Kitabı oku: «Die Eule»

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Robert Heymann

Die Eule

Ein Gymnasiasten-Roman

Saga

Die Eule

© 1912 Robert Heymann

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711503508

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

1. Kapitel.

Es war schon Abend, als Fritz Rowaldt an seinem Bestimmungsort anlangte, einem kleinen, idyllisch zwischen Bergen gelegenen Dörfchen, wo Pastor Hinrichsen seit mehr als zwanzig Jahren seines Amtes als Seelsorger einer Gemeinde waltete, die ihm mit grösster Liebe anhing. Fritz Rowaldt hatte an den Pastor einen Empfehlungsbrief; er wollte hier in der Stille eine Reihe von Wochen verbringen, um sich für seinen Eintritt in die Oberprima des Gymnasiums vorzubereiten.

Eine kampfesreiche, schwere Zeit lag hinter ihm. Sein Vater war Arzt in einem kleinen, norddeutschen Landstädtchen gewesen, hatte sich für seinen Beruf geopfert und war schliesslich fast ebenso arm gestorben, als er die Praxis begonnen.

Für seine Witwe, die immer noch eine jugendlich schöne Frau war, blieb kaum das Nötigste zurück. Das war eine düstere Zeit damals, als Fritz aus dem Gymnasium nach Hause kam und ahnungslos in das Sterbezimmer seines Vaters geführt wurde. Noch drückender aber wurde das Leid um den Toten, als Frau Rowaldt mit ihrem Sohn die gänzlich veränderten Verhältnisse besprach.

Fritz Rowaldt hatte damals schon vor Jahresfrist das Reifezeugnis zum Einjährigen erlangt gehabt. Ein paar Jahre noch — und die Pforten des Gymnasiums hätten sich hinter ihm geschlossen. Er wollte ja Arzt werden wie sein Vater, dessen rührendes und in seinen Ehrbegriffen fast spartanisches Vorbild eine unauslöschliche Begeisterung gerade für diesen Beruf in ihm wachgerufen.

Da, in dieser traurigen Stimmung eines nebeligen Novembertages, zerrann dieser Traum in nichts, da trat zum erstenmal die unbarmherzige Wirklichkeit in den Kreis der Vorstellungen dieses Jünglings, der bisher vor jeder Enttäuschung bewahrt geblieben war.

Die rasche Art des Entschlusses hatte er von dem Vater geerbt. Er sah ein, dass er unmöglich noch zwei Jahre hindurch seiner Mutter die Last finanzieller Opfer für ihn aufbürden konnte. Im Gegenteil! Sollte nicht die graue Sorge den Lebenskreis dieser Frau verdüstern, die er nicht nur als Mutter zärtlich liebte, der er fast eine scheue Verehrung entgegenbrachte, so musste etwas geschehen, um eine Katastrophe zu verhindern.

Nächte hindurch war damals Fritz Rowaldt, in Nachdenken versunken, wach auf seinem Lager gelegen, bis er sich endlich den schweren Entschluss abgerungen hatte: das Gymnasium zu verlassen, mit allen Kräften zu versuchen, eine Lebensstellung zu erringen, die, mochte sie vorläufig auch noch so gering sein, ihn wenigstens selbständig machte, so dass das Wenige, was die Mutter besass, sie für sich allein aufwenden konnte.

Sie hatte zwar anfangs leidenschaftlichen Widerstand geleistet, aber die Verhältnisse waren stärker — alsbald, nachdem Dr. Rowaldt der Erde gegeben war, verliess sein Sohn das Gymnasium und trat bei einem angesehenen Kaufmann in Darmstadt, wohin Frau Dr. Rowaldt übersiedelte, in die Lehre.

Der Kaufherr Johannes Göbel erfuhr alsbald, wie sich eben in einer kleinen Stadt Ungewöhnliches schnell herumspricht, von dem Schicksal seines Lehrlings, dem er eine besondere Sympathie entgegenbrachte. Einmal in seinem neuen Wirkungskreis, bot Fritz Rowaldt alles auf, so schnell wie möglich vorwärts zu kommen, und erwarb sich so neben der Achtung auch das besondere Vertrauen seines Chefs, so dass er schon nach Ablauf eines Jahres in der Lage war, seiner Mutter kleine Beträge zu senden.

Er schien sich mit seinem neuen Schicksal ausgesöhnt zu haben; in Wirklichkeit aber hatte er die Veränderung keineswegs überwunden. Er sah voll Bitternis der Zeit entgegen, wo seine ehemaligen Kameraden das Gymnasium verlassen und in ein neues, an Ehren und Würden reiches Leben eintreten würden, dessen Pforten ihm nun verschlossen waren. Der nüchterne Kaufmannsstand sagte ihm nicht zu; seine Ideale liessen sich nimmer zügeln, und obgleich Johannes Göbel alles tat sein Interesse für Zahlen und Geschäfte zu heben, hing Fritz Rowaldts Sehnsucht nach wie vor an dem Verlorenen.

Da trat, nachdem er fast seit zwei Jahren schon das Gymnasium verlassen, eine unerwartete Wendung ein. Ein entfernter Verwandter Frau Dr Rowaldts war in Amerika ohne Nachkommen gestorben, und da sich weitere Anverwandte nicht nachweisen liessen, so fiel das beträchtliche Vermögen der Witwe des Arztes zu.

Fritz Rowaldt war immer von neuem heimlich zu seinen Büchern zurückgekehrt; die plötzliche Veränderung rief wieder den flammenden Wunsch in ihm wach, nachzuholen, was er versäumt, zurückzukehren aufs Gymnasium und, wenn auch etwas später als seine früheren Kameraden, das Maturum zu machen.

Johannes Göbel bedauerte tief, ihn ziehen lassen zu müssen. Doch war er gerecht genug, Rowaldts Entschluss zu billigen. Das grosse Geschäft in Darmstadt war nur eine Zweigniederlage des Hamburger Exporthauses, dem Göbels Bruder vorstand. Der Einfluss der Millionärsfamilie reichte weit; der Fürsprache und der Verwendung seines früheren Chefs hatte Fritz Rowaldt es zu danken, dass er schneller, als er hoffen durfte, wieder im Gymnasium Aufnahme sand, nachdem er sich einige Monate in rastloser Tätigkeit für die Unterprima vorbereitet hatte.

Er zählte nun allerdings nicht mehr zu den Jungen, war ein grosser, schon stattlicher junger Mann von fast zwanzig Jahren, dem überdies die zweijährige Selbständigkeit ein sicheres, unabhängiges Auftreten verliehen.

Er errang sich ein günstiges Abgangszeugnis aus der Unterprima. Nun zeigten sich aber doch die Folgen der Überanstrengung; er bedurste dringend der Erholung, umsomehr, als er sich ja auch gleichzeitig von neuem für die Oberprima vorbereiten musste, sollte sein sehnsüchtiger Wunsch, ohne weiteren Zeitverlust das Maturum zu bestehen, in Erfüllung gehen.

Johannes Göbel, der Kaufherr, war ihm wieder behilflich. Er hatte sich eines alten Freundes aus der Zeit, da er selbst das Gymnasium besucht, erinnert, des Pastors Hinrichsen in F., mit dem er stets in Verbindung geblieben war. Mit diesem hatte er wegen Fritz Rowaldt mehrere Briefe getauscht. Der Pastor erklärte sich mit Vergnügen bereit, die Vorbereitung des jungen Mannes für die Oberprima zu übernehmen, und da die Gegend in ihrer Stille und Schönheit vollauf Gelegenheit zur Erholung und Zurückgezogenheit bot, so war Fritz Rowaldt mit seiner Mutter und dem Kaufherrn übereingekommen, die Ferien dort zu verbringen.

Gegen Abend langte er an seinem Bestimmungsort an. Das Städtchen, in dem Johannes Göbel bereits Zimmer für ihn gemietet, lag etwa eine Wegstunde von Pastor Hinrichsens Behausung entfernt. Fritz verschob seinen ersten Besuch auf den folgenden Morgen. Er stand am offenen Fenster, durch welches die Abendluft den Duft des nahen Waldes trug, reckte die Arme hoch und sah mit brennenden Augen in dieses Meer von Grün. Unter ihm standen glutrote Rosen in vollerblühter Pracht. Schwertlilien, sattfarbige Kinder der Iris, schwellten neben der Germanica-Hybride, die sich mit Farben geschmückt, die an die sinnverwirrenden Orchideen gemahnten. Violett und weiss standen sie zwischen Kränzen sibirischen Mohns, dessen rote Blüten wie Feuerzungen aus der Erde trieben, und über alle Wege hingen schwer und reich, als habe sich das Sonnenlicht in Blüten gefangen, bienenumschwärmte Goldruten. Das Leben lockte um ihn mit reifen Farben wie das hohe Lied der Verheissung. Er liebte die Natur über alles. Da erwachte seine Sehnsucht und flog weit über die Alltäglichkeit hinaus in ein anderes Leben, das ihm schon so nahe stand, in ein Leben der Wunder, ungezählter Erwartungen, stolzer Träume.

Noch ein letztes Hindernis — dann trat er durch das Tor der Verheissung.

Ein strahlender Morgen folgte dem in Schönheit gestorbenen Tage. Da machte sich Fritz auf den Weg zu Pastor Hinrichsen. Als er in das schlicht eingerichtete Studier- und Wohnzimmer des alten Mannes trat, der stets einen langen Bratenrock mit ganz unmöglichen Schössen trug, erblickte er vorerst nichts als einen urväterlichen Schrank mit Büchern und eine lange Pfeife.

Der Pastor ging seinem Besucher entgegen und empfing ihn voll Wärme und Freundlichkeit.

„Ich habe von Ihrem Schicksal gehört, Herr Rowaldt,“ begann er, den Jüngling ohne viel Umschweife auf einen der altmodischen, gepolsterten Sessel nötigend. „Wahrlich, Ihr Geschick hat meine volle Teilnahme gefunden! Wenn Sie sich mir anvertrauen wollen ...“

„Aber, Herr Pfarrer,“ unterbrach ihn Rowaldt lächelnd, „ich muss Ihnen doch mit grösster Dankbarkeit entgegenkommen, wenn Sie sich solche Mühe mit mir machen wollen!“

Der Pastor musterte ihn wohlwollend, sah eine Weile prüfend in das scharf geschnittene, offene Antlitz des Jünglings, lächelte dann vor sich hin und meinte:

„Es gehört ein ungewöhnliches Mass von Energie zu dem Entschluss, den Sie gefasst haben! Und noch mehr: wahre, aufrichtige Liebe zu den Wissenschaften.“

„Die hege ich,“ entgegnete der Jüngling einfach. Der Pastor nahm eine Prise aus der alten, mit Elfenbein verzierten Dose und sah nach der grossen Wanduhr:

„Es ist bereits halb neun, ich muss jetzt meine Kinderchen unterrichten. Wenn Sie um elf Uhr wiederkommen wollten, Herr Rowaldt, könnten wir gleich heute mit dein Studium beginnen.“

„Gut, Herr Pastor, ich bin völlig einverstanden.“

„Also — dann auf Wiedersehen. Übrigens ..“ Hinrichsen hielt den Jüngling, der schon an der Tür stand, fest, „haben Sie meine Tochter schon gesehen?“

„Nein, Herr Pastor.“

„Aber da muss ich gleich — nein, so eine Vergesslichkeit! — Hedi! Hedi!“ rief er in den Gang hinaus.

„Väterchen?“ klang es zurück.

„Komm einmal herein, mein Herzchen, binde aber Deine weisse Schürze um und stecke Dein Haar auf!“

Man hörte im Nebenzimmer ein paar Tassen klappern, dann einen leichten graziösen Schritt, und unter dem Türrahmen erschien Hedwig.

„Hier stelle ich Dir unseren neuen Hausfreund vor ... meinen Herrn Studiosus Fritz Rowaldt,“ sagte der Alte lächelnd und deutete auf den Gymnasiasten, der sich leicht verneigte. „Dies hier, Herr Rowaldt, ist Hedwig, die Tochter meiner verstorbenen Frau, die mein Hauswesen führt und mich auf meine alten Tage mit Leckereien traktiert.“

„Aber Vater!“ verwies sie ihn lächelnd, den Fremden mit einem flüchtigen Seitenblick streifend. Dann trat sie auf ihn zu, reichte ihm die schmale Hand und sagte leise:

„Seien Sie willkommen!“

„Ich danke, gnädiges Fräulein!“

Er wollte einige Worte hinzufügen, aber sie hatte ihm schon ihre Hand entzogen und war im Nebenzimmer verschwunden.

Mit einem Blick hatte er ihre Schönheit umfasst: schlanke Glieder, rehbraune Augen, die wohl etwas dunkler erschienen, als sie waren, und schweres, blondes Haar, beinahe brennend. Der pikante, helle Ton ihres Gesichtes, dem zartes Rot auf beiden Wangen gesunde Frische verlieh, ward durch die Spitzenkrause noch gehoben, während die grosse, weisse Schürze ihre Gestalt appetitlich und reizend umrahmte.

Als er die Tür öffnete, um ins Freie zu gelangen, steckte Hedwig ihr Köpfchen durch den Türspalt.

„Speist der Herr bei uns?“ fragte sie, während ihre vollen, kirschroten Lippen sich leicht öffneten.

„Natürlich, mein Herzchen,“ warf der Pastor ein, der sich eben den gefährlich aussehenden Zylinder aufs Haupt stülpte.

„Also, dann auf Wiedersehen,“ lächelte sie schalkhaft und verschwand.

Fritz ging die Landstrasse entlang. Die Höhen hatten sich in einen leichten Dunst gehüllt, der feiner als ein Brautschleier war und Weinberge und Burgruinen in bläulichen Nebel sinken liess. Er ging wie im Traume und dachte immerfort an das liebliche Mädchen.

Wieder tauchte vor ihm ihre schlanke Figur auf; er sah die wunderbaren, brennenden Flechten, die sie über dem Nacken zu einem schlanken Knoten geflochten hatte. Er musste an den schmalen, blendend weissen Hals und die feine, leidenschaftliche Linie um ihre Mundwinkel denken.

„Seltsam,“ dachte er und blieb tief aufatmend stehen. „Ist es nicht wie ein Wunder, diese keusche Mädchenblüte in dieser weltverlorenen Einsamkeit?“

Er hatte bisher keine Zeit gefunden, sich mit Frauen zu beschäftigen. Als er das Gymnasium verlassen, war er zu jung gewesen, um ähnlichen Gedanken nachzuhängen. In der Folgezeit hatte ihn der Ernst des Lebens ganz beansprucht.

Er lächelte mit leisem Spott über sich selbst, als er daran dachte, dass er doch bloss ein Gymnasiast war ... mit zwanzig Jahren allerdings, einer, der dem Milieu schon entwachsen war!

Um elf Uhr fand er sich wieder bei Pastor Hinrichsen ein. Der Alte sass bereits am Tisch.

„Ich denke, wir nehmen gleich Sophokles vor,“ begann er, ganz geschäftig, dabei gemütlich über die Brillengläser schielend.

Fritz vertiefte sich sogleich in den Unterricht. Aber jeden Moment ertappte er sich selbst, wie er das Auge nach der gegenüberliegenden Tür richtete, doch nur in der Hoffnung, Hedwig zu sehen.

Aber er hörte nur die Tassen klappern und ein leises Singen wie Vogelgezwitscher.

Indes verbreitete sich Pfarrer Hinrichsen über Inhalt und Bedeutung der Dramen, über Sophokles als Tragödiendichter überhaupt, über die Harmonie seiner Charaktere....

Pastor Hinrichsen hatte nichts von dem Schwung, den die Begeisterung verleiht. Er lehrte in einem schwerfälligen, dogmatischen Ton. Der Jüngling aber dachte an seinen Ordinarius, Professor Glaukner, dem sie alle, die Wissensdurstigen wie die Gleichgültigen, in derselben Liebe anhingen. Wie ganz anders wusste der über Sophokles zu reden!

Im Geiste des Primaners erstand das Bildnis des Sohnes des Sophillus, wie er, ein schöner, wohlgestalteter Jüngling, ausgezeichnet durch seltene Anmut der Bewegungen, durch klassische Mienen und ein stolzes, schönheitsfrohes Auge, durch die Strassen Athens schritt, zum Opfer ging oder die attischen Fluren auf schnaubendem Rosse durchstreifte.

Wie er bei Salamis unter den vordersten Schiffen gegen die persischen Räuberscharen gekämpft, wie er, als der Jubel des Sieges ganz Attika berauschte, den Reigentanz der Jünglinge angeführt. Wie er ein Meister in allen Künsten des Leibes war, ebenso wie ein begnadeter Jünger der Pallas Athene.

So hatte Professor Glaukner seinen Schülern Sophokles nahe gebracht, ehe er die Werke des Dichters heranzog, um die Kenntnisse der griechischen Sprachformen ihnen zu stählen.

Nicht jeder, ach, wenige besassen die Kunst, die Jugend und ihren Durst nach Schönheit, ihre Auffassungsgabe so zu verstehen, wie Ewald Glaukner, den seine Schüler ohne schlimme Absicht kurzweg „Die Eule“ nannten. Einmal, weil das Sinnbild Athens, glaux, die Eule, sie durch Anklingung des Namens Glaukner dazu verführte, dann aber, weil der Professor selbst an dieses Symbol der Gelehrsamkeit in jeder Weise erinnerte. Auf breiten Schultern sass ihm ein mächtiger Kopf mit scharf geschnittener Nase, schmalen Lippen und tief in ihre Höhlen zurückgefallenen Augen.

Über der hohen Stirn trug er das Haar wie Federn zurückgelegt, und so erinnerte sein Antlitz tatsächlich an das Sinnbild Athenes. Wenn aber seine Augen in Begeisterung glänzten, dann war es wiederum, als sähe man in einer Eule wechselnde Pupillen, die bald hell aufblickten in der Finsternis, bald dunkel und schwarz wurden vor dem störenden Licht des Tages.

Solcherlei Gedanken durchzuckten Fritz Rowaldt. Kein Wunder, dass er auf die Frage seines Lehrers zerstreute Antworten gab und seine Geduld auf eine harte Probe stellte. Pastor Hinrichsen verfügte eben nur über schematische Gelehrsamkeit. Fritz Rowaldt aber sah das Altertum mit anderen Augen, wollte es nur mit anderen Augen sehen, lebte ein Stück eigenes Leben in der Antike, von der Professor Glaukner einmal sagte:

„In keiner Epoche der Weltgeschichte hat der Mensch die Schönheit des Lebens in so unbegrenzter Liebe genossen als in diesem Zeitalter. Denn es war im wahren Sinne eine Kultur der Liebe.“

Wie Flammen lebten die Worte in der Brust des Gymnasiasten. Eben darum machte er die gewaltigsten Anstrengungen, die Schwierigkeiten der griechischen Sprache völlig zu überwinden, um der Schönheit ihrer Zeit teilhaftig zu werden.

„Na, Herr Rowaldt, ich meine bald, Sie träumen?“ fragte Pastor Hinrichsen und sah seinem Schüler verblüfft ins Gesicht.

Der fuhr aus seinem Sinnen auf. Aber die Uhr schlug eben ächzend zwölf und enthob ihn so der Antwort.

Hedwig steckte den Kopf durch die Tür:

„Darf ich decken?“

Pastor Hinrichsen blieb in seinem Vortrag stecken, sah sich um und beeilte sich, zu sagen:

„Gewiss, mein Täubchen!“

Fritz Rowaldt sass noch am Tisch und sah zu ihr auf, wie sie ein grosses Tischtuch, Teller und Bestecke in die Stube trug.

Aber sie warf nur einen forschenden Seitenblick nach ihm, während sie geschickt und voll reizender Bewegungen den Tisch deckte. Sie war wohl etwas jünger als Fritz Rowaldt; sie mochte achtzehn Jahre zählen, war aber aufgeschossen und kräftig und konnte wohl für älter gelten. Während der Mahlzeit sass sie schweigsam. Der Pastor plauderte über die alten Griechen und ihre Lehrer; Fritz Rowaldt aber war ein unaufmerksamer Zuhörer. Entweder hielt er den Blick auf seinen Teller gebannt oder er sah zu Hedwig hinüber. Sie sass am liebsten das Gesicht dem Fenster zugewandt, wo sich ihr Blick über die prangenden Wiesen hinweg weit in der Ferne verlor.

Aus einigen Worten, die sie in das Gespräch hineinwarf, merkte Fritz Rowaldt, dass ihr das Gebiet des Altertums nicht fremd war. Sie hatte die klassischen Dichter ohne Ausnahme gelesen, ja, sie verriet ein ganz ungewöhnliches Verständnis für die Kultur der Antike, dass Rowaldt sie mehr als einmal erstaunt anblickte.

Nach Tisch hielt Hinrichsen sein gewohntes Schläfchen, Hedwig verschwand und der Gymnasiast ging in den Garten.

Seltsam, dachte er. Alle jungen Mädchen sind sonst ausgelassen und lachen viel. Er hatte Hedwig noch nicht lachen hören. Er sah sie auch die folgenden Tage nicht lachen. Sie blieb immer ernst und gemessen, war auch viel sicherer in ihrem Benehmen als Fritz. Der war plötzlich von einer namenlosen Unruhe ergriffen worden. Umsonst nahm er früh morgens die Bücher vor, stützte den Kopf zwischen die Fäuste und versuchte, zu arbeiten.

Es ging nicht, es wollte nicht gelingen! Die Gedanken flatterten nach allen Seiten auseinander, bis er schliesslich die Scharteken in eine Ecke warf und das Haus verliess, die Höhen hinaufstieg, der Sehnsucht nach, die immer in ihm lebte, die ihn nicht mehr verliess, seitdem er hierher gekommen war, eine grosse, gewaltige, unfassbare Sehnsucht, deren dunkle Stimme er noch nicht völlig begriff.

Einige Tage lang kam er gar nicht mehr zu Pastor Hinrichsen. Dieser war sehr beschäftigt und hatte für ihn keine Zeit. Hedwig aber allein aufzusuchen, hielt Rowaldt nicht für schicklich und wagte es auch nicht.

Hinrichsen hatte Besuch aus Berlin bekommen. In einem leichten Wägelchen war spät abends ein beleibter Herr vorgefahren, der sofort das grösste Interesse der Bewohner des Dorfes erregte, nicht allein, weil er als Gast des Pastors in dessen Hause wohnte, sondern weil er direkt aus Berlin gekommen war und zweifellos unter die Millionäre gezählt werden musste. Auf der weissen Weste hing eine schwere goldene Kette, an den Fingern blitzten Brillanten. Sein Gesicht war breit, die Stirn niedrig, das dunkle Haar in der Mitte gescheitelt und kurz geschnitten. Die unruhigen, kleinen Augen verschwanden fast hinter dem Fett, das dick aufgetragen, seinem Gesicht etwas Verschwommenes gab, das die Charakterisierung erschwerte.

Pastor Hinrichsen schien ebenso erfreut wie erschrocken zu sein, als der Fremde anlangte. Hedwig konnte nicht schnell genug für einen Imbiss sorgen, und bald schloss sich Hinrichsen mit Romeo Markwald er ein.

„Sie haben mich ordentlich überrascht — es ist doch nichts Schlimmes vorgefallen?“

„Im Gegenteil, lieber Pastor, im Gegenteil! Mon dieu — da sagt man, wir Grossstadtmenschen hätten schlechte Nerven! Mut! Mut und Ruhe, alter Freund!“

Der Pastor kniff ein wenig die Lippen zusammen bei dieser vertraulichen Anrede. Er räusperte sich:

„Hm! Also kein Kurssturz? Kein Papier zurückgegangen?“

„Nee! Einhundertvierzig!“

„Um neunzig haben Sie gekauft?“

„Um neunzig. Aber ich sage Ihnen, sie steigen noch auf zweihundert ...“

„Vielleicht sollte man doch jetzt verkaufen, Herr Markwalder! Der Betrag ist gross genug!“

„Verkaufen? Pastor, sind Sie von Sinnen? Wenn die Papiere zweihundertzwanzig stehen, verkaufen wir, keinen Tag früher!“

Pastor Hinrichsen wischte mit dem Taschentuch über die Brille. Zweihundertzwanzig!

Und so schnell es ihm bei seiner Schwerfälligkeit möglich wurde, berechnete er den Gewinn. Zehntausend Mark betrug sein Vermögen. Das war ein eisernes Kapital, das für Hedwig reserviert war, wovon er nichts verlieren wollte. Es war auch nicht nötig, dass sie mehr bekam — aber was darüber ging, das gehörte seiner Gemeinde. Seit sieben Jahren wurde gesammelt und gespart — eine Lotterie zugunsten des neuen Kirchenbaues hatte ein kleines Stammkapital ergeben — um an Stelle der schon hundertfünfzig Jahre alten Kirche eine neue zu errichten.

Schon als Pastor Hinrichsen sein Amt angetreten, hatte ihm sein Vorgänger sozusagen als heiliges Vermächtnis den Plan einer neuen Kirche hinterlassen. Der junge Pastor hatte die Idee mit Feuereifer aufgenommen, war aber über zehn Jahre nicht in der Lage gewesen, Tatkräftiges dafür zu tun.

Seit sieben Jahren nun sollte die Kirche begonnen werden, aber die Gemeinde war arm, Missernten, Schädlinge in den Weingeländen hatten ihr mehrere Jahre nacheinander grossen Schaden zugefügt. Und doch musste ein neues Gotteshaus gebaut werden!

Hinrichsen träumte davon Jahr um Jahr. Er besass einiges Talent zum Zeichnen — in früher Jugend war er zum Architekten bestimmt gewesen — und hatte in seinen Mussestunden daher schon die Pläne entworfen. Er sah den Turm vor sich, den neuen Turm mit der alten Glocke, deren Klänge seiner Gemeinde vertraut waren seit Generationen. Er sah die weissen Wände der Kirche mit den grossen, langen Fenstern, den neuen Altar, den Chor und die neue Orgel — denn eine neue Orgel war nötig, das stand fest. Pastor Hinrichsen war, wie gesagt, im allgemeinen ein wenig schwerfällig und kein rasch zugreifender Mensch. Woran er aber einmal festhielt, davon brachte ihn niemand mehr ab. Er war auch zurückhaltend; doch für zweierlei scheute er keinen Gang, keine Anstrengung, selbst dann und wann eine kleine Demütigung nicht: wenn es seinen Armen oder seiner Kirche galt.

Vor zwei Jahren hatte Romeo Markwalder in dem nahe gelegenen Flecken mit seiner Familie den Sommer verbracht, und bei dieser Gelegenheit hatte Pastor Hinrichsen den Berliner Bankier, der fast täglich mit dem Automobil durch das Dorf gerast war, kennen gelernt. Da hatte er sich einmal ein Herz gefasst und ihm von dem Projekt der neuen Kirche gesprochen. Romeo Markwalder hatte zweitausend Mark gespendet und dann dem dankbar aufhorchenden Pfarrer gesagt:

„So kommen Sie Ihr Lebtag nicht ans Ziel, Herr Pastor! Sie mühen sich ab und mühen sich ab, die Gemeinde ist arm, die Zuschüsse reichen nicht — Sie müssen das Geld für den guten Zweck arbeiten lassen!“

„Wie das, Herr Bankier?“

„Legen Sie das Kapital, das bis jetzt für die Kirche gesammelt wurde und das Sie verwalten, in meinem Bankhause an, lassen Sie das Geld zu sieben Prozent — was sage ich! Sie können es auf zehn, fünfzehn, zwanzig Prozent bringen — in meinem Hause arbeiten, und Sie sollen sehen — in fünf Jahren können Sie mit dem Kirchenbau beginnen!“

Pastor Hinrichsen verstand von Geldgeschäften und Spekulationen ungefähr ebenso viel wie Bankier Markwalder von dem Beruf des Pastors.

Ein Unterschied war da freilich: Bankier Markwalder war sich über die Pflichten Hinrichsens wohl klar, aber auch über einen Fehler, den er besass: er wollte nie die schlechten Seiten der Menschen sehen. Erkannte er sie, so täuschte er sich geflissentlich darüber, und so kam er auch gar nicht auf den Gedanken, der Berliner Bankier könnte mit seinen Vorschlägen persönliche Vorteile verfolgen.

Seit zwanzig Jahren war Hinrichsen kaum über die Gemarkung seiner Gemeinde hinausgekommen. Die Zeitungen, die er las, brachten wenig oder nichts von dem gewaltigen Wettkampf, der dort draussen im Reich, in dem grossen Berlin unter ungeheurer Anstrengung aller Kräfte tobte. Er wusste nichts von dem Spekulantentum und Gründerwesen. Er sah nur die Erfüllung seines zwanzigjährigen Traumes: die neue Kirche!

Er sagte damals:

„Herr Markwalder, über das Geld, das meine Gemeinde mir anvertraut hat, darf ich, so gut und schön der Zweck auch ist, nicht nach Belieben verfügen. Aber ich selbst besitze zehntausend Mark. Das Geld ist teils ererbt, teils haben ich und meine selige Frau es in mancherlei Entbehrungen für unsere Tochter Hedwig erspart. Diese zehntausend Mark müssen dem Kinde erhalten bleiben. Was Sie aber damit verdienen können — wenn Sie wirklich so schön an unserer Gemeinde handeln wollen — das möchte ich zu dem Kapital legen, das für den Kirchbau bestimmt ist.“

Romeo Markwalder hatte die Unterlippen vorgeschoben und den Kopf gewiegt. Dann hatte er mit seinen kleinen, forschenden Augen, die die Menschen zu durchdringen schienen, den Pfarrer angesehen und schliesslich gesagt:

„Gut, Herr Pastor! Wir sprechen später noch darüber!“

Das war vor zwei Jahren gewesen. Romeo Markwalder hatte mit diesem Gelde, wie mit allen Einlagen seiner Kunden, waghalsig spekuliert. Mit Glück spekuliert, denn er zahlte fünfzehn, manchmal siebzehn Prozent, ja, er stellte mehr in Aussicht. Dass er nebenbei verlor, dass manche seiner Unternehmungen missglückten und dass die Kapitalien, aus denen er teilweise diese hohen Zinsen bezahlte, langsam verschwanden, darum wusste natürlich niemand.

Pastor Hinrichsen hatte nicht einmal die Zinsen genommen. Er begnügte sich mit den Abrechnungen und schrieb jedes Jahr nach Berlin:

„Legen Sie das Eine zum Anderen.“

In ein paar Jahren würde sich das Geld verdoppelt haben. Dann konnte Markwalder schon mit Zwanzigtausend operieren. In Pastor Hinrichsens Phantasie wuchsen die Zahlen schneller noch, als der gewagteste Zinsfuss sie vermehren konnte, und immer näher rückte die Erfüllung seines heissen Wunsches: die neue Kirche. Da kam nun Romeo Markwalder plötzlich ganz unangemeldet angereist. Gott sei Dank, es war also nichts zu befürchten. Denn heimlich fürchtete Pastor Hinrichsen manchmal doch, es könnte mit den Abrechnungen Romeo Markwalders nicht ganz seine Richtigkeit haben. Nicht, dass er auf den Gedanken gekommen wäre, der Bankier könnte ihn absichtlich betrügen.

Aber er konnte sich doch täuschen! Es konnten Ereignisse eintreten, die stärker waren als er.

Romeo Markwalder aber war bester Laune. Er goss sich schon von der zweiten Flasche Wein ein.

Sein Gesicht war gerötet. Dass seine unruhigen Augen noch ruheloser geworden waren, entging Hinrichsen.

„Wissen Sie, Pastor, dass wir nun über Nacht reich werden können?“

Seine Augen hatten einen fieberhaften Glanz. Der Pfarrer lächelte.

„Wirklich?“

„Wirklich — das sagen Sie, Pastor Hinrichsen, als ob es sich rein um nichts handelte!“

„Was hätte ich davon, wenn ich reich wäre, Herr Markwalder? Meine Gemeinde würde mir dann eher misstrauen, als nach wie vor ihre Zuneigung bewahren. Ich vertrete Gott und bin bemüht, den göttlichen Gedanken meiner Gemeinde zu übermitteln, ihn wach zu halten Jahr um Jahr. Was sollte mir dabei der Reichtum?“

Romeo Markwalder blinzelte listig:

„Aber die Kirche, Herr Pastor!“

„Ja, die Kirche!“

Pastor Hinrichsen legte die Hände ineinander, schloss ein wenig die Augen und lehnte sich in seinem Sessel zurück.

Die neue Kirche!

Romeo Markwalder fuhr rasch fort:

„Hören Sie, lieber Pastor, ich habe Ihretwegen die Strapazen der Reise nicht gescheut und bin ohne weitere Veranlassung von Berlin nach F. gefahren. Das bedeutet doch immerhin etwas, nicht wahr? Dann der letzte Teil der Fahrt im Bummelzug und dann mit dem Wagen, das sind für einen Menschen, der gewohnt ist, täglich mit der Geschwindigkeit der Zeit in Wettbewerb zu treten, Opfer der Geduld.“

„Ich bin Ihnen auch sehr dankbar, Herr Markwalder,“ entgegnete Hinrichsen ehrlich. „Es muss Sie etwas ganz Besonderes hierher geführt haben....“

„Na freilich! Das ist es doch gerade! Haben Sie mich denn noch nicht verstanden, Pastor? Geld ist zu verdienen! Zu scheffeln ist das Geld! Zu verzehnfachen! Irgendwo da in Sigmaringen ist Kohle entdeckt worden. Ein Unternehmer hat begonnen, ein Bergwerk abzubauen, aber nicht das nötige Kapital zur Durchführung gehabt. Nun aber birgt das Bergwerk ungeheure Schätze. Heute sind die Kuxen um siebzig zu kaufen! In acht Tagen, lieber Pastor, wenn erst die Grube richtig in Betrieb gesetzt wird und die Welt erfährt, welche Schätze da unten lagern, kosten sie hundert, und in vierzehn Tagen einhundertfünfzig, ja, ich behaupte —“ hier schlug Bankier Markwalder mit der flachen Hand auf den Tisch, dass die Gläser zitterten — „ich behaupte, die Kuxen steigen auf zweihundertfünfzig! Können Sie rechnen, Pastor Hinrichsen, he? Siebzig und zweihundertfünfzig — ein Unterschied, was?“

„Ja, aber ....“

„Nichts aber, lieber Pastor. Sie müssen Ihre Kirche bauen — entweder, oder. Trommeln Sie morgen Ihre Gemeinde zusammen, legen Sie ihr das Problem vor! Markwalder, derselbe, der lumpige zweitausend Mark gestiftet und gerne mehr getan hätte, wenn die Zeiten nicht so schlecht wären, ist selber hier. Die Gemeinde soll das bis jetzt gesammelte Kapital in Sigmaringer Kuxen anlegen. Ich werde die Sache vermitteln. Wieviel Kapital ist denn vorhanden, Herr Pastor?“

„Bis jetzt neunundachtzigtausend und etliche hundert Mark.“

„Wenig, wenig! Damit wollen Sie eine Kirche bauen? Wollen warten, bis das Geld auf den Schneckenfüssen des heutigen Zinsfusses wächst? Darüber sinken Sie ins Grab, Pastor! Rechnen Sie aus: neunundachtzigtausend, angelegt in Kuxen zu siebzig — in zwei, drei Monaten zweihundertfünfzig! Donnerwetter, das ist doch ein Fortschritt!“

Pastor Hinrichsen schwindelte es. Die Zahlen tanzten vor seinen Augen und nahmen rätselhafte Dimensionen an. Er schämte sich beinahe, Markwalder noch weiteren Widerstand entgegenzusetzen, der ihm als Starrsinn ausgelegt werden musste. Der Bankier hypnotisierte ihn förmlich. Es war auch zu verlockend ... da würde man ja mit der Kirche schon bald beginnen können! Hinrichsens Brust weitete sich und spannte sich in tiefer, hehrer Freude. Er sah das Gotteshaus wachsen und wachsen ....

„Hier, meine Hand, Herr Markwalder. Die Gemeinde ist zwar vorsichtig — der Herr Bürgermeister wird wohl Unterlagen von Ihnen fordern —“

„Ist ja alles da. Ist ja da!“ Markwalder sah an dem Pfarrer vorbei. —

Am nächsten Tage trug Pastor Hinrichsen in einer Versammlung des Gemeinderats das Projekt vor. Der Bürgermeister war auch nur ein einfacher Bauer. Aber so viel wusste er, dass dort oben in Berlin das Geld förmlich aus der Erde wuchs. Dass die Millionen kreisten und dass, wer es verstand, rechtzeitig aus diesem unversiegbaren, goldenen Brunnen zu schöpfen, märchenhaft reich werden konnte.

Schade, dass sein Kapital in Feldern und reichem Viehstand angelegt war! Spekuliert hätte er längst für sein Leben gern! Und was das auf der Deutschen Bank deponierte Geld für den Kirchbau anbelangte —

„Na,“ meinte er, mit seiner gewichtigen Stimme alle Bedenken übertönend, „na, wenn Herr Pastor Hinrichsen die Sache für gut befindet, so ist gar nichts weiter dazu zu sagen! Der Herr Pastor hat doch sozusagen die Verantwortung, nicht wahr? Wir dürfen ihm getrost die richtige Beurteilung überlassen, er wird es wohl recht machen!“

Hinrichsen wollte zwar einen Teil der schweren Bürde, die die Verantwortung auf ihn lud, noch abwälzen, denn so ganz sicher war er seiner Sache nicht, wenn er auch zu ehrenhaft dachte, um Markwalder zu misstrauen. Aber der Gemeinderat entschied einstimmig, dass man Bankier Markwalder das Geld anvertrauen wollte, weil Pastor Hinrichsen es befürwortete.

So geschah es also. Markwalder reiste denselben Tag gegen Abend ab und erhob die Summe von der Deutschen Bank. Pastor Hinrichsen hatte nun manche schlimme Stunde. Tage der Be geisterung und überströmenden Freude wechselten mit solchen tiefer Niedergeschlagenheit. Wenn das Geld nun doch nicht so ganz sicher angelegt wäre? Dann wären die unerhörten Anstrengungen der Gemeinde seit einem Jahrzehnt fast umsonst gewesen; dann wäre das Geld der armen Leute, das sie, um Gott zu ehren, sich in harter Frohn abgespart, durch seine Schuld verloren!

Aber nein! Markwalder sandte glänzende Berichte. Alles ging gut, die Papiere stiegen, die Verzinsung war vorzüglich. Wenn dann die Kirche einmal gebaut war, dann durfte Pastor Hinrichsen auch daran denken, sein eigenes Kapital etwas zu vergrössern, um Hedwig mehr zu hinterlassen, wenn er erst einmal das Zeitliche segnete. Denn das Kind war doch ganz hilflos, wenn er es einmal verlassen musste, und aller Reichtum an Zärtlichkeit und Liebe, den Pastor Hinrichsen besass, lag in Hedwigs Herzen wie in einem heiligen Schrein verschlossen.

2. Kapitel.

Die Sonne stand hoch, in dem weichen Gras lagen die Strahlen gleich geschliffenen Diamanten. Die Bäume warfen dichte, schwere Schatten. Fritz Rowaldt trat in den Garten, um Kühlung zu suchen. Er erging sich eine Weile unter den alten Nussbäumen, als ein leichter Schritt, das Klappern einer Giesskanne seine Aufmerksamkeit nach den Blumenbeeten lenkte.

Hedwig stand zwischen den Blumen und begoss sie. Sie trug einen grossen, breitrandigen, weichen Strohhut, der bei jeder Bewegung über ihrem Kopf zitterte; wie sie so halb über die Rosen geneigt stand, ohne ihn zu bemerken, klopfte sein Herz höher im Anblick ihrer liebreizenden Gestalt, um die der Duft der Jugend gewoben war.

Er verharrte eine Weile schweigend, in Nachdenken und Betrachtung, bis er ihr plötzlich nähertrat. Sie hob den Kopf und sah ihm entgegen. Der Schatten, den der Florentiner über ihre Züge warf, hinderte ihn, die brennende Röte zu bemerken, die ihre Wangen überflutete.

„Sie sind schon hier, Herr Rowaldt?“ fragte sie lächelnd und fuhr fort, die Blumen zu begiessen. „Ich hatte Sie gar nicht bemerkt.“

„Ich sehe Ihnen schon eine Weile zu, Fräulein Hinrichsen,“ entgegnete er. Ein warmer Ton von Zärtlichkeit klang durch seine Stimme.

Sie beugte sich wieder tiefer über die Giesskanne.

„Warum nennen Sie mich Fräulein Hinrichsen? Sagen Sie doch einfach Fräulein Hedwig!“

„Das wagte ich nicht ...“

„Warum nicht? Man nennt mich hier allgemein so.“

„Das mag sein. Aber für mich hat die Anrede doch besondere Bedeutung, Ihr Name besonderen Klang. Ich danke Ihnen, dass Sie mir gestatten, ihn immer auszusprechen ... denn fürwahr, ich möchte ihn immer klingen hören, an nichts anderes denken ...“

Sie schwieg eine Weile verwirrt, dann schlug sie die Augen zu ihm auf, in denen ein Flimmern war:

„Was Sie da nun so reden, Herr Rowaldt!“ Sie schnitt ihm die Antwort ab, indem sie rasch dem Hause zuging. Er folgte ihr:

„Würden Sie nun sich nicht auch gewöhnen können, mich einfach Herr Fritz zu nennen?“

„Aber mein Vater ...“

„Der Herr Pastor wird doch gewiss nichts dagegen haben ...“

„Nein. Dazu lässt er mir viel zu viel Freiheit in allem, was ich tun und für gut finde. Aber ich weiss nicht ...“

Sie blieb wieder stehen und sah ihn schelmisch von der Seite an.

„Ich weiss nicht, ob sich das schickt.“

„Dann kann ich auch nicht Fräulein Hedwig zu Ihnen sagen! Soll ich Ihnen denn durchaus nur ein Fremder bleiben, den zufällig das Geschick in das Pfarrhaus von F. verschlagen hat?“

Sie schüttelte hastig den Kopf, nahm die Giesskanne vom Boden auf und ging ins Haus zurück, ohne ihm zu antworten.

Von nun an traf er sie fast täglich im Garten. Es war stillschweigendes Übereinkommen zwischen ihnen, und alsbald wurde aus den ersten, scheu geführten Gesprächen eine vertrauliche Unterhaltung; sie merkten beide, dass sie sich liebten, doch wagte Fritz Rowaldt nicht, dies zu gestehen, noch weniger Hedwig, es sich anmerken zu lassen.

An einem Abend blieb Rowaldt viel länger als sonst. Die Dunkelheit war bereits eingebrochen; Hedwig brachte die Lampe ins Zimmer. Der Pastor befand sich in so angeregtem Gespräch mit seinem Schüler, dass er erst, als die Kuckucksuhr zehnmal anschlug, aufmerksam wurde, dass er seinen Gast über alle Gebühr zurückgehalten.

„Nun müssen Sie aber gleich nach Hause,“ sagte er. „Nein, ich mache mir Vorwürfe, Sie so lange aufgehalten zu haben! Werden Sie denn jetzt den Weg zurückfinden?“

„Warum denn nicht?“ gab Fritz Rowaldt lächelnd zurück.

„Es ist kein Stern am Himmel und die Landstrasse ist nicht beleuchtet. Wenn man nicht bestimmte Anhaltspunkte hat, geht man irre und gerät in die Felder oder in einen Graben.“

Da war nun allerdings guter Rat teuer. Fritz Rowaldt kannte aber den Weg gleichwohl, hätte ihn wohl auch gefunden, griff aber in diesem Augenblick zu einer List, die er um so mehr sür berechtigt hielt, als Hedwig, scheuer denn je, ihm in den letzten paar Tagen auswich.

„Ich fürchte allerdings, Herr Pastor, ich verfehle das Feldkreuz, wo die Landstrasse abbiegt. Ich kenne die Gegend doch zu wenig.“

„Nun, wenn Sie denken, kann Sie ja meine Tochter bis zum Kreuz begleiten.... Hedi,“ rief er in den Gang hinaus.

„Ja, Väterchen!“

„Begleite den Herrn Studiosus bis zu dem Kreuze, wo der Feldweg beginnt, damit er den Weg ins Dorf nicht verliert!“

Sie antwortete nicht.

„Hedichen!“

Keine Antwort.

„Hedi! Kind!“

Alles blieb still.

„Sie ist etwas schüchtern,“ meinte lächelnd der Alte. „Sie müssen sie schon entschuldigen.“

„Oh,“ antwortete Rowaldt gekränkt, „ich werde den Weg wohl allein finden; so schlimm ist das nicht, und schliesslich habe ich doch gute Augen.“

Er sagte das möglichst laut, damit Hedwig, die sich sicherlich im dunklen Nebenzimmer aufhielt, ihn hörte.

„Na, dann gute Nacht, Herr Rowaldt.“

„Gute Nacht, Herr Pastor ...“

Draussen war alles still. Die Berge standen wie eiserne Recken, still und stumm.

Er ging langsam durchs Dorf und liess den kühlen Nachtwind seine Stirn fächeln.

Das tat gut.

Sein Blut kochte, und zeitweise überfiel ihn eine quälende Mutlosigkeit.

„Habe ich sie verletzt?“ dachte er, „oder treibt sie Spott mit mir? Doch nein, das letztere war unmöglich.“

Als er um die Ecke bog, wo als letztes das weisse Häuschen des Krämers lag und die Felder begannen, löste sich aus der Nacht eine helle Gestalt.

Ohne ein Wort schritt sie neben ihm her.

„Fräulein Hedwig! Sie begleiten mich?“

„Muss ich nicht?“ entgegnete sie mit verschleierter Stimme. „Sie werden ja sonst den Weg verfehlen.“

„Den Weg verfehlen ... ja, so ist es! Ich fürchte, irre zu gehen ... wir sind hier ganz allein, Fräulein Hedwig, weit und breit ist niemand, solche Einsamkeit, solche Stille! Die Heiligkeit, die in der Nacht liegt, gibt mir den Mut, Ihnen zu sagen ...“

„Still, still,“ wehrte sie ab. „Sprechen Sie nicht ...“

„Doch! Ich muss sprechen! Sie haben eben recht gehabt. Ich fürchte, den Weg zu verlieren ohne Sie ... bisher bin ich ihn allein gegangen, immer gerade aus, ohne links und rechts zu sehen, aber nun, seit ich Sie kennen gelernt habe, Fräulein Hedwig, scheint es mir unmöglich, das Ziel, das ich mir gesteckt, allein zu erreichen, ohne die beseligende Kraft des Glaubens und der Liebe ... und die, Hedwig, können nur Sie mir verleihen.“

Er sprach noch lange in diesem Ton weiter, während sie die dunkle Strasse dahinschritten. Die Nacht war lind, die Stille nur unterbrochen von dem eintönigen Zirpen der Grillen.

„Nun, Hedwig, wollen Sie mir nichts sagen, nichts antworten?“

Sie standen mitten auf der finsteren Strasse still. Weit und breit Stille, Einsamkeit. Er näherte sich ihr; er fühlte ihre zarte, schmiegsame Gestalt, er atmete den Duft ihres Haares, ihr ganzes Wesen ein. Er griff nach ihrer Hand; sie war kalt, wie leblos; aber ihre Finger schlossen sich fest um die seinen und plötzlich sah er in der Finsternis ihre Augen brennen, sah den Purpur ihrer Lippen im Leuchten, zog sie an sich, die es wortlos geschehen liess, und bedeckte ihr Haar, ihre Augen mit den scheuen Küssen erster Liebe.

Nun lag sie ganz in seinem Arm; er fragte sie, trunken vor Glück, ungestüm, weltverloren:

„Hedwig, nur das eine: Du liebst mich?“

Sie liess ihren Kopf sinken, schlang plötzlich beide Arme um seinen Hals und stammelte, während im Übermass des Glückes sich ihre Augen mit Tränen füllten:

„Ich liebe Dich.“

Sie setzten ihren Weg fort, scheuer fast als vorher. Dabei sprachen sie kaum von ihrer Liebe. Das war ihnen etwas so Grosses, Schönes, dass sie vielleicht beide fürchteten, durch Worte die Empfindungen ihrer Herzen zu stören.

Fritz sprach von der kurzen Spanne Zeit, die ihn noch von dem Maturum trennte.

„Wenn ich das Examen gemacht habe, Hedwig, werde ich Dich heiraten.“

Sie schmiegte sich eng an ihn und meinte, schelmisch lächelnd:

„Dann bist Du ja erst Student ... dann dauert es noch einmal Jahre. Du wirst in ein Korps eintreten und Schmisse bekommen — Gott, das wäre ja zu komisch: ein verheirateter Fuchs!“ Sie lachte silberhell.

„So werden wir eben so lange warten, bis ich mir eine Lebensstellung errungen habe,“ entgegnete er. „Was tut das, ein paar Jahre früher oder später? Doch, weisst Du, ich habe jetzt einen gewaltigen Antrieb. Keine Stunde werde ich in Zukunft verlieren — nur arbeiten, streben, um dieses köstliche Gut, das Du mir bist, sobald als möglich zu gewinnen!“

Sie schritten den Weg zurück, den sie schon einmal gegangen. Hand in Hand gingen sie die Dorfstrasse entlang.

„Fällt es Dir schwer, Fritz, das alles in Dich aufzunehmen? Ich denke mir das schrecklich, tote Bücher zu studieren, all diese lederne Gelehrsamkeit behalten zu müssen!“

Fritz schüttelte den Kopf.

„So ist das nicht, Hedwig. Es kommt nur darauf an, wie man die Dinge ansieht. Sie sind sich ja nie gleich, und allem im Leben, sagt die Eule, muss man erst aus seinem inneren Reichtum geben, um es schön zu machen.“

Hedwig lachte.

„Wer ist das: die Eule?“

Fritz erzählte ihr von seinem Ordinarius. „Er ist unvergleichlich! Er lebt eigentlich immer in einer anderen Welt, aber er gibt uns so viel von diesem seinem Leben, dass wir gar nicht wie die anderen merken, wie schwer eigentlich diese letzte Zeit des Gymnasiums ist, wo man doch mit aller Kraft nach Freiheit sucht und so gebunden ist. Durch die Eule habe ich erst gelernt, das Altertum zu verstehen. Du selbst, Hedwig, hast ja das Tor zu den Schätzen der Antike gefunden, ohne dass es Dir jemand gewiesen. Wer damals leben durfte! In jener Zeit, da Herodot von den sieben Wundern der Erde, Strabo von der grausamen Venus Armeniens, Makrobius von der Astarte Amathunts berichtete. Ich lese die griechischen und römischen Klassiker ganz anders, als die Schule sie uns bietet. Ich gewinne dadurch in jeder Weise. Was ist das für eine wunderbare Geschichte von den Jungfrauen zu Amathunt, die in Stein verwandelt wurden, weil sie die Göttin der Schönheit verlachten! Wie wunderbar reich war diese Zeit, da Babylon seine fünfzehnstöckigen Häuser baute, da Semiramis ein schwebendes Paradies geschaffen, da die Schiffe der Phönizier beutebeladen mit weissen Sklavinnen und goldgelbem Kupfer von den Kassiteriden in den Hafen von Tyros einliefen, da die grossen Pyramiden aus dem Sande der ägyptischen Niederungen wuchsen und Jerusalem zu Ehren Jehovas seinen herrlichsten Tempel erbaute!“

Hedwig hörte ihm mit leuchtenden Augen zu.

„Du weisst mehr, Du lebst ganz anders in dieser Zeit, als es so in den Büchern steht!“

„Ja, ich meine manchmal, ich könnte gar nicht genug davon in mich aufnehmen,“ entgegnete Rowaldt. „Ich glaube ja, wenn unser Rektor so richtig erfahren würde, wie sehr uns die Eule das Altertum lieben lernt, dann würde Professor Glaukner in Konflikte kommen. Aber wie danke ich es ihm, dass er mich so manchen Weg gewiesen, den ich selbständig weitergehen kann! Ich habe Anakreon und Juvenal gelesen — und bin so immer mehr dieser Zeit teilhaftig geworden, da Pytias und Praxiteles die Schönheit in Marmor verewigten, da Alciphron seine Briefe, Lucianus seine Göttergespräche schrieb, da Horaz von Glycera träumte und Catull durch seine Verse Testia die Unsterblichkeit schenkte.“

So unterhielten sie sich noch lange. Sie sprachen kein Wort von ihrer eigenen Liebe, aber sie beschäftigten sich doch nur mit der Liebe, die als leuchtendes Symbol der Schönheit aus der Vergangenheit in die nüchterne Gegenwart leuchtet. —

So flossen schneller, als sie es ahnten, diese vier Wochen dahin. Frau Rowaldt mahnte den Sohn zur Abreise. In vierzehn Tagen würden die Ferien zu Ende sein, und es galt, sich für den letzten Kampf um das Maturum zu rüsten.

Auch Pastor Hinrichsen liess Fritz Rowaldt nur ungern ziehen. Er hatte ihn liebgewonnen in der Zeit, da er fast jeden Tag im Pfarrhause geweilt. Schliesslich war aber doch der letzte Tag angebrochen. Die Sonne glühte. In weichem Glanz lag ihr Licht über den Höhen, und die Wiesen, auf welchen abwechselnd Schatten und Sonnenstrahlen spielten, schienen wie feingewebte Stickereien. Es war drückend schwül; kaum dass von den Höhen ein linder Luftzug wehte, der etwas Kühlung brachte. Die Felder strömten einen heissen Atem aus, der von grellem Sonnenlicht durchflutet war. Die nackten Berggipfel sahen aus wie alte Burgen mit elfenbeinfarbenen Zinnen, umrahmt von düsteren Tannen, welche gleich finsteren Schildwachen in die Täler sahen.

Müde schlich der Fluss durch die braunen Felder.

Fritz stieg mit Hedwig noch einmal hinauf in die Berge.

Die Wälder standen in jenem zarten, lächelnden Grün, das die Seele erheitert und dem Auge wohltut, nur stellenweise von melancholischen Bergschatten durchbrochen. Schlangenleibern gleich schoben sich die Wellen des Flusses dahin, da und dort durch alabasterweisse Sandbänke aufgehalten, an denen sie sich schäumend teilten.

Das Moos glich einem Teppich, der aus tausendfältigem Smaragd von geschäftigen Händen geschaffen schien, und tausend Stimmen, tausend Leben und tausend Liebe surrte, summte und brummte.

Eng aneinander geschmiegt stiegen sie aufwärts, durch brennende Ginsterbüsche und kniehohe Blumenfelder, über zackige Felsen und biegsames Strauchwerk.

„Liebster,“ brach Hedwig das Schweigen, das beide umfing und das sie betend in ihr Herz aufgenommen hatten, „Du wirst nun fortgehen von mir ...“

„Aber, Hedwig — ich komme wieder!“

„Und — wenn Du nicht wiederkommst?“

„Mädchen — soll ich vielleicht die Liebe, die grenzenlose Glückseligkeit, die Du mir geschenkt, wegwerfen wie eine welke Blume? Deine junge, blühende Liebe?“

„Und wenn Du es tätest — aus Schwäche?“

„Aus Schwäche? Wo ich lächelnd mein Leben für Dich verlieren möchte? Das verstehe ich nicht, Hedwig.“

„Du verstehst es nicht — jetzt nicht — aber vielleicht — nein, Du sollst es nicht verstehen lernen. Du wirst mich also nie, niemals vergessen?“

„Nie, niemals, so wahr ich Dich liebe!“

Als ihnen zu Füssen die kleine Welt mit ihren Äckern und Wiesen, Wäldern und Flüssen lag, da schwuren sie beide mit dem heiligen Feuer der Jugend, einander angehören zu wollen, bis der Tod sie scheiden würde.

Und sie schwuren bei aller Schönheit der Erde, dass sie sich töten wollten, wenn eines von ihnen seine Liebe schwinden fühlte; sie schwuren, lieber Schande, Qual und Tod erdulden zu wollen, als einander zu verraten....

Als sie hinabstiegen, war es Nacht. Heiliger Friede lag über den Feldern und durch die Wälder ging die Einsamkeit. Alles Leben schien aufgegangen zu sein im Schoss des Todes, alle Lautheit schien gestorben vor der Majestät des Traumes.

Die Luft war heiss, als das Tal sie aufnahm. Fern vom Dorfe her erklang der letzte Glockenton, der die Menschen zum Gebet gerufen. Bei den ersten Häusern machten sie Halt. Von Pastor Hinrichsen hatte sich Fritz schon verabschiedet, denn sein Zug ging mit dem Morgengrauen. Nun blickten sie sich noch einmal in die Augen, reichten sich die Hände und nahmen sich wortlos zum letzten Mal den Schwur der Treue ab.

„Lebe wohl,“ sagte Fritz, „lebe wohl, Hedwig. Im Mai, wenn die Erde sich dem Frühling öffnet, komme ich wieder.“

„Im Mai ...“ wiederholte sie, schloss die Augen und liess das Haupt müde nach rückwärts sinken. Da umfasste er sie schnell, presste die Lippen auf die ihren, lange ... dann riss er sich los und verschwand mit schnellen Schritten in der Nacht.

Am Abend des nächsten Tages kam er in Darmstadt an. Frau Dr. Rowaldt erwartete ihn.

Mutter und Sohn hingen mit inniger Liebe aneinander. Sie war es auch gewesen, die ihm den tiefen Sinn für die Schönheit eingepflanzt. Sein Charakter war wie ein See, dessen Oberfläche alles spiegelt, bis auf den Grund in sich aufnimmt. Ein See, der aber auch durch einen Sturm bis zum Grund aufgewühlt werden konnte, und dann, das wusste auch Frau Dr. Rowaldt, dann war ungewiss, was kommen würde. Lag nicht auf jedes Sees Grund Schlamm, der das reinste Wasser durchsetzen und trüben konnte?

Fritz verriet nichts von seinem Erlebnis, aber die Mutter fühlte, dass etwas Besonderes, Gewaltiges mit ihm vorgegangen war. Männlich und reif kehrte er zurück, stiller, zielbewusster, froh und stolz.

Auch seinem Freunde Scholl, den er in dem kleinen Auerbach, das idyllisch zu Füssen der Bergstrasse gelegen, besuchte, fiel die Veränderung auf. Wenn aber Fritz Rowaldt stets mitteilsam gewesen war, wenn es nie etwas gegeben, das er vor dem Freunde verheimlichte, so zeigte er sich hier allen Fragen, allem Forschen verschlossen.

Es war ein ganz bestimmter, kleiner Kreis von Gymnasiasten, die Freundschaft untereinander geschlossen hatten. Dazu gehörten Schleibitz, der Primus der Klasse, Hillmann, der mit seinem schwarzen Haar und dem Schnurrbärtchen neben Rowaldt am ältesten aussah, und Theo von Falk, dessen Vater kommandierender General in der Stadt war, wo die Freunde die Oberklasse des Wilhelmgymnasiums besuchten. Theo kam nach einigen Tagen gleichfalls nach Auerbach zu Besuch; das gab Abwechselung und Ablenkung genug, dass Rowaldt mühelos sein Geheimnis wahren konnte. Der Altersunterschied brachte es ganz von selber mit sich, dass zwischen ihm und seinen Freunden ein gewisser Abstand blieb. Wenn er sprach, schwiegen alle. Aber die gleiche Liebe zu den Wissenschaften vereinte sie, und die Ideale der Jugend blieben ihnen dieselben, wenn auch der Abstand zweier Jahre sie trennte.

In Theo von Falk floss unverfälschtes Soldatenblut. Seit Generationen hatten die Falks den Rock der Könige von Preussen getragen, eine nicht geringe Anzahl des Geschlechts war auf schlesischen und französischen Schlachtfeldern verblutet.

Schwer biegsam, draufgängerisch, schnell zugreifend, so war der junge Falk ein hochgeschossener, die Kameraden überragender Jüngling mit hellen Augen, einer freien, kraftvollen Stirn und scharf geschnittenem Kinn. Wo er auftauchte, da wurde es lebendig. Es stand natürlich fest, dass auch dieser Falk in die Armee eintreten würde.

Das „Büffeln“ machte ihm mehr Schwierigkeit als den anderen, denn im Geiste lebte er schon unter den Soldaten, seine Sehnsucht flog mit den Fahnen des Regiments, das sein Vater kommandierte.

„Natürlich muss ich das Maturum machen und mache es auch,“ sagte er, als die drei Freunde im Garten des Schollschen Hauses beisammen sassen. „Ich hätte ja gleich als Junker eintreten können, denn die Prüfung wäre ein Kinderspiel für mich gewesen. Aber Vater will, dass ich dem Namen Falk in jeder Weise Ehre mache. Die Zeit, wo man als Draufgänger es zu etwas bringen konnte, ist vorüber, pflegt er zu sagen. Heute regieren Geist und Genie die Welt. Ein Generalstäbler ohne Maturum ist ein Nonsens. Und dass ich in den Generalstab kommen muss, ist klar. Aber, Herrgott, Kinder, einen Krieg wenn es gäbe — was ist denn eigentlich ein Soldat ohne Krieg?“

„Pst, sprich leiser,“ sagte Hans Scholl, und es wollte den Freunden dünken, als versiege plötzlich seine Fröhlichkeit. Sie sassen halb hinter einer Laube versteckt, und so bemerkte Maria, Scholls Schwester, die Jünglinge erst, als sie eben im Begriff war, einzutreten, denn sie hatten sich auf Warnung des Freundes hin schweigsam verhalten.

In dem dunklen Kleid bildete sie eine auffällige Erscheinung. Sie trug das schwere, kastanienbraune Haar wie eine Krone und hatte weisse, ausnehmend kleine Hände.

Die Freunde Scholls erhoben sich rasch und grüssten. Theo von Falks frisches Gesicht verlor momentan die Farbe. Er starrte die junge Dame fast ungezogen an, bis sie ihn ansah und er nun verwirrt die Augen senkte.

„Lassen Sie sich nicht stören,“ sagte sie mit weicher, angenehm klingender Stimme. Sie wollte ihren Weg fortsetzen, aber ihr Bruder hielt sie zurück:

„Du wirst doch nicht ausrücken, Maria? Meine Freunde beissen Dich nicht!“

Sie lächelte; es lag etwas unendlich Rührendes auf ihrem blassen Antlitz, das die Spur eines geheimen Kummers trug.

„Das glaube ich schon. Aber Sie haben sich doch sicherlich so manches zu erzählen, und ich tauge, offen gestanden, nicht für fröhliche Gesellschaft!“

Sie liess sich aber doch bewegen, sich zwischen Falk und Rowaldt zu setzen. Das Gespräch wurde nun natürlich allgemeiner. Rowaldt bemühte sich, Maria Scholl zum Lachen zu bringen. Aber es gelang ihm nicht. Sie konnte nur lächeln, und dann war es eigentlich mehr der Ausdruck einer schmerzlichen Resignation. Theo von Falk war sehr schweigsam geworden. Er kämpfte innerlich gegen etwas an, das sich plötzlich wie ein Bann über ihn legte. Die Traurigkeit dieses schönen Mädchens, das auf den ersten Blick etwas älter schien, als es war — Maria mochte einundzwanzig Jahre zählen — tat ihm weh. Es war seltsam! In Marias Gegenwart verlor auch Hans seine lärmende Fröhlichkeit, wurde gemessen, fast scheu.

Sie übte auf ihren Bruder einen grossen Einfluss aus. Er liebte sie mit hingebender Zärtlichkeit. Mochte vorfallen, was wollte, mochten Vater und Mutter vergeblich ihren Einfluss auf ihn geltend machen — ein Wort Marias genügte, ihn zu lenken. Dieser Einfluss der reinen und stillen Weiblichkeit, der in Marias Wesen begründet war, machte sich in der Folgezeit auch auf Theo von Falk bemerkbar. Die acht Tage, die er zu Besuch hier weilte, riefen mancherlei Veränderungen in ihm vor. Er wurde nachdenklicher, stiller und Fritz überraschte ihn mehrmals in träumerischem Nachdenken.

Hans erzählte einmal den beiden Freunden, warum seine Schwester eigentlich so selten wirklich aus dem Herzen heraus fröhlich war.

„Euch beiden darf ich es ja anvertrauen, ohne fürchten zu müssen, dass Maria, wenn sie es erführe, dies als Beleidigung auffassen könnte. Ihr werdet dann auch begreifen, warum ich ohne Unterlass arbeite und manchmal es rein mit der Angst kriege, es könnte mir zum Schluss noch etwas in die Quere kommen.

Maria ist heimlich verlobt, müsst Ihr wissen, und hätte eigentlich schon vor drei Jahren heiraten sollen. Ihr Bräutigam war Offizier. Arm natürlich, ohne Aussicht, trotz seiner grossen Begabung, schnell Karriere zu machen — und unsere Familie ist nicht reich. Was war da zu tun? Oh, ich erinnere mich, so lange ich lebe, an diese Zeit der Konflikte, der Aufregungen ...“

„Entweder in die Kolonien gehen, oder den Säbel weglegen, arbeiten!“ sagte Theo von Falk schroff.

Hans Scholl lächelte.

„Leicht gesagt, lieber Freund! Nach Deinem Rezept hat Kurt auch gehandelt. Er hat seinen Abschied genommen und den kaufmännischen Beruf ergriffen. Das ist kein kleines Opfer, nicht wahr? Du wirst es am ehesten verstehen, was es heisst, den Rock ausziehen, mit dem man verwachsen ist. Damit war es aber noch nicht abgetan. Nun kam erst die Zeit des Kampfes. Kurt musste sich hocharbeiten. Er hat Energie, kann etwas, und die beste Aussicht war vorhanden. Mein Vater konnte Maria keine eigentliche Mitgift geben, aber er wäre imstande gewesen, ihrem Gatten jeden Monat soviel zuzuschiessen, dass sie sich zu günstiger Lebensstellung hätten hocharbeiten können.“

Und warum — haben sie denn nicht geheiratet?“ fragte Falk stockend.

„Ich stand damals vor dem Einjährigen,“ fuhr Hans Scholl fort.

„Die Frage war: gehe ich nach dem Einjährigen vom Gymnasium ab oder bleibe ich? Mein Beruf war eigentlich schon festgesetzt: niederer Post- oder Bahndienst. Ohne mich rühmen zu wollen, — Ihr wisst, dass ich immer unter den Besten der Klasse war. Mein Ehrgeiz ging höher. Ich konnte es kaum verwinden, abgehen zu müssen, mich als Adjunkt herumschinden, während meine Kameraden, die mit mir auf einer Bank gesessen, nach einigen Jahren weiteren Studiums ganz, ganz andere Chancen haben sollten — da lag ich Maria und dem Vater in den Ohren. Kurt ist ein lieber, guter Mensch. Man hat es schliesslich so eingerichtet, dass die Hochzeit um einige Jahre aufgeschoben wurde, damit ich auf dem Gymnasium bleiben konnte.

Das verschlingt doch Geld, nicht wahr? Die Universitätsjähre müssen auch berechnet werden, — Maria hat sich bis jetzt sozusagen für mich geopfert ....“

„Das musst Du an ihr gutmachen .... Dein ganzes Leben lang,“ sagte Theo von Falk. Er war bleich vor Erregung, so sehr griff ihn die einfache Erzählung des Freundes an.

„Das werde ich auch,“ nickte Hans. „Jetzt kommt noch eine gefährliche Hürde, das Maturum. Dann geht es schnell vorwärts, und auch Kurt hat sich bis jetzt tapfer gehalten .... ich werde dann die letzten Semester bei meinem Schwager wohnen, der inzwischen Maria heimgeführt haben wird .... Wir werden uns einschränken, wo es geht, und ich werde nicht ruhen, bis meine Schwester so glücklich geworden ist, wie sie es verdient.“ —

Von nun an sahen Fritz Rowaldt und Theo von Falk Maria Scholl wie eine Märtyrerin an. Die Anbetung, die sie dem Weiblichen an sich entgegenbrachten, wurde dadurch gesteigert und gewann einen weiteren, idealen Halt. Doch bei Falk spielte noch etwas Anderes, Unbewusstes mit. Eine tiefe, heimliche Verehrung, die er sich aber selber nicht eingestand. —

Inzwischen war in dem Pfarrhause in F. nach Rowaldts Abreise durchaus noch keine Ruhe eingekehrt. Zwei Tage nachher kam ein verspäteter Sommergast nach F., der sogleich Besuch im Pfarrhaus machte.

Hedwig öffnete ihm und führte ihn in die Studierstube ihres Vaters. Sie hatte ihn flüchtig angesehen, als er nach dem Pastor gefragt, und unwillkürlich hatte sie sich der Beschreibung erinnert, die Fritz Rowaldt von seinem verehrten Professor gegeben.

Der Besucher hatte wahrhaftig einen Kopf wie eine Eule. Er war hässlich, aber von jener Unschönheit, die sympathisch wirkt. Besonders seine hellen, gedankentiefen Augen waren schön und gaben dem Gesicht einen eigenen Glanz.

„Dr. Glaukner ist mein Name,“ sagte der Fremde, als Pastor Hinrichsen eintrat. „Ich bin Gymnasialprofessor und habe die Absicht, die letzten vierzehn Tage der Ferien hier zu verbringen, um für ein kulturhistorisches Werk, das ich über diese Gegend schreibe, aus den wichtigsten Quellen zu schöpfen, die die Kirchenbücher bieten. Man sagt mir, Herr Pastor, Sie besässen eine bedeutende Bibliothek alter Werke, die sich mit der Geschichte Ihres Ortes befassten. Dürfte ich Sie wohl bitten, mir diese Quellen zugänglich zu machen und bei meinem Werk behilflich zu sein?“

„Aber mit grösstem Vergnügen, Herr Professor! Ich freue mich geradezu, auf diese Weise Abwechselung in dem täglichen Einerlei, das hier herrscht, zu finden. Betrachten Sie mein Haus als das Ihre und schalten Sie nach Belieben!“

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