Kitabı oku: «Lateinischer Faschismus»

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Richard Faber

Lateinischer Faschismus

Über Carl Schmitt den Römer und Katholiken

E-Book (ePub)

© CEP Europäische Verlagsanstalt GmbH, Hamburg 2021

Alle Rechte vorbehalten.

Covergestaltung: nach Entwürfen von MetaDesign

Signet: Dorothee Wallner nach Caspar Neher »Europa« (1945)

ePub:

ISBN 978-3-86393-571-9

Auch als gedrucktes Buch erhältlich:

Neuausgabe © CEP Europäische Verlagsanstalt GmbH, Hamburg 2021

Print: ISBN 978-3-86393-112-4

Informationen zu unserem Verlagsprogramm finden Sie im Internet unter www.europaeische-verlagsanstalt.de

Inhalt

I. Carl Schmitt, der Römer

1. Fundamentale Parallele zum Zeitalter der römischen Bürgerkriege und des Cäsarismus

2. Römische Völkerrechts-Mythologie

3. Römischer Cäsarismus, Etatismus und Faschismus

4. Romano-Katholizismus

II. Carl Schmitt, der Katholik

1. Konstantinismus im Zeichen eines Christus Pantokrators

2. Hierokratie oder Infallibilität bzw. Souveränität

3. Cäsaropapismus

4. Thomas Hobbes – Eusebius britannicus

5. Katholischer Traditionalismus

6. Katholischer, positivistischer und faschistischer Cäsarismus

III. Lateinischer Faschismus

1. »Katholischer« Nationalsozialismus oder: Politische Kirche

2. Faschistischer Katholizismus

3. Die vatikanische Konkordatspolitik: Condominium mit dem antichristlichen Cäsar

4. Totalitärer Katholizismus

Exkurs über Schmitts Reichsmythologie: seine »völkerrechtliche Großraumordnung«

Nachwort zur 2. Auflage

I.

I. Carl Schmitt, der Römer*

In memoriam Friedrich Heer 1916-1983

Ein guter Kenner des Weimarer Rechtskatholizismus könnte auf den – ihn vielleicht befremdenden – Gedanken kommen, die Überschrift meines I. Kapitels sei entstanden in Analogie zu einem Titel des den Kardinälen Faulhaber und Pacelli nahestehenden Publizisten Georg Moenius, des Herausgebers der in München erschienenen »Allgemeinen Rundschau«: »Sankt Benedikt, der Römer«.1 Dem ist aber nicht so, obwohl es in der Weimarer Zeit fromme Katholiken gab, die Schmitt in die Nähe heiligmäßiger Menschen rückten. Sein enger Freund Konrad Weiß widmete ihm noch am 1. Juni 1933 das Gedicht »Justitia«, mit den Worten: »Carl Schmitt im Gedenken an Friedrich von Spee«.2 Und Moenius selbst, ein Verehrer von Charles Maurras (und Benito Mussolini), war jemand, der das Römische im Katholischen (über-)betonte, fast so sehr wie Schmitt, der zeitweise sogar Anhänger eines römischen Neopaganismus gewesen sein dürfte, wie Maurras. Doch Moenius, der lebenslang den römischen Kragen des katholischen Priesters trug, war das letztlich nicht. Noch bedeutsamer: Moenius war zwar kein Antifaschist der ersten Stunde, aber völlig im Unterschied zu Schmitt ein lebenslanger Antinationalsozialist, der deswegen sogar ins US-amerikanische Exil gehen mußte.

Moenius ist ab 1933, wie ihr gemeinsamer Bekannter Theodor Haecker, für den nationalsozialistisch gewordenen Schmitt nur noch eine – allerdings fortdauernde – Vergangenheit gewesen. Bin ich dann vielleicht bei meiner Titelwahl von Armin Mohler ‘inspiriert’ worden, der Schmitts Christentum kaum gelten lassen will und seinen Katholizismus fast nur als Spielform eines diesen übergreifenden Römertums ansieht? Mohler, der Schmitt schon in seiner 1950 zum ersten Mal erschienenen Dissertation über »Die konservative Revolution« zu einem von deren ‘Evangelisten’ proklamiert hat3, spricht neuerdings vom »‘Römer’ Carl Schmitt«4, doch das dürfte nicht zuletzt auf mich selbst zurückgehen, der Möhlers These von der »Prussozentrik« der »Konservativen Revolution«5 – partiell erfolgreich6 – die von ihrer »Romanozentrik« entgegengestellt und dabei gerade auch Schmitt ins Feld geführt hat.7 Gleichzeitig habe ich – Mohlers Separierung der »Konservativen Revolution« vom Faschismus widersprechend – auch letzteren romanozentrisch interpretiert und nicht nur den Faschismus, den kürzlich noch Umberto Eco als spezifisch »lateinischen« ausgemacht hat.8 Gerade auch Adolf Hitler hing einem »kulturpolitischen Romglauben« an, wie Friedrich Heer relativ früh bemerkt hat.9 Das »Schwarze Korps« der SS verfuhr gar sehr nach der »Palmström«-Logik, als es 1936 zum Anlaß seiner Kampagne gegen Schmitt einen Aufsatz von dessen Schüler Günther Krauss nahm, in dem dieser Schmitt und Hitler in einem Atemzug genannt hatte: als solche, die nicht zuletzt aufgrund ihres Katholizismus Nationalsozialisten geworden wären.10

Krauss‘ Aufsatz war natürlich auch apologetisch intendiert11, doch der Nichtkatholik Emst Niekisch hat in einem Buch, dessen Manuskript ihn ins NS-Zuchthaus brachte, gleichfalls formuliert: »Er (Schmitt) bemerkte, daß dem Dritten Reich die Tendenz innewohne, sich als weltliche Kirche zu organisieren und fühlte, wie sehr er dafür der rechte Mann sei. Rom lebt auch im laizistischen Katholizismus. Es läßt sich eine römische Kirche ebenso auf dem Grunde eines völkischen wie eines christlichen Dogmas errichten, ohne daß sich der Unterschied in den Grundlinien und Umrissen des Baues zu zeigen braucht. Rom war das große Vorbild, in dessen Anschauung und Ehrfurcht Schmitt groß geworden war; ein römischlateinisches Kirchengebilde sollte das Reich werden, dem er seinen juristischen Verstand zur Verfügung stellte. Er wußte, was das Dogma für eine Kirche bedeutet; ihm bereitete kein völkischer Wahnwitz Pein, da er zu sehr Katholik war, um es nicht für alle Zeiten in sich zu haben, daß es nicht darauf ankommt, was man glaubt, sondern darauf, daß man glaubt.«12

Ich lasse den Katholizismus bei Niekisch bzw. Schmitt vorerst auf sich beruhen. Nehme ich dessen spezifisch Katholisches auch ernster als Mohler, so bin ich von der Prädominanz eines vor- und nachchristlich Römischen bei ihm gleichfalls überzeugt. Jedenfalls möchte ich mit der Präsentation seines außerchristlich Römischen beginnen und dabei ausgehen von dem Satz, mit dem sich Schmitt schon in den Weimarer Jahren eben Niekisch annonciert hat – bewußt provokatorisch: »Ich bin Römer nach Herkunft, Tradition und Recht.«13

Daß dieses von Niekisch überlieferte Zitat seine wenigstens anekdotische Richtigkeit hat, scheint mir unwiderlegbar zu sein. Nicht nur Hugo Balls frühe, von Schmitt noch 1970 authentisierte14 Charakteristik Schmitts als »Lateiner«15 sprach immer schon für die inhaltliche Richtigkeit des Niekischeschen Zeugnisses, sondern bereits das thematische Buch »Römischer Katholizismus und politische Form« hatte Schmitts Selbstdefinition als »Römer« mehr denn nahegelegt. – Sein ausdrückliches Bekenntnis: »Ich bin Römer …« war deshalb so provokativ, wie ich behauptet habe, weil Schmitt bei seinem Gegenüber von jenem »antirömischen Affekt« ausgehen mußte, mit dessen Konstatierung er seinen Traktat über den »Römischen Katholizismus« begonnen hatte: »Es gibt einen antirömischen Affekt.«16 Wer, wie Schmitt zeitlebens nichts Schlimmeres kannte als diesen Affekt17, mußte selbst einen ungemein prorömischen besitzen und – deswegen – voller Ressentiment sein gegen all die Personen, Gedanken, Institutionen und Nationen, die er als »antirömische« glaubte ausmachen zu können.

Auf Schmitts spezifisch antijüdische Ressentiments bin ich an anderer Stelle ausführlich eingegangen, unter der nietzscheanischen Überschrift »Rom gegen Judäa«.18 Hier möchte ich unmittelbar eine Passage aus Schmitts Brief vom 23.05.1948 an Helmut Rumpf folgen lassen: »Ich bin Katholik nicht nur dem Bekenntnis, sondern auch der geschichtlichen Herkunft, wenn ich so sagen darf, der Rasse nach. Ich hätte noch hinzufügen können: deshalb ist es auch so leicht, gegen mich wie gegen alles, was ich sage, den antirömischen Affekt zu mobilisieren.«19 Diese erst seit wenigen Jahren bekannte Briefstelle bestätigt meine Deduktion von Schmitts Antiantirömischem aus seinem Prorömischen ungemein, wenn die Stelle auch, wie schon das frühe »Katholizismus«-Buch, römisch scheinbar mit katholisch identifiziert. Doch davon abgesehen, daß Schmitt bereits am 23. 01. desselben Jahres die von Rudolf Smend herrührende20 Charakteristik als »‘antiker’ Mensch« übernommen hat21 und sich am 18.03. bzw. 17.07.1949 überzeugt zeigt von der »moralischen Überlegenheit der Römer« gegenüber Juden und Griechen22: Schmitt steigert im zitierten Brief seine römische »Herkunft« ins Rassische – noch übers limesländisch Autochthone23 hinaus.

Für das unmittelbar Anschließende ist entscheidend, daß er sich am 30. 09. 1950 zum (alleinigen) Platzhalter Roms aufzuschwingen berechtigt glaubt, weil »meine Rechtswissenschaft … im Exil« ist. »Doch«, so fährt Schmitt fort, »gibt es gewisse Traditionscompagnien. Rome n’est plus dans Rome, elle est toute ou je suis.«24 Diese Stilisierung zu einem letzten Römer fügt »Tradition« und »Recht« zur schon zitierten »Herkunft« und bestätigt so – schwarz auf weiß –, was Schmitt Niekisch bereits gegen 1930 gesagt haben soll: »Ich bin Römer nach Herkunft, Tradition und Recht.«

1. Fundamentale Parallele zum Zeitalter der römischen Bürgerkriege und des Cäsarismus

Was das Recht angeht, hat Schmitt im »Glossarium« auch notiert: »Die deutsche Sprache ist keine juristische Sprache«, dafür aber die Römer »das Volk des Rechts« genannt und, nur konsequent, behauptet: »Zur Pax Romana gehört die Lingua Latina d. h., eine Sprache, deren Worte und Sätze ein Simul der Dinge und der rechten Ordnung sind. Die angelsächsische Sprache dagegen ist maritim-schwebend.«25

Mit dem letzten, von Schmitt nicht willkürlich assoziierten Satz sind wir ins Zentrum seiner späten, nicht mehr staats-, sondern völkerrechtlichen Überlegungen gestoßen. »Die schwebend-maritime Sprache ist keiner Weltherrschaft fähig«, wie Schmitt fortfährt. »Es gibt keine Pax, sondern nur Beseitigung des Staatenkrieges und seine Verwandlung in den Weltbürgerkrieg«26 – der für Schmitt die absolute Katastrophe war. – Mehr denn je ließ sie ihn, im Gefolge Tertullians, nach einem »römischen« Katechon suchen, einer »das Ende« aufhaltenden Macht.27

Schmitt war, wie schon der augusteische Dichter Vergil, die (prä-)konstantinschen (Reichs-)Theologen der Antike und des Mittelalters, wie Schmitts entscheidende Lehrer Thomas Hobbes und Donoso Cortés, Antiapokalyptiker, doch auch deswegen besessen von dem, was er »die fundamentale Parallele« bezeichnet: die »große historische Parallele zum 19./20. Jahrhundert, das 1. Jahrhundert«28, um sie – mit Schmitt – zunächst rein chronologisch zu benennen.

Gleich in der ersten Eintragung des die ganze Zeit über apostrophierten Tagebuchs zeigt sich Schmitt »ergriffen« vom »Anfang der Historien des Tacitus … Ist das nur noch Rhetorik, wie Ortega mir sagte?« So fragt Schmitt und weiter: »Ist es nicht die Identität der Situation, also existenzielle Teilhabe, participatio an ein und derselben Ur- und Kernsituation unseres Aeons?« Am rhetorischen Charakter dieser Fragen keinen Zweifel lassend, heißt es etwas später: »Jedes Wort dieses Tacitus-Kapitels ist erschöpfend aktuell«, vor allem die »Verbindung von Außenkrieg und Bürgerkrieg, das ist nicht Rhetorik«, wie Schmitt sicher zu sein glaubt, »sondern die schauderhafte Wirklichkeit erkannt und ausgesprochen, die Ununterscheidbarkeit von Krieg und Frieden.«29

Auch in Schmitts erster Buchveröffentlichung nach seinem Publikationsverbot, dem 1950 erschienenen »Donoso Cortés in gesamteuropäischer Interpretation« wird die Überzeugung zum Ausdruck gebracht, daß die »umfassende … fundamentale Parallele, die für unseren Äon im ganzen zentral ist und so lange es bleiben wird, wie dieser Äon besteht«, »die Beziehung unserer Gegenwart auf die Zeitwende« ist, »mit der unser Äon einsetzt, die Zeit der römischen Bürgerkriege und des Cäsarismus.« Allerdings wird an dieser Stelle hinzugesetzt, in Konsequenz des Wortgebrauchs »Zeitwende«: »Hier handelt es sich um mehr als eine bloße Parallele … Hier wird die Frage gestellt, ob der christliche Äon zu Ende ist oder nicht.«30

So formuliert Schmitt, wie gesagt, erst nach 1945; schon vor 1933 war es »die Zeit der römischen Bürgerkriege und des Cäsarismus« als solche, die ihn tremendierte, aber auch – aus der Hoffnung auf eine neoaugusteische Ordnung heraus – faszinierte. Damals akzentuierte er (in Übernahme von Proudhons »ère actiaque«31) diese Zeit nicht zuletzt als »das Zeitalter der Schlacht bei Aktium«32 und schloß 1932 »Das Zeitalter der Neutralisierungen und Entpolitisierungen«, welcher Text im unmittelbaren Zusammenhang mit dem grundlegenden Aufsatz »Der Begriff des Politischen« steht, mit den Worten: »…aus der Kraft eines integren Wissens entsteht die Ordnung der menschlichen Dinge. ‘Ab integro nascitur ordo’.«33 Mit Bezug auf das Ermächtigungsgesetz des neuen ‘Augustus’ Hitler hieß es 1934, als wenn sich die vergilsche Prophetie vom »novus ordo« erfüllt hätte: »Jetzt öffnete sich ein Weg um … das revolutionäre Werk einer deutschen Staatsordnung in Angriff zu nehmen.«34 Und am hohen Mittag des »Neuen Reichs«, 1939/ 40, schrieb Schmitt: »Die Tat des Führers hat dem Gedanken unseres Reiches politische Wirklichkeit, geschichtliche Wahrheit und eine große völkerrechtliche Zukunft verliehen. – ‘Ab integro nascitur ordo’.«35

Wie der Nazi-Philosoph Christoph Steding in seinem »Reichs«-Buch von 1938 glaubt Schmitt den »Reichsbegriff als Überwindung eines Zeitalters der Neutralisierungen« erkennen zu können.36 Wie er bereits 1934 schrieb, sei der »höchste … und deutscheste … Ordnungsbegriff« das »‘Reich’ als eine … konkret-geschichtliche, Freund und Feind von sich aus unterscheidende … politische … Einheit.«37

2. Römische Völkerrechts-Mythologie

»Deutschest« soll der Reichsbegriff sein, weil per translationem imperii römisch, allerdings auf deutsche und nicht angelsächsische Art und Weise »römisch«. Wie schon angedeutet, beanspruchte Schmitt für das Deutsche Reich – im Unterschied zum Empire und zu den USA (in deren Staatswappen sich bis heute das vergilsche Motto vom »Novus ordo seclorum« findet) – einen nicht-universalistischen Charakter; es sollte nur ein »Großraum« neben anderen sein. Ich werde in einem Exkurs ausführlich zeigen, wie sehr Schmitts »Völkerrechtliche Großraumordnung« eine Velleität, wenn nicht Camouflage war.38 Entscheidend in unserem Zusammenhang ist, daß für Schmitt Raum und Rom bereits dasselbe Wort sind: »Raum ist dasselbe Wort wie Rom. Daher also der Haß gegen das Wort Raum, dieser Haß ist nur ein umgelagerter antirömischer Affekt.«39

So heißt es mit aller ‘wünschenswerten’ Deutlichkeit am 6. 07. 1951 im »Glossarium«. Die kurze Notiz bezeugt unter anderem die Möglichkeit einer Konnotation des (Anti-)Römischen bei Schmitt, ganz unabhängig von »christlich« und selbst »katholisch«. Doch entwickeln wir an dieser Stelle die ausdrücklich mythologische Begründung des Schmittschen (Groß-)Raum-Konzepts, das das seines antiangelsächsischen und damit deutschen bzw. (kontinental-)europäischen Völkerrechts ist, auch noch nach 1945: Schmitt gedenkt – gleich im Vorwort seines »Nomos der Erde« – Johann Jacob Bachofens, wenn er »die Verbindung« seines »rechtswissenschaftlichen Grundgedankens« mit »mythischen Quellen rechtsgeschichtlichen Wissens« eingesteht40 – wobei Eingestehen ein zu defensives Wort ist. – Schmitt propagiert ein ursprungsmythisches Rechtsdenken und zwar als römisches; gerade auch das wird durch die – initiative – Beschwörung Bachofens signalisiert.

Schmitts »rechtswissenschaftlicher Grundgedanke«, sein Prinzip – gerade auch im historischen Sinn des Wortes – ist dieses: »Am Anfang der Geschichte jedes seßhaft gewordenen Volkes, jedes Gemeinwesens und jedes Reiches steht … in irgendeiner Form der konstitutive Vorgang einer Landnahme. … Sie enthält die raumhafte Anfangsordnung, den Ursprung aller weiteren konkreten Ordnung und allen weiteren Rechts. … Aus diesem ‘radical title’ leiten sich alle weiteren Besitz- und Eigentumsverhältnisse ab … Aus diesem Ursprung nährt sich … alles folgende Recht und alles, was dann später noch an Setzungen und Befehlen ergeht und erlassen wird.«41

Auch wenn man nicht wüßte, daß Schmitt, wie Bachofen, ein erbitterter Feind des Matriarchats ist, die Landnahme dementierte die Weiblichkeit der Quell- und Nährmetapher sofort und umso mehr, als Schmitt die Landnahme mit dem »Nehmen« der Frau analogisiert42: Schmitts Rechtsursprung ist ein männlicher, ja heroischer und damit – um zu entmythologisieren – ein gewaltsamer: »Herakles ist der mythische Ordnungsstifter. Indem er die Rinder des dreileibigen Riesen ‘nimmt’, schafft er Recht; die Nahme (der Nomos) verwandelt Gewalt in Recht. Das ist der Sinn des … Pindar-Fragments vom Nomos-Basileus«, das »vom Raub der Rinder des Geryon« spricht .43

Schmitt leugnet Raub und Gewalt nicht, läßt diese sich aber in Recht verwandeln, indem er den Raub »Nahme« und das heißt »Nomos« nennt. Aufgrund welcher »Etymologie« Schmitt das möglich erscheint, kann auf sich beruhen bleiben.44 Entscheidend ist, daß Herakles’ »rechtssetzende Gewalt«45 mit dem »Ur-Akt«46 der Landnahme ineinsgeht. Nach Vergils »Aeneis« tötet er das »chaotische« Untier Cacus, so daß Euander Ur-Rom bauen kann – so wie dann Aeneas selbst, dessen Prototyp Herkules ist, (Cacus-)Turnus tötet und damit die Landnahme Latiums beendet.47

Schmitt erwähnt weder die Episode des Cacus tötenden Herkules, noch nennt er Euander oder Aeneas, aber Schmitts »bodenhafte(r) Urgrund, in dem alles Recht wurzelt und Raum und Recht, Ordnung und Ortung Zusammentreffen« sollen48, ist ein römischer. Schmitt schreibt: »Alle Völker aller Zeiten, die in neue Räume aufbrachen und auf ihren Wanderungen seßhaft wurden, griechische, italische, germanische, slawische, magyarische und andere Sippen, Stämme und Gefolgschaften haben Landnahmen vollzogen, und die gesamte Kolonialgeschichte ist ebenfalls nur eine Geschichte raumhaft bestimmter Gründungsvorgänge, in denen Ordnung und Ortung sich verbinden.« Ja, Schmitt hält fest: »Der seltene Fall, daß in der völkerrechtlichen Erörterung mit rechtswissenschaftlichem Bewußtsein von ‘Landnahme’ gesprochen wird, ereignete sich in den Verhandlungen des deutschen Kolonialkongresses 1905 (Berlin, 1906, S. 410).«49

Schmitt gibt damit nochmals den Gewalt-Charakter der Landnahme zu erkennen, vor allem aber seine gerade auch moderne Perspektive. Dennoch ist historisch alias ursprungsmythisch entscheidend, daß die Nennung der »Völker aller Zeiten« die prinzipielle Bedeutung Roms (in den Augen Schmitts) nicht schwächen kann. Die von ihm apostrophierte »raumhafte Anfangsordnung« ist in jedem Fall römisch, da Schmitt sicher ist, »daß ,Raum’ und ‘Rom’ dasselbe Wort«.50 So sehr ist seine Ursprungsmythologie eine römische – da die Mythologie sich wie bei Heidegger etymologisch geriert: »‘Raum’ ist ein … Urwort der Ursprache. Nach dem Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm ist Raum ein allen germanischen Sprachen gemeinsames Wort, mit einer altnordischen Wurzel rum, die in slawischen Wörtern wie ruvati und im lateinischen eruere wiederkehrt. Inhaltlich soll rum, als Gegensatz zu rauh, eine ausgerodete, urbar gemachte Stätte bedeuten. Raum ist demnach in germanischer Sprache ein uralter Ausdruck, der einen durch Urbarmachen einer Wildnis geschaffenen Bereich menschlichen Daseins benennen soll. Ich bin sicher, daß Raum und Rom dasselbe Wort ist.«51

Dennoch soll allein »das deutsche Wort ‘Raum’ … unzerstörbar« sein und gerade »ein Vergleich mit dem lateinischen Wort ‘spatium’ (espace im Französichen, spazio im Italienischen, espacio im Spanischen) … die numinose Kraft des deutschen Urwortes … erkennbar« machen.52 Schmitt behauptet: »Die Schwierigkeit einer Übersetzung von ‘Raum’ in romanische Sprachen ist … außerordentlich, sobald es sich nicht mehr um den leeren, mathematisch-abstrakten Raum handelt. Eine Formulierung wie Großraum im Sinne einer Großraumordnung, die in deutscher Sprache ohne weiteres verständlich ist, läßt sich in romanischer Sprache nur durch Umschreibungen, nicht durch einfache Übersetzung richtig wiedergeben. Julius Evola hat das deutsche Wort ,Großraum’ im Italienischen mit spazio imperiale auf eine andere Ebene überführt.«53

Schmitt bestreitet den universalistischen und imperialistischen Charakter seiner Großraum-Konzeption und beansprucht dementsprechend für DAS REICH – wie für den deutschen »Raum« – eine unübersetzbare »Eigenart und Hoheit«54, doch dies ist Camouflage. Auch sein Reichs-Gesetz ist das dem Aeneas von Vater Anchises auferlegte: »Du aber Römer, gedenke mit Macht der Völker zu walten, / Dies sei deine Berufung – des Friedens Gesetze, zu achten, / Schon den, der sich gefügt, doch brich den Trotz der-Rebellen!«55

Gerade auch in diesem vergilschen Sinne gilt, »daß ‘Raum’ und Rom’ dasselbe Wort ist« (so wie – für Hitler – Raum und Reich dieselbe Sache56). Um noch einmal den unmittelbar vorangehenden Satz zu zitieren: »Raum ist … ein uralter Ausdruck, der einen durch Urbarmachen einer Wildnis geschaffenen Bereich menschlichen Daseins benennen soll.«57 Schmitt expliziert an späterer Stelle: »Die ausgerodete Lichtung im Urwald ist der von Menschen bewohnte und gestaltete, von einem unendlichen Nicht- oder Noch-Nicht-Gestalteten umwogte Raum. Der umgebende Urwald entspricht hier dem unabsehbaren Ozean, der die von Menschen bewohnte Erde umfließt, wie im antiken Weltbild«58, nach dem die »‘Erde’… als ein Kreis« erschien, »als ein orbis, wobei zu beachten ist, daß mit dem mehrdeutigen Wort ‘orbis’ sowohl eine Scheibe, also eine Kreisfläche, wie auch die Kugel gemeint sein konnte. Ihre Grenze wurde durch mythische Vorstellungen wie den Ozean, die Mitgardschlange oder die Säulen des Herkules bestimmt. Ihre politische Sicherung lag in exkludierenden Verteidigungsanlagen wie Grenzwällen, einer ‘großen Mauer’, einem Limes …, außerhalb dessen Krieg ist. Solche Grenzen hatten den Sinn, eine befriedete Ordnung von einer friedlosen Unordnung, einen Kosmos von einem Chaos, ein Haus von einem Nicht-Haus, eine Hegung von einer Wildnis zu trennen.«59

Schmitt nimmt mit diesen Sätzen auf, womit sein Buch (eigentlich) beginnt: »Die Erde wird in mythischer Sprache die Mutter des Rechts genannt. Das deutet auf eine dreifache Wurzel von Recht und Gerechtigkeit.« Die Erde birgt das Recht »in sich, als Lohn der Arbeit; sie zeigt es an sich, als feste Grenze; und sie trägt es auf sich, als öffentliches Mal der Ordnung. Das Recht ist erdhaft und auf die Erde bezogen. Das meint der Dichter (Vergil), wenn er von der allgerechten Erde spricht und sagt: ‘justissima tellus’. – Das Meer kennt keine solche sinnfällige Einheit von Raum und Recht, von Ordnung und Ortung. Zwar werden auch die Reichtümer des Meeres, Fische, Perlen und andere Dinge, von Menschen in harter Arbeit gewonnen, aber nicht, wie die Früchte des Erdbodens, nach einem inneren Maß von Saat und Ernte. In das Meer lassen sich auch keine Felder einsäen und keine festen Linien eingraben. Die Schiffe, die das Meer durchfahren, hinterlassen keine Spur. ‘Auf allen Wellen ist alles Welle’. Das Meer hat keinen Charakter in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes Charakter, das von dem griechischen Wort ‘charassein’, eingraben, einritzen, einprägen kommt … Vergil prophezeit in der 4. Ekloge, daß es im kommenden glücklichen Zeitalter keine Seefahrt mehr geben wird.«60

Wer die »iustissima tellus« mater beschwor, mußte antimaritim eingestellt sein, wie Schmitt nahlegt. Ich bin sicher, zu Unrecht61; entscheidend ist aber: Nicht die Erde ist die »Mutter des Rechts«, sondern dieses ist nur insofern »erdhaft und auf die Erde bezogen«, als die Heroen, die das Land nehmen und ihm die »festen Linien eingraben«, von Vergil Söhne dieser Erde genannt werden: »Heil dir, große Mutter der Früchte, saturnische Erde, / Große Mutter der Helden !«62

Und auch Schmitt verleugnet das ius terrae als »Mutterrecht«, d.h. den »mütterlichen Naturalismus, der alle Unterschiede zwischen den Kindern einer Mutter, der Erde, verwirft«.63 In Bachofens »Mutterrecht« heißt es: »Aphrodite ist jedes Sondereigentum verhaßt. Daher wird das gleiche Recht aller an dem Meere, den Ufern, der Luft, überhaupt die ‘communis omnium possessio’ auf das ‘ius naturale’ zurückgeführt«64, jenes »ius naturale«, das eben den »tiefsten Sphären tellurischen Daseins« angehört – wie auch Schmitt weiß, freilich nur um »das neue Paradies« – Max Stirners und seines matriarchalen Schülers Otto Gross65 – zu ironisieren; es handelt sich nach Schmitt »um die Natur und das Naturrecht, die Aufhebung der Selbstentfremdung und der Selbstentäußerung in einer problemlosen Leibhaftigkeit. Das adamitische Glück des Gartens der Lüste, den Hieronymus Bosch in weißer Nacktheit auf eine Tafel geworfen hat … Die ganz natürliche Natur und das Naturrecht der tiefsten Sphären tellurischen Daseins.«66

Gerade auch wenn (mit Karl Marx) Stirner nicht für der Weisheit letzter Schluß gilt, kann darauf verwiesen werden, daß der entwickelte und kritische – der »dialektische« – Sozialismus nicht die »natürliche Natur« der »Tellus mater« projektiert, sondern eben »das neue Paradies« einer »technisierten Erde«. Aber auch gegen sie hat Schmitt seine – sarkastischen – Einwände und nicht einfach unberechtigte: »Wahrscheinlich wird die Bekleidungsindustrie (in Zukunft) einen solchen Aufschwung nehmen und solche Produktivkräfte entfesseln, daß ‘Wir’ uns täglich neue phantastische Kostüme leisten können. Charles Fourier mag sich das im einzelnen ausmalen. Die Prophezeiung der vierten Ekloge Vergils, daß die Wolle der Lämmer von selbst in schönstem Purpur wachse, wirkt dann altmodisch und geradezu reaktionär.«67

Gerade auch der Schmitt-Kritiker68, Matriarchats-Utopiker und Fourier-Verehrer69 Walter Benjamin hat auf die »Dialektik der Warenproduktion« aufmerksam gemacht: »Die Neuheit des Produkts bekommt (als Stimulus der Nachfrage) eine bisher unbekannte Bedeutung; das Immerwiedergleiche erscheint sinnfällig in der Massenproduktion zum erstenmal.« Apodiktisch: »Die Mode ist die ewige Wiederkehr des Neuen.«70 Aber was Benjamin kritisiert, ist die »Dialektik der Warenproduktion«; Schmitt dagegen kritisiert die ins »Unendliche gesteigerte Konsumkraft« als solche.71 Benjamins Frage: »Gibt es in der Mode Motive der Rettung?« ist ihm fremd. Gegen das, was an Vergil möglicherweise progressiv war und bleibt72, hält er es mit dem, was objektiv schon immer reaktionär gewesen ist.

»Politisch theologisch«, alias mythologisch73 formuliert: Schmitts wie Vergils alma Venus ist die Venus Genetrix und Victrix der Aeneas und Augustus74, d.h. ihre Venus. Vergil und Schmitt sind darüber hinaus homophil gesteuert.75 Schmitt schreibt: »In der Landnahme, in der Gründung einer Stadt oder einer Kolonie wird der Nomos sichtbar, mit dem ein Stamm oder eine Gefolgschaft oder ein Volk seßhaft wird, d. h. sich geschichtlich verortet und ein Stück Erde zum Kraftfeld einer Ordnung erhebt.«76

Ich interpretiere: Der Landnehmer und Stadtgründer, der der Führer einer »Gefolgschaft« ist, stiftet den Nomos, der der seine ist: ein »heroischer«. – Schmitt schreibt weiter: »Insbesondere kann der Nomos als eine Mauer bezeichnet werden«; denn: »Jeder Nomos ist, was er ist, innerhalb seines Zaunes«77. Und: »Am Anfang steht der Zaun. Tief und begriffsbestimmend durchwirken Zaun, Hegung, Grenze die von Menschen geformte Welt. Die Hegung ist es, die das Heiligtum hervorbringt, indem sie es dem Gewöhnlichen entnimmt, eigenem Gesetz unterstellt, dem Göttlichen anheimgibt.«78

So zitiert Schmitt den Wort- und Volkskundler Jost Trier, um eben anzuschließen: »Der hegende Ring, der von Männern gebildete Zaun, der Mannring, ist eine Urform kultischen, rechtlichen und politischen Zusammenlebens.«79 – Der »Männerbund«80 und sein neuer »Dux« lassen grüßen.81 Ist dieser auch nur in Italien als alter Aeneas vorgestellt82, so doch in Italien wie Deutschland als alter Augustus.83 Bedingung der Möglichkeit und nicht bloß hierfür, sondern ganz generell ist Schmitts »einzigartige, alles beherrschende, große Parallele zwischen der Gegenwart und der Zeitwende, die den Beginn unserer Zeitrechnung darstellt«84: die »Beziehung unserer Gegenwart auf die Zeit der römischen Bürgerkriege und des Cäsarismus«85.

3. Römischer Cäsarismus, Etatismus und Faschismus

Wir sind mit dieser neuerlichen Zitation zu uns bereits Bekanntem zurückgekehrt. Verweilen wir im folgenden beim Cäsarismus und den mit ihm verbundenen Etatismus und Faschismus, verbunden nicht zuletzt im Römischen. – Völlig abwertend heißt es unter dem 15.05.1948 im »Glossarium«: »Dieses Individuum (Hitler) las ungeheuer viel um zu tanken. In Mirko Jelusichs historischen Romanen lernte es, wie die großen Männer der Weltgeschichte reden (diese ‘schamlosen Dummköpfe’ pflegte Julius Caesar bei Mirko Jelusich zu sagen) und Völker vernichten.«86

Schon in der ersten Eintragung vom 28.08.1947 wird auf den, gleich Schmitt, vom imperialistischen Nationalismus zum Faschismus übergegangenen Corradini rekurriert: »Rede von Enrico Corradini, Florenz, den 8. Februar 1925; Représentant le fachisme comme la révolution de l’Etat (sic!) contre la prédominance des intérêts privés. Das ist also Sallust contra pecuniam zum Caesar fliehend, die Jungfrau zum Mädchenhändler«, wie Schmitt sarkastisch anmerkt. »… der Staat, zu dem Corradini flüchtete, wollte ein caesarisches Imperium sein«, wie Schmitt als Grund seiner Kritik angibt; er expliziert: »Staat = Souveränität = Dezision = Beendigung des Bürgerkriegs innerhalb des (eben dadurch erst entstehenden) Staates. Weltherrschaft ebenfalls Beendigung des Bürgerkrieges? Nein, sondern Kombination von völkerrechtlichem Krieg und Bürgerkrieg. Tacitus Hist. 1,2: bellum externum et civilia permixtum.«87

Ich wiederhole meine großen Zweifel, ob man das faschistische »Impero« so vom nationalsozialistischen »Großraum« abgrenzen kann, verweise vor allem aber darauf, daß ein innerstaatlicher und damit positiv beurteilter Cäsarismus Schmitt früher durchaus möglich und im faschistischen Italien verwirklicht zu sein schien. Entscheidende Voraussetzung hierfür war natürlich die Schmittsche Grundgleichung: »Staat = Souveränität = Dezision = Beendigung des Bürgerkriegs innerhalb des (eben dadurch erst entstehenden) Staates«. Diese Gleichung ließ Schmitt über den frühen faschistischen, angeblich aus einer »Beendigung des Bürgerkriegs« hervorgegangenen Staat positiv urteilen: »Der faschistische Staat will mit antiker Ehrlichkeit wieder Staat sein, mit sichtbaren Machtträgern und Repräsentanten, nicht aber Fassade und Anti-Chambre unsichtbarer und unverantwortlicher Machthaber und Geldgeber. Das starke Gefühl des Zusammenhangs mit der Antike ist nicht nur Dekoration«88, wie Schmitt damals im Unterschied zum späteren Glossarium überzeugt war.

»Man kann es aus jener Reaktion gegen abstrakte Entpolitisierung begreifen, in Verbindung mit dem einfachen geschichtlichen Faktum, daß der große Staat europäischen Kontinents im eigentlichen Sinn immer ein klassisches Gebilde war und in der Tradition klassischen Denkens bleiben muß. Das gilt für die mit der Renaissance und dem Barock entstehenden Staaten und für die großen Zeiten des französischen und des preußischen Staates.«89 – Hobbes war zwar Engländer, für Schmitt aber nicht zu Unrecht der Theoretiker jenes »großen« und »klassischen« Staats »europäischen Kontinents«. Und just er läßt sich, wie Schmitt betont hat, cäsaristisch rezipieren, d. h. der neuzeitliche Etatismus im modernen Cäsarismus fortsetzen: »Bei Hobbes beruht die Macht des Souveräns … auf einer mehr oder weniger stillschweigenden, aber darum soziologisch nicht weniger wirklichen Verständigung mit der Überzeugung der Staatsbürger, wenn auch diese Überzeugung gerade durch den Staat hervorgerufen werden soll. Die Souveränität entsteht aus einer Konstituierung der absoluten Macht durch das Volk. Das erinnert an das System des Caesarismus und einer souveränen Diktatur, deren Grundlage eine absolute Delegation ist.«90

Schmitts Ausführungen sind insofern ideologisch, als sie die Klasse, in deren Interesse der »Caesar« die Macht ergreift, mit dem »Volk« identifiziert, das als einige Person, die sich »stillschweigend« mit seinem Souverän »verständigt«, sowieso mythisch ist, wie notwendig auch dieser. Arnold Gehlen macht das offenkundig, wenn er dessen Ideal als »vollkommenen Repräsentanten des Stimmrechts der Wirklichkeit« bezeichnet und daran »keine Psychologie« heranreichen läßt: »… niemand deutet das … Portrait des Augustus, das sich auf einer Gemme im Aachener Domschatz findet.«91 – »… einen Napoleon« konnte Metternich »noch charakterisieren«92, wie Gehlen fortfährt. Und doch hat schon Hegel ihn solcherart divinisiert, daß Schmitts Worte über Hobbes’ Souverän geradezu unterkühlt wirken:

»Das einzelne Ich, NAPOLEON, und das allgemeine Ich, das Volk, sind … identisch, genauer die Identität der Identität und der Nichtidentität. Sie bilden ‘das Dasein des zur Zweiheit ausgedehnten Ichs’, den demokratisch-plebiszitär legitimierten Staat, und der Kaiser wird der ‘erscheinende Gott’ mitten unter ihnen, die sich als das reine Wissen wissen … ‘Der Gehorsam des Selbstbewußtseins’ ist hier nicht ‘der Dienst gegen einen Herren, dessen Befehle eine Willkür wären, und worin er sich nicht erkennte. Sondern die Gesetze sind Gedanken seines eigenen absoluten Bewußtseins, welche er selbst unmittelbar hat’. Die Vermittlung der Substanz mit dem Subjekt ist vollbracht, die Entäußerung zurückgenommen und die Entfremdung aufgehoben.«93

Auch nur an die Möglichkeit solcher Aufhebung, die für den Jenenser Hegel perfectum praesens ist, wird Schmitt nie glauben und dennoch Cäsarist bleiben. Er kann es auch und gerade dadurch, daß er das Volk unters Plebiszit subsumiert wie dieses auf Akklamation reduziert; so bereits in seinem frühen Aufsatz »Volksentscheid und Volksbegehren« von 1927.94 Die wirksame Fiktion genügt Schmitt, jene »demokratische Identitätsfiktion«, die der Schmitt-Schüler Helmut Schelsky schon Hobbes nachsagen wird.95 Es genügt Schmitt der »soziale Mythos«, der – nach dem Vorbild des italienischen Faschismus – ein nationaler ist: ein »polytheistischer« und damit neopaganer Mythos, wie Schmitt keinen Zweifel läßt.96 Er, der weiß, daß der Cäsarismus insgesamt »eine typisch nicht- christliche Machtform« ist97, vertritt schon früh die Überzeugung – im Anschluß an einen faschistisch rezipierten Georges Sorel –, daß nur ein Mythos die »Grundlage einer neuen Autorität, eines neuen Gefühls für Ordnung, Disziplin und Hierarchie« sein kann.98

4. Romano-Katholizismus

Vor allem das faschistische Italien hat Schmitt in dieser Überzeugung bestätigt, war es ihm doch gelungen, wieder einen »totalen Staat (aus Stärke)« zu schaffen: einen monistischen und damit paganen bzw. »antiken« Staat, wie wir Schmitt schon einmal zitiert haben. – Ich erinnere außerdem, daß er an derselben Stelle fortfährt, »der große Staat europäischen Kontinents« sei »im eigentlichen Sinn immer ein klassisches Gebilde« gewesen und das gelte für »die mit der Renaissance und dem Barock entstehenden Staaten und für die großen Zeiten des französischen und des preußischen Staates«. Damit ist auch gesagt und im Blick auf Hobbes speziell, daß der »Leviathan«, wenn noch nicht neopagan, so doch erneut cäsaropapistisch konzipiert war. Laut Schmitt gilt Hobbes’ Feindschaft vor anderem der »typisch judenchristliche(n) Aufspaltung der ursprünglichen politischen Einheit« – die selbst im römischen Katholizismus einen Protagonisten hat: »Die Unterscheidung der beiden Gewalten, der weltlichen und der geistlichen, war … den Heiden fremd, weil für sie die Religion ein Teil der Politik war; die Juden bewirkten die Einheit von der religiösen Seite her. Nur die römische Papstkirche und herrschsüchtige presbyterianische Kirchen oder Sekten leben von der staatszerstörenden Trennung geistlicher und weltlicher Gewalt. Aberglaube und Mißbrauch fremden, aus Angst und Traum entstehenden Geisterglaubens haben die ursprüngliche und natürliche heidnische Einheit von Politik und Religion zerstört.«100

Sie wiederherzustellen und zwar von Seiten des Staates her ist »der eigentliche Sinn der politischen Theorie des Hobbes«101. Im geschichtlichen Zusammenhang ist aber auch sie Theologie, ja, übers Anglikanisch-Eusebianische hinaus nähert sie sich dem, was »politische Theologie« an ihrem Ursprung war: in Rom. – Laut Schmitt gehört die »politische Theologie« der »Urbs«, wie sie Varro theoretisierte102, und wie sie in der »Augusteischen Restauration« wieder auflebte103, zum »nomos« der »res publica« und »konstituiert die Öffentlichkeit durch Götterkult, Opferkult und Zeremonien. Sie gehört zur politischen Identität und Kontinuität eines Volkes, dem die Religion der Väter, die gesetzlichen Feiertage und das ‘deum colere kata ta nomima’ wesentlich ist, um Erbe, legitime Sukzession und sich selbst zu identifizieren.«104

Im Vergleich hierzu geht das Christentum – ausgenommen seine von Schmitt an derselben Stelle favorisierte Eusebianische Spielform – nie darin auf, die religiöse Seite der gesellschaftlichen Organisation, des Staates, zu sein. Wie unterschiedlich auch immer, dem Christentum bleibt eine staatstranszendente Dimension. Deswegen die notwendige Sympathie aller, die römisch-staatlich fühlen, wie ganz entschieden Schmitt, für die ‘konstantinische’ Staatskirche und – zeitweise – für jene Katholiken, die theoretisch zwar »augustinisch«, d. h. dualistisch denken, aber doch für ein enges »Miteinander« der beiden »societates perfectae« plädieren, zwar für keine Staatskirche aber eine Staatsreligion – für die der »christliche Staat« keine Unmöglichkeit ist.

Ich nenne hier noch einmal Haecker, auf den Schmitt als den Verfasser eines »Vergil«-Buches auch nicht hinzuweisen vergißt, wenn er auf die »Augusteische Restauration« zu sprechen kommt. – Haecker sieht die konstantinische Wende, wie folgt: »Als die Sieger, nicht als die Besiegten; als die Zivilisierten und Kulturträger, nicht als die ‘Barbaren’ sind die Römer Christen geworden.« Also, folgert Haecker, »hat … der römische Staat ‘aus inneren Gründen’, aus seiner Beziehung zu dem ‘unabtrennbaren Äußeren’ der pietas, das Christentum freiwillig zur Staatsreligion erhoben.«105 Das heißt wiederum – und darauf kommt es allein an –, auch das Christentum kann und soll politische Religion sein: heute wie gestern.

Welch schlimme Kontinuität damit affirmiert wird, können Worte Heers angeben, die vom »zweiten Konstantin« Karl dem Großen ausgehen: »In seinem berühmten Sachsengesetz von wohl 785 werden jene Mittel genannt, die im folgenden Jahrtausend in den Kämpfen des fürstlichen Absolutismus, in Reformation und Gegenreformation, im 16., 17., 18. Jahrhundert, verschleiert im 19., brutal offen im 20. Jahrhundert, immer wieder angewandt werden, um das eine Reich zu bauen.« Heer pointiert: »Der Totalstaatsversuch Hitlers läßt sich nur von reichischen Bezügen her verstehen.« Und: Karl der Große ist der »Erzvater des europäischen Totalstaats«.106

Darüber wäre sicher zu diskutieren, zumal Haecker, wie auch sein Schüler Moenius, ein entschiedener Antinationalsozialist war. Doch katholisch-faschistischen Totalitarismen in der Art Salazars stand eben auch Haecker positiv gegenüber107 und gleichfalls von »römischen« Voraussetzungen her. Moenius’ Freund Gonzague de Reynold hat 1936 Salazar ausdrücklich als »Römer« bezeichnet108, und das ist mehr als eine Kuriosität. Das »Römische« im Katholizismus war ein ganz entscheidendes Einfallstor für Etatismus und Imperialismus, ja Faschismus und – in besonders exponierten Fällen wie dem Schmittschen – für Nationalsozialismus.109 Ich muß es an dieser Stelle bei einigen Hinweisen belassen:

Als die italienischen Faschisten – um ein sehr repräsentatives Beispiel zu nennen – zum 2000. Jahrestag des Augustus eine Briefmarkenserie herausgaben, die fortlaufend den Text des Augustus-Testaments wiedergab, ließen sie auf der Marke, der der Satz »Censum populi egi« aufgedruckt war, einen Ort in Judäa auf der gleichfalls abgebildeten Erdkugel von einem himmlischen Lichtkreuz beleuchten und schrieben darunter den Vers aus Vergils vierter Ekloge: »Jam nova progenies caelo demittitur alto.« Damit entsprachen die Faschisten auch ikonographisch jener Vergil-Interpretation, die ihr Philosoph Julius Evola, durchaus Vertreter eines »Heidnischen Imperialismus«110, vorgelegt hatte. Gleichfalls von der 4. Ekloge ausgehend, schrieb Evola in seiner »Erhebung wider die moderne Welt«:

»Es schien (damals, R. F.), als sei mit der imperialen Wirklichkeit Roms dem dunklen eisernen Zeitalter eine Grenze gesetzt, als kehre von neuem das goldene Urzeitalter … zurück. Schon das äußerste Alter erschien des kumäischen Liedes – sang Vergil … Und so mächtig war dieses Empfinden…, daß es sich sogar den Anhängern der neuen galiläischen Glaubenslehre aufdrängte und sie sagen ließ, daß solange Rom fest und unversehrt bleibt, die bedrohlichen Zuckungen des letzten Zeitalters nicht zu fürchten sein werden – aber am Tage, da Rom fällt, die Menschheit ihrem Ende nahe sein wird. – Dies ist der Punkt jenseits dessen der Abstieg, die antitraditionelle Zersetzung des Abendlandes beginnt.«111

So hatte Evola resümiert. Ein Resüme, dem zuzustimmen »Romano-katholiken« unter seinen Zeitgenossen – in der Nachfolge der von Evola herangezogenen »Patres ecclesiae« – überhaupt nicht schwerfiel. Moenius, der hoffte, mit Evolas scheinbar universal-faschistischer Zeitschrift »Anti-Europa« kooperieren zu können, lobte in seinem bereits eingangs erwähnten Aufsatz »Sankt Benedikt, der Römer«, wie Evola, »die heilsame Zucht und Disziplin Roms« – als Gegengift gegen die »Rauschgifte des Ostens«, die einem »wurzellosen Geschlechte« heute angeboten würden.112 Mit Mussolini selber einig, der die Maurrassche Meinung vertrat, in Rom hätte sich das Christentum aus einer todgeweihten orientalischen Sekte zur universalen Kirche gestaltet113, dekretierte Moenius an derselben Stelle: »… bei aller weltweiten Aufgabe und Ökumenizität wird die katholische Kirche immer die römische heißen und sein.«114 Bei anderer Gelegenheit erklärte er ausdrücklich: »Wenn … Mussolini meint, daß das ungeformte palästinensische Religionsgut erst nach dem Abendland, das ist nach Rom, gebracht werden mußte, um hier die damalige kristallinische Form zu bekommen; wenn er meint, daß der Rahmen des Imperium Romanum geradezu geschaffen war, um die neue Lehre aufzunehmen und ihr den Weg zu bereiten … ; wenn er meint, daß die Idee der Pax Romana im Katholizismus neues Leben gewänne aus dem neuen Geiste: dann begegnet er sich fürwahr mit den besten unserer katholischen Apologeten, die immer wieder die providentielle Bedeutung von Rom hervorgekehrt haben.«115 Eigentlich durchschaute Moenius Mussolinis sophistische Rhetorik nie; es brauchte Mussolinis Bündnis mit Hitler, um ihn Moenius wenigstens als »verpreußten«, d. h. pervertierten »Römer« erscheinen zu lassen, sein eigener »Romano-Katholizismus«116 aber blieb ihm weiterhin völlig unproblematisch. Auch nach 1945 schrieb Moenius noch117, was er zur »Bestätigung« der Mussolinischen Rom-»Theologie« bereits 1929 so formuliert hatte: »Im providenziellen Sinne darf Rom im Hinblick auf die Kirche von sich sagen: ‘Ab initio et ante saecula creata sum, et usque adf uturum saeculum non desinam, et in habitatione sancta coram ipso ministravi.«118

Charles Péguy, einer der Häupter des – von Maurras’ »Action Française« oft nur schwer zu trennenden – »Renouveau catholique«, dem der italienische wie deutsche Neukatholizismus zutiefst verpflichtet war, woran Moenius, aber auch Schmitt keinen Zweifel ließ, hatte bereits um die Jahrhundertwende soziologisch präzisiert, was sich im letzten Moenius-Zitat allzu »mystisch« liest. Freilich war Péguy gleichfalls nicht unmystisch, im Gegenteil; wie Moenius ging er vom »Inkarnationsgedanken« aus, um Roms »spezifische Würde« zu bestimmen (E.R. Curtius): »Es ist eines der größten mystischen Geheimnisse, diese Notwendigkeit Roms in der zeitlichen Bestimmung Gottes. Es war nötig, daß es das Gewölbe gäbe und das Imperium…, damit die christliche Welt diese zeitliche Gestalt erhielte, die sie empfangen und bewahren sollte … Es bedurfte des Präfekten, damit es den Bischof gäbe … Es war nötig, daß die antike Stadt die zeitliche Wiege der Gottesstadt würde, es war nötig, daß das Imperium die zeitliche Welt, die zeitliche Wiege der Christenheit würde.«119

Umgekehrt-dementsprechend galt dem schon mehrfach erwähnten Maurras, Begründer und Leiter der atheistischen Action Française, die katholische Kirche als »die Arche des Heils für die Gesellschaften«120, weil sie eine römische Institution sei. Rom habe die abendländische Zivilisation geschaffen und das zweite, katholische Rom sie vor ihrer jüdisch-christlichen Zersetzung bewahrt.121 Maurras sieht und beurteilt die katholische Leistung wie sein agnostischer Lehrer Auguste Comte, der bereits – mit ausdrücklicher Parteinahme für das römisch-imperiale Heidentum – schrieb: »Tacitus und Trajan konnten nicht vorhersehen, daß die priesterliche Weisheit einige Jahrhunderte lang … die Unnatur dieser (christlichen, R.F.) Religion, die sie mit Recht beunruhigte, hinreichend eindämmen würde, um ihr vorläufig die wunderbarsten sozialen Wirkungen abzugewinnen.«122

Gläubige Katholiken können solcher Entgegensetzung von Urchristentum und Katholizismus selbstverständlich nicht zustimmen. Ihr Selbstverständnis hängt unaufgebbar an der apostolischen Sukzession des Episkopats. Auch für ihn soll das Wort gelten: »Wer euch hört, hört Mich.« Beifällig erklärte so z. B. der katholische Schmitt-Schüler Waldemar Gurian, nachdem Pius XI. die 1899 gegründete Action Française 1926 – spät genug – exkommuniziert hatte: »… der Einfluß von Maurras in metaphysischen und religiösen Fragen kann von der Kirche nicht gut geheißen werden, aber trotzdem dürfen die Verdienste seiner politischen Doktrin nicht verkannt werden.«123

Auf dieses »Aber« sollte es in der weiteren Zukunft politisch ankommen. Auch Haecker, zum Kreis um den jungen Schmitt gehörend124, wollte nichts zu tun haben mit der »Büberei jener ‘katholischen Atheisten’ oder ‘atheistischen Katholiken’ der Action Française – wie immer man auch die Glieder dieser unsinnigen Antithetik stelle –, die im Evangelium Chaotisches und Anarchisches sieht.«125 Aber wie weit war Haecker, für den sich der »natürliche Katholizismus« der griechisch-römischen Antike und der »übernatürlich«-christliche problemlos miteinander verbinden, tatsächlich vom französischen Faschismus eines Maurras’ entfernt?

Ich zitiere: »Politik ist der gerechte ordo, eingerichtet oder aufrechterhalten durch ‘Macht’ und ‘Autorität’, welche die ‘Gewalt’ gebrauchen und sanktionieren können.« Und nicht irgendeine Macht ist gefordert, sondern die »in einem absoluten Sinne. Wo sie nicht ist, ist der Sinn der Politik nicht erfüllt.«126 Und daß diese Macht »in Kommunion steht mit der göttlichen«, verstärkt sie nur. »Am Himmel des Glaubensbekentnisses des Christen steht als erster Fixstern die omnipotentia, die Allmacht Gottes. Ein unermeßlicher Trost! Auch die Macht – und sogar an erster Stelle! – Auch die in Form der nackten Gewalt im Laufe der Geschichte der Menschheit so oft mißbrauchte Macht ist Gottes.«127 »Darum wird in der Geschichte dieser Welt zuerst und zuletzt angebetet die Macht.«128

Konsequenterweise ist das Muster eines Christen für Haecker der römische Hauptmann des Evangeliums, »der ganz und gar, sozusagen mit Haut und Haaren lebte in der imperialen Welt des römischen Soldaten, der auctoritas und potestas, und der in dem Menschensohn, dem ohnmächtigen König der Juden, durch den Glauben die Allmacht selber erkannte.«129 – Wäre diese Stelle des Evangeliums wirklich das ganze Evangelium oder ihm auch nur zentral, hätte Maurras nichts gegen es einzuwenden gehabt, ganz im Gegenteil. Der Kult der Armee war das bedeutendste Motiv seiner Stellungnahme in der Affäre Dreyfus gewesen, mit der seine öffentliche Wirksamkeit als Publizist der extremen Rechten begann. Maurras adorierte die Armee als »ce précieux faisceau de forces nationales«130; in ihr erkannte er das Bindemittel für seinen »integralen Nationalismus« (Gurian) – der ihn schließlich in den Dienst Vichy-Frankreichs treten und damit zum Kollaborateur des »Dritten Reiches« werden ließ.

Haecker ging in die Innere Emigration, wo er zu einem Mentor der »Weißen Rose« avancierte, Gurian mußte, wie Moenius, Deutschland verlassen. Die von Moenius bewunderten Mussolini und Maurras jedoch gingen über zu Hitler, nicht anders als Schmitt, der, wie an Erik Petersons, so auch an Haeckers Konversion nicht unbeteiligt gewesen war. Schmitt brach 1933 mit der Mehrzahl seiner katholischen Freunde und teilweise über 1945 hinaus, doch ließ das gemeinsame Überzeugungen durchaus fortbestehen und umso leichter, als Schmitt ab 1943/44 (sich) rekatholisiserte, auf eine Weise allerdings, die man als »Lefèbvrismus avant la lettre« bezeichnen muß.

Überraschen kann diese Diagnose kaum, wenn man weiß, daß Marcel Lefèvbre aus der Action Française kommt, der anzugehören seit dem Amtsantritt des Pacelli-Papstes nicht mehr mit Exkommunikation bedroht war. Schmitt (der ein regelmäßiger Leser der »Action Française« war131) ging es schon unmittelbar nach 1945 um »die eigentlich katholische Verschärfung«132, d. h. er wollte weiterhin päpstlicher als der Papst und – ganz entscheidend – mehr römisch als katholisch sein. Gerade auch in catholicis verstand er sich als letzter Römer und über »das Ende des römischen Prinzips«133 im zweiten Vatikanischen Konzil hinaus. Auch dann noch, als das von ihm bewunderte Franco-Regime134 untergegangen war und endgültig feststand, daß »die Kirche in Rom« nicht mehr automatisch und vorbehaltlos garantiert, »daß der … Staat im Dorf bleibt«135: Schmitts »starker«, ja »totaler« Staat, nicht zuletzt antik(-römisch)er Staat geheißen.

*Dieses Kapitel ist nahezu identisch mit meinem gleichnamigen Aufsatz in: B. Wacker (Hg.), Die eigentlich katholische Verschärfung … Konfession, Theologie und Politik im Werk Carl Schmitts, München 1994, S. 257-78. (Ich danke dem Herausgeber und dem Fink-Verlag für die Gewährung der Nachdrucksrechte.) Vgl. jetzt auch A. Rink, Das Schwert im Myrthenzweige. Antikenrezeption bei Carl Schmitt. Wien und Leipzig 2000.

1G. Moenius, Sankt Benedikt, der Römer. Zum 1400jährigen Bestehen des Klosters Monte Cassino. In: Allgemeine Rundschau XXVI, 1929, S. 205/6

2Vgl. K. Weiß, Gedichte 1914-1939. München 1961, S. 665/6; wie sehr Weiß (zumindest) im Jahre 1933 selbst zum ‘Gefolgsmann’ des »Führers« Hitler geworden ist, bezeugt sein: Treuspruch des Sinnes. Am Tage der deutschen Kunst. In: Europäische Revue IX, 1933, S. 706-8. Jetzt ist auch hinzuweisen auf W. Kühlmann, Im Schatten des Leviathan - Carl Schmitt und Konrad Weiß, in: B. Wacker (Hg.), Die eigentlich katholische Verschärfung …, S. 89-114.

3A. Mohler, Die konservative Revolution in Deutschland 1918-1932. Grundriß ihrer Weltanschauungen. Stuttgart 1950

4A. Mohler, Carl Schmitt und die »Konservative Revolution«. In: Complexio oppositorum. Über Carl Schmitt, hg. v. H. Quaritsch, Berlin 1988, S. 134

5A. Mohler, Die konservative Revolution in Deutschland 1918-1932. Ein Handbuch. 2., völlig neu bearbeitete und erweiterte Fassung. Darmstadt 1972, S. 423

6Vgl. A. Mohler, Die konservative Revolution in Deutschland 1918-1932. Ein Handbuch. Ergänzungsband … Darmstadt 1989, S. 21/2

7Vgl. R. Faber, Roma aeterna. Zur Kritik der »Konservativen Revolution«. Würzburg 1981

8U. Eco, Das Foucaultsche Pendel. München 1988, S. 369

9F. Heer, Der Glaube des Adolf Hitler. Anatomie einer politischen Religiosität. München und Eßlingen 1968, S. 448

10Vgl. G. Krauss, Zum Neubau deutscher Staatslehre. Die Forschungen Carl Schmitts. In: Jugend und Recht 10, Nr. 11, S. 252 f. sowie Das Schwarze Korps, 3. 12.1936, S. 14 bzw. 10.12.1936, S. 2

11Vgl. auch drei frühere Aufsätze von Günther Krauss alias Clemens Lang. In: Deutsches Volkstum, 1933/34

12E. Niekisch, Das Reich der niederen Dämonen. Hamburg 1953, S. 200

13E. Niekisch, Über Carl Schmitt. In: Augenblick 4,1956, S. 8/9

14Vgl. C. Schmitt, Politische Theologie II. Die Legende von der Erledigung jeder Politischen Theologie. Berlin 1970, S. 28 Fn. 5

15H. Ball, Carl Schmitts Politische Theologie. In: Hochland 21,1924, S. 284

16C. Schmitt: Römischer Katholizismus und politische Form. München 1925 (2. Aufl.), S. 5

17Ich kolportiere gern, daß er aufgrund meines Buches »Die Verkündigung Vergils: Reich - Kirche - Staat. Zur Kritik der ‘Politischen Theologie’«. Hildesheim/New York 1975 auch mich dieses Affektes zieh - gegenüber Jacob Taubes.

18Vgl. R. Faber, Rome contre la Judée. La Judée contre Rome. Critque du nietschéisme noir. In: De Sils-Maria à Jerusalem. Niezsche et le judaïsme. Les intellectuels juifs et Nietzsche, hg. v. D. Bourel/J. Le Rider. Paris 1991, S. 248-50 sowie ders., Es gibt einen antijüdischen Affekt! Über Carl Schmitts »Glossarium«. In: Zschr. f. Religions- und Geistesgeschichte 46 (1994), S. 70-73 und M. Brumlik, Carl Schmitts theologisch-politischer Antijudaismus. In: B. Wacker (Hg.), Die eigentlich katholische Verschärfung …, S. 247-56, außerdem R. Gross, Carl Schmitt und die Juden. Frankfurt/M. 2000

19C. Schmitt, Glossarium. Aufzeichnungen der Jahre 1947-1951. Berlin 1991, S. 131

20Vgl. ebd., S. 17

21Vgl. ebd., S. 88

22Ebd., S. 227 und 258

23Vgl. Mohler (Anm. 4), S. 133/4

24C. Schmitt (Anm. 19), S. 310

25Ebd., S. 258 und 198

26Ebd., S. 267

27Vgl. vor allem C. Schmitt, Der Nomos der Erde im Völkerrecht des Jus Publicum Europaeum. Berlin 1950, S. 28 ff. An Sekundärliteratur nenne ich: R. Groh, Arbeit an der Heillosigkeit der Welt. Zur politisch-theologischen Mythologie und Anthropologie Carl Schmitts. Frankfurt/M. 1998, S. 37-39 und R. Gross (Anm. 18), S. 267. Zum generellen Umgang Schmitts mit der Bibel verweise ich auf M. Leutzsch, Der Bezug auf die Bibel und ihre Wirkungsgeschichte bei Carl Schmitt. In: B. Wacker (Hg.), Die eigentlich katholische Verschärfung …, S. 175-202. (Leutzsch ist Rinks bibelwissenschaftliches Pendant. Beide, Neutestamentler und Latinistin, lassen ‘Kaiser’ Schmitt recht nackt erscheinen.)

28C. Schmitt (Anm. 19), S. 287

29Ebd., S. 5

30C. Schmitt, Donoso Cortés in gesamteuropäischer Interpretation. Köln 1950, S. 93

31Ebd., S. 96; vgl. auch Glossarium (Anm. 19), S. 5

32C. Schmitt (Anm. 19), S. 93/4

33C. Schmitt, Der Begriff des Politischen. Text von 1932 mit einem Vorwort und drei Corollarien. Berlin 1963, S. 95

34C. Schmitt, Staatsgefüge und Zusammenbruch des II. Reiches. Der Sieg des Bürgers über den Soldaten. Hamburg 1934, S. 49

35C. Schmitt, Positionen und Begriffe im Kampf mit Weimar, Genf, Versailles 1923-1939. Hamburg 1940, S. 312

36C. Schmitt, Neutralität und Neutralisierung. Zu Christoph Stedings »Das Reich und die Krankheit der europäischen Kultur«. In: Deutsche Rechtswissenschaft IV, 1939, H. 2, S. 115

37C. Schmitt, Über die drei Arten des rechtswissenschaftlichen Denkens. Hamburg 1934, S. 44

38Vgl. den einschlägigen Exkurs im vorliegenden Buch, S. 99ff.

39Schmitt (Anm. 19), S. 317

40Schmitt (Anm. 27), S. 5

41Ebd., S. 19

42C. Schmitt, Nomos - Nahme - Name. In: Der beständige Aufbruch. Festschrift für Erich Przywara … Nürnberg 1959, S. 103

43Ebd., S. 105

44Vgl. ebd., S. 95-101

45W. Benjamin, Zur Kritik der Gewalt. In: Angelus Novus. Ausgewählte Schriften 2. Frankfurt/M. 1966, S. 49 u.ö.

46Schmitt (Anm. 27), S. 16

47Vgl. Vergil, Aeneis 8,193-365 bzw. 12, 930-52

48Schmitt (Anm. 27), S. 17

49Ebd., S. 50 und 49

50C. Schmitt, Raum und Rom - Zur Phonetik des Wortes Raum. In: Universitas 6, 1951, S. 963

51Ebd.; Schmitt verweist an dieser Stelle auf A. v. Blumenthal, Roma quadrata. In: Klio 35, 1942, S. 181-8. – Blumenthal unterscheidet (S. 184/5) eine »roma quadrata« auf dem Palatin und einen »mundus rotundus« am Komitium, läßt jedoch »roma« und »mundus« in der Bedeutung »Opfergrube« konvergieren. Schmitts (persönlicher) Schüler R. Hepp übersieht die Differenz und läßt auch die Opferfunktion der Grube unerwähnt, wenn er schreibt: »In Rom war der ‘mundus’ ein kreisförmiger Graben, der in vier Teile geteilt war, das ‘Modell’ für die Roma quadrata, für den heiligen Kosmos der Stadt, die so aus dem profanen Raum ausgegrenzt und in sich zentriert und organisiert war. Es leuchtet ein, daß gegenüber dieser politisch-sakralen Kosmos-Vorstellung die christliche Welt zugleich eine entpolitiserte und eine profane war.« (Politische Theologie – theologische Politik. Studien zur Säkularisierung des Protestantismus im Weltkrieg und in der Weimarer Republik. Diss. masch. Erlangen 1967, S. 384). – Gerade wegen Hepps antiurchristlichem Affekt, der politisch gesteuert ist, sollte der Hinweis auf die Opferfunktion von »roma« und »mundus« nicht fehlen. Jedenfalls ist das Opfer neben Ursprung und Heros ein weiteres essential der mythischen Welt, und Schmitt, dem Hepp im übrigen ja folgt, hat es durch die Erwähnung Blumenthals wenigstens angedeutet: daß Roma als roma bzw. mundus eine einzige Opfergrube ist (wenn man sich auf die etymologische Spielerei einmal einläßt). Um so mehr, da von Blumenthal ein Jünger Stefan Georges war, der dichtete, »wir« müßten »mit unserm blut / das alte (Kaiser-)blut besprechen, daß es hafte«. (Die Gräber in Speyer. In: Der siebente Ring. Gesamt Ausgabe der Werke … Bde. 6/7. Berlin 1931, S. 22; vgl. auch R. Faber, Roma aeterna. Zur Kritik der »Konservativen Revolution«. Würzburg 1981, S. 98)

52Schmitt (Anm. 50), S. 967 und 966

53Ebd.

54Schmitt (Anm. 35), S. 303

55Vergil, Aeneis 6, 851-53

56Vgl. L. Kettenacker, Der Mythos vom Reich. In: Mythos und Moderne. Begriff und Bild einer Rekonstruktion, hg. v. K. H. Bohrer. Frankfurt/M. 1983, S. 269

57Schmitt (Anm. 50), a.a.O.

58Ebd., S. 963 u. 965

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