragen: Wohin willst du? Du darfst nicht! Bleibe hier! Er war nicht imstande, sich eine Entgegnung für solchen Fall auszudenken, aber das stand fest in ihm, daß es keiner Macht gelingen sollte, ihn von seinem Platze wegzureißen. Je wilder sein Herz klopfte, desto starrer und blässer wurde sein Gesicht, nur seine Augen flammten; trotz der Eile, mit der alle Leute kamen und gingen, blickte sich zuweilen einer um und sah ihn verwundert an. Als die Uhr noch eine Minute bis zur Abfahrt zeigte, war seine Aufregung so groß, daß er sich unwillkürlich fester an den Türgriff klammerte; dann kam der Schaffner, um die Tür zuzuschlagen, und der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Da der Wagen leer geblieben war, warf er sich in eine Ecke und schlief fast augenblicklich ein, so vollständig erschöpft war er, wachte aber nach einer Stunde wieder auf und nahm mit Entzücken die verwandelte Gegend wahr, an der er vorüberfuhr. Er fuhr zu Rose; nur das fühlte er, nichts von allem, was hinter ihm lag. Noch niemals hatte er sein eigenes Ich so leibhaftig gegriffen; was in ihm webte, wallte, klopfte und drängte, was er als mechanische Vorgänge nie beachtet hatte, rauschte zu einem starken Leben zusammen, das er mit Wonne als sein eigen empfand. Die Menschen, die ihm teuer gewesen waren, was ihm früher wichtig erschienen war, alles verblaßte gegenüber dem Antlitz des Gottes oder Dämons, das in seinem Innern sich zu enthüllen im Begriffe war. Erst als die Sonne über Mittag stand und er die Stunden zählte, bis er am Ziele wäre, trat das Tatsächliche wieder in den Vordergrund, wenn auch nur insofern, als es auf Rose Bezug hatte. Er fragte sich, ob er sie überhaupt finden, und wenn er sie fände, wie sie ihn aufnehmen würde? Denn was berechtigte ihn, zu glauben, daß er ihr teurer wäre als irgendein anderer, da sie ja alles Lebendige liebte? Eine gewisse Neigung ihres Blickes konnte seiner Schönheit gegolten haben, die ihm nun einmal anhaftete, wie sie ja auch Malvens und Verenas und vieler anderer Schönheit geliebt hatte. Sehnsucht nach ihr überwallte ihn ganz, Sehnsucht, seine Seele in ihre Augen überströmen zu lassen, sich selbst aus ihren schönen, schaffenden Händen zu empfangen. Wenn er bedachte, daß er nicht glückbringend zu ihr kam, nicht, um frei um sie zu werben, sondern heimlich, flüchtig und frevlerisch, mußte er auch die Möglichkeit erwarten, daß sie ihn mit Verachtung von sich stieß; und wenn er das auch am wenigsten glauben konnte, so preßte ihm doch das Bewußtsein seiner bettlerhaften Niedrigkeit das Herz bis zum Weinen zusammen, und er mußte sich hilflos wie ein Kind seinen Tränen hingeben.

Es brachte ihn wieder zu sich selbst, daß er, nun doch am Ziele angelangt, etwas vornehmen mußte, um sie zu finden. Dies war nicht schwierig, da es in der kleinen Ortschaft nur wenige Gasthöfe gab, wo Fremde etwa absteigen konnten, und so traf sich's, daß ihm schon im ersten, wo er nachfragte, geantwortet wurde, die betreffende junge Dame wohne da, sei aber ausgegangen, vermutlich an den See, und werde nicht vor dem Nachtmahl zurückkommen. Er schlug den nächsten Weg zum See ein und sah sie bald auf einer hölzernen Bank dicht am Ufer sitzen; wie er unwillkürlich stockenden Herzens stehenblieb, drehte sie sich um, da sie das Geräusch seiner Schritte auf dem Kies gehört hatte, und sah ihn mit Augen voll Schrecken und Freude an. In diesem Augenblick überfiel ihn eine fürchterliche Bangigkeit, ein unerklärliches Entsetzen, als ob ein Geisterblick sich vor ihm auftäte und ihn warnte; aber indem er, um diesem Weh des Todes zu entfliehen, fortstürzen wollte, sah er wie durch Nebelflor ihre Hand, die sie zur Begrüßung nach ihm ausgestreckt hatte, ging vorwärts auf sie zu und setzte sich neben sie auf die Bank.

Die Sonne war noch nicht untergegangen, stand aber hinter schwerem grauen Gewölk, das nur ein schwaches gelbliches Licht hindurchließ; wo in der Ferne die Berge lagen, zuckte in schwarzblauer Wolkenmasse hier und da langsam ein weißes, breites Wetterleuchten. Der Wind, der den Tag über in matten Stößen sich bewegt hatte, begann tiefer zu atmen und trieb die Wellen rasch und hoch dem Strande entgegen. Auf den dunkelgrünen Leibern wälzte sich der springende Schaum und erfüllte die Luft mit blitzendem Wasserstaube; wie ein Meer schwoll es näher und näher, bäumte sich hoch und zerschmetterte klingend im Sturz am Ufer. »Was denkst du?« fragte Michael leise, da sie mit vorgebeugtem Haupte dem Wasser entgegenzuverlangen schien. »Ich höre die Musik der Brandung«, antwortete sie. »Es ist meine Seele, die deine Füße umarmen will«, flüsterte er hingerissen, indem er sich von der Bank heruntergleiten ließ und den Kopf in ihren Schoß legte. Sie neigte ihr Gesicht dicht auf ihn herab, so daß sie beide nichts mehr sahen und kaum noch wußten, ob sie das Rauschen der Elemente oder einen wunderbaren Triumphgesang der Liebe in ihrem Innern vernähmen. Als sie sich nach einer langen Weile aufrichtete und er in ihre nassen Augen sah, umfaßte sie mit beiden Händen seinen Kopf und rief: »O du! du Geliebter!«, wobei ihr stilles Gesicht sich veränderte, wie wenn in einem antiken Marmorbilde das heiße südliche Blut lebendig geworden wäre. Aus ihren schimmernden Augen und von ihrem starken, blühenden Munde strahlte schwärmerisches Entzücken, ja eine Wildheit der Freude, deren Dasein niemand in ihr vermutet hätte, über ihr ruhiges Wesen. Er staunte, und doch war ihm alles, was sie tat und sagte, nur eine Bestätigung seiner innersten Ahnung, die ihm nun, da sie sich erfüllte, bewußt wurde. Als sie im Gastzimmer nebeneinander saßen, Brot aßen und roten Wein tranken, sagte sie auf sein Drängen, ihm ihr Wesen und ihre Liebe zu erklären: »Seit ich dich gesehen hatte, trug ich dich in mir, aber ein guter Genius wachte still über deinem verhüllten Bilde, um mich nicht vor der Zeit zu erschrecken. Wie du nun hier vor mir standest, erkannte ich dich plötzlich als einen Teil von mir und erschrak vor der Offenbarung, die mir wurde; aber ich fürchtete mich so wenig wie einer, der einen Geist sieht, selbst wenn er ihm die Stunde seines Todes meldet.«

Michael wollte noch in derselben Nacht nach Hause zurückkehren, um seine Angehörigen, denen er einen kurzen telegrafischen Bericht hatte zukommen lassen, er habe in Geschäften verreisen müssen, nicht länger der Unruhe auszusetzen. Auf die Zeichen zur Abfahrt des Dampfers lauschend, die vom Wirtszimmer aus vernehmbar waren, saßen Michael und Rose auf einem schäbigen, mit Leder überzogenen Sofa, als hätte sich die Ewigkeit auf sie herniedergelassen. Sie sprachen nicht von Trennung oder Wiedersehen, nicht sowohl weil das in diesem Augenblick unerträglich gewesen wäre, als weil die Wonne, sich gefunden zu haben, noch so stark in ihnen nachzitterte, daß ein Schmerz nicht wirklich werden konnte. Als das langgezogene Pfeifen zum letzten Male aufgellte und Michael eilen mußte, fuhren sie zusammen, reichten sich aber in einem glücklichen Traume befangen lächelnd die Hand; Rose begleitete ihn nicht bis zur Landungsbrücke.

Es war des stürmischen Wetters und der vorgerückten Stunde wegen kein Reisender außer Michael auf dem Verdeck. Die Wetterschwärze hatte den ganzen Himmel bezogen, und der Wind raste über das Wasser; an der Bergseite blitzte noch von Zeit zu Zeit das ferne Wetterleuchten. Wie Michael an der Spitze des Schiffes stand und der Wind ihm die Haare von der Stirn wehte, glaubte er in das Getöse der Wellen hinein die rauschenden Stimmen aus seinem Kindergarten zu hören: O Leben, o Schönheit, o Leben, o Schönheit!, und ein magisches Band schien von jenen dumpfen Träumereien zu diesem Augenblick des Glückes zu führen. Wie er größer geworden war, hatte er sich zaghaft auf der kümmerlichen mechanischen Bühne herumgeschoben, die Menschen aufgestellt und für das Leben ausgegeben hatten. Dort deklamierte jeder sein ödes Tagewerk in langen Jammerversen, und schläfrige Furien, Langeweile und Mißmut und Entkräftung schlichen auf Socken hinter ihm her. Aber was tut es, dachte er, wenn der Sturm mir den Mantel zerreißt und mein Schiff an den Fels wirft, wo es scheitern kann! Welche Wonne ist es, zu kämpfen, welche Wonne, zu hoffen und zu wagen, welche Wonne noch, unterzugehen. Er bewegte die Lippen, und sein Herz schrie in die tosende Nacht hinaus: O Leben, o Schönheit! bis es ihm war, als ob das Heer der wilden Seelen von Sturm, Wolken und Wellen mit ungeheurem Frohlocken wiederholte: O Leben, o Schönheit! Noch als er den Dampfer verlassen hatte und zu Lande weiterfuhr, brandete der stolze Rhythmus an seinem inneren Ohre und ging allmählich in den regelmäßig schütternden Takt der Eisenbahn über, die ihn wieder nach Hause trug.

*

Wenn man aus der Kirche, wo einem die Wirkung edler architektonischer Formen und der Musik fast ohne eigene Anspannung über das Irdische hinaus gegen den Himmel trug, auf die Straße tritt, entsinkt einem wohl der Mut, zwischen den spießbürgerlich geschäftigen Menschen, mit denen man beständig die nächsten Pflichten zu teilen hat, den köstlichen Aufschwung zu bewahren. Etwas Ähnliches erlebte Michael, als er sich vom Bahnhofe aus auf den Weg nach Hause machte, nur deshalb freilich unendlich schlimmer, als von ihm gefordert wurde, unmittelbar das Schwerste handelnd auszuführen, was ihm in der Aufwallung aller Gefühle leicht erschienen war. So bedachtlos war er freilich nicht gewesen, daß er nicht von Anfang an Kampf und Arbeit vorausgesehen hatte, wenn er sich die Bahn für ein neues Leben frei machen wollte; aber er hatte an heroische Kämpfe gedacht, die ihm nun lächerlich vorkamen angesichts des Schlachtfeldes, wo sie entbrennen sollten. Alles, was er unterwegs sah, die Schaufenster voll kostbarer Überflüssigkeiten, die Bäume, die, in regelmäßigen Abständen gepflanzt, sich an wohlabgewogener Entfaltung glichen, die behäbigen Häuser mit dem doppelten Eingange für Herrschaft und Dienerschaft, die blinkenden Schilder, die vor Bettelei warnten, alles schien sich zu einer bedrohlichen Feindesmacht gegen ihn zu verbünden. In den glatten, gepflegten Gesichtern der modisch zusammengeschneiderten Menschen las er freche Grausamkeit, die sich brüstete: Wir kennen den Gott über den Wassern nicht; wir dienen einem Baal, der die Abtrünnigen schlachtet. Ja, hätten sie das laut bekannt, wäre der Kampf leichter gewesen; aber Michael wußte, daß sie keine anderen Worte im Munde führten, als Gott, Familie, Pflicht, Gesetz, Ordnung, die wie geheiligte Schwerter die ungewappnete Rede des Gegners totschlugen.

Plötzlich fiel es ihm ein, daß er bisher nur mit sich selbst gesprochen hatte, daß also in ihm eine Stimme sein mußte, die ihn eines großen Frevels beschuldigte, und er versuchte in sich nachzuforschen, ob er denn so Unerhörtes begehre. Er wollte nichts, das wiederholte er sich ernstlich, als Freiheit des Berufes, Entbürdung von der kaufmännischen Tätigkeit, die Möglichkeit, seinen Geist auszubilden, und wunderte sich, daß ihm bange war, so billige Forderungen zu äußern. Es konnte nichts anders sein, als daß er selbst noch unter der Macht der heimatlichen Anschauungen stand, nach denen jedes Abweichen von der schnurgeraden Straße, auch wenn es aufwärts ging, etwas Schändliches bedeutete, und er sehnte sich, diese Verschnürung lösen und abstreifen zu können.

Verena begegnete ihm mit den Worten: »Du warst bei Rose!« und überhob ihn dadurch der peinlichen Einleitung zu den schweren Auseinandersetzungen, die kommen mußten. Es kam ihm nicht in den Sinn, die Wahrheit zu bestreiten, während Verena im Innersten eine Verneinung erwartet hatte, ja sogar ein Ableugnen, das sie durchschaut hätte, ihr im Augenblick willkommen gewesen wäre. »Ich sagte dir damals, daß du sie liebtest, und du belogst mich«, rief sie heftig, der Ungerechtigkeit dieser Anklage wohl bewußt, im brennenden Triebe, den zugefügten Schmerz sofort zurückzugeben. »Damals sagte ich die Wahrheit wie heute«, entgegnete Michael ruhig. »Ich kann auch nicht bereuen, was ich getan habe, denn ich mußte sie noch einmal sehen, wenn ich weiterleben wollte; es war nicht mein Wille, dir etwas Böses zuzufügen, und was ich dir wider meinen Willen tue, hoffe ich einmal wiedergutmachen zu können.«

Die Kälte, mit der er sprach und die ihren Grund darin hatte, daß er sich Zwang antat, um fest zu bleiben, wirkte um so schauerlicher auf Verena, weil sie an seine hebevolle Schonung gewöhnt war, selbst in den Augenblicken, wo er ihr grollte oder zürnte. Da war es vor ihr, das gräßliche Medusengesicht des Lebens; sie mußte es anstarren, obwohl ihr graute, und ein kaltes, steinernes Gefühl schlich an ihre Seele. In wilder Angst vor der Erstarrung, die sie überwältigen wollte, stürzte sich ihr haltloses Erschrecken, ihre Entrüstung und Verzweiflung in zusammenhanglosen Worten von ihren Lippen. Sie sagte ihm, daß sie ihn in diesem Augenblicke glühender haßte, als sie ihn je geliebt hätte; daß er sie hintergangen hätte wie ein feiger, meuchlerischer Verräter, und suchte nach den ärgsten Beschimpfungen, damit er nichts von der bitterlichen Sehnsucht ahnte, die ihr zum Trotz nach ihm schrie. Er hörte ohne Bewegung und ganz ohne Mitleid zu. »Leiden gibt es in jedem Leben«, sagte er, »und wenn wir sie überwunden haben, erkennen wir oft, daß sie größeren Wert haben als viele unserer Freuden. Aber auch davon abgesehen, muß jeder lernen, mit seinem Schicksal fertig zu werden; denn dazu sind wir da.« Er staunte über die Worte, die von seinen Lippen kamen, und war sich selbst kaum weniger fremdartig und furchtbar als ihr. Indessen seine nun folgende Erklärung, daß er beschlossen habe, den Beruf eines Kaufmannes aufzugeben und einen anderen zu ergreifen, beruhigte sie wieder etwas, besonders aber seine Bitte, Roses Namen in die Auseinandersetzungen mit der übrigen Familie, wozu es nun kommen mußte, nicht zu verwickeln. Nahm sie diese Zumutung auch anfangs mit Mißtrauen auf, so sagte sie sich doch bald, wenn die Sache sich überhaupt verschweigen ließe, wäre sie vielleicht nebensächlicher, als sie sich ihr zuerst dargestellt hätte, und schiene Michael selbst ihr keine Folgen beizumessen. Sie gab ihm nach kurzem Bedenken bereitwillig das Versprechen, zu schweigen, und wie mit der Hoffnung alle großmütigen Triebe wieder in ihr rege wurden, beschloß sie sogar, die Pläne ihres Mannes zu unterstützen und, wenn es harte Kämpfe mit den Eltern gäbe, an seiner Seite zu bleiben. Für Michael bedeutete das keine Erleichterung; denn seines Vaters Gesinnung wurde durch niemandes Ansicht beeinflußt, sein Widerstand, sein Schmerz konnte auf niemanden abgeleitet werden, diese Spitzen mußte er alle selbst in seine Brust drücken und ihnen standhalten oder erliegen.

Zustatten kam ihm, daß das Befremden und die Entrüstung seiner Eltern über seine Pläne, auch wenn man ihren angewöhnten Anschauungen große Zugeständnisse machte, so unverhältnismäßig waren, daß er von selbst in die kriegerische Stimmung geriet, die ihm not tat. Kein Grund faßte Wurzel bei ihnen; vergebens führte er an, daß sein Austritt aus dem Geschäfte dasselbe nicht schädige, daß er, wenn sie sich nach einer gewissen Reihe von Jahren mit seiner neuen Wirksamkeit nicht ausgesöhnt hätten, wieder eintreten könne, daß in jedem Falle das Streben, seinen Geist auszubilden, seine Kräfte alle zu entwickeln, nichts Schändliches sei, daß viele dasselbe getan hätten und deswegen gelobt würden; über alles gingen ihre eintönigen Klagen und Vorwürfe weg, ohne sich mit einem Worte darauf einzulassen. Der Streit wurde vollends dadurch erbittert, daß Waldemar seine letzte Hoffnung auf seinen Freund Peter Unkenrode setzte, von dessen Überlegenheit er eine solche Meinung hatte, daß er nicht zweifelte, sein Sohn würde sich ihr beugen, wenn sie mit gesammeltem Nachdruck auf ihn wirken wollte. Michael konnte nicht umhin, zu lächeln, als Waldemar ihm eine Zusammenkunft mit seinem Freunde vorschlug, und fragte verwundert, was er sich denn davon verspräche? Ob er glaubte, er würde den Vorstellungen eines Fremden mehr Gehör schenken als denen seines Vaters, der ihm so verehrungswürdig und teuer wäre? Was könnte Peter Unkenrode ihm Neues sagen, und vor allen Dingen, wie könnte er sein Streben und seine Sehnsucht dem Geldmanne begreiflich machen, der nie etwas Höheres vom Leben begehrt hätte als Reichtum und eine angesehene Stellung unter den Leuten? Diese Worte, begleitet von dem Lächeln, das ihm geringschätzig vorkam, erzürnte Waldemar mehr als alles Vorhergegangene. »Kannst du dich denn herablassen«, rief er in lauter Wut, »deine Sehnsucht mir begreiflich zu machen? Glaubst du etwas Höheres und Besseres werden zu können als ein Ehrenmann, der sein Leben lang nie einen Fußbreit vom rechten Wege abgewichen ist, den seine Mitbürger schätzen und bewundern, dessen fleckenloser Name auch von denen, die ihn nicht persönlich kennen, mit Achtung genannt wird? Glaubst du, weil du ein unruhiges Gelüste nach Veränderung hast, das du mit hohlen Worten ausputzest, und pflichtvergessen wie ein Knabe dich davon hinreißen läßt, du dürftest Männer verachten, die auch ihre Versuchungen gehabt, die sie aber bekämpft und bestanden haben?«

Michael hörte schweigend mit den peinlichsten Gefühlen zu und antwortete nicht. Er bemerkte, wie verändert die Züge des im Zorn geröteten Gesichtes waren, die Nase dicker und mehr nach vorn gebogen, die Wangen schlaffer, der Mund gröber, und dachte, daß sein Vater zu altern anfinge, und daß es vergebens sein würde, ihn an seinem künftigen Leben teilnehmen zu lassen oder nur ihm Duldung seiner Ideale abzuringen.

Auf heftige unfruchtbare Kämpfe folgte eine müde, kalte Stille zwischen allen. Michael dachte daran, wie er sich von Kindheit an in blinder Vergötterung seinem Vater angeschlossen und geflissentlich jede geistige Regung, die jenem fremd war, in sich unterdrückt hatte. Er zürnte ihm deswegen nicht, aber er fragte sich, ob diese gerühmte Kindesliebe, diese selbstopfernde Hingebung etwas Schönes, nicht vielmehr etwas Verderbliches sei. Wer konnte leugnen, daß es größere Helden gab, denen er die Nachfolge hätte geloben können, und mit reicherem Ertrage für sich, als seinem Vater, der ein schwacher und beschränkter Mensch war. Er versuchte sich zu besinnen, ob sein Vater immer so gewesen wäre wie jetzt, oder ob ihn nur die Jahre kleinlicher machten. Warum hatten sie sich alle so viel mehr gedünkt als die anderen Menschen, mit denen sie verkehrten oder von denen sie wußten, und auf die sie wie auf ein kleineres, armseligeres Geschlecht herabgesehen? Alles bestärkte ihn mehr darin, daß er frei werden mußte, sei es auch nur, um einen klaren Blick über alle diese Fragen und Verhältnisse und eine richtige Wertschätzung seiner selbst zu gewinnen.

Verena fühlte sich so sehr als die an der Seite ihres Mannes kämpfende Genossin, daß sie das, was Rose betraf, vergessen zu haben schien; aber ihr Beistand, wie der Arnold Meiers, war ihm ebenso quälend wie das Widerstreben der anderen. Es war nun einmal so, daß jeder Gedanke, den sie äußerten, in der Meinung, ihm beizustimmen, den seinigen nie ganz deckte, daß er immer irgendeinen Mißklang hörte, wo sie ganz in seinem Sinne zu sprechen glaubten, so sehr, daß ihn zuweilen Mißtrauen gegen sich selbst anwandelte, wenn er sie wiederholen hörte, was er als seine innerste Überzeugung ausgesprochen hatte. Nützlicher wurde ihm eine zufällige Äußerung Raphaels, die den Ausweg ins Auge fassen ließ, er könne Michaels Stelle im Geschäfte ausfüllen.

Es hing damit zusammen, daß Raphael selbst die Zuversicht nicht hatte, er würde jemals ein Kunstwerk von Bedeutung hervorbringen, weswegen er sich zwar nicht geringer einschätzte, aber doch allmählich bedenklich wurde, was für eine Stellung in der Gesellschaft er einmal einnehmen sollte. Ihm stand, wie er glaubte, die Allseitigkeit seiner Begabung im Wege, die ihn bald zur Musik, bald zur Poesie, bald zur Malerei zog; ferner hatte er sich eine Theorie erdacht, wonach die größten Kunstwerke die innerlichen wären, die überhaupt nie zu einem Ausdrucke gelangten. Die größten Meister, sagte er einmal, hätten – was freilich paradox klinge – ihre Schöpfungen dadurch beeinträchtigt, daß sie sie machten. Es sei einmal unmöglich, einen Schmetterling zu greifen und festzunageln, ohne ihm den Schmelz abzustreifen. Ein einziger Gedankenstrich oder ein Ausrufungszeichen könne eine schönere Dichtung sein, als die berühmteste Tragödie. Als Michael einwarf, demnach wären die Schreibhefte, die er als sechsjähriger Knabe geschrieben hätte, eine Fundgrube von Meisterwerken, entgegnete Raphael, es käme freilich darauf an, was einer bei den Gedankenstrichen und Ausrufungszeichen empfunden und gedacht hätte, was in Zukunft vielleicht einmal geübte Augen den Schriftzeichen ansehen könnten.

In der letzten Zeit war Raphael eine Liebschaft eingegangen, die ihn mehr Geld kostete, als sein Vater ihm zum Verbrauch angewiesen hatte, und da er sogar mit dem Gedanken umging, das betreffende Mädchen zu heiraten, erschien ihm plötzlich Michaels Stellung vergleichsweise beneidenswert, und er warf es ihm vor, daß er mit seinem glänzenden Lose unzufrieden wäre.

Michael griff dieses hingeworfene Wort auf, und indem er Raphael erklärte, es stehe bei ihm, diese Stellung selbst einzunehmen, ging ihm klar auf, daß hier die Erlösung liege und daß sein Austritt aus dem Geschäft, wenn er dadurch Raphael Platz machte, vernünftigerweise als eine Wohltat, ja fast Notwendigkeit für diesen angesehen werden müsse. Verena und Arnold Meier, die bei dem Gespräch gegenwärtig waren, konnten sich nicht so flink auf diesen Standpunkt stellen, besonders Arnold Meier redete lebhaft auf Raphael ein, sich nicht durch zufällige Umstände und Stimmungen zu einem so verhängnisvollen Entschlusse hinreißen zu lassen. »Stecke deine Hände nicht in Geldgeschäfte«, sagte er. »Du hast weiße, faule Künstlerhände, die bisher nur gespielt und getändelt haben und ungeschickt zur Goldgräberei sind. Wenn du durchaus etwas werden willst, um einen Titel oder ein Amt zu haben oder Geld einzunehmen, und das Dichten dir nichts abwirft, so werde in Gottes Namen Schulmeister oder Schreiber; aber laß dich nicht in die große Goldmühle werfen, wo du unfehlbar zwischen die Räder kommen und gemahlen werden wirst.«

Michael warf einen hochmütig zürnenden Blick auf den eifrigen kleinen Juden und sagte: »Wenn Raphael Künstler wäre, würde er nie einen Kaufmann um sein Los und sein Geld beneidet haben. Wollte er dennoch dafür gelten, würde er ein Heuchler oder ein Affe werden, der das Pathos der Begeisterung karikiert, und müßte erröten und sich verstecken, wo ein echter, göttlicher Hauch weht. Ist er dazu zu stolz und zu einsichtig, soll er töricht genug sein, Schulmeister oder Schreiber zu werden mit den weißen, faulen Händen, die nur getändelt haben? Mit dem Anspruch, in dem er aufgewachsen ist, in der feinsten Gesellschaft der Erlesenste zu sein? In unserem großen Geschäfte, das einmal seinen Gang geht, wo viele Köpfe und Hände arbeiten, kann er mitwirken, ohne sich zu überanstrengen und ohne doch ein buntes Aushängeschild vor einer leeren Kammer zu sein. Ich sehe keinen anderen Weg für ihn, ein Mann zu werden, der sich selbst achten kann.«

Während Arnold Meier und Verena staunend auf Michael sahen, blickte Raphael erschreckt von einem zum anderen und fuhr sich mit der Hand durch die braunen Locken, unfähig, eine Erwiderung zu finden. Er konnte die Lage durchaus nicht übersehen und hatte das Gefühl, als würde er hilflos einem unerbittlichen, unberechenbaren Schicksal ausgeliefert, das mit ihm, dem Wehrlosen, schaltete. Teils lockte ihn die Aussicht, Geld zu verdienen und soviel er Lust hätte zu verbrauchen, andererseits empfand er eine unbestimmte Furcht vor der regelmäßigen Tätigkeit und trockenen, eintönigen Arbeit, der er sich, wie er voraussah, nicht ganz würde entziehen können. Sein hübsches, weiches Gesicht mit dem vollen Kinn drückte halb ernste, halb komische Verzweiflung aus, die ihn gut kleidete und etwas Rührendes hatte. »Es scheint mir fast, als ob Michael recht hätte, wenn er mir auch eben nicht schmeichelt«, sagte er endlich, und echte Bescheidenheit und Koketterie mischten sich unwiderstehlich gewinnend in seinen Worten.

Arnold Meier und Verena trösteten ihn beide gutmütig, er müsse noch andere Schiedsrichter anrufen und es sich in jedem Fall reichlich überlegen, was er sich am ersten zutrauen könne; aber es war, als schlösse Michaels gespannter Wille, seine Seele festzuhalten und sich zu unterwerfen, jeden anderen Einfluß von ihm aus. Michael war mit seines Bruders Laufbahn niemals zufrieden gewesen, hatte sich aber nicht zur Einmischung berufen gefühlt und es bei gelegentlichen Neckereien bewenden lassen; nun sah er plötzlich ein bestimmtes Ziel vor Augen, das sich erreichen ließ, wodurch er befreit und sein Bruder in eine passende Lebensstellung gebracht wurde, und er ergriff diese Möglichkeit mit unbändigem Wollen, das keinen Einwand oder Zweifel zuließ und Raphael völlig verblüffte und überwältigte.

Als sie miteinander allein waren, sagte Verena zu Michael, ihn mit glühenden Augen scheu betrachtend: »Was für ein Geist hat von dir Besitz genommen, Michael? Weißt du selbst denn, was du tust und wohinaus du treibst? Du bist mit Raphael verfahren wie die Schlange mit dem kleinen Vogel, dessen Seele sie mit den Augen lähmt, um ihn zu verschlingen. So hast du ihm deinen Willen aufgezwungen und ihn eingefangen, daß er das Brot aus deinen Händen nimmt, um nicht zu verhungern.«

»Mit dem Unterschiede von der Schlange, daß ich nicht Raphaels Verderben bezwecke«, sagte Michael. »Auch glaube ich nicht, daß er sich meiner Meinung aus einem anderen Grunde angeschlossen hat, als weil er sie für die richtige hielt, und wenn ich hart gegen ihn geschienen habe, ist es nur, weil er von Kindheit auf in so viel Lüge gewickelt ist, daß man weder ihn noch er die Welt sehen konnte, wie sie wirklich sind.«

»Ich will nicht sagen, daß du unrecht hattest«, erwiderte Verena, »wenn ich auch nicht weiß, ob du recht hattest. Du bist mir nie so schrecklich schön erschienen wie eben, und selbst wenn du mich nicht mehr liebtest wie einst, müßte ich dich anbeten.«

Michael sah müde in ihre schönen Augen, die brennend an ihm hingen, und sagte: »Muß ein Mann den Frauen durchaus schrecklich erscheinen, bevor sie ihn lieben? Du ahnst wohl nicht, was mich die Kämpfe dieser Tage gekostet haben, sonst würdest du wissen, daß ich nicht so schrecklich bin, wie ich dir erscheine, und daß du keine Ursache hast, weder mich zu verabscheuen noch mich zu bewundern. Wer wahrhaft liebt, liebt einen so wie man ist, nicht wie man unter gewissen Beleuchtungen erscheint; ich bin aber heute derselbe, der ich am Tage unserer Bekanntschaft und immer seither war.«

Nach einer Pause stand er seufzend auf, führte Verenas Hand an seine Lippen und sagte bittend: »Entschuldige dies überflüssige Gerede mit der Gereiztheit, in der ich mich befinde. Die Luft liegt hier so schwer auf mir, daß ich wollte, ich wäre erst fort.«

»Und könnte vergessen, was hinter mir liegt«, setzte Verena mit schmerzlicher Bitterkeit hinzu. Michael schwieg, ein Angstgefühl beklemmte ihn, ob das Vergessen solcher Tage möglich wäre.

Die Tatsache, daß Raphael sich bereit erklärte, vielmehr den Wunsch äußerte, an Michaels Stelle in das Geschäft einzutreten, änderte wirklich die Lage zu Michaels Gunsten. Denn Waldemar hatte sich zwar gefreut, wenn Raphael als Knabe etwas Buntes gemalt oder etwas gefällig Gereimtes gedichtet hatte, aber daß er deswegen Künstler werden sollte, hatte er stets mißbilligt, um so mehr, als er, seit Raphael erwachsen war, nie eine Leistung von ihm gesehen hatte, die ihm faßlich gewesen wäre. Die Malve gab zwar ihre stolzen Hoffnungen ungern auf, doch war sie klug genug, einzusehen, daß es besser so geschähe, als später durch Raphaels Unzulänglichkeit, mit der sie insgeheim schon zu rechnen angefangen hatte. Es fiel auch für die Eltern ins Gewicht, daß der auffallende Schritt Michaels sich nun den Leuten besser erklären ließ; daß der alte Unger Raphaels Künstlerlaufbahn mit Unwillen angesehen hatte, war bekannt, und es ließ sich denken, daß Michael, der nach seinem Austritt aus der Schule nur kurze Zeit eine Handelsschule besucht und später nur in Begleitung seines Vaters einige Geschäftsreisen unternommen hatte, nun sein jüngerer Bruder für ihn einsprang, einen mehrjährigen Urlaub nahm, um sich selbständig in der Welt umzutun. Von all diesem abgesehen, war auch der Widerstand Waldemars und Malves gegen den unabänderlichen Willen ihres Sohnes erlahmt, und sie mußten geschehen lassen, was sie nicht verhindern konnten.

Von seinem Vater, der einen bestimmt abgegrenzten Plan verlangte, bat sich Michael fünf Jahre Freiheit zum Studium der Medizin aus, nach Verlauf welcher Zeit er sich in seiner Vaterstadt als Arzt niederlassen wollte. Trotzdem diese Aussicht, nun es einmal so weit gekommen war, manches Anziehende für Waldemar hatte, fand doch eine eigentliche Versöhnung zwischen ihm und seinem Sohne nicht statt; seinem dunklen verschlossenen Gesicht gegenüber fand Michael kein Wort, das an die alte Innigkeit angeknüpft hätte. Weit eher konnte er sich seiner Mutter nähern, die, im Grunde froh, daß die häßlichen Auftritte vorüber waren, durch verdoppelte Liebenswürdigkeit die Erinnerung daran zu verwischen suchte und sogar einen gewissen Anteil an seinen Plänen nahm.

Nachdem diese Verständigung erreicht war, drängte es Michael, die Abreise zu beschleunigen, denn er sah wohl ein, daß die drückende Stimmung sich nicht ändern würde, solange er da war; doch brauchte er einige Tage dazu, um seine häuslichen und geschäftlichen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Verena ging ihm in dieser letzten Zeit zuweilen hilfreich zur Hand und schien mit der Wendung des Geschickes aufs beste einverstanden, bald schwankte sie unversehens in feindselige Verstimmung über oder gab sich trostloser Verzweiflung hin. »Du wolltest den Krieg und jammerst nun, da deine Hütte brennt«, dachte Michael; aber er begriff, daß die Unfolgerichtigkeit zu menschlich war, als daß er sie daran hätte mahnen mögen. Er gab sich Mühe, die liebreich rücksichtsvolle Gesinnung wiederzufinden, die er immer für sie gehabt hatte, aber sie wollte nicht freiwillig aus seinem Herzen fließen, und er meinte, eine längere Trennung würde das am besten wieder ins Geleise bringen. Nichts hätte ihm den Abschied schwer gemacht, wenn nicht sein Vater und der kleine Mario gewesen wären; an das Kind konnte er nicht denken, ohne daß ihm Tränen in die Augen kamen. Oft, wenn es ihm mit unsicher wackelnden Schritten, in der Freude sich überstürzend, entgegenkam, oder wenn er fortging, die feinen runden Arme sehnsüchtig und ohnmächtig nach ihm ausstreckte, schien es ihm plötzlich unmöglich, es zu verlassen. Hatte er es nicht vor Augen, kam ihm die Besonnenheit zurück, und er sagte sich, daß er es nicht für immer verließe, daß er es sehen könnte, sooft er wollte, und daß es gerade in diesen ersten Lebensjahren ohne ihn ebenso gut versorgt wäre, wie wenn er dabliebe.

Als die zu seiner Abreise festgesetzte Stunde herankam, war er leidlich ruhig und glaubte, die unvermeidliche Erregung des Lebewohlsagens gut bestehen zu können; einzig, als er in seines Vaters Arbeitszimmer ging, den er noch einen Augenblick allein zu sehen wünschte, schlug sein Herz übermächtig; aber das Zimmer war leer, und es war ersichtlich, daß der alte Herr in aller Stille ausgegangen war, um dem Abschied auszuweichen. Michael faßte sich und trug seiner Mutter einen Gruß auf, indem er zugleich versprach, begütigende Briefe sollten so schnell wie möglich folgen; doch konnte er die nächsten Stunden, während er im Eisenbahnwagen fuhr, nichts tun, als seinen Vater, dessen Beschäftigungen zu jedem Augenblicke des Tages ihm bekannt waren, im Geiste zu begleiten, und als er an der Uhr sah, daß er jetzt, aus dem Geschäfte zurückkehrend, das Haus betrat, in dem er nicht mehr war, stützte er den Kopf in beide Hände und fiel in schwere, verworrene Träumereien.

*

Grün waren die Höhen, an denen die Stadt der Jugend lag, und wenn der Frühling sie betrat mit Kränzen goldener Blumen, widerstrahlten der Himmel und der Spiegel des Sees, widerstrahlten die weißen Häuser und die Augen der Menschen. Dann blühten auf den Hügeln die Kirschbäume und die Apfelbäume, mit deren melodischen Häuptern des Windes silbersüße Stimme lispelte und koste und von denen weiße Blätter auf die lauschenden Wanderer herunterwehten. Oder aber sie schimmerten unbeweglich in den dunkelblauen Himmel, starrend von Licht und Glut, und unter heimlichem Schwellen von unvergänglicher Blüte träumend.

O Stadt der Jugend und der Hoffnung! Es standen in ihr nur edle, stattliche Häuser oder anmutige, bescheidene, kleine, keine unsauberen oder verfallenen oder liederlichen; denn die uralten Straßen, wo es noch mittelalterlich dämmerte, waren liebe schattige Winkel auf der Flur des lachenden Sonnenscheins. Michael hatte diese Universität ausgewählt, weil sie beträchtlich weit von seiner Heimat entfernt war, was ihm jetzt aus mehreren Gründen angemessen zu sein schien; übrigens kannte er sie nicht aus eigener Anschauung und kaum aus Beschreibungen, und hatte nicht vorausgesetzt, daß er sich so bald in ihr vertraut fühlen würde. Zwar kam er nicht im Frühling, sondern im Herbst an, doch gaben auch die Fruchtbäume, die mit Stangen gestützt werden mußten, um die Pracht der gelbroten Äpfel und der Pflaumen tragen zu können, ihre malerischen Schatten auf den unendlichen hügeligen Wiesen, und die Traubenfülle und die fernen und nahen farbigen Wälder einen Anblick, an dem sich ein williges Gemüt erheitern und stärken konnte. War es dies oder die reinere Luft von den Bergen her, oder die Fülle von neuen Lebensbildern: in kürzerer Zeit, als er es für möglich gehalten hatte, gelangte Michael zu energischem Genusse seiner Freiheit. Als er die Erklärung abgegeben hatte, Medizin studieren zu wollen, war das keineswegs der Ausdruck eines langgehegten Wunsches oder reiflicher Überlegung gewesen, sondern er hatte den Wurf gewagt, weil er einen mehr praktischen als theoretischen Beruf seinen Talenten am angemessensten hielt, weil er glaubte, es würde seinem Vater am ehesten einleuchten, und weil ein anderes Studium ihm auch nicht alles das zu versprechen schien, wonach er noch ohne Klarheit strebte. Jetzt, wo er sich ruhig besann und umsah, fing er an, sich über seine Wahl zu freuen, die ihm reichlich ermöglichte, was er allmählich als Ziel seiner Sehnsucht begriff, in Mensch und Leben näher einzudringen. Stieß auch hier manches ab und lockte dagegen manches andere, so sagte er sich in frohester, zuversichtlicher Stimmung, es sei im Grunde gleichgültig, an welchem Zipfel er die Wissenschaft ergriffe, es müsse sich doch überall zu demselben Kern gelangen lassen.

Es trug dazu bei, ihn sicher und glücklich zu machen, daß er sich allerseits von treuherziger Zuneigung umgeben fühlte. Sein Äußeres zog mächtig an; der hohe Ernst auf seiner offenen Stirn, das Wohlwollen in seinen warmen Augen, die weibliche Süßigkeit und Entschiedenheit seines Mundes, und seine freie, ruhige Haltung und einfache Liebenswürdigkeit im Verkehre machten ihn vollends beliebt und fast unwiderstehlich. Sein Alter und seine Lebensstellung hoben ihn aus der Menge der übrigen Studenten hervor, und sein im einzelnen unbekanntes Schicksal, denn er war nicht gerade mitteilsam und hielt auch aus Bescheidenheit zurück, was man ihm nicht abfragte, vermehrten die Teilnahme, die er erweckte. Es glückte ihm verhältnismäßig leicht, mit einem Manne in persönliche Beziehungen zu treten, der ihm das größte Interesse und bald eine Art verliebter Bewunderung einflößte, nämlich mit seinem Lehrer in der Zoologie und Botanik, welche Fächer zunächst die bedeutendsten für ihn waren.

Diesem sich als ergebener Schüler anzuschließen, war an der Universität etwas Herkömmliches, und es geschah nicht nur von Seite derer, die Naturwissenschaften studierten, sondern auch von Theologen, Philosophen und Literaten, sowie von Männern und Frauen der Stadt, die, ohne gerade gelehrte Bildung zu besitzen, sich doch an seinem geistreichen Vortrage erfreuen konnten. Er hieß Freiherr Gilm v. Recklingen, wurde aber schlechthin der Freiherr oder der ›Freiherr vom Geist‹ genannt. Der Freiherr pflegte bei öffentlichen Anlässen eine Menge Orden auf der Brust zu tragen, die ihm verschiedene Fürstlichkeiten verliehen hatten, und es wurde erzählt, als jemand sich erkühnt hätte ihn zu fragen, warum er das täte, da er sich doch gelegentlich ungemein wegwerfend über die hohen Herren geäußert hätte, von denen die Orden stammten, hätte er gesagt: »Wenn einem Sultan Tribute von Schmeichlern oder von beherrschten Völkern dargebracht werden, nimmt er sie an, ohne sich zu Gegendiensten oder zu ehrerbietigem Danke zu verpflichten. Wenn einige Leute, die so gestellt sind, daß allem, was sie tun, vom Volke Wichtigkeit beigemessen wird, in meiner Person dem Geiste huldigen, von dem sie wissen, daß er mehr Macht hat als sie, bringe ich diese Huldigung zur öffentlichen Anschauung, damit ihre lobenswerte Einsicht bekannt wird, und das Volk, das nicht selbst denkt, sondern nachbetet, seine Anschauungen danach bildet.« Ob seine Benennung ›Freiherr vom Geiste‹ von dieser Äußerung herrührte, oder ob sie wegen irgendeines im Vortrage gebrauchten Ausdruckes von der Studentenschaft ausgegangen war, ließ sich nicht mehr feststellen: sie leuchtete ohne weiteres ein, wenn man ihn sah und sprechen hörte. Trotz der allgemeinen Verehrung, die ihm dargebracht wurde, hielten sich viele von ihm fern, weil ein natürlicher Hochmut in seinen Zügen und seinen Sitten und eine schroffe Art, das, was anderen wichtig schien, obenhin zu behandeln, einschüchterte und abschreckte. Auf Michael war ein vornehmer Name im allgemeinen nicht geeignet, Eindruck zu machen, da ihm die Neigung seiner kaufmännischen Vaterstadt im Blute lag, sich dem Adel gegenüber eher mißtrauisch und hoffärtig ablehnend zu verhalten. Dem Freiherrn gegenüber, der selbst ohne Vorurteile war, konnten etwaige Vorurteile nicht lange bestehen: soweit sein Adel sich in der Erscheinung und im Auftreten zeigte, hatte er sogar besondere Anziehungskraft für Michael, der so bescheiden war, das Bedeutende sich gern in bedeutenden Formen darstellen zu sehen und selbst dahinter zurückzutreten.

Der Freiherr hatte sich in jungen Jahren durch eine Untersuchung über Tiere der Tiefsee hervorgetan, der in kurzem Zeitraum mehrere andere folgten, die alle von seinem Scharfblick und der Genauigkeit seiner Forschung glänzendes Zeugnis ablegten. Hauptsächlich durch diese Eigenschaft erwarb er sich einen hervorragenden Platz unter den Naturforschern; was aber seinen Arbeiten den ungewöhnlichen Reiz und ihren dauernden Wert verlieh, war die überlegene Anschauung des Allgemeinen, aus der alles hervorging. Weltall und Weltseele waren ihm nicht bloße Worte, sondern innerstes Glaubensbekenntnis, und in der Überzeugung vom Zusammenhange aller Erscheinungen und von ihrer Wesenhaftigkeit war ihm das Große wie das Kleine gleich heilig und wichtig. Ihm war die Erde ein lebendiger Leib und wiederum auch ein Glied des ungeheueren Gestirnleibes; ebenso begriff er jede Pflanze und jedes Tier als selbsttätige Seele, die aber doch erst verständlich wurde als Glied eines allgemeinen Wesens, das man Tierreich und Pflanzenreich nennt. Er stand nun aber der Welt nicht als sinnender Beschauer, sondern mit unerbittlich richtendem Auge gegenüber, und es mochte gerade die persönliche Anteilnahme sein, die seine Zuhörer mit so einzigem Zauber fesselte.

Seine religiös-philosophischen Anschauungen hatte er in besonderen Werken niedergelegt, die zwar von einigen mit Bewunderung studiert und von vielen genannt wurden, aber ebensoviel Gegner hatten und im ganzen wenig Leser fanden. Hier stellte er Gott, von dem er ausging, unter dem Bilde einer allumfassenden Geistsonne vor, die die ganze Welt durchflammt, durchleuchtet und durchwärmt. Er stellte ihr die Nacht als die untergeordnete, weibliche Ergänzung, die Gebärerin der unendlichen Geschöpfe, gegenüber, in deren Schoß alles zurückkehrt, was nicht als Licht in die Geistsonne eingegangen ist. Alles, was lebt, ist von ihr durchschienen, und insofern sind, wenn man die Wege Gottes kennenlernen will, Steine, Pflanzen, Tiere ein ebenso ersprießliches Studium wie der Mensch; aber nur in ihm, wo ihre Strahlen sich spiegeln, kann die Hingabe an sie möglich werden, die Ziel alles Lebens ist. Leider wären aber, sagte er, die Menschen der unweisen Mutter zu vergleichen, die, als sie die Göttin dabei überraschte, daß sie ihr neugeborenes Kind in das Feuer hielt, damit es seine Sterblichkeit verzehrte, erschrak und den läuternden Vorgang störte.

Die Werke durchzuarbeiten, in denen er sein System ausgeführt hatte, war in der Tat für jeden, auch den willig folgenden und zu gründlichem Studium entschlossenen Leser eine schwierige Leistung. Das lag zum Teile an der Mystik des Inhaltes wie der Form, teils aber daran, daß der Freiherr es verschmähte, sich auf den Standpunkt des Unkundigen zu versetzen, und geflissentlich so schrieb, als ob es nur für ihn selbst bestimmt wäre; eine Unfolgerichtigkeit, da er seine Werke doch drucken ließ, zu deren Erklärung er anführte, daß er sie aufs Geratewohl hinwürfe, damit die wenigen, die auf gleicher Stufe und in gleicher Richtung wie er lebten, sich daran orientieren könnten. Die in seinen Büchern ausgesprochenen und aus seiner allgemeinen Ansicht hervorgehenden Meinungen waren durchaus in ihm lebendig. Er verachtete nicht nur das offenbar Niedere und Grobsinnliche, sondern auch das meiste von dem, das die Gebildeten zu entzücken pflegt, als geistlose Erstgeburt, Seelenballast, Ausdrücke, womit er das an sich Unwesentliche oder notwendig Vergängliche bezeichnete, gab sich aber nicht damit ab, die Irrenden eines Besseren zu belehren.

Das erste Zeichen von Zuneigung gab der Freiherr Michael dadurch, daß er ihm zuredete, das Studium der Medizin aufzugeben oder, wenn er dabei bleiben wolle, Universitätslehrer statt praktischer Arzt zu werden. »Stehen Sie davon ab«, sagte er, »um Geld zu heilen, was noch übler ist, als um Geld zu lehren. Sie werden als Arzt bald von der Wissenschaft abkommen und nichts anderes mehr im Auge haben, als wie Sie die Leute so schnell wie möglich wieder auf die Beine bringen, woran im Grunde nicht so viel gelegen ist. Gibt es überhaupt etwas Widerwärtigeres, als die beständige, erzwungene Berührung mit Menschen an dem Punkte, wo sie am jämmerlichsten dastehen, nämlich in der Sorge um ihren meist sehr übel beschaffenen Körper? Man ermögliche es sich, die Menschen aus der Vogelschau zu betrachten oder in Büchern mit ihnen bekannt zu werden, wo der unvermeidliche Unrat schon ausgeweidet ist oder, besser gesagt, wo die große Destilliermaschine der Zeit den Abhub vertilgt hat und nur der Geist übriggeblieben ist!«

Auf Michaels Einwendung, daß ihn eben das Lebendige, wenn es auch mangelhaft sei, anziehe, sagte der Freiherr unwillig: »Das wäre gut, wenn Sie damit fertig werden könnten. Sie würden rechts und links mit Pflaster, Arznei, Geld und guten Worten wohltun und mitteilen, und schließlich doch nichts Wesentliches gefördert haben. Kennen Sie denn das Lebendige? Sind Sie seiner mächtig? Können Sie Tote auferwecken wie Jesus Christus? Sie werden immer nur ein rasender Träumer sein, der, in Angstschweiß gebadet, vor Traumochsen davonläuft, sich vor Traumfratzen fürchtet und mit Traumwürfeln spielt. Es ist von wenig Bedeutung, ob Sie einem Fieberkranken auf seine Delirien antworten und aus ihrer Nacht heraus einem Nachtwandler die Hand geben; wecken werden Sie ihn doch nicht.«

»Es ist wahr«, sagte Michael, »ich fange erst jetzt allmählich an, zu erwachen. Sollte ich es aber auch nie dahin bringen, erheblichen Einfluß auf den Geist der Menschen zu gewinnen, so wäre es deswegen doch nicht zu verwerfen, wenn ich ihrem körperlichen Leben zu Hilfe zu kommen suchte.«

»Da sehen Sie!« fiel der Freiherr rasch ein. »Da liegt der unglückliche Irrtum! Sie können eben nur dem Geiste zu Hilfe kommen. Die Menschen gehen alle an einer Krankheit zugrunde, nämlich an jener der Mastgans, daß ein Organ auf Kosten des ganzen Organismus überfüttert ist; dies Organ ist bei den Menschen der Körper, während der Geist, an Bleichsucht und Auszehrung leidend, entweder schläft oder Krämpfe hat und irreredet. Notwendiger, als beständig an dem zudringlichen Leibe herumzupfuschen, wäre, daß einer den Menschen beibrächte, ohne denselben und ihm zum Trotze fein und fröhlich und würdig aufzutreten, anstatt mit tropfender Nase und bleiernen Köpfen zu stöhnen und zu schwitzen, wenn ihnen nichts anderes widerfahren ist, als daß sie den Schnupfen haben.«

Michael sagte lachend: »Sie haben wahrscheinlich niemals weder den Schnupfen noch sonst eine Krankheit gehabt.«

»Nein«, antwortete der Freiherr, »allerdings nicht. Wenn ich mich gehenließe wie der winselnde Pöbel und die nörgelnden Gesellschaftsschmarotzer, könnte ich wohl auch dergleichen beibringen. Die Leute möchten wie die Götter und Könige leben, bedächten sie nur zuerst einmal, daß die sich nicht zu Bette legen und die Grippe haben dürfen. Kopf hoch, Krone im Haar, Zepter in der Hand, schön, heil, gnädig und ungnädig, wer alle Morgen so aufstehen kann, der soll sich melden, wo Herrensitze leer stehen.«

Um den Freiherrn ganz zu verstehen, verschaffte sich Michael seine Werke und las sie mit Eifer, konnte sich aber ihres Gehaltes nicht ganz bemächtigen.

Der Freiherr, dem er es gestand, meinte, es möchte ihm noch an naturwissenschaftlichen Kenntnissen und an Übung im philosophischen Denken fehlen; außerdem hätte er, um die abgegriffenen, blechernen Begriffe zu vermeiden, oft tief aus Gedanken und Sprache herausgeschöpft, und wäre so, im Bestreben, das Gedachte richtig zu bezeichnen, dunkel geworden. Übrigens, fügte er hinzu, sei nicht soviel daran gelegen, ob Michael gerade seine Überzeugungen teile, nur überhaupt an etwas glauben müsse man, auf jeder Grundlage könne das himmlische Jerusalem erbaut werden.

Michael lachte und sagte nachdenklich: »Ich fürchte, daß ich keine fromme Natur bin, wenigstens glaube ich, soviel mir bewußt ist, an nichts als an mich selber.«

»Das kann viel und wenig sein«, sagte der Freiherr; »in einem alten Spruche heißt es, es sei ein Gott in uns, und wenn es der Gott in Ihnen ist, an den Sie glauben, so ist nichts weiter nötig. Übrigens ist einem, wie Sie selbst sagen, nicht alles, was im Innern lebt, bewußt.«

Michael, der sich zum erstenmal mit solchen Fragen beschäftigte, sagte, seinen Gedanken nachhängend: »Dieser mein Glaube besteht eigentlich darin, daß ich, obgleich ich in keiner Hinsicht eine hohe Meinung von mir habe, in jeder Lage meinen Eingebungen folge, in der Überzeugung, sie müßten mich zu einem hohen Ziele führen.«

Der Freiherr sah mit Teilnahme und Wohlgefallen in Michaels schönes Gesicht und sagte nach einer Pause: »Der heilige Antonius von Padua begegnete auf der Straße zuweilen einem gewissen Advokaten, einem lebenslustigen Weltmanne, der nur mit Wüstlingen und sittenlosen Weibern verkehrte, und begrüßte ihn zum Erstaunen der Umstehenden jedesmal kniefällig als einen künftigen Märtyrer und Heiligen. So, sehen Sie, verfolgt man oft ganz andere Ziele, als man meint, und je reicher und gesünder ein Mensch ist, desto weniger ahnt er im Anfang seiner Laufbahn, wo und wie beschaffen sein Ende ist. Bleiben Sie nur, wenn ich Ihnen raten darf, bei Ihrem Glauben an sich selbst, und wenn Sie daneben auch etwelchen zu mir fassen können, der ich Ihnen an Alter wie an Schulung und Erfahrung voraus bin, wird es nicht zu Ihrem Schaden sein.«

Der Freiherr stellte Michael seiner Frau vor, einer viel jüngeren, runden, hübschen Dame mit mädchenhaften Zügen, die nach etwa zehnjähriger Ehe noch so verliebt in ihren Mann war, daß für nichts anderes in ihrem Leben Raum zu schaffen war. Mit den Studenten, die der Freiherr gerne in sein Haus einführte und väterlich ermunterte, ihr den Hof zu machen, kokettierte sie zwar, aber nur obenhin, ohne Glanz und ohne Schwung, obwohl sie von Natur nicht wenig dazu begabt zu sein schien. Es wurde gesagt, der Freiherr hätte sie geheiratet, weil sie angedroht hätte, sterben zu wollen, wenn sie nicht die Seine würde, was niemandem unglaublich war, der sie kannte.

Eine größere Auszeichnung für Michael war es, daß der Freiherr ihn bei einer Freundin einführte, die er regelmäßig besuchte und auf die er augenscheinlich große Stücke hielt. Sie war mit ihm verwandt und in seinem Alter, eine hochgewachsene Erscheinung, mit jungen Augen in einem sehr länglichen, vornehmen Gesicht, in vielen Zügen ihrem Vetter ähnlich. Sie lebte zurückgezogen und sah nur den Freiherrn und die wenigen Personen, die er ihr zuführte, bei sich. Obwohl sie nicht ohne aristokratische Vorurteile war, ließ sie doch auch entgegengesetzte Denkart sich frei äußern, wie sie überhaupt gegen jedermann von zugleich stolzer und gewinnender Liebenswürdigkeit war. Mit ihrem würdevollen Wesen und ihrem lebhaften Geiste, den sie stets nur in maßvoller Ruhe äußerte, war sie Michael äußerst sympathisch: auch gefiel ihm die herzliche, höfliche und wahrhaft freundschaftliche Art ihres Verkehrs mit dem Freiherrn.

Es mochte Michaels Bewunderung für seine Verwandte sein, die den Freiherrn eines Tages bewog, ihm zu erzählen, welcher Art eigentlich die Beziehungen waren, die ihn mit ihr verbanden; sie war nämlich seine erste Frau, die er als junger Mann geheiratet und mit der er beinahe zwanzig Jahre lang in kinderloser Ehe glücklich gelebt hatte. Auf einer Reise nach Italien, wo sie ihn nicht begleitete, hatte ihn die prickelnde Lebhaftigkeit, das schöne suchende Feuer eines jungen Mädchens angezogen, das sich eben mit ganzer Seele in die Fülle Italiens hineingeworfen hatte, um ihren unbestimmten Hunger auf irgendeine Art zu sättigen. Ohne daß man von den gegenseitigen Lebensverhältnissen etwas wußte, machte sich der Freiherr zu ihrem Führer und suchte etwas Ordnung in ihre chaotischen Bestrebungen zu bringen, wobei sie sich dermaßen in ihn verliebte, daß er sie heiratete, ungeachtet der vorher eingegangenen und noch bestehenden ehelichen Verbindung. Da er und seine erste Frau Angehörige der russischen Ostseeprovinzen waren, wohin er nicht zurückkehrte, wurde es möglich, das unerlaubte Verhältnis geheimzuhalten. Nach einer Reihe von Jahren ließ sich diese unter ihrem Mädchennamen in der Stadt, wo er wohnte, nieder, und es war seitdem kaum ein Tag vergangen, wo er sie nicht besucht und einige Stunden bei ihr zugebracht hätte. Mit seiner zweiten Frau machte er sie nicht bekannt, weil sie, was er nur ihr offenbarte, durch seelische Verfettung ungenießbar geworden sei.

Anfangs über diese Mitteilung verdutzt, bewunderte Michael doch schließlich den Freiherrn nur um so mehr wegen der Leichtigkeit und Seelenruhe, mit der er so verzwickte Verhältnisse sowohl innerlich wie äußerlich beherrschte. Höchlich verwundert war er freilich, als der Freiherr es ihm eines Tages als bedauerliche Torheit vorhielt, daß er schon geheiratet hätte; die Liebe, sagte er, sei ein Götterding, das man nicht an den Pflug spannen sollte; für die Leute, die in die Besserungsanstalt gehörten, sei das Heiraten schon gut, aber es sei schade, wenn man die feinen und guten mit den Bestien in denselben Käfig sperrte.

Michael konnte sich nicht enthalten, zu sagen: »Aber Sie selbst stecken ja ganz erheblich darin!«

»Das sollte man meinen«, erwiderte der Freiherr vergnügt, »aber ich hänge nur in effigie darin. Meine Seele ist immer ledig geblieben, Familienglück finden Sie bei mir nicht. Heillose Bürgerzeche, wo zwölf Personen die Knochensuppe voll Fettaugen aus einer Schüssel essen und sich hernach heimlich mit den schmutzigen Löffeln prügeln! Die Liebe ist bei den meisten Menschen doch nur ein barbarisches Talgfressen, indem sie sich etwas in den Magen stopfen, was man verbrennen sollte, damit es eine leuchtende Kraft wird.«

»Was ich esse, ernährt mittelbar auch mein Gehirn und wird also Licht«, sagte Michael, den das Gespräch auf allerlei unliebsame Gedanken brachte, langsam.

»Meinetwegen«, sagte der Freiherr, »aber unverdaulich ist das Zeug doch, und wenn ich nicht irre, liegt es Ihnen schon schwer im Magen.«

Michael konnte in diesem Punkte seine Anschauungen nicht mit denen des Freiherrn in Übereinstimmung bringen. Seine Überzeugung, daß die Familie die Grundlage des menschlichen Glückes und der menschlichen Erziehung sei, wollte und konnte er nicht preisgeben, wenn er auch zugab, daß nirgends wie hier sich menschliche Schwachheit breitmache. Obwohl sein Streben augenblicklich durchaus nach Freiheit stand, fühlte er sich doch unlösbar mit der Familie verbunden und vermochte sich die Zukunft, so verschieden von der Vergangenheit sie auch sein sollte, nicht ohne Familie zu denken.

Er versetzte sich in die Zeit zurück, wo er Verena liebgewonnen und mit Ungeduld den Tag herbeigesehnt hatte, wo er sie heimführen sollte. Das Ziel hatte er von Anfang an im Auge gehabt, und mußte sich jetzt noch sagen, daß das selbstverständlich und ganz in Ordnung gewesen war.

Dann besann er sich, daß er als zwanzigjähriger junger Mensch einmal ein Mädchen aus niederem Stande geliebt hatte, ein liebes, warmherziges Ding, das aufzugeben ihn unsägliche Schmerzen, jetzt vergessene, kaum noch eines wehmütigen Lächelns werte, gekostet hatte; später hatte er Gott gedankt, daß er frei geblieben war. Ebenso mochte es jetzt seinem Bruder Raphael gehen, der in eine Kellnerin verliebt war und Lust hatte, sie zu heiraten. Michael hatte ihm nachdrücklich davon abgeredet und war überzeugt, daß er nach geraumer Zeit, wenn er die Sache überwände, darüber froh sein würde.

Aber er konnte sich nicht verbergen, daß er jetzt glücklich sein würde, wenn er Verena nicht geheiratet hätte. War das ein Beweis, daß sie auch nicht die Rechte gewesen war? Daß er ebensogut jene andere, Längstvergessene hätte heiraten können? Oder daß er wankelmütig oder charakterlos war? Er fühlte, daß das nicht der Fall war, und fand auch nichts anderes, das ihm Klarheit gab. Wie eine Erlösung kam ihm der Gedanke an Mario, das Kind, das er mehr als sich selbst liebte, das Kleinod, das seiner Ehe Wert verlieh, wie wenig echt und gediegen sie übrigens sein oder werden möchte.

Er sagte sich, daß der Freiherr, dessen einziges Kind, das ihm seine zweite Frau geboren hatte, nur einige Wochen gelebt hatte, das Wesen der Ehe, ihre Kraft, ihre Schönheit, ihre Heiligung nicht begreifen könnte. Mochte er auch noch so sehr wünschen, Verena nicht geheiratet zu haben, konnte er jemals wünschen, daß Mario nicht da wäre? Zugleich erschreckte es ihn, daß er somit selbst das Band, das ihn an Verena knüpfte, unzerreißbar nannte. Faßte er aber auch nur einen Augenblick den Gedanken, wie es wäre, wenn er Mario nie gesehen hätte, oder ob er ihn allenfalls jetzt noch vergessen könnte, so überwältigte ihn gleich darauf die Angst um das kleine Geschöpf, als könnte es ihm entrissen werden, bis zu solchem Grade, daß es ihm schien, er müsse alles, was ihm hier so lieb und teuer geworden war, über den Haufen werfen und nach Hause eilen, nur um sich des kleinen zutraulichen Lebens, das auf immer zu seinem gehörte, aufs neue versichert zu fühlen.

Daß Michael zu Weihnachten, weil es der Kürze der Ferien wegen nicht der Mühe wert wäre, nicht nach Hause kommen wollte, veranlaßte einen unerfreulichen Briefwechsel mit seiner Familie, namentlich mit Verena. Unerwarteterweise aber schickte sie ihm, einer schönen Aufwallung nachgebend, zum Weihnachtstage das Bild des kleinen Mario, das Rose gemalt hatte, und das sie ihm, als er abreiste, trotz seines dringenden Wunsches nicht hatte mitgeben wollen. Der Freiherr hatte ihn aufgefordert, den Weihnachtsabend bei ihm zuzubringen, aber er konnte sich nun doch nicht entschließen, unter Menschen zu gehen, und saß traurig in seinem halbdunklen Zimmer vor dem gemalten Kinderbilde mit den süßen Augen, während ein föhniger Wind von Zeit zu Zeit Wirbel von Schneeflocken am Fenster vorbeijagte. Er hatte noch niemals einen Weihnachtsabend ohne seine Eltern und ohne Weihnachtsbaum erlebt, und obwohl er mit Bewußtsein schon lange keinen Wert mehr darauf legte, fühlte er sich nun entwurzelt und ungewissen Mächten preisgegeben.

Indessen trat nach Neujahr eine frische Kälte ein, in der die trüben Stimmungen sich schnell verzogen; auf den Dächern, Hügeln und Tannenwäldern glänzten die glatten Schneemassen, und die helle, kristallene Bläue des Himmels wölbte sich funkelnd darüber. Es gab in der Umgebung der Stadt einen kleinen See, der in den kalten Wintermonaten zufror, und wo dann Schlittschuh gelaufen wurde, ein Vergnügen, dem der Freiherr sehr ergeben war. Am Nachmittag eines Wochentages, wo nicht viele Menschen dort zu vermuten waren, führte er Michael hinaus, in heiterster Laune, wie ein Knabe ganz von der bevorstehenden Lust erfüllt. Man ließ ein Dorf und mehrere Höfe auf spärlich bewaldeten Hügeln hinter sich und gelangte endlich in ein breites Tal, wo der See lag, den im Hintergrunde aufsteigende Tannenwälder abschlossen. Michael war ein guter Schlittschuhläufer, konnte sich aber nicht mit dem Freiherrn messen, der nicht nur die schwierigsten Kunststücke mit Anmut ausführte, sondern auch im einfachen Laufe, wo er in der freiesten Stellung zu fliegen schien, seine vollendete Sicherheit erkennen ließ. Er begrüßte unter den wenigen Personen, die auf dem See waren, einige Bekannte, und stellte Michael einem jungen Mädchen vor, die er Arabell Conz nannte, und die Michael schon hie und da in Vorlesungen des Freiherrn gesehen hatte.

Sie sah reizend und ungewöhnlich aus: auf kurzem gelockten, aschblonden Haar trug sie ein dunkles Pelzmützchen und ein dunkles, pelzbesetztes Kleid auf dem kindlichen Körper, der den Eindruck großer Beweglichkeit, zugleich aber auch Unbehilflichkeit machte. Auffallend war ihre Art, zu laufen: sie trieb wie eine Träumende dahin, die irgendeine keinem sichtbare Erscheinung verfolgt, für alles Wirkliche dagegen blind ist. Michael bemerkte in ihren offenen blauen Augen ein entzücktes Aufleuchten, als sie den Freiherrn sah, und wie sie an seiner Hand, die er ihr bot, mit erstaunlicher Leichtigkeit, wie von neuer Kraft und Begeisterung getragen, dahinflog. Er sagte sich, daß sie eine von den zahlreichen Verehrerinnen des Freiherrn sein müsse, dem man nachsagte, daß er trotz seiner Jahre den Frauen gefährlicher als irgendein junger Adonis wäre; wenn je, so war es hier begreiflich, wo die geschmeidige Kraft und Eleganz seines Körpers sich vorteilhaft zeigte und die Freude aus seinen energischen Augen blitzte. Wenn er bei freundlicher Unterhaltung mit Menschen, denen er gut war, lächelte, so war sein Mund der eines Jünglings, während für gewöhnlich seine Lippen etwas Strenges hatten und als zu schmal gelten konnten; diese unversehens sich enthüllende Jugendlieblichkeit empfand Michael jedesmal als unwiderstehlichen Zauber.

Es ergab sich von selbst, daß der Freiherr der erste Gegenstand des Gespräches zwischen Michael und Arabell war. Sie sah ihn erfreut und herzlich an, als sie hörte, daß auch er ihn verehrte, und sagte mit Feuer: »Ja, er ist der Außerordentlichste unter allen Menschen. Er ist so unendlich hoch über mir, daß er meine Fragen kaum vernimmt, und doch empfange ich immer eine Antwort von ihm. Die meisten Menschen stellen nur Fragen, aber er antwortet; er ernährt aus seinem unerschöpflichen, ambrosischen Geiste.« Michael äußerte einiges über den Inhalt seiner mystischen Bücher und fand zu seiner Überraschung, daß das halb kindliche Mädchen sie gelesen hatte und liebte. »Ich verstehe das wenigste davon mit dem Verstande«, sagte sie, »aber ich ahne den Gott darin, den ich anbeten könnte. Wenn in der Kirche von Gott gesprochen wird, fühle ich Zweifel und Widerstreben, der Gott, den er lehrt dagegen, ist lebendig, und nicht einmal der Glaube wagt sich an ihn heran, geschweige der Zweifel. Erklären könnte ich Ihnen das nicht, denn ich habe weder Gelehrsamkeit noch gebildeten Verstand, und mein Platz unter den Geschöpfen ist sehr gering, da ich Gott nie und nirgends fassen kann, nur blind seine Kraft in mir fühle. Ich habe keinen Geist, ich bin nur eine Flamme der Anbetung, eine ewige Lampe, die keine Priesterin zu speisen und zu behüten braucht.«

Michael verabscheute die überspannten Frauen, hier aber fühlte er sich durch etwas zwar Fremdartiges, aber Ungekünsteltes gerührt und angezogen; diese zitternde Lebensglut fachte ein Hauch an, den Menschen nicht regieren und den es ihnen ziemt zu verehren. Während sie nebeneinander liefen, erzählte sie mit einer süßen und zugleich starken Stimme: »Ich sah einmal eine Tänzerin von wunderbarer Zartheit und Kraft der Glieder, die im Tanzen mit langen, farbigen Schleiern spielte, sich umwindend, wieder enthüllend und verhüllend, während wechselnde Musik erschallte und verschiedenfarbiges Licht sie beleuchtete; zuletzt wurde das Licht blutrot, so daß sie in Flammen zu stehen schien, die die dünnen Schleier und sie selbst rasch verzehrten, die in Farbe, Musik und Bewegung aufgelöst war. So sieht meine Seele aus, eine Bacchantin im Feuer tanzend, rasend in der Anbetung ihres Gottes.«

»Und Ihr Gott ist der Freiherr?« fragte Michael, worauf sie den kurzlockigen Kopf schüttelte und lachte, daß es bis in die Augen hinein glitzerte. Dann wurde sie wieder ernst und sagte: »Nein, er ist der Mittler zu meinem Gotte, mehr als irgendein Mensch es bisher gewesen ist. Den Gott selbst kenne ich nicht, und vielleicht ist deshalb die Flamme meiner Anbetung so freudig. Oft denke ich, wenn ich den unbekannten Gott schaute und erkennte, würde sie im selben Augenblick den Tempel ergreifen und in einem Feuersturm zerstören.«

»Wenn ich mir eine Bemerkung über Ihren unbekannten Gott erlauben darf«, sagte Michael, »so scheint er mir dionysischer Natur zu sein, da Sie den Tanz und den Rausch lieben, und Tanzen und Lachen Sie gewiß besser kleidet und Ihnen leichter fällt als Kreuztragen.«

»Ja, ich lache gern«, sagte sie, mit dem feinen Munde lächelnd, »aber ich weiß, daß ich die Wonne des Leidens auch empfinden könnte. Meine Seele würde in Schuhen aus glühendem Golde tanzen und sich mit brennenden Schleiern umwinden und nicht aufhören zu tanzen, bis sie sterbend und selig zu Füßen ihres Gottes hinstürzte. Nur das kleinliche Werktagselend, das graue, häßliche, freudlose Dulden, das kann und will ich niemals ertragen.«

Es hatte sich ihnen inzwischen ein junger Mann von fremdländischem Aussehen genähert, der mit Arabell gut bekannt zu sein schien; sie stellte ihn als einen Russen namens Boris vor, der in der hiesigen Stadt seit mehreren Jahren Medizin studierte. Das blasse, etwas verbissene Gesicht des Russen und sein befangenes Wesen verrieten so deutlich hochgradige Neigung zu Arabell, daß Michael es schicklich fand, die beiden allein zu lassen, und sich beeilt hätte, es zu tun, wenn es ihm nicht vorgekommen wäre, als ob das junge Mädchen ein solches Alleinsein eher fürchtete als wünschte. Sie wendete sich gerade jetzt mit besonderer Lebhaftigkeit zu ihm und fragte, wovon vorher durchaus nicht die Rede gewesen war, nach seinen politischen Ansichten.

Michael war in der Überzeugung aufgewachsen, daß Frauen in der Politik eine Ansicht weder hätten noch haben dürften, und sagte kurz: »Darauf wüßte ich kaum etwas zu antworten, außer, daß ich zu keiner äußersten Partei gehöre.«

»Die Mittelstraße ist der Weg zur Hölle«, sagte Arabell rasch und entfernte sich, augenscheinlich unangenehm berührt, die beiden Männer allein miteinander zurücklassend. Michael reimte sich nun zusammen, daß Boris zu den russischen Sozialdemokraten, Anarchisten und Nihilisten gehöre, die entweder als Flüchtlinge, oder um mehr Freiheit zu genießen, oder um westeuropäische Zustände kennenzulernen, sich im Auslande aufhielten, und daß Arabell diesem Kreise nahestand, wie ja Frauen überhaupt an diesem Wesen einen bedeutenden Anteil haben sollten. Es tat ihm im ersten Augenblick leid, daß das Mädchen sich mit Dingen befaßte, die ihm so zuwider waren oder für die er wenigstens so wenig Sinn hatte; doch hatte sie ihm zu gut gefallen, als daß er sie deshalb ohne weiteres hätte verwerfen können, vielmehr beschloß er, sich gelegentlich einen besseren Einblick in diese Verhältnisse zu verschaffen, über die er sich kaum ein festes Urteil zutrauen durfte. Gern hätte er einige Fragen an Boris gestellt, doch fürchtete er ihn zu verletzen oder mißtrauisch zu machen. Das Gesicht des jungen Mannes war nicht gerade einnehmend; die dunklen Augen waren stark beschattet und gedrückt und alle Züge ohne Verfeinerung; dafür prägten sich freilich Kraft und Gewandtheit eines Raubtieres in seinem Knochenbau wie in seinen Bewegungen bewundernswürdig und reizvoll aus. Sie wechselten einige Worte über ihr Studium und ihre Lehrer, denn es wollte kein Gespräch in Gang kommen; der Russe blickte zerstreut dahin, wo Arabell sich allein langsam auf und ab bewegte.

Inzwischen war die Sonne untergegangen, und es dunkelte schnell; der Schnee schien weißlich durch die tiefe Dämmerung. Die meisten Menschen waren fortgegangen, so daß die freie Fläche des ganz unbeleuchteten Sees jetzt groß und öde erschien. Von den dunklen Tannenwäldern her wehte ein kühler Wind über das verschneite Tal und den einsamen See; es war, als suchte er etwas, und eilte seufzend weiter, wenn er es nicht gefunden, um rastlos wiederzukehren. Wie die Umrisse der Hügel, die nach der Stadt zu lagen, sich in der schneegrauen Luft auflösten, schien das Tal endlos zu werden, und man mochte wähnen, man würde nie den Ausweg daraus finden, um heimzugelangen. Michael näherte sich Arabell und machte sie auf die wunderliche Stimmung aufmerksam; sie sagte: »Ich empfinde die Natur nicht wie Sie; sie bleibt ein Bild vor meinen Augen und kommt nicht in mein Inneres, wo ich sie fühlen könnte.«

Unfern von der Stelle, wo sie standen, war ein Stück des Sees durch Pfähle als gefährlich bezeichnet und stets gemieden, nur waghalsige Buben pflegten sich aus Übermut dort aufzuhalten, und es verging selten ein Winter, ohne daß infolgedessen ein Unglücksfall vorkam. Als Michael sah, daß der Russe sich auf diese gefährliche Stelle begab, rief er ihm warnend zu, daß das Eis dort dünn sei: allein jener schüttelte den Kopf und gab durch eine abwehrende Gebärde zu verstehen, daß er sich nicht fürchte. Michael ärgerte sich über einen so sinnlosen Trotz oder Eigensinn, während Arabell dem Tollkühnen mit großen Augen nachsah. Sie sahen kaum noch die Umrisse seiner Gestalt, unterschieden aber doch, daß er sich nur langsam und leise hin und her wiegte, wozu er nun die schwermütige Melodie eines russischen Volksliedes mit halber Stimme zu singen begann. Allmählich sang er lauter, so daß sie die Worte deutlich vernehmen konnten:

Kein Haus, kein Hof, nur der Schnee und die Heide,

Der Sturm und ich und der Schmerz, den ich leide.

Wohin denn? Wohin denn? Die Wölfe schrei'n.

Im Herzen kein Gott – am Himmel kein Schein.

Michael fühlte sich wunderbar von diesen Tönen angezogen, immerhin blieb er besonnen genug, um Arabell zurückzuhalten, die im Begriffe war, als ob eine magnetische Gewalt sie hinrisse, auch das dünne Eis zu betreten, unter dem von Zeit zu Zeit ein schwaches Donnern hinlief. Als Michael die Hand auf ihren Arm legte, lächelte sie und sagte: »Es war mir eben geradeso, als stünde dort der Tod und lockte mit unwiderstehlichem Gesange in sein düsteres Reich.«

In diesem Augenblicke näherte sich der Freiherr; er hatte sich bisher auf der klaren Fläche in weiten Bogenschwingungen ergangen und glich in dem kurzen schwarzen Mantel, der ihn umflatterte, einem großen Nachtvogel, der in einsamen Ringen durch die Dunkelheit kreist.

»Hier stockt die Luft wieder einmal von Stimmungen«, rief er lustig, »und es ist gut, daß ich dazwischensause. Es ist merkwürdig, daß die Menschen sich damit zufriedengeben, hölzerne Instrumente mit Darmsaiten zu sein, die sich nach Belieben hoch oder tief spannen lassen. Man sagt, daß ein Mädchen, welches nicht Brot zu schneiden versteht, nicht reif zum Heiraten ist, und ich sage, daß, wer an Stimmungen leidet, nicht reif für den Himmel ist. Sie, Arabell, sind, wie ich glaube, weder reif für den irdischen noch für den überirdischen Himmel.« Damit glitt er an Arabells Seite, die unschlüssig nach dem Gesange hinüberhorchte, ergriff eine ihrer Hände und flog ohne weiteres mit ihr davon. Michael war wieder allein mit dem Russen, der sich gleichzeitig zu ihm gesellte, den er jetzt aber mit mehr Teilnahme, ja mit einer Art von Zuneigung, die seinem eigenartig schönen Gesange galt, betrachtete. Er sagte ihm allerlei darüber und über die russischen Volkslieder im allgemeinen, worauf jener nicht einging; als Michael schließlich verstummte, sagte er: »Es wird Sie eine Gotteslästerung dünken, wenn ich sage, daß ich den Mann nicht liebe, den Sie und alle anderen verehren; und das nicht etwa, weil er mir das Mädchen entzieht, das ich mehr als alles auf der Welt und einzig auf der Welt liebe, sondern weil er ein kaltes Herz ohne Begeisterung hat, aber gerade Genie genug, um sein marmornes Heidentum so zauberhaft darzustellen, daß er die Schwachen damit betört.«

»Sie häufen so viel überraschende Vorwürfe gegen den Freiherrn«, sagte Michael, »daß ich kaum weiß, wie ich allen begegnen soll. Ob er in Wahrheit daran denkt, Ihnen ein Mädchen zu entfremden, das Sie lieben, darüber kann ich nicht urteilen; hätten Sie recht, so täte er es gewiß nicht aus Bosheit, sondern aus irgendeinem guten Grunde, wenn sich auch meinetwegen seine Richtigkeit bezweifeln ließe. Das bestreite ich aber mit gutem Gewissen, daß er kalt sei und seine Lehre heidnisch; denn die völlige Hingabe an Gott, den Geist, die er verlangt, ist weit eher christlich zu nennen.«

»Ich nenne alles Heidentum«, sagte Boris hart, »was in der Verherrlichung der eigenen Person gipfelt. Was nützt es, wenn einer groß und gottesähnlich und Gott selbst wird und von seiner Macht und Herrlichkeit den anderen nichts mitteilt, die dessen bedürfen? Das ist Religion für die Glücklichen und Starken, wenn man überhaupt Religion nennen kann, was nicht die Menschen verbindet, sondern voneinander abschließt. Ich sage Ihnen offen, daß ich mein Leben den Duldern meines Vaterlandes geweiht habe und gewiß bin, früher oder später, sei es durch Verrat oder bei hochverräterischer Tat ergriffen, es schimpflich am Galgen zu enden. Es kann nicht jeder die Verhältnisse in meiner Heimat kennen und infolgedessen nicht richtig beurteilen; aber ich hasse diejenigen, die sie kennen und sich auf die Seite der Schlächter stellen, anstatt auf die der Opfer.«

Er hatte im Sprechen einen freieren, größeren Blick bekommen und gefiel Michael immer besser; er sagte mit Herzlichkeit: »Zunächst seien Sie überzeugt, daß ich Sie nie verraten werde, noch, dafür möchte ich bürgen, wird es der Freiherr tun. Ich kenne die Lage Ihres Vaterlandes nur ungenau, doch kann ich mir wohl vorstellen, daß einer, ohne grausam zu sein, gewaltsame Maßregeln zur Herbeiführung einer höheren Kultur, denn darum handelt es sich doch wohl im Grunde, mißbilligt, weil diese stets nur langsam reifen kann und Eingriffe diese Entwickelung eher stören und aufhalten als befördern.«

»Redensarten!« rief Boris ungeduldig; »eine Suppe von marklosen, ausgelaugten Knochen, die ein verhungerter Hund nicht schlappern möchte. Sehen Sie die Tatsachen an. Sehen Sie Freunde, Brüder und Schwestern unter der Peitsche und unter Martern verenden. Sehen Sie die Unschuldigen im Kerker verfaulen und die Bösewichter und Trunkenbolde und Weiberjäger und Salonschwätzer sich am Tische des Lebens mästen. Sehen Sie die gesunde Kraft in Unwissenheit und Schmutz verkommen und Feinheit und Bildung die Wahrheit beflecken und die Religion verächtlich machen. Ein Schuft, wer da zusieht und seine eherne Gleichgültigkeit mit rednerischen Lappen bemäntelt!«

Michael fühlte sich durch den wütenden Erguß nicht beleidigt, aber auch nicht getroffen; es schien ihm natürlich und berechtigt, daß diese Dinge, so schrecklich sie sein mochten, ihn nicht aus seinem Gleichgewichte brachten. Er konnte nichts mehr erwidern, da der Freiherr mit Arabell zurückkam und zum Aufbruch mahnte. Im Antlitz des Freiherrn war nichts zu lesen als die stolze Offenheit des furchtlosen Mächtigen und die Überlegenheit des allseitig gebildeten Geistes. »Während unser blutiger Freund hier predigte, habe ich eine Rede gegen ihn gehalten«, sagte er lachend, »und hoffe, daß meine von besserem Erfolge begleitet ist als seine; wenigstens scheint es mir nicht, als ob sich Michael Unger zur roten Fahne bekehrt hat. Wir streiten um die Seelen wie Satan und der Engel.«

Boris hatte doch die Genugtuung, das geliebte Mädchen nach Hause führen zu können; denn der Freiherr nahm Michaels Arm und ging mit so rüstigen Schritten vorwärts, daß die beiden jungen Leute um ein gutes Stück zurückblieben. »Warum wühlen Sie so gegen den armen Menschen?« fragte Michael, als sie von den Nachfolgenden nicht mehr gehört werden konnten. »Ich glaube, das Mädchen sieht ihn ohnehin nicht mit verliebten Augen an.«

»Aber sie hört mit verliebten Ohren zu, wenn er schwatzt«, sagte der Freiherr. »Das Mädchen ist zu fein für solch einen barbarischen Talgfresser; sie haben den Magen voll von der klebrigen Schmiere, und im Kopfe qualmt ein fettiges Fünkchen, das höchstens zum Nachtlicht oder zum Allerseelenlämpchen langt. Er soll wieder in sein Land gehen, einen Minister oder dergleichen umbringen und sich aufhängen lassen, dann hat er seine Bestimmung erfüllt und ist mit sich zufrieden. Hier wird er, wenn er auch im Arm seiner Geliebten läge, doch immer von dem Galgen träumen, den er sich in der Jugend zum Marterwerkzeug erkoren hatte. Glauben Sie mir, ich kann ihm keinen größeren Dienst leisten, als wenn ich Arabells Herz recht fest in den Händen behalte.«

»Aber tun Sie ihr denn damit einen Dienst?« fragte Michael bedenklich. »Es ist doch wahrscheinlicher, daß der Russe sie glücklich machen kann, als daß Sie es können?«

Der Freiherr legte lachend den Arm um Michaels Schulter und sagte: »Weil er sie liebt und ich sie nicht heiraten kann, meinen Sie. O Michael, können Sie an keinem Stall vorübergehen, wo zwei an einer Krippe Platz hätten? Der Russe mit seiner massenhaften Liebe reißt sie nur so oder so in die Untiefen des Lebens, wo sie steckenbleibt und verschlammt. Was kann ich ihr aber schaden? Bin ich ein Geck oder ein Wüstling oder ein Hanswurst? Selbst wenn ich sie verführte und mit einem halben Dutzend Kinder sitzenließe, was ich durchaus nicht im Sinne habe, so wäre das besser für sie, als wenn sie Boris heiratet. Wenn gute Menschen einander Schmerz zufügen, ist noch nicht Ursache, Zeter zu schreien, und auch was einem ein Übelwollender antut, geht hin; eh man sich lieben läßt, da soll man auf der Hut sein. Man soll darauf bedacht sein, Geist zu wecken, und nicht darauf achten, wie weh es tut. Müssen Sie nicht Beine abschneiden und Geschwüre auskratzen, wenn Sie Arzt sind? Aber eine Frau, die der Mann sitzenläßt, oder ein Mann, der sein Weibchen nicht bekommt, das macht Sie wehleidig, und doch sind Seelenschmerzen ebenso notwendig und heilsam wie körperliche. Geist schaffen, wohin er kommt, das ist die Arbeit des Mannes, nicht schmucke Paläste in die Luft sprengen oder gute alte Throne umstürzen.«

Wie Michael mit Genuß das frische Wesen des Freiherrn empfand, wurde er sich zugleich seiner eigenen Kraft bewußt, die sich in anderen Kämpfen entfalten sollte, als jener oder als der junge Russe sie führten, und wußte er auch selbst noch nicht, in welchen, so brannte er doch, sie zu kämpfen. Es tat ihm wohl, wenn der Mantel seines Begleiters sich hinter ihm aufblähte und in der Luft stand wie ein sausender Fittich; auch meine Seele wird die Flügel regen, dachte er, und sie werden mich über Hügel und Berge tragen, dahin, wo die Gedanken schweigen, dahin, wo Götter wohnen.

*

Bei jedem schönen Aufschwung, bei jeder fördernden Anspannung war Rose in Michaels Gefühl inbegriffen, ja er war sich bewußt, daß er nur durch sie und mit ihr die Kraft besaß, die über seine Natur hinausging. Es schien ihm keine Gefahr von ihr zu kommen, nichts, was ihn bedrohte, und er hätte eher einen Engel, der ihn hob und beseligte, als ihr Bild von sich verscheuchen mögen. Seit der Frühlingsnacht am Bodensee war ein Jahr vergangen, ohne daß er sie gesehen hatte; aber er wußte, daß sie in dem Dorfe war, wo sie im vergangenen Jahre das Kind hatte malen wollen. Es war kein langes Zaudern und Ringen, ehe er sich entschloß, zu ihr zu fahren; denn was hätte werden sollen, wenn er dem gewaltigen Zuge, der ihn zu ihr zog, nicht Folge leistete? Dann, so schien es ihm, würden die Saiten in ihm reißen, auf denen das Leben seine schönen wilden Lieder spielte, und ein tonloses Brett würde übrigbleiben, mit dem sich allenfalls seine Angehörigen an kalten Tagen das Zimmer würden heizen können. War er aber dazu bestimmt?

Ein wolkenloser Maitag sank lautlos und schimmernd auf die Flur, als der Zug, mit dem er abreiste, aus der Halle ins Freie lief. Bald begann in den Dörfern das Geläut zur Kirche und verschwebte, wie sie blitzschnell von einem zum andern glitten, in einem fernen, sanften Chor der Lüfte. Michael hatte die Fenster geöffnet und ließ die laue Luft zu sich herein; er wiederholte leise ihren Namen und träumte zu sehen, wie er sich in lauter rosigen Funken von seinen Lippen löste und gen Himmel stieg, bis die blaue See der Luft wie von Meeresleuchten damit erfüllt war. In den Glanz seines Glückes drang kein Zweifel, ob es durch eigene Stimmung oder durch Zufälle getrübt werden könne; er wußte, daß das Leben jetzt nur zwischen ihm und ihr war, eine selige Insel makellos aus dem Schwall der Zeit tauchend. Auf dem kleinen zwischen Bäumen versteckten Bahnhof, der eine Viertelstunde vom Dorfe entfernt lag, war sie nicht; aber er sah sie durch die Felder her, ihm entgegenkommen. Mit ihrem Anblick löste sich das fliegende Zittern seiner Seele in eine große Ruhe auf, so daß ihm war, als könne er jetzt ohne Scheideweh vom Leben in den Tod hinuntersinken. Sie faßten sich bei den Händen und gingen aufs Geratewohl über die Felder bis zu einer Anhöhe, wo eine Bank stand, auf die sie sich niedersetzten.

Rose zeigte ihm das Dorf: die wunderliche kegelförmige Kirche, die weißen Häuser in den grünen baumreichen Gärten, zwischen den Gehöften die lachenden Wiesen und die breiten streifigen Äcker, zum Teil von einem zarten Schleier keimender Saat überzogen, zum Teil schwarzbraun, auf denen Männer langsam hin und her gingen und Samen auswarfen. Es war ein Ring voll gefriedeter Erde, im Raume schwebend, auf allen Seiten durch dunkle Wälder gegen den Abgrund geschützt, durch eine weite unendliche Wölbung an den Himmel geschlossen. »Das ist dein Arkadien«, sagte Michael und blickte froh in ihre schönen Augen. Erst als sie in dem Zimmer waren, das Rose bewohnte, sahen sie sich wie erwacht und erstaunt an und begrüßten sich mit Leidenschaft. »Ich glaubte, ich hätte nicht auf dich gewartet, kaum an dich gedacht«, sagte Rose, »und nun du da bist, tötet mich die Angst, du könntest nicht gekommen sein.«

Unterdessen deckte Roses Wirtin einen schmalen hölzernen Tisch im Garten unter Bäumen, denn es war schon Nachmittag. Rose und Michael spürten nun auch, daß sie Hunger hatten, und aßen mit großem Vergnügen, während die Bäuerin ab und zu ging und sie bediente. Sie war eine große breite Frau von würdevoller Haltung und ebensolchen Bewegungen und mit dem Kopf einer altdeutschen Königin: auf dem glatten Haar, das sie in der Mitte gescheitelt und über die Schläfen heruntergekämmt trug, hätte man einen schweren Goldreifen voll bunter Edelsteine sitzen sehen mögen. Sie hatte kluge Augen unter stolzen Brauen und eine starke, gebogene, aber nicht unweibliche Nase; es war ihr anzusehen, daß sie mehr tatkräftig, ordnend und umsichtig als weichherzig war, doch zeigte ihr freundlicher Blick, daß man sie auch nicht ungütig nennen konnte.

In Abwesenheit der Frau erzählte Rose von ihrer Tüchtigkeit, da sie das große Gut allein auf das vortrefflichste bewirtschaftete; denn ihr Mann, ein arbeitsscheuer, trunksüchtiger Mensch, beeinträchtigte sie mehr, als daß er sie unterstützte. Sie hatte aus einer ersten Ehe eine erwachsene Tochter und einen kränklichen, an der Krücke hinkenden Sohn, welcher der Gegenstand geheimer häuslicher Ärgernisse und Zwistigkeiten war. Die Frau nämlich wollte hauptsächlich diesen Kindern, die schon von ihres verstorbenen Vaters Seite Vermögen hatten, den Ertrag ihrer Arbeit zuwenden, besonders dem Sohne, der seiner hinfälligen Gesundheit wegen ungünstig im Leben gestellt war; ihr zweiter Mann hingegen, und hauptsächlich dessen Mutter, verlangten, daß alles in der zweiten Ehe Erworbene dem in derselben erzeugten Kinde zufiele, von dem sie behaupteten, daß seine Mutter es benachteilige, ja nicht einmal liebhabe. Dies, meinte Rose, sei unwahr, eigentlich unmöglich, da das Kind, eben der kleine Knabe, den sie gemalt hatte, zu liebreizend sei, als daß man es nicht liebhaben könne; doch müsse sie sich freilich der Kinder des ersten Mannes, die der zweite und seine Mutter ungern sähen, besonders annehmen, und der Junge hatte infolge seiner Schwächlichkeit stets ihrer Pflege und Sorgfalt mehr als die anderen bedurft. Es sei zum Weinen wie zum Lachen, sagte Rose, daß diese Leute, aufgewachsen inmitten der Unschuld der Natur, und jahraus jahrein nur mit den geduldigen, stillzufriedenen Tieren und den im ruhigen Kreislauf blühenden und fruchttragenden Pflanzen beschäftigt, für nichts anderes Sinn hätten, als für Geld und Erwerb. Auch für die Bäuerin war das Geldverdienen eine Leidenschaft, doch war sie nicht kleinlich, und ihre Zuneigung, wie sie solche zu Rose hatte, drückte sie nicht selten in großartiger Uneigennützigkeit aus.

Sie luden die Frau ein, sich zu ihnen zu setzen, und Rose sagte: »Nicht wahr, Frau Gundel, ich schelte oft mit Ihnen, daß Sie so viel Aufhebens vom Gelde machen, anstatt des schönen Lebens, das jeder Tag hier bringt, von Herzen froh zu werden.«

»Das Fräulein kann freilich kaum einen Taler von einem Groschen unterscheiden«, sagte die Bäuerin und lachte; »uns, die wir von frühauf die harte Erde graben, liegt das im Blut. Es ist gewiß schön, nur so den Blumen und Tieren und Kindern zuzusehen und Bilder daraus zu machen; das Fräulein weiß aber nicht, wie es ist, wenn man das alles hat und in Ordnung halten muß, und wenn man denkt, daß die Kinder vielleicht einmal allein in der falschen Welt unter fremden, bösen Leuten zurückbleiben, die keinen Zwetschenkern für sie übrig hätten, im Fall sie es hungerte.« – »Ich glaube, die Welt ist weder so falsch, noch sind die Menschen so böse, wie Sie meinen«, sagte Rose. Die Bäuerin ließ nun ihre klugen Augen langsam zwischen Michael und Rose hin und her gehen und sagte freundlich: »Wie Mann und Frau schauen Sie aus, Sie zwei!« worauf Michael nach einer kleinen Pause antwortete: »Wir möchten es einmal werden.«

Als die Bäuerin fort war, sagte Michael: »Ich hätte das vielleicht nicht sagen sollen, aber ich glaubte, wir wären der Frau, die dir so zugetan ist, eine Erklärung unseres Verhältnisses schuldig.« Rose schwieg und nickte; sie blieben noch eine Weile unter den Bäumen sitzen und gingen dann zwischen den Wiesen spazieren, aber es hatte sich eine Schwermut auf sie gelegt, die sie nicht bannen konnten. Erst als die Sonne untergegangen war und es im Dorfe still wurde, kam ihnen die vorige Freude zurück. Es war rings kein Singen von Vögeln, kein Bellen von Hunden, kein Sprechen oder Lachen in den Häusern und Gärten, nur der Wind strich mit großem Flügelschlage über die bleichen Wege und die schwarzen, feuchten Äcker. Was singt er? fragten sie einander. Er singt: O Erde, du Liebesstern, du Leidensblume, du träumerische! Ich umschlinge dich und trage dich durch Schwärme von Sonnen, dein Antlitz ist schöner als alle. Als der Mond aufging, sahen sie sich lächelnd an und sagten langsam flüsternd, indem jedes einen Arm zu dem Gestirn emporreckte: »Mond, bleicher Engel, schütze uns vor Tränen!«

Es fiel nun kein einziger trüber Schatten nieder in die Reihe der herrlichen Tage. Sie wanderten ziellos hierhin und dahin, von jedem Sonnenstrahl, wie von jedem Regentropfen beglückt. Am Sonntag gingen sie während des Gottesdienstes auf dem kleinen Friedhof spazieren, in dem die unförmige weiße Kirche lag: sie sah aus, wie von wilden Riesen flink in einer kurzen Nacht zusammengewälzt. Langsam gingen sie von einem Hügel zum andern und lasen die Inschriften der Kreuze unter dem singenden Gebrumm der Orgel; ein paar kleine Kinder krochen still zwischen den Gräbern umher. Als sie die Kirche umgangen hatten, blickten sie zu Michaels Überraschung in ein Tal, durch welches ein starker, hellgrüner Strom floß; der pyramidenförmige Schatten des Turmes, der darauf fiel, berührte das jenseitige Ufer. »Da können die Toten nachts hinuntersteigen und ans Meer fahren«, sagte Michael; sie sahen lange mit unbewußtem Lächeln in die Strömung und glühten vor Leben.

Die Farben in der Luft und auf der Erde wurden um diese Zeit stärker und leuchtender, und die Wiesen, die vom Löwenzahn durchwachsen waren, zogen sich wie gelbe Flammen durch die Saatfelder hin. In den Bauerngärten hing die Wäsche an Stricken zwischen den blühenden Obstbäumen; rote und blaue Kinderschürzen, weiße Hemden, die sich langsam blähten, und lange, wehende Windeln; auf dem grünen Rasen lagen kirschrote Betten und Kissen zum Sonnen. Rose stand mit Entzücken vor allem, als wäre dies der erste Frühling aller Zeiten, der einzige, schönste, den je glückliche Augen sähen. Oft beugte sie sich zurück und atmete tief, und es schien, als wollte sie alles, was Glieder und Sinne könnten, in sich hineinziehen. »Ich möchte alles verschlingen, bis meine Seele voll wäre«, sagte sie. Er konnte sich nicht satt an ihr sehen; an der kindlichen Schwelgerei, die sich in ihren Zügen so offen aussprach, ebenso wenn sie die Wolken oder die Fluren bewunderte, wie wenn sie ganz bei ihm war und ihn ansah und küßte. Sie schien keine Unruhe, keinen Mangel, keinen Zweifel zu kennen; was sie tat und sagte, strömte in schweren Wellen aus einem goldenen Brunnen, fiel wie ausgereifte Früchte von einem sommerlichen Baume.

Nur das wollte ihn zuweilen schmerzen, daß es ihm vorkam, als bedürfe sie seiner nicht durchaus zu ihrer Lebenswonne, als schöpfe sie Liebe, Übermut und Träumerei, Spielzeug und Bilder aus ihrer eigenen Seele, und er wäre nur der Kamerad, den sie mitspielen ließe. Äußerte er das, so erstarrte sie vor Verwunderung und Entrüstung und sagte inbrünstig: »Nur weil du schön bist, ist die Erde schön, nur weil ich dich liebe, liebe ich auch mich und die Welt!«; sie hatte vergessen, daß es auch, eh sie ihn kannte, Leben, Tätigkeit und Glück für sie gegeben hatte. Er machte sie lächelnd darauf aufmerksam, aber sie schüttelte den Kopf und ließ sich nicht irremachen. »Du weißt es ja nicht«, sagte sie. »Einst beglückte es mich, Schönes zu sehen und zu schaffen, was mir schön schien; jetzt bin ich selbst schön und schaffe mich selber, weil wir uns lieben.«

Auch wenn er ihr von seiner Wissenschaft mitteilte, was ihn fesselte und bewegte, fühlte er sich durch ihre innige und stürmische Teilnahme bereichert. Sie hatte fast gar keine naturwissenschaftlichen Kenntnisse besessen und war immer der Meinung gewesen, sie könnten im unbefangenen Genusse der Natur nur stören. Nun sah sie ein, daß vielmehr jede Erscheinung, je besser sie sie kennenlernte, an Lebendigkeit gewann; es sei ihr zumute, sagte sie, als täten ihre verschwiegenen Lieblinge, deren Wesen sie nur ahnend erfaßt hätte, den Mund auf und erzählten ihre heimlichen Geschichten. Er glaubte, nie etwas Wunderbareres und Reizenderes gesehen zu haben als die Tiere auf dem großen Bilde, das sie gemalt hatte; obwohl mit feinster Beobachtung der Wirklichkeit gemalt, glichen sie doch olympischen Fabeltieren, Verwandlungen der Götter, dem Stier, der Europa entführte, dem Schwan, den Leda liebte. In ihrer heidnischen Majestät und Ruhe umgaben sie das Friedenskind mehr als ob sie es freiwillig beschützten, als daß seine überirdische Kraft sie zu bändigen schien. Das Kind war das Ebenbild des Söhnchens der Bäuerin aus zweiter Ehe, das jetzt etwa drei Jahre alt war und das auch Michael liebgewann.

Es war ein scheues Kind, das immer verleitete, obwohl es wenig sprach, ihm Gedanken und Empfindungen zuzutrauen, die über sein Alter hinausgingen. Auch von den Augen des Kindes ging, wie von denen der Mutter, etwas Gebieterisches aus, doch waren sie von den ihren verschieden; denn ihre Brauen verliefen stark in schöngeschwungenem Bogen, während die des Kindes fein und ganz gerade waren, was dem weichen kleinen Gesichte etwas seltsam Unfehlbares und Unerbittliches verlieh. Das vollendete Mündchen mit der etwas vorschwellenden Oberlippe war fast immer geschlossen, die feine Nase mit dem hohen Rücken streng, auch im Lächeln verschwand der Ernst des Gesichtchens nie ganz; trotzdem machte der Kleine den Eindruck eines zwar schüchternen, aber anschmiegenden Kindes.

Es war eigentümlich, daß das Kind, dem jedermann freundlich begegnete, keinen so zu lieben schien wie seinen Vater, dem es nicht von der Seite wich, wenn er da war. Im Bewußtsein der unrühmlichen Rolle, die er auf dem Hofe spielte, ließ sich der Bauer selten blicken und war nicht zugänglich; nur mit dem Kinde schleppte er sich unermüdlich. Sein Gesicht war widerlich, vom Trunk entstellt, doch hatte er augenscheinlich feine Züge gehabt, und der Kleine mochte ihm gleichen; man konnte sich vorstellen, daß er durch sein hübsches Gesicht, weiches verliebtes Wesen und vielleicht eben durch seine Schwäche das starke Herz der Bäuerin gewonnen hatte. Jetzt schienen nur noch Furcht, Mißtrauen und Verachtung zwischen ihnen zu sein, wenn auch die Gewohnheit und das Mitleid, das Frau Gundel für ihn hatte, es ihnen nicht so schlimm, wie es war, zum Bewußtsein kommen ließen. Sehr verschlimmert wurde das Verhältnis durch die Mutter des Bauern, einer Frau mit blassen Augen und farblosem Gesicht, die immer ein schwarzes Tuch um den Kopf gebunden trug, so daß man ihre Haare nicht sah. Sie pflegte mehrere Male am Tage zur Kirche zu gehen, und Michael und Rose konnten sich ihrer Höflichkeit und Freundlichkeit kaum erwehren; alle, sogar ihr Sohn, auf den sie großen Einfluß hatte, suchten sie, wenn es möglich war, zu meiden. Sie war es hauptsächlich, die den Bauer gegen die Kinder seiner Frau aus erster Ehe aufhetzte; doch hätte Rose wohl nichts davon bemerkt, wenn die Bäuerin, die niemals log und nicht einmal übertrieb, es ihr nicht anvertraut hätte.

Jeden Abend, wenn die Sonne unterging, pflegte die Alte mit einem gedankenlosen Seufzer zu sagen: »Gottlob, wieder ein Tag hin«, und mit einem verstohlenen Seufzer wiederholten Michael und Rose: »Wieder ein Tag hin!« Die acht Tage, die Michael im Dorfe zu bleiben sich vorgenommen hatte, die sie wie eine selige Unendlichkeit vor sich gesehen hatten, waren plötzlich vorüber, wie ein tiefer glücklicher Atemzug verhaucht. Der letzte Tag war ein Sonntag, an dem nach uralter Sitte im Dorfe der Tanz um den Maibaum stattfand. Am Vorabend wurde unter großem Zulauf die hohe Stange aufgerichtet, die den Maibaum vorstellte; an ihrer Spitze war eine lange schmale Fahne von grüner Farbe befestigt. Michael und Rose saßen unter einer breiten Linde, die eben Blätter bekam und die von einem schmalen Holzbänkchen rund umgeben war, und sahen zu, wie das Königspaar, dem zu Ehren das Fest bereitet wird. Am folgenden Nachmittage nahm der Tanz seinen Anfang; unter der brennenden Mittagssonne kam ein Trupp Bauernburschen die Landstraße herauf, johlend und kreischend, voll Staub und Schweiß, von fiedelnder Musik begleitet. An ihren heiseren und unreinen Stimmen und ihrem stolpernden Gange merkte man, daß sie schon viel getrunken hatten; die versammelte Dorfbevölkerung jauchzte ihnen überlaut entgegen. Nun wurde ein Faß Bier herbeigerollt, aus dem unentgeltlich geschänkt wurde; Männer, Frauen und Kinder drängten sich gierig herzu, während die Burschen mit den erhitzten aufgeputzten Mädchen um den Maibaum stampften.

Michael und Rose hatten mit gepreßtem Herzen zugesehen: es war die letzte Stunde, die ihnen gehörte und die sie nicht allein miteinander hatten sein wollen. Rose stiegen die Tränen schwer in die Kehle; während sie sie niederdrückte, sah sie an der hohen Stange hinauf, von deren Spitze das lange grüne Band in die Luft flatterte wie ein Jubelfähnchen. »Es ist nicht alles schön auf der Erde«, sagte Michael und versuchte zu lächeln. Rose erwiderte nichts; sie gingen langsam nach Hause zurück, gespannt und gequält, von der wilden Tanzmusik unablässig verfolgt. Im Zimmer lehnte sich Rose an die getünchte Wand und preßte ihr Gesicht dagegen. »Das Leiden ist zu groß für das Glück«, sagte sie mit harter Stimme. »Sag das nicht, sag das nicht«, bat Michael, die Hände ringend, »nimm mir die einzige Hoffnung nicht. Sollten wir das Höchste begehren und das Schwerste nicht ertragen können?« Sie drehte sich langsam nach ihm um, sah ihn an und reichte ihm eine Hand, während sie mit der anderen winkte, daß er gehen möge; dann ging er schnell durch das heiße lärmende Dorf und die verlassenen Felder zum Bahnhof.

*

In einem Garten des Dorfes hatte Michael oft ein kleines Mädchen von etwa zehn Jahren stehen sehen, das durch den Zaun nach dem Walde zu blickte. Es war braun und mager, und das dunkle Haar hing ihm in Strähnen um das Gesicht; mit dunklen Augen blickte es unentwegt über die Wiesen hin, die damals lachten und leuchteten vom Goldgelb der Blumen, zum Walde, der die Welt für sie abschloß. Es schlängelte sich ein bleicher, steiniger Weg durch die Wiesen in die Tannen hinein, auf dem zuweilen ein schwerer Wagen langsam vorüberächzte und morgens und abends der Briefbote in das Dorf kam, und wo an Sonntagen Herren und Damen in lichten Kleidern auf Rädern hinflogen, deren Plaudern und Lachen flüchtig wie Vogelgezwitscher ins Ohr klang. Das kleine Mädchen sah aus, als ob sie wartete, daß einmal etwas Wunderbares aus dem Walde herausträte und den blassen Wiesenpfad her auf sie zukäme; was mochte sie schon gesehen haben, wenn sie heimlich bei Nacht herausschlüpfte und der Mond dahin schien, wo der Tann sich öffnete?

Dies braune Kind erinnerte Michael jedesmal an Verena, so wenig es der hohen schlanken Dame mit der weißen durchsichtigen Gesichtsfarbe, dem mattblonden Haar und den vornehmen Gewändern ähnlich sein konnte. Es zog ihm das Herz zusammen, wenn er die Kleine sah, und einmal, als er mit Rose Hand in Hand über die Wiesen auf den Garten zukam, wo sie am Zaune stand, war es ihm, als sähen ihn ihre weitgeöffneten Augen schmerzhaft erwartend und vorwurfsvoll an, was ihn so quälte, daß er Mühe hatte, die Empfindung vor Rose zu verbergen.

Dennoch liebte er Verena nicht mehr; ja er konnte sich fast nicht vorstellen, daß er sie jemals liebgehabt hatte. Als sie einander das erstemal nach Michaels Abreise wiedersahen, fanden sie eine Kluft zwischen sich liegen, über die sie sich nicht die Hände reichen konnten; aber er hatte das vorausgesehen, während sie es ganz anders erwartet hatte. War sie auch ihm gegenüber nur die große Dame, kühl und überlegen, so hatte sie doch, solange er fort war, oft wie die braune Kleine am Gartentor gestanden und sehnsüchtig hinausgehorcht, ob er käme und sie liebhätte.

Ehe er noch ein Wort gesprochen hatte, erkannte sie an seinem Lächeln und seiner Haltung, wie er zu ihr stand, und ihre ganze Seele spannte sich darauf, viel kälter und fremder zu erscheinen, als er sein konnte. Sie hatte immer ein Lächeln auf den Lippen, das ihn zu verhöhnen schien, und suchte ihn dadurch zu kränken, daß sie den kleinen Mario mit dem Dienstmädchen spazierengehen ließ oder sonst von Michael entfernte, alles aber so, daß es mit der Gleichgültigkeit, die sie gegen ihn zur Schau trug, nicht in Widerspruch stand.

Als Michael fort war, sagte ihre stolze, hochfliegende Seele: Du sollst nicht weinen, du sollst nicht ohnmächtig klagen. Wenn er dich nicht mehr lieben kann, soll er doch sehen, daß du der Liebe wert wärest. Du sollst frei werden und den Kampf mit dem Schicksal auskämpfen; hat dich doch immer nach einer Krone gelüstet. Aber die andere Seele, die in ihr war, die feige, schwächliche, machte sich schwer und wollte sich von dem weichen Kissen, auf das sie sich geduckt hatte, nicht wegziehen lassen. Es hätte jetzt nichts mehr im Wege gestanden, daß Verena sich in der Malerei ausbilden ließe, was von jeher ihr Wunsch gewesen war, und sie erwog es auch häufig in Gedanken. Was sie zurückhielt, war hauptsächlich die Voraussicht, daß sie es niemals so weit bringen würde wie Rose. Ja, würdest du ihr auch gleichkommen oder sie übertreffen, sagte ihre feige Seele, würde er es doch nicht gelten lassen, und schon dem beständigen Vergleich sollst du dich nicht aussetzen. Ebenso fiel es ins Gewicht, daß sie die unverdrossene Anstrengung scheute; denn sie hatte niemals dauerhaft gearbeitet, und obwohl sie wußte, daß auch in der Kunst ohne strenge Arbeit nichts Großes erreicht wird, versuchte sie doch immer wieder auf Schleichwegen in das heilige Gebiet einzudringen und war stolz auf diese kleinen, geschickt hingeworfenen Malereien und Kunstfertigkeiten, die ihre Umgebung entzückten und ihr den Ruf der Genialität eintrugen.

Inzwischen, bis sie etwas anderes gefunden hätte, woran sie ihre Kraft erproben könnte, warf sie sich auf die Pflege der Geselligkeit, wobei ihr Schwager Raphael ihr zur Seite stand. Solange sie mit Michael glücklich war, hatte sie zwar auf ihn als auf einen tief unter ihm Stehenden herabgesehen; denn sie war ein eifriger Anbeter ihres Gottes und schlachtete ihm gern alle Götzen und Idole, deren sie habhaft werden konnte; aber im Grunde war er ihr nie unsympathisch gewesen, und nun sie sich mehr mit ihm beschäftigte, fand sie sich ihm sogar in mancher Hinsicht verwandt. Auch näherte sie das einander, daß sie sich als Unglücksgefährten betrachten konnten, die ein wütendes Gestirn jählings aus ihrer Bahn geschleudert hatte. Im Grunde zwar kam Raphael erst jetzt recht zum Genusse seines Künstlerberufes; früher hatte er stets darunter gelitten, daß er keine Werke aufzuweisen hatte, da er doch den Künstlernamen führte, jetzt aber machten es ihm die widerwärtigen Verhältnisse unmöglich, etwas Handgreifliches zu leisten, und er konnte sich in den Stunden, die das Geschäft ihm freiließ, unbehelligt und ungekränkt als Dichter fühlen. Wie er selbst sein Poetentum zuversichtlicher als sonst betonte, fand er auch in weiteren Kreisen mehr Glauben; auch Verena neckte ihn nicht mehr, seit sie für sich selbst das große tüchtige Schaffen immer weiter hinausschob und sich mit dem Seifenblasenschimmer mühelos vorgespiegelter Möglichkeiten befreundete. Eine hübsche Gabe besaß Raphael wirklich: den Augenblick mit netten, launigen und auch empfindungsvollen Versen zu schmücken, besonders wenn Zuhörer da waren, denen er gefallen wollte und die seine Eitelkeit rege machten, und wenn der Wein und fröhliche Stimmung ihn angefeuert hatten.

Ohne ihn mochte Verena bald nicht mehr in Gesellschaft erscheinen, denn seine anmutige Huldigung ersetzte ihr den Leuten gegenüber, daß ihr der Mann fehlte. Es schmeichelte ihr, daß der umworbene junge Mann sie sichtlich allen anderen vorzog, und von den jungen Mädchen, denen er flüchtig den Hof machte, immer wieder zu ihr zurückkehrte. Schließlich lag ein besonderer Reiz darin, sich der lockenden Süßigkeit, die zuzeiten von ihm ausströmte, hinzugeben, und doch sicher zu sein, daß sie ihn niemals lieben würde. Gefahren drohten ihnen keine, weder ihm von ihr noch ihr von ihm, dazu kannten sie einander zu genau; nur an der Oberfläche berührten sie sich mit schmeichelndem Gefühle. Begegneten sie sich auf einem Balle in einem Figurentanze, so legten sie ihre Hände mit ganz feinem Druck ineinander, und ihre Augen begrüßten sich mit einem zarten, liebgeheimen Verständnis, das in einem letzten Schleier, mochte er noch so dünn sein, verhüllt blieb. Ihre Seelen näherten sich einander in manchen Augenblicken, aber sie traten nie ganz über die Schwelle und wichen wie auf Verabredung geschwind wieder in das Innerste zurück.

Raphael war nicht Verenas einziger Verehrer, es verstand sich von selbst, daß die schöne, von ihrem Manne preisgegebene junge Frau, die das Gesellschaftswesen mit solcher Leidenschaft betrieb, Männer aller Art an sich zog. Bei anderen Frauen konnte man etwa den Gatten beleidigen, junge Mädchen konnten durch Heiratspläne gefährlich werden, bei Verena hingegen wagte man nichts, als plötzlich einmal, wenn es ihre Laune wollte, übersehen und beiseite geworfen zu werden. Ihr den Hof zu machen, gestattete sie jedem, ja es war ein unersättlicher Hunger in ihr, den nur Schmeichelei stillte, die immer stärker werden mußte, je häufiger sich die Berauschung wiederholte. Wenn sie allein war, kamen Stunden, wo ihre stolze, hochfliegende Seele die Hände rang und zürnend zu ihr sagte: Ich leide! Siehst du denn nicht, wie ich leide? Du hast mich Hochgeborene auf den Markt gebracht und in die Sklaverei verkauft. Du gehst in gestickten Kleidern, und Toren und Gecken begaffen und betasten dich, und ich bücke meine Stirn in den Staub, ich, die ich nach den Höhen wollte und eine Krone suchte.

Michael sah bei seinem nächsten Besuche mit Verwunderung den freundschaftlichen Verkehr, der sich zwischen seiner Frau und seinem Bruder angesponnen hatte, und so sehr ihn alles erfreute, was sie beschäftigte und gewissermaßen von ihm ableitete, konnte ihm doch nicht ganz wohl dabei werden. Das stattliche Haus lag im tiefen Schatten, und nichts, was darin vorging, konnte man mehr leichtnehmen. Er fühlte Verenas inneres Leiden lebhafter, als sie selbst es sich zugestand, und grübelte darüber, wie ihr eine Bahn zu eröffnen sei, wo sie ihre Talente üben und ihren Ehrgeiz befriedigen könnte. Das Nächstliegende mußte auch für ihn die Malerei sein, und obwohl er den Gegenstand scheute, fing er doch eines Tages davon an, indem er sie zu überreden suchte, daß sie jetzt ihre alten Pläne ausführte. Sie lächelte spöttisch und fragte, ob jetzt in seinen Augen nur Malerinnen liebenswerte oder achtenswerte Frauen wären. Er machte sie ruhig darauf aufmerksam, daß es von jeher, wie sie ihm früher oft gesagt hätte, ihr sehnlicher Wunsch gewesen sei, sich auszubilden, worauf sie rasch, um das Gespräch damit abzubrechen, entgegnete: »Das war früher, jetzt aber bist du deine Wege gegangen und solltest mich die meinen gehen lassen.« Michael sagte: »Als ich den neuen Weg einschlug, von dem du jetzt so bitter sprichst, billigtest du ihn und hast mich sogar darauf gefördert; hast du jetzt deine Ansicht geändert?«

»Er hat dich weit von uns weggeführt«, sagte Verena, und sah ihm mit dunklem Blick ins Auge, »und ich fürchte anderswohin, als wo deine Frau dich gerne sehen könnte.«

Michael wußte, daß das einmal zur Sprache kommen mußte, und obwohl er sichtlich erblaßte, blieb er in unveränderter Stellung auf seinem Platze sitzen und sagte: »Ich habe Rose wiedergesehen und liebe sie so wie damals. Das ist ein Unglück für uns beide, aber kein schlimmeres, als sehr viele Menschen trifft, und wir sind eher in der Lage, es zu ertragen als die meisten.«

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Litres'teki yayın tarihi:
05 şubat 2026
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ISBN:
4066338117427
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