Kitabı oku: «Ricarda Huch: Deutsche Geschichte – Mittelalter – I. Römisches Reich Deutscher Nation –»
Ricarda Huch
Ricarda Huch: Deutsche Geschichte – Mittelalter – I. Römisches Reich Deutscher Nation –
Band 178 in der gelben Reihe – bei Jürgen Ruszkowski
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort des Herausgebers
Die Autorin Ricarda Huch
Deutsche Geschichte – Band I. – Römisches Reich Deutscher Nation
Bonifatius
Die ersten Karolinger und die Päpste
Karl der Große
Die Deutschen und das Christentum
Das Kloster
Der Adel
Die Ottomanen
Bischöfe
Frauen
Der Norden
Imperatoren
Heinrich IV. und Gregor VII.
Heinrich IV. und die Stände
Welfen und Staufer
Kaiser und Papst
Ausgang
Die Kreuzzüge
Die Kolonisation
Die letzten Hohenstaufer
Kaufleute
Städte
Die Juden
Die Juden und der Wucher
Ketzer
Die heilige Elisabeth und der Deutsche Orden
Geistiges Leben
Albert Magnus
Der Rheinische Bund
Stedinger, Friesen, Ditmarscher
Schlachten
Die Eidgenossenschaft
Der falsche Friedrich
Sprache und Nationalität
Die Mystiker
Karl IV.
Territorialfürsten
Österreich
Zunftkämpfe
Städtebünde
Das Konzil zu Konstanz
Die Hanse
Siegmund im Reich und im Osten
Die Reformation des Kaisers Siegmund
Gutenberg
Untergang des Deutschen Ordens
Die Auflösung
Die maritime gelbe Buchreihe
Weitere Informationen
Impressum neobooks
Vorwort des Herausgebers
Vorwort des Herausgebers

Von 1970 bis 1997 leitete ich das größte Seemannsheim in Deutschland am Krayenkamp am Fuße der Hamburger Michaeliskirche.

Dabei lernte ich Tausende Seeleute aus aller Welt kennen.
Im Februar 1992 entschloss ich mich, meine Erlebnisse mit den Seeleuten und deren Berichte aus ihrem Leben in einem Buch zusammenzutragen. Es stieß auf großes Interesse. Mehrfach wurde in Leser-Reaktionen der Wunsch laut, es mögen noch mehr solcher Bände erscheinen. Deshalb folgten dem ersten Band der „Seemannsschicksale“ weitere.
Hamburg, 2021 Jürgen Ruszkowski

Ruhestands-Arbeitsplatz
Hier entstehen die Bücher und Webseiten des Herausgebers
* * *
Die Autorin Ricarda Huch
Die Autorin Ricarda Huch
https://www.projekt-gutenberg.org/autoren/namen/huchric.html

Ricarda Octavia Huch wurde am 18. Juli 1864 in Braunschweig geboren und starb am 17. November 1947 in Schönberg im Taunus. Sie war eine deutsche Schriftstellerin, Dichterin, Philosophin und Historikerin, die als eine der ersten Frauen im deutschsprachigen Raum im Fach Geschichte promoviert wurde. Sie schrieb Romane und historische Werke, die durch einen konservativen und gleichzeitig unkonventionellen Stil geprägt sind.
* * *
Deutsche Geschichte – Band I. – Römisches Reich Deutscher Nation
Deutsche Geschichte – Band I. – Römisches Reich Deutscher Nation
https://www.projekt-gutenberg.org/huchric/dtgesch1/chap001.html
Zuerst 1934 im Atlantis-Verlag Berlin erschienen
* * *

Das Römische Weltreich liegt in Trümmern, aber es ist nicht tot. Es lebt ein gesteigertes Leben, seit es nicht mehr Wirklichkeit ist; denn es ist Idee geworden. Einem Lied gleicht es, das in das Ohr eines Schlafenden dringt und ihm wunderbare Träume erzeugt. Nichts, das man am Tag hört, tönt so laut, so hinreißend; erinnert man sich wachend seiner auch nicht deutlich, so bleibt man doch seiner unvergleichlichen Schönheit bewusst, die ewige Sehnsucht erregt. Es hob das Herz wie ein Schlachtgesang, strahlend von Majestät und Triumph, es durchbohrte das Herz mit feierlicher Trauer wie ein Choral. Weltherrschaft und Christentum waren darin verschmolzen, Imperium sine fine dedi (Ich habe dir endlose Befehle gegeben) – Endlos daure das Reich, das ich gab. Die Verkündigung Jupiters, des Vaters der Götter und Menschen, durch die Virgil dem Römerreich unendliche Dauer verheißt, schlug in einen gewaltigen Akkord zusammen mit den Worten des Herrn, auf welche die Kirche ihren Anspruch auf Unvergänglichkeit gründet: Tu es Petrus – Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeinde, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. Götterworte übten bindenden Zauber, beugten die siegreichen Söhne Germaniens unter Rom in Trümmern.
Manche von den Germanen hatten Rom gedient, manche hatten sich ihm unterworfen, andere es bekämpft, es besiegt, alle glaubten an das Römische Reich. Es war eine von Gott errichtete Ordnung, von Gott dadurch beglaubigt, dass er innerhalb dieses Reiches Fleisch geworden war, außerhalb dessen das Chaos der Heidenwelt brandete, und Rom war sein Haupt. Roma sancta, Roma aeterna (Heiliges Rom, ewiges Rom). Es war der Sitz der Cäsaren gewesen, es war jetzt der Sitz der Päpste, es konnte verfallen und veröden, es blieb der magische Punkt, durch den die Erde mit den Göttern verbunden war. Die Germanen waren reich an Gegenwart und Zukunft, aber Rom, wenn es auch darniederlag, besaß einen Schatz über alle Schätze, es besaß geformte Vergangenheit. Alte Kultur ist Schwerkraft, die den Menschen unwiderstehlich anzieht; je näher er der Natur steht, desto williger beugt er sich ihrem vergilbten Glanze. Verschiedene germanische Völker gründeten Reiche, die überraschend aufblühten, einige vergingen so rasch, wie sie entstanden waren, alle glaubten ohne Wurzel im Zufälligen der eigenen Kraft zu schweben, bis sie unvergänglich göttlichen Rechtsgrund im Römischen Weltreich fanden.
* * *
Bonifatius
Bonifatius

Selten ist es den Menschen vergönnt, aus eigenem Geiste eine Tat von dauernder Bedeutung zu tun; ein dazu Auserwählter war Winfried Bonifatius, der die Kirche des Frankenreiches dem Papst unterwarf. Wieviel Umwälzendes die Jahrhunderte den britischen Inseln gebracht haben, der Angelsachse des 8. Jahrhunderts war dem Engländer der neuen Zeit ähnlich: tatkräftig, sachlich, streng kirchlich, ohne fromm zu sein, großartig in seinen Entwürfen, im Organisieren, so dass man den jungen Mönch des Klosters Nutscelle gern zu diplomatischen Geschäften verwendete. Es würde ihm an Ehren und Einfluss in der Heimat nicht gefehlt haben; aber ihn bewegten größere Gedanken. Er ging aus von dem Wunsche, die Friesen zu bekehren, nichts Fernliegendes für ihn, denn von den Iren und Angelsachsen war größtenteils die Mission unter den germanischen Stämmen des Festlandes ausgeführt worden. Die keltischen Iroschotten, die Ureinwohner der Inseln, gehörten der alten britischen Mönchskirche an, die den Verfall des Römischen Reiches überdauert hatte, die Angelsachsen der von Papst Gregor I. gepflanzten bischöflichen Kirche. In der britischen Mönchskirche bestanden allerlei von der Papstkirche abweichende Gebräuche, wie dass die Ehelosigkeit der Geistlichen bei ihnen kein Gebot war, hauptsächlich aber waren sie, wenn sie auch mit dem römischen Papst in Beziehung standen, doch unabhängig von ihm, indem der Begriff der Fortpflanzung der göttlichen Priesterweihe durch den römischen Bischof bei ihnen nicht galt. Die Geringschätzung, mit welcher die Angelsachsen auf die Mönchskirche herabsahen, hatte vermutlich ihren Grund mehr darin, dass sie überhaupt die unterworfene Rasse verachteten, als in den Eigenheiten ihrer Verfassung. Mangel an Bildung konnte man den Iroschotten kaum vorwerfen, die sogar Griechisch verstanden und lehrten; es war wohl mehr etwas Regelloses, Schweifendes, Phantastisches in ihrem Wesen, was die Angelsachsen abstieß. Der sächsische Stolz war bei den Angelsachsen noch gesteigert; Winfried war von vornehmer Abkunft, dazu persönlich durch das Machtgefühl eines überragenden Geistes und unbeugsamen Charakters gehoben. Die Bekehrung der Friesen war eine Aufgabe der Zeit, zuerst vom Erzbischof von York versucht, der bei einer Romreise an die friesische Küste verschlagen war, während der Frankenherrscher Pipin von Heristall (635 – 714) und dessen Sohn Karl sie mit dem Schwert zu unterwerfen trachteten. Der kriegerische Angriff verdoppelte die Widerspenstigkeit der Friesen gegen die Glaubensboten; denn der neue Gott stellte sich offensichtlich dar als der Gott von Feinden, die ihrer Freiheit nachstellten. Ein Sieg Pipins hatte zunächst Erfolg: der Friesenhäuptling musste einen Teil seines Landes abtreten und eine Tochter einem Sohn Pipins, Grimsald, zur Frau geben.

Willibrord
Der angelsächsische Missionar Willibrord war Pipin als Gehilfe willkommen, er gründete das Kloster Echternach, stellte sich dem römischen Papst vor und wurde von diesem zum Erzbischof von Utrecht geweiht, demselben Ort, wo Radbod, der Friesenhäuptling, seinen Sitz hatte.

Klosterkirche Echternach – Foto: © Raimond Spekking
Dieser rasche Erfolg war nicht von Dauer: Grimsald wurde auf der Reise zu seinem erkrankten Vater in der Kirche von Lüttich von einem Friesen ermordet, der, wie man glaubte, ein Beauftragter Radbods war. Als bald darauf Pipin starb, fiel das eroberte Gebiet ab. So war die Lage, als Winfried, etwa fünfunddreißig Jahre alt, sich dem verschütteten Werk zu weihen beschloss. Er fuhr nach Friesland hinüber und hatte eine Unterredung mit Radbod; dabei muss er den Eindruck unüberwindlichen Widerstandes empfangen haben, denn er kehrte bald in sein Kloster zurück, nicht um seinen Plan aufzugeben, sondern um ihn anders anzupacken. Winfried war nicht ein Glaubensbote, wie Columban, Gallus, Pirmin gewesen waren, die das Feuer ihres Glaubens auf die Heiden zu übertragen wussten, die Mensch und Tier durch die fremde Rede bezauberten, auch mit der Faust dreinschlugen, wenn das Wort nicht verfing; Winfried war ein Aristokrat, dem es mehr auf Kultur als Religion ankam, den das Ungeordnete mehr beleidigte als das Unchristliche. Als ein rechter Engländer sah er die Religion als Teil der staatlichen Ordnung an und beschloss, sein Bekehrungswerk nicht als ein Abenteurer gleichsam von unten aus im Herzen des Volkes, sondern von oben und außen her, als Organisation an die Hand zu nehmen, ausgehend von der Spitze der Kirche, dem römischen Papst. Nachdem er die eben erhaltene Abts-Würde niedergelegt hatte, ging er nach Rom, um sich vom Papst die Vollmacht zur Missionspredigt zu holen. Auch die Romreise war etwas Zeitgemäßes, sie wurde von den britischen Inseln aus mit Vorliebe unternommen. Geistliche und weltliche Personen, männliche und weibliche folgten dem Zug nach der Hauptstadt der Welt, nach dem heiligen Sonnenland. Dort war, wie in unseren Tagen, eine Kolonie von Fremden, dort machte man interessante Bekanntschaften, dort trank man, gelöst vom Alltag, aus einem Lebensstrom, der über fabelhaften Ruinen voller als anderswo rauschte. Die vier Päpste, die Bonifatius erlebte, Gregor II., Gregor III., Zacharias und Stephan III., waren ihm gegenüber die Lässigeren, wenn sie auch auf seinen Plan, die fränkische Kirchenhierarchie aufzubauen, willig eingingen. Als Haupt der Christenheit sich fühlend, mochten sie denken, die Barbarenreiche würden ihnen ohnehin einmal als zeitige Frucht in den Schoß fallen, zum Teil waren sie mittelmäßige Leute, die nicht den immertätigen Geist des großen Angelsachsen hatten. Die Eigenschaften und Zustände des Nordens waren ihnen wenig bekannt, die Schärfe der Abneigung Winfrieds gegen die irischen Mönche und ihre Mission, gegen die verweltlichten fränkischen Bischöfe fühlten sie nicht mit. Andererseits waren sie gewöhnt, von den germanischen Christen als Schiedsrichter und Wissende in unzähligen Fragen des Staates, der Kirche, der Sitte angerufen zu werden. Sie waren die Inhaber der Tradition, von ihnen glaubte man erfahren zu können, was gültig war.

Papst Gregor II. – Foto: 3268zauber
Nachdem Winfried dem Papst Gregor II. förmlich gehuldigt und von ihm einen Kodex des kanonischen Rechtes empfangen hatte, unterwarf sich der stolze Sachse dem Urteil des römischen Bischofs mit erstaunlicher Selbstüberwindung. In den meisten Fällen waren die Entscheidungen der Päpste so verständig, dass sie ohne weiteres einleuchteten; aber in dem kanonischen Gesetz zum Beispiel, wonach geistliche Verwandtschaft, nämlich die Patenschaft bei demselben Kind, ein Ehehindernis bildet, konnte er, obwohl er sich Mühe gab, begreiflicherweise keinen Sinn finden. Wie sollte er denen, die unter dieser Bestimmung zu leiden hatten, den Grund ihres Leidens begreiflich machen? Da der Papst darauf bestand, schluckte er den Bissen ohne Sinn hinunter. Wenn es seinen Begriff von Religion anging, wenn er sah, wie in Rom heidnischer Aberglaube ungerügt sein Wesen trieb, konnte er aber auch die Unterwürfigkeit abwerfen und den Papst wegen seiner unzeitigen Duldsamkeit abkanzeln, wie wenn er der Herr wäre. Ausgestattet mit der Vollmacht des Papstes hat der Apostel in Thüringen und Hessen das heidnische Volk bekehrt, Klöster gegründet und mächtig die heiligen Eichen vor den entsetzten Augen ihrer Verehrer gefällt; aber die Organisation und die Belehrung der Gebildeten lagen ihm mehr. Für diese hatte seine Erscheinung etwas Blendendes, namentlich für die gebildete oder nach Bildung strebende Jugend. Als er auf seinen Reisen im Nonnenkloster Pfalzel bei Trier einkehrte, dessen Äbtissin eine Enkelin des Merowingerkönigs Dagobert II. war, bestand ihr fünfzehnjähriger Enkel Gregor darauf, dem Fremden zu folgen; ebenso schloss sich ihm der junge Bayer Sturm an. Die Jugend wusste sich nichts Schöneres, als diesem Mann, der unentwegt ein hohes Ziel verfolgte, der alles Niedrige verabscheute, und der durch Niedriges unberührbar zu sein schien, zu dienen. Am liebsten waren ihm als Mitarbeiter seine Landsleute, die auf seinen Wink begeistert aus den angelsächsischen Klöstern herbeiströmten. Unter ihnen war eine Verwandte, Lioba, deren Mutter, während sie schwanger war, geträumt hatte, sie trage eine Glocke unter dem Herzen, die zu läuten beginne. Da sie klug und begabt war, sich lieber mit Lesen, Schreiben und Dichten als mit Handarbeit beschäftigte, übergab man sie einem Kloster; Bonifatius machte sie zur Äbtissin des Klosters Tauberbischofsheim. Man liebte sie wegen ihrer zarten Lieblichkeit; doch ging sie festen Schrittes ihren einsamen Weg. Seinen Jüngern gegenüber war Winfried ein gütiger, wenn auch viel fordernder Herr, gegen die, welche sich ihm nicht unterwarfen oder die er als schädlich ansah, war er ein unnachgiebiger Verfolger. Er hasste die hohen Geistlichen, die, wie das bei den Franken nicht selten war, ein weltliches Leben führten, und diejenigen, die den römischen Kanon verwarfen oder irgendwie von ihm abwichen. Was für Kämpfe und Ränke stattfanden, ist uns nicht im Einzelnen überliefert; aber gewiss ist, dass seine Bestrebungen auf mancherlei Widerstand stießen. Es war leichter, in den noch heidnischen Gegenden Klöster zu gründen, dort geeignete Vorsteher einzusetzen, Kirchen zu bauen, als da, wo sich schon eigenartiges Leben in Kirchen und Klöstern entfaltet hatte, dies in eine einheitliche Ordnung einzubinden. Gewald, Erzbischof von Mainz, hatte Karlmann, den Bruder Pipins, der mit diesem gemeinschaftlich regierte, in den Sachsenkrieg begleitet und war gefallen. Dessen Sohn Gewilieb, beim Tode des Vaters Laie, empfing rasch die Weihen, um sein Nachfolger werden zu können; sein Leben änderte er deswegen nicht. Der neu ausbrechende Krieg gab ihm Gelegenheit, seinen Vater zu rächen: er forderte den Sachsen, der Gewald getötet hatte, zu einer Unterredung auf, und als der Gerufene erschien, brachte er ihn um. Winfried fand, dass Krieg und Mord kein Geschäft für christliche Bischöfe sei; aber die fränkischen Bischöfe waren gewohnt, ihre Würde als ein königliches Amt zu betrachten, dessen kirchliche Seite nur die zufällig Frommen pflegten. Schließlich setzte Winfrieds Eifer durch, dass Gewilieb auf einer Synode abgesetzt wurde; bestraft wurde er nicht, sondern setzte sein weltlich prächtiges Leben auf seinen Gütern fort. Auch die Gegner der Lehre und der Organisation warf Bonifatius nach langen Kämpfen mit Härte nieder, nur mäßig unterstützt vom Papst und von den fränkischen Herrschern.

Karl Martell (Foto: J. Patrick Fischer) (* zwischen 688 und 691; † 15. Oktober oder 22. Oktober 741 in der Königspfalz Quierzy) war ein fränkischer Hausmeier. Er stieg als Sohn Pippins des Mittleren in dieses Amt auf, dessen Besetzung durch Nachfolgekämpfe geprägt war, auf die der merowingische König keinen Einfluss mehr hatte.
Karl Martells Großtat, die Zurückwerfung der Sarazenen nach Spanien, machte ihn zum Helden des germanisch-romanischen Abendlandes, die Kirche betrachtete ihn, der gewalttätig mit dem Kirchengut geschaltet hatte, um seine Gefolgsleute belohnen zu können, mit scheuer Abneigung. Winfried ließ sich einen Schutzbrief von ihm ausstellen, da er einsah, dass sich ein solcher in strahlenden Taten ausgeprägter Ruhm nicht übersehen ließ und dass es klüger sei, ihn zur Befestigung der eigenen Stellung zu benützen; aber die beiden Großen waren zu anders geartet und hatten zu verschiedene Wege vorgeschaut, als dass sie sich freundschaftlich hätten berühren können. Wenn Winfried den Hof mied, tat er es sicher nicht, um den Verführungen auszuweichen, die für ihn keine waren, sondern um als ein Herr nicht dem Herrscher begegnen zu müssen, der sich als den Höheren betrachtet hätte, und der sicher der Mächtigere war. Als lange nach Winfrieds Tod seine Freundin Lioba einer dringenden Einladung der Kaiserin Hildegard folgte, bat die Äbtissin ihre freundliche Gastgeberin, indem sie sie unter Tränen umarmte, sie sofort wieder zu entlassen; so sehr wirkte Winfrieds Verhältnis zu den fränkischen Herrschern im Herzen der ihm Ergebenen nach. Ausschalten ließ sich die Mitwirkung der Herrscher bei den kirchlichen Dingen nicht, sie beriefen die ersten großen Synoden, die auf Anregung des Bonifatius stattfanden. Als auf einer Synode des Jahres 747 die anwesenden Bischöfe und Geistlichen die Metropolitanverfassung annahmen, eine Urkunde über den orthodoxen Glauben ausstellten und sie dem Papst übersandten, konnte er sein Ziel als erreicht betrachten. Die Einheit der Kirche im Aufbau und im Glauben unter dem Papst war hergestellt.
Trotzdem war der stolze Mann nicht befriedigt. Tiefe Traurigkeit lastete oft auf ihm wie ein körperlicher Schatten. Er fühlte sich im Bezirk seiner Wirksamkeit in der Fremde, angefeindet, nicht richtig gewertet. Sein Wunsch, das Erzbistum Köln zu erlangen, wo er den Friesen nahe gewesen wäre, wurde ihm nicht erfüllt, weil die dortige hohe Geistlichkeit ihn ablehnte, anstatt dessen bekam er Mainz, das er nicht gewollt hatte. Mehr hing sein Herz an dem Kloster Fulda, das er selbst gegründet und dem Papst unmittelbar unterstellt hatte, womit jede Möglichkeit königlicher Eingriffe ausgeschaltet war. In dieser Anstalt sollte die strenge Regel des heiligen Benedikt herrschen, nach welcher das Kloster einen selbständigen Wirtschaftsbezirk zu bilden hatte, wo alle erforderliche Arbeit von den Klosterbrüdern selbst, ohne Hilfe dienender Laien geleistet würde. Der Ort, wo später das Kloster Hersfeld entstand, den Winfrieds Schüler Sturm zuerst ausgewählt hatte, erschien ungeeignet, weil zu nah am heidnischen Gebiet gelegen; so wanderte der Abgesandte weiter durch sommerliche Buchenwälder, bis ihn eines Tages ein Tal von besonderer Lieblichkeit fesselte. Da war der Boden wie eine Wiege gestaltet, die den Menschen hegend umfassen will, und Hügel und sanfte Bergkuppen zogen einen schützenden Ring darum; da führte ein geselliger Fluss das klare Wasser herbei, das fast wie die Luft zur Erhaltung des Lebens notwendig ist, da gab es außer dem Holz der Wälder Basalt und Sandstein als Material zum Bau des Gotteshauses. Nachdem Karlmann, damals noch Regent in Oberhessen, das gewünschte Gebiet geschenkt hatte, wurde die Errichtung des Klosters in Angriff genommen.

Kloster Fulda
Von einem Hügel herab sah Winfried, alternd und zuweilen der unbequemen Reisen, der bitteren Kämpfe und der eigenen Leidenschaften müde geworden, den emsigen Männern zu und dem Erwachsen des kleinen Reiches, wo er für eine Zeitlang wenigstens Zuflucht und Heimat und bald vielleicht die ewige Ruhe finden würde. Von der alten Kirche und dem alten Kloster, die seine Augen sahen, ist nichts übriggeblieben, das festliche Barock des heutigen Doms ist unendlich fern von dem ernsten, glühenden, weltüberwindenden Geist der Stifter des ersten. Einzig die karolingische Rotunde der Michaeliskirche, einsamer Fremdling, der in unverständlicher Zunge redet, hat eine Spur davon erhalten.
Als Winfried etwa siebzig Jahre alt war, körperlich sehr hinfällig, mit schneeweißem Haar, so schildert ihn einer, der ihn damals sah, ergriff ihn wieder der Wunsch seiner Jugend, den Friesen das Wort Gottes zu predigen. Er hatte damals den Plan zugunsten eines anderen aufgegeben, aber es scheint, dass er ihn nie aus den Augen verloren hatte. Vielleicht betrachtete er die Friesen als einen besonders nahverwandten Stamm und ihr Land als seinem Volk besonders zugehörig; denn von dort sollen die Angelsachsen ausgezogen sein, um Britannien zu erobern, worauf die Friesen in das verlassene Gebiet eindrangen. Damals hatte er eben das Mannesalter erreicht, und sein Werk lag vor ihm, er wollte das Leben erhalten, das seinem Werke geweiht war; jetzt war es anders. Sein Werk war getan und sollte gekrönt werden durch den Märtyrertod. Die, welche die Nachfolge des Herrn gelobt hatten, sehnten sich danach, zu sterben wie er, gleichsam mit ihm, wie Gefolgsleute mit ihrem Herzog. Trotzdem zog er nicht aus wie ein einfacher Glaubensbote, der mit keinem anderen Schild als seinem Glauben sich in den Rachen der Hölle wagt; sondern er reiste als der Kirchenfürst, der Legat des Papstes, umgeben von einem zahlreichen bewaffneten Gefolge, mit allerlei Reisegepäck, auch Büchern, als der höchste Geistliche Germaniens, der sich einer entfernten, noch unsicheren Gemeinde zeigen will. Zugleich aber, entsprechend der zwiefachen Richtung seines Geistes, schickte er sich an wie zum gewissen Tode, als wisse er, dass der Tod seit dem Anfang seines Lebens dort an der friesischen Küste stände und ihn erwartete. Bevor er abreiste, nahm er in Mainz Abschied von seinen Getreuen und ließ auch Lioba kommen, um sie noch einmal zu sehen und seinen Freunden zu empfehlen. Er traf die Bestimmung, dass er in Fulda bestattet sein wolle, und dass, wenn Lioba einst gestorben sein würde, ihr Leichnam zu dem seinigen in seinen Sarg gelegt werde. Die er im Leben sich ferngehalten hatte, getreu dem strengen Gebot, dem er sich unterstellt hatte, riss er im Tode an sich, in seinem herrischen Sinn sicher, dass sie so oder so die Seine war, ihm folgend in der Entsagung, ihm folgend im besten Eins werden der Liebe. Dies Hervorflammen einer ein Leben lang zurückgehaltenen Leidenschaft mochte für die Jünger des alten Mannes etwas Erschreckendes haben; sie schwiegen, aber sie getrauten sich nicht, als Lioba gestorben war, seinen Befehl auszuführen. Jedoch hielten sie die zarte Freundin des Heiligen so hoch, dass ihr als der einzigen Frau gestattet wurde, im Kloster Fulda als Gast empfangen zu werden. Sie wurde auf dem Petersberg beigesetzt; während Winfrieds Leiche, wie ungern auch Mainz auf die Überreste seines großen Erzbischofs verzichtete, seinem Willen entsprechend nach Fulda überführt und in der Kirche des Klosters bestattet wurde. Die Bibliothek bewahrt das aus dem Domschatz übernommene Buch auf, mit dem Bonifatius in unwillkürlicher Bewegung wie mit einem Schild den Streich des Mörders abzuwehren suchte, und das die Spuren des ihm geltenden Schwerthiebes trägt.
Denn der Erzbischof fand mit 52 Begleitern den ersehnten Tod; es war, als wenn der Himmel, der dem ordnenden Herrscher beigestanden hatte, auch seinen Opfermut bestätigen wollte.

Die Sonne eines heiteren Sommermorgens war eben aufgegangen, und Bonifatius erwartete bei seinen Zelten friesische Christen zur Firmung, als eine Schar friesischer Männer die Fremden überfiel, wahrscheinlich mehr von Raublust als von Glaubenshass angetrieben. Eine Frau berichtete später, dass sie gesehen habe, wie der Erzbischof, den Arm mit dem Buch erhoben, den Todesstreich empfing.
* * *
Die ersten Karolinger und die Päpste
Die ersten Karolinger und die Päpste
Bei der Bekämpfung der Araber hatte Karl Martell die Langobarden zu Bundesgenossen. Die guten Beziehungen zu diesem germanischen Volk zu pflegen war natürlich, und Karl hielt an der langobardenfreundlichen Politik auch dann fest, als sich ihm Gelegenheit bot, eine entgegengesetzte zu verfolgen.

Es geschah nämlich, dass der Langobardenkönig Aistulf den großen Gedanken fasste, seine Herrschaft über ganz Italien auszubreiten, von dem außer Rom nur ein Zipfel im Süden und Venedig im Nordosten mehr dem Namen nach als tatsächlich noch zum Oströmischen Reich gehörten.

Das Langobardenreich in Italien
Er eroberte Ravenna und machte sich dadurch den römischen Papst zum Feind, der sich als Herr Roms und als solcher, wenn er es auch nicht aussprach, als Herr Italiens fühlte. Nachdem die letzten Kaiser Rom aufgegeben hatten, übernahmen die Bischöfe von Rom den Schutz der Ewigen Stadt, und ihre kirchliche Stellung, ihr sittliches Übergewicht wuchsen unmerklich mit der Seele der Weltherrscherin zusammen. Nicht alle Päpste waren sich dessen bewusst, und nicht alle konnten den Anspruch, den das Bewusstsein verlieh, vertreten; aber es war eine Tatsache, die sich immer geltend machte: weil sie Rom innehatten, mussten sie Nachfolger der römischen Cäsaren sein, weil sie das Haupt der Kirche waren, die die Welt umfassen sollte, mussten sie das Reich bis zu den Grenzen der bewohnten Erde auszudehnen suchen; aus einem zwiefachen Grund mussten sie sich zu Herren der Welt bestimmt glauben. Ein ungeheures Herrscherbewusstsein war die Schicksalsgabe von Männern, die als Kirchenhäupter nicht nur keine weltliche Macht besaßen, sondern weltliche Macht geringschätzten, mit dem Wort allein Führer der Seelen sein sollten. Wenn der König der Langobarden König von Italien wurde, musste er Rom zu seiner Hauptstadt machen; musste das Haupt der Welt zum Haupt Italiens, der Papst in die Stellung eines dem König untergeordneten Bischofs herabgedrückt werden. Wie sollte er sich der herandrängenden Gefahr erwehren? Zwei christliche Mächte kamen in Betracht: der Kaiser in Byzanz, der als Nachfolger der römischen Kaiser Ansprüche auf Italien hatte, und der König des fränkischen Reiches.

Papst Gregor der Große
Zu der Zeit, als Gregor der Große zwischen den Schwertern der Langobarden lebte, wie er selbst sagte, wurde die Oberherrschaft des Kaisers von Byzanz noch anerkannt, eine Lockerung trat durch einen Zwiespalt in der Lehre ein, indem in Byzanz der Bilderdienst verboten wurde, während zwar Gregor die Anbetung der Bilder verwarf, sie aber zur Belehrung des Volkes behalten wollte. Nicht nur dieser Gegensatz jedoch, sondern gerade der zu Recht bestehende Herrschaftsanspruch der oströmischen Kaiser bewog die Päpste, den Schutz der Franken vorzuziehen: sie schienen eher in der Lage, Rom zu helfen, aber weniger in der Lage, Rom zu beherrschen. Nicht zwar an die ohnmächtigen Merowinger, die die Königskrone trugen, wandte sich Gregor III., sondern an den mächtigen Hausmeier Karl Martell mit der Bitte, ihm Schutz gegen die Langobarden zu gewähren, wogegen er ihm versprach, ihn zum römischen Konsul zu machen, eine Würde, mit der die Schutzherrschaft über Rom verbunden war. Trotz der wiederholten inständigen Bitten Gregors zog Karl, wie es scheint ohne Besinnen, das Bündnis mit den Langobarden der Freundschaft mit dem Papst vor, durchaus ein Mann der Tat, der die naheliegenden Aufgaben kühn und großartig vollbrachte, den keine innere Beziehung mit der Kirche verband. Anders waren seine Söhne Pipin und Karlmann; sie waren von Kirchenmännern erzogen, und ihr Interesse umspannte weitere Gebiete. Beide waren liebenswürdige und hervorragende Persönlichkeiten, Karlmann leichter vom Gefühl hingerissen, Pipin besonnener, tatkräftig, großmütig, ein sympathischer Mensch und schöpferischer Staatsmann. Vor dieselbe Frage gestellt wie sein Vater, entschied er im entgegengesetzten Sinn. Der erste Schritt zu einer engeren Beziehung zum Papst ging von ihm aus, indem er zwei Gesandte, den Bischof Bernhard von Würzburg und den Abt Fulrad von St. Denys (* um 710 in Andaldovillare (heute Saint-Hippolyte) im Elsass; † 16. Juli 784 in Saint-Denis), nach Rom schickte, damit ihn Papst Zacharias, ein kluger Grieche, zur Führung des Königstitels berechtigt erkläre.

Papst Zacharias
Man könnte meinen, die förmliche Richtigstellung eines Verhältnisses, das große Taten begründet hatten, hätte keines päpstlichen Gutachtens bedurft; allein abgesehen davon, dass Pipin die Eifersucht, den Neid und die Treulosigkeit seiner Großen kannte, liegt es im Menschen, dass er das Bedürfnis hat, sich und sein Dasein nicht nur auf die eigene Kraft und Gewalt, sondern auf einen Rechtsgrund zu stützen und mit der Vergangenheit zu verbinden. Der Gläubige wie der Ungläubige, sie wollen nicht nur besitzen, sondern mit Recht besitzen, der Unterliegende fühlt sich noch als Sieger, wenn er sich als Vertreter des Rechtes, einer höheren Entscheidung in einer anderen Region betrachten kann. Einen weltlichen Herrn konnte Pipin als Schiedsrichter nicht gelten lassen; aber das Urteil des römischen Bischofs, des Hauptes der christlichen Kirche würde allgemein als Gottesurteil aufgefasst werden. Doch wurde die Antwort des Zacharias, es sei billig, dass derjenige, der die Macht habe, auch den Königstitel führe, und Pipin sei deshalb als König zu krönen, nur als ein für Pipins Gewissen wichtiges Gutachten angesehen und als eine Weisung an die fränkische Geistlichkeit, die als Großgrundbesitzer von ausschlaggebender Bedeutung war; die Königswahl fand nach alter germanischer Sitte durch das Heer statt. Danach wurde Pipin in Soissons von den Bischöfen gesalbt; man nimmt an, dass Bonifatius dabei tätig war.
Papst Zacharias stand in guten Beziehungen zu den Langobarden; nach seinem Tod griff Aistulf den Plan der Eroberung Italiens wieder auf und nahm Ravenna ein. Papst Stephan II. wandte sich zuerst brieflich an Pipin und trat dann die Reise über die Alpen an, um als Schutzflehender vor dem König zu erscheinen, eine Reise, die doppelt schwierig war, weil sie durch das feindliche langobardische Gebiet ging. Pipin war entschlossen, den ihm vom Papst gewiesenen Weg einzuschlagen; aber er stand damit ziemlich allein. Unvergessen war seines Vaters langobardenfreundliche Politik, daran wollten nicht nur viele fränkische Große, sondern auch Pipins Frau, die Königin Bertrada, und sein Bruder Karlmann festhalten. Karlmann hatte die Regierung schon seit mehreren Jahren niedergelegt, war nach Rom gegangen und Mönch geworden; man nimmt an, dass er im Kloster durch ein Mitglied der königlichen Familie für die Langobarden gewonnen war. Die Sache war ihm so wichtig, dass er über die Alpen ging, um Pipin persönlich zu beeinflussen. Trotz so vieler und gewichtiger Gegenwirkungen beharrte Pipin auf seinem Willen: er empfing Stephan ehrenvoll, ließ sich, seine Frau und seine Söhne von ihm salben und versprach ihm Schutz nicht nur in seiner augenblicklichen Notlage, sondern auch für künftige Zeiten. Stephan verlieh ihm den Titel eines Patricius Romanorum, den der König seitdem führte. Auf seinem Weg nach Italien nahm Pipin seine Frau und seinen Bruder mit sich bis Vienne, wo er sie zurückließ, und wo Karlmann im folgenden Jahr starb. Pipin belagerte Aistulf in seiner Hauptstadt Pavia und zwang ihn, auf Ravenna und die sogenannte Pentapolis, fünf Städte von Rimini bis Ancona, zu verzichten; als Aistulf bald darauf seinen Angriff auf das päpstliche Gebiet erneuerte, wiederholte er seinen Kriegszug mit Erfolg. Die Schlüssel der zurückeroberten Städte, die den päpstlichen Dukat ausmachten, ließ Pipin am Grab des heiligen Petrus niederlegen zugleich mit einer Urkunde, in welcher er seinem Versprechen gemäß die Schenkung dieses Gebietes an den Heiligen Stuhl aussprach.

Pipinsche Schenkung in Quierzy
Dies bedeutungsvolle Ereignis fand zu der Zeit statt, als Bonifatius starb. Pipin nahm den Faden auf, den der Angelsachse angesponnen hatte, so dass nun staatlich und kirchlich das fränkische Reich in eine enge Verbindung mit Rom eingetreten war. Man kann nicht umhin, sich vorzustellen, dass es auch anders hätte kommen können, da ja die Entwicklung, die tatsächlich sich vollzog, durchaus nicht allgemein gefordert wurde, sondern, soweit sie persönlich bedingt war, hauptsächlich nur von zwei hervorragenden Männern getragen wurde. Wenn die Langobarden Italien zu einem Reich zusammengefasst hätten, wie anders wäre das Schicksal Deutschlands, das Schicksal Italiens, das Schicksal Europas geworden. Man könnte sich denken, dass schon damals ein Gleichgewicht nationaler Staaten sich hätte herausbilden können; man könnte geneigt sein, die Niederlage der Langobarden, eines so reichbegabten edlen germanischen Stammes zu beklagen. Das Lied vom Römischen Weltreich ertönte lauter als die Stimmen der einzelnen Völker, es erfüllte das Abendland. Und lässt man die Ereignisse und Gestalten des Mittelalters an sich vorüberziehen, so zweifelt man nicht, dass die tatsächliche Entwicklung diejenige war, die der Menschheit gerade durch das tragische Verhältnis zwischen Papst und Kaiser, durch den übermenschlichen Umriss ihrer Ziele den reichsten Gehalt an großen Ideen und vorbildlichen Gestalten geben konnte.
* * *
Karl der Große
Karl der Große

Karl der Große, * 2.4.747, † 28.1.814 in Aachen stammte aus dem Geschlecht der Arnulfinger, das später nach ihm Karolinger genannt wurde. Karl übernahm 768 die Regentschaft im Frankenreich. Er führte Kriege gegen die Langobarden und Sachsen und vergrößerte so das Territorium des Frankenreiches. Seine Bündnis- und Grenzsicherungspolitik befriedete das Land in Richtung Osten. Am 25.12.800 krönte ihn Papst Leo III. in Rom zum Kaiser. Diesem Vorbild der Kaiserkrönung folgten später die deutschen Könige. Karl gilt als eine der größten europäischen Herrscherpersönlichkeiten.
Nach Pipins Tod, der wie sein Vater jung starb, siegte noch einmal der politische Gedanke des Karl Martell, nämlich der Anschluss an die Langobarden. Bertrada reiste selbst nach Italien; und wenn sie auch Rom nicht mied, wo sie an den heiligen Stätten betete, so war doch ihr hauptsächlicher Zweck, die Vermählung ihres ältesten Sohnes mit einer Tochter des Langobardenkönigs Desiderius zu betreiben, die auch wirklich vollzogen wurde. Das festigte zugleich die Verbindung mit Bayern, da Thassilo, der Herzog von Bayern, mit einer Schwester der jungen Frau verheiratet war. Papst Stephan äußerte seinen Zorn über diese Wendung in einem Schreiben, das bald zähnefletschend grimmig, bald ölig milde den bombastischen Stil trägt, der in der Kanzlei der Kurie üblich wurde. Er bezeichnete die Verbindung Karls mit einer Langobardin als aus einer Einflüsterung des Teufels entstanden, von der Niedertracht selbst ausgeheckt, die Langobarden als ein stinkendes, aussätziges, treuloses Volk, ja überhaupt nicht einmal Volk. Wahnsinn sei es, wenn der edle König des ruhmvollen Frankenlandes sich durch eine solche Verbindung beflecke. Zum Schluss drohte er, wenn die Heirat trotz seiner Abmahnung zustande käme, dem Schuldigen mit dem Bannfluch, durch den er mitsamt den übrigen Gottlosen dem Teufel und dem ewigen Feuer zum Verbrennen überantwortet werden würde. Vielleicht war Karl von Anfang an gegen die eigene Überzeugung dem Willen der Mutter gefolgt, vielleicht besorgte er, was auch wirklich geschah, dass sich Papst und Langobarden nunmehr zu seinem Schaden miteinander verständigen würden: nach einjähriger Ehe schickte er dem Desiderius seine Tochter zurück, die vermutlich keine wärmere Neigung in ihm erweckt hatte. Aus dieser schroffen Tat hätten bedenkliche Verwicklungen innerhalb der Familie entstehen können, wenn nicht Karlmann, der wie einst sein gleichnamiger Oheim zu Bertrada hielt, plötzlich gestorben wäre, etwa zu gleicher Zeit auch Stephan. Seinem Nachfolger Hadrian I. wurde das widernatürliche Bündnis mit den Langobarden, das Stephan aus Not und Trotz eingegangen war, sehr bald drückend, und er wandte sich hilfesuchend an Karl. Nun war der Augenblick gekommen, wo Karl das Problem mit dem Schwert lösen konnte; er führte ein Heer über die Alpen, besiegte und entthronte Desiderius und zwang ihn, in ein Kloster zu gehen. Karl trat als König in die durch die Absetzung des Desiderius frei gewordene Stelle ein, ohne übrigens in der Lage des Langobardenvolkes etwas Nennenswertes zu verändern, außer dass er allmählich die Langobarden, die ihm unzuverlässig erschienen, auf verantwortungsvollen Posten durch fränkische Grafen oder Herzoge ersetzte. Er war Nachbar des Papstes in Italien geworden, nicht mehr nur der entfernte Schutzherr, der zu Hilfe kam, wenn er gerufen wurde, und nach getaner Arbeit sich wieder zurückzog.
Zunächst erwuchsen daraus keine Schwierigkeiten. Der römische Stadtadel war eine Gegnerschaft des Papstes, die ihn immer noch des fränkischen Schutzes bedürftig machte. Leo III., Hadrians Nachfolger, wurde von seinen römischen Feinden so verfolgt, dass er sich und sein Schicksal Karl völlig überantwortete. Er suchte ihn in Paderborn auf, wo der König Hof hielt. Karl liebte diesen Ort am Fuße des Teutoburger Waldes, der ihm zu einer Stätte des Ruhms wie kaum ein anderer werden sollte; denn hier empfing nach dreißigjährigen erbitterten Kämpfen sein gefährlichster, sein größter Gegner, der Sachse Widukind, die Taufe.

Widukind
Er mochte Augenblicke haben, wo das Rauschen des Eichwaldes ihm wie ein Gotteswort des Friedens klang, das das vergossene Blut sühnte. An Stelle der Salvatorkirche, die im Sachsenkrieg zerstört war, hatte er nahe dem Quell der Pader einen Dom aus Stein errichtet, der den Zeitgenossen prächtig erschien; er wurde 200 Jahre später durch eine Feuersbrunst vernichtet. Er war noch nicht vollendet, als Papst Leo zum Gedächtnis seiner Anwesenheit einen Altar darin weihte. Was sich sonst an Häusern in Paderborn vorfand, war vermutlich aus Holz und ziemlich dürftig; wenn aber der Ort dem Italiener nicht sonderlich imponierte, so tat es doch die Menge gerüsteter Krieger, die ihn empfing, und vor allem der König selbst im meergrünen Mantel mit dem edelsteingeschmückten Schwert und dem Diadem, wie er sich an Festtagen trug. Trotz der Anklage, die auf dem Papst lastete, wobei es sich hauptsächlich um Meineid und Ehebruch handelte, empfing ihn Karl mit allen Ehren, umarmte und küsste ihn, von vornherein entschlossen, ihn für unschuldig zu halten. Man nimmt an, dass bei dieser Begegnung die Krönung des Königs zum römischen Kaiser beredet wurde; sie war die Gegengabe des Papstes für den Schutz, den Karl ihm gewährte. Dennoch scheint es, dass der König, als ihm Leo am Weihnachtstag des Jahres 800 in der Basilika des heiligen Petrus die Krone aufsetzte, überrascht war; er hat später gesagt, dass er nicht in die Kirche gegangen sein würde, wenn ihm das Vorhaben des Heiligen Vaters bekannt gewesen wäre. Die Gründe dafür kennen wir nicht; es ist möglich, dass er fürchtete, sich durch diesen Akt die Feindschaft des oströmischen Kaisers zuzuziehen, möglich auch, dass er vorgezogen hätte, sich selbst zu krönen, wie er denn vor seinem Tod seinem Sohn Ludwig befahl, sich die Krone aufs Haupt zu setzen und sich Kaiser und Augustus nennen zu lassen. Diesen Titel führte er selbst seit der Krönung in Rom.
Die Übertragung der Cäsarenwürde auf den Frankenkönig war ein Ereignis von ungeheurer, einschneidender Bedeutung; aber da sie nicht ein neues Verhältnis schuf, sondern einer allmählich vollendeten Entwicklung Ausdruck gab, empfand sie Karl wohl als etwas Selbstverständliches. Das Weltreich bestand, es war die Form, in der seit Jahrhunderten die Menschen lebten. Durch die Entstehung des großen fränkischen Reiches war Byzanz an den Rand gedrängt, der mächtige Germanenfürst als tragende Säule in die Mitte des Weltreiches gerückt. Von ihm strahlte schaffende Kraft nach allen Seiten aus; der Titel verlieh ihm nichts, besiegelte nur das, was war. Die Möglichkeit künftiger Verwicklungen und Gefahren, die aus der Beziehung zum römischen Papst entstehen konnten, wird ihn nicht ernstlich beunruhigt haben; dazu lebte er zu sehr in der Fülle der Zeit.
Karl der Große war einer der Berufenen, die das Zusammengehörige, aber Vereinzelte zu einem lebendigen Ganzen ordnen, und die von den dankbaren Völkern, deren Geschichte sie begründet haben, wie Halbgötter verehrt wurden. Seine Vorfahren hatten das große Werk vorbereitet, Thüringen, Schwaben, Bayern fand er bereits mit den Franken vereinigt, auch die Sachsen und Friesen hatte Pipin schon zu unterwerfen versucht. Was ihn vor jenen auszeichnete, war, dass er dem neugeschaffenen Körper eine gemeinsame Ordnung, einen gemeinsamen Sinn und Geist gab.
Zu den Büchern, die Karl mit Vorliebe las, gehörte der Gottesstaat des heiligen Augustinus. Der edle Schwung, der es erfüllt, die unerschütterliche Überzeugung eines durch Anlage und Bildung überlegenen Geistes machen die Wirkung, die es jahrhundertelang ausgeübt hat, verständlich, mehr noch vielleicht die Einfachheit und doch auch Vieldeutigkeit der Gedankengänge. Schon in dem ersten Brüderpaar der Menschheit, in Kain und Abel, so sieht Augustinus den Sinn der Geschichte, spaltete sie sich in zwei Reiche, in ein solches, das Gott angehört, und in ein solches, das den Menschen folgt, menschlichen Begierden, menschlicher Einsicht, menschlichen Zwecken. Das Reich Gottes steht innerhalb der Menschheit gegenüber der Welt oder dem Reich der Menschen, das durchaus nicht etwa des Verstandes, der Bildung, der Tugend ermangelt, aber auf menschliche und irdische Zwecke beschränkt ist und zweifelhafte irdische Genüsse durch ewiges Verderben erkauft. Das Reich Gottes ruht auf dem Glauben und gewinnt das ewige Leben, es beginnt hienieden in Hoffnung und entfaltet sich drüben im Schauen.

Augustinus von Hippo, meist ohne Zusatz „Augustinus“ oder „Augustin“, gelegentlich auch „Augustinus von Thagaste“ oder (wohl nicht authentisch) „Aurelius Augustinus“ (* 13. November 354 in Tagaste, heute Souk Ahras, Algerien; † 28)
Augustinus wusste, dass nicht alle, die sich Christen nannten, Christen waren, aber die Kirche, die das Wissen von Gott und den göttlichen Dingen lehrte, der zu seiner Zeit alle Christen angehörten, ohne die die Nachfolge Christi als nur von einzelnen verwirklicht ohne Halt und ohne Dauer gewesen wäre, fiel ihm zusammen mit dem Gottesstaat, während der heidnische Staat diejenigen umfasste, die sich der Gnade Gottes entzogen. Der Gedanke lag nahe, Kirche und Staat überhaupt als Gottesstaat und Menschenstaat oder Welt einander entgegenzusetzen; man konnte aber auch den Schluss ziehen, dass zwischen Kirche und dem inzwischen christlich gewordenen Staat kein Unterschied mehr bestehe und nur die gesamte Heidenschaft als gnadenloses, der Verdammnis geweihtes Reich aufzufassen sei. So sah es Karl der Große an; sein Reich sollte ein Gottesreich sein, das als solches die Kirche ehrte und schützte und ihre Lehre verbreitete. Vergleicht man ihn mit Bonifatius, so tritt die Freiheit und das Schöpferische seines Geistes bewunderungswürdig hervor. Er ließ sich gern belehren, verzichtete aber nie auf eigenes Urteil. In Bezug auf manche kirchlichen Fragen, zum Beispiel auf den Bilderdienst, hatte er andere Ansichten als der Papst. Zuweilen war er derjenige, der die Richtung gab. Er hatte eine durch Erleben und Nachdenken gewonnene Überzeugung. Wenn er sich auch als Schirmherr der Kirche und des christlichen Glaubens fühlte, so verfolgte er doch Andersdenkende nicht. Allerdings zwang er mit Härte den Sachsen das Christentum auf; das war ein Mittel zur Einigung der Stämme, und die strengsten Strafen konnten sofort gemildert werden, wenn der Schuldige seine Zuflucht zur christlichen Kirche oder zu einem christlichen Priester nahm. Während Bonifatius Bedenken trug, mit einem Christen, den er nicht für ganz rechtgläubig hielt, der im geringsten vom römischen Kanon abwich, zu sprechen und zu essen, trat Karl der Große in freundschaftliche Beziehung zu Harun al Raschid, sammelte er die alten Volkslieder, in denen die Germanen die Taten ihrer Helden verherrlicht hatten.

Harun ar-Raschid (geboren um 763 möglicherweise in Rey; gestorben 809 in Tūs in Persien, begraben in Maschhad) stammte aus dem Geschlecht der Abbasiden.
Der Charakter des Gottesreiches sollte sich nicht nur durch den Schutz der Kirche, sondern durch die vom König ausfließende Gerechtigkeit erweisen. Die Sage erzählt, dass in Zürich, in einem dem Münster gegenüberliegenden Haus, wo der Kaiser zu wohnen pflegte, eine Glocke angebracht war, damit jeder Rechtsuchende sich bei Karl melden könne. Eines Tages läutete dort eine Schlange, um gegen eine Kröte zu klagen, die sich auf ihre Eier gesetzt habe. Sie beschenkte den Kaiser, der ihr zu ihrem Recht verhalf, aus Dankbarkeit mit einem wunderkräftigen Stein, dessen er sich oft bediente. So verdeutlichte sich das Volk die Gerechtigkeitsliebe seines großen Königs, der auch den Geringsten in seinem Recht schützte. Im Umfassenden seines Geistes zeigte sich sein Genie. Kein Gebiet war ihm fremd, keins vernachlässigte er; er förderte die Baukunst, die Dichtkunst, die Musik, die Schule, die Landwirtschaft, er war groß als Gesetzgeber, als Verwalter, als Richter, als Gutsherr, im Krieg. Nichts war ihm zu klein, nichts zu fernab. Als die nie fehlende Unterlage großer Genialität besaß er eine unerschöpfliche Tätigkeit. Er war immer erfüllt von großen Gedanken, immer mit ihrer Ausführung beschäftigt, immer voll Teilnahme an nahen und fernen, großen und kleinen Ereignissen. „Lasst uns heute etwas Denkwürdiges unternehmen“, so lässt ihn die Überlieferung täglich sprechen, „damit man uns nicht tadele, weil wir den Tag müßig verbracht haben.“

Karl der Große = links oben
Seine zeitgenössischen Verehrer haben uns Karls Äußeres geschildert: die kräftige, hochgewachsene Gestalt, den festen Gang, die männliche Haltung, die großen, leuchtenden Augen. Seine Stimme war hell und nicht stark, er sprach gern und viel und war immer fröhlich, wie er denn auch Frohsinn um sich her liebte. Immer durch die Interessen seines riesigen Reiches bewegt, lebte er doch voll ungeteilter Hingabe mit seiner Familie und seinen Freunden. Jeder Frau, die er liebte, jedem seiner Kinder, jedem seiner Freunde gehörte sein Herz ganz. Jahrelang lebte er in glücklicher Ehe mit der Schwäbin Hildegard, die allgemein verehrt wurde, und die ihm drei Söhne und drei Töchter gebar.

Karl mit Hildegard = ganz rechts
Seine Kinder liebte er so sehr, dass er sie immer, selbst auf Reisen, um sich haben wollte, und wie der maßlose König des deutschen Märchens ließ er seine Töchter nicht heiraten. Doch gönnte er den schönen und leidenschaftlichen Mädchen ein beglückendes Liebesleben und hielt ihre Kinder wie rechtmäßige Enkel. Nach dem Tode der Hildegard heiratete er Fastrada aus ostfränkischem Stamm, deren ungünstigem Einfluss es zugeschrieben wurde, dass er ein einziges Mal bei Gelegenheit einer Verschwörung zu übertriebener Härte sich hinreißen ließ. Für seinen übermäßigen, für die Regierung verhängnisvollen Schmerz bei ihrem Tod entdeckte man, so erzählt die Sage, eine magische Ursache in einem Ring, den sie am Finger trug. Der Erzbischof Turpin zog ihn der Toten ab, und die Neigung des Königs ging auf ihn über, bis der geistliche Herr den Talisman in einen Teich bei Aachen versenkte. Seitdem pflegte der Kaiser, in Trauer und Traum versunken, stundenlang an diesem Teich zu sitzen; das bezauberte Gewässer, zum Teil verschüttet, befindet sich am Rande der Stadt in der Nähe der Frankenburg, einem düsteren, efeuumrankten Gebäude, das die Stelle der alten Königsburg bezeichnen soll.
Keines anderen germanischen Helden Bild ist so farbenbunt, so vielseitig prächtig von der Sage aufgefangen. Immer erscheint er in ihr von Freunden und Gefährten umgeben, immer freundlich, furchtlos, überlegen, großmütig, aber auch zuweilen streng und vernichtend.

Notker der Stammler oder Notker der Dichter) genannt, (* um 840 in Elgg oder Jonschwil; † 6. April 912 in der Fürstabtei St. Gallen) war ein bedeutender Gelehrter und Dichter der karolingischen Zeit.
Notker der Stammler, der nach Karls Tode aus mündlicher Überlieferung von ihm erzählt, nennt ihn nicht nur den weisen, den milden, den siegreichen, sondern auch den schrecklichen, den furchtbaren Karl, aber das eine ebenso bewundernd wie das andere. Nicht ohne Ströme von Blut zu vergießen hat er sein Reich gegründet. Die Sachsen aber, die am meisten durch ihn gelitten hatten, trugen es ihm nicht nach; auch für sie war er der Urquell alles Guten und Großen im Reich, das Urbild eines germanischen Heldenkaisers.
* * *
Die Deutschen und das Christentum
Die Deutschen und das Christentum
Man möchte gern wissen, was von Staat und Kirche geschah, um die Sachsen zu bekehren, wie die Bekehrung wirkte, was für ein Christentum es war, das gelehrt und das aufgenommen wurde.

Rabanus Maurus (links), Alkuin (Mitte), St. Martin zu Tours (rechts)
Alkuin war ein bedeutender Vermittler der in England und Irland durch die Zeit der Völkerwanderung hindurch geretteten lateinischen Bildung ins Frankenreich, die er als Lehrer zahlreichen Schülern.
Ein schöner Brief des Angelsachsen Alkuin an Kaiser Karl gibt zu verstehen, dass die Bekehrer hauptsächlich fordernd auftraten, indem sie den Zehnten zur Erhaltung der Kirche auferlegten, der, wie es scheint, mit Härte eingetrieben wurde. Es sei besser, meinte Alkuin, den Zehnten als den Glauben zu verlieren, es sei auch nicht erwiesen, ob die Apostel gewollt hätten, dass der Zehnte gegeben werde. Wären die Neugetauften später reif im Glauben geworden, möge man ihnen ein so schweres Gebot zumuten, zunächst solle man sie die Heilswahrheiten lehren und ihnen mit Werken der Barmherzigkeit näherzukommen suchen. Ohne Zweifel hatte Alkuin gehört, wie die Sachsen sich beklagten, dass die Religion des Gottes der Liebe für sie nur Bedrückung bedeute; wusste er, dass für die Predigt nicht genügend gesorgt war. An den Erzbischof Arn von Salzburg schrieb er, der Kaiser habe den besten Willen, aber er habe nicht genug Leute, die von der Liebe zur Gerechtigkeit beseelt wären, es gäbe eben mehr Diebe als Prediger, und mehr Menschen suchten das Ihre als das Göttliche.
Überall und zu allen Zeiten sind von den Menschen, die ein Gesetz ausführen sollen, viele, ja die meisten voller Mängel und Schwächen, so dass der Wille des Gesetzgebers selten rein zur Geltung kommt. Dasselbe ungünstige Verhältnis von Guten, Minderguten und Schlechten besteht natürlich in allen Schichten des Volkes und bestand bei den zu Bekehrenden wie bei den Siegern. Der Art der Bekehrung entsprach die Gesinnung, mit welcher die Taufe empfangen wurde, wie die folgende Anekdote erzählt. Als einmal um Ostern fünfzig Heiden zugleich sich zur Taufe meldeten, waren am Hof des Kaisers nicht so viele leinene Gewänder vorrätig, mit denen man die Täuflinge zu beschenken pflegte, und die fehlenden wurden schnell aus grobem Stoff zusammengenäht. Entrüstet sagte der eine der Heiden, als man ihm einen solchen Kittel reichte: „Zwanzigmal schon habe ich mich hier gebadet und immer habe ich gutes neues Gewand bekommen; dieser Sack passt höchstens für einen Sauhirten, nicht für einen Krieger. Wenn ich mich nicht meiner Nacktheit schämte, könntet ihr das Kleid mitsamt dem Chrisam behalten.“
Seit ihren Anfängen hatte die Kirche eine wesentliche Veränderung erfahren: als der Glaube des herrschenden Volkes gehörte sie nicht mehr in erster Linie den Armen und Sklaven, sondern den Großen. Bei allen germanischen Stämmen wurden die Könige und Herzöge zuerst Christen, und ihnen schloss sich der Adel an; was sie zum Übertritt bewog, war die Hoffnung, dass der Christengott ihnen Sieg verleihen werde. In den ersten Jahrhunderten hatte man die Armen beschenkt, wenn man die Kirche beschenkte; was der Kirche gehörte, gehörte den Armen, die Tätigkeit der christlichen Kirchenvorsteher bestand hauptsächlich in der Armenpflege. Allmählich, wie der Aufgabenkreis der Kirche sich erweiterte, wurde es üblich, dass die Bischöfe ihr Vermögen in vier Teile teilten und davon einen Teil für sich, einen für die Kanoniker, einen für die Instandhaltung und Verschönerung ihrer Kirche und einen für die Armen verwendeten. Almosen wurden noch immer reichlich verteilt, und Almosengeben von der Kirche dringend empfohlen; aber die Armen wurden doch als untergeordnete Leute und gewiss oft mit Geringschätzung behandelt. Es wurde erzählt, Widukind habe als Gefangener Karls, während sie, ein jeder an einem besonderen Tisch, speisten, gegen Karl bemerkt: „Euer Christus sagt, in den Armen werde er selbst aufgenommen. Mit welcher Stirn redet denn ihr uns zu, dass wir unsere Nacken beugen sollen vor dem, welchen ihr so verächtlich behandelt und dem ihr nicht die geringste Ehrerbietung beweist?“ Der Kaiser, so heißt es weiter, erschrak und errötete; denn die Armen saßen demütig am Boden.
Das Missverhältnis zwischen Ideal und Wirklichkeit, das immer besteht, drängte sich sicher gerade den Heiden auf, die der neuen Lehre zweifelnd gegenüberstanden. Indessen die Armen und Sklaven waren nur ein Teil des Volkes, und die Beziehung zur Armut ist nur ein Teil des Christentums. Erschüttert durch das ungeheure Erlebnis des mehr als dreißigjährigen Kampfes beugten sich die Besiegten, wie Widukind getan hatte, dem fremden Gott, der seine Übermacht an ihnen bewiesen hatte. Von ihm erwarteten sie nun Sieg im Kampf, Gedeihen der Äcker, Glück und Gelingen in allen Angelegenheiten, bereit, ihm dafür mit grenzenloser Ergebenheit zu dienen. Der alte Götterglaube, ob er nun dem nordischen ähnlich war, wie er sich in der Edda darstellt, oder ob er bei den deutschen Stämmen sich anders entwickelt hatte, sicherlich hatte er nicht mehr die quellende Frische eines neuen oder erneuerten Glaubens.

Edda ist der Name zweier Werke des 13. Jahrhunderts aus Island. In diesen beiden Werken werden skandinavische Sagen über die nordische Mytholokie und der Asen erzählt. Dabei ist die Snorra-Edda in Prosa geschrieben, während in der Lieder-Edda alte Lieder niedergeschrieben wurden. Obwohl beide Werke denselben Namen tragen und ähnliche Geschichten liefern, hängen sie nicht direkt miteinander zusammen. Die Lieder-Edda ist eine Sammlung altisländischer Lieder, die sich im Laufe der Jahrhunderte im Volksmund gesammelt hatten. Die Snorra-Edda hingegen stellt einen Überblick des damaligen nordischen Glaubens dar, der wirklich erst im 13. Jahrhundert durch Snorri Sturluson entstanden ist. Snorri Sturluson bedient sich mehrerer, heute unbekannter Quellen und beinhaltet teilweise auch Lieder, die in der Lieder-Edda niedergeschrieben sind.
Man weiß aus den Klagen des Bonifatius, dass sich die Religiosität der heidnischen Deutschen hauptsächlich in abergläubischen Bräuchen und Beschwörungen äußerte, im Wählen glückbringender Tage, im Los werfen, im Zwingen des Wetters oder menschlichen Willens; in solchen Formeln war der einst sinnvolle, lebendige Glaube erstarrt. An dem christlich abgewandelten Aberglauben festzuhalten, genügte dem religiösen Bedürfnis vieler. Weise Päpste ordneten an, dass soviel wie möglich der christliche Kult an heidnische Feste, Gebräuche, Gewohnheiten angeknüpft werde; so traten denn Heilige an die Stelle der Götter, und die das Leben Christi und der Heiligen bezeichnenden Feste an die Stelle der heidnischen, die den Sonnenlauf, das Erwachen und Hinsterben der Natur begleiten. Unter den Sachsen und Friesen, den zuletzt bekehrten Stämmen, waren wohl viele Bauern, die, wenn sie sich auch an die neuen Namen gewöhnten, doch der Kirche und den Priestern im Herzen feindlich blieben auf eine verbissene, schweigsame, gefährliche Art. Aber auch bei diesen schwand die Erinnerung an den alten Glauben, selbst wenn sich die alten Zaubersprüche im Gedächtnis erhielten. Die, welche die Pfaffen hassten, fühlten sich trotzdem als gute Christen.
(Die meisten Menschen in deutschen Landen wurden nicht missionisiert, sondern nur christianisiert.)
Ein ganzes Volk kann sich nicht plötzlich wesentlich verändern. Für die große Menge änderten sich zunächst nur die Namen und die Formeln. Einzelne religiös Begabte erfuhren durch die Berührung mit dem Christentum ein erschütterndes Erlebnis und eine Wandlung, und von solchen ging allmählich umbildender Einfluss auf das Volk aus. Es war nicht so, dass das Christentum seine Bekenner sofort auf eine hohe moralische Stufe gehoben hätte; aber das unergründliche Bibelwort riss Schluchten in ihrer Seele auf, aus denen heraus sie glühender lebten. Altheilige Vorstellungen verschmolzen mit dem neuen Gottesbild. Jehova (Jahwe – יהוה) war dem alten nordischen Himmelsgott verwandt; wie dieser durchstürmte er die Nacht auf weißem Blitz, Dichterworte, Zauberworte auf den überschwenglichen Lippen. Sie begriffen ihn als den Herrn, die furchtbare Majestät, unnahbar in ewige Glut gehüllt, als den Urton, der die Welt durchsummt. Sein Weg war unerreichbar hoch, sein Wille unerforschlich, unwiderstehlich. Und dieser Allmächtige wurde des Menschen Freund, schloss einen Bund mit ihm, und aus eines menschlichen Mädchens Schoß zeugte er wunderbar sein Ebenbild, den Frühlings- und Liebesgott, dessen Tod Dunkel und unendliche Trauer über die Erde ausbreitet. Den Mittelpunkt des Kultes und des Glaubens bildete das Sakrament des Abendmahls. Man feierte darin ein heiliges Geheimnis, die Vermählung von Gott und Natur, die Entzündung des elementaren Stoffes durch die Flamme Gott. Das Zauberwort des Magiers am Altar presste die durch das Weltall ergossene in einen elektrischen Punkt zusammen und leitete sie zu Segen oder Fluch auf die Lippe des sterblichen Menschen. Die wenigsten hatten das Bedürfnis, das Wunder zu verstehen, da sie es erlebten. Die Hostie war neben den Reliquien der Mittelpunkt der Wundersucht, das schauerlichste Mittel der Zauberei. Die Verehrung der irdischen Überreste von Heiligen, ein edler Brauch, vermischte sich bald mit teils heidnischen, teils weltlichen Vorstellungen, die von wenigen Hochstehenden benutzt, von den meisten geteilt wurden. Jahrhunderte hindurch waren Reliquien ein Zaubermittel, das von den Besitzenden gesammelt, erjagt, wenn es nicht anders ging, gestohlen wurde.

Gerhard vom Berge (* im 14. Jahrhundert; † 15. November 1398) stammte aus dem Hause der Herren vom Berge, die bei Minden ihren Sitz hatten und bis 1397 die Vogteirechte des Bistums Minden wahrnahm, er war Domkantor, dann Domdechant im Minden später das Bischof von Verden und Bischof von Hildesheim.
Als im 14. Jahrhundert Bischof Gerhard von Hildesheim gegen mehrere mächtige Fürsten in die Schlacht ging, versprach er erst der Mutter Gottes ein goldenes Dach auf ihre Kirche für den Fall seines Sieges, während sie sonst mit einem Strohdach sich begnügen müsse, außerdem steckte er Reliquien in seinen Ärmel. „Leve Kerel, truret nich, hie hebbe ek dusend Mann in miner Mauen“, rief er seinen Leuten zu, um sie gegen die Überzahl beherzt zu machen, und errang einen gewaltigen Sieg. Wenn sich viel Abgeschmacktes und Rohheit in die Auffassung des Göttlichen mischte: was wäre eine Religion, die nicht auch Magie wäre? Teilhaben an der Gotteskraft, das ist es doch, was alle Gläubigen wollen, die einen um der rohesten, andere um der sublimsten Zwecke willen. Bei aller derben Sinnlichkeit versenkten sich die Deutschen mit Leidenschaft in das Übersinnliche. Die erhabene Gewaltsamkeit, mit der das Christentum den eigentlichen Schauplatz der Menschengeschichte von der Erde hinweg in ein jenseitiges Geisterreich verlegt, gerade diese Umwälzung, die der Epoche, die man Mittelalter nennt, die grandiose Spannung, die geheimnisvolle Tiefe verlieh, das Leben in ein Himmel und Erde überbrückendes Drama verwandelt, entsprach einer Geisteskraft, die dem Deutschen besonders eigen ist, der Phantasie. Der Sinn für das Unsichtbare, der vielleicht mit der Begabung des deutschen Menschen für Musik zusammenhängt, öffnet sein Ohr den Stimmen von drüben.

Unterdessen ging die Ausgestaltung des künftigen Bistums Münster weiter:
Liudger (* 742 in Zweesen, heute ein Stadtteil von Utrecht in den Niederlanden † 26. März 809 in Billerbeck) wurde am 30. März 805 vom Kölner Erzbischof Hildebold (787–818) zum ersten Bischof von Münster geweiht.
Liudger, der erste Bischof von Münster, der, weil er selbst Friese war, leichter Zugang zu seinem Volk fand als die früheren Missionare, bekam einen wertvollen Gehilfen in dem sangeskundigen Bernlaf. Ihn hatte die Schönheit der Psalmen für das Christentum gewonnen, und da er überall beliebt war, weil er von den Taten der Vorfahren singen und sagen konnte, wehrte man ihm auch nicht, als er für seinen Glauben warb. Diese Gesänge überzeugten unmittelbar, auf Zauberart. Nicht nur der friesische Sänger, nicht nur Mönche, sondern auch Könige wussten viele Psalmen auswendig und führten eine Psalmensammlung auf Reisen mit sich. Karl der Große liebte die Musik und pflegte in der Kirche mit gedämpfter Stimme die Psalmen mitzusingen. Keine Kunst ist so wie die Musik Verkünderin des Übersinnlichen, doppelt so, wenn sie sich mit der Wirkung der Architektur verbindet. Die Feierlichkeit des Gottesdienstes in den Chören der karolingischen und ottonischen Kirchen mögen mehr als die Predigt die Herzen dem dreieinigen Gott zugeführt haben.
Indessen, wenn auch die neue Religion hauptsächlich als Himmelszauber auf die Seele wirkte, so herrschte sie doch auch als sittliche Macht. „Du sollst heilig sein, denn ich bin heilig.“ Von allen Göttern, zu denen die Völker beten, hatte noch nie einer so zu seinem Volk gesprochen. Der Sinn des deutschen Menschen für Gerechtigkeit verband ihn mit dem Gott, der der Gerechte hieß, das Kämpferische seiner Gesinnung machte, dass er sich willig in die Geisterschlacht zwischen Gut und Böse hineinreißen ließ. Die Weltüberwindung durch Askese, die der Mönch im Kloster führte, war zugleich ein ritterlicher Gedanke und den Germanen nicht durchaus fremd. Allerdings waren sie im Allgemeinen zügellos im Trinken und in der Frauenliebe; sie bedurften des Rausches. Den erwählten Frauen gaben sie sich mit einer fast kindlichen Gewaltsamkeit hin, und es kam zu erbitterten Kämpfen mit der Kirche, wenn sie ein Liebesverhältnis wegen zu naher Verwandtschaft zu lösen unternahm. Andererseits wurde in der germanischen Mythologie Jungfräulichkeit als Quell übermenschlicher Kraft begriffen, und im Verhalten zum Tod, den zu fürchten für den Freigeborenen als Schande galt, lag Selbstüberwindung. Karl der Große verabscheute Trunkenheit. Dass bloßes Sichgehenlassen nichts Großes erzeugt, wusste auch der heidnische Deutsche, und gerade weil der Freie keinen Zwang duldet, musste er sich selbst zwingen. Ohne diesen Selbstzwang gibt es keine Ehre. Um an dem Kampf des schaffenden Gottes gegen den zerstörenden Teufel teilzunehmen, strömten Männer und Frauen den Klöstern zu.
Im Süden Deutschlands hatten schon vor Bonifatius Klostergründungen stattgefunden, sowohl in Franken wie in Schwaben und Bayern. In Schwaben gründeten iroschottische Mönche Reichenau und Sankt Gallen, im frommen Bayern beteiligten sich die Bischöfe, die einheimischen Herzöge und adligen Privatpersonen. So etwa wie die ersten europäischen Ansiedler in den wilden Westen Amerikas eindrangen, so zogen glaubensstarke, abenteuerlustige Leute in kleineren und größeren Gruppen dem Süden und Osten zu, drangen in die alten römischen Provinzen ein, wo längs der großen Straßen noch Romanen, abseits in den Flusstälern Slawen wohnten. Auch einzelne freie Bauern siedelten und rodeten, der Name manches kühnen Mannes ist in den Namen alter Ortschaften erhalten; aber die Klöster hatten größere Mittel zur Verfügung und erzielten dementsprechend größere Ergebnisse. Gewöhnlich wurde den Mönchen ein Stück Kulturland und ein Stück Ödland verliehen, damit sie von den Erträgnissen des einen lebten, während sie das andere urbar machten. Verlassene Ruinen aus der Römerzeit lieferten oft das Material für die klösterlichen Bauten; die Trümmer des alten Iuvavum ermöglichten, dass gleich das erste Salzburger Kloster aus Stein hergestellt werden konnte. Kam eine auswandernde Gesellschaft an der Stätte an, die zur Errichtung eines Klosters oder der Filiale eines Klosters geeignet schien, so wurde zum Zeichen der Besitznahme ein Kreuz aufgestellt und dann eine Zelle gebaut, wovon das häufige Vorkommen des Wortes Zell im Ortsnamen Kunde gibt. Sie wurde unter den Schutz der heiligen Margarete oder des heiligen Georg, des Drachenüberwinders, gestellt, wenn man in benachbarten Wäldern die wilden Tiere fürchtete; freundliche Auen weihte man der Jungfrau Maria. Die strenge Regel des Bonifatius, wonach die Mönche alle Arbeit selbst tun sollten, wurde in Bayern nie durchgeführt; die schwere Arbeit der Kolonisation wurde von hörigen Knechten geleistet.
Passau, St. Florian, Kremsmünster, Chiemsee, Staffelsee, Wessobrunn, Tegernsee, Benediktbeuren, die beiden letzteren von zwei adligen Brüderpaaren gestiftet, wurden in Bayern zu bedeutenden Kulturmittelpunkten, in Franken Lorsch und Prüm, im Elsass Weißenburg, in Sachsen Korvey und die berühmten Nonnenklöster Gandersheim, Quedlinburg und Nordhausen. Die Schenkungen, mit denen die Klöster überhäuft wurden, machten sie schnell außerordentlich reich.
In den Vorratshäusern und Ställen des Klosters Staffelsee befanden sich im Jahre 812: 1 Pferd, 26 Ochsen, 20 Kühe, 1 Stier, 51 Stück Kleinvieh, 5 Kälber, 87 Hammel, 14 Lämmer, 17 Böcke, 58 Ziegen, 12 Böckchen, 40 Schweine, 50 Frischlinge, 63 Gänse, 50 junge Hühner, 17 Bienenstöcke, 20 Speckschwarten, 40 Käse, 127 Fett- und Schmalztöpfe. Dazu kamen noch Honig, Butter, Salz und Malz. In den Mägdekammern spannen und webten 24 Mägde und verfertigten aus Wolle und Leinen Wäsche und Kleidungsstücke. Das Land wurde teils verpachtet, teils vom Kloster selbst durch Hörige bewirtschaftet, die teils mit dem Land zusammen geschenkt waren, teils sich mit oder ohne Land dem Kloster freiwillig ergaben. Trotz des damaligen Überflusses an Land und Leuten bedarf der Wetteifer des Schenkens, der im 9. und 10. Jahrhundert das deutsche Volk ergriff, der Erklärung, und er erklärt sich hauptsächlich durch die Gewalt des Glaubens. Mochte immerhin noch mancher sächsische Bauer in einsamen Höfen sich an seinen alten Runen und Sprüchen genügen lassen, der Adel und die begüterten Freien waren gläubige Christen, überzeugt, das Heil ihrer Seele nur durch die Vermittlung des Papstes in Rom empfangen zu können.
* * *
Das Kloster
Das Kloster
Waren auch viele Wälder gelichtet und viele Moore entwässert, noch immer gab es tagereisenweit Wildnis in deutschen Landen. Tagelang ging der junge Bayer Sturm, als er einen Platz für das Kloster suchte, das Bonifatius gründen wollte, durch Wälder und flocht bei Nacht einen Zaun um seinen Esel, um ihn notdürftig vor wilden Tieren zu schützen, und wenn es in den Zweigen raschelte und knackte, horchte er gespannt, ob ein Mensch oder ein Wolf oder Luchs sich heranschliche. An den Mündungen des Rheins, der Weser und Elbe überschwemmte das Gewässer oft weithin das Land, Sturmfluten brandeten über die noch nicht eingedeichten Ansiedelungen und rissen sie in die Tiefe. Im Herbst, im Winter und im Frühling, wenn die Wolken tief herabhingen, der kalte Wind heulte und Schnee und Regen die Wege zu Morast aufweichten, mochte dem Wanderer, der zu Fuß oder zu Pferd ein entferntes Ziel zu erreichen suchte, oft die Hand erstarren und das Herz erbeben. Nicht nur wilde Tiere, auch die wilden Menschen musste er fürchten, Wegelagerer, Krieger, die zum Kampf auszogen oder vom Kampf zurückkehrten und ihren Übermut an jedem Beliebigen austobten, Feinde vielleicht, die die Gelegenheit wahrnahmen, einen alten Span auszutragen. Weit und breit kein Haus; die Dörfer, durch die man etwa kam, bestanden aus dürftigen, strohgedeckten Hütten aus Lehm und Holz.


Zuweilen kam man wohl an festen, breiten Häusern freier Bauern oder an Gutshöfen vorüber, die Eschen und Eichen beschirmten, an denen ein Quell vorüberrieselte, und die wohlbestellte Äcker umgaben.

Städte gab es noch wenige außer den alten Römerstädten am Rhein, Straßburg, Basel, Mainz, Köln, außer Augsburg am Lech und Regensburg an der Donau, und auch dort öffneten sich dem Wanderer zu Schutz und Herberge nur die Klöster, die es dort etwa gab.
Inmitten des wolkenverhangenen, wälderrauschenden, waffenklirrenden Landes gab es Bezirke, die der Friede Gottes erfüllte. Mochte draußen Krieg rasen, unter der täglichen Fron der Landarbeiter seufzen, Gewalt und Unrecht triumphieren, im Kloster glühte die Flamme ewiger Anbetung, beugten sich immer Knie vor dem Herrn, riefen immer inbrünstige Lippen den höchsten Namen an, legten Gottgeweihte das Geschick ihrer weltlichen Brüder an das Vaterherz im Gebet. Nach siebenstündigem Schlaf, eh noch der Tag zu dämmern begann, erhoben sich die Mönche vom Lager und betraten die Kirche, um das Lob des Allmächtigen zu beginnen. In festen Rhythmen begleitete die Musik den Psalm der Stunde des Tages, alle Gefühle des Herzens ergießend: die Klage über das Vergebliche der Lust der Welt, den düsteren Schmerz der Unzulänglichkeit und Schuld, das Rühmen und Danken, den Jubel des Glaubens, die Angst des Zweifels, das unstillbare Heimweh. Über die Wände der Kirche breitete sich in feierlichen Bildern die Geschichte vom Bunde Gottes mit der Menschheit aus.

Man sah lieblich und herrlich zugleich die jungfräuliche Mutter mit dem Kind, das, so klein es war, doch das Göttliche in sich fasste, man sah den Herrn am Kreuze und sah ihn in seiner Majestät unerbittlich am Jüngsten Tage die Bösen von den Guten sondern. Wer den geweihten Raum betrat, spürte die Gegenwart überirdischer Mächte. Die Knaben vornehmer Abkunft, die hier von den Eltern Gott dargebracht wurden, wussten, dass sie bestimmt waren, Krieger des höchsten Kriegsherrn zu werden, wenn sie auch keine Rüstung trugen. Stolz, spröde, keck beugten sie sich doch der Zucht ihrer Lehrer und des Abtes, die nach der Regel streng und milde, brüderlich und königlich sie regierten. Der Sehnsucht des germanischen Jünglings, einem Führer Gefolgschaft zu leisten, der im Kampf voranging, konnten sie auch im Kloster Genüge tun.

Je nach ihrer Begabung war ihnen das Kloster Universität, Kunstschule, Handwerkerschule, landwirtschaftliche Schule. Denn es war eine Welt im Kleinen, alles, was gebraucht wurde, wurde im Kloster angefertigt, das über den Gebrauch hinaus Erzeugte ging zum Verkauf hinaus.
Im Klostergarten wurden Rosen, Verbenen, Nelken und andere Blumen des schönen Anblicks und des Duftes wegen gezogen, daneben Gemüse, Küchenkräuter und Pflanzen, denen Heilkraft zugeschrieben wurde: Lattich, Lauch, Erbsen, Petersilie, Minze, Lavendel und Thymian. Die reichen Klöster hatten auswärtige Besitzungen, oft von weither wurden dem Mutterkloster Erträge zugeführt. Das Kloster Reichenau bezog aus eigenen Gütern in Italien Wein und Öl. Hohe Gäste pflegten Schenkungen an Wild oder Fisch oder Wein zu machen, und der für die Gabe festgesetzte Tag wurde zum Festtag. Ekkehard IV. hat den Besuch geschildert, den der liebenswürdige König Konrad I. im Jahr 911 in Sankt Gallen machte.

(Konrad I.,* um 881; † 23. Dezember 918 in Weilburg; beerdigt in Fulda) war ab 906 Herzog von Franken und von 911 bis 918 König des Ostfrankenreichs.
Während er in Konstanz die Weihnacht feierte, erzählte ihm der Bischof Salomon, der in Sankt Gallen erzogen war, von der Prozession, die an einem der folgenden Tage dort stattfinde, worauf der König ausrief: „Wären wir dort! Und warum, mein Herz, gehen wir nicht morgen früh hin?“ Fröhlich fuhren sie zu Schiff den Rhein hinauf und wurden in Sankt Gallen mit Hymnen empfangen. Von den drei Freudentagen, die der König dort zubrachte, blieb der Tag der Unschuldigen Kindlein, der ein Tag besonderer Freiheit für die Klosterschüler war, allen die liebste Erinnerung. Der König, offenbar ein Kinderfreund, ließ den kleinen Burschen Obst hinschütten und staunte, als nicht einer sich rührte, um danach zu greifen, dann wieder nahm er sie auf den Schoß und legte ihnen Goldmünzen in den Mund und lobte lachend den einen, der das Gold voll Abscheu ausspie. Er speiste mit den Mönchen, bereicherte das bescheidene Mahl durch außergewöhnliche Zutaten, verbreitete fröhlich plaudernd gemütliche Stimmung und sagte später zum Bischof von Konstanz, das wenigstens war die Überlieferung des Klosters, er sei noch nie bei einem Gastmahl so heiter gewesen. Auch in die Gebetsverbrüderung ließ er sich aufnehmen, eine Einrichtung, zufolge welcher Laien nach erfolgter Zustimmung der Mönche eine gewisse Zugehörigkeit zum Kloster sich erwerben konnten, so dass die Mönche sie in ihr Gebet einschlossen, und sie das Recht hatten, vorübergehend im Kloster zu verweilen, wovon Fürsten und Adlige wohl am Ende ihres Lebens Gebrauch machten, um in geheiligten Räumen zu sterben.
Indessen, nicht dadurch allein sollte das Kloster einen Gegensatz zur Welt bilden, dass es eine Stätte des Friedens sei, während draußen Blut und Tränen vergossen wurden: Leiden und Entbehrung sollte der Grundton des mönchischen Lebens sein. Es sollte ein freiwillig übernommenes Leiden sein zum Zeichen der Nachfolge Christi; mit dem dreifachen Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams verzichtete deshalb der Mönch auf alles, woraus der Mensch die Genüsse zu schöpfen pflegt, auf Besitz, auf Liebe und Familie, auf den eigenen Willen. Im Kloster sollte ein Grundgedanke des Christentums verwirklicht werden: die Ausschaltung des Privateigentums. Auch nicht ein Buch, nicht einen Griffel sollte der Mönch zu eigen besitzen, allen sollte alles gemeinsam sein. Die meisten Kirchenväter stimmten darin überein, dass der Gemeinbesitz gut, von der Natur und von Gott gewollt sei, dass die Habsucht der Menschen das Sondereigentum eingeführt habe. Damit hing das Gebot der Ehelosigkeit zusammen, denn in der Familie bildet sich die Neigung aus, Vermögen zu erwerben und den Kindern zu vererben, wodurch es der Gemeinde entzogen wird. Dem germanischen Bauer, besonders dem sächsischen, der gern allein auf seinem Hof saß, war die kirchliche Lehre von der Gütergemeinschaft durchaus entgegengesetzt. Auch wurde das strenge Gebot im Kloster oft durchbrochen, da es immer solche gab, die etwas Eigenes zu verheimlichen wussten, worüber es dann zu hässlichen Zankereien kam. Allein wenn auch Heuchelei und Schwäche das Vorleben des christlichen Gedankens trüben und die Unmöglichkeit, ihn rein zu verwirklichen, beweisen mochten, er leuchtete doch von dieser Stätte in die von Habgier zerrissene Welt, einen Hafen allen denen öffnend, die ihm dienen wollten. Hier in diesem geheiligten Bezirk sollte das Gold nur dem Schmuck des Altars dienen, die weißen Hände des Mönchs sollten sich nie um eine erraffte Münze schließen, nur sich öffnen, um sie dem Bedürftigen auszuteilen. Das zur Erhaltung des Lebens Notwendige war da, gab es etwas darüber hinaus, wurde es mit Dank genossen, aber im allgemeinen sollte die Lehre der Kirchenväter gelten: wer etwas Überflüssiges hat, entzieht es dem Armen. Die Begabung sollte innerhalb der Gemeinschaft zwar anerkannt und gepflegt werden und sich entfalten, aber keinen Vorzug der Ehre oder der Einkünfte zur Folge haben. Alle standen unter gleichem Gesetz, wohnten gleich, nährten und kleideten sich gleich, einzig die Persönlichkeit, deren Wurzel sich menschlichem Eingriff entzieht, göttliche Prägung, die kein irdischer Despot verwischen kann, machte sich durch größeres Lieben und Geliebtwerden geltend, trotz aller Bestimmungen, die auch die Freundesliebe gegenüber der Nächstenliebe beschränken sollten. Soweit es menschliche Leidenschaft und menschliche Schwäche zulassen, wurde hier christliche Brüderlichkeit verwirklicht.
Nicht immer ertrugen die jungen Männer die Vergewaltigung, die ihrer Natur durch das Mönchtum angetan wurde, gutwillig. Oft waren es solche, die schon als Kinder durch Kränklichkeit, Zartheit, Neigung zum beschaulichen Leben, geistige Begabung für die klösterliche Laufbahn vorbestimmt schienen; war das nicht der Fall, so mussten die adligen Knaben, deren Väter und Brüder das Schwert führten, sich im Krieg auszeichneten, Abenteuer erlebten, hart mit sich ringen, bis sie inneren Frieden fanden oder wenigstens sich zu fügen lernten. Zwischen den Klostermauern versiegte manche Träne des Zorns, verhallte mancher Fluch der Verzweiflung. Nur zufällig ist uns das Schicksal des jungen Grafensohnes Wolo überliefert, der, um von ferne die blauen Berge zu sehen, dem Verbot trotzend einen Turm bestieg, stürzte und das Genick brach, im Sterben wohl das Geschick segnend, das ihn befreite. Unseliger endete der sächsische Grafensohn Gottschalk, der auf einem Konzil in Mainz Entlassung aus dem Kloster verlangte, weil er des mönchischen Lebens überdrüssig geworden war. Das Konzil, dem er selbst seine Sache vortrug, war weitherzig genug, seinem Gesuch entsprechen zu wollen, nicht so der Abt des Klosters Fulda, dem er angehörte, Hrabanus Maurus. Der Mann, den die Mit- und Nachwelt wegen seiner Kenntnisse und seiner Frömmigkeit bewunderte, zeigte sich Gottschalk gegenüber bis zur Grausamkeit starr. Er focht das Urteil des Konzils an, indem er sich darauf berief, dass die Gelübde der Eltern, die Kinder dem Kloster darbrächten, nicht gelöst werden könnten. Um Gottschalks Klage über Freiheitsberaubung zurückzuweisen, sagte er, man verliere seine Freiheit nicht, wenn man sich dem Dienste Christi weihe, was Gottschalk doch gar nicht getan hatte.

Ludwig der Fromme
Ludwig der Fromme gab, wie zu erwarten war, dem Abt nach, doch wurde Gottschalk gestattet, in ein anderes Kloster zu gehen, und er wählte Orbais in der Diözese Soissons. Mit der Heftigkeit eines aufgestauten Tatendranges vertiefte er sich in die Schriften des heiligen Augustinus und entdeckte die Lehre von der Gnadenwahl, die er kampflustig und trotzig zu verbreiten suchte als eine Wahrheit, die die Kirche der Christenheit vorenthalten habe. Er überzeugte manche, gewann namhafte Anhänger; aber da sich zwei mächtige Feinde gegen ihn verbündeten, sein alter Gegner, Hrabanus Maurus, der inzwischen Erzbischof von Mainz geworden war, und der gewalttätige Hinkmar, Erzbischof von Reims, beide starke Persönlichkeiten, gelehrt und herrschsüchtig, unterlag er. Durch Geißelhiebe zum Schweigen gebracht, verfiel er schließlich in Wahnsinn. Dass die Lehre von der Gnadenwahl als ketzerisch verurteilt wurde, entsprach dem klugen und milden Geist der katholischen Dogmatik, die den Laien vor dem Gift allzu tief bohrender Gedanken bewahren wollte; den persönlichen Hass, der sich in der Art, wie man ihn behandelte, erweist, mag zu einem Teil das stolze und rechthaberische Wesen des Unglücklichen, der um seine Lehre als um seine Rache kämpfte, verschuldet haben.
Anderen wurde der Zwang zur Läuterung, wie dem jungen Rhätier Viktor in Sankt Gallen, der sehr gelehrt, aber auch anmaßend und widerspenstig war, von seinen Feinden geblendet wurde, dann als Lehrer an die Schule des Bischofs von Straßburg kam und im Ruf der Heiligkeit starb. Für diejenigen, die angeborene starke Kräfte des Geistes und Gemütes nicht vom Irdischen auf das Himmlische übertragen konnten, wurde das Kloster zum Gefängnis; und als Gefängnis diente es auch absichtlich. Das war seine düstere, seine unheimliche Seite. Die Könige benutzten die Klöster, um gefährliche Gegner, etwa Anführer überwundener Völker oder Stämme oder Prätendenten aus der eigenen Familie, Brüder, natürliche Söhne, Neffen, verschwinden zulassen. So endeten Thassilo, der letzte bayrische Herzog aus der Dynastie der Agilolfinger, im Kloster Lorsch, König Lothar, der Sohn Ludwigs des Frommen, im Kloster Prüm in der Eifel.
Übte das Kloster auf die Widerstrebenden Kerkerdruck aus, so konnte es denen, die sich einordneten, zum Paradies werden. Die regelmäßige Einteilung des Tages und der Nacht, der Wechsel zwischen Tätigkeit, beschaulicher Betrachtung und Gespräch wirkten beruhigend. Vor allen Dingen milderte das tröstende Wort des Freundes auch herbstes Leiden. Gab es neidische, gehässige, bösartige Mönche, so waren doch auch solche da, die durch Güte Frieden und durch Begabung Glanz über ihre Umgebung ausgossen. Dem Umstand, dass Schwaben von jeher Dichter erzeugte, ist es zu verdanken, dass uns Kunde denkwürdiger Persönlichkeiten überliefert ist, die die Zierde schwäbischer Klöster waren. In Sankt Gallen lebte Notker, der trotz seines Zungenfehlers ein verehrter Lehrer war, der strenge Zucht mit zärtlicher Fürsorge und Verständnis für jeden einzelnen zu vereinen wusste. Der zarte, magere Mann, dem doch die Kraft nicht fehlte, den Teufel zu überwinden, der ihm zuweilen nachstellte, liebte die jungen Wilden und hatte Nachsicht für die Überschäumenden; in seinen Armen, unter seinen gütigen Worten starb der trotzige Wolo, der ihn eben noch beleidigt hatte, und sein Liebling war der mutwillige Salomon, der später als Bischof von Konstanz der Prächtige und Glückliche genannt wurde. An künstlerischer Begabung war allen Tutilo überlegen. Er dichtete, malte, modellierte und komponierte, besonders bewunderte man sein Saitenspiel. Eine Elfenbeinschnitzerei von seiner Hand, die noch vorhanden ist, stellt den heiligen Gallus dar, wie er den Bären belohnt, der ihm Holz zuträgt. Er liebte die Natur und das Wandern, und seiner Künstlerschaft verdankte er, dass er oft an auswärtige Klöster berufen wurde, um Aufträge auszuführen. Von den schwäbischen Ekkeharden waren mehrere dichterisch begabt. Ekkehard I. (* 910 im Thurgau; † 14. Januar 973 in St. Gallen) war der Dichter des Walthariliedes, dem die lateinische Sprache leider den Stempel des Akademischen aufgedrückt hat, dessen Sequenzen und Hymnen den Gottesdienst zu verschönen bestimmt waren. Die überlieferten Anfangsworte: O martyr aeterni patris und Adoremus gloriosissimum lassen uns die feierliche Pracht dieser Gesänge ahnen. Ekkehard IV. (* um 980; † nach 1057 in St. Gallen), der die Geschichte seines Klosters wie einen buntbebilderten Teppich vor uns ausgebreitet hat, dürfen wir als den ersten Novellendichter unserer Literatur betrachten, einen kundigen Menschendarsteller, einen nachdenklichen, liebreichen und humorvollen Zuschauer des Lebens.

Uta und Ekkehard II. im Dom zu M
Ekkehard II. (* um 985; † 24. Januar 1046) unterschied der Beiname Palatinus, der Höfische; er war ausgezeichnet durch Schönheit, vornehme Haltung und die Überlegenheit, die das Bewusstsein gefälliger Erscheinung, Klugheit und kühle Gemütsart verleihen. Er musste der Herzogin Hadwig von Schwaben den Virgil erklären und es scheint, dass sie mehr Zuneigung für ihn hatte, als er erwiderte. Er besaß eine besondere Kunstfertigkeit im Ausmalen von Handschriften.
Leuchten des Klosters Reichenau und der damaligen Welt waren Walafried Strabo, von dem liebliche lyrische Gedichte erhalten sind, und Hermannus Contractus, der von Kindheit an gelähmte Sohn eines Grafen von Veringen. Obwohl er nicht gehen, nur mühsam sprechen und kaum die Hand zum Schreiben bewegen konnte, sein Leben gekrümmt im Stuhl sitzend zubrachte, wurde er Abt des Klosters, war er berühmt als Musiker, Theologe, Historiker.

Hermann von Reichenau (* 18. Juli 1013; † 24. September 1054 im Kloster Reichenau) auch Hermann der Lahme, Hermannus Contractus, Herimannus Augiensis oder im Spätmittelalter irreführend Hermann von Veringen genannt, da er aus dem Geschlecht der Grafen von Altshausen-Veringen stammte, war ein Benediktiner und bedeutender Wissenschaftler, Komponist und Schriftsteller.
Als Entgelt dafür, dass im Kloster eine Gruppe von Menschen den ewigen Opferrauch des Gebetes zum Himmel aufsteigen ließ und die Gebote des Herrn der Liebe stellvertretend für das ganze Volk auf sich nahm, widmete man den Mönchen außerordentliche Verehrung. Als einmal Kaiser Konrad II. zu Ingelheim Ostern feierte, leitete Ekkehard IV., damals Vorsteher der Schule zu Mainz, den Gottesdienst und hatte schon die Hand zur Vorführung der Sequenz erhoben, als die Bischöfe, die neben dem Kaiser saßen, diesen um Erlaubnis baten, ihren ehemaligen Lehrer bei dem, worin er selbst sie unterwiesen habe, zu unterstützen. Da der Kaiser Gewährung nickte, vollführten sie mit Ekkehard, der Tränen der Freude weinte, die heilige Handlung. Indessen nicht nur dass die Ehrfurcht vor dem Lehrer die Schüler bis in die höchsten Würden begleitete, das ganze Volk brachte den Mönchen Verehrung entgegen, und die Verehrung äußerte sich in Schenkungen, die die Klöster reich machten. Sie wurden dadurch instandgesetzt, Geldgeschäfte zu treiben, und wenn das auch schädliche Folgen hatte, indem es diejenigen, welche der Welt abgesagt hatten, in sehr weltliche Interessen verstrickte, so vollzog doch das Kloster als eine Art Bank eine Funktion, die in dem reger sich entfaltenden kulturellen Leben nicht fehlen durfte.
Nie wieder hat es eine Einrichtung gegeben, die wie das Kloster der karolingischen und ottonischen Zeit so vielen nützlichen Zwecken und großen Ideen diente. Von ihnen, wenn auch nicht nur von ihnen, ging die Kultivierung des Bodens aus, sie lichteten Wälder, bestellten Äcker, bauten Reben, gaben ein Vorbild umsichtiger Wirtschaft; sie beschäftigten Handwerker und Künstler, pflegten die Musik, förderten die Wissenschaft, unterrichteten die Kinder, waren Schule, Akademie, Universität. Nachdem die staatliche Armenpflege, die Karl der Große organisiert hatte, in den Stürmen der Zeit untergegangen war, übernahmen sie die Klöster. Täglich empfingen dort die Armen der Umgegend Unterstützung an Nahrung und Geld, Pilger wurden aufgenommen und Kranke verpflegt, so waren sie zugleich Hospize und Hospitäler. Als Versorgungsanstalten nahmen sie die vielen auf, die für den Kampf des Lebens zu schwach waren, die infolge gestörten Gleichgewichts der Kräfte, infolge irgendwelcher körperlicher oder geistiger Gebrechen draußen im rücksichtslosen Wettkampf der Arbeit und des Ehrgeizes scheitern mussten, alle die unscheinbaren, allzu zarten Pflanzen, die von achtlosen Füßen zertreten werden, aber unter verständnisvoller Pflege erblühen und Früchte tragen können. Sie waren Gefängnisse, wo der Schuldbeladene verhindert wurde zu schaden, wo er aber nicht aus der Gesellschaft der Guten und Gesunden ausgestoßen war, wo er Strafe erlitt, aber auch Zuspruch, Läuterung und Erhebung finden konnte.

Bischof Otto von Bamberg (* um 1060; † 30. Juni 1139)
Der edle Bischof Otto von Bamberg sagte einmal, als jemand meinte, es gebe schon zuviel Klöster, er solle nicht neue gründen: die Welt sei für den Menschen die Fremde, darum müsse es Herbergen geben, und solche Herbergen seien die Klöster. Sie seien nicht für diejenigen da, die sich auf Erden heimisch fühlten, sondern für die Fremden. Den Fremdlingen auf Erden öffnete sich die gastliche Pforte als ein Vorhof der ewigen Ruhe.
Die alten Klöster mit ihren Kirchen und Kreuzgängen sind im Lauf der Jahrhunderte entweder ganz zerstört oder umgebaut worden. Die Abtei Prüm in der Eifel, die Karl Martells Schwester Bertrada zu Anfang des 8. Jahrhunderts stiftete, stammt in ihrer jetzigen Gestalt aus dem 18. Jahrhundert, Fulda ist vom Barock beherrscht, Sankt Gallen vom Rokoko, ebenso fast alle bayrischen und österreichischen Klöster, im sächsischen Korvey, wo der Mönch Widukind die Geschichten seines Volkes schrieb, muss man die romanischen Überbleibsel des alten Baus aufsuchen. Aber wenn man die Insel Reichenau betritt, dann wird man in die Zeit der Erstlinge des Glaubens entrückt. Hier ist alles fest umgrenzt, alles schlicht geformt, alles Symbol und Geheimnis. Die Häuser sind klein, selbst die Kirchen niedrig, und dennoch, mit ihren dicken Mauern, ihren flachen Decken und kurzen Säulen erscheinen sie gewaltig und hauchen überirdische Schauer aus. Die Göttergestalt Christi, die wir von den halbzerstörten Wandgemälden ablesen, wie sie Kranke heilt und Tote erweckt, steigt aus bodenlosen Abgründen hervor, Führer durch Blut und Tränen in ein Reich jenseits der Sterne. Erdrückend wäre die Heiligkeit dieser Räume, wenn sie nicht Natur hold umgäbe: um die Gemäuer singt die Welle, flüstert das Schilf, blüht und rauscht die Linde. Der Gott, der hier angebetet wird, liebt die Natur, sie ist seine Tochter und atmet dicht an seinem Herzen. An den Spalieren reifen Äpfel und Birnen, Pfirsiche und Trauben, nicht nur durch die Güter, die Schiffe ihr von weither zuführen, ist diese Aue reich, sondern durch das, was sie selbst hervorbringt. Hier sind alle Menschen, die hohen und die niederen, die Herren und die Bettler, Kinder der Erde, ein Volk von Bauern, genügsam in seinen Anforderungen an das Irdische, maßlos in seinen Ahnungen des Ewigen. Ihre Heimat ist eine Insel, umsaust von Stürmen, umbrandet von Wellen, aber hoch oben rollen die Sterne aus der Hand des Herrn als ein Band, das die Erde und ihre kleine Heimat mit dem Himmel verbindet – Adoremus Gloriosissimum.
* * *
Der Adel
Der Adel
Der Adel

Heimdall
Die Edda erzählt, dass Heimdall, einer der Asen, als er einst am Strande des Meeres sich erging, auf menschliche Wohnungen stieß, dort einkehrte und in drei Nächten mit drei verschiedenen Frauen Kinder zeugte. Der Sohn der geringsten wurde ein Sklave, der Sohn der mittelmäßig Begüterten wurde ein Bauer, der Sohn der vornehmen Frau ein Jarl oder Adaling. Der Sklave oder Thräl hatte schwarze Haare, krummen Rücken, gelbliche Haut, der Jarl, dessen Mutter weißer als reiner Schnee glänzte, war blondhaarig, hatte schöne Wangen und blitzende Augen. Wenn auch langdauernde schwere Arbeit und grobe Ernährung den Rücken beugen und die Haut härten kann, so möchte man doch aus dieser Sage schließen, dass die Sklaven der Germanen Angehörige unterworfener Völker waren, als Fremde niederer Art geringgeschätzt. Alle germanischen Stämme außer den Friesen unterschieden einen Adel, Freie von verschiedener Abstufung und Hörige, die gleichfalls in verschiedener Beziehung zu ihren Herren standen. Der Adel war durch das doppelte Wergeld der Freien ausgezeichnet, übrigens standen die Rechte der Freizügigkeit, Schildbürtigkeit, das Fehderecht, das Recht echtes Eigentum zu besitzen, das Recht nur von seinesgleichen gerichtet zu werden, dem freien Mann ebenso wie dem Adligen zu. Der Ursprung des Adels verliert sich im Dunkel der Anfänge; vielleicht entstand er dadurch, dass gewisse Familien, die sich im Krieg, im öffentlichen Leben und etwa auch durch Schönheit auszeichneten, mit den Göttern verknüpft gedacht wurden. Es ist auffallend, wie die Geschichtsschreiber die Schönheit der Personen, von denen sie erzählen, ausführlich beschreiben; besonders von den Kaisern wird der hohe Wuchs, die edle Haltung, das blonde Gelock, der feurige Blick gerühmt, augenscheinlich nicht nur als etwas dem Auge Wohlgefälliges, sondern auch als Wahrzeichen edler Geburt. Von Otto IV., der sich durch geistige Gaben nicht hervortat, wurde angenommen, dass er die fürstlichen Wähler durch seine schöne große Gestalt bestochen habe. Auch an den Mönchen wurde Schönheit als etwas Preiswürdiges hervorgehoben, und mit Staunen wurde vermerkt, wenn gerade im unansehnlichen oder entstellten Körper ein hoher Geist wohnte, wie das bei Hermannus Contractus, bei Walafried Strabo in so hohem Maße der Fall war. Noch jetzt finden sich in Niedersachsen hochgewachsene Menschen mit lichtem blondem Haar und eigentümlichem, Raum und Körper durchbohrendem Seemannsblick der blauen Augen; vielleicht sah so der sächsische Adel in wohlgelungenen Exemplaren aus. Von Adalhard, einem Vetter Karls des Großen, der eine sächsische Mutter hatte, sagten seine Schüler, dass sie vor dem furchtbaren Flammenblick seiner Augen gezittert hätten. Unter den Franken fiel die Eigenart des Mannes auf, der schweigsam und gern allein, unbeugsam fest in seinen Überzeugungen war und Zuverlässigkeit als höchste Tugend schätzte. Der Stolz war bei den Sachsen noch mehr ausgeprägt als bei den anderen deutschen Stämmen: sie waren stolz auf ihre Heimat, stolz auf ihre Geschichte, stolz auf ihre Abkunft. Das Christentum hat diesen Stolz nicht ausgetrieben. Die wegen ihrer Frömmigkeit einer Heiligen gleich geachtete Königin Mathilde berief in das Stift zu Quedlinburg, das sie gründete, nur Personen aus dem höchsten freien Stand, weil sie, wie die Annalen berichten, daran festhielt, dass eine Wohlgeborene selten und nur aus schweren Gründen entarte. Alle älteren Klöster wurden nur mit Adligen besetzt, die Äbte und Äbtissinnen gehörten oft dem Reichsfürstenstand an. Man wusste wohl, dass Petrus, ein Fischer, gesagt hatte: Bei Gott gilt kein Ansehen der Person, und bekannt waren die Worte, die Paulus an die Galater richtete: „Denn diejenigen, die in Christus getauft sind, haben Christus angezogen. Da ist nicht Jude oder Grieche, da ist nicht Sklave oder Freier, nicht Mann oder Frau, ihr seid alle eines in Jesus Christus“, aber man dachte nicht daran, diese Gesinnung zu verwirklichen. Selbst Bischof Udalrich von Augsburg, der heiliggesprochen wurde, ein schwäbischer Graf von Dillingen, ließ sich auf Reisen, anstatt zu reiten, in einer Sänfte tragen, um nicht mit Leuten aus dem Volk in Berührung zu kommen und durch ihr Geschwätz im Psalmensingen gestört zu werden. Bevor er selbst Bischof wurde, verschmähte er es, in den Dienst seines Vorgängers zu treten, weil derselbe nicht vornehm genug war. Vom Erzbischof Tegino von Magdeburg, der als ein Muster aller Tugenden, als gottesfürchtig, liebevoll, wohltätig, milde, keusch geschildert wird, heißt es gleichzeitig, dass er gern solche um sich hatte, die durch Adel der Geburt und Sitte sich auszeichneten, während er Niedere zwar nicht verachtete, aber sie doch von seinem Umgang fernhielt. Man sieht daraus, dass man Adel der Geburt und Adel der Sitten als selbstverständlich zusammenfallend betrachtete.

Hildegard von Bingen
Als jemand die heilige Hildegard von Bingen fragte, wie sich die Bevorzugung des Adels in den Klöstern mit den Forderungen des Christentums vertrage, sagte sie: „Wer würde sein Vieh zu einer Herde und in einem Stall vereinigen? Ochsen, Esel und Schafe?“ Die Vermischung führe zum Hass, wenn Hochgeborene den Niedriggeborenen weichen müssten. Gott unterscheide das Volk auf Erden, gleichwie er im Himmel Engel, Erzengel, Throne, Herrschaften, Cherubim und Seraphim unterscheide.

Desiderius Erasmus von Rotterdam (* vermutlich am 28. Oktober 1466/1467/1469, wahrscheinlich in Rotterdam; † 11./12. Juli 1536 in Basel) war ein niederländischer Gelehrter des Renaissance-Humanismus. Er wurde in den Burgundischen Niederlanden, einem Teil des Heiligen Römischen Reiches, geboren und war Theologe, Priester, Augustiner-Chorherr, Philologe und Autor.
In späterer Zeit sagte Erasmus von Rotterdam in bezug auf das Domkapitel von Straßburg: „In dies Kolleg hätte Christus ohne Dispens nicht aufgenommen werden können“, und ähnlich ein junger Kanoniker um 1500: „Wenn heute der Herr auf Erden wandelte, würde das Stift von St. Alban (in Mainz) ihn abweisen.“ Es ist berechnet worden, dass von 900-1500 von 166 Erzbischöfen 134 edelfrei, 10 von Ministerialadel, 4 bürgerlich waren. Heinrich II. war nach Ludwig dem Frommen der erste Kaiser, der einige Unfreie wegen ihrer Tüchtigkeit zu Bischöfen machte. Man muss zugeben, dass der Adel im frühen Mittelalter die große Nachfrage nach tüchtigen Männern ausgiebig befriedigen konnte.
Es fiel den Zeitgenossen auf, dass unter den benachbarten Völkern eine so strenge Trennung unter den Ständen wie in Deutschland nicht beobachtet wurde. Der Oheim Friedrich Barbarossas, Bischof Otto von Freising, erzählt von den lombardischen Städten, ihrer Freiheitsliebe, ihren Konsuln, die „zur Unterdrückung des Hochmuts“, wie er sagt, aus jedem Stande gewählt wurden. Sie halten es nicht für unwürdig, sagt er, an Jünglinge niederen Standes und Arbeiter verächtlicher, auch mechanischer Gewerbe, welche andere Völker von den edleren und freieren Studien wie eine Pest fernhalten, den Gürtel der Ritterschaft oder den Grad der Würden zu verleihen. Nicht ohne Bewunderung fügt er hinzu, dass die lombardischen Städte an Reichtum und Macht über andere Städte des Erdkreises hervorragen. Die Klöster der kluniazensischen Richtung, die von Westen her eindrang, machten keinen Unterschied zwischen den Ständen.
Der Standeshochmut hat einen verständlichen Sinn, wenn die dienende Schicht sich aus Kriegsgefangenen zusammensetzt, aber schon mit dem 9. Jahrhundert fingen die ärmeren Freien an, in die Klasse von Hörigen herabzusinken, und dieser Vorgang nahm in den folgenden Jahrhunderten zu. Es war ein Unglück, für das anfangs kaum ein einzelner verantwortlich zu machen war. Die Ursache lag hauptsächlich darin, dass sich viele kleine Bauern dem Kriegsdienst, den die beständigen Überfälle durch feindliche Völker erforderten, dadurch entzogen, dass sie ihr Gut geistlichen oder weltlichen Großen zu Lehen auftrugen und von diesen abhängig wurden. Auch ist es so, dass in Zeiten der Naturalwirtschaft die Erde die Menschen entweder zu erblichen Eigentümern oder zu Hörigen macht; sie verwachsen so oder so mit dem Boden. Jeder große Grundbesitzer trachtete danach, möglichst viel hörige Leute zu bekommen, die den Boden bebauten, und wenn er Stücke seines Landes in Erbpacht an Freie austat, so erleichterte ihm die Verwaltung und das Gerichtswesen, sie in Abhängigkeit herabzudrücken. Nicht grundsätzlich, aber tatsächlich fielen Armut und Abhängigkeit meist zusammen. Im 11. Jahrhundert wurden die bedeutenderen Freien noch als zur Huldigung des neuerwählten Königs zugezogen erwähnt; der freie, aber arme Bauer nahm am Schicksal des armen Hörigen teil. Die schwäbischen Bauern, die zur Zeit Heinrichs IV. dem Gegenkönig Rudolf, ihrem Herzog, zuzogen, wurden von den sie besiegenden Rittern entmannt, weil sie, obwohl freie Leute, als unwürdige Gegner angesehen wurden, nicht Feinde, sondern Knechte, die gegen Herren die Waffen zu tragen wagten. Wieviel Großes auch der mittelalterliche Adel in Deutschland geschaffen hat, sein Standeshochmut, der zwischen Hochgeboren und Niedriggeboren eine unüberbrückbare Kluft schuf, wurde Deutschland verderblich; er war die Ursache, dass sich im selben Volk zwei Völker gegenüberstanden, die sich weniger verstanden und mehr hassten als fremde Völker.
Von den Tugenden, mit deren Besitz der Adel seinen Herrschaftsanspruch rechtfertigte, war Tapferkeit die vornehmste. Sie war die selbstverständliche Eigenschaft des Edlen. Rauflust war dabei; aber es gehörte dazu vor allen Dingen die Kraft, Gefahren nicht zu scheuen und dem Tod furchtlos zu begegnen. Ein überschäumendes Kraftgefühl erzeugte die Lust am zischenden Schwert, am sausenden Speer, Rausch des Blutvergießens, das Bewusstsein der Ehre, die stolze Haltung vor dem Feind, in Todesqualen. Tapferkeit flößte so viel Achtung ein, dass sie auch den Feind, ja selbst den Verräter lieb machen konnte. Den slawischen Prinzen Gottschalk, der auf die Nachricht, dass sein Vater von einem Sachsen ermordet war, das Kloster verließ, in dem er erzogen war, und unter den Sachsen wütete, schonte Herzog Bernhard von Sachsen, in dessen Hände er schließlich fiel, weil er seine Tapferkeit bewunderte, und entließ ihn ungekränkt nach England. Nie vergaßen auch die Mönche, die Geschichte schrieben, Waffenkämpfe mit sichtlichem Anteil zu schildern. Tapfere Taten sicherten unvergängliches Erinnern; von dem Sachsen Heriger, der als Gefangener die Dänen in ein Moor führte, wo sie mit ihm untergingen, wurde lange gesungen und gesagt. Ein griechischer Schriftsteller erzählt uns die folgende Geschichte von einem Deutschen, der während des von Barbarossa unternommenen Kreuzzuges in der Nähe von Ikonium hinter seinen Landsleuten zurückgeblieben war. Er war von riesigem Wuchs und ungeheurer Kraft und zog sein erschöpftes Ross am Zaum hinter sich her. Auf einmal erschienen etwa fünfzig ismaelitische Reiter, bildeten einen Kreis um ihn und beschossen ihn von allen Seiten. Er deckte sich mit seinem Schild und ging vergnüglich weiter, unbekümmert um die feindlichen Geschosse, als wäre er ein Fels. Als aber einer der Reiter näher herankam und mit dem Säbel auf ihn einhaute, wurde er ungeduldig, nahm sein Schwert und schlug mit einem Hieb die Vorderfüße des feindlichen Pferdes ab, als wären es Grashalme, dann spaltete er mit einem zweiten nicht nur den Kopf, sondern den ganzen Oberkörper des Gegners, so dass derselbe in zwei Hälften auseinanderfiel, und dass der Schnitt noch tief in den Rücken des Pferdes eindrang. „Wie ein Löwe, der sich auf seine Kraft verlässt, zog er gemächlich weiter, ohne seinen Schritt zu beschleunigen, und traf abends im Lager seiner Landsleute ein.“ Offenbar entzückte den Griechen, wie hochmütig er sonst auf die Barbaren herabsah, die grandiose Naturerscheinung solcher Riesenleiber, in denen das Herz friedlich schlägt, während die Faust vernichtende Schläge austeilt. Das Bewusstsein überlegener Kraft ermöglichte dem Namenlosen, auf kahler Ebene mitten durch die Schlacht zu schlendern, als trabe er durch die Dämmerung seines rauschenden Eichenwaldes. Ähnlich war der Thurgauer, der die Wilzen und Avaren wie Gras auf der Wiese mähte und wie Vögelchen auf seine Lanze spießte. „Was soll ich mit diesen Kröten?“ sagte er zu den Daheimgebliebenen, die ihn nach seinen Kriegserlebnissen ausfragten, „sieben oder acht oder auch neun spießte ich auf meine Lanze und trug sie hierhin und dorthin, weiß nicht, was sie dazu brummten. Unnützerweise haben der Heerkönig und wir uns gegen solche Würmer abgemüht.“ Diese Männer erinnern an die Riesen der Sage, die in aller Gutmütigkeit mit zermalmenden Füßen über die schwächeren Geschöpfe wegschreiten.
Der Pflege ritterlicher Tugenden kam die Pflege des Geistes nicht gleich. Im Allgemeinen lernte der Adlige nicht nur nichts, sondern tat sich etwas darauf zugute, nichts gelernt zu haben, um sich gründlich von den bücherlesenden Klerikern zu unterscheiden. Von Otto des Großen Schwiegersohn, Konrad dem Roten, erwähnt der Geschichtsschreiber rühmend, er sei nicht nur ein unwiderstehlicher Recke in der Schlacht, sondern auch klug im Rat gewesen, was bei tapferen Männern selten sei. Schon Karl der Große tadelte die Geringschätzung des Wissens und der geistigen Ausbildung am Adel auf das ernstlichste, und ähnliche Klagen wiederholten sich häufig. Wenn der Adel Interessen hatte, die über Pferde, Waffen und Kampf hinausgingen, so betrafen sie die Landwirtschaft; denn Bauern waren sie ja alle, ob sie nun Großgrundbesitzer oder Pächter oder Kleinbauern waren. Von einem lothringischen Grafen Immo wird erzählt, wie er den Herzog Giselbert von Lothringen dadurch ärgerte, dass er ihm eine Schweineherde entwendete, indem er durch ein Ferkel, das er vor seiner Burg herumführen ließ, das herzogliche Vieh von seinem Wege ab und in die Burg hineinlockte. Aus einem Fenster seiner Burg beobachtete er schadenfroh die Ankunft des feindlichen Schweinehirten und das Gelingen seines Planes. Doch würde es einen falschen Begriff von dem Wort Geist geben, wenn man diese Bauern ungeistig nennen wollte, weil sie nicht lesen konnten und von Grammatik und Theologie nichts wissen wollten. Ihr Kopf brauchte deshalb nicht leer zu sein: sie hatten Erfahrung in allen Verwickelungen des Lebens, konnten sich Menschenkenntnis erwerben, mussten in Rechtsfällen urteilen können, waren in Feld und Wald und Wiese zwischen den Tieren ihres Hofes und den Tieren des Waldes zu Hause; sie hörten die Predigt von den göttlichen Dingen, von Gut und Böse, hörten die Lieder von den Taten der Vorfahren, Himmel und Erde gaben denen Stoff genug zum Nachdenken, die nachdenken wollten.

Otto I., Pfalzgraf von Burgund (* wohl Juni/Juli 1170; † 13. Januar 1200 in Besançon), auch Otto von Hohenstaufen, war der vierte Sohn Kaiser Friedrich I. Barbarossas und seiner zweiten Ehefrau Beatrix von Burgund.
Otto I. lernte in höherem Alter Latein, und sprechen konnte er es nie; dennoch, wieviel größer war er als sein gelehrter Enkel, den man das Wunder der Welt nannte. Die Großen und Begabten bedürfen der Wissenschaft nicht, vielmehr, sie eignen sich davon an, was sie brauchen; aber für die Mittelmäßigen, Unbegabten, Stumpfsinnigen ist Erweiterung des Gesichtskreises durch Lernen notwendig, und diese, nicht die Begabten sind überall in der Mehrzahl. Die Rohheit und Unwissenheit des Adels, die ihn nachteilig unterschieden von Italienern, Franzosen und Engländern, wirkten mit dazu, dass die Kaiser sich ihre Mitarbeiter und Ratgeber hauptsächlich im Klerus suchen mussten. Allerdings, auch der Klerus war Adel; man kann ihn im frühen Mittelalter als eine Auslese der Begabten des Adels betrachten.
Wenn der Abfall der großen Vasallen auch so häufige Erscheinung war, dass man sagen kann, die Geschichte der meisten Könige spielte sich am Rande eines Abgrundes ab, so wäre es doch gewagt, daraus zu folgern, die Treue sei bei den Deutschen wegen ihrer Seltenheit so hoch geschätzt worden. Bei den Reichen und Mächtigen wird man im allgemeinen diejenigen Eigenschaften suchen müssen, die im Kampf ums Dasein Vorteil schaffen, vorwärtsbringen, nicht die edleren, die den Nutzen der Ehre nachstellen. Nicht auf den Höhen, sondern in den unteren und mittleren Schichten sind diejenigen Tugenden heimisch, die den Bau der Gesellschaft zusammenhalten. Die Treue und das Pflichtgefühl unzähliger, deren Namen niemand überliefert, erhält die Ordnung, die auf der Geltung des Rechtes und der Heiligkeit des gegebenen Wortes beruht, wenn Machtgier und Habgier einiger Großer die Welt in ein Chaos zu stürzen drohen. Da, wo sich eine Macht gebildet hat, die die Grenze privater Sphären überschreitet, verlieren die privaten Tugenden ihre Geltung; in der Politik setzt sich auch der redliche Mensch über die Gebote der Redlichkeit hinweg, und es müsste ein solches Sichhinwegsetzen über das Recht zu gänzlicher Auflösung führen, wenn nicht Gegenwirkungen vorhanden wären oder sich bildeten. So braucht man denn aus dem Verhalten des hohen Adels gegen die Könige nicht auf Treulosigkeit des deutschen Adels überhaupt zu schließen. Wohl waren aus den Gefolgsleuten des Königs durch die Landverleihung Fürsten und Nebenbuhler des Königs geworden; aber es fehlte doch nie an einem echten Gefolge, das sich für seinen Herren in Stücke hauen ließ. Bedenkt man, wie wenig Mittel vorhanden waren, um das Recht zu stützen, muss man es erstaunlich finden, wie das Recht geachtet wurde. Ein Volk, das fast durchweg bewaffnet und in den Waffen geübt war, in dem jeder Freie dem anderen Fehde ansagen konnte, beugte sich freiwillig vor alten Pergamenten, auf denen alte Privilegien verzeichnet waren, wagte selbst abhängigen Bauern die Abgaben nicht über das Herkömmliche zu steigern, wenn auch die wirtschaftlichen Voraussetzungen andere geworden waren. Das Heilighalten des Rechtes hängt zusammen mit der Ehrfurcht vor den Göttern; diese beseelte den Deutschen, wenn er auch die christlichen Gebote häufig verletzte. Nicht nur, dass er die äußerlichen Formen des religiösen Lebens mitmachte, die Kirche besuchte, die Messe hörte, die Knie vor dem Allerheiligsten beugte; Weltliche wie Geistliche fühlten sich eingebürgert in dem wunderbaren Reich, das die Erde, den Stern der Mitte, umrundete, in dem das Sichtbare und das Unsichtbare eingegossen war. Das Drüben, wo alle Tränen versiegten, war nichts Fernes, nicht ein entlegener Ort, sondern es war da, wo man stand, ein Meer des Glanzes, das aufblinken konnte, wo immer ein Gläubiger den trügenden Schein der Welt überwand. Kam die Stunde des Todes, so löschte die sterbende Hand das letzte Fünkchen Welt aus, und der Tote tauchte in den Goldgrund der Dinge. Die Verbundenheit mit dem Jenseits bewog so viele Adlige, die diesseitige Welt, nachdem sie ihre Freuden erprobt hatten, plötzlich mit einer heroischen Gebärde von sich zu stoßen, zuweilen jung, vor der Hochzeit, trotz des Flehens der Eltern, zuweilen auf der Höhe des Ansehens und der Erfolge.

Gero, auch Gero I. oder Gero der Große, († 20.Mai 965 in Gernrode) war ein ostsächsischer Graf, der von 939 bis 965 als Markgraf König Ottos I.

Stiftskirche Gernrode – Foto: PtrQs
Gero, der berühmte Markgraf Ottos des Großen, der einen Teil des slawischen Landes zwischen Elbe und Oder eroberte, von dem das Volkslied sang, dass er dreißig slawische Große ermordet habe, endete sein Leben im Kloster. Der Tod seines letzten Sohnes, in dem er auf Erden weiterzuleben gehofft hatte, erschütterte das Herz, das in zahllosen Schlachten nie unruhiger geschlagen hatte. Schon sein Vater hatte geplant, ein Nonnenkloster in der Nähe einer seiner Burgen zu stiften; das führte er nun aus, um die Zukunft der jungen Witwe seines Sohnes zu sichern, die er, wie es scheint, zärtlich liebte. Sie hat 55 Jahre lang der Abtei Gernrode als Äbtissin vorgestanden. Dann ging er, nicht zum ersten Mal, nach Rom und legte das zur Bekehrung der Heiden geführte Schwert zu Füßen des Papstes nieder; schon nach anderthalb Jahren starb er. Für den Kriegsmann wie für den Geistlichen war der Übergang von der Erde zum Himmel weniger als ein Schritt, nur ein Schließen der Augen: die irdischen Lichter erlöschen, über der Seele gehen die göttlichen Geheimnisse auf.
Herzog Bernhard zur Lippe, ein treuer Anhänger Heinrichs des Löwen, wurde aus einem gefürchteten Kriegsmann, der vor Beraubung von Klöstern nicht zurückgeschreckt war, ein Kreuzzugsprediger und schließlich ein Bischof. Als Vater von fünf Söhnen und sechs Töchtern trat er in ein Kloster ein nach Überwindung des Widerstandes seiner Frau, die vermutlich weniger gesündigt und mehr gelitten hatte als er. Der religiöse Schwung war so stark, dass, wenn die Klöster entarteten, was immer geschah, sich neue Orden bildeten, die sie reformierten und mit religiösem Leben erfüllten. Im zwölften Jahrhundert gründeten Adlige die vielen Zisterzienserklöster, die so Großes zur Kultivierung des Nordens und Ostens geleistet haben.

Klosterkiche Volkenroda
Graf Brüning von Gleichen trat in das Kloster Volkerode ein, das seine Mutter nördlich von Mühlhausen in Thüringen gegründet hatte, Graf Siegfried von Bomeneburg gründete Kloster Amelungsborn, ein Edler von Wolmundstein, der einen Freund im Turnier verwundet hatte, Kloster Waldsassen, Ritter Ludolf von Wenden das Kloster Riddagshausen bei Braunschweig, Graf Wilbrand von Hallermund in einer Einöde zwischen dem Steinhuder Meer und der Weser Kloster Loccum.

Kloster Amelungsborn

Kloster Riddagshausen

Kloster Loccum
Erklärt auch der wirtschaftliche Nutzen, den die Zisterzienserklöster brachten, ihre rasche Aufnahme, so war doch fast in jedem einzelnen Fall ein religiöses Gefühl der Antrieb der Stiftung, Reue über vergossenes Blut, Einsicht in die Flüchtigkeit irdischer Güter oder auch nur die Meinung, dass ein wirkungsvoller Akt der Frömmigkeit zur Vollendung eines christlichen Edlen gehöre.
Die enge Verbindung des kriegerischen Adels mit der Kirche wird erst recht verständlich, wenn man bedenkt, dass die frühmittelalterliche Kirche einen heidnischen Charakter hatte. Sie hatte ihn nicht nur, weil ihre Glieder zum großen Teil erst kürzlich bekehrte Heiden waren, nicht nur, weil zahlreiche Elemente des Heidenglaubens in die Kirche aufgenommen und übergegangen waren. Christus kam in eine erstarrte Welt, die er das Sterben lehrte. Er ist der Gott des Todes, darum waren seinem Antlitz von Anfang an Züge tiefster Trauer eingegraben. Vielleicht erlebte in ihm die Menschheit zum ersten Mal bewusst den Tod. Das junge Germanenvolk war noch nicht erstarrt, sein Dasein vollzog sich jenseits von Gut und Böse, zwischen seinen strömenden Kräften des Hasses und der Liebe, des Frevels und der Reue konnte die Selbstsucht nicht zu hemmender Schranke gerinnen. Der spätere Mensch sieht mit Staunen, wie in der mittelalterlichen Welt entsetzlicher Blutdurst und zarte Himmelssehnsucht, Hochmut und Demut sich kreuzen, wie schwerste Verbrechen durch ein gelindes Priesterwort gesühnt werden, wie hohe Kirchenfürsten ihre irdischen Leidenschaften austoben, ohne sich dadurch beschwert zu fühlen. Blutrote Sünde wusch eine Träne ab. Diese junge Welt, in der der Tod nicht schmerzte, weil sie so voll Leben war, dass der Tod nur ein Überströmen in neues Leben bedeutete, erlebte das Christentum anders als die antike Welt, die vergessen hatte, dass nichts auferstehen kann, was nicht zuvor gestorben ist. Dementsprechend musste die Kirche sich wandeln.
Das Gudrunlied erzählt, wie nach der blutigen Schlacht auf dem Wülpensand die überlebenden Helden die Toten zu bestatten beschließen, nicht nur die Freunde, sondern auch die Feinde, damit sie nicht den Raben und Wölfen zur Speise werden.

Das im bayerisch-österreichischen Raum um 1230/40 entstandene Werk beruht zum Teil auf älteren Quellen aus dem Sagenkreis der Nordsee.
Damit ihres tapferen Endes ewig gedacht werde, stiften sie ein Kloster mit einem Hospital, zu dessen Gunsten die Verwandten der Gefallenen Gaben beisteuern. Auch der Armen wird gedacht: ihnen soll der Erlös aus den Pferden, Rüstungen und Gewändern der Gefallenen zugutekommen. Eine Anzahl von Pfaffen, die dem Kloster zugewiesen wurde, soll betend und singend die Seelen der Erschlagenen Gott empfehlen. Vor der Schlacht hatten sie, weil es ihnen an Schiffen fehlte, einer Pilgerschar, die auf der Insel gelandet war, ihre Schiffe weggenommen; diesem Frevel schrieben sie den unglücklichen Ausgang des Treffens zu, und damit sie beim nächsten Gefecht besseres Glück hätten, beeilten sie sich nun, den Schaden zu ersetzen. Dann segelten sie heim, das Herz erfüllt von Rachegedanken, ungeduldig gespannt auf neues Blutvergießen. So war das Christentum der Edlen: zuweilen wurde ein härenes Gewand über den strahlenden Harnisch gezogen, dann, nachdem es wieder im Gepäck versorgt war, schlug das wilde heidnische Herz, ganz eins mit sich, dem nächsten Turnier, der nächsten Fehde, neuen Taten und Untaten entgegen. Die Kirche war mit diesen Söhnen zufrieden, und es ist anzunehmen, dass Gott es auch war.
* * *
Die Ottomanen
Die Ottomanen
Die Familie der Arnulfinger, die rasch in leuchtenden Stufen zu ihrem Gipfel aufgestiegen war, verfiel sofort nach dem Tode des größten, wenn sie auch noch lange nicht erlosch, als hätte das weithin weckende Licht, das von ihm ausging, vom Horizont sich nicht lösen mögen und in einem langen Abendrot dem Untergange nachgeglüht. Trotz der Teilung unter die Söhne Ludwigs des Frommen erhielt sich noch das Bewusstsein des Zusammenhanges der west- und ostfränkischen Reichshälften durch die Dynastie, wie sie denn auch unter Karl dem Dicken noch einmal vereinigt wurden. Immerhin, obwohl das häufige Vorkommen germanischer Namen im 9. Jahrhundert der westfränkischen Hälfte noch ein germanisches Gepräge gab, beweisen die Eide, die bei Gelegenheit der Verträge von Verdun und Mersen über die Trennung geleistet wurden, dass im westfränkischen Reich Französisch, im ostfränkischen Deutsch gesprochen wurde.
Die endgültige Trennung der deutschredenden Stämme vom Westfrankenreich wurde offenbar, als im Jahre 911 der letzte ostfränkische König, Ludwig das Kind, starb. Die Deutschen dachten nicht daran, sich nun wieder dem westfränkischen Karolinger anzuschließen, sondern ein Teil wählte Konrad zum König, der als Herzog von Franken und Anverwandter der karolingischen Familie der geeignete Nachfolger zu sein schien. Während seiner kurzen Regierung bemühte sich Konrad vergeblich um den Anschluss aller Stämme; außer in Franken und Schwaben wurde er nirgends anerkannt. Seine edle Gesinnung bewies er dadurch, dass er sterbend seinem Bruder Eberhard empfahl, auf die Nachfolge zu verzichten und die Krone seinem bisherigen Gegner, dem Sachsenherzog Heinrich, anzubieten.

(* um 876; † 2. Juli 936 in der Pfalz Memleben) aus dem Adelsgeschlecht der Liudolfinger war ab 912 Herzog von Sachsen und von 919 bis 936 König des Ostfrankenreiches.
Als mit dem Tod Karls des Großen der Mittelpunkt erschlaffte, in dem die Reichsglieder zusammengefasst waren, wurde das Grundwesen der Germanen wieder wirksam, denen weniger der Trieb nach Einheit im Blut liegt als der Drang des einzelnen oder der Gruppe nach Selbständigkeit und Unabhängigkeit. Der romanische Staat betont die Vertretung des Ganzen, schafft einen Beamtenapparat, der vom Mittelpunkt ausgehend die Glieder von oben nach unten erfasst und bewegt, wodurch für diesen die Möglichkeit entsteht, sich der beherrschten Teile zu bedienen, sie mit großer Kraft nach außen zu verwenden, sie auszubeuten. Der germanische Staat geht von den einfachen unteren Gliedern, der Familie, der Sippe, der Gemeinde aus und begegnet allmählich der von obenher beherrschenden Vertretung des Ganzen. Die Entfaltungsmöglichkeit und Freiheit des Individuums ist dem Germanen unendlich wichtig, und er opfert davon nur so viel wie nötig ist, damit ein Ganzes überhaupt sich bilden kann, während nach romanischer Auffassung der Staat im Besitz der Allgewalt ist und dem einzelnen an Befugnissen möglichst wenig überlässt. Die Vorteile des zentralisierten Staates sind Straffheit, Ordnung, Möglichkeit der Machtentfaltung nach außen, die des gegliederten Staates Mannigfaltigkeit, Reichtum an eigenartigen Individualitäten, Fülle der Natur, des schöpferischen Lebens. Im Hinblick auf den Beamtenapparat kann man den zentralisierten Staat auch den mechanischen nennen, worauf der häufig gebrauchte Ausdruck Staatsmaschinerie oder Staatsmaschine hinweist, während der organische von innen heraus wächst und sich verzweigt. Zu Karls des Großen Zeit konnte allerdings von einer Staatsmaschine im modernen Sinne nicht die Rede sein, sowohl aus technischen wie aus Gründen der Auffassung: er ließ den unterworfenen Stämmen ihr eigenes Recht, das er nur stellenweise ausbildete, und vermied Eingriffe in ihr kulturelles Leben. Der auf die Sachsen ausgeübte Zwang sollte nur dauern, bis die Christianisierung einigermaßen gesichert war. Immerhin zentralisierte er bis zu einem ziemlich hohen Grad, indem er das ganze Reich in Gaue einteilte, Grafen als Vorsteher derselben einsetzte und diese durch Königsboten beaufsichtigen ließ. Als Gegenwirkung gegen diese dem germanischen Geist widerstrebende Bindung an das Ganze bildete sich nach Karls Tod in den einzelnen Teilen des ostfränkischen Reiches das Stammesherzogtum wieder aus, und zwar mit besonderer Kraft in den beiden Ländern, die auch in anderer Hinsicht einander ähnlich waren, in Sachsen und Bayern. Beide Länder bedurften nach dem Verfall der Karolinger vorzugsweise einheimischer Führer, weil sie mehr als die anderen den Einfällen feindlicher Völker ausgesetzt waren, Sachsen der Normannen und Slawen, Bayern der Avaren und Magyaren. Der Herzog von Sachsen, Brun, fiel im Jahre 880 in der Nordsee gegen die Normannen, Luitpold, Graf in Bayern, im Jahre 907 gegen die Ungarn. Das große gemeinsame Erlebnis von Gefahr, Opfer und Sieg knüpfte das Volk fest an diese Familien. Wie nun die Germanen dazu neigen, nirgends ein absolutes Recht aufkommen zu lassen und andererseits nicht absolute Rechtlosigkeit zu dulden, so bestanden die Freien und Edlen auf dem Recht, den König oder Herzog zu wählen, ließen aber insofern den Grundsatz der Erblichkeit gelten, als sie die Verwandten der herrschenden Dynastie berücksichtigten, solange solche vorhanden waren. So gab in Sachsen Verwandtschaft mit dem unvergessenen Widukind ein Recht auf die Führerschaft, und es ist anzunehmen, dass die Familie der Brunonen oder Ludolfinger in verwandtschaftlichem Zusammenhang mit dem alten Helden gestanden hat. Ludolf, von Ludwig dem Deutschen zum Grafen erhoben, in Korvey, Quedlinburg, an den Quellen der Lippe begütert, vermählte seine Tochter Liutgard mit einem Sohn Ludwigs und stellte dadurch auch eine Verwandtschaft mit den Karolingern her. Nachdem Ludolfs Sohn Brun im Kampf gegen die Normannen gefallen war, folgte ihm sein Bruder Otto, von dem die Überlieferung berichtet, dass ihm die Königskrone angeboten sei, dass er aber als zu alt darauf verzichtet und seine Wähler bewogen habe, sie dem Herzog der Franken zu übertragen. Sein Sohn Heinrich machte seinen Namen berühmt durch glückliche Bekämpfung der Slawen, konnte aber der Ungarn, die sie herbeiriefen, nicht sofort Herr werden.
Schöne Gestalt, schönes Antlitz, königliche Haltung, Festigkeit, Gelassenheit und vermutlich die kühle Kindlichkeit, der gutmütige Humor und die Spielfreude, die dem niedersächsischen Menschen eigen sind, machten Heinrich zum Liebling des Volkes und der Sage. Man verübelte es ihm nicht, dass er Hatheburg, die der erste Gegenstand seiner Liebe war, als sie ihm gleichgültig geworden war, in das Kloster zurückschickte, aus dem er sie geholt hatte, die Güter aber, die sie ihm zugebracht hatte, behielt. Seine Ehe mit der jungen Mathilde, die durch ihren Vater von Widukind abstammte, befriedigte die Anhänglichkeit der Sachsen und machte ihn zum Vater ausgezeichneter Söhne und Töchter. Die Frage der Reichseinheit löste er dadurch, dass er die einzelnen Stämme in Güte zu gewinnen wusste; Herzog Arnulf von Bayern verband er sich in persönlicher Unterredung und indem er ihm allerlei Sonderrechte, hauptsächlich auf kirchlichem Gebiete, zugestand. Es kam Heinrich allerdings zugute, dass er von vornherein im Bund mit den Franken war. Auf eine eigentliche Unterordnung der Herzogtümer unter die Königsgewalt verzichtete er, die weitere Ausbildung der Verfassung seinem Nachfolger überlassend. Es gehört zu dem Anziehenden seines Wesens, dass er sich im Augenblick bescheiden konnte, um für die Zukunft das Unmögliche möglich zu machen. So hielt er es mit den Ungarn, denen er jahrelang Tribut zahlte, um inzwischen ein Heer und passende Verteidigungsanstalten auszubilden und den Feind mit Sicherheit besiegen zu können. So begnügte er sich damit, einen losen Staatenbund zu schaffen und wenigstens das Auseinanderfallen des Reiches zu verhindern, so verfuhr er in Bezug auf Rom und das Imperium. Als er in Fritzlar zum König der Sachsen und Franken gekrönt wurde, und der Erzbischof von Mainz ihn salben und krönen wollte, lehnte er das ab als solcher Ehre nicht würdig. Ob er am Ende des Lebens daran dachte, sich die Kaiserkrone in Rom zu holen, ist ungewiss. Stetig, schlicht, frei von Prahlerei und Eitelkeit, sicher in der eigenen Kraft ruhend, ging er in das liebevolle Gedächtnis nicht nur der Sachsen, sondern des ganzen deutschen Volkes ein.
Dem vorbereitenden, grundlegenden Fürsten folgte sein großer Sohn Otto, der von Anfang an mehr Königsbewusstsein und höhere Ziele hatte. Heinrich blieb immer in erster Linie Herzog der Sachsen, wenn er auch als ein pflichttreuer Mann die Aufgaben, die das Schicksal ihm zuwies, erfüllte; Otto fühlte sich als Nachfolger Karls des Großen. Wo sein Vater als Erster unter Gleichen auftrat, war er Herrscher, ohne dass ihm doch das schöne Gleichgewicht der Seele, das jenen auszeichnete, gefehlt hätte. Von allen Seiten befehdet, von Verrat umgeben, konnte er wohl heftig zürnen und strafen; aber er blieb im Herzen gelassen und frei. Wenn er auf einsamen Wegen unter den Eichen seiner Wälder sich mit der Vogeljagd belustigte, sang er selbstvergessen liebliche Lieder vor sich hin. Großmütig, gar nicht misstrauisch konnte er denselben Feinden, die ihn immer wieder verrieten, immer wieder verzeihen.
Obgleich zur Zeit Ottos die Zahl der freien Leute noch beträchtlich war, so hatten sich infolge der Lehensverfassung doch die Vasallen schon zu sehr zwischen König und Volk geschoben, als dass er sich darauf hätte stützen können. Um ein Gegengewicht gegen das Unabhängigkeitsstreben der Stämme zu schaffen, bediente er sich seiner Verwandten und der Bischöfe. Da er in der Verwandtschaft seine ärgsten Feinde hatte, erwies sich die erstgenannte Waffe als zweischneidig. Sehr wertvoll war ihm sein jüngster Bruder Brun, ein ausgezeichneter Charakter, sich selbst streng beherrschend und gerecht gegen andere, den er zum Erzbischof von Köln und Herzog von Lothringen machte. Bruns zugleich wissenschaftliche und staatsmännische Begabung machten ihn für diese Doppelstellung geeignet. Heinrich dagegen wollte selbst König werden und machte sich zum Mittelpunkt aller Feindseligkeiten gegen seinen Bruder. Schweigsam, verschlossen, ränkesüchtig, dabei maßlos heftig und rachsüchtig erscheint sein Charakter durchaus nicht anziehend, aber eine Persönlichkeit muss er doch gewesen sein; weil er seinem blonden Vater glich, bevorzugte ihn die Mutter, überhaupt machte ihn seine Schönheit bei den Frauen beliebt. Nachdem er sich endgültig unterworfen hatte, erhielt er das Herzogtum Bayern und erwies sich seitdem als zuverlässige Stütze des Königs. Durch seine Heirat mit Judith, der Tochter des verstorbenen Herzogs Arnulf, nahm er an dem Ansehen der einheimischen Dynastie teil. Seinen Schwiegersohn Konrad machte Otto zum Herzog von Lothringen, seinen Sohn Ludolf zum Herzog von Schwaben, nachdem er ihn mit der Tochter des letzten Schwabenherzogs Hermann verheiratet hatte; beide fielen von ihm ab. In den Stämmen war ein so starker Widerstand gegen die königliche Oberherrschaft, dass die Stammeshäupter wie durch eine Naturkraft davon ergriffen wurden; die Zeitgenossen wenigstens haben den unglücklichen Ludolf, bevor er Herzog wurde, der Untreue und Widersetzlichkeit nicht fähig gehalten, und Konrad hat durch den Eifer, mit dem er, um sein Vergehen gutzumachen, sich am Kampf gegen die Ungarn beteiligte, bewiesen, dass er nicht unedel dachte.
Eine ganz andere Grundlage bestimmte die Stellung der Bischöfe. Als Glieder der Kirche vertraten sie von vornherein die Idee der Reichseinheit, die in Rom ihren Mittelpunkt hatte. Sie waren bereit, sich der Hoheit des Königs, nicht aber den Herzögen unterzuordnen. Der Erzbischof von Mainz besonders, dessen Diözese sich durch das ganze Reich erstreckte, fühlte sich dem Reiche verbunden. Alle Erzbischöfe erhielten die Erinnerung an das Karolinger-Reich, wo Papst und Kaiser gemeinsam, Karl der Große fast allein, Kirche und Reich regiert hatten, und Otto pflegte diese Überlieferung. Während Heinrich, sein Vater, die Kaiserkrönung abgelehnt hatte, ließ er sich in Aachen, nachdem er von den Herzogen und Großen in einem mit dem Münster verbundenen Säulengange auf den Thron gehoben worden war, im Inneren der Kirche von den Erzbischöfen von Mainz und Köln nach der alten Ordnung mit dem Schwert umgürten und dem Mantel bekleiden, salben und krönen. Von den Herzogen, die bei der nachher stattfindenden Tafel die herkömmlichen Ämter als Mundschenk, Truchsess, Marschall und Kämmerer ausübten, fielen drei bald nachher von ihm ab. Von den Bischöfen wurde nur einer später sein Gegner, der Erzbischof Friedrich von Mainz, der die von Otto angebahnte Verbindung des geistlichen Amts mit weltlichen Geschäften missbilligte.
Die Heranziehung der Bischöfe zu den Reichsgeschäften bewirkte Otto dadurch, dass er ihnen Grafschafts-Rechte verlieh und durch Erteilung von Immunitäten Bischöfe und Äbte von den königlichen Gerichten unabhängig machte. Er leitete diese folgenreiche Umwandlung der Verfassung behutsam ein, seine Söhne setzten sie unbedenklicher fort. Bald kamen ganze Grafschaften an die Bischöfe, die dadurch zu weltlichen Fürsten wurden. Der Gewinn für den König war unübersehbar: er konnte nun auf die Anhänglichkeit einer Anzahl großer Herren rechnen, die ihn nicht nur durch ihren Rat und Einfluss, sondern auch durch das Aufgebot ihrer Mannschaft unterstützten. Allerdings wurde die kirchliche Tätigkeit der Bischöfe durch den neuen Aufgabenkreis, der ihnen erwuchs, wesentlich eingeschränkt. Predigt und Armenpflege, ursprünglich eine heilige Pflicht ihres Amtes, mussten den Pfarrern überlassen werden, die Bischöfe, die die Könige auf ihren Reisen und Heerzügen begleiteten, waren nicht selten jahrelang von ihren Diözesen abwesend. Indessen diese dem hohen Adel entstammenden Männer waren mit der Verweltlichung mehr als einverstanden. Nur ausnahmsweise war einer von der Wichtigkeit der geistlichen Seite seines Amtes so durchdrungen, dass er die Verflechtung in weltliche Geschäfte als ungehörig und belästigend empfand.
Otto I. hatte wie Karl der Große die Gabe nie ermüdender Tätigkeit. Er bedurfte nicht viel Schlafs, und da er im Schlafe sprach, meinte man, dass er selbst schlafend wache. Die Niederwerfung der Aufstände in den Herzogtümern, die Bekämpfung der Slawen und Ungarn nahmen die ersten Jahrzehnte seiner Regierung in Anspruch, dann konnte er endlich den Blick auf Italien richten. Gegen den Papst, der den Karolinger Arnulf krönte, hatte sich der römische Stadtadel erhoben; jetzt traten Umstände ein, die an diejenigen erinnern, welche einst Pipin und Karl mit Rom verknüpften.
Von zwei Seiten wurde die Gründung eines italienischen Königreiches erstrebt: von den langobardischen Teilfürsten, die sich unter den letzten Karolingern unabhängig gemacht hatten, und von dem römischen Stadtadel, den Orsini, Frangipani, den Crescentiern. Stolz auf ihre Abkunft, stolz auf ihre schicksalsvolle Stadt, erhoben sie den Anspruch auf Herrschaft, und das Mittel, durch das sie ihn zu verwirklichen hofften, war das Papsttum. Da sie es nicht vernichten konnten, dachten sie es zu benützen und setzten Päpste ein, die Werkzeuge ihres Willens waren. Damals war es Oktavian, der noch jugendliche Sohn des berühmten Alberich, der großartige römisch-nationale Pläne kühn vertreten hatte. Für diese Römer war der Papst nicht der Nachfolger und Stellvertreter Christi, sondern der Herr Roms und damit der Herr Italiens. Man möchte sich ausmalen, welche Folgen es gehabt hätte, wenn sie die römische Kirche säkularisiert und von dem weltlich gewordenen Kirchenstaat aus Italien erobert und geeinigt hätten. Allein die Wirklichkeit widersprach diesem Plan durchaus, machte ihn zu einem Abenteuer. Der Papstgedanke als Gedanke des christlichen Weltreiches war viel zu mächtig, als dass irgendein anderer ihn hätte überwinden können, geschweige denn der Gedanke Italiens als eines selbständigen, nationalen Landes. Mehr tatsächliche Macht und Einfluss als die römischen Adelsfamilien hatte König Berengar; um sich gegen ihn halten zu können, musste Johann XII., so nannte sich Oktavian, eine kriegsgewaltige Hilfe suchen und wählte dazu den König des ostfränkischen Reiches. Für Otto war dieser Ruf des Papstes der Wink seines Gottes, der ihm die rechte Stunde anzeigte. Er konnte eingreifen, er konnte, indem er die von Berengar verfolgte Burgunderin Adelheid, die Witwe eines Prätendenten auf die italienische Königskrone, heiratete, seinen Ansprüchen auf Italien einen neuen hinzufügen. Den wesentlichen Anspruch gab ihm, dass er sich als Nachfolger Karls des Großen betrachtete. Weit entfernt, dass die Sachsen ihren ehemaligen Feind und Besieger gehasst hätten, er war ihr Vorbild geworden, der Quell ihrer Macht und ihrer Rechte, und nicht nur den Sachsen, sondern ebenso den Friesen, den Lothringern, den Bayern. Alle wollten von Karl abstammen, ihre Rechte, ihr Dasein von ihm ableiten.
Im Jahre 962 empfing Otto in Rom die Kaiserkrone. Es ist Überlieferung, dass ein junger Gefolgsmann Ottos, Graf Arnfried von Löwen, während er in St. Peter betete, das Schwert über seinem Haupt gehalten habe, um ihn vor Überfällen zu schützen. So war er von Hass und Feindschaft umgeben. Der römische Papst, der ihn gerufen hatte, bereute es bald, als er begriff, dass der sächsische Beschützer sein Herr werde. Nur mit Gewalt konnte der König seine Anerkennung durchsetzen. Es war nicht so, dass in Italien eine grundsätzliche Abneigung gegen die Deutschen bestanden hätte, denn ein Nationalbewusstsein hatte sich noch nicht bilden können, vielmehr begegneten sie zuweilen freudiger Erwartung, weil immer irgendein Übel gegenwärtig war, das man bei der Veränderung loszuwerden hoffte; aber bei längerer Anwesenheit der überwiegend rohen Krieger, bei der Schwierigkeit, sich zu verständigen, kam es leicht zu Streit und Handgreiflichkeiten und erwachte in den gebildeteren, aber kriegsmäßig schwächeren Italienern ein empfindliches Überlegenheitsgefühl.
Mit welchen Gefühlen der König in Rom weilte, davon ist uns nichts berichtet. Bewunderte er die reichgeschmückten Basiliken von St. Peter und St. Paul, stand er staunend vor den ungeheuren Ruinen des Altertums, in denen und über die sich die Adelsburgen mit ihren Türmen und Zinnen erhoben? Das Gleichgewicht seiner Seele wurde nicht dadurch erschüttert, er wird gedacht haben, wie später Bischof Thietmar von Merseburg, dass sein Sachsen ein blumenreicher Paradiesgarten und dass der Reichtum an Männern und Waffen mehr wert sei als Roms Marmorbilder, dass er stark und glücklich nur daheim sein könne, wo die Eichen seiner Wälder ihn umrauschten und wo die Gräber seiner hohen Ahnen ihn mit einer gesegneten Vergangenheit verbanden. Obwohl er die gelehrten Männer, denen er in Italien begegnete, zu schätzen wusste und an sich zu fesseln suchte, so flößten ihm doch die allgemeinen Verhältnisse keine Achtung ein: sowohl die Bevölkerung von Rom wie die Langobarden, der Papst, die Sarazenen und Griechen, alle unterwarfen sich ihm, sowie er mit Heeresmacht erschien, um von ihm abzufallen, sowie er den Rücken wandte. Alles erlebte er, was sich Jahrhunderte hindurch wiederholen sollte, jubelnden Empfang, verräterischen Überfall, beleidigenden Hohn, Kampf und Sieg und wieder Abfall, und schließlich die Seuche, die die Zucht im Heer auflöste.
Die Päpste, die vom römischen Adel abhingen und zum römischen Adel gehörten, waren keine zu fürchtenden Gegner, denn sie entschlugen sich der einzigen Macht, die sie dem König hätte ebenbürtig machen können, der sie hauptsächlich ihre einzigartige Stellung verdankten, nämlich die christlich-sittliche Idee, deren Vertreter sie gewesen waren und sein sollten. Johann XII. gab keinen von den Genüssen auf, mit denen die jungen Adligen sich zu unterhalten pflegten, er würfelte, jagte, liebte und handhabte nicht einmal die üblichen christlichen Frömmigkeitsformeln, sondern schwur bei den alten Göttern. Wenn er sich dabei wohl so wenig dachte wie ein Mensch von heute, der „lieber Gott“ sagt, so war ihm doch sicherlich der Name des Christengottes ein ebenso leeres Wort. Inmitten dieses zerrissenen Landes, dieser sich kreuzenden Leidenschaften und Ränke, begriff Otto als die Aufgabe des Herrschers, Ordnung zu schaffen. Er brachte den langobardischen König und seine Frau als Gefangene nach Deutschland, ebenso Papst Benedikt V., den sich die Römer eigenmächtig gesetzt hatten. Denn er bestätigte zwar den Päpsten die Schenkungen Pipins und Karls des Großen, bedang sich aber aus, dass keine Papstwahl ohne seine Zustimmung Gültigkeit haben sollte.
Otto I. hatte das Schicksal genialer Herrscher, dass er sein Reich unzulänglichen Nachfolgern überlassen musste. Sein Sohn und sein Enkel waren Blüten am väterlichen Baume, nicht Stämme, die mit eigener Wurzel aus der Erde wuchsen.

Otto II. (auch "Otto der Rote" genannt; * 955; † 7. Dezember 983 in Rom) aus dem Adelsgeschlecht der Liudolfinger war römisch-deutscher Kaiser von 973 bis 983. Bereits in jungen Jahren wurde Otto durch seinen Vater Otto den Großen 961 zum Mitkönig und 967 zum Mitkaiser erhoben, um ihm die Nachfolge zu sichern.
Otto II. war sympathisch durch sein feuriges Temperament und die Geistesgegenwart und Verwegenheit, mit der er nach der furchtbaren Niederlage, die die Sarazenen ihm zugefügt hatten, entfloh und sich rettete. Unter Italien verstand man damals die Halbinsel ohne Venedig, das tatsächlich unabhängig war, aber dem Namen nach zum byzantinischen Reich gehörte; und ohne den Süden, Apulien, Kalabrien und Sizilien, der teils griechisch war, teils von den Sarazenen erobert. Es konnte nicht anders sein, als dass die Kaiser auch das südliche Gebiet an sich zu bringen suchten, wodurch die Beziehungen zu Byzanz noch peinlicher wurden als sie ohnehin waren. Wie die Römer betrachteten auch die Griechen die Germanen als Barbaren und wiegten sich im Vorzug der älteren Kultur umso lieber, als sie die militärische Übermacht des ostfränkischen Reiches anerkennen mussten. Nur nach langen schwierigen Verhandlungen und infolge besonderer Umstände erlangte Otto I. für seinen Sohn die Hand einer griechischen Prinzessin. Theophano scheint dem Ruf feinerer Bildung der Griechen entsprochen zu haben; das machte sich auch durch den Einfluss geltend, den sie auf ihren Sohn ausübte, der schon von Natur mehr ein Sohn der Mutter als Erbe der Väter war. Karl der Große und Otto der Große vergaßen nie, dass ihre germanischen Völker ihnen die Mittel gaben, Italien zu beherrschen, der eine war Franke, der andere Sachse, und das wollten sie sein.

Otto III. – * 980 – † 1002
Otto III. wollte den Schwerpunkt des Reiches nach Rom verlegen. Es schien ein richtiger, ein großer Gedanke zu sein: wenn Rom das Haupt der Welt ist, wenn Rom die Cäsarenkrone vergibt, muss der Kaiser in Rom residieren, müssen in Rom die Zügel gehalten werden, die die Welt lenken, darf das deutsche Reich nur eins neben den anderen Reichen sein, deren Haupt Rom ist. Tatsächlich war das neue Römische Weltreich kein Kreis, sondern eine Ellipse mit den zwei Brennpunkten Rom und Aachen; der universale Gedanke musste scheitern, wenn man ihn durch eine Universalmonarchie mit einem einzigen Mittelpunkt verwirklichen wollte. Zum Zeichen seines cäsaropapistischen Gedankens setzte Otto III. Verwandte und Freunde auf den päpstlichen Stuhl, seinen Vetter Brun, den ersten deutschen Papst, und seinen bewunderten Lehrer, Gerbert von Aurillac.
Die Deutschen empfanden den Wechsel in der Politik ihres Königs bitter. Der Urenkel des Sachsenherzogs Heinrich, der Enkel des großen Otto, die nicht einmal Latein verstanden, die sich mit Vorliebe in Quedlinburg aufhielten und in den Wäldern des Harzes jagten, war ein Fremder im Norden; den Römern aber blieb er fast noch fremder als sein Großvater. Der war tatkräftig, folgerichtig, ein Herrscher, der zu rechter Zeit zu gebieten, zu strafen, zu verzeihen wusste; Otto III. wollte zugleich die Welt beherrschen und ein Heiliger sein. Otto I. wurde geliebt und verehrt, aber zugleich gefürchtet. Einmal begaben sich die Mönche von Sankt Gallen mit ihrem neuerwählten Abt an den Hof nach Speyer, um sich vom König die Wahl bestätigen zu lassen. Obwohl sie das Recht der freien Abtswahl besaßen, kamen sie als Bittende und nicht ohne Sorge, denn sie wussten, dass ihr Erwählter dem Herrn nicht sonderlich genehm war. Sie ersuchten den jungen Otto um Fürsprache, der auch als liebenswürdiger Kronprinz sich für ihr Anliegen einzusetzen versprach, hinzufügend: „Gott, in dessen Hand die Herzen der Könige sind, möge für euch meinen Löwen mild und versöhnlich machen.“ Der Bischof von Speyer sagte gelegentlich zum Kaiser: „Niemals waren Augen schärfer als die deinigen, mein Löwe.“ Wie einen Löwen liebten die Deutschen sich ihre Herrscher vorzustellen: furchtbar, gefährlich, großmütig. Gegen das Ende seines Lebens besuchte Otto zusammen mit seinem Sohn das Kloster Sankt Gallen. Die auf beiden Seiten aufgereihten lobsingenden Mönche betrachteten scheu den alten König, wie er mächtig in ihrer Mitte stand und die großen Augen mit Herrscherblick langsam über sie hingleiten ließ. Otto III. ließ sich vom Bischof Adalbert von Prag, der seine Diözese verlassen hatte, weil er unter der Rohheit und Widersetzlichkeit der Böhmen litt, ermahnen, sich des Kaisertums nicht zu überheben, sondern eingedenk zu sein, dass er Staub sei, und kniete weinend vor den Eremiten, die damals in Italien den Ruf der Heiligkeit genossen. Er gab sich abwechselnd schrankenlosen Herrschaftsansprüchen und haltloser Zerknirschung hin. „Euretwegen“, rief er den aufständischen Römern zu, „habe ich mein Vaterland und meine Angehörigen verlassen. Die Liebe zu euch ließ mich meine Sachsen und alle Deutschen, mein eigen Blut verschmähen. Euretwegen habe ich die Missgunst und den Hass aller auf mich geladen, da ich euch über alle stellte. Und für all das habt ihr euren Vater verworfen, meine Diener grausam ermordet und mich, den ihr doch nicht ausschließen könnt, ausgeschlossen!“ Aber die Römer unterwarfen sich wohl einem Herrscher, der ihnen seine Kraft bewies, einen frommen Schwärmer und Barbaren, der sie mit weinerlichen Worten an sich fesseln wollte, verachteten sie.
Als Otto III. im Jahre 1000 in Aachen war, ließ er sich die Gruft Karls des Großen öffnen. Mit drei Begleitern drang er in das vom Geruch der Verwesung erfüllte Gewölbe ein und sah den toten Kaiser, so erzählt die Überlieferung, aufrecht, als lebe er, auf seinem Stuhl sitzen. Er hatte eine Krone auf dem Haupt, und die Nägel waren durch die Handschuhe, die er trug, hindurchgewachsen, ein grauenvolles Zeichen posthumer Lebendigkeit. Der Toten Grabesruhe zu stören war von der Kirche verboten und widerstrebte dem Gefühl des Volkes. Man glaubte, der edle Geist sei dem Königs Jüngling zürnend erschienen und habe ihm ein ruhmloses Ende geweissagt. Er starb zwei Jahre später zu seinem und des Reiches Glück: denn die Unzufriedenheit der Deutschen wäre vermutlich bald zum Ausbruch gekommen und hätte ihn jeder Grundlage beraubt.
Von den deutschen Königen im engeren Sinne ist Otto I. der einzige, dem der Beiname der Große gegeben wurde, obwohl unter seinen Nachfolgern mancher ebenso geistvoll und tatkräftig war wie er. Es erklärt sich daraus, dass er in mancher Hinsicht wie Karl der Große ein Begründender war, dass er, indem er das Kaisertum an die Deutschen brachte, eine neue Epoche einleitete. Was für zerreißende Schicksale die Verbindung mit Italien und dem Papst auch über Deutschland brachte, sie gab ihm eine Weltstellung, sie gab ihm das Glück großer Gedanken, großer Kämpfe, einer großen Aufgabe. Nicht das ist ja das Höchste, dass eine dauernde Ordnung entsteht, die dem Volk Wohlstand und ruhiges Gedeihen gewährt, obwohl ein guter Herrscher auch das anstreben wird, sondern dass große Gedanken das Gemüt des Volkes bewegen, an denen es wachsen, für die es sich einsetzen kann. Und die Aufgabe, die Otto der Große seinem Volk bestimmte, war nichts Ausgeklügeltes, sie war in der Geschichte, in der geographischen Lage, in der Anlage und den Neigungen der deutschen Stämme vorgebildet. Es wäre nicht möglich gewesen, das deutsche Volk zum Träger des universalen Gedankens zu machen, wenn nicht viele Tatsachen ihn bestätigt hätten.
Dennoch war es nicht die Begründung des Kaisertums allein, die Otto vor so vielen Großen groß erscheinen ließ, sondern auch das Umfassende seiner Bestrebungen und seine Persönlichkeit. Nicht nur besiegte er endgültig die Ungarn, sondern er bekämpfte auch mit Glück die Slawen und gründete, allen Widerstand überwindend, das Erzbistum Magdeburg als Ausgangspunkt der Christianisierung der Länder jenseits der Elbe. Gesandtschaften von nah und fern bewiesen, dass ihm die christlichen und die heidnischen Völker einen Ehrenplatz in der abendländischen Welt einräumten. Hat er auch auf die Kirche, die Wissenschaften und Künste nicht so entscheidend und richtunggebend gewirkt wie Karl der Große, so hat er doch die Bedeutung dieser Seite des geistigen Lebens nicht verkannt. Seine menschliche Größe geht wohl am meisten daraus hervor, dass mehrmals aus seinen Feinden Freunde wurden. Die eigene Mutter hatte ihm verschiedentlich entgegengearbeitet, teils durch Begünstigung ihres Lieblingssohnes Heinrich, teils durch allzu verschwenderische Schenkungen an die Geistlichkeit und die Armen; aber auch sie wendete schließlich ihr ganzes Herz ihm zu. Es wird erzählt, dass eines Tages in Nordhausen, Mathildens Witwensitz, nachdem Mutter und Sohn sich unter Tränen umarmt und getrennt hatten, die alte Königin niederkniete und den Boden küsste, wo Ottos Füße gestanden hatten; durch diese rührende Gebärde mochte sie, des Sohnes Größe endlich ganz begreifend, ihr früheres Verkennen abbitten wollen. Als die, die das mit angesehen hatten, dem König nachfolgten und es ihm erzählten, sprang er sofort vom Pferd, kehrte um und umarmte seine Mutter, indem er sagte: „Durch welchen Dienst kann ich diese Tränen vergelten?“ Wie sein Vater, starb Otto I. in Memleben, wo noch ein paar Säulengänge an die Zuneigung der Sachsenkönige zu dieser Pfalz erinnern. Nachdem er wie immer bei Morgengrauen aufgestanden war, den Armen Almosen gespendet, fröhlich, wie es seine Art war, zu Mittag gespeist und am Schluss des Tages den Abendgottesdienst besucht hatte, wurde er von einem plötzlichen Übelbefinden ergriffen. Mitten aus erfülltem Leben schied der tätige Geist königlich gefasst. Begraben wurde er, wie er gewünscht hatte, neben seiner ersten Frau, Edith, im Dom zu Magdeburg, der im Jahre 1207 abbrannte.
* * *
Bischöfe
Bischöfe
Während der Kriege Karls des Großen mit den Sachsen schickte die altbritische Kirche Missionare an die deutsche Küste; einer von ihnen war Willehad, den Karl der Große im Jahre 787 in Worms zum Bischof machte.

Willehad
Zu seinem Wohnsitz wählte er ein Dorf, das Bremen hieß, wo er auch, als er zwei Jahre später starb, bestattet wurde. Erst sein Nachfolger Willerich (Willerich (auch Willeric, Wilrich, Wilderic; † 4.Mai 837) war der zweite Bischof von Bremen.) erhielt zum Bischofstitel ein Bistum, das dem Erzbischof von Köln unterstellt wurde. In Nordalbingien, dem Niederelbeland, gab es damals zwei Kirchen, die eine war in Hamburg und gehörte zu Bremen, die andere war in Meldorf im Dithmarschen und gehörte zu Verden. Sehr, sehr langsam befestigte sich bei den Sachsen und Friesen, die die Gegend der unteren Weser und Elbe bewohnten, das Christentum; an eine weitere Ausbreitung desselben nach dem skandinavischen Norden konnte erst nach dem Tod Karls des Großen gedacht werden. Der Anlass dazu ging von Dänemark aus, da König Harald sich mit seinem Gefolge in Mainz taufen ließ; Kaiser Ludwig selbst war sein Taufpate. Als er den Wunsch äußerte, einen Geistlichen mitzunehmen, der den Gottesdienst ausübe und das Volk bekehre, und nach einem Mann gesucht wurde, der sich dazu eignete und bereit erklärte, meldete sich der, den man an erster Stelle nennen muss, wenn man von großen Bischöfen erzählen will, Ansgar, damals Mönch im Kloster Korvey.

Ansgar von Bremen (* 801 in der Picardie; † 3. Februar 865 in Bremen; auch „Anskar“ oder „Anschar“) war ein Mönch der Benediktiner, galt lange als Erzbischof von Hamburg und Bremen und Missionsbischof für Skandinavien.
Schon in dem Kind, das der Vater dem Kloster Corbie dargebracht hatte, wirkte das Feuer genialer Begabung. Jungenhafte Ausgelassenheit wechselte ab mit schmerzlicher Sehnsucht nach der früh verlorenen Mutter. Einmal erschien ihm die Heilige Jungfrau und zeigte ihm die Geliebte im Chor der Seligen wandelnd; wenn er nicht fleißig und fromm werde wie sie, sagte sie, werde er nicht zu ihr kommen. In seinem 13. Jahr erfuhr er eine starke Erschütterung durch den Tod Karls des Großen. So mächtig war die Zauberkraft, die der große Kaiser ausstrahlte, dass für den im Kloster aufgewachsenen Knaben die Erde zu beben schien, die der Heros verlassen hatte. Aus der schwankenden Seele des Knaben stiegen wieder Visionen auf: Petrus und Johannes traten zu ihm und führten ihn in das himmlische Licht und dann in die undurchdringliche Finsternis des Fegefeuers, wo er drei Tage blieb, die wie drei Jahrtausende waren. Dann wieder in ein Meer unendlichen Glanzes, das die Chöre der Seligen erfüllten. „Ihn aber sah ich nicht. Und doch war Er in allen und alle in Ihm. Er umgab alle äußerlich. Er lenkte alle innerlich. Er stützte alle von oben her und stützte sie von unten. Da erging zu mir eine süße Stimme, süßer denn irgendein denkbarer Klang, die schien das All der Welt zu erfüllen, und sprach zu mir: Gehe hin, und mit der Märtyrerkrone wirst du wiederkehren.“ Aus diesem inneren Aufruhr ging Ansgar reif, mit dem Bewusstsein eines hohen Zieles hervor. Bald darauf wurde durch Adalhard, den Abt von Corbie, der als Sohn einer sächsischen Mutter das Christentum in Sachsen zu verbreiten suchte, das Kloster Korvey in der Wesergegend gegründet. Adalhard selbst begab sich im Jahre 823 mit einigen Mönchen, unter denen Ansgar war, in die entlegene Waldwildnis. Trotz seiner Jugend wurde Ansgar bald Vorsteher der Schule und Prediger der Gemeinde, das heißt, dass er in der Landessprache predigte.
Als die Frage der Mission in Dänemark sich erhob, führte man Ansgar nach Ingelheim, wo der Kaiser sich aufhielt, und gab ihm zu bedenken, mit welchen Gefahren die Bekehrung des heidnischen, barbarischen Volkes verbunden sei. Während er allein in sich versunken sein Schicksal bedachte, mögen ihn abwechselnd Bilder des liebgewonnenen Lebens im Kloster und erhabene Gesichte bedrängt haben, die ihm jenseits der Wolken die Märtyrkrone zeigten. Nun sie sich auf ihn herabsenkte, sah er die blutigen Dornen, und es graute ihn. Er hatte sich eben entschlossen, als Antbert, ein Freund aus dem Kloster Corbie, zu ihm trat, ein vornehmer junger Mann, der zum Nachfolger des Abtes ausersehen war, und sagte: Wenn du gehst, gehe ich mit dir. Antbert ertrug die Strapazen der Reise nicht, erkrankte, wurde nach Korvey gebracht und starb dort. Nachdem Ansgar in Schleswig eine Schule errichtet hatte, wurde ihm die Mission in Schweden aufgetragen, wo er das altberühmte Sigtuna am Mälarsee, den von Odin begründeten Ursitz der schwedischen Könige, und den heiligen Hain und goldenen Tempel von Uppsala mit den Bildern der Götter Odin, Thor und Freyr kennenlernte. Er hatte das Glück, dass der Ortsvorsteher der eine Tagereise von Uppsala entfernten großen Handelsstadt Birka sich zum Christentum bekehren ließ und auf seinem Gut eine Kirche baute und dass dieser Mann, der wirklich im Herzen für die neue Lehre gewonnen war, auch nach Ansgars Abreise an ihr festhielt.

Ansgars Kreuz in Birka – Foto: Nordelch
Zum Zweck der Bekehrung der nordischen Länder wurde nunmehr, im Jahre 831, ein Erzbistum gegründet und Ansgar übertragen, dessen Sitz Hamburg sein sollte, und dessen Ausstattung dadurch zustande kam, dass die Erzbischöfe von Bremen und Verden auf einen Teil ihrer nordalbingischen Diözese verzichteten. Erzbischof Drago von Reims, ein natürlicher Sohn Karls des Großen, weihte Ansgar zum ersten Erzbischof von Hamburg. Die Verbindung Hamburgs mit Bremen veranlasste 14 Jahre später ein Überfall der Wikinger, der Hamburg gänzlich zerstörte.
Es war zur Stunde der Abenddämmerung, als 600 Schiffe bei der wehrlosen Stadt landeten; denn der Graf des Gaus, zu dem Hamburg gehörte, war abwesend. Ansgar rief wohl zusammen, was an waffenfähigen Männern da war; aber es war zu spät, um mehr als das Leben und einige Reliquien zu retten. Die wohl ganz aus Holz gebaute Stadt lag in Asche, als der Sturm vorübergebraust war.

Es war nicht so, dass die Dänen und Schweden durch Ansgars Predigt Christen geworden wären; aber alle, die mit ihm in Berührung kamen, gewannen den Eindruck eines großen und guten Menschen. Man glaubte leichter an den allmächtigen Vater im Himmel, wenn ein Mann ihn verkündete, auf dessen Antlitz, wie es von Ansgar heißt, Adel und Hoheit leuchteten, der den Großen Ehrfurcht, den Niedrigen Vertrauen, den Bösen Scheu einflößte. Besonders bemerkenswert war seine Tätigkeit unter Armen und Kranken; es wird hervorgehoben, dass er, wo er Notleidende traf, nicht nur half, sondern sofort half. Dem Fehler des Hochmuts, in den er zuweilen zu verfallen fürchtete, wirkte er durch Handarbeit entgegen, namentlich beschäftigte er sich mit dem Stricken von Netzen. Überhaupt verlangte er von den missionierenden Priestern, dass sie sich Kleidung und Nahrung durch Handarbeit selbst verdienten. Wenn er gelegentlich einer Krankenheilung, da das Volk ihn als Wundertäter verehrte, sagte, Gott möge ihn des einen Wunders würdigen, einen guten Menschen aus ihm zu machen, bekannte er sich zu der Auffassung, dass erst die Güte des großen Mannes Vollendung ausmache. Ansgar starb im Jahre 865.
Den heiligen Ulrich von Augsburg hat hauptsächlich sein heldenhaftes Verhalten beim Einfall der Ungarn berühmt gemacht. Als die gefürchteten Wilden in großen Massen heranzogen und Augsburg belagerten, das damals ganz ungenügend durch niedrige Mauern befestigt war, wollten die Ritter, seine Vasallen, die er in der Stadt versammelt hatte, dem Feinde entgegen gehen; Ulrich verbot das und ließ die Tore gut verrammeln. Das Glück der Belagerten wollte, dass ein Führer der Ungarn fiel, worauf sie sich klagend ins Lager zurückzogen. Die dadurch gewonnene Zeit benutzte der Bischof, während der Nacht die Mauer verstärken zu lassen und Gebete anzuordnen. Nach kurzem Schlaf erhob er sich bei Tagesgrauen, feierte die Messe und reichte allen das Abendmahl.

Der heilige Ulrich von Augsburg, lateinisch Uodalricus, althochdeutsch Uodalrîh, in der Augsburger Bischofsliste als Ulrich I. geführt, (* 890 in Wittislingen oder Augsburg; † 4. Juli 973 in Augsburg).
Noch hatte der Sturm nicht begonnen, als der herannahende Entsatz durch den König gemeldet wurde. Während des Kampfes war Ulrich mitten im Getümmel, hoch zu Ross, ungerüstet, mit der Stola bekleidet.
Bischof Benno von Osnabrück, ein Schwabe, stammte, eine bemerkenswerte Ausnahme, von nichtadligen Eltern ab; begütert aber waren sie, denn sie pilgerten, um ihrer Kinderlosigkeit abzuhelfen, nach Rom und opferten am Grab des Apostels ein silbernes Kind, worauf ihnen ein Knabe geschenkt wurde. Er wurde in Straßburg und in der Reichenau erzogen und lernte auf seinen Wanderungen viele Teile Deutschlands und viele Menschen kennen; seine mannigfache Begabung und ungewöhnliche Persönlichkeit machten auf ihn aufmerksam. Beim Bau des Domes von Speyer tat er sich durch seine Kenntnisse hervor: er ließ den Dom, der zu nah am Rhein gebaut war, auf eine neue und schwierige Art durch Mauern gegen Unterspülung sichern. Ebenso war er Leiter beim Bau der Burgen, durch welche die salischen Könige das Sachsenland unterwerfen wollten. Als Lehrer an der Domschule von Hildesheim glänzte er in der Wissenschaft, auf einem Kriegszug gegen die Ungarn sorgte er erfinderisch für die Verpflegung des Heeres, in der Landwirtschaft und Viehzucht besaß er ungewöhnliche Kenntnisse, als Bischof von Osnabrück stellte er durch Entsumpfung brauchbare Wege her. In der aufgewühlten Zeit Heinrichs IV. war er unentwegt dem Kaiser treu, ohne sich deswegen gegen den Papst zu erklären. Es wird erzählt, dass er auf der Synode von Brixen, wo die königlichen Bischöfe den Papst absetzten, sich unter dem königstreuen Altar versteckte, um sich nicht gegen einen Akt auszusprechen, an dem er sich nicht beteiligen wollte. Dass weder Kaiser noch Papst ihm seine Haltung übelnahmen, beweist, wie hoch sie ihn schätzten, und dass sie ihn für ehrlich hielten. Lange Zeit war er von den Sachsen aus seinem Bistum vertrieben und musste sich oft durch Verkleidung vor Nachstellungen schützen. Benno selbst hatte zuweilen das Gefühl, zu weltlich zu sein, um einen rechten Bischof abzugeben; jedenfalls hinderte ihn seine geistige Überlegenheit, das kirchliche Zeremoniell allzu ernst zu nehmen. Nicht selten befreite er Laien gegen Geld vom Fastengebot; er gab das Geld den Armen und sagte, es sei Gott lieber, als wenn einer den ganzen Tag einen leeren Bauch spazieren trage, umso mehr, als der Frömmigkeit dadurch kein Abbruch geschehe. Als er auf dem Sterbebett lag, bat eine vornehme Witwe, namens Azela, ihn besuchen zu dürfen. Er lehnte ab mit der Begründung, er wolle sie lieber im anderen Leben wiedersehen, wo sie sich gegenseitig ihres Anblicks erfreuen könnten, nachdem sie sich auf Erden rein und keusch geliebt hätten. Dort werde keine Todesangst ihre Liebe trüben.
Weniger durch Begabung als durch Charakter zeichnete sich Bischof Meinwerk von Paderborn aus. Ihm lag das Los der Armen besonders am Herzen; es genügte ihm nicht, in der üblichen Art Almosen zu spenden, er überwachte die Meier und Vögte, von denen die Hörigen abhingen, untersuchte die Verhältnisse selbst, und damit er nicht betrogen würde, zog er als Kaufmann verkleidet im Sprengel herum.

Bischof Meinwerk von Paderborn – * 975 – † 1036
Er gebot den Meiern, die Hörigen zur Erntezeit mit Speise und Trank zu versorgen, was vorher augenscheinlich nicht üblich war, und als er einmal zufällig eine Wirtschafterin schimpfen hörte, dass man die Arbeiter mit Mehlsuppe abspeise, verordnete er, sie sollten noch einige Schinken außer denen erhalten, die die Meier ohnehin ihnen zu stellen verpflichtet waren. Wenn er auf Unregelmäßigkeiten stieß, wurde er leicht zornig, machte aber die Schläge, die er dann etwa austeilte, hernach in großmütiger Weise gut. Zur Zeit einer Hungersnot kaufte er in Köln Getreide auf und ließ es durch seine Meier so verteilen, dass ein Teil dem eigenen Bedarf, ein Teil den Leuten, ein Teil als Samengetreide und ein Teil den Bettlern diente. Wo die Bevölkerung einer Pfarrei sehr weite Wege zur Kirche hatte, teilte er sie entweder oder baute eine neue Kapelle innerhalb der Pfarrei.
Er war ein naher Verwandter Heinrichs II. und stand mit ihm auf dem Fuße humoristischer Neckerei. Als der Kaiser beschlossen hatte, ihn zum Bischof zu machen, ließ er ihn kommen und überreichte ihm lächelnd einen Handschuh. Was das zu bedeuten habe? fragte Meinwerk. „Das Bistum Paderborn“, antwortete der Kaiser. Mit Bezug darauf, dass dies Bistum als sehr arm bekannt war, entgegnete Meinwerk: „Was soll mir dies Bistum, da ich mit meinen eigenen Gütern ein viel stattlicheres zu gründen vermöchte.“ Eben darum, sagte der Kaiser, weil Meinwerk reich sei, solle er sich der Armut des Paderborner Sprengels erbarmen. Es scheint, dass diese Worte die tatkräftige Menschlichkeit Meinwerks entzündeten oder doch sie in beglückender Weise auf eine große Aufgabe lenkten. Er warf sich so stürmisch darauf, dass er drei Tage nach seiner Ankunft in Paderborn die bescheidene und ungenügende Hauptkirche niederreißen ließ und mit großem Aufwand einen neuen Dom zu errichten begann. Nicht genug, dass er unaufhörlich aus seinem eigenen Besitz spendete, er veranlasste auch den Kaiser zu Schenkungen, wobei es den Spaß vermehrte, dass dieser sich seine Gaben ablisten oder abtrotzen ließ. Einmal schickte er dem Bischof einen Trunk edlen Weins in einem goldenen Becher. Unter einem Vorwand behielt Meinwerk den Becher über Nacht, ließ ihn durch einen Goldschmied in einen Kelch verwandeln und am anderen Tag während der Weihnachtsmesse in Gegenwart des Kaisers gebrauchen. Der Kaiser schalt ihn zwar einen Dieb, fügte sich aber. Da es bekannt war, dass Meinwerk kein Gelehrter und nicht sicher im Lateinischen war, ließ Heinrich einmal in Meinwerks Messbuch bei der Gebetsformel für die Verstorbenen in den Worten famulis et famulabus die Silbe fa ausradieren, so dass der Bischof, als der Kaiser ihn bat, die Seelenmesse für seine Eltern zu lesen, für Maulesel und Mauleselinnen betete. Der Berichterstatter fügt hinzu, dass der Bischof zwar zu lesen angefangen, dann aber doch den Ulk bemerkt habe. Einmal trieb der Kaiser das Hänseln so weit, dass er auf Pergamentstreifen die Worte schreiben ließ: „Bischof Meinwerk, bestelle dein Haus, in fünf Tagen musst du sterben“, und sie in der Umgebung des Bischofs verstreuen ließ. Für das Verhältnis der Menschen jener Zeit zum Tod ist es bezeichnend, mit welcher Ruhe und Umständlichkeit der Bischof sich auf seine Abberufung vorbereitete, über sein Hab und Gut verfügte, betete, fastete und schließlich der Vorschrift gemäß auf dem Boden der Krypta ausgestreckt das Ende erwartete. Da der Tod ausblieb, erriet er den Veranstalter des brutalen Scherzes oder sollte er absichtlich auf ihn eingegangen sein? – und belegte den Schuldigen und seine Gehilfen mit dem Bann, aus dem sie erst gelöst wurden, als der Kaiser öffentlich Buße getan und zu Füßen des Bischofs Verzeihung erfleht hatte.
Ein anderer Verwandter Kaiser Heinrichs II., mit dem er gleichfalls gern Neckereien trieb, und der noch mehr Anlass dazu bot als Meinwerk, war Bischof Megingaud von Eichstätt. Er war ein fröhlicher Zecher und liebte es nicht, sich die Essenszeit durch das vorgeschriebene Psalmensingen und Beten verkürzen zu lassen. Wenn er ein Kloster besuchte und man ihn, wie üblich, mit Gesängen begrüßen wollte, stellte er sie durch einen Wink ab, um desto eher zu Tisch gehen zu können. Wenn er das Hochamt hielt, kam es vor, dass er sich ärgerlich die Sequenz verbat und gleich zum Evangelium überging: „Die Narren lassen mich mit ihrem Gesang vor Hunger und Durst sterben“, sagte er. Er wurde leicht heftig und fluchte gern; mit den hundert Flüchen, für die er einmal die Erlaubnis erhielt, war er im Umsehen fertig. Wenn die übrigen Bischöfe sich vor dem Kaiser erhoben, blieb er sitzen, weil er der ältere sei, und die Bibel gebiete, den Älteren zu ehren. Trotz seiner Heftigkeit und Formlosigkeit wurde er geliebt. Sein Biograph fügte dem Bericht, dass Megingaud die Priester zuweilen, um schnell damit fertig zu werden, im Wald geweiht habe, die Bemerkung hinzu, dass Gott diese formlose Priesterweihe im Wald vielleicht lieber gewesen sei als die von manchem Bischof in der Kirche vollzogene; denn Megingaud sei ohne Falsch gewesen.

Willigis, selten auch Williges oder Willegis (* um 940 in Schöningen; † 23. Februar 1011 in Mainz) war Erzbischof des Bistums Mainz.Willigis ist ein Heiliger der römisch-katholischen Kirche.
Eine große politische Rolle spielte Willegis, wozu ihn schon seine Stellung zuerst als Kanzler Ottos I., dann als Erzbischof von Mainz und Erzkanzler berief. Er hat zur Zeit der beiden letzten Ottonen die Einheit des Reiches gewahrt und dem tüchtigen Herzog von Bayern, Heinrich II., die Krone zugewendet. Willegis war ein Sachse, wie man annimmt in Schöningen geboren; dass er niederen Herkommens, etwa gar ein Höriger gewesen sei, wird neuerdings bezweifelt, aber gewiss ist, dass er in den Kreisen des hohen Adels nicht beliebt war. Für die Armen sorgte er durch Almosenspenden und Speisungen, wobei er sich persönlich beteiligte; er selbst aß erst, nachdem er die Armen bedient hatte. Ebenso war er streng in der Beobachtung der Gebetsstunden, aber auf grundsätzliche mönchische Askese legte er keinen Wert; auf Gottesfurcht komme es an, pflegte er zu sagen, ein Kanoniker, ja ein Laie könne Gott ebenso angenehm sein wie ein Mönch. Von der kluniazensischen Reform wollte er nichts wissen. (Die Cluniazensische Reform war eine vom burgundischen Benediktinerkloster Cluny ausgehende geistliche Reformbewegung der katholischen Kirche des Hochmittelalters.) Mit viel Verständnis ordnete er das Schulwesen und sorgte dafür, dass die armen Schüler nicht zurückgesetzt wurden. Seine Bautätigkeit war außerordentlich. Ein seltsames Geschick wollte, dass sein Dom am selben Tag, wo er ihn geweiht hatte, durch Feuer zerstört wurde; nur ein Teil der Fundamente ist in der Prachtgestalt des heutigen Domes erhalten. Am Marktportal desselben befinden sich die Erztüren mit den Löwenköpfen, die Willegis in Nachahmung der Türen des Aachener Doms für die während der Französischen Revolution zerstörte Liebfrauenkirche gießen ließ.
Willegis dankte seinen Aufstieg einem Geistlichen namens Volkold, der ihn unterrichtete, erzog und dem König empfahl. Die Vertreibung Volkolds, der später Bischof von Meißen wurde, durch die aufrührerischen Tschechen gab Willegis Gelegenheit, seine Dankbarkeit zu erweisen: er nahm den Pflegevater herzlich auf und bereitete ihm in Erfurt eine Heimat. Seinerseits brachte Willegis durch seine Empfehlung einen tüchtigen Mann auf den Bischofsstuhl zu Worms, Burchard, der als erster ein geschriebenes Recht für seine Familie, nämlich die auf dem Stiftsgebiet ansässigen, der Kirche und ihrer Gerichtsbarkeit untergebenen Leute, verfasste. „Wegen der unablässigen Klagen der Armen“, so beginnt das berühmte Hofrecht, „und der zahlreichen Gewalttaten vieler Personen, die wie Hunde die Familie des heiligen Petrus zerfleischten, indem sie den dieser Familie Zugehörigen alle möglichen Gesetze aufbürdeten und die Schwachen durch ihre Urteile unterdrückten, habe ich, Bischof Burchard, unter dem Beirat meines Klerus, meiner Vasallen und der ganzen Familie diese Gesetze aufzeichnen lassen, damit kein Stiftsvogt, Viztum, Ministerial oder sonst eine rechtweisende Person der genannten Familie etwas Neues auferlegen könne, sondern dass reich wie arm ein und dasselbe Gesetz vor Augen gestellt werde und allen gemeinsam sei.“ Der mächtige Bischof erließ kein Gesetz ohne die Mitwirkung und Zustimmung nicht nur des Klerus und seiner Vasallen, sondern auch seiner Untergebenen.
Burchard zeigte sich als geschickter Politiker, indem er die salischen Herzöge zum Verlassen der Stadt Worms zu bewegen wusste und dadurch ihr alleiniger Herr wurde. Als solcher hat er sie in fünfundzwanzigjähriger Regierung innerlich und äußerlich gepflegt und gehoben. Willegis nacheifernd baute er den Dom auf einer alten Kultstätte, wo eine frühchristliche Basilika gestanden hatte, die vom Blitz vernichtet und noch nicht wieder aufgebaut war. Das herrliche Gebäude ist wohl mehrfach verändert, aber in der Grundanlage erhalten geblieben; die Festigkeit seiner Mauern hat im Jahre 1689 der systematischen Zerstörungswut der Franzosen getrotzt. Bis zur Vollendung des Doms von Speyer war der Dom von Worms die Begräbnisstätte der Salier; hier ruht Herzog Konrad der Rote, der Schwiegersohn Otto I., der in der großen Ungarnschlacht fiel. Jetzt ist der Dom fast das einzige Denkmal aus Worms' großen Tagen.

Poppo (* 986 – † 1047) war der dritte Sohn des Markgrafen Leopold I. von Österreich und seiner Frau Richeza. Er wurde am Domstift in Regensburg erzogen und 1007 durch König Heinrich II. zum ersten Dompropst des jüngst gegründeten Bistums Bamberg ernannt.
Ein großer Bauherr war Burchards Zeitgenosse, Erzbischof Poppo von Trier. Von einer Reise nach Jerusalem brachte er den Einsiedler Simeon mit, der sich in der Porta Nigra einnistete und dort sein Eremitendasein weiterführte. Als er gestorben und heiliggesprochen war, wandelte Poppo das Heidentor in eine christliche Doppelkirche um, so dass das zweite Stockwerk desselben die untere, das dritte die Oberkirche wurde; die Wehrgänge des Tors bildeten die Seitenschiffe. Als ein Wahrzeichen des triumphierenden Christentums überwuchs Sankt Simeon phantastisch die Riesenspur der römischen Kaisermacht. Den Anlass zu Poppos Pilgerfahrt nach Jerusalem soll gegeben haben, dass er das alte, in der Merowingerzeit gegründete Kloster Pfalzel aufgehoben hatte, dessen Insassen den Ansprüchen der Reformzeit nicht genügten; eine Nonne ging so weit, sich in den Erzbischof zu verlieben und ihm einen Liebeszauber in die Schuhe zu nähen. Den aus der letzten römischen Zeit stammenden Dom ließ Poppo zu einem dreischiffigen Hallenbau mit zwei Türmen umbauen. Als er im Jahre 1047 auf dem Bauplatz den Arbeitern zusah, ereilte den Mächtigen der Tod durch einen Sonnenstich. Er war ein Sohn des Markgrafen Leopold I. von Österreich.
Sein Namensvetter, Patriarch Poppo von Aquileja, der ungefähr gleichzeitig regierte, ist der Erbauer des Domes von Aquileja und des Palastes, von dem nichts mehr als zwei Säulen übriggeblieben sind. Von der Höhe des Campanile, den krächzende Dohlen umschwärmen, sieht man im Norden die Häupter der Alpen, Triglav und Krain und Monte Matajur, im Süden die Lagunen und das Meer, im Westen die grüne flimmernde Ebene des Friaul, damals ein dem Patriarchat unterworfenes Gebiet. Der Patriarch Poppo war ein Günstling der Kaiser Heinrich II. und Konrad II., deren Schenkungen ihn zu einem der reichsten Fürsten seiner Zeit machten. Wie alle damaligen Bischöfe, umgab er sich mit Ministerialen und Vasallen und richtete Hofämter nach dem Muster der Kaiserlichen ein. Ebenso bedeutend als Kriegsmann wie als Staatsmann besiegte er die Ungarn, die in Krain einfielen.
Bischof Pilgrim von Passau fasste den kühnen Plan, das benachbarte Ungarn in seine Diözese einzubeziehen, sein Bistum zum Mittelpunkt der ungarischen Kirche, sich selbst zum Erzbischof von Ungarn zu machen. Zu diesem Zweck wollte er durch gefälschte Urkunden glaubhaft machen, dass das alte Lauriakum an der Mündung der Enns in die Donau in früherer Zeit ein Erzbistum gewesen sei, mit dem Passau zusammengehangen habe, und ersuchte den Papst, das untergegangene wiederherzustellen. Dadurch wäre Passau von Salzburg unabhängig geworden, eine Veränderung, der der Erzbischof von Salzburg sich natürlich widersetzt hätte. Weder Papst noch Kaiser hatten für den großartigen, folgenreichen Plan Verständnis. Otto III. unterstützte vielmehr das Bestreben der Herzöge Geisa und Stephan von Ungarn, ihr Land zu einem selbständigen Staat zu machen, und stand ihnen bei, das Erzbistum Gnesen für Ungarn zu gründen, womit die Möglichkeit schwand, das Land, das bisher politisch und kulturell vom deutschen Reiche abhängig gewesen war, kirchlich an Deutschland zu binden. Das seltsame Auftauchen von Pilgrims Namen im Nibelungenliede hat zu der Annahme geführt, das größte Epos der Deutschen sei an seinem Hof, vielleicht unter seinem Einfluss entstanden. Da wo die Donau sich der Ostmark zuwendet, mögen sich wohl die Lieder von der burgundischen Königstochter, die vom Rhein her, ungesättigte Rache im Herzen, den schilfumraschelten Strom hinunter zu tragischer Hochzeit fuhr, im Gedächtnis des Volkes erhalten haben.
Ein Freund der alten Volksgesänge war der schöne Bischof Günther von Bamberg (Günher, * um 1025/1030; † 23. Juli 1065 Ödenburg war Kanzler von Kaiser Heinrich III., von 1057 bis 1065 Bischof von Bamberg), der auf einer Pilgerfahrt ins Heilige Land mehrmals für den König gehalten wurde, was wohl mit seiner Schönheit und stolzen Haltung zusammenhing. Bei den vielen Abenteuern, die die Pilger, unter denen noch andere Kirchenfürsten und mehrere Grafen und Herren waren, zu bestehen hatten, ging Günther allen an unerschütterlichem Mut voran. Kurz vor Jerusalem wurden sie von Arabern überfallen; ein Teil wurde ermordet, ein anderer warf sich unter Günthers Führung in einen festen Turm und verteidigte sich dort. Nachdem ein Waffenstillstand geschlossen war, wurden mehrere Araberfürsten eingelassen, um über den Preis der Befreiung zu verhandeln. Einer von diesen bedrohte Bischof Günther, den er für den höchsten von allen hielt, in rohen Worten mit dem Tod. Kaum hatte Günther durch den Dolmetscher erfahren, was der Mann gesagt hatte, als er, nicht im geringsten beunruhigt, den Feind mit einem Faustschlag zu Boden streckte und ihm mit dem Fuß die Kehle zudrückte. Einige Wochen später konnten die Andächtigen am Heiligen Grab ihre Gebete verrichten. Als die Pilger auf der Rückreise die Donau erreicht hatten, kniete Günther nieder und küsste die Erde; gleich darauf erkrankte er und starb, noch jung, ohne sein geliebtes Bamberg wiedergesehen zu haben. Von ihm sagt der zeitgenössische Chronist, er habe sich nicht mit Augustin oder Gregor, sondern mit Etzel, Amalung und ähnlichen Ungeheuern beschäftigt, und habe die Schneidigkeit des Schwertes für ein besseres Beweismittel gehalten als die Spitzfindigkeit gelehrter Untersuchungen.
Im Wesen vieler dieser Kirchenmänner waren Hochmut mit Demut, Ausgelassenheit, Wildheit, Abenteuerlust und Prachtliebe mit Gottergebenheit und Askese wunderlich gemischt. Die eben noch mit Begeisterung Hiebe ausgeteilt oder an reichbesetzter Tafel geschwelgt hatten, überschwemmten bald darauf den Boden der Kirche mit Tränen.
Groß war aber auch die Zahl derer, die ihr Leben in staatsmännischer Arbeit verzehrten und daneben das Beispiel der Sittenreinheit und priesterlichen Frömmigkeit gaben.
* * *
Frauen
Frauen
Die Leiden und Entbehrungen, zu denen die Frau durch die Natur bestimmt ist, wird keine menschliche Einrichtung je ganz aufheben können; denn wer befreite sie von der Liebe zu den Kindern, die von diesen nie im selben Grad erwidert wird, von ihrer Anhänglichkeit an den Mann, der im Wechsel glücklich ist, von ihrem Schwelgen in Unterordnung, das ihre Beherrscher erst recht zu Tyrannen macht, von ihrem Pflichtgefühl, das sie an Haus und Familie bindet, von der Zartheit ihres Gewissens, das ihr manches verbietet, was der Mann sich erlaubt, und ihr manches auferlegt, was der Mann vernachlässigt. Sieht man ab von den Beschränkungen, mit denen die Natur die Frau eingeengt hat, so findet man, dass sowohl die germanische Auffassung wie die der Kirche der Frau günstig war. Das Wort Frau heißt Herrin, und Herrinnen waren die adligen und freien nordischen Frauen, von denen Geschichte und Sage melden. Durch das Gesetz allerdings war die Frau vom Mann abhängig und von der Betätigung im staatlichen Leben ganz ausgeschlossen, wenn sie auch im Volksrecht einiger Stämme doppeltes Wergeld genoss und auch sonst gewisse Züge auf eine zartfühlende Berücksichtigung der körperlich schwächeren und geistig so wirksamen, der opferbereiten, mit so schwerer Verantwortung beladenen Gefährtin deuten. Allein man kann auf die Geltung, die eine Klasse von Menschen hat, nicht nur aus dem Gesetz schließen. Die enge Beziehung zwischen Mutter und Sohn, Vater und Tochter, Bruder und Schwester, Mann und Frau schuf im täglichen Leben Gewohnheiten, die der Frau mehr zuwendeten, als das plumpe Gesetz ihr nahm. Soweit die Persönlichkeit wirken konnte, hatte die Frau viel Einfluss. Lässt er sich selten ausdrücklich berechnen, so spiegelt er sich darin, dass die Überlieferung oft, wenn ein Mann etwas im Guten oder Bösen Auffallendes, etwas Sieghaftes oder Unheilvolles tat, die Mutter oder Frau dafür verantwortlich machte.
Unbändiger Stolz beseelte die deutsche und namentlich die nordische Frau, ebenso wie die nordgermanischen Männer. Sie zürnen dem Vater, wenn er sie, ohne sie um ihre Einwilligung zu fragen, vermählt, zürnen ihm doppelt, wenn er sie einem Unebenbürtigen gibt. Es kommt vor, dass der Mann die Frau im Zorn schlägt, aber ebenso oft, dass sie den Schlag mit seinem Tod rächt.

Olav I. Tryggvason (* 968; † 9. September 1000 in der Svolder) war ein norwegischer König, der von 995 bis 1000 regierte. Auf Altnordisch lautete sein Name „Óláfr Tryggvason“ und auf den von ihm geprägten Silberpfennig-Münzen bezeichnet er sich in der lateinischen Inschrift als „ONLAF REX NOR“ (Abkürzung für: „Onlafus rex Normannorum“).

Sigrid die Stolze
Als der norwegische König Olaf Tryggvasohn um die schwedische Königin Sigrid warb und verlangte, dass sie Christin würde und sie das nicht wollte, schlug er ihr den Handschuh ins Gesicht. „Das soll dir noch einmal den Tod bringen“, sagte sie und hielt Wort.

Sven Gabelbart
Sie heiratete den Dänenkönig Sven Gabelbart und bewog ihn, Olaf zu bekriegen, bis er als Unterliegender sich selbst den Tod gab. Es scheint, dass die Männer die Frauen umso mehr liebten, je stolzer, kühner und selbständiger sie waren. Sie bewunderten ihre Klugheit, hörten auf ihren Rat, ordneten sich ihnen unter, hatten besonders eine abergläubische Ehrfurcht vor ihnen, wenn sie ihre Sehergabe, Zauberkunst und Heilkunst ausübten. Zu der Zeit, als die Sitten schon bedeutend gemildert waren, erscheinen in der Dichtung Kriemhild und Gudrun in einer Pracht der Persönlichkeit, wie sie nur bei ungekränktem Selbstgefühl sich entfalten kann.

Kriemhild

Brynhild und Gudrun
Gudruns entrüstete Ablehnung eines Gemahls, der Vasall ist, veranlasst verheerenden Krieg, und wilden Stolz verleugnet das Königskind nie, nicht in Todesgefahr, nicht unter Qualen und Demütigungen, nicht gegenüber der Schmeichelei. Als Bräutigam und Bruder sie wiedergefunden haben und Befreiung in Aussicht steht, ist ihr erstes Tun, dass sie mit jubelndem Hohn die Wäsche, die sie waschen musste, ins Meer wirft. In königlicher Großmut sucht sie die Feindin, als sich der Sieg den Ihren zugewendet hat, zu schützen, findet es aber doch richtig, dass die Frau, die sie, die Hochgeborene, gezwungen hat, Magd-Dienste zu tun, mit dem Tod büßen muss. Nicht selten erscheint der Verschwendung, den hochmütigen Ansprüchen der Frau gegenüber der Mann als der Bescheidenere, Maßvollere.
Wieviel Anteil die Frauen an den Staatsgeschäften nahmen, zeigt die Geschichte.

Bertrada, die Mutter Karls des Großen
Bertrada, die Mutter Karls des Großen, veranlasste seine Heirat mit einer langobardischen Prinzessin; obwohl andere Wege eingeschlagen wurden, blieb sie bis zu ihrem Tod hochgeehrt von ihrem Sohn und ihrer ganzen Familie. Eine ähnliche Stellung hatte in Sachsen die fränkische Oda, die Frau Ludolfs und Mutter der Herzöge Brun und Otto, und ganz besonders die Königin Mathilde.

Königin Mathilde
Sie wurde einer Heiligen gleich geachtet, ihr Name erbte sich in der Familie fort, solange sie bestand. Nicht nur ihre eigenen erwachsenen Söhne betrachteten sie als Oberhaupt, sondern auch Ottos natürlicher Sohn Wilhelm, der Erzbischof von Mainz. Nach dem Tode ihres Mannes beschäftigte sie sich mit der Sorge für Arme, Kranke und Pilger, was als vornehmste Aufgabe der Frau angesehen wurde, aber auch mit Handarbeit und Wissenschaft; ihr Biograph betont, dass sie bei aller Demut immer die königliche Würde behauptete.

Schwester Mathilde, Äbtissin von Quedlinburg
Seiner Schwester Mathilde, der Äbtissin von Quedlinburg, vertraute Otto der Große während seiner Abwesenheit das Reich an; seine Tochter Mathilde, ebenfalls Äbtissin von Quedlinburg, hatte großen Einfluss während der Kindheit Ottos III. Ottos Bruder Heinrich hatte zwei energische und kluge Töchter, Gerberga, die Äbtissin von Gandersheim wurde, und Judith, die Gattin des viel älteren Herzogs Burkhard von Schwaben, welche letztere ganz besonders sowohl des Vaters Schönheit sowie seine Herrschsucht und sein heftiges Temperament geerbt zu haben scheint. Ihr Freund Ekkehard II., den sie zu sich auf den Hohentwiel befahl, um mit ihr den Virgil zu lesen, und den sie mit Gnaden und Geschenken überhäufte, genoss die Gunst der herben Dame halb widerwillig; so wenigstens wird berichtet.

Äbtissin Gerberga
Unter der Führung der Äbtissin Gerberga und der Lehrerin Richardis bildete sich im Kloster Gandersheim, am Rande des Harzes, die Dichterin Hroswitha, deren Werk, wenn es auch, wie der Körper von einer Kutte, durch die fremde Sprache vermummt ist, Verstand und Geschmack und eine feste Linienführung offenbart. Dass Nonnen Latein lernten, war nicht selten. Nicht nur die Mädchen, sondern auch die Knaben erhielten ihren ersten Unterricht in den Frauenklöstern.

Gisela, Witwe des Herzogs von Schwaben
Unter den Frauen der Salier ragt Gisela, die Witwe des Herzogs von Schwaben und Mutter des unglücklichen Ernst, als bedeutende Persönlichkeit hervor.

Richenza
Sehr großen Einfluss scheint die Braunschweigerin Richenza auf ihren Mann, den König Lothar, gehabt zu haben, so dass, wer etwas bei ihm erreichen wollte, zuerst sie zu gewinnen suchte. Als sie mit Lothar in Italien war, besuchte sie nicht nur die heiligen Stätten, um zu beten, wie das üblich war, sondern auch die durch Geschichte und Kunst denkwürdigen Orte. Nach dem Tod ihres Mannes war sie noch jahrelang die Führerin der Welfen im Kampf gegen die Staufer; als sie starb, erlahmte die Bewegung.

Auch die Frau Barbarossas, die Kaiserin Beatrix, begleitete ihren Mann auf allen seinen Feldzügen; sie galt als klug und gebildet, und man wusste, dass der Kaiser sehr abhängig von ihrem Urteil war. Mochten Geistliche gelegentlich die Schwachheit der Frau im Mund führen, so dachte man doch nicht daran, der Frau ihr Geschlecht als Minderwertigkeit anzurechnen oder sie auf ein enges Feld der Betätigung einzuschränken, wenn die kriegerische auch für sie natürlich nicht in Frage kam. Wir hören, dass im 9. Jahrhundert Bischof Ansgar zuweilen zu einer sächsischen Adligen namens Liutbirg pilgerte, die im Bodetal ein Eremitendasein führte; sie unterrichtete Mädchen im Beten, Singen und Handarbeiten. Dazu kam später wohl noch die Kenntnis von Sprachen und das Spielen verschiedener Musikinstrumente. Jedenfalls waren die Frauen eher gebildeter als die ritterlichen Männer; noch Ende des 15. Jahrhunderts konnten ein Burggraf von Nürnberg und ein Graf von Sayn nicht schreiben, vielleicht konnte es auch Rudolf von Habsburg nicht: es ist anzunehmen, dass die Frauen, die sich so warm für Dichter und Dichtkunst interessierten, das Lesen verstanden. Dass Nonnen oft schrift- und sprachenkundig waren, ist selbstverständlich. Den Bürgerfrauen stand in Bezug auf Arbeitsbetätigung ihr Geschlecht nur insofern im Weg, als ihnen zu manchen Berufen die körperliche Kraft fehlte. Der Eintritt in eine Zunft war ihnen nicht verwehrt, abgesehen davon, dass oft Witwen das Geschäft des Mannes fortsetzten. Besonders gehörten ihnen gewisse Berufe, die eine zarte, biegsame Hand erforderten, wie der der Schleierwäscher oder Goldspinner oder Sticker, aber auch andere, in denen sie seit der Zeit geschickt sein mochten, als der häusliche Haushalt für die eigenen Bedürfnisse aufkam. Wie in der Frühzeit übten sie auch später die ärztliche Kunst aus; es gab hier und da Stadtärztinnen.
Dem Vater stand es zu, Söhne und Töchter ins Kloster zu schicken oder zu verheiraten; aus vielen Beispielen geht hervor, dass er dabei in der Regel die Wünsche der Mutter berücksichtigte. In vielen adligen Familien war es Sitte, nur je eines der Kinder zu verheiraten, die übrigen geistlich werden zu lassen. Bei der Heirat wurde hauptsächlich der Vorteil in Betracht gezogen; aber es wird liebevolle Eltern gegeben haben, die bestimmte Neigung oder Abneigung der Kinder nicht unbeachtet ließen. Von der eigenwilligen Judith erzählte man, sie habe, weil sie keine Lust hatte, den ihr bestimmten griechischen Prinzen zu heiraten, dem griechischen Maler gegenüber, der sie porträtieren sollte, ihr schönes Gesicht zur Grimasse verzogen, um den Freier abzuschrecken, was ihr auch gelungen sei. Den Aufenthalt im Kloster zogen gewiss viele Mädchen der Ehe vor; sie genossen dort Bequemlichkeit, Sicherheit und Ehre, und auch eine weitgehende Freiheit nahmen die adligen Frauen als selbstverständlich für sich in Anspruch. Fanden die Frauen kein Glück in der Ehe, so wussten sie sich zu entschädigen, wenigstens möchte man das aus den häufigen Verdächtigungen hochgestellter Frauen schließen, wenn sie auch nicht immer begründet waren.

Liutgard
Ottos des Großen Tochter Liutgard wurde des Ehebruches beschuldigt, die später heiliggesprochene Kunigunde, die Frau Heinrichs II., soll sich durch das Gottesgericht von der Anklage gereinigt haben, indem sie mit bloßen Füßen über ein glühendes Eisen schritt. Man dachte im Allgemeinen nicht streng über leidenschaftliche Beziehungen zwischen Mann und Frau. Bischof Salomon von Konstanz hatte ein Liebesverhältnis mit der Äbtissin des Klosters Fraumünster von Zürich; in die schöne Tochter, die der Verbindung entsprang, verliebte sich der Kaiser Arnulf. Es ist nicht zu verwundern, wenn Frauen oft beschuldigt wurden, mit Geistlichen zärtliche Verbindungen zu unterhalten, wenn sie gern mit Geistlichen verkehrten. Das Interesse für die gleichen Gegenstände, für Armen- und Krankenpflege, für Poesie und Kunst führte sie zusammen, Frauen und Geistliche waren gebildeter als die weltlichen Männer, sie betrachteten die Dinge in einem Licht, das sie interessanter, bedeutender, vielgestaltiger erscheinen ließ. Begreiflich ist es auch, dass die Mütter wenigstens einige ihrer Söhne der Kirche zu übergeben liebten, wo sie einigermaßen vor dem Tod im Krieg gesichert waren, wo ihre Begabung gepflegt wurde und sich entfalten konnte. So dachte zum Beispiel die Gräfin von Goseck, eine geborene Gräfin von Weimar, von deren Söhnen einer, Adalbert, der berühmte Erzbischof von Bremen wurde. Die ritterliche Erziehung der Knaben war so hart, sie verlief zwischen Pferden und Waffen, im Stall, im Sattel, unter Knüffen und Püffen, dass es dem Herzen mancher Mutter wehtun mochte, besonders wenn das Kind zart war und darunter litt.
Das Christentum hat mit seiner Anpreisung der Demut wohl nicht nur im guten, sondern auch im üblen Sinne zähmend gewirkt, indem es mit der Wildheit der heidnischen Frau ihre frische Kraft dämpfte; aber es setzte ihre weibliche Würde nicht herab, verklärte sie vielmehr in ihren wesentlichen Eigenschaften. Das überirdische Geheimnis der Empfängnis und Mutterschaft hatte sein Symbol in der jungfräulichen Mutter des Herrn, in der das Wort Gottes Fleisch wurde. In den kleinen dunklen Kirchen der ottonischen Zeit sah man sie unnahbar groß, den wunderbaren Sohn auf dem Arm, eine Göttin mit unergründlichem Leidensblick, man sah sie unschuldig ernst, halb abgewendet der Botschaft des Engels lauschen, der die Fülle himmlischer Herrlichkeit vor sie hinstürzt, man sah sie, das Herz von Schwertern durchbohrt, sah die Überwinderin aufwärts schweben, das verjüngte Haupt mit der Krone des Lebens gekrönt. Sie, die Gottesgebärerin, die Himmelskönigin, war in allen irdischen Leiden geprüft. Und erlebte nicht jede Frau das Wunder, dass ihrem Schoß ein Kind entsprang, dem Gott die Seele einhauchte? Das unlösbare Geheimnis der Geburt band die Frau an den Gott, dessen Atem dem Geschöpf die letzte Vollendung zur Menschenwürde gibt; ihm brachte man es dar nicht erst bei der Taufe; schon vorher, als es noch ungestaltet in ihrem Schoß lag, musste es durch sie von seinem Wort beseelt werden. Im Märchen wird die Frau, die beschuldigt wurde, anstatt eines menschlichen Kindes einen Hund oder einen Wolf zur Welt gebracht zu haben, zum Feuertod verurteilt; wie eine Ketzerin oder Zauberin, eine Gottlose, erscheint die, deren Kind kein Menschenantlitz trägt, also kein Gotteskind ist.
Neben der Maria stehen viele große Heilige: Margarete, die Drachentöterin, Agnes, die im Haus der Unzucht ihre Reinheit bewahrt, Katharina, Dorothea und viele andere, die von dem todüberwindenden Heldenmut der Frau und ihrer Überzeugungstreue zeugen. In der Hochschätzung der Jungfräulichkeit traf die christliche Auffassung mit der germanischen zusammen. Die Walküren verloren ihre Kraft mit der Jungfräulichkeit, das Blut oder der Kuss einer reinen Jungfrau hat im Märchen erlösende Kraft. Darin wird nicht nur die Tatsache gewürdigt, dass die Frau durch die sinnliche Liebe oft bis zur Betäubung des Gewissens und zum Verlust der eigenen Persönlichkeit vom Mann abhängig wird, sondern wohl auch die andere, dass die zurückgedrängte Kraft geschlechtlicher Liebe sich in schöpferische Geisteskraft umsetzen kann. Die Heilige trat für den Germanen an die Stelle der wegen ihres prophetischen Geistes oder wegen ihrer Zauberkunst verehrten Frauen. Sieht man, mit was für geduldiger Aufmerksamkeit ein so imperatorischer König wie Friedrich I. Barbarossa die Strafpredigten der Hildegard von Bingen aufnahm, kommt es einem vor, als habe die Ehrfurcht in ihm nachgewirkt, die seinen heidnischen Vorfahren die Seherin als die von den Göttern Erwählte einflößte.
Dass die Frau die frohe Botschaft verständnisvoll aufnahm, hat die rasche Verbreitung des Christentums erleichtert, wenn nicht ermöglicht. In vielen Fällen wurden die Könige und Volkshäupter, die das Beispiel gaben, durch die Frau bekehrt. Es ist immer die Frau, die den Sinn für das Übersinnliche hat, und Frauen waren es, die das eigentliche Wesen des Christentums erkannten oder erfühlten. Ihnen empfahl sich der Christengott nicht, weil er der mächtigste, sondern weil er der liebende war, der gerechte und gnädige, der der Sünde wehrt und dem reuigen Sünder verzeiht. Die Frau als die körperlich Schwächere, als Mutter zu Schmerz und Opfer und zur Hüterin von Haus und Familie bestimmt, verstand die Religion, welche die Gewalt durch die Kraft des liebevollen Geistes und durch den Glauben an den Sieg des Guten überwindet. Die Heiligung der Ehe durch die Kirche entsprach dem Interesse der Frau, die den Kindern den Vater erhalten will, die aus Liebe zu den Kindern auf den Wechsel verzichtet, und der, da ihre zarte Körperlichkeit den Reiz früh einbüßt, der den Mann anzieht, die Verklärung des ehelichen Verhältnisses durch das Sakrament willkommen sein musste. Von der ungeregelten Leidenschaft der nordischen Heiden hatten wohl Frauen Genuss und Vorteil; aber überwiegend litten doch Frauen darunter. Denn es ist unumgänglich, dass der natürliche Mann sich seiner überlegenen Kraft bedient, um die Frau zu beherrschen und um sich ihrer zu entledigen, wenn sie ihm im Wege ist, nicht selten mit derselben Leidenschaft, die er einsetzte, um sie zu gewinnen, solange er sie begehrte. Drückten nun auch Päpste und Bischöfe zuweilen ein Auge zu, wenn es sich um mächtige Herren handelte, so haben sie doch im Allgemeinen auch solchen gegenüber die gekränkte Frau beschützt. Die Familie konnte zu einem befriedeten Bezirk werden, innerhalb dessen, wenn ringsum ungezähmte Leidenschaft, Habsucht und Machtgier der Großen sich austobten, vorzüglich unter der mütterlich regierenden Hand der Frau sich diejenigen Tugenden erhielten, die der Gesundheit und dem Glücke des Volkes zugrunde liegen.
Dass die Regelung des Verhältnisses zwischen Mann und Frau durch die Kirche nichts mit Zimperlichkeit und Sinnenfeindlichkeit zu tun hatte, beweist die Unbefangenheit, mit der die Dirnen in den öffentlichen Frauenhäusern betrachtet und behandelt wurden. Sie erschienen bei festlichen Anlässen als eine ständische Gruppe neben anderen, oft mit Blumen geschmückt, und wenn an der Rücksicht, die man auf sie nahm, auch der finanzielle Gewinn einen Anteil hatte, den Stadträte oder Fürsten aus ihnen zogen, so zeigte sich doch auch die Neigung des ganzen Volkes darin, diese Mitbürgerinnen sich eher mit Wohlwollen einzugliedern, als sie zu verachten oder sich an ihnen zu ärgern. Auch in dieser Beziehung brachte das Christentum wohl Veredlung, aber nicht Vergewaltigung der Natur; die „Tochter Gottes“ sollte nicht nur für ihre schönen Triebe, sondern auch für Ausgelassenheit und Unart Spielraum haben.
* * *
Der Norden
Der Norden
Otto I. schickte den Bischof Liutprant von Cremona, einen begabten, temperamentvollen Langobarden, an den Hof von Byzanz, um für seinen Sohn um die Hand einer griechischen Prinzessin zu bitten. Als der Kaiser Nikephoros sich bei Tisch über die Völlerei der Burgunder lustig machte, sagte Liutprant, schon gereizt durch geringschätzige Behandlung: „Wir Langobarden, Sachsen, Franken, Lothringer, Bayern, Schwaben und Burgunder verachten die Römer so sehr, dass wir im Zorn für unsere Feinde kein anderes Schimpfwort haben als Römer.“ Zweihundert Jahre später waren aus den Langobarden Lombarden geworden, und ihr germanischer Ursprung glich den Gegensatz zwischen Deutschen und Italienern nicht mehr aus. Wohl aber bestand im Norden noch lange ein germanisches Zusammengehörigkeitsgefühl. Wenn es auch englische und schwedische, dänische und norwegische Königreiche gab, die sich untereinander bekriegten, wenn auch die Sachsen und Friesen sich bewusst waren, zum Römischen Reich Deutscher Nation zu gehören, wenn sie auch verschiedene Sprachen redeten und verschiedene Ziele verfolgten, so fühlten sie sich doch als Nordleute, verbunden durch das nordische Meer, das gegen ihre Küsten flutete, das ihre Schiffe befuhren, das ihr gemeinsames Schicksal war. Oft scheint es sogar, als fühlten die Sachsen mehr Verwandtschaft zu den Angelsachsen, Dänen und anderen Nordleuten als zu den Schwaben und Bayern; selbst das bedeutende Moment der Zusammengehörigkeit, das das Christentum bildet, kommt nicht immer gegen das germanische Verwandtschaftsgefühl auf.
Clarum inter Germanos Frisiorum nomen. Berühmt ist unter den Deutschen der Name der Friesen, sagte Tacitus. Kaum erscheint ihr Name in der Geschichte, hatten sie schon Taten getan, die sie als Rächer ihrer Freiheit zeigten. Weder Herren noch Knechte litten sie unter sich. Jahrhunderte hindurch war ihre Chronik Kampf und Sieg über alle, die sie unterwerfen wollten. Viele Grafen von Holland, die die Friesen als ihre Untertanen betrachteten, fanden in ihren Sümpfen ihr Grab. Wie die Möwen, die sich kreischend vor gieriger Lust in den Sturm werfen, wenn sie am Strande gehen, etwas von gemütlichen Enten haben, so sagt man von den Friesen, dass sie daheim stumpfsinniger Untätigkeit verfallen; aber wenn eine Sturmflut Deich oder Vieh bedroht, oder auf dem Meer, stürmen sie furchtlos in die Gefahr, ringen sie wie ein unbändiges Element mit den Elementen. Dieser Friesenstolz war allen Nordleuten bis zu hohem Grad eigen. Man hat bemerkt, dass die Sprache der Friesen der englischen näher als der deutschen verwandt ist, von der sie sich stärker als ein Dialekt unterscheidet, und dass sie auch im Charakter den Engländern gleichen; allein auch den Sachsen waren sie so ähnlich, dass es schwer ist, eine bestimmte Grenze zwischen Sachsen und Friesen zu ziehen. Waren doch auch die Engländer damals unvermischte Sachsen, vielleicht schon mit Friesen verschmolzene. Meeranwohner waren sie alle, als Kinder des Meeres einander verschwistert. Sachsen und Friesen waren viel eher Christen geworden als die Skandinavier; aber wie diese waren jene durch die wilde Taufe des Meeres gefeit, ein Geschlecht, das mitten im Untergang, wenn Erde und Sterne wanken, die Wonne seiner Kraft am sichersten fühlte. Auf den ewig von Stürmen umsausten Dünen wuchsen keine Bäume, gab es keine heiligen Haine; heilig war dort die Freiheit. Noch jahrhundertelang beteten auf den friesischen Inseln die Pfarrer selbst um gesegneten Strand, nämlich dass viele Schiffe scheiterten. Als die Blutrache längst nicht mehr im Schwange war, schlugen die Angehörigen eines Getöteten noch mit dem Schwert an die Kirchhofspforte und an die Tür des Mörders und murmelten: Rache! Rache! Die Weisen, die beim friesischen Festmahl zur Harfe gesungen wurden, waren bald stürmisch, bald unsäglich süß und zwangen Alt und Jung zu tanzen, tolle, heidnische Tänze, bis sie besinnungslos hinfielen. Die nordischen Glaubenshelden behielten als Christen ihre schwungvolle Faust.

Bischof Evermod von Ratzeburg * um 1100 in Belgien, † 17. Februar 1178
Bischof Evermod von Ratzeburg wollte einmal einen vornehmen Dithmarscher, dem ein Verwandter erschlagen worden war, bewegen, von der Rache abzustehen. Vergebens predigte er ihm die Grundsätze christlicher Nächstenliebe, vergebens drang er mit Bitten und Flehen auf den Unversöhnlichen ein, endlich fiel er ihm zu Füßen. Der Dithmarscher verschwur sich mit schrecklichen Eiden, sich niemals mit dem Beleidiger zu versöhnen. Da holte der Bischof aus und versetzte dem Mann einen gewaltigen Backenstreich, worauf der Dithmarscher nachgab und verzieh. Außerordentlich stark und verwegen war Dankbrand, der Sohn eines sächsischen Grafen. Nachdem er wegen eines schönen Mädchens mit einem dänischen Großen in Streit geraten war und ihn erschlagen hatte, floh er nach England und wurde dort Kaplan des berühmten norwegischen Königs Olaf Tryggvason, der soeben mit der ungestümen Leidenschaft, die ihm eigen war, das Christentum ergriffen hatte. Olaf Tryggvason war ein König nach dem Herzen der Nordleute: fröhlich, prächtig, glücklich und gütig, im Zorn unaufhaltsam zerstörend wie das Feuer. Er begann sofort die Heiden zu bekehren und schickte den kühnen Dankbrand zu diesem Zweck nach Island. Einige Heiden, die sich der Taufe widersetzten, schlug Dankbrand sofort tot, einem besonders starken Helden erbot er sich, die Überlegenheit seines Gottes im Zweikampf zu beweisen. Trotz mancher auf diese Art errungenen Erfolge hielten es die erstaunten Isländer für ratsam, den gefährlichen Missionar aus ihrem Land zu verbannen. So waren die nordischen Küstenbewohner: funkelnd vor Kraft und Übermut und Grausamkeit wie das Meer, halb Kinder, halb Riesen.
Meerkönig im Norden zu werden, die verschiedenen, das friesische Meer begrenzenden Länder zu einem Reich zusammenzufassen, war eine Lockung für Eroberer-Herzen. Dänen und Deutsche kamen dabei hauptsächlich in Betracht, Dänemark und Deutschland haben jahrhundertelang um die Beherrschung der Nord- und Ostsee gerungen, bald kämpfend, bald sich vertragend.

Knut der Große war König von England (1016 bis 1035), König von Dänemark (1019 bis 1035) und König von Norwegen (1028–1035). Herkunft.
Der erste, der die Aufgabe mit großem Sinn erfasste, war der König von Dänemark, Knut, der im Beginn des 11. Jahrhunderts England mit seinem Land vereinigte und musterhaft regierte. Sein Ansehen war so überzeugend, dass Konrad II., der damalige Kaiser, es für das beste hielt, in Freundschaft mit ihm auszukommen, ihm das Land zwischen Eider und Schlei abtrat, seinen Sohn Heinrich mit Knuts Tochter verheiratete. Auch Erzbischof Unwan von Bremen, ein Nachkomme Widukinds und Vetter des Bischofs Meinwerk von Paderborn, dem er darin glich, dass er angestammten Reichtum seinem Bistum zugutekommen ließ, unterhielt mit Knut freundschaftliche Beziehungen. Er empfing ihn in Hamburg, wo er gern Hof hielt, um ihn zu ehren, zugleich aber auch, ihm einen Eindruck von seiner fürstlichen Macht zu geben. Die Erzbischöfe von Hamburg-Bremen waren die größten Herren im deutschen Norden, mächtiger als die Herzöge von Sachsen, die eifersüchtig sie zu schädigen trachteten. Es war deshalb natürlich, dass einem von ihnen die Vision des Nordischen Reiches aufging, wenn sie es auch nur in kirchliche Grenzen bannen konnten.
Nachdem Knut und Unwan gestorben waren, ernannte Heinrich III. Adalbert, einen Grafen von Goseck, zum Erzbischof von Bremen.

Adalbert, Erzbischof von Bremen
Gegenüber von Naumburg sind noch Reste seiner Stammburg erhalten, die er und seine Brüder in ein Kloster verwandelten. Von allen Leidenschaften, die diesen ungewöhnlichen, hochbegabten Mann bewegten, war Ruhmbegierde die stärkste. Man hätte denken können, ihr wäre Genüge getan, als der Kaiser, der ihn hochschätzte, ihn zum Papst machen wollte; aber er lehnte es ab, um ein Patriarchat im Norden zu errichten. So sehr hatte der Norden seinen Sinn berückt. Allerdings konnte er im Norden unabhängiger sein als ein vom Kaiser ernannter Bischof von Rom. Um die nordischen Angelegenheiten bekümmerten sich die Kaiser wenig: es war keine Unterstützung, aber auch keine Einmischung von ihnen zu erwarten. Hier war alles neu und fremd, Abenteuer, unbegrenzte Möglichkeit. Der Blick des jungen Mannes, der in den thüringischen Wäldern gefangen gewesen war, schweifte entzückt über das britannische und das baltische Meer, über nie gesehene Inseln bis dahin, wo in Dunkel und Grauen die Erde endet. Diese Länder waren zum Teil noch heidnisch, zum Teil noch nicht im Christentum befestigt; durch lebhafte Missionstätigkeit konnte die Kirche von Bremen hoffen, sie sich kirchlich unterzuordnen, war sie doch mit Hinblick auf diese Aufgabe gegründet, die nur durch unglückliche Umstände und durch die Nachlässigkeit mancher Bischöfe nicht erfüllt war. Es war ein ähnlicher Gedanke, wie im Südosten des Reiches Bischof Pilgrim von Passau ihn gehegt hatte.
Aus eigener Anschauung hatte Adalbert keine Kenntnis der nordischen Länder; aber er sammelte so viele Nachrichten über sie wie möglich. Mit den Slawen, die Mecklenburg und Pommern bewohnten, gab es Beziehungen, denn an der Mündung der Oder lag Jumne, die reichste Handelsstadt der Welt, wo kostbare Erzeugnisse ferner Länder getauscht wurden. Es war bekannt, dass man von dort zu Lande nach Griechenland gelangen konnte, wenn auch dieser Weg wegen der unberechenbaren Sinnesart der anwohnenden Völker vermieden wurde. Weiterhin nach Osten warf das Meer den goldgelben Bernstein ans Ufer, mit dem die Frauen des Südens sich schmückten, und noch weiter oben lag das seltsame Land der Amazonen, von denen man sagte, dass sie durch ein Wasser, das dort fließe, schwanger würden, andere meinten durch vorüberreisende Kaufleute, die sie gefangennähmen und nach dem Gebrauch wieder verstießen. Sie erzeugten Mädchen von wunderbarer Schönheit und Söhne mit Hundeköpfen. Zur Zeit des Erzbischofs Alebrand, der vor Adalbert regierte, taten sich einige vornehme Friesen zusammen, um zu erkunden, ob es wahr sei, dass man von der Mündung der Weser aus immer nordwärts fahrend zum grenzenlosen Weltmeer komme. Nachdem sie sich eidlich miteinander verbunden hatten, fuhren sie ab, ruderten an Dänemark, Schottland und Island vorüber und gerieten plötzlich in den Nebel des weltendenden Meeres. Dort riss sie ein Strudel mit, der ihrer Meinung nach dadurch entstanden sei, dass dort alle Strömungen Ursprung und Ausmündung hätten, verschlang einige Schiffe und spie andere wieder aus. Sie kehrten nach Bremen zurück und erzählten dem Erzbischof ihre Erlebnisse. Bei Island, sagten sie, sei das Eis des Ozeans schwarz und so trocken vor Alter, dass es angezündet brenne. Sicherere Nachrichten gab es über die skandinavischen Länder. Nicht nur dass schon der heilige Ansgar am Mälarsee gewesen war, Adalbert stand in freundschaftlicher Beziehung zum schwedischen König Sven Esthritson, in dessen Gedächtnis die Geschichte der nordischen Völker wie in einem Buch geborgen war.

Sven II Estridsen (1020-1074 n.Chr.), der letzte Wikingerkönig von Dänemark und Vorfahre aller nachfolgenden dänischen Könige, wurde in der Roskilde Kathedrale begraben.
Man kannte Fünen mit der großen Stadt Odense, Seeland mit Röskilde, dem dänischen Königssitz, Schonen mit Lund, die fruchtbarste dänische Landschaft, wo es schon 300 Kirchen gab. Schweden schilderte der König als ein ebenfalls an Vieh, Früchten und Honig reiches Land, dem auch viele Waren aus der Fremde zugeführt würden; herrlich sei der goldene Tempel von Uppsala, wo alle neun Jahre, zur Zeit der Frühlings-Tagundnachtgleiche alle schwedischen Völker zusammenkämen und ein Fest feierten. Norwegen dagegen sei rau, ungeheuer kalt, unfruchtbar, arm. Das Volk lebe von Viehzucht, nur an Milch und Wolle sei es reich. Er erzählte von den schwarzen Füchsen und Hasen, weißen Mardern und Bären, die es oben im Norden gäbe, und von den Finnen, die auf Schneeschuhen die Ure, Büffel und Elche überflügelten, die sie jagten. Alle Nordleute, aber ganz besonders die Finnen, kannten noch die alten Zauber; so wussten sie durch gemurmelte Sprüche die Walfische in ihre Gewalt zu bringen. Je mehr man nach Norden kam, desto mehr war heidnische Zauberei im Schwange.
Den Charakter der Nordleute stellte man an Adalberts Hof nach allem, was man davon sah und hörte, sehr hoch. Sie besaßen die von den Deutschen so geschätzten Eigenschaften der Tapferkeit und des Stolzes; sie ließen sich lieber töten als züchtigen; von einem zum Tod Verurteilten erforderte der Anstand, unbekümmert fröhlich zu erscheinen. Sie verachteten Gold und Silber, Pelzwerk und feine Stoffe, und ihre Gastfreiheit war unbegrenzt. Es machte tiefen Eindruck, dass in manchen Gegenden Schwedens und Norwegens die vornehmsten Männer Viehhirten waren wie die Erzväter der Bibel, dass die Schweden noch keine Städte hatten und ihr Leben in Armut und heiliger Einfalt zubrachten. Sie waren so liebevoller Gesinnung, dass sie alles gemeinsam besaßen, und zwar nicht nur die Einheimischen untereinander, sondern die Fremden inbegriffen. Dies, sagte man, sei nicht eine Folge des Christentums, sondern ihre Natur sei christlich, ohne dass sie von Christi Lehre etwas wüssten. Die gebildeten Deutschen betrachteten die Nord-Leute gerührt wie etwa Tacitus die Germanen.
Sowohl in Dänemark wie in Schweden gab es schon christliche Kirchen und Gläubige, überhaupt ließ sich das Volk dort oben gern von Christus und seinen Taten erzählen; aber die deutschen Christen waren es, so erfuhr man, die die Ausbreitung des Christentums erschwerten. Ihr Beispiel schreckte ab, da sie das, was sie lehrten, nicht durch ihr Leben verwirklichten. Besonders die Habgier, mit der sie Steuern auflegten, und die Härte der Einforderung derselben erregten Unwillen; beides wurde dem Herzog Bernhard von Sachsen vorgeworfen, der ohnehin Adalberts Feind war. Auch der Slawen Freigebigkeit und Gastfreiheit hob sich preiswürdig ab von der christlichen Habgier. Die Anerkennung schöner und edler Eigenschaften der Heiden führte nicht etwa zur Herabsetzung des Christentums, sondern zu dem verstärkten Wunsch, diese Heiden zu Christen zu machen, damit sie das einzige erwürben, was ihnen fehlte. Denn erst als Christen waren sie Glieder des Reiches, traten sie ein in den gotterfüllten Raum des Himmels und der Erde, des Lebens in der Ewigkeit. Es war ein Zauber, der die Menschen verklärte, auch wenn er ihr Inneres nicht verwandelte.
In einem Punkt nur fand man die Nord-Leute zu tadeln, in der Maßlosigkeit nämlich, mit der sie sich sinnlichen Genüssen hingaben. Sie berauschten sich im Trunk und in der Liebe, und weder das Trinken noch die Frauen wollten sie sich nehmen lassen. König Sven wurde vom Volk wegen der großen Zahl seiner natürlichen Kinder König Vater genannt. Die Menge der Beziehungen hinderte nicht, dass sie einer einzelnen Frau mit beharrlicher Leidenschaft anhingen. Sven hatte nach dem Tod seines Vorgängers auf dem schwedischen Thron dessen Witwe Gunhild geheiratet, die nach der Ansicht der Kirche in einem verbotenen Grad mit ihm verwandt war. Da die dänischen Bischöfe ihn bei Adalbert deswegen anklagten und Adalbert, in diesem Punkt unerbittlich, ihm riet, sich von seiner Frau zu scheiden, weigerte er sich, musste schließlich aber doch nachgeben. Adalbert hatte Mühe, den Erbitterten zu versöhnen. Die Frau, die er dann heiratete, wurde von seiner Geliebten vergiftet. Adalbert, der selbst, augenscheinlich mehr infolge natürlicher Veranlagung als aus Askese, keusch war, verachtete die, welche ihre sinnlichen Gelüste nicht beherrschen konnten. Davon abgesehen mochte er sich dem Ausschweifenden und Phantastischen der nordischen Menschen verwandt fühlen. Mönchische Dürre war ihm fremd; es war, als breche die verhaltene Sinnlichkeit mit doppeltem Überschwang aus seinem Geiste hervor. Er war ein Verschwender, der nur in der Fülle atmen konnte. Nach einem großen Brand baute er den Dom von Bremen nach dem Muster des Doms von Benevent fremdartig und über alle Gewohnheit prächtig.

Er liebte das Alte Testament, wo der Herr sich in seiner Majestät offenbart. Obwohl er an guten Tagen ohne Geselligkeit nicht leben konnte, empfand er leicht Verachtung für die Menschen. Freigebigkeit, sagte er, sei ein Merkmal des Adels; das Überwiegen von Kleinlichkeit, Dummheit und Habgier an den Menschen erregte seinen Hohn. Seine Pläne waren Visionen, die auf die Wirklichkeit wenig Rücksicht nahmen; das galt besonders von seinem größten, seinem eigentlichen Plan, den geheimnisvollen, urgewaltigen Norden zu seiner Diözese zu machen. Eine Zeitlang schien es, als sollte dieser mächtige Traum, der dem deutschen Einfluss ein neues, ausgedehntes Gebiet eröffnete, Gestalt gewinnen, als der deutsche Bruno von Toul den Heiligen Stuhl innehatte.

Papst Leo IX. – Bruno von Toul (* 1002 – † 1054)
Seine Regierung war zu kurz, als dass ein so wenig vorbereitetes Unternehmen vom Papst hätte an Hand genommen werden können. Das nordische Patriarchat sollte nach Adalberts Meinung zwölf Bistümer umfassen, von denen noch keines vorhanden war. Die Bekehrung machte keine nennenswerten Fortschritte. Es gehörte zu Adalberts Plänen, dass er selbst den Norden bereisen und den Heiden predigen würde; aber als König Sven ihm riet, die Aufgabe einem Einheimischen zu überlassen, der der Sprache mächtig sei, ließ er sich leicht überreden. Als ein großer Träumer badete er seine Stirn in Ruhm, ohne daran zu denken, dass der vorgefühlte Glanz durch Arbeit und mühselige Tage in die Wirklichkeit geleitet werden müsse. Allerdings nahm der Königsdienst seine Kraft und Zeit sehr in Anspruch: er begleitete Heinrich III. auf allen seinen Heerfahrten und stand in den Anfängen Heinrichs IV. eine Zeitlang an der Spitze der Reichsregierung. Wenn er den ungenügenden Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, schuld gab, dass er seine Gedanken nicht verwirklichen könne, hatte er nicht ganz unrecht; er sagte einmal, es fehlten ihm zum herrlichen Ausbau seiner Kirche nichts als Geistliche und Steine.
Einmal jedoch begegnete Adalbert einem Ebenbürtigen, wenn auch im Charakter ganz von ihm Verschiedenen, in dem Slawen Gottschalk.

Gottschalk (lateinisch „Godeschalcus“, „Godescalcus“, veraltet auch „Gottschalk der Wende“; * etwa um 1000; † 7. Juni 1066 in Lenzen) war ein abodritischer Samtherrscher aus dem Adelsgeschlecht der Nakoniden, unter dem das Abodritenreich von einem Teilstämmestaat in einen Territorialstaat umgewandelt wurde.
Ein Obotriten-Fürst war so weit für das Christentum gewonnen worden, dass er seinen Sohn dem Michaelskloster in Lüneburg zur Erziehung übergab, wo er den Namen Gottschalk annahm. Als dem Jüngling die Kunde zukam, dass sein Vater von den Sachsen ermordet worden sei, floh er aus dem Kloster, um Rache zu nehmen. Tausend Sachsen sollten fallen für einen Wenden. Nach mörderischem Wüten unter den Feinden wurde er von Herzog Bernhard von Sachsen gefangengenommen, der aus Achtung vor der Tapferkeit des Gegners ihm die Freiheit schenkte unter der Bedingung, dass er das Land verlasse. Gottschalk ging nach Dänemark, befreundete sich mit König Knut und begleitete ihn nach England. Dort wurde er vom Christentum, das er als Knabe wie andere Schulaufgaben gelernt hatte, im Innersten ergriffen und wünschte nun, seinem Volk diesen Glauben mitzuteilen. Er kehrte zurück, setzte sich mit Adalbert ins Einvernehmen und entwarf mit ihm den Plan eines Bekehrungsversuches unter den Wenden. Was Adalbert angriff, bekam einen großen, schwungvollen Umriss: ein christliches Wendenreich sollte gebildet werden, an dessen Spitze Gottschalk stehen sollte unter dem Schutz des Erzbischofs. Als eingeborener Fürst, der Sprache kundig und von der Kraft des aufrichtigen Glaubens durchdrungen, erzielte Gottschalk bedeutende Erfolge; es konnte ein Bistum Aldenburg den Bistümern Mecklenburg und Ratzeburg hinzugefügt werden. Adalberts Freund Sven Esthritson trat in die Verbindung ein, indem er Gottschalk seine Tochter Sigrid zur Frau gab. Bremens beherrschender Einfluss über das benachbarte Slawenland schien gesichert zu sein.
Da verriet ein furchtbarer Aufstand, zu dem der Sturz Adalberts im Jahre 1066 das Zeichen gab, dass der Hass der Wenden gegen die Christen und ihren Gott nicht erloschen sei: Gottschalk wurde erschlagen, ebenso die Bischöfe von Mecklenburg und Ratzeburg; wie Opfertiere wurden sie den heidnischen Göttern geschlachtet.
Adalbert sang wie das Standbild der Sage einen Hymnus des Lebens, wenn die Sonne des Glücks ihn berührte; dem Unglück gegenüber hatte er keine Widerstandskraft. Um dem Bischof von Würzburg gleichzukommen, der fast alle Grafschaften in seiner Diözese und zugleich die Herzogsgewalt besaß, hatte er möglichst viele Grafschafts-Rechte aufgekauft und den umwohnenden Adel zu Vasallen gemacht und war dadurch in Schulden geraten. Seine königlichen Lebensgewohnheiten aufzugeben, war ihm unmöglich, lieber verkaufte er die Kirchenschätze und gab dadurch seinen zahlreichen Feinden Anlass, ihn der Ketzerei und Zauberei zu beschuldigen. Als es ihnen gelungen war, ihn von Hof zu verdrängen, und er schutzlos den Übergriffen der Herzöge von Sachsen preisgegeben war, flüchtete er aus der hässlichen Wirklichkeit tiefer in seinen Traum, der allmählich fast Wahn wurde. Um die Einzelheiten der Verwaltung hatte er sich nie kümmern mögen, die Folge war, dass er von allen Seiten betrogen wurde. Seine jähen Zornausbrüche, wenn er es erfuhr, wurden verlacht oder machten ihn verhasst. Wenn er auch nach drei Jahren in seine Würde wieder eingesetzt wurde und Beweise königlicher Gunst in Fülle davontrug, so vermochte er doch weder sein Erzbistum noch seine verwilderte Seele neu zu ordnen. Um ihn herum bröckelte alles ab. Anstatt dem Verfall ernstlich zu wehren, raffte er gewaltsam zusammen, soviel er konnte, und wenn er von nutzlosem Auftrieb ermüdet war, wiegte er sich mit Musik und Märchen in Schlaf.
Adalberts großartige Gedanken in Bezug auf ein nordisches Patriarchat fanden nach seinem Tod, als mit Gregor VII. eine dem deutschen Reich feindliche Stimmung zur Herrschaft gekommen war, kein Verständnis mehr in Rom. Nun empfing König Sven schmeichlerische Briefe vom Papst mit Aufmunterungen, die nordischen Reiche durch Gründung eines eigenen Erzbistums von den Deutschen zu befreien. Sven jedoch, dem die Abhängigkeit von Rom nicht lockender erscheinen mochte als die vom Kaiser, antwortete nicht. Er starb fünf Jahre nach Adalbert. Sein Nachfolger verhielt sich gegenüber weiteren Bemühungen Gregors, eine schwedische Nationalkirche zu gründen, ebenso wenig zugänglich, erst Paschalis II. erhob im Jahre 1104 das Bistum Lund zum Erzbistum und übertrug ihm die Leitung des ganzen skandinavischen Nordens. Einige Jahrzehnte später trat in Erzbischof Eskil (* um 1100; † 1181) ein Mann auf, der den neuen Anspruch energisch ins Werk setzte. So war denn im Norden ebenso wie im Südosten der deutschen Kirche der Einfluss abgeschnitten, den sie anfangs auf die heidnischen Völker ausgeübt hatte, und Skandinavien wie Ungarn und Polen unmittelbar dem Papst unterworfen. Tatsächliche Herrschaft über die umwohnenden Völker auszuüben, hatten die Deutschen nicht Kräfte und Mittel genug, und überall begegneten ihnen hervorragende Männer, die ihnen die Kraft des fremden Volkstums entgegensetzten. Innerhalb dieser Wechselwirkung aber hatte das deutsche Volk, das Träger des Weltreichsgedankens war, doch noch ein so großes Übergewicht, dass es Angriffe nicht zu fürchten brauchte und mit dem Glanz seines ruhmreichen Namens weithin wirken konnte. Den slawischen Nachbarn entriss es sogar in langen, schweren Kämpfen so große Gebiete, dass damit fast ein neues Reich dem alten hinzuwuchs.
* * *
Imperatoren
Imperatoren
Zur Zeit Rudolfs von Habsburg, also am Ende des 13. Jahrhunderts, schrieb Jordanus von Osnabrück (* vor 1237; † 15. April nach 1283) ein Buch über das Römische Reich und seine Übertragung auf die Deutschen; als Verfasser wird jetzt ein anderer, aber auch ein Westfale angesehen. Er erzählt, wie Äneas und Priamus, des großen Priamus Sohn, von Afrika nach Italien zogen, wo Äneas blieb.

Priamus – Πρίαμος
Priamus sei nach Gallien gegangen, habe die Gallier nach Westen gedrängt, habe am Rhein Xanten und Bonn gegründet, und seine Begleiter hätten sich mit den Frauen der einheimischen Teutonen, Nachkommen eines Riesen, verbunden und ihre Sprache erlernt.

Äneas – Αἰνείας
Das aus dieser Verbindung entsprungene Volk der Germanen werde von den Römern, dem Volke des Äneas, als Zwillingsbruder angesehen. Später wurden die Germanen, so heißt es weiter, von Julius Cäsar unterworfen, da sie aber, nachdem die alte Brüderschaft erneuert war, für die Römer die Alanen besiegten, wurden sie von den Römern aus Dankbarkeit von der Tributzahlung befreit und deshalb Franken genannt. Auf die Ostfranken wird das römische Imperium übertragen, während die Römer als die älteren Brüder das Sacerdotium übernehmen; zur Entschädigung erhalten die Westfranken das Studium. Sacerdotium und Studium sind des Reiches Dach und Fundament; aber das Imperium, nämlich Aachen, Arelat, Mailand und Rom, sind seine Mauern. Die Schrift hatte den Zweck, die Feinde der Deutschen, namentlich die Kirche und Frankreich, zu warnen. Es ist göttliche Bestimmung, das ist ihr Grundgedanke, nicht menschliche Erfindung, dass das Kaisertum den Deutschen gegeben ist. Wie die Kirche die Kirche Gottes ist, so ist das Reich das Reich Gottes, Kirche und Reich sind nicht zu trennen. Stürzt das Imperium, so stürzt auch die Kirche, und der Weltuntergang ist da. Es war die allgemeine Annahme, dass dem Untergang des römischen Weltreiches die Herrschaft des Antichrist folgen werde.
Magnanimiter et imperialiter (großmütig und kaiserlich), mit großem Herrschersinn, sollten die Deutschen das Reich innehaben; dieser Aufgabe haben die deutschen Kaiser entsprochen. Sie erfassten die Pflichten, die das Imperium, die Weltherrschaft ihnen auferlegte, als die größte und wichtigste. Nach ihrer Meinung und der ihres Volkes unterschieden sie sich durchaus von allen anderen Königen und Fürsten dadurch, dass sie nicht nur ihrem Volk, sondern dass sie der gesamten Welt, insbesondere der Christenheit vorstanden. Sie vollzogen zwar, nachdem sie zu Königen gekrönt waren, zuerst den Umritt durch Deutschland, um sich von allen Stämmen huldigen zu lassen; denn als den Königen der Deutschen stand ihnen das Imperium zu, und diese Grundlage musste also zuerst gesichert werden; dann aber hatte der Zug nach Rom zu folgen, wo durch die Krönung des Papstes die Übernahme der höchsten irdischen Würde besiegelt wurde. Während andere Kriege und Feldzüge nur mit Zustimmung der Großen des Reiches unternommen werden konnten, waren alle Reichsglieder ohne weiteres verpflichtet, dem König zur Romfahrt Zuzug und Beiträge zu leisten. An eine Weltherrschaft im altrömischen Sinn dachten die deutschen Nachfolger der Cäsaren nicht, und es hätte das auch dem germanischen Staats- und Rechtsgefühl gar nicht entsprochen; nur auf eine persönliche Oberhoheit des Kaisers kam es an, die auch lange Zeit allgemein anerkannt wurde. Die Reiche des Nordens und Ostens, die zum Teil von Deutschland aus christianisiert und kolonisiert waren, unterwarfen sich, wenn auch nur nach immer wiederholten Auflehnungen, der Lehenshoheit des Kaisers, was sich darin ausdrückte, dass sie ihn nicht bekämpften, zuweilen sogar ihm Heeresfolge leisteten. Auch England und Frankreich anerkannten das Imperium, Frankreich allerdings mit dem (nur so lange es schwach war) zurückgehaltenen Gedanken, dass sie, die Westfranken, mehr Recht daran hätten, als die Ostfranken. Das Bewusstsein der Einheit, das in den Völkern des Abendlandes lebendig war, kam in der Anerkennung der miteinander verbundenen päpstlich-kaiserlichen Herrschaft zum Ausdruck. Man hätte sich aus der abendländischen Gemeinschaft ausgeschaltet, wenn man die Hoheit der beiden Häupter, die zusammen das Ewige Rom beherrschten, geleugnet hätte. Daran allerdings konnte man zweifeln, ob die Deutschen durchaus Träger des Imperiums sein müssten. Dass sie es waren, konnte man, wenn man Lust hatte, auf Priamus und Äneas zurückführen; tatsächlich waren sie es geworden durch ihre militärische Übermacht und ihre geographische Lage. Als das Reich der Mitte, als ein Land, reich an starken Männern und Waffen, als ein empfängliches Volk, das fremden Einflüssen zugänglich und zugleich fähig war, sie eigenartig zu verarbeiten, als ein phantasievolles Volk, das zwar kriegstüchtig, aber nicht eigentlich eroberungssüchtig war, besaßen die Deutschen viele Eigenschaften, die sie geeignet machten, Vermittler, Träger der Einheit zu sein.
Was den Kaisern oblag, dem Reich, dessen Grenzen der Idee nach mit den Grenzen der Welt zusammenfielen, Richtung, Recht und Frieden zu geben, überstieg Menschenkraft; deshalb hatten die Kaiser fast alle, mit Ausnahme Karls des Großen und Ottos des Großen, einen tieftragischen Zug. Aller Leben war ein fortwährender Kampf, ein fortwährendes vergebliches Bemühen, das Unmögliche zu verwirklichen, wobei sie sich aufrieben. Die meisten starben jung, Otto II. und Otto III. erreichten nicht einmal das Mannesalter, Konrad II. wurde 50, Heinrich III. nur 40 Jahre alt, Heinrich IV. starb mit 56 Jahren, Heinrich V. mit 44 Jahren. Vorteile gab es kaum zu erlangen außer größere Ehre und größere Verantwortung. Dass es trotzdem nie an Bewerbern um die Krone fehlte, erklärt sich daraus, dass es im Kreis derer, die sich berechtigt fühlen konnten, immer Hochherzige gab, die eben die Ehre und die Verantwortung lockte. Schon Deutschland zu einigen erforderte eine ungeheure Anspannung der Kräfte, die geleistet werden musste nicht mit Söldnern und einem Volksheer, sondern mit Hilfe von Vasallen, von denen die meisten nur dann gehorchten, wenn sie dabei zu gewinnen hofften. Es kam nie vor, dass alle Stämme, alle Reichsglieder sich freiwillig dem gewählten Kaiser unterwarfen; das Deutsche Reich war nichts fest Umgrenztes, es musste fortwährend neu gebildet werden. Zu dieser Aufgabe, das Reich im Inneren zu einem Ganzen zusammenzufassen, kamen die Einfälle der fremden Völker im Norden, Osten und Süden, die stets wachsame Angriffslust Frankreichs und die Gegnerschaft des Papstes. War es das Gefahrvolle, so war es doch auch das Wundervolle in der Verfassung des Römischen Reiches Deutscher Nation, dass es darin keine Gewalt gab, die nicht einen Gegenspieler gehabt hätte, der es ihr unmöglich machte, unbeschränkt zu herrschen. Niemand konnte nur befehlen, niemand hatte nur zu gehorchen. Selbst die hörigen Bauern hatten wenigstens in den ersten Jahrhunderten des Mittelalters ihren Grundherren gegenüber bestimmte Rechte, die es ihnen ermöglichten, übermäßigen Druck abzuwehren; erst in der Verfallzeit wurden sie ganz wehrlos. Jeder Stand musste sich sein Bestehen und Gedeihen im täglichen Kampf erobern. Ein Spiel von leidenschaftlichen Gegensätzen, die nie aufhörten, sich auszuwirken, führte oft zu unheilvollen Erschütterungen, erzeugte aber doch Jahrhunderte hindurch großartige Schöpfungen auf allen Gebieten und gab Menschen und Ereignissen großen Umriss. Am Gegensatz entbrennt das Feuer der Geschichte. – Heinrich III, Herzog von Bayern (* 940; † 5. Oktober 989), war nach dem Tod Ottos III. der Nächstberechtigte zur Königskrone als nächster Verwandter der Ludolfinger; er war der Enkel von Ottos des Großen Bruder Heinrich und ihm wenigstens im Herrscherbewusstsein ähnlich; aber er war klüger und bedächtiger, er verstand zu warten und versuchte es mit diplomatischen Künsten, bevor er Gewalt anwendete. Da zu seiner Zeit im Osten unter bedeutenden Herrschern, Stephan von Ungarn und Boleslaw von Polen, selbständige Staaten sich bildeten, musste er sich anstrengen, um den Deutschen die bisherige Sphäre des Einflusses zu erhalten. Er brachte es dazu, dass Boleslaw, vielmals besiegt und immer wieder abfallend, die Oberhoheit des Reiches anerkannte. Der Kirche verstand er seinen Willen aufzuzwingen, ohne sie sich zum Feind zu machen, ist er doch als einziger unter den deutschen Kaisern unter die Heiligen aufgenommen worden. Nicht einmal dass er vom slawischen Stamm der Liutigen Hilfe gegen Polen durch Freigebung ihres heidnischen Kultus erkaufte, machte die Geistlichkeit an ihm irre. Seine Vorliebe für Bamberg beruhte wohl zum Teil auf dem Verständnis für die freundliche Schönheit der fränkischen Landschaft. Wie ein Geschöpf der Natur in edler Anmut wächst sein Dom daraus hervor und bewahrt das Gedächtnis des letzten Kaisers aus der großen sächsischen Familie.
Die Mischung von Hoheit und Traulichkeit, den Humor, die herzliche Wärme, die den Ottonen eigen war, hatten die Salier nicht. Sie waren ein herrisches Geschlecht, unbeugsam, schroff und hätten Despoten werden können, wenn die vielfachen Widerstände im Reich sich hätten überwinden lassen. Als Konrad II. den Markgrafen Adalbero von Kärnten absetzen wollte und zu diesem Zweck die Großen des Reiches versammelt hatte, erhob sein Sohn Heinrich, damals schon König, Einsprache dagegen, weil er Adalbero gegenüber durch einen Eid gebunden sei. Konrad bat wieder und wieder, bestürmte immer eindringlicher, zuletzt bewirkte der Anprall seines heftigen Willens gegen einen ebenso stark widerstrebenden, dass er ohnmächtig zu Boden fiel. Als er die Besinnung wiedererlangt hatte, stürzte er sich sofort mit frischer Kraft wieder in den Kampf, fiel seinem Sohn zu Füßen und flehte ihn an, einzuwilligen. Da gab Heinrich nach.
Das Reich wurde immer noch als Gottesreich aufgefasst, der Kaiser als Stellvertreter Christi, Gerechtigkeit zu üben als seine erste Pflicht.

Konrad II. („Konrad der Ältere“; * um 990; † 4. Juni 1039 in Utrecht) war römisch-deutscher Kaiser von 1027 bis 1039, ab 1024 König des Ostfrankenreichs „(regnum francorum orientalium)“, ab 1026 König von Italien und ab 1033 König von Burgund.
Als Konrad II. in Mainz die Weihe empfing, hielt der Erzbischof von Mainz eine Anrede, in der er von den Aufgaben sprach, die Gott den Königen zuerteilt habe, nämlich in seinem Reich Recht, Gerechtigkeit und Frieden walten zu lassen, ein Verteidiger der Kirche, ein Schirmer der Witwen und Waisen zu sein. Daran schloss er die Bitte der Kirche um Gnade für alle, die sich gegen den König verfehlt hätten. Vor der Weihe erschienen mehrere Bittsteller vor dem König, ein Bauer der Mainzer Kirche, ein Waisenkind, eine Witwe, ein Verbannter. Als einige Fürsten den König zur Eile mahnten, damit der feierliche Akt nicht verzögert werde, antwortete Konrad, ihm scheine es wichtiger, seine Pflicht zu tun, als Reden darüber anzuhören. Es mag sein, dass die Bittsteller als herkömmliche Requisiten der Königskrönung anzutreten hatten; aber auch als Symbole zeigten sie doch an, was die allgemeine Meinung vom künftigen Kaiser verlangte.
Sowohl Konrad II. wie Heinrich III. gelang es im Reich wenigstens überwiegend den Frieden zu erhalten. Konrad durfte sich Mehrer des Reiches nennen, da er Burgund, dessen letzter König im Jahre 1032 starb, dem Reich angliederte. Indessen trotz ihrer starken und strengen Führung, trotz ihrer glänzenden Erfolge wurde unter ihrer Regierung, teils von ihnen selbst, der Samen künftiger Gefahren gelegt; oft sind es ja die in der Gegenwart unscheinbaren Ereignisse, aus denen sich Großes, im Schlimmen und im Guten, entwickelt. Der Ansiedelung der Normannen in Unteritalien wirkte Konrad nicht entgegen, weil sie ihm weniger bedenklich erschienen als die Griechen, deren Kaiser sich immer noch als die echten Cäsaren betrachteten und wenn auch keine tatsächlich zu fürchtende Gegnerschaft, doch eine ärgerliche Legitimität bedeuteten. Dass Heinrich II. den großen königlichen Vasallen die Erblichkeit zugestanden hatte, suchte Konrad II. dadurch auszugleichen, dass er den niederen Lehnsleuten denselben Vorteil einräumte. Das Gesetz über die Erblichkeit aller Lehen im Mannesstamm besiegelte allerdings nur eine Entwicklung, die sich ohnehin eingebürgert hatte; durch die förmliche Anerkennung erkauften sich die Könige den guten Willen der Begünstigten und somit einen augenblicklichen Gewinn. Die Verstärkung der Macht der Vasallen war leidlich, solange die Könige selbst insofern erblich waren, als man von der herrschenden Familie nicht abzugehen pflegte. Sowie man die Gewohnheit aufgab, den Sohn, Neffen oder Enkel folgen zu lassen, vielmehr es zum Grundsatz machte, zu wechseln, musste der König in die Abhängigkeit der wählenden Fürsten geraten.
Der Kirche gegenüber traten Heinrich II., Konrad II., Heinrich III. als Gebieter auf, sie setzten Bischöfe nach ihrem Gutdünken ein und ab und begegneten dabei im Allgemeinen keinem Widerstand; aber gerade auf kirchlichem Gebiet beförderten sie das Wachstum einer verhängnisvollen Saat. Die Verwilderung der kirchlichen Einrichtungen in Frankreich rief eine reformatorische Gegenbewegung hervor, deren Mittelpunkte die Klöster Cluny in Burgund und Gorze in Lothringen waren.

Kloster Cluny
Diese strenge Richtung förderten die Kaiser, nicht so sehr aus Frömmigkeit, sondern weil die reformierten Klöster besser bewirtschaftet wurden und infolgedessen leistungsfähiger waren, wohl auch aus dem Instinkt des Herrschers für Ordnung. Sie stießen bei diesen Bemühungen auf einmütigen Widerstand der großen deutschen Reichsklöster. Einerseits hatte sich zwar die strenge Regel bedeutend gelockert, wie denn ein Hinausgehen über die Natur immer nur vorübergehend, dank einem besonderen Antrieb von innen oder außen, geleistet werden kann; aber so arg war die Verwilderung doch nicht, dass die Notwendigkeit des Einschreitens sich ohne weiteres aufgedrängt hätte. Der Deutsche hat, ohne gerade ausschweifend zu sein, viel Sinn für Gemütlichkeit und fröhliches Beieinandersein, die Askese im Sinne verdrossenen oder gar finsteren Triumphierens über einen geschurigelten Körper liegt immer nur sehr wenigen. Den kleinen Überschuss an Lebenswonne, den der Wein und die müßiggängerische Stunde im Freundeskreise erzeugten, ein gewisses Maß an Ungebundenheit und Raum für den Flügelschlag der Seele wollten auch die Mönche nicht missen. Waren sie doch adlige Herren; der Versuch, sie gewaltsam einem Sklavenjoch zu unterwerfen, mochte ihnen wie ein schnöder Eingriff in ihr angeborenes Recht erscheinen; viele verließen lieber das Kloster, als dass sie sich reformieren ließen. Der herrische Wille der Salier trug doch den Sieg davon. Besonders Heinrich III. hatte einen fanatischen Zug, der die unbändigen Deutschen fremdartig anmutete; dass er an seinem Hochzeitsfest die Gaukler und Spaßmacher fortwies, die sich bei solchen Gelegenheiten anzusammeln pflegten, missfiel allgemein, und man lobte den frommen Erzbischof Bardo von Mainz (Bardo (* 980 oder 981 in Oppershofen; † 10. oder 11. Juni 1051 in Oberdorla) war Mönch in Fulda , Abt von Werden und Hersfeld sowie Erzbischof von Mainz), der sich ihrer erbarmte. Es gehörte zu den Grundsätzen der strengen kluniazensischen Richtung, dass die Priesterehe und die Simonie, das Kaufen und Verkaufen geistlicher Stellen, als verdammenswerte Laster abzuschaffen seien. Die Ehelosigkeit war zwar bei der höheren Geistlichkeit längst eingeführt, nicht aber bei der niederen, den Pfarrern, deren Widerstand gegen den Zölibat den Bischöfen selbst unüberwindlich vorkam. Als Patrizius von Rom und Vogt der römischen Kirche hielt Heinrich III. sich für verpflichtet, sie von allen Flecken eingerissener Unordnung zu reinigen, und um sicher zu sein, dass die Spitzen, von denen aus Gesinnung sich verbreitet, in seinem Sinn regierten, brachte er nicht nur reformatorische Männer auf die Bischofssitze, sondern auch reformatorische Päpste auf den römischen Stuhl. Nachdem Bischof Suitger von Bamberg, als Papst Clemens II. (Clemens II., weltlicher Name Suitger (Suidger), Graf von Morsleben und Hornburg, (* 1005 in Hornburg; † 9. Oktober 1047 im Kloster San Tommaso in Foglia in Apsella di Montelabbate)), innerhalb eines Jahres und Poppo von Brixen, als Papst (Damasus II. Damasus II. Damasus II., vorher Poppo von Brixen (* vermutlich in Pildenau bei Ering, Niederbayern; † 9. August 1048 in Palestrina), war Papst vom 17. Juli bis 9. August 1048.) nach drei Monaten gestorben waren, schien es, als seien die deutschen Päpste mit einem unentrinnbaren Fluch beladen. Schweren Herzens folgte Bischof Bruno von Toul dem Befehl des Kaisers. Dieser elsässische Graf, damals 46 Jahre alt, war schön und hochbegabt, sehr musikalisch, sittlich makellos, ohne pedantisch und kleinlich zu sein. In seinem Verhalten gegen die Sünder wählte er sich Christus zum Vorbild, der nicht gestraft, sondern gesagt habe: Gehe hin in Frieden und sündige hinfort nicht mehr. Man nannte ihn den guten Bruno. Um dem Tod zu entgehen, der, wie er glaubte, den deutschen Päpsten in Italien auflauere, reiste er so oft wie möglich nach Deutschland; aber er ereilte ihn doch nach sechsjähriger Regierung. In den Armen seines Nachfolgers und Gegners, des Bischofs Gebhard von Eichstätt, der sich als Papst Viktor II. (Viktor II. Viktor II., auch Victor II. (* um 1020; † 28. Juli 1057 in Arezzo ), war als Gebhard I. Bischof von Eichstätt von 1042 bis 1057 und amtierte von 1055 bis zu seinem Tod als Papst.) nannte, starb der mächtige Kaiser, nachdem er seinen hohen Gast in Goslar empfangen hatte. Schon im nächsten Jahr folgte ihm der Papst. Obwohl diese deutschen Päpste ruhelos Italien möglichst mieden, um den Tod zu betrügen, haben sie doch in Rom einen Umschwung der Gesinnung vorbereitet, wie Heinrich III. gewünscht hatte. Die gereinigte, auf strengen Grundsätzen aufgebaute Kirche begann sich als eine selbständige Macht zu fühlen.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.