Kitabı oku: «Die Bewohner von Plédos», sayfa 3

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„Glaubst du, dass so etwas funktionieren kann?“

„Wenn der Baum groß und stark genug ist und die Geschwindigkeit, mit der die Kapsel geschnalzt wird, so hoch ist, dass sie die Anziehungskraft der Erde überwindet – dann vielleicht! Natürlich dürfen wir auch einen Fallschirm nicht vergessen, den wir allerdings erst auf Pessian einsetzen dürfen.“

„Aber wie sollen wir dann von Pessian wieder nach Hause zurückkommen?“, fragte Idan.

„Da hast du auch wieder recht. Also vergiss es lieber!“

„Es gibt noch eine andere Möglichkeit“, meldete sich da eine Stimme. Äffchen und Idan blickten sich um. Es war Kuno Weißhaar.

„Soviel ich weiß, ist es noch vor wenigen hundert Jahren einigen Abenteurern gelungen, eine Reise nach Pessian zu unternehmen“, sagte er.

„So? Und wie?“, fragte Äffchen.

„Über den Turm von Gorkan.“

„Der große Himmelsturm von Gorkan, in Íoland? Aber der wurde vor dreitausend Jahren zerstört.“

„Ja, das sagt man, aber das ist ein Gerücht. Der Turm von Gorkan steht, das haben mir meine Verwandten bezeugt. Er ist im südlichen Urwald verborgen. Gorkan ist vor dreitausend Jahren zerstört worden, das ist wahr, aber der Turm ist erhalten geblieben. Er ist bis zum Blätterdach des Waldes von Schlingpflanzen umwachsen.“

„Aber wie kommt es, dass er nicht aus der Ferne oder von einem Flugzeug aus gesehen wird?“, fragte Äffchen.

„Das hängt damit zusammen“, erwiderte Kuno Weißhaar, „dass die Erbauer des Turmes diesen mit einer wetterfesten Tarnfarbe angestrichen haben. Es handelt sich um eine sogenannte Wechselfarbe, die die Eigenschaft besitzt, sich an die Farbe der Umgebung vollständig anzupassen, sodass der Turm nicht gesehen werden kann.“

„Das heißt, der Turm ist unsichtbar?“, fragte der kleine Idan.

„Gewissermaßen. Allerdings kann man nicht durch ihn hindurch sehen.“

„Und wie kommt es, dass noch kein Flugzeug mit ihm zusammengestoßen ist?“

„Der südliche Urwald von Íoland ist für den Flugverkehr gesperrt“, erwiderte Kuno Weißhaar. „Er war es schon immer, denn die Íoländer wollen ihren Urlaub in den Urwäldern ungestört verbringen. Sie verabscheuen fremde Geräusche, wie sie von Flugzeugen ausgelöst werden.“

„Wie war es möglich, dass der Turm damals nicht mit der Stadt zusammen zerstört worden ist?“, wunderte sich Äffchen.

„Du kennst doch die Geschichte! Als Gorkan von Feinden belagert wurde, wurden die Bewohner gezwungen, ihre Stadt zu zerstören bis auf den Turm. Den wollten die Feinde zu ihrem Zweck verwenden. Nun heißt es, die Einwohner Gorkans hätten auch den Turm zerstört, um zu verhindern, dass er in den Besitz der Feinde gerät. Das haben sie aber nicht, sondern sie haben ihn mit einem Material bestrichen, das die Farbe der Umgebung annimmt, bis in die Wolken hinauf. So konnte er von den Feinden nicht entdeckt werden und man hat ihnen gesagt, der Turm sei zerstört worden. Viele Einwohner von Gorkan sind in dem Turm den Feinden entkommen und wurden nicht mehr gesehen.“

„Und der Turm von Gorkan ist tatsächlich hundertfünfzigtausend Kilometer hoch?“, fragte Äffchen.

„Hunderttausend Kilometer. Er ist hunderttausend Kilometer hoch!“

„Sehr schön! Und die restlichen fünfzigtausend Kilometer können wir dann wohl nach Pessian springen?“

„Du beliebst zu scherzen“, sagte Kuno Weißhaar. „Der Turm enthält einen Fahrstuhlschacht. In diesem können Fahrstühle auf eine so hohe Geschwindigkeit beschleunigt werden, dass sie aus der Spitze des Turmes nach Pessian abgeschossen werden können. Sie sind auch oben mit einem Fallschirm versehen.“

„Sehr schön. Was für ein Glück, dass Pessian eine Atmosphäre hat und der Fahrstuhl durch den Fallschirm gebremst werden kann. Aber – wenn wir schon mal dort sind – wie kommen wir wieder zurück?”

„Die Fahrstuhlkapsel enthält, soviel ich weiß, ein eigenes Triebwerk. Damit kann man zumindest bis zur Spitze des Turmes zurückfliegen.“

„Gut“, sagte Äffchen, „unter dieser Bedingung können wir es wagen. Die Frage ist jetzt nur noch: Wie kommen wir nach Íoland?“

„Auch das dürfte nicht weiter problematisch sein. Ich habe Beziehungen zu Kuno-Stämmen an der Küste, die ständig mit Seeleuten in Verbindung stehen. Diese Seeleute aus Íoland treiben Handel mit meinem Volk. Manchmal kommen auch Abenteurer nach Rüsselschwein, allerdings nur selten, sehr selten Touristen. Vielleicht haben wir Glück, und es schließen sich uns einige Abenteurer an. Für die Reise zur Küste könnte ich euch einige Reittiere zur Verfügung stellen.“

„Abgemacht“, sagte Äffchen. „Kommst du denn mit?“

„Was wird mir anderes übrig bleiben?“, erwiderte Kuno Weißhaar. „Ohne mich findet ihr nie den Turm von Gorkan.“

Die Expedition

Silena hatte ein Geheimnis. Ihre Geweihansätze leuchteten bei Nacht wie kleine Glühbirnen. Und es war nicht dieses Leuchten allein, ein Leuchten in vielen Farben, das die Bewohner des Märchenwaldes erfreute, die Geweihansätze sangen auch, während sie leuchteten. Sie klangen in verschiedenen Tönen, wie der Wind klingt, wenn er durch eine geheimnisvolle Kraft geformt wird. Es war dieses Singen, Klingen und Tönen, das die Bewohner des Märchenwaldes vermissten. Und sie waren sich einig: Hätten sie diese Geweihansätze zurück, so würde wieder Freude herrschen unter den Bewohnern des Märchenwaldes, wie zu der Zeit, da Silena noch lebte. Es gab noch andere Gründe, warum gefordert wurde, dass man eine Expedition in die Ganganjer-Schlucht unternehmen sollte: Der Körper Silenas sollte einer ehrenvollen Beerdigung zugeführt werden. Da seit der Gründung des Waldes vor hunderten Jahren wie durch ein Wunder keiner seiner Bewohner jemals gestorben war, als hätte die hohe Lebensdauer der beiden Riesen auch auf die Tiere abgefärbt, so wusste natürlich niemand, was eine Beerdigung war – bis zu dem Tag, an dem Silena zu Tode kam. Danach hatten die beiden Riesen den Tieren von dem Brauch der Begräbnisse erzählt und es bedauert, dass der Körper der armen Hirschkuh fern von ihren Angehörigen in der Ganganjer-Schlucht verschollen war, statt eine ehrenvolle Beerdigung zu erhalten. Die Tiere hatten den Riesen sofort geglaubt, dass es etwas Herrliches sein müsse, beerdigt zu werden, und forderten nun, Silena müsse geborgen werden. Die Riesen sollten sie ihnen holen. Idan und Oler aber verbaten dies streng. Eine Reise in die Ganganjer-Schlucht sei viel zu gefährlich. Selbst wenn es dem Abenteurer gelänge, all die Gefahren zu überwinden, die auf dem Weg nach unten auf ihn lauerten, so warte dennoch am Grunde der sichere Tod. Denn wie in den schwindelnden Höhen der Berge der Luftdruck stetig abnimmt und man den inneren Druck der eigenen Ohren spüre, so sei am Grunde dieser unbeschreiblich tiefen Schlucht der Luftdruck um ein Vielfaches höher. Kein Wesen aus der oberen Welt könne den Druck überleben. „Bedenkt“, sprach Oler zu den versammelten Tieren, „die Tiefe der Ganganjer-Schlucht übertrifft die Höhe der höchsten Berge um das Mehrhundertfache. Vergegenwärtigt euch, wie bereits auf einem Berg von siebentausend Metern Höhe die Ohren wehtun wegen des geringen Außendruckes. Bär Porbulo, der schon so manche Reise unternommen hat mit seinen Getreuen, kann euch ein Lied davon singen. Nun stellt euch vor, dass in demselben Maße, wie mit zunehmender Bergeshöhe der Luftdruck abnimmt, derselbe mit wachsender Tiefe steigt, so könnt ihr erkennen, welcher immense Druck den Abenteurer am Grunde der Schlucht erwartet.“

Die Tiere des Waldes bestaunten die Weisheit Olers und glaubten ihm. Sie fügten sich in ihr Schicksal, wohl niemals wieder in den Genuss der glühenden Geweihspitzen Silenas zu gelangen oder ihr ein Grabmal errichten zu können. Auch würde ja sicher Silenas Geweih nicht mehr leuchten, wenn sie nicht lebte, versicherte ihnen der Riese.

Erfinder-Äffchen aber war anderer Meinung. Es war zu der Erkenntnis gekommen, dass das Geweih Silenas durch einen chemischen Prozess leuchte und singe und dass es einen Weg geben müsse, diesen Prozess auch künstlich in Gang zu setzen, sobald die Überreste der Hirschkuh gefunden würden. Auch ging es davon aus, dass die Ganganjer-Schlucht nur einen schmalen Spalt ausmachen würde im Verhältnis zur übrigen Erdoberfläche. Das Luftmeer könne daher auf diesem nicht auf dieselbe Weise lasten wie auf der Erdoberfläche und es dringe nur ein geringfügiger Teil davon in die Schlucht, der entsprechend verdünnt werde. Diese Luftverdünnung werde wiederum ausgeglichen durch die zunehmende Schwerkraft. Es müsse also möglich sein, am Grunde der Schlucht ganz normal zu atmen und zu überleben. Äffchen hatte diesen Einwand vorgebracht, aber er war von den Riesen Idan und Oler nicht anerkannt worden. Darum hatte es beschlossen, das Unternehmen heimlich und auf eigene Faust zu planen.

Erfinder-Äffchen hatte heimlich zu einer Expedition in die Ganganjer-Schlucht aufgerufen. Es meldeten sich mehrere Freiwillige. Diese waren der kleine Idan, Kuno Weißhaar und sein Vetter Schwarzschopf und der große Bruder von Erfinder-Äffchen, den man unter dem Namen „Großer-Bruder-Affe“ kannte. Oler und der große Idan durften nichts davon erfahren, denn sie hätten gewiss sofort die Abenteurer an ihrem Unternehmen gehindert. Sämtliche Erkundigungen der Schlucht waren in der Vergangenheit daran gescheitert, dass die Wände zu glatt und zu steil waren. Und niemand kannte ein Seil, das lang genug gewesen wäre, um bis auf den Grund zu reichen. Darum hatte Erfinder-Äffchen anfangs an einen Heißluftballon gedacht, mit dem man hinunterschweben konnte. Aber dessen Herstellung wäre so aufwendig und der Ballon selbst so groß gewesen, dass es den Riesen sicher aufgefallen wäre. Darum hatte sich Erfinder-Äffchen ein neues Strickleitersystem ausgedacht. Dieses bestand aus einer langen ringförmigen Strickleiter, an deren beiden Polen sich künstliche Saugschrauben befanden. Was Saugschrauben waren, das wusste der kleine Idan anfangs auch noch nicht. Es handelte sich um wurmartige Tiere, die sich mit Hilfe extrem starker Saugnäpfe an glatten Wänden empor angeln konnten. Das Geheimnis, wie sich diese Saugnäpfe automatisch wieder lösen ließen, hatte Erfinder-Äffchen herausgefunden. Sie reagierten auf Spannung. Aber dieses Prinzip konnte im Falle der künstlichen Saugschrauben nicht angewandt werden. Erfinder-Äffchen hatte sich etwas anderes einfallen lassen. Es hatte nämlich eine kleine Klappe an der Oberfläche der großen künstlichen Saugnäpfe angebracht, die man öffnen konnte. Und wenn man sie öffnete, drang Luft in den Hohlraum zwischen Saugnapf und angesaugtem Gegenstand, es kam zu einem Druckausgleich und der Saugnapf sprang ab. Der Plan war nun folgender: Die Strickleiter sollte an ihrem oberen Pol mithilfe des Saugnapfes an der Wand des Abhangs befestigt werden. Dann würden die Expeditionsteilnehmer – zwei auf jeder Seite – an der ringförmigen Strickleiter herabsteigen und, unten angekommen, diese mithilfe ihres am unteren Pol angebrachten Saugnapfes an der Wand befestigen. Natürlich musste einer oben bleiben, der, nachdem die Strickleiter unten befestigt war, den oberen Saugnapf mithilfe der Klappe von der Wand lösen musste, und für diese Aufgabe hatte sich der Große-Bruder-Affe bereit erklärt, der sich durch besondere Geschicklichkeit im Klettern und Lianenschwingen auszeichnete. Nachdem er den oberen Saugnapf gelöst hatte, sollte er die Strickleiter an ihrem unteren Pol fassen und sich nach unten schwingen, während sich die anderen vier unten an der Strickleiter festhielten. Natürlich hätte ein solches Hinunterschwingen eigentlich zur Folge gehabt, dass der Große-Bruder-Affe unten mit voller Wucht an die Wand der Schlucht geprallt wäre. Um solches zu vermeiden, trug er an den Füßen große Sprungfedern, mit denen er gezielt auf der Felsenwand aufkommen musste und noch einige Zeit in Ruhe abfedern konnte. Natürlich wurden dadurch die vier anderen am unteren Pol der Strickleiter Hängenden ebenfalls erheblich erschüttert und mit dem Rücken gegen die Wand des Abhangs geschlagen, und um den Aufprall zu dämpfen, trugen sie ebenfalls Sprungfedern auf ihrem Rücken. Wenn sie abgefedert und zur Ruhe gekommen waren, sollten sie wieder – zwei auf jeder Seite – die Strickleiter hinunterklettern, um den einstigen oberen Saugnapf, der jetzt zu unterst hing, an der Felswand zu befestigten. Zur gleichen Zeit sollte der Große-Bruder-Affe nach oben klettern, um den oberen Saugnapf wieder zu lösen. Dieses Verfahren sollte solange wiederholt werden, bis sie unten angekommen waren. Und so wurde es auch gemacht. Da die Reise lange und beschwerlich werden würde und es nicht möglich war, so viele Lebensmittel mitzunehmen, hatte Erfinder-Äffchen ein kleines Gerät mitgenommen, das es „Rückwärtsgang“ nannte. Das war kein gewöhnlicher Rückwärtsgang wie bei einem Kraftfahrzeug – so dachte wenigstens Erfinder-Äffchen. Dieses Gerät sollte dazu dienen, die Zeit umzukehren, wie in einem Film. Erfinder-Äffchen hatte das Gerät aus dem Rückwärtsgang eines tatsächlichen ausrangierten Kraftfahrzeuges entwickelt, das die Kunos aus Gandovir, einer Touristenstadt an der Nordküste, herbeigeschleppt hatten. Es war ernsthaft der Auffassung, dass ein Vorgang, der für den Raum gelte, nämlich das Rückwärtsfahren, sich auch auf die Zeit anwenden lasse. Kuno Weißhaar und sein Vetter Schwarzschopf hatten dagegen eingewandt, dass man die Zeit nicht zurückdrehen könne. Dies sei deshalb nicht möglich, weil es nur Bewegungen, aber keine Zeit an sich gäbe, die man zurückdrehen könne. Aber Erfinder-Äffchen war anderer Ansicht. Wenn man in der Erinnerung zurückgehen könne, dann müsse man das auch in der Wirklichkeit können und dieses Zurückgehen in der Wirklichkeit sei ein Zurückgehen in der Zeit. Der kleine Idan wollte sich an solchen Diskussionen nicht beteiligen. Sie waren viel zu kompliziert für ihn. Jedenfalls hatte Erfinder-Äffchen seine eigene Meinung darüber, was Zeit war. Wenn man die Zeit zurückdrehen könne, so meinte es, dann müsse es möglich sein, einen Vorgang, der sonst Energie erfordere, auch ohne Zufuhr von Energie zu erzeugen. „Wenn ich ein Haus baue, stecke ich viel Energie hinein“, sagte Äffchen. „Wenn ich es zerstöre, brauche ich nur wenig Energie. Wenn ich es aber aus dem zerstörten Zustand wiederherstelle, indem ich die Zeit umkehre, brauche ich so gut wie keine Energie. Ich brauche also nur die Zeit umzukehren, die Träger der Bewegung ist, und schon hat sich die Sache!“ So argumentierte Äffchen.

„Man kann nicht die Zeit umkehren“, sagte Kuno Weißhaar. „Zeit bezeichnet nur Bewegungsdauer und wenn man etwas bewegen will, dann muss man Energie hineinstecken. Und man braucht mehr Energie, wenn man etwas aufbaut, als wenn man es zerstört. Eine bloße Dauer aber kann man nicht umkehren und wenn man die Sache recht betrachtet, dann gibt es so etwas wie Dauer eigentlich gar nicht, zumindest nicht in unserer Welt. Außer den Ideen hat noch niemals irgendetwas in unserer Welt überdauert. Dauer nennt man also einen Zustand, den wir noch gar nicht kennen. Und den willst du umkehren? Viel Glück dabei!“

„Du irrst dich“, hatte Erfinder-Äffchen entgegnet. „Bewegungen ereignen sich ja nicht im leeren Raum. Sie müssen in einem Zeitraum stattfinden. Sonst könnten sie nicht aufeinander bezogen werden. Und eben diesen Zeitraum möchte ich – zumindest streckenweise – mit meiner Maschine umkehren. Das ist gerade so wie mit den Filmen in zivilisierten Ländern. Und was ist der prinzipielle Unterschied? Was man vorwärts anschauen kann, das kann man auch rückwärts ansehen!“

„Nein“, hatte darauf der Kuno erwidert. „Es ist ein Unterschied, ob du dir eine Bewegung nur anschaust oder ob du sie ausführst. Die gesehene Bewegung ist nur ein Abbild und erfordert keine Anstrengung. Die ausgeführte ist eine Wirklichkeit und sie verbraucht Energie.“

„Nein“, hatte Erfinder-Äffchen gesagt. „Wie alles, was ist, sich in einem Raum befindet und in diesem in jede beliebige Richtung verschoben werden kann, so spielt sich auch alles in einem Zeitraum ab, in dem es nach vorn oder nach hinten verschoben werden kann, und das ist völlig unabhängig von der Energie, die eine Bewegung zu ihrer Ausführung benötigt.“

„Beweise das mal“, hatte Kuno Weißhaar noch gerufen. „Beweise, dass es so etwas gibt wie einen Zeitraum, in den man in zwei verschiedene Richtungen gehen kann. Das wirst du nie beweisen können!“

Aber Erfinder-Äffchen war bei seiner Meinung geblieben. Über das Für und Wider sollte ein Experiment entscheiden. In seinem Labor hatte es ein solches Experiment durchgeführt und Kot in köstliche Nahrung verwandelt. So hatte Äffchen jedenfalls behauptet und da es ein ehrliches und aufrichtiges Äffchen war, hatte ihm jeder geglaubt.

Während die Affen mit der kreisförmigen Strickleiter keine Schwierigkeiten hatten, kamen die beiden Kunos mit ihren kurzen, plumpen Gliedmaßen und Fingern nur langsam voran. In der Mitte lag der kleine Idan, der den beiden Kunos half.

Nachdem die Gefährten unter großen Anstrengungen an der Wand der Ganganjer-Schlucht eine gewisse Strecke zurückgelegt hatten, war es an der Zeit, den Rückwärtsgang auszuprobieren, und zwar noch bevor sämtliche Lebensmittel verbraucht waren. Es war Kuno Weißhaar, der diesen Vorschlag gemacht hatte. Er wollte auf Nummer sicher gehen. Alle anderen vertrauten Äffchen machten an einem Felsenvorsprung in der Nähe eines großen Adlernestes Rast. Erfinder-Äffchen holte den Motor aus seinem Rucksack, während Großer-Bruder-Affe mit Hilfe einer ausfahrbaren Angel ein wenig Kot aus dem Adlernest fischte. Erfinder-Äffchen steckte den Kot in die Maschine und drückte den Auslöser. Der Motor brummte. Dann kam ein wenig mehlige Substanz zum Vorschein und Großer-Bruder-Affe, der viel auf seinen kleinen Bruder hielt, verzog enttäuscht sein Gesicht zu einem verschämten Grinsen, während die beiden Kunos missmutig drein blickten. Schließlich huschte quiekend eine kleine graue Maus hervor.

„Das Experiment ist gelungen!“, schrie Äffchen. „Wieder ist es gelungen! Die Adler haben Mäuse verspeist!“

„Das hat gar nichts zu sagen“, wandte Kuno Weißhaar ein. „Die Maus kann schon vorher in der Maschine gewesen sein. Durch das Geräusch des anspringenden Motors wurde sie aufgeschreckt! Das ist eine graue Waldmaus, wie sie öfter bei uns vorkommt.“

„Willst du meine Intelligenz in Frage stellen?“, schrie Äffchen. „Also gut: ein weiteres Experiment!“ Äffchen zerdrückte eine Tomate zu Matsch und führte sie in die Maschine ein. Es drückte den Auslöser. Die Maschine gurgelte. Roter Tomatensaft spritzte heraus.

„Das war wohl zu viel des Guten“, bemerkte Kuno Weißhaar. „Diese Maschine ist ein einziger Humbug! Allein die Idee ist idiotisch! Ich wusste gleich, dass das nicht funktionieren kann!“

„Der Tomatensaft ist kein Gegenbeweis“, entgegnete Äffchen. „Die Maschine hat die Tomate nur in ihren Urzustand zurückversetzt. Und wie ich wissenschaftlich bewiesen habe, ist alles aus Wasser entstanden.“

„Bravo“, rief Kuno Weißhaar. „Du bist ein fantastischer Kerl, der keinem eine Antwort schuldig bleibt. Du kannst wohl alles erklären, sogar den vollendeten Unsinn, aber wir können nichts essen. Das eine ist Erfindung, das andere Wirklichkeit. Da fällt mir gerade ein: Das mit dem Hinuntersteigen war keine schlechte Idee, aber hast du dir schon einmal Gedanken darüber gemacht, wie wir wieder hoch kommen sollen? Das dürfte mit der Ringstrickleiter schwierig sein! Wer soll den oberen Saugnapf nach oben befördern, ohne zu springen?“

Erfinder-Äffchen schaute betroffen. Tatsächlich hatte es sich darüber noch keine Gedanken gemacht. Dass es nahezu unmöglich war, mithilfe seines ausgeklügelten Strickleitersystems wieder nach oben zu gelangen, kam ihm erst jetzt in den Sinn. Es blieb ihm förmlich die Spucke weg.

„Mein Gott“, schrie Kuno Weißhaar, „das Äffchen hat tatsächlich nicht daran gedacht! Ich bin ja selbst ein Idiot, dass ich nicht kritisch nachgefragt habe! Was bin ich für ein Idiot! Einem Affen trauen! Ich hätte viel früher daran denken sollen, dass wir ja wieder zurückkommen müssen! Selbst wenn wir den Grund der Schlucht erreichen, werden wir wohl unten bleiben müssen!“

Bei solchen Aussichten war es dem kleinen Idan ganz angst und bange zumute geworden. Vor Angst begannen ihm die Knie zu schlottern, und plötzlich wurde seine Hose nass. Erfinder-Äffchen reagierte geistesgegenwärtig. Es streifte Idan die Hosenträger mitsamt der Hose herunter und fing den Urin in einer Flasche auf. Diese goss es dann in die Maschine. „Jetzt werdet ihr ein Wunder erleben“, behauptete Äffchen. Es drückte den Auslöser, die Maschine brummte und Wasser spritzte heraus, das Äffchen in seiner Flasche sammelte.


„Was hast du gestern und heute getrunken?“, fragte Erfinder-Äffchen den kleinen Idan, während sich dieser wieder die Hose anzog.

„Quellwasser“, antwortete dieser.

„Hab ich’s nicht gesagt?“, rief Äffchen. „Das ist reines Wasser. Ein weiterer Beweis, dass meine Maschine funktioniert!“

„Schon probiert?“, fragte Weißhaar.

„Wieso? Das sieht man doch!“

„Wenn es reines Wasser ist, darf es nicht salzig schmecken!“, sagte Kuno Weißhaar. „Urin schmeckt unter anderem salzig!“

„Kannst ruhig probieren“, sagte Äffchen und streckte dem Kuno die Flasche entgegen. Dieser probierte tatsächlich. Er verzog das Gesicht, spie aus und wurde rot vor Wut. „Blöde Maschine!“, rief er und versetzte dieser einen Tritt, sodass sie den Felsenvorsprung hinuntergefallen wäre, wenn nicht Erfinder-Äffchen sie aufgefangen hätte. Um dies zu tun, musste es aber mit einem Satz nach vorne springen und dabei rumpelte es Idan an. Dieser verlor das Gleichgewicht, ruderte mit den Armen in der Luft – und fiel. Es brauchte eine Weile, bis der kleine Idan – unter den Schreckensrufen der anderen – realisiert hatte, was eine unabänderliche Tatsache war. Er stürzte tatsächlich.

Normalerweise bleibt einem Stürzenden nicht viel Zeit, sich während seines Sturzes allzu viele Gedanken über sein Schicksal zu machen. Nun war aber die Ganganjer-Schlucht fast tausend Kilometer hoch, und ein Stürzender musste mit fünf Stunden Flugdauer rechnen, bis er unten ankam. Zeit genug, um noch einmal in Ruhe sein Leben zu überdenken und es noch einmal ordentlich mit der Angst zu tun zu bekommen. Und so bekam tatsächlich auch der kleine Idan ordentliche Angst. Das Schrecklichste war seine gänzliche Hilflosigkeit. Er konnte absolut nichts tun und blickte nur mit großen Augen seinem sicheren Ende entgegen. Dabei gingen ihm so manche Gedanken durch den Kopf. Er bereute bitterlich, dass er nicht auf den Rat seiner Ziehväter gehört hatte und zu Hause geblieben war. Er stellte sich vor, wie die beiden Riesen um ihn trauern würden, und weinte bittere Tränen darüber, dass er daran schuld war und ihr Vertrauen missbraucht hatte. Ein kalter Zugwind wehte ihm entgegen und wenn dieser nicht gewesen wäre, so hätte der kleine Idan sich völlig schwerelos gefühlt. Er hatte sich auf den Bauch gelegt, um die Fallgeschwindigkeit zu drosseln und der Wind wehte ihm die Tränen aus den Augen, die immer wieder von Neuem flossen. Ganz bewusst konnte er erleben, wie er immer schneller und schneller wurde. Die rötlichen felsigen Klippen an den Wänden des Abgrundes rasten immer schneller an ihm vorbei. Und irgendwann einmal bemerkte der kleine Idan, dass er mit gleich bleibender Geschwindigkeit fiel. Der Zugwind hatte aufgehört, noch stärker zu werden, und blies ihm mit gleicher Stärke ins Gesicht. Und die Felsenformationen zogen jetzt gleichmäßig an ihm vorüber. Noch konnte er keinen Grund erkennen. Die Fluchtlinien des namenlosen Abgrundes verloren sich in einem unscheinbaren Punkt. Der kleine Idan betete zu Gott. Seine Ziehväter hatten ihm erzählt, dass alle Dinge aus einem gütigen Urwesen hervorgegangen seien und zu diesem als seine Kinder zurückgeführt werden sollten. „Bitte, lass mich leben“, schrie der kleine Idan, „ich will noch nicht sterben! Wenn du mich leben lässt, werde ich meinen Vätern auch gewiss keine Schande mehr machen! Bitte lass mich leben! Ich weiß nicht wie, aber du wirst schon irgendeinen Weg finden! Es heißt doch, dass dir nichts unmöglich ist!“

Idan blickte wieder in den namenlosen Abgrund, der immer neue Felsenformationen freigab, und plötzlich überkam ihn eine nie gekannte, selige Ruhe. Er schloss die Augen und war bald eingeschlafen.

Als er erwachte – es mochten mehrere Stunden seliger Träume verflossen sein – dauerte die Fahrt noch an. Er durchschwebte zarte Wolken. Und dann – dann nach vielen Minuten innerer Ruhe und vertrauensseligem Ausharren – erkannte er aus mehreren tausend Metern Höhe den Grund der Schlucht. Es bot sich ihm ein Bild der Zerstörung. Der Boden war über und über von wolkigem grauen Staub bedeckt. Der kleine Idan schrie laut auf. Aber es nützte ihm nichts. Er sah dem unabwendbaren Ende entgegen. Idan hatte insgeheim gehofft, dass sich auf dem Grunde der Schlucht der Staub schon meterdick aufgetürmt hätte und dass er mit ein wenig Glück eine weiche Landung haben würde – trotz einer gleich bleibenden Geschwindigkeit von zweihundertfünfzig Stundenkilometern, wie sie Äffchen berechnet hatte. Aber er hatte sich getäuscht. Der Staub berührte den Boden nur hauchdünn und fetzenartig und gab den nackten Lavaboden frei. Und an manchen Stellen war er zu flockigen, Furcht erregenden Gebilden aufgetrieben. Diese aber waren wohl ebenso wenig geeignet seinen Sturz abzubremsen. Vergeblich hielt Idan nach einem Gebilde Ausschau, das dazu vielleicht in der Lage gewesen wäre. Von Äffchen hatte er gelernt, dass es dem aus großer Höhe Fallenden möglich war, den Ort seiner Ankunft selbst zu wählen, wenn er mit Armen und Beinen durch die Luft ruderte. Hätte er solch einen gewünschten Ort erspäht, er hätte es versucht. Aber er fand nichts. Wie er nun abschätzen konnte, war seine Fallgeschwindigkeit schon weitaus höher, als die von Äffchen errechnete, und keine der flockigen Formationen konnte ihn davor bewahren, gänzlich zerschmettert zu werden. Idan rang nach Atem. Der Angstschweiß rann ihm aus allen Poren. Noch einmal erhob er sein Herz flehend zu Gott. Er schrie um Hilfe. Noch war er nur noch knappe tausend Meter vom Ziel seiner Reise entfernt. Da sah er plötzlich zwischen den nebeligen Gebilden aus grauem Staub so etwas wie eine Brunnenöffnung, groß genug für einen Menschen, um sich bequem darin bewegen zu können. Hastig ruderte er mit Armen und Beinen, um möglichst über der Brunnenöffnung zu liegen zu kommen. Da bemerkte der kleine Idan, dass er schräg durch die Luft schwimmen konnte, der kleinen abgrundartigen Öffnung entgegen, die seine letzte Rettung zu sein schien.

Tatsächlich erreichte er sie. Statt auf dem Grund aufzuschlagen, was sein sicheres Ende bedeutet hätte, raste er durch die brunnenähnliche Öffnung in eine finstere Tiefe hinab. Was er nun hier beobachten konnte, überstieg sein Vorstellungsvermögen. Der Schacht, den er durchraste, war nicht unbewohnt. An seinen Wänden türmten sich Balustraden empor. Sie waren mit Säulen versehen und Gänge führten tiefer in das Innere der Lavafelsen hinein. Manchmal bekam er auch ihre Bewohner zu Gesicht. Es waren Wesen mit roter, lederner Haut und spitzen Ohren. Einige von ihnen hatten ihn erblickt, wie er durch ihren Schacht fiel. Lächelnd entblößten sie ihre scharfen Reißzähne und grüne, leuchtende Augen blitzten ihn an. Erfinder-Äffchen hatte Idan von einer Hölle erzählt, von der die südländischen Stiefelburger sprachen. In diese Hölle, so glaubten sie, gelangten die bösen Menschen nach ihrem Tod. Niemand wusste genau, wo man sie zu suchen hatte, aber einige vermuteten sie tief unter der Erde. Idan zweifelte keinen Moment: Gewiss passierte er gerade diese Hölle. Es musste so sein! Und wie er tiefer und tiefer stürzte, an all den Balustraden vorbei, die nur ein züngelnder Lichtschein erhellte, fragte er sich, ob er in Wahrheit vielleicht gerade gestorben war. Vielleicht war er am Grunde der Schlucht zerschmettert worden und war nun in Wirklichkeit tot. Möglicherweise führte sein Weg direkt in die unterste Hölle, wo er nun bei all den bösen Teufeln wohnen musste. Bei diesem Gedanken schauderte es Idan gewaltig. Aber er hatte doch das väterliche Urwesen um Rettung gebeten. Konnte es denn sein, dass Gott so unbarmherzig war? Nein, es durfte nicht sein! Vielleicht war dies alles ein Traum!

Von Balustrade zu Balustrade sah Idan gierige Augen auf sich gerichtet. Der Schacht selber war stockdunkel, aber die Gänge, die von den Balustraden aus in die Wände hineinführten, waren hell erleuchtet, und voll unterirdischer, sie kreuzender Lavaströme, die von den Teufelswesen gebändigt wurden. Idan erkannte dies daran, soweit er es im Vorüberfliegen beurteilen konnte, dass diese Teufel sich an der glühenden Lava zu schaffen machten. Die meisten von ihnen hielten metallene Dreizacke in ihren Klauen bewährten, schuppigen Händen. Manch einer streckte seinen Dreizack in den Schacht hinein, um damit nach Idan zu angeln. Doch sie verfehlten ihn stets. Der Schacht schien kein Ende zu nehmen. Und jeden Moment war sich der kleine Idan der Möglichkeit bewusst, dass er plötzlich aufschlagen und sein Fall ein abruptes Ende nehmen konnte. Dann wäre er, sofern er nicht schon tot war, sicher tot gewesen. Aber auch diese grausame Erwartung sollte sich nicht erfüllen.

Nach einer bangen Weile hörten die Säulengehänge und Balustraden auf und Idan flog nackte Wände entlang. Jedenfalls zeigte ihm dies seine Taschenlampe, die er im Flug aus dem Rucksack gezogen hatte, weil er die Ungewissheit über den Ort seines Aufenthaltes nicht mehr ertrug. Die Wände des Schachtes waren nun grau und glatt. Und die finstere Tiefe darunter war nicht zu erhellen. Dann durchflog der kleine Idan einen Hohlraum, der vollkommen leer und stockdunkel war. Das Licht der Taschenlampe wurde nicht mehr reflektiert und Idan steckte das Gerät in den Rucksack zurück. Der Zustand dauerte wohl mehrere Stunden, und betend fiel Idan wieder in eine tiefe Betäubung. Diesmal war es die Angst, die seine Ohnmacht erzeugte.

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