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Ricarda Huch

Ricarda Huch: Deutsche Geschichte – Untergang des Römischen Reiches Deutscher Nation – bei Jürgen Ruszkowski

Band 180e in der gelben Buchreihe

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort des Herausgebers

Die Autorin Ricarda Huch

Deutsche Geschichte – Band III. – Untergang des Römischen Reiches Deutscher Nation

Einleitung

Leviathan

Der Fürstenstaat

Stände und Städte

Kampf gegen das Haus Österreich

Brandenburg

Dominium maris Baltici

Der Rheinbund

Ludwig und Leopold

Ludwigs erster Raubkrieg

Der holländische Krieg

Gegner Frankreichs

Ungarn und Türken

Straßburg

Umschwung

Der spanische Erbfolgekrieg

Aufschwung Russlands

Leibnitz

Atheismus und Machiavellismus

Deismus

Die Einheit des Abendlandes

Freimaurer

Orthodoxie und Pietismus

Preußen

Das Recht im absolutistischen Staat

Wirtschaft

Friedrich der Große

Die Kriege um Schlesien

Montesquieu und England

Wandel der Sprache

Die deutschen Menschen

Bauernbefreiung

Sachsen

Wien

Kirche und Staat in Österreich

Die Teilung Polens

Freiheit

Pestalozzi und Möser

Die Zauberflöte

Kosmopolitismus und Patriotismus

Untergang des Reiches

Der Machtstaat

Die maritime gelbe Buchreihe

Weitere Informationen

Impressum neobooks

Vorwort des Herausgebers

Vorwort des Herausgebers


Von 1970 bis 1997 leitete ich das größte Seemannsheim in Deutschland am Krayenkamp am Fuße der Hamburger Michaeliskirche.


Dabei lernte ich Tausende Seeleute aus aller Welt kennen.

Im Februar 1992 entschloss ich mich, meine Erlebnisse mit den See­leuten und deren Berichte aus ihrem Leben in einem Buch zusammenzu­tragen. Es stieß auf großes Interesse. Mehrfach wurde in Leser-Reaktio­nen der Wunsch laut, es mögen noch mehr solcher Bände erscheinen. Deshalb folgten dem ersten Band der „Seemannsschicksale“ weitere.

Je weiter ich diesen Band neu redigierte, umso mehr faszinierte mich dessen Autorin Ricarda Huch. Sie verließ 1947 das sowjetisch besetzte Ost-Berlin, sehr betroffen durch ständige Kontrolle, Vorschriften und Gewalt der Regierenden und ging nach Frankfurt am Main.

Hamburg, 2022 Jürgen Ruszkowski


Ruhestands-Arbeitsplatz

Hier entstehen die Bücher und Webseiten des Herausgebers

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Die Autorin Ricarda Huch

Die Autorin Ricarda Huch

https://www.projekt-gutenberg.org/autoren/namen/huchric.html


Ricarda Octavia Huch wurde am 18. Juli 1864 in Braunschweig geboren und starb am 17. November 1947 in Schönberg im Taunus. Sie war eine deutsche Schriftstellerin, Dichterin, Philosophin und Historikerin, die als eine der ersten Frauen im deutschsprachigen Raum im Fach Geschichte promoviert wurde. Sie schrieb Romane und historische Werke, die durch einen konservativen und gleichzeitig unkonventionellen Stil geprägt sind.

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Deutsche Geschichte – Band III. – Untergang des Römischen Reiches Deutscher Nation

Deutsche Geschichte – Band III. – Untergang des Römischen Reiches Deutscher Nation

https://www.projekt-gutenberg.org/huchric/dtgesch3/titlepage.html

Zuerst 1949 im Atlantis-Verlag Berlin erschienen

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Einleitung

Einleitung

Als Luther die Thesen niederschrieb und in den Kampf mit dem Papst geriet, dachte er nicht eine Spaltung der Kirche, viel weniger des Reiches zu veranlassen.


Die Reformation, welche um die Wende des Jahrhunderts angestrebt wurde, und welche Luthers Wirksamkeit vorbereitete, hielt eine straffere Zusammenfassung der Reichsglieder durch Verstärkung der kaiserlichen Macht für das sicherste Mittel, der zunehmenden Willkür und Unordnung zu steuern. Auch Luther hatte eine hohe Meinung von der kaiserlichen Würde und scheute sich, das Ansehen des Kaisers zu erschüttern. Er sowohl wie sein Gegner, Kaiser Karl V., hielten an der nach mittelalterlicher Auffassung mit der Reichseinheit zusammenhängenden Glaubenseinheit fest, wenn auch jeder das Wesen des Glaubens anders fasste.


Kaiser Karl V.

Erst dadurch, dass sich mit dem religiösen Gegensatz, den Luthers Auftreten herbeiführte, politische Interessen verbanden, und die Fürsten, die von jeher nach Unabhängigkeit vom Kaiser getrachtet hatten, ihre selbstsüchtigen Pläne mit einer Gewissenspflicht verwechseln konnten, kam es zur endgültigen Trennung. Wie sehr weltliche Interessen bei den Glaubenskämpfen des 16. und 17. Jahrhunderts mitwirkten, zeigt sich darin, dass die Parteien nicht rein nach dem Bekenntnis geschieden waren. Der Kampfpreis der Fürsten im Westfälischen Frieden war, wenn auch nicht die volle Souveränität doch eine ihr ähnliche Selbständigkeit, das Recht, Bündnisse mit ausländischen Staaten zu schließen, und das Recht, das religiöse Bekenntnis in ihren Ländern zu bestimmen. Die kaiserliche Macht war durch den Friedensschluss und die darauf folgenden Wahlkapitulationen so geschwächt, dass auch ein energischer Kaiser, der seinen Willen ernstlich darauf gerichtet hätte, sich nicht zum Herrn des Reiches hätte machen können. Langsam aber unaufhaltsam vollzog sich die Auflösung des gewaltigen Körpers, der seinen Charakter als Haupt und Kern der christlichen Welt verloren hatte. Die mächtigen unter seinen Gliedern, die Territorialfürsten, suchten sich auf Kosten der benachbarten zu vergrößern, nur dann hielten sie zusammen, wenn es galt, den Kaiser an einer etwaigen Machtvermehrung im Reich zu hindern. An die Stelle der starken Bünde, die einst germanischer Gemeinschaftsgeist geschaffen hatte und die wiederholt Aufgaben des Reiches ausgeführt hatten, traten die Allianzen der Fürsten, nach den Bedürfnissen des Augenblicks auch mit ausländischen Mächten ohne Rücksicht auf Kaiser und Reich und meist mit dem Hintergedanken baldiger Trennung geschlossen. Es kam so, dass das Reich immer unterlag, dass die Schwachen stetig schwächer wurden und dass die Gewinne der Starken dem Ganzen nicht zugutekamen. Alles Bedeutende, was in den die äußere Geschichte Deutschlands im 18. Jahrhundert beherrschenden Kämpfen zwischen Habsburg und Hohenzollern geschah, kann das Gemüt der Deutschen nicht erheben, weil ihr tragisches Ergebnis war, Deutschland zu zerreißen.

Zerfiel das reichgegliederte, ruhmreiche Gebäude des Reichs, so war doch das Gefühl der Zusammengehörigkeit im deutschen Volk nicht erstorben, noch waren die Ideen erloschen, die einst heiliggehalten waren und allen vorangeleuchtet hatten. Aus den zerbröckelnden Trümmern, die ein Gegenstand des Hohnes der umgebenden Völker waren, erschwang sich die deutsche Musik, in unvergänglichen Formen das Unsterbliche des sterblichen Körpers bewahrend. Vom Gipfel ewiger Gleichnisse herab sich ergießend, ergriff sie das gesamte Geistesleben, die Dichtung folgte ihr. Hier war das Band der Überlieferung nicht abgerissen, hier lebte noch das Reich der Gerechtigkeit, das Gottesreich, die erhabene Idee, die dem Römischen Reich Deutscher Nation eingebildet gewesen war. Nie ist einer untergehenden Epoche der Geschichte eines großen Volkes ein schöneres Schwanenlied gesungen worden.

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Leviathan

Leviathan


„Meinst du“, heißt es im Buch Hiob, „dass der Leviathan einen Bund mit dir machen werde, dass du ihn immer zum Knecht habest? Auf Erden ist ihm niemand zu gleichen und ist gemacht ohne Furcht zu sein.“

Diesem Leviathan der Bibel, dem Ungetüm, das dem Menschen seine Ohnmacht zum Bewusstsein bringen soll, wird der Staat als höchste Macht unter der Sonne gleichgesetzt. Es war ein Engländer, Thomas Hobbes, der das Bild in einem im Jahr 1650 erschienenen Buch gebrauchte.


Thomas Hobbes (5. April 1588 in Westport, Wiltshire – 4. Dezember 1679 in Hardwick Hall, Derbyshire) war ein englischer Mathematiker, Staatstheoretiker und Philosoph. Er wurde durch sein Hauptwerk „Leviathan“ bekannt, in dem er eine Theorie des Absolutismus entwickelte.

Er vergleicht den Leviathan Staat einem Menschen, einem riesenhaften, und folgert daraus, dass der Staat wie der Mensch nur eine Seele, einen Willen haben könne. Jede Existenz im Staat muss ihm untergeordnet sein.

Die Auffassung des Staates als einer einheitlichen Gewalt war nicht neu.


Jean Bodin [ʒɑ̃ː boˈdɛ̃ː] (* 1529 oder 1530 in Angers; † 1596 in Laon), latinisiert auch Joannes Bodinus Andegavensis, war ein französischer Jurist.

Schon im 16. Jahrhundert hatten der französische Gelehrte Jean Bodin und im 17. Jahrhundert der französische Staatsrat Lebret gelehrt, die Staatsgewalt sei so wenig teilbar wie der geometrische Punkt. Der deutsche Staatsrechtslehrer Althusius, Professor in Herborn und Syndikus der Stadt Emden, gab etwa 40 Jahre vor Hobbes ein bedeutendes Werk heraus, in dem er gleichfalls die Staatsgewalt, von ihm Majestas genannt, als einheitlich und unteilbar auffasste. Sie gehörte nach ihm dem Volk, welches sie auf eine regierende Person, sei es ein einzelner oder eine Mehrheit, überträgt. Dem Regierenden gegenüber behält das Volk, der eigentliche Inhaber der Majestas, das Recht des Widerstandes, wenn er zum Tyrannen wird. Ein einzelner allerdings darf ihn nicht angreifen, absetzen oder sonst zwingen, wohl aber diejenige Behörde, welche, das Volk vertretend, sein Recht ausüben kann.


Johannes Althusius ( * 1563 – † 1638)

Den Deutschen war die Theorie von der unteilbaren Staatsgewalt fremd. Das vornehmste Staatsgebilde des Abendlandes, das Römische Reich Deutscher Nation, war ein Wahlreich, in dem die Regierungsgewalt oder Majestas zwischen dem Kaiser und den Fürsten, dem Reich im engeren Sinn oder den Reichsständen, geteilt war. Ähnlich war es in den einzelnen Ländern, die das Reich bildeten. Gelangten die Fürsten auch nicht durch Wahl, sondern durch Erbfolge zur Herrschaft, so war doch immer noch kenntlich, dass sie ursprünglich nur Inhaber einzelner Regierungsrechte gewesen waren. Sie teilten die Gewalt mit den Ständen, die ihnen meistens erst dann huldigten, wenn sie ihnen ihre Rechte eidlich gewährleistet hatten. Die Stände, fast immer aus Vertretern des Adels, der Geistlichkeit und der Städte, sehr selten auch aus solchen der Bauern bestehend, setzten sich für ihre eigenen Interessen ein, aber auch für die der Teile des Volkes, die nicht unmittelbar vertreten waren. Man nannte die Art des Staates, in dem die Regierungsgewalt zwischen Fürst und Ständen geteilt war, den Ständestaat. In den geistlichen Ländern des Reiches nahm die geistliche Körperschaft, welche den Bischof, Abt oder was für einen Herrn immer wählte, die Stelle der Stände ein. Auch das Haupt der Kirche, der Papst, wurde von den Kardinälen gewählt; das Konstanzer Konzil hatte die Absetzbarkeit der Päpste erklärt und selbst einen Papst abgesetzt.

Wenn die Germanen sich rühmten, die Freiheit in das zusammenbrechende Römische Reich eingeführt zu haben, so durften sie das insofern tun, als sie keine Macht gelten ließen, die nicht durch das Recht veredelt gewesen wäre. Auch der mächtigsten Macht setzten sie die Schranke des Rechts. Die gewaltige Pyramide des mittelalterlichen Reiches war durch das Spiel miteinander ringender und sich ausgleichender Kräfte beseelt und dadurch als lebendiger Organismus gekennzeichnet.


Immanuel Kant (* 22. April 1724 in Königsberg, Königreich Preußen; † 12. Februar 1804 ebenda) war ein deutscher Philosoph der Aufklärung. Kant zählt zu den bedeutendsten Vertretern der abendländischen Philosophie.

Kant sah das Wesen des Organismus darin, dass alle seine Glieder sowohl Wirkung erleiden wie Wirkung ausüben, zugleich Mittel und Zweck sind. Im Leviathan des Hobbes wirkt nur das Zentrum, die Staatsgewalt, auf untergeordnete Teile, ohne von ihnen Wirkung zu empfangen, er war also eine Maschine, wie auch Hobbes selbst ihn einen künstlichen Menschen nannte. Insofern manche seiner Zeitgenossen den Menschen überhaupt als Maschine betrachteten, kam diese Unterscheidung nicht in Betracht.

Der germanischen Auffassung wirkte von jeher die des antiken Staates entgegen und tat es mit größerem Nachdruck seit der Wiedergeburt des klassischen Altertums in Italien. Sie unterstützte die natürliche Neigung der Fürsten, ihre Macht zu vergrößern, wie sie denn schon im 15. Jahrhundert mit Hilfe ihrer juristisch gebildeten Räte den Grundsatz ins Feld zu führen wussten, jedem Landesherrn stehe es zu, die Herrschaft über seine Untertanen so zu handhaben, dass der Gehorsam ungespalten sei. Mit solchen Behauptungen hatte der Herzog von Tirol den Bischof von Brixen angegriffen, und die mächtige Kirche, der geistesgewaltige Nikolaus von Cusa, hatten schließlich den Kürzeren gezogen.


Nikolaus von Cusa

Darauf, die Kirche, die bisher so furchtbare Nebenbuhlerin des Staates, unschädlich zu machen, kam es Hobbes hauptsächlich an.

Kaum war nach der Reformation der alte Drache Kirche schwer verwundet in seine Höhle zurückgekrochen, so streckte der Leviathan Staat seinen züngelnden Kopf hervor. Wenn er besorgt vor Feinden war, so war er es am meisten vor jenem Drachen, dessen schweren Atem er noch spürte. Nie wieder durfte er ausbrechen, er musste als verderblicher Giftwurm in der Erinnerung der Menschen fortleben, die Religion, in deren Namen er geherrscht hatte, musste entwertet werden. Hobbes, der die Lehre von der Unteilbarkeit der Staatsgewalt so zum Äußersten geführt hat wie kein Staatsrechtslehrer vor ihm, bemühte sich denn auch, seinen Leviathan vor allen Ansprüchen der Kirche sicherzustellen. Die Kirche, sagt er, hat, da der Staat unteilbar ist, kein Dasein, das vom Dasein des Staates gesondert wäre, und kein eigenes Recht. Sie ist eine Einrichtung, die der Gesetzgeber nach dem Gesichtspunkt des Staatswohls gestalten und verändern kann. Staat und Kirche sind ihrem Wesen nach eins und müssen durch einen und denselben unteilbaren Willen dargestellt werden. Namentlich muss der Einfluss der Kirche auf den Unterricht gebrochen werden. Die Universitäten, die unter der Aufsicht des Papstes standen und eigentlich kirchliche Anstalten waren, müssen, verlangt Hobbes, dem Staat unterstellt werden. Ohne Religion soll das Volk nicht sein, aber der Staat bestimmt den Glauben, der ohne die Bestätigung des Staates Aberglauben wäre; der Staat legt die Bibel aus. Ketzer nannte man bisher diejenigen, die von den Lehren der Kirche abwichen, Ketzer ist nach Hobbes, wer eine andere Meinung hat als der Souverän. Wie alle Gelehrten seiner Zeit, ließ auch Hobbes den Staat durch Vertrag entstehen, aber mit dem Unterschied von anderen, dass er annahm, das Volk habe sich beim Vertrag aller seiner Rechte vollkommen entäußert, so dass den Untertanen in keinem Fall ein Recht auf Widerstand geblieben sei. Sie waren in seinen Augen keine juristische Person mehr, die ein Recht haben könne, sondern ein Haufe, eine Volksmenge. Der Leviathan allein ist im Besitz von Macht und Recht; er ist, nach Hobbes, wenn dieser auch zu vorsichtig war, um sich geradezu als Gottesleugner zu bekennen, der Gott auf Erden.

Es ist merkwürdig, dass der Verfasser des Leviathans ein Engländer war, ein Sohn des Landes, das bald das freieste, das einzig freie in Europa gepriesen werden sollte. Auch wurden der Leviathan und andere Werke des Hobbes im Jahr 1683, vier Jahre nach seinem Tod, von der Universität Oxford verbrannt, während sie die deutsche Wissenschaft stark beeinflussten; Hobbes gilt neben Spinoza und mit mehr Recht als dieser als der Vater des Atheismus.


Baruch de Spinoza

Das gotterfüllte Geisterreich, an das der mittelalterliche Mensch geglaubt hatte, war in seinen Augen ein von listigen Priestern vorgetäuschtes Blendwerk. Für die moderne Wissenschaft war das Weltall ein Uhrwerk, das menschliche Herz eine Feder, alles Geschehen ein berechenbarer Ablauf.

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Der Fürstenstaat

Der Fürstenstaat

Ungefähr um dieselbe Zeit wie der Leviathan erschien in Deutschland ein Buch über den Staat, das die im Reich althergebrachte Auffassung zusammenfasst und das bis ins 18. Jahrhundert viel gelesen wurde und großes Ansehen hatte.


Der Titel des Buches hieß: Der teutsche Fürstenstaat, und sein Verfasser war Veit von Seckendorff, Kanzler des Herzogs Ernst von Sachsen-Gotha, eines der verdienstvollsten Fürsten seiner Zeit.


Veit Ludwig von Seckendorff (* 20. Dezember 1626 in Herzogenaurach; † 18. Dezember 1692 in Halle (Saale)) war ein Gelehrter und Staatsmann.


Ernst I. von Sachsen-Gotha (1601 – 1675)

Beide waren konservativ in dem Sinne, dass sie sich bestrebten, innerhalb der neuen, durch den Westfälischen Frieden geschaffenen Verhältnisse das gute Alte zu bewahren. Das Reich war ihnen eine lebendige, ehrwürdige Größe.

Gottlob, sagte Seckendorff, wissen wir in deutschen Landen von keiner solchen Macht, die von einem einzigen, der sich für den Obersten hielte, ausgeübt wird, einem einzigen, der mit oder ohne Recht, die Gewalt hätte, alle anderen nach seinem Nutzen und Vorteil, nach seinem Willen und Belieben zu führen, ihnen bald dies, bald jenes anzuschaffen. Der Fürst hat nur die höchste Botmäßigkeit im Land, weswegen die Untertanen ihm bei der Erbhuldigung schwören, ihm getreu, hold, gehorsam und gewärtig zu sein. Die Lehensleute lassen den Gehorsam aus.

Absolut ist der deutsche Fürst nicht, er ist nicht etwa nur Gott verantwortlich: es sind ihm Schranken gesetzt, und zwar zunächst durch Kaiser und Reich, denen die Fürsten gebührlichen Respekt zu leisten haben. Sie schwören Kaiserlicher Majestät und dem Reich denselben Eid wie ihre Untertanen ihnen, nämlich ihnen getreu, hold, gehorsam und gewärtig zu sein. Sie sind verpflichtet, die Reichsbeschlüsse zu beachten. Wenn sie ihre Untertanen in ihren Freiheiten und Privilegien beschweren, wenn der Landesherr, sagt Seckendorff, sich zu sehr mit Befehlen interessiert gemacht, können sie ihn vor den hohen Reichsgerichten zur Verantwortung ziehen. Die Fürsten haben den Vorzug, dass sie entweder vor ein Austrägalgericht oder vor das kaiserliche Hofgericht anstatt vor das Reichskammergericht geladen werden.

Nächst der Schranke, die den Fürsten von oben her durch Kaiser und Reich gesetzt ist, besteht von unten her die Schranke der Stände, nämlich der Vertreter des Adels, der Geistlichkeit und der Städte. Ihr wichtigstes Recht ist das der Steuerbewilligung. Ohne Einwilligung der Stände darf der Fürst neue Gefälle nicht erheben. Überhaupt werden die Steuern nicht wie Frondienste zwangsweise entrichtet, sondern es sind freiwillige, gutherzige Beiträge, weshalb sie in manchen Ländern Bethen, das heißt erbetene Einkünfte genannt werden. Auch über andere Dinge beratschlagt der Fürst auf den sogenannten Landtagen sich mit den Ständen, die Beschwerden oder Gravamina vorzubringen das Recht haben. Die auf den Landtagen vereinbarten Beschlüsse, die Abschiede, muss der Landesherr meistens bei der Erbhuldigung bekräftigen, ohne die Einwilligung der Landstände kann er nicht davon abweichen.

Sollte es in einem Land keine Stände geben, so ist der Landesherr doch seinen Untertanen gegenüber an das gebunden, was ihnen seine Vorfahren etwa versprochen haben, oder was dem guten alten Herkommen gemäß, oder was in den Fundamentalgesetzen des Reiches festgelegt ist. Immer muss er ferner das landesübliche gemeine Recht im Auge haben, er darf kein neues, absonderliches und eigennütziges Recht oder vielmehr ungleiches und geiziges Beginnen einreißen lassen, sondern er muss sich alles dessen befleißigen, was christlich, billig, fürstlich und wohlanständig ist.

Schließlich aber, wenn auch alle diese Schranken nicht bestünden oder umgeworfen würden, sollte der Fürst dennoch seine Untertanen mit Sklaverei verschonen, ja er sollte, wenn er allein die Verantwortung trüge, um so mehr auf seine Räte hören, damit er nicht zuletzt alles auf seine Inklination stelle und dahin komme, sich für einen Gott zu halten. Jedenfalls ist ein deutscher Fürst gebunden an das göttliche, an das natürliche und an das Völkerrecht. Nach dem natürlichen Recht muss er seine Untertanen als Freigeborene behandeln, sie in ihrem Besitz und ihrer Habe belassen und ihnen Gerechtigkeit mitteilen. Nach göttlichem und natürlichem Recht muss er Verträge halten.

Das natürliche Recht, auf welches Seckendorff sich bezieht, war im Mittelalter und bis ins 18. Jahrhundert hinein wirkliches, geltendes Recht. Der Inhalt des göttlichen Rechtes war im Dekalog, den Zehngeboten, enthalten. Die Übereinstimmung des natürlichen Rechtes mit dem göttlichen gründete sich auf die Worte, die Moses zum Volk sprach, als er ihnen seine Gebote ans Herz legte: „Denn das Gebot, das ich dir heute gebe, ist dir nicht verborgen, noch zu ferne, noch im Himmel, dass du möchtest sagen: Wer will uns in den Himmel fahren, und uns holen, dass wir's hören und tun? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du möchtest sagen: Wer will uns über das Meer fahren, und uns holen, dass wir's hören und tun? Denn es ist das Wort fast nahe bei dir in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.“ Ferner auf die Stelle im Römerbrief des Paulus über das Gewissen der Heiden: „Denn so die Heiden, die das Gesetz nicht haben und doch von Natur tun des Gesetzes Werk, die selbigen, dieweil sie das Gesetz nicht haben, sind ihnen selber das Gesetz. Damit sie beweisen, des Gesetzes Werk sei beschrieben in ihren Herzen, sintemal ihr Gewissen sie bezeuget, dazu auch die Gedanken, die sich untereinander verklagen oder entschuldigen.“

Indessen glaubten nicht nur die Israeliten, sondern alle die alten orientalischen Völker an die göttliche Herkunft des Rechts, und auch die Griechen glaubten an das göttliche Recht als an ein Recht, das dem menschlichen vorangehe, und nach dem sich das menschliche zu richten habe.


Aristoteles (Betonung lateinisch und deutsch: Aristóteles; * 384 v. Chr. in Stageira; † 322 v. Chr. in Chalkis auf Euböa) war ein griechischer Universalgelehrter. Er gehört zu den bekanntesten und einflussreichsten Philosophen und Naturforschern der Geschichte.

Aristoteles, der von den mittelalterlichen Scholastikern hochgeschätzte Philosoph, hatte die Gerechtigkeit bestimmt als die dauernde Geneigtheit, jedem das Seinige – suum cuique – zu geben. Man unterschied geschriebene und ungeschriebene Gesetze. Die ungeschriebenen, die Gesetze Gottes und der Natur, die dem Menschen ins Herz geschrieben sind, gelten, so war die Lehre, zu allen Zeiten und für alle Länder und Menschen, sie sind ewig und unabänderlich, sie bilden die Grundlage für Gesetz und Recht des Staates. Ein Gesetz, das dem göttlich-natürlichen Recht widersprach, konnte keine Gültigkeit behaupten. In Fällen, wo das menschliche Gesetz nicht genügte, konnte es durch das natürliche Recht ergänzt werden, und man nannte es dann das billige Recht oder die Billigkeit, jus aequum. Da auch nach germanischer Anschauung das Recht göttlichen Ursprungs war, nahmen die Deutschen die kirchliche Lehre vom göttlich-natürlichen Recht leicht auf. Von dem Suum cuique ausgehend, welches, wenn man seinen Sinn entfaltete, mit den Zehngeboten übereinkam, konnte man den Inhalt des Naturrechts bestimmen und fasste ihn zusammen als das Recht auf Freiheit und Eigentum, was jedem Menschen zustehe, und worin er nur in Übereinstimmung mit dem gültigen Gesetz könne angetastet werden. Selbst Hobbes wagte nicht das Naturrecht zu leugnen, nur verklausulierte er es so, dass es tatsächlich in seinem Idealstaat nichts mehr bedeutete.

Das Völkerrecht wurde als Teil des natürlichen Rechts aufgefasst. Obwohl es seinem Wesen nach nicht erzwingbar war, sah es Seckendorff doch als eine Art von Rechtsschranke an.

Verhältnismäßig wenig konnte damals schon die Kirche dem weltlichen Regenten entgegensetzen. Bei den Protestanten war es, sehr zum Bedauern mancher Theologen, selbstverständlich geworden, dass das obrigkeitliche Regiment sich auch auf die geistlichen Dinge erstreckte. Seckendorff meint, dass das auch bei den Katholiken der Fall sei, und führte zum Beweis den bekannten Ausspruch des Herzogs von Cleve an, er sei Papst in seinem Land, und den des streng katholischen Herzogs Georg von Sachsen, er sei in seinem Land selbst Papst, Kaiser und Deutschmeister.


Georg der Bärtige (lateinisch: Georgius Barbatus; * 27. August 1471 in Meißen; † 17. April 1539 in Dresden) war Herzog des albertinischen Sachsens.

Immerhin, sagte er, seien auch in Sachen der Religion dem Fürsten durch die Reichsgesetze Schranken aufgerichtet. Er darf in seinem Land mit Ausnahme der jüdischen keine andere als die christliche Religion zulassen, und zwar nur das katholische, das evangelische und das reformierte Bekenntnis. Er darf Christen, die von dem in seinem Land geltenden Bekenntnis abweichen, nicht verjagen oder gar bestrafen, sondern er muss sie entweder dulden oder unter Mitnahme ihrer Habe auswandern lassen. Dass er Glaubenssätze nicht ändern darf, versteht sich von selbst. Wenn er selbst zu einem anderen Bekenntnis übertritt, darf er seine Untertanen in dem einmal zugelassenen Glauben nicht beschweren, hat sie vielmehr darin zu beschützen.

Überblickt man diese staatsrechtliche Untersuchung, so spürt man noch etwas von der Erhabenheit und Harmonie der mittelalterlichen Auffassung. Für Seckendorff ist die Herrschaft ein von Gott verliehenes, rechtlich und sittlich gebundenes Amt. Nur Gott ist absolut. Der irdische Staat soll das Recht, das von Gott kommt, verwirklichen. Es scheint, als sei der Fürst im Reich durch Gesetz und Herkommen so vorsorglich eingehegt, dass er sich ein tyrannisches Regiment gar nicht anmaßen könne. Sieht man aber näher zu, so merkt man, dass der Verfasser, wie sehr er selbst auch von der Richtigkeit seiner Behauptungen und Argumente überzeugt ist, sich in der Verteidigung fühlt einem Angriff gegenüber, den die Verhältnisse begünstigen und der die Richtung der Zeit für sich hat. Vollends aus den Anmerkungen, die der Herausgeber einer neuen Auflage des Fürstenstaates im Jahr 1720 dem Werk beigefügt hat, kann man schließen, wie unsicher das alte Recht bereits geworden ist. Er bringt den alten Text, ohne seiner Geltung recht zu trauen. In den letzten hundert Jahren sei von den landesfürstlichen Rechten viel geschrieben worden, sagt er, und meint, es sei eine fast gefährliche Frage. „Die unart der eigenwilligen herrschaft“, heißt es, „hat allem ansehn nach der alten freyheit zuwider etliche saecula her mehr und mehr an vielen orten, auch in unserm vaterlande, zugenommen, allwo doch vor diesem mehrere freyheit gewesen, ja wo die freyheit ihren alten sitz gehabt und von denen poeten daher genennet ward germanorum scythorumque bonum.“ Als Ursache der Veränderung wird angeführt die Strafe Gottes, die liebkosenden Höflinge und das Beispiel anderer Länder, wo das absolute Regiment herrsche. Das geht natürlich auf Frankreich. Bereits sei von Staatsrechtslehrern die Ansicht geäußert worden, dass sich das Recht der hohen Obrigkeit nicht dividieren lasse, dass es einheitlich und unumschränkt sein müsse und dass etwaige Privilegien der Untertanen der landesherrlichen Allmacht keinen Abbruch tun könnten. „Es steht dahin, wie weit mit dieser subtilität in effectu auszulangen. Manche fügen sich, manche nicht.“ Dass Briefe und Pergamente keine festen Mauern sind, hatte die Erfahrung bereits bewiesen.

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Stände und Städte

Stände und Städte

Nachdem die Fürsten die Zügel der kaiserlichen Oberhoheit im Westfälischen Frieden fast ganz abgeworfen hatten, gingen sie darauf aus, sich auch der von unten her durch die Stände ihnen gesetzten Einschränkungen zu entledigen. Eine gewisse Nötigung, die produktiven Kräfte ihrer Länder ganz in ihre Hand zu bringen, lag für die Fürsten darin, dass Frankreich sich in dieser Richtung entwickelt hatte. Folgerichtig wäre es allerdings gewesen, wenn die Gewalt des Kaisers sich im selben Maße wie die des französischen Königs verstärkt hätte, aber das war ausgeschlossen durch die Eigenart der Reichsverfassung, durch die Vielstämmigkeit der Deutschen und ihre Neigung zur Selbstbehauptung der Einzelkräfte. Auf der Grundlage des Verhältnisses zwischen Oberhaupt und Gliedern, wie es sich einmal herausgebildet hatte, nahm die kaiserliche Macht ab, wie die des französischen Königs zunahm, während die deutschen Fürsten dem Beispiel des benachbarten Monarchen zu folgen versuchten. Das Abendland bildete so sehr eine Einheit, dass eine wesentliche Veränderung seines Charakters, die sich auf einem Punkte durchsetzte, allmählich das Ganze ergreifen musste; meistens pflegte sie gleichzeitig an mehreren Orten aufzutreten. Die Zentralisierung der Macht vollendete sich zuerst in Frankreich; die Überlegenheit, die es dadurch erlangte, zeigte sich so deutlich und mit so verderblichen Folgen für Deutschland, dass die Landesherren darauf hingedrängt waren, dem Beispiel zu folgen, auch wenn es ihren persönlichen Neigungen und Bedürfnissen nicht entsprochen hätte.

An Kampf und Beraubung gewöhnt, begierig für erlittene Verluste sich zu entschädigen oder erbeuteten Gewinn zu vermehren, waren die Fürsten nach dem Dreißigjährigen Krieg Raubtieren im Käfig ähnlich, die hungrig und grimmig die Stäbe entlang streichen und mit dem Schweif die engen Wände peitschen. Sie trachteten alle nach dem miles perpetuus, wie man damals sagte, nach dem stehenden Heer, das sich im Krieg so nützlich erwiesen hatte, mit dem sie äußere und innere Feinde bezwingen konnten; aber der miles perpetuus kostete Geld, sehr viel Geld, und das Geld befand sich in einem Beutel, den die Stände öffnen und verschließen konnten. Die Stände, in der Regel bestehend aus Vertretern von Adel, Geistlichkeit und Städten, waren ebenso friedliebend, wie die Fürsten kriegerisch waren; sie wussten, wie schwer das Geld zu beschaffen war, sie waren selbst auf die Abgaben der Untertanen angewiesen und sahen es ungern, wenn diese auch noch vom Staat ausgebeutet wurden. Ihre eigenen Interessen waren stark im Spiel; aber sie vertraten doch auch die des Volkes, wenn sie sich der Prachtliebe, der sinnlosen Verschwendung und der Kriegspolitik der Fürsten widersetzten. Diese bevormundenden Stände loszuwerden und durch unterwürfige Beamte zu ersetzen, war der Wunsch aller Fürsten des 17. Jahrhunderts, und sie wurden darin durch ihre Beamten und Räte, namentlich soweit sie Juristen waren, unterstützt. Von jeher hatten die Juristen eine absolutistische Auffassung gepflegt, wie es ihrem Bildungsgang entsprach; die im Mittelalter so vielfach verflochtenen und zerstreuten Rechtstitel einem einzigen Prinzip, der landesfürstlichen Hoheit, unterzuordnen, war ihrem im Studium des Römischen Rechts geschulten Verstande einleuchtend und bequem. Die landesfürstliche Hoheit war ein Begriff, der, gerade weil er unbestimmt war, sich beliebig anfüllen und verwenden ließ.

Die seltene Einmütigkeit der Fürsten in diesem Punkt setzte im Jahr 1654 einen Reichsbeschluss durch, der die Stände verpflichtete, ihren Landesherren das nötige Geld zur Erhaltung ihrer Festungen und deren Besatzungen zu bewilligen. Damit war das Steuerbewilligungsrecht durchbrochen. Es genügte aber den Fürsten nicht, und sie versuchten einen neuen Reichsbeschluss durchzubringen, der die Stände anhielte, alles Geld, was von ihnen verlangt würde, „gehorsamlich und unweigerlich darzugeben“, damit sie den Verpflichtungen nachkommen könnten, die ihnen aus dem im Westfälischen Frieden erworbenen Recht, Bündnisse mit inneren und auswärtigen Mächten zu schließen, erwüchsen. Schon glaubten sie sich am Ziel, als der Kaiser, in dessen Interesse es nicht lag, die Fürsten noch unabhängiger zu machen, das Zustandekommen des Beschlusses verhinderte. Erbittert darüber schlossen mehrere Reichsstände, darunter Kur-Brandenburg, ein Bündnis, in welchem sie sich Beistand gegen ihre Stände und Untertanen versprachen, falls diese sich ihren militärischen Ansprüchen widersetzen sollten. Sie waren entschlossen, jede Schranke ihrer Macht zu beseitigen.

Unter den deutschen Fürsten des 17. Jahrhunderts hatte keiner ein so machtgieriges Herz und ein so ausgeprägtes Herrscherbewusstsein wie Friedrich Wilhelm von Brandenburg, den die dankbaren Nachkommen den Großen Kurfürsten genannt haben.


Friedrich Wilhelm, „der Große Kurfürst“ (* 16. Februar 1620; † 9. Mai 1688) 1640 – 1688 Sohn Georg Wilhelms, erließ 1685 das Potsdamer Edikt, indem er den in Frankreich wegen ihrer Religion.

Seine Stände waren ihm nicht nur im Wege, weil sie seine Kriegsführung und die Vereinheitlichung seiner weit auseinandergelegenen Provinzen erschwerten, sondern auch weil sie das ihm angeborene Herrschergefühl verletzten. Wenn er sagte, die Untertanen sollten mit der Regierung nicht a pari konkurrieren, so stimmte das mit der neuen Theorie von der Einheitlichkeit der Staatsgewalt überein, entsprang aber zugleich seinem despotischen Charakter. Es gab wohl nach seiner Meinung Fürsten und Stände; aber die Stände waren Untertanen und mussten gehorchen. Dass ein Vertrag zwischen ihm und den Ständen bestehe, leugnete er. Seine Gewalt war ihm, behauptete er, von Gott verliehen, und nur Gott sei er verantwortlich. Die Stände ihrerseits meinten, gleichfalls von Gott geordnet zu sein, sie bildeten nach mittelalterlicher Auffassung ein corpus mysticum, dessen Haupt der Landesherr sei. Sie konnten sich darauf berufen, dass Friedrich Wilhelm beim Antritt seiner Regierung ihre Privilegien beschworen hatte, wohingegen er das Staatswohl anführte, nach dessen Erfordernissen er seine Gewalt gebrauchen müsse. Dass seine Ansicht vom Staatswohl die gültige sei, verstand sich von selbst. Zweifelsohne waren die Stände im Recht, wenn sie ihre Privilegien verteidigten, Unrecht hatten sie nur insofern, als der Geist der Zeit ihnen entgegen war, und als sie selbst von ihm beeinflusst waren. Ihre Lage wäre besser gewesen, wenn sie ein breiteres, sicheres Fundament gehabt hätten; aber der Adel hatte das bürgerliche Element hochmütig zurückgedrängt, von den Bauern ganz zu schweigen. Den ernstesten Widerstand hatte der Kurfürst in Preußen zu besorgen. Hatte er im Jahr 1659 die polnische Oberhoheit abwerfen können, so war doch im Land das Gefühl der Zugehörigkeit zu Polen noch nicht ausgelöscht. Auch rechtliche Bande gab es noch, insofern Polen die Rechte der preußischen Stände garantiert hatte. Adel und Städte hatten sich im Allgemeinen bei der Verbindung mit Polen wohl gefühlt, sie liebten den Kurfürsten nicht, überhaupt reflektierten sie, wie sie sagten, wenig auf das deutsche Wesen. Seit der unglücklichen Schlacht bei Tannenberg hatte Preußen in keiner Verbindung mehr mit dem Reich gestanden, Polen war ihm vertrauter als Brandenburg.

Nicht alle Räte des Kurfürsten billigten sein rechtswidriges Verfahren im Verkehr mit den Ständen; denn schließlich waren sie auch Adlige und hatten Verständnis für die Interessen ihrer Schicht. Aber Friedrich Wilhelm griff durch; er erhob Steuern, die nicht bewilligt waren, und ließ sie mit Härte gewaltsam eintreiben. Träger des Widerstandes waren auf Seiten des Adels Christian Ludwig von Kalkstein (Christian Ludwig von Kalckstein (* 1630; † 8. November 1672 in Memel) war ein kurbrandenburger Obrist.) und auf Seiten der Städte der Königsberger Schöffe Hieronymus Roth (Hieronymus Roth (* 1606; † 1678 in der Festung Peitz, Lausitz) war Schöffenmeister in Kneiphof, einer der drei Städte von Königsberg.), ein ehemals begüterter Kaufmann, dessen Verhältnisse zurückgegangen waren. Er wurde in einem durchaus ungesetzlichen Verfahren zu ewiger Gefangenschaft verurteilt. Während des Prozesses und der langen Haft zeigte er würdigen Stolz, um Gnade zu bitten verschmähte er, weil er sich im Recht wusste. Kalkstein flüchtete nach Polen und konnte nur durch Verrat in die Hände des Kurfürsten geliefert werden. Ein Adliger, Eusebius von Brandt, gab sich dazu her. Er spiegelte Kalkstein die Möglichkeit der Versöhnung mit dem Kurfürsten vor und lockte ihn damit auf preußisches Gebiet; später verbreitete er, Kalkstein sei aus eigenem Antrieb gekommen, um seine Frau zu besuchen. Friedrich Wilhelm ließ sein Opfer nicht nur hinrichten, sondern vorher, um geeignete Aussagen zu erpressen, foltern, was ganz ungesetzlich war. Wenn er sagte: Ich habe nichts Unbilliges begehrt, ich wollte nur Herr, und sie sollten Untertanen sein, so mag man annehmen, dass er bei dieser naiven Äußerung gutgläubig war. Daraus, dass nur zwei Männer sich ernstlich für die Sache der Stände einsetzten, ist ersichtlich, wie wenig Selbstbewusstsein mehr in ihnen war. Kalkstein und Roth waren die unglücklichen Vertreter von Körperschaften, in welchen der Lebenskraft einer aufkommenden Gewalt gegenüber nicht genügend Widerstandskraft mehr vorhanden war. Sie gingen zwiefach unter; denn die Nachkommen, die dem neuen Gestirn huldigten, schwiegen von ihnen oder schmähten sie, um den Sieger nicht zu beeinträchtigen. Sie mussten ihm gegenüber unrecht haben.

Die Kämpfe mit den Ständen zogen sich durch Friedrich Wilhelms lange Regierung hin. In Preußen, wo der Widerstand mit Anhänglichkeit an Polen verknüpft gewesen war, konnte er als Landesverrat nachdrücklicher als anderswo angegriffen werden; aber ihn mit einem Schlag auszurotten gelang nirgends. In Cleve, wo die Selbstverwaltung viel fester eingewurzelt war als im Osten, wurden während des Großen Kurfürsten langer Regierungszeit Landtage abgehalten. Auch in seinem Bestreben, sich ein ganz von ihm abhängiges Beamtenheer zu schaffen, war er nicht ohne Ausnahmen erfolgreich. Um die Beamten aus jedem Zusammenhang mit den Ständen und mit dem Interesse der Provinz zu lösen, besetzte er die Stellen nach Möglichkeit nicht mit Eingeborenen, wie es den Privilegien entsprochen hätte, sondern mit Fremden, Angehörigen anderer Provinzen, die als Ausländer empfunden und oft gehasst wurden. Bei alledem gelang es ihm nicht, die Mitwirkung der Stände ganz auszuschließen.

Das allerwirksamste Mittel, den ständischen Adel in einen dienenden Hofadel umzuwandeln, waren die mit dieser Umwandlung verbundenen Vorteile, für die der Landesherr sorgte. Sie bestanden darin, dass dem Adel alle hohen und einträglichen Stellen im Heer und in der Beamtenschaft vorbehalten blieben und dass ihm die Bauern preisgegeben wurden. Man könnte meinen, es habe im Interesse der Fürsten gelegen, die gedrückten Bauern gegen Adel und Städte aufzuwiegeln und mit ihrer Hilfe diese Stände zu schwächen; allein der Gedanke einer derartigen Umwälzung lag ihnen fern. Sie wollten das Ansehen und die Macht des Adels erhalten, etwa noch vermehren, aber er sollte ihnen zur Verfügung stehen. Grade weil er mächtig war, wollten sie sich auf ihn stützen. Ihn sich zu unterjochen und zugleich auf Kosten der schwächeren Stände zu stärken, war ihre Politik.

Erst seit dieser Zeit waren die Bauern vollständig entrechtet, zum Teil eigentliche Leibeigene. Sie hingen von der Willkür ihres adligen Grundherrn ab, der die Rechtsprechung über sie hatte, es gab für sie keine höhere Instanz, an die sie hätten appellieren können. Alle Übergriffe, die sich die Grundherren mit der Zeit im Verhältnis zu den Bauern herausgenommen hatten, die Ausbeutung, den unmenschlichen Druck ließ der Kurfürst nicht nur geschehen, alles das wurde in vielen Paragraphen eines Landtagsabschieds den adligen Herren als ihr Recht bestätigt. Anstatt dass der Landesherr den Bauern hilfreiche Hand reichte, verdoppelte er ihre Bürde, indem er ihnen zu den übrigen noch die Militärlasten auflegte. Die Bürgerlichen unterstanden zwar nicht der Gerichtsbarkeit des Adels, hingen überhaupt in keiner Weise rechtlich von ihm ab, aber sie bildeten einen geringeren Stand und durften keine adligen Güter erwerben. Dennoch drangen zuweilen Bürgerliche in die höheren Staatsämter ein, wenn man ihrer Intelligenz und ihres Fleißes bedurfte; sie wurden dann geadelt, um der Ehre des Hofes fähig zu werden. Einigermaßen hoben sich die zünftigen Gelehrten von dem verachteten Kreis des Bürgertums ab.

In Österreich vollzog sich die Umwandlung des Staatswesens dem Charakter der Dynastie und der Bevölkerung entsprechend langsamer und weniger gewaltsam als in Preußen. Auch hier hatten die Stände im siebzehnten Jahrhundert das Bewusstsein ihres Rechts und das Gefühl ihrer Macht eingebüßt. Schon bei Leopolds I. Thronbesteigung wurde die Huldigung nur durch Abgeordnete und nicht mehr unter freiem Himmel geleistet; sein Sohn Karl leistete keinen Eid mehr, sondern versprach nur, die Privilegien zu halten. Bald in dem einen, bald in dem anderen Punkt gingen die Befugnisse des ständischen Adels in die Hände neugeschaffener fürstlicher Behörden über. Immerhin machte es sich geltend, dass die gesellschaftliche Stellung des österreichischen Adels nicht so leicht erschüttert werden konnte, dass auf die reichen und stolzen Familien, die den Thron umgaben, Rücksicht genommen werden musste. Wenn es bald keine ständische Behörde mehr gab, die Statthalter, Gubernatoren, Oberstburggrafen und wie sie alle hießen, die nicht auch dem Landesherrn verpflichtet gewesen wäre, so erleichterte doch die unsichere Begrenzung der beiderseitigen Befugnisse den Ständen die Einmischung. Der Landesherr hatte in den militärischen Dingen die Oberhoheit, aber die Aushebung und die Verpflegung der Soldaten stand den Ständen zu, und in allen finanziellen Angelegenheiten hatten sie sogar den größeren Anteil der Rechte. In Ungarn vollends, wo die feudalen Verhältnisse noch herrschten und wo der Abfall beständig drohte, musste man die mächtigen Magnaten schonen. Auch als ihre Unzuverlässigkeit Gelegenheit gab, mit blutiger Härte gegen sie vorzugehen, gelang es doch nicht, ihr Ansehen und ihren Einfluss ganz zu unterdrücken.

In Schwaben waren die ständischen Rechte im Besitz einer selbstbewussten, gewissenhaften, charaktervollen Bürgerschaft. Überhaupt hatte sich hier das ständische Wesen viel folgerichtiger als anderswo in Deutschland entwickelt und gesetzlich gefestigt, und wenn die Stände im erbitterten Kampf mit despotischen Fürsten vorübergehend zurückweichen mussten, behaupteten sie sich doch in Ehren. Stände erhielten sich bis in die neuere Zeit in Sachsen und in Mecklenburg, wo die Ritterschaft sich nicht zum Segen des Landes ihrer Rechte bediente.

Als Staaten im Staat waren die Städte den Fürsten ein Dorn im Auge. Nach dem Beispiel, das sie ihnen in früherer Zeit gegeben hatten, suchten jetzt die Fürsten aus ihren Territorien abgeschlossene Wirtschaftsräume zu machen, und dabei waren ihnen die Städte mit ihren Zöllen und Stapelrechten im Wege. Wie hätte nicht auch der Reichtum der großen Städte und die Menge ihrer gewerbstätigen Einwohner und ihre Handelsbeziehungen die Fürsten anlocken sollen? Wagten sie sich nicht an den eigentlichen Reichsstädten zu vergreifen, machten sie umso mehr Jagd auf diejenigen Städte, die an Macht und Ansehen Reichsstädten glichen, auch sich als solche fühlten und gebärdeten, aber versäumt hatten, sich die Reichsstandschaft rechtmäßig zu sichern in Zeiten, wo diese Würde Kosten mit sich brachte, ohne dass ein Gewinn damit verbunden zu sein schien. Zu diesen gehörte Magdeburg, das sich zur Zeit Karls V. durch Überzeugungstreue und Standhaftigkeit ausgezeichnet hatte und im Dreißigjährigen Krieg ein Opfer seines protestantischen Charakters geworden war; die Stadt hatte verdient, auf dem Friedenskongress berücksichtigt zu werden. Wirklich brachten es die Bemühungen der protestantischen Mächte zuwege, dass ein Artikel des Westfälischen Friedensinstrumentes ihren Ansprüchen Rechnung trug.


Stadt Magdeburg um 1600

„Der Stadt Magdeburg“, hieß es da, „wird ihre alte Freiheit und das Privilegium Ottos I. vom Jahre 940, obwohl es durch die Ungunst der Zeit verlorengegangen ist, von der Kaiserlichen Majestät erneuert werden, ebenso das ihr von Ferdinand II. verliehene Festungsprivilegium.“ Die Erneuerung des sagenhaften Privilegs Ottos I. bedeutete jedoch nichts weiter als einen vorläufig aufgestellten Grundsatz, dessen Verwirklichung erkämpft werden musste. Das zu früh triumphierende Magdeburg sah ein, dass es seine Anstrengungen fortsetzen, womöglich verdoppeln musste, wenn es sein Ziel erreichen wollte. Niemand konnte seine Interessen besser vertreten als der Bürgermeister Otto von Guerike, dessen physikalische Untersuchungen und Entdeckungen ihm die Teilnahme der hohen Häupter sicherte. Wie fast alle wissenschaftlich begabten Menschen des 17. Jahrhunderts war er erfüllt von der Einsicht, dass nur die Mathematik unumstößliche Wahrheitsbeweise bringen könne, dazu noch Erfahrung und Experiment im Gegensatz zu den flatterhaften Hypothesen. Seine Beobachtung der Luft führte ihn zu der Erfindung des Wettermännchens, eines Barometers, mit dessen Hilfe einmal ein Sturm vorausgesagt wurde, ferner der Luftpumpe und der sogenannten Magdeburger Halbkugeln, mittels welcher er die Gewalt des Luftdrucks anschaulich machte. Es waren luftleer gemachte kupferne Kugeln von einer Elle im Durchmesser, die von 24 Pferden nicht auseinandergerissen werden konnten.


Otto Guericke, ab 1666 von Guericke (Aussprache und ursprüngliche Schreibung: „Gericke“) (* in Magdeburg; † in Hamburg) war ein deutscher Politiker, Jurist, Physiker und Erfinder. Bekannt ist er vor allem für seine Experimente zum Luftdruck mit den Magdeburger Halbkugeln,

Guerike verwandte seine Zeit und sein Geld am liebsten auf derartige wissenschaftliche Versuche; aber er war patriotisch genug, um einstweilen darauf zu verzichten und anstatt dessen als diplomatischer Vertreter seiner Stadt bei Kaiser und Reich für sie zu wirken. Dabei legte er seinen Ruf und seine Künste mit in die Waagschale und führte in Regensburg dem versammelten Reichstag das Schauspiel der Luftkugeln vor. Dem Kurfürsten von Mainz, Joh. Phil, von Schönborn, gefiel es so gut, dass er dem Bürgermeister seine Instrumente abkaufte. Auch das Wohlwollen des Kaisers Ferdinand III. und seines Sohnes und Nachfolgers erwarb er; aber er musste erfahren, dass alle seine Reisen, sein Aufwand, sein Betteln und Antichambrieren sowie sein berühmter Name die Sache nicht vom Fleck brachten. Der Kaiser hatte nicht den Mut, dem Kurfürsten von Brandenburg entscheidend entgegenzutreten; denn dieser war es, der mit angeblichen Ansprüchen auf den Besitz Magdeburgs auftrat. Immerhin konnte derselbe auf dem Weg des Rechts auch nichts erlangen, und gegen den Weg der Gewalt sprachen sich seine Räte aus. Friedrich Wilhelm berief sich ihnen gegenüber auf das Staatswohl, das immer herhalten musste: im Jahr 1666 zwang er die Stadt, eine Besatzung aufzunehmen und ihm zu huldigen, ihr blieb nichts übrig, als sich zu fügen. Otto von Guerike entging dem Verdacht nicht, er habe sich vom Kurfürsten bestechen lassen; denn dieser hatte sich für seine physikalischen Versuche interessiert und ihn in seinen Dienst gezogen.

Ungefähr um dieselbe Zeit unterwarf sich der Kurfürst von Mainz mit französischer Hilfe die Stadt Erfurt und versuchte Schweden, sich Bremen einzuverleiben; in beiden Fällen wäre Friedrich Wilhelm gern den Bedrohten zu Hilfe gekommen; aber das Bewusstsein seiner Absichten auf Magdeburg, das ihn gleichsam zum Mitschuldigen jener Missetäter machte, hielt ihn zurück.

Mit großer Standhaftigkeit wehrte sich die stolze Stadt Münster gegen ihren Bischof, am Ende aber doch vergeblich.


Stadt Münster


Braunschweig

Braunschweig, die mächtige Hansestadt, die früher die Zwietracht der welfischen Herzoge hatte ausnützen können, um ihre Freiheit zu erhalten, stand im 17. Jahrhundert nicht mehr abenteuernden Fürsten, sondern einer methodisch geschlossenen Staatsgewalt gegenüber. Einem Heer unter Führung des Grafen Waldeck, der damals im Dienst der welfischen Herren stand, konnte die von keiner Seite unterstützte Stadt auf die Dauer nicht widerstehen. Denn das war eben der Charakter der Zeit: die Städte, die einst so fest zusammengehalten und sich gegenseitig Hilfe geleistet hatten, ließen einander im Stich und konnten einzeln besiegt werden; die Fürsten, die sich einst befehdet hatten und auch jetzt noch einander missgünstig bekämpften, hielten zusammen, wenn es galt, eine Stadt zu unterjochen. Rettete sich eine bedrängte Stadt, wie das zum Beispiel dem tapferen Bremen, wie es Hamburg und Köln gelang, so geschah das, weil das eigene Interesse der benachbarten Mächte mit dem der Städte zusammenfiel. Die Hanse, die im Jahr 1669 ihre allerletzte Versammlung abhielt, hatte tatlos zugesehen, wie sich Schweden und Dänemark, die nordischen Staaten, über die sie einst glänzende Siege erfochten hatte, sich ihrer stolzesten Glieder, Bremens und Hamburgs, zu bemächtigen suchten.

Es ist nicht anzunehmen, dass die deutschen Fürsten aus Scheu vor einem Rechtsbruch die eigentlichen Reichsstädte nicht anfochten; sie vermieden aber wohl den Rechtsbruch, weil er vermutlich zu einem ernstlichen Konflikt mit dem Kaiser und mit allen den Fürsten geführt hätte, die, weil sie leer ausgegangen wären, sich dem Kaiser angeschlossen hätten. So erhielten Nürnberg, Frankfurt, Hamburg, Lübeck, Bremen und noch viele andere, die zu unbedeutend waren, um begehrt zu werden, ihre Selbständigkeit und manche den alten Flor; Hamburg ging sogar inmitten allgemeiner Verarmung stetigem Wachstum, zunehmendem Reichtum und Ansehen entgegen. Im Allgemeinen aber nahm der Wohlstand der einst so weitberühmten deutschen Städte ab. Er hatte auf den handeltreibenden und gewerbstätigen Bürgern, auf ihrer Wehrfähigkeit und ihrer politischen Macht beruht; Wohlstand und politische Macht waren durch den Krieg, der 30 Jahre lang währte, zugleich erschüttert. Waren sie immer noch begehrenswerte Vorratskammern für die geldlosen Fürsten, so war ihr Zustand mit der mittelalterlichen Blüte doch nicht zu vergleichen. Neben den neu entstehenden fürstlichen Territorien befanden sie sich in dem Nachteil solcher Gebilde, deren an sich gute und kräftige Organe mit der Umgebung nicht mehr zusammenpassen und deshalb verkümmern.

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Kampf gegen das Haus Österreich

Kampf gegen das Haus Österreich

Von einem dritten Buch muss ich noch sprechen, in dem sich eine Tendenz der Zeit ausspricht. Im Jahr 1640, also während des Dreißigjährigen Krieges, erschien es unter dem Titel Dissertatio de ratione status in Impero Romano-Germanico, und als Verfasser nannte sich Hipolythus a Lapide.


Bogislaw Philipp von Chemnitz Bogislaw Philipp Chemnitz, ab 1648 von Chemnitz, (* 9. Mai 1605 in Stettin; † 19. Mai 1678 auf Hof Hallsta.

Unter diesem Namen verbarg sich Bogislav Philipp von Chemnitz, der auf protestantischer Seite Kriegsdienste getan hatte und dann schwedischer Kanzler in Pommern wurde. Er war der Enkel eines berühmten Theologen. Man vermutet, dass die Schrift in Zusammenhang mit einer anderen stehe, die im Jahr 1635 herausgekommen war und ihren Zweck im Titel unverhohlen aussprach: Quaestio odiosa sed notabilis de Remotione Austriacae Domus abs Imperiali dignitate – Peinliche, aber wichtige Untersuchung über die Entfernung des Hauses Osterreich von der Kaiserwürde. Das nämlich, die Niederwerfung des Hauses Österreich, ist der Kern der Abhandlung des Chemnitz, und der Verdacht liegt nahe, dass Schweden ihn angeregt hatte, um sein Schwert durch die Feder zu unterstützen.

Chemnitz behandelt seinen Gegenstand systematisch und gründlich: der Gegner soll nicht nur als hassenswert, er soll als schuldig und strafwürdig hingestellt werden. Die Lehrer der Staatswissenschaft gingen damals von der Theorie des Aristoteles aus, es gäbe drei Formen des Staates: Monarchie, Aristokratie und Demokratie, je nachdem die Staatsgewalt im Besitz eines einzigen, mehrerer oder des ganzen Volkes sei. Allerdings konnte Chemnitz nicht übersehen, dass diese Einteilung auf verschiedene Länder, zum Beispiel auf das Römische Reich, auf Holland, auf die Eidgenossenschaft, sich nicht anwenden ließ; aber er erklärt diese gemischten Formen für unzweckmäßig. Staaten gemischter Form, sagt er, beständen nicht lange oder wären dauernden Unruhen ausgesetzt, denn jeder Teil strebe nach der alleinigen Macht, was Kampf und Zwietracht zur Folge habe. Richtig charakterisierte er damit die eifersüchtigen Machtkämpfe zwischen dem Kaiser und den Ständen oder in Holland zwischen dem Statthalter und den Staaten. Wäre das nicht, meint er, würde die gemischte Regierungsform sogar die allerbeste sein; aber der Mensch sei nun einmal so, dass jeder sich anstelle, als sei es ihm nur um das Gleichgewicht zu tun, während er sich selbst erheben und die andern unterdrücken wolle. Aus diesem Grund nannte er Staaten, in denen die Regierungsgewalt geteilt war, verdorbene Staaten, schaltete sie gewissermaßen aus und erklärte das Römische Reich deutscher Nation für eine Aristokratie. Das gab ihm die Möglichkeit, alle Zustände, Ereignisse und Handlungen im Reich, die den Charakter des Monarchischen hatten, für Übergriffe und widerrechtliche Anmaßungen des Hauses Österreich zu erklären. Wenn gewisse Staatsrechtslehrer, besonders katholische, das Reich als Monarchie angesehen wissen wollten, stellte er ihre Beweisführung als Faselei von Dummköpfen hin, oder er erklärte die Tatsachen, die für sie sprachen, als Überbleibsel alter Zeiten oder für eine Folge hochtönender zeremonieller Wendungen, deren sich die Kanzleien zu bedienen pflegten, die aber nur Schein wären, nichts Wesentliches bedeuteten. Wie konnte denn, fragt er, das Reich, das eine Aristokratie sei, den Schein der Monarchie annehmen? Daran sei die Einführung des Römischen Rechtes schuld. Die Juristen, die aus der unreinen Pfütze, der Mistjauche des Römischen Rechtes geschöpft hätten, wendeten den Unrat auf das Römische Reich deutscher Nation an, um es zur Monarchie zu erheben. Mit Recht lehnte Chemnitz die absolute Monarchie für das Reich ab; aber dass es ebenso wenig eine Aristokratie im aristotelischen Sinn war, diese Einsicht hatte er wohl, er schob sie aber beiseite.

Nach der theoretischen Feststellung konnte er zur Anklage übergehen. Die Habsburger, meinte er, seien diejenige Dynastie, die von Anfang an danach gestrebt hätte, das Amt, das sie im Auftrag der Stände führte, in eine erbliche Macht zu verwandeln, die Schlangenbrut, die zu einer Zeit, als andere Dynasten schon herrschten und mächtig waren, als geringes Geschlecht aus dem Dunkel des Schwarzwaldes hervorgebrochen sei. Sie habe sich dabei der List sowie der Gewalt bedient. Zum Beispiel habe sie die Türkenkriege benutzt, um den Ständen Geld zu entlocken, das sie dann für eigennützige Zwecke gebraucht hätte, ja sie hätte die Türken selbst zum Angriff gereizt, um sich dieses Vorwandes bedienen zu können. Ein anderer Kunstgriff sei die Gründung des Reichshofgerichts gewesen, wodurch sie sich der Gerichtsbarkeit im Reich habe bemächtigen wollen. Als Vorbilder für den Kaiser stellte Chemnitz den Dogen von Venedig und den König von Polen hin und führte eine Stelle aus der Rede eines polnischen Magnaten beim Tode des Königs Sigismund von Polen, eines energischen, herrschsüchtigen Fürsten, an, dass die unter monarchischer Herrschaft gepfiffenen Trauerlieder der Sklaverei sich zu der Regierungsform eines freien Staates nicht schickten und daraus gänzlich zu verbannen seien. Der König von Polen sei nichts als gleichsam der Mund des Königreiches, der Mund aber dürfe sich nicht bewegen und kein Wort sprechen, als was aus dem Herzen des ganzen Körpers, nämlich der polnischen Magnaten, hervorgegangen sei. Diese Art der Machtverteilung, findet Chemnitz, sei dieselbe wie im Römischen Reich deutscher Nation. Es klingt wie Hohn, wenn er sagt, soviel Macht wie der polnische König habe, möge man dem deutschen Kaiser wohl gönnen.

Es versteht sich nach Chemnitz von selbst, dass die Reichsstände, welche im Vollbesitz der Regierungsgewalt sind, den Kaiser absetzen können. Die Absetzung des Hauses Habsburg, das ist es, was er mit seinem Buch bezweckt. Es ist mitten im Krieg geschrieben, ein Kampfmittel, und geht auf die Vernichtung des Gegners aus. Zu erörtern bleibt, ob die Entthronung ebenso ausführbar, wie sie nach Chemnitz rechtlich erlaubt und durch die Umstände geboten ist.


Karl V.

Die Habsburgischen Tyrannen, besonders Karl V. und Ferdinand II., haben es so weit gebracht, dass ihr Geschlecht ohne Anwendung von Gewalt nicht gestürzt werden kann. Deshalb ist es vor allen Dingen nötig, dass die Fürsten fest zusammenhalten. Chemnitz sieht ein, dass die Kaiser aus dem Haus Österreich auch nicht den Schein der Macht, geschweige denn die Macht, über die sie wirklich verfügten, hätten erlangen können, wenn nicht die Kurfürsten sie immer wieder gewählt, und wenn nicht alle Fürsten durch ihre gegenseitigen Zwistigkeiten, vor allem aber durch die Kirchenspaltung, sich selbst geschwächt und den Kaisern Gelegenheit zu Übergriffen gegeben hätten. Deshalb müsse zu allererst Einigkeit unter sämtlichen Fürsten hergestellt werden. Dass man um Religion zu kämpfen vorgebe und teilweise auch glaube, sei wiederum eine List des Hauses Habsburg, das dadurch mächtige katholische Staaten auf seine Seite gezogen habe. In Wahrheit handle es sich nicht um Religion, sondern darum, ob die Reichsstände, die Fürsten, Leibeigene des Kaisers werden sollten oder ob sie ihre edle Hoheit und Freiheit wiedererlangen könnten. Wenn sie nur den Vorwand, als kämpften sie um die Religion, fallen ließen, könnten sie das umso eher, als die Kronen von Frankreich und Schweden bereit wären, sie mit ihren Waffen zu unterstützen. Vereint mit dem alten unauslöschlichen Hass Frankreichs und dem neuen Schwedens könnten die Fürsten das Haus Habsburg mit den Wurzeln ausgraben.

Allerdings entsteht die Frage, wer dann Kaiser werden soll? Der Grund, weshalb die Kurfürsten immer wieder Habsburger wählten, war eben das, was man fürchtete: die Macht dieses Hauses. Da die Kaiser ihre Domänen und das Reichsgut längst verschenkt hatten, verfügten sie als solche über kaum nennenswerte Einkünfte; nur ein mächtiger Reichsstand, meinte man deshalb, könne die Last der Kaiserkrone tragen. Chemnitz weiß einen Vorschlag zu machen, wie es künftig möglich werden solle, bei der Kaiserwahl einzig auf die guten Eigenschaften des zu Erwählenden zu sehen: man entreiße den überwältigten Habsburgern ihre Erblande und versehe daraus den jeweiligen Kaiser mit den Mitteln, seinen Stand zu erhalten. Sollte dies Ziel erreicht werden, musste das Haus Habsburg in der Tat mit den Wurzeln ausgerottet werden.

Wie in allem, was er anführte, hatte Chemnitz ein wenig Recht und viel Unrecht auch in der Frage, ob der Krieg, der geführt wurde, ein Religionskrieg sei oder nicht. In einem Krieg, der, als das Buch erschien, bereits 22 Jahre gedauert hatte, war die gegenseitige Feindschaft tief eingefleischt: jeder hatte ein triefendes Schwert in der Hand und sah durch Blut. Man erkannte nicht mehr klar, um was es ging, man hasste und tötete blindlings den Gegner; aber im ganzen waren sich doch alle, mochte auch die alte Frömmigkeit geschwunden sein, ihres Bekenntnisses bewusst. Immerhin waren die Parteien nicht streng nach dem Glauben geschieden, und wenn es auch hauptsächlich Protestanten waren, die die Gesinnung des Chemnitz teilten, so waren doch auch Katholiken Feinde des Hauses Habsburg oder sahen wenigstens seine Macht mit Sorge und Eifersucht. Im Allgemeinen herrschte nach dem Krieg im ganzen Reich außerhalb der österreichischen Erblande eine ablehnende Stimmung gegen den Kaiser, wenn sie auch nicht zu dem erbitterten Hass gesteigert war, den die Dissertatio des Hipolythus a Lapide zu verbreiten suchte.

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Brandenburg

Brandenburg

Ganz in der Atmosphäre des Buches von Chemnitz, hatte er es nun gelesen oder nicht, lebte der junge Graf Georg Friedrich von Waldeck.


Georg Friedrich von Waldeck (* 31. Januar 1620 im Residenzschloss Arolsen; † 19. November 1692 ebenda) war ein deutscher Generalfeldmarschall und holländischer Generalkapitän. Er erhielt 1682 als erstes Familienmitglied des Hauses Waldeck den Fürstentitel.

Seinem Tatendrang genügte sein Ländchen nicht, es wurde ihm eng und dumpf zumute, wenn er sich dort aufhalten und mit den Nöten seines durch den Krieg ausgesogenen, verarmten Gebietes herumschlagen musste. Er hatte in Holland Kriegsdienst getan; das war die hohe Schule für diejenigen jungen Fürsten und Adligen, die einst selbst Armeen anzuführen hofften. Als der junge Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der im Jahr 1640 die Regierung angetreten hatte, ihn in seinen Dienst zu ziehen wünschte, griff er zu. Wie so manches Mal staatsmännisch begabte Männer ihre Kraft im Namen eines Teilhabers ausüben, der den Titel und die Macht hat, und den sie mit ihrem Genie beseelen, ahnte er in Brandenburg die Möglichkeit, Taten zu tun, wie sie ihm vorschwebten. Man kann es merkwürdig finden, dass er Hoffnungen auf einen Staat setzte, der sich im Dreißigjährigen Krieg besonders unkräftig gezeigt hatte und durch Preußen Vasall Polens war, der Pommern mit dem Seehafen Stettin an Schweden hatte abtreten müssen und dessen Bewohner arm und roh waren.


Stettin

Die Umstände waren es, die Brandenburg darauf hinwiesen, protestantische Vormacht zu werden. Pfalz und Sachsen, die die Führung der Protestanten vor dem großen Krieg gehabt hatten, waren zurückgegangen, Pfalz war ein notdürftig zusammengeflicktes Ländchen geworden, das nur eben seine Selbständigkeit behauptete, Sachsen hatte durch seine zum Kaiser hinneigende unentschlossene Politik an Ansehen eingebüßt; so wurden die Blicke der Protestanten auf Hannover und Brandenburg gelenkt. Der junge Friedrich Wilhelm, Kurfürst von Brandenburg, ließ sofort merken, dass er die Absicht hatte, die Macht seines Landes zu erhöhen. Der kaiserliche Gesandte Lisola, ein scharfsichtiger Beobachter, sagte von ihm, er sei nicht bedeutenden Geistes, habe aber den Wunsch, als ein großmütiger Fürst dazustehen; auf einen so gearteten Herrn konnte Waldeck Wirkung ausüben zu können hoffen. Sie waren gleichaltrig, es gelang Waldeck bald, des Kurfürsten Gunst, ja seine Neigung zu gewinnen.

Die Anfänge von Friedrich Wilhelms Politik waren ein vollständiger Fehlschlag. Zwei Aufgaben waren es, die er sich gestellt hatte: das rheinische Fürstentum Jülich-Berg und das schlesische Fürstentum Jägerndorf sich anzueignen, auf die er Ansprüche zu haben glaubte. In das Herzogtum Cleve hatten sich beim Aussterben des Cleveschen Hauses der Kurfürst von Brandenburg und der Herzog von Neuburg geteilt, so dass der erstere Cleve, Mark und Ravensberg, der andere Jülich-Berg erhielt; jeder von beiden behielt sich aber im Stillen vor, das Ganze sich anzueignen, wenn sich Gelegenheit böte. Jägerndorf, wozu noch einige andere schlesische Landesteile kamen, war im Besitz des Kaisers, der den brandenburgischen Anspruch nicht anerkannte und nicht im Sinn hatte, auf die ihm besonders wertvolle Provinz zu verzichten; aber die Brandenburger rückten unermüdlich damit auf, wie es die Fürsten zu tun pflegten, um einen einmal erhobenen Anspruch nicht erlöschen zu lassen. So sehr erfüllten diese Pläne namentlich des Kurfürsten Herz, dass er es unternahm, nicht lange nachdem unter unsäglichen Mühen der Westfälische Friede zustande gekommen war, Jülich-Berg mit Waffengewalt dem Herzog von Neuburg zu entreißen. Dieser mit unzureichenden Mitteln und im unglücklichsten Augenblick gewagte Friedensbruch hatte zur Folge, dass Friedrich Wilhelm einen beschämenden Rückzug antreten musste und in den Ruf unbezähmbarer Ländergier geriet.

In Waldecks Augen war die kurfürstliche Politik altfränkisch, unfruchtbar, einseitig; er hatte höhere, umfassendere Ziele. Im Grunde kam es ihm auf Vernichtung des Hauses Habsburg und Erhöhung des Hauses Hohenzollern an. Des Reichsgrafen Gedanken waren auf das Wohl und Wehe des Reiches, die des Kurfürsten nur auf sein eigenes Territorium gerichtet. Wie Chemnitz sah Waldeck im Haus Habsburg den allgemeinen Feind. Die Leidenschaften des großen Krieges brannten noch in ihm, er war überzeugt, dass der Kaiser, wenn er könnte, die Protestanten ganz unterdrücken würde. Grade wie es bei Chemnitz ausgeführt wurde, sah er die Rettung in der Verbindung aller Reichsstände, der protestantischen und der katholischen, gegen das verderbliche Haus Österreich. Die Kombination des großen Krieges, dass die anti-österreichische Partei Schutz bei Frankreich, namentlich aber bei Schweden suchte, war ihm selbstverständlich. Eine möglichst starke Allianz im Reich zustande zu bringen, deren Spitze gegen den Kaiser gerichtet wäre, wenn das auch nicht ausgesprochen werden durfte, das war sein nächstes Bestreben; das Haupt der Allianz sollte der Kurfürst von Brandenburg sein. Der Kurfürst, das war er selbst. Er fühlte die Kraft in sich, Führer im Reich zu werden, an die Stelle des tyrannischen Hauses Österreich zu treten, vielleicht tyrannischer als dieses. Ein jeder, hatte Chemnitz geschrieben, behauptete für das Gleichgewicht der Kräfte zu arbeiten, während er danach trachtete, sich selbst zu erheben und die anderen zu unterdrücken. Das würde sich Waldeck kaum eingestanden haben; in Brandenburg sah er einen entwicklungsfähigen Staat, einen nach Großem strebenden Fürsten, hier konnten gewandte, nervige Hände mit Erfolg das Steuer ergreifen. Es gab freilich viel Arbeit, kleinliche, mühsame Arbeit, bevor das Ziel erreicht werden konnte. Zuerst musste er des Kurfürsten Seele gewinnen und seine bisherigen Räte entweder auf seine Seite bringen oder stürzen, dann die Fürsten und Räte der anderen Staaten zum Abschluss der Allianz bewegen, wobei er darauf achten musste, dass sie die Absicht des Kurfürsten auf eine beherrschende Stellung nicht merkten. Alles das getraute Waldeck sich zu erreichen. Wirklich gelang es ihm, diejenigen Räte, auf die Friedrich Wilhelm bisher gehört hatte, zu überstimmen. Sie waren gut protestantisch; aber sie standen auf dem Boden der alten Reichsverfassung. Ein Staat wie Brandenburg, meinten sie, könne nur in Verbindung mit anderen, mächtigeren sich erhalten, entweder im Bund mit dem Ausland oder mit dem Kaiser, das letztere sei das natürliche, empfehlenswerte. Die einstige Kraft und Herrlichkeit des Reiches komme nicht wieder; aber man könne doch die jetzige Verfassung erhalten. Danach müsse man streben, dass Kaiser und Kurfürsten miteinander das alte Gebäude im Stand hielten. Waldeck hoffte im Gegenteil, der Kaiser werde, obwohl ihm das durch den Westfälischen Frieden und durch die letzte Wahlkapitulation verboten war, Spanien gegen Frankreich unterstützen; denn der Krieg zwischen diesen beiden Mächten dauerte noch fort; das würde Brandenburg einen Vorwand liefern, seinerseits in den Krieg einzutreten, und er fasste bereits ins Auge, dass die Spanischen Niederlande an Frankreich abgetreten würden, wogegen Frankreich das vielbegehrte Jülich-Berg an Brandenburg zu bringen hätte. Das war eine Lockspeise für den Kurfürsten. Über eine solche Politik der Hinterhältigkeit und Zügellosigkeit waren die kurfürstlichen Räte entsetzt; Waldeck ließ sie zetern und die Hände ringen, wenn nur das Ziel erreicht würde. Aber die Verhandlungen mit den Fürsten wegen der Allianz machten nur langsame Fortschritte, wenig wurde erreicht, weil der Argwohn gegen Brandenburgs Ehrgeiz allgemein und schwer zu beschwichtigen war; doch ließ sich Waldeck keine Mühe verdrießen. Da traten Ereignisse ein, die nicht vorauszusehen gewesen waren und die seiner nach Westen gerichteten Politik eine andere Richtung gaben.

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Dominium maris Baltici

Dominium maris Baltici

Ein Weltkrieg wie der dreißigjährige hinterlässt Kriegsmüdigkeit, aber auch Kriegsbereitschaft; denn von den Konflikten, die ihn herbeiführten, werden nur einige, und auch die nicht zur Befriedigung aller gelöst werden. Nicht nur die Besiegten hatten Opfer bringen müssen, auch die Sieger, die ja verschiedene und zum Teil entgegengesetzte Interessen hatten, mussten in manchen Punkten nachgeben und sich auf spätere Gelegenheiten vertrösten lassen. Es gab nach dem Krieg nicht nur eine ausgesogene, erschöpfte Bevölkerung, sondern auch Armeen, die ihre Landesherren nicht entlassen wollten und konnten, und in denen noch die Lust an ihrem Geschäft und die Begierde nach dem Gewinn brannte, den es mit sich bringen konnte. Die Gewinner im Dreißigjährigen Krieg waren Frankreich und Schweden. Frankreich war vorläufig gesättigt, Schweden war trotz seines Ländergewinns am Krieg verarmt.


Gustav Adolf

Schon Gustav Adolf hätte den Krieg ohne französisches Geld nicht führen können; nach seinem Tod hatte die Krone ihre Domänen an die adligen Herren verschenken müssen, die von jeher in Schweden mächtig waren und es vollends im Kriege wurden. Bedrohlich erhob sich die Frage, wie die zurückkehrenden Soldaten ernährt werden sollten.

Mit Gustav Adolf war die schwedisch-protestantische Linie des Hauses Wasa im Mannesstamm ausgestorben. Nachdem seine Tochter Christine abgedankt hatte, bestieg Karl Gustav von Zweibrücken als nächster Verwandter den Thron.


Karl Gustav von der Pfalz-Zweibrücken später als Karl X. Gustav König von Schweden. Geboren am 8.11.1622 in Nyköping, verstorben am 13. Februar 1660.

Während manchmal kleine Reichsfürsten ihre Soldaten, die sie nicht entlassen wollten, aber nicht bezahlen konnten, irgendeiner kriegführenden Macht überließen, erwog Karl Gustav den Ausweg, mit seinem erprobten Heer einen Eroberungskrieg zu beginnen. Der Krieg konnte die Soldaten ernähren, konnte seinem Land die breitere Grundlage schaffen, die ihm fehlte, und befriedigte zugleich die angeborenen Neigungen und Talente des jungen Königs. Karl X. Gustav war unförmlich dick und schwer; aber unternehmend, abenteuerlustig und ein ausgezeichneter Feldherr, reich an Einfällen und jeder Lage gewachsen. Übrigens war er verschlossen, ob außer seinen kriegerischen Interessen etwas in ihm vorging, und was es war, erfuhr man nicht.

Seit Jahrhunderten kämpften Dänemark, Schweden und die deutsche Hanse um das, was man damals das Dominium maris Baltici nannte, die Beherrschung der Ostsee, das heißt um das Recht, mit den angrenzenden Ländern Handel zu treiben und die damit verbundenen Zölle zu erheben; in der neueren Zeit war die Hanse aufgelöst und aus dem Wettbewerb ausgeschaltet.


Wenn Karl X. Gustav sich auf Polen warf, so verfolgte er damit die Politik, die sein großer Vorgänger Gustav Adolf ihm gewiesen hatte. Das agrarische Polen war zwar nicht gewerbetreibend und keine Handelsmacht; aber es besaß einen hervorragenden Handelsplatz in der Stadt Danzig, die Gustav Adolf nicht hatte überwinden können, und in der Provinz Litauen einen Küstenstrich, der ausgenützt werden konnte. Außerdem gab es noch andere, besondere Verhältnisse, die Polen und Schweden zu Feinden machten.

Zu Ende des 16. Jahrhunderts war ein schwedischer Prinz, der die Anwartschaft auf den schwedischen Thron hatte, König von Polen geworden. Da er zum Katholizismus übergetreten war und dem neuen Glauben mit Leidenschaft anhing, so dass er ihn nicht nur in Polen, sondern auch in Schweden verbreiten wollte, wurde er in Schweden nicht zur Regierung zugelassen; vielmehr kam es dort zu strengen Gesetzen gegen das katholische Bekenntnis. Unter Ausschließung des katholischen Wasa, der in Polen regierte, kam die protestantische Linie mit Karl IX. auf den schwedischen Thron, dem im Jahr 1611 sein Sohn Gustav Adolf folgte. Der polnische Vetter, König Sigismund, behauptete sein Recht. Er war ein energischer, ehrgeiziger Fürst, der nach dem Aussterben des Hauses Rurik sein Auge auch auf Russland warf. In dem Krieg zwischen Polen und Schweden, den die polnischen Ansprüche auf Schweden herbeiführten, gelangte zwar Gustav Adolf nicht zum entscheidenden Sieg, doch kam es zu einem Waffenstillstand, der Estland und Livland in seinem Besitz ließ. Russland, wo inzwischen das Haus Romanow den Thron bestiegen hatte, war vom Meer abgedrängt. Der Umstand, dass der Kaiser Polen unterstützt und durch Wallensteins imperialistische Politik sich am Meer festgesetzt hatte, bewog Gustav Adolf in den großen festländischen Krieg sich einzumischen; er wollte verhindern, dass das Meer, welches er als das seinige betrachtete, in die Gewalt einer anderen, noch dazu katholischen Macht geriet.

Jetzt eben, in der Mitte des 17. Jahrhunderts, hatten die Moskowiter, wie man die Russen damals nannte, unter dem Zaren Alexei Michailowitsch Polen angegriffen.


Zar Alexei Michailowitsch von Russland, „der Sanftmütigste“ ( russisch Алексей Михайлович Тишайший; * 19. März 1629 in Moskau; † 29. Januar 1676.

Sollten sie den Schweden zuvorkommen? Sollte Schweden nicht vielmehr die bedrängte Lage Polens ausnützen? Ein leiser Geruch von Verwesung ging von Polen aus und lockte die Geier. König Johann Casimir von Polen war der letzte Spross der katholisch-polnischen Wasa, ein schwächlicher, zum Regiment untauglicher Herr, unter dem die Adelsrepublik sich unaufhaltsam auflöste. Es war töricht von einem so hilflosen Herrscher, die Nachfolge Karl Gustavs in Schweden nicht anzuerkennen und ihm dadurch einen Vorwand zum Angriff zu geben; es fehlte zwar auch sonst nicht an Streitpunkten zwischen Polen und Schweden, die sich hätten benützen lassen.


Johann II. Kasimir als König von Polen, Titularkönig von Schweden, Großfürst von Litauen (1609 – 1672)

Schrecken und Unruhe verursachte Karl Gustavs Schilderhebung in ganz Europa. Ohnehin war der Krieg zwischen Frankreich und Spanien noch im Gang, und ein Zusammenstoß zwischen England und Holland drohte. Diese Kriege aber waren wenigstens auf zwei Gegner beschränkt; der im Osten, fürchtete man, würde um sich greifen. Große Aufregung entstand namentlich am Berliner Hof. Als Karl Gustav um Bundesgenossen warb, stimmte der kühne Graf Waldeck sogleich dafür, die Gelegenheit zu ergreifen, bei der viel zu gewinnen sei: ein Krieg an der Seite Schwedens gegen das katholische Polen fügte sich durchaus in die Ziele, die er sich für Brandenburg gesetzt hatte.

Friedrich Wilhelm, dem die Entscheidung zufiel und der die Verantwortung tragen musste, rang mit Begier und Furcht. Siegte Schweden, so konnte er die Unabhängigkeit des Herzogtums Preußen erlangen, das er von Polen zu Lehen trug, ein höchst willkommener Machtzuwachs; war er aber sicher, dass es siegen werde? Die Schweden malten den Zustand Polens so aus, als liege es bereits in den letzten Zügen; aber der preußische Gesandte in Polen war nicht derselben Meinung und warnte. Die Räte waren mit einem so gewagten und treulosen Schritt, wie die Waffenerhebung gegen Polen sein würde, nicht einverstanden, namentlich die Kurfürstin, die Oranierin Luise Henriette, beharrte dabei, dass Friedrich Wilhelm als redlicher Mann dem König von Polen, dem er den Vasalleneid geschworen habe, treu bleiben müsse.


Luise (auch Louise) Henriette von Oranien-Nassau (* in Den Haag; † in Cölln, in zeitgenössischen Dokumenten werden die Daten mit 26. November und 8. Juni noch im Julianischen Kalender angegeben) war Kurfürstin von Brandenburg und die erste Ehefrau des Großen Kurfürsten.

Aber grade das, dass er Vasall des Königs von Polen war, drückte den Kurfürsten, und er hätte sich gern von diesem Verhältnis frei gemacht. Nachdem seine Begehrlichkeit einmal angeregt war, vermochte er auf einen so kostbaren Preis nicht mehr zu verzichten; nur hätte er ihn gern eingestrichen, ohne etwas aufs Spiel zu setzen. Am liebsten hätte er es mit beiden Gegnern gehalten, um sich zuletzt auf die Seite des Gewinners zu schlagen, und soweit es möglich war, führte er das auch durch. Er unterhandelte gleichzeitig mit Schweden und Polen, teils mit beider Vorwissen, teils heimlich und so geschickt, dass der angegriffene Teil es nicht merkte, wenn seine Truppen schon gegen ihn unterwegs waren. Als er von Karl Gustav verlangte, dass die Kriegserklärung gegen Polen nicht eher erlassen werden dürfe, bis er mit seinen Völkern über die Weichsel gegangen wäre, damit er sich unter dem Schutz des friedlichen Verhältnisses mit Polen und unter dem Vorwand des von den großpolnischen Ständen erbetenen Schutzes in den Besitz der begehrten Landschaften setzen könne, fand der König, dass das doch zu weit gehe.

Vom preußischen Hinterpommern aus brach Karl Gustav in Polen ein, während die Russen vom Osten her Litauen überfielen. Der polnische Adel unterwarf sich dem Schwedenkönig kampflos, Johann Casimir floh von Warschau nach Krakau, der alten Krönungsstadt, und von da nach Schlesien; es war ein vollständiger Zusammenbruch, dem, wie man annehmen konnte, die Auflösung Polens folgen würde. Die Küste dachte Schweden für sich zu behalten, kleine Stücke an Brandenburg, vielleicht auch an Russland und Siebenbürgen zu geben. Indessen der Zusammenbruch war zu stürmisch gewesen, um einen dauerhaften Zustand zu gewährleisten. Das streng katholische Land empörte sich gegen den protestantischen Herrscher, und der Adel, wie haltlos und treulos er sich auch benommen hatte, begriff bald, was für einen unvorteilhaften Tausch er gemacht hatte. Das so schnell gewonnene Polen leistete der Besetzung Widerstand und musste nun erst mit Waffengewalt überwunden werden. Man staunte, was für ein gewaltiges Heer das Land aufbrachte, das sich soeben jämmerlich unterworfen hatte: etwa 100.000 Mann standen in Waffen, eine für die damalige Zeit ungeheure Zahl. Sie waren der vereinigten schwedisch-brandenburgischen Armee ungefähr fünffach überlegen, aber an Ordnung, Ausrüstung, Kriegserfahrung ihr nicht entfernt gleich; die brandenburgischen Führer waren zumeist Veteranen des Dreißigjährigen Krieges. Die Polen waren durch Tataren verstärkt, auf beiden Seiten fochten fast nur Reiter; bei den Polen wurden Fußvolk und Artillerie überhaupt ganz vernachlässigt. Die große Schlacht bei Warschau, die sich über drei Tage erstreckte und durch originelle Manövrierung des siegreichen schwedisch-brandenburgischen Heeres merkwürdig war, vermehrte den Ruhm Karl Gustavs und begründete das militärische Ansehen Friedrich Wilhelms; den Krieg beenden konnte sie nicht.

Aus dem halbbarbarischen Polen brachen, wenn es eben unterworfen war, neue kampfbereite Menschenmassen hervor und stellten die errungenen Vorteile wieder in Frage. Der moskowitische Zar machte sich lästig, indem er mit vielen Truppen in Livland eindrang, das tatsächlich, wenn auch nicht förmlich, den Schweden gehörte. So viel nahm sich der Großfürst heraus, dass er dem Kurfürsten von Brandenburg zumutete, ihn als Lehnsherrn anzuerkennen, weil das Herzogtum Preußen eine Dependenz von Litauen sei. Dazu kam, dass sich nun auch der Kaiser entschloss, dem glaubensverwandten Polen zu Hilfe zu kommen: die Aussicht, Schweden in die Nachbarschaft seiner Erblande vordringen zu sehen, erschreckte ihn. Karl Gustav wurde dieses unabsehbaren Kampfes müde, bei dem seine Heldentaten so wenig greifbare Früchte trugen. Ein Angriff des stets eifersüchtigen Dänemarks gab ihm den Anlass, das Festland mit seinen Truppen zu verlassen und sich mit dem gewohnten Schwung auf den treulosen Nachbarn zu stürzen.

Friedrich Wilhelm war nun in misslicher Lage, da er, nachdem Karl Gustav abgezogen war, den polnischen Krieg allein auf dem Hals hatte. Andrerseits bot sich eine neue, viel aussichtsreichere Kombination: wenn er sich mit Polen versöhnte und mit dem Kaiser verbündete, konnte er nicht nur die Unabhängigkeit Preußens erringen, sondern auch Schweden das im Dreißigjährigen Krieg abgetretene Pommern wieder abjagen. Es kam ihm zugute, dass er eine politique volpinesque, wie der holländische Ratspensionär Jan de Witt es nannte, eine Fuchspolitik getrieben und dauernd nach allen Seiten verhandelt hatte, woran er nun anknüpfen konnte. Im Bund mit Polen und dem Kaiser und im Begriff Pommern zu erobern, stand er immer noch in freundschaftlichen Beziehungen zu dem verratenen Bundesgenossen Karl Gustav. Viel zu sehr ineinander verschlungen waren aber die abendländischen Verhältnisse, als dass ein einzelner, noch dazu eine so verhältnismäßig kleine Macht wie der Kurfürst von Brandenburg, umwälzende Absichten so ohne weiteres hätte verwirklichen können. Nicht nur dass der Kaiser, sein eigener Bundesgenosse, keine Lust hatte, dem ehrgeizigen Reichsfürsten zu beträchtlicher Vergrößerung zu helfen und sich folglich für den pommerschen Krieg nur lau einsetzte, Frankreich, das im Jahr 1659 den langen Krieg mit Spanien endlich siegreich beendigt hatte, warf sein Machtwort zugunsten Schwedens in die Waagschale: Es gehörte zur französischen Politik, Schweden in seinen Ansprüchen an das Reich zu unterstützen und ihm seinen im Westfälischen Frieden erworbenen Besitz im Reich zu erhalten. So kam es, dass im Frieden von Oliva, der im Jahr 1660, kurz nach dem vorzeitigen Tod des nordischen Alexander, wie man Karl Gustav zu nennen pflegte, die nordischen Wirren beendete, die alten Verhältnisse im Wesentlichen wiederhergestellt wurden. Polen war gerettet, einzig auf die Oberhoheit über das Herzogtum Preußen musste es verzichten. Friedrich Wilhelm hatte durch sein Schaukeln zwischen den Parteien, das durch kräftige militärische Anstrengungen unterstützt wurde, nicht nur sich von Polen unabhängig gemacht, sondern auch sein Ansehen als kluger Politiker und bedeutender Feldherr sehr vermehrt. Russland musste sich mit einer kleinen Gebietserweiterung begnügen, den Zugang zum Meer, den es erstrebt hatte, erreichte es nicht.

Seiner Gesinnung getreu hatte Graf Waldeck die Schwenkung des Kurfürsten zum Kaiser hinüber nicht mitgemacht; schon im Mai des Jahres 1658, bald nachdem das Bündnis mit dem Kaiser zustande gekommen war, verließ er den brandenburgischen Dienst, um später in schwedischen zu treten. Vergebens hatte ihn der kaiserliche Gesandte Lisola, der seinen Wert erkannte, durch große Vergünstigungen für den Dienst des Kaisers zu gewinnen versucht. Viele Jahre später sollte er den Kurfürsten, seinen ehemaligen Herrn und Freund, unter sehr veränderten Verhältnissen wiedersehen.

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Der Rheinbund

Der Rheinbund

Der Kurfürst von Brandenburg war nicht der einzige, der als Haupt einer Allianz die Führung im Reich an sich zu bringen dachte: ein katholischer Fürst war es, dem das gleiche Ziel vorschwebte, der Kurfürst Johann Philipp von Mainz.


Johann Philipp von Schönborn (* 6. August 1605 auf Burg Eschbach (heute Laubuseschbach) im Östlichen Hintertaunus; † 12. Februar 1673 in Würzburg) war Kurfürst und Erzbischof von Mainz

Schon durch seine Stellung als Erzkanzler des Reichs war Johann Philipp der bedeutendste unter den rheinischen Fürsten; aber er war es auch durch seine Person. Johann Philipp von Schönborn hatte im Dreißigjährigen Krieg als Offizier in kaiserlichem Dienst gestanden, war dann, 25jährig, Kapitular von Würzburg geworden und hatte als solcher den Einfluss des edlen und unglücklichen Spee erfahren. Was von dessen hochherziger Menschlichkeit auf ihn übergegangen sein mochte, gestaltete sich in ihm zur Duldsamkeit in religiösen Fragen und zu allgemeiner Friedensliebe, soweit beides nicht zu seinem fürstlichen Ansehen in Widerspruch stand. Den Hexenprozessen hat er in seinem Land ein Ende gemacht. Es gab keinen Fürsten im Reich, für den das fürstliche Ansehen nicht ausschlaggebend gewesen wäre, alle beherrschte die Sucht, ihr Gebiet, sei es groß oder klein, zu vergrößern und möglichst ertragreich zu machen. Als Johann Philipp im Jahr 1647 Kurfürst von Mainz wurde, war sein Kurfürstentum noch zum großen Teil von französischen Truppen besetzt, und er glaubte, den König von Frankreich am ehesten durch Nachgiebigkeit in allen Dingen zur Räumung bewegen zu können. Die Politik des Anschlusses an Frankreich war ihm nicht neu, er hatte dem Kaiser schon früh widerstrebt, als derselbe energischeres Vorgehen gegen Frankreich forderte.


Maximilian von Bayern (1573 – 1651)

Im Verein mit dem streng katholischen Maximilian von Bayern hatte er den Kaiser zur Abtretung des Elsass an Frankreich gedrängt. Allerdings war seine Politik von der des bigotten, auf Österreich eifersüchtigen Bayern doch verschieden.


Johann Philipp

Johann Philipp missbilligte die protestantenfeindliche Haltung des Kaisers, er selbst war in seinem Land milde gegen sie, hatte Protestanten in seinem Dienst und scheute sich sogar nicht, einem protestantischen Gottesdienst beizuwohnen. Vor allen Dingen hielt er dafür, dass der Friede für Deutschland notwendig sei und dass, da die gänzliche Unterwerfung der Protestanten, die der Kaiser wünschte, sich als unmöglich erwiesen habe, man sich mit ihnen vertragen müsse. Die Lage brachte den begabten, ehrgeizigen Johann Philipp auf den Gedanken, die Führung der Reichsangelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen in der Weise, dass er zunächst die rheinischen Länder in einer Allianz zusammenfasste, in die allmählich nach Möglichkeit auch andere Reichsfürsten ohne Unterschied der Konfession aufgenommen würden. Für jeden Reichsfürsten, ganz besonders aber für den Erzkanzler des Reiches, wäre es ordnungsgemäß gewesen, den Plan des Rheinbundes dem Kaiser zu unterbreiten und ihn zu bitten, sich an seine Spitze zu stellen. Nach Johann Philipps Meinung aber sollte der Bund in gewissem Sinne gegen den Kaiser gerichtet sein, insofern er etwaige kriegslustige oder herrschsüchtige Gelüste desselben in Schach halten sollte. War es schon eine Beleidigung des Kaisers, dass er nicht zum Eintritt in die Allianz eingeladen wurde, so war die Aufnahme des Königs von Frankreich vollends eine Herausforderung.

Das volkreiche und geldreiche, kräftestrotzende Frankreich musste notwendigerweise einen Druck auf das verarmte, verödete Reich ausüben und gegen dasselbe vordringen. Seit der Zeit Richelieus war zu deutlichem Ausdruck gekommen, welches das Eroberungsziel des geeinigten Landes war. Im Jahr 1632 erschien ein Buch des königlichen Rats Jacques de Cassan unter dem Titel La recherche des droits du Roy et de la couronne de France; es war Richelieu gewidmet. In diesem Buch wurde festgestellt, dass ganz Deutschland mitsamt seinem Anhang eigentlich Frankreich gehöre, außerdem Portugal und große Teile von Spanien und Italien. Für den Drang Frankreichs, mindestens den Rhein zu erreichen und womöglich die Kaiserkrone zu erringen, schien jetzt die Stunde der Ausführung gekommen zu sein. An der Spitze des an Hilfsmitteln überreichen Landes stand ein junger, begabter, höchst ehrgeiziger und völlig skrupelloser König, der sich zur Herrschaft über Europa berufen fühlte. Zu der Anziehungskraft der Macht, die Frankreich ausübte, kam die einer Kultur, die innerhalb der Schranken französischer Eigenart einen hohen Grad von Vollkommenheit erreicht hatte. In der Ausbildung der Sprache, in Poesie und Wissenschaft war Frankreich Deutschland weit überlegen, eine Menge vorzüglicher Ingenieure, Diplomaten, Soldaten, Feldherren, Staatsmänner, Gewerbetreibender, Dichter und Gelehrter wetteiferten, Frankreich groß zu machen und den Monarchen zu verherrlichen. Über die Rechte seines Landes, über die Anschauungen und die Willensrichtung der Untertanen gebot der König unbeschränkt; mit dem Kaiser verglichen war er fast allmächtig.

Die rheinischen Fürsten, die sich nach dem verwüstenden Krieg in ihren Ländern wieder leidlich einzurichten suchten, erfüllte gegenüber dem gewaltigen Nachbarn Schrecken und Bewunderung. Da sie es für unmöglich hielten, ihm zu widerstehen, schien es das Beste, sich gut mit ihm zu stellen. Indem er ein Glied des Bundes und ihr Freund und Beschützer wurde, war er zugleich unschädlich gemacht. Es war im Jahr 1655, als Johann Philipp einer schon bestehenden Allianz zwischen einigen rheinischen Fürsten beitrat, um sie zum Ausgangspunkt seines Planes zu machen. Als der einzige Staatsmann mit bestimmten Zielen war er bald der Leiter des Bundes und bemühte sich, ihn in seinem Sinne auszubauen. Mitten in die angeknüpften Verhandlungen fiel ein folgenschweres Ereignis, der Tod des Kaisers Ferdinand III.


Ferdinand III. (* 13. Juli 1608 in Graz; † 2. April 1657 in Wien ), geboren als Ferdinand Ernst, Erzherzog von Österreich aus dem Hause Habsburg, war vom 15. Februar 1637 bis zu seinem Tod.

Er starb im Frühling 1657, nachdem er während der letzten Jahre infolge des Todes seines geliebten ältesten Sohnes in Schwermut versunken gewesen war. Nicht nur die Fürsten im Reich, ganz Europa wurde durch die bevorstehende Kaiserwahl in Aufregung versetzt.


Jules Mazarin, eigentlich „Giulio Mazzarino“, er unterzeichnete aber bis zu seiner Übersiedlung nach Frankreich als „Giulio Mazzarini“, (* 14. Juli 1602 in Pescina, Königreich Neapel; † 9. März 1661 im Schloss Vincennes, Königreich Frankreich), war ein französischer Diplomat und Kardinal italienischer Abstammung, seit 1659 Herzog von Nevers und Rethel sowie von 1642 bis 1661.

Mazarin, damals leitender Minister in Frankreich, hätte die Kaiserkrone am liebsten seinem König, dem jungen Ludwig XIV., zugewendet, allein er sah ein, dass das trotz aller Versprechungen, die die Kurfürsten ihm gelegentlich machten und die Karl Ludwig von der Pfalz vielleicht sogar ernst meinte, nicht durchzusetzen sein werde.


Karl I. Ludwig (Pfalz) Karl I. Ludwig (* 22. Dezember 1617 in Heidelberg; † 28. August 1680 bei Edingen) aus der pfälzischen Linie der Familie der Wittelsbacher.

Da die Politik der deutschen Fürsten von jeher bezweckte, die Macht des Kaisers zu schwächen, hätten sie sich den größten Tort angetan, wenn sie den mächtigsten Monarchen Europas sich zum Herrn gesetzt hätten.

Gegen Karl V., so gewaltig er war, hatten sie Frankreich aufbieten können; wer sollte sie vor einem Kaiser schützen, der zugleich König von Frankreich war? Wenn der König von Frankreich aber für sich selbst verzichten musste, sollte wenigstens ein von ihm abhängiger Kandidat die Krone erringen, und dazu ersah Mazarin den jungen Kurfürsten von Bayern, Ferdinand Maria. Ausnahmsweise aber verhielt sich Bayern ablehnend gegen Frankreich: unter dem Einfluss seiner Mutter, die eine österreichische Prinzessin war, und seiner Österreich freundlichen Räte verpflichtete sich der noch sehr junge Kurfürst, die Wahl nicht anzunehmen. Mochten auch hie und da Gedanken an ein protestantisches Kaisertum und an die Kurfürsten von Sachsen oder Brandenburg auftauchen, so waren das doch nur Träume ohne Folge. Es war wieder so, dass man aus Verlegenheit an dem verhassten Hause Habsburg hängen blieb. Sehr wichtig war es, dass die Kaiserwahl grade in die Zeit fiel, wo der Kurfürst von Brandenburg sich mit dem Kaiser gegen Schweden verbinden wollte und deshalb dem in Österreich regierenden Herrn seine Stimme nicht entziehen konnte. Der Kurfürst von Köln, ein Wittelsbacher, der seinen bayrischen Verwandten gewählt hätte, ließ sich, da dieser ablehnte, mit einer mäßigen Bestechungssumme, wie die Habsburger sie aufzuwenden pflegten, gewinnen. Mainz war umso eher geneigt, sich für Österreich zu erklären, als es ein Mittel hatte, noch über die Wahlkapitulation hinaus den Kaiser in Schranken zu halten, nämlich den Rheinbund.

Wenn der König von Frankreich ihm beitrat, so hatte man, meinte der Erzkanzler des Reiches, ein Gegengewicht, das den Kaiser an seine Verpflichtung, Spanien nicht gegen Frankreich zu unterstützen, fest binden und dadurch den Frieden sichern würde. Er glaubte, trotz des Königs von Frankreich, die leitende Macht im Bunde zu bleiben und dadurch die ausschlaggebende Macht im Reich werden zu können, der Friedensbringer.

Eine ganz uneigennützige Friedensliebe war von allen diesen Herren, auch von Johann Philipp von Schönborn, nicht zu erwarten. Den unersättlichen Geldhunger der deutschen Fürsten in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts konnte nur Frankreich befriedigen. Ist es immer schwer, die ineinander verschlungenen Fäden des Guten und Bösen zu entwirren, so lässt sich auch nicht leicht beurteilen, wieweit Geldgier und wieweit vernünftige politische Gründe für die Handlungen der Fürsten maßgebend waren. Point d'argent point de Mayence pflegte man in Frankreich zu sagen. Alle fanden es selbstverständlich, dass sie für ihre Dienste gut bezahlt wurden. Die Kaiser wandten viel weniger auf Bestechung als die französischen Könige, teils weil sie kein Geld hatten, teils weil sie zu stolz waren, um sich die Anhängerschaft der Reichsstände zu erkaufen.

In den Jahren 1658 bis 1666 traten dem Bunde nacheinander bei: Frankreich, Kur-Mainz, Kur-Köln, Schweden, Pfalz-Neuburg, Braunschweig, beide Hessen, Württemberg, Zweibrücken, der Bischof von Basel, der Bischof von Straßburg, Kur-Brandenburg, der Markgraf von Brandenburg. Der Kurfürst von Brandenburg war einer der letzten, der sich anschloss; nicht die Mitgliedschaft Frankreichs schreckte ihn ab, mit dem er ohnehin verbündet war, wohl aber die Mitgliedschaft Schwedens, dem er das fast schon eroberte Pommern wieder hatte herausgeben müssen.

Es wäre ein Wunder gewesen, wenn so viele deutsche Fürsten sich längere Zeit miteinander vertragen hätten. Der Gegensatz zwischen Kurfürsten und Fürsten, zwischen Katholiken und Protestanten machte sich bald bemerkbar. Dass der Kurfürst von Mainz sich mit Hilfe französischer Truppen der protestantischen Stadt Erfurt bemächtigte, auf die er Ansprüche hatte, gab den Protestanten gerechten Anlass zum Unwillen. Es zeigte sich bei dieser Gelegenheit, welches eigennützige Interesse der Kurfürst an der Verbindung mit Frankreich hatte: er, der Friedensstifter, der so eifrig daran gearbeitet hatte zu verhindern, dass spanische Truppen den Reichsboden beträten, erlaubte sich, mit französischen Truppen den Frieden zu brechen.

Übrigens war die Sorge, der Kaiser möchte trotz eingegangener Verpflichtungen Spanien gegen Frankreich unterstützen und dadurch das Reich in Krieg verwickeln, schon hinfällig geworden, als im Jahr 1659 der Pyrenäische Friede zustande kam und einen Krieg abschloss, der 24 Jahre gedauert hatte. Er entschied das Übergewicht Frankreichs in Europa und das endgültige Abgleiten Spaniens von der gebietenden Stellung, die es zur Zeit Karls V. und Philipps II. eingenommen hatte.

* * *

Ludwig und Leopold

Ludwig und Leopold

Bald nach dem Abschluss des Pyrenäischen Friedens starb Mazarin, der Nachfolger Richelieus, und an die Spitze Frankreichs trat der junge König Ludwig XIV. mit der Absicht, die Regierungsgeschäfte selbst in die Hand zu nehmen.


Ludwig XIV., französisch Louis XIV (* 5. September 1638 in Schloss Saint-Germain-en-Laye; † 1. September 1715 in Schloss Versailles)

Er war der erste Monarch in Europa, der die neue Staatsrechtslehre von der Unteilbarkeit und Allmacht der Staatsgewalt bewusst und mit dem Einsatz einer starken Willenskraft verwirklichte. Er war durchaus kein Genie, aber erfüllt von Selbstbewusstsein und Ruhmsucht war er höchst geeignet, die Kräfte eines blühenden, geeinigten Landes in sich zusammenzufassen und blendend darzustellen. Die Art, wie er sich selbst als Idol setzte, so dass die persönliche Eigenart sich verflüchtigte, gab ihm etwas Starres; vielleicht aber war es gerade das, dass er mehr götzenhaft als gottähnlich war, was ihm damals und später so viele Bewunderer verschaffte.

Der historische Gegner Frankreichs war der Kaiser. Karl V. hatte einst dem König Franz I. als Mensch und Fürst überlegen gegenübergestanden, Leopold stand in mancher Hinsicht hinter Ludwig zurück.


Kaiser Leopold I. (1672) Leopold I. (* 9. Juni 1640 in Wien; † 5. Mai 1705 ebenda), VI. aus dem Hause Habsburg, geboren als Leopold Ignaz Joseph Balthasar Franz Felician, war von 1658 bis 1705 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.

Er war so verschieden von ihm wie das bunte, mannigfaltige Völkerreich Österreich von dem geschlossenen Staat Frankreich.

Als er im Jahr 1659 zur Regierung kam, war er erst 18 Jahre alt, eine äußerlich etwas kümmerliche Erscheinung. Er hatte nicht das blonde Haar, das eigentliche Kennzeichen der Habsburger, er war dunkel, und nur die außergewöhnlich dicke hängende Unterlippe, die unverschämt große Goschen, wie Karl Ludwig von der Pfalz sagte, konnte als Familienmerkmal angesprochen werden. Als jüngerer Sohn war er zum Geistlichen bestimmt und jesuitisch erzogen worden, seine natürliche Anlage zum Jähzorn, zum Selbstbewusstsein und zum Stolz hatte man unterdrückt.


Leopold I.

Nicht nur infolge der Erziehung, sondern auch von Natur war er durchaus unkriegerisch und hatte keinen Funken politischer Leidenschaft.

In diesem Punkt war Ludwig ihm weit überlegen. Er besaß, was den Eroberer macht: einen festen auf ein festes Ziel gerichteten Willen. Dies Ziel war durch die großen Minister, die ihm vorausgegangen waren und ihm vorgearbeitet hatten, vorgeschrieben: die Rheingrenze und folglich die Einverleibung derjenigen Gebiete, die Frankreich vom Rhein trennten. Darüber hinaus gab es einen fernen Gipfel, den schimmerndes Gewölk verhüllte: die Kaiserkrone, die noch immer das edelste Diadem der Christenheit war, und dann, was vielleicht jedes Eroberers heimlicher Endwunsch ist, die Weltherrschaft, wenn man den erreichbaren Erdkreis Welt nennen will. Diese Herrschaft konnte nicht unmittelbare Aneignung sein, wohl aber wirksamer Einfluss, schiedsrichterliche Stellung. Ludwig als Kaiser würde der wahre Dominus mundi sein, dem selbst der Papst Untertan wäre. Gab es irgendeine Macht, die ihm erfolgreichen Widerstand hätte leisten können? Über England regierte der Stuart Karl II., den seine Absicht, England wieder zu katholisieren und ein absolutistisches Regiment aufzurichten, zum Gefolgsmann Frankreichs machte, und der ohnehin durch seinen Charakter wie durch das gegensätzliche Verhältnis zu seinem Volk ein gering zu schätzender Feind gewesen wäre. Holland hatte soeben einen großen Seekrieg mit England ruhmreich beendet, durch welchen England Hollands Übergewicht zur See zu brechen versucht hatte.


König Stuart Karl II. England (1630 – 1685)

Wie natürlich war der Anschluss an Frankreich für einen Staat, der sein Entstehen einem 80jährigen Kampf gegen Spanien verdankte!


Johan de Witt (auch Jan de Wit; * 24. September 1625 in Dordrecht; † 20. August 1672 in Den Haag) war als Ratspensionär von Holland für nahezu 20 Jahre der dominierende niederländische Staatsmann, und damit einer der ersten Nicht-Monarchen an der Spitze einer europäischen Großmacht.

Jan de Witt, der Ratspensionär von Holland, ein kultivierter, bedeutender Mann, glaubte im herkömmlichen Anschluss an Frankreich den Frieden am besten erhalten zu können, und Frieden erschien der ersten europäischen Handelsmacht als wichtigstes Erfordernis. Den Frieden und die durch den Kongress von Osnabrück und Münster notdürftig geordneten Verhältnisse zu erhalten, war der allgemeine Wunsch im Reich, das Ludwig auch ohnehin durch den Rheinbund beherrschte. Die meisten Reichsfürsten waren außerdem noch durch Subsidien an Frankreich gefesselt. Es blieb Österreich als etwa zu fürchtender Gegner; aber gegen Österreich konnte Ludwig die Ungarn und die Türken hetzen. Regent, Diplomaten, Feldherren, Finanzen waren überhaupt derart in Österreich, dass der König von Frankreich ohne Mühe mit ihnen fertig werden zu können glaubte.

Seit Leopold die Regierung angetreten hatte, war er außerordentlich fleißig; aber wenn er stundenlang Berichte gelesen und Briefe geschrieben und die disgusti, die die Politik mit sich bringt, ausgehalten hatte, glaubte er eine recreazion verdient zu haben und ergab sich mit frohem Herzen dem, was das Eigentliche war. Das Eigentliche waren Musik und Liebe. In seine jeweilige Frau war er sehr verliebt, besonders wenn sie seine Cousine war. Seine erste Frau, eine spanische Prinzessin, war so vielfach mit ihm verwandt, dass sie fast wie eine Schwester war, und doch eine Fremde, etwas unwiderstehlich Anziehendes. In der Musik war er selbst ausübend, und Musik zu hören konnte er nicht entbehren. Wenn eine Oper aufgeführt wurde, stahl er sich selbst dann hin, wenn die Hoftrauer um irgendein Glied seiner Familie es ihm eigentlich verbot. Auch den Balletten, den Turnieren, den Jagden und sonstigen Festlichkeiten widmete er sich mit Hingebung. Neben einem steifen und pompösen Zeremoniell, das streng nach den Gebräuchen der Vorfahren eingerichtet war und unerschütterlich gehandhabt wurde, ging es am Hof wienerisch gemütlich zu. Viele fanden es anstößig, dass Leopold in Frankfurt während der Kaiserwahl sich mit Kegelschieben unterhalten und dabei vertraulich mit seinen Begleitern verkehrt hatte. Er konnte das tun, weil er wusste, dass sie nie die Grenze überschreiten würden, die zwischen dem Herrn und seinen Dienern gezogen war. Vielleicht war es eine Art Hochmut, dass er sich so unbekümmert in seiner Menschlichkeit gehen ließ; aber jedenfalls war es ein Hochmut, der ihm die Menschen näherbrachte, anstatt sie von ihm zu entfernen. Die Dietrichstein, Portia, Lobkowitz, Liechtenstein, Piccolomini, Esterhazy, Österreicher, Reichsdeutsche, Italiener, Böhmen, Ungarn, die die Hufe ihrer Pferde mit Silber beschlagen lassen konnten, die viele Güter besaßen und reicher waren als der Kaiser, hielten sich in Wien auf, weil sie nur am Hof ihres Lebens froh werden konnten. Zu den Beschäftigungen, die dem Kaiser am Herzen lagen, gehörte auch das Besuchen von Kirchen und Klöstern, die Wallfahrten, die gottesdienstlichen Verrichtungen. Er war sehr kirchlich und aus Überlieferung und Gewohnheit fromm. Gott war für ihn ein besonders vornehmes Glied der Familie, eine Art sagenhafter Ur-Habsburger, der wohl einmal, temperamentvoll, wie er war, die Zuchtrute über ihm schwingen konnte, der aber doch schließlich ein Einsehen haben und die Seinigen gut hinausführen würde.

Dem leidenschaftlichen Erobererwillen Ludwig XIV. hatte er diese Frömmigkeit und sein Pflichtgefühl entgegenzusetzen, und etwas, was freilich auch Magie war: das habsburgische Cäsarenbewusstsein, das sich mit seiner kindlich-spielerischen Natur wunderlich vereinte. Dadurch, dass er nichts tat, ermöglichte er es zuweilen der Zeit und dem Zufall, etwas für ihn zu tun. Etwas österreichischer Skeptizismus und Fatalismus war auch dabei; er sah um sich herum so viele Leute, auch seine eigenen Kinder, sterben, sah so viele Glückswechsel, Erwartungen und Enttäuschungen: basta, pazienza, man musste es geschehen lassen, man konnte nichts tun, als hoffen, dass es besser komme.

So war es aber doch nicht, dass sich Leopold des Gegensatzes zu Frankreich, der ein Erbteil seiner Familie war, nicht bewusst gewesen wäre. Frankreich gegenüber fühlte er sich deutsch und erhob sich auch wohl zu dem Gefühl der Verantwortung, die er als Kaiser für das Reich übernommen hatte. Seine Briefe waren, wie gewiss auch seine Rede, gespickt mit lateinischen, italienischen, spanischen Brocken, denn diese Sprachen beherrschte er und hatte viel Gelegenheit, sie zu brauchen; aber nie kommt ein französischer Ausdruck vor. Es musste ihn erbittern, dass Ludwig ihm in Spanien den Rang ablief und die Hand der ältesten Tochter des spanischen Königs errang, die er schon als die seinige betrachtet hatte. Durch unablässiges Werben und Drängen setzte er die Vermählung mit der zweiten, Margarethe Theresia, durch, einem zarten, gebrechlichen Wesen, das nach mehreren Geburten geduldig starb. Einstweilen jedoch bestanden zwischen Versailles und Wien gute Beziehungen, Leopolds vertrautester Rat, Lobkowitz, war sogar ein Bewunderer des französischen Königs.


Wenzel Eusebius Fürst Lobkowitz (1609–1677)

Vergleicht man die Persönlichkeit der beiden Regenten, so musste, wenn es sich um kriegerische Entscheidungen handelte, Leopold hinter Ludwig zurückstehen; noch weit mehr aber war das der Fall, wenn man den Unterschied in der Verfassung der Länder bedenkt. Ludwig verfügte über alle finanziellen und militärischen Kräfte Frankreichs; wenn auch Leopold keinen Widerstand der Stände mehr zu befürchten hatte, so war doch Österreich bei weitem nicht so zentralisiert wie Frankreich, und auf den österreichischen Adel musste viel mehr Rücksicht genommen werden. Als Kaiser bedeutete Leopold militärisch überhaupt nichts. Ob das Reich, das unter einem Führer eine fast unwiderstehliche Macht ins Feld hätte schicken können, sich ihm anschließen wollte, hing vom Belieben der einzelnen Reichsstände ab, von denen ein großer Teil an Frankreich verkauft war. Ohne Verbindung mit einer auswärtigen Macht konnte Leopold kaum einen Krieg mit Frankreich wagen.

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Ludwigs erster Raubkrieg

Ludwigs erster Raubkrieg

Wie rasch ein großes und mächtiges Reich zur Bedeutungslosigkeit herabsinken kann, davon ist das Spanien des 17. Jahrhunderts ein Beispiel. Nach dem 80jährigen Krieg mit Holland und dem 24jährigen mit Frankreich, den der Pyrenäische Friede im Jahr 1659 abschloss, konnte die einst so stolze, gefürchtete Macht nicht mehr handelnd und richtunggebend in die Welthändel eingreifen. Wie es oft der Fall ist, bestand auch in Spanien ein merkwürdiger Zusammenhang zwischen dem Zustand des Landes und dem seiner Herrscher. Ebenso ohnmächtig hinschwindend wie das Land war die Dynastie. Die Bilder der letzten spanischen Habsburger, die Velazquez gemalt hat, zeigen höchst verfeinerte Geschöpfe, heimatlos, ziellos, von der Wehmut des Abschieds überhaucht. Man hatte sich daran gewöhnt, in Philipp IV. den letzten der Familie zu sehen, als ihm zu allgemeiner Überraschung noch ein Sohn geboren wurde, der den Namen seines größten Vorfahren, Karl, erhielt. Das blonde Kind, um dessen Dasein begehrliche Leidenschaften kreuzten, war so zart, dass man meinte, ein Hauch könne es auslöschen. Angstvoll behütet, wurde es launisch und unlenkbar. Man suchte es abzuhärten, durch Selbstüberwindung zu stählen. Der österreichische Gesandte am Hof von Madrid berichtet nach Wien, dass der kleine Prinz das Ausziehen eines Stockzahnes heroisch überstanden habe, und Leopold, sein kaiserlicher Oheim, der selbst Zahnschmerzen hatte und einer etwaigen Operation zitternd entgegensah, war geneigt, diesen Beweis frühen Heldentums als glückliches Vorzeichen zu betrachten. Im Allgemeinen aber waren die europäischen Höfe überzeugt, dass Karl nicht lange leben und dass er keine Kinder zeugen werde. Die regierenden Familien, die spanische Prinzessinnen als Mutter, Großmutter oder Urgroßmutter aufzuweisen hatten, bereiteten ihre Ansprüche vor und lauerten sprungbereit auf den schicksalsvollen Augenblick. Infolge der Festsetzungen Karls V. bildeten die Österreichischen und Spanischen Habsburger eine einzige Familie, ihre Länder eine Einheit, der eine Zweig war Erbe des anderen. Wie Familien unverbrüchlich zusammenhalten trotz etwaiger innerer Gegensätze, so handelte es sich auch bei den beiden Habsburger Linien, ganz abgesehen von den Gefühlen, um eine feste, vom Schicksal gewollte Verbundenheit. Der Zwang, dem Leopold infolge der Wahlkapitulation unterstand, Spanien nicht gegen Frankreich zu unterstützen, hatte etwas entfremdend gewirkt. Der junge Kaiser wurde von Madrid aus mit argwöhnischen Augen betrachtet, der spanische Gesandte berichtete nach Hause, wenn Leopold eine französische Theateraufführung besuchte, Leopold entschuldigte sich, so gut es gehen wollte, und kam wohl spanischen Vorwürfen zuvor, indem er sich über spanische Langsamkeit und Schwerfälligkeit lustig machte. Seit er in den Besitz der Königstochter gelangt war und dadurch sein Erbrecht verstärkt hatte, sah er der Zukunft in Hinsicht auf das Erlöschen der Dynastie gelassen entgegen.

Da, im Jahr 1665, starb Philipp IV., und Ludwig XIV. entschloss sich, dies Ereignis zu einer Eroberung zu benützen. Noch atmete der junge Karl, nunmehr König von Spanien, er schien zäher zu sein, als man gemeint hatte; unabsehbar lange Zeit tatenlos zuzuwarten entsprach dem Charakter Ludwigs nicht. Es ist eine Huldigung, die auch der mächtigste Räuber der Idee des Rechts darbringt, dass er in der Öffentlichkeit nicht rauben, sondern ein Recht wahrnehmen will. Die Rechtsverwahrungen Ludwigs XIV. waren sehr fadenscheinig, wurden aber mit viel Aufwand und Gravität verkündigt. Diesmal wurde ein in Brabant herrschendes Erbfolgegesetz, das sich auf Privatverhältnisse bezog, wonach die Töchter aus erster Ehe den Vater beerben, auf den Staat angewandt und daraus der Anspruch Ludwigs, als Gatten der ältesten Tochter des verstorbenen Königs Philipp, auf die spanischen Niederlande abgeleitet.

Es war ein glänzender Erfolg der französischen Diplomatie, dass es ihr gelungen war, vorher denjenigen unschädlich zu machen, der am meisten berufen war, dem überfallenen Spanien zu Hilfe zu kommen, nämlich Leopold. Er war dadurch zum Stillsitzen gezwungen, dass Ludwig ihn bewogen hatte, einen Teilungsvertrag über das spanische Erbe mit ihm abzuschließen.

Die spanische Monarchie umfasste, abgesehen von kleinen Besitzungen, das eigentliche Spanien, die spanischen Niederlande, Mailand, Neapel und Sizilien und die amerikanischen Kolonien, eine Ländermasse, die zu groß schien, als dass man glauben konnte, sie würde von den europäischen Mächten einem einzigen, wäre das Recht auch auf seiner Seite, gegönnt werden. Deshalb ging Leopold auf Ludwigs Vorschlag ein, wonach er, Ludwig, die spanischen Niederlande und Neapel und Sizilien, Leopold Mailand, Spanien und Amerika erhalten sollte. Der stolze und reiche, Frankreich freundliche Lobkowitz hatte, durch alle Intrigen geschickt hindurchsteuernd, mittels welcher Andersgesinnte den Plan zu durchkreuzen suchten, das Abkommen zustande gebracht. Es verstand sich von selbst, dass der Plan geheim bleiben musste, und in der Tat haben die Zeitgenossen nichts davon erfahren, so viel auch an den Höfen geklatscht, gespäht und verraten wurde. Leopold spielte seine zweideutige Rolle besser, als man von einem so frommen und gewissenhaften jungen Mann hätte wünschen mögen; ganz wohl war ihm freilich nicht dabei. Was für Entschuldigungen sollte er immer aufbringen, um den spanischen Verwandten sein Stillsitzen begreiflich zu machen? Ohne Geld von Spanien könne und könne er keinen Krieg führen, ließ er durch seinen Gesandten immer wieder erklären, zum Krieg brauche man dineros, dineros y mas dineros. Die Spanier antworteten mit dem Vorwurf, er, Leopold, gäbe ungeheure Summen für Opern, Ballette und Feste aus. Allerdings hatte er gerade im Jahr 1667 das berühmte Ross-Ballett aufführen lassen, in dem er selbst mitwirkte und für dessen Erfindung und Einrichtung italienische Künstler unverhältnismäßig viel Geld erhalten hatten. Leopold ging auf diese Frage nicht ein, sondern klagte seinerseits über die spanische Langsamkeit. „Per amorem, was schlafen Hispani et non agunt res suas!“ Er und die Spanier, schreibt er, kämen ihm vor wie die sieben Schwaben, von denen jeder dem anderen zumutet: gang du voran! An frommen Trostsprüchen fehlte es natürlich nicht. „ Deus autem habitat in altissimo, kann alle böse disegni gar bald zu nix machen.“ Vielleicht werde dem König von Frankreich sein räuberischer Überfall übel ausgehen, „denn er dies einmal nit verantworten kann“.

Die unglücklichen Spanier hätten freilich viel Geld haben müssen, wenn sie mit den von Frankreich aufgewendeten Bestechungssummen hätten wetteifern wollen. Es wäre wohl nützlich, meint Leopold, wenn man den Kurfürsten von Brandenburg für das Habsburger Haus gewinnen könnte, „denn certe timeo, ne alias Brandenburgensis se vertat ad regem Galliae“. Ebenso, meinte er, würde eine Summe Geldes nicht verworfen sein, wenn man sie employierte, Mainz auf die habsburgische Seite zu bringen, das sich grade von Frankreich abwenden zu wollen schien, und das man nicht steckenlassen dürfe. „Denn ohne Geld erhalten wir diese Leute nit, und nehmen sie nachmals Frankreichs Geld an, so heißt es operam et oleam perdidimus.“

Man muss zugeben, dass es der Kaiser nicht leicht hatte. Spanien, sein sicherster Bundesgenosse, war jetzt mehr eine Belastung als eine Hilfe, die Ungarn drohten mit Abfall, im Osten und im Westen standen zwei mächtige Feinde kampfbereit: Frankreich und die Pforte. Am Hof Ränke zwischen den Räten, die teils für, teils gegen Frankreich waren, sterbende Kinder, eine sterbende Gattin, und im Herzen schon die Liebe zu einer neuen, der schönen Cousine Claudia von Tirol.


Erzherzogin Claudia Felizitas von Österreich-Tirol (1653 – 1676)

Wie peinlich es auch für Leopold war, dass er durch eigene Schuld außerstande war, Spanien zu helfen, fast noch peinlicher mochte es ihm sein, dass ihm durch drei protestantische Mächte, Holland, England und Schweden, geholfen wurde. Der Leiter der Republik Holland, Jan de Witt, erschrak über die Aussicht, Frankreich im Besitz der spanischen Niederlande zu seinem Nachbarn geworden zu sehen. Es gelang ihm, sich mit England und Schweden zu einem Bündnis, der sogenannten Tripelallianz, zu vereinigen, welche den raschen kriegerischen Fortschritt Ludwigs aufhielt und eine Friedensvermittlung einleitete. Dass das schuldlose Spanien Opfer bringen musste, ließ sich allerdings nicht hindern. Ludwig, der in Eile noch die Franche Comté eroberte, um ein Faustpfand mehr zu haben, behielt 12 Festungen in den spanischen Niederlanden, was eine spätere Eroberung erleichtern würde. Zunächst aber gedachte er, Holland dafür zu bestrafen, dass es gewagt hatte, ihm in den Weg zu treten.

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Der holländische Krieg

Der holländische Krieg

Bevor er das Unternehmen gegen Holland ins Werk setzte, hielt es Ludwig für gut, sich den Besitz Lothringens zu sichern, das ohnehin fast ganz abhängig von ihm war. Der Überfall war so gut vorbereitet und wurde so genau und schneidig ausgeführt, dass sich Herzog Karl IV. nur durch eilige Flucht aus seiner Hauptstadt Nancy retten konnte.


Karl IV. (Lothringen) Karl IV. im Jahre 1663 Karl IV. (* 5. April 1604 in Nancy; † 18. September 1675 in Allenbach) war rechtmäßiger Herzog von Lothringen und Bar von 1625 bis 1675.

Sein Neffe und Nachfolger, Karl V., suchte Schutz beim Kaiser, dessen Haus seitdem sich immer enger mit dem Haus Lothringen verband.

Lähmender Schrecken befiel die benachbarten Staaten bei dem neuen Friedensbruch. Wer würde das nächste Opfer sein? Bündnispläne wurden überall beredet und wieder verworfen. Auch der Kurfürst von Mainz sah ein, dass die Ruhe Europas nicht durch Österreich, sondern durch Frankreich bedroht war. Bereits hatte er angefangen, sich dem Kaiser zu nähern, ohne aber den Charakter seiner Politik gänzlich zu ändern. Er dachte jetzt an eine Allianz, die er die deutschgesinnte nannte, als deren Haupt er eine schiedsrichterliche Stellung zwischen Österreich und Frankreich einnehmen würde. Der Kaiser sollte ihr nicht als Kaiser, wohl aber als König von Böhmen und als Erzherzog von Österreich angehören. Frankreich sollte durchaus nicht den Eindruck haben, als wolle der Kurfürst sich von ihm abwenden, die Beziehungen sollten ungetrübt bleiben. Johann Philipp träumte davon, er könne das Interesse Ludwigs auf die Levante ablenken, seine Eroberungslust mit der Aussicht auf frisch ergrünenden Kreuzzugs-Lorbeer locken.

Auch Leopold wurde unruhig und unterhandelte hier und dort; aber sich selbst zu empeñiren fand er sich doch impossibilitirt. Vollends als er sich überzeugt hatte, dass die französischen Rüstungen Holland galten, fand er es gar nicht so übel, dass Frankreich und die Niederlande sich in die Haare gerieten und ein wenig zausten.

Diejenigen, auf die er es abgesehen hatte, pflegte Ludwig vorher zu isolieren, wobei ihm seine gewandte, gutgeschulte Diplomatie ausgezeichnete Dienste leistete. In Bezug auf Holland hatte er leichtes Spiel. Der mächtige und reiche Handelsstaat hatte diejenigen zu Gegnern, die seine Stelle einzunehmen wünschten, Frankreich und England. Überhaupt ist Besitz von viel Geld ein Magnet, der Hass und Neid anzieht. Die Fürsten hatten außerdem eine gereizte Abneigung gegen die Republik, deren Wohlstand und Kultur sie doch bewundern mussten: So gelang die Auflösung der Tripelallianz ohne Mühe. Der König von England war sowieso französisch gesinnt und wurde gern aus einem Verbündeten Hollands sein Feind, bei Schweden handelte es sich nur um ein Geldgeschäft. Ähnlich ging es mit den Reichsfürsten. Der Kurfürst von Mainz besann sich darauf, dass seine Mittlerstellung ohne eine hinreichende Anzahl Truppen in der Luft schwebe und erneuerte seine Freundschaft mit Frankreich. Kurfürst Ferdinand Maria von Bayern gab sich aus vollem Herzen dem französischen Einfluss hin; er sowie der Kurfürst von Köln standen unter dem Einfluss der verräterischen Brüder Grafen Fürstenberg. Der Kurfürst von Köln und der Bischof von Münster, die allerlei kleine Grenzstreitigkeiten mit dem holländischen Nachbarn hatten, erklärten sich sogar bereit, an Frankreichs Seite in den Krieg einzutreten. Der Kölner verpfändete Ludwig seine Festung Neuss als Waffenplatz und Ausfallsort gegen Holland.

Wie bedrohlich die Umstände für Holland auch waren, so lag doch die größte Gefahr in Holland selbst. Den holländischen Staat würde Hobbes nicht als Staat anerkannt, er würde ihn das Zerrbild eines Gemeinwesens genannt haben; denn die Staatsgewalt war hier nicht einheitlich, sondern nach mittelalterlicher Art geteilt, und zwar zwischen dem Statthalter, der das monarchische Element, und den Vertretern der Provinzen, die das aristokratische Element bildeten. Das Statthalteramt war seit der Zeit des großen Wilhelm von Oranien in der Familie Oranien erblich.


Wilhelm III. Prinz von Oranien entstammte dem Haus Oranien-Nassau und war von 1672 bis zu seinem Tode Statthalter der Niederlande.

Von den Vertretern der Staaten war der Ratspensionär von Holland, der bei Weitem reichsten und mächtigsten Provinz, herkömmlicherweise der Leiter der holländischen Politik. Er hatte hauptsächlich das Interesse der Handelsherren im Auge und trieb infolgedessen Friedenspolitik, während der Statthalter, der oberster Anführer von Heer und Flotte war, eher zu kriegerischen Lösungen bereit war und natürlich die Wehrmacht in gutem Stand zu erhalten suchte. Was Hipolythus a Lapide von den gemischten Regierungen sagte, dass solche Staaten meist unruhig wären, weil jeder Teil die ganze Herrschaft anstrebe, das traf auf Holland zu. Die Gefahr war vorhanden, dass der Statthalter seine Stellung zu einer wahrhaft monarchischen ausbaute, das machte die Aristokraten misstrauisch und verursachte einen Gegensatz zwischen den beiden Gewalten; er hatte im Anfang des Jahrhunderts zu der Katastrophe des großen Staatsmanns und Patrioten Oldenbarneveldt geführt. Der Statthalter stützte sich auf das niedere Volk, das sich zu den Aristokraten auch in einem religiösen Gegensatz befand. Der frühe Tod Wilhelms II., dem nach seinem Tod noch ein Söhnchen geboren wurde, hatte der aristokratischen Partei ermöglicht, den Statthalter ganz auszuschalten. Um sich vollständig zu sichern, brachte Jan de Witt im Jahr 1667 ein Edikt heraus, welches die Vereinigung des Statthalteramtes mit der obersten Heeresleitung in einer Person für immer verbot. Dadurch schien es dem heranwachsenden Wilhelm von Oranien unmöglich gemacht, dem Ratspensionär und seiner Partei gefährlich zu werden.

Jan de Witt hatte im Anschluss an Frankreich die beste Bürgschaft für den Frieden zu finden geglaubt. Zwar wurde er auf das, was sich in Frankreich vorbereitete, aufmerksam und dachte daran, einem etwa von Frankreich drohenden Angriff durch einen Angriff von seiner Seite zuvorzukommen; aber die anderen Erwägungen gewohnter Art verdrängten den mutigen Entschluss wieder. Als drei französische Heere unter Ludwigs vorzüglichsten Feldherren, Turenne, Condé und Luxembourg, sich gegen Holland in Bewegung setzten, war es wehrlos und hilflos. Sein einziger Bundesgenosse, der Kurfürst von Brandenburg, der von Jugend auf dem holländischen Staat anhänglich und mit einer Oranierin verheiratet war, dem es außerdem um seine rheinischen Besitzungen bange wurde, zog sich wieder zurück, ohne etwas Nennenswertes ausgerichtet zu haben, und schloss Frieden mit Frankreich.

Schon war fast ganz Holland von den unwiderstehlichen französischen Truppen besetzt, da suchten die Verzweifelten Hilfe bei dem ihnen verbündeten Element: sie öffneten die Schleusen, und die Überschwemmung des Landes trieb die Eindringlinge zurück. Jan de Witt und sein Bruder wurden von dem wütenden Volk, das ihre Politik für das nationale Unglück verantwortlich machte, ermordet, und Wilhelm von Oranien trat als Statthalter und Führer von Heer und Flotte an die Spitze der Republik.

Inzwischen hatte sich der Kaiser aufgerafft, Lobkowitz, der Franzosenfreund, wurde gestürzt, ein kaiserliches Heer unter dem bewährten, nun freilich alten und kränkelnden Montecuccoli erschien im Feld, und der Kurfürst von Brandenburg nahm die Waffen wieder auf. Der erste Waffengang verlief so, dass beide Teile sich den Sieg zuschreiben konnten und dass die Rheingrenze gehalten wurde.

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Gegner Frankreichs

Gegner Frankreichs

Macht wirkt wie das Licht auf die Motten, wie der Blick der Schlange auf die Tiere, die sie verschlingen will: Frankreich unterwarfen sich alle, auch diejenigen, die voraussehen mussten, dass es zu ihrem Schaden oder Untergang führen würde. „Wenn Europa bereit ist zu dienen“, sagte der kaiserliche Gesandte Lisola, „ist Ludwig bereit, ihm Ketten anzulegen.“


Franz Paul von Lisola (1613 – 1674)

In Flugblättern wurde wohl eine öffentliche Meinung laut, die vor der französischen Tyrannei warnte und zum Widerstand mahnte; aber das waren namenlose Stimmen, Stimmen von Leuten, deren Platz im Leben ihnen keinen Einfluss auf die öffentlichen Angelegenheiten gestattete. Immerhin gab es einige unter den zu öffentlicher Wirksamkeit Berufenen, die den Kampf gegen Frankreichs Übermacht und rechtswidrige Gewalttätigkeit sich zur Aufgabe machten: einer der ersten war Franz Paul von Lisola, kein Reichsdeutscher, sondern italienischer Abkunft und in Salins in der Freigrafschaft geboren. In Dôle studierte er die Rechte. Mit 25 Jahren ging er nach Wien, um dort eine Rechtssache zu vertreten, und nahm kaiserlichen Dienst an. Am Ende des Dreißigjährigen Krieges begleitete er den Grafen Trautmannsdorff nach Münster zu den Friedensverhandlungen. Mit einer Zielsicherheit und Energie, mit der rücksichtslosen Schärfe gegen seine Gegner stand Lisola zwischen den gemütlichen Österreichern ziemlich allein, seine Versuche, dem Kaiser das Elsass zurückzugewinnen, scheiterten. Vielleicht hätte Ferdinand III. für seine Pläne Verständnis gehabt, wenn ihn nicht in seinen letzten Lebensjahren Schwermut gelähmt hätte; Leopold mit sich fortzureißen war anfangs unmöglich. Trotzdem arbeitete er unermüdlich im antifranzösischen Sinne an den Höfen, wo er den Kaiser als Gesandter zu vertreten hatte. Als im Jahr 1667 die Schrift erschien, in der Frankreichs Ansprüche auf die spanischen Niederlande entwickelt wurden, die noch als burgundischer Kreis des Reiches galten, verfasste Lisola eine Antwort und Widerlegung unter dem Titel Bouclier d'état et de justice.


Es war eine Kampfschrift, die die Weltherrschaftspläne Frankreichs entlarvte und brandmarkte. In einer Sprache voll Feuer und scharfer Klarheit stellte Lisola den abendländischen Fürsten vor, dass sie alle gleichmäßig bedroht wären, dass keiner auf eine andere Gunst des Zyklopen hoffen könne, als zuletzt verschlungen zu werden. Merkwürdig, dass dieser leidenschaftliche und glänzende Aufruf zum Kampf gegen Frankreich von einem im kaiserlichen Dienst stehenden Mann italienischer Abkunft in französischer Sprache geschrieben war. Während des holländischen Krieges hielt sich Lisola im Haag und in Amsterdam auf, ungeachtet der Gefahr, der er sich dort aussetzte, bestrebt, ein Bündnis zwischen dem Kaiser und den Staaten zustande zu bringen. „Ohne miraculi“, hieß es in einem Gutachten des Hofkriegsrats in Wien, „ist nicht möglich, dass nolente imperio der Kaiser Ludwig's vasti disegni verhindere.“ Es musste einer viel Feuer in sich haben, der sich zutraute, so viel Bedenklichkeit und Schläfrigkeit zu entflammen. Lisola erlebte noch den Abschluss des Bündnisses, das einen Umschwung der Ereignisse hoffen lassen konnte, die Enttäuschung nicht mehr; er starb im Jahr 1674.

An Tatkraft und Schwung großer Entwürfe glich ihm ein Zeitgenosse, den man auf der gleichen Seite zu finden nicht erwarten konnte: Graf Georg Friedrich von Waldeck. Wer seine Anfänge kannte, wie er Pläne zur Niederwerfung des Hauses Habsburg machte, musste sich höchlich wundern, ihm sechs Jahre nachdem er den Kurfürsten von Brandenburg verlassen hatte, weil dieser sich gegen Schweden mit dem Kaiser verbündete, im Dienst des Kaisers gegen die Türken kämpfend zu begegnen. Als ihm aufgegangen war, dass die Freiheit des Reiches und Europas nicht von Österreich, sondern von Frankreich bedroht war, stellte er sich vollständig um und führte nun den Kampf gegen Frankreich mit derselben entschiedenen Leidenschaft wie vorher gegen Österreich. Eine Zeitlang hielt er sich am Hof des Herzogs Ernst August von Braunschweig auf und wirkte dort für Anschluss an den Kaiser, dann ging er nach Holland, wo der junge Wilhelm von Oranien als Mittelpunkt des Widerstands gegen Frankreich ihn anzog. Von Holland aus begab es sich, dass er im Auftrag der Republik an den Hof von Berlin ging, um den Kurfürsten zum Eintritt in eine Koalition gegen Frankreich zu bewegen. Der Trieb zu großen Wagnissen und Unternehmungen, bei denen Ehre zu gewinnen ist, der ihn nach seinen eigenen Worten beseelte, fand im Umgang mit Wilhelm von Oranien Genüge.

Man hat Wilhelm III. mit seinem großen Vorfahr, dem Schweiger, verglichen, weil er es verstand wie dieser, zu warten und sich zurückzuhalten, und weil er geduldig, hartnäckig, kein Opfer scheuend, auf der einmal beschrittenen Bahn ausharrte; aber er war nicht wie jener ein glänzender Kavalier, der durch Liebenswürdigkeit und Laune die Herzen gewann. Wilhelm III. war wortkarg, trocken, verschlossen, sei es, dass das seine Natur war, oder dass die im Schatten verbrachte Jugend, die Zurücksetzung, der er sich unterwerfen musste, diese Anlage verstärkt hatte. Die Rolle, die er bei der Ermordung der Brüder de Witt spielte, hat düstere Linien in sein Bild gezogen. Seine unzugängliche Art schreckte manche ab, nur denjenigen, deren Charakter und Gesinnung er erprobt hatte, verriet er, dass er warmer Empfindung fähig war. Sehr schwer musste es dem temperamentvollen, offenen Waldeck werden, die kühle Behandlung von Seiten des um dreißig Jahre jüngeren Mannes zu ertragen; aber er tat es um der Sache willen, für die sie beide kämpften. Auf Grund dieser Übereinstimmung sollte sie mit der Zeit enge und dauernde Freundschaft verbinden.

Hatte Wilhelm III. nicht die strahlende Kraft, die von manchen heroischen Naturen ausgeht, so wirkte doch auch seine verhaltene Leidenschaft fesselnd. Die sich ihm einmal angeschlossen hatten, wie Waldeck und der Ratspensionär Heinsius, der Nachfolger des unglücklichen de Witt, blieben in seinem Bann. Leider besaß er nicht die Feldherrngaben, die seine Vorfahren Moritz und Friedrich Heinrich ausgezeichnet hatten. Er war ebenso wie Waldeck im Feld meist unglücklich. Immerhin gab Ludwig, nachdem der erste siegreiche Angriff zurückgeworfen war und das verbündete kaiserlich-brandenburgische Heer herannahte, den Krieg gegen Holland auf. Die Republik war für den Augenblick gerettet.

Zu den großen Gegnern Ludwigs XIV. darf man auch Leibniz zählen, obwohl er im Dienst des Kurfürsten von Mainz seine Laufbahn als Anhänger Frankreichs begonnen hatte und nie aufhörte, die französische Kultur zu schätzen. Den Reichsfeind Ludwig bekämpfte seine Feder, seine eindringlichen, schneidenden Äußerungen begleiteten alle die kriegerischen Aktionen, die sein Leben erfüllten, bald aufreizend, bald trauervoll und zornig.

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Ungarn und Türken

Ungarn und Türken

Zur Methode Ludwigs gehörte es, denen, die er angreifen oder die er verhindern wollte ihn anzugreifen, Feinde zu erwecken. Deshalb reizte er Portugal zum Krieg gegen Spanien, deshalb suchte er einen französischen Prinzen oder von ihm abhängigen Mann auf den polnischen Thron zu bringen, der sich etwa gegen Österreich gebrauchen ließ. Österreich gegenüber war er in der günstigen Lage, sich zweier immer zum Sprung bereiter Feinde dieser Macht bedienen zu können: der Ungarn und der Türken. Man muss die stets von Osten drohende Gefahr bedenken, um Leopolds unsicheres Verhalten im Westen zu verstehen.

Es waren die schwierigen Verhältnisse Siebenbürgens, die einen Zusammenstoß mit der Türkei herbeiführten. Dies Land hatte sich unter ehrgeizigen und oft hervorragenden Führern eine Art Selbständigkeit zwischen der Pforte und Österreich zu behaupten gewusst, sich bald mehr dem einen, bald dem anderen Land anschließend. Als die Pforte den Großfürsten Rákoczy, der ihre Unzufriedenheit erregt hatte, angriff und besiegte, dann das ungarische Großwardein eroberte, glaubte die österreichische Regierung sich einmischen zu müssen, um einem türkischen Einfall in die Erblande vorzubeugen.

Wenn sich der Kaiser nicht leicht zum Krieg entschloss, so erklärt sich das aus der Schwierigkeit, ein den türkischen Streitkräften nur einigermaßen gewachsenes Heer zusammenzubringen. Er verfügte damals über 12.000 Mann, wozu noch das etwa 15.000 Mann zählende Aufgebot der Ungarn kam, und diesen standen 120.000 Türken gegenüber. Sicherlich hätte der Kaiser mehr Geld und mehr Soldaten aus den Erblanden aufbringen können, wenn die militärischen Angelegenheiten ganz in seiner Hand gelegen hätten und wenn nicht in der Verwaltung Schlendrian und Schlamperei herkömmlich gewesen wären. „Kein Mensch hat hier Lust zu ernstlicher Arbeit“, schrieb der Nuntius an den Papst, und später Prinz Eugen: „Es mag auch noch so schlechte Nachricht kommen, ist man doch hier weit entfernt, sich zu beunruhigen oder an Abhilfe zu denken. Man ist hier von außerordentlicher Gemütsruhe und lässt alles seinen Gang gehen.“

Hier Ordnung zu schaffen, war Leopold nicht die Persönlichkeit. „O Dio“, schrieb er einmal seinem Beichtvater, „come detesto di dover prendere delle resoluzioni!“ Aus Angst vor Entschlüssen und Entscheidungen ließ er die Dinge gehen, und eine ähnliche Geistesverfassung herrschte in seiner Umgebung.


Raimondo Graf von Montecuccoli, seit 1651 Fürst von Montecuccoli (* 21. Februar 1609 auf Schloss Montecuccolo in Pavullo nel Frignano bei Modena; † 16. Oktober 1680 in Linz), war ein italienischer kaiserlicher Feldherr, Diplomat und Staatsmann in österreichisch-habsburgischen Diensten.

Der Oberbefehlshaber des kaiserlichen Heeres, Raimondo de Montecuccoli, einer der vielen zu Österreichern gewordenen Italiener, war im Jahr 1609 in Modena geboren, hatte in vielen Schlachten des Dreißigjährigen Krieges mitgekämpft und war in den Jahren 1639-42 in schwedischer Gefangenschaft gewesen. Diese Zeit hatte er benützt, um viel zu lesen, nicht nur kriegswissenschaftliche, sondern auch allgemein wissenschaftliche Werke, und hatte sich eine bedeutende Gelehrsamkeit erworben. Vielleicht war es dies Wissen, vielleicht auch das zunehmende Alter, das seine Kriegführung bedächtig, oft allzu bedächtig machte. Überhaupt aber war es der Grundsatz dieser Epoche, Schlachten womöglich zu vermeiden, um die Soldaten, eine kostbare Ware, zu sparen, und mehr durch geschickte strategische Bewegungen Erfolg zu erringen. Montecuccoli ging darin sehr weit; allerdings war er fast immer in der Lage, mit einer geringen Truppenzahl einer Übermacht entgegenzugehen. Als Mensch war er ehrenhaft und sympathisch.

Nachdem die wichtige, der Grenze nahegelegene Festung Neuhäusel von den Türken erobert worden war, und nachdem Leopold den Regensburger Reichstag gehörig bearbeitet hatte, ließ sich das Reich zur Hilfeleistung bereitfinden. Sie war dreifacher Art: das Reich stellte die eigentlichen Reichstruppen, Brandenburg, Sachsen und Bayern schickten ihre Hilfe gesondert, und ebenso trat der Rheinbund als selbständig handelnde Macht auf. Als das vornehmste Glied desselben lieferte Ludwig XIV. die meisten Truppen, zu denen sich viele von Adel als Freiwillige gesellten. Dass Ludwig ihm als Teilnehmer am Krieg aufgedrängt wurde, während man doch wusste, dass er die Türken gegen Österreich aufzuhetzen pflegte, war eine Beleidigung des Kaisers, die er tief empfand. Doch kämpften die Franzosen mit der ihnen eigenen Bravour und Disziplin, so dass sich Ludwig rühmen konnte, einen großen Teil zum Sieg beigetragen zu haben.

Bei St. Gotthardt an der Raab, nahe der steiermärkischen Grenze, kam es zur Schlacht, die ungeachtet des Zurückweichens der Reichstruppen im Beginn mit einem vollständigen Sieg der Christen endete. Es scheint, dass Montecuccoli auch in diesem Fall die Schlacht vermeiden wollte und nur durch den Rat der übrigen Heerführer zum Angriff bestimmt wurde. Trotz des glänzenden Erfolges schloss der Kaiser noch im selben Monat, im August 1664, den für ihn unvorteilhaften Frieden von Vasvar, der die Festungen Großwardein und Neuhäusel in den Händen der Türken ließ. Auch Siebenbürgen blieb bis auf weiteres unter türkischem Einfluss. Die Sorge um die Entwicklung in Spanien im Falle des Todes Philipps IV., der damals erwartet wurde, noch mehr vielleicht der Unmut über die unwürdige Bundesgenossenschaft Frankreichs, scheint beim Abschluss eines so verzichtvollen Vertrages den Ausschlag gegeben zu haben.

Der Unwille über den nachteiligen Friedensschluss war auch in Ungarn groß und steigerte die im Kreis der Magnaten ohnehin herrschende Unzufriedenheit zu förmlicher Verschwörung. Nur einige Komitate Ungarns, die der österreichischen Grenze nahe lagen, waren damals in österreichischem Besitz, die Mitte, nämlich die Komitate oder Paschaliks Ofen, Temesvar, Kanischa und Erlau mit dem hochgelegenen Ofen und den übrigen wichtigsten Festungen, darunter Grau, Stuhlweißenburg und Belgrad, befand sich in türkischen Händen. Aber auch das österreichische Ungarn war kein sicherer Besitz. Es war ein tragisches Verhängnis, dass Österreich Ungarn als Vormauer gegen die Türkei zu beherrschen suchen musste und dass andrerseits die Ungarn der deutschen Herrschaft natürlicherweise widerstrebten. Die Ungarn lebten noch in mittelalterlich feudalen Verhältnissen, während Österreich seine ständische Verfassung mehr und mehr durch eine modern-zentralistische zu überwinden suchte. Die ungarischen Stände konnten sich rühmen, im Besitz eines aus dem 13. Jahrhundert stammenden Privilegiums, der sogenannten Goldenen Bulle König Andreas II. zu sein, welches ihnen ein Widerstandsrecht verbürgte für den Fall, dass ein König ihre Rechte verletzen sollte. Die militärischen Stationen, die der Kaiser in Ungarn errichtete und die zum Schutz gegen die Türken notwendig waren, wurden von den Ungarn als unrechtmäßiger Druck empfunden. Besonders die ungarischen Protestanten, die von der österreichischen Regierung ihren Versprechungen zuwider unterdrückt wurden, hassten die Deutschen. Viele von ihnen hätten die Herrschaft der Türken, welche Andersgläubige gewähren ließen, der deutschen vorgezogen; aber auch viele Katholiken dachten so. Nach dem Frieden von Vasvar kam der angesammelte Widerwille zum Ausbruch. Bei Gelegenheit der Verlobung der Helene Zriny mit Franz Rákoczy kamen verschiedene Häupter der Bewegung unauffällig zusammen und beredeten die vorzunehmenden Schritte. Die angesehensten und tätigsten Häupter der Empörung waren Peter Zriny, Ban von Croatien, dessen Schwager Graf Frangipani und Graf Nadasdy, der reichste unter den ungarischen Magnaten. Sie hofften auf Hilfe von der Pforte, von Frankreich, von Polen, von Venedig. An alle diese Mächte wendeten sie sich insgeheim und erhielten auch hie und da ermunternde Antworten, aber keine bindenden Versprechungen. So zogen sich die Vorbereitungen durch mehrere Jahre hin unter wechselnder Teilnahme der einen und anderen, als die österreichische Regierung bereits durch Verräter von den Vorgängen unterrichtet war. Wie schwer erträglich die trotzige Selbständigkeit der Ungarn auch für die Regierung war und wie gern sie auch einen Anlass ergriffen hätte, sie zu brechen, ging sie doch behutsam mit den ungarischen Magnaten um. Sie waren große Herren, verschwenderisch, liebenswürdig, gute Gesellschafter, großartig im Auftreten, und unterhielten freundschaftliche Beziehungen zum österreichischen Adel. Trotz mancherlei Feindschaft und Eifersucht im einzelnen Fall fühlte sich der Adel aller Länder, die herrschende Schicht jener Zeit, wie eine internationale Kaste untereinander verbunden. Zunächst wurde versucht, ob sich die Schuldigen in Güte gewinnen ließen. Zriny, Frangipani und Nadasdy bekundeten Reue, als ihnen Vorhalte gemacht wurden, und gelobten, künftig dem Kaiser treu dienen zu wollen; sie setzten aber die Versuche, ausländische Hilfe zu gewinnen, fort. Damals begannen die Kriege Ludwigs XIV., die Pforte hielt zwar noch Frieden, konnte ihn aber jeden Augenblick brechen, die Lage Österreichs zwischen den beiden Erbfeinden war so, dass es geraten schien, den sich vorbereitenden ungarischen Aufstand im Keim zu unterdrücken. Als sie sich verloren sahen, flohen die Grafen Zriny und Frangipani nach Wien und ergaben sich der Gnade des Kaisers, die sie schon einmal erfahren hatten. Die Räte des Kaisers entschieden sich für Anwendung äußerster Strenge, das Gericht verurteilte Zriny, Frangipani und Nadasdy, der sich ahnungslos in Baden bei Wien aufgehalten hatte, außerdem noch den Grafen Tattenbach, einen etwas schwachköpfigen Steiermärker, zum Tode. Es war natürlich, dass die Angeklagten leugneten und sich auszureden suchten; aber die Art, wie einer die Schuld auf den andern abzuwälzen versuchte, macht einen peinlichen Eindruck. Als Menschen, die ganz im wilden Genuss ihrer Kraft und ihrer Leidenschaften gelebt hatten, brachen sie zusammen, als sie plötzlich aller äußeren Stützen beraubt waren. Indessen, als sie den Untergang vor Augen sahen, rafften sie sich auf und starben stolz und furchtlos. Nur Graf Tattenbach war haltlos und musste bis zuletzt mit tröstenden Beamten umgeben werden. Die Verurteilten wurden vor ihrem Tod aus der Adelsmatrikel ausgestoßen, was sie sehr schmerzte. Andrerseits wurde dafür gesorgt, dass der Henker sie bei der Vollziehung des Urteils nicht mit der Hand berührte. Ihr Vermögen wurde konfisziert, es bestand zum größten Teil in liegenden Gütern, daneben in edlen Steinen, kostbarem Gerät und Schmuck, auch in Geld. Von den Gütern kamen die meisten an die Familie Esterhazy, die dem Kaiser stets treu angehangen hatte. Graf Frangipani war der letzte seines Geschlechtes, die Familie Zriny erlosch mit dem Sohne des Hingerichteten. In Zrinys Tochter Helene, die in erster Ehe mit Rákoczcy vermählt war, brannte die Flamme des Hasses weiter. Mit ihrem zweiten Gatten, dem hochbegabten, glänzenden Emerich Tököly, entfachte sie den Aufruhr immer neu, schließlich aber mussten sie sich, von den Türken verlassen und verraten, nach Kleinasien zurückziehen, wo sie im Beginn des 18. Jahrhunderts gestorben sind.

Leopold gedachte die unterdrückte Verschwörung zur Änderung der ungarischen Verfassung im absolutistischen Sinn auszunützen, ähnlich wie es Ferdinand II. in Böhmen gemacht hatte. Er ging dabei zur Schonung seines Gewissens außerordentlich behutsam vor. Eine Versammlung von Geistlichen musste zunächst vom religiösen Standpunkt aus beurteilen, ob der Kaiser berechtigt sei, die Privilegien, die er beschworen hatte, aufzuheben. Darauf folgten Beratungen von Justiz- und Militärpersonen. Alle diese Kommissionen rieten zu der gewünschten Verfassungsänderung, die auch Lobkowitz und der Hofkanzler Hocher, ein Bürgerlicher, Sohn eines Freiburger Rechtsgelehrten, befürworteten. Bis dahin hatten die hohen Reichsämter immer ungarische Magnaten inne, die ziemlich unabhängig schalteten, an ihrer Spitze der Palatin. Dies Amt sollte aufgehoben werden und an die Stelle des Palatins ein Gubernator treten, der von Wien abhängig wäre. Möglichst allmählich und unmerklich sollte das Gubernium Justiz, Verwaltung und Steuerwesen an sich ziehen, bis das Regiment auf gleichen Fuß mit den Erblanden gebracht wäre, wie man sich ausdrückte. Nach vielen Bedenken wählte der Kaiser zu diesem Amt den Deutschmeister Ampringen, einen reichsdeutschen Fürsten, der als streng redlicher und wohlwollender Mann bekannt war. Gern hätte Leopold das Land wieder ganz katholisch gemacht, und es wurden zu diesem Zweck mehr als 200 protestantische Pfarrer verbannt, andere, die sich nicht fügen wollten, nach Neapel und Triest auf die Galeeren geschickt, wo viele starben. Die entsetzlichen Grausamkeiten, die von den Vertretern der Regierung verübt wurden, steigerten den Hass der Ungarn ins Maßlose. Der Deutschen Blut zu trinken und ihre Leichen zu häufen, war der Wunsch, in dem ihre Lieder schwelgten. Trotz aller Gewalttaten ließ sich weder die Katholisierung noch die Zentralisierung durchführen. Nach acht Jahren suchte Ampringen sein Mergentheim wieder auf, ohne dass er, von der Wiener Regierung ziemlich im Stich gelassen, die Befugnisse seines Amtes hätte ausüben können. Es zeigte sich, dass die alten Organisationen weiterarbeiteten, während die neue ratlos und zwecklos danebenstand.


Kara Mustafa Pascha (geb. 1634/35 in Marınca bei Merzifon, Eyâlet Sivas; gest. 25. Dezember 1683 in Belgrad) war unter der Regentschaft des Sultans Mehmed IV. Großwesir des Osmanischen Reiches und Oberbefehlshaber bei der Zweiten Belagerung Wiens zu Beginn des Großen Türkenkrieges.

Unter diesen Umständen war es doppelt misslich, dass nach dem Tod des friedfertigen Großveziers Köprili im Jahr 1676 die Beziehungen zur Pforte sich wieder verschlechterten. Kara Mustapha, der an seine Stelle trat, war, weil er von den Polen besiegt worden war, angegriffen und glaubte, seine erschütterte Stellung durch einen Sieg über Österreich wieder befestigen zu können. Die aufständischen Ungarn unter Emerich Tököly versprachen, ihn zu unterstützen. Im Frühling des Jahres 1683 wälzte sich ein Heer von 200.000 Türken gegen Wien heran; denn es war Kara Mustaphas Plan, die Hauptstadt zu erobern.

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Straßburg

Straßburg

Fast immer sind Koalitionen im Nachteil gegen einen einzelnen Feind, selbst wenn sie ihm zahlenmäßig überlegen sind. Das Zusammenwirken des Kaisers mit dem Kurfürsten von Brandenburg gestaltete sich vollends unfruchtbar. Der Kurfürst beschuldigte die Kaiserlichen absichtlicher Untätigkeit, Montecuccoli zog sich zuerst vorübergehend, dann ganz von der Heeresleitung zurück. Es kam zu keinem nennenswerten Erfolg, der Tod Turennes, der bei Sasbach von einer Kugel getroffen wurde, blieb unausgenützt. Von diesen Unzuträglichkeiten abgesehen, sicherte ihre größere militärische Tüchtigkeit den Franzosen das Übergewicht. „Bei den Deutschen“, sagte Leibniz, „kein Schneid im Handeln, kein Geist in den Unternehmungen, keine Spur von Feldherrnkunst. Es war, wie wenn ein ungeschlachter Riese kämpfte mit einem geübten Fechter von Fach: jener plump, unbeholfen, dieser lebhaft, gewandt, sicher, mitten im Kampf kaltblütig, besonnen. Denn für die Franzosen gab Kunst, Geist und Schnelligkeit, nicht Macht und Wucht den Ausschlag, und ihre Pläne waren geheim, ihre Schläge nicht aufzufangen wie der Blitz, erst zu bemerken, wenn sie schon saßen. Die Führer Männer von Kopf, die Obersten und Hauptleute stramm im Dienst, alle der Belohnung sicher.“ Dieses schneidende Urteil kann nur auf die Führung bezogen werden. Die deutschen Soldaten waren gut und sollten bald unter ausgezeichneten Führern ihre Leistungsfähigkeit beweisen.

Einen bedeutenden Erfolg errang die französische Diplomatie, als es ihr gelang, die Schweden zu einem Einfall in die Mark Brandenburg zu veranlassen. Der höfliche schwedische Anführer versicherte zwar, das solle keine Ruptur bedeuten; aber der Große Kurfürst nahm es für das, was es war, und kam ohne Zeitverlust seinem Land zu Hilfe. In seinem eigenen Interesse verletzt, zeigte er, was er leisten konnte, wenn er wollte. In raschem Zug führte er seine Truppen vom Rhein nach dem Osten, eroberte das von den Schweden besetzte Rathenow zurück, besiegte den Generallieutenant Wrangel in der Reiterschlacht bei Fehrbellin und jagte den Feind in der vielbewunderten Fahrt über die Eisfläche des Kurischen Haffs über die Grenze. Dann eroberte er Stettin und glaubte sich ein zweites Mal im Besitz von Pommern. Dass Ludwig XIV., dessen Absicht es durchaus nicht war, das Reich von den Schweden zu befreien, ihm die Beute entriss, erbitterte ihn nicht gegen den französischen König, sondern gegen den Kaiser, der ihn allerdings nach längerem Auf und Ab der Meinungen am Wiener Hof preisgab. Der Friede von Nymwegen, der im Jahr 1679 den ersten Koalitionskrieg abschloss, war ein Triumph der französischen Diplomatie. Nachdem zuerst Holland, wo die Aristokratenpartei wieder zu Ansehen kam, sich durch einen vorteilhaften Handelsvertrag hatte gewinnen lassen, folgten Spanien und der Kaiser; da musste auch Friedrich Wilhelm sich fügen. Von Groll gegen den Kaiser erfüllt, schloss er sich neuerdings eng an Frankreich. Ludwig XIV. konnte sorglos zu neuen Eroberungen schreiten.

Wenn er etwas rauben wollte, pflegte Ludwig vorher zu proklamieren, dass er nichts als den Frieden wünsche und nie etwas nähme, als was ihm gehöre. Was ihm gehöre, bestimmten die sogenannten Reunionskammern, deren Aufgabe es war, festzustellen, welche Gebiete von den Besitztümern Metz, Toul und Verdun jemals abhängig gewesen wären. Als die Kammern einmal, vom Eifer fortgerissen, auf diese Weise die Bistümer Straßburg, Speyer, Worms, Trier und Mainz einforderten, soll selbst Louvois, der französische Kriegsminister, gelacht haben.


Der spätere Kardinal Richelieu wurde am 9. September 1585 in Paris als Armand du Plessis de Richelieu geboren. Ursprünglich war er für eine militärische Laufbahn vorgesehen, aber als sein Bruder Alphonse-Louis (1582 – 1653) auf das Amt des Bischofs von Luçon verzichtete, kam Richelieu im Jahr 1607 als „Ersatzkandidat“ zum Zuge. 1614 überzeugte er bei den Generalständen mit seinen rhetorischen Fähigkeiten. 1616 wurde Richelieu von der Regentin Maria von Medici (1575 – 1642) zum Außenminister.

Richelieu hatte diesen Weg vorgezeichnet, indem er im Jahr 1624 eine Kammer gründete, die den französischen Anspruch auf Lothringen zu begründen hatte, später galt er der Eroberung des Elsass. Nach einer längeren Pause nahm die an das Parlament von Metz angeschlossene Reunionskammer im Jahr 1679 ihre Tätigkeit wieder auf, wobei angenommen wurde, dass die drei Bischöfe von Metz, Toul und Verdun als Kläger auftraten und die von ihnen abhängenden Vasallen zur Huldigung aufforderten, widrigenfalls ihre Gebiete ihnen aberkannt würden. Proteste wurden nicht beachtet. Als räumliche Grenze wurde der Rhein betrachtet, eine zeitliche Grenze gab es nicht, man ging bis auf Karl den Großen zurück. Er befürchte, sagte der österreichische Staatsmann von Hornigk, das um sich fressende Dependentienfeuer werde auch die rechtsrheinischen Lande ergreifen, und schließlich werde der König von Frankreich ganz Deutschland als abhängig vom Bistum Metz und als sein Eigentum erklären.

Es wird erzählt, Karl V. habe einmal gesagt, wenn Straßburg und Wien gleichzeitig von Feinden bedroht werden sollten, würde er zuerst Straßburg entsetzen. Als der Fall eintrat, stand ein schwächerer Fürst an der Spitze des Reiches, aber schwächer nicht nur durch seinen Charakter, sondern auch durch nicht von ihm verschuldete Umstände. Das Elsass hatte er verloren, die Aussicht, es wiederzugewinnen, war gering, das Schwergewicht Österreichs hatte sich nach dem Osten verlagert. Nachdem der unglückliche Friede von Nymwegen geschlossen war, in dem Leopold sogar die Stadt Freiburg im Breisgau, ein Kleinod seiner Krone, geopfert hatte, stand er wieder allein, mit dem militärisch wichtigen Kurfürsten von Brandenburg war er sogar verfeindet. Im Osten bereitete sich die Türkei zu einem großen Schlag vor.

Ludwig XIV. hätte die heißbegehrte Reichsstadt Straßburg am liebsten durch Schmeichelei und Bestechung gewonnen. Wohl gab es in Straßburg seit mehr als 100 Jahren eine französische Partei, aber ausschlaggebend war sie nicht. Die Einwohner waren deutsch und wollten deutsch, wollten vor allem Reichsstädter bleiben, was sie auch im letzten Krieg durch die Tat bewiesen hatten. Die Reichsfreiheit war das Fundament ihres Wohlstandes und Ansehens; wie hätten sie darauf verzichten sollen! Sodann waren sie durchaus protestantisch. Die Stadt, die unter Führung des Stättmeisters Sturm und des Pfarrers Martin Butzer eine Säule der Reformation gewesen war, misstraute dem katholischen Frankreich.


Martin Butzer

Als im Herbst des Jahres 1681 französische Truppen sich um Straßburg zusammenzogen und ihre Absicht nicht mehr zu verkennen war, verbreitete sich Schrecken. Eine Aussicht auf Entsatz zeigte sich von keiner Seite. Ludwig hatte mit der Möglichkeit gerechnet, dass die evangelischen Orte der Eidgenossenschaft sich um der alten Bundesgenossin willen rühren würden; aber auch sie blieben still. Das Reich war wie gelähmt. Wohl brachte der Kaiser auf dem Reichstag eben damals eine neue Reichskriegsverfassung zustande; aber sie kam der bedrängten Reichsstadt nicht zugute. Der Magistrat war in großer Sorge, wie sich der notwendige Übergang an Frankreich vollziehen sollte, ohne dass es zu einem Aufruhr im Volk käme. Denn notwendig schien es, sich zu fügen, heroischer Untergang kam nicht in Betracht. Nicht einmal zu einem Tumult kam es; nach der Überlieferung verlangte ein einziges Männlein von 70 Jahren, ein Schneider, dass bis zum Tode für die Freiheit gekämpft werde. Er fand jedenfalls keinen Widerhall in der Bevölkerung: man ließ, wenn auch ungern, das Unvermeidliche geschehen. Dass tapferer Widerstand, wie Bremen ihn gegen Schweden gewagt hatte, wirksame Hilfe herbeigezogen hätte, ist nicht anzunehmen.

Am 30. September zog Louvois an der Spitze seiner Truppen in die gefallene Stadt ein. Nach den Bedingungen der Kapitulation blieb ihr die innere Verfassung erhalten; aber der Dom wurde dem katholischen Kultus zurückgegeben.


Straßburger Dom (Münster) – Foto: Jonathan Martz

Einige Tage später traf der berühmte Vauban ein, um die Grenzstadt zu einer uneinnehmbaren Festung zu machen. Im Oktober erfolgte der triumphale Einzug des Königs mit der ganzen königlichen Familie. An der Pforte des Münsters empfing den unblutigen Eroberer der Bischof von Straßburg, Egon von Fürstenberg, unter Ludwigs Kreaturen eine der verächtlichsten.

Am selben Tag besetzten französische Truppen in Italien die Mantua gehörende Festung Casale.

Man kann wohl das Schuldverhältnis bei diesem traurigen Ereignis nicht richtiger beurteilen, als es Leibniz in einem lateinischen Gedicht getan hat: Deutschland an Straßburg: Schandfleck welchen der Rhein mit all seinen Wogen nicht abwäscht, dass du schweigend verdirbst, dass du das Reich mit verdirbst! Straßburg an Deutschland: Schandfleck welchen der Rhein mit all seinen Wogen nicht abwäscht, dass daliegen im Schlaf allzumal Kaiser und Reich.

Nachdem der Schlag gefallen war, fehlte es nicht an Bemühungen im Reich, Kräfte zum Widerstand gegen die Vergewaltigung zu sammeln; sie scheiterten hauptsächlich an der Weigerung des Kurfürsten von Brandenburg, der am Tag nach dem Fall Straßburgs dem französischen Gesandten einen mit Diamanten besetzten Degen schenkte und das Bündnis mit Frankreich erneuerte. Vergebens bestürmte der kaiserliche Gesandte, der von dem bereits abgeschlossenen Geheimbund nichts ahnte, das Gewissen Friedrich Wilhelms; dieser befürwortete eifrig den Verzicht auf die von Frankreich geraubten deutschen Gebiete. Von Brandenburg verlassen, von türkischer Übermacht bedroht, entschloss sich Leopold zu einem 20jährigen Waffenstillstand mit Frankreich, in welchem er für diese Zeitspanne den Verlust der von den Reunionskammern beanspruchten und eingezogenen Gebiete mit Einschluss Straßburgs anerkannte.

Viele geschichtliche Ereignisse sind durch den Willen handelnder Menschen bestimmt, andere führt eine Verkettung von Umständen herbei, die oft lange Zeit im Dunkeln verlaufen, bis im Augenblick der Reife sie ans Licht treten und sich entfalten. Aber das Unberechenbare hat auch seine Stelle. Der Dämon Zufall wirbelt festes Menschenwerk durcheinander, auf unentwirrbare Knäuel legt sich die lösende Hand des Todes. Dass sich zwei Augen schließen, kann das politische Bild der Erde verändern, auch dass zwei Hände sich zum Ehebund vereinigen, konnte damals entscheidende Folgen haben. Im Jahr 1677 heiratete Wilhelm von Oranien die protestantische Tochter des katholischen Jakob Stuart, des Bruders König Karls II. von England, der, da Karl kinderlos war, sein Nachfolger sein würde. Noch war es eine ziemlich belanglose Verbindung; aber Ludwig XIV. erkannte die Gefahr, die daraus für ihn entstehen konnte, und empfand sie als Verlust inmitten seiner Siege. Seinem zähesten Feind hatte sich ein Zugang zum englischen Thron eröffnet. Im Jahr 1679 starb der Kurfürst Ferdinand Maria von Bayern, der ein Vasall Frankreichs gewesen war; sein Sohn und Nachfolger wurde Kaiser Leopolds Schwiegersohn, Anhänger und siegreicher Feldherr. Die Politik des Anschlusses an Österreich am Anfang der Regierung Ferdinand Marias hatte bald der herkömmlichen Gegnerschaft weichen müssen. Sie wurde unterstützt durch des Kurfürsten Heirat mit Adelaide von Savoyen, einer Prinzessin, die Frankreich liebte und Österreich hasste und diese Richtung mit dem Feuer ihrer Natur und der Energie ihres Charakters am Hof durchsetzte. In einem Punkt zwar bestand ein Gegensatz zwischen Frankreich und Bayern, insofern beide ein Anrecht auf die Krone behaupteten; doch hatte Ludwig so wenig Aussicht, sie zu erlangen, dass er davon absehen konnte; den bayrischen Anspruch auf Böhmen und einen Teil der Erblande erkannte er gern an. Ein merkwürdiger Umschwung erfolgte, als Adelaide die Heirat ihres Sohnes Max Emanuel mit einer Tochter des Kaisers ins Auge zu fassen begann. Sie erwartete so viel von dieser verheißungsvollen Verbindung, dass sie sie sterbend ihrem Sohn empfahl, während ihr ganzes Leben hindurch die Bekämpfung Österreichs und der Anschluss an Frankreich ihr Ziel gewesen war. Auch der Tod des Kurfürsten von Sachsen, der die Subsidien Frankreichs empfangen hatte, brachte einen Anhänger des Kaisers auf den Thron. Wunderbar mutet es ferner an, dass durch die Rücksichtslosigkeit Ludwigs XIV. im Leben und in der Politik zwei Männer, welche durch ihre Nationalität eher zu Frankreich gehörten, von dort nach Wien gedrängt wurden und als österreichische Feldherren dem Kaiser herrliche Siege erkämpfen sollten: Herzog Karl von Lothringen und Prinz Eugen von Savoyen.


Karl III. von Lothringen (auch der Große genannt) (* 18. Februar 1543 in Nancy; † 14. Mai 1608 in Nancy) war Herzog von Lothringen und Mercœur.

Wenn die bedeutungsvolle Stunde herannaht, strömt es von allen Seiten, wo vorher sich nichts regte, um das große Ereignis, sei es Sieg oder Untergang, ans Licht zu treiben.

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