Kitabı oku: «Fake Face»

Yazı tipi:

Fake Face

Rita M.Arane

Fake Face

die Masken, die wir tragen

Die Handlung, Ort und alle Personen in diesem Roman sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wäre rein zufällig.

Dieses Buch ist auch als Taschenbuch erhältlich.

Originalauflage April 2021

© / Copyright: 2021 Rita M.Arane

Rita M.Arane

c/o Block Services

Stuttgarter Str. 106

70736 Fellbach

Webseite: www.rita-arane.com

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Covergestaltung: K.Eren, Köln

Buchcover Bilder: Jerzy Gorecki, Matthias Groeneveld, Stocksnap

Lektorat, Korrektorat: Michelle von Mentorium

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

„denn lange kann Niemand eine Maske tragen und das Erheuchelte fällt bald in seine Natur zurück.“

(Seneca d.J. römischer Philosoph -4 - 65 v.Ch)

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DIE KOBRA

An ihren Namen konnte er sich nicht mehr erinnern, als sie unter ihm lag. Aber das war ihm auch egal gewesen. Vor einer Stunde hatte er sie aus einer Disco abgeschleppt. Nun lagen sie auf dem Rücksitz seines blutroten Pkws in der Nähe eines Waldstückes. Er war erregt und wollte nur noch eins. Er öffnete mit der einen Hand den Knopf und den Reißverschluss seiner Hose, während er mit seiner anderen Hand ihren Mund zuhielt. Er konnte es nicht ertragen, wenn Frauen schrien. Kurz zuvor hatte sie ihn aufgefordert, aufzuhören.

Aber er konnte nicht.

Er wollte nicht.

„Halt deine Schnauze!“, zischte er.

Immer wieder hatte sie verzweifelt versucht, ihn wegzudrücken, doch er stemmte seinen bulligen Körper gegen ihren. Ihre zierlichen Arme hatten keine Chance.

„Bitte, bitte nicht!“ wimmerte sie, als er kurz seine Hand von ihrem Mund löste und unter ihren Rock griff.

Er kannte das schon: Erst anheizen und dann einen Rückzieher machen. Wie er das hasste. Er riss ihr den Slip vom Unterleib und drückte ihre Oberschenkel auseinander. Im nächsten Moment drang er in sie ein. Sofort setzte sich sein Unterleib in Bewegung.

Stoß für Stoß – für sie - wie durchbohrende, messerscharfe Rasierklingen.

Mittlerweile hatte sie es aufgegeben, sich zu wehren. Auch schrie sie nicht mehr, denn sie wusste, dass es nutzlos war. Hier draußen –mitten in der Nacht – würde sie ohnehin niemand hören. Mit schmerzerfülltem Gesicht ließ sie es über sich ergehen.

Er keuchte.

Das Licht im Auto flackerte.

Aus dem Autoradio ertönte leise Musik.

Tränen liefen ihr über das Gesicht. Die salzige Flüssigkeit schmerzte auf der Platzwunde unter ihrem Auge, das er ihr kurz zuvor mit einem Faustschlag verpasst hatte.

„Hör auf zu flennen, verdammte Scheiße!“, fluchte er, als er endlich von ihr abließ und seine Hose zuknöpfte.

„Du bist doch selbst schuld an dieser ganzen Scheiße hier! Machst mir schöne Augen, wackelst mit deinem Arsch in dem kurzen Röckchen und verschwindest dann mit mir, einem wildfremden Typen. Was hast du denn erwartet? Du dummes Stück! Selbst schuld bist du! Selbst schuld!“

Seine Gesichtszüge erschienen ihr jetzt nicht mehr hell und freundlich wie noch vor einigen Stunden in der Disco, als er sie angesprochen und ihr einen Cocktail ausgegeben hatte. Sein ganzes Wesen hatte sich schlagartig verändert. Alles wirkte fratzenartig und düster. Sie weinte noch immer.

„Halt endlich deine Fresse, du dummes Stück Dreck. Dumm bist du. Dumm!“, brüllte er.

Plötzlich schaute er sie mit versteinertem Gesicht an, als wäre ihm ein beunruhigender Gedanke gekommen.

„Das Ganze behältst du für dich, klar!“

Er packte ihr Kinn und zog sie ganz nah an sich heran. Sie zitterte. Das Blut hatte sich bereits mit ihren Tränen vermischt. Ihr Unterleib schmerzte. Sie traute sich nicht, ihm in die Augen zu schauen, also richtete sie ihren Blick auf sein Tattoo am Unterarm. In dem schwachen Autolicht konnte sie einen Anker erkennen, umschlungen von einer schwarzen Kobra mit aufgerissenem, blutigem Maul.

„Ein Wort … nur ein einziges Wort zu irgendjemandem, und ich mach dich kalt! Hast du mich verstanden?“ Zitternd nickte sie. Mit einem Ruck schleuderte er sie zurück in den Sitz.

„So, jetzt gib mir deine Adresse! Ich bring dich nach Hause. Ich muss ja schließlich wissen, wo ich dich finde, wenn du doch nicht deine Fresse hältst.“

Er warf ihr einen bedrohlichen Blick zu.

„Und wisch dir das Blut aus der Fresse! Das ist ja ekelhaft!“

DREI JAHRE SPÄTER

Sie betrachtete das Meer aus Grabsteinen. Dieser Friedhof schien endlos zu sein und die Zeit schien still zu stehen. Schon seit Monaten war sie mit ihrem Wagen unterwegs. Zufällig hatte sie diesen abgelegenen Ort entdeckt. Eine alte rotweiße Steinmauer umgab den Friedhof, und das alte, rostige Eingangstor stand offen. Rechts und links säumten Feldahorne die bepflasterten Wege. Sie atmete tief ein. In der Luft lag noch der Winter, der sich allmählich verabschiedete. Kleine Knospen füllten langsam die Sträucher und Bäume. Das noch zaghafte Grün der Gräser und Sprossen schien leicht durch die eiskalte Bodendecke entlang der Granitumfassungen der Gräber. Die Sonne blitzte durch die Lücken der Wolkendecke und die Sonnenstrahlen spiegelten sich glitzernd auf den glatten Grabsteinoberflächen. Das ruhige Rauschen des Windes beruhigte sie.

Der milde Wind strich über ihr langes, dunkelbraunes Haar. Sie genoss die Stille und die Einsamkeit. Es schien, als ob die Natur an diesem Ort ganz besonders viel Wert auf Ruhe legte. Das Zwitschern der Vögel war kaum zu hören. Die Zeit verging wie im Flug. Gleich würde es dunkel werden.

Irgendetwas in ihrem Inneren zwang sie, weiterzuziehen. Sie musste für heute Nacht eine Bleibe finden. Erneut eine Nacht im Auto zu verbringen kam nicht infrage. Sie hatte bereits unzählige Pensionen und Motels angefahren, aber nichts Passendes gefunden. Widerwillig ging sie zu ihrem Wagen zurück. Ihr alter Pick-up war rostig und pfiff aus den letzten Löchern. Einen neuen Wagen konnte sie sich jedoch nicht leisten, denn ihr Erspartes ging langsam, aber sicher zur Neige. Sie musste dringend irgendwie an Geld kommen.

Sie fuhr weiter. Es war bereits dunkel geworden, und sie war unglaublich müde. Bei den immer gleich aussehenden und unwirtlichen Landstraßen in dieser Gegend hatte sie das Gefühl, schon längst die Orientierung verloren zu haben. Zum Glück besaß sie noch eine alte Landkarte. Ihr altes Navigationsgerät hatte schon lange den Geist aufgegeben. Der Akku ließ sich nicht mehr laden.

Unzählige Meilen später entdeckte sie ein vielversprechendes Schild auf der rechten Straßenseite. Sie stoppte den Pick-up. „Zimmer zu vermieten“, stand auf dem Schild. Sie warf einen Blick auf das große Haus gegenüber und verließ ihren Wagen.

Während sie ihre blaue Jeans zurecht zog, rieselten einige Krümel des Sandwiches, das sie kurz zuvor auf der Fahrt gegessen hatte, zu Boden. Dann nahm sie ihren Rucksack und ihre Tasche aus dem Wagen. Ihre mittelgroße alte Tasche warf sie sich mit einem Schwung über ihre rechte Schulter. Da sie nur das Nötigste eingepackt hatte, war die Tasche nicht schwer. Sie hatte möglichst wenig aus ihrem alten Leben mitnehmen wollen. Ihr schwarzer Rucksack baumelte an ihrer linken Hand.

Sie ging auf das rote, große Backsteinhaus zu. Mehrere Bodenstrahler leuchteten auf, als sie die Pflastersteine des großen

Vorhofs betrat. Irgendwo hier musste ein Bewegungsmelder stehen. Es schien sich um ein Privatanwesen zu handeln, denn für ein Hotel war das Gebäude zu klein. An der Fassade rankte sich grüner Efeu seinen Weg von der rechten Seite des Gebäudes über die Fassade nach oben. Rechts und links neben der mächtigen alten Haustür standen große schieferfarbene Pflanzenkübeln mit kleinen Lavendelstämmchen darin. In einem der großen Fenster im Erdgeschoss war hinter hellen Vorhängen der Umriss einer Person zu sehen, die sich in diesem Moment jedoch vom Fenster wegbewegte. Sekunden später öffnete sich plötzlich die alte, braune Haustür, noch bevor sie die Türklingel betätigen konnte. Ein großer, schlanker, breitschultriger Mann stand vor ihr. Er musste etwa Mitte 30 sein. Seine dunkelblonden kurzen Haare zierten sein markantes, aber freundlich wirkendes Gesicht. Aufgrund des Dreitagebartes wirkten seine Lippen schmal. „Entschuldigen Sie, ich habe das Schild vorne an der Straße gesehen. Ist das Zimmer noch frei?“, fragte sie um einen möglichst freundlichen Tonfall bemüht.

Für einen kurzen Moment hielt er inne.

Er erkannte sie. Er hatte sie heute schon einmal gesehen. Auf dem Friedhof. Sie hingegen schien ihn nicht bemerkt zu haben. Ihre großen, grünen Augen schauten ihn jetzt erwartungsvoll an.

„Zimmer?“, antwortete er endlich. „Ähm, ja. Das ist noch frei.“

Der Mann öffnete die Tür noch ein Stückchen weiter und machte mit einer Hand eine Geste in Richtung des Wohnbereichs. „Kommen Sie herein.“ Als sie den Eingangsbereich

betrat, warf sie einen flüchtigen Blick in das offen gestaltete Erdgeschoss. Es war hell und freundlich eingerichtet. Diese Tatsache überraschte sie, denn die alte, robuste Backsteinfassade außen ließ nicht erahnen, wie modern das Innere gestaltet war. Außerdem war alles sehr ordentlich, und es roch angenehm nach Putzmitteln und frisch gewaschener Wäsche. Sie gingen die Treppe hinauf, die unweit gegenüber der Eingangstür lag.

„Darf ich Ihnen die abnehmen?“, fragte er und deutete auf ihre Tasche. Sie wehrte ab. „Nein, das geht schon.“ Die alten Dielen der Treppe knarrten unter ihre Schuhsohlen. An den Wänden hingen alte Gemälde von verschiedenen Personen. Der Malstil und die Art, wie die Personen gekleidet waren, ließen erahnen, dass es sich um unterschiedliche Zeitepochen handelte. Oben im Zimmer angekommen stellte Elena ihre Tasche und Rucksack auf den Boden ab und er zeigte ihr schweigend das Zimmer und das zugehörige Bad. Während sie sich umsah, musterte er sie möglichst unauffällig. Sie war dünn und sehr zierlich. Der Parka, den sie trug, war offensichtlich zu groß. Blaue weite Jeans und ein hautenger weißer Rollkragenpullover vervollständigten ihre Kleiderwahl des heutigen Tages. Ihre dunkelbraunen Haare waren zu einem Zopf gebunden, und ihre leicht gebräunte Haut ließ ihre großen grünen Augen besonders intensiv hervorstechen. Sie müsste Mitte 20 sein, schätzte er. Sie sah müde aus.

Als sie seinen Blick spürte, der auf ihr ruhte, drehte sie sich zu ihm um und schaute ihn direkt an.

„Ich würde das Zimmer nehmen.“

„Ok, das macht 30 die Nacht. Wie lange wollen Sie bleiben?“ „Nur eine Nacht.“

„Ok … ähm … Handtücher finden Sie im Bad. Falls Sie noch etwas benötigen, wenden Sie sich bitte an Barbara, meine Haushälterin. Sie finden sie unten. Mein Name ist übrigens Jack O‘Neil.“ Er streckte ihr seine rechte Hand entgegen. „Elena Phillips.“

Elena blickte direkt in seine stahlblauen Augen, als sie seine Hand schüttelte.

„Gut, dann lasse ich Sie erst mal allein. Da fällt mir ein … Wir essen in etwa 10 Minuten zu Abend. Wenn Sie möchten, können Sie gerne mitessen.“

„Danke, das ist sehr freundlich. Aber ich denke, ich werde mich direkt ins Bett legen. Ich bin sehr müde.“

Jack nickte kurz und ließ sie alleine. Elena nahm ihre Tasche und legte diese auf das große Bett. Dann zog sie ihren Parka aus. In diesem Moment bemerkte sie, dass jemand hinter der verschlossenen Tür stand und an der Türklinke rüttelte.

„Du kannst gerne reinkommen, Isabella!“, sagte sie unbeeindruckt. Daraufhin öffnete sich die Tür und ein kleines Mädchen schaute überrascht durch den Türspalt. „Woher weißt du, wie ich heiße?“, fragte es irritiert.

Elena lächelte. „Ich kann Gedanken lesen, weißt du?“

Vorsichtig kam das Mädchen hinein und schaute Elena skeptisch an. Ihr fiel sofort die Ähnlichkeit mit Jack auf, denn das Mädchen hatte die gleichen stahlblauen Augen wie sein Vater.

„So was gibt es nicht!“, gab das blonde Mädchen leicht aufbrausend zurück.

„Na gut. Ich gebe es zu“, sagte Elena nach einer kurzen Weile lächelnd. „Ich habe deinen Namen an der Tür da gelesen.“

Elena deutete mit einem Blick auf die gegenüberliegende Tür. Das Mädchen drehte sich zur Tür um und blickte auf die großen, pinken Tierbuchstaben mit ihrem Namen darauf.

„Das ist auch mein Zimmer.“, erklärte Isabella. Dann drehte sich Isabella wieder zu Elena um und beobachtete sie, während sie ihre Schlafsachen sauber gefaltet auf das Bett legte.

„Und wer bist du?“, fragte das Mädchen plötzlich.

„Ich bin Elena.“

Isabella nahm ihre langen Haare in die Hand und wickelte sie strähnchenweise immer wieder um ihre Finger.

„Wirst du lange hierbleiben?“

„Nein. Nur für eine Nacht.“

Das Mädchen legte nachdenklich seinen Kopf schief.

„Mein Dad hat mir eine neue Puppe geschenkt. Willst du die mal sehen?“

Noch bevor Elena etwas erwidern konnte, kam Isabella um das Bett herum und nahm Elenas Hand. Daraufhin zog sie Elena in ihr Zimmer.

Als Jack wenig später nach Isabella suchte, um sie zum Abendessen zu rufen, fand er sie und Elena in Isabellas pinkfarbenen Zimmer auf dem Teppichboden sitzend vor, während Isabella ihr stolz ihre Puppen vorstellte. Ungläubig stand er im Türrahmen. Noch nie hatte er Isabella so vertraut mit einer für sie vollkommen fremden Person umgehen sehen. Vor allem in letzter Zeit, die für ihn und Isabella nicht einfach gewesen war, hatte sich Isabella immer mehr zurückgezogen.

Und jetzt …

Jetzt schien sie wie ausgewechselt zu sein.

AUSGESCHLAFEN

Das erste Mal seit sehr langer Zeit hatte Elena gut geschlafen. Entsprechend ausgeruht fühlte sie sich, nicht so müde und ausgelaugt wie sonst. Die Sonne schien durch die beigen Vorhänge am Fenster direkt auf ihr komfortables, großes Bett, das mitten im Zimmer stand. Die Bettwäsche roch frisch nach Waschmittel. Von ihrem Bett aus schaute sie auf eine große Kommode neben der Tür, die zum zugehörigen Bad führte. Elena stieg aus dem Bett, und ihre nackten Füße glitten über den beigefarbenen flauschigen Teppich auf dem Boden. Auf dem Weg zum Badezimmer berührte sie die florale Strukturtapete an der Wand. Sie mochte das Gefühl unebener Flächen auf ihren Fingerspitzen. Elena warf einen Blick in den großen Spiegel, der über der Kommode an der Wand angebracht war. Ja, die Augenringe, die sie sonst immer hatte, waren so gut wie verschwunden. Sie legte ihr dunkelbraunes, leicht gewelltes langes Haar auf ihre linke Schulter. Dann betrat sie das Badezimmer. Nachdem

Elena geduscht und angezogen war, packte sie ihre Siebensachen zusammen und überprüfte noch einmal akribisch, dass sie nichts vergessen hatte. Das hatte sie sich in den letzten Monaten angewöhnt, wenn sie irgendwo übernachtete.

Sie atmete tief durch und ging hinunter. Isabella und Jack saßen bereits am Frühstücktisch und aßen. Als Jack Elena erblickte, stand er sofort auf.

„Guten Morgen.“

„Guten Morgen“, antwortete Elena und streckte Jack im nächsten Moment die ausgemachte Summe entgegen.

„Danke für das Zimmer.“

Jack deutete auf den üppig gedeckten Esstisch.

„Wenn Sie möchten, können Sie noch mit uns frühstücken.“

„Danke, aber ich muss weiter.“

„Oh, bleib doch noch ein wenig“, warf Isabella traurig ein und schaute Elena mit ihren großen blauen Augen an. Elena drehte sich zu dem kleinen Mädchen herum und strich unbewusst über Isabellas blondes Haar.

„Es tut mir leid, Isabella, aber das geht leider nicht. Ich muss wirklich los.“

„Wohin soll es denn gehen, wenn ich fragen darf?“ fragte Jack.

Wohin?, schoss es Elena durch ihren Kopf.

Darüber hatte sie sich noch keine Gedanken gemacht, und das wollte sie auch nicht. Sie wollte nur weiter … immer weiter … einfach weg. Weg von dem Ort, aus dem sie stammte. Doch was sollte sie Jack jetzt antworten? Sie verschränkte unbewusst die Arme vor ihrem Körper.

„Ähm, ich … Ich mache eine Art … Rundreise …“, gab sie vor und lächelte verkrampft. Um keine weiteren, möglicherweise unangenehmen Fragen beantworten zu müssen, griff sie im nächsten Moment nach ihren Sachen, um zu gehen.

„Soll ich Ihnen helfen?“, fragte Jack.

„Nein, das schaffe ich schon. Danke noch mal für alles. Auf Wiedersehen.“ Kurz bevor sie das Haus verließ, drehte sich

Elena noch einmal um und schaute zu Isabella rüber.

„Alles wird gut. Hörst du, Isabella? Alles wird gut!“, sagte sie und ging.

„Alles wird gut?“, wiederholte Jack an Isabella gewandt, nachdem Elena gegangen war. „Warum sagt sie so etwas?“

Isabella zuckte kurz mit den Schultern. „Das weiß ich nicht“, antwortete sie traurig, bevor sie sich ihrem Müsli widmete. „Hast du ihr erzählt von …?“, begann er, obwohl er genau wusste, wie schwer es Isabella fiel, mit irgendjemandem über DIESE Sache zu sprechen.

„Nein“, fiel ihm Isabella sofort ins Wort. „Nein, Dad. Das habe ich nicht“, wiederholte sie.

Elena ging zu ihrem Wagen, lud ihre Tasche und ihren Rucksack hinein, stieg ein und fuhr los. Für einen kurzen Augenblick warf sie im Rückspiegel einen Blick zurück auf das große, rote Backsteinhaus.

EIN JOB

Sie fuhr die Landstraße entlang. Richtung Süden. Ihr Wagen knatterte über den Asphalt. Elena schaute auf die Tankanzeige und stellte besorgt fest, dass sie bald wieder eine Tankstelle aufsuchen musste. Also würde sie wieder etwas von dem wenigen Geld, das sie noch besaß, ausgeben müssen. Sie musste sich irgendwie Geld besorgen. Ihr Blick schweifte über den Horizont. Sehr viele Ackerflächen und große Gewächshäuser oder Plastikbahnen säumten sich rechts und links an den Felder entlang. Insgesamt war diese Gegend nur sehr dünn besiedelt.

Erntehelfer, schoss es ihr plötzlich durch den Kopf. Das würde ihr ein wenig Geld für die Weiterreise verschaffen. Prompt fuhr sie die nächste Farm an. Als sie ausstieg, kam ihr ein korpulenter, etwa 60 Jahre alter, mittelgroßer Mann entgegen. Sein blauer und mit Erde verdreckter Overall spannte um seinen dicken, aufgeblähten Bauch.

„Arbeit gibt es genug“, antwortete der Farmer mit vom vielen Tabak rauchiger Stimme. „Du bist hier auf einer der größten Farmen in der Umgebung gelandet.“ Dann musterte er sie skeptisch. „Die Arbeit ist aber verdammt hart. Es gab schon einige, die nach nicht einmal zwei Tagen heulend das Weite gesucht haben!“, sagte er und zog seine buschigen Augenbrauen in die Höhe. Elena zeigte sich von seinen Worten völlig unbeeindruckt. Sie war es gewohnt, hart anzupacken.

„Nun, gut. Wir bauen hier Gemüse und Obst an. Wir beginnen um 6. Ende ist um 18 Uhr“, fuhr er fort. Dann holte er aus einem Schuppen ein Overall und Arbeitshandschuhe und drückte

Elena alles in die Hände.

„Übrigens, da oben in der Scheune kannst du schlafen. Da ist ein kleines Zimmer.“ Er zeigte auf eine kleine Scheune gegenüber. „Eine Stunde Mittagspause. Essen bekommst du von uns. Einmal pro Woche hast du einen Tag frei“, sagte er und es machte den Anschein, als hätte er dieses Gespräch schon dutzende Male geführt. „Bring deine Sachen in dein Zimmer und zieh dein Overall über“, befahl er ihr gleich darauf. „Ich zeig dir dann den Hof, und dann kannst du gleich aufs Feld!“ Daraufhin drückte er ihr einen braunen, alten Schlüssel in die Hand. „Das ist der Schlüssel für dein Zimmer. Einfach in die Scheune und Treppe hoch. Linke Tür. Ok?“ Elena nickte. Der Schlüssel in ihrer Hand fühlte sich rau und rostig an.

Die Unterkunft war sehr spartanisch eingerichtet, nur ein altes Bett, ein Nachttisch und ein paar Bügel für ihre Kleidung befanden sich darin, aber Elena brauchte ohnehin nicht viel. Sie legte die Tasche und ihren Rucksack ab, öffnete das Fenster und zog den blauen Overall an.

Kurz darauf war sie wieder unten und der Farmer zeigte ihr den Hofladen. „Hier wird ein Teil der Ernte verkauft. Der andere Teil der Ernte wird an die umliegenden Farmen als Tierfutter geliefert oder eben weiterverarbeitet“, erklärte er. Der Hofladen erinnerte sie an einem kleinen Laden in dem Arbeiterviertel, in dem sie als Kind gewohnt hatte. Die Wände waren mit dunklem Holz vertäfelt. Obst und Gemüse wurden aus kleinen Plastikkisten in Metallregalen verkauft. Selbst gebrannte Liköre standen in Reih und Glied angeordnet auf den Holzregalen darüber. Auf handgeschriebenen Zetteln standen die Preise. Im hinteren Drittel des Ladens befand sich eine lange Theke, auf der eine alte Waage und die Kasse standen.

„Ach übrigens, mein Name ist Mr. Fireman. Ich betreibe gemeinsam mit meiner Frau diese Farm.“ Er reichte ihr seine Hand.

„Elena Phillips.“

„Elena, gut, gut“, wiederholte er und musterte sie eingehend. Dann schaute er sich suchend um.

„Jetzt weiß ich nicht genau, wo sie gerade steckt. Meine Frau, meine ich. Nun gut. Das holen wir dann einfach nach. Wenn du Fragen hast, dann wende dich an mich, ok? Ich zeige dir jetzt, was du heute zu tun hast.“

Am Abend, als Elena nach einem langen Arbeitstag endlich in ihrem Bett lag, protestierten ihr Rücken und ihre Knie. Ihre Muskeln drückten sich schmerzvoll zusammen.

Das ist erst der erste Tag!, dachte sie. VERDAMMT HART ist noch untertrieben!

Dann atmete sie tief ein.

Ich bekomme das hin! Augen zu und durch!

BASILIKUM

Obwohl der Himmel wolkenverhangen war, war es heute wärmer als sonst. Der Sommer kündigte sich an. Es war schon Mitte Mai. Elena war mittlerweile bereits seit einigen Monaten auf der Farm. Mr. Fireman ließ sie inzwischen im Hofladen aushelfen. Dort hatte sie sich schnell gut zurechtgefunden.

Es war spät am Nachmittag. Elena hatte die meiste Arbeit im Laden bereits erledigt, und es kamen immer weniger Kunden. Elena starrte durch die offene Ladentür auf eine junge Katze, die vor dem Laden in einer Ecke vor den leeren Gemüsekisten hockte. Die Pupillen der Katze waren weit aufgerissen. Ihr flauschiges Fell glänzte tiefschwarz. Aus ihrem Maul hing eine graubraune Feldmaus, mit der sie schon seit einigen Minuten zugange war. Sie zappelte. Immer wieder ließ die Katze die Maus auf den Boden fallen. Nach kurzer Orientierungslosigkeit rappelte sich das blutende Tier auf und versuchte mit letzter Kraft zu entkommen. Manchmal schaute die Katze mit ihrem lieblichen Gesicht zu Elena herüber. Bevor das verletzte Tier hinter den Gemüsekisten verschwinden konnte, wandte sich die Katze ihrem Opfer eneut zu und machte blitzschnell einen Satz nach vorn. Mit ihren scharfen Zähnen schnappte sie gnadenlos zu und packte sich ihre Beute mit herausgefahrenen Krallen. Je mehr die Maus zappelte, desto mehr grub sie ihre Krallen in das kleine Tier hinein. Plötzlich warf sie das Tier hoch und fing es im nächsten Moment wieder auf. Dann bohrte sie die Krallen ihrer Hinterpfoten in das hilflos zappelnde Tier hinein. Immer und immer wieder, erbarmungslos.

„Elena, hast du gehört, was ich dir gesagt habe?“ Mr. Fireman stand plötzlich neben ihr. Elena zuckte zusammen. Sie hatte ihn gar nicht kommen hören. Wenn im Laden nicht mehr so viel zu tun war, beauftragte er Elena damit, Lieferungen für ihn zu tätigen oder Post zur Poststelle zu bringen.

„Du musst Hafer zu einem Gestüt bringen. Ich habe dir die Adresse aufgeschrieben.“ Mr. Fireman deutete mit seinen faltigen Händen die Straße hinunter. „Wenn du die Landstraße hier runterfährst, dann kommst du direkt dorthin. Lieferscheine liegen bereits im Wagen. Danach bringst du die Briefe weg“, wiederholte er und vergewisserte sich mit prüfendem Blick, ob sie diesmal zugehört hatte. Seine Gesichtshaut war von all der Arbeit draußen dunkel und faltig geworden. Im nächsten Moment drückte er ihr den Autoschlüssel, ein wenig Geld und einen kleinen Stapel Briefe in die Hand. Elena holte ihren Rucksack hinter der Ladentheke hervor und packte die Briefe hinein. Als sie zum bereits beladenen Lieferwagen ging, hörte sie das für ihre Ohren unüberhörbare Knacken der Knochen der Feldmaus hinter den Gemüsekisten, als die Katze ihr endlich den Todesbiss verpasste.

Sie folgte der Wegbeschreibung von Mr. Fireman, und irgendwann sah sie die großen Ställe.

Wenig später hörte sie einige Pferde wiehern. Das Tor stand offen. Vorsichtig fuhr sie auf die große Einfahrt. Als sie ausstieg, kam ihr ein hagerer Hilfsarbeiter entgegen.

„Kann ich Ihnen weiterhelfen?“, fragte der Mann, während er auf sie zuging.

„Ja, guten Tag. Ich habe hier eine Lieferung von Mr. Fireman.“ Der Mann schaute zu dem Lieferwagen rüber. „Okay, ich sag‘ dem Boss Bescheid“, antwortete der Mann und verschwand schnell in einem der flachen Backsteinhäuser. Elena schaute sich um. Sie sah eine große Koppel mit weiten Weideflächen. Überall gab es schöne arabische Hengste und Stuten. Auf der Koppel. Vor den Ställen. Vor der Reithalle. Pferde reckten ihre Köpfe aus den Stallfenstern. Einige wurden von ihren Pflegern gebürstet. Andere gesattelt. Die Luft war erfüllt von Heu und Gras. Sie bemerkte nicht, dass sich ihr in der Zwischenzeit ein Mann genähert hatte.

„Sie haben eine Lieferung?“, vernahm Elena eine ihr nicht unbekannte Stimme.

„Sie?!“, sagte Elena überrascht, als sie sich umdrehte. Jack O‘Neil stand lächelnd vor ihr. Sie hatte zuvor gar nicht auf die Namen in der Lieferpapieren geschaut.

„Elena!“ Er kannte ihren Namen noch, obwohl ihre erste Begegnung mittlerweile einige Zeit zurücklag.

„Sie sind noch hier? Ich dachte, Sie wären schon längst weitergezogen“, fuhr Jack fort.

„Ich habe Arbeit gefunden. Auf der Farm von Mr. Fireman.“

„Ich nehme an, zur Erntesaison?“

„Genau, aber danach bin ich dann wirklich weg.“ Nachdem sie das gesagt hatte, zog sich sein Lächeln merklich zusammen.

„Ähm … Mr. Fireman hat mir Hafer mitgegeben. Hier sind die Lieferunterlagen, Mr. O‘Neil.“

Elena überreichte ihm ein paar zusammengeheftete Papiere. Jack schaute zu seinen Hilfsarbeiten herüber, die unweit von ihm standen. Er machte mit seiner Hand eine kurze Bewegung, woraufhin die Männer sofort begannen, die großen Säcke abzuladen. Dann schaute er wieder zurück zu Elena:

„Jack … Nennen Sie mich Jack.“

Zustimmend nickte Elena kurz. Während Jack die Lieferscheine überflog und die Ladung kontrollierte, schweifte Elenas Blick wieder über die Koppel. In die Ferne. Die Pferde wieherten zufrieden. Elena hörte das schallende Geräusch ihrer Hufen auf den Pflastersteinen. „Sie haben es sehr schön hier“, murmelte Elena gedankenversunken vor sich hin. Jack warf Elena einen Blick zu. „Das ist das Gestüt meiner Familie. Seit über 150 Jahren in unserem Besitz. Es war ein Viehbetrieb, bis mein Großvater mit der Pferdezucht begonnen hat“, begann Jack zu erzählen.

In diesem Moment spürte Elena, dass ihr lautlos gestelltes Handy in der vorderen Tasche ihres Overalls vibrierte. Sie fischte das Handy heraus und blickte flüchtig auf das Display. „Entschuldigen Sie, ich muss da kurz rangehen“, unterbrach sie Jack und entfernte sich ein paar Schritte von ihm, bevor sie das Gespräch entgegennahm.

„Mama!? … Bitte, ich kann jetzt nicht reden. Ich ruf dich später zurück, okay? … Ja, es geht mir gut.“ Verstohlen schaute sie zu Jack rüber, der gerade die Papiere unterschrieb. Elena versuchte leiser zu sprechen. „Nein, mach dir bitte keine Sorgen … Warum weinst du? … Mama … Wirklich, es geht mir gut. Ich arbeite immer noch auf der Farm. Ich habe hier viele nette Leute kennengelernt …aber ich kann jetzt wirklich nicht reden… Grüß die anderen von mir…Ja…ok… Ich melde mich später.“

Sie legte auf und schloss kurz ihre Augen, bevor sie das Handy wieder in die Vordertasche steckte. Elena erzählte ihrer Mutter stets dasselbe.

In Wahrheit hatte sie nicht viel Kontakt mit den anderen Erntehelfern oder mit irgendjemandem aus dem Ort. An den wenigen freien Abenden oder Tagen zog sie sich allein in ihr Zimmer zurück. Aber das Alleinsein kannte sie schon. Kindergarten, Schule, Job. Sie versuchte die Erinnerungen daran abzuschütteln und die aufsteigende Traurigkeit im Keim zu ersticken. Sie konzentrierte sich darauf, Geld zu verdienen, und nicht darauf, Freundschaften zu schließen. Ein Lehrer ihrer alten Schule hatte einmal zu ihr gesagt: „Raben ziehen gemeinsam. Der Adler fliegt allein“. Warum er das zu ihr gesagt hatte, wusste sie nicht. Sie wusste nur, dass sie nach vorne blicken und weiterziehen wollte, sobald die Erntesaison vorbei war.

Elena schaute zum Heck des Lieferwagens und sah, dass der Wagen bereits entladen war. Auf der Fahrerseite stieg sie ein. Jack überreichte ihr die unterschriebenen Papiere, bevor sie die Fahrertür schloss. „Danke. Für die nächste Lieferung werde ich mich bei Mr. Fireman noch einmal melden“, sagte er. Elena nickte kurz, noch in Gedanken an das Telefonat mit ihrer Mutter und fuhr los.

„Countville“, las sie am ausgeblichenen Eingangsschild an der Straße. Vor einem kleinen Geschäft hielt sie den Wagen an und stieg aus. Sie nahm eine kleine Flasche Wasser aus ihrem Rucksack und trank. Dabei ließ sie ihren Blick durch die Umgebung schweifen. Countville war ein „Dorf“. Oben am Ende der Straße befand sich eine alte Kirche. Die vom Moos bedeckten Dachziegel leuchteten in der prallen Sonne. Die Wolken hatten sich in der Zwischenzeit verzogen. In den meist zwei- bis dreigeschossigen Backsteinhäusern gab es nicht viele Geschäfte. Eine Bäckerei, eine Bücherei, ein Bekleidungsgeschäft, ein Juwelier, ein Blumengeschäft und direkt gegenüber an der breiten Straße ein Café. An den Tischen vor dem Café saßen einige ältere Menschen und genossen ihren Kaffee. Große Sonnenschirme waren aufgespannt und spendeten Schatten. Es war ruhig hier, schon fast idyllisch. Es roch nach Lilien und Gebäck. Während Elena sich umsah, blieb ihr Blick auf einer kleinen Seitenstraße hängen. Ein dunkelhaariger Mann an einem kleinen Stand winkte sie zu sich herüber. Elena schaute sich irritiert um, um sicherzugehen, dass sie gemeint war. Mit kleinen Schritten näherte sich Elena dem Mann. Jetzt sah sie, dass er mit einer kleinen Theke mit verschieden Eissorten vor einer Eisdiele stand. Ihr war dieser Laden vorher gar nicht aufgefallen, was vielleicht daran lag, dass trotz des schönen warmen Wetters hier kein allzu reges Treiben herrschte. Stühle und Tische vor der Eisdiele waren leer. Sie schaute durch das große Glasfenster in die Eisdiele hinein. Sie konnte einige Stühle und Tische erkennen. Und zwei Personen, die im Inneren saßen. Sie bemerkte ein Schild neben der Eingangstür. „Eis zum halben Preis“ stand darauf. Sie wollte gerade wieder kehrtmachen, als der mittelgroße, braunhaarige Mann mit einem italienischen Akzent ihr entgegenrief: „Kommen Sie, kommen Sie!“ Elena schüttelte den Kopf. „Ein anderes Mal, ich muss weiter. Tut mir leid.“ „Kommen Sie, Signorina. Ich habe leckeres Eis. Probieren Sie. Eis gratis für Sie.“ Elena überlegte kurz.

„Zitrone, Erdbeere, Vanille …“, zählte er daraufhin breit grinsend auf. Elena schaute auf die fast unberührten, selbst gemachten Eissorten in der kleinen Theke vor sich. „Zitrone, bitte.“ Während der Eisverkäufer eine Eiswaffel holte und mit einem Eisportionierer eine Kugel Eis aus dem Behälter mit dem Zitroneneis herausfischte, bemerkte Elena, dass eine ältere Dame aus dem Inneren zur Ladentür ging und sie anstarrte. Nervös zupfte sie an ihrer faltenfreien, geblümten Bluse herum. Der Mann überreichte Elena das Eis. Elena bedankte sich und probierte. Im nächsten Moment verzog sie ihr Gesicht und räusperte sich. „Antonio, warum siehst du es nicht endlich ein. Dein Eis ist einfach scheußlich!“, rief die ältere Dame heraus. Der Eisverkäufer schaute Elena beschämt an. „Nein, nein, alles okay. Es ist nur … ein wenig bitter“, entgegnete Elena, nahm ein Taschentuch aus ihrem Rucksack und wischte sich den Mund ab. Der Eisverkäufer wandte sich an die alte Dame. „Judith, warum gehst du nicht einfach wieder rein!“ sagte er und warf ihr einen grimmigen Blick zu.

„Etwas weniger Zitronensäure, mehr Honig und vielleicht ein Hauch Basilikum, dann wäre es … genießbar“, murmelte Elena vor sich hin.

Die Frau schaute zu Elena, dann wieder zum Eisverkäufer. „Wenn du mich fragst, Antonio, dann würde ich auf sie hören. Schlechter kann es ja wirklich nicht werden!“, sagte die alte Dame spöttisch. Der Eisverkäufer drehte sich zu ihr um.

„Judith, geh wieder rein! Du vergraulst mir doch all meine Kunden mit deinem Geschwafel!“, ranzte der Eisverkäufer sie an und machte eine Handbewegung, als ob er eine Schar Hühner vertreiben wollte. „Na los, geh!“ Er wartete ab, bis sie wieder im Laden verschwunden war. „Basilikum … Basilikum? … im Eis!? Wer kommt denn auf so eine Idee?!“, murmelte er kopfschüttelnd und widmete sich wieder seiner Eistheke. „Hier, Post für dich, Antonio!“ Die Briefträgerin stand mit einigen Briefen wedelnd vor ihm. Heute war sie ganz besonders spät dran. Er schaute sich um, doch Elena war wieder gegangen, ohne dass er es bemerkt hatte. „Suchst du etwas?“, fragte sie, als sie seine suchenden Blicke bemerkte. Er nahm die Post entgegen. „Nein, nein. Grazie, bella donna“, sagte er augenzwinkernd und lächelte die junge, blonde Postbotin an. Als sie mit verlegenem Lächeln wieder gegangen war, schaute Antonio auf die Post in seiner Hand. Sein Blick wurde ernst. Es handelte sich wieder einmal um Rechnungen, die er nicht imstande war zu begleichen. Seitdem er den Laden von seinem Onkel geerbt hatte, lief das Geschäft schlecht. Er kam einfach nicht aus den roten Zahlen heraus. Ihm war bewusst, dass er zwar ein guter Verkäufer, aber kein guter Eismacher war. Ans Aufgeben dachte er jedoch nicht. Sein verstorbener Onkel hatte so sehr an dem Laden gehangen. „Basilikum … Schlechter kann es nicht werden …“, wiederholte er. Vielleicht hat die fremde junge Frau ja recht, dachte er.

Nachdem Elena die Briefe zur Poststelle gebracht hatte und zur Farm zurückgekehrt war, machte sie sich sofort auf den Weg zu Mr. Fireman. Sie wollte ihm die Unterlagen und das Wechselgeld geben. Um diese Uhrzeit saß er wahrscheinlich in seinem Büro. Auf dem Rückweg hatte Elena versucht, mit Wasser den bitteren Nachgeschmack vom Zitroneneis in ihrem Mund loszuwerden. Die Flasche Wasser hatte sie leer getrunken, aber der bittere Nachgeschmack war immer noch da. Sie klopfte an die Tür von Mr. Fireman und betrat den Raum. Mr. Fireman saß an seinem überdimensionalen massivbraunen Kirschbaumschreibtisch, eingehüllt im grauen Dunst seiner Zigarette. Im Raum waren noch zwei weitere Personen: seine Frau und ein Mann, den Elena nicht kannte. Sie saßen nebeneinander auf einem großen braunen Ledersofa direkt gegenüber der Tür. Mrs. Fireman war eine große, rothaarige, dünne Frau mit hervorstehenden Wangenknochen und blasser Haut. Ihr Blick war immer ernst.

Da dieser Mann und Mr. Fireman sich sehr ähnlich sahen, folgerte Elena, dass das sein Bruder sein musste. Nur war dieser jünger und schlanker. Elena begrüßte alle und gab den Grund ihrer Anwesenheit an. Mr. Fireman inhalierte noch einmal an seiner Zigarette, bevor er nach Lieferscheinen und Wechselgeld griff. Elena schaute auf den vollen Aschenbecher neben ihm auf dem Tisch, wo er kurz darauf die weiß-graue Asche seiner Zigarette hineinschnippte. „Danke, Elena.“ Erneut zog er an seiner Zigarette, als ob er fürchtete, dass die Glut ansonsten in der nächsten Sekunde erloschen würde. Sie versuchte flacher zu atmen, um zu verhindern, dass der zerstörerische Qualm zu tief in ihre Lungen gelangen konnte, während Mr. Fireman die Unterlagen und das Geld prüfte. Der Rauch und der bittere Eis-Nachgeschmack vermischten sich zu einem unangenehmen Kratzen in ihrem Hals. Auf dem Tisch standen eine Karaffe mit Wasser und einige unbenutzte Gläser. „Darf ich?“ Elena deutete darauf. Mr. Fireman nickte. Elena trank einen Schluck Wasser, und ihr Blick schweifte zu Mrs. Fireman und dem Mann. Sie unterhielten sich über die Ernte und den Hofladen. Dann – es war nur ein Bruchteil einer Sekunde, für andere Menschen womöglich nur schwer erkennbar, aber für Elena war es, als ob sie durch eine Lupe hindurchsehen würde und jede kleine Regung in deren Augen erkennen konnte – sah sie etwas in dem Blick dieses Mannes. Etwas, das sie irritierte. Es war ein Blick, der viel zu vertraut, viel zu innig war. Ein Blick, den man keiner verheirateten Frau und vor allen Dingen nicht seiner Schwägerin zuwarf. Elena schaute zu Mr. Fireman. In seiner Mimik war keine Reaktion zu erkennen. Hatte nur sie das wahrgenommen? Oder hatte ihm einfach die dichte Nebelwand seiner Zigarette den Blick auf die beiden versperrt?

In Elena machte sich ein bedrückendes Gefühl breit. Eine Vorahnung, dass das, was sie gesehen hatte, sie in etwas hineinziehen würde, in das sie nicht hineingezogen werden wollte. Denn Mrs. Fireman erwiderte „diesen“ Blick!

In den darauffolgenden Wochen versuchte Elena so gut wie möglich, diesem Mann aus dem Weg zu gehen, wann immer er auf der Farm auftauchte. Doch an diesem Vormittag arbeitete Elena im Hofladen, als er den Laden betrat. Mrs. Fireman war ebenfalls anwesend.

„Ed, was machst du denn hier? Dein Bruder müsste auf den Feldern sein“, sagte Mrs. Fireman nicht sonderlich überrascht, als sie ihn sah.

Elenas Vermutung hatte sich bestätigt. Ed war tatsächlich Mr. Fireman‘s Bruder.

Er antwortete nicht, sondern nickte nur zur Begrüßung.

Elena füllte die leeren Kisten im Laden wieder auf. Hinter ihr standen einige Frauen aus dem Ort, die sich aufgeregt unterhielten. Es ging um das Übliche: Angebliche Trennungen, Verlobungen, Affären, Magersucht, unangebrachte Kleidungsstile, eigenartige Lebensweisen, seltsame Ausdrucksweisen, Streitereien usw. Manchmal hatte Elena das Gefühl, sie wäre mitten im Zentrum gelandet – im Zentrum des Klatschs und Tratschs. Da, wo keine Zeitung hätte mithalten können. Neue Gerüchte wurden gesät oder verbreitet. Jeder redete über jeden. Wenn eine Person gegangen war, wurde sofort über sie hergezogen. Elena versuchte meistens wegzuhören. Doch manchmal, wenn der Laden voll war, verspürte sie den Drang, sich zurückzuziehen. Sie wusste ganz genau, woran das lag. In unbeobachteten Momenten ging sie schnell in eine kleine Kammer im hinteren Teil des Hofladens. Dort stand sie dann für einen kurzen Moment am offenen, kleinen Fenster, das zum Hinterhof führte. Sie atmete ein paarmal bewusst tief ein und aus und versuchte ihren Puls in den Griff zu bekommen.

Als Mrs. Fireman die letzte Kundin im Laden bedient hatte, ging Ed zu ihr. Elena überkam noch immer ein ungutes Gefühl, wenn sie die beiden zusammen sah.

Es hallte wie ein Echo in ihr und wurde immer stärker. Sie hasste dieses Gefühl. Instinktiv verließ Elena den Laden und befüllte die Kisten, die vor dem Laden aufgestellt waren. Sie versuchte, nicht ins Innere des Ladens zu schauen. Das geht dich nichts an, vernahm sie eine innere Stimme. Im Augenwinkel konnte sie jedoch erkennen, dass sie nah beieinanderstanden und redeten, nein, sie flüsterten. Wenn Elena sich darauf konzentrieren würde, würde sie genau hören können, was die beiden miteinander besprachen, aber das wollte sie nicht. Elena schaute auf die schwarze Katze hinunter, die in diesem Moment neben ihren Beinen stand. Sie schmiegte sich an Elenas Beine und begann zu schnurren. „Elena, ich muss kurz weg. Du hältst hier die Stellung.“ Mrs. Fireman stand plötzlich an der Ladentür.

Elena schaute den beiden hinterher, als sie in Mrs Firemans Wagen stiegen und davonfuhren. Im gleichen Moment fuhr ein großer schwarzer Pick-up in die Einfahrt hinein. Oh nein, dachte Elena, als sie die Personen im Wagen erkannte. Es war das Fahrzeug von Mr. Spike. Ein älterer, barscher Herr. Er hatte eine Ranch mit unzähligen Rindern etwas außerhalb von Countville. Sie hatte ihn schon mehrmals mit Mais beliefern müssen. Der Wagen hielt direkt von dem Laden. Mr. Spike stieg aus und zupfte sein Lederweste um seinen korpulenten Körper zurecht. Er war nicht allein. Sein Vorarbeiter Steve war auch dabei. „Wo ist Fireman?“, fragte Mr. Spike in seiner üblichen ruppigen Art, kaum dass er ausgestiegen war. Sein Gesicht war rot und verschwitzt.

„Ich nehme an, im Büro“, antwortete Elena. Ohne ein Wort wandte er sich ab und ging in Richtung des Büros. Steve grinste Elena an, so wie er es immer tat, wenn er sie sah. Fast schüchtern hob er seine Hand, um sie zu grüßen. Seine blonden Locken hingen ihm wirr ins Gesicht. Irgendwie wollten die feinen Züge seines Gesichts nicht zu seiner bulligen Statur passen. Elena war sicher, dass ihn andere Frauen als attraktiv bezeichnen würden. Obwohl Mr. Spike diese abweisende und auch ruppige Art an sich hatte, war es Steve, an dem Elena sich viel mehr störte. Immer, wenn er versuchte, sie in einen Smalltalk zu verwickeln, hatte sie das obskure Gefühl, etwas Falsches zu tun, wenn sie mit ihm redete. Außerdem verspürte sie eine Art Fluchtreflex, wenn er auftauchte. Dementsprechend schnell verschwand sie im Inneren des Ladens, bevor er wieder ein holpriges Smalltalk-Gespräch beginnen konnte.

Gedankenversunken schweifte Elenas Blick zur Kasse. Es war bereits spät am Nachmittag. Sie wusste, dass auch diesmal am Abend die Kasse gut gefüllt sein würde. Bei der Kasse handelte es sich lediglich um eine einfache grüne, metallische Geldkassette. Keine feste Anlage. Ein einfacher, kleiner Schlüssel hing vorne am Schloss. Es wäre ein Leichtes gewesen, die Geldkassette oder das Geld darin einfach mitgehen zu lassen … dachte sie.

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