Kitabı oku: «Gott hat viele Fahrräder»

Yazı tipi:

Richard Fuchs

„Gott hat viele Fahrräder“

Kindheit in einer evangelikalen Familie

im Dritten Reich und danach

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2014

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Titelseite, Foto der Familie Fuchs (1942) privat: oben unter den Eltern, v. l. n. r: Gustel, Gretel, Magdalene, unten, v. l. n. r: Richard, Mathilde, Gerda.

Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Fotos und Illustrationen © Richard Fuchs

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

In Liebe gewidmet meinen Eltern,

Gretchen Fuchs, geborene Schwarz, und Friedrich Ferdinand Fuchs,

meiner Frau Ursel Fuchs, geborene Mehmel,

mit besonderem Dank als Erstleserin,

unseren Kindern Kai Malte und Melanie Caroline,

den Enkelkindern Laura Swea, Tim und Tom,

Lars Benedikt und Anna Lisa,

besonders meiner Tante Lina Saßmannshausen, geborene Schwarz,

und nicht zuletzt meinen Geschwistern,

Magdalene, Gustel, Ferdinand, Gretel, Mathilde und Gerda,

denen ich für viele wertvolle Informationen zu Dank verpflichtet bin.

Mein Dank gilt außerdem meinem Vetter Walter Schwarz,

dem unermüdlichen Chronisten der Familie Schwarz,

für Informationen und einen Beitrag über die Sonntagsschule in Weidenau.

Dankend erwähnen möchte ich auch die gute Zusammenarbeit mit der

Lektorin Daniela Lorenz und dem Verleger Tino Hemmann

vom Engelsdorfer Verlag.

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Prolog

Gott hat viele Fahrräder

Eine Geburt unter Gottes Beistand

Mir waren die Hände gebunden

Homöopathie – wer heilt, hat recht

Der genormte Mensch

Nürnberger Gesetze

Antisemitismus im protestantischen Siegerland

Bis 1933 – 200 Juden im Siegerland

Brüder und das schwierige Verhältnis zu Juden

Rassenhygiene und Priester-Gen

Biblisch begründete Erklärungsversuche

Hierarchisches Gefälle – gefällige Bibelexegese

Vielfalt statt Einfalt

Wir und die anderen

Die unsichtbare Wand

Ein Zoo ohne Trennwand

Pietisten und Brüdergemeinden

Brüder im Herrn

Zwischen Thron und Altar

Du sollst nicht töten!

Ururgroßvater – der Kriegsdienstverweigerer

Brautschau in der Christlichen Versammlung

Tumulte und Razzien auf den Straßen

NSDAP: auf der Grundlage des Christentums

Siegen, An der Alche 21

Untergang mit Pauken und Trompeten

Krieg und Frieden

Wir haben einen Führer und keiner ist ihm gleich

Strafe wegen Verweigerung der NS-Frauenschaft-Mitgliedschaft

Bevölkerungszuwachs – Kindersegen für den Staat

Im Jungvolk wider Willen

Schulstart mit Hindernissen

Wie sollen wir den Nachbarn grüßen?

Beten im Luftschutzkeller

Permanente Angst

Vorletzte Etappe: Omas Häuschen durchgeblasen

Letzte Etappe: Der Tannenwald in Buchen

Der Körper vergisst nicht

Rute und Strafe gibt Weisheit

Muss man die Bibel wörtlich nehmen?

Mutterliebe – Mutterhiebe

Praxistest einer guten Erziehung

NS-Standardwerk der Kindererziehung

Ungewöhnliche Erziehungsmethoden

Wie die Alten so die Jungen

Eitelkeit ist Sünde

Die Sonntagsschule am Hermelsbacher Weg

Evangelisch-freikirchlich im Dritten Reich

Brüder unter dem Hakenkreuz

Verbotene Sekten

Schwarzer Sonntag

8. Mai 1945, der Krieg ist aus

Eine traurige Bilanz

Siegen zu 82 Prozent zerstört

Abenteuerspielplatz Trümmergrundstücke

Vaters Geschäft in Schutt und Asche

Existenzvernichtung und Nachkriegskarriere

Berufung zum Reisebruder

Arbeiten für einen Gotteslohn

Letzte Erinnerungen an Siegen

„Breitscheider Kreuz“

Der Mann – das Haupt der Familie

Ein Geheimdokument lüftet Geheimnisse

Glockenklang zum Gruß der Spätheimkehrer

Langzeitgedächtnis der Westerwälder

Pflichtfach Kartoffelkäfersammeln

Ackerbau und Viehzucht

Entscheidend ist, was hinten rauskommt

Geistig wie leiblich ernährt

Beten für Vater in der Ferne

Ecclesiogene Erkrankungen

Gott sieht alles

Psychosomatische Erkrankungen

Billy Graham: Erweckungsimport made in USA

Beten im Oval Office

Aus kleinen Verhältnissen

16 Quadratmeter für neun Personen

Die Kirche im Dorf

Alleinstellungsanspruch der bibeltreuen Christen

Der Tisch des Herrn

Vor Gott und dem Gesetz sind alle gleich, in Christlichen Versammlungen nicht

Glaubensgewissheit, Unbeirrbarkeit, Linientreue

Die Lehre der Väter

Anders als bei Schmetterlingen

Hände aus den Hosentaschen!

Onan, Namensgeber der Onanie

Die Vorhaut: Quelle ernsthaften Unheils

Biblischer Sexualunterricht

Sex – Synonym für Sünde

Da hat der Teufel sein Zelt aufgeschlagen

Kleine Fluchten

Wer wird Millionär?

Lichte Momente

Sie haben Ihr Ziel erreicht

Ist der Lehrherr ein gläubiger Christ?

Die Falle: Ausbeutung pur

Das Ende einer wunderbaren Freundschaft

Bier in den Genen

Letzter Rat eines Bruders im Herrn

Du hast keine Chance, nutze sie!

Mein Vater, der Reisebruder

1949: Ich bin dann mal weg

Der lange Arm der Erziehung

Brüder auf Reisen

Die Letzten werden die Letzten sein

Kapitaleinsatz des Freiberuflers: Die Bibel

Der innere und äußere Fahrplan

Brüder auf Akquisitionsreisen

Rekrutierung hauptberuflicher Boten und Lehrbrüder

Aus Glauben leben

Für den Führer beten

Düsseldorf, die große weite Welt am Rhein

Gastfreundschaft in Christlichen Versammlungen

Vaters mahnende Worte an den Sohn

Mutters wärmende Worte an den Sohn

Wenn das der Vater wüsste

Kann denn Liebe Sünde sein?

Kröten-Test in der Flamingo-Apotheke

Happy End

Träume können wahr werden

Mein lieber Mann – von Ursel Fuchs

Annäherungsversuche an die Christliche Versammlung – Erinnerungen von Ursel Fuchs

Epilog

Selbstbestimmt und fern der Heimat

Ein Blick hinter die Kulissen

Buchveröffentlichungen

Vorwort

Warum schon wieder eine Biografie, könnte mancher fragen, und dann auch noch von einer Person, die man weder aus Politik, Kultur oder Showbusiness kennt, allenfalls als Autor völlig anderer Bücher als dieses? Waren Biografien früher Menschen vorbehalten, die bekannt und/oder berühmt waren, wagen sich heute dennoch immer mehr unbeschriebene Frauen und Männer an eine zumeist authentische Betrachtung ihres Lebens, prägende Kindheitserlebnisse inklusive. Nachdem ich diverse Sachbücher zu den Themen Ernährung, Medizin, Gentechnik und Eugenik geschrieben habe, entstand auch mein Interesse an autobiografischem Schreiben, allerdings aus einer ganz bestimmten Perspektive. Der erste Impuls dazu entstand in Wirklichkeit viel früher, bereits 1987. Ich war fünfzig Jahre alt geworden, hatte einige Jahre einen Verlag betrieben und dann ertragreich verkauft. Damit beendete ich im zarten Alter von fünfzig Jahren meine Berufstätigkeit und genoss den Luxus, nicht nur Geld, sondern vor allem Zeit zu haben.

Zu meinem Geburtstag bat ich meine sechs Geschwister, Geschichten aus unserer gemeinsamen Kindheit aufzuschreiben, sie mir zu schenken und uns allen bei Kaffee und Kuchen vorzulesen. Sie taten es zu meiner Freude ausgiebig. Danke nochmals allen! Es war ein wunderbares Erlebnis, welches meine Frau Uschi allerdings veranlasste, erstaunt zu fragen: „Seid ihr wirklich alle in derselben Familie aufgewachsen?“ So unterschiedlich waren die Wahrnehmungen der einzelnen Geschwister. Damit hatte ich einen beachtlichen Fundus an, bis dahin zum Teil auch unbekannten, Informationen aus meiner frühesten Kindheit, speziell von meinen älteren Geschwistern. In einer kleinen Auflage entstand so ein illustriertes Familienbuch für meine Geschwister, unsere beiden Kinder, vorauseilend auch für die zukünftigen inzwischen fünf Enkelkinder.

Nun frage ich mich nach nunmehr 27 Jahren immer noch: Warum kann es sinnvoll sein, ein paar Zeilen über mein Leben zu schreiben, das über die eigene Familie hinaus vielleicht sogar auch eine breitere Öffentlichkeit interessieren könnte? Wer je den preisgekrönten Film Das weiße Band von Michael Hanecke gesehen hat, wird ahnen, dass ein Leben nicht nur in einem evangelischen Pfarrhaus, sondern erst recht in einer evangelikalen Familie anders sein kann als in einer weltoffenen liberalen Familie. In einer solchen Familie mit strengen Regeln, Mutterliebe und Mutterhieben wuchs ich auf. Mein Vater, ein Prediger, zählte wie auch andere Geistliche zum Bodenpersonal Gottes und glaubte, dessen Weisungen für viele Lebensbereiche zu kennen. Die wurden uns verzehrfertig, mehr oder weniger gut verdaulich serviert. Vater hatte biblisch begründet eindeutige Erziehungs- und Lebenskonzepte und war damit unser Maßstab – unhinterfragt und unwidersprochen. Informationen zu dem, was wir durften oder unterließen, speisten sich fortan aus der von Gott inspirierten Normenquelle der Bibel. Zweifel an Vaters Deutungs- und Meinungshoheit hatten wir nicht. Wer sollte schon dem Wort Gottes und dem seines Interpreten widersprechen?


Unsere Eltern Gretchen Fuchs, geb. Schwarz, und Friedrich Ferdinand Fuchs, 1928

Wenn ich es heute als Erwachsener dennoch wage, kritisch, wahrheitsgetreu, aber subjektiv meine Erlebnisse aus der Sicht des Kindes zu thematisieren, ist es unumgänglich, auch ein Stück der Geschichte meiner Eltern und deren Erziehungsmethoden zu beschreiben und, wie sie selbst erzogen wurden. Bei der Retrospektive geht es mir weder um eine Anklage gegenüber meinen Eltern noch um eine Verherrlichung, sondern um Erinnerung an meine Gefühle von damals und um meine heutige Sicht der Vergangenheit.

Das Buch soll aber mehr sein als ein Stück Religionsgeschichte, sondern auch Kultur-, Regional- und Zeitgeschichte. Deshalb ist ein Blick auf die Erlebnisse der Kriegs- und Nachkriegsjahre meiner Kindheit ebenso von Bedeutung. Abgesehen von den selbst erlebten und erlittenen Kriegsereignissen, interessiert mich heute ein spezielles Thema jener Zeit: Eugenik und Rassenhygiene wie auch deren Entstehungsgeschichte. Ich schrieb ein Buch darüber1 und stellte fest, dass jede Art von Ethnozentrismus, Lebenswert/-unwert-Kriterium und Diskussion, aber auch ein Alleinstellungsanspruch der großen monotheistischen Religionen, Konfessionen wie auch deren Untergruppierungen zu Ausgrenzung anderer führen können, wenn nicht sogar zu unausgesprochener oder offener Feindschaft. Ab- und Ausgrenzungen waren auch meinen evangelikalen Herkunftsgemeinden und meiner Familie nicht fremd. Wir waren anders als die meisten und pflegten unsere Exklusivität.

Bei allen, zum Teil auch den Zeitumständen geschuldeten, Belastungen und einer strengen Erziehung habe ich andererseits meinen Eltern wie auch meinen Geschwistern zu danken – im Übrigen auch den vielen Tanten und Onkeln des großen Clans der Familie Schwarz im Siegerland – für ihre Fürsorge, ihre Verlässlichkeit und das Zusammengehörigkeitsgefühl. Ohne diese Erziehung wäre ich vielleicht nicht das geworden, was ich trotz ungünstiger Startbedingungen zu meinem eigenen Erstaunen doch noch geworden bin. Das mag dem Umstand zuzuschreiben sein, dass es sinnvoll ist, mit zunächst strengen Regeln aufzuwachsen, um sich dann teilweise davon zu verabschieden – ohne jedoch das Kind mit dem Bade auszuschütten. Mangels Doppelblindversuch bleibt das allerdings nur graue Theorie, denn eine tolerante Erziehung, die Fehler verzeiht, habe ich nicht genießen können.

Die eigene Erziehung kann nicht losgelöst von dem beschrieben werden, was unsere Eltern erlebt haben, in welchem Zeitgeist sie selbst erzogen worden sind und was sie an uns weitergegeben haben. Während wir Kinder nur einen Weltkrieg und eine Nachkriegszeit ertragen mussten, erlebten und erlitten unsere Eltern den Ersten Weltkrieg, die Turbulenzen der Zeit zwischen den beiden Kriegen, Inflation, Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, Randale und Straßenkämpfe zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten, das Dritte Reich, den Krieg und die Bombenangriffe, Existenzvernichtung und schließlich die karge Nachkriegszeit. Sie mussten ihre Existenz, ihren Alltag bewältigen und sieben Kinder großziehen in Zeiten und unter Bedingungen, von denen sich Nachgeborene keine Vorstellung mehr machen können: enge Wohnungen, keine Zentral-, nur Ofenheizung, kein Bad, WC im Treppenhaus oder später im Dorf sogar auf dem Hof, bei Eiseskälte, keine Waschmaschine, geschweige denn Spül- oder Küchenmaschinen, kein fließend heißes Wasser, keine Krankenkasse und auch sonst knappe Kasse. Luxusgüter wie Radio, TV oder Telefon, Handy, Computer, bequeme Sessel oder Sofas gab es ohnehin nicht. Doch – in den fünfziger Jahren hatten wir ein Radio, das aber nur auf Kurzwelle zu bestimmten Zeiten eingeschaltet wurde, um auf den Sendern Monte Carlo oder Luxemburg Evangeliums-Rundfunk zu hören. Was auf anderen Sendern zu hören gewesen wäre, weltliche Nachrichten oder gar Musik, war tabu.

Das vorliegende Buch, „Gott hat viele Fahrräder“ – ein Originalzitat meines Vaters –, bietet ein breites Spektrum an Kindheitsgeschichten, spezieller Religionsgeschichte, Regionalgeschichte, Zeitgeschichte plus Randbemerkungen und Kulturgeschichte, ungewohnte Einblicke in eine Welt, die den meisten Menschen verborgen ist. Schließlich beschreibt das Buch den langen, aber gelungenen Weg einer Emanzipation zu einem selbstbestimmten, glücklichen und auch erfolgreichen Leben, der anderen Mut machen könnte, erste Schritte zur Individuation zu unternehmen.


Die älteste Schwester Magdalene, die fleißigste Chronistin

Auch alle meine Geschwister sind erfolgreich durchs Leben gegangen – keine Selbstverständlichkeit nach dem schwierigen Start. Das wohltuende Zusammengehörigkeitsgefühl unter uns Geschwistern und der Austausch über die gemeinsame Vergangenheit sind bis heute geblieben. Dafür bin ich dankbar.

Wenn ich heute, mehr als sechzig Jahre später, aus der winterlichen Kälte in unsere rundherum zentralbeheizte Wohnung mit alten, dicken Mauern trete, tun und lassen kann, was ich will, überkommt mich auch dafür immer noch ein dankbar wohliges Gefühl. Das ist der Vorteil einer kargen Kindheit, dass ich heute alles, was mir geschenkt wurde und wir erarbeitet haben, dauerhaft, täglich und sehr bewusst genieße.

Richard Fuchs, Düsseldorf 2014


Familie Fuchs 1938, die Jüngste fehlt noch. Mutter mit kleinem Richard auf dem Arm. Kinder v. l. n. r.: Ferdinand, Magdalene, Mathilde, Gustel, Gretel.

Prolog

Am Sonntag um 10:15 Uhr am 18. April 1937

erblickte unser kleiner Richard

unter Gottes Beistand das Licht der Welt.

Mutter und Kind geht es gut.

Gretchen Fuchs (geb. Schwarz), Friedrich Ferdinand Fuchs.

Vaters handgeschriebene Geburtsanzeige, Siegen, An der Alche 21

1937, als ich in Siegen/Westfalen geboren wurde, war die Welt nicht in Ordnung, sondern bestimmt von Ausgrenzungen, sei es religiöser, ideologischer oder politischer Art, durch Bewertung von Menschen nach Wert und Unwert, nach Rasse, körperlicher Disposition und gesellschaftlicher Herkunft. 1934 – also drei Jahre vor meiner Geburt – begann man bereits mit Zwangssterilisation von Erbkranken im Stadtkrankenhaus Siegen. 1935 kam es gegen vierzehn Zeugen Jehovas vor dem Sondergericht Dortmund in Siegen zu einem Prozess. Jüdische Händler wurden vom Krombacher Viehmarkt ausgeschlossen. Eine Wanderausstellung in Berleburg und Laasphe zu Rassenbiologie und Erbhygiene stellte 1936 jüdische und zigeunerische Familien erbarmungslos bloß. Wittgensteiner Zigeuner und Zigeunermischlinge wurden 1937 durch eine Arbeitsgruppe der Rassenhygienischen und Bevölkerungspolitischen Forschungsstelle im Reichsgesundheitsamt rassenbiologisch erfasst.

1937 beschloss man die illegale Sterilisation aller farbigen deutschen Kinder, der sogenannten Rheinlandbastarde, und setzte sie in einer Nacht- und Nebelaktion um, obwohl diese Kinder laut Erbgesundheitsgesetz nicht hätten sterilisiert werden dürfen. Nach einem Besuch in Deutschland sagte der schwedische Pfarrer M. Liljeblad bereits 1919: „Diese Bastarde werden in Zukunft ein Fluch für ganz Europa sein.“2 In Mainz habe er ein solches Kind gesehen, mit schwarzen und weißen Streifen auf dem Rücken. Bei den farbigen Kindern handelte es sich um Nachkommen aus der Verbindung von deutschen Frauen und farbigen Besatzern der französischen Armee nach dem Ersten Weltkrieg.

Am 28. April 1937 überraschte ein Zeitungsartikel die Christen meiner Herkunftsgemeinde unter der Überschrift Verbotene Sekten mit der Mitteilung, dass durch Anordnung des Reichsführers SS und Chefs der Polizei die Gemeinden mit sofortiger Wirkung im gesamten Reichsgebiet aufgelöst und verboten seien. 1938 kam es zu Verhaftungen und KZ-Einweisungen einer nicht genannten Zahl von Siegerländern und Wittgensteinern im Zuge der Aktion gegen Volksschädlinge und Arbeitsscheue in Buchenwald und Dachau. Im selben Jahr brannte die Siegener Synagoge – vor den Augen aller. Männliche Mitglieder der regionalen jüdischen Gemeinde im Alter von vierzehn bis siebzig wurden in das KZ Sachsenhausen deportiert.3 1938 standen die Zeichen bereits auf Krieg. Im selben Jahr rückte unser Vater zu einer ersten Wehrübung aus, der mit Kriegsbeginn 1939 eine weitere folgte. Nun war er einfacher Soldat, was ihn schon im Ersten Weltkrieg nicht begeistert hatte.

Rassenhygiene und Ahnenforschung hatten im Dritten Reich Hochkonjunktur. Jeder deutsche Staatsbürger verpflichtete sich, einen Arier-Nachweis zu führen. Arier, eine nicht einfach zu identifizierende Rasse, sollten erhalten bleiben und vermehrt werden; Arier waren privilegiert, andere nicht. Die Ironie der Geschichte: Speziell die Führungselite des Dritten Reiches, Hitler, Goebbels und Göring etc., entsprach nicht prototypisch dem Bild des reinrassigen Ariers. Der Rassenhygieniker/Eugeniker Prof. Dr. Max von Gruber (1853–1927) urteilte 1923 in einem Gutachten über Adolf Hitler: „Gesicht und Kopf schlechte Rasse.“ Dennoch verfügte Hitler: Juden oder Zigeuner und auch Rassenmischungen mit Juden seien nicht nur unerwünscht, sondern sollten verfolgt werden. Juden liefen – wie die furchtbare Geschichte des Dritten Reiches zeigt – Gefahr, ermordet zu werden. Die Pseudowissenschaft Eugenik/Rassenhygiene – lange vor 1933 von der akademischen Elite im angelsächsischen Raum vorgedacht, in den USA, Europa, auch in Deutschland verbreitet – ging von der längst widerlegten These aus, der Mensch sei mit seinen Eigenschaften und Fähigkeiten im Wesentlichen das Produkt seiner ererbten Gene.

Anders als damals besteht mein heutiges Interesse an der in Verruf geratenen Ahnenforschung lediglich darin, zu wissen, was unsere Vorfahren den nachfolgenden Generationen weltanschaulich und religiös an Erziehungsmodellen vermittelt haben. In diesem Zusammenhang kann autobiografisches Schreiben Fragen beantworten wie: Warum bin ich so geworden, wie ich bin? Was habe ich von meinen Eltern gelernt, was von einer strengen christlichen Erziehung übernommen, was kritisch hinterfragt und korrigiert, zum Beispiel im Verhalten den eigenen Kindern gegenüber? In welchen Zeiten und mit welchem Zeitgeist bin ich erzogen worden, in welcher Gesellschaft und mit welcher religiösen (früh-)kindlichen Indoktrination?

Kinder hatten damals bedingungslos zu gehorchen und wurden mit dem Ziel erzogen, schließlich so zu werden wie die Eltern – eine Art Selbstverdoppelung. Das setzt zunächst ein ungetrübtes Selbstbewusstsein der Erwachsenen voraus, überspitzt gesagt: Hybris. Denn woher sollen Eltern wissen, welche Persönlichkeit in ihrem Kind schlummert, die geweckt werden könnte oder aber durch falsche Erziehung unterdrückt wird? Warum gibt es nicht eine Alternative zu dem Gebot: Ehre deinen Vater und deine Mutter, in der es heißen könnte: Ehret die Kinder! Jesus, unser Vorbild, zum Beispiel wurde von seinen Eltern sehr geehrt und geachtet.

Abgesehen von biblisch empfohlenen Erziehungsanweisungen unterschied sich christliche Erziehung wenig von der gesellschaftlich allgemein verbreiten Erziehung des 19. und 20. Jahrhunderts. Erziehungsbücher, wie die des deutschen Arztes Daniel Gottlob Moritz Schreber (1808–1861), leisteten in Sachen Schwarzer Pädagogik ganze Arbeit. Seine Bücher mit den grausamen Erziehungsvorschlägen erreichten mit über vierzig Auflagen eine große Verbreitung. Die zum Erreichen des Gehorsams empfohlenen Schläge, wie sie auch die Bibel empfiehlt, konditionierten die Kinder so nachhaltig, dass sie im Erwachsenenalter dieselbe Art der Erziehung an ihren Nachwuchs weitergaben. Bis schließlich Generationen später die so dressierten Kinder als Erwachsene zu willigen Helfern Hitlers wurden. Obwohl Jean-Jacques Rousseau schon vor 300 Jahren mit seinem Erziehungsratgeber Emile das Kind als eigenes Wesen entdeckte, hatte sich diese Erkenntnis noch nicht in allen Gesellschaftsschichten herumgesprochen. Rousseau selbst wurde allerdings seinem eigenen Anspruch nicht gerecht. Er setzte seine eigenen fünf Kinder mit dem Argument im Findelhaus aus, sie würden sonst seine Karriere belasten.

Meine Familie und auch deren Vorfahren gehörten zu einer exklusiven christlichen Glaubensrichtung, die heute unter dem Namen Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde firmiert, früher auch unter Brüderbewegung (Elberfelder Brüder), Darbysten oder Christliche Versammlung, einer Bewegung, die im 19. Jahrhundert in England unter dem Reformer John Nelson Darby (1800–1882) seinen Ausgang nahm. Darby war Aristokrat, Jurist und vormals Priester der anglikanischen Kirche, bevor er dem Pomp der Hochkirche abschwor, sich dem vertieften Bibelstudium widmete und schließlich der geistige Führer und Kopf der Brüderbewegung wurde. Anfangs und im kleinen Kreis traf man sich privat, doch mit zunehmender Mitgliederzahl entstanden Versammlungsräume, oftmals in Hinterhöfen. Im Dritten Reich waren die Gemeinden vorübergehend verboten und ihre Vermögen beschlagnahmt, weil sie mangels straffer Organisation nicht dem Führerprinzip entsprachen und nur schlecht zu kontrollieren waren. In einer Verordnung des Reichsführers der SS hieß es, die Darbysten seien im gesamten Reichsgebiet aufgelöst und verboten, da sie jegliche positive Einstellung zu Volk und Staat verneinten. Als die christlichen Gemeinden unter bestimmten Bedingungen im Bund freikirchlicher Christen (BfC) wieder zugelassen wurden, erklärte ein Teil der Mitglieder sich mit den von oben verordneten Bedingungen nicht einverstanden. Sie sonderten sich ab, gingen in den Untergrund und riskierten sogar Gefängnisstrafen, wenn sie sich trotzdem „unter dem Wort Gottes“ versammelten. 1941/42 kam es zu einem Zusammenschluss zwischen dem BfC und den Baptisten unter der Bezeichnung Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden.

Der Schock des überraschenden Verbots 1937 hielt die christlichen Brüder allerdings nicht davon ab, in aller Naivität für den „Führer, den wir ja alle so lieben“4, zu beten. Dass für den Führer und seine willigen Helfer gebetet wurde, war nicht außergewöhnlich, denn das forderte sogar die Bibel und die musste man in diesen Kreisen wörtlich nehmen. Sie mahnt, für alle zu beten, „die in Hoheit sind“5. Peinlich war nur, dass damals für einen Kriegsverbrecher gebetet wurde, wie später auch in den USA unter anderem für George W. Bush. Wer aber ein offizielles Schuldbekenntnis der Brüder nach 1945 – wie etwa das der evangelischen Kirche – erwartet hatte, sah sich getäuscht. Kein NSDAP-Mitglied wurde später von den Gemeinden ausgeschlossen.6

Kennzeichnend für diese Art der evangelikalen Theologie und Frömmigkeit sind die Zugangsrituale, wie Wiedergeburt durch Bekehrung, persönliche Glaubenserfahrung, Suche nach Heils- und Glaubensgewissheit und schließlich die Erwachsenentaufe. Wer wie ich in einer Familie mit strengem Verhaltenskodex, täglichen Gebeten und Bibellesungen aufgewachsen ist und einer Erwartungshaltung von Seiten der Eltern, sich bereits im Kindesalter zu bekehren, weiß nicht unbedingt, was das bedeutet. Um sicherzugehen, habe ich mich als Kind gleich zweimal bekehrt und wurde von meinem Vater als Halbwüchsiger in einer Badewanne getauft – nicht etwa mit ein paar Spritzern auf den Kopf, wie es bei Babys am kirchlichen Taufbecken geschieht, sondern mit Haut und Haaren ganz unter Wasser, wie es die Bibel lehrt. Die Taufe, in biblischen Zeiten von Johannes dem Täufer am Jordan eingeführt, war ein Novum. Johannes wies damit einen neuen Weg, sich von Sünden reinzuwaschen. Als Jesus von Johannes getauft wurde, hatte er ein ekstatisches Erlebnis. Es wird allerdings nirgends berichtet, dass Jesus selbst von dem magischen Ritus Gebrauch machte, indem er jemanden taufte, obwohl sich der See Genezareth als Arbeitsstätte dazu angeboten hätte. Überliefert ist jedoch, dass Jesus in seiner Abschiedsrede, bevor er emporgehoben in einer Wolke den Blicken seiner Anhänger entschwand, versprach: „Johannes taufte zwar mit Wasser, ihr aber werdet mit Heiligem Geiste getauft werden“7, was zu Pfingsten dann auch geschah.

Eine mir eng vertraute Person bekannte im hohen Alter, sie habe sich im Alter von neun Jahren zwar bekehrt, aber erst als Siebzehnjährige Heilsgewissheit erlangt. Das erklärt, wie schwierig es für Kinder ist, sich für die Nachfolge Jesu – wie es heißt – zu entscheiden. Eine Bekehrung beziehungsweise Umkehr setzt ja zunächst die Erkenntnis voraus, dass ich nicht so bin, wie ich eigentlich sein sollte. Warum sollte ich sonst umkehren und einen neuen Weg einschlagen? Da Kinder unschuldig geboren werden, ein Kind also im Bewusstsein lebt, es sei eigentlich in Ordnung, muss das Bedürfnis, sich bekehren zu sollen, einen anderen Weg einzuschlagen, durch Erwachsene zunächst künstlich geweckt werden. Man möge mir den folgenden banalen Vergleich verzeihen: Ich war Jahrzehnte in der Werbung tätig. Da gab es Produkte und Dienstleistungen, für die ein Bedarf erst künstlich geweckt werden musste, und zwar durch einen hohen Aufwand an Werbung, damit die Konsumenten von dem Angebot Gebrauch machten. Auf die christlichen Zugangsrituale übertragen, bedeutet das, Kindern muss zunächst ein Schuldbewusstsein implantiert/suggeriert werden, damit die Bereitschaft entsteht, sich zu bekehren.

Ich fragte mich später: Bedeutet Bekehrung, die Ethik, die Jesus lehrte, zu verinnerlichen und danach zu leben, damit eine bessere Welt entsteht, oder im Erwachsenenalter seinem Vorbild folgend zunächst Vater und Mutter zu verlassen, den Tischlerberuf im väterlichen Betrieb an den Nagel zu hängen, Jünger zu animieren, es ihm gleichzutun, um dann bedürfnislos, von Almosen lebend, predigend auf Wanderschaft zu gehen? Die Geschichte, in der die Jünger ihr gewohntes Leben, wie etwa die familiären Verpflichtungen, fristlos und gänzlich aufgaben, um Jesus zu folgen, spiegelt einerseits die Labilität des Charakters solcher Schüler wider, andererseits die Sogwirkung, die von dem charismatischen Lehrer ausging.

Einer, der es Jesus gleichtun wollte – allerdings unter Verzicht einer Schar von Jüngern, aber mit Unterstützung seiner familiären Fan-Gemeinde – war mein Vater, nachdem 1945 seine Existenz als Inhaber eines Schreibwarengeschäfts in Siegen durch Bomben vernichtet war und eine krankheitsbedingte Kündigung ein Intermezzo in einem ihm fremden Beruf beendete. Ab 1949 fühlte er sich berufen, wie Jesus predigend auf Wanderschaft zu gehen. Er war einerseits Prediger in der örtlichen Gemeinde, jetzt im tiefen Westerwald, andererseits Reisebruder, so die offizielle Berufsbezeichnung dieser Freiberufler. Im ersten Fall zum Nulltarif, als Reiseprediger mit einem mäßigen, ungeregelten Einkommen. Das Einstandskapital war die Bibel, die Finanzierung der neunköpfigen Familie von nun an ungewiss.

Nicht erst jetzt waren wir arm. Obwohl ich mir dafür nichts kaufen konnte, war ich aber mit gewissem Stolz The Son of a Preacher Man, wie es 1968 in dem Song von Dusty Springfield heißt. Das verpflichtete zum Wohlverhalten. Jeder Fehltritt seiner sieben Kinder hätte dem Prediger einen Image-Schaden zufügen können, wie etwa die Heirat mit einem Partner einer anderen Glaubensrichtung. Der lange Arm der strengen Erziehung reichte wirkmächtig auch noch bis in die Ferne, als die Kinder weit weg in anderen Städten wohnten und arbeiteten. Gefordert wurde außerdem, vor jeder richtungweisenden Entscheidung zu beten. Da auf direktem Wege keine Weisung von oben einzuholen war, mussten sogenannte Zeichen Antwort geben – mit anderen Worten, eine Art Wink des Himmels.

Von dem für mein Lebensgefühl zu eng gewordenen Gemeindeleben habe ich mich später, im Alter von 28 Jahren, emanzipiert. Was ich gewonnen habe? Eine neue innere und zeitliche Freiheit und die Möglichkeit einer kritischen Auseinandersetzung mit elterlichen und geistlichen Instanzen wie deren Lehren. Was mir bleibt, ist das Bewusstsein für eine christliche Ethik der Nächstenliebe, die Anders- oder Nichtgläubige nicht ausgrenzt, nicht missioniert, auch nicht ungefragt bedrängt. Das tat Jesus auch nicht. Er half denen, die freiwillig zu ihm kamen und ihn um Hilfe baten. Er lehrte Gewaltfreiheit und Nächstenliebe, kümmerte sich um Menschen am Rande der Gesellschaft. Man könnte auch sagen: Er war ein Mann in schlechter Gesellschaft, mit Zöllnern und Sündern ohne Berührungsängste. Im Gegensatz dazu haben es Christen jeder Konfession oder Glaubensrichtung immer wieder verstanden, sich abzugrenzen, auf Andersgläubige oder Ungläubige herabzusehen. Bei dem Bemühen, den biblischen Missionsauftrag zu erfüllen, spielen Vokabeln wie du sollst oder wenn du nicht, dann droht oftmals eine entscheidende Rolle.

So sehr der Glaube orientierungsstiftend, lebensspendend und befreiend ursprünglich gedacht war und heute auch noch sein kann, so sehr kann Religion auch destruktiv sein. Sie kann missbraucht werden zur Ausübung von Autorität, Macht, Druck (Gruppendruck) und Gewalt. Die Geschichte des Christentums ist außer allem Positiven auch eine Geschichte der Abspaltung, der Verfolgung und Verteufelung.8 Speziell fundamentalistische Christen haben eine „besonders große Neigung, menschliches Verhalten durch Strafe und Gewalt zu kontrollieren und Konflikte autoritär zu lösen. Sie werten Zwang, Gewalt und deren rechtfertigende Autorität positiv.“9 Das Drehbuch dafür liefert die Bibel in gewissem Umfang selbst mit vielen Beispielen von Gewalt. Was im ungünstigsten Fall für die davon Betroffenen bleibt, sind Zweifel, Minderwertigkeits- und Schuldgefühle, Unfreiheit und Abhängigkeit, bis hin zu Neurosen. Wer kann schon ein Selbstbewusstsein entwickeln, der mit der sogenannten Erbsünde geboren sein soll? Nach meinem Verständnis kann man eher von Erbsünde sprechen, wenn ein destruktives Verhalten der elterlichen Gewalt – das heißt Züchtigung – von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Gott hat viele Fahrräder

Und mögen die Alten auch schelten,

So laßt sie nur toben und schrei’n,

Und stemmen sich gegen uns Welten,

Wir werden doch Sieger sein.

Wir werden weiter marschieren,

Wenn alles in Scherben fällt;

Denn heute da hört uns Deutschland

Und morgen die ganze Welt.

Text aus dem Jahr 1932 von Hans Baumann (1914–1988), Sohn eines Berufssoldaten, seit 1933 NSDAP-Mitglied und Jungvolkführer. Ab 1934 zählte das Lied Es zittern die morschen Knochen zum Standardrepertoire der NSDAP, SA und Hitlerjugend.

Um es gleich vorwegzunehmen: Der Titel des Buches Gott hat viele Fahrräder entspringt nicht dem Hirn eines Kreativen nach einer fiebrigen Nacht, sondern ist ein wörtlich und auch ernst zu nehmendes Zitat aus dem Munde meines Vaters, wie am Ende dieses Kapitels zu lesen ist.

Mein Vater Friedrich Ferdinand Fuchs (1898–1977), verheiratet mit seiner Frau Gretchen, geborene Schwarz (1905–1971), Vater von sieben Kindern, Inhaber eines kleinen Schreibwarengeschäftes in der vor dem Krieg so wunderschönen Kleinstadt Siegen/Westfalen, war ein rechtschaffener, gottesfürchtiger Mann, Mitglied der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde, auch Brüdergemeinde genannt. 1928 heiratete er seine um sieben Jahre jüngere Frau. 1933 zog die junge Familie aus dem Ruhrgebiet nach Siegen. Kurz vor Ende des Krieges 1945 rückte unser Vater noch einmal aus – unfreiwillig –, um in sprichwörtlich letzter Minute den Feind, der bereits bis tief ins Ruhrgebiet vorgerückt war, aufzuhalten oder ihn sogar zu besiegen. Vater war 47 Jahre alt. Lust auf das letzte Gefecht verspürte er nicht, wie er auch generell keine Neigung verspürte, als Soldat zu dienen.


Vater im Alter von siebzehn Jahren im Ersten Weltkrieg

Bereits im Ersten Weltkrieg war er als Siebzehnjähriger zur Front in die Vogesen abkommandiert worden. Bis auf ein paar Wehrübungen und Ersatzdienste hatte er sich im Zweiten Weltkrieg dem Wehrdienst – Gott sei Dank – weitestgehend entziehen können. Darüber freuten sich Gretchen, seine Ehefrau, und natürlich auch wir Kinder. Als er eingezogen werden sollte, verwies er auf seinen Kinderreichtum, sieben an der Zahl. Es würde teuer werden für den Staat, wenn er fiele, so die verharmlosende Bezeichnung für den Tod im Gefecht an der Front. Dennoch musste Vater – wie viele andere ältere und junge Männer auch – ganz am Ende des Krieges zum Deutschen Volkssturm ausrücken, obwohl nichts mehr zu retten war.

Zunächst sammelten sich die Siegener Männer und halbwüchsigen Jugendlichen in dem kleinen Dorf Alchen, unweit von Siegen. Dann galt es für Vater und seine Mitstreiter, den Feind im Sauerland aufzuhalten.

Ein Führererlass vom 25.09.1944 sah vor, alle noch in der Heimat verbliebenen Männer im Alter zwischen sechzehn und sechzig Jahren zur Verteidigung des Heimatbodens einzuziehen. Betroffen waren insgesamt sechs Millionen Männer, die bisher aus Altersgründen oder aus beruflichen Gründen verschont geblieben oder noch zu jung waren. Es gab aber Probleme. Neben vielen anderen Mängeln fehlten inzwischen Waffen und Munition, Kleidung und eine Ausbildung. Die Tapferkeit des Einzelnen ließ auch zu wünschen übrig. Es hatte sich längst herumgesprochen, dass der Krieg für die Deutschen an allen Fronten verloren war. Die politische Führung litt an Realitätsverlust und Kadavergehorsam. Gefährlich war das Himmelfahrtskommando dennoch, weil die Männer des Volkssturms Kombattantenstatus10 hatten. Deswegen teilten sie bei Gefangennahme das Schicksal des regulären Soldaten. Es war ein unsinniger und unverantwortlicher Einsatz, der noch viele Menschen das Leben kostete. Zehntausende fielen, 175.000 wurden nach dem Krieg in den Vermissten-Karteien geführt, viele überlebten als Krüppel.11

Bereits am 23. und 24. März 1945 überquerten die alliierten Truppen den Rhein und drangen schnell vom Norden und Süden zum Ruhrgebiet vor. Die Sprengung der Brücke bei Remagen durch die Deutschen hatte nicht funktioniert und so konnten die amerikanischen Streitkräfte den Rhein überqueren, bis die Brücke unter der Last der Panzer doch noch zusammenbrach. Die Rheinfront war damit zerstört. Dennoch ließen die Generäle weiterkämpfen. Aber der totale Zusammenbruch im Westen war nicht mehr aufzuhalten. Was dann folgte, wird als Kesselschlacht bezeichnet und hatte zum Ziel, das gesamte Ruhrgebiet einzukesseln. Das gelang schließlich am 1. April 1945. Am 4. April folgten Angriffe der amerikanischen 9. Armee auf die eingekesselten deutschen Streitkräfte. Im Westen bildete der Rhein die natürliche Grenze und im Süden die Sieg. Eingeschlossen waren über 300.000 deutsche Soldaten und Millionen von Zivilisten in einem durch vorausgegangene Bombenangriffe teils völlig zerstörten Gebiet. Die Strategie der Alliierten war zunächst, den Kessel auf wenige Kilometer zusammenzudrängen und ihn auch noch zu teilen. Das geschah am 15. April 1945 in einer schnellen Operation, vom Süden kommend, durch das Sauerland bis nach Hagen. Dabei gab es etwa 10.000 gefallene deutsche Soldaten, Angehörige des Volkssturms und der Waffen-SS sowie Zivilisten und 1.500 gefallene US-Amerikaner.12 Die Truppen im Ruhrgebiet konnten nur noch aus der Luft versorgt werden. Mit Rückendeckung führender Industrieller, unterstützt von Sozialdemokraten, Kommunisten und anderen regimefeindlichen Gruppen, die nach Jahren der Unterdrückung wieder auftauchten, boten die Bürgermeister verschiedener größerer Städte die Kapitulation an. So fielen Duisburg, Essen, Solingen, Bochum und Mühlheim an den Feind ohne weiteres überflüssiges Leid für die Bevölkerung, die in Kellern, Bunkern und ausgebombten Häusern kauerte und so schon die schlimmsten Entbehrungen zu tragen hatte.13 Im Bergischen Land hatten Mitte April Soldaten ihre Waffen weggeworfen und von der Bevölkerung Zivilkleidung erhalten. Die Alliierten waren unter anderem vom Süden her angerückt.


Vater Fuchs zur Wehrübung 1938 mit Schnauzer. Ein Kommandant hatte gesagt: „Dem alten Mann geben wir den lahmen Gaul.“


Vater Fuchs zur Wehrübung 1939 ohne Schnauzer

Vaters Einsatz endete in Altena, kurz vor Hagen, als sich die Kompanie auflöste. Das war auch das Ende seiner Kriegsdienste. Als am 17. April 1945 die Kämpfe um das Ruhrgebiet endeten und die Lage der Truppen hoffnungslos war, löste der Oberbefehlshaber Feldmarschall Model seine Heerestruppe auf. Eine förmliche Kapitulation unterzeichnete er aber nicht. 317.000 deutsche Soldaten und dreißig Generäle gerieten in Gefangenschaft. Model entfernte sich von der Truppe und erschoss sich wenige Tage später am 21. April 1945 in einem Wald nahe Duisburg.

Vater Fuchs befreite sich von seiner Uniform, lieh sich – offenbar von einem Mitglied der örtlichen christlichen Brüdergemeinde – Zivilkleidung und fand ein herrenloses Fahrrad. Den Anzug gab er später wieder zurück, das Fahrrad nicht, denn er kannte dessen rechtmäßigen Besitzer nicht. Noch während seines Einsatzes beim Volkssturm scheute er keine Mühe, einen Kontakt zu seiner Familie herzustellen. Unsere Tante Lina in Buchen – dem kleinsten Dorf des Siegerlandes, in das wir Kinder nach dem großen Angriff auf Siegen am 16. Dezember 1944 auf Umwegen geflohen waren – berichtet, sie habe einen Brief von unserem Vater in Empfang genommen. Vaters Heimkehr schließlich, ausgerechnet an meinem 8. Geburtstag am 18. April 1945, wurde nicht nur für mich ein unvergessenes Erlebnis. Wie schon gesagt, galten die Kämpfe um das Ruhrgebiet einen Tag vor seiner Heimkehr am 17. April als beendet.14 Das Timing hätte nicht besser sein können. Dank des Fahrrads aus dem großen Fuhrpark Gottes schaffte Vater die Strecke ins Siegerland in nur einem Tag. Dennoch muss es für ihn ein ebenso gefährliches wie mutiges Unternehmen gewesen sein, sich aus dem Staub zu machen. Denn der Krieg war zwar inoffiziell längst verloren, offiziell aber noch nicht beendet, als er nach Hause radelte. Überall konnte der Feind lauern, sowohl der deutsche, als auch der ehemalige Feind, der jetzt für viele Befreier hieß. Zum Glück besaß Vater einen Wehrpass mit einem Entlassungsvermerk vom 13. Dezember 1944, den er bei insgesamt drei Kontrollen vorzeigen konnte. Im Nachhinein verdeutlichen diese Ereignisse einmal mehr den groben Unfug des letzten Einsatzes und das große Glück, unseren Vater, zwar sehr abgemagert, dennoch unversehrt, wiederzusehen.

Da stand er nun ganz unvermittelt, aber pünktlich zu meinem Geburtstag vor der Haustür, ausgestattet mit einer runden, rot-weißen Blechdose Scho-Ka-Kola. Ob zu Wasser, in der Luft oder zu Land an der Front, wo immer Soldaten im Einsatz waren, gab es zusätzlich zur normalen Verpflegung die koffeinhaltige Zartbitterschokolade, sogar noch in der letzten Etappe des Volkssturms. Das im Zweiten Weltkrieg auch als Fliegerschokolade bezeichnete Produkt wurde unter anderem von dem Schokoladenhersteller Sprengel in Hannover hergestellt, der deshalb 1936 als wehrwirtschaftlich wichtiger Betrieb anerkannt wurde. Obwohl Vater sehr abgemagert nach Hause kam, hatte er dennoch die Scho-Ka-Kola als Geburtstagsgeschenk für mich aufbewahrt. Das spricht für Liebe und Fürsorge.

Ich hatte später als Erwachsener zwar noch deutliche Erinnerungen an das Erlebnis als Achtjähriger, bat dennoch meine Tante Lina, mir auf Tonbandkassetten ihre Erinnerungen aus dieser Zeit zu erzählen. Sie war, wie die meisten der vielen Tanten und Onkel des großen Clans unserer mütterlichen Familie Schwarz, eine gläubige, sehr fürsorgliche Frau und konnte gut erzählen.

Die freudige Überraschung der Heimkehr meines Vaters beschreibt sie so: „[…] In dieser Zeit, als ihr bei mir wart, ging ich eines Morgens zur Haustür raus, um im Garten etwas zu ernten. Auf einmal steht dein Vater vor mir. Ich traue meinen Augen nicht. Er lächelte mich an. Wir waren zunächst stumm, und dann fragte ich: ‚Kommst du vom Gretchen?‘ (Mutter Gretchen war noch in Siegen geblieben, d. V.) ‚Nein‘, entgegnete er, ‚ich komme direkt von der Front hierher, weil ich angenommen habe, auch einige von meiner Familie bei dir zu finden.‘ Und wie recht er hatte. Er war mit einem Fahrrad da und stützte sich darauf. Ich frage: ‚Wie kommst du denn zu einem Fahrrad und mit dem hierher?‘ Da lächelt er und antwortet: ‚Gott hat viele Fahrräder, und eins davon gehört jetzt mir. Das hat an einem Wegrand gelegen.‘ Er habe sich wirklich erst umgeschaut, ob da nicht jemand in der Nähe war, dem das Fahrrad gehören könnte.“ Wie Tante Lina weiter feststellt, habe er sehr dürftige Zivilkleidung angehabt.

Das weggefundene Fahrrad schrieb weiter Geschichte. In der Nachkriegszeit – die Wohnung und Vaters Schreibwarengeschäft in Siegen waren zerstört – diente es Vater dazu, fünf Monate lang wöchentlich von Siegen nach Herborn zu seiner neuen Arbeitsstelle zu fahren beziehungsweise ohne Gangschaltung über die Berge zu schieben. Montags in der Früh fuhr er los und samstags kam er wieder zurück, zuweilen bepackt mit einem Sack Kartoffeln auf dem Gepäckträger. Bis ich das alte Fahrrad für mich entdeckte, stand es wenig beachtet auf dem Speicher. Das große Herrenrad war aber viel zu groß für mich. Deshalb trat ich mit einem Bein schräg unter der Querstange in die Pedalen, danach im Stehen über der Stange, bis ich endlich groß genug war, um auf dem Sattel sitzen zu können. Nun hatte ich nicht nur Fahrradfahren gelernt, sondern auch die Erkenntnis gewonnen, dass man mit dem Hinweis auf die höhere Instanz gute Argumente finden kann. Auf Gott war Verlass, vor allem in ausweglosen Situationen. Das wurde uns mit täglichen Bibellesungen und Gebeten zu Tisch und auch abends vor dem Schlafengehen vermittelt.

Das freudige Ereignis von Vaters Heimkehr in Buchen wurde allerdings überschattet von dem Verlust des Mannes meiner Tante Lina. Er hatte an der Front in Russland gekämpft. Obwohl ich jeden Abend für ihn gebetet hatte, er möge doch unversehrt nach Hause kommen, war er gefallen. Während ich ursprünglich guter Hoffnung gewesen war, Gott möge meine Gebete erhören und meine Wünsche erfüllen, war ich nun enttäuscht. Mein Glaube an die Allmacht Gottes bekam kleine Risse. Als Erwachsener wurde mir allerdings bewusst, dass nicht alle menschlichen Schicksale Gott zu verantworten hat, sondern nach dem Ursache-Wirkungs-Prinzip seine irdischen Geschöpfe, denen er den freien Willen gab, zu entscheiden.


Vater Fuchs 1945, abgemagert nach Rückkehr vom Volkssturm

Eine Geburt unter Gottes Beistand

Wir kommen weit her

liebes Kind

und müssen weit gehen

keine Angst

alle sind bei Dir

die vor Dir waren

Deine Mutter, Dein Vater

und alle, die vor ihnen waren

weit, weit zurück

alle sind bei Dir

keine Angst

wir kommen weit her

und müssen weit gehen

liebes Kind

Heinrich Böll an seinen Enkel Samay

Nun bin ich der Geschichte vorausgeeilt, denn mein ereignisreiches Leben begann bereits acht Jahre zuvor, soeben noch in Friedenszeiten. An einem Sonntag um 10:15 Uhr am 18. April 1937 „erblickte unser kleiner Richard unter Gottes Beistand das Licht der Welt“, hieß es in der Geburtsanzeige. „Mutter und Kind geht es gut.“ Ich kam in unserer Wohnung in Siegen, An der Alche 21, zur Welt, während andere meiner Geschwister in der benachbarten Klinik Stähler entbunden worden waren, soweit sie nicht schon in Wattenscheid – dem früheren Wohnort unserer Familie – geboren worden waren.

Meine Eltern nannten mich Richard – ein Name, mit dem ich mich nur zögernd anfreunden konnte. Außer dem einen Namen gab es kein erweitertes Sortiment an Vornamen für eine spätere andere Wahl. Richard soll ein germanischer Name sein und so viel heißen wie mächtiger Herrscher. Einige davon gab es tatsächlich, zum Beispiel in England: Richard I. Wenn damals die Namen der Eltern für die Erstgeborenen bereits verbraucht waren, mussten Tanten oder Onkel als Namensgeber herhalten. Immerhin gab es in der näheren oder angeheirateten Verwandtschaft dreimal den Namen Richard. Einen davon – ursprünglich ein Schmied, später Fabrikant und begnadeter Techniker – habe ich sehr geschätzt und auch er mochte mich. Obwohl aus streng christlichem Haus, blieb Onkel Richard den Gottesdiensten fern. Dennoch praktizierte er das Gebot der Nächstenliebe, indem er den Haushalt seiner verwitweten Mutter mit zwei ledigen Schwestern mitfinanzierte. Er war nicht nur Anhänger der Freikörperkultur, sondern hatte auch eine heimliche Liebe, die er erst heiratete, als seine Mutter gestorben war.

Meine Eltern – mit inzwischen fünf Kindern – machten sich zwar Gedanken über Familienplanung, das Zählen klappte aber nicht so recht – für mich zum Glück, sonst gäbe es weder mich, noch meine jüngste Schwester Gerda. Großmutters heißer Tipp, den sowohl Mutter als auch Vater als reine Wahrheit einer erfahrenen Frau ernst nahmen, war: „Solange Mütter stillen, werden sie nicht schwanger.“ Meine zweitälteste Schwester Gustel, die schon dreizehn Monate nach Magdalenes Geburt zur Welt kam, bewies das Gegenteil. Als sich die letzten Kinder ankündigten, war Mutter etwas überrascht und vielleicht auch der großen Verantwortung wegen besorgt, denn die Zeiten, kurz vor Ausbruch des Krieges, verhießen nichts Gutes. In zwei Jahren würde der Krieg beginnen und verheerende Folgen nicht nur für die sogenannten Feinde, sondern auch für das eigene deutsche Volk haben.

Dennoch hatten meine Eltern Gottvertrauen. Oft hörte ich den zuversichtlichen Satz: „Gibt Gott Häschen, gibt Gott Gräschen.“ Das heißt, Gott als Allesversorger würde niemanden im Stich lassen. Auch die Bibel verbreitet unbekümmerte Zuversicht, wenn es dort heißt: „Seid nicht besorgt für euer Leben, was ihr essen und was ihr trinken sollt, noch für euren Leib, was ihr anziehen sollt. Ist nicht das Leben mehr als die Speise und der Leib mehr als die Kleidung? Sehet hin auf die Vögel des Himmels, dass sie nicht säen und ernten, noch in Scheunen sammeln, und euer himmlischer Vater ernährt sie. […] Und warum seid ihr um Kleidung besorgt? Betrachtet die Lilien des Feldes, wie sie wachsen: sie mühen sich nicht, auch spinnen sie nicht. […] So seid nicht besorgt auf den morgenden Tag, denn der morgende Tag wird für sich selbst sorgen.“15 Das biblische Rundum-Sorglos-Paket ist allerdings, wie es später heißt, an folgende Bedingung geknüpft: „Trachtet aber zuerst nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, und dies alles wird euch hinzugefügt werden.“

Obwohl meine Eltern diese Voraussetzung sicher erfüllten, haperte es bei mir zu Anfang zwar nicht an der richtigen Kleidung – Strampelanzug, Jäckchen und Windeln –, aber an der richtigen Ernährung. Mutter bedauerte, dass sie mich nicht so wie die anderen Kinder stillen konnte. Das war umso bedauerlicher, als ihr mütterlicher Busen freundliche Ausmaße hatte. Ihm durfte ich mich später als kleiner Junge doch noch ab und zu nähern. Wenn ich mit kalten Händen aus dem Winterwald kam, wärmte ich sie im Dekolleté zwischen den üppigen Brüsten.

Gefüttert wurde ich mit Edelweiß-Buttermilch der Edelweiß Milchwerke Kempten im Allgäu. In der Produktwerbung hieß es: „Edelweiß-Buttermilch in Pulverform, glänzend bewährt bei Durchfallstörungen der Säuglinge. Ultractina – ultraviolett bestrahltes Alpenmilchpulver hat jetzt reines Milcharoma und ist frei von Strahlungsgeschmack.“ Etwas versüßt wurden mein Leben und die denaturierte Fläschchenkost ab und zu mit Traubenzucker. Damals wusste man noch nicht, dass Zucker, auch Traubenzucker, heute als Schadstoff bezeichnet werden darf.16 Meine älteste Schwester Magdalene lief sich in guter Absicht die Hacken ab, um den (Sucht-)Stoff zu beschaffen. Sie sei während des Krieges zweimal die Woche durch alle Apotheken und Drogerien gelaufen, schreibt sie, um Traubenzucker für mich zu kaufen. Damit würde mein Appetit angeregt – so die Vermutung. Abgesehen davon, dass vermutlich mein Glucose-Wert im Blut stieg, hielt sich der Erfolg in Grenzen: Bis zum Schulanfang und auch später in der Nachkriegszeit galt ich als unterernährt, was schließlich zu dem um ein Jahr verspäteten Schuleintritt führte. Zum Glück gab es Traubenzucker nicht in unbegrenzten Mengen, sonst wäre ich womöglich in frühen Jahren Diabetiker geworden.

Mir waren die Hände gebunden

Die bestrahlte Alpenmilch und der Traubenzucker versprachen mir zunächst keine strahlende Zukunft. Ich hatte Milchschorf, eine Krankheit, die bei Säuglingen oder Kleinkindern häufig ausbricht, wenn die Ernährung nach dem Abstillen, oder wenn gar nicht gestillt wird, auf Kuhmilch umgestellt wird – flüssig oder als Pulver. Mit der veränderten Zusammensetzung von Fett, Eiweiß, Kohlenhydraten, Vitaminen und Mineralstoffen der Kuhmilch, besonders dem erhöhten Eiweißgehalt der Kuhmilch, ist der menschliche Organismus jedoch überfordert. Die Symptome zeigen sich, so steht es zumindest in alten ärztlichen Ratgebern, in Form von entzündlichen Absonderungen der Haut und Schleimhäute, von bräunlichen Schuppen oder Grind auf der Kopfhaut, von nässenden Hautausschlägen im Gesicht und am Hals und schließlich auch in Form von Krusten. Da die Haut juckte, wurden mir die Hände verbunden, damit ich mich nicht mehr kratzen konnte. Ich hatte keine freie Hand mehr. Obwohl ich schon früh meinen Freiheitsdrang entdeckte, wie folgendes Beispiel zeigt, waren mir als Kind dennoch oft die Hände gebunden.

Eines Tages gelang es mir, mich vorübergehend von den Binden zu befreien. Damit Mutter einkaufen gehen konnte, wurde ich für ein paar Stunden der befreundeten Nachbarin Frau Volkart anvertraut. Ob ich in dieser Zeit selbst die Mullbinden von den Händen gerissen oder die Nachbarin ein Erbarmen hatte, ist nicht überliefert. Jedenfalls erblickte Mutter auf dem Heimweg schon von Weitem ein dunkles blutverschmiertes Gesicht hinter der Fensterscheibe. Richard hatte mit bloßen Händen sein Gesicht zerkratzt und schrie bitterlich. Verbundene Hände, permanenter Juckreiz, gegen den sich die eigenen Hände nicht wehren konnten, würden Psychotherapeuten als Ereignis frühkindlicher Traumatisierung diagnostizieren, das, obwohl später verdrängt, dennoch Spuren hinterlässt. Es war ein langer Weg, bis ich nicht mehr zuließ, dass mir im übertragenen Sinn die Hände gebunden wurden.


Der kleine Richard mit Bleyle-Hose und langen Strümpfen

Ein anderes Mal hätten meine Aktivitäten noch ernsthaftere Folgen haben können. Ich stand in einem Laufställchen in der Küche. Auf der Kante des Küchenschranks lag ein superscharfes Rasiermesser, das regelmäßig mithilfe eines Lederriemens neu geschärft wurde. Rasieren mit Wegwerf-Rasierklingen war noch nicht sehr verbreitet und schließlich auch teuer. Deshalb konnte ich jeden Morgen meinen Vater beobachten, wie er sich mit dem Rasierpinsel einseifte und den Seifenschaum anschließend mit dem Rasiermesser abschabte, um sich zu rasieren. Das gefiel mir offenbar, ohne indessen die Gefahren zu erahnen, die bei unbefugtem Gebrauch des Rasiermessers drohen würden. In einem unbeobachteten Moment ruckelte ich meinen Laufstall so lange in Richtung Küchenschrank, bis ich das Rasiermesser zu fassen bekam. Nun versuchte ich nach dem Prinziep trial and error endlich selbst die Rasur. Was ein Erwachsener macht, kann ja wohl nicht falsch sein. Me too-effect oder learning by doing würde man heute das nachvollziehbare Verhalten eines Kindes nennen. Ganze Generationen haben schließlich durch Anschauungsunterricht Überlebenstechniken und Handwerkliches gelernt. Als man mich nach den ersten Selbstversuchen entdeckte, war ich blutverschmiert nur noch bedingt vorzeigbar. Nur die Augen leuchteten noch im Gesicht.

Homöopathie – wer heilt, hat recht

Familie Fuchs und Onkel und Tanten der Familie Schwarz trafen sich traditionell zu Pfingsten im Tiergarten ganz in der Nähe unserer Wohnung. Etwas weiter lag die Numbach mit einem schönen Ausflugslokal, ein beliebtes Ziel auch für die Weidenauer Christliche Versammlung und Sonntagschule. Tante Lina, stets dabei, berichtete mir später: „Du warst klein und wurdest noch im Kinderwagen gefahren und dein Gesicht sah so aus wie ein Reibekuchen, eine Kruste. In diesem Gesicht waren aber strahlende, fröhliche Augen und ein lachender Mund. Deine kleinen Hände waren mit Mull umwickelt. Aber du warst dabei und vergnügt.“

Da Mutter mich nicht stillte und ich auch Kuhmilch nicht vertrug, war, wie bereits erwähnt, der Nahrungsersatz Edelweiß-Buttermilchtrockenpulver. In der Hoffnung auf Linderung brachte man mich zur Höhensonnenbehandlung in die Praxis eines Kinderarztes. Das Leiden hätte noch lange dauern können, wäre da nicht die Empfehlung gekommen, einen Heilpraktiker aufzusuchen. Lorsbach hieß der begabte Homöopath, der Heilung versprach, und zwar, wie er sagte, nachhaltig, von innen heraus. Die Symptome würden noch einmal schlimmer zum Ausbruch kommen, dann aber abnehmen. Erstverschlimmerung würde man heute sagen. So war’s dann auch. Beschwerden dieser Art kamen nie wieder. Mein Vertrauen in die Homöopathie ist bis heute geblieben.

Die von dem Arzt Samuel Hahnemann (1755–1843) entdeckte Heilmethode nach dem Prinzip „Gleiches beziehungsweise Ähnliches wird durch Gleiches beziehungsweise Ähnliches geheilt“ war damals wie heute sehr verbreitet. Sein Hauptwerk Organon der rationellen Heilkunde musste während der Lebenszeit Hahnemanns fünfmal neu aufgelegt werden. Heilpraktiker hatten im Übrigen bis zu Beginn des Dritten Reiches, anders als heute, neben Ärzten ebenfalls Verträge mit den gesetzlichen Krankenkassen.

Wenn man weiß, dass das noch nicht vollständig entwickelte Gehirn eines Kindes sich vor allem in den ersten drei Lebensjahren strukturiert, ist es nicht unerheblich, welche Botschaften es in dieser Zeit empfängt und wie intensiv der Körperkontakt mit der Mutter ist. Dabei spielt das größte Kontaktorgan des Menschen, die Haut, eine nicht zu unterschätzende Rolle in Sachen Kommunikation. Nun war ich schon nicht, wie es in dem Lied heißt, als Knäblein an der Mutterbrust gestillt worden und hatte dann auch noch die Haut der Güteklasse Rühr mich nicht an! Wer will schon bräunliche Schuppen, Grind, nässende Hautausschläge und Krusten anfassen? Auf der anderen Seite wurde mein eigenes Bedürfnis nach Körperkontakt mit anderen durch Binden an den Händen sprichwörtlich unterbunden. Auch wenn ich mich selbst nicht mehr bewusst erinnere, hat mein frühkindlicher Körper die Erlebnisse von damals im Unterbewusstsein gespeichert.


1942, mit der kleinen Gerda sind wir nun sieben

Der genormte Mensch

Wir brauchen unbedingt ein kurzes Wort zur Bezeichnung der Wissenschaft von der Verbesserung des Erbguts, die sich keineswegs auf Fragen zweckmäßiger Paarung beschränkt, sondern vor allem in Bezug auf den Menschen, auch all diejenigen Einflüsse berücksichtigt, die in einem wenn auch noch so geringem Maße dazu beitragen, den tauglichen Rassen oder Einschlägen eine bessere Behauptungschance gegen die weniger tauglichen zu bieten, als sie sonst bestanden hätte. Das Wort „eugenics“ schien zur Bezeichnung dieses Gedankens geeignet zu sein.

Francis Galton, in: Hereditary Genius (Erbliches Genie), London 1883

Wer in Zeiten des Nationalsozialismus zur Welt kam, größere gesundheitliche Schäden aufwies als die eher harmlosen, behandelbaren, wie bei mir, konnte Schwierigkeiten bekommen. Denn der Staat ließ nur starke, gesunde Menschen der nordisch-arischen Rasse gelten. Laut Hitler sollten die Menschen flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl werden. Hebammen, Ärzte und Gesundheitsämter wurden aufgefordert, Neugeborene mit Behinderungen zu melden. Das zeigt unter anderem der Beitrag des Arztes und Eugenikers Dr. Heinrich Schade, der im Übrigen nach Kriegsende als Professor in der Landesheilanstalt Düsseldorf Grafenberg weiterarbeitete. Noch 1974 verbreite er mit seinem letzten Buch Völkerflut und Völkerschwund. Bevölkerungswissenschaftliche Erkenntnisse und Mahnungen im neonazistischen Vowinckel Verlag rassistisches Gedankengut.

1937, zur Zeit, als ich geboren wurde, erschien unter dem Titel Erbbiologische Bestandsaufnahme ein Aufsatz von besagtem Professor Schade, in dem er die gesetzliche Maßnahme der „Inventarisierung der Bevölkerung auf dem Wege über die Gesundheitsämter“ und deren Vertiefung „durch eine eingehendere wissenschaftliche Allgemeinuntersuchung der gesamten Bevölkerung“17 in verschiedenen Bezirken in Hessen zusammenfassend darstellt. Angestrebt war eine vollständige Erfassung, ausgehend von Aufzeichnungen von Fürsorgestellen für Trinker, Geschlechts-, Gemüts- und Nervenkranke sowie von Fürsorge-, Hilfsschul- und Vormundschaftsakten ergänzt durch Daten und Akten der Nervenkliniken und Gefängnisse nach dem Vorbild der erbbiologischen Bestandsaufnahme in Frankfurt am Main. Dort war 1937/38 bereits die Hälfte der Bevölkerung in dem 250.000 Akten umfassenden Erbarchiv erfasst und zum größten Teil in Karteikarten dokumentiert.

Was war dem vorausgegangen? Schade hatte 1935 eine bis dahin einmalige anthropologisch, medizinische Erhebung im Schwalm-Eder-Kreis durchgeführt, mit der er sich 1939 habilitierte. Laut Schade sollte die Untersuchung „unter Berücksichtigung des genealogischen Aufbaus der ‚Bevölkerungsbewegung‘ Aufschluss geben über die gesunden und krankhaften körperlichen und geistigen Eigenschaften der Bevölkerung und die Verbreitung ihrer Erbanlagen. Dazu gehört auch die Häufigkeit von Erbkrankheiten“.18 Das Ergebnis entsprach dem, was er sich erhofft hatte, und zwar, dass häufig ganze Sippen mit Debilen intellektuell ein im Gegensatz zum Rest der Bevölkerung deutlich niedrigeres Niveau haben. Solche Menschen wurden dann als erbkrank im Sinne des Erbgesundheitsgesetzes diskreditiert. Nach dem 1935 beschlossenen Gesetz zum Schutz der Erbgesundheit des Deutschen Volkes wurden nach eugenischen Maßstäben die somatische und psychische Qualität von deutschen Staatsangehörigen festgelegt, die für eine gesunde Nachkommenschaft verantwortlich gemacht wurden. Eine Ehe durfte erst gar nicht geschlossen werden, wenn ein Partner nicht den Kriterien der Erbgesundheit entsprach. Dass auch rassisch Andersartige nicht erwünscht waren, hatte zur Folge, dass 1937 in einer Nacht- und Nebelaktion, an der Schade ebenfalls beteiligt war, die Sterilisation der sogenannten Rheinlandbastarde beschlossen wurde.19 Sie waren zwar gesund, dennoch rassisch unerwünscht.

Nürnberger Gesetze

Der Stärkere hat zu herrschen und sich nicht mit dem Schwächeren zu verschmelzen, um die eigene Größe zu opfern. Nur der geborene Schwächling kann dies als grausam empfinden, dafür aber ist er auch nur ein schwacher und beschränkter Mensch; denn würde dieses Gesetz nicht herrschen, wäre ja jede vorstellbare Höherentwicklung aller organischen Lebewesen undenkbar. Die Folge dieses in der Natur allgemein gültigen Triebes zur Rassenreinheit ist nicht nur die scharfe Abgrenzung der einzelnen Rassen nach außen, sondern auch ihre gleichmäßige Wesensart in sich selbst. Der Fuchs ist immer ein Fuchs, die Gans eine Gans …

Adolf Hitler: Mein Kampf. 656. – 660. Auflage. München 1941, S. 312, 11. Kapitel „Volk und Rasse“.

(sämtliche Ausgaben bis 1941: 7.800.000 Exemplare)

Am 15. September 1935 hatte der Reichstag auf dem Nürnberger Parteitag das Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre beschlossen, mit dem eine Geschlechtsgemeinschaft zwischen Juden und Deutschen verboten wurde. Da die Versuche, die jüdische Rasse naturwissenschaftlich zu definieren oder äußerlich zu identifizieren, gescheitert waren, griffen die NS-Ideologie und die Gesetzgebung auf die Religionszugehörigkeit des Betroffenen oder seiner Ahnen als entscheidenden Anknüpfungspunkt zur Bestimmung der Rasse zurück. Ein Konfessionswechsel änderte an der Zugehörigkeit zu diesen Gruppen nichts.

Während das einen Monat zuvor beschlossene Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre der Ideologie der Rassenhygiene folgte, regelte das am 18. Oktober 1935 beschlossene Gesetz zum Schutze der Erbgesundheit des Deutschen Volkes nach eugenischen Maßstäben die somatische und psychische Qualität von deutschen Staatsangehörigen, die für eine gesunde Nachkommenschaft verantwortlich gemacht werden.

In § 1 (1) heißt es: Eine Ehe darf nicht geschlossen werden: a) wenn einer der Verlobten an einer mit Ansteckungsgefahr verbundenen Krankheit leidet, die eine erhebliche Schädigung der Gesundheit des anderen Teiles oder der Nachkommenschaft befürchten lässt; b) wenn einer der Verlobten entmündigt ist oder unter vorläufiger Vormundschaft steht; c) wenn einer der Verlobten, ohne entmündigt zu sein, an einer geistigen Störung leidet, die die Ehe für die Volksgemeinschaft unerwünscht erscheinen lässt; d) wenn einer der Verlobten an einer Erbkrankheit im Sinne des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses leidet. (2) Die Bestimmung des Abs. 1 Buchst. d. steht der Eheschließung nicht entgegen, wenn der andere Verlobte unfruchtbar ist. § 2 Vor der Eheschließung haben die Verlobten durch ein Zeugnis des Gesundheitsamtes (Ehetauglichkeitszeugnis) nachzuweisen, dass ein Ehehindernis nach § 1 nicht vorliegt.

Die beiden in Nürnberg abgefassten Gesetze werden deshalb auch Nürnberger Gesetze genannt. Was Vertreter der Eugenik und Rassenhygiene seit Jahrzehnten zuvor propagierten, setzten nun die Machthaber des Dritten Reiches mit Unterstützung der Ärzteschaft und Justiz in die Praxis um.

In einem Ahnenpass hatten nun deutsche Bürgerinnen und Bürger einen Nachweis über ihre arische Abstammung zu führen. Im Abschnitt Der Rassengrundsatz heißt es, dass es oberste Pflicht eines Volkes sei, seine Rasse, sein Blut von fremden Einflüssen reinzuhalten und die im Volkskörper eingedrungenen fremden Blutseinschläge wieder auszumerzen. Diese im nationalsozialistischen Denken verwurzelte Auffassung gründet sich auf die (pseudo-)wissenschaftliche Erkenntnis der Erblehre und Rassenforschung. Als fremd galt hier vor allem das Blut der auch im europäischen Siedlungsraum lebenden Juden und Zigeuner, das der asiatischen und afrikanischen Rassen und der Ureinwohner Australiens und Amerikas (Indianer). Obwohl eine Zufallsverbindung von Partnern unterschiedlicher Herkunft genetisch und biologisch sinnvoller erscheint, sollte nun nur noch reinrassig geheiratet werden.

Der Erlass des deutschen Reichsinnenministers vom 6. Februar 1936 forderte, eine erbbiologische Bestandsaufnahme in den Heil- und Pflegeanstalten durchzuführen.

Antisemitismus im protestantischen Siegerland

Da ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau; denn ihr seid einerin Christo Jesu.

Apostel Paulus: Brief an die Galater, 3,28.

(Das heißt, mit der Taufe gibt es keine Hierarchie mehr, auch nicht zwischen Mann und Frau.)

Für so manches, was evangelikale Christen gesellschaftlich vertraten und vertreten, konnten sie nicht allein ein Erstgeburtsrecht in Anspruch nehmen, sondern es war eine naive Rezeption dessen, was der Zeitgeist vorgab, so zum Beispiel der verdeckte oder offen ausgesprochene Antisemitismus. Obwohl Juden durch die deutschen Verfassungen und Gesetzgebungen, insbesondere die Verfassung des Preußischen Staates vom 31. Januar 1850, die völlige Gleichstellung mit den übrigen Staatsbürgern erhielten, war der latente Antisemitismus nicht auszurotten. Vor allem, wenn er von der Kanzel gepredigt wurde, verfehlte er seine Wirkung nicht. Wenn Christen ihren Vertrauensbonus dazu missbrauchen, geschickt verpackte rassistische Ideen zu verbreiten, ist das besonders infam. Vor allem der Dom- und Hofprediger Adolf Stoecker (1835 – 1909) in Berlin schreckte vor antisemitischen Agitationen nicht zurück. 1878 gründete er die Christlich-Soziale Arbeiterpartei, die 1881 in Christlich-Soziale Partei umfirmiert wurde, und 1880 die Berliner Bewegung als Zusammenschluss antisemitischer Gruppierungen. Da sein Versuch, die Arbeiterschaft für die Christlich-Sozialen zu gewinnen, gescheitert war, wandte er sich nun erfolgreicher mit antisemitischer Propaganda an den kleinbürgerlichen Mittelstand. Auch bei Studenten fand er Zuspruch. Zu den verschiedenen antisemitischen Strömungen gehörte unter anderem die Kritik an der völligen staatsbürgerlichen Gleichstellung der Juden. Für Stoecker war der Antisemitismus nicht nur ein Rand-, sondern ein Zentralthema seines gesamten Denkens und öffentlichen Redens. Besondere Erfolge feierte Stoecker in seinem Wahlkreis, den ausgedehnten Waldgebieten an Lahn, Eder und Sieg, also nicht zuletzt im Siegerland. Der Chronist U. F. Opfermann kommentiert: Dieser „Bayerische Wald für protestantische Politiker, und seine mental in einer traulichen Vormoderne verharrenden Bewohner müssen ihm als ideal für seine Zwecke erschienen sein“.20

Stoecker kandidierte fortan immer in diesen Gebieten und das hinterließ Spuren. Ein Parteimitglied der 1878 von Stoecker gegründeten antisemitischen Christlich-Sozialen Arbeiterpartei war in Siegen der reformierte Pfarrer Julius Winterhager, der als Ortsschulinspektor ausgerechnet für die Schule der jüdischen Gemeinde zuständig war. „1934 hielt ein Pfarrer und Reichsredner der NSDAP in Eiserfeld, Schwerpunkt des protestantischen Fundalismus, eine scharfe antisemitische Rede. Er lobte Luther und Adolf Stoecker als antisemitische Vorkämpfer und beschimpfte ‚ernste Christen‘, die ‚in Eiserfeld jüdische Geschäfte christlichen vorziehen‘ würden.“21

Dass ein prominenter Prediger und Mitglied des Generalsynodalvorstandes im kirchlichen Raum wie bei Amtsbrüdern Zuspruch und Nachahmer fand, muss nicht weiter verwundern, erst recht nicht, wenn er seine Botschaften zusätzlich durch die Neue evangelische Kirchenzeitung verbreiten konnte, deren Herausgeber er war. Auch seine Parteigenossen bewunderten an ihm, die Judenfrage volkstümlich gemacht zu haben. Als unterstützende Autorität konnten die Christlich-Sozialen Martin Luther zitieren, so etwa dessen Forderung nach Vertreibung aller Juden und Beschlagnahme ihres Vermögens.22 Damit lieferten die Meinungsbildner eine Vorlage für das, was sich nach 1933 ereignen sollte. So sah es 1935 auch der ehemalige Stadtverordnete Otto Beckmann in einer posthumen Laudatio auf Stoecker und damit die von ihm geführte politische Bewegung als Vorläufer des Nationalsozialismus.23

Das Siegerland war einer antisemitischen Bewegung sehr aufgeschlossen, da dort die Chrislich-Soziale Bewegung stark verwurzelt war. In der katholischen Minderheit des Siegerlandes hingegen, dem katholischen Sauerland wie bei der katholischen Berleburger Minderheit kamen die nationalsozialistischen Botschaften schlecht an. Noch im September 1943 verurteilten Bischöfe in einem Hirtenwort an die deutschen Katholiken, das in Kirchen verlesen wurde, die mörderische Praxis der NS-Politik. Es verurteilte grundsätzlich die Tötung menschlichen Lebens und bezog sich mit den Worten, dies betreffe auch Menschen fremder Rassen und Abstammung, auf die Massenverbrechen an Juden, Sinti und Roma, wenn es die Opfer auch nicht beim Namen nannte.24 Ganz anders im Siegerland: „Überall im Siegerland und in Wittgenstein wurde die Übergabe der Regierungsgewalt an die verbrüderten Rechtskräfte (‚Kabinett Hitler‘) am 30. Januar 1933 mit Freudenfeuer, Fackelzügen, Dankgottesdiensten und Festveranstaltungen volksfestartig begangen.“25

Bis 1933 – 200 Juden im Siegerland

1933, als meine Eltern aus dem Ruhrgebiet nach Siegen zogen, gab es im Siegerland mehr als 200 Juden, von denen 115 als Angehörige der jüdischen Gemeinde in Siegen gemeldet waren. Nicht nur Letztere waren bedroht, sondern auch nichtreligiöse Juden und konvertierte Juden zum evangelischen oder katholischen Glauben – zwei von ihnen, David und Deborah Kogut, waren evangelisch-freikirchlich. Bis zum Auswanderungsverbot am 23. Oktober 1941 hatten rund vierzig Prozent der Juden ins Ausland flüchten können, vor allem wohlhabende und jüngere. Wenn die Verbliebenen keinen Suizid begingen, war ihr Schicksal durch Deportation in Vernichtungslager vorgezeichnet.

Ursprünglich hatte es keine Juden im Siegerland gegeben, da die hiesigen Fürsten durch Gesetze den Aufenthalt unterbanden. Das änderte sich mit der französischen Besatzungszeit (1806–1813). Nun ließen sich jüdische Händler in Siegen nieder, einer von ihnen war Isaac Rosenberg. Nach 40jährigem Kampf erlangte er sogar das Bürgerrecht. Die Gemeinde wuchs im 19. Jahrhundert stetig. Die Mitglieder, fast ausschließlich Händler, unterhielten etliche Geschäfte in der Oberstadt wie Tietz, Marx, Herrmann, Ferber, Jacoby. Es bestanden nur wenige gesellschaftliche oder wirtschaftliche Kontakte zur christlichen Bevölkerung. 1904 wurde die schöne Synagoge feierlich eingeweiht, die schließlich am 10. November 1938, einen Tag nach der Reichskristallnacht, dem Brandanschlag der Nazis zum Opfer fiel. Am 9. November, als insgesamt 267 jüdische Gotteshäuser brannten, war die Siegener Synagoge schlicht und einfach vergessen worden. SS-Männer in Zivil holten das gründlich nach. So ist zu erklären, dass die Siegener Synagoge eine der wenigen ist, die brennend fotografiert wurde, weil Fotografen darauf vorbereitet waren. Am selben Tag wurden alle jüdischen Männer verhaftet und 3 – 6 Wochen später in das KZ Oranienburg bei Berlin eingeliefert. Auch vor konvertierten Juden machten Nazis nicht halt.26

Zum Thema Juden berichtet meine älteste Schwester Magdalene: „Eines Tages musste ich zur Post und kam über die Bahnüberführung. Eine Menge Leute standen auf der Brücke und sahen auf den Bahnsteig hinunter. Ich blieb auch stehen, sah viele Leute mit Judenstern am Arm und Gepäck und hörte jemand leise und entrüstet sagen, das Gepäck würden die nicht behalten und wer weiß, wohin die Leute kämen.“ Weiter berichtet Magdalene, dass unsere Mutter gesagt habe, dass der achtzehnjährige Sohn unseres Metzgers als Bewacher in Dachau sei und seine Eltern, selbst tief betroffen, Entsetzliches munkelten. Auch unsere Nachbarin, Frau Volkart, erzählte, dass eine Verwandte ihr mitgeteilt habe, in Hadamar stürben die Leute in der Landesheil- und Pflegeanstalt wie Fliegen an der Wand. Da inoffizielle Berichte wie diese die Menschen erreichten, ist die oft wiederholte Ausrede, man habe nichts gewusst, mehr als unglaubwürdig.

Die Botschaft, jüdische Geschäfte zu boykottieren, war nicht neu. 1933 aber herrschte offen praktizierte Gewalt. In Siegen wie auch an vielen anderen Orten kennzeichneten SA- und SS-Angehörige die Läden jüdischer Inhaber mit aufgepinselten gelben Sternen. Die Siegener Zeitung sah sich nach der Machtübernahme veranlasst, auf das einträgliche Geschäft der Anzeigeneinnahmen des Warenhauses Tietz zu verzichten – aber nicht lange. Anfang Juli 1933 war aus dem jüdischen Unternehmen Leonard Tietz AG die Westdeutsche Kaufhof AG geworden.

Brüder und das schwierige Verhältnis zu Juden

Zur Judenfrage hatten nicht wenige Christen der Christlichen Versammlung eine, vorsichtig gesagt, eigenartige Argumentation, wenn es in der christlichen Jugendzeitschrift Die Tenne 1934 heißt: „Schritt für Schritt erfolgte so die Durchdringung der Nationen mit jüdischer Art und jüdischem Geist. Dieses Volk stand ja unter dem Fluch und sollte auch ein Fluch sein und werden. Denn Gott sorgt dafür, dass sein Wort eintrifft.“27 Der Verfasser, Major a. D. Freiherr Fritz von Kietzell, damals wohnhaft in Berlin, war seit 1926 Schriftleiter der Tenne. An anderer Stelle heißt es: „Geht nicht von diesem Volke heute ein alles durchdringender, alles zu Grunde richtender Einfluß aus, auch in sittlicher Beziehung? Zweifellos, denn wer schwere Schuld auf sich lud, wer unter den Fluch gekommen ist, wird seiner Umgebung zur Last sein […]“28 In einem Beitrag über die Rückkehr der Juden nach Palästina spricht man in der Tenne von der „Säuberung Deutschlands von den staatsfeindlichen, insbesondere von den eingewanderten jüdischen Elementen“29.

Fritz von Kietzell, dem ehemaligen Major des Königlich Preußischen Heeres, werden – wie mehrheitlich auch dem (Schwert-)Adel – die straffe Zucht und das männliche Auftreten der nationalen Bewegung näher gelegen haben als das demokratisch gewählte Parlament der Weimarer Republik. Dennoch zeigte er zunächst Zurückhaltung gegenüber den positiven Leserbriefen zur NSDAP und argumentierte ausweichend. Ein Christ habe es überhaupt mit keiner Partei zu tun. Zwar war auch er der Meinung, dass Gott die NSDAP zur Zurückdrängung der bolschewistischen Gottlosigkeit benutze, aber das wolle er ganz Gott überlassen. Deshalb weigerte er sich, gegen die NSDAP eine klare Stellung zu beziehen, und stellte seinen Artikel unter das Motto: „Was haben wir damit eigentlich zu tun?“30

Inzwischen hatte die NSDAP unter den jungen Gläubigen etliche Anhänger gefunden. Das musste auch Die Tenne einräumen, „daß viele aus unseren Reihen, besonders aus der Jugend, der jungen, mächtig aufstrebenden Bewegung zuneigen. Ein ungeheurer Schwung geht von dort aus, der viele in seinen Bann zieht.“31 1934 erschien das erste Hitler-Bild in der Tenne.

Während die NSDAP in christlichen Kreisen einerseits Anhänger fand, wurde auf der anderen Seite auch Kritik laut. Um dem entgegenzuwirken, schrieb Christian Schatz in einem Rundbrief vom 26.05.1933: „Es wird ernstlich abgeraten, junge Brüder, die der SA (Sturmabteilung)32 oder SS (Schutzstaffel)33 angehören, zu beeinträchtigen […] Wir haben auch als Christen dem Staate gegenüber eine tätige Verantwortung. Vielleicht sind wir in der Vergangenheit in dieser Beziehung, beeinflusst durch unsere englischen Brüder, doch zu weit gegangen.“

Männer in leitender Position der Brüdergemeinden wollten entweder nicht zur Kenntnis nehmen, was politisch auf sie zukommen würde, oder waren nicht dazu in der Lage. Immerhin hatte sich Die Tenne in ihrer Ausgabe 12, 15.06.1931, in dem Beitrag Zeichen der Zeit mit dem Hinweis auf Mein Kampf kritisch geäußert. Wer Mein Kampf gelesen hatte, konnte Hitlers Programm kennen. Das traurige Erwachen kam erst mit dem Verbot der Christlichen Versammlung. Fritz von Kietzell führte nun eine Kommission an, welche die Christliche Versammlung gegenüber dem Staat vertreten sollte. Im Januar 1935 hatte er ein von dem Reichsministerium für kirchliche Angelegenheiten gewünschtes Exposé eingereicht. Dabei erwies sich die Judenfrage als schwieriges Problem, sodass wegen des zunehmenden Antisemitismus der Dienst von Brüdern jüdischer Abstammung nicht mehr erwünscht war. Man teilte die Vorstellung, dass die Juden ein Fluch für die Nation geworden seien.

Bei der Meinungsbildung der christlichen Jugend spielte Die Tenne eine wichtige Rolle, auch wenn Politik erklärt wurde, unter anderem im Zusammenhang mit den Nürnberger Rassegesetzen. Dabei bezog sich die Jugendzeitschrift auf das Vorwort einer Veröffentlichung mit dem Titel Die Nürnberger Gesetze über das Reichsbürgerrecht und den Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre von Dr. jur. Bernhard Lösener, Ministerialrat, und Dr. jur. Friedrich U. Knost, Reichsregierungsrat, im Reichs- und Preußischen Ministerium des Inneren. In dem 1936 im Verlag Franz Vahlen erschienen Band heißt es:

„[…] Gerade von den überzeugten Zionisten ist deshalb am wenigsten Widerspruch gegen die Grundgedanken der Nürnberger Gesetze erhoben worden, weil sie einmal wissen, daß diese Gesetze auch für das jüdische Volk die einzig richtige Lösung darstellen, und weil sie ferner wissen, daß sich das wieder zum Bewußtsein seiner selbst erwachte deutsche Volk damit nur eben die Gesetze gegeben hat, die sich das jüdische Volk schon vor Jahrtausenden gegeben hat (siehe Buch Esra), und die es stark gemacht haben zu dem völkischen Wunder, sein Blut unverfälscht und rein zu erhalten, obwohl alle seine Glieder unzählige Generationen hindurch inmitten fremden Volkstum gelebt haben. Man sollte meinen, daß gerade der reinblütige Jude für die Rassengesetze des neuen Deutschland ein gewisses Verständnis hat […]“

Dieser Beitrag, so zynisch er war, wurde damals zur allgemeinen Beruhigung der Christen in der Tenne abgedruckt, allerdings mit einer ungenauen Quellenangabe. Da mich der Kommentar für mein vorletztes Buch34 interessierte, habe ich lange nach der richtigen Quelle gesucht und sie über die Bibliothek des Justizministeriums NRW schließlich im Landesarchiv NRW gefunden.

Rassenhygiene und Priester-Gen

Wenn sich die bibelkundigen Autoren auf das Buch Esra beziehen, muss man allerdings feststellen, dass zumindest nach heutigen Maßstäben auch in Israel Rassenhygiene gängige Praxis war, wenn man zum Beispiel Esra 9,1-10,44 liest. Heute wäre das undenkbar, Frauen und deren Kinder anderer Nationen und Glaubensrichtungen in die Wüste zu schicken, einfach wegzujagen und diese damit einem ungewissen Schicksal auszusetzen. Wie sollte ich das anders nennen als Rassenhygiene? Wenn zu Anfang des Matthäus-Evangeliums in der Genealogie die komplette Ahnenreihe von Abraham bis Christus – dreimal vierzehn Geschlechter – aufgeführt werden, könnte auch dort von einer reinen Rasse gesprochen werden, auf die man offensichtlich stolz war. Irritierend ist nur, dass als Letzter in der Ahnenreihe Joseph, der Mann der Maria, genannt wird, der Jesus aber nicht gezeugt haben soll. Da erleiden die vererbten Gene einen jähen Abbruch.

Selbst heute ist unter manchen Juden der Glaube an die reinrassige Herkunft noch fest verwurzelt. Auf der Suche nach den Ursprüngen des jüdischen Volkes entdeckten US-amerikanische Gen-Forscher mithilfe von Speichelproben anscheinend ein Priester-Gen, mit dem mutmaßlich schon der Moses-Bruder Aaron ausgestattet war. Etwa fünf Prozent der jüdischen Bevölkerung bezeichnen sich als Kohanim – Nachfahren der alten jüdischen Hohepriester-Kaste. „Entdeckt die Macht Eurer Gene“, fordert das Stammhaus der Leviten, aus dem die Kohanim stammen, im Internet auf: „Das einzigartige Gen, das alle Kohanim verbindet, macht uns zur einzigen authentischen königlichen Linie in der menschlichen Geschichte.“35 Vielleicht aber ist das nur ein einträgliches Geschäft. Denn wer sollte das genetische Vergleichsmaterial von Aaron ausgegraben haben? Eine andere Entdeckung kommt jüdischen Genealogen weniger gelegen: Ihr Volk stammt aus demselben Genpool wie die Araber.

Die Ironie der Geschichte ist: Genetisch/ethnisch unterscheiden sich Israelis beziehungsweise Juden nicht von ihren Nachbarvölkern oder der Bevölkerung ihrer Gastländer. Juden sind in erster Linie eine Religions- und Kulturgemeinschaft. Dass sie darüber hinaus in Abgrenzung der sogenannten arischen auch als Rasse gelten sollten, lag im Interesse der Nationalsozialisten. Der Humangenetiker Prof. Otmar von Verschuer schrieb 1937 in Forschung zur Judenfrage, er verwerfe die Vorstellung, Juden seien von Nichtjuden an der Nasenform oder der Blutgruppe zu unterscheiden. Stattdessen deutet seine Auffassung von der „vergleichenden Rassenpathologie“ darauf hin, dass einzelne Krankheiten in der jüdischen Bevölkerung verbreiteter seien als in der nichtjüdischen.

Biblisch begründete Erklärungsversuche

Auch wenn meine Eltern ein eindeutig distanziertes, kritisches Verhältnis zur NS-Politik hatten und meine Mutter – nicht folgenlos – eine Mitgliedschaft in der NS-Frauenschaft verweigerte, hatten sie dennoch eine Meinung zum Schicksal der Juden, wie ich mich erinnere. Denn auch wir Kinder hatten Fragen und erwarteten wie immer schlüssige, biblisch begründete Antworten. Ich entsinne mich an einen Hinweis in der Bibel – ein Menetekel aus dem Munde Jesu –, das das Schicksal der Juden vorauseilend erklären sollte: Als Jesus gefangen wurde, folgte ihm auf dem Weg zur Hinrichtungsstätte eine große Menge Volks und Weiber, welche wehklagten. Da wandte sich Jesus zu ihnen und sprach: „Töchter Jerusalems, weinet nicht über mich, sondern weinet über euch selbst und über eure Kinder; denn es werden Tage kommen, an welchen man sagen wird: Glückselig die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren, und die Brüste, die nicht gesäugt haben! […] Denn wenn man dies tut an dem grünen Holze, was wird an dem dürren geschehen?“36 Diese nicht ganz verständliche Prophezeiung könnte so interpretiert werden: Jesus stellt das grüne Holz der Verheißung dar, das dürre Holz als das damalige Israel.37

Nach Kriegsende und allen Verbrechen vor allem gegenüber Juden im Dritten Reich hätte man denken können, dass auch Verantwortliche der Christlichen Versammlung zu neuen Erkenntnissen gekommen wären. Aber nein! Kurt Karrenberg (1913–1967), Geschäftsführer und Schriftleiter der Christlichen Verlagsgesellschaft, einer der führenden Köpfe der Brüder, schreibt in dem offiziellen Programmheft Warum aus dem Jahr 1960: „Wir glauben, daß zwischen der Gemeinde Jesu als himmlischem und Israel als irdischem Volk Gottes klar unterschieden werden muß. Demnach unterscheiden wir auch zwischen himmlischen Segnungen für die neutestamentliche Gemeinde und irdischen Segnungen für das dereinst wiederhergestellte Volk Israel. Wir vergeistigen also nicht die Israel geltenden Verheißungen, sondern glauben, daß sie, wie die angedrohten Strafen, real an diesem Volk in Erfüllung gehen werden.“38 Damit begibt sich Karrenberg auf dasselbe Niveau wie Fritz von Kietzell, der – wie bereits erwähnt – 1934 schrieb: „Dieses Volk stand ja unter dem Fluch und sollte auch ein Fluch sein und werden. Denn Gott sorgt dafür, dass sein Wort eintrifft.“39

Im Klartext heißt das: Nicht genug der Verbrechen gegenüber Juden im Dritten Reich, weitere Strafen an diesem Volk werden real folgen, damit ein Bibeltext in Erfüllung geht. Anders formuliert: Karrenberg rechtfertigt damit posthum die Ermordung von 6.000.000 Juden, Sinti, Roma und politisch Verfolgten (davon vorwiegend Juden) im Dritten Reich und nimmt weitere Strafen an dem Volk der Juden billigend in Kauf. Er toleriert damit unter anderem, dass 6.000 jüdische Ärzte diskriminiert, ihrer Existenz beraubt, vertrieben und ermordet wurden, dass jüdische Anwälte, Wissenschaftler, Künstler, Literaten, Kaufleute, ganz zu schweigen von der großen Zahl der anderen weniger prominenten Juden, ihre Existenz und zum größten Teil ihr Leben verloren. 1.145 Professoren und Dozenten, darunter zwanzig Nobelpreisträger, wurden entlassen und flohen zum Teil. Als Max Planck in seiner Eigenschaft als Präsident des Kaiser-Wilhelm-Instituts Hitler konsultierte und versuchte, auf ihn einzuwirken, auf die Entlassung der Wissenschaftler zu verzichten, entgegnete Hitler nach einem seiner berüchtigten Wutanfälle: „Wenn die Entlassung jüdischer Wissenschaftler die Vernichtung der zeitgenössischen Wissenschaft bedeutet, dann werden wir einige Jahre lang ohne Wissenschaft auskommen.“40

Hierarchisches Gefälle – gefällige Bibelexegese

Nach all diesen Tragödien der Nazizeit stellt sich die Frage: Hat Bruder Karrenberg nichts dazugelernt? Neben dieser Grundsatzschrift über die Entstehung und dem Lehrprogramm der Versammlung der Brüder verfasste Kurt Karrenberg unter anderem eine Schrift mit dem Titel Prüfet die Geister! Gemeinde und Gemeinschaft. Das Abendmahl. Auch in eigener Sache hätte die Aufforderung, prüfet die Geister, nicht schaden können.

Wäre Karrenberg, wie viele andere tonangebende Brüder, irgendwer im Irgendwo gewesen, hätte man sagen können, da hätte jemand eine Viertelstunde länger nachdenken sollen und kaum jemand hätte seine Veröffentlichungen registriert. Aber er war, außer den oben erwähnten Funktionen, die er innehatte, zudem Autor von Beiträgen für die Zeitschrift Gnade und Friede und Gute Botschaft, des Dillenburger Kalenders und der in Wuppertal erscheinenden Botschaft. Damit genoss er einen Vertrauensbonus in den hierarchisch strukturierten Brüdergemeinden. Dabei lief Karrenberg als Nichttheologe Gefahr, in Unkenntnis der historischen Zusammenhänge vor rund 2000 Jahren und mehr, nicht nur gefällige Interpretationen der Bibeltexte zu offerieren, sondern zuweilen auch gewagte Interpretationen. Denn wenn man die Bibel wörtlich nimmt, kann man damit auch das Böse legitimieren. Das ist die Tragik des tradierten Konzepts der Brüdergemeinden.

Vielfalt statt Einfalt

Die in den vorausgegangenen Kapiteln beschriebenen Verbrechen gegen die Menschheit, wie das internationale Militärgericht der Alliierten in Nürnberg urteilt, Eugenik und Rassenhygiene, sollten für alle Zeiten der Vergangenheit angehören. Denn vor Gott und dem Gesetz sind alle Menschen gleich. Das sichern heute die Universellen Menschenrechte wie auch das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, in dem es unter anderem heißt: „Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit […] (Art. 2 (1) GG). Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich […] (Art. 2 (2) GG). Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen, ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. (Art. 1 (1) GG).“ Zumindest in Europa leben wir – Gott sei Dank – weitestgehend in Frieden. Wer hätte das vor 1945 gedacht? Keine Feindbilder mehr, keine Kopfgeburten mehr, die aus Menschen anderer Nationen, anderer Hautfarbe Feinde machen. „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauung benachteiligt oder bevorzugt werden“, heißt es in Art. 3 (3) GG.

Wenn ich heute in der Düsseldorfer Altstadt in der Bolkerstraße oder an der Uferpromenade einen Wein trinke, genieße ich gleichzeitig das muntere Treiben des vorbeiziehenden, multikulturellen Publikums – eine bunte Vielfalt, fernab jeglicher eugenischer und rassenhygienischer Normerfüllung wie damals im Dritten Reich. Wer in der Altstadt oder auf der Prachtstraße Königsallee flaniert, erlebt zudem ein babylonisches Sprachengewirr – erst recht zu Messezeiten – von Menschen aus aller Herren Länder. Man begegnet allen Gesellschaftsschichten, jeder Hautfarbe, jeder Moderichtung. Japaner und Chinesen haben mit großen Kolonien ihren Wohnsitz und ihre Niederlassungen in Düsseldorf. Es gibt wieder eine Synagoge (seit 1948, vorher im großen Sitzungssaal des Oberlandesgerichts) und ein jüdisches Gemeindeleben – mit 7.000 Mitgliedern ist sie die drittgrößte Gemeinde in Deutschland. Anstatt Trennendes zu betonen, bemüht man sich, durch einen interreligiösen Dialog Brücken zu bauen. Große arabische Familien-Clans residieren im Sommer im Fünf-Sterne Breidenbacher Hof an der Königsallee, genießen das gemäßigte Klima, lassen sich in den Kliniken medizinisch runderneuern und gehen ausgiebig shoppen. Kein Mensch dreht sich um, wenn die Frauen in schwarzer Burka (Ganzkörperverschleierung) das Straßenbild verändern. Ein Großteil der Düsseldorfer Gastronomie würde zusammenbrechen, wären da nicht die Spanier, Italiener, Griechen, Türken, Japaner, Chinesen und Inder als Betreiber.

Im Rheinland ist man tolerant, kann spontan mit Menschen reden. Hier lässt jeder jeden leben wie sie/ er ist. Deshalb lässt sich’s hier so gut leben. Jeder Jeck is anders ist in Düsseldorf nicht nur eine Redensart, sondern auch Programm. Das ist ein Kontrast zu dem, was mit dem Dritten Reich hinter uns liegt, ein Stück weit auch in dörflichen Gemeinschaften wie auch in streng ausgerichteten christlichen Gemeinschaften.

Mit zwanzig Jahren zog ich nach Düsseldorf. Das ist nicht zuletzt der offenen, unverkrampften rheinischen Lebensart wegen für immer meine Heimat geblieben. Hier konnte ich durchatmen, mir letztlich alle privaten und beruflichen Wünsche erfüllen, unzensiert das kulturelle Leben mit Theater-, Ober-, Konzertbesuchen genießen. Nicht selten führte mich abends der Weg mit Kollegen in die Altstadt, der längsten Theke der Welt. Soziale Kontrolle war Vergangenheit. Dennoch besuchte ich auch in Düsseldorf weitere Jahre die Christliche Versammlung, sang im Chor und hatte vergnügliche Stunden vor allem mit Jugendlichen der Gemeinde, bis ich mich auch von dieser Umklammerung löste. Nun glaube ich zwar immer noch an ein Leben nach dem Tod, aber auch an ein Leben vor dem Tod. Nur noch in großen Intervallen erreichte mich in Düsseldorf der lange Arm der Erziehung meines Vaters.

Wir und die anderen

Glaube nur, glaube nur,

armes Herze glaube nur,

was dein Gott dir hat versprochen,

geht’s auch gegen die Natur!

Er hat nie Sein Wort gebrochen:

Fühlest du, mein Herz, auch keine Spur,

glaube nur, glaube nur.

Glaube nur, glaube nur,

wenn dich das Gewissen schreckt,

und du fühlst dich schuldbeladen,

wenn die Sünde, aufgedeckt,

bei dir zeigt den ganzen Schaden!

Siehst von Bess’rung du auch keine Spur,

glaube nur, glaube nur.

Erbauungslied (Str. 1, 2) von Hermann Heinrich Grafe (1818–1869)

Als Kind wünschte ich mir, so wie die anderen zu sein und von meinen Eltern so akzeptiert zu werden, wie ich bin. Aber in einer Familie mit einem hohen Anspruch an Frömmigkeit war das nicht möglich. Das Prinzip religiöser Normerfüllung oder -abweichung, von gut oder böse, was für Christen zur Dauerreflektion, Selbstzensur oder sogar zum Dauerstress führen kann, war früher – vielleicht auch heute noch – für Mitglieder mancher Kirchen, besonders aber für Gläubige der Evangelischen Freikirchen – damit auch bei uns – Alltag. Dabei zeigen sogar Gestalten der Bibel, dass kein Geschöpf vollkommen ist. Das könnte entlasten und von der Forderung befreien, perfekt sein zu müssen.

Die Vorgaben, was sich schickt, was das Image schädigen könnte, bewegten sich dennoch in unserer christlichen Glaubensrichtung in einem engen Rahmen, der letztlich von einem speziellen Bibelverständnis vorgegeben war und ist.


Das Herz des Menschen

In der bereits zitierten Schrift Versammlungen der Brüder von Kurt Karrenberg aus dem Jahr 1960 ist zu lesen: „Wir halten an der Vollinspiration der Bibel fest und lehnen alle liberale Bibelkritik ab.“41 Im Gegensatz zur historisch-kritischen Theologie sollten also Bibeltexte wortwörtlich absolut irrtumsfrei als Handlungs- oder Verbotsanweisung gelten. Obwohl die Bibel vor mehr als 2000 Jahren in anderen gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen verfasst wurde, reichten die Verhaltensregeln bis hin zur Normierung für die Art der Frisur und Länge der Haare. Kein Geringerer als der US-amerikanische Evangelist Billy Graham hatte sogar behauptet, auch Mode sei Sünde. Dieser Logik folgend blieb da wenig Spielraum für modische Kleidung. Ein Gipfel der Eleganz war das nicht. Von meinem Großvater – ich habe ihn nicht erlebt – wurde berichtet, dass es die heilige Stimmung des Versammlungssaales gebiete, derart gemessenen Schrittes den Raum zu betreten, dass sich die Schnürsenkel nicht bewegen durften.

Bei Karrenberg ist weiter zu lesen: „Es liegt uns daran, daß jedes Glied der Gemeinde sich abgesondert hält von der Welt und ihrem Wesen, daß, vor allem in der Ehe, keine Jochgemeinschaft gepflegt wird mit Ungläubigen. Verfall einer Gemeinde hat sich immer dann eingestellt, wenn die Glieder in der gebotenen Absonderung von der Welt lässig wurden.“42 Heute würde man bei solchem Regulierungseifer sagen: Da ist wohl die EU-Kommission einmal zu viel aktiv geworden.

Die weltabgewandte Lebensweise von manchen Gläubigen und das Festhalten an Glaubenssätzen bergen auch Gefahren. Heikel wird es auch dann, biblischen Weisungen zu folgen, wenn es um die dort geforderte körperliche Züchtigung geht oder darum, der Obrigkeit, sprich: Politikern, gegenüber unterwürfig zu sein. Im Brief von Paulus an die Römer heißt es apodiktisch, ohne Wenn und Aber: „Jede Seele unterwerfe sich den obrigkeitlichen Gewalten; denn es ist keine Obrigkeit, außer von Gott, und diese, welche sind, sind von Gott verordnet. Wer sich daher der Obrigkeit widersetzt, widersteht der Anordnung Gottes; die aber widerstehen, werden ein Urteil über sich bringen.“43 Dieses naive Vertrauen, Gott werde es schon regeln, hatte nicht selten verhängnisvolle Folgen, wie zum Beispiel den Massenmord im Dritten Reich. Auf die christlichen Gemeinden bezogen bedeutet das, in die Politik muss man sich nicht einmischen noch besonders informiert sein. Bequemer geht’s nicht – weder für die Untertanen noch für die Obrigkeit, denn die kann sich damit der Kontrolle entziehen und regieren, wie sie will. Man muss nicht politisch denken, fällt auf politische Phrasen herein, wenn sie nur christlich verpackt sind. Auch auf diesem Gebiet war Hitler ein Meister der Täuschung.

Dergestalt entlastet, kann man sich Wichtigerem zuwenden, wie ich kürzlich entdeckte. In einem der vielen kleinen Ringbücher mit handschriftlich verfassten Predigten meines Vaters las ich zu meinem Erstaunen, was außer dem üblichen Sündenkatalog des Weiteren als Sünde gelten solle. Er schrieb in den fünfziger Jahren: „Heute ist die Sünde zur überströmenden Flut geworden. Kino, Bilder, Bücher, Sport, Schulgefährten, Lehrer, Schulräte, Theologen, Irrlehrer untergraben Gottes Wort und Ordnung.“ Diese Aufzählung ist insofern ungewöhnlich, als Vater normalerweise in der Lage war, seine Theorien mit Bibelzitaten abzusichern. Für die Bewertung von Kino oder Sport aber bietet die Bibel nichts Geeignetes. Abgesehen von dem Generalverdacht, sogar gegenüber Lehrern oder Theologen, macht das eher willkürlich zusammengestellte Sündensortiment unausgesprochen deutlich, dass zwischen der geistlichen, geistigen Welt der Gläubigen und der Welt da draußen, wie es immer hieß, eine imaginäre Grenze verläuft.

Wie so manches der reinen Lehre der Christlichen Versammlung war auch das Konzept der Absonderung ein Plagiat dessen, was andere in anderen Zusammenhängen, anderen Zeiten und anderem Zeitgeist vorgedacht hatten, so das gestörte Verhältnis zu Kulturgütern. Es wird nicht übertrieben sein, wenn es in der Schrift Die Sekten der Gegenwart von Paul Scheurlen heißt: „Die Stellung des ‚Darbysmus‘ zu Welt und Kultur ist völlig ablehnend. Die ‚Welt‘ liegt unverbesserlich im Argen. Aussichtslos und schriftwidrig ist der Versuch, sie mit Kräften des Evangeliums zu durchdringen. Die ‚christliche Welt‘ – welch ein Widerspruch! An Politik und Staatsleben kann sich der Christ nicht beteiligen. […] Die Versammlung treibt geflissentlich Wahlsabotage. Hinsichtlich des Kriegsdienstes empfiehlt sie, nach Posten hinter der Front zu streben. Mit Kunst und Literatur sich zu beschäftigen ist ‚weltlich‘. Der Christ hat damit nichts zu tun. Naturfreude am Sonntag ist unchristlich.“44 Dieser Verhaltenskodex wird dem Theologen J. N. Darby zugeschrieben, der als Gründer und Kopf der Brüderbewegung gilt.

Die unsichtbare Wand


Der breite und der schmale Weg.

Mit freundlicher Genehmigung von Pastorin Cornelia Trick

Der Kinofilm Die Wand nach dem gleichnamigen Roman von Marlen Haushofer macht sowohl deutlich, wie willkürlich Grenzen verlaufen können, als auch, wie unüberwindlich sie zu sein scheinen. Der Film zeigt: Inmitten einer schönen Alpenlandschaft läuft die Schauspielerin Martina Gedeck auf ihren Streifzügen immer wieder gegen eine unsichtbare Wand, hinter der das Leben wie erstarrt erscheint.

Was der Film als harte Realität einer Depression vor Augen führt, kann in Wirklichkeit eine Wand im Leben eines Menschen sein, die er selbst errichtet hat und hinter der er sich gefangen hält, sich dahinter im schlimmsten Fall sogar geborgen fühlt. Wenn zum Beispiel Menschen im Sinne eines noch so gut gemeinten christlichen Paradigmas zum absoluten Gehorsam erzogen werden, sind sie ihrer inneren und äußeren Freiheit wie auch ihrer Individuation beraubt. Sollten sie keinen Ausbruch wagen, ist ihr Leben in unsichtbaren, aber dennoch spürbaren Wänden gefangen. Strikter Gehorsam gegenüber Eltern, Kirche und Staat hat nicht selten immer dann zu Radikalisierung, wenn nicht sogar zu Kriegen geführt, wenn Menschen, Gruppen oder ganze Nationen Exklusivität für sich beanspruchen, andere ausgrenzen oder sogar bekämpfen. So entsteht eine Wand.

Ein Zoo ohne Trennwand

Kürzlich las ich in der Süddeutschen Zeitung (15.04.2014), dass auch der erste israelische Zoodirektor die Bibel beim Wort nahm. Aharon Schulov – so der Name des aus der Ukraine eingewanderten Zoologie-Professors – beherbergte ursprünglich alle 130 in der Bibel erwähnten Tiere in seinem Zoo. Seine biblisch begründete Käfighaltung zeigte aber schon bald Kollateralschäden. Er kannte seine Bibel gut und las bei Jesaja 11,6: „Und der Wolf wird bei dem Lamme weilen; und der Pardel bei dem Böcklein lagern.“ Die Umsetzung dieser Prophezeiung ging schon bald eindeutig zu Lasten der Lämmer und Böcklein. Ob es gelungen ist, Löwen Stroh schmackhaft zu machen, wie es bei Jesaja weiter heißt, ist nicht überliefert.


Der Wolf wird bei dem Lamme weilen; und der Pardel bei dem Böcklein lagern. Gemälde von Franz Hanfstaengl. Mit freundlicher Genehmigung von Hans Grüner.

Pietisten und Brüdergemeinden

Mit Bismarck, der ursprünglich eine eher liberale Religionsauffassung hatte, obwohl dessen Frau pietistischen Kreisen entstammte, entstand im Deutschen Reich eine tolerante Ära nach dem Prinzip: „Jeder soll nach seiner Fasson selig werden.“ Das Zitat stammt von Friedrich dem Großen. Preußen war damals, mit Ausnahme seiner Enklaven im Westen, evangelisch.

Bereits Ende des 17. Jahrhunderts bildeten sich Untergruppierungen der lutherischen Kirche, initiiert zunächst von Philipp Jakob Spener und dessen Anhänger. Sie drängten auf lebendige Herzensfrömmigkeit und werktätiges Christentum gegenüber der damals in der lutherischen Kirche herrschenden bloßen Lehr- und Bekenntnisgerechtigkeit. Der Name Pietist wurde Anfangs in Leipzig von den Orthodoxen als Schimpfname im Sinne von Frömmler für einige junge, durch Spener angeregte Leipziger Magister gebraucht, die seit 1689 erbauliche Vorlesungen über das Neue Testament (collegia pietatis) zu halten begonnen hatten; diese aber nahmen ihn bald als Ehrennamen an. Die neue Bewegung betonte besonders die „Wiedergeburt“ oder „Erweckung“ als Merkmal lebendigen Christenglaubens und in Abkehr von der Kanzelpredigt beziehungsweise Alleinherrschaft der Theologen und professionellen Pastoren in der protestantischen Kirche, die Verkündung des allgemeinen Priestertums.

Als Prediger in Frankfurt am Main, später auch in Dresden, beginnt Spener seit 1670 neben den öffentlichen Gottesdiensten erbauliche Hausversammlungen zu halten, um die Bibel zu erklären. Sein Einfluss breitet sich im universitären Bereich in Leipzig und Berlin aus und führt zu Kontroversen, aber auch zu Besetzungen der theologischen Fakultät in Berlin und Halle. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts bleibt Halle die Inspirationsstätte des Pietismus. Bei den Lehrern der zweiten Generation zeigen sich hier allerdings auch die ersten Schwächen in Form von religiöser Schwärmerei und frommen Phrasen. Die Wiedergeborenen beginnen sich von den Kindern der Welt durch Haarschnitt, Kleidertracht und Kopfhaltung zu unterscheiden und allen Vergnügungen, wie Tanz, Theater, Kartenspiel etc., als Sünde eine Absage zu erteilen. Die Weltkinder werden zunehmend Objekte eines zuweilen zudringlichen Bekehrungseifers.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts flüchtet sich der Pietismus, aus der Theologie zurückgedrängt, immer mehr in einzelne religiös angeregte Laienkreise, die sich dem Zeitgeist der Verstandesbildung entziehen. In Württemberg und den Rheinlanden rekrutieren sich Pietisten aus den mittleren und niederen Volksschichten, während er anderenorts in hocharistokratischen Kreisen als eine Art Mode gepflegt und von Schönen Seelen auch als ästhetisch ansprechend empfunden wird. Unter dem Schutz Friedrich Wilhelms IV. tagt im September 1857 in Berlin ein Zusammenschluss aller pietistischen Parteien, die sogenannte Evangelische Allianz. Hier soll es zu einer Verbrüderung aller evangelisch-freikirchlichen Gruppierungen kommen. In der sogenannten preußischen Hofpredigerpartei finden schließlich Gruppen mit pietistischen Neigungen und solche mit einer ausgeprägten Orthodoxie zusammen. In Württemberg hingegen halten sich Pietisten von kirchenpolitischen Herrschaftsstrukturen fern.45

Brüder im Herrn

Einen anderen Ursprung hatten die Brüdergemeinden, denen unsere Familie angehörte. Ihr geistiger Vater war der Brite John Nelson Darby. Seine späteren Anhänger nannte man auch Darbysten oder Plymouthbrüder. Darby stammte aus einer angesehenen Familie Irlands, studierte Jura und war als Advokat tätig. Plötzlich bekehrt, wandte er sich der Theologie zu und wurde zunächst Geistlicher der anglikanischen Kirche, bis er Zweifel an der Rechtmäßigkeit der kirchlichen Ordination bekam. Mit der Berufung auf das allgemeine Priestertum, wie es die Bibel empfiehlt, forderte er die Gläubigen aus kirchlichen Gemeinden dazu auf, sich in freien Vereinen zu versammeln. Das taten auch zahlreiche erweckte Christen, zunächst auch unter den gehobenen Ständen. Sie nannten sich Brüder, auch Brüder im Herrn und, weil in der Stadt Plymouth zuerst eine größere Zahl von ihnen zusammenfand, Plymouthbrüder. In anderen Orten bildeten sich ähnliche Gemeinschaften.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es auch in Dublin (Irland) eine besondere Erweckungsbewegung, die sich über die britischen Inseln nach Frankreich, Holland, Dänemark, Schweden, in die Schweiz und schließlich auch bis Deutschland, die Vereinigten Staaten und bis in die Kolonien ausbreitete. Einer dieser Christen, die das Wort Gottes verkündeten, sich von der Welt absonderten, gleichzeitig die baldige Wiederkunft Jesu erwarteten, war der Zahnarzt und spätere Missionar Anthony Norris Groves. Zu diesen Kreisen fand Darby Kontakt.

Großbritannien, das seit Jahrhunderten freiere Versammlungsrechte besaß, gab entscheidende Impulse für die sogenannte Brüderbewegung. Die Einflussnahme der Briten auf den deutschen Evangelischen Brüderverein erfolgte Mitte des 19. Jahrhunderts. 1852 kam es bereits zu einer Spaltung in zwei Richtungen. Auf der einen Seite ist es die „Freie evangelische Gemeinde“ (H. H. Grafe) und auf der anderen Seite sind es die Elberfelder Brüder (C. Brockhaus).

Nachdem sich die Bewegung in vielen Ländern ausgebreitet hatte, kam sie in England wegen dogmatischer Streitigkeiten ins Stocken. Über die Streifrage, ob Jesus sündlos war, drohten die englischen und waadtländischen (Schweizer) Darbysten in zwei feindliche Parteien zu zerfallen.

Zwischen Thron und Altar

Wie bereits erwähnt, hatte der Reichskanzler Otto von Bismarck eine eher liberale Religionsauffassung. Die Brüder in Deutschland – aber nicht nur diese – hatten bis zum Ende des deutschen Kaiserreiches unter fürstlichen Obrigkeiten gelebt, die ihnen meistens wohlgesonnen waren. Die Obrigkeit hatte allerdings an Kirchen und Freikirchen einen Anspruch an Loyalität. Zur Zeit Luthers stand der Landesfürst zugleich an der Spitze der Kirche. Der Pfarrer war als Untergebener vom Wohlwollen des Herrschers und auch finanziell von ihm abhängig. Was liegt da näher, als sich als Verbündeter und Repräsentant dem Landesfürsten zu verpflichten und sich sogar mit dem Fürsten oder später mit dem König zu identifizieren. Die enge Anbindung der evangelischen Kirche an die weltliche Macht blieb über Jahrhunderte bestehen. Der Schulterschluss zwischen Pfarrer und Obrigkeit war geradezu nahtlos. Damit war die Allianz zwischen Thron und Altar besiegelt. Es wurde gebetet für den Herrscher, später sogar auch für Adolf Hitler, Gesetze wurden von der Kanzel verkündet.46 Abgesichert war die devote Haltung der Christen gegenüber der Obrigkeit durch das Bibelwort im Römerbrief des Apostels Paulus, jedermann sei untertan der Obrigkeit …

Wie Friedhelm Menk schreibt, war die „geistlich enge Verbindung zwischen Thron und Altar auch für Freikirchen mit zu einem Stück ihres Wesens geworden.“47 Diese Haltung machte es den Christlichen Versammlungen unmöglich, nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg eine positive Beziehung zu der demokratisch gewählten Obrigkeit der Weimarer Republik zu finden. Obwohl die Bibel Gehorsam gegenüber der Obrigkeit fordert, „um des Herrn Willen“48, hieß es auf einmal: Für so eine gottlose, sozialdemokratische Regierung kann man doch nicht beten.49 Mit dieser Einstellung begaben sich die Brüder allerdings in Konflikt mit der biblischen Vorstellung, dass die Obrigkeit von Gott verordnet sei und jeder, der sich dem widersetze, der Ordnung Gottes widerstehe.

Du sollst nicht töten!

Während unter englischen Brüdern die vorherrschende Meinung bestand, ein Christ solle nicht auf Befehl der Obrigkeit zu den Waffen greifen50, sprach man in Deutschland in den Botschafter-Jahrgängen 1914/18, einer christlichen Zeitschrift der Brüdergemeinden, von der gerechten deutschen Sache und dem guten Gewissen, das man im Blick auf die Entstehung und Führung des Krieges haben könne. Ein prominenter deutscher Vertreter, der offenbar Altar, das heißt Christentum, und Thron perfekt in seiner Person vereinte, war General Georg von Viehbahn (1840–1915). Nach dem Abitur lernte er nichts anderes als das Kriegshandwerk und wurde folglich Berufssoldat. Denn Adel verpflichtet, wie man sagt. In Zeiten der Monarchie gab es unter anderem den Landadel und den Schwertadel. Die einen bewahrten die Latifundien, die ihnen irgendwann geschenkt worden waren, die anderen vermehrten den Besitz durch kriegerische Überfälle auf den Besitz anderer Nationen. Wenn ein Angehöriger der kaiserlichen Garde besonders erfolgreich war, konnte ihm der Kaiser den Adelstitel verleihen und/oder ein Stück Land schenken.

Als Königlich-Preußischer Generalleutnant nahm Georg von Viehbahn an drei Kriegen teil, die alle naturgemäß eine Blutspur hinterließen. Einer seiner Leitsprüche war: „Rosse werden zum Streittage bereitet, aber der Sieg kommt von dem Herrn.“51 Beispiele für Kriegsführung und Völkermord und deren Legitimation gibt es im Alten Testament schließlich reichlich. Wenn der Sieger das auserwählte Volk war, handelte es sich trotz hoher Verluste auf der Verliererseite um eine gerechte Sache, wie später auch im Deutschen Reich, wenn es darum ging, Feinde zu besiegen oder Angriffskriege zu führen.

In einer von Georg von Viehbahn verfassten Schrift ist zu lesen: „Es ziemt einem echten Christen, der mit seinem soldatischen Dienen Jesum verherrlichen will, Hohes als Offizier zu leisten. […] Das hohe Ideal jedes Soldaten, seine Truppe siegreich gegen den Feind zu führen, ist auch für den gläubigen die Krone seiner soldatischen Wünsche. Wie er vor jedem Gefecht seinen Herrn mit heißem Flehen um Gelingen an ruft, so wird er nachher Sieg und Ehre aus seiner Hand nehmen.“52

Vielleicht ist irgendwo überliefert, ob von Viehbahns christlichem Gewissen die Kriegsverluste diesseits und jenseits Sorgen bereitet haben. Er machte einerseits Karriere beim Militär, andererseits gab er das Evangeliumsblatt heraus und ein weiteres Blatt mit dem Titel Schwert und Schild. In einer weiteren Schrift, Verlobung und Verheiratung der Gläubigen, warb er ganz im Sinne der Eugenik mit den Worten: „Leibliche Gesundheit ist gottgewollte Vorbedingung für eine gottgewollte Verlobung. […] Gesunde Kinder sind nur von gesunden Eltern zu erwarten. Es ist nicht gottgewollt, eine Ehe einzugehen, welcher gesunde Kinder nach menschlicher Vorausschau versagt bleiben müssen.“53

Von Viehbahn war Mitgründer der Allianz-Bibelschule in Berlin, dem heutigen Forum Wiedenest in Bergneustadt. Gleich im ersten Jahr des Ersten Weltkrieges trafen ihn die Folgen eines Krieges doch noch ganz persönlich. Zwei seiner Söhne fielen an der Front. Diese Verluste gingen ihm so nah, dass er nur ein Jahr später am 15. Dezember 1915 verstarb.54

Warum ich das so schreibe? Der Name von Viehbahn ist mir als Kind und in meiner Jugend immer wieder zu Ohren gekommen, sozusagen als Lichtgestalt. Er war General, adelig und dann auch noch Christ und Evangelist. Das war eine Menge Prestige. Von ihm ging meines Erachtens ein gewisser Glanz auf unsere christlichen Kreise aus, neudeutsch würde man sagen: ein Imagetransfer. Wenn so ein prominenter Mann auch noch gläubig war, dann konnte das auch eine positive Einstellung zum Kriegshandwerk mit sich bringen und einen sogenannten gerechten Krieg daraus machen. Nicht selten dienten der Politik und dem Militär christlicher Nationen die zahlreichen Vorlagen des Alte Testaments als Rechtfertigung für Kriegseinsätze. Nicht erst heute ist mir klar, dass sich beides schwer vereinbaren lässt. Das hatten die englischen Brüder erkannt und kündigten ihren Dienst an der Waffe, sobald sie sich bekehrt hatten, so auch mein Ururgroßvater Johann Heinrich Schwarz aus Alchen (1806–1849). Auch er war ein gläubiger Christ.

Ururgroßvater – der Kriegsdienstverweigerer

Als einer der wenigen Vorfahren hinterließ unser Ururgroßvater seine Lebensgeschichte in Form eines ausführlichen Tagebuches. Auf dicken vergilbten Blättern erfahren wir unter anderem von seinen erfolgreichen Bemühungen, als Kriegsdienstverweigerer anerkannt zu werden. Er lebte in turbulenten Zeiten. 1813 brachte der deutsche Befreiungskrieg gegen Napoleon die Unabhängigkeit zurück. In dem Krieg bis 1818 – nun angeführt von den Preußen und ihren verbündeten Mächten – wurde das Siegerland von den durchziehenden Truppen wiederholt heimgesucht. Das erklärt auch die Abneigung von Johann Heinrich Schwarz, Soldat zu werden, obwohl just zu dieser Zeit die Wehrpflicht eingeführt worden war. Denn im Zuge der Neuordnung Europas wurden die Rheinlande und Westfalen den Preußen zugesprochen. Damit waren gleichzeitig junge Männer in Westfalen beziehungsweise im Siegerland zur Allgemeinen Wehrpflicht gezwungen, die von Preußen 1814 eingeführt wurde. Karl v. Clausewitz (1780–1831) erklärte damals mit einem Zitat den Krieg als Normalfall. In seiner Schrift Vom Kriege (1816) heißt es: „Der Krieg ist nichts als die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.“


Sohn und Familie des oben erwähnten Ururgroßvaters Johann Heinrich Schwarz. Hier Ludwig Ferdinand Schwarz (1837–1893) und Katherine, geb. Lütz (1835–1879), und Kinder Carl, Anna, Lina, Berta. Ludwig Ferdinand aus Alchen bei Siegen predigte sonntags in Westerwaldörfern in neu gegründeten Christlichen Versammlungen. Im Nachruf heißt es: „Mit viel Weisheit und Verständnis legte er die Schriften aus, daß alle bis ins Innerste davon berührt waren.“

Brautschau in der Christlichen Versammlung

Ihr Weiber seid unterwürfig euren eigenen Männern, als dem Herrn. Denn der Mann ist das Haupt des Weibes, wie auch der Christus das Haupt der Versammlung ist; er ist des Leibes Heiland. Aber gleichwie die Versammlung dem Christus unterworfen ist, also auch die Weiber ihren Männern in allem. […] Doch auch ihr, ein jeder von euch liebe sein Weib also wie sich selbst; das Weib aber, daß sie den Mann fürchte.

Der Brief an die Epheser von Apostel Paulus (5,22-24 u. 33)

Wäre ich den Vorstellungen und Wünschen meiner Eltern, speziell meines Vaters, gefolgt, hätte ich eine Frau aus unseren christlichen Kreisen geheiratet. Es gab nur einen vergeblichen Versuch meines Vaters, der bei mir allerdings kein Gehör fand. Er hatte die Auserwählte auf Reisen irgendwo im Westerwald entdeckt. Sie führte einen Tante-Emma-Laden. Ohne sie je gesehen zu haben, sagte ich: „Nein, danke.“ Obwohl immer die Drohung im Raum stand, Ehen mit Partnern aus unterschiedlichen Glaubensrichtungen oder ohne Zugehörigkeit zu einer Kirche oder Gemeinde würden über kurz oder lang scheitern, feiere ich mit meiner Frau Uschi in absehbarer Zeit Goldene Hochzeit.

Meine Eltern hatten sich – wie im Idealfall – in der Christlichen Versammlung in Wattenscheid im Ruhrgebiet kennengelernt und in dieser Stadt die Familie und einen Vertrieb für Bürobedarf gegründet. Beide Elternteile kamen aus einem christlichen Elternhaus, Mutter Gretchen aus dem Siegerland, Vater Friedrich Ferdinand aus dem Ruhrgebiet. Als Gretchen Schwarz in Wattenscheid als Haushaltshilfe begann, besuchte sie sonntags wie gewohnt die Christliche Versammlung. Dort saß der große schöne Mann, den sie von Stund an liebte, bis der Tod sie nach 43 Ehejahren schied. Mutter war 21 Jahre alt, Vater sieben Jahre älter. Vater war, wie man sagt, schon ein gestandener Mann, hatte eine Kaufmannslehre beendet, als Soldat ein Intermezzo im Ersten Weltkrieg hinter sich und war inzwischen selbstständig. Wie ich jüngst in einem der vielen handschriftlich verfassten Predigtbüchern meines Vaters las, hatte er klare Vorstellungen von Haus- und Rangordnung. Er schreibt: „Die jungen Frauen sollten auf ihrem gottgewollten Platz und ihre gottgewollte Aufgabe hingewiesen werden: ihre Männer zu lieben, ihre Kinder zu lieben, keusch mit häuslichen Arbeiten beschäftigt, gütig, den eigenen Männern unterwürfig sein. Dann bleibt keine Zeit mehr übrig zu fremden und bösen Dingen.“ Damit lag Vater ganz auf der Linie der Bibel, die dem Mann einen höheren Rang und größere Freiheit einräumt als der Frau, zum Beispiel das alleinige Recht zur Ehescheidung. Angesichts der vielen Formen der ehelichen Gemeinschaften – bis hin zur Polygamie –, die sich im Alten Testament finden, gibt es in der hebräischen Bibel keinen Begriff für Ehe.

Unbeschadet dessen sind die Regeln für das Zusammenleben auch im Neuen Testament klar, wenn es in Kolosser 3,18 heißt: „Ihr Weiber, seid euren Männern unterwürfig, wie es sich geziemt in dem Herrn. Ihr Männer, liebet eure Weiber und seid nicht bitter gegen sie.“ In Epheser 5,22, wie am Anfang des Kapitels zitiert, wird Ähnliches wiederholt. Das sind für die Männerwelt angenehme Hierarchien und Privilegien, die in einer patriarchalischen Gesellschaftsordnung, einer anderen Kultur und Zeit entstanden sind. Frauen standen damals ihr ganzes Leben in Abhängigkeit, zunächst vom Vater, dann vom Mann und schließlich sogar vom Sohne. Solche Gesellschaftsmodelle auf die heutige Zeit zu übertragen, ist schon sehr ambitioniert.

Ehefrau Gretchen war nach fünf Jahren Haushaltshilfe schon bald Hausfrau, Mutter und Gehilfin in Vaters kleinem Schreibwarengeschäft. Emanzipation der Frau konnte noch Jahrzehnte eine Utopie bleiben, nicht nur in christlichen Kreisen.

Im Januar 1933, zeitgleich mit der Machtergreifung Hitlers, zog die inzwischen fünfköpfige Familie aus dem Ruhrgebiet in Mutters alte Heimat Siegen zurück. Dort gab es in der großen Sippe der Schwarz-Verwandtschaft Schutz, den man im Ruhrgebiet nicht mehr fand. Zur Zeit des Umzugs wurden die drei Kinder in Omas Haus nach Weidenau geschickt. In Siegen angekommen, gab es noch Restbestände an Schreibwaren und Bürobedarf aus Vaters Vertrieb in Wattenscheid als Erstausstattung für das neue Geschäft in der Tiergartenstraße.

Mutter war zu diesem Zeitpunkt mit meiner Schwester Gretel schwanger und muss wohl nach dem Umzug und der Versorgung von drei Kindern blass und mitgenommen ausgesehen haben. In seltenen Fällen half sie auch schon einmal im Laden aus, der etwa zehn Minuten Fußweg von der Wohnung entfernt lag. Heute spricht man in solchen Fällen von Doppel- oder Mehrfachbelastung einer Hausfrau und Mutter.

Das veranlasste die ältere Mutter eines benachbarten Lebensmittelhändlers, ihr eines Nachmittags ein Gebäckteilchen und Kaffee vorbeizubringen. Mutters Beine waren von ihren ersten Tätigkeiten vorgeschädigt. In ihrer Zeit als Haushaltshilfe durfte sie keine Arbeit sitzend verrichten. Das muss der Anfang ihrer Beinbeschwerden gewesen sein. Nach ihrem Schulabschluss mit vierzehn Jahren hatte sie rund fünf Jahre in Haushalten gestanden. Da es im Wattenscheider Laden wegen der hohen Arbeitslosigkeit wenig zu tun gab, saß Mutter kurz vor dem Umzug nach Siegen mit hochgelegten Beinen und handarbeitete. Sie strickte für meinen älteren Bruder Ferdinand mit blauer Wolle einen kleinen Anzug und wunderte sich, woher plötzlich ein roter Faden kam. Sie griff danach und merkte, dass es Blut war. Da hatte sie das erste Mal ein offenes Bein. Solche Situationen wiederholten sich, wenn zum Beispiel auf einem Spaziergang eine Krampfader platzte. Sie behandelte die Beine mit Zinkleimverbänden und trug Stützstrümpfe. Ihre Beinbeschwerden veranlassten sie, sich regelmäßig nach Tisch, nachdem sie in der Küche vor dem Herd gestanden hatte, für eine Stunde hinzulegen. Spülen war selbstverständlich Gemeinschaftsarbeit der Kinder.

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