Kitabı oku: «Ein Leben voller Abzweigungen.»
leykam: seit 1585
ROBERT FRÖWEIN
Ein Leben voller Abzweigungen
Taxifahrer aus aller Welt über ihr Leben in Österreich

Copyright © Leykam Buchverlagsgesellschaft m.b.H. Nfg. & Co. KG, Graz – Wien 2021
Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Covergestaltung: Annalena Weber, Buchdesign, Hamburg
Coverfoto: Hintergrund: Map tiles by Stamen Design,
Auto: Designed by macrovector / Freepik
Lektorat: Sabine Schönfellner
Satz: Gerhard Gauster
Druck: Finidr, s.r.o.
Gesamtherstellung: Leykam Buchverlag
www.leykamverlag.at
ISBN 978-3-7011-8186-5
eISBN 978-3-7011-8222-0
| Die Drucklegung des vorliegendenBandes wurde unterstützt durch: | Gefördert von derStadt Wien Kultur |
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Inhalt
Geschichten hinter Geschichten
Corona als Dämpfer
Gelassenheit in jeder Lage
Familie geht vor
Der beste Job der Welt?
Widmung
Dieses Buch widme ich meinem Vater Sepp, der mir 35 Jahre lang als Lebensbegleiter mit Rat und Tat zur Seite stand. Genieße die Lektüre – wo auch immer du jetzt bist.
Namen, Herkunftsländer und einzelne Details wurden zum Schutz der Persönlichkeitsrechte verändert.
Geschichten hinter Geschichten
Auge um Auge, Zahn um Zahn
4,6 Sterne Durchschnittsbewertung. Das nackte Urteil für eine ganze Zunft. Hinter dieser Zahl steckt die Existenz eines Menschen. Es ist völlig egal, wie er heißt, woher er kommt, welche Geschichte er hat. Musste er als Kind in einem Dritte-Welt-Land Hunger leiden? Wurde er im Elternhaus gezüchtigt? War die lebensbedrohliche Flucht über den Seeweg es wert? Ist Österreich wirklich das gelobte Land und Wien sein süßes Herz? Wie schwierig war es, von Null auf Deutsch zu lernen? Ist der Rassismus der Österreicher wirklich so wenig versteckt, wie oft behauptet wird? Ist die Ehefrau in einer an und für sich aufgeschlossenen Millionenmetropole wegen ihres Kopftuchs mit Alltagsproblemen konfrontiert? Und was heißt es überhaupt, eine bewegte Geschichte zu haben, die kaum jemand hören will? All diese Fragen bleiben unbeantwortet, weil sie auch kaum gestellt werden. »Die Leute sind prinzipiell schon freundlich, aber die meiste Zeit ist jeder mit seinem Smartphone beschäftigt. Zwischenmenschlichkeit findet sehr oberflächlich statt.« Die 4,6 Sterne heißen Walid und fahren mich an einem kühlen Herbstabend von Hernals zum Wiener Ernst-Happel-Stadion. Durch die dichten Verbindungen in der Bundeshauptstadt wäre man mit den Öffis wahrscheinlich schneller, aber auch um eine Erfahrung ärmer.
Uber ist der größte Feind des Taxis und hat das Mietwagen-Geschäft weltweit revolutioniert. Man lädt die App auf sein Smartphone, gibt seine Daten und die Kreditkartennummer ein und wird zu einem vorab angegebenen Fixpreis von A nach B kutschiert. Ohne böse Überraschungen, skurrile Umwege oder plötzliche Preisexplosionen am Taxameter. Was für den Endkunden das Paradies, ist für den Fahrer oft nur Mittel zum Zweck. 35 Prozent vom Fahrpreis kassiert der Konzern ein, der Rest bleibe Walid. 15 bis 16 Fahren pro Tag habe er, betont er stolz, aber was sich nach einer paradiesischen Vollbeschäftigung anhört, ist nichts weiter als ein täuschender Trugschluss. Der Großteil der Uber-Fahrten beschränkt sich auf Kurzstrecken. Oft nicht mehr als ein oder zwei Kilometer an ein paar Blocks vorbei. Es ist doch bitterkalt, der Straßenlärm und bitte überhaupt – nach einem langen Tag ist man nun einmal müde und kann sich so eine Fahrt mit einem »selbstständigen Unternehmer«, wie der Konzern seine Fahrer nennt, schon gönnen. Für Walid ist der Uber-Job Fluch und Segen zugleich. Einerseits ernährt er seine Familie und zahlt die Miete, andererseits reicht der Verdienst nicht aus, um ruhig zu schlafen oder sich sorgenfrei ins Wochenende zu bewegen.
Was heißt überhaupt Wochenende? Für Walid sind die beiden Tage der Ruhe und Entspannung mit Stress und Bereitschaft konnotiert. An diesen gibt es immer noch die meisten Nachtschwärmer aufzusammeln und nach Hause oder einfach ins nächste Beisl zu bringen. Den Dienstplan bekommt er von seinem Chef eine Woche im Voraus. Dienstag und Mittwoch Tagschicht, Wochenende nachts, prinzipiell kann aber immer mal jemand ausfallen und Walid muss schnell einspringen. Den Job als Uber-Fahrer hat er zu einer denkbar ungünstigen Zeit angenommen. Kurz vor Corona, als die Welt noch für ein paar Wochen ein normales Leben simulierte. Mit dem radikalen Shutdown der Bundesregierung balancierte auch Walid plötzlich auf einem schmalen Grat zwischen Unsicherheit und Nichts. »Im Prinzip gab es anfangs überhaupt keine Fahrten mehr. Als die Lokale nach ein paar Wochen wieder aufsperren durften, setzte große Erlösung ein. Die Leute wollten endlich wieder raus. Feiern, sich unterhalten, sich betrinken. Das war kurz eine fruchtbare Zeit.« Je länger die »neue Normalität« zur normalen Normalität wurde, umso mehr pendelte sich auch das Uber-Geschäft wieder ein. Mit seinen Schichten kommt Walid im Monat auf etwa 400 bis 500 Euro, die ihm nach Abzug seiner Fixkosten in der Tasche bleiben.
»Ich wohne mit meiner Frau und zwei kleinen Kindern auf 67 Quadratmetern in der Donaustadt und zahle dafür 750 Euro Miete im Monat. Schon dieser Fixkostenbetrag geht sich kaum aus.« Walid ist Ende 40 und ein gestandener Mann. Bestimmte Mimik, eine weiche, von harschen Bartstoppeln durchzogene Gesichtszeichnung, feurige Augen und diese markant tiefe, aber trotzdem Wärme ausstrahlende Stimme. Noch bis vor knapp einem Jahr war Walid Rettungsfahrer. Ein fixer Dienstplan, der nicht ständig alarmierte Kurzfristigkeit verlangte. Eine Nettozahlung von ungefähr 1.600 Euro monatlich ohne Zulagen. Urlaubs- und Weihnachtsgeld inklusive. Natürlich fünf Wochen bezahlter Urlaub im Jahr und das angenehme Gefühl, etwas wirklich Relevantes für die Gesellschaft zu tun. »Ich habe diesen Beruf geliebt und ihn mehr als sechs Jahre lang ausgeübt. Aber irgendwann musste eingespart werden und schlussendlich hat es mich getroffen. Schon vor der Corona-Krise war es nicht einfach, einen guten Fahrerjob zu bekommen und meine Fixkosten verschwinden ja nicht. Ich musste schnell handeln und bei Uber gibt es immer Plätze.« Eine lange Zukunft im Unternehmen schließt Walid trotz der prekären Arbeitslage aus. Vor allem, weil man ab 2021 nach denselben Spielregeln wie die professionellen Taxiunternehmen spielen muss – es aber keine Aussicht darauf gibt, als »selbstständiger Unternehmer« eklatante Vorteile für sich herausziehen zu können.
Obwohl die Frage des Lebens und Überlebens in diesem Berufsfeld evident ist, kann Walid über all diese Diskussionen nur milde lächeln. Seine Lebensgeschichte bringt andere Probleme mit sich als ins Auto kotzende Jugendliche nach einer samstäglichen Sauftour, unfreundliche Geschäftsleute, die ihre scheinmoralische Überlegenheit lautstark kundtun oder den latenten Alltagsrassismus, den Uber-Fahrer aus anderen Nationen nicht stoisch ertragen müssten, es aber viel zu oft resignierend tun. Vor exakt 20 Jahren flüchtete er aus seiner Heimat Afghanistan. Dort, wo knapp vier Jahre zuvor die Taliban in die Hauptstadt Kabul einmarschierten und gemeinsam mit der Al-Qaida die Truppen des Mudschaheddin-Kämpfers Ahmad Schah Massoud befehdeten. Die Frauen standen unter Hausarrest, die Männer direkt an den verhärteten Fronten. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ein unvorstellbares, nie enden wollendes Massaker, welches die grauen Gebirgsregionen tiefrot einfärben sollte. Für Walid ist der Gedanke an die Vergangenheit und seine alte Heimat nicht mehr als eine verpuffende Sternschnuppe. Allerdings aus Selbstschutzgründen und nicht aufgrund von Vergesslichkeit. 2000 hat er sein weniges Hab und Gut in die Hand genommen und eine unvorstellbare Tour de Force gewagt, um dem drohenden Tod zu entfliehen.
»Ich bin Flüchtling. Ganz einfach. Ich weiß noch ganz genau, wie das alles passiert ist und werde diese Zeit nie vergessen.« Walid stockt der Atem, seine Stimme bricht leicht und erstmals macht sich so etwas wie aufkommende Aggressivität bemerkbar. Er fühlt sich, als müsse er sich für etwas rechtfertigen, was in bloßen Worten gar nicht erklärbar ist. »Es geht dich nichts an, was ich getan habe und wie ich flüchten musste. Das geht niemanden etwas an.« Wie schwer muss die Last auf Seele und Herz eines Menschen drücken, der sich zum Äußersten entschließt und dabei Familie und Freunde zurücklässt? Der sich in einer derart unumkehrbaren Ausweglosigkeit befindet, in der das Verlassen der Heimat als einzige Option für eine hoffnungsvolle Zukunft bleibt? Wie fühlt sich jemand, bei dem sich das von ihm gesehene und gefühlte Grauen so immanent in seine Poren eingefressen hat, dass es ihn nach zwei ganzen Dekaden im gesegneten Herzen Mitteleuropas noch immer schaudert, wenn bloß der Name seines Geburtsstaates fällt? Und was musste er sich und anderen antun, um sich nicht nur die Freiheit, sondern auch ein Leben in Frieden erkämpfen zu können? Das Böse hat kein Gesicht – es ist für immer als unlöschbare Erinnerung verankert und lässt sich nicht vom Glanz des westlichen Sozialstaats überblenden.
Dass die neue Heimat Wien wurde, verdankt er dem Zufall. Überallhin hätte es Walid führen können, doch er ist seinem späten Lebensglück mehr als dankbar. »Egal, ob Wien, Berlin, Griechenland oder Italien – ich bin überall der Ausländer und das ist mir bewusst. Als Ausländer ohne großen Besitz hätte ich die Freiheit zu gehen, wann immer ich möchte. Aber ich bin seit 20 Jahren in dieser Stadt und das ist kein Zufall.« Politik interessiert Walid nicht. Er hat keinen Antrag auf die österreichische Staatsbürgerschaft gestellt und ist somit nicht wahlberechtigt, auch wenn er seit zwei Dekaden ein Teil des heimischen Sozialsystems ist. Hin und wieder stolpert er bei seinen Fahrten über Wahlplakate oder Botschaften, die sich unterbewusst in sein Gehirn drängen und sich in unerwarteten Momenten ihren Weg in die Freiheit bahnen. Wenn einschlägige Parteien darüber fabulieren, welches Ghetto Wien geworden oder wie dringend es notwendig sei, dass man »Wien wieder den Wienern zurückgeben« müsse, entkommt Walid sogar ein kleines Lächeln. Es ist gleichermaßen leidvoll, sarkastisch und zynisch. Solche Botschaften wirken wie Hohn auf jemanden, der sich noch Ende des letzten Jahrhunderts bei jedem Schritt davor in Acht nehmen musste, auf keine Mine zu treten. Der von fließendem Wasser und einer täglichen warmen Mahlzeit nur träumen konnte. »Diese Stadt ist ein Segen, auch wenn ich es nicht immer leicht habe.«
Der Kontakt zu seiner Familie nach Afghanistan ist trotz allem geblieben. Eine ausweglose und unlösbare Situation, die sich nicht anders gestalten lässt. Walid wird dadurch zwar nie die Dämonen der Vergangenheit los, hat dank der Social-Media-Plattformen und des Internets aber die Möglichkeit, die Verbindung zu seinen Wurzeln und seinen Ursprüngen nicht vollständig kappen zu müssen. Jedes Wort über seine alte Heimat ringt ihm schwere Anstrengungen ab. Walid ist per se nicht der lockere Typ »Uber-Ausländer«, den die Konsumenten zu ihrer Kurzstrecken-Belustigung gerne mit fünf Sternen bewerten. Er ist reflektiert, nachdenklich und fokussiert. Zu viel hat er in seinem immer noch jungen Leben gesehen, als dass er sich der einfachen Sorglosigkeit hingeben könnte. Das Gespräch fällt ihm nicht leicht, denn er musste sich selten verbalen Auseinandersetzungen stellen. Als er in Österreich ankam, fasste er als Küchenhilfe Fuß, machte schnellstmöglich den Führerschein und fuhr für unterschiedliche Dienstleister. Unterhaltungen mit unbekannten und neugierigen Menschen sieht Walid nicht als Bedrohung, betrachtet sie aber mit einer gewissen Vorsicht, die ihm als imaginärer Schutzschild dient. Dieser Mann will nicht alles verbergen, mit seiner Historie aber auch nicht in die Offensive gehen.
Die Erlebnisse während seiner Uber-Tätigkeit werden eine weitere Kerbe in seine reichhaltige Persönlichkeitsstruktur ritzen. Die Nachtschichten sind unerlässlich, nagen aber unentwegt am inneren Frieden des ruhigen Familienvaters. »Die Betrunkenen pöbeln herum, sie zanken, sie sind kurz davor sich zu übergeben und wollen dann noch wegen der Fahrtstrecke und der Kosten streiten. Es ist nicht immer einfach, Ruhe zu bewahren und manchmal muss ich mit der Polizei drohen. Ich hasse es, aber was bleibt mir übrig, wenn sich die Menschen überhaupt nicht mehr einkriegen?« Den Hedonismus der westlichen Gesellschaft sieht Walid nicht als Feind, ganz nachvollziehen kann er die alltäglichen Probleme seiner Mitfahrer aber nicht immer. Manchmal, weil sie ihm nichtig und unnötig erscheinen. Manchmal, weil es schlichtweg am Phonetischen scheitert. »Ich lebe seit 20 Jahren in Wien und habe sofort Deutsch gelernt, bin aber bis heute nicht zufrieden damit, wie ich es spreche«, zeigt er sich in einem Bereich selbstkritisch, in dem es gar nicht nötig wäre. »Ich finde nicht, dass der Kurs damals gut war und ich wurde schnell mir selbst überlassen. Was die Leute oft übersehen ist, dass man als Neuling in einem Land nicht nur die Sprache erlernen muss und alles zusammen schnell etwas viel wird.« Walid hofft darauf, bald wieder Rettungswägen durch Wien zu lenken und somit auch Menschenleben retten zu können. Bis es so weit ist, ist er aber nur ein nachnamenloses Gesicht mit einer einfachen Sterne-Bewertung, für das es in neun von zehn Fällen kein Trinkgeld gibt. 4,6 – der Zahlencode eines bewegten Lebens.
Aus dem Osten organisiert
Ein Chipssackerl flattert den Gehsteig in der Wiener Muthgasse entlang. Der Wiener Wind wird dem Klischee an diesem kalten Dezembertag gerecht und weht das Sackerl unerbittlich voran, die Schals der flanierenden Passanten in die Höhe und die wenigen Baumwipfel im verbauten Gebiet in alle Richtungen. Ein unwirtlicher Tag in einem unwirtlichen Jahr. Spontan entschließe ich mich aufgrund des Wetters nicht den Weg zur U4 anzutreten, sondern ein Uber zu bestellen. Wenige Minuten hinter einem Simsvorsprung zu warten ist bei diesen Bedingungen angenehmer als gegen die harschen Böen anzukämpfen, die einem trotz der eng ansitzenden FFP2-Maske die Lippen einfrieren lassen. Nach knapp zwei Minuten schleicht sich der elektroangetriebene Toyota Prius sanft und leise wie eine Katze auf der Pirsch an mich ran. Das fein geputzte Innenleben ist bei Uber-Fahrern mittlerweile Usus und eine angenehme Nebenerscheinung der steigenden Qualitätsansprüche bei der Mietwagenflotte. Frisch auf den Ledersitz gefläzt genieße ich die angenehme Kachelofentemperatur nach dem bissigen Sturm. Mein heutiger Fahrer heißt Hristo und hat sich offenbar schon länger nicht mehr aus seinem Arbeitsgerät geschält. Er sitzt leger mit hellblauer Jeans, einem dünnen grauen Pullunder und der obligatorischen Maske am Steuer. Das Lenkrad lässig mit einer Hand im Griff und mit der anderen leidenschaftlich gestikulierend.
Hristo ist gebürtiger Bulgare, aber seit vielen Jahren in Wien wohnhaft. Er gehört trotz seines jungenhaften Gesichts zu den Urgesteinen der österreichischen Uber-Flotte und war schon ganz am Anfang mit an Bord. Allerdings nicht durchgehend und schon gar nicht mit kritikloser Begeisterung. Hristo schneidet die Kurve in der Gunoldstraße und übersieht dabei beinahe eine Fußgängerin gesetzteren Alters, deren Schritte durch den Rückenwind schneller sind als üblich. »Warum die da noch immer keine eigenen Fußgängerampeln installiert haben«, ärgert er sich in sauberem Deutsch mit unverkennbarem Balkan-Einschlag. »Die Kreuzung ist mindestens einmal pro Jahr wegen eines Unfalls in der Zeitung und trotzdem ändert sich nichts.« Der Ärger ist schnell verraucht, die alte Dame hat den Vorfall durch ihre tiefe Konzentration auf jeden Schritt erst gar nicht mitbekommen. Hristo freut sich über mein Interesse, denn Gespräche im Uber sind für ihn ein seltenes Gut. »Die meisten Leute wollen nicht reden und lieber ihre Ruhe. Für mich ist das kein Problem, ich dränge mich niemandem auf, aber die Zeit vergeht doch schneller, wenn man sich ein bisschen unterhält.« Hristo fährt sich durch seine militärisch kurz gestutzten, braunen Haarstoppel und fixiert mich mit einem durchdringenden Blick in seinen Mittelspiegel. Federleicht kreuzt er auf den kurzen Teil der Tangente, bevor er ohne merkbaren Geschwindigkeitsabbau auf den Gürtel fährt. Dreimal wechselt er mit seinem stillen Auto die Spur so elegant, dass man als Mitfahrer noch nicht einmal den Ansatz eines Ausscherens bemerkt. Der Mann versteht sein Handwerk.
Dass mit dem nicht Redenwollen interessiert mich. Ich frage nach, woran das liegt. Ob die Gäste sich lieber auf ihre Smartphones konzentrieren oder es vielleicht an der Sprachbarriere liegt. »Da stimmt wohl beides. Aber um ein Uber zu fahren, musst du nicht Deutsch sprechen – das ist völlig egal.« Hristo erzählt, dass er im Laufe der letzten Jahre mehrmals zwischen Mietwagen- und Taxigewerbe hin- und hergewechselt ist. Er besaß schon vor Uber den Taxischein und kann es sich somit aussuchen. Vor- und Nachteile hätten sich im alten System prinzipiell die Waage gehalten, betont er, aber als klassischer Taxler lebt man in jedem Fall besser. »Wenn du den Taxischein haben willst, musst du viel können und wissen. Bei Uber ist das nicht der Fall. Du musst weder Deutsch noch Englisch sprechen, weil dich die Gäste ohnehin per App rufen und es nicht verlangt wird zu kommunizieren. Deutschkenntnisse, Ortskenntnisse und einen Wohnsitz in Wien brauchst du zum Taxifahren schon.« Hristo bekräftigt, dass es bei den Fahrern in allen Bereichen vehemente Qualitätsunterschiede gäbe. »Ich will Uber nicht nur schlechtreden, aber das System ist darauf aufgebaut, dass wirklich jeder ein Auto lenken darf.«
Für Uber in Österreich reiche jede Art von Führerschein. »Völlig egal, ob das ein Probeführerschein oder ein Führerschein von außerhalb der EU ist. Das wird nicht überprüft. Wenn du selbst kein Auto hast, dann wirst du in eines von einem Subunternehmen gesetzt und fährst los. Durch das GPS und Google Maps brauchst du keine Ortskenntnisse.« Hristo fährt aktuell für Uber und hat das schon einige Male davor im On-Off-Prinzip gemacht, findet aber viele Kritikpunkte, die ihm die Lust am Job vermiesen. »Als ich diesen Job mit einem Lizenzunternehmen angefangen habe, war das noch okay. Zuerst musste ich ungefähr 15 Prozent all meiner Einnahmen an das Uber-Subunternehmen abführen. Das fand ich noch okay, doch im Laufe der Jahre hat sich dieser Satz erhöht. Zuerst auf 20 Prozent, dann auf 30 und aktuell sind es 35 Prozent. Wenn du mich bestellst und deine Fahrt zehn Euro kostet, muss ich 3,50 Euro abtreten, ohne dass ich dabei meine eigene Versteuerung, Benzin, Abnützung, etwaige Strafzettel und Sonstiges mitkalkuliert habe.« Wir stehen mittlerweile im Rush-Hour-Stau am Gürtel und ich blicke auf ein geschlossenes Pub am Straßenrand. Ein mittelalter Herr im cremefarbigen Mantel marschiert flotten Schrittes daran vorbei, während die Ahornblätter ihn rhythmisch umtanzen. Der Wind weht unerlässlich stark.
Hristo freut sich über das Interesse seines Fahrgastes. Er versteht die Vorteile und Bequemlichkeiten, die sich dem Konsumenten bieten. Ein Fixpreis, der noch dazu weit unter jenem eines Taxis liegt. Die gemütliche Bestellung mit wenigen Handgriffen per App und die Sicherheit, während der Fahrt weder wegen des Weges noch wegen der drängenden, da den Grundpreis rasant erhöhenden Zeit diskutieren zu müssen. »Ich würde es nicht anders machen«, lacht er. »Dieses Problem der Taxiinnung habe ich immer verstanden. Jeder Kunde weiß im Vorfeld, wie viel er für ein Brot, für eine Hose oder für eine Zugfahrt bezahlen muss. Nur beim Taxi herrscht Ungewissheit und deshalb verstehe ich, dass viele auf Uber oder Bolt umgestiegen sind.« Für den Fahrer stellt sich die Situation freilich anders dar. »Als Taxler hast du einen Kollektivertrag rund um 1500 Euro, der ganz okay ist. Du hast eine gewisse Höchstgrenze an Stunden, die du arbeiten kannst und bist nicht völlig vom Umsatz abhängig. Auch im Mietwagengewerbe gibt es Verträge, aber die werden fast nie eingehalten oder schlichtweg ignoriert.« Hristo kennt die dunklen Seiten des Geschäfts durch die langjährige Erfahrung nur zu gut. »Ich sehe viele meiner Kollegen irgendwo in der Stadt im Auto schlafen, weil sie mit neun- oder zehnstündigen Schichten niemals so viel Geld machen, um überleben zu können. Sie bleiben dann gleich angemeldet im Auto liegen und warten fast rund um die Uhr darauf, eine Fahrt zu haben.«
Hristo ist fix davon überzeugt, dass man als Uber-Fahrer bei den gängigen Arbeitsbedingungen nicht überleben kann. »Es kommt auch darauf an, was du mit deinem Subunternehmen verhandelst, aber im Normalfall ist alles umsatzbasiert und dann schuftest du dich zu Tode, wenn du wirklich ein halbwegs vernünftiges Einkommen haben willst.« Der Bulgare ist aufmerksam und sieht, wie ich den Reißverschluss meiner Jacke etwas höher ziehe. Er dreht den Heizregler auf und fragt, ob die Temperatur in Ordnung wäre. Seine ruhige Fahrweise, die sicheren Handgriffe und die inhaltsschwere Thematik gehen eine kompetente Symbiose ein, die dem Fahrgast ein Gefühl der Sicherheit vermitteln. Hristo hält kurz inne und überlegt. Er sieht das Uber-Prinzip nicht so schwarz, wie es noch kurz zuvor den Anschein gemacht hat. »Es kommt immer darauf an, wie du lebst und was dein Ziel ist. Wenn du keine Familie hast und es dir nichts ausmacht so viel zu arbeiten, dann sind dir Zwölf-Stunden-Tage wahrscheinlich auch egal und du kriegst dabei gutes Geld. Das ganze System würde nicht funktionieren, wenn die Fahrer nicht mitspielen würden.« Doch das Problem sieht der Mittdreißiger nicht in der Kluft zwischen jenen, die eine faire Entlohnung durch faire Arbeitszeiten wollen, und jenen, die den Job mit Haut und Haaren leben und dabei über berufliche Überlastung hinwegsehen.
»Das Problem sind die organisierten Fahrer«, geht er hörbar erzürnt ins Detail. »Da du ohne normale Arbeitsverträge und mit jeder Art von Führerschein ein Uber lenken darfst, kommen sehr viele Fahrer für kurze Zeit aus dem Ausland. Ich kenne selbst einige aus der Slowakei, Tschechien, Ungarn und auch Slowenien oder Bosnien, die sich für ein paar Monate in großen Gruppen eine billige Wohnung nehmen, in dieser Zeit so viel wie möglich fahren und dann wieder für ein halbes Jahr nach Hause gehen. Wenn du für die Wohnung kaum etwas bezahlst und intensiv arbeitest, kannst du dir genug Geld anhäufen, um in deinem Heimatland eine Zeit lang sehr gut zu leben.« Wir biegen am mächtigen Gebäude der FH Wien ab. Die Würstelbuden sind in diesen Tagen genauso verwaist wie die Lokale und diverse Geschäfte, die sich aneinanderreihen. Ein fast schon postapokalyptisches Szenario, nur dass sich in der Realität reihenweise Passanten bewegen, um ihrem eingegrenzten Tagwerk nachzugehen. Hristo ist felsenfest davon überzeugt, dass es in einigen Fällen der osteuropäischen Fahrerorganisationen auch steuerlich nicht mit rechten Dingen zugeht. »Aber so sind viele Firmen, die mit Uber zusammenarbeiten, aufgebaut. Die Leute, die für wenige Monate diesen Job machen und dann wieder verschwinden, die beklagen sich auch nicht über die Arbeitsverhältnisse.«
Hristo ist überzeugt, dass die Mietwagen-Offensive den klassischen Taxlern gut 50 Prozent des Geschäfts genommen hätte. »Wenn es so einfach ist, Uber zu vermitteln und ein Uber zu fahren und der Kunde zudem so wenig zahlt, dann klappt das natürlich gut.« Obwohl er immer wieder mit dem Uber-System haderte und sich auch selbst ausgebootet und unfair behandelt gefühlt hat, kehrte Hristo stets aufs Neue in den Uber-Stall zurück. »Dass es bei Uber keine zeitlichen Begrenzungen gab, hat auch seine Vorteile. Wenn du willst, dann fährst du eben andauernd und kannst mehr verdienen als im Taxi. Fahrer werden immer und überall gesucht und so hatte ich nie ein Problem, eine Stelle zu finden. Wenn ich knapp bei Kasse war, dann bin ich zu Uber und habe mich reingekniet. Das gilt natürlich hauptsächlich für die Zeit vor dem Lockdown. Da hat man mit Nacht- und Wochenendfahrten wirklich gut verdienen können – trotz der vielen Abgaben.« Auch wenn der Bulgare viele Verfehlungen im System verortet, begrüßt er die Veränderungen, die sich dadurch ergeben haben. »Uber hat das Monopol der Taxis aufgeweicht. Durch die vielen Diskussionen und Streitereien zwischen allen Beteiligten gibt es jetzt ein besseres Ergebnis für alle«, ist Hristo überzeugt. »Der Kunde hat endlich einen Fixpreis – auch beim Taxi. Der ist zwar nicht mehr so günstig wie früher, aber das wiederum sichert auch uns Fahrern die Chance, fairer bezahlt zu werden.«
Zudem würde durch die Angleichung der unterschiedlichen Pole auch der »osteuropäischen Fahrer-Schlepperei«, wie er das System nennt, ein Riegel vorgeschoben. »Der Taxischein kostet Geld und ist nicht leicht zu kriegen. Ich verstehe, dass es für viele finanziell schwer ist ihn zu machen oder dass manche Inhalte heute veraltet sind. Aber so brauchst du zumindest eine offizielle Lizenz, musst dich in der Stadt auskennen und die deutsche Sprache sprechen, Uber ist das egal. Wenn du schon mal im Gefängnis warst, gibt dir das Verkehrsamt keinen Taxischein, Uber ist das egal. Im alten System war es sehr leicht, schlecht bezahlte Arbeitskräfte zu finden, denn arme Leute gibt es genug. Diese Art von Wettkampf sollte dann ihr Ende haben.« Wir kommen am Rande des Türkenschanzparks an und das Ziel ist mitten in der Unterhaltung erreicht. Doch Zeit ist Geld – in diesem Gewerbe noch mehr als woanders. Kaum habe ich mich verabschiedet und die Tür zugestoßen, braust Hristo im erhöhten Tempo davon. Momentan noch im klassischen Ubersystem, aber das wird sich bald ändern.
Nicht zu unterschätzen
Sanft ziehen sich die grau melierten Locken an den Schläfen entlang. Die verträumten Augen strahlen eine tröstende Großmütigkeit aus. Fast so, als wäre der Opa kurz davor, dem Enkerl endlich das vom Christkind gebrachte Weihnachtspackerl unterm Baum zu reichen. Die sanften Gesichtszüge reichen hinunter bis zum bewusst ungepflegten Fünf-Tages-Bart, der dieser unschuldigen Erscheinung zumindest ein wenig Kantigkeit verpasst. Lächelnd hat er mir noch vor wenigen Minuten die Hand reichen wollen und sie dann instinktiv zurückgezogen. »Es tut mir sehr leid. Manchmal vergesse ich immer noch darauf, dass man sich heute mit Distanz begrüßen soll.« Karim gehört zu jener Spezies Mensch, die mit dem etablierten Social Distancing ihre Probleme hat. Nicht aber, weil er sich aus purer Sturheit nicht von gewohnten Verhaltensweisen trennen will, sondern weil er schlichtweg ein herzlicher Mensch mit untrüglichem Hang zur Nähe ist. »Mir ist erst durch Corona aufgefallen, wie sehr mir herzliche Begrüßungen und Umarmungen fehlen. Und lustigerweise fällt mir das auch bei den Gästen auf«, erzählt er freudig in holprigem Deutsch. »Auch wenn es immer heißt, dass alle lieber ihre Ruhe haben wollen, habe ich oft das Gegenteil erlebt. Mir wurde beim Aussteigen sogar freundschaftlich auf die Schulter geklatscht.«
Ganz anders geklatscht hat er noch vor wenigen Monaten. Nämlich andere auf den Boden, wenn es unbedingt sein musste. Karim ist Anfang 40 und kam vor etwas mehr als 16 Jahren nach Österreich. Den Großteil der Zeit verbrachte er als Türsteher in unterschiedlichen Clubs und Discos der Bundeshauptstadt. Dabei ging er nicht immer zimperlich vor. »Du kannst dir gar nicht vorstellen, was du in so einem Club während eines Freitags- oder Samstagsdienstes erlebst«, wird die sonst so sonore Stimme plötzlich deutlich höher. »Da gehen plötzlich ganze Gruppen von Jugendlichen auf dich los, weil du ihnen nicht alles durchgehen lässt. Wenn du einen im Schwitzkasten hast, tritt dich einer seiner Freunde von hinten nieder.« Gebrochene Arme und Finger allerorts. Bei Karim und auch bei so manchem Gast. »In diesem Job unterliegst du strengen Richtlinien und es ist genau definiert, was du dir als Türsteher erlauben kannst und was nicht, aber manchmal lassen sich Verletzungen nicht vermeiden.« Zweimal hat sich Karim den Arm gebrochen, dreimal verschiedene Finger. »Allerdings ist das hie und da auch den Gästen passiert«, entgleitet ihm ein leicht diabolisches Schmunzeln, das nur mehr wenig mit der väterlichen Sanftmütigkeit von vor wenigen Momenten gemein hat. »Aber was habe ich für eine Wahl? Mich zusammenschlagen zu lassen?«
Lokalbesucher sind nicht per se aggressiv. Der Stresslevel der Türsteher steigert sich mit jedem Schluck Gin Tonic, mit jeder leichten Zurückweisung auf der Tanzfläche und mit jedem Näschen jenes illegalen weißen Pulverschnees, der Zeit und Raum vergessen lässt. »Die Drogen sind ein sehr wichtiges Thema in diesem Job. Manche Gäste gehen freundlich und beschwingt in ein Lokal, ziehen sich dann irgendetwas rein und verwandeln sich in eine völlig andere Person.« Wenn Karim an so manch prekären Abend zurückdenkt, zuckt er leicht mit dem rechten Lid, das ich von der Rückbank aus gut sehen kann. Er ist auf den ersten Augenschein von normaler Statur. Unter seinem sich wölbenden Pullover doch merkbar sportlich, aber kein muskelbepackter Hüne, wie es im Klischeebuch fett gedruckt steht. Doch bei den Kräftigen ist es wie bei den Wettessern. Nicht die dicksten Teilnehmer können sich die meisten Hot Dogs in möglichst kurzer Zeit einverleiben. Es sind jene, die nach einer ganz normalen Mittagsportion Spaghetti Bolognese aussehen, aber die richtige Technik anzuwenden wissen. Karim ist weder stämmig noch drahtig oder voluminös. Er ist sogar ziemlich unscheinbar und gerade deshalb allzeit bereit, den potenziellen Angreifer unangenehm zu überraschen.
»Ich mache seit vielen Jahren Kampfsport«, gibt er nur sehr zögerlich und auf wiederholtes Nachfragen zu. »Eigentlich rede ich nicht so gerne darüber, denn es ist ein Teil meiner Vergangenheit.« Die Vergangenheit holt einen immer ein. Vor allem, wenn man ein Uber lenkt und mit den Fahrgästen Smalltalk führt. Ist eine Fahrt länger als von Nord-Ottakring nach West-Penzing, dann geht es eben schnell über das Bergwetter am Wochenende und das gestrige ZiB-2-Interview hinaus und führt direkt ins Private. Karim ist ein sehr guter Zuhörer aber nur ein zögerlicher Redner. Ich will mehr von ihm erfahren. Und überhaupt – gibt es einen kausalen Zusammenhang zwischen seinen Fähigkeiten als Türsteher und jenen als Mietwagenfahrer? Kann Karim Störenfriede ebenso ruhig und friedvoll ausschalten wie er, von der Schwerkraft so gut wie unbemerkt, sanft die Kurve gen Inneren Gürtel nimmt? Lässt er sich vor der physischen Verteidigung auf ein ähnlich geruhsames Gespräch mit aufmüpfigen Gästen wie hier mit mir ein? Kann Karim seine treuherzigen Hundeaugen im Eifer des Gefechts wirklich so scharfstellen, dass man als unmittelbarer Opponent das Gefühl bekommt, man ließe nun lieber von ihm ab? Kaum vorstellbar, aber wohl wahr. Mit Karim ist gut Kirschen essen. Nur sollte man lieber nicht auf seinen Teller greifen, um ihn seiner Ration zu berauben.
Der Weg von der Disco ins Uber war vornehmlich seiner Familie geschuldet. Jahrelang Nachtschichten am Wochenende, hohe Verletzungsgefahren, ständig Kontakt mit der Exekutive. Neben der körperlichen Komponente wird auch die Psyche besonders stark gefordert. »Man darf nicht vergessen, dass ich diese Ereignisse mit nach Hause nehme. Du kommst irgendwann morgens nach einer anstrengenden Nacht heim zu deiner Familie und willst nur noch schlafen, während sie ihren Tag beginnt. Sie gehen raus, spielen oder essen zusammen, während du am frühen Nachmittag aufwachst, die Ereignisse des Vorabends erst verarbeiten musst und vielleicht bald wieder im Dienst stehst.« Seine Frau hat den Job Karims immer geduldet, die Tochter war noch zu klein, um mitzukriegen, wodurch Papa ihren Brei bezahlen kann. Die Reißleine zog Karim nach einigen Jahren selbst, was für ihn nicht nur die goldrichtige, sondern im Endeffekt auch einzig richtige Entscheidung bedeutete. »Mir hat der Job Spaß gemacht. Es ist nicht so, dass ich vor ihm davonlaufen wollte, aber meine Frau machte sich zunehmend Sorgen und man kommt nicht jeden Tag ohne Schrammen heim. Außerdem will ich meine Tochter aufwachsen sehen und mit ihr Zeit verbringen. Es wäre unverantwortlich, all diese Dinge zu ignorieren und einfach so weiterzumachen, als wäre nichts.«
Das Familienglück ist Karim wichtiger als alles andere. Als zwei Flugzeuge am verhängnisvollen 11. September 2001 in die Twin Towers des New Yorker World Trade Centers krachten, änderte sich Karims Leben von einem Tag auf den anderen. Taliban, Al-Qaida und der erbitterte Vergeltungsschlag der USA zerstörten seine Heimat Afghanistan in kürzester Zeit. Für den damals 22 Jahre jungen Karim stellten die tragischen Ereignisse eine Lebenszäsur da. »Wir haben ganz gut gelebt, aber Lage und Land haben sich quasi über Nacht verändert.« Karim wuchs in Kabul auf und erlebte eine genügsame Kindheit. Durch den Krieg hat er über die Jahre alles verloren und musste die Flucht antreten. »Wir haben alles versucht, um dem Krieg zu entkommen. Zuerst bin ich in den Iran und kurz darauf in die Türkei geflüchtet. Dann war ich einige Jahre in Serbien und von dort bin ich schlussendlich nach Österreich gekommen.« Wenn er von den tragischen Ereignissen aus seiner Vergangenheit erzählt, wirkt Karim erstaunlich gefasst. Weder bricht die Stimme noch werden die Augen feucht. Dass er in sehr jungen Jahren aber Unmenschliches mitansehen und verarbeiten musste, kann er nicht verbergen. Man kann es als Zufall oder Wink des Schicksals betrachten, aber dass John Lennons ewige Friedenshymne »Imagine« ausgerechnet in diesem Moment aus dem Radioäther tönt, hinterlässt einen bleibenden Eindruck.
Begegnungen wie diese sind immer etwas eigenartig. Man ruft jemanden anonym über eine digitale App zu sich, bezahlt ihn und seinen Arbeitgeber mittels Kreditkarte und kann dieser Person für eine kurze Weile unheimlich nah sein. Unweigerlich fühle ich mich in meine eigene Kindheit zurückversetzt, als Oma vor dem knisternden Kaminfeuer in einer verschneiten Winternacht möglichst altersgerecht von Opas Kriegsgefangenschaft erzählte, dabei einen warmen Tee zubereitete und die Vanillekipferl aus der großen Dose holte. Jener Opa, der das Kriegsgeschehen trotz aller Turbulenzen überlebte, mit der Oma aus dem sprichwörtlichen Nichts in den 60er-Jahren ein Haus gebaut hat und neun Jahre vor meiner Geburt verstarb. Die verworrenen und undurchsichtigen Stränge des Lebens wollen es so, dass mir Karim in diesem kurzen Moment näher ist als meine eigene Familiengeschichte. Er ist physisch anwesend. Aus Fleisch und Blut und in diesem Moment mit allen Sinnen greifbar. Er ist keine Geschichte und keine imaginierte Erinnerung, sondern ein lebender Beweis für erlebte Ereignisse, die man als Unbeteiligter zwar hören und verstehen will, aber niemals vollends erfassen kann. Aus einer zwanglosen Fahrt zum Hausarzt wird eine Geschichtsstunde. Aus dem Ausflug zu einem Pflichttermin ein nicht einkalkuliertes Zusatzerlebnis.
»Ich war das letzte Mal vor mehr als zehn Jahren in Afghanistan«, blickt Karim nach einer kurzen Nachdenkpause zurück. »Es ist mittlerweile wieder etwas leichter einzureisen und die ärgsten Wogen scheinen geglättet zu sein, aber ich habe dort nichts mehr. Meine Familie ist verstorben oder geflüchtet. Ich konnte noch nicht einmal mit allen Kontakt halten.« Heimat bleibe immer die Heimat, erklärt mir Karim, während er bei einer roten Ampel und viel Verkehr Zeit hat, seine Gedanken zu sortieren und sie möglichst gut in das für ihn immer noch suspekte Deutsch zu gießen. »Ich habe mir zwar in Österreich ein neues Leben aufgebaut, aber die Vergangenheit bleibt für immer bestehen.« Es ist schwer vorstellbar, wie sich für Karim die Erinnerungen an eine schöne und möglichst ungezwungene Kindheit mit den Grauen seines frühen Erwachsenenlebens paaren. Die Nostalgie spielt uns gerne Streiche, lässt uns Erinnerungen willentlich vermischen und verqueren, bis sie sich im Kopf zu einem Bild zusammenbauen, das nicht so korrekt ist, wie wir es gerne hätten. Karim versucht die Fragmente eines Lebens so zusammenzusetzen, dass der erlebte Schmerz möglichst gering bleibt. Ob er damit einen Teil einer Vergangenheit verklärt oder nicht, ist nicht die Frage. Das neu zusammengesetzte Puzzle gibt ihm seelischen Frieden und spendet Trost.
»In Afghanistan herrscht seit mehr als 40 Jahren Krieg und viele Städte sind komplett zerstört«, reflektiert er plötzlich wieder nüchterner, »aber es ging mir eigentlich nicht schlecht. Wir hatten alles, was wir brauchten. Ich habe meine Kindheit sehr gut in Erinnerung.« Meidlinger Hauptstraße, das Ziel ist nur mehr wenige Meter entfernt. Wir fahren schon eine knappe halbe Stunde zusammen durch Wien und nun herrscht ein wohliges Gefühl gegenseitiger Vertrautheit. Karim setzt gerade dazu an, Details aus seiner Kindheit und seiner alten Heimat zu erzählen. Er geht sehr offen mit seiner Geschichte um und hätte vermutlich über seine Flucht, die verschiedenen Heimatorte und die unterschiedlichen Berufe erzählt. Woher er seine Kampfsportkenntnisse hat. Wie stark er selbst vor seiner Flucht im Krieg beteiligt war. Wie er die Erlebnisse verarbeitet hat und heute so in sich selbst ruhen kann. Was ihm Europa und Österreich bedeuten und was in seinem Kopf, dem Kopf eines Kriegsflüchtlings, vorgeht, wenn er sich um 4 Uhr morgens vor der Pratersauna mit einem sich aufplusternden Jus-Studenten auseinandersetzen muss. Es gäbe so viele Fragen, doch die Uhr tickt unerbittlich und es bleibt keine Zeit für Antworten. Das Ziel ist erreicht, auf den Handshake wird verzichtet. Bei der Oma könnte man einfach so lange sitzen bleiben, bis man alle Details erfragt und alle interessanten Winkel der Geschichte erforscht hat. Karims Geschichte bleibt hingegen nur angeschnitten. So abrupt kann gefühlte Nähe enden.
Anonyme Erlebnisse
Warum öffnet man sich eigentlich einem wildfremden Menschen, den man höchstwahrscheinlich nie mehr wiedersieht? Wie kommt es, dass sich aus dieser Anonymität heraus zeitlich begrenzte, aber inhaltlich oft gewichtige Gespräche ergeben? Im Taxi oder Uber scheinen sämtliche Hemmungen zu fallen und man wird für kurze Zeit zu einem gläsernen Menschen. Orest heißt natürlich nicht so, schützt sich damit aber vorwiegend selbst. Sagt er mir zumindest, denn während wir mit dem Uber über die Ringstraße fahren und an uns die prunkvollen Fassaden der Wiener Innenstadt vorbeiziehen, erklärt er mir den Grund für seine Geheimniskrämerei. »Weißt du, ich schreibe im Internet meine Erlebnisse und Gedanken nieder, die ich den ganzen Tag so habe. Man erlebt in diesem Job so einiges, aber ich mache das natürlich völlig anonym, denn sonst würde ich Probleme kriegen.« Orest sagt, er stamme ursprünglich aus Bosnien-Herzegowina, nur einen Steinwurf von der Hauptstadt Sarajevo entfernt. Das Interesse für Autos hat ihm schon sein Vater vererbt und als die Familie mit ihm im Kleinkindalter nach Wien zog, habe sich diese Leidenschaft manifestiert. »Das waren ja ganz andere Modelle, die gab es in Bosnien nicht. Audi, Mercedes, schöne Limousinen. Eine ganz neue Welt.«
Wir beide werfen heute mit Blendgranaten, denn wirklich offen ist niemand zum anderen. Orest verrät mir nicht seinen richtigen Namen und auch nicht, wie man seinen Blog oder seine Online-Mitschrift, so genau sagt er das nicht, findet. Ich sage ihm nicht, dass ich einzig und allein deshalb in seinem Auto sitze, um seine Geschichte zu erfahren, und mich diebisch darüber freue, ihn mit einer solchen Geschichte getroffen zu haben. Orest macht einen akkuraten Eindruck. Seine dunkelbraunen Haare sind penibel geschnitten, das rot karierte Hemd kann seine Oberarmmuskeln nur schlecht bändigen und die verschieden blauen Flecken auf der Jeans deuten nicht auf Fabrikationsfehler, sondern einen Modetrend hin. Ich würde ihn Mitte 20 schätzen, liege aber daneben. »32«, lacht er, »aber keine Sorge, ich bin nicht beleidigt. Jünger sein will man immer und ich habe halt wenig Bartwuchs. Das macht sicher einiges aus.« Auf den schwarzen Mercedes hat Orest lange gespart und sich dafür zu unterschiedlichsten Jobs verdingt. Für ihn war immer klar – wenn schon Gäste chauffieren, dann auch so, wie er es selbst für würdig befindet.
Das Wasser im Donaukanal ist gewohnt trüb, als wir uns in der Nähe des Schwedenplatzes auf der mehrspurigen Straße durch den nachmittäglichen Berufsverkehr schlängeln. Ich bin bestimmt noch keine drei Minuten in seinem Auto, als er bereits euphorisch von seinem Hobby erzählt. Er habe mit dem Uber-Fahren schon begonnen, als das Unternehmen in Österreich aufpoppte. Der Taxischein sei ihm zu mühsam gewesen. Zwei Anläufe hatte er, zweimal sei er an den strengen Prüfungen gescheitert. Dann habe er aufgegeben, sei Lieferwagen gefahren und habe sein Geld für den Mercedes gespart. Uber und sein System der gefühlten Selbstständigkeit sind für Orests Vorstellungen genau richtig. »Ich war handwerklich nie wirklich begabt und einen Job als Chauffeur für Politiker oder so habe ich nie bekommen. Uberfahren kommt meiner Liebe zu Autos am nächsten. Und ich lerne viele interessante Leute kennen.« Die ihm fremden Menschen fand er schon nach den ersten Wochen in diesem Job dermaßen interessant, dass er die Geschichten in seinem Kopf abzuspeichern begann. Als Millennial und leidenschaftlichem Internet-User kam ihm die Idee, viele dieser Erlebnisse aufzuschreiben.
»Es sind ja nicht nur die Geschichten, die ich unter der Hand mitkriege«, erzählt mir Orest, »sondern auch Dinge, die mir tatsächlich erzählt werden. Leute, die miteinander rummachen und kurz vorm Sex sind. Betrunkene oder von Drogen weggeschossene, die entweder komplett aufgeputscht auf der Rückbank hin- und herrutschen oder elendiglich in sich zusammenfallen. Geschäftsmänner mit Sonnenbrillen, die so tun, als würde ich sie spätabends zu einem Geschäftstermin in ein Hotel fahren, obwohl wir ohnehin alle wissen, dass es da um etwas ganz anderes geht.« Orest kennt sie alle. Etwa vier Jahre im Uber mit zehn bis 15 Tagesfahrten fünfmal die Woche – man kann sich sehr einfach ausrechnen, dass da genug Begebenheiten für seine Mitschriften dahinterstecken. »Mit dem Uber fahren ja alle. Junge Leute und alte Leute. Männer und Frauen. Reiche Leute und ärmere Leute. Geschäftsmänner und Tischler.« Orest bringt mich zum Nachdenken. Wo sonst erlebt man einen derart bunten Querschnitt der Gesellschaft? Jedenfalls nicht an der Supermarktkassa, wo die Begegnungen sehr flüchtig sind. Vielleicht noch als Monteur von Küchen oder Gasthermen bei Privatkunden, aber selbst dort ist man nie so direkt mit Sein und Wesen unterschiedlichster Gegenüber konfrontiert.
Als Uber-Fahrer bekommt man die wahre Stimmung in der Gesellschaft eigentlich am besten mit. Nicht umsonst spricht der erzürnte Volksmund gerne davon, dass sich ein Politiker ans Steuer eines Taxis setzen sollte, um die Stimmung in der Bevölkerung möglichst getreu einzufangen. Bevor ich mit Orest tiefer ins Detail gehe, frage ich ihn, warum er mir das alles überhaupt erzählt. »Du warst selber neugierig und hast mir am Anfang Fragen gestellt. Da dachte ich, warum nicht? Wir unterhalten uns gut.« Und was sei dann der große Unterschied zu anderen Gästen? »Na ja, die Unterhaltung«, führt er aus, »denn mit den meisten Fahrgästen gibt es keine Unterhaltung. Die reden sich ihren Stress von der Seele und behandeln mich wie einen Psychiater. Eine Frau hat mir auf einer Fahrt mal bis ins kleinste Detail von ihren drei letzten misslungenen Tinder-Dates erzählt. Wirklich alles. Dinge, die man gar nicht wissen will. Alles, was ich vorher zu ihr gesagt habe, war ›hallo‹ und die übliche Einstiegsfrage, ob sie eh mein Gast wäre.« Orest hat sich an seinen »unbezahlten Zweitjob« gewöhnt. Anfangs fand er die Gesprächigkeit vieler Gäste seltsam, mittlerweile ist er eher amüsiert.
»Du kommst in unglaubliche Situationen. Etwa wenn sich ein Pärchen zu streiten beginnt und dich in die Diskussion mithineinziehen will. Oder wenn dir jemand mit einer massiven Bierfahne nach dem Rapid-Spiel erzählt, wie fett er noch vor zehn Jahren nach solchen Spielen war und ihm dabei der Bauch rausrutscht. Es gibt wirklich nichts, das man nicht erlebt.« Große Breitenwirksamkeit erreicht Orest mit seinen Geschichten angeblich zwar keine, aber er sieht das Niederschreiben dieser skurrilen, witzigen, tragischen und atemberaubenden Situationen auch mehr als eine Art Eigentherapie. »Ich rede natürlich mit meiner Freundin darüber, die ist immer ganz perplex von meinen Geschichten. Aber so vergisst man einfach nichts. Es ist ein bisschen wie Tagebuchschreiben. Nur, dass es für andere einsehbar ist, wenn man danach sucht.« Für besonders viel Aufsehen sorgt der Bosnier offenbar im Kollegenkreis. Teilweise kennen sich Uber-Fahrer untereinander, einige sind auch sehr gut Freunde von Orest. Und wenn man die Erlebnisse mit Gleichgesinnten teilt, bekommen sie noch einmal eine ganz spezielle Note. »Natürlich tauscht man sich darüber aus. In welchem Beruf ist das nicht der Fall?«
Vorbeigezogen an der Urania befinden wir uns auf direktem Weg in den dritten Bezirk. Die Straßen werden enger, Parkplätze nehmen zu, rasante Radfahrer und ampelignorierende Fußgänger machen Orest die Arbeit nicht leichter. Wie eine Katze schleicht er mit seiner schwarzen Limousine durch die Gassen und wirkt von all den Hindernissen des Alltags gänzlich unbeeindruckt. Auch wenn wir uns gerade nicht im Lockdown befinden, ist der einsetzende Berufsverkehr ungewohnt sanft. Orest trägt die für seine Zunft prekäre Situation mit Gelassenheit. Er habe noch immer genug Fahrten, auch wenn sich schon einiges geändert habe, betont er. Vor allem aber liefern die weniger gewordenen Gäste umso mehr Stoff für seine Hobby-Schriftstellerei. »Absolut jeder hat dir was zu erzählen. Absolut jedem geht es in der momentanen Zeit beschissen. Dem einen mehr, dem anderen weniger, aber Corona trifft uns alle.« Der Mietwagenfahrer als privater Seelsorge. Das ist keinesfalls eine Neuigkeit, sei aber in verstärktem Ausmaß zu beobachten.
Natürlich frage ich Orest nach den wildesten Geschichten, die er im Laufe seiner Tätigkeit erlebt habe. Schnell macht er zu und druckst herum. Er übt sich in Geheimniskrämerei. »Es gibt Dinge, die müssen nicht im Internet stehen«, antwortet er prompt. »Bei manchen ist das so, weil ich mir selbst denke, die sind irgendwie zu privat. Andere wiederum erschienen mir zu traurig. Auch wenn das alles anonym ist, hätte ich ein schlechtes Gefühl, wenn ich es veröffentlichen würde.« Orest ordnet seine Gäste in unterschiedliche Typen. Manche sind wütend und schimpfen über Gott und die Welt. Andere durchleben gerade eine schwierige Phase und suchen Halt. Wiederum andere echauffieren sich über Verkehr, Wetter, Politik oder seinen Fahrstil, während manche sich dazu bemüßigt fühlen, trotz des Fixpreises ständig Abkürzungen oder vermeintlich bessere Wege vorzuschlagen. Ein dickes Fell brauche man in diesem Job auf jeden Fall, sagt Orest. »Und viel Humor. Am besten Humor und Selbstironie – ansonsten solltest du vielleicht was anderes machen.«
Wie oft kommt es vor, dass Orest dem Gast seine eigenen Geschichten erzählt? »Immer dann, wenn ich gefragt werde. Also so gut wie nie. Das hier gerade ist eine seltene Ausnahme, aber eigentlich geht es auch keinen etwas an, wer ich bin und wie ich lebe.« Er weiß, dass wir uns in einer gläsernen Gesellschaft bewegen und glaubt, dass die Leute dadurch keine Hemmungen mehr haben. »Ich weiß nicht, ob das früher anders war, dafür bin ich zu jung. Doch es hat jeder ein Facebook- oder Instagram-Profil. Jeder teilt sein Leben mit Leuten, die gar nicht zu diesem Leben gehören. Deshalb ist es den meisten wahrscheinlich auch längst egal, wem sie was sagen.« Und die Anonymität bleibe ja trotz allem immer gewahrt, auch wenn Orest Name und Heimadresse seiner Gäste manchmal weiß. Möglicherweise erscheinen seine Erlebnisse irgendwann sogar in Buchform – wohl anonym.
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