Kitabı oku: «Die Hirntod-Falle»

Yazı tipi:

DIE HIRNTOD-FALLE

Richard Fuchs

Tot oder lebendig?

DIE HIRNTOD-FALLE

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2017

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Webseiten kommen und gehen, und manchmal geschieht es, dass eine Information, die noch eben unter einer bestimmten Adresse im Internet zu finden war, plötzlich nicht mehr oder zumindest nicht mehr dort zu finden ist. Autor und Verlag haben die angegebenen Hyperlinks sorgfältig geprüft, können aber nicht dafür garantieren, dass diese Informationen so lange verfügbar sind, wie dieses Buch auf dem Markt sein wird.

ISBN 978-3-96145-501-0

Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig

2. ergänzte und überarbeitete Auflage des 2012 erschienen Buches »Organspende – Die verschwiegene Wahrheit«, emu-Verlag Lahnstein.

Titelbild: Surgeons team working with Monitoring of patient in surgical © satyrenko

Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der Verbreitung in elektronischen Medien und der Übersetzung vorbehalten.

Alle Rechte beim Autor

www.engelsdorfer-verlag.de

INHALT

VORWORT

Wer umfassende Informationen zu den umstrittenen Themen Hirntod und Organtransplantaition sucht, findet in dem vorliegende Buch Antworten, die von offizieller Seite der Öffentlichkeit gegenüber vorenthalten, verkürzt oder sogar irreführend offeriert werden. Dabei geht es um die Beantwortung lebenswichtiger Fragen wie:

• Ist der Hirntod wirklich der Tod des Menschen?

• Ist die Hirntod-Diagnose totsicher?

• Wie viele Fehldiagnosen gab es in der Vergangenheit?

• Darf eine Hirntod-Diagnose ohne informierte Zustimmung gestellt werden?

• Ist die Hirntod-Diagnose schmerzhaft?

• Leidet der Patient Schmerzen, wenn er zum Zweck einer Hirntoddiagnose schmerzmittelfrei sein muss?

• Dürfen Daten ohne Zustimmung des Patienten zu dessen Lasten weitergegeben werden?

• Werden damit die ärztliche Schweigepflicht und der Datenschutz verletzt?

• Wer zahlt, wenn ein als hirntot definierter Patient weiter intensivmedizinisch versorgt wird, obwohl er offiziell als tot gilt.

• Was kostet es, wenn Angehörige in der Hoffnung, der komatöse Patient werde wieder aufwachen, auf die Fortsetzung der intensivmedizinischen Behandlung bestehen? Das Buch schildert einen solchen Fall der einer Widwe teuer zu stehen kam.

Seriöse Informationen sind wichtig, bevor ein Organ-/Gewebespende-Ausweis unterschrieben und damit stillschweigend auch in eine Hirntod-Diagnostik eingewilligt wird. Im Falle eines unerwarteten »Hirntodes« ist es zu spät für eine informierte Zustimmung. Wenn aber seriös über alle Implikationen einer möglicherweise schmerzhaften Hirntod-Diagnostik und Organentnahme – Letztere mit oder ohne Narkose – aufgeklärt wird, steigt die Skepsis in der Öffentlichkeit. Ein ehemals prominenter Transplantationsmediziner, nach dessen Tod sogar eine Straße in Hannover genannt ist, gab dazu eine ehrliche Erklärung: »Wenn wir die Gesellschaft über die Organspende aufklären, bekommen wir keine Organe mehr.«1

Prof. Dr. jur. Wolfram Höfling, Universität Köln, stellt fest: »Ich glaube nicht, dass es den Anforderungen des Grundgesetzes entspricht, bei einem so heiklen Thema wie der Organspende, bei dem es um die Verteilung von Lebenschancen geht, demokratisch legitimierte Institutionen fast völlig außen vor zu lassen. Wenn die Leute wüssten, wer welche Regeln wie macht, dann würden sie es sich vielleicht nochmal überlegen, ob sie ihre Organe zur Verfügung stellen.«2 Jetzt räche es sich, dass die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) 1997 im Zuge des Transplantationsgesetzes ohne große Diskussion zur offiziellen Koordinierungsstelle ernannt worden sei, sagt Höfling: »Das war der Geburtsfehler des ganzen Systems.«

Das Transplantationsgesetz (TPG) von 1997, mit schweren Geburtsfehlern behaftet, installierte ein nicht leicht durchschaubares Transplantationssystem, das bis heute Kontrolldefizite aufweist, mit Akteuren einer privaten Stiftungen, einem nicht rechtsfähigen Verein, dem vom Gesetzgeber die Richtlinienkompetenz3 und die Deutungshoheit für die Todesdefinition übertragen wurde. Dieser Verein, die Bundesärztekammer (BÄK) – Arbeitsgemeinschaft der deutschen Ärztekammern e. V., ist nicht mehr als ein Lobbyist, der die Interessen seiner Zwangsmitglieder, nicht zuletzt auch deren kommerzielle Interessen vertritt. Neben weiteren 607 Verbänden und Organisation, wird die BÄK beim Präsidenten des Deutschen Bundestages auf der »öffentlichen Liste über Registrierung von Verbänden und deren Vertreter« geführt (Stand 28.07.2017). Dort heißt es: »Die Eintragung in die Liste begründet keinen Anspruch auf Anhörung oder Ausstellung eines Hausausweises.«4 Dennoch gibt es Querverbindungen zwischen Lobbyisten und Regierungsmitgliedern. Das zeigt schon die Liste über Nebeneinkünfte von Bundestagsabgeordneten, die durch ihre Aufsichtsratstätigkeit oder als Anwälte für Mandanten aus der Industrie Nebeneinkünfte erwirtschaften. Die Kontakte zwischen Abgeordneten des Bundestages zu Vereinen, Organisationen, Gewerbe oder Industrie sind zwar auch von Bedeutung. Wenn aber auch das TPG zum Vorteil einer Spartenmedizin unter starkem Druck von Lobbyisten zustande kam, geht es dabei um Verletzung elementarer Menschenrechte.

Auch nach in Krafttreten der Novelle des TPG bestehen die struktuellen Defizite weiter fort, wie auch die verfassungsrechtliche Verlustliste. Das Bundesverfassungsgericht schweigt zu den lebenswichtigen Fragen, die das TPG nicht beantwortet hat, obwohl verschiedene Verfassungsbeschwerden gegen das TPG Anlass dazu gegeben hätten.

Der Staatsrechtler Prof. Dr. Heinrich Lang spricht im Zusammenhang mit dieser Konstruktion von »deregulierter Verantwortungslosigkeit«5, weil der Gesetzgeber ein System installiert habe, »in dem sich Verantwortlichkeiten verflüchtigen«. Die Betrugsfälle in Göttingen und weiteren elf Fällen, wie in Regensburg, München und Leipzig oder auch vor wenigen Jahren in Essen, lassen darauf schließen, dass die handelnden Personen nicht damit rechnen mussten, entdeckt zu werden. Das spricht für ein Kontrolldefizit, möglicherweise auch für eine Dunkelziffer von noch unentdeckten Fällen. Staatsanwaltschaften ermittelten gegen Ärzte wegen vermuteter Manipulationen der Labordaten.

Ein Star der Leber- und Transplantationschirurgie, der wegen Bestechlichkeit in 30 Fällen sowie Nötigung, Betrug, Abrechnungsbestrug, Steuerhinterziehung zu drei Jahren Haft verurteilt wurde, saß sogar im Gefängnis.

Die für die Organisation der Organtransplantation in Deutschland zuständige Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) musste sich 2011 einem Wirtschaftsprüfungsverfahren stellen. Ihr wurde u. a. Vetternwirtschaft bei der Verwendung von Geldern vorgeworfen. Nun lassen repräsentative Umfragen erkennen, dass ein deutlicher Vertrauensverlust gegenüber Medizinern droht und die Bereitschaft für die Organspende gesunken ist, »Das ist ein Niedergang, bedingt durch Misstrauen«, sagte sogar der damalige DSO-Vorstand Günter Kirste.6 Anlässlich einer Strategiesitzung der DSO am 11. November 2011 in Frankfurt hatten Ärzte und die DSO-Spitze noch darum gestritten, wie offen mit Gesetzesverstößen und angeblichem Organhandel umgegangen werden soll. Der neue DSO-Vorstand seit 2013, Axel Rahmel sagte, ich habe nicht damit gerechnet, dass das Tief so lange anhält«7.

Schließlich hat sich in Deutschland und auch international so viel ereignet, dass ein aktuelles Buch über diese Veränderungen notwendig wurde. Es beantwortet nicht zuletzt auch die Frage nach den kommerziellen Hintergründen dieser weitestgehend abgeschotteten Medizinsparte. Das aktuelle Buch soll ein Nachschlagewerk sein für Ärzte, Pflegepersonal, Sozialarbeiter, Theologen, Verantwortliche in Politik, Gesundheitswesen, in der Pädagogik, Erwachsenenbildung, für Journalisten und nicht zuletzt für alle, die vor der Frage stehen: »Soll ich einen Organ-/Gewebespende-Ausweis unterschreiben oder nicht?«

Richard FuchsDüsseldorf, November 2017

ORGANE LEBENDIGER PERSONEN ALS LEBENSWICHTIGE GESUNDHEITSRESSOURCE

Nach unserer Auffassung scheint es ganz natürlich, zu sagen, dass die Organe lebendiger Personen lebenswichtige Gesundheitsressourcen sind, die wie alle anderen lebenswichtigen Ressourcen gerecht verteilt werden müssen. Wir können uns daher gezwungen sehen, darauf zu bestehen, dass alte Menschen getötet werden, damit ihre Organe an jüngere, kritisch kranke Personen umverteilt werden können, die ohne diese Organe bald sterben müssten. Schließlich benutzen die alten Menschen lebenswichtige Ressourcen auf Kosten von bedürftigen jüngeren Menschen.8

Im Kielwasser der globalen bioethischen Debatte entstand die Bioethik-Konvention des Europarats (Menschenrechtsübereinkommen zur Biomedizin). Sie erhielt 1999 Rechtskraft durch die Unterzeichner-Länder Slowakei, Slowenien, Griechenland, San Marino und schließlich von Dänemark als ausschlaggebendem Land. Kritisiert wurde nicht nur Artikel 17,2 (fremdnützige Forschung an nichteinwilligungsfähigen Menschen), sondern auch Artikel 20 (Entnahme regenerierbarer Organe und Gewebe vom selben Personenkreis). Dass Dänemark der Konvention zugestimmt hat, war kein Zufall. In Dänemark erfuhr bereits 1994 der Blick auf den Menschen als Material, über das disponiert werden kann, in der damaligen bioethischen Debatte eine weitere Eskalation. Peter Sandoe, Senior Research Fellow an der Universität Kopenhagen und Vorsitzender der Dänischen Tierethik-Kommission, wie Klemens Kappel, Mitglied der bioethischen Forschungsgruppe der Universität Kopenhagen, schrieben den oben zitierten beitrag in der Zeitschrift »Bioethics«.

„SURVIVAL LOTTERY“ – ÜBERLEBEN DURCH RECYCLING VON ORGANEN

Großbritannien verdanken wir die Einführung des Begriffs Utilitarismus. Der britische Jurist und Philosoph Jeremy Bentham, (1748 – 1832) veröffentlichte 1789 seine berühmt gewordene Schrift, „An Introduction to the Principles of Morals and Legislation“. Bentham gilt neben John Stuart Mill (1806 – 1873) als Urheber des klassischen Utilitarismus (Nützlichkeitslehre), nach dem es Ziel des Staates sein sollte, „für das Glück der größten Zahl“, zu sorgen. Dabei ist nicht auszuschließen, dass die Verwirklichung dieses Konzepts, dem „größten Glück für die größte Zahl“ zu Lasten von einzelnen Menschen geht. Der Utilitarismus Benthams übte großen Einfluss auf das Denken des 20. Jahrhunderts, insbesondere auf die nicht auf Religion fußende Sittlichkeitslehre. Kurz vor der Julirevolution fand z. B. unter den Kommunisten das Nützlichkeitsprinzip Benthams großen Anklang.

Ganz im Sinne der Nützlichkeitslehre entwarf der britische Medizinethiker John Harris 1975 sein Konzept „Survival Lottery“. In diesem Gedankenexperiment stimmt jeder seiner eigenen Tötung für den Fall zu, dass mit seinen Organen das Leben von mindestens zwei Menschen gerettet werden kann. Dieses Verfahren weist das Ergebnis auf, dass die Menschen im Durchschnitt länger leben, da im Bedarfsfall mit einem Leben mindestens zwei andere verlängert werden können. Wer sich in der Survival Lottery-Gesellschaft dem per Computer bestimmten Los seiner Tötung, die ja dem Fortleben von zwei anderen Menschen dienen soll, entzieht, den muss man, sagt Harris, folglich einen Mörder nennen. Diese Sichtweise scheint dem britischen Gesundheitsministerium nicht ganz fremd zu sein. Dort bezeichnet man die menschlichen Organe als „nationale Ressource“. Ein Spendenverweigerer bereichert sich demzufolge, negativ, am Volksvermögen. In Deutschland wird ebenfalls durch Termini wie „Gemeinschaftsaufgabe der Bevölkerung“ oder Versorgungsauftrag der Ärzteschaft“ suggeriert, Organspende sei sozialpflichtig. In Kanada, Belgien und den Niederlanden ist man dem von Harris erdachten Konzept mit der Vereinbarkeit von Euthanasie und Organspende bereits ein Stück näher gekommen.

DER UNSTILLBARE BEDARF AN ERSATZORGANEN

Wann immer in Medien, in der Werbung der Bundeszentrale für öffentliche Aufklärung (BZgA) im Auftrag des Bundesgesundheitsministerium, der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), in sogenannten Aufklärungs-Proschüren der gesetzlichen Krankenkassen für Organspende geworben wird oder am Tag der Organspende, heißt es unverdrossen: soundsoviel Menschen sind in einem Jahr auf der Warteliste gestorben – in Deutschland sollen es 2016 über 900 Patienten gewesen sein. Diese Sprachregelung soll an das schlechte Gewissen derjenigen appelieren, die noch keinen Organspende-Ausweis unterschrieben haben. In Wirklickeit handelt es sich aber dabei um Menschen, die als Folge ihrer Krankheit gestorben sind, nicht selten an Krankheiten, die selbst verursacht wurden, im schlimmsten Fall auch an iadrogenen Erkrankungen, also an ärztlichen Behandlungsfehlern. Krankeiten als Folge von Suchtmittelmissbrauch durch Alkohol, Nikotin, Tabletten, harten Drogen oder Zivilisationskrankheiten durch Zuckerkonsum, denaturierter, vitalstoffarmer Industriekost, werden in Zukunft weiter zunehmen und damit einen unstillbaren, immer weiter steigenden Bedarf an Ersatzorganen erzeugen. Ein Teil des Bedarfs ist den Re-Transplantationen geschuldet nach Abstoßung des transplantierten Ersatzorgans.

Jedes Jahr sterben laut Statistisches Bundesamt in Deutschland pro Jahr 110.000 Menschen infolge von Nikotinkonsum, davon 3.300 Passivraucher. Rauchen kann Ursache für Lungenkrebs, auch andere Krebsarten sein, für Atemwegserkrankungen oder Herz/Kreislauf-Beschwerden. Nikotintote führen bei den insgesamt rund 890.000 Sterbefällen in Deutschland die Statistik an, gefolgt von Todesfällen durch Alkoholkonsum mit fast 15.000 Todesfällen durch 7.812 Leberschädigungen pro Jahr und zwei Dutzend weiterer alkoholbedingter Todesursachen. Da die Daten durch Auswerten von Todesbescheinigungen erhoben werden, ist mit einer noch größeren Dunkelziffer zu rechnen. Eine Studie der Universität Greifswald aus dem jahr 2002 geht von 80.000 alkoholbedingten Todesfällen aus.

Laut Urteil des Bundesgerichtshofs Leipzig, muss nun ein Alkoholker nicht einmal trocken sein, um einen Anspruch auf eine frische Ersatzleber zu haben. Eine Wartezeit von einem halben Jahr Abstinenz sei wegen des verfassungsmäßigen Gleichheitsgrundsatzes verfassungswidrig – so die Richter.

Zucker pur oder in Süßgetränken und eine Unzahl von Nahrungsmitteln kann offiziell per Gerichtsbeschluss als Schadstoff bezeichnet werden. Auf das Konnto der neun Millionen an Diabetes in Deutschland erkrankten Menschen (davon 95 % an Diabetes Typ 2 (Altersdiabetes) gehen jährlich 24.000 Todesfälle. Diese ernährungsbedingte Volkskrankheit mit Übergewicht als Begleiterscheinung wird weiter zunehmen, wie auch der Tablettenmissbrauch. In Deutschland zählt man 2 Millionen Tablettensüchtige und 58.000 Todesfälle jahrlich bedingt durch Einnahme falscher Medikamente und deren Wechselwirkung. Die Folge sind Magen-Darm-Blutungen, Leberversagen, Nierenschäden Herzinfarkt. In machen Fällen könnte da ein Ersatzorgan helfen.

Was liegt da näher, als nach neuen Gruppen sogenannter »Organspender« zu fahnden, wie im Eingangskapitel oben bereits geschildert. Während des Gesetzgebungsverfahrens der Novelle des Transplantationsgesetzes (TPG) wurde von interessierten Kreisen z. B. eine gesetzlich geregelte Widerspruchslösung als eine Möglichkeit gefordert, um das Aufkommen an Ersatzorganen zu erhöhen. In Großbritannien nimmt man dagegen den Ganzhirntod nicht so genau und erhöht damit so die Zahl sogenannter Organspender.

ORGANENTNAHME NACH AKTIVER STERBEHILFE

Eine weiere Option zur Organgewinnung soll sein, Menschen zu bestimmen, deren entscheidende Teile ihres Gehirns intakt sind und die ohne technische Unterstützung atmen können. Sie würden solange als tot gelten, wie sie keine bewussten Gedanken mehr haben. Indem man die Definition des Todes ein wenig erweitert, hätten Transplantationsmediziner Zugang zu einem erheblich umfangreicheren Spender-Pool als derzeit und könnten zahllose Leben retten wie es immer wieder heißt.

Würden Praktiken anderer Länder nicht Gefahr laufen, Nachahmer im Medizinbetrieb auch in Deutschland zu finden, müsste man man folgenden Bericht aus Kanada nicht unbedingt zur Kenntnis nehmen. Schließlich ist das Hirntod-Konzept in Deutschland auch ein Import aus Übersee, damals made in USA.

ORGANEXPLANTATIONEN VON EUTHANASIERTEN PATIENTEN IN KANADA – AUCH IN DEN NIEDERLANDEN UND BELGIEN

Indem sie sich auf das neu eingeführte Gesetz berufen, haben Transplantationschirurgen in Kanada Dutzenden von Euthanasie-Patienten die Organe entnommen. Nach Angaben der »National Post« haben 26 Menschen, die durch eine tödliche Injektion starben, ihr Gewebe oder Organe gespendet. Dies bezog sich überwiegend auf die Hornhaut der Augen, die Haut, Herzklappen, Knochen und Sehnen.

Der Bericht der »National Post« bezog sich nur auf Ontario. Bioethiker, »Transplant Quebec« und ein Ethik-Komitee der Regierung von Quebec sprachen sich im letzten Jahr dafür aus, dass Euthanasie eine gute Quelle für Organgewinnung sein könne, daher ist es sehr wohl möglich, dass auch in dieser Provinz ähnliche Vorgehensweisen stattgefunden haben.

»Wenn wir es akzeptieren, dass Menschen selbst über ihr Lebensende entscheiden dürfen, und wenn wir den Herzstillstand als Voraussetzung für die Organspende akzeptieren, dann sollte dies akzeptabel sein«, sagte Dr. James Downar vom Verein »Dying with Dignity Canada« gegenüber der »National Post«, um Befürchtungen zuvorzukommen, dass auf Patienten Druck ausgeübt werden könnte, damit sie ihre Organe spenden.

Interessanterweise ist dies ein Thema, das in Diskussionen über Euthanasie nicht erörtert wurde, bevor der »Supreme Court« im Jahr 2015 Euthanasie legalisierte. Ein einflussreicher Bericht des »Royal Society of Canada Expert Panel« z. B. erwähnte es noch nicht einmal, und auch nicht die Entscheidung des Supreme Court: Carter gegen Canada.

Organexplantationen von euthanasierten Patienten werden schon seit mehreren Jahren in Belgien und den Niederlanden vorgenommen. Über etwa 40 Fälle in den beiden Ländern wurde berichtet. Im letzten Jahr veröffentlichten holländische Mediziner am »Maastricht University Medical Center« und des »Erasmus Medical Center Rotterdam« ein fachübergreifendes Handbuch für diese komplexe Vorgehensweise.

Ein vor kurzem veröffentlichter Artikel im »Impact Ethics« Blog von Professorin Jennifer A. Chandler von der Universität Ottawa stellte dar, dass die Kombination von Euthanasie und Organspende problematische Aspekte mit sich bringe in Hinsicht auf Ethik, Gesetzeslage und Gewissensgründe:

- Was wäre, wenn ein Patient euthanasiert werden will, damit ein Angehöriger seine Organe erhält? Das Potenzial für Missbrauch ist offensichtlich.

- Was wäre, wenn ein Angehöriger einer Organspende zustimmen soll, nachdem ein Patient euthanasiert worden ist, der aber keine genauen Anweisungen hinterlassen hat?

- Was wäre, wenn der Transplantationschirurg aus Gewissensgründen diese Prozedur ablehnt? Sollte er dann dazu gezwungen werden?

- Was wäre, wenn ein Empfänger es ablehnt, ein Organ von einem euthanasierten Patienten anzunehmen?9

»NEW YORK ORGAN DONOR NETWORK« SETZT ANGEHÖRIGE UNTER DRUCK

Auch in Deutschland gibt es Schulungen für professionelle Gesprächsführung im Umgang mit trauernden Angehörigen, die in der Situation unter Schock stehen und deshalb keine verantworbare Entscheidung treffen sollten. Inwieweit hierzulande Ärzte auch Druck ausüben, werden Betroffene beantworten können. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist die Frage bereits entschieden, wie folgender Bericht zeigt. Dort werden sogar Familieprofile erstellt, um den richtigen Zugang zu den Trauernden zu finden.

Das »New York Organ Donor Network« übte Druck auf Klinikangestellte aus, Patienten für hirntot zu erkären, damit man ihnen Körperteile entnehmen konnte – und beauftragte sogar »Unterweiser«, welche die Mitarbeiter darin schulen sollten, wie sie überzeugender sein könnten. Dies behauptete eine 2012 eingereichte aufsehenerregende Klage. Die vom Staat finanzierte Non-profit-Organisation setzte ein Quoten-System ein und übte starken Druck auf die Angehörigen aus, ihre schriftliche Zustimmung zu erteilen, wenn die Patienten nicht als Organspender registriert waren, behauptete die Klage.

Die Klageschrift, die vor dem Manhattan Supreme Court eingereicht wurde, bezog sich auf vier Fälle von Organentnahmen, die nicht nach den vorgeschriebenen Regeln vorgenommen wurden. In einem Fall versuchte der sogenannte Hirntote noch eigenständig zu atmen und wies laut Klageschrift Anzeichen von Hirnaktivität auf. Hirnaktivitäten wurden auch bei einem weiteren Patienten nachgewiesen wie auch Lebenszeichen bei einer Frau, eine weitere Patientin wurde nach einer Überdosis an Drogen eingeliefert und für hirntot erklärt, obwohl ihr Körper noch zuckte. Deshalb verabreichte man ihr muskelentspannende Mittel.

Patrick McMahon, ausgerechnet ein aufmerksamer Transplantations-Koordinator und Krankenpfleger, sagte zu den Vorfällen, »Sie spielen Gott«, und reichte eine Zivilkläger ein. Daraufhin sei er nach einigen Monaten entlassen worden, nachdem er gegen diese Vorgehensweise protestiert habe.

Das Netzwerk »New York Organ Donor Network« hat Marketing- und Verkaufs-Strategen beauftragt, die Mitarbeiter zu schulen, damit sie maßgeschneidert anhand der Familiengeschichte Zugang fanden zu den Angehörigen, so lautet die Klage, die von den Anwälten von McMahon – Michael Borrelli, Alexander Coleman und Bennitta Joseph – eingereicht wurde.10

MEHR ORGANE DURCH VERZICHT AUF ZWEITE HIRNTOD-UNTERSUCHUNG

In vielen Kliniken der USA wird eine zweite Hirntod-Untersuchung durchgeführt, die auf den Richtlinien beruht, die 1995 von der »American Academy of Neurology« (AAN) herausgegeben wurden. 2012 revidierte die AAN ihre Richtlinien und empfahl, dass eine einzige Hirntod-Untersuchung genügt, um den Hirntod festzustellen. Begründet wurde diese Entscheidung u. a. damit, dass Angehörige innerhalb der Wartefrist zwischen der ersten und zweiten Untersuchung zu einer ablehnenden Einstellung gegenüber einer Einwilligung zu einer Organentnahme kommen können.

»Falls es eine der Ziele des im Bundesstaat New York geltenden Gesetzes war, über mehr Organe für die Transplantation verfügen zu können, dann ist die Erfordernis von zwei Hirntod-Untersuchungen eindeutig ein Hindernis, jedenfalls wenn längere Zeitabstände zwischen beiden Untersuchungen liegen«, sagten die Autoren des Vorworts Dr. Gene Sung und Dr. David Greer.11

Bei hirntoten Patienten ist eine zweite Hirntoduntersuchung, um den Tod festzustellen, nicht nur unnötig, sondern sie könnte auch zur unerwünschten Konsequenz führen, dass die Familienmitglieder sich eher gegen eine Organspende des Patienten aussprechen, wie es eine Studie nahelegt, die in der Zeitschrift Neurology veröffentlicht wurde.

Dr. Dana Lustbader, Leiterin der Palliativ-Medizin am North Shore University Hospital und Autorin der Studie schreibt in einer E-Mail: »Eine einzige Untersuchung reicht aus, um den Hirntod zu diagnostizieren und sollte medizinischer Standard sein. Es gibt einfach keinen Vorteil für eine zweite Untersuchung. Keinen einzigen.«

Die Verfasser der Studie überprüften die Krankenakten von 1.311 Patienten in den Jahren zwischen 2007 und 2009 in 88 Kliniken in New York. Wenn sich der Zeitabstand zwischen erster und zweiter Hirntoduntersuchung verlängerte, stieg auch Wahrscheinlichkeit an, dass die Familie die Organspende verweigerte – von 23 % auf 36%, das ergab die Studie.

Befürworter der neuen Regelung ist auch das im vorigen Kapitel zitierte »New York Organ Donor Network«.

Nach Auskunft der »National Institutes of Health« warten in den USA mehr als 105.000 Menschen auf eine Organtransplantation.

»HIRNTOD« – DER TOD BEI BEDARF

Manche Formulare und Dokumente bekommt der Normalsterbliche, wenn überhaupt, nur selten zu Gesicht oder erst dann, wenn es zu spät ist. Dazu zählt die Todesbescheinigung. Sie ist in Deutschland im Rahmen des Bestattungswesens Angelegenheit der Bundesländer. Das erklärt auch das Phänomen, dass die Texte in den 16 Bundesländern z. T. unterschiedlich sind. Was dazu auf den Formularen von Nordrhein-Westfalen zu lesen ist – kann, je nach Interessenlage – unterschiedlich interpretiert werden.

Wäre es nicht toternste Wirklichkeit was auf dieser Todesbescheinigung zu lesen ist, könnte der geneigte Leser verwundert zu dem Schluss kommen, es handele sich um einen makaberen Scherz, was noch schlimmer wiegen würde, um eine vorsätzliche Täuschung. Da sind unter der Rubrik »Sichere Todeszeichen« zunächst zutreffend und korrekt die Positionen »Totenflecken, Totenstarre, Fäulnis« aufgeführt, schließlich aber auch »Hirntod«.

Um es in aller Kürze vorweg zu sagen: Der sogenannte Hirntod ist nicht der Tod des Menschen, sonst würden dem als Hirntod diagnostizierten Patienten keine lebendfrischen Organe mehr entnommen werden können, die in einem anderen Körper weiterleben. Das lässt sich, wie wir später sehen werden, auf jeder Ebene belegen. Erschwerend kommt hinzu, dass der weitaus größte Teil der Ärzteschaft nicht qualifiziert ist, den »endgültigen, nicht behebbaren Ausfall der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Stammhirns«, wie es im Transplantationsgesetz (TPG) von 1997 heißt, zu diagnostizieren. Der Patient stirbt letztlich erst durch die Hand des Chirurgen nach Entnahme der Organe und Abstellen der Beatmung.

In einem anderen Formular, keineswegs so geheim wie die Todesbescheinigung, geht man noch einen Schritt weiter und verzichtet selbst auf den Begriff »Hirntod«, sondern spricht vom »Tod«. Dabei handelt es sich um den offiziellen »Organspendeausweis« mit Aufdruck des Bundesadlers, herausgegeben von der »Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung« BZgA im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit. Dort heißt es im Kleingedruckten auf der Rückseite: »Für den Fall, dass nach meinem Tod eine Spende von Organen/Geweben zur Transplantation in Frage kommt, erkläre ich: …«

Obwohl der Begriff »Hirntod« im TPG nicht zu finden ist, wohl aber der Begriff »Leichnam« nach erfolgter Organentnahme (§ 6 Abs. 2 TPG), hat er durch die amtliche Todesbescheinigung, nicht nur eine folgenschwere Konsequenz für die ungeschützten sterbenden Patienten, sondern auch für Angehörige, wenn sie Ihre Zustimmung zu einer Organentnahme verweigern, dennoch den Wunsch haben, den Patienten weiter intensivmedizinisch betreuen zu lassen, wie folgendes Beispiel zeigt.

WER ZAHLT, WENN DER HIRNTOTE WEITERLEBT?

Dabei handelt es sich um seltenen Fall und eine komplizierte Rechtslage. Da der Hirntod als der Tod des Menschen gilt und dieser auch auf der Todesbescheinigung eingetragen wird, erlischt damit das Vertragsverhältnis mit der Krankenversicherung des so zu Tode definierten Patienten. Das bestätigte dem Verfasser auch der GKVSpitzenverband mit den Worten: »Die Zuständigkeit der Krankenkasse endet mit dem Hirntod, so wie Sie auch geschrieben haben. Danach beginnt die Zuständigkeit des Transplantationsgesetzes.

Wird ein Mensch (potenzieller Organspender) im Hinblick auf eine mögliche Organspende im Krankenhaus nach seinem Tod (Hirntod) weiter versorgt, ist die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) für die Vergütung zuständig. Das Krankenhaus kann seine Leistung mit der DSO über die vereinbarten Pauschalen abrechnen.

Wenn aber der Patient einen Widerspruch dokumentiert oder die Angehörigen eine Organentnahme verweigern und der Patient nach dem »Hirntod« weiterlebt, können Angehörige zur Kasse gebeten werden, da offenbar kein Kostenträger mehr zur Verfügung steht – und das kann, wie bereits geschehen, sehr teuer werden.

In einer TV-Dokumentation der Fernsehjournalistin Silvia Matthies, ausgestrahlt im Bayerischen Rundfunk am 11. 06. 2012, 23:34 Uhr, wird ein solcher Fall vorgestellt. Auf der Sendungshomepage heißt es u. a:

DER FALL EINER FALLE

»Das Drama beginnt, als Horst L. (Name dem Autor bekannt) seine goldene Hochzeit feiert. Beim abendlichen Festessen verschluckt er sich, durch Luftnot kommt es zum Herzstillstand, der 73-jährige muss reanimiert werden. Horst L. kommt – künstlich beatmet – auf die Intensivstation. Sein Zustand ist lebensbedrohlich, eine Prognose aber schwierig.« Der Patient wird an die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) gemeldet, ohne das Wissen der Ehefrau und unter Verzicht ihrer Zustimmung eine Hirntod-Diagnose durchgeführt. Als der Oberarzt der Intensivstation die Ehefrau schon am nächsten Morgen vor die Alternative stellt: Abbruch der künstlichen Beatmung oder Organspende ist sie entsetzt und lehnt ab, Denn ihr Mann hatte einen ausgeprägten Lebenswillen und sie wollte alles für ihn tun. In dieser Ausnahmesituation wehrt sich die Ehefrau gegen die Einstellung der Therapie und unterschreibt unter Druck ein Schriftstück, in dem ihr – quasi als Sanktion – die Behandlungskosten ab dem Zeitpunkt der Hirntod-Diagnose aufgebürdet werden. Das könnte man als einen Fall einer Falle bezeichnen.

In der Folge kommt es weiter zu einem Nervenkrieg zwischen dem Intensivarzt und der Familie. Schließlich drängt der Arzt darauf, dass das Betreuungsgericht das Abstellen der künstlichen Beatmung verfügt. Doch der Richter lehnt ab. Über 20 Tage lebt Horst L. weiter an der Beatmung bis er schließlich wirklich stirbt.

Die Intensiv-Behandlung des durch die Hirntoddiagnose für tot erklärten Patienten kosten »nach seinem Tod« 26.500 Euro (pro Tag etwa einen Tausender). Dafür kommt nun kein Kostenträger mehr auf. Die Familie verweigert zunächst die Zahlung und zieht vor das Landgericht Mainz. Wegen der zu erwartenden hohen Anwalts- und Gerichtskosten lassen sich die Kläger schließlich auf einen Vergleich ein, 10.000 Euro in Raten zahlen zu müssen. Auch diese Summe überfordert die Familie. Schließlich milderte das Ergebnis eines Spendenaufruf von KAO (Kritische Aufklärung über Organtransplantation) die finanzielle Belastung.

Dass ein hirntoter Patient u. U. noch weiterlebt – und das ist nicht ungewöhnlich – zeigt ein aktueller tragischer Fall einer 13-jährigen hirntoten Patientin in Kalifornien, die über zwei Jahre lang durch künstliche Beatmung am Leben erhalten wurde.12

Wer einer solchen Hirntod-Falle entkommen will, dem sei geraten, in seiner Patientenverfügung ausdrücklich einer Hirntod-Diagnose zu widersprechen. Sie ist u. U. schmerzhaft, kann, wie das beschriebene Beispiel zeigt, zu erheblichen finanziellen Verlusten führen. Ein weiteres gravierendes Problem besteht außerdem bei der spendezentrierten Lebensverlängerung darin, dass sie in seltenen Fällen zur Ausbildung eines appalischen Syndroms (Wachkoma) führen kann, indem der Patient wieder selbstständig atmen und schlucken kann.

Sollte unter Verzicht einer schriftlichen Einwilligung des Patienten oder der Zustimmung eines Betreuers dennoch eine Hirntod-Diagnose durchgeführt werden, bleibt der Klageweg gegenüber den Ärzten oder der Klinik. Denn jeder ärztliche Eingriff erfordert eine Information über die Folgen des medizinischen Eingriffs und eine Zustimmung des Patienten oder dessen Betreuer. Wird darauf verzichtet, handelt es sich um den Straftatbestand einer Körperverletzung.

IST DIE »HIRNTOD«-DIAGNOSE SCHMERZHAFT?

»Unsere Schwestern haben einen Riesenschreck bekommen, als sie von Patienten, die nach den Hirntodkriterien definitiv tot waren, beim Kopfkissenbetten umarmt wurden.«

Detlef B. Linke (1945 – 2005), Die Welt, 05. 09. 1995/Linus Geisler, Ausschussdrucksache des Deutschen Bundestages 13/114, S. 36 – 43.

Ist die »Hirntod«-Diagnose schmerzhaft? Bevor diese Frage beantworten werden kann, stellt sich zunächst eine andere heikle Frage – nach der Erlaubnis des Machbaren.

Präfinale Spenderkonditionierung

Eine Hirntoddiagnose wird in der Regel im Interesse Dritter gestellt. Das wurde im Zusammenhang mit der Novelle des Tranplantationsgesetzes von 201213 wiederholt gefordert, damit mehr Organe beschafft werden. Die Hirntoddiagnose berührt aber den Straftatbestand einer Körperverletzung, es sei denn, der Patient hat in einem einwilligungsfähigen Zustand nach vorheriger Aufklärung ihr zugestimmt. Erschwerend kommt hinzu, der Patient muss, um eine solche Diagnose zu ermöglichen, konditioniert werden und zwar in einem Zustand, in dem er rechtlich gesehen noch als lebend gilt. Erst nach abgeschlossener Hirntoduntersuchung und wenn das Hirntodprotokoll vollständig ausgefüllt ist, gilt der Patient als tot, obwohl sein Zustand sich in der Regel nicht verändert hat.

Während der Dauer der zeitlich getrennten zweimaligen Hirntoddiagnose muss auf die Behandlung des Patienten mit Schmerz-, Beruhigungsmitteln und Muskelrelaxantien verzichtet werden, wohl wissend, dass der Patient unter Umständen Schmerzen erleidet. Diese Situation wäre beispielsweise vorstellbar bei einem verunglückten Motorradfahrer, der als potenzieller »Organspender« geeignet erscheint. Dann hätte der Patient womöglich nicht mehr die Chance auf eine Behandlung, die seinem Wohl dient. Bei bloßem Verdacht auf Hirntod würde dann schon auf Schmerzmittel verzichtet, unabhängig davon, ob der Verletzte Schmerzen leidet oder nicht. Der fachliche Hintergrund ist, dass die zuvor genannten Arzneimittel abgebaut sein müssen, bevor eine Hirntoddiagnose gestellt wird. Anderenfalls wäre das Ergebnis der Diagnose gefälscht. Auch nach den Richtlinien der Bundesärztekammer müssen Medikamentenwirkungen zur Durchführung einer Hirntoddiagnostik ausgeschlossen sein.

Der Verzicht auf Schmerzmitteltherapie bei bloßem Verdacht auf Hirntod ist nicht nur rechtlich, sondern auch ethisch zu bewerten. Ärzte, die auf Schmerzmitteltherapie im Interesse Dritter, zugunsten einer reibungslosen zeitnahen Organentnahme verzichten, verletzen damit sträflich ihre ärztliche Fürsorgepflicht gegenüber dem komatösen Patienten im Todeskampf.14 Die klinische Medizin verzichtet allerdings auch in anderen Fällen kurzfristig auf Schmerzmittelgaben und Sedativa bei Patienten, die ähnliche Verletzungsmuster aufweisen wie die zur »Organspende« vorgesehenen Menschen, um zu sehen, wie sie reagieren, ob sie wieder zum Bewusstsein kommen. Das geschieht aber nicht im Interesse Dritter.

»Hirntod«-Diagnose im Interesse Dritter

Die klinische »Hirntod«-Diagnose an dem komatösen Patienten kann, je nach Zustand des Betroffenen, ein schmerzhafter Prozess sein – wie gesagt, obligatorisch unter Verzicht auf Schmerzmittel. Es ist ein nicht indizierter Eingriff, der in der Regel der Organbeschaffung dient. Angehörigen, die über die Schritte einer Hirntoddiagnose aufgeklärt werden sollten, wird nicht selten diese Information vorenthalten. Die klinischen Untersuchungen können u. a. folgende Tests beinhalten: Provokation der Augenhornhaut mit einem Fremdkörper, testen des Pupillenreflexes durch Lichteinfall, Stechen in die Nasenwand, Reizen des Rachenraums mit einem Gegenstand zum Testen des Würge- und Hustenreflexes, schnelles Drehen oder Kippen des Kopfes, Setzen eines heftigen Schmerzes zur Reizung von Reflexen, Reizung des Bronchialraums durch Absaugkatheter, festes Drücken der Augäpfel, Gießen von Eiswasser in die Gehörgänge.

Am Ende muss der Arzt einen Apnoe-Test durchführen. Die Bundesärztekammer empfiehlt, diesen Test zuletzt zu machen, »wegen der physiologischen Folgen der Hyperkapnie« – des CO2-Überschusses in einem Körper mit Sauerstoffmangel. Die Beatmung wird abgestellt, um zu beobachten, ob der Patient noch selbst Luft holt, wenn die Erstickung einsetzt. Dazu schreibt der brasilianische Neurologe Cicero Coimbra, dieser Test könne zu einem Kollaps der Blutzirkulation im Hirn, auch zum Herzstillstand führen. Potenzielle Folge sei dann ein unwiderruflicher Hirnschaden. International wird darüber diskutiert, dass organprojektive Maßnahmen das Risiko bergen, dass ein Patient in ein Wachkoma fällt, bevor der Hirntod diagnostiziert ist oder dass präfinale Patienten, die einen Herzstillstand erleiden, reanimiert werden, damit danach der Hirntod und dadurch wieder die Organentnahme möglich wird.

Wenn auch ein Teil des Repertoires zu den normalen neurologischen Tests zählt, darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Interesse einer Organentnahme dazu keine Einwilligung des Betroffenen vorliegt, geschweige denn, zuvor darüber aufgeklärt wurde. Wer jemals solche Prozeduren in einer Filmaufnahme gesehen hat, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Patient wie ein »Werkstück« behandelt wird.

Die Koma-Forschung zeigt: Der Patient reagiert auf ein schweres, schockartiges Erlebnis mit einer tiefgreifenden gesamtkörperlichen Stilllegung, einer Hemmung, einem »Totstellreflex« oder einer »Katastrophenreaktion«. Sein intuitives Verhalten kann dann lebensbedrohliche Folgen haben, wenn er sich bei einer invasiven Hirntod-Diagnose aus Furcht davor tot stellt.15 Der untersuchende Arzt findet dann u. U. bei einem regungslosen Patienten das bestätigt, was er erwartet hat.

Andererseits zeigen als hirntot diagnostizierte Patienten durchaus noch sichtbare Lebenszeichen. Der als »Lazarus-Zeichen«16 bezeichnete spinale Reflex macht deutlich, dass der Patient noch lebt. Wenn ein Hirntoter eine Krankenschwester umarmt – wie geschehen – kann es sich um einen solchen Reflex handeln, dem Transplantationsmediziner allerdings keine besondere Bedeutung beimessen. Heute weiß man aber, dass das Rückenmark als integraler Bestandteil des Zentralnervensystems Sensibilität und Motorik des Körpers steuert. Aktivitäten des Körpers und andere Fähigkeiten setzen keineswegs und ausschließlich eine intakte Gehirntätigkeit voraus. Wie Forschungen zeigen, dienen das Rückenmark und der Vagusnerv als eine Art Standleitung für die Kommunikation zwischen dem Kopfhirn und dem »zweiten Hirn«, dem »Bauchhirn«. Wenn landläufig von »Bauchgefühl« die Rede ist, das nicht selten als Entscheidungshilfe dient, könnte man auch an eine umgekehrte Reihenfolge denken. Dieses zweite Gehirn, so haben Neurowissenschaftler herausgefunden, ist quasi ein Abbild des Kopfhirns – Zelltypen, Wirkstoffe und Rezeptoren sind exakt gleich.17 Wenn also Vertreter der BÄK behaupten, der Ausfall des Gehirns eines Menschen bedeute »schließlich den Verlust der unersetzlichen physischen Grundlage seines leiblich-geistigen Daseins in dieser Welt«18 und sei deshalb ein sicheres Todeszeichen, spricht das für eine sehr verengte Sicht auf den menschlichen Körper.

Wie sicher sind »Hirntod«-Diagnosen?

Eine Hirntoddiagnose setzt viel Erfahrung voraus, sicher muss sie dennoch nicht sein, soweit auf apparative Untersuchungen verzichtet wird. Das Fachwissen für diese Diagnose scheint nicht in jeder Klinik vorhanden zu sein, wie eine Studie in Niedersachsen zeigt. Das zumindest beklagte der Präsident des Verbandes der Leitenden Krankenhausärzte (VLK), Prof. Dr. Hans-Fred Weiser, 2006 im Deutschen Ärzteblatt. Er kritisierte die Reduzierung fester, mobiler Spezialteams für die Hirntoddiagnostik aus Kostengründen. 2004 hatte die Deutsche Stiftung Organtransplantation beschlossen, den Bereitschaftsdienst für die mobilen Ärzteteams abzuschaffen, die vor allem in den kleinen Krankenhäusern den Hirntod eines hirngeschädigten Patienten feststellen sollen.

Seit Anfang 2006 wurden nun die Konsiliar-Teams pauschal pro Einsatz bezahlt. »Die Folge ist, dass keine festen Teams mehr zu Verfügung stehen«, sagte der ehemalige Leiter des mobilen Konsiliarteams der Region Nord, Prof. Dr. Hermann Deutschmann (1949 – 2014).19 Stattdessen müssten die Teams von Fall zu Fall nach dem »Lasso-Prinzip« zusammengestellt und »eingefangen werden«. »Da geht viel Zeit verloren. Wird der Hirntod zu spät festgestellt, sind die Organe verloren«, sagte der leitende Oberarzt vom Klinikum Hannover-Nordstadt.20 Ähnlich sieht das auch der VLK-Präsident Weiser: »Es klappt – aber auf fraglichem Niveau«.21

Niedergelassene Neurologen, die seit Jahren kein Beatmungsgerät mehr gesehen haben

Die DSO greife vermehrt auf niedergelassene Neurologen zurück, die aber keine aktuellen Erfahrungen mit der Arbeit auf Intensivstationen hätten. »Ein Niedergelassener, der seit Jahren kein Beatmungsgerät mehr gesehen hat, kann nicht einfach Apnoe-Tests22 durchführen oder den Hirntod diagnostizieren.« Zudem kümmere sich die DSO nur noch eingeschränkt um die Qualität der vormals zum Teil zertifizierten Spezialteams. »Die Untersucher bescheinigen sich die Qualität jetzt selbst und machen sich so zu Experten«, so Weiser. Bei der DSO wollte man hingegen von den Problemen nichts wissen. Laut dem damaligen Vorstandsvorsitzenden der DSO, Kirste, sei das Ganze seit 2000 bundesweit geregelt.

In über einem Drittel der Fälle wurde ein Hirntod fälschlicherweise vermutet

Wie oben bereits erwähnt, untersuchte der Neurologe Prof. Dr. Deutschmann in einer internen Studie über die DSO-Regionen Mitte und Nordost, wie sicher die Hirntoddiagnostik in den Kliniken in der Region sei. Das Ergebnis war: »Nicht selten werde zudem der Hirntod von den Ärzten in kleineren Krankenhäusern, aber auch in Unikliniken fälschlicherweise vermutet oder nicht exakt nach den Regeln der Bundesärztekammer festgestellt. Das Team der Deutschen Stiftung Organtransplantation aus Niedersachsen etwa habe bei knapp 50 Untersuchungen in 21 Fällen den Hirntod nicht sichern können.«23

Das entspricht mehr als einem Drittel der Patienten. Es ist wahrscheinlich, dass diese potenziellen »Organspender« Stunden vorher keine Schmerzmittel mehr bekommen haben. Wenn also ein Hirntod nur vermutet und über entsprechende Diagnosen nicht seriös aufgeklärt wird, nimmt man billigend in Kauf, dass das Unwissen gutwilliger Menschen im Interesse der Organbeschaffung ausgenutzt wird. Wenn Angehörige zur Freigabe des Patienten gebeten werden, geschieht das zudem noch unter Ausnutzung des vagen Begriffs »mutmaßlicher Wille«.

1992: Die Leichen leben noch

Spätestens der Fall des »Erlanger Babys« hätte auch Kirchenvertretern die Augen öffnen können. Denn 1992 entbrannte erstmals die öffentliche Diskussion um die Transplantationsmedizin. Mit der 40-tägigen »posthumen« Schwangerschaft der 18-jährigen Marion P. in der Universitätsklinik Erlangen wurde plötzlich klar, was Transplantationsmediziner Jahre verschwiegen hatten: Die Leichen leben noch. »Hirntod«, ein Vierteljahrhundert als Tod des Menschen propagiert, war nun ein viel diskutiertes Thema in den Medien und in der Öffentlichkeit. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass für die noch lebende schwangere Frau am 8. Oktober 1992 drei Tage nach der Einlieferung der Totenschein ausgestellt wurde – zunächst mit der Option auf Entnahme der Organe. Prof. W. Höfling schreibt hierzu: »Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass im Fall des sog. Erlanger Babys nach Feststellung des Hirntodes die Mutter Marion P. im strafrechtlichen und – da ein Leichenschauschein ausgestellt war – auch im bestattungsrechtlichen Sinne als tot galt. D. h.: eine – mit intensivmedizinischer Hilfe – atmende Leiche war formell zur Bestattung freigegeben. Der zuständige Standesbeamte weigerte sich jedoch, den Tod personenstandsrechtlich zu beurkunden mit der Begründung, ›er stehe dann später vor der Notwendigkeit, die Geburt eines Menschen zu beurkunden, der keine Mutter habe, und das könne er nicht‹ (so der seinerseits am Geschehen mitbeteiligte Rechtsmediziner Hans-Bernhard Wuermeling, in: G. Bockenheimer-Lucius/E. Seidler (Hrsg), Hirntod und Schwangerschaft, 1993, S. 21.)24

Der Philosoph Hans Jonas schrieb damals an seinen Freund Prof. H.-B. Wuermeling: »Keiner von Euch und keiner, der Euren Versuch gut geheißen hat, darf hinfort dafür sein, einem Gehirntoten unter Beatmung, also ›bei lebendigem Leib‹, Organe zu entnehmen.«25

Vermuteter Hirntod, mutmaßlicher Wille

Wenn nun eine Person selber einen Organ- und Gewebespende-Ausweis unterschreibt, bleibt in dem mehr als oberflächlich und irreführend abgefassten Dokument offen, was den »Gutgläubigen« vor und während einer Hirntoddiagnose erwartet. Auch an dieser Stelle ist die Frage erlaubt: Ist das Oberflächlichkeit oder was viel schwerer wiegen würde, Absicht? Die Bevölkerung in Deutschland ist relativ wenig aufgeklärt über die Zusammenhänge zwischen Organspende und Hirntoddiagnostik. Wann immer mir Menschen begegnen, die einen Organspende-Ausweis besitzen, stelle ich in Gesprächen zu meinem Erstaunen fest, dass sie in der Regel gutgläubig und uninformiert sind – und das bei einem Thema, bei dem es um elementare Fragen des Lebens und Sterbens geht.

Deshalb haben die Aussteller von Organspende-Ausweisen eine Bringeschuld, indem nicht nur die Zustimmung zur »Hirntod«-Diagnostik dokumentiert wird, sondern auch eine Aufklärung darüber erfolgt, was das bedeutet. Denn jemanden ohne Zustimmung ausschließlich oder in sonst bedenklicher Weise für fremde Zwecke zu »benutzen«, ist ethisch strikt unzulässig. Wer in eine Organspende einwillige, stimme zugleich auch den dazu erforderlichen Maßnahmen zu, würde nur insoweit gelten, solange diese Maßnahmen keine Belastung und Risiken für ihn darstellen. Dies ist aber im Zusammenhang mit einer Hirntoddiagnose nicht sicherzustellen.

Bleibt zum Schluss: Vor fremdnützigen Eingriffen kann sich letztlich nur der schützen, der durch eine Patientenverfügung oder eine Bevollmächtigung sicherstellt, dass lebensverlängernde Maßnahmen bei einer terminalen Erkrankung unterbleiben, bei gleichzeitiger Basis- und eventueller Palliativ-Versorgung.

HAT DER »HIRNTOTE« PATIENT NOCH SCHMERZEMPFINDUNG?

»Nach dem Hirntod gibt es keine Schmerzempfindung mehr. Deshalb sind nach dem Hirntod bei Organentnahme keine Maßnahmen zur Schmerzverhütung (zum Beispiel Narkose) nötig.«

»Erklärung zum Hirntod« der Bundesärztekammer 2001.

»Es ist in der Tat nicht zu belegen, dass eine für hirntot erklärte Person tatsächlich über keinerlei Wahrnehmungsvermögen, insbesondere Schmerzempfindlichkeit verfügt.«

Prof. Dr. med. Werner Lauchert, damaliger Geschäftsführender Arzt der DSO-Region Baden Württemberg in einem Schreiben vom 25. 9. 2000 an die Pastorin Ines Odaischi (†).

Diese Frage ist so lange im Sinne der Humanität von großer Bedeutung, solange sie nicht eindeutig beantwortet ist. Denn es handelt sich zu Beginn einer Explantation um einen noch lebenden komatösen Patienten, der letztlich durch den schweren Eingriff einer Organentnahme getötet wird. Während bei jeder anderen Operation Patienten zur Abwehr von Schmerzen narkotisiert werden, soll laut einer Erklärung der Bundesärztekammer bei Organentnahmen darauf verzichtet werden. Dabei ist keineswegs auszuschließen, dass der wehrlose Patient Schmerzen empfindet. Er wird bis zur Entnahme des letzten Organs beatmet. Als besonders belastend beschrieb eine Anästhesistin im Deutschen Ärzteblatt (Dr. Friederike Schlemmer, 16. 07. 2001) die undankbare, belastende und schwierige Aufgabe, den Herzkreislaufstillstand nach erfolgter Explantation herbeizuführen.

Bei einer Organentnahme bleibt es dem Anästhesisten überlassen, ob er Schmerzmittel gibt oder nicht. Weder das Transplantationsgesetz von 1997 noch die BÄK kennt an dieser Stelle eine Regel. Letztere hat aber – ungeachtet jeglicher wissenschaftlichen Fundierung – eine eindeutige Meinung dazu. In der »Erklärung zum Hirntod« der BÄK aus dem Jahr 2001 heißt es: »Nach dem Hirntod gibt es keine Schmerzempfindung mehr. Deshalb sind nach dem Hirntod bei Organentnahme eine Maßnahmen zur Schmerzverhütung (zum Beispiel Narkose) nötig.«

Fakten belegen: Werden zur Organentnahme lediglich Muskelrelaxantien gegeben, um mögliche Abwehrbewegungen zu unterdrücken – das dient im Übrigen dem Schutz des Chirurgen – lassen bei dem Opfer Lebenszeichen wie Anstieg des Blutdrucks, Transpiration, Rötung der Haut und Abwehrbewegungen möglicherweise auf Schmerz- und Angstreaktionen schließen. Sollte sich bestätigen, dass das Opfer bei Verzicht auf Narkose tatsächlich Schmerzen erleidet, würde das den Tatbestand eines Verbrechens gegen die Menschheit26 bedeuten – wie es im Nürnberger Ärzteprozess hieß.

Selbst der ehemalige geschäftsführende Arzt der DSO, Professor Lauchert, gibt schriftlich zu: »Es ist in der Tat nicht zu belegen, dass eine für hirntot erklärte Person tatsächlich über keinerlei Wahrnehmungsvermögen, insbesondere Schmerzempfindlichkeit, verfügt.«27

Der »Erklärung zum Hirntod« der Bundesärztekammer waren Anfragen und Klagen von der Pastorin Ines Odaischi in ihrer Eigenschaft als potenzielle Organspenderin vorausgegangen, u. a. vor dem Verwaltungsgericht in Berlin und wie vorhin erwähnt vor dem Bundesverfassungsgericht, das die Bundesregierung zwingen sollte, das Transplantationsgesetz dahingehend zu ändern, dass eine Narkose für Organspender zwingend geboten ist. Das Problem für die BÄK war, mit einer befürwortenden Erklärung zur Narkose hätte man zugeben müssen, es handele sich bei den hirntoten Menschen um noch Lebende. Also nimmt man eher in Kauf, dass die Menschen während der OP eventuell Schmerzen erleiden. Man stelle sich vor, ein Mensch, der sich nicht mehr zu wehren vermag, wird ohne Narkose zum Zweck einer Multiorganentnahme vom Hals bis zum Schambein aufgeschnitten.

Eine Leiche spendet nicht

Was in der Erklärung der BÄK folgt, ist sprachlich entlarvend: Hier heißt es: »Die Tätigkeit eines Anästhesisten bei der Organentnahme – Maßnahmen wie zum Beispiel die künstliche Beatmung, die Kontrolle der Herztätigkeit und des Kreislaufs sowie die notwendige Ruhigstellung der Muskulatur – dient ausschließlich der Erhaltung der Funktionsfähigkeit der zu entnehmenden Organe.« Ist das die angemessene Versorgung bzw. Behandlung einer Leiche? Dennoch ist »Leichenspende« der Terminus technicus in Abgrenzung zur Lebendspende.

Bei aufmerksamem Studium der offiziellen Informations-Broschüren der BZgA für ein allgemeines Publikum ist zu Fragen des Schmerzempfindens bei Hirntoten Gegensätzliches zu erfahren. In der Broschüre »Wie ein zweites Leben« der BZgA (S. 26) ist zu lesen: »… Trotz künstlicher Beatmung und aufrechterhaltender Herztätigkeit kann dann gegebenenfalls ihre Hirntätigkeit für immer erloschen sein. Der Organismus ist dann zu einer Selbststeuerung nicht mehr in der Lage. Jede Möglichkeit der bewussten Wahrnehmung, d. h. auch der Schmerzempfindung, des Denkens, der Steuerung der Atmung, der Stoffwechselregulation usw. ist unwiderruflich verloren.« Auch die Lazarus-Zeichen, Bewegung der Arme oder Gehbewegungen würden nicht auf Schmerzempfindungen hinweisen (S. 36). Daraus folgt, wo kein Schmerzempfinden, da sind Schmerzmittel überflüssig.

Eine weitere Broschüre an Professionelle, »Organspende – eine persönliche und berufliche Herausforderung«, erweckt den Eindruck, dass es dennoch obligatorisch sei Schmerzmittel vor der Organentnahme zu verabreichen, wenn dort die Frage gestellt wird (S. 21): »Warum erhalten Hirntote bei der Organentnahme häufig Schmerzmittel und Medikamente zur Muskelrelaxation, obwohl sie angeblich keine Schmerzen mehr empfinden können?« Die Antwort: »… um rückenmarksvermittelte Bewegungen zu verhindern.« D. h. meines Erachtens, der Chirurg könnte irritiert und in seiner Arbeit gestört werden.

HAT DER »HIRNTOTE« PATIENT VOR DER OP EIN RECHT AUF NARKOSE?

»Mit Muskelrelaxantien werden zwar die lästigen Abwehrbewegungen unterdrückt, nicht aber die Adrenalinausschüttung mit Blutanstieg und Tachykardie. Der Hirntote reagiert also exakt wie ein normaler Patient mit unzureichender Narkose, nur kann er den Narkosearzt später nicht zur Rechenschaft ziehen, denn er überlebt den Eingriff planmäßig nicht.«

Dr. Hans-Joachim Ritz, Leserbrief im Deutschen Ärzteblatt vom 12. 09. 1997

Es ist zweifelsfrei dokumentiert28, dass Patienten, die als hirnstammtot diagnostiziert worden sind (Brain Stem Death), auf das Trauma des chirurgischen Eingriffs wie bei jeder anderen Operation mit erhöhtem Blutdruck, mit Herzrasen und Bewegungen reagieren, paralysiert werden und mit einer Art Anästhesie zur Sicherheit ruhiggestellt werden können. Ob dies geschieht, bleibt ungeregelt und damit dem Zufall überlassen. Weder die »Spender« noch ihre Angehörigen müssen darüber informiert werden, noch wird auf dem Organspende-Ausweis oder im Organspende-Register in Ländern mit einer gesetzlich geregelten Widerspruchslösung Anästhesie angeboten oder garantiert. Familienmitgliedern, die mit der Transplantationsmedizin konfrontiert sind, wird die Wahrheit über diese fragwürdige Vorgehensweise bei einer Organentnahme vorenthalten, obwohl sie einen Anspruch darauf hätten. Das entspricht dem Tatbestand der vorsätzlichen Täuschung. Die ethischen Probleme liegen nicht so sehr darin, dass menschliche Organe für die Transplantation genutzt werden, als vielmehr in der Weise, wie lebenswichtige Organe gewonnen werden.

EINE OPERATION MIT PLANMÄßIG TÖDLICHEN FOLGEN

»Das Leben des Menschen gehört Gott, und der Mensch hat kein Recht, darüber frei zu verfügen. Nichts also darf geschehen, was das Leben um eine einzige Sekunde verkürzen könnte, um dadurch das Leben eines anderen zu retten.«

Joel Berger im Auftrag des Zentralrats der Juden in Deutschland, in Ausschussdrucksache des Deutschen Bundestages 582/13, Bonn 5. 9. 1996.

Ist der Hirntod festgestellt und der Patient hat einen Organspende-Ausweis oder die Angehörigen haben einer Organ-/Gewebe-Entnahme zugestimmt, kann die Operation beginnen. Und das bedeutet im Einzelnen: Zur Organentnahme ist der beatmete »Hirntote« auf dem OP-Tisch fixiert und bekommt unter Aufrechterhaltung der Homöostase (Regelung des Kreislaufs, der Körpertemperatur, des pH-Werts, des Wasser- und Elektrolythaushalts, u. a.) Muskelrelaxantien zugeführt. Ob der Patient auch Schmerzmittel erhält, liegt im Ermessen des Anästhesisten, da es dafür keine gesetzlichen Vorschriften gibt.

Dann wird dem Patienten zum Zweck einer Multiorganentnahme die Bauchdecke vom Hals bis zur Symphyse (Schambeinfuge) aufgeschnitten. Zwei weitere Schnitte folgen vom Brustbein aus zum rechten und linken Beckenkamm.29 Mit den ersten Schnitten steigt oftmals der Blutdruck. Blutdruckanstieg, Schwitzen, Rötungen der Haut während des Eingriffs mit Elektromesser und Säge30 bei dem noch lebenden Patienten, lassen unter Umständen auf Schmerz- und Angstreaktionen schließen, wie selbst der medizinischen Literatur zu entnehmen ist.

Die spitzwinkligen Bauchdeckenlappen werden mit Klemmen seitlich fixiert. Eine große Öffnung entsteht, und im Verlauf der OP werden dann die Hautlappen so gehalten, dass ein »Gefäß« entsteht, das bis zu 15 Liter Eiswasser fasst, mit dem die Organe gekühlt werden sollen. Ein Spezialteam legt die Abdominalorgane, die große Schlagader (Aorta) und die große Hohlvene (Vena cava) frei. Dann wird das Brustbein mit einer Säge der Länge nach durchtrennt. Mit einer Sperre wird der Thorax (Brustraum) ausgedehnt. Mit dem Öffnen des Herzbeutels wird das noch schlagende Herz sichtbar.

Um die Organe für den Zeitraum zwischen Entnahme und Übertragen für den Transport zu konservieren, wird bei laufendem Beatmungsgerät und bei schlagendem Herzen mittels Kochsalzspülung (Perfusionslösung mit Ernährungs- und Konservierungszusätzen, konstante Temperatur von 4 ˚C) das Blut aus dem Kreislauf gespült. Die Perfusionslösung wird über die Aorta zu- und über ein künstliches Leck in der vena cava wieder abgeleitet. Auf diese Weise wird der Patient völlig entblutet und seine Organe zugleich unterkühlt und konserviert. Zur externen Kühlung der Organe werden Thorax und Bauchhöhle erneut mit eisgekühlter Kochsalzlösung aufgefüllt.

Diesen Vorgang überlebt der Patient nicht. Erst jetzt wird die Beatmung eingestellt. Der »Hirntote« ist nun wirklich gestorben. Bei einer Multiorganentnahme können mehrere Teams beteiligt sein. Von den jeweiligen Spezialistenteams werden nun die blutleeren und gekühlten Organsysteme, denen immer noch ein Rest Leben innewohnen muss, in der Reihenfolge Herz, Lunge, Leber, Pankreas, Nieren und Augen entnommen, verpackt und in speziellen Kühlbehältern so rasch wie möglich zu ihren Verwertungsorten transportiert. Auch Gelenkteile, Knorpel, Gehörknöchelchen, Haut und Knochen u. a. werden entnommen und weiterverwendet. Für eine offene Aufbahrung für Angehörige bleibt da nicht viel übrig.

Letztlich wird der zu Beginn einer Organentnahme noch lebende komatöse Patient während der OP mit oder ohne Narkose bzw. Schmerzmittel getötet.

Während Nieren auch noch nach klinischem Tod entnommen werden könnten und ihre Funktion nach kürzerer Zeit wieder aufnehmen, müssen andere Organe, wie Herz, Lunge, Leber, Bauchspeicheldrüse entnommen werden, während die lebenserhaltenden Maßnahmen aufrecht erhalten werden und Lebenszeichen (Herzschlag, Kreislauf, Atmung (obwohl mit Hilfe eines Beatmungsgeräts), Verdauung, Ausscheidung, sogar Austragen einer Schwangerschaft und u. U. Reaktionen auf Schmerzreize weiter vorhanden sind.

Nach der Organentnahme müssen die Organe möglichst schnell zu den entsprechenden Transplantationszentren transportiert werden. Schnelle Verteilung und schneller Transport sind wegen der unterschiedlichen Ischämietoleranz der Organe wichtig. Sie beträgt durchschnittlich bei der Niere 24 bis 30, der Leber 12, dem Pankreas 12, dem Herzen 4 und der Lunge 6 Stunden.

Der voyeuristische Blick eines Arztes

Peter Berning, ein Arzt und Koordinator für Organtransplantation in Berlin, der es wissen muss, beschreibt die makaberen Situation einer Organentnahme von einer jungen Frau in dem Buch „Sehnsucht Berlin (Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, Tübingen 2000) mit voyeuristischem Blick:

„Erst nach Einsetzen der Perfusion war sie wieder schön, das Gesicht schmal und blass. Natürlich. So hatte sie auch auf dem Passbild ausgesehen, jung, den Blick auf das Kommende gerichtet. (…)

Die da liegt, deren Gesicht so aufdringlich leuchtet, weil zu vulgär geschminkt, die ist tot. Sie ist dennoch beatmet, immer noch durch einen Kreislauf mit Blut versorgt, kopfabwärts, richtiger müsste man sagen hirnabwärts. Ihr Thorax ist eigentümlich breit, so dass die Brüste wie Schutzschilder erscheinen, obwohl sie sie wahrscheinlich überdurchschnittlich groß sind, Der ganze Körper ist von tiefer und unnatürlicher Bräune. Sie ist rasiert, das Gesicht hat etwas Maskenhaftes, Fremdes…“

ENDLOSES BEWUSSTSEIN, SELBST WENN DAS GEHIRN NICHT MEHR DURCHBLUTET IST

Ich persönlich bin mehr denn je davon überzeugt, dass der größte Feind des wissenschaftlichen Fortschritts die Haltung ist, unverständliche, fremde und unbekannte Tatsachen bereits im Vorfeld aufgrund von Vorurteilen abzulehnen und zu verneinen.

Frederik van Eeden (1860 – 1932), berühmter holländischer Arzt und Psychologe, zitiert nach: Pim van Lommel: Endloses Bewusstsein. Neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung.

Die Sparte der Transplantationsmedizin lebt von Glaubenssätzen, die nicht immer mit dem Anspruch der medizinischen Wissenschaft in Einklang zu bringen sind. Das kam mir bereits zu Ohren, als ich 1996 mein erstes Buch verfasste. In einer Diskussionsveranstaltung im WDR-Rundfunkgebäude sagte ein Düsseldorfer Professor der Nephrologe: »Ich glaube an den Hirntod.« Das klang theologisch und auch redlich. Denn er stützte sich nicht auf scheinbar gesichertes Wissen wie andere seiner ärztlichen Zunft, sondern auf seinen Glauben.

Vertreter des Glaubens wie Bischof Karl Lehmann weiß wiederum, »Der Hirntod ist in gewisserweise ein unsichtbarer Tod«.31 Im Gegensatz zu ihm muss sich der Vertreter der anderen großen Kirche nicht mehr auf den Glauben verlassen. Der ehemalige Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Wolfgang Huber hat gleich die irreführende Sprachregelung der Transplantationsmedizin übernommen und spricht von »postmortalen Organspenden«.32

Der Neurologe Prof. Dr. H. Angstwurm dagegen behauptet zu wissen:

»Der Tod des Gehirns bedeutet den völligen und endgültigen Ausfall seiner Tätigkeit für den übrigen Körper und für den Menschen als Ganzes einschließlich Wahrnehmung und Schmerzempfinden.«33 Die hirntote Leiche sehe wie ein bewusstloser beatmeter Lebender aus. Ein anderer Neurologe, Dr. Johann F. Spittler, stellt fest: »… für mich als Neurologe ist völlig klar, dass der Mensch, wenn er nicht mehr erleben, nicht mehr wahrnehmen, nicht mehr fühlen kann, dass er dann kein lebendiger Mensch mehr ist.«34 Argumente wie diese sollten während des Gesetzgebungsverfahrens zum Transplantationsgesetz Politiker geneigt stimmen, an den Hirntod als den Tod des Menschen zuglauben. Nicht nur Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner hielt dem entgegen: »Der Hirntod ist nicht der Tod des Menschen. Dies ist – so peinlich das klingt – auf jeder beliebigen logischen Ebene zu begründen.«35

Rückenmark: Teil des integrierenden Zentralnervensystems

Während die im Dienste der Transplantationsmedizin stehenden Neurologen ihren Blick auf das Gehirn fokussiert haben, richtete der Neurochirurg Prof. Dr. Andreas Zieger den Blick auf das erweiterte neuronale Netz des menschlichen Körpers, indem er zunächst feststellt:

»Es ist auch mit genauen Messmethoden nicht hundertprozentig genau zu bestimmen, wann das Gehirn abgestorben ist. Eigentlich müsste das gesamte Rückenmark mit eingeschlossen sein, weil es Teil des integrierenden Zentralnervensystems des Menschen ist. Das Rückenmark integriert Sensibilität und Motorik fast des gesamten Körpers. (…) Mit dem Tieferwerden des Komas erlöschen immer mehr Hirnstammreflexe, während spinale Reflextätigkeiten erhalten bleiben. Diese motorische Leistung und Verhaltensphänomene, wie sie bei Hirntoten in Form von Umarmungen oder Schreibbewegungen zu beobachten sind, sogenannte Lazarusphänomene, werden entsprechend der Logik des Hirntodkonzeptes als bedeutungslose Reflexe und Automatismen, Spinalisationen abgewertet. Das Rückenmark ist aber nicht einfach – ich sagte es schon – isoliert zu sehen, es hat etwas mit der Integration des autonomen Selbst zu tun.«36

Eine lang anhaltende Wirkung einer Erfahrung, die nur wenige Minuten dauerte

Dank der Forschungsarbeit37 des niederländischen Kardiologen Dr. Pim van Lommel ist es möglich geworden, den Blick auf die Geheimnisse des menschlichen Daseins nochmals zu erweitern. Van Lommel ist allerdings nicht der erste, der sich zu Fragen des »endlosen Bewusstseins« äußert, wie etwa der Hirnforscher und Nobelpreisträger für Medizin, Sir John Eccles (1903 – 1997). Ausgehend von Berichten von Menschen mit Nahtoderfahrung (NTE) zieht van Lommel die Möglichkeit in Betracht, dass Menschen während eines Herzstillstandes noch ein Bewusstsein haben können. Dabei handelt es sich um Menschen, die nach einem klinischen Tod wiederbelebt wurden und von ungewöhnlichen Bewusstseinserfahrungen während dieser wenigen Minuten berichteten. Es werden auch andere Umstände wie Schock, Koma, naher Tod durch Ertrinken genannt, bei denen von solchen Nahtoderfahrungen berichtet wird. Nach einer aktuellen Stichprobe in Deutschland und den USA müssen vier Prozent der gesamten Bevölkerung eine Nahtoderfahrung gehabt haben. Das wären in Deutschland drei Millionen Menschen. Davon berichtet wird allerdings eher selten – aus Furcht, von Ärzten nicht ernst genommen zu werden, wie van Lommel bestätigt:

»Eines Tages hatten wir eine Konferenz zu Nahtoderfahrungen mit mehr als 300 Menschen in einem Universitätskrankenhaus. Am Ende eines Vortrags stand ein Mann auf und sagte: ›Ich bin seit 25 Jahren Kardiologe und ich habe noch nie so absurde Geschichten gehört! Das ist totaler Unsinn. Ich glaube kein Wort davon.‹ Darauf stand ein anderer Mann im Publikum auf und erwiderte: ›Ich bin einer Ihrer Patienten. Ich hatte während eines Herzstillstandes eine Nahtoderfahrung. Und Sie wären der Letzte, dem ich davon erzählen würde.‹«38

Im Jahr 1969 war van Lommel zum ersten Mal mit Nahtoderfahrungen in Kontakt gekommen. Während seiner Facharztausbildung als Kardiologe wurde ein Patient erfolgreich wiederbelebt. Er war zum Erstaunen aller sehr enttäuscht, als er aufgewacht war und erzählte, dass er durch einen Tunnel gegangen sei und ein Licht und schöne Farben gesehen habe und Musik gehört hätte. Jahre später, 1975, schrieb Raymond Moody zum ersten Mal ein Buch über Nahtoderfahrungen. Dabei handelte es sich um Phänomene, die weltweit in allen Kulturen und zu allen Zeiten beschrieben worden waren. Bekannt ist auch das Bild von Hieronymus Bosch aus dem Jahr 1480, auf dem zu sehen ist, wie Verstorbene durch einen Tunnel ins Licht geleitet werden.

Van Lommel selbst begann 1986 systematisch seine Patienten zu befragen. Er wollte wissen, warum Menschen während der Phase des klinischen Todes Bewusstsein erleben können. Er und seine Kollegen fragten 344 Patienten, die einen Herzstillstand überlebt hatten.

18 Prozent der Patienten hatten eine Erinnerung. Niemand schilderte eine negative Erfahrung. Acht Jahre beanspruchte die Langzeitstudie insgesamt. Das paradoxe Ergebnis: »Dass gerade in einer Phase, in der die Durchblutung des Gehirns vollkommen zum Erliegen kommt, ein erweitertes Bewusstsein sowie logische Denkprozesse möglich sind, führt uns zu der für unser heutiges Verständnis besonders heiklen Frage zwischen Bewusstsein und Gehirnfunktionen. Das Gehirn müsste eigentlich die Funktion des Bewusstseins stoppen. Die Menschen haben einen Herzstillstand, keinen Körperreflex, keine Hirnstammaktivitäten mehr, haben keinen Atem mehr, und in diesem Moment haben die Patienten ein erweitertes, sehr helles Bewusstsein, erweiterter als je zuvor.

›Die heutige Wissenschaft hat das Bewusstsein bisher ausschließlich im Gehirn verankert.‹ (…) Wir müssen zugeben, dass es nicht möglich ist, das Bewusstsein auf neuronale Prozesse zu reduzieren, denn es ist eine unbewiesene Annahme, dass das Bewusstsein und die Erinnerung dem Gehirn alleine entstammen.«39

Würden diese Forschungsergebnisse in weiteren Kreisen der Medizin wahrgenommen werden, müsste das zu einem Paradigmenwechsel in der westlichen Wissenschaft führen. Das hätte dann praktische Auswirkungen, zum Beispiel bei der Pflege komatöser oder sterbender Patienten und auch vordringlich bei der Organentnahme zu Transplantationszwecken. Denn es ist zu befürchten, dass die Patienten das inhumane Geschehen auf einer bestimmten Ebene noch wahrnehmen werden.

EINE KURZE GESCHICHTE DER UN- UND HALB-WAHRHEITEN

»Sie können nicht einfach hergehen und den Leuten die Herzen rausnehmen.«

Dr. Irvine H. Page (1901 – 1991), Präsident der American Heart Association, kritisierte 1968 Christiaan Barnard nach seiner ersten Herztransplantation. Zitiert nach: Barnard, Christiaan: Das zweite Leben, München 1993.

Als am 3. Dezember 1967 in Kapstadt das erste Herz verpflanzt wurde, ging die Nachricht als Zeichen der Hoffnung um die ganze Welt. Es war zugleich ein Angriff auf die Integrität und Würde der nicht einwilligungsfähigen Patienten. Sie wurden wider Willen sogenannte »Organspender«. Bis 1967 hatte es kein Chirurg gewagt, ein Herz zu transplantieren, obwohl die Operationstechnik vielfach an Tieren erprobt worden war. Die US-amerikanischen Ärzte Norman Edward Shumway (1923 – 2006) und Richard Rowland Lower (1929 – 2008) hatten die entscheidende Forschung für Organtransplantationen geleistet und ihre Erkenntnisse in medizinischen Fachzeitschriften publiziert. Dennoch konnten sich die US-Behörden zunächst zu keiner Genehmigung durchringen. In Südafrika, im damaligen Land der Apartheid, aber waren die rechtlichen und ethischen Barrieren niedriger als in westlichen Industrienationen, und so brach der Bure Christiaan Barnard (1922 – 2001) das Tabu und griff zum Skalpell, nachdem er die Technik von den amerikanischen Chirurgen studiert hatte. Er wurde berühmt – zunächst als Herzchirurg, dann als Herzensbrecher. Ein Journalist der New York Times warf in einem Interview Barnard vor: »Dr. Dwight E. Harken aus Boston behauptet, Sie hätten Shumway die Technik gestohlen?«40 Und im Washington Evening Star hieß es unter der Headline »Südamerikaner schafft es als erster: Gemüsehändler lebt mit verpflanztem Herzen« weiter: »In den Kommentaren führender amerikanischer Herzspezialisten, die gehofft hatten, auf dem Gebiet der Herztransplantation die ersten zu sein, gibt es gewisse Anzeichen von Berufsneid.«2

War die verletzte 25-jährige Denise Darvall wirklich bereits tot?

Das Herz als Verkörperung der Lebensmitte oder Sitz der Seele war plötzlich zum auswechselbaren Ersatzteil geworden. Welche Identitätskrisen für den Empfänger durch die Implantation eines fremden Herzens entstehen würden und auch gesundheitliche Probleme, war ungeklärt. Dennoch genügte die Tatsache als solche, ein Herz verpflanzen zu können, um die Weltöffentlichkeit zu interessieren. Doch annähernd alle Kriterien, die als Voraussetzung für ein Überleben nach der Operation des 54-jährigen Empfängers Louis Washkansky (1913 – 1967) hätten berücksichtigt werden müssen, ignorierte der Chirurg Barnard: Die Gewebeverträglichkeit war unzureichend, das Herz der 25-jährigen Spenderin Denise Ann Darvall (1942 – 1967) war zu klein, die Immunsuppression war noch unterentwickelt und man war noch nicht in der Lage, ein Herz über einen längeren Zeitraum zu konservieren.

Der Düsseldorfer Kardiologe und spätere Nobelpreisträger Prof. Dr. Werner O. T. Forßmann (1904 – 1979) sprach damals von einem »operativen Eingriff ohne Belang, weil unsere Kenntnisse von der Immunologie überpflanzter Gewebe noch nicht ausgereift sind. Wer aber unter solchen Voraussetzungen operiert, missachtet das oberste Gebot der Chirurgie ›nil nocere‹ (nicht schaden).«41 In der FAZ vom 03. 01. 1968 bezeichnet Forßmann Barnards Vorgehen als leichtsinnig und »unseriös« und warf ihm Manipulation bei der Todesfeststellung vor.

War die durch einen Verkehrsunfall verletzte Denise Darvall wirklich bereits tot, als sie ins Hospital eingeliefert und so ungewollt und ungefragt zur »Organspenderin« wurde? Nach den damals geltenden standesrechtlichen Kriterien musste diese Frage verneint werden. Denn anders konnte der kurzfristige Erfolg der Transplantation nicht erklärt werden, galt doch der Herz-Kreislauftod damals noch als das einzige eindeutige Todeskriterium. Denise Darvall erlitt zwar irreversible Hirnverletzungen, wurde aber intensivmedizinisch versorgt, bis die Herzentnahme ihr Leben beendete.

Barnard: »Ich hätte nicht operieren dürfen.«

Fragen der Zustimmung waren ebenso schnell geregelt wie die juristischen. Denise Darvall war bei einem Bummel mit ihrer Mutter von einem Auto angefahren worden. Die Mutter starb noch an der Unfallstelle und Denise erlitt eine irreparable Kopfverletzung. Vater Edward Darvall konnte schnell überzeugt werden und erteilte seine Zustimmung für die Organentnahme. Nachdem das sogenannte irreversible Hirnversagen festgestellt war, stellte Barnard, wie er selber schreibt, das Beatmungsgerät ab und öffnete den Brustkorb, als bei ihrem Herzen das Kammerflimmern eingesetzt hatte.42 Bei dem 55-jährigen Organempfänger Louis Washkansky beendete eine Lungenentzündung das »Transplantationswunder« nach 18 Tagen. Als der Patient verstarb, kam Barnard, wie er in seinen Erinnerungen schreibt, zu der verspäteten Erkenntnis: »Ich hätte nicht operieren dürfen.« Die Behandlung zur Vermeidung der Abstoßung des fremden Herzens hatte die Widerstandskraft des Patienten derart geschwächt, dass tödliche Organismen über eine Kanüle ungehindert in den Körper eindringen konnten. Zudem hatte Louis Washkansky Diabetes, war geschwächt. Erst 1982 kommt Cyclosporin A zur Verhinderung der Abstoßung eines Organs auf den Markt und wird von der Schweizer Firma Sandoz (heute Novartis) als immunsuppressives Medikament unter der Bezeichnung Sandimmun verkauft.

Der nächste Herzempfänger, der Zahnarzt Philip Blaiberg (1909 – 1969), dem Barnard am 2. Januar 1968 ebenfalls ein Ersatzherz implantierte, überlebte 593 Tage. Bei aller Begeisterung ließ Kritik nicht lange auf sich warten. Das dritte Herz entnahm Barnard einem Patienten, ohne zuvor die Einwilligung der Angehörigen einzuholen.

Sowjetische Ärzte erklärten der Weltöffentlichkeit, der Spender des Herzens für Blaiberg könnte noch leben, wenn Barnard ihn nicht zu früh für tot erklärt hätte.

Vision von Leichenfledderern

Zeitungen machten nach der ersten Operation den Vorschlag, man möge Barnard vor dem Internationalen Gerichtshof des Mordes anklagen, weil er einem Menschen ein lebendes Herz entnommen hatte. Das Konzept des »Gehirntodes« wurde weder nicht verstanden, noch war es akzeptiert und stand im Kreuzfeuer der Kritik. Der Präsident der American Heart Association, Dr. Irvine Page, kritisierte Barnard: »Sie können nicht einfach hergehen und den Leuten die Herzen rausnehmen«, und ein anderer Arzt in Washington: »Ich habe die schreckliche Vision von Leichenfledderern, die mit gezückten Messern um ein Unfallopfer herumschleichen und darauf warten, seine Organe herausschneiden zu können, sobald es für tot erklärt ist.«.43

Der Düsseldorfer Kardiologe und Nobelpreisträger Prof. Dr. Werner Forßmann schrieb: »Die Chancen sind also am allergrößten, wenn das Organ einem gesunden und in voller Lebenskraft stehenden Menschen entnommen wird. Deshalb liegt es im Interesse des Empfängers und des Operateurs, den sterbenden Spender so früh wie möglich für tot zu erklären, um über ihn verfügen zu können.«44 Zu ganz anderen Urteilen kam die FAZ. Die Zukunft dieser neuen Technik sei sehr ermutigend.45 Oder Die Welt: Herztransplantationen seien ein »notwendiges Experiment«, denn die Medizin »verdankt ihren Fortschritt Männern, die sich durch Rückschläge nicht entmutigen ließen. Mit dem Fortschritt ist aber der Mut zum Wagnis und zum Risiko untrennbar verbunden«.46

Bis Barnard, an Arthritis leidend, die Hände kaum noch bewegen konnte, war er an insgesamt 46 Herzübertragungen beteiligt. 1977 griff er erneut zum Skalpell, um einer 25-jährigen Italienerin mit einem zusätzlichen Pavianherzen das Leben zu verlängern. Das Experiment musste scheitern, da sämtliche Xenotransplantationen zuvor auch schon tödlich endeten.

Me too: Rekorde und das vorläufige Ende in den USA

Spätestens aber mit dem Triumph der gelungenen zweiten Transplantation von Philip Blaiberg mit einem Herzen des 35-jährigen farbigen Clive Haupt (1944 – 1968) waren alle Bedenken und Skrupel zerstreut. Die rassistische Regierung Südafrikas machte gute Miene zum bösen Spiel, obwohl bei der zweiten Operation das Herz eines farbigen Afrikaners in die Brust eines Weißen verpflanzt worden war. Barnards Ruhm löste bei amerikanischen Ärzten Neid aus, wie Barnard konsterniert feststellte, und auch einen »Me-too-Effekt«. Bereits drei Tage nach der ersten Herztransplantation – das Ad Hoc Commitee der Harvard Medical School hatte noch nicht seinen »Segen« erteilt – implantierte der New Yorker Adrian Kantrowitz einem zweieinhalbwöchigen weiblichen Baby ein Herz – mit tödlichem Ausgang wenige Stunden später. Das hinderte Kantrowitz vom Maimonides-Krankenhaus in New York nicht daran, sich als erster amerikanischer Transplanteur, gemeinsam mit Barnard, in der USweit ausgestrahlten TV-Show, »Face of the Nation« der CBS feiern zu lassen.

Den überstürzten Eingriff an einem wehrlosen Opfer bezeichnete der Düsseldorfer Kardiologe Forßmann als Mord. In Wirklichkeit aber war es ein Doppelmord, denn das wehrlose Opfer, dem das Herz entnommen wurde, war ein anenzephales neugeborenes Kind. Das sind Kinder, die nur mit Hirnstamm, aber ohne Großhirn geboren werden und spontan atmen können. Sie galten für manche amerikanische Ärzte als tot. Die schlichte und zugleich pragmatische Argumentation, vergleichbar mit der des Harvard Ad-hoc-Berichts, lautete: Angehörige von anenzephalen Kindern werden durch den herbeigeführten Tod entlastet, indem u. a. eine Organspende diesem noch einen Sinn gibt. Da diesen Kindern die »Personalität« von Geburt an fehle, galten sie in den USA als lebende Organbanken. Vorauseilend lieferten hier Ärzte Agumentationen, die später auch den »Hirntod« als Tod des Menschen legitimieren sollten. Dem ersten »Mord« folgten noch viele weitere. Ob vor der Organentnahme von anenzephalen Neugeborenen jeweils der Tod des Stammhirns abgewartet wurde, konnte bei Recherchen einer Arbeitsgruppe nicht immer festgestellt werden. Bei nur 29 von 80 explantierten anenzephalen Kindern war der Hirntod protokolliert worden.47

Einen Monat später zelebrierte Norman E. Shumway aus Palo Alto, der sich schon lange auf Herzimplantationen vorbereitet hatte, seinen ersten Auftritt. Bis Oktober 1968 transplantierte er fünf weitere Herzen. Der Texaner Cooley überbot Shumway mit siebzehn verpflanzten Herzen in acht Monaten. Sein Ziel hatte er damit aber noch nicht erreicht: Am Montagmorgen nach der ersten Operation in Kapstadt hatte er Barnard ein Telegramm geschickt: »Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer ersten Transplantation, Chris. Ich werde bald über meine ersten hundert referieren.«

Insgesamt 66 Herztransplantationen meldeten die Agenturen 1968 aus aller Welt. Vier Fünftel der Patienten starben vor Ablauf eines Jahres. Dann kehrte wieder Ruhe ein. Demotiviert von Misserfolgen, vertagten Herzchirurgen ihre Aktivitäten bis zur Einführung von Cyclosporin A48 der Firma Novartis (damals Sandoz), 1982, das die Abstoßung eines Organs verhindern soll. Als schließlich auch Blaiberg, Barnards zweiter Patient, der bis dahin die längste Überlebenszeit vorzuweisen hatte, im August 1969 einer chronischen Abstoßungsreaktion erlag, wendete sich die Stimmung. Die Transplantationsteams vereinbarten ein weltweites Moratorium, das erst nach 10 Jahren wieder aufgehoben wurde.

Christiaan Barnard 1985: Aktive Sterbehilfe bei eigener Mutter

Während sich Barnard als Vortragsreisender und Preisempfänger einerseits immer noch für die Förderung der Transplantationsmedizin einsetzte, machte er sich andererseits für die Gesundheits-Ökonomie stark. Anlässlich der Preisverleihung an Barnard beim 5. Europäischen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS), 1985, sprach er sich für die passive und aktive Sterbehilfe aus. Im Kongressbericht wird er mit den Worten zitiert:

»Ich schäme mich nicht, einzugestehen, dass ich passive Sterbehilfe praktiziert habe. Ich weiß nicht wie oft, ich habe das nicht gezählt; ich schäme mich jedoch nicht, es zu sagen, und bitte niemanden dafür um Vergebung, dass ich zugebe, passive Sterbehilfe praktiziert zu haben. Ich habe sie sogar bei meiner eigenen Mutter angewandt.« Und weiter: »Was ist eigentlich der Unterschied zwischen passiver und aktiver Sterbehilfe? Es ist schwierig, einen echten Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen herauszuarbeiten (…). Ich sehe sehr wenig Unterschied zwischen dem bewussten Akt der Unterlassung, der ausschließlich den Tod bezweckt, oder dem bewussten Akt einer begangenen Handlung, die dem gleichen Ziel dient. (…)

In einigen Ländern kann es für die Familie zu einer enormen finanziellen Belastung werden, wenn man einen Patienten mit allen Mitteln am Leben erhält – eine Belastung, die völlig sinnlos ist. Ich glaube also, dass Sie mir zustimmen werden, dass es für die aktive Sterbehilfe durchaus einen Bedarf gibt. Wir brauchen sie. (…) Ich glaube nicht, dass es richtig ist, wenn die Familie allein die Entscheidung trifft. Ich finde, dass die Familie damit unnötig belastet wird, und ich halte es auch für falsch, mit ihr den Augenblick der aktiven Sterbehilfe zu bestimmen. Das ist etwas, was allein von den Ärzten entschieden werden sollte, und die Injektion sollte gegeben werden, ohne dass die Familie oder der Patient weiß, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, wo der Arzt eine Spritze gibt, die es dem Patienten erlauben wird, zu sterben.«

1985: Hochkonjunktur für Zyankali in Deutschland

1985 war die Zeit, als in Deutschland Zyankali Hochkonjunktur hatte und Millionengewinne versprach. Im selben Jahr wurde die Frage offiziell gestellt, ob der § 216 des Strafgesetzes (»Tötung auf Verlangen«) novelliert werden sollte. Ausgelöst durch Gerichtsurteile hatte der Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages zu diesem Zweck Experten geladen.49 Es lag sogar ein Änderungsentwurf für § 216 StGB vor, der ein Jahr später publiziert wurde. Geladen waren u. a. auch die damaligen Protagonisten der aktiven Sterbehilfe, Hans Henning Atrott, Präsident der DGHS, der später verurteilt wurde, Prof. Dr. Julius Hackethal (1921 – 1997) (ging später auf Distanz zur aktiven Sterbehilfe) und Prof. Dr. Herbert Jäger (1928 – 2014) von der Humanistischen Union. Letzterer verstieg sich ganz im Sinne von Barnard zu dem Vorschlag: »Ernstlich zu überlegen ist, ob in Fällen, in denen eine tödliche Erkrankung einen endgültigen, durch Heilbehandlung nicht mehr zu beeinflussenden Verlauf genommen hat, der Arzt nicht sogar zu Maßnahmen indirekter, auch lebensverkürzender Sterbehilfe verpflichtet sein soll, wenn der Patient sie nicht ausdrücklich abgelehnt hat.«50 Analog zu Jägers heimtückischem Vorschlag ist die gesetzliche Widerspruchslösung bei der Organtransplantation zu sehen. Man könnte sie auch als eine Art Falle betrachten.

Christiaan Barnard: Fetozid bei Neugeborenen mit Missbildungen

In seiner Rede zur Preisverleihung der DGHS befürwortete Barnard mehrfach die Verletzungen des deutschen Strafrechtes, das Töten von Menschen unter Strafe stellt. Während der australische Bioethiker Peter Singer, wann immer er eine Deutschlandtournee plante, mit heftiger Kritik zu rechnen hatte, sprach sich Barnard ebenso wie Singer öffentlich für einen Fetozid bei Neugeborenen mit »angeborenen Missbildungen« aus, die »mit der Lebensqualität unvereinbar sind«. »Ich würde ein solches Kind sterben lassen, weil es nicht die Aufgabe des .Arztes ist, Leben zu verlängern, sondern die Lebensqualität zu verbessern. Und wenn mir das nicht möglich ist, würde ich dieses Leben, dieses Dasein, enden lassen.« Demselben Kongressbericht sind Theorien zu »Das Recht auf einen selbstbestimmten Tod« des Düsseldorfer Philosophieprofessors Dieter Birnbacher zu entnehmen.

DIE GEBURT DES »HIRNTODES«

»Der Tod als die Gränze der natürlichen Rechtsfähigkeit ist ein so einfaches Naturereignis, daß der selbe nicht, wie die Geburt, eine genauere Feststellung seiner Elemente nöthik macht.«

Friedrich Carl von Savigny (1779 – 1861), in: System des heutigen Römischen Rechts, Bd. 2, 1840, S. 17.

»Der von der Bundesärztekammer geforderte Nachweis von Koma, fehlende Atmung und Ausfall der sogenannten Hirnstammreflexe beweist – auch bei peinlicher Verfolgung aller Ausschlusskriterien – nicht den Ausfall sämtlicher Hirnfunktionen.«

Dr. med. Martin Klein, Arzt für Neurologie, Stellungnahme zur Anhörung des Gesundheitsausschusses des Deutschen Bundestages am 25. 9. 1996. Ausschussdrucksache 579/13.

Wann immer in einer rechtlichen Grauzone normative Fakten geschaffen werden, sind Ethikkommissionen als Dienstleistende mit Argumentationshilfen nicht weit, wie z. B. bei der Rechtfertigung der Gleichung Hirntod = Tod. Dennoch verbieten de facto und auch per definitionem sowohl der hippokratische Eid als auch die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland, die das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit nach Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG garantiert, das Töten von sterbenden Patienten. Das bestätigt auch das Strafgesetz. Jede andere Sichtweise würde auf eine sanktionierte Tötungshandlung hinauslaufen. Diese Feststellung hinderte den Gesetzgeber aber nicht daran, diese Hürden mit terminologischen Tricks zu überspringen: Nach seiner Ansicht sind noch lebende Organspender bereits »Verstorbene«, wie die folgende Argumentation zeigt.

Während des Gesetzgebungsverfahrens 1996 hatte das Bundesministerium des Innern in einem Schreiben51 die Bundesministerien für Gesundheit und für Justiz darauf aufmerksam gemacht, dass die Entnahme von Organen nur bei zweifelsfrei nicht mehr Lebenden gesetzlich zugelassen werden dürfe. Wer aber eine rechtlich logische Konsequenz erwartete, die sich aus dieser Aussage hätte ergeben können, sah sich getäuscht. Dr. Dieter Schnappauf, der Verfasser des Schreibens, empfahl nach allem vorher Gesagten im Hinblick auf die strittige Todesdefinition, man solle die Überschriften des entsprechenden Abschnitts im Gesetzentwurf eindeutiger formulieren als »Spende und Entnahme von Organen bei Verstorbenen«. Wenn die Definition des Todes offengelassen würde und der Lebensschutz des erstrebten Vorteils willen relativiert werde, sei die Wirkung, die davon ausgehe nicht nur »verfassungspolitisch fatal, sondern im Hinblick auf die vorgenannten Anforderungen aus dem Rechtsstaatsprinzip verfassungsrechtlich nicht haltbar«.

Die Empfehlung zeigte Wirkung, nicht nur als Formulierungshilfe für Wortbeiträge in den darauffolgenden Anhörungen, der 1., 2. und 3. Lesung des Transplantationsgesetzes, sondern vor allem bei der Abfassung des Änderungsantrages vom 24. 6. 199752, der frühestens einen Tag vor der Abstimmung im Deutschen Bundestag von den Abgeordneten zur Kenntnis genommen werden konnte. Die Tatsache, dass sich der überwiegende Teil der herbeigeeilten Abgeordneten erst kurz vor der Abstimmung im Foyer des Plenarsaals bei den dort ausgelegten Drucksachen bediente, lässt die Vermutung zu, dass ein Teil von ihnen nicht im Detail darüber informiert war, über welche Antragsinhalte er abzustimmen hatte. Die Details des Änderungsantrages aber machten deutlich, dass die Antragsteller den Empfehlungen von Dr. Schnappauf gefolgt waren.

»Es ist nicht Sache des Staates, zu entscheiden, wann das Leben des Menschen endet«

Zu der Frage, ob der Gesetzgeber generell befugt ist, hier Entscheidungen zu treffen, äußerten sich verschiedene Staatsrechtler kritisch, wie zum Beispiel Professor Hans-Ullrich Gallwas aus München in der Anhörung des Gesundheitsausschusses im Deutschen Bundestag am 28. Juni 1995: »Es ist nicht Sache des Staates, zu entscheiden, wann das Leben des Menschen endet, ob der Hirntote schon ein Toter oder noch ein Sterbender ist.« Und später heißt es: »Dem Staat ist wegen der Verfassung verwehrt, menschliches Leben zu bewerten und je nach dem Ausgang der Bewertung das Grundrecht des einen dem Grundrecht des anderen zu opfern.53 Der Staat verpflichtet sich vielmehr zum Schutz der Persönlichkeit umso intensiver, je geringer der zeitliche Abstand zum Todeszeitpunkt ist. Denn der Patient vermag sich nicht mehr zu wehren.« In Deutschland wurde während des Gesetzgebungsverfahrens 1995/96 ausführlich debattiert und auch berichtet. In Harvard, USA, war es 1968 ad hoc in Fragen der Todesdefinition zu einer schnellen Lösung gekommen.

Unbeschadet dieser Einwände verabschiedete am 25. Juni 1997 der Deutsche Bundestag mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit ein Transplantationsgesetz54, das die Entnahme und Verpflanzung von Organen regelt, umfassende Bestimmungen zur Organvermittlung enthält und ein Verbot des Organhandels. Mit der Verabschiedung des Gesetzes und der Unterzeichnung durch den Bundespräsidenten Roman Herzog am 5. November 1997 wurde nun eine medizinische Praxis legitimiert, die weder das deutsche Straf- noch das Verfassungsrecht rechtfertigt. Die normative Kraft des Faktischen hatte gesiegt.

Wenn man nun in Deutschland das Kleingedruckte auf der Rückseite eines Organspendeausweises liest, fällt zumindest kritischen Leserinnen und Lesern auf, dass etwas nicht stimmen kann. Dort ist nicht mehr von einem sogenannten »Hirntod« die Rede, sondern vom wirklichen Tod des Menschen. Das ist ebenso falsch wie irreführend. Denn ein sogenannter irreversibel hirngeschädigter Mensch ist ein wehrloser sterbender Patient und nicht bereits ein Verstorbener.

USA: Der Report des Ad Hoc Commitee

In den USA wurden ethische Barrieren viel früher übersprungen und auch rechtliche Tabus gebrochen. Die normative Kraft des Faktischen – viele Herzen waren bereits transplantiert – forderte eine standesrechtliche Regelung, damit Ärzte straffrei bleiben, wenn sie durch Explantationen komatöse Patienten töten. Den Ausweg aus dem rechtlichen Dilemma fanden acht Monate nach der ersten Herzverpflanzung Dienstleistende aus Philosophie, Theologie und Medizin der Harvard Medical School, USA. Der Report des Ad Hoc Commitee war weltweit meinungsbildend. Der Begriff »ad hoc«, d. h. eigens zu diesem Zweck, bedeutet im englischen Umgangssprachgebrauch auch so viel wie »auf die Schnelle, oberflächlich, ohne zu vertiefen«. In dem Report von 1968 wird empfohlen, sterbende Patienten mit schlagendem Herzen explizit im Interesse der Transplantationsmedizin, für tot zu erklären. Pragmatisch heißt es gleich im ersten Satz:

»Unsere primäre Absicht ist, das irreversible Koma als neues Todeskriterium zu definieren. Es gibt zwei Gründe für die Notwendigkeit einer Definition:

1. Fortschritte der wiederbelebenden und unterstützenden Maßnahmen haben zu verstärkten Bemühungen geführt, diejenigen zu retten, die hoffnungslos verletzt sind. Manchmal haben diese Bemühungen nur einen teilweisen Erfolg, so dass das Ergebnis ein Individuum ist, dessen Herz fortgesetzt schlägt, während das Gehirn irreversibel geschädigt ist. Die Bürde ist groß für die Patienten, die einen permanenten Verlust ihres Intellekts erleiden, ebenso für ihre Familien, für die Krankenhäuser und für diejenigen, die Krankenhausbetten benötigen, die schon von diesen komatösen Patienten belegt sind.

2. Obsolete Kriterien zur Definition des Todes können zu Kontroversen bei der Beschaffung von Organen für Transplantationen führen.«

Seit dieser Zeit dient das »Hirntod«-Konzept als Scheinlegitimation für das Töten sterbender Menschen durch den Akt der Organentnahme. Weder das Ad Hoc Committee of the Harvard Medical School in den USA noch die Bundesärztekammer in Deutschland konnten ihre Hypothese, der »Hirntod« sei der Tod des Menschen, bis heute wissenschaftlich begründen. Dennoch übernahm auch die Rechtslehre die interessengesteuerte Argumentation der Transplantationsmedizin. Im Jahre 1968 verabschiedeten die USA auch ein einheitliches Gesetz zur Organspende (Uniform Anatomical Gift Act). Die Harvard-Kriterien verlangten zunächst allerdings »totere Tote« im Verhältnis zu den heute gültigen Todeskriterien. Vier Merkmale zur Feststellung des Hirntodes wurden festgelegt: (1) keine Rezeptivität und Reaktivität, (2) keine spontanen Bewegungen und Atmung, (3) keine Reflexe und (4) flaches Elektroenzephalogramm (EG).55 Hirntote sollten also zu keiner einzigen Bewegung mehr fähig sein dürfen. Insofern ist es irreführend, wenn sich die Bundesärztekammer auf den Harvard-Report beruft. Das Ausbleiben aller Reflexe war 1968 zunächstein zentrales Todeskriterium, da das Rückenmark nach dieser Definition morphologisch zum Gehirn gezählt wurde. Weil die strenge Regelung das erwartete Aufkommen potenzieller »Organspender« negativ beeinflusste, verabschiedete man sich von den Kriterien noch im selben Jahr.

Heute gelten insgesamt bis zu 17 mögliche Bewegungen beim Mann und 14 bei der Frau als mit dem Status einer Leiche vereinbar.6 Schweden, Dänemark, Polen, Deutschland und Italien waren die letzten europäischen Länder, deren Bevölkerung, aber auch ein großer Teil der Mediziner, Juristen und Theologen, sich dem Hirntod-Diktat widersetzten.

Wer hat das Urheberrecht an dem Hirntod-Konzept?

In »Der entseelte Patient« (Berlin 2004) schreibt die Kulturwissenschaftlerin Prof. Dr. Anna Bergmann:

»An dem Durchbruch dieser Todesdefinition war maßgeblich der deutsche Neurochirurg Wilhelm Tönnis (1898 – 1978) beteiligt. Seit 1937 leitete er in Berlin die Abteilung für Tumorforschung und experimentelle Pathologie des Kaiser-Wilhelm-Instituts. In seiner Funktion als beratender Neurochirurg beim Chef des Sanitätswesens der Luftwaffe war seine Forschung in die medizinischen Verbrechen im Nationalsozialismus eingebettet. In den sechziger Jahren arbeitete Tönnis in der Bundesrepublik Deutschland als Direktor der Abteilung für Tumorforschung und experimentelle Pathologie des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung an der Wiederbelebbarkeit von hirnverletzten Patienten. Die 1963 von ihm und seinem Mitarbeiter Reinhold A. Frohwein aufgestellten Kriterien für einen Behandlungsabbruch bzw. den »cerebralen Tod« eines an der Lungenmaschine noch beatmeten Komapatienten wurden, wie Gesa Lindemann herausgearbeitet hat, für die Durchsetzung des heute gültigen Hirntodkonzepts bedeutsamer als alle neurophysiologischen Beweisführungen amerikanischer Hirnforscher zusammen. (…) Diese Forschungen ebneten den Weg für den Eintritt in eine neue experimentelle Phase der Transplantationsmedizin, deren Gelingen durch die Verwendung von Organen aus einem lebenden Körper erfolgversprechender erschien als bisherige Verpflanzungsversuche mit Herztodleichen.«56

Die Literatur der Transplantationsmedizin gesteht anderen Medizinern das Erstgeburtsrecht zu. Die französischen Wissenschaftler Pierre Mollaret (1898 – 1987) und Michael Goulon prägten vier Jahre zuvor, 1959, den Begriff »coma depassé (endgültiges Koma). Sie bezeichneten damit den irreversiblen Ausfall der Hirntätigkeit. Erst mit der Einführung der künstlichen Langzeitbeatmung konnte der Zustand coma depassé beobachtet werden. Die Autoren setzten coma depassé allerdings nicht mit dem Tod des Menschen gleich, geschweige denn, dass sie einen Zusammenhang mit der Transplantationsmedizin sahen. Vor der Erfindung der Herz-Lungen-Maschine im Jahr 1952 galt der irreversible Kreislaufstillstand als Kriterium des Todes.

WANN IST DER MENSCH WIRKLICH TOT?

»Es ist nicht Sache des Staates, zu entscheiden, wann das Leben des Menschen endet, ob der Hirntote schon ein Toter oder noch ein Sterbender ist. (…) Dem Staat ist wegen der Verfassung verwehrt, menschliches Leben zu bewerten und je nach dem Ausgang der Bewertung das Grundrecht des einen dem Grundrecht des anderen zu opfern. Der Staat verpflichtet sich vielmehr zum Schutz der Persönlichkeit umso intensiver, je geringer der zeitliche Abstand zum Todeszeitpunkt ist. Denn der Patient vermag sich nicht mehr zu wehren.«

Professor Dr. jur. Hans-Ullrich Gallwas (Staatsrechtler in München). Stellungnahme zur Anhörung des Gesundheitsausschusses im Deutschen Bundestag am 28. Juni 1995, Protokoll Nr. 17, S. 8/9.

»Wir müssen mindestens auf Zeit damit leben, dass wir uns im Einzelfall durch einen Widerspruch gegen diese moderne Form des Kannibalismus wehren können.«

Prof. Dr. jur. Hans-Ullrich Gallwas, Schreiben vom 22. 10. 1997 an Richard Fuchs. Zitiert mit freundlicher Genehmigung des Absenders.

Während auf der einen Seite aktive Sterbehilfe im Gewand eines humanitären Aktes als Kostendämpfungsmaßnahme gehandelt wird, gelten Sterbende andererseits als begehrte Ressource für verwertbare Körperteile – Organe, Gewebe, Knochen, Haut, Zellen. Um Ärzten eine strafrechtliche Verfolgung zu ersparen, wenn sie einem noch lebenden Patienten Körperteile entnehmen, gilt nun in vielen Ländern gesetzlich geregelt der Hirntod als Tod des Menschen, wobei die Diagnose – so paradox es klingen mag – an einem noch lebenden Patienten vorgenommen wird. Bevor der Hirntod als Position auf dem Totenschein zu finden war, konnten Ärzte sichere Todeszeichen zuverlässig bestimmen. Schon vor einer Weile wurde der Tod des Menschen so beschrieben, wie im Brockhaus von 1924: »Tod, der vollständige Stillstand der Herztätigkeit, der Atmung, des Kreislaufs und aller damit zusammenhängenden Lebensprozesse eines Organismus, erfolgt durch Altersschwäche (Marasmus), durch Krankheit oder gewaltsame äußere Einflüsse.« Um keine Zweifel aufkommen zu lassen, wurden Verstorbene drei Tage aufgebahrt bis auch durch äußere sichere Todeszeichen wie Totenstarre, Totenflecke, Fäulnis, erkennbar war, dass ein Mensch wirklich verstorben ist. Der junge Arzt Christoph Wilhelm Hufeland (1762 – 1836) in Weimar forderte den Bau von Leichenhäusern, in denen die Verwesung scheinbar Toter abgewartet werden müsse. Auf sein Drängen hin wurde 1792 in Weimar das erste Leichenhaus in Deutschland gebaut.

Es heißt zwar, »nichts ist so sicher wie der Tod«, dennoch haben bange Zweifel im kollektiven Unterbewusstsein überlebt, bevor man auf diese totsichere Art den Tod feststellte. Sie sind auch durch Märchen und Legenden dokumentiert, wie der Mordfall Schneewittchen. Von der Stiefmutter ermordet, war sie dreimal klinisch tot und am Ende doch wieder zum Leben erweckt worden. Unterschwellige Ängste erhielten frische Nahrung, als der französische Arzt Jacpuès-Jean Bruhier d’Ablaincourt 1742 eine 500 Seiten starke Dissertation über »Die Unsicherheit der Kennzeichen des Todes« veröffentlichte. Er listete darin zahlreiche ungewöhnlicher Vorfälle auf. Als das Buch 1754 auf Deutsch erschien, löste es in akademischen Kreisen heftige Diskussionen über den Scheintod aus.

Im 19. Jahrhundert gab es in Frankreich – wie die Autorin: Zaria Gorvett schreibt57 – 30 Theorien, wie man feststellen konnte, dass jemand gestorben war – einschließlich der Methode, dass man ihre Brustwarzen quetschte oder Blutegel an ihrem Fuß ansetzte. Anderenorts waren die zuverlässigsten Methoden, den Namen des Patienten laut zu rufen. Wenn der Patient auf diese Rufe dreimal nicht reagierte, galt er als tot. Eine weitere Methode: Man hielt einen Spiegel unter die Nase, um feststellen zu können, ob der Spiegel beschlug.

Wirklich überzeugt war die etablierte Medizin von keiner dieser Methoden. Im Jahr 1846 initiierte die »Akademie der Wissenschaften« in Paris einen Wettbewerb, in dem es darum ging, wer »die beste Methode fand, wie man Anzeichen des nahenden Todes erkennen und vorzeitige Beerdigungen vermeiden könne. Ein junger Arzt versuchte sein Glück. Eugène Bouchut (1818 – 1891) fand heraus, dass ein Mensch dann mit Sicherheit tot ist, wenn sein Herz aufgehört hat zu schlagen. Er machte den Vorschlag, das neu erfundene Stethoskop einzusetzen, um den Herzschlag abzuhören – wenn der Arzt innerhalb von zwei Minuten nichts hörte, dann konnten die Menschen ohne Bedenken beerdigt werden. Der Titel seines 1848 gehaltenen preisgekrönten Vortrags: »Zeichen des Todes und auf welchen Weise man verhindern kann lebendig begraben zu werden.«

Er gewann diesen Wettbewerb, und seine Definition des »klinischen Todes« hielt dauerhaft, wurde schließlich unsterblich in Filmen und Büchern und gehörte zum Allgemeinwissen. »Man brauchte nicht viel zu machen, darum konnte im Grunde jeder einen Menschen ansehen, seinen Puls fühlen und dann entscheiden, ob er tot oder lebendig war«, sagt Robert Veatch vom »Kennedy Institute of Ethics«. Heute aber machen Mediziner geltend, dass man an Herz-Kreislauf verstorben Menschen nicht selten reanimieren kann.

Eine zufällige Entdeckung in den 1920er Jahren machte die Todesfeststellung wieder komplizierter. Ein Elektro-Ingenieur aus Brooklyn, New York, hatte nachgeforscht, warum Menschen sterben, wenn sie einen Stromschlag erlitten haben – und stellte sich die Frage, ob ein geeigneter Stromschlag sie auch wieder ins Leben bringen könnte. William Kouvenhoven verbrachte die nächsten 50 Jahre seines Lebens mit der Suche nach einer Möglichkeit, wie man das schaffen könnte, eine Arbeit, die schließlich zur Erfindung des Defibrillators führte. Dies war die erste von einer großen Zahl von revolutionären neuen Techniken, wozu auch künstliche Beatmung und künstliche Ernährung gehörten, Katheter und Dialyse-Geräte. Zum ersten Mal konnte man trotz nachlassender oder eingeschränkter Körperfunktionen das Leben verlängern. Unser Todesverständnis wurde unsicherer, auch durch die Erfindung des EEG – das eingesetzt werden kann, um Hirnaktivität festzustellen.

Seit den 50er Jahren entdeckten Mediziner weltweit, dass einige ihrer Patienten, die sie vorher nur für komatös gehalten hatten, in Wahrheit überhaupt keine Hirnaktivität mehr aufwiesen. In Frankreich wurde dieser mysteriöse Zustand als »Coma dépasse« bezeichnet, was wörtlich einen Zustand jenseits des Komas bedeutet. Man hatte die »Leiche mit schlagendem Herzen« (beating-heart cadaver) entdeckt, Menschen, deren Körper lebten, obwohl ihre Gehirne tot waren.

Nun gab es eine völlig neue Gruppe von Patienten, eine, die 5.000 Jahre der Medizinpraxis einfach wegwischte, die aber auch neue Fragen aufwarf darüber, wie man nun den Tod feststellen kann, und die einige komplexe philosophische, ethische und juristische Probleme mit sich brachte. »Es geht hin und her, wie man diese Menschen bezeichnen sollte, aber ich denke, »Patient« ist der zutreffende Begriff«, sagt Eelco Wijdicks, Neurologe aus Rochester, Minnesota. Diese Leichen mit schlagendem Herzen sollten nicht mit anderen Arten von bewusstlosen Patienten verwechselt werden, wie z. B. mit solchen im Koma. Obwohl diese nicht aufstehen können und auf die Nennung ihres Namens nicht reagieren, weisen sie immer noch Hirnaktivität auf, und sie haben Schlaf- und (nicht-reaktive) Wachphasen. Ein Patient im Koma kann sich möglicherweise vollständig erholen.

Ein anhaltender vegetativer Zustand ist eindeutig schwerwiegender – bei diesen Patienten ist das Großhirn auf Dauer und unumkehrbar beschädigt – aber obwohl sie niemals wieder zu Bewusstsein kommen werden, sind sie nicht tot. Um als »Leiche« mit schlagendem Herzen zu gelten, muss allerdings das gesamte Gehirn abgestorben sein. Das schließt das »Stammhirn« ein, die primitive, schlauchförmige Masse am untersten Teil des Gehirns, die die lebenswichtigen körperlichen Funktionen kontrolliert, wie z. B. die Atmung. Aber etwas verwirrend ist, dass unsere anderen Organe nicht so betroffen sind vom Tod ihres »Headquarters«, wie man vermuten könnte. Alan Shewmon, Neurologe vom UCLA und ausgesprochener Kritiker der Hirntod-Definition, hat 175 Fälle dokumentiert, in denen die Körper der Patienten über mehr als eine Woche überlebt haben, nachdem der Mensch gestorben war. In einigen Fällen schlugen ihre Herzen weiter und funktionierten noch 14 Jahre – bei einer »Leiche« dauerte dieses Nachleben noch zwei Jahrzehnte.

Wie ist das möglich? Tatsächlich gibt es biologisch gesehen keinen bestimmten Moment des Todes; jeder Tod ist in Wahrheit die Folge von einer Reihe von kleinen Toden, wobei die unterschiedlichen Gewebe zu unterschiedlichen Zeitpunkten ausfallen. Ist die Todesdefinition im Grunde eine religiöse oder philosophische Frage und nicht eine medizinisch/juristisch. Jahrhundertelang haben Soldaten, Schlachter und Henker beobachtet, wie bestimmte Teile des Körpers weiterzucken nach der Enthauptung oder Zerstückelung. Schon lange vor dem Einsatz von lebenserhaltenden Maßnahmen berichteten Ärzte im 19. Jahrhundert von Patienten, deren Herzen noch stundenlang weiterschlugen, nachdem ihre Atmung ausgesetzt hatte. Bei dem Leben-Tod-Kontinuum ist bekannt, dass die Haut und die Stammhirn-Zellen noch mehrere Tage überleben, nachdem der Mensch gestorben ist. Man hat lebende Muskelzellen in Leichen gefunden, die schon seit zweieinhalb Wochen tot waren. Sogar unsere Gene leben noch lange weiter nach unserem letzten Atemzug. Anfang dieses Jahres (2016) haben Wissenschaftler tausende Gene entdeckt, die noch Tage nach dem Tod aktiviert werden können, einschließlich derjenigen Gene, die an Entzündungen beteiligt sind, welche gegen Stress-Symptome wirken. Hirntote mit schlagendem Herzen können nur wegen dieses stückweisen Ausfalls existieren. Was uns zu dem ewigen medizinischen Problem zurückführt: Wenn das Herz noch schlägt, wie können Ärzte dann sagen, man sei tot?

Heute sind die Grenzen zwischen Leben und Tod fließend geworden.

Tot ist nicht mehr nur die Leiche mit sinnlich erfahrbaren sicheren Todeszeichen, sondern bereits der Mensch, der zuvor definitorisch – mitunter z. B. zum Nutzen Dritter – für tot erklärt worden ist. Heute offerieren Ärzte, je nach Interessenlage, verschiedene Todesdefinitionen. Ein noch lebender Patient gilt beispielsweise während seines Sterbeprozesses, wenn er die Kriterien des »Hirntodes« erfüllt, schon als Leiche, obwohl er auf der Intensivstation gepflegt wird, noch warm und durchblutet ist.

Ärztliches Handeln steht in einem engen rechtlichen Zusammenhang mit neueren Definitionen des Todes. Denn die Möglichkeiten der Intensivmedizin, gestörte Vitalfunktionen, insbesondere Atmung und Kreislauf, über einen längeren Zeitraum künstlich unterstützen zu können, hat zu der Auffassung geführt, den Todesbegriff neu definieren zu müssen und zu können. Nicht mehr der Stillstand von Herzschlag und Atmung soll nun mit dem Individualtod gleichgesetzt werden, sondern der »Partialtod« (des Gehirns), das Absterben von einzelnen Organen, das mittelbar oder unmittelbar den Verlust des Bewusstseins und den Untergang aller übrigen Organe und Zellverbände zur Folge hat. Für diese Phase wird darüber hinaus auch der Begriff »Individualtod« oder »Organtod« gebraucht.58 Eine Phase funktionellen Stillstands von Herztätigkeit und Atmung, während derer eine Wiederbelebung grundsätzlich noch möglich erscheint, wird als »klinischer Tod« bezeichnet.

In beiden Fällen ist der Sterbeprozess noch nicht abgeschlossen. Der wirkliche Tod tritt erst ein, wenn nach einer nicht genau definierten Zeit von etwa acht oder auch mehr Minuten nach Eintritt des Herz-/ Kreislauf-Todes der sauerstoffmangelbedingte Hirntod festgestellt ist, oder wenn nach Abstellen der Beatmung bei einem »Hirntoten« nach etwa 30-minütigem Kreislaufstillstand der Partialtod des Herzens eingetreten ist. Darum bezeichnet man den Untergang sämtlicher Organe und Zellverbände, der durch den definitiven Ausfall aller Stoffwechselvorgänge gekennzeichnet wird, als »Totaltod«.59

Während der klinische Tod heute weder aus rechtlicher noch aus medizinischer Sicht als Ende des menschlichen Lebens, als »Tod an sich« gewertet wird, gilt der Partialtod des Gehirns bereits, wie es im Totenschein NRW heißt, als »sicheres Todeszeichen«. Bevor sich der »Hirntod« dort etabliert hat, waren in dieser Rubrik nur Indizien wie Totenstarre, Totenflecke und Fäulnis zu finden. Mit der rechtlichen Sanktionierung des Zugriffs auf »hirntote« Patienten für die Transplantationsmedizin wurde eine Schwelle überschritten, die auf lange Sicht weitere Grundrechtsverletzungen befürchten lässt.

Die Beantwortung der Frage, »Wann ist der Mensch tot«?60 füllt inzwischen zahlreiche Bücher. Denn mit der Entwicklung der Intensivmedizin auf der einen Seite und dem Zugriff auf das »Ersatzteillager Mensch«61 auf der anderen Seite sind Unsicherheiten entstanden, auch im Zusammenhang mit anderen Fragen, wie: Dürfen Ärzte alles, was medizintechnisch machbar ist? Wo liegen die Grenzen ärztlicher Behandlungspflicht? Wie entscheiden Ärzte in einem Pflichtenkonflikt, wenn sie am Anfang oder Ende des Lebens zu Nutzen oder Lasten eines Menschen oder eines ungeborenen Lebens entscheiden sollen?

In Zeiten explodierender Biotechnologie, -medizin und Reprogenetik stellt sich immer wieder die Frage nach dem Erlaubtsein des Machbaren. Die biologisch-medizinische Grenze der Intensivmedizin ist da erreicht, wo ein schwerkranker Patient zum Sterbenden wird. Das war traditionell der Zeitpunkt für den Rückzug der Ärzte. Diese Grenze ist heute nicht immer zu erkennen, und sie wird, wenn es um die Vernutzung des Sterbenden geht, auch nicht mehr respektiert. Nicht immer zu erkennen ist auch, ob, wann und unter welchen Umständen es Sinn macht, Menschen nach plötzlichem Herzkreislaufstillstand zu reanimieren. Das Resultat verfehlter oder halbherziger Reanimationen sind oftmals »hirntote« Menschen oder Patienten im apallischen Syndrom, sog. Wachkomapatienten.

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Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
311 s. 2 illüstrasyon
ISBN:
9783961455010
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