Kitabı oku: «IM AUGE DES FEUERS»
übersetzt von Tina Lohse
Copyright © 2015 by Robert Blake Whitehill
All rights reserved. No part of this book may be used, reproduced or transmitted in any form or by any means, electronic or mechanical, including photocopying, recording, or by any information storage or retrieval system, without the written permission of the publisher, except where permitted by law, or in the case of brief quotations embodied in critical articles and reviews.
Impressum
Deutsche Erstausgabe
Originaltitel: GERONIMO HOTSHOTS
Copyright Gesamtausgabe © 2021 LUZIFER-Verlag
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Cover: Michael Schubert
Übersetzung: Tina Lohse
Lektorat: Astrid Pfister
Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2021) lektoriert.
ISBN E-Book: 978-3-95835-620-7
Du liest gern spannende Bücher? Dann folge dem LUZIFER Verlag auf
Facebook | Twitter | Pinterest
Sollte es trotz sorgfältiger Erstellung bei diesem E-Book ein technisches Problem auf deinem Lesegerät geben, so freuen wir uns, wenn du uns dies per Mail an info@luzifer.press meldest und das Problem kurz schilderst. Wir kümmern uns selbstverständlich umgehend um dein Anliegen und senden dir kostenlos einen korrigierten Titel.
Der LUZIFER Verlag verzichtet auf hartes DRM. Wir arbeiten mit einer modernen Wasserzeichen-Markierung in unseren digitalen Produkten, welche dir keine technischen Hürden aufbürdet und ein bestmögliches Leseerlebnis erlaubt. Das illegale Kopieren dieses E-Books ist nicht erlaubt. Zuwiderhandlungen werden mithilfe der digitalen Signatur strafrechtlich verfolgt.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
TEIL I
SCHATTEN DER VERGANGENHEIT
Kapitel 1
Der Lynchmord des Jungen war Ben Blackshaw immer noch unbegreiflich.
An diesem ruhigen Morgen stand der Seemann ganz allein in der Nähe des Fischerkahns und dachte an die Vielzahl der Erinnerungen, die den groben, kantigen Linien dieser Behausung innewohnten. Das beengte Hausboot gehörte seiner Familie schon seit mehreren Generationen. Sein Großvater hatte es jedes Jahr zur Blaubarsch-Saison in die oberen Gewässer der Chesapeake Bay geschleppt und dort zusammen mit anderen Seemännern provisorische Uferlager errichtet. Was für grandiose Zeiten waren das gewesen.
Die Planken der Behausung hatten sich durch die Wärme des kleinen Brennofens zusammengezogen, aber dank seiner stetigen Bemühungen und auch denen seines Vaters, verdeckte Dachpappe die meisten der Ritzen und stoppte die eisigen Winde, die selbst im späten Frühling noch über die Inseln der Bucht fegten. Auch der Tod lungerte in Blackshaws Herz, aber es war die Letzte Ölung für den Jungen, der er einst gewesen war, und gewiss nicht für ein fremdes, hilfloses Kind. Bens Entdeckung des eigentlichen Blutvergießens stand noch aus.
Um Blackshaw herum auf dem Boden verteilt, lagen ein Rucksack, etwas Proviant und seine Schrotflinte. Drei Plastikflaschen, die Brennstoff für den Ofen enthielten, standen noch auf dem Heckbalken des Kahns.
Sein Vater, Richard Willem Blackshaw, hatte erst kürzlich Zuflucht in dem alten Hausboot hier auf Lethe Island gesucht, als er sich von einer Verletzung erholt hatte, vermutlich einer entzündeten Schusswunde. Ben betrachtete den Stamm der riesigen Weide, die die Lichtung überschattete, und bemerkte zum ersten Mal, wie sorgfältig sein Vater die Stellen ausgewählt hatte, um die Rindenstücke herauszuschneiden, die er kaute oder zum Brauen fiebersenkender Tees nutzte. Der Baum würde die Krankheit seines Vaters noch lange überleben. Sofern Blackshaw nichts unternahm, würde er seine eigene, tiefer sitzende Unpässlichkeit allerdings nicht überstehen.
Dieser Kahn weit weg von Smith Island, war der letzte Ort, an dem er mit seinen Eltern gesprochen hatte, wenn auch nicht zur gleichen Zeit. Seine Mutter würde womöglich wieder auftauchen, vielleicht aber auch nicht, das war schwer zu sagen.
Auf der anderen Seite hatte Ben das Gefühl, dass der kürzliche Besuch seiner Mutter, Ida-Beth, ihr letzter gewesen war. Beide Eltern hatten versucht, ihre Abwesenheit während der letzten fünfzehn oder sechzehn Jahre herunterzuspielen. Ihre Ausreden hatten abwechselnd hochtrabend, überzeugend oder eigennützig geklungen.
Sein Vater war durch seine Zeit in Vietnam ungeeignet für ein normales Leben geworden. Falls Richard Blackshaw jemals eine Behandlung in Anspruch genommen hatte, um sich niederlassen und Frieden finden zu können, wusste Ben nichts davon. Der Zustand seines Vaters hatte heutzutage sogar einen Namen: Posttraumatische Belastungsstörung. Aus eigener furchtbarer Erfahrung als Veteran, der den Grauen des Krieges entkommen war, konnte er das Verlangen, vor diesem Wolf zu fliehen, der ihm stets auf den Fersen war, durchaus verstehen. Ein Verlangen, das Richard Blackshaw nun als Söldner in Kriege auf der ganzen Welt zurücktrieb. Das alles war längst viel zu sehr Teil von ihm geworden, und nicht mit Medikamenten, einem aufrichtigen Gespräch oder mitfühlender Kameradschaft zu behandeln. Die Chesapeake rund um Smith Island hatte eine Palisade geschaffen, die viele Familien über die harten Zeiten hinweg zusammengehalten hatte. Bens Vater war eingezogen worden und würde sich niemals wieder heimisch fühlen, egal, auf welchem Kontinent er auch sein Haupt bettete. Seine langwierige Genesung hier im Schutz dieser Behausung hatte bei Weitem nicht ausgereicht, um ihn davon zu überzeugen, wieder heimzukehren, und sich auf Smith Island niederzulassen. Auch wenn Richard Blackshaw dieses Mal näher um seine Heimatgewässer zu kreisen schien, machte sich Ben keine großen Hoffnungen. Es mochte am Alter liegen, konnte aber auch einfach nur pure Neugier sein.
Ben schob die Gedanken an seinen Vater zur Seite, denn die Flut war da. Es war endlich soweit. Er machte die Leinen los und schob den alten Kahn ins Wasser, bis er schwerfällig in den Wirbeln des Stroms dahintrudelte. Ben machte sich nicht die Mühe, im Kielraum nachzusehen, ob das Boot dicht war und das Brackwasser der Bucht draußen blieb. Es würde schließlich nicht lange schwimmen müssen. Bis zur Hüfte im Wasser, schob er die schwere Schute weiter bis zu einer Stelle, an der der Strom eine breite Kurve machte, und zerrte sie dann ans Ufer. In ein paar Stunden hätte die Ebbe den alten Kahn wieder auf Grund laufen lassen. Auf diese Weise lag er wenigstens nicht direkt unter der weit ausladenden Weide, die das Boot vor Blicken aus der Luft geschützt hatte, während sein Vater sich so weit erholt hatte, wie es eben möglich war.
Während ihres Besuchs vor ein paar Wochen hatte Blackshaws Mutter weitaus weniger über ihr Verschwinden von Smith Island, und damit aus seinem Leben, offenbart, als er gehofft hatte. Als ob es der Preis dafür war, mit ihm zusammensitzen zu können, hatte sie widerwillig erklärt, dass sie die Rolle der Hausfrau und Mutter bereitwillig und frohen Mutes für eine ganze Weile ausprobiert hatte. Bald jedoch hatte sie das traditionelle Leben sattgehabt, das für sie vorgesehen gewesen war. Sie hatte auf der Stelle getreten und von Orten geträumt, die hinter dem Horizont gelegen hatten, wo neue Versionen ihrer selbst womöglich freier waren. Sie brachte die Zeit in ihrer Fantasie herum, wartete auf den richtigen Augenblick, als Richard Blackshaws alte Probleme aus dem Krieg und die Tatsache, dass er um sein Leben rennen musste, ihr die Gelegenheit verschafften, dieser so fremden Existenz auf Smith Island zu entkommen; ein Leben, zu dem sie einfach nicht länger passte. Aber sie hatte weder mit ihrem Ehemann fliehen wollen, noch hatte sie einen Weg einschlagen wollen, der auch ihrem Sohn genug Platz geboten hätte. Stattdessen hatte sie eine Leere hinterlassen, umrahmt von gerade genug sorgfältig orchestrierten Beweisen, die ihren Tod belegten. Für Blackshaw war es besser, sie als tot anzusehen. Er hatte bis dahin seine Erwartungen an sie auch eher niedrig gehalten.
Fernweh, so hatte sie Ben erzählt, hatte sie nach ihrer Flucht für eine Weile zu anderen Kontinenten getrieben, aber sie war schließlich in die Staaten zurückgekehrt und hatte sich ausgerechnet in Baltimore niedergelassen, nur wenige Meilen vom Haus ihres Sohnes auf Smith Island entfernt. Sie hatte während dieser langen Zeit niemals Kontakt mit ihm aufgenommen, aber sie hatte seine Zeichnung eines Gänsesägers, die sie auf einem Wasservogel-Kunstfestival erstanden hatte, stets in Ehren gehalten.
Genau wie ihr Weggang Jahre zuvor war Ida-Beths Besuch auf Lethe Island sehr viel mehr dazu da, ihre eigene Neugier hinsichtlich ihres einzigen Kindes zu befriedigen, als um Vergebung zu bitten und einen Platz in seinem Leben einzunehmen. Sie hatte einen einzigen Abend zögerlicher, gestelzter Konversation mit ihrem Sohn in dem Kahn zugebracht und am nächsten Morgen war die Frau erwartungsgemäß verschwunden gewesen. Sein Vater hatte wenigstens sein tödliches Handwerk zur Verfügung gestellt, als Ben in Not gewesen war, bevor er seinen Rucksack aufgesetzt und seinen Rückzug angetreten hatte.
Blackshaw leerte nun die Brennstoffflaschen überall innerhalb der Baracke und außerhalb auf dem Deck, den Wänden und dem Dach aus. Sicher am Ufer stehend, entzündete er ein einzelnes Streichholz und warf es an Bord. Er hörte ein Wuuusch, als der Alkohol Feuer fing, und für einen Augenblick waren die Flammen so klar, dass sie beinahe unsichtbar waren – Hitzeflimmern stieg in die Luft. Dann verfärbten sich die Flammen blau und kletterten an den trockenen Planken der Barackenwand hinauf. Die Dachpappe, die hauptsächlich aus Bitumen-getränktem Filz bestand, loderte gelb auf und sonderte grauen Rauch ab.
Blackshaw lief nun stromaufwärts durch das Schilf zu seinem Gepäck. Als er die Lichtung betrat, wo der Kahn ursprünglich gelegen hatte, sah er nur einmal zurück, um sich zu vergewissern, dass der Rauch und die Funken auch von der Weide wegtrieben.
«’Ne Menge Erinnerungen, die das Feuer da nähren.«
Blackshaw unterbrach den Check seiner Ausrüstung, sah, wie Knocker Ellis gegen den Weidenstamm lehnte und steckte seine Bersa Thunder.380 Automatik wieder weg, die reflexartig in seiner Hand erschienen war.
Der schwarze Mann, der vermutlich in den Sechzigern war, aber so drahtig und zäh wie ein viel jüngerer Mann wirkte, taxierte seinen Freund mit besonderer Sorgfalt.
«Bist du jetzt Seelenklempner?«, fragte Blackshaw.
«Bin ich das? Vielleicht ist ein Freudenfeuer ja besser, als den alten Kahn als Anbau an irgendein Haus zu klatschen.«
«Manche Leute kommen wegen der Ruhe hierher«, merkte Ben an.
«Du bist seit einer Woche nicht an dein Satfon gegangen, Ben.«
Eine Mischung aus Furcht und Hoffnung huschte über Blackshaws Gesicht. Um das Unbehagen seines Freundes zu lindern, berichtete Ellis schnell:»Noch keine Veränderung.«
Blackshaw verbarg sich augenblicklich wieder hinter der teilnahmslosen Maske, um seine tiefe Sorge zu überspielen. Seine Frau, LuAnna, war vor einem Monat bei einer Schießerei mit Menschenhändlern am Dove Point schwer verwundet worden und obwohl sie nun selbstständig atmete, hatte sie noch immer nicht das Bewusstsein wiedererlangt.
Ellis sagte:»Die Ärzte sind fort. Sie stehen aber noch auf Abruf bereit, nur für den Fall, und wir haben gute Pfleger, die rund um die Uhr arbeiten und die den Stadtratfrauen in deiner Saltbox zur Seite stehen. Aber manche sagen trotzdem, sie wäre in ‘nem Pflegeheim besser aufgehoben.«
«Nein!«, brach es aus Ben hervor.»Sie ist zu Hause, genau dort, wo sie gerade ist.«
«Aber du bist es nicht. Woher willst du also irgendwas wissen, wenn du hier nur Trübsal bläst und Feuer legst?«
Blackshaws Zorn, dieser Tage nie weit unter der Oberfläche, sprudelte bei dieser Anschuldigung sofort wieder hervor.»Ich war gerade im Begriff aufzubrechen.«
«Aber du kommst nicht zurück nach Smith Island?«
Blackshaw sagte nichts.
Ellis fuhr fort:»Soll Leute geben, die viel davon halten, mit Komapatienten zu reden. Wenn sie dann aufwachen, erinnern sie sich nämlich angeblich an jedes nette Wort, das über Tage und Wochen mit ihnen gesprochen wurde.«
Bens Wut loderte auf wie der Kahn.»Kannst du dir mich dabei vorstellen? Was soll ich ihr denn sagen? Dass es mir leid tut? Dass sie besser auf mich gehört und sich aus der ganzen Scheiße rausgehalten hätte?«
«Nein«, sagte Ellis.»Passt nicht zu dir, jemanden anzuklagen, der sich nicht verteidigen kann. Und du weißt genau, dass sie ein Wörtchen dabei mitzureden hatte. Es war ihre Entscheidung, mitzumischen.«
Blackshaw konnte nichts dagegen sagen, denn LuAnna hörte mehr auf ihn, als die meisten in ihre Ehemänner vernarrten Frauen, aber letzten Endes folgte sie doch immer ihrem eigenen Kopf. Das war es, was Ben am meisten an ihr liebte, zumindest bis zu diesem beinahe tödlichen Moment.
Ellis schlug vor:»Mann, du könntest ihr doch das Telefonbuch vorlesen oder die Zeitung oder schlechte Gedichte, sogar den Wetterbericht.«
Blackshaw gestand:»Ich kann ihr so nicht gegenübertreten.«
«Obwohl du's versprochen hast«, sagte Ellis.»Aber ich versteh' schon. Du kannst ja noch nicht mal ihren Namen sagen.«
«Jetzt gehst du zu weit.«
«Zu weit für unsere Freundschaft? Meine Rasse? Sag schon, Ben, wie habe ich den König des Kummers beleidigt? Habe ich dein perfektes Selbstmitleid gestört? War das zu viel Wahrheit auf einmal für deinen Geschmack?«
«Ellis, bitte hör auf mich, wenn ich dir sage, dass du jetzt gehen musst. Sofort.«
«'N Scheiß muss ich! Du musst hier weg und nach Hause kommen, bevor du deine Dummheiten noch auf die Spitze treibst.«
Ein Teil von Ben wusste, dass sein Freund recht hatte. Das änderte jedoch nichts an seinem Entschluss, einen anderen Kurs einzuschlagen. Er schulterte deshalb sein Gepäck, hob das Jagdgewehr auf und warf es Ellis zu.
«Du willst reden, Ellis? Dann sag ihr, dass ich sie liebe.«
«Sag's ihr doch selbst!«Ellis drehte sich um und verließ die Lichtung in Richtung des Stroms, wo sein Skiff angebunden war.
Blackshaw warf einen letzten Blick auf die Lichtung und sah zu, wie stromabwärts die Steuerbordwand des Hausboots knisterte und in einer Wolke aus Rauch und Funken zusammenfiel. Dann machte er sich in die entgegengesetzte Richtung auf den Weg, wo sein altes Deadrise Miss Dotsy lag.
Kapitel 2
Timon Pardue schoss gerade sein vorletztes Pferd nieder. Er war ganz kurz davor, so etwas wie Bedauern zu empfinden. Das führte dazu, dass sein Abzugsfinger eine Picosekunde zögerte, bevor der Hahn seines Henry-Gewehrs auf das Zündhütchen der geladenen Patrone prallte und Bucky zu Boden ging. Der Schecke war lahm, zum Reiten oder als Packtier nicht mehr zu gebrauchen, aber Pardue hatte trotzdem leichte Gewissensbisse. Das war mehr, als der frühere Sheriff von Cochise County, Arizona, für die meisten menschlichen Wesen empfand. Bucky hatte immerhin stets seine Pflicht erfüllt und das wollte etwas heißen.
Pardue schlachtete Bucky unter dem gelassenen Blick seines letzten Pferdes, Popper. Nach einer kurzen Katzenwäsche in dem kleinen Bach, der sich durch den Arroyo nahe seines Camps schlängelte, hauchte er der Glut seines Lagerfeuers neues Leben ein und bereitete sich auf eine Nacht vor, die genauso wie die letzten ungefähr sechzig Nächte verlaufen sollte (er hatte beschlossen, dass es ihm beim Vergessen half, die Tage nicht mehr zu zählen), seit er aus Frust seine Dienstmarke abgegeben hatte und aus seinem Büro in Bisbee marschiert war. Nach acht Jahren treuen Dienstes war er in einer Abstimmung der Liberalen in Bisbee und dieser angeblich legal eingewanderter Latinos in Douglas abberufen worden, aber er war davon überzeugt, dass es einige Ungehörigkeiten in manchen der Wahllokale gegeben hatte. Die Jungs in Fort Huachuca waren daran gehindert worden, für ihn zu stimmen, da sie wegen eines ungelegenen Terrorismus-Alarms ihre Basis nicht hatten verlassen dürfen. Pardue hätte dahingehend nachgeforscht, wenn es ihm nicht scheißegal gewesen wäre. Und er hatte sich selbst geschworen, dass dies der Fall war.
Seit dieser furchtbaren Nacht stapfte er zwischen den Ausläufern der Chiricahua-Berge umher, begleitet von Bucky, Popper und einem Muli namens Arschloch, welches Pardue zuerst erschossen und gegessen hatte, hauptsächlich, um sich des faulen Gemüts des Tieres zu entledigen, da es sich stur geweigert hatte, sein Gepäck zu tragen. Er hatte das Maultier demokratischer Neigungen verdächtigt oder vielleicht hatte es dem Symbol dieser politischen Partei für Pardues Geschmack einfach zu ähnlich gesehen. In einem Akt posthumer Rache hatte das alte Tier noch dazu fürchterlich geschmeckt, selbst nach der Zugabe großzügiger Mengen getrockneter Chilischoten aus seinen Vorräten. Pardue war beinahe eine Woche schlecht gewesen, nach nur zwei Portionen des zähen Fleisches.
Zu streng im Umgang mit illegalen Einwanderern, das war es, was ihm vorgeworfen wurde. Profiling hatten sie es genannt. Timon Pardue sah sich selbst und die loyalen Mitglieder seiner Abteilung als die letzte Verteidigungslinie der Vereinigten Staaten gegen eine Invasion von Kriminellen, die von Sonora, Mexiko, nach Norden rollte. Erweiterte Grenzpatrouillen wie in San Diego und El Paso waren in Cochise County noch nicht veranlasst worden, beziehungsweise waren sie nicht sehr erfolgreich gewesen, obwohl die Zoll- und Grenzschutzbehörde, Customs and Border Protection, der größte Arbeitgeber in der Stadt Naco war. Pardue glaubte, dass das CBP mehr zur Zufriedenheit des Kongresses in Washington als zur Effektivität an der Grenze ausgelegt war.
Als Sheriff hatte Timon Pardue also alle seine Männer mit der Aufgabe betraut, sämtliche verdächtigen Personen anzuhalten, mit besonderem Augenmerk auf Dokumentations- und Einwanderungsstatus der fraglichen Personen. Das Problem mit den illegalen Einwanderern war nicht neu, die Anschuldigungen der Voreingenommenheit hingegen schon. Die ganze Geschichte wurde schließlich in den Medien wieder aufgekocht, als die neu ernannte Vorsitzende des Bezirksgerichts bei einer Routinekontrolle festgenommen worden war und ein langes Wochenende im Gefängnis von Bisbee verbracht hatte, bevor irgendjemand begriffen hatte, wer sie war, abgesehen von sauer und hispanisch.
Die ehrenwerte Richterin war vom diensthabenden Polizisten nämlich für eine Prostituierte gehalten worden, trotz der Tatsache, dass er sie nahe einer einsamen Landstraße aufgegabelt hatte, fern von jeglicher potenzieller Kundschaft. Sie schwor dem Polizisten, dass ihr Teleskop, welches sie für ihr Hobby der Amateur-Astronomie verwendete, gleich hinter dem nächsten Hügel stand. Ihre Jacke, in der sich ihr Ausweis befand, lag gleich daneben. Sie hatte sich nur kurz vom Teleskop entfernt, um sich zu erleichtern. Es war diese kompromittierende Position, in der der Polizist sie schließlich entdeckte, nachdem er von dem Rancher, der das Grundstück besaß, auf einen Herumtreiber aufmerksam gemacht worden war.
Ebenso wie das Teleskop und ihre Jacke mit dem Ausweis war auch ihr Lexus LX zum Zeitpunkt ihrer Festnahme nicht zu sehen gewesen. Trotz der empörten Proteste der Richterin hatte der Beamte es abgelehnt, auf der zweifellos vergeblichen Suche nach diesen Gegenständen im Dunkeln herumzutappen. Vasquez‘ Behauptung, eine Richterin zu sein und keine Prostituierte, wurden letzten Endes bestätigt, als ihr Lexus am folgenden Montagmorgen auf dem Abschlepphof des Bezirks eintraf und der Fahrzeugschein von einem Mitarbeiter überprüft wurde, der manchmal Telemundo schaute.
Zu Pardues Bestürzung hatte Richterin Vasquez viele gute Freunde bei der örtlichen Niederlassung des spanischen Fernsehsenders. Sie war außerdem gut befreundet mit dem obersten Staatsrichter des Gerichtshofs von Arizona, der sie damals ins Amt erhoben hatte. Ihre Geschichte verbreitete sich wie ein Lauffeuer in den Medien, sogar bei Fox News, die Sheriff Pardue daraufhin förmlich unter den Zug warfen und ihn diffamierten, um selbst weniger als Sprachrohr der Koch-Brüder und Rupert Murdoch zu erscheinen. Pardue wurde daraufhin an den Pranger gestellt. Das war acht Monate her. Die daraus resultierende Abstimmung verlief nicht gut für ihn. Oh, man, sie würden Timon Pardue noch vermissen. Er hatte nur noch keine Ahnung, wie sehr.
Kapitel 3
Blackshaw hatte keine Ahnung, wohin er wollte. Er hatte eine ziemlich gute Vorstellung davon, wo er nicht sein wollte. Zum ersten Mal in seinem Leben kam ihm die Chesapeake Bay wie ein Sumpf vor. Er konnte seine eigene Abscheu überhaupt nicht verstehen … diese neue Geringschätzung seiner wunderschönen Heimat. Vielleicht war der Grund auch viel simpler, als ihm lieb war. Alles, was er kannte, jeder, den er liebte, und jeder Ort, der sich tröstend und lebensspendend für ihn anfühlte, war nun von seinen eigenen Gefühlen der Reue verschmutzt.
Er richtete Miss Dotsy nach Südwesten. Der Himmel war klar und die Wellen schwappten mit einer behutsamen Schaukelbewegung, die ihn immer weiter ins Unbekannte trieb. Dann fiel Blackshaw auf, was passiert war. Irgendwann in den letzten vierundzwanzig Stunden hatte er sich offenbar selbst in den Einsatz geschickt, und das ganz ohne irgendwelche Befehle von oben. Er war anscheinend auf der Suche nach Ärger.
Der Windy Point Jachthafen in Calvert County, Maryland, brummte, obwohl es ein Wochentag war. Zur Zeit war Hochsaison. Der Hafenvorsteher hatte aber noch einen Platz für die Saison frei und Blackshaw zögerte nicht lange. In einem Büro gleich neben dem Jachtausrüster, ein äußerst übertriebener Name für den Windy Point Köderladen, schälte Blackshaw vor dem Manager Geldscheine von einem Bündel, bis Miss Dotsys Unterbringung für den Sommer und den Herbst beglichen war. Mit der Anweisung, Miss Dotsy winterfest zu machen, sollte er sich bis November nicht gemeldet haben, ließ er noch mehr Bares springen. Und er hinterlegte außerdem einen Umschlag. Falls er bis zum nächsten Frühling nicht zurück sein sollte, enthielt dieser Umschlag ein Blatt Papier mit einem Namen und einer Telefonnummer. Die darauf genannte Person war bevollmächtigt, Miss Dotsy nach Begleichung jeglicher offener oder unerwarteter Rechnungen abzuholen. Abgesehen von den Standard-Nachlassdokumenten der Navy war Blackshaw noch nie so nahe daran gewesen, für den Fall seines Ablebens vorzusorgen, wenn man die paar Minuten vergaß, in denen er in das gefährliche Ende einer geladenen Flinte gestarrt hatte.
Nun, da Miss Dotsy in guten Händen war, benutzte Blackshaw das Telefon des Managers, um ein Taxi zu rufen. Er schwang seinen Rucksack wieder über seine Schulter, lief zum Eingang des Jachthafens und wartete dort. All das, während er sich größte Mühe gab, sich nicht mit seinem Vater zu vergleichen.
Kapitel 4
Bucky schmeckte ganz okay nach Timon Pardues Einschätzung, aber trotzdem würden Chili-Pferdesteaks niemals an die Köstlichkeiten von Sammys Hot Dog Company an der Bundesstraße 92 herankommen. Seine Feldflasche voller Jack Daniels half ihm beim Herunterspülen. Im Exil, auch im selbstauferlegten Exil, waren Annehmlichkeiten zu genießen und gewisse Standards dennoch aufrechtzuerhalten.
Er hatte sich gut ausgerüstet, bevor er in die Wildnis gezogen war, und hatte sich deshalb nicht neu bevorraten müssen. Der Mangel an menschlichem Kontakt, selbst so geringem, wie er einem beim Schnapskaufen widerfuhr, machte sich mit der Zeit deutlich bemerkbar. Pardue redete mittlerweile schon mit seinen schwindenden Tieren und dachte sich nichts weiter dabei. Mit genug Jack Daniels würde es nicht mehr lange dauern, bis er seine Hosen hochkrempelte und die Sterne anschrie, überzeugt davon, den ungesehenen Massen undokumentierter Eindringlinge aus dem Süden Angst einzujagen. Bevor er das Bewusstsein verlor, murmelte er etwas an die undankbaren Bürger von Cochise County und widmete ihnen ein Gebet, in dem er ihnen die Beulenpest und andere Demütigungen an den Hals wünschte.
Da das übliche Ziel des Abends schon fast in Reichweite war, brauchte Pardue ein paar Sekunden, um zu begreifen, dass diese neue Stimme nicht seine eigene war, und auch um seine Glock zu ziehen.
Auf nichts Bestimmtes zielend, lallte er mürrisch:»Wer ist da? Zeig dich gefälligst!«
Die Antwort, gedämpft von dazwischenliegenden Felsen, die der Sprecher wohlweislich zwischen sich und den bewaffneten, betrunkenen Pardue platziert hatte, kam sofort.»Ich bin’s, Timon. Sam Wimble. Nicht schießen, bitte! Nimm die Waffe runter, okay?«
«Zeig mir deine Hände«, knurrte Pardue.»Und komm schön langsam ins Licht, wo ich dich sehen kann.«
Es war beinahe Schlafenszeit für Pardue. Er hatte das Feuer deshalb runterbrennen lassen. Wimbles Wampe und die staubigen Spitzen seiner Cowboy-Stiefel waren das Erste, was Pardue zu Gesicht bekam, der Rest seines alten Freundes folgte kurz darauf.
«Bist du allein?«, fragte Pardue.
«Nur Lobo und ich. «Wimbles Bluthund trottete jetzt hinter ihm in den Schein des Feuers.»Ich schwör’, du liest zu viel Louis L’Armour Westernkrimis.«
Pardue holsterte daraufhin seine Waffe.»Zuviel Louis L’Armour Westernkrimis gibt’s gar nicht. Willst du ‘n Drink?«
«Wenn du mich schon so fragst«, sagte Wimble.»Was ist das denn für ein Geruch?«
Als Pardue Whiskey in eine Blechtasse goss, sagte er:»Schätze mal, das ist Bucky. Hab‘ wohl vor dem Braten nicht das ganze Fell abgekriegt.«
Wimble nahm sich einen Moment, um das zu verdauen, und nutzte die Zeit, um aus seiner Tasse zu nippen. Pardue war dankbar für die Gesellschaft, aber Wimble, oder Deputy Wimble, der diensthabende Polizist und erstes Opfer des Richterin-Vasquez-Fiaskos, wäre nicht seine erste Wahl gewesen. Er schaffte es noch nicht mal in die Top 100, was das anging. Aber ein anderes menschliches Wesen war immer noch besser als nichts und sie hatten zusammen gearbeitet und waren beide im Namen der Political Correctness geopfert worden.
«Du hast mich gefunden«, sagte Pardue nach einer Weile.»Willst du dann jetzt die ganze Nacht nur dasitzen oder hast du mir auch was mitzuteilen?«
In Anbetracht der Mühen, die sich Wimble offensichtlich gemacht hatte, um ihn aufzuspüren, erwartete Pardue mindestens eine Entschuldigung für den dümmlichen Schlamassel, der ihn seinen Job gekostet hatte, das war jedoch nicht das, was er bekam.
«Da gibt’s ‘n paar Leute, die nach dir suchen, Timon.«
Das war unerwartet. Pardue hatte nämlich kaum Freunde. Er war seit neun Jahren geschieden und seine Frau hatte sich so schnell und erfolgreich neu verheiratet, dass es ihn immer noch maßlos ärgerte. Er und seine beiden Kinder sprachen auch nicht mehr miteinander. Er war ein strenger und manchmal sogar grausamer Vater gewesen und heutzutage, da Kinder neu definierten, was als Familie galt, und Blutsverwandtschaft offenbar nicht mehr zu zählen schien, wurde Disziplin nicht mehr geschätzt. Pardue gab verweichlichten TV-Psychologen und überladenen Selbsthilfe-Sektionen in Buchläden die Schuld für den Zerfall seines kleinen Clans.
Pardue sagte:»Geht mich nichts an und du sagst lieber keinem, wo du mich gefunden hast. Absolut niemandem. Ich zieh’ sowieso alle paar Tage weiter, nur, dass du’s weißt.«
«Ein richtiger Gesetzloser, vogelfrei. Also bist du morgen Abend hier oder einen Tagesritt weit entfernt?«Wimble war ein richtiger Klugscheißer, aber leider nicht sehr klug. Er hielt Pardue seine Tasse entgegen.
«Sam, was willst du hier?«Pardue wägte bereits die nachlassende Freude an Wimbles Gesellschaft gegen den beträchtlichen Schwund seines Whiskey-Vorrats ab. Wimble war fett, zweifellos, aber eine vergrößerte Leber machte den Großteil seines Bauches aus.
«Ich bin’s nicht allein, Timon. Du bist irgendwie berühmt geworden, nach allem, was passiert ist.«
Pardue schnaubte.»Ich hab die Abstimmungsergebnisse gesehen. Wer auch immer behauptet hat, es gäbe keine schlechte Publicity, ist ein verdammter Idiot.«
«Schätze schon, meistens jedenfalls. Aber wenn sich eine Tür schließt, geht woanders ein Fenster auf.«
Pardue strafte seinen früheren Hilfssheriff mit einem ungeduldigen, stechenden Blick.»Danke für deinen Besuch, Sam. Ist schon spät, du gehst jetzt besser.«
«Klar, Timon. Daheim schläft sich’s schließlich am besten. «Wimble nahm daraufhin Anlauf und kam endlich zur Sache.»Aber wie gesagt, es gibt Leute, die nach dir suchen. Die sind stinksauer, dass man dich den Löwen zum Fraß vorgeworfen hat. Haben die Nase voll vom CBP, das ständig groß ‘rumtönt, es würde was getan werden, und dann passiert wieder nix. Wie sie Teile der Grenze absichern und wir uns allein mit vier oder fünf Mann durchschlagen müssen, wenn wir fünfzig bräuchten. Wir sind jetzt der Flaschenhals. Cochise ist das weit offene Loch im Zaun und die ganzen Illegalen wissen das ganz genau.«
Wimble hielt ihm wieder seine Tasse hin. Pardue wollte sie nicht auffüllen, tat es aber doch. Die Feldflasche wurde immer leichter. Neugier, in Kombination mit Jack Daniels, machte Wimble nun schon beinahe interessant.
Nach einem weiteren großen Schluck sagte Wimble:»Diese Leute, von denen ich rede, die sind sauer, aber die gehören nicht zu denen, die ums Gurkenfass sitzen und rummeckern. Die wollen aktiv werden. «Wimble hatte aktiv besonders betont, auf die gleiche Weise, wie Personalverantwortliche Bewerber mit gepflegter Ausdrucksweise bevorzugten und damit eigentlich keine Ausländer meinten.»Timon, du bist schon so lange hier draußen, dass du gar nicht weißt, dass man dich inzwischen für einen richtigen Helden hält.«
«Ich werde mich ganz bestimmt nicht noch einmal zur Wahl aufstellen lassen.«
Wimble sah für einen Augenblick verwirrt aus, dann setzte er wieder diesen verschwörerischen Blick auf.»Niemand hat gesagt, dass du wieder für das Sheriff-Amt kandidieren sollst. Diese Leute, von denen ich rede, die haben keine Zeit für diesen Quatsch, genauso wenig wie du. Himmel, die Hälfte von denen glaubt, dass es überhaupt kein politisches Amt mehr gibt, das noch einen Pfifferling wert ist. Die glauben noch nicht einmal an Politik. Die sind eher proaktiv. Die handeln selbstbestimmt.«
Pardue konnte sich nun nicht mehr zurückhalten, deshalb fragte er:»Wer sind die?«
«Rancher, Viehzüchter hauptsächlich. Sogar welche, deren Farmen nicht an die Grenze stoßen.«
Pardue verstand das Ganze jetzt langsam besser.»Ach du Scheiße, Wimble. Die Kerle haben ‘nen Hass auf die Illegalen, aber die wollen genauso sehr Rabatz machen, weil sie ihre Weidegebühren nicht zahlen wollen. Die hören den ganzen Tag America, Why I Love Her, als wär’s die Gettysburg-Ansprache.«
Wimble plusterte sich empört auf.»Mach‘ dich bitte nicht über den Duke lustig, Timon. Nicht vor diesen Jungs. Ich meine, John Wayne ist für die ein Held. Aber er ist nicht hier, um jemanden anzuführen, Gott hab ihn selig. Und es sind nicht nur Kerle. Es gibt auch ‘ne Frau im Komitee.«
«Adele Congreve. «Pardue spuckte ins Feuer.
Wimble schaute ihn überrascht an.»Das stimmt.«
Pardue kannte Miss Adele, wie sie sich gern nennen ließ, ziemlich gut. Eine dynamische, wohlhabende, ordinäre Frau, die von ihrem Ehemann, dem Viehzüchter und Ölmagnaten Ricky-Ray Congreve, beerbt worden war. Sie war irgendwo in den Fünfzigern, wahrscheinlich für immer, und gehörte zur festen Einrichtung des Stadtrats. Davor hatte sie bei allen Meetings in der ersten Reihe gesessen und ihre diversen preisermäßigten Schönheitsreparaturen und – operationen, Einspritzungen und Absaugungen zur Schau gestellt. Die Frauen der Rancher hatten ihrer Double-R-Ranch die Bezeichnung Doppel-D gegeben. Sie wusste das und es war ihr herzlich egal. Die Frau kontrollierte ihre Zäune immer noch selbst und packte mit an, soviel war sicher.
Congreve reiste immer von ihrer Ranch zu den Ratstreffen in Bisbee in einem Konvoi aus nicht weniger als drei geschwärzten, gepanzerten Chevy Suburban. Die Einheimischen tauchten immer bei den Meetings auf, um darauf zu wetten, welcher der drei Wagen sie letzten Endes ausspucken würde, da sie aus Angst vor Kidnappern jedes Mal in einem anderen Wagen fuhr.
An heiteren Tagen, wenn Adele Congreve nicht so sehr nach einer Parade war, flog sie mit dem Hughes OH-6 Cayuse ihres verstorbenen Mannes zum Helikopterlandeplatz des Copper Queen Hospitals. Es war eine ausrangierte Version des AH-6 Kampfhubschraubers, den Ricky-Ray in Vietnam geflogen hatte, und er hatte seiner Frau beigebracht, ihn ebenfalls zu fliegen. Mit Adeles bewaffnetem Bodyguard auf dem linken Sitz erinnerte es noch mehr an das Killer-Ei, das ihr Mann auf seinen Missionen geflogen hatte. Sie landete normalerweise auf dem Dachlandeplatz der neuen Notaufnahme, für den sie bezahlt hatte, um ihr Oxycodon-Rezept abzuholen, was sie nur in ihrer Freizeit nutzte oder wenn Ricky-Rays Abwesenheit ihr besonders zusetzte.
Mit dem Rezept in der Hand verließ sie die Notaufnahme immer in einem der drei Suburban, die vor der Tür auf sie warteten. Adele verabscheute die illegalen Einwanderer, die von der Grenze aus über ihr Grundstück wanderten. Dies kam einigen Leute reichlich verlogen vor, da die Mutter ihres geliebten Ricky-Rays selbst aus Chiapas stammte.
Auf die Erwähnung ihres Namens hin dachte Timon Pardue nicht zum ersten Mal darüber nach, dass Adele Congreve eine komplexe und vielleicht missverstandene Frau war.
«Und was will sie von mir?«, fragte Pardue nun.
«Sie will sich nur mal mit dir treffen. Sie und ein paar andere«, erklärte Wimble.
«Mir gefällt’s hier aber ganz gut.«
«Dann trefft euch doch hier. Timon, die meinen’s ernst. Du bist ihr Mann. Lass sie doch einfach mal reden.«
Timon war inzwischen gelangweilt und einsam genug, um intelligente, verständnisvolle und bemitleidende Gesellschaft nicht einfach abzulehnen. Jetzt den Schüchternen zu spielen, würde nur bedeuten, den durstigen Wimble noch länger hierzuhaben, als Pardue lieb war.
«Sam, mir ist wirklich egal, was diese Leute vorhaben. Wenn sie sich hier rausschleppen wollen, um mit mir zu reden, kann ich sie nicht davon abhalten. Das ist schließlich ein freies Land.«
«Damit hast du verdammt recht, Timon. Und wir wollen sicherstellen, dass es das auch bleibt.«
Kapitel 5
Blackshaw hatte seinen Platz im Bus mit Bedacht auswählen wollen, aber vergebens. Alle Fensterplätze waren bereits besetzt und er schloss auch die hinteren Plätze nahe der stinkenden Toilette aus. Außerdem sah er davon ab, dort zu sitzen, wo schwergewichtigere Passagiere vermutlich wegnicken würde und Ellbogen und Schultern über die Armlehne in sein Territorium überquellen würden. Man konnte sich schließlich nicht ewig in den Gang lehnen.
Nach einer kurzen Beurteilung setzte sich Blackshaw schließlich leise neben einen weißen Burschen, der auf linker Seite in der Mitte des Busses gegen ein Fenster gelehnt döste. Der Typ war Anfang zwanzig, mit geschorenem Kopf und einem kleinen Verband an seiner rechten Schulter. Der Verbandsmull sah einigermaßen frisch aus und die Jeans und das Unterhemd des Jungen wirkten sauber. Er war spindeldürr und seine Füße hatten sich gemeinsam mit seinen kantigen Knien und Ellbogen in all den richtigen Stellen der Armlehne und des Kanals der Klimaanlage an der Seitenwand verklemmt, um ihn in aufrechter Position zu halten, obwohl er tief und fest schlief. Ja, Blackshaw hatte das schwarze Klappmesser in seiner rechten Hosentasche durchaus bemerkt, aber das war für Jungs heutzutage normal. Zu guter Letzt und vielleicht am allerwichtigsten, war es, dass der Junge nicht schnarchte.
Der Bus fuhr pünktlich von der Haltestelle in Washington, D.C. los in Richtung Los Angeles. Blackshaw musste in Richmond und Oklahoma City noch einmal umsteigen, aber der dritte Bus würde ihn den Rest des Weges bis zur Stadt der Engel bringen. Blackshaw hatte erst kürzlich eine ziemliche Menge Ärger bei der Jagd auf einen Sniper namens Nitro Express in Los Angeles gehabt, aber er verspürte dennoch den Drang, den Ort des Geschehens noch einmal zu besuchen. Er hielt LA für das absolute Gegenteil von Smith Island, sogar noch fremder als das New York seiner Erinnerung, von wo aus er in die Nitro Express-Geschichte verwickelt worden war. Der Big Apple war immerhin noch eine Insel, wenn auch knapp sechshundert Meter mit Glas und Stahl in die Höhe gebaut, und Blackshaw hatte Inseln definitiv satt.
Er sah aus dem Fenster, als der Bus den Potomac überquerte. Er erinnerte sich an ein Linienflugzeug, das in den frühen Achtzigern auf dem Weg nach Tampa auf die Brücke und danach in den eisigen Fluss gestürzt war. Nur fünf Passagiere hatten überlebt. Vier Autofahrer waren ebenfalls auf der Brücke ums Leben gekommen. Als Inselbewohner sah Blackshaw Brücken nicht nur als Straßen über Wasser an, sondern auch als Überführungen in eine größere Welt. Was die Opfer des Air-Florida-Flugs anging, hatten diese ihre Überführung zwar bekommen, aber Särge und Urnen waren gewiss nicht die erhofften Bestimmungsorte gewesen. Vielleicht waren sie am Ende ja doch besser weggekommen. Es kam ganz darauf an, was man von Tampa hielt.
Als der Bus von der Brücke nach Virginia rollte, unversehrt und ohne Zwischenfälle, rührte sich der Bursche neben ihm, grummelte und wachte auf. Für einen Augenblick hatten seine Augen eine schläfrige, jungenhafte Unschuld. Dann, als er vollends wach wurde, rückten gewisse Defizite seiner Persönlichkeit in sein Gesicht und verliehen ihm etwas Rattiges.
«Was guckst du denn so dumm?«
«Schaue nur aus’m Fenster. Nichts für ungut«, sagte Blackshaw monoton.
Der Junge warf noch einen langen Blick auf Blackshaw, registrierte dessen Größe und den Ausdruck vollkommener Furchtlosigkeit in seinen Augen und nickte dann kurz. Zufrieden, dass der gebührende Respekt, der ihm zustand, gezollt worden war.
Blackshaws Mission erwachte nun wieder in seiner Seele. Er betrachtete den Jungen seinerseits und glaubte, dass eine physische Konfrontation unwahrscheinlich war. Sein Reisegefährte war vermutlich den Großteil seines Lebens gemobbt worden. Er fragte sich, wie tief diese Aufsässigkeit ging, und dachte sich, dass dieser Junge deshalb mit Gemeinheit statt mit Freundlichkeit gegenüber Leuten wie ihm auf das Leid seiner Kindheit reagierte. Da es nur wenige Zielscheiben in der Welt gab, die vor so einem kleinen Scheißer klein beigaben, vermutete Blackshaw, dass er bei der Verübung von Rache Hilfe hatte. Manche, aber zum Glück nur wenige, gingen daraufhin zum Militär. Er war schon Typen wie ihm begegnet. Aber für diesen Kollegen hatte vielleicht auch eine Gang den Zweck erfüllt. Nun war Blackshaw doch neugierig, was sich unter dem Verband verbarg.
«Neues Tattoo?«, fragte er deshalb.
«Farbe auf ‘nem alten. «Der Junge konnte es offensichtlich kaum erwarten, mit seinem Kunstwerk anzugeben, aber aus irgendeinem Grund zögerte er nun.
«Hab‘ auch drüber nachgedacht, mir eins zuzulegen«, sagte Blackshaw.»Zuerst fiel mir nichts ein, womit ich lange glücklich wäre.«
«So jung biste nicht mehr. Brauchst dich damit nicht mehr lange rumschleppen. «Relativ gesehen hatte der Junge vielleicht recht. Er lotete offenbar gerade Blackshaws Frustrationsgrenze aus. Solche Kerle profitierten häufig von der Höflichkeit der restlichen Welt und nutzten diese tief verwurzelten, ungeschriebenen Spielregeln einer zwischenmenschlichen Gesellschaft, um ernsthaftem Ärger aus dem Weg gehen zu können.
Blackshaw würde allerdings nur eine sehr begrenzte Menge an Unsinn von diesem Bengel tolerieren. Mit ruhiger Stimme gab er zu:»Auch wieder wahr. Aber bis ich was finden konnte, was ich mir für den Rest meines Lebens anschauen wollte, war meine Pelle schon zu lädiert, um noch ‘ne gute Stelle zu finden. Hab inzwischen aber trotzdem eins.«
Der Junge setzte sich nun gerader hin und schenkte Blackshaw mehr Aufmerksamkeit.»Lädiert?«
«Narben. Verbrennungen. ‘N paar Kugeln. Ben Blackshaw mein Name.«
Seine Prahlerei hatte offensichtlich den gewünschten Effekt auf den Jungen.»Rufus Colquette. Kugeln, hm? Wie von ‘ner Schießerei?«
«So ungefähr. Mit der Taliban.«
Colquette verzog das Gesicht. Nicht das, was Blackshaw erwartet hatte.
«Du warst bei der Army?«
Blackshaw schob die Konversation langsam voran, von seiner Vergangenheit mehr geschädigt als beschämt.»Navy.«
Colquette guckte selbstgefällig, als hätte er Blackshaws Lüge enttarnt.»Die Taliban hat neuerdings Schiffe?«
«Die Navy hat die SEALs. «Entgegen seiner eher verhaltenen Natur entblößte Blackshaw kurz sein eigenes Schultertattoo eines Adlers, der einen Dreizack, einen Anker und eine Steinschlosspistole in den Fängen hielt. Blackshaw spürte instinktiv, dass an diesem Jungen mehr dran war, als Elend und Angeberei … etwas so Bedürftiges, dass es ihn gefährlich machte.
Inzwischen wirkte Colquette wütend und seine nächsten Worte bestätigten Blackshaws Ahnung.»Oh. Also setzt die Navy sich jetzt für Übersee-Sandnigger ein, Big Ben?«
Blackshaw fragte sich, ob sich der Knoten in seinem Magen auch auf seinem Gesicht abzeichnete.»Ich glaube, dass es an dem Tag eher um Demokratie ging.«
Rufus Colquette schnaubte. Blackshaw vermutete, dass er zu viele Silben verwendet und den Jungen damit verwirrt hatte.
Einen Augenblick später lehnte sich Colquette weit nach links und griff in seine rechte vordere Hosentasche. Nachdem er mit seinen Fingern darin herumgewühlt hatte, als ob er einen Ausschlag kratzte, zog er schließlich etwas hervor, behielt es aber in seiner Hand verborgen.
«Ich zeig’ dir was, großer, böser Ben. Ich zeig’ dir, was ich denke, was den Einsatz eines guten Mannes wert ist.«
Nach einem verstohlenen Blick nach links und rechts, der so deutlich und auffällig war wie der eines Stummfilm-Bösewichts, öffnete er langsam seine Hand.
Blackshaw war sich einen Augenblick lang nicht sicher, was er da ansah. Colquettes Augen brannten, gespannt auf seine Reaktion. Der Gegenstand, ein Knäuel schwarzer, gekräuselter Fäden war mit Fusseln und anderen Staubpartikeln bedeckt. Blackshaw versuchte zu verstehen, was er Colquettes Meinung nach sofort erkennen müsste. Es schien so, als hatte Colquette einen Friseurladen mit mindestens einem schwarzen Kunden besucht und aus Gründen, die einzig und allein ihm bekannt waren, eine Handvoll Haarbüschel vom Boden aufgelesen.
Colquette knetete das Haarknäuel und schob es in seiner Hand hin und her, dann drehte sich Ben der Magen um. Doch er blieb ruhig. Als Colquette das Haar wie einen Massageball drückte, sah Blackshaw, dass dies gar keine losen Haare waren. Ein großes Stück Kopfhaut hielt sie alle zusammen.
«Ich bin auch ein Soldat, Big Ben. «Rufus Colquette betrachtete seine Trophäe mit Stolz.
Angewidert reagierte Ben auf seine Entscheidung, bevor ihm klar wurde, dass er eine getroffen hatte. Er lehnte sich nach vorn und blockierte auf diese Weise die Sicht der anderen Passagiere.»Sei vorsichtig damit, Rufus. Wenn das jemand sieht …«Er überließ den Rest des Satzes Colquettes Vorstellungsvermögen.
«Ich hab aber keine Angst. «Doch Colquette knüllte den grauenvollen Gegenstand trotzdem zusammen, bis er wieder in seiner Hand verschwand.
«Schätze nicht. Wo hast du das denn gekauft?«, fragte Ben in der Hoffnung, dass es zu mehr Informationen führte.
«Gekauft?«Colquette nahm offenbar Anstoß an dieser Anschuldigung.»So etwas kann man doch nicht kaufen. Das verdient man sich. Man nimmt es sich!«
«Oh. Okay, Rufus.«
«Und das hab ich getan! Hier, sieh mal!«Colquette schob den langen, schmutzigen Daumennagel seiner linken Hand unter das Klebeband des Verbands an seiner rechten Schulter. Blackshaw lehnte sich nach hinten, um besser sehen zu können. Colquette schälte nun den Verband ab und da war es. Ein Eisernes Kreuz, wund und frisch ausgefüllt mit roter Tinte und mit dunkelblauen oder vielleicht auch schwarzen Streifen, die die roten Felder nach dem Muster der Konföderiertenflagge kreuzten. Darunter stand die Nummer 88.
«Hab‘ ja gesagt, ich bin ein Ritter. Weißte, was ich meine?«
«Glaube schon. «Rufus Colquette gehörte also dem Klan oder etwas in der Richtung an. Oder vielleicht war er auch einfach nur ein Möchtegern-Skinhead, der Hass-Symbole sammelte. Angesichts der Trophäe vermutete Blackshaw, dass dieses Tattoo das Zeichen einer bestimmten Gang war. Die 88 bezeichnete zweimal den achten Buchstaben des Alphabets, also HH oder Heil Hitler.
«Mensch, Rufus. Ich mein’, das is’ ‘n nettes Tat’ und so und die Haare sind auch cool, aber ich mein’, echt jetzt?«
Colquettes Bedürfnis, Blackshaw zu beeindrucken und ihn zu überzeugen, wurde nun immer stärker und verzweifelter. Er deckte das Tattoo wieder ab und griff in seine linke hintere Hosentasche. Nach ein paar Momenten des Wühlens oder des Kratzens, Blackshaw war sich da nicht ganz sicher, zog er ein Handy hervor. Das Smartphone war ramponiert, zerkratzt und ungepflegt. Es war auf jeden Fall ein privates Telefon und kein Wegwerfgerät.
«Guck dir das mal an, Mann. «Colquette öffnete jetzt die Bildergalerie. Er blätterte rückwärts, vorbei an den drei neuesten Fotos. Sie huschten extrem schnell über den Schirm, aber Blackshaw konnte trotzdem erkennen, dass es Aufnahmen von Colquette zusammen mit zwei weißen Männern, die Gewehre hielten, waren. Umgebaute AR-15er. Der Junge hörte nun auf zu blättern.
Wieder einmal sah sich Rufus Colquette auffällig um, um sicherzugehen, dass nur Blackshaw zuschaute. Dann hielt er ihm das Telefon entgegen.
Als Veteran und manchmal nicht ganz ungefährlicher Zivilist hatte Blackshaw schon furchtbare Gemetzel mit eigenen Augen sehen müssen. Leichen, häufig frische, und manchmal auch in einem gewissen Alter. Einmal hatte er auf Patrouille mal einen Arm gefunden. Nur einen Arm, abgefetzt vom Körper bei irgendeiner Explosion. Aber rund um den Arm herum hatte es keine Leiche gegeben. Ein simples Gruppenfoto hätte ihn deshalb nicht so schocken sollen, wie das Bild, das Colquette ihm jetzt preisgab.
Auf dem Foto stand Rufus Colquette neben den beiden Männern von den anderen Fotos. Einer war ein kleinerer, muskulöser Mann, vielleicht Mitte fünfzig, mit kurzgeschorenen grauen Haaren. Er strahlte durch seine gerade Haltung Autorität aus, aber der Ausdruck seiner Augen war der eines Untergebenen und Lakaien. Der andere war nicht viel größer, etwa Mitte vierzig, mit längerem, angegrautem Haar und Muskeln, die langsam Fett wichen. In den Augen des größeren Mannes herrschte eine düstere Leere. Beide Männer trugen khakifarbene Kampfhosen und olivfarbene Hemden, mit akkurat bis zum Bizeps hochgerollten Ärmeln. Sie hatten ihre AR-15er in einer Hand und hielten mit der anderen große Kampfmesser gegen ihre Herzen als eine Art Ehrenbezeugung.
Rechts hielt Colquette ein Messer, vermutlich das, was in seiner Tasche steckte. Die Klinge auf dem Foto war ausgeklappt und voller Blut. Außerdem gab es noch eine vierte Person auf dem Bild. Es war ein Junge, der zehn oder zwölf Jahre alt gewesen sein mochte, aber in Anbetracht seines Zustands war sein richtiges Alter nur noch schwer schätzbar. Der Junge war schwarz, nackt und an einem Baumstamm in einem dichten Wald festgebunden. Es musste ein sehr abgeschiedener Fleck sein, denn angesichts der Wunden des Jungen musste er sehr laut geschrien haben, und trotzdem war er nicht geknebelt.
Blackshaw konnte seine Augen einfach nicht von dem Kopf des Jungen abwenden. An den Seiten waren nur noch ein paar Haare übrig; kleine Büschel über den Ohren. Der Rest des Schädels war eine rohe Glatze aus Knochen und Blut, das in seine Augen troff. Entsetzte Augen starrten Blackshaw an. Unfassbar angewidert begriff Blackshaw, dass der Junge noch gelebt hatte, als das Foto gemacht worden war, doch das Kind hatte die darauffolgende Stunde wahrscheinlich nicht mehr erlebt.
Im krassen Kontrast zu den äußersten Qualen auf dem Gesicht des Opfers stand hingegen das überhebliche, breite Grinsen, das in den Visagen seiner Peiniger zu sehen war. Als sein Blick ein letztes Mal über das Bild wanderte, bemerkte Blackshaw Colquettes andere Hand auf dem Foto – mit der er den Skalp umklammerte.
Kapitel 6
Timon Pardue brach am nächsten Morgen, trotz des Katers, der in seinem Schädel wütete, sein Camp ab. Gemächlich belud er Popper mit seinen Sachen und führte das Tier dann den steinigen Abhang hinunter in das Gebüsch, das rund um den kleinen Bachlauf am Boden der Schlucht wuchs. Ihm war bewusst, dass Wimble und sein komischer Kader vielleicht nach ihm suchten, aber wenn er hier verharrte und zu leicht zu finden war, konnte es seiner Meinung nach den Eindruck erwecken, er wäre berechenbar, oder schlimmer noch, willens, auf ihre Seite zu wechseln.
Nach einem zweistündigen Spaziergang blieb Popper stehen, fing an zu wiehern, zerrte kräftig an seinen Zügeln und riss sie Pardue dann fast aus den Händen. Pardue war kurz davor, wütend auf sein Pferd zu werden, als er die eng gewundene Klapperschlange zwei Meter vor sich erblickte und ihre unverkennbare Rassel hörte. Es war schwer zu sagen, wie lang sie tatsächlich war, so eng zusammengerollt, wie sie war, aber sie war zweifellos riesig. Bevor er sich rührte, betrachtete er die Umgebung um sich und Popper herum, um sicherzugehen, dass er sich am Rande des Schlangenterritoriums befand und nicht genau in dessen Nest gestolpert war. Der Weg zurück den Pfad entlang war zum Glück frei. Pardue führte Popper gute drei Meter rückwärts, bevor er das Pferd wendete, noch fünfzig weitere Meter wegbrachte und an einer einsamen Kalifornischen Washington-Palme festband. Die Pflanze war womöglich ein vertriebener Flüchtling des Kofa Naturschutzgebiets hundert Meilen nordwestlich von hier. Oder vielleicht war es auch ein Überbleibsel aus der Zeit der Postkutschen, in der man schattenspendende Zwischenstationen angelegt hatte. Ein Indianer oder ein Vogel hatte womöglich einen Samen fallenlassen. Pardue staunte noch eine Weile über das kleine Wunder der Natur, bis er sein Henry-Gewehr aus dessen Holster zog und den Pfad hinunterlief.
Pardue war nur ein paar Minuten weg gewesen, aber als er an die Stelle zurückkehrte, an der Popper gescheut hatte, hatte die Klapperschlange den Weg bereits wieder freigegeben. Pardue folgte einem von der Sonne erwärmten Streifen den Hang hinauf, aber da Popper nicht da war, um ihn zu warnen, bewegte er sich dieses Mal mit größerer Vorsicht. Und da war sie auch schon, dick wie ein Männerarm schlängelte sie sich immer höher, bis zu einer Stelle, an der sie für den Rest des Nachmittags in der Sonne baden konnte. Dieses Vieh war ein Monster, knapp zwei Meter lang und mit einem Kopf so groß wie ein Spaten … so kam es Pardue zumindest vor.
Der frühere Sheriff kniete sich hin und nahm die Schlange sorgfältig ins Visier. Einen Augenblick später hallte der Knall seines Gewehrs zwischen den Hängen und das Tier krümmte sich kopflos in Pardues Griff.
Als er seine Beute zusammenrollte und in die Satteltasche stopfte, fiel sein Auge auf ein Knäuel aus Gestrüpp, etwas weiter den Hang hinauf. Irgendetwas war eigenartig daran. Normalerweise konnte Pardue das Hindernis, das die Sträucher und Zweige eingefangen hatten immer gut erkennen. In einem trockenen Flussbett war es häufig ein Baumstamm oder Unrat, der das Zentrum des Wirrwarrs bildete. Bei einem Bachlauf war es manchmal ein alter Biberdamm, um den sich Gestrüpp gesammelt hatte, zumindest drüben im Osten. Diese Ansammlung hier schien allerdings eher aus Ranken und Wurzeln zu bestehen. Pardue trat näher. Nein, dies war Müll aus Menschenhand.
Eine Reihe wurzelartiger Fäden wand sich den Hügel hinauf; niedergedrückt vom Lauf der Zeit und vielleicht dem gelegentlichen Niederschlag hatten sie die Konturen und die Farbe des Bodens und der Felsen angenommen. Die Ranken endeten an einer glatten, ausgewaschenen Fläche. Wäre die Schlange nicht gewesen, hätte er es niemals bemerkt, aber jetzt wusste er, was es war.
Ein alter Fallschirm lag dort ausgebreitet vor ihm, quer über den Hang drapiert, aber bedeckt von Sand und Geröll und halb verrottet, was den Boden so glatt wie getrockneten Schlamm aussehen ließ.
An den Stellen, an denen der Stoff die Sandtöne der Wüste nicht angenommen hatte, schimmerte das blasse, sonnengebleichte Armeegrün hervor.
Pardues Blick folgte den Fangleinen des Fallschirms, bis zu dem Buschknäuel. Die Zweige und Gräser hatten sich zusammen mit Disteln und Flockenblumen um etwas Großes gewickelt. Er näherte sich weiter und spähte auf der Suche nach Kleidung, Knochen oder noch mehr Schlangen in die Schatten hinein. Er konnte sich nicht entsinnen, eine Meldung über fehlgeschlagene Fallschirm-Missionen oder vermisste Springer bekommen zu haben. Vielleicht war dieser Kerl ja Teil einer lang vergessenen Trainingsmission von Fort Huachaca gewesen. Womöglich hatte es diese arme Sau niemals in die Zeitung geschafft, weil die Mission streng geheim gewesen war oder weil er Teil eines ausländischen Militäraustauschs gewesen war.
Er hob einen Stein auf und warf ihn ins Gebüsch, um mögliche Schlangen zu verscheuchen. Anstelle von Rasseln vernahm er allerdings einen dumpfen Aufschlag. Ein weiterer Stein landete mit dem gleichen Ergebnis dort.
Mit dem Lauf seines Henry-Gewehrs schob Pardue vorsichtig eine Schicht Unrat beiseite und sah daraufhin etwas, das wie eine Abfalltonne aussah. Diese war ebenfalls olivfarben. Da war also gar keine Leiche. Er enthüllte mehr von dem Behälter und sah, dass ein Bündel Metallstreben an die Seiten der Transporttonne geschnallt waren. Zwischen den verrotteten Gurten des Tragesystems bemerkte er nun zwei weitere Riemen, die mit sprödem Leder gepolstert waren. Ein Riemen hing lose an einem Tragegestell, das die Rundung des Behälters an die flacheren Konturen eines Soldatenrückens angepasst hätte. Der andere Riemen war immer noch festgezurrt, als wäre er nie benutzt worden. Dieses Ding war anscheinend aus einem Flugzeug gefallen und nie gefunden worden. Sonst war keiner hier und es war von niemandem außer dem Fallschirm getragen worden.
Dann sah Pardue die verblassten, weißen Buchstaben, die auf dem Container prangten: M-388VT.
«Heilige Scheiße«, keuchte Pardue.
Dies war kein einfacher Vorratsbehälter oder gewöhnliches Equipment. Aus seiner Zeit bei der Army wusste Timon Pardue ganz genau, was er da vor sich hatte. Er fragte sich, ob er es wagen sollte, es anzufassen.
Er erinnerte sich daran, dass das Labor in Los Alamos, New Mexico, in den frühen Sechzigern einen Nuklearsprengkopf mit verringerter Sprengkraft entwickelt und getestet hatte. Laut Konzept sollte eine Apparatur wie diese mit eigenem Fallschirm abgeworfen und von einem zweiköpfigen SEAL-Team in Position gebracht werden können, wo es dann ferngezündet werden konnte. Es sollte einen ziemlich großen Hafen von feindlichen Schiffen säubern können. Andere Varianten waren dazu konzipiert worden, auf AGM-62 Walleye-Luftraketen montiert zu werden, der einzige Gebrauch dieser Art für Nuklearsprengköpfe, um ein gesamtes Schwadron herannahender russischer Bomber auf einmal zerstören zu können, und das zu einer Zeit, als konventionelle Luftraketen noch nicht sehr genau oder zuverlässig gewesen waren. Im Vergleich zu der W-54 Rucksackeinheit, die eine Sprengkraft von etwa einer Kilotonne besaß, war die Raketenvariante für gewöhnlich kleiner. Er vermutete daher, dass ein M-388VT als Sprengkopf für die Davy Crockett gedacht gewesen war. Ein rückstoßfreies Kernwaffengeschütz, von dem einzelne Bauteile an die Tonne geschnallt waren.
Auch wenn sich Pardue nicht sicher war, ob er die Bombe erwähnen würde, lächelte er nun, als er dem Treffen mit Wimbles Leuten freudig entgegensah. Er würde als knallharter, cooler Typ dastehen, wenn er ihnen Klapperschlange als Imbiss reichte. Sie würden instinktiv wissen, dass sie den richtigen Mann gefunden hatten, ob er sie nun zur Hölle schickte oder ihnen anbot, sie höchstpersönlich dahin zu eskortieren.
Kapitel 7
Blackshaw kochte innerlich vor Zorn, als Colquette das Foto wegsteckte, auf das er offenbar so stolz war. Hätte der Bus in diesem Moment irgendwo angehalten, hätte Blackshaw seine Reise in Richtung Westen vielleicht vorzeitig abgebrochen und stattdessen einen Passagier mit fatalen Halsproblemen zurückgelassen. Blackshaw atmete langsam und tief durch und versuchte die Galle, die ihm hochgekommen war, zu unterdrücken.
«Das ist doch mal was«, sagte er.
«Mein Erster«, sagte Colquette stolz, wie ein Junge, der seine Unschuld durch eine Vergewaltigung verloren hatte.
«Ziemlich mutig. Ich muss zugeben, ich bin überrascht, dass du’s mir gezeigt hast.«
«Du bist immerhin ‘n SEAL. Ich kann dir ansehen, dass du auch schon Blut vergossen hast. Jetzt weißt du, dass ich’s auch kann. Ich hab schließlich den Beweis.«
«Das stimmt. Weißt du, bei den Marines hatten wir ‘ne besondere Tradition.«
Colquette war ganz Ohr, halb gespannt und halb fürchtend, von einem erniedrigenden Einführungsritual zu erfahren, das er bewältigen müsste, um dazuzugehören und seine Stärke und Dominanz zu beweisen.
«Kann ich dir denn wirklich trauen?«, fragte Blackshaw mit besorgtem Tonfall.
«Teufel ja, vertrau mir. Wir sind schließlich Waffenbrüder, oder nicht? Was ist das denn für ’ne Tradition?«Colquette hatte ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen, vielleicht war es sogar ein Kriegsverbrechen. Er würde garantiert alles tun, um dazuzugehören.
Blackshaw holte tief Luft und fuhr dann fort:»Es war Brauch, Fotos von unseren ersten Opfern mit unseren Kumpels zu teilen. Damals waren es natürlich noch richtige Fotos. Wir hatten sogar unsere eigenen geheimen Dunkelkammern, um die Bilder selbst entwickeln zu können, damit sie nicht in falsche Hände fielen. Du weißt schon … Leute, die unsere Bemühungen nicht zu schätzen wussten.«
«Klar, versteh’ ich. «Colquette klang so weltgewandt, als verstünde er all die Missverstandenen.
«Hast du den Brauch mit deinen Freunden fortgeführt? Wie du schon sagtest«, fuhr Blackshaw fort,»es ist der Beweis. Dadurch weiß jeder, der dir begegnet, automatisch, dass du der wahre Jakob bist. Eine eiskalte Killermaschine.«
Colquette war offenbar erleichtert und ermutigt. Er hatte getötet. Er hatte Zeugen. Er hatte getan, was sich nun als der Weg eines wahren Kriegers herausstellte. Er zählte deshalb die Beweiskette an seinen Fingern ab.»Nyqvist hat das Bild, weil er’s mit seinem Handy gemacht hat. Er hat’s mir dann geschickt. Oren hat’s auch. Denn er, Nyqvist und der Major haben mir beim Fallenstellen geholfen, also hat der Major es natürlich auch bekommen. Nyqvist hat es sogar sofort an Ort und Stelle rumgeschickt, noch bevor ich dem Scheißer überhaupt die Kehle aufgeschlitzt hab.«
«Der Major ist der Kurze? Ist er sowas wie dein Kommandant?«, fragte Blackshaw.
Colquette bekam große Augen.»Woher weißt du das?«
«Wie du schon sagtest, Rufus: Man kann es ihm ansehen. Die Führungsqualität, die Größe. Du hast das auch.«
Colquette lächelte stolz. Niemals in seinem kurzen Leben voller Demütigungen hatte man ihm so etwas zugestanden.»Ach ja, Nyqvist hat das Bild sogar ans Hauptquartier geschickt, an Malthys höchstpersönlich.«
«Die wissen Bescheid an der Spitze, da bin ich mir sicher«, bestätigte Blackshaw.
«Da draußen im Westen kennt man meinen Namen. Die wissen, wer ich bin.«
«Sogar draußen im Westen?«Blackshaw gab sich Mühe, beeindruckt zu klingen.
«So ist es. In ganz Arizona.«
«Du bist also der King in Tucson.«
«Bisbee.«
«Es ist klar, dass die was Großes mit dir vorhaben«, entgegnete Blackshaw.
Colquette sagte:»Verdammt richtig.«
«Ziemlich bald werd’ ich sagen können: Ich kannte ihn schon damals. Natürlich …«, und an der Stelle setzte er ein frustriertes Gesicht auf,»… wird mir dann keiner glauben, dass ich mal mit Rufus Colquette im Bus gesessen hab.«
Colquette platzte nun fast vor Stolz und einer ungesunden Menge an Größenwahn.»Und ob sie das werden. Willst du das Bild haben, Ben? Ich kann’s dir gleich rüberschicken.«
Blackshaw hielt sein Gesicht neutral; zufrieden, dass seine List funktioniert hatte.»Würdest du das echt tun? Ich meine, es wäre mir eine Ehre, Rufus. Ja, eine richtige Ehre von einem Ritter und Freund wie dir.«
Colquette gab daraufhin die Nummer von Blackshaws Wegwerf-Handy ein und ein paar Augenblicke später summte das Gerät.
«Danke, Rufus. Wirklich cool von dir«, meinte Blackshaw und bestätigte, dass das Bild angekommen war.
Und da war es, Rufus Colquettes Grinsen, das er schon von dem Foto kannte, quer über sein Gesicht und keinen halben Meter von Blackshaws geballter Faust entfernt. Los Angeles würde wohl doch warten müssen. Denn er hatte offenbar eine neue Mission und Tod war das Ziel.
Kapitel 8
Pardues Lagerplatz war nicht groß genug, aber das war in Ordnung. Es war wenigstens sicher dort. Es waren auch nicht die paar extra Leute, die ihm Sorgen bereiteten, es gab durchaus genug Platz für ein Schwätzchen. Falls allerdings Adele Congreve involviert war, würde sie aller Wahrscheinlichkeit nach einen ganz großen Auftritt hinlegen wollen. Aus diesem Grund hatte er Pepper angepflockt, sein Zelt aufgestellt und ein absichtlich qualmendes Feuer gemacht, das etwa hundert Meter von einer Fläche entfernt war, die als Hubschrauberlandeplatz dienen konnte.
Er mochte den Geschmack von Klapperschlange eigentlich nicht besonders, es erinnerte ihn an Fisch, der irgendwo auf dem Weg vom Wasser zum Teller zu nass geworden war. Seine Chilischoten und das langsame Anschwitzen würden allerdings wieder etwas Pep in die Mahlzeit bringen.
Pardue war gerade am Abschmecken, als das Surren der Rotoren und Winseln der Turbinen an sein Ohr drang. Es war aber nicht das unverkennbare Wummern eines zweiblättrigen Rotors eines Huey Iroquois, der von vielen Brandbekämpfungseinheiten genutzt wurde und die Grenzschutzpatrouille hatte 2011 ihre Flotte aus Hughes OH-6 Cayuse wegen der schnelleren Datenverarbeitung und besseren Kameraausstattung gegen die Eurocopter AS350 ausgetauscht.
Pardue grinste. Congreve war so berechenbar. Ihr Cayuse schwebte ein paar Minuten lang über der Gegend, in der Wimble Pardue aufgespürt hatte, dann wechselte der Hubschrauber wieder in den Flugmodus und schlug den kürzesten Weg zu der Rauchsäule ein, die von seinem Lagerfeuer aufstieg.
Adele Congreve navigierte ihren Helikopter gekonnt zu der Stelle, die Pardue ausgekundschaftet hatte, und legte kurz darauf eine Landung mit halsbrecherischem Schwung hin. Wie vorhergesehen ließ der Abwind nach, bevor sein Zeltplatz unter Staub begraben werden konnte. Pepper war von dem Ganzen nicht im Geringsten beeindruckt.
Die Turbine des Cayuse wurde nun heruntergefahren und bald darauf sah Pardue schon Congreves blonde Mähne durch die Büsche blitzen, als sie auf das Camp zuwanderte. Kurz danach konnte er drei Männer erkennen, die ihr dicht folgten.
«Hey Timon«, rief Adele.
«Miss Adele. «Pardue stand auf und gab ihr die Hand. Sie zerrte ihn in eine Umarmung, die allerdings von ihren Brustimplantaten gebremst wurde.
Als Pardue zurücktrat, stellte Congreve ihm die beiden Rancher vor, die er vom Sehen und Hörensagen aus der Gegend kannte. Sie wies auf einen großen, schlaksigen Mann Mitte sechzig und sagte:»Farrell Cutlip, das ist Sheriff Timon Pardue, der sich im Ruhestand befindet.«
Cutlip lächelte.»Ich habe für Sie gestimmt, Sir. Jedes Mal.«
«Letztes Mal hat’s wohl nichts genützt, aber danke. Flying-K-Ranch, richtig?«, fragte Pardue.»Guter Boden und gutes Wasser.«
Congreve ging zum nächsten Rancher, einem gebräunten Bullen von einem Mann, mit dichtstehenden Augen, aber keinerlei erkennbarem Hals.»Du hast bestimmt schon von Merton Dressler gehört.«
«Mr. Pardue. «Dressler hatte ein unterkühltes Lächeln und sein Handschlag zeugte von unterschwelliger Aggression.
Pardue sagte freundlich:»Nennen Sie mich doch Timon, bitte. Ich glaube, Ihr Vorarbeiter hat letztes Jahr das Tucson-Rodeo gewonnen.«
Dressler antwortete mit einem knappen, zufriedenen Nicken.»Vor zwei Jahren.«
Der dritte Mann wartete, bis Dressler zur Seite trat. Der Überschwang verschwand nun spontan aus Congreves Stimme und wich einem Flüstern, als sie einen hageren, langhaarigen Mann Mitte dreißig vorstellte. Pardue erkannte ihn sofort, nicht nur, weil er wie eine Mischung aus Rasputin und Postkarten-Jesus aussah.»Timon, das ist Malthys. Seine Ranch befindet sich ein paar Meilen die Straße hinauf.«
Pardue sagte:»Nett, Sie kennen zu lernen. «Keiner der beiden Männer machte Anstalten, die Hand auszustrecken.
«Ebenso«, grummelte Malthys.
Malthys Gelände eine Ranch zu nennen, war mehr als großzügig und grenzte schon an Irrsinn. Malthys war nämlich der Anführer des Pure Nation Comitatus, der seinen Sitz in mehreren Wohnhäusern auf einem vierzig Hektar großen Grundstück im nördlichen Cochise County hatte. Es gab sogar Gerüchte, dass dort Polygamie gang und gäbe war, aber wenigstens nicht mit Minderjährigen, zumindest bisher nicht. Die Zäune des PNC wurden von bewaffneten Wachen patrouilliert, was die benachbarten Rancher natürlich beunruhigte, ganz zu schweigen von den regelmäßigen Zielübungen mit echter Munition auf dem Schießübungsplatz des PNC. Pardue war selbst einige Male aufgrund von Beschwerden wegen zu lauter Musik zu dem Gelände gefahren, aber es hatte sich jedes Mal als ein Live-Konzert herausgestellt, bei dem die Texte zwar auf beängstigende, aber ansonsten unverständliche Art und Weise gebrüllt wurden. Die Genehmigungen für die Veranstaltungen waren immer in Ordnung gewesen und so hatte Pardue das Gelände jedes Mal mit der obligatorischen, aber nutzlosen Bitte, die Bands mögen doch bitte etwas leiser spielen, verlassen. Ein schlechter Nachbar zu sein, verstieß schließlich nicht gegen das Gesetz.
Pardue setzte seinen Gästen daraufhin das Essen vor und alle meinten, dass die Chili-Schlange ziemlich gut wäre, abgesehen von Malthys, der kein Lob äußerte, aber trotzdem alles aufaß.
«Wimble konnte wohl nicht?«, fragte Pardue.
«Oh Timon, du weißt doch, er und Fliegen …«, erwiderte Adele Congreve.
Pardue wusste, dass Wimble Fliegen überhaupt nichts ausmachte, noch nicht einmal in Leichtflugzeugen. Es waren eher Adeles Flugkünste, denen der frühere Deputy nicht traute. Leider hatte Pardues Erwähnung von Wimble nicht den gewünschten Effekt, dass seine Gäste endlich zur Sache kamen.
Niemand lehnte den Jack Daniels ab, was die Unterhaltung hoffentlich voranbringen würde. Anders als der Rest der Gesellschaft nippte Malthys allerdings nur an seinem ersten Drink, während die anderen schon ihre Dritten herunterstürzten. Er war offensichtlich gelangweilt von den endlosen Gesprächen über Fleischpreise, Benzinpreise, Futterpreise und sämtlichen Klatsch, der Dressler, Cutlip und Congreve einfiel, bevor sie den Grund des Besuches ansprachen. Pardue hatte nichts gegen Gesellschaft, aber das ständige Räuspern von Malthys ging ihm so langsam gehörig auf die Nerven.
Als Pardue nach einer eingehenden Analyse der toten Kuh, die mal einen Slot-Canyon blockiert hatte, und der vielen Wanderer, die sich wegen des Gestanks beschwert hatten, wieder zur Besinnung kam, bemerkte er, dass Malthys auf den M-388VT-Kanister und die militärische Ausrüstung neben seinen sonstigen Sachen starrte. Womöglich hatte der hagere Fremde erkannt, was Pardue da genau gefunden hatte.
Schließlich sagte Pardue:»Ihr habt aber einen ganz schön weiten Weg auf euch genommen.«
Adele Congreve schnatterte einfach weiter:»Und du bist so ein guter Gastgeber, Timon. Ich brauche unbedingt das Rezept für die Chili-Schlange. Aber ja, hier sind wir nun.«
Farrell Cutlip räusperte sich.»Timon, wir sind empört darüber, was dir passiert ist, und auch, dass du jetzt hier draußen in der Wildnis schläfst. Dir geht’s wahrscheinlich ähnlich.«
«Ich brauchte einfach mal ‘ne Auszeit nach der ganzen Geschichte«, erklärte Pardue.
Dressler warf ein:»Wir sind nicht allein. Mein Sohn hat dich bei Twitter gefunden.«
«Mit dem Kram geb‘ ich mich nicht ab«, meinte Pardue.
«Wer tut das schon?«, sagte Cutlip.
«Genug Leute«, erklärte Adele Congreve.
«Timon«, fuhr Dressler fort,»mein Sohn sagt, du trendest.«
«Was, bitte? Ich bin doch die ganze Zeit hier draußen gewesen. «Pardue war sich nicht sicher, was Trenden war, aber ihm gefiel der schicke, neumodische und weibische Klang überhaupt nicht.
Nun meldete sich Malthys zu Wort.»Mr. Pardue, Sie sind genau jetzt, genau hier, beliebter als nach Ihrer allerersten Wahl, Sir. Es gibt mindestens acht falsche Twitter-Accounts in Ihrem Namen, die alle behaupten, Sie zu zitieren oder zu repräsentieren, und die spekulieren, wo sie gerade sind und was ihre Meinung ist, vor allem zu den Bohnenfressern. Ein paar der Accounts sind sogar aus dem Ausland. Sie werden hier, in Frankreich und in Deutschland von gewissen Gruppen gefeiert, weil die alle Bescheid wissen, über die Ausländer, die einfach hier reinmarschieren und sich breit machen, wo sie nicht hingehören.«
«Gott im Himmel«, murmelte Pardue.
Cutlip sagte:»Die Frage ist nur, ob du bereit bist, diese Popularität einzusetzen, um etwas damit zu bewirken.«
«Ihr habt doch gesehen, was passiert ist, als ich versucht habe, etwas wegen des Problems zu unternehmen«, murrte Pardue.
«Vielleicht, wenn man den offiziellen Amtsweg geht, dann ja«, sagte Congreve, kokett und verführerisch.
«Wir reden hier aber nicht vom offiziellen Weg. «Malthys Augen begannen zu funkeln, als er weitersprach.»Sie sind jetzt ein freier Staatsbürger, Mr. Pardue. Ich bin mir nicht hundertprozentig sicher, dass die Regierung, der sie zu dienen versucht haben, Ihnen, uns oder Ihren Anhängern wirklich irgendetwas vorzuschreiben hat. Washington ist doch auch nur noch voll gottloser Korruption. Die Grenzschutzbehörde verschleudert Unmengen von Geld, wussten Sie das? Sie geben es mit vollen Händen aus für Helikopter oder schicken einen Haufen Knarren über die Grenze und verlieren diese dann kurzerhand. Und die nennen sich Gesetzeshüter? Wenn das CBP mal ein Jahr nicht ihr gesamtes Budget verbrät, selbst, wenn es gar nichts erreicht, dann gibt’s in Zukunft eben weniger. Da geht’s doch nur ums Geldausgeben und nicht darum, das Problem zu lösen. Reine Selbsterhaltung. In einem Monat sind’s schon Schwärme von Ankerbabys …«
Cutlip unterbrach ihn:»Mein Hund hat letzten Monat sogar menschliche Plazenta angeschleppt.«
«Um Himmels willen«, sagte Congreve angewidert.
Malthys ignorierte Cutlip.»Nächstes Mal sind’s dann schon Zehntausende von Kindern ohne Begleitung. Das nennt man dann humanitäre Krise, anstatt zu sagen, was es wirklich ist. Eine sorgfältig geplante Invasion unseres Grund und Bodens.«
«Ich hab getan, was ich konnte«, erwiderte Pardue mit einem künstlichen Lächeln.
«Du hast getan, was ein einzelner Mann tun konnte«, sagte Dressler.»Du bist aber nicht länger mehr ein Mann.«
«Sie sind ein Anführer, Sir, zu Höherem bestimmt und kurz davor, wahre Größe zu erlangen. Sie sind ein General, dem Legionen unterstehen sollten. «Daraufhin stand Malthys auf, zog sein Kampfmesser und hielt es an seine Brust.»Und ich werde Ihnen den ganzen Weg folgen.«
«Den ganzen Weg wohin?«, fragte Pardue, berauscht vom Whiskey und den hochgestochenen Volksreden.
Malthys kniete sich neben den früheren Sheriff, senkte seinen Kopf und hielt Pardue sein Messer mit beiden Händen entgegen … eine abgeschmackte Bezeugung von Unterwürfigkeit, Loyalität und Ehrerbietung.
Dann sagte Malthys mit emotionaler Stimme:»Zur Grenze, Mr. Pardue, zur Grenze.«
Merton Dressler, Farrell Cutlip und Adele Congreve taten es ihm gleich, indem sie sich auf ihre alten Knie quälten, die nach dem langen Sitzen und Trinken derart knackten und knirschten, dass sie es mit dem knisternden Feuer aufnehmen konnten. Dann reckten sie ihre Klingen Pardue entgegen.
Pardue wurde rot, war überwältigt von Unbeholfenheit, und wusste nicht, was er in so einem wichtigen Moment tun oder sagen sollte. Die Messer nehmen? Diesen Waffennarren mit seiner eigenen Klinge auf die Schultern tippen und sie auffordern, sich wieder zu erheben? Seine angeborene praktische Seite gewann am Ende die Oberhand.
«Würdet ihr euch bitte alle mal wieder entspannen? Malthys, wenn Sie Legionen sagen, von wie vielen reden wir da eigentlich genau?«
Kapitel 9
Blackshaw stieg in Richmond aus dem Bus in eine warme Nacht hinaus und ließ einen unruhig schlafenden Rufus Colquette zurück. Bevor er den klotzigen Busbahnhof betrat, fiel ihm das Stadion auf der anderen Straßenseite auf. Drinnen brauchte er nur einen Augenblick, um die Person ausmachen zu können, die er suchte.
Der schwarze Polizeibeamte plauschte gerade mit seinem weißen Partner neben dem Eingang einer schäbigen Videospielhalle. Blackshaw wartete kurz und zog sich in der Zeit ein Snickers aus einem der vielen Automaten, die die Wand säumten.
Irgendwann stellte der weiße Polizist endlich sein Getränk ab und schlenderte auf die Herrentoilette zu. Vielleicht musste der andere Polizist auch gehen, aber um den Bahnhof im Auge behalten zu können, musste immer einer von ihnen vor Ort bleiben. Der weiße Cop ging zuerst. Blackshaw versuchte allerdings nicht zu viel in diese Reihenfolge hineinzulesen. Er begann, auf den schwarzen Beamten zuzugehen, bevor der andere in der Toilette verschwand.
Mit aufgesetzter Besorgnis sprach er nun den Officer an:»Sir, da im Bus von D.C. sitzt ein Mann, der sagt, dass er sterben will. Der ist offenbar lebensmüde. Ist ziemlich weggetreten. Sagte, sein Name wär Rufus Colquette. Ich glaube, er hat Tabletten genommen.«
Der Polizist setzte sich bereits in Bewegung in Richtung des Busparkplatzes.»Welche Parkbucht?«
«Sechzehn«, sagte Blackshaw. Der Beamte beschleunigte zu einem Laufschritt, als Blackshaw rief:»Warten Sie! Er hat mir außerdem ein Bild gezeigt, auf seinem Handy. Schauen Sie mal. Ist ziemlich übel. Ich dachte, das sollten sie sehen.«
Officer Keene nahm das Telefon, das Ben ihm entgegenhielt, widerwillig zur Hand, als ob das nicht wirklich warten könnte … dann sah er das Bild.»Jesus im Himmel! Das hat er Ihnen gezeigt?«
Blackshaw identifizierte Colquette daraufhin auf dem Foto.»Ich glaube, deswegen ist er so fertig. Sein Gewissen macht ihm wohl zu schaffen«, sagte Blackshaw.»Linke Seite, zweite Bushälfte am Fenster.«
Keene rannte zur Tür, während er über Funk nach seinem Partner rief. Einen Augenblick später schoss der andere Polizist aus der Herrentoilette, die Finger noch am Reißverschluss seiner Hose. Bevor Keene die Halle verließ, sah Blackshaw, wie dessen Hand nach seiner Dienstwaffe griff. Rufus Colquette würde garantiert eine interessante Nacht haben.
Blackshaw saß auf dem Rücksitz des ersten Taxis in der Reihe, noch bevor der Fahrer richtig wach geworden war.»Hauptbahnhof, bitte.«
Der Fahrer, ein angegrauter, älterer Mann, dessen enorme Ausmaße mit dem Sitz verschmolzen zu sein schienen, fragte:»Main Street oder Staples Mill?«
«Union Station in D.C.«
«Das sind aber ‘n paar Stunden Fahrt und nicht gerade billig. Gleich da drüben fahren Busse … und dann hätten wir auch noch Züge in diese Richtung.«
Blackshaw zog eine Menge Bargeld aus seiner Cargotasche.»Weiß den Tipp zu schätzen. Ich würde jetzt aber gern losfahren.«
Der Fahrer sah das Geld und sagte:»Hör mal, Kumpel, ich krieg’ garantiert keine Gäste für die Rückfahrt. Nicht vom Bahnhof in D.C. nach hier, okay? Das reißt mir den ganzen Abend auseinander.«
Blackshaw sah den Fahrer einen Augenblick lang an und sagte dann:»Mach‘ den Taxameter an und fahr los. Die Summe kannst du verdoppeln, wenn wir ankommen.«
Als Blackshaw über seine Schulter aus dem schmierigen Heckfenster schaute, setzte sich das Taxi endlich in Bewegung. Er konnte gerade noch hören, wie sich die Sirenen der Polizei und vielleicht auch eines Krankenwagens dem Bus-Terminal näherten.
Dann sah er, wie Officer Keene und sein Partner aus der Busbahnhofshalle rannten und sich eilig auf dem Fußweg und dem North Boulevard umschauten. Wo war Rufus Colquette? Die Cops sollten ihn doch schon längst in Verwahrung haben, doch sie standen offenbar mit leeren Händen da. Sie konnten Colquette doch unmöglich verfehlt haben.
Blackshaw hatte Keene sogar sein Wegwerf-Handy überlassen, nachdem er zuvor die kurze Anrufliste gelöscht und das Gerät sorgfältig abgewischt hatte. Vielleicht hätte er auch Colquettes Handy mitnehmen sollen, aber der Junge hätte aufwachen und ihn dabei erwischen können. Blackshaw hatte sein Mobiltelefon aus einer Drogerie in D.C. Es würde also nicht zu ihm zurückzuführen zu sein. Aber wie hatten Keene und sein Partner diese Verhaftung nur vermasseln können? Es hätte ein Kinderspiel sein sollen und nun standen diese Cops auf der Straße und reckten ihre Hälse auf der Suche nach dem Typen, der mit ihnen gesprochen hatte. Sie suchten nach Blackshaw. Nicht zum ersten Mal, an diesem Abend, kam ihm der Gedanke, dass er sich auf seine eigene Art und Weise um Colquette hätte kümmern sollen. Oder, dass er sich besser einfach um seine eigenen Angelegenheiten gekümmert hätte.
Der Taxifahrer entdeckte die Polizisten nun auch im Rückspiegel, bremste ab und sagte:»Oh man. Das ist aber viel Polizei. Vielleicht sollte ich anhalten und fragen, was da los ist und ob ich vielleicht helfen kann.«
«Sie haben schon ‘nen Fahrgast hier hinten.«
«Vielleicht vervierfachen wir dann einfach den Fahrpreis.«
Blackshaw las den Namen des Fahrers auf dessen Ausweis, lehnte sich nach vorn und sprach leise:»Wir verdoppeln, Thomas Jacobs, so wie vereinbart. Das ist doch ziemlich gut, oder nicht? Du nimmst dein Geld, bedankst dich bei mir, hältst den Mund und brauchst dich dafür auch nicht für den Rest deines Lebens fragen, wann ich dich besuchen kommen werde.«
«Man, immer mit der Ruhe!«
«Oder ich könnte dein Taxi auch selbst fahren und du darfst in der Zwischenzeit im Kofferraum liegen, bis sie die Karre irgendwann aus dem Potomac ziehen.«
Jacob riss vor Schreck die Augen auf.»Ach du Scheiße, man!«
«So viele Möglichkeiten, TJ. «Dann, aus dem Nichts heraus, hörte sich Blackshaw plötzlich schreien:»ICH MUSS SOFORT NACH DC!«
Das Taxi beschleunigte und für den Rest der Fahrt gab es keine weiteren Diskussionen mehr über Geld, den Tod oder Sonstiges.
Kapitel 10
Timon Pardue lachte in sich hinein, als der Hubschrauber sich wieder in die Luft erhob. Ihre Verabschiedung war geladen gewesen von beißender, fiebriger Aufregung, auch wenn die Handschläge höflich geblieben waren. Adele hatte genau den richtigen Zug gemacht, als sie eine Flasche Jack Daniels aus ihrer übergroßen Handtasche gezogen und sie ihm mit einem vielsagenden feuchten Kuss auf seine Lippen überreicht hatte.»Ich seh’ dich dann morgen, Großer.«
Pardue verfolgte den Hubschrauber auf dem Weg zum Horizont mit den Augen und bemerkte dann einen Hitzeschleier in der Ferne. Doch dieser war nicht dem Wetter zuzuschreiben. Es war ein großes Feuer, aber kein brennendes Gebäude. Es war eine großflächige Landschaft, die dort in Flammen stand.
Kapitel 11
Endlose Zugverbindungen und die anschließende Taxifahrt von Tucson nach Bisbee hatten Blackshaw unangenehm müde gemacht, aber er war dennoch nicht erschöpft. Er fühlte sich von der bevorstehenden Arbeit eher belebt. Bevor er in das Taxi gestiegen war, hatte er einen Abstecher zur Waffenmesse im Tucson Convention Center gemacht, wo bares Geld immer noch wahre Wunder vollbringen konnte, um ihn mit den Werkzeugen seines Handwerks auszustatten. Er hätte von Richmond oder Washington, D.C. aus herfliegen können, aber bei der Sicherheitskontrolle hätte er wichtige Dinge eingebüßt, die er gern behalten wollte. Die Bersa Thunder.380 hätte er noch relativ einfach ersetzen können. Sein Satelliten-Telefon hingegen, ein Modell, das nur von wenigen Regierungsagenten genutzt wurde, wollte er gern behalten, ohne sich vor irgendwelchen Beamten dafür rechtfertigen zu müssen.
In Bisbee war Blackshaw nach einem Besuch beim Textildiscounter, gefolgt von einem Ausflug zum Elektronikhandel, nun komplett ausgerüstet. Er nahm sich deshalb jetzt ein Zimmer im Bisbee Grand Hotel. Blackshaw war nicht der Typ, der sich von alten Detektivgeschichten davon überzeugen lassen hatte, in schäbigen Absteigen unterzukommen. Denn diese Art von Unterkünften wurden in jeder Stadt immer am genauesten unter die Lupe genommen. Alkohol, Drogen und Verzweiflung in den schlimmen Vierteln hielten die Polizei immer wachsam und auf Trab. Wahre, ungestörte Anonymität war hingegen ein Privileg der Wohlhabenden. Geld zu haben und zu wissen, wie und wo genau es auszugeben war, verlieh einem Privatsphäre. Die Polizeibehörden kümmerten sich schon um das kriminelle, gewalttätige Element. Die Reichen wurden hingegen dem FBI und den Geschworenengerichten überlassen. Unschuldig und über jeden Verdacht erhaben zu sein, war ganz und gar nicht das Gleiche.
Blackshaw betrat nun das Zimmer und beschränkte das Auspacken darauf, das Tablet und das GPS-Gerät, das er erstanden hatte, aufzuladen. Der Satfon-Akku war zum Glück noch voll. Nach einer Dusche legte er sich auf das riesige Bett.
Als er wieder aufwachte, war es draußen bereits dunkel. In nur wenigen Augenblicken reanimierte, arrangierte und organisierte er seine Wut und seine Ängste zu der Persönlichkeit, die ihn zu der Stadt Bisbee, Arizona, geführt hatten.
Kapitel 12
Malthys fand, dass Pardue als Partner durchaus einen zweiten Blick wert war. Auch wenn es vielleicht nicht funktionierte, wollte er doch sein Möglichstes tun, die Situation in den Griff zu bekommen, falls die Sache aus dem Ruder lief. Es war durchaus möglich, dass der ehemalige Sheriff perfekt war, so wie er gerade in der Wildnis schmollte. Grandioses Selbstmitleid konnte nämlich nützlich sein, solange er damit Malthys Kontrolle seiner eigenen Anhänger nicht überschattete. Aber was trieb der alte Mann da mit dieser Ausschussware aus der Armee? Pardues sonstige Campingausrüstung hatte ausgesehen, als wenn sie direkt aus einem Outdoorladen stammte.
Alles, was Malthys wollte, war die Freiheit, sich der amerikanisch-mexikanischen Grenze nähern zu können, ohne eine Schießbudenfigur für Rancher zu werden. Pardues Situation war deshalb ein Geschenk des Himmels. Dressler, Cutlip und Congreve waren ganz wild darauf, eine Art Amt für ihn zu kreieren. Im Übrigen lag das Gelände des Pure Nation Comitatus einfach zu weit nördlich in Cochise County, um für sein derzeitiges Unterfangen nützlich zu sein. Doch das Land war so billig gewesen und die Rancher an der Grenze hatten einfach nicht verkaufen wollen, egal, wie sehr sie auch über die Mexikaner schimpften. Nun hatte er dank seiner vielen Arbeitskräfte schon beinah eine schriftliche Einladung zum unbefugten Betreten erhalten. Das war cool.
Die Gratisarbeitskräfte, bestehend aus unzufriedenen Männern, Frauen und sogar Kindern, die in Scharen zu Malthys Grundstück strömten, hatten ausgereicht, um seine Operation starten zu können. Er hatte extra nur Weiße aufgenommen, um seinem Gefolge die entsprechende arisch-rassistische Note zu geben. Seine ersten Anhänger hatten ohne mit der Wimper zu zucken ihre Konten geleert, als ob das erwartet würde … ein Teil der Übung, um aus der Mehrheitsgesellschaft aussteigen und seinem Kult beitreten zu können. Das Problem war nur, dass die neuesten Anwärter alle pleite waren, dafür unterwarfen sie sich allerdings bereitwillig seiner Doktrin, solange er ihnen drei Mahlzeiten und ein Bett bot.
Malthys hatte gehört, dass viele Bedürftige sich im Neuengland des 19. Jahrhunderts mit dem Eintreten der ersten Novemberkälte plötzlich zu der gastfreundlichen Glaubensgemeinschaft der Shaker hingezogen gefühlt hatten. Mit dem Schnee schwand dann allerdings auch der Glauben der sogenannten Winter-Shaker. Zum Frühling hin waren sie dann schließlich so frustriert und enttäuscht von der Sekte gewesen, die sie durch die kalte Jahreszeit hindurch ernährt und beherbergt hatte, dass sie wieder zurück in die Welt wanderten, wo ein besseres Verständnis für Sex und Alkohol herrschte. Bei Pure Nation Comitatus gab es hingegen keine zeitlich beschränkten Mitglieder.
Zurück auf dem Gelände des PNC versuchte Malthys, sich an die verblassten Buchstaben auf Pardues Army-Container zu erinnern. Er hätte es sich aufschreiben sollen. Er war sich ziemlich sicher, dass es M-388V gewesen war. Nach einer kurzen entsprechenden Internetsuche konnte er nur noch erstaunt fluchen. Das fünfzig Jahre alte Ding konnte auf keinen Fall noch funktionstüchtig sein. Er fragte sich, ob Pardue wusste, was er da besaß. Das machte ihm einen interessanten Strich durch die Rechnung.
Er griff nach dem Mikrofon für die Lautsprecheranlage und schaltete es ein. Die alten Lautsprecher knackten wie Gewehrschüsse über das Gelände. Er gab seinen Anhängern zwei Minuten, um ihre Hintern in die große Halle zu befördern, damit er seinen Ruf zu den Waffen verkünden konnte.
Die Botschaft war recht simpel. Am Morgen sollten die Männer zur Grenze in den Süden fahren, um dort das menschgewordene Böse zu bekämpfen. Er würde genug entsprechende Bibelverse in seine Hetzrede einstreuen, um sie angemessen zu motivieren. Epheser 6:11 sollte sie in Wallung bringen. Ziehet an den Harnisch Gottes, dass ihr bestehen könnet gegen die listigen Anläufe des Teufels. Vielleicht auch eine Prise Jesaja 9:5. Denn alle Rüstungen derer, die sich mit Ungestüm rüsten, und die blutigen Kleider werden verbrannt und mit Feuer verzehrt werden. Im Fall von Ablehnung, was allerdings höchst unwahrscheinlich war, so gelangweilt die Männer waren und so bereit, für ihre Sache zu kämpfen, würde anschließend die Apostelgeschichte an der Reihe sein. Er aber sprach zu ihnen: Es gebührt euch nicht, zu wissen Zeit oder Stunde, welche der Vater seiner Macht vorbehalten hat. Jeder, der seine rechtschaffene Pflicht scheute, nach all dem Essen und der Munition, die Malthys ihnen gegeben hatte, würde zum Exempel statuiert und aus dem PNC verbannt werden. Eine einsame, unzufriedene Stimme oder zwei, die um Medieninteresse eiferten, konnten zwar ein kleines PR-Problem verursachen, aber die Nachrichtensender würden sich vermutlich eher auf die beteiligten Rancher konzentrieren. Die Frauen des PNC wären in dieser Zeit an ihren Computern im SozMed-Schuppen der Anlage damit beschäftigt, jegliche Wahrheiten, die empordrangen, unter einer Flut von Mitteilungen auf Twitter und Facebook zu begraben. Bei Gott, sobald sie in den Süden unterwegs waren, sollte es keine Reporter unter den PNC-Mitgliedern geben.
Sein Kryptovox-Telefon auf dem Schreibtisch neben ihm begann plötzlich zu surren. Er nahm das Gespräch mit einem schroffen Was? an.
Der Anrufer war sich offenbar darüber bewusst, dass die Leitung sicher war, den er sagte:»Nyqvist. Scheint so, als ob der Neue vor ein paar Tagen unterwegs rumgeprahlt hat. Hat etwas Aufsehen erregt. War vielleicht doch keine gute Idee, getrennt zu fahren.«
«Willst du mich verarschen? Haben sie ihn etwa gekriegt?«Malthys stand auf und durchschritt sein Büro. Sein langes, zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenes Haar peitschte bei jeder Drehung, die er machte, umher.
«Nein. Er ist in Richmond kurz ausgestiegen, um eine zu rauchen. Die Cops sind dann urplötzlich mit hundert Stundenkilometern aus dem Bahnhof gestürmt, direkt auf den Bus zu. Er hat Schiss gekriegt und hat sich schleunigst aus dem Staub gemacht.«
«Woher will er denn dann wissen, dass die Cops hinter ihm her waren?«
Nyqvist schwieg daraufhin einen Moment.»Hat er sich zusammengereimt, nachdem er im Bus nach Richmond vor seinem Sitznachbarn den Dicken markiert hat. Als der Junge wach geworden ist, war der Typ auf einmal weg. Aber dieser Typ wollte eh umsteigen, vielleicht hatte er also gar nichts damit zu tun.«
«Was zum Teufel hat er ihm denn gesagt? Warum hat er überhaupt was erzählt?«Malthys war fassungslos.
«Er ist ein guter Junge. Er wollte wohl nur ein bisschen angeben«, meinte Nyqvist.
«Ist er jetzt bei dir?«
«Oh ja. Ich lasse ihn nicht mehr aus den Augen. Das Problem ist allerdings, dass er nicht nur geplappert hat. Weißt du noch, das Bild, das wir dir geschickt haben?«
Malthys’ Herz blieb beinahe stehen.»Was ist damit?«
«Er hat’s dem Kerl auf sein Handy geschickt.«
«Was zur Hölle sollte das?«
Nyqvist wurde nun kleinlaut.»Der Typ hat ihm erzählt, dass man bei den SEALs die Bilder von seinem Ersten mit seinen Kumpels teilt, oder irgend so ein Quatsch.«
«Gott im Himmel. Hat der Neue dir das gerade erzählt?«
«Er ist das Handy schon losgeworden, falls du dir deshalb Sorgen machst. Und nein, ich musste es aus ihm herausquetschen.«
Malthys war nun ganz im Schadenskontrollmodus.»Ist er noch reisefähig?«
«Nichts an ihm zu sehen, was Kleidung nicht verdecken könnte.«
«Okay, dann bringe ihn her. Wer war das Arschloch, mit dem er gesprochen hat?«
Nyqvist sagte:»Ein gewisser Ben Blackshaw. Oh, und er weiß auch von Bisbee und von dir.«
Kapitel 13
Über die Weiten des Weltalls gelangte Blackshaw schließlich in die Weiten des Internets, mittels eines Modems in seinem Satfon, das sein Signal durch ein diskretes Kommunikationsnetzwerk der Regierung schleuste.
Dafür hatte er allerdings weder die Erlaubnis noch die Genehmigung. Er war ein elektronischer Eindringling, ein Surfer auf den privaten Wellenlängen, alles dank seines Hackerfreunds Michael Craig.
Auch wenn ein Dunst in der nächtlichen Luft außerhalb seines Hotelfensters lag, brachte Blackshaws erste Suche nach einem gewissen Malthus in Arizona etwas Klarheit in die Angelegenheit. Die Schreibweise, die er ausprobierte, ergab nämlich enthält Ergebnisse für Malthys Arizona. Da die bisherige Schreibweise nichts Auffälliges ergeben hatte, folgte er deshalb diesem Vorschlag.
Zeitungsartikel und Polizeiticker erwähnten Malthys und seinen Klan im Zusammenhang mit Belästigung und kleineren Ordnungswidrigkeiten. Der Pure Nation Comitatus hielt seine kollektiven Hände offenbar einigermaßen sauber, verglichen mit den Branch-Davidian-Verrückten von Waco, Texas. Angefangen beim Namen bestand kein Zweifel daran, dass diese Gruppe arisch-rassistisch organisiert war. Interessant daran war allerdings, dass Rufus Colquette Bisbee in Arizona erwähnt hatte. Alle Treffer im Netz ordneten Malthys und seine Anhänger nämlich um Catalina herum ein, was sich nördlich von Tucson befand. Colquette hatte vielleicht irgendetwas aufgeschnappt. Seine Mordsfreunde, Nyqvist, Oren und der Major hatten vielleicht etwas fallengelassen, auch wenn die Enthüllung wichtiger Missionsdetails äußerst unklug erschien.
Blackshaw machte sich frisch, rüstete sich aus und ging dann die Treppe zur Lobby hinunter, wo der Empfangsmitarbeiter, der ihn eingecheckt hatte, dank eines fünfzig Dollar Trinkgelds immer noch strahlte. Blackshaw hatte drei falsche Identitäten und eine Reihe entsprechender Kreditkarten, die automatisch monatlich beglichen wurden, also war der Mitarbeiter wegen seines großzügigen Gastes nicht im Geringsten beunruhigt. Das war leider nicht immer der Fall gewesen. Vor nicht allzu langer Zeit hatte Blackshaw noch mit nichts weiter als Bargeld seinen Weg in eine Unterkunft in LA erkämpfen müssen.
Sein Ausweis bewies sich ein weiteres Mal, als er einen Jeep bei einer der größeren Autovermietungsketten etwas weiter die Straße hinauf mietete. Blackshaw warf sein Gepäck auf den Rücksitz, sprang ins Auto, ließ den Motor an und fuhr dann in Richtung Norden, um zu sehen, wie Malthys Vorstellung einer reinen Nation aussah.
Nachdem er die Highways rund um Tucson befahren hatte, fühlte sich das Wüstenhochland direkt angenehm an, als es dem Santa-Catalina-Gebirge zu Blackshaws Rechten wich.
Eine Meile, bevor das Navi es vorsah, bog er von der Bundesstraße 77 ab und nach einer halben Meile Schotterweg versteckte er den Jeep in einer Schlucht. Abgesehen von einer Blitzflut konnte dem Wagen nun nichts mehr zustoßen.
Die zwei Meilen lange Tour durch das Gelände fühlte sich gut an. Er hörte sogar ein Rudel Kojoten im Dunkeln bellen. Die Leuchtkraft der Sterne in dieser Höhenlage, bei der frischen, klaren Luft war fantastisch und beinahe überwältigend. Die Tiefe des Raums über ihm ließ ihn an seine eigene Bedeutungslosigkeit angesichts des großen Universums denken, aber er konnte sein Pflichtbewusstsein bezüglich seiner Mission dennoch nicht ausblenden; den Drang, eine bösartige Kraft zu finden und diese zu zerstören, blieb weiterhin stark. Vom Boden aus hinaus in das Universum zu blicken oder Malthys in seinem geistigen Fadenkreuz zu halten, war die beste Art, ihn davon abzuhalten, zu sehr in sein Inneres zu schauen. Eine kleine Gruppe von Nabelschweinen links von ihm witterte ihn offenbar, den sie trottete grunzend davon. In jeder anderen Nacht hätte er sie verfolgt und neben einem einsamen Lagerfeuer gut gegessen. Doch heute Nacht hielt er weiterhin Kurs auf den Pure Nation Comitatus.
Da er die körperliche Anstrengung nicht mehr gewohnt war, sorgte sogar dieser Marsch durch die Wildnis schon für eine seltene Erschöpfung, die bei ihm aber eher entspannend wirkte. Er sah den Schein der Straßenlaternen hinter der nächsten Hügelkette und blieb stehen. Dann hockte er sich hin und prüfte noch einmal das WSS-Wintores Threadcutter Scharfschützengewehr. Die russische Waffe verfügte über einen eingebauten Schalldämpfer und konnte gepaart mit panzerbrechenden 9 x 39 mm SP-6 Torpedoheckgeschossen still und leise sogar einen Cadillac zur Strecke bringen. Blackshaw hatte außerdem drei 20-Schuss-Magazine auf seinen Spaziergang mitgebracht. Damit konnte er es mit einem ganzen Autohaus aufnehmen. Heute Nacht hatte er allerdings nichts gegen Autos … Menschen waren hingegen eine ganz andere Sache.
Er suchte nun mithilfe des NSPUM-3 (1PN75) Nachtvisiers der Waffe die Kammlinie nach Wachposten ab. Seine sorgfältige Suche blieb zwar erfolglos, doch das hieß noch lange nicht, dass niemand irgendwo auf der Lauer lag. Mit dem entsprechenden Kleingeld konnte Malthys das umliegende Gelände sogar mit Vibrationssensoren überwachen, doch Ben glaubte nicht, dass dieser das tat. Der ständige falsche Alarm wegen der ganzen Tiere, die nachts hier herumfleuchten, würden die Wachen wohl ziemlich auf Trab halten.
Blackshaw arbeitete sich nun langsam den Hügel hinauf. Vom Kamm aus scannte er das vor ihm liegende Gelände. Es war in Flutlicht getaucht, was ihm die Sache einfacher machte. Scheunenartige Gebäude, vermutlich Schlafsäle für PNC-Anhänger, waren zu einem Rechteck angeordnet. Ein Flaggenmast stand genau in der Mitte des Innenhofs und zeigte zwei Flaggen. Die Obere war eine umgedrehte amerikanische Flagge, ein Zeichen der Not. Darunter wehte eine größtenteils rote Flagge mit einem Symbol, das Blackshaw nicht erkennen konnte. Die nächtliche Brise war nämlich zu lau, um das Banner in all seiner Pracht auszubreiten. Ben hielt es für unwahrscheinlich, Malthys selbst dort unten zu sehen. Das Visier war genau genug, um das Ziel erkennen und bestätigen zu können. Laut der Bilder, die Ben im Internet gefunden hatte, und davon gab es mehr als genug, hatte Malthys seine bärtige Messias-Erscheinung schon seit Jahren nicht mehr verändert. Es wurde nun schnell klar, wieso. Jeder Mann auf dem Gelände, der alt genug war, sich einen Bart wachsen zu lassen, hatte das getan, vielleicht als Hommage an ihren Anführer, vielleicht auch in Erinnerung an die Mentalität des neunzehnten Jahrhunderts.
Der Fuhrpark des Pure Nation Comitatus bestand aus einem Unimog und diversen anderen Pick-up-Trucks mit Allradantrieb in allen Stadien des Zerfalls. Es gab Reihen von Männern und Frauen, die gerade mit Boxen und Bündeln von Ausrüstungsgegenständen zu den Wagen strömten. Da wurde offenbar gerade eine Expedition vorbereitet.
Ben hörte nun, wie sich ein Mann von Osten her seiner Position näherte. Offenbar ein Wachposten. Allerdings viel zu laut, um seine Aufgabe wirklich ernst zu nehmen. Blackshaw wartete, bis der Wachmann in Sicht kam, und wechselte dann seine Position, um den Weg des Mannes zu kreuzen. Langsam stand Ben auf und machte sich hinter einem uralten Saguaro-Kaktus bereit, dessen Arme weit ausgebreitet nach oben zeigten. Er ließ sein Gewehr am Fuß des Kaktus stehen und verlagerte vorsichtig und lautlos seine Position, um die gewaltige Pflanze zwischen sich und der Wache zu halten.
Kurz nachdem der Wachposten den Kaktus passiert hatte, hatte Blackshaw ihn schon mit dem Gesicht nach unten auf den Boden geworfen und seine Hände mit Kabelbindern zusammengeschnürt. Der verdutzte Wachmann schnaubte und rang mühsam nach Luft durch die massive Hand auf seinem bärtigen Gesicht, während eine andere Hand ihm ein Messer an seine Kehle drückte.
Blackshaw flüsterte dem erschrockenen Mann direkt ins Ohr:»Beruhig dich, sonst gibt’s ‘ne Rasur.«
Das wehrhafte Zucken hörte sofort auf.
«Guter Junge. Du hättest bestimmt gern wieder etwas Luft, das versteh ich durchaus. Wenn du versprichst, höflich zu bleiben, darfst du deine Zunge vielleicht behalten. Nicke, wenn du einverstanden bist. Schüttele den Kopf und du sägst dir die Kehle bis zum Knochen auf.«
Der Wachmann nickte panisch. Blackshaw lockerte daraufhin seinen Griff um das Gesicht des Mannes. Die Wache holte jetzt tief Luft, wie ein Freitaucher, der zurück an die Wasseroberfläche kam. Doch das war alles, was er bekam, denn Blackshaw presste seine Hand sofort wieder auf das Gesicht.
«Wie heißt du, Wollkopf?«Blackshaw gab dem Mann gerade genug Luft, um zu antworten.
«Lukas Malthys.«
«Heißen alle da unten Malthys mit Nachnamen?«Das erinnerte Blackshaw an die MOVE-Sekte, die 1985 in Philadelphia bombardiert worden war. Denn alle MOVE-Anhänger hatten damals den Nachnamen Africa angenommen.
Der Wachmann wartete auf eine Chance, Luft zu holen und zu antworten, aber Blackshaw gab ihm keine. Er nickte daraufhin wieder und Blackshaw ließ ihn kurz Luft schnappen.
«Griffig«, sagte Blackshaw.»Muss ja ‘ne Menge von sich halten der Kerl. Wohin wollen die denn gerade alle?«
Blackshaw lockerte seinen Griff für eine halbe Sekunde, in der Lukas Malthys japste:»Bisbee.«
«Wohin in Bisbee?«
«Grenze«, flüsterte Lukas und rang nach Luft.
«Okay, Lukas Malthys. War ein nettes Gespräch. Gute Nacht. «Blackshaw nahm den Wachposten nun in den Schwitzkasten. Lukas’ wehrte sich, verlor dann aber schnell das Bewusstsein, als mehrere Motoren des Fuhrparks unter ihnen zum Leben erwachten.
Ben schaute zu, wie elf Pick-ups einen Konvoi bildeten und dem Unimog folgend das Gelände verließen. Er sammelte daraufhin sein Gewehr ein und machte sich auf den Weg zu seinem Jeep, wobei es ihm ziemlich egal war, ob Lukas Malthys wieder aufwachte, bevor die Kojoten ihm an den Kragen gingen. Nach ein paar Minuten wurde ihm klar, dass Lukas Malthys in Sicherheit war, denn das Rudel Kojoten folgte Blackshaw.
Kapitel 14
Lukas Malthys wurde schließlich von seiner Ablösung gefunden, eine Stunde, nachdem er es versäumt hatte, sich wie angeordnet zu melden. Die Kabelbinder machten es ihm schwer, den Eindringling zu leugnen. Er wurde daraufhin vor ein Tribunal des PNC gezerrt, an einen Stuhl gebunden und wegen seines Unvermögens verhört, den heiligen Boden des PNC zu schützen.
Doch bevor die Misshandlung seitens seiner Verhörer zu weit gehen konnte, packte Lukas Malthys aus. Er gestand, dem Feind verraten zu haben, dass der Konvoi auf dem Weg nach Bisbee war.
Die Mitglieder des Tribunals steckten für eine Weile die Köpfe zusammen und es wurde beschlossen, Lukas zu dem Camp zu bringen, das gerade an der Grenze entstand, wo er dann sein Versagen Malthys beichten konnte. Malthys würde anschließend höchstpersönlich über sein weiteres Schicksal entscheiden.
Lukas wurde kurzerhand in einen Van auf den langen Weg nach Süden verfrachtet.
Kapitel 15
Einer Regel folgt für gewöhnlich irgendwann eine Ausnahme und reichlich Ausreden. In Blackshaws Hotelzimmer in Bisbee drohte die aufgehende Sonne, Licht auf eine Flasche Billig-Rum zu werfen, die finster auf dem Nachttisch vor sich hin schimmerte. Der Fusel hatte beinahe dieselbe Farbe wie der Holzton der altmodischen Möbel. Neben der Flasche stand ein sauberes Glas. Weiter war Blackshaw nicht gekommen. Denn für gewöhnlich trank er keinen Alkohol.
Doch heute Morgen war alles anders. Der immer dichter werdende Dunstschleier des Buschfeuers um die Stadt herum hatte inzwischen einen Verwandten in Blackshaws Seele. Wie war er nur hierher geraten? Er hatte keine Ahnung, wohin das Ganze führen sollte. Seine Frau, LuAnna lag regungslos und unerreichbar Tausende von Meilen entfernt auf Smith Island. Blackshaws engster Freund konnte ihn nicht mehr ausstehen und hatte ihm den Rücken zugekehrt und er hatte es nicht geschafft, Rufus Colquette Einhalt zu gebieten. Und obwohl die Polizei klare Beweise für die Verbrechen des jungen Mannes gehabt hatte, fand sich kein einziges Wort über seine Festnahme in den Zeitungen oder Nachrichtensendungen. Nur wenige Stunden zuvor hatte Blackshaw einen frustrierten, rassistischen Schwachkopf gefesselt in der Wildnis zurückgelassen, ohne jegliche Bedenken, dass dem Mann etwas zustoßen konnte. Blackshaw fragte sich, ob mit ihm etwas nicht stimmte.
Er sehnte sich danach, die Versiegelung der Rumflasche aufzubrechen und ihren Plastikdeckel aufzudrehen. Er stellte sich vor, wie die Flüssigkeit beim Einschenken in das Glas leise schwappen würde. Der Alkohol würde dem rauchigen Duft des brennenden Landes im Süden, der in das Zimmer drang, etwas Süßliches und doch Explosives verleihen. Er glaubte halbwegs daran, dass irgendwo in dieser Flasche, vermutlich nahe des trüben Bodens eine Art Wahrheit lag; oder wenigstens süßes Vergessen. Der Schnaps würde entweder seine Verwirrung wegbrennen oder seinen Verstand benebeln, bis ihm alles egal war. Er war sich momentan nicht sicher, was ihm lieber wäre.
Blackshaw öffnete den Koffer, der die Komponenten des Scharfschützengewehrs enthielt. Obwohl er die Waffe in der vorherigen Nacht in der Wüste nur zwei Mal abgefeuert hatte, um das Visier einzuschießen, reinigte er die Waffe jetzt gründlich. Von Zeit zu Zeit blickte er zu der Flasche hinüber, als wäre sie ein alter Freund, dem etwas auf der Seele lag und der einfach jemanden brauchte, der ihm zuhörte. Er fragte sich, ob es sich so anfühlte, ein Orakel zu konsultieren, den Göttern zu huldigen und auf deren Schutz angewiesen zu sein. Wie lange sollte er höflich auf Antwort warten, bevor er seinen eigenen Instinkten folgen konnte? Zum ersten Mal seit vielen Jahren vertraute er seiner inneren Stimme nicht mehr. Geistige Getränke konnten entweder seinen inneren Schweinehund nähren oder seinen moralischen Kompass verdrehen, mit dem er sonst seine wichtigen Entscheidung abwägte.
Ein Junge war tot. Brutal gefoltert und ermordet. Die Gesellschaft, die sich auf der Verfassung gründete, die Blackshaw zu schützen geschworen hatte, hatte dieses Kind gleich zweimal im Stich gelassen. Erstens dadurch, dass die Umstände, die seinen oder irgendeinen anderen derart hasserfüllten Tod zuließen, überhaupt existierten. Zweitens, indem sie dem Killer, seinen Freunden und der radikalen Subkultur, die diesen Mörder hervorgebracht hatte, erlaubte, unbehelligt fortzubestehen, ja sogar florieren zu können, nachdem die Tat vollbracht worden war. Blackshaw glaubte, dass er in Richmond alles getan hatte, was ihm möglich gewesen war, um diesen Mörder und seine Freunde dem Gesetz auszuliefern, ohne dabei seine eigene Freiheit und die ersehnte Anonymität aufs Spiel zu setzen.
Blackshaw entlud, reinigte und ölte nun die drei Gewehrmagazine. Er polierte alle siebenundfünfzig 9 x 39 mm-Patronen. Er wollte die alten Magazine nicht komplett befüllen, aus Angst, die ermüdeten Sprungfedern zu beschädigen und damit die korrekte Zuführung der Patronen zu unterbinden. Die panzerbrechenden Geschosse mit der blauen Spitze wogen nämlich fast doppelt so viel wie die 7,62 x 51 mm NATO-Patronen und waren auf Unterschallgeschwindigkeit ausgelegt. Ja, Worte reisten schneller und trafen manchmal härter als Kugeln wie diese, aber in diesen Tagen gefiel ihm, wie so ein Stahlkerngeschoss jeder Diskussion sofort ein Ende bereitete.
Während Blackshaw sorgfältig die Patronen in die Magazine lud, ließ ihn die Rumflasche einfach nicht in Ruhe. Auch ohne einen Schluck getrunken zu haben, wusste Blackshaw instinktiv, dass sein Bestreben, diesen Jungen zu rächen, nur ein kläglicher Versuch war, sein Versagen an LuAnna wiedergutzumachen. Zugegeben, der Mann, der seiner Frau wehgetan hatte, war jetzt tot, und das durch Blackshaws eigene Hand, aber dieses Wissen schenkte ihm trotzdem nur wenig Trost. Ihm wurde mal wieder bewusst, dass das Leben ihm nichts schuldete … keinen Zuspruch, keinen Ablass für seine Vergangenheit, seine Entscheidungen oder Taten. Ob richtig oder falsch, er hatte die Verantwortung dafür selbst zu tragen, ein unsagbar schweres Päckchen. Er war die Summe all seiner Versäumnisse. Er spürte seine kranke Seele, die immer schwerer wurde. Für ihn sollte es keine Absolution geben … nicht ohne ein reinigendes Feuer oder erstickendes Blut.
Kapitel 16
Pershing Lowry saß allein in seinem Washingtoner Büro und starrte auf das Gräuel auf seinem Computermonitor. Das Foto des gefolterten Jungen und der Tiere, die sich an seinem Elend und Verderben ergötzten, brachten ihn unweigerlich in Rage. Es gab einen persönlichen Grund für seine tief sitzende Abscheu. Viele Jahre zuvor war Lowrys Neffe, Nathan, auf einer Kirchenveranstaltung mit Übernachtung entführt worden. Lösegeld war allerdings niemals gefordert worden. Eine Leiche wurde niemals gefunden. Lowrys erweiterte Familie war immer noch zerrissen, manche warteten immer noch auf die Heimkehr des Jungen, andere glaubten schon lange nicht mehr daran, aber alle stocherten in einer tiefen, psychischen Wunde herum, die niemals heilen würde. Und nun gab es einen weiteren kleinen, schwarzen Jungen, der entführt und ermordet worden war. Dies ließ die Unmöglichkeit von Nathans Rückkehr noch schwerer auf seiner Seele lasten. An anderen Tagen bewahrte er die Erinnerung an seinen Neffen und die unbeantworteten Fragen seines Schicksals an einem Ort auf, der schlicht nicht hier war.
Das Kind auf Lowrys Monitor, Sha’Quan Stewart, elf Jahre alt, war letzte Woche an einem Dienstag als vermisst gemeldet worden. Er war in Goochland, Virginia allein von der Sommerschule nach Hause gelaufen, oder zumindest auf sein Zuhause zu. Denn er war niemals dort angekommen. Niemand hatte danach wieder etwas von ihm gehört. Vermisstenmeldungen hatten keine soliden Spuren ergeben, jedoch war das FBI immer noch mit der sorgfältigen Auswertung von Tipps und Hinweisen beschäftigt.
Es klopfte nun sanft an Lowrys Tür. Er erkannte den Rhythmus genauso wie britische Lauscher während des Zweiten Weltkriegs individuelle Übertragungsstile deutscher Verschlüssler wiedererkannt hatten. Lowrys Herz schlug sofort schneller.
«Komm rein, Molly«, sagte er. Lowry setzte sich aufrecht hin und exhumierte ein Lächeln aus der Gruft seiner Gedanken.
Die aufgeweckten braunen Augen von Senior Agent Molly Wilde vom Stadtbüro in Calverton, Maryland, lugten hinter der halbgeöffneten Tür hervor. Lowry erhob sich und Wilde schloss ihn in ihre Arme und küsste ihn fest auf den Mund. Dann lehnte sie sich zurück, um ihm in die Augen sehen zu können.
«Bitte reg dich nicht auf«, neckte ihn Wilde.»Es weiß sowieso schon jeder Bescheid.«
«Das ist es nicht«, erwiderte Lowry.»Du hast extra den langen Weg hierher gemacht. Du hättest doch auch anrufen können oder bis heute Abend warten.«
«Ich wollte dich sehen wegen Sha’Quan Stewart. Bist du in Ordnung?«
Jedem anderen Untergebenen hätte er sofort abgewunken.»Es ist schwierig«, war alles, was er anfangs zugeben konnte. Dann fügte er hinzu:»Wir haben bisher noch gar nichts. Wir müssen Eunice Stewarts Hoffnung zerstören und das, ohne ihr die sterblichen Überreste übergeben zu können … es ist furchtbar.«
Molly fragte:»Mein Gott, hat sie Sha’Quan etwa von diesem Foto identifizieren müssen?«
«Nur ein Ausschnitt seines Gesichts. Aber sie konnte an seinem Gesichtsausdruck natürlich sehen, dass ihr kleiner Junge durch die Hölle gegangen sein musste. Aus Erfahrung glaube ich nicht, dass sie das jemals verkraften wird, ob mit oder ohne Überreste.«
Es gab nichts, was Wilde tun konnte, um ihrem Geliebten zu helfen. Nur wenige Aspekte ihrer Arbeit waren schwerer zu ertragen als das Gefühl von vollkommener Hilflosigkeit, wenn man der Familie eines Opfers die schlimmste aller Nachrichten überbringen musste.
Sie sagte:»Es tut mir so leid, Pershing. Ich wollte dich eigentlich fragen, ob du dir die Überwachungsaufnahmen angesehen hast. Die vom Busbahnhof.«
Lowry sagte:»Kurz, ja. Was ist denn mit dem Kerl? War er an dem Mord beteiligt? Auf dem Handy waren nur die Fingerabdrücke des Polizisten. Es war komplett sauber, sowohl innen als auch außen. Keine Fingerabdrücke, keine Anrufliste, nur das eine Foto.«
Wilde sagte:»Dass er im Besitz des Fotos war, ist allerdings schon ziemlich belastend.«
«Ja, aber alles andere weist eher darauf hin, dass er versucht hat, das Richtige zu tun, weil er es der Polizei gezeigt hat«, meinte Lowry, als er sich wieder an seinen Schreibtisch setzte.
«Alles, bis auf die Tatsache, dass er nicht dort geblieben ist, um eine Aussage abzugeben«, konterte Wilde.»Oder um zu sehen, ob der Typ, den er verpfiffen hat, auch wirklich erwischt wurde.«
Wilde zog einen Stuhl an den Tisch heran und setzte sich.»Wir konnten Rufus Colquettes Spur bis zum Haus seiner Mutter verfolgen. Er lebt immer noch bei ihr unter dem Dach. Sie hat ihn allerdings seit Tagen nicht mehr gesehen. Sie sagte, er hätte für einen Ausflug gepackt, sie nach Geld gefragt und wäre dann abgehauen. Sie wusste aber nicht, wohin er wollte. Das war einen Tag, bevor unser Fremder sich am Busbahnhof in die ganze Sache eingemischt hat. Colquette hatte rechtsextreme Broschüren und eine brandneue Ausgabe von Mein Kampf in seinem Zimmer.«
Lowry überlegte laut:»Vielleicht hat unser Mann nicht auf die anderen Polizisten gewartet, weil er angesichts der Art des Fotos Angst vor irgendeiner Form von Vergeltung hatte. Vielleicht war er einfach nicht auf eine Belohnung aus.«
«Beim ersten Punkt gebe ich dir recht. Aber es ist ein Busbahnhof. Da befindet sich niemand, der im Geld schwimmt, und da ist auch niemand, der sich nicht über einen kleinen Geldregen freuen würde.«
«Aber man genießt dort zugleich auch größere Anonymität. Es gibt keine Ausweiskontrolle und keine Metalldetektoren. Man kann überall bar bezahlen.«
Pershing war gerade im Begriff, das Bildfenster auf seinem Monitor zu schließen, als Molly sagte:»Was ist das für ein Schatten?«
Lowry hatte sich so sehr auf die Männer auf dem Bild konzentriert, dass ihm der Schatten in der oberen linken Bildecke gar nicht aufgefallen war.»Das ist wahrscheinlich ein Finger. Der Fotograf hatte ihn vor der Linse.«
Molly lächelte.»Damit können wir doch etwas anfangen. Vielleicht bekommen wir ja so einen Teilabdruck.«
«Versuchen wir’s«, meinte Lowry. Dann klickte er sich zu einer anderen Datei. Als sich der Mediaplayer öffnete, spielte er noch einmal die Überwachungsaufnahmen ab.
Lowry beschrieb, was er sah.»Er wartet, bis der weiße Cop zur Toilette geht, denn er will offenbar zu dem schwarzen Cop.«
«Officer Keene«, informierte ihn Wilde.
«Will er Keene, weil er sich im Süden befindet oder weil er sich nicht sicher ist, ob der weiße Cop …«
«Officer Calloway«, ergänzte Wilde.
«Er ist sich nicht hundertprozentig sicher, was Calloway tun würde oder ob er schnell genug reagieren würde, weil er weiß ist …«
«Noch dazu ist es Richmond, und kein besonders gutes Viertel.«
«Was eine ziemlich zynische Sichtweise ist, gelinde ausgedrückt. Er war also sehr vorsichtig. «Lowry rieb sich grübelnd über das Gesicht.
«Das ist ja mal frech. «Wilde übernahm nun die Schilderung.»Er spricht Officer Keene an. Siehst du das? In diesem Moment wischt er gerade sein Handy ab, und er trägt dabei Handschuhe. Mitten im Sommer.«
«Ich habe das überprüft. Es war zwar eine kühle Nacht, aber nicht so kühl«, erklärte Lowry.
«Nun übergibt er das Handy. Halt da an«, sagte Wilde.»Siehst du das? Die Handschuhe sehen ziemlich eng aus.«
«So wie Fahrerhandschuhe«, meinte Lowry.
«Okay, aber er fährt im Bus mit. Fahrerhandschuhe haben Löcher über den Knöcheln für einen festeren Griff am Lenkrad. Anders als bei diesen ist der Handrücken meistens offen, zur besseren Belüftung. Taktische Handschuhe hingegen …«
«… haben dicke Kunststoffpolster«, setzte Lowry fort.»Oder sie sind glatt, wie diese, damit man leichter in Taschen greifen kann.«
«Pershing, ist da irgendetwas an diesem Typen, das dich an jemanden erinnert?«
Lowry dachte kurz über Wildes Frage nach.»Er ist kräftig. Scheint so, als ob er helfen wollte. Er macht das offenbar nicht für den Ruhm. «Lowry klickte auf eine andere Videodatei.»Hier ist die Aufnahme von der Straßenseite aus. Er kommt im Bus an …«
«… und fährt in einem Taxi weiter«, meinte Wilde.»Geh nochmal zurück. Schau, wie er sich bewegt.«
Lowry spulte das Video zurück.»Entspannt …«
Wilde nickte und entgegnete:»Aber mit Bestimmtheit auf das Taxi zu. Er trödelt nicht herum. Er ist in guter Form und äußerst sportlich. Nicht viel Gepäck, nur diese eine Tasche. Ich wette, dass unser vermisster Verdächtiger, dessen Foto uns unser freundlicher Fremder zugespielt hat, auch nur Handgepäck bei sich hatte. Ich wollte aber, dass du dir das ansiehst.«
Wilde öffnete daraufhin eine Ledermappe und zog ein Blatt Papier heraus.»Das Video ist leider nicht sehr deutlich. Officer Keene hat sich also mit einem unserer Phantomzeichner hingesetzt. «Sie legte nun eine Phantomzeichnung auf Lowrys Schreibtisch.
«Ja, er kommt mir tatsächlich irgendwie bekannt vor«, gab Lowry zu.»Das ist Blackshaw!«
Lowry atmete ein paar Mal tief ein und aus.»Fühlst du dich ihm immer noch zu Dank verpflichtet, weil er dir in dieser Folterbude das Leben gerettet hat? Siehst du ihn jetzt schon überall?«
«Das kommt vor. Wir hatten angenommen, dass er bei der Explosion umgekommen ist, so wie alle anderen auch«, erklärte Wilde.
Lowrys Erinnerungen an den Fall waren immer noch unangenehm frisch.»Nach dem Inferno haben wir nicht einmal Zähne gefunden.«
«Der Tod der Ministerin für Innere Sicherheit, Morgan, vor Ort war eine echt große Nummer«, meinte Wilde.»Ganz zu schweigen von der Elite der Philanthropen, Großindustriellen und einer Menge anderer, die nicht dort hätten sein sollen.«
Lowry sah Wilde intensiv an, als er sagte:»Vielleicht haben wir deshalb automatisch angenommen, dass auch Blackshaw gestorben ist. Was würdest du tun, wenn du ganz sicher wüsstest, dass er noch am Leben ist?«
Molly überlegte kurz, bevor sie antwortete:»Ein Teil von mir würde ihm danken wollen.«
Lowry schwieg für einen Augenblick und sagte dann:»Ich dachte, dass du ebenfalls bei dem Feuer umgekommen wärst. Dich lebendig vorzufinden und zu wissen, dass Blackshaw bei deiner Rettung seine Hand im Spiel hatte … ich würde ihm also ebenfalls danken wollen, trotz der Hinweise auf kriminelle Aktivitäten, der Vorenthaltung von Informationen, Rechtsbehinderung und was er sich sonst vielleicht noch alles bei dem Fiasko geleistet hat. Aber ich glaube, dass wir beide in dem Bewusstsein gehandelt haben, was wir ihm schulden und was er wirklich wollte, falls er überleben würde.«
Wilde sprach es letzten Endes aus:»Vergessen zu werden. So als wäre es nie passiert.«
Kapitel 17
Gunter Foss führte gerade einen Motorradkonvoi aus dreiundsiebzig handverlesenen Red-Iron-Bikern die Autobahn 10 in südwestlicher Richtung herunter. Der Wind teilte seinen Bart in zwei dicke, angegraute Strähnen und ließ seinen Zopf einen guten halben Meter hinter seinem Kopf flattern. Die ganze Gang roch wie eine Herde nasser Ziegen mit einer beißenden Auspuff-Marijuana-Note, als sie durch die anliegenden Städte rollte.
Wenn sie nicht schon modifiziert waren, waren die Schalldämpfer der Bikes mit langen Stahlbohrern durchlöchert worden, um die akustische Begleitung zu Ehren dieser Prozession so laut wie nur möglich zu gestalten. Sich an den Lärmgrenzwert von achtundachtzig Dezibel von Autobahnen zu halten, war etwas, das ein Red-Iron-Biker, der seine Lederjacke wert war, gar nicht erst in Erwägung zog. Vor allem nicht bei dieser Fahrt. Dies hier war ein Kriegskommando und die Motoren lieferten das Kampfgebrüll.
Diese Gangmitglieder gehörten zu einer ganz besonderen Elite, den One-Percentern; Kriminelle, die laut der American Motorcyclist Association den Ruf der anderen neunundneunzig Prozent der friedliebenden, lebenslustigen Motorradenthusiasten beschmutzten. Heute reisten sie mit leichtem Gepäck, also ohne Schusswaffen. Diese Art von Eisenwaren reiste momentan in einem angemieteten Pick-up, der bewusst eine ganz andere Route nach Bisbee bestritt.
Die Red-Irons waren 1948 von Frank Flachzange Marsdan gegründet worden, unter einem Credo, das noch ein weiteres Dreivierteljahrhundert zurückreichte, bis in eine Zeit, als die Yavapai-Apachen das derzeitige Territorium der Gang, Wickenburg, Arizona, noch in Angst und Schrecken versetzt hatten. Die Minenstadt war den Angriffen damals genauso sehr aus Gründen des Hungers wie zur Schikane der weißen Eindringlinge zum Opfer gefallen. Die zermürbenden Gegenangriffe durch General Crook trieben die Yavapai schließlich in das San Carlos Reservat in Graham County, östlich von Phoenix. Aber Marsdans schwelender Hass in Kombination mit seiner flexiblen Einstellung gegenüber lukrativen Ungesetzlichkeiten versorgte die Gang stets mit neuen wütenden Männern auf brüllenden Maschinen, begleitet vom Geheul marodierender Amazonen.
Obwohl die Gang die Stadt Tucson über die Bundesstraße passiert hatte, hatten sich die Fahrer in Zweier- und Dreiergrüppchen aufgeteilt, um Anklagen wegen Versammlungen ohne Genehmigung aus dem Weg zu gehen … als ob ein einzelner Polizist den Mumm hätte, einen von ihnen anzuhalten. Einen Red-Iron zu kontrollieren, würde nur einen Schwarm weiterer Mitglieder aus Foss’ vorsorglich abgestelltem Reaktionstrupp mit sich bringen, die die Kontrolle filmen und den physischen Gewalt- und Bewältigungsfaktor bis kurz vor der Festnahme hochschrauben würden. Die Kriegskasse der Gang war bis zum Bersten gefüllt und das teure Anwaltsteam des Clubs konnte einen Tornado aus legalen Lappalien entfesseln, und das war bei den Behörden ebenso gefürchtet, wie normale Bürger die Gewalttaten der Gang fürchteten.
Foss war der Waffenmeister der Red-Irons. Bisher war er mit der Fahrt zufrieden. Keine Verhaftungen und nur ein Unfall. Sonny Manfredi war eine sandige Stelle zum Verhängnis geworden, aber im Alter von fünfundsechzig Jahren hatte er vermutlich einen Schlaganfall erlitten, bevor sein Bike zu Boden gegangen war. Es würde eine vernünftige Bestattung auf Red-Iron-Art für Manfredi geben, sobald sie wieder zurück waren. Falls die Dinge nämlich so liefen, wie Gunter Foss sich das vorstellte, würde Manfredis Beerdigung nicht die einzige bleiben.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.