Kitabı oku: «Würden Sie Gerda Holl verurteilen?»
Robert Heymann
Würden Sie Gerda Holl verurteilen?
Saga
Würden Sie Gerda Holl verurteilen?
German
© 1931 Robert Heymann
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711503768
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Einleitung
„Würden Sie die Angeklagte verurteilen?“ Die Frage gilt nicht nur für den vorliegenden Roman. Sie ist eine Frage unserer Zeit. Sie schwebt tausendmal auf den Lippen der Unbeteiligten, die Prozesse und Verhandlungsberichte verfolgen. Aber vielleicht erscheinen uns die aktuellen Prozesse nur darum so problematisch, weil wir so wenig Fühlung mit dem Gestern haben. Unser Zeitalter liebt die Schnelligkeit. Immer neue Eindrücke stürmen auf uns ein. Niemand hat Muße, über Vergangenes nachzudenken. Und doch ist die Justiz als Problem keine ausschließliche Angelegenheit unserer Epoche. Man denke nur an die Satiren Daumiers, Gilberts, Bennets. Jedes Zeitalter, jedes Land weist Autoren und Zeichner auf, die die Justiz in der heftigsten Weise angegriffen haben. Schon vor dem Kriege gab es auch in Deutschland viele Prozesse, hinter denen der Schatten eines Fehlurteils stand. Man erinnere sich des „Falles Hau“, man denke an den Steinheil-Prozeß, an den Freispruch der Brunhilde W. in Düsseldorf. Aus einem einfachen Offiziersprozeß wurde die „Affaire Dreyfuß“. Die Gegner der Todesstrafe führen im Laufe der letzten Jahrhunderte ungezählte Justizmorde auf.
Der Roman: „Würden Sie Gerda Holl verurteilen?“ ist auf Tatsachen aufgebaut, die noch in der Erinnerung vieler Leser haften werden. Die Heldin dieser Tragödie lebt noch. Es war also ein Gebot des natürlichen Gefühls, nur das Wesentliche der Begebenheit zu benützen. Aber obgleich die Handlung im Interesse der Spannung vertieft wurde — das Leben bietet ja immer nur Rohmaterial — trotzdem der Mordprozeß also einige Erweiterungen erfahren hat, ist das Tatsächliche grundlegend geblieben. Das Leben hat hier einen der interessantesten Konflikte geschaffen. Im Roman ist, wie im Prozeß, der Ausgang der gleiche. Er versöhnt mit der Unerbittlichkeit des Schicksals, das diese verwirrenden Fäden gesponnen hat, und mit der Tatsache, daß die Justiz eine menschliche Einrichtung und die Richter den menschlichen Fehlern unterworfen sind. Es ist notwendig, das immer wieder zu betonen. Es ist Demagogie, die Justiz und die Richter in ihrer Gesamtheit deshalb ständig anzugreifen.
So lange es eine Gerechtigkit gibt, werden Ungerechtigkeiten geschehen. Umsomehr gereicht es der Menschheit zur Ehre, daß Fehlgriffe mit derselben Heftigkeit bekämpft werden, mit der wir für nachgewiesene Verbrechen die gerechte Sühne fordern.
In dem vorliegenden Roman ist die Aufklärung Konstruktion des Autors. Das Drama selbst, dessen Schauplatz aus oben erwähnten Gründen verlegt werden mußte, endete mit einer Frage, die bis heute unbeantwortet geblieben ist.
Robert Heymann.
I.
Es war noch früh am Morgen, kaum sechs, als der Wagen des Legationssekretärs Michael von Riedner vor dem Hause in der kastanienbestandenen Straße vorfuhr. Der Chauffeur hupte mehrmals, aber kein Gesicht zeigte sich an den dicht verhängten Fenstern.
Das Herbstlaub raschelte um Michaels Füße.
„Wundert mich“, murmelte er. „Holl ist doch Frühaufsteher — sechs Uhr — das ist seine Zeit —“
Er suchte nach dem Schlüssel, der die große Eisenpforte öffnete, und stand einige Augenblicke unschlüssig, wo er seinen Reisekoffer unterbringen sollte, der hinten an dem schmutzverkrusteten Auto angebracht war.
Da öffnete sich langsam und kreischend die Haustür des Wirtschaftsgebäudes, und Johanna Kargiewicz schlürfte heraus. Sie war eine für ihre vierzig Jahre noch schöne Person, robust und doch leichtfüßig. Sie besaß das einnehmende Äußere gesunder Landfrauen, die keine Schönheitsmittel verwenden. In dem frischen Gesicht standen rote Lippen, die Augen waren jung, die Gestalt nicht gealtert.
Sie bleibt jung wie Frau Gerda, dachte Michael, während er ihr lächelnd entgegensah. Johanna Kargiewicz ging aufrecht und hatte rasch die Schlaftrunkenheit abgeschüttelt, als sie den Ankommenden erkannte. Mit schnellen Schritten eilte sie näher und öffnete mit einem lauten „Willkommen, Herr Legationssekretär!“ die schwere Eisenpforte.
Michael trat mit einem Gruß ein. Er schüttelte Johanna die Hand, während sein Blick über den Rasen flog, der noch grün und gepflegt vor ihm lag. Die Bäume standen beinahe sommerlich dunkel und waren noch dicht belaubt.
„Ich hatte Herrn Holl doch depeschiert, daß ich komme“, sagte Michael.
Johanna lächelte. Ihr Gesicht zeigte einen Zug von plumper Vertraulichkeit.
„Vielleicht wollte Herr Holl die gnädige Frau nicht im Schlaf stören!“
Michael sah nicht in ihr Gesicht, denn er fühlte, daß sie ihn prüfend und lauernd anblickte. Sie war seit vielen Jahren Vertrauensperson im Hause, mehr Vertraute Frau Gerdas, wie es schien, als des Gatten.
„Und wo ist Fräulein Helen?“ fragte Michael, auf das helle und stille Haus zuschreitend. Im Augenblick hat er die visionäre Vorstellung, die Tür, die vom Balkon ins Innere führt, sei geöffnet. Die schmalhüftige, überschlanke Helen sitzt im Schaukelstuhl und er ihr gegenüber. Auch die Tür auf der rückwärtigen Seite des Hauses ist geöffnet. Er kann durch diese offene Gartentür in den Park sehen. Da stehen hohe Ahornbäume um einen Marmorbrunnen, und weiße Steinvasen sind übergossen mit den warmen Farben der Blumen. In Helens Gesicht steht ein feines Lächeln der Güte und des Zugeneigtseins...
Doch schnell erlischt diese Erinnerung. Johanna beantwortet seine Frage.
„Das gnädige Fräulein ist noch in Reval — bei den Verwandten des Herrn Holl.“
Michael nickt schweigend mit dem Kopf. Er möchte fragen, wann sie wiederkommt, aber er bezwingt sich. In seine braunen Augen ist ein sanfter, schwärmerischer Ausdruck getreten. Er ist kaum über dreißig, hochgewachsen, hat ausgeglichene Bewegungen und einen schmalen Kopf mit ausgeprägtem Kinn. Sein Auftreten ist durch Selbstsicherheit und Beherrschtheit ausgezeichnet, die sein Beruf, weite Reisen und ein klarer Charakter ausgebildet haben.
Sie durschschreiten den Garten. Johanna schließt die Tür des Hauses auf. Die Diele liegt dunkel und leer. Das Licht des aprikosenfarbenen Himmels schwebt matt über der Galerie, hinter der die Zimmer des Ehepaares liegen.
Der Chauffeur hat den Reisekoffer hereingetragen.
„Stellen Sie ihn hierher, Franz! Einfach in eine Ecke!“ sagt Michael. „Wir wollen keinen Lärm machen! Sie können sich zurückziehen, Johanna. Nehmen Sie Franz mit und bereiten Sie ihm ein Frühstück. Bis ich gebadet und mich umgekleidet habe, werden Herr und Frau Holl wohl erwacht sein.“
„Sicherlich“, erwidert Johanna und geht mit einem devoten Lächeln hinaus. Der Chauffeur folgt ihr.
Michael ist allein. Er dreht das elektrische Licht an, dreht es wieder aus. Daß Helen nicht in Berlin ist, hat ihm die Stimmung verdorben.
Warum wieder in Reval? denkt er. Man schickt ein junges Mädchen nicht immer in der weiten Welt umher. — Hat Frau Holl das angeordnet? Oder der Gatte? Jedenfalls ist es unverständlich!
Er geht ohne weiteres in das Badezimmer. Bald rauscht das heiße Wasser auf die hellen Kacheln des kleinen Bassins.
Michael badet mit Genuß. Erst während der Dusche fällt ihm ein, daß er weder Pyjama noch einen Morgenanzug zur Verfügung hat. Er muß sich also selbst den Koffer holen.
Vorsichtig öffnet er die Tür und horcht hinaus. Es ist totenstill. Er schlüpft in den Bademantel des Hausherrn, der ihm zu klein ist, zieht sich die Saffianschuhe an und geht hinaus, um den Koffer ins Badezimmer zu schleppen.
Aber an der Tür bleibt er stehen und horcht.
Was ist eigentlich hier los?
Es ist nichts zu hören! Aber es ist eine so beklemmende Stille im Hause, daß Michael plötzlich erschrickt.
Das Blut schießt ihm ins Gesicht.
Diese Stille schreit ja mit hundert Stimmen! Oder rauscht das Blut in seinen Ohren?
Zum Kuckuck, denkt Michael, bin ich denn so nervös?
Er sieht auf die Armbanduhr.
Es ist sieben.
Nichts regt sich.
Aber Frau Leyden! geht es ihm durch den Kopf. Frau Gerdas Mutter! Die alte Dame klingelt doch täglich um sechs Uhr um ihr Frühstück! Es ist ihr oft belächelter Ehrgeiz, es dem Gatten ihrer Tochter im Frühaufstehen gleichzutun.
Und kein Mädchen hantiert im Haus!
Das ist doch zum Verrücktwerden! Wie in Dornröschens Schloß! Mit raschen Schritten geht Michael nach dem Wohnzimmer, öffnet die Tür.
Die Fenster liegen nach rückwärts, dem Park zu. Die Stores sind geschlossen. In der mattgelben Dämmerung versinken die Umrisse der Gegenstände.
Vogelgezwitscher dringt in Michaels Bewußtsein, und er sieht, daß auf dem Teppich ein Stock liegt, der Stock, auf den Frau Leyden sich zu stützen pflegt.
Dann bleibt er wie versteinert stehen, keines Wortes, keines Atemzuges fähig.
Da sitzt doch Frau Leyden!
In der Tat, da sitzt die alte Dame, schaut ihn an und redet kein Wort!
„Großmama!“ sagt Michael. Er hat sich als Helens Verlobter an diese vertraute Anrede gewöhnt. Er selbst hat früh die Mutter und die Großeltern verloren, er liebt dieses Haus und die Frauen, die ihm Leben und Seele geben.
„Großmama!“ wiederholt er. Seine Stimme klingt schmerzhaft laut. Eine dunkle Angst schnürt ihm die Kehle zu. „Warum reden Sie nicht, um Gottes willen?“
Ist sie tot?
Michael erinnert sich einer Begebenheit aus seiner Knabenzeit: Er hat in Berlin die Schule besucht, und einmal nahm ihn sein Vater mit in ein Panoptikum der Friedrichstraße. Er wird nie das Grauen vergessen, das er beim Anblick dieser Wachsfiguren empfand. Das gleiche Grauen überfällt ihn jetzt.
Er tritt schnell näher.
Aber sie ist nicht tot! Dem Himmel sei Dank, sie lebt, seine Furcht ist nichts weiter als die Folge überreizter Nerven.
Das Rauchen, denkt Michael. Warum rauche ich so viel?
„Nun, Großmama! Sagen Sie doch etwas!“
Die alte Frau mit dem gescheitelten weißen Haar sitzt in einem schwarzen Seidenkleid in einem farbigen Moquette-Sessel. Das Kleid trägt sie offenbar noch vom vergangenen Abend her, hat es gar nicht abgelegt. Aber ist das nicht seltsam? Die Totenblässe ihres Gesichts fällt Michael jetzt auf. Ihr versteinertes Wesen ist unheimlich.
Grauen stürzt Michael an.
Die Augen, denkt er ... Das sind ihre Augen — und diese Augen leben! Ja! Kein Zweifel! Aber die Pupillen sind wie Kiesel! Ganz starr, bewegen sich nicht! Nichts an ihrem Körper bewegt sich. Nur der Atem geht leise über ihre schmalen Lippen.
„Großmama!“ schreit Michael, reißt die Stores zur Seite, stößt das Fenster auf, und begreift jetzt erst ihren hilflosen Zustand. „Großmama! Was ist hier geschehen? Und was ist mit Ihnen?“
Sie gibt keine Antwort, sie kann keine Antwort geben. Sie schaut mit geisterhaften Augen an ihm vorbei ... geradeaus ... ins Leere.
In eine rätselhafte Stunde sieht sie hinein, das fühlt Michael. Ihre Augen sind erstarrt und doch voll Leben, in ihren Augen schreit etwas, jammert etwas, weint etwas ...
Ich kann ihre Augen nicht ansehen, denkt Michael. Hier ist etwas Furchtbares vorgefallen! Oder ist es nur der Schlaganfall? Eine Lähmung liegt vor, das ist ganz klar!
Michael stürzt zur Klingel. Wild schrillt der Lärm durch das Haus. Warum erst jetzt? fährt es ihm durch den Kopf. Ich hätte längst klingeln müssen!
Der Lärm tut wohl. Michael schreit, ruft.
Noch mehr Lärm! Lärm ist Leben! Hier kauert der Tod!
Diese unglückliche Frau ist gelähmt! Gelähmt! Vom Schlage gerührt!
Sie sitzt also schon die ganze Nacht hier! Seit dem gestrigen Abend sitzt sie hier in dem Sessel, bei vollem Bewußtsein, denn ihre Augen sind ganz klar! Sie kann sich nicht rühren und nicht regen! Und niemand ahnt hier, daß der Tod ihr gegenübersaß, eine ganze lange Nacht, und sie gezeichnet hat! —
Es ist wieder totenstill im Hause.
Niemand regt sich.
Nichts!
Kein Dienstbote! Kein Mädchen! Gärtner und Chauffeur schlafen wie Johanna im Wirtschaftsgebäude. Aber die Mädchen wohnen doch im Haus! Die Zofe, die Köchin! Sind die denn taub?
Michael rennt zum Fenster und brüllt hinaus.
Schlafen die schon wieder? Nichts regt sich draußen!
Die Tür ins Wirtschaftsgebäude geht nicht auf.
Michael rast die Treppe hinab, immer mehrere Stufen überspringend. Hinüber ins Wirtschaftsgebäude.
Reißt die Tür auf.
Johanna kommt die Stiege herab. Sein eigener Chauffeur steht an der offenen Tür des Wohnzimmers und blickt ihm entgegen, ungewiß, woher die Rufe gekommen sind.
An der Wand des Wohnzimmers, in das man durch einen kaum meterlangen Vorraum tritt, hängt eine alte Schwarzwälderuhr. Sie steht. Die Zeiger weisen auf zwölf.
Michael starrt diese Uhr an, als ob von ihr die Lösung eines fürchterlichen Rätsels kommen könnte. Nichts haftete von diesem Augenblick in seiner Erinnerung als diese Uhr, die doch mit den Dingen, die um ihn vorgehen, nichts, rein nichts zu tun hat.
Aber wie oft ist unser Gedächtnis, diese unzuverlässige Wachsplatte, die die Eindrücke unserer Sinne aufzunehmen bestimmt ist, wie oft ist sie bereit, Nebenumstände, belanglose Erscheinungen festzuhalten, während das Wichtigste scheinbar im Nichts versinkt?
„Was ist los, Herr Legationssekretär?“ ruft Johanna, noch auf den Stufen über ihm.
„Kommen Sie! Schnell!“ stammelt Michael. „Ein Unglück!“ Er winkt mit beiden Armen. Rennt wieder in die Villa, fliegt die Treppe zum ersten Stock empor, immer rufend:
„Holl! Frau Gerda! Warum gebt ihr kein Lebenszeichen?“
Niemand antwortet. Michael weiß, daß etwas Entsetzliches geschehen ist. Warum er es weiß? Er fühlt es. Eisig rieseln Schweißperlen über seinen Nacken.
Unten füllt sich die Diele: Johanna, der Chauffeur des Hauses, Michaels Chauffeur — alle eilen ins Wohnzimmer, sind um die Gelähmte bemüht.
Michaels Wagenführer telephoniert nach einem Arzt.
„Polizei! Polizei!“ schreit Michael von oben herunter. Franz nickt und setzt sich mit dem Alexanderplatz in Verbindung.
Die Tür in Frau Gerdas Schlafzimmer ist nicht verschlossen. Michael zaudert. Eine Sekunde nur. In diesem Augenblick des Schreckens und der Angst ist er ein großer armer Junge. Er denkt nicht sofort an Holl, den Freund seines Vaters. Er denkt an Frau Gerda. Die Frau, das Mütterliche, rufen ihn zuerst.
Er tritt ein. Frau Gerdas Bett ist unberührt. Ein Blick genügt Michael. Die Jalousien sind herabgelassen. Es herrscht Dämmerung. Er muß die Augen erst an die undurchsichtige Atmosphäre gewöhnen. Wie Schleier wallen die Schatten vor ihm.
Dann sieht er Umrisse. Etwas bewegt sich.
Frau Gerda. Sie trägt ein helles Nachtkleid. Blut hat die Spitzen am Halse rot durchtränkt. Aber sie bewegt sich. Sie ist nicht tot. Michael kniet nieder, tief aufatmend, umfaßt sie, umklammert sie.
„Frau Gerda! Frau Gerda!“ stammelt er. „Mama!“ flüstert er. Sie ist doch Helens Mutter! Und bemerkt jetzt erst: Sie ist an das Bett festgebunden. An eine Säule des großen italienischen Bettes. Über ihrer zusammengekauerten Gestalt steht auf der Holzsäule ein geschnitzter Engel, der mit drei andern Engeln den Betthimmel trägt.
Frau Gerdas Augen sind offen wie die ihrer Mutter. Aber diese Augen bewegen sich. Heischen Hilfe. Sind mit rührender Unbeholfenheit auf Michael gerichtet. Sie spricht mit dem Kopf. Ruft mit Kopfbewegungen um Hilfe! Aus ihrem Mund sickert das Blut. Ein Knebel verschließt ihn. Roh und grausam sind die Stricke zusammengezogen, die ihre nackten Arme und Beine fesseln. Michael will sie zerreißen. Frau Gerda stöhnt auf. Er bittet sie mit bewegten Worten um Verzeihung. Sein Chauffeur stampft die Treppe herauf.
„Ein Messer, Franz! Ein Messer!“
Entsetzt starrt der einfache Mann auf die Szene. Reicht seinem Herrn ein Taschenmesser. Michael entfernt den Knebel, durchschneidet die Stricke. Wie eine weiße Blume sinkt Frau Gerda in sich zusammen und gleitet auf den Boden.
Michael nimmt sie in seine Arme, trägt sie aufs Bett.
„Sieh nach Herrn Holl!“ herrscht er Franz an.
Der Chauffeur durchschreitet einen kleinen Raum, in dem Frau Gerda Toilette zu machen pflegt und geht in das Schlafzimmer des Hausherrn. An der Tür taumelt er zurück, kommt kreidebleich zu Michael.
Flüstert nur: „Schnell!“
Michael, ein neues Unglück ahnend, rennt mit ihm hinüber. Die Fenster sind weit offen. Es ist empfindlich kalt. Der Herbstwind bewegt leicht die Kleidung der Gestalt, die an einem Strick von der Decke hängt. Dicht neben der großen elektrischen Lampe.
„Holl!“ ächzt Michael. „Holl! Lieber Freund!“
Der Chauffeur jagt zurück, holt das Messer, das in Frau Gerdas Zimmer auf dem Teppich liegt, schneidet mit einem Ruck den Strick durch. Michael fängt den leblosen Körper, der massig und schwer herabfällt, in seinen Armen auf. Das Gesicht des Toten ist blau und verzerrt. Als ob noch ein schreckliches, ein teuflisches Gelächter über den Unglücklichen hinweggebraust wäre, ehe er den Geist aufgab.
Er ist tot, es gibt nicht den leisesten Zweifel.
Trotzdem schreien Michael und Franz um einen Arzt. Franz rennt hinunter, Michael geht mit bleischweren Schritten zurück zu Frau Gerda. Sie liegt bewußtlos auf dem Bett. Sie ist fast nackt, und obgleich sie beinahe vierzig Jahre alt ist, ist ihr Körper so weiß und fehlerlos wie der eines jungen Mädchens. Michael geht die Erinnerung an ein Bild Fragonards durch den Kopf, er wird erbittert gegen sich selbst und zieht errötend eine rote Decke über Frau Gerdas Körper. Unten ist Lärm entstanden, Arzt und Polizei sind angekommen.
Nun rattert auch das Auto des Überfallkommandos laut und dröhnend heran. Viele Tritte eilen nach oben.
Dann sind die Zimmer angefüllt mit Beamten in Zivil und Uniform. Michael antwortet auf viele Fragen ohne zu wissen. Er blickt in fremde Gesichter, die hinter einer Wolke halben Bewußtseins auf ihn schauen. Er sieht den Arzt hantieren und denkt an einen bösen Traum. Und dann sieht er eine jähe Bewegung Frau Gerdas, er sieht, wie sie die Augen weit öffnet in grauenvollem Entsetzen, wie sie totenblaß in sich zusammensinkt ... nun haben sie es ihr gesagt, denkt er. Sie weiß jetzt, wie sie ihren Mann drüben in seinem Zimmer gefunden haben .....
Doch dann sagt jemand: „Die Mordkommission“, und geschäftige Männer verwandeln das Schlafzimmer Frau Gerdas in ein Forum von Bewegtheit.
Michael hört Frau Gerda mühsam antworten, während die Zofe ihr eben ein Getränk aus Wein, mit rohem Ei vermischt, zurechtmacht.
„Wo waren Sie?“ schreit Michael das Mädchen an, seiner Sinne nicht mehr mächtig.
„Ich hatte Ausgang“, erwidert sie verschüchtert.
„Und die Köchin?“
„Auch.“
Pack! denkt Michael. Das ist ja erlogen!
„Ich bitte Sie, jetzt nicht mehr zu sprechen“, sagt der Führer der Mordkommission zu Michael. Er hat ein großes Gesicht mit Schmissen und kalten blauen Augen.
„Kommen Sie zu sich! Nehmen Sie etwas zur Stärkung, Sie sehen furchtbar aus!“
„Ja“, erwidert Michael mechanisch.
„Dann halten Sie sich bitte zu unserer Verfügung.“
„Jawohl“, sagt Michael wie vorher, verneigt sich und sieht Frau Gerda mit einem langen, beinahe zärtlichen Blick an. „Ich stehe zu Ihrer Verfügung“, meint er und geht hinaus. Er nimmt das Bild Frau Gerdas mit: wie sie bleich unter der roten Decke liegt, die von der jugendlichen Brust abgeglitten ist. Sie ist noch schöner als in ruhigen Tagen. Man könnte denken: Die Schwester Helens! Niemand würde auf den Gedanken kommen, diese Frau, an der die Zeit spurlos vorübergegangen ist, könnte eine erwachsene Tochter haben, die Michael liebt.
II.
Johanna ist wie eine Mutter um Michael bemüht. Sie flößt ihm Kognak ein. Er kommt langsam zu sich.
Das Denken fällt ihm schwer.
Sein verstörtes Gesicht birgt er an der Brust der einfachen Frau:
„Sagen Sie, Johanna — ist das wahr? Ist das alles Wirklichkeit? Furchtbare Wirklichkeit?“
„Ja, es ist wahr, Herr“, antwortet sie. Ihm fällt auf, wie sonderbar gefaßt sie ist.
„Warum sind Sie so ruhig, Johanna?“ sagt er zornig und bedauert im gleichen Augenblick, daß er seine Nerven nicht besser in der Gewalt hat.
Sie wendet sich ab, denn eben kommt ein Beamter und holt sie zur Vernehmung.
„Schrecklich“, sagt ein anderer Polizist.
„Schrecklich!“ Er sucht den fassungslosen Michael zu trösten. Michael weint. Michael weint stoßweise wie ein Knabe. Die einfachen Worte, die der Beamte findet, tun Michael wohl. Der Polizist gibt der Hoffnung Ausdruck, daß der Erhängte doch noch gerettet werden kann. Er erzählt seltsame Fälle von kaum glaublichen Wiederbelebungen durch Sauerstoff.
„Sie sind immer noch im Bademantel“, fährt der Beamte fort. „Wo sind Ihre Kleider?“
„Ja“, erwidert Michael, ohne den Sinn der Frage gleich zu begreifen. Er fährt sich verwirrt durch das Haar. „Ach so, mein Anzug? Im Badezimmer — ich wollte mich umziehen — da erschreckte mich die Stille“.
Wieder überfällt ihn ein Weinkrampf.
Der Beamte holt ihm seine Sachen und geht hinaus.
Mit zitternden Händen kleidet sich Michael an. Immer muß er an Frau Gerdas rührende Schönheit denken. Und an die fürchterliche Grimasse des toten Malers Holl. Ich war ihm eigentlich nie sehr zugetan, denkt er. Er war ein sonderbarer Mensch, und zu Helen war er nicht gut. — —
Inzwischen hatte die Mordkommission ihre Arbeit begonnen. Frau Gerda Holl war kaum recht bei Besinnung, als sie nach ihrer Mutter rief. Sie wollte in das Wohnzimmer hinabeilen, denn irgend jemand hatte davon gesprochen, daß Frau Leyden sich noch immer unten befände. Aber der Regierungsrat hinderte sie daran, das Zimmer zu verlassen.
„Ihre Mutter befindet sich nicht wohl ..“
Frau Gerda schrie, man dürfe es ihr nicht verwehren, ihre Mutter zu sehen; da trat der Arzt ein und erklärte ihr, daß er es bei dem Zustand, in dem sie sich befände, nicht erlauben könnte, daß sie sich erneut errege.
„Sie ist tot?“ schrie Frau Gerda.
„Nein, ich gebe Ihnen mein Wort, sie ist am Leben“, erwiderte der Arzt. „Beruhigen Sie sich, Sie werden nachher Gelegenheit haben, sie zu sehen.“
„Aber irgend etwas ist geschehen!“
„Sie lebt, das muß Ihnen im Augenblick genügen. Ich gebe Ihnen keinesfalls die Erlaubnis, sich und die Kranke von neuem aufzuregen.“
„Sie ist also krank?“
„Ja, aber sie befindet sich bereits in ärztlicher Obhut.“
„Seien Sie doch vernünftig, gnädige Frau“, sagte Kriminalrat Trettner. „Es handelt sich doch nicht nur um Sie, sondern auch um die Gesundheit Ihrer Frau Mutter. Wollen Sie denn durch eine Szene die unglückliche alte Dame in neue seelische Verwicklungen stürzen?“
Frau Gerda sank auf ihr Bett zurück.
Der Regierungsrat bat sie um Auskünfte.
„Ich bin zu schwach, um jetzt zu sprechen“, erwiderte Frau Gerda. „Ich will, daß man Michael holt.“
Der Regierungsrat sah den Kriminalrat fragend an.
„Michael ist der Legationssekretär, Verlobter der Tochter“, sagte dieser.
Der Regierungsrat schüttelte den Kopf.
„Nein, gnädige Frau, ich kann auch nicht gestatten, daß jetzt Ihr zukünftiger Schwiegersohn geholt wird. Sie stehen unter dem frischen Eindruck der Ereignisse. Ich muß Sie bitten, uns jetzt Rede zu stehen. Sie selbst haben doch das größte Interesse daran, daß wir so rasch als möglich Licht in diese dunkle Geschichte bringen!“
„Ja“, erwidert Frau Gerda und zieht den blauen Morgenmantel, den die Zofe ihr gebracht hat, fester über der Brust zusammen. „Es ist kalt hier, ich friere.“
Der Kriminalrat befiehlt, daß der Ofen im Keller angeheizt wird.
„Ich will Herrn von Riedner hier haben“, beharrt Frau Gerda.
Aber wie der Regierungsrat nun ihrem Wunsche doch nachkommen will, ruft sie lebhaft:
„Nein! Er soll nicht zugegen sein, wenn ich aussage. Ich will es nicht!“
Der Regierungsrat macht eine zustimmende Handbewegung.
„Erzählen Sie also, gnädige Frau. Wie war das gestern abend, nachdem Sie gespeist hatten ...“
„Ich habe mich mit meinem Gatten gestern etwa um 11 Uhr abends zurückgezogen ...“
„Verzeihung“, unterbrach sie Regierungsrat Dr. Hofer, der die Mordkommission führte, während sich Kriminalrat Dr. Trettner vorläufig noch Notizen machte, „verzeihen Sie, gnädige Frau. Wo haben Sie den Abend verbracht? In den unteren Räumen oder im ersten Stock?“
„Im Eßzimmer, hier im ersten Stockwerk. In diesem Flügel liegen: das Atelier meines Mannes, unsere Schlafräume, neben dem meinen noch das Schlafzimmer meiner eben abwesenden Tochter, ihr Arbeitszimmer, ein Fremdenzimmer. In dem anderen Flügel sind das Musikzimmer und das Eßzimmer!“
„Ich danke. Das Verhältnis zwischen Ihnen, Ihrem Gatten und Ihrer Tochter ist stets ein gutes gewesen?“
„Durchaus. Wir lieben Helen, und sie ist die beste und treueste Tochter der Welt.“
„Also, Sie befanden sich im anderen Flügel im Eßzimmer. Bis 11 Uhr abends?“
„Ja. Dann gingen wir in unsere Schlafräume.“
„Die Dienerschaft war bereits fortgegangen?“
„Nein. Erst als wir zu Bett gingen, verließen die Köchin und das Zimmermädchen das Haus.“
„Ist es Ihre Gewohnheit, zu so später Abendstunde noch Ihrem Personal die Erlaubnis zu geben, auszugehen?“
„Die Mädchen wollten noch tanzen. Sie wissen, Herr Regierungsrat, unsere Zeit hat darüber ihre eigenen Ansichten. Ich kann die Mädchen nicht zurückhalten.“
„Sie hatten keinen Gast?“
„Niemanden.“
„Und zwischen Ihrem Gatten und Ihnen hat keine Auseinandersetzung stattgefunden?“
Frau Gerda zögert. Sie schüttelt den Kopf, aber wie sie den durchdringenden Blick des Regierungsrates fühlt, antwortet sie verwirrt: „Doch ja! Eine unbedeutende Meinungsverschiedenheit!“
„Darf ich wissen, wodurch diese Meinungsverschiedenheit entstanden ist?“
„Muß ich es sagen?“
„Unbedingt!“
„Mein Gatte weigerte sich, in die Scheidung unserer Ehe zu willigen!“
„Oh! Das ist wichtig! Sie wollten sich scheiden lassen?“
„Ja.“
„Und Ihr Gatte? Traf ihn irgendein Verschulden? Oder ...“
Frau Gerda schaut zu Boden. Sie denkt nach. Kriminalrat Dr. Trettner hat zu schreiben aufgehört. Er betrachtet Frau Holl mit zusammengekniffenen Augen.
„Mein Gatte ist mir nicht treu gewesen ...“
„Sie haben Beweise?“
„Nicht gerade Beweise. Eine Frau fühlt das.“
„Ihr Gatte verhielt sich Ihren Plänen gegenüber ablehnend?“
„Ja.“
„War die Auseinandersetzung erregt?“
„Mein Gatte wurde immer sehr leicht erregt.“
„Und befand sich in Ihrer Gesellschaft Ihre Frau Mutter?“
„Gewiß. Meine Mutter war zugegen.“
„Haben Sie irgend etwas Auffälliges an ihr bemerkt? Wie nahm sie den Wortwechsel zwischen Ihnen und Ihrem Gatten hin?“
„Ich glaube, ziemlich gleichmütig.“
„Demnach war Ihre Ehe sehr unglücklich?“
„Wer sagt das?“
„Wenn Ihre Frau Mutter der Szene gegenüber gleichmütig geblieben ist, so war dies nicht die erste Auseinandersetzung, der sie beigewohnt hat!“
Frau Gerda schweigt.
„Bitte, wollen Sie uns weiter erzählen, was dann geschah, als Sie sich zurückgezogen hatten? Ging Ihr Gatte gleichzeitig mit Ihnen in sein Schlafzimmer?“
„Ich hörte ihn noch umhergehen. Eben wollte ich mich schlafen legen, als ich in dem Zimmer meines Gatten ein ungewöhnliches Geräusch hörte. Ehe ich aber zur Besinnung kam, mir vorstellen konnte, was das zu bedeuten hatte, hörte ich laute Stimmen und dann ein Toben, als kämpften Männer. Gegenstände fielen zu Boden. Ich eilte ans Fenster, um Hilfe herbeizurufen. Da stürzten zwei Männer ins Zimmer und rissen mich mit brutaler Gewalt zurück. Während der eine mich festhielt, steckte mir der andere einen Knebel in den Mund. Ich war nicht mehr imstande zu schreien. Ich konnte nicht einmal um mein Leben bitten. Die Elenden banden mich mit rohen Witzen an das Bett. Schließlich verlor ich das Bewußtsein.“
„Aber in jenem Augenblick, während die Verbrecher Sie überwältigten und festbanden, haben Sie doch ihre Gesichter gesehen?“
„Nein, sie waren vermummt —“
„Aber man bekommt doch irgendeinen Eindruck, auch wenn sich eine Begebenheit noch so schnell abspielt! Gehörten die Männer einer besseren Gesellschaftsklasse an, oder waren es typische Verbrechergestalten?“
„Ich glaube, mich zu erinnern, daß es einfache Menschen waren.“
„Können Sie sie uns näher beschreiben?“
„Ich fürchte, nein, denn ich verlor, wie gesagt, sehr schnell das Bewußtsein. Als ich wieder zu mir kam, war alles still. Ich konnte nicht rufen, mich nicht bemerkbar machen, mußte viele Stunden in meiner entsetzlichen Lage verharren, bis heute morgen Herr von Riedner, mein zukünftiger Schwiegersohn, kam und mich befreite.“
Auf die Frage des Regierungsrates Dr. Hofer, warum Frau Holl nicht die kurze Spanne Zeit, die ihr geblieben war, ehe die Verbrecher sie vom Fenster zurückgerissen hatten, ausnutzte, um laut zu schreien, antwortete Frau Gerda: „Ich war meiner Stimme nicht mehr mächtig. Ich war wie gelähmt. Mir war zu Mute wie einem Menschen, der Entsetzliches träumt, schreien will und keinen Laut aus der Kehle bringt. Im übrigen waren die Jalousien herabgelassen. Man hätte mich gar nicht gehört.“
„Haben Sie das alles in jenem kritischen Augenblick gedacht, oder erwägen Sie es erst jetzt?“
„Der Gedanke ist mir erst jetzt gekommen. Ich habe in jenen furchtbaren Minuten überhaupt nicht gedacht!“
Dies also war der einfache Tatbestand. Die Verbrecher waren zweifellos durch die offenen Fenster bei dem Maler Holl eingedrungen. Das Gartengelände war an dieser Seite des Hauses stark ansteigend, so daß die Fenster hier etwa nur anderthalb Meter über dem Erdboden lagen. Unter den Fenstern fanden sich zudem von Fußspuren Fragmente im Humus des Gartens. Aber es hatte während der Nacht geregnet, die Spuren waren verwischt, man konnte nicht viel mit diesem Beweismittel anfangen. Zwei angesetzte Polizeihunde liefen ein Stück durch den Park in den Grunewald, machten dann einen großen Bogen und landeten schließlich in der Heerstraße, also auf der entgegengesetzten Seite. Hier versagten sie.
„Die Verbrecher sind von hier ab mutmaßlich in einem Auto geflohen“, sagte Kriminalrat Trettner. Die Beamten hatten, was Michael in seiner grenzenlosen Erregung entgangen war, sofort festgestellt, daß der Geldschrank in dem Zimmer des Erhängten offen stand. Ob und was die Verbrecher geraubt hatten, ließ sich endgültig zunächst nicht feststellen. Frau Gerda war der Meinung, ihr Gatte habe mindestens zehntausend Mark in dem Schrank aufbewahrt.
„Vermögen?“ fragte der Regierungsrat.
„Eine Summe, die mein Gatte erst vor kurzem durch den Verkauf seines letzten Bildes erzielt hatte.“
„Ihr Gatte war Maler von Beruf? Nicht nur aus Neigung?“
„Von Beruf.“
„Der Name Ihres Gatten wurde in den letzten Jahren immer häufiger genannt. Sie lebten in guten Verhältnissen?“
„Ja“, erwidert Frau Gerda zögernd.
„Und wer war der letzte Bilderkäufer? Von wem stammen die zehntausend Mark?“
„Von Herrn Gutsbesitzer Alfred Kürtner.“
„Kürtner — Kürtner, Abgeordneter Kürtner?“
„Ja.“
„Seine Güter liegen bei Prenzlau?“
„Ja! Sie kennen ihn, Herr Regierungsrat?“
„Oberflächlich!“
Frau Gerda konnte nur schwer sprechen. Immer wieder wurde sie von heftigem Schluchzen geschüttelt. Die Beamten, wagten noch immer nicht, ihr mitzuteilen, daß ihre Mutter in dieser verhängnisvollen Nacht einen Schlaganfall erlitten hatte.
Aber Frau Holl kam von selbst wieder auf ihre Mutter zurück.
„Kommt meine Mutter nicht?“ schrie sie plötzlich wild auf. „Was ist denn mit ihr geschehen? Warum sagen Sie mir nicht endlich die Wahrheit? Ich will wissen, wo sich meine Mutter befindet!“ Und mit einem forschenden Blick in die verlegenen Gesichter der Beamten: „Ist denn ein neues Unglück passiert? Sagen Sie es mir! Was ist mit ihr geschehen?“
Sie schlug die Hände vors Gesicht. „Sie ist tot! Sie ist doch tot! Sie sagen es mir nicht! Sie belügen mich!“
„Beruhigen Sie sich doch“, erwidert der Kriminalrat. „Mein Wort, sie lebt. Aber sie ist krank. Schwer krank.“
„Es ist einfach unmöglich, daß Sie Ihre Mutter jetzt schon sehen, gnädige Frau“, setzte der Regierungsrat hinzu.
Frau Gerda sank wieder lautlos weinend in sich zusammen.
„Strangulationsspuren sind beim besten Willen nicht festzustellen“, sagte der Gerichtsarzt achselzuckend, von der Untersuchung in dem Schlafzimmer des Kunstmalers Holl kommend. Er stand unter der Tür und rückte an seinen Brillengläsern. Die Herren gingen wieder in das Mordzimmer und ließen Frau Gerda unter der Obhut ihrer Zofe.
Regierungsrat Hofer und der ihn begleitende Kriminalrat konnten die Feststellungen des Arztes kaum glauben.
„Keine Strangulationsspuren?“ sagte Trettner. „Dann läge doch Selbstmord vor.“
Der Arzt machte eine stumme, verlegene Handbewegung.
„Auch sonst keine Spur einer Anwendung von Gewalt? Keine Wunde? Keine Quetschung? Bluterguß unter der Haut? Nichts?“
„Nichts!“
„Aber Selbstmord ist doch einfach ausgeschlossen!“ sagte Trettner, bestimmt. „Wenn sich der Mann selbst erhängt hätte, müßte er auf irgendeinen Gegenstand gestiegen sein. Er kann sich doch nicht in der Luft hängend den Strick um den Hals gelegt haben!“
„Sicher nicht“, pflichtet der Arzt bei.
„Aber weder der Schemel, noch ein umgekippter Stuhl, noch sonst ein Möbelstück war in der Nähe des Toten zu entdecken! Wir haben das doch sofort festgestellt!“
„Bleibt nur die Lösung, daß der Herr Legationssekretär, der die Leiche abgeschnitten hat, Spuren verwischte, ohne sich seiner Ungeschicklichkeit bewußt zu sein“, bemerkte der Regierungsrat. „Immer wieder der alte Fehler! Das Publikum wird doch hinreichend darüber aufgeklärt, daß am Tatort eines Verbrechens alles unverändert bleiben müsse!“
Der Arzt schüttelt den Kopf.
„Er konnte doch den Mann nicht weiter am Strick hängen lassen, dessen Leben vielleicht noch zu retten war. Es handelt sich doch wirklich oft genug um Minuten!“
„Auch richtig!“ brummt Trettner.
Michael und sein Chauffeur werden geholt. Sie bestätigen, daß sie in der Nähe des Toten kein Möbelstück bemerkt hätten. Daß sie den Toten abgeschnitten hätten — natürlich. Es blieb doch wirklich keine Zeit, darüber nachzudenken, ob Spuren verwischt werden könnten. Aber sie könnten mit vollkommener Bestimmtheit bestätigen, daß die Füße des Toten keinen Stützpunkt unter sich gehabt, und daß sie nichts dergleichen aus dem Wege geräumt hätten.
„Irrtum ausgeschlossen?“ fragt Trettner.
„Vollkommen ausgeschlossen!“ erwidert Michael.
„Also Mord!“ sagt der Regierungsrat. „Der Mann muß sich aber doch gewehrt haben — und hat sich auch gewehrt, wie die Witwe bekundet. Sie hörte doch, wie ihr Gatte Widerstand geleistet hat. Auch Gegenstände fielen um —“
„Aber das kann nicht stimmen“, entgegenet Trettner. „Hier ist alles in schönster Ordnung. Nicht ein Stuhl ist umgeworfen —“
„Seltsam!“
Der Arzt setzt hinzu: „Der Tote weist keine Verletzung auf. Auch sonst zeigt der Körper keine Spur von irgendeiner Gewaltanwendung.“
Das Zimmer wurde von neuem durchsucht. Alle Möglichkeiten eines Selbstmordes mit logischer Schärfe erwogen: Daß etwa doch der Stuhl, auf den der Maler Holl sich gestellt hatte, um sich selbst die Schlinge um den Hals zu legen, von den zappelnden Füßen des Selbstmörders weit hinweggeschleudert sein könnte, ohne umzufallen.
Oder: Daß Holl vom Tisch aus den Selbstmord in Szene gesetzt hätte und dann abgesprungen sei. Aber nach den peinlichsten Berechnungen mußten die erfahrenen Kriminalisten feststellen, daß keine dieser Möglichkeiten in Frage kommen konnte.
Der Arzt ordnete die Überführung der Leiche ins Schauhaus an. Die Beschlagnahme durch die Staatsanwaltschaft war schon telegraphisch ausgesprochen worden.
„Vielleicht wird das Rätsel durch die Obduktion gelöst“, sagt Dr. Hofer.
Der Doktor zuckt die Achseln. „Unwahrscheinlich, Herr Regierungsrat, daß sich noch neue Gesichtspunkte ergeben sollten.“
„Und wann, nehmen Sie an, ist der Tod eingetreten?“
„Vor etwa vier Stunden“, antwortete der Arzt.
Der Regierungsrat sah den Kommissar vielsagend an.
„Die Witwe behauptet doch ...“
„Ja, sie behauptet, der Überfall habe gestern Abend um 11 Uhr stattgefunden. In dieser Aussage liegt, denke ich, der Mittelpunkt des Rätsels. Frau Gerda Holl hat erklärt, sie habe sich um 11 Uhr abends zurückgezogen. Alsbald sei der Überfall erfolgt. Nehmen wir an, sie habe nicht auf die Uhr gesehen und überhaupt keinen rechten Zeitbegriff mehr gehabt — sie war schläfrig — zerstreut —“
„Haben Sie nicht bemerkt. Herr Dr. Trettner, daß im Zimmer der Witwe dem Bett gegenüber eine Uhr steht? Sie soll keinen Blick darauf geworfen haben, als sie sich entkleidete? Und dann, nach der Fesselung durch die Eindringlinge mußte sie ja den Kopf nach jener Seite hin gerichtet halten!“
„Sie verlor doch das Bewußtsein“, erwidert Trettner. Aber er lächelt merkwürdig.
„Wir müssen uns noch Klarheit verschaffen“, sagt der Regierungsrat scharf.
Sie gehen wieder zurück in das Schlafzimmer Frau Gerda Holls.
III.
Sie liegt im Bett. Die Dienerin Johanna steht am Fußende, neben ihr sitzt auf der Bettkante Michael, verstört und sichtlich ungehalten, daß die Beamten wieder eintreten. Er hält Frau Gerda an beiden Händen fest, denn sie hat einen verzweifelten Versuch gemacht, zu ihrer Mutter zu gelangen. Michael hat sie verhindert, das Zimmer zu verlassen.
„Fühlen Sie sich so gekräftigt, daß Sie uns einige Fragen beantworten können?“ fragt Trettner, zu Frau Gerda tretend.
Michael macht eine abwehrende Bewegung, aber Frau Holl erklärt, sie sei selbstverständlich bereit, jede erwünschte Auskunft zu erteilen. „Ich habe das allergrößte Interesse daran, daß die Verbrecher so schnell als möglich gefunden und überführt werden!“
Die Beamten ersuchen Michael, das Zimmer wieder zu verlassen. Dann sagt Trettner: „Selbstmord Ihres Gatten ist nach Lage der Dinge vollkommen ausgeschlossen — trotzdem wollen wir die Frage auch nach der psychologischen Seite hin klären. Hat Herr Holl in letzter Zeit Selbstmordgedanken geäußert?“
„Das nicht direkt. Aber er war sehr unruhig und zerstreut.“
„Worauf führen Sie das zurück?“
„Ich kann keine stichhaltigen Gründe dafür angeben. Vielleicht hatte er eine Geliebte.“
„Haben Sie Anhaltspunkte?“
„Ja und nein.“
„Halten Sie Selbstmord für möglich?“
„Sie sagen doch selbst —“
„Könnten nicht doch Streitigkeiten und Unstimmigkeiten, die offenbar zwischen Ihrem Gatten und Ihnen bestanden, ihn sehr deprimiert haben?“
„Nein. Daraus machte er sich gar nichts.“
Der Arzt hatte inzwischen die Beschlagnahme des Glases mit Limonade angeordnet, das in Frau Gerdas Zimmer stand. Ein Beamter, der unauffällig den Raum durchsuchte, kam mit einem kleinen Arzneifläschchen. Es war leer.
„Lag hinter dem Waschtisch“, meldet er.
Der Regierungsrat liest die Aufschrift: „Somnacetin. Ein starkes Schlafmittel.“
„Ich muß immer Schlafmittel nehmen“, erwidert Frau Gerda schroff.
„Hat Ihnen der Arzt dieses Mittel verordnet?“
„Nein. Ich erhalte es ohne Rezept von einem befreundeten Apotheker.“
„Wie heißt er?“
„In der Innenstadt.“ Frau Gerda gibt den Namen des Apothekers an.
„Wann haben Sie die Flasche gekauft?“
„Vor etwa acht Tagen. Ich kann mich nicht genau entsinnen.
„Dann haben Sie fast täglich diese Schlafmittel eingenommen?“
„Ja, fast täglich.“
„Nahm Ihr Mann auch Schlafmittel?“
„Ja! Er konnte sehr schlecht schlafen!“
„Hat er gestern abend auch Somnacetin eingenommen?“
„Das weiß ich nicht. Er hielt sich seine eigenen Mittel“.
„Wir haben aber nichts gefunden.“
Frau Gerda schweigt.
„Werden Sie die Banditen, die Sie überfallen haben, wiedererkennen, wenn wir sie Ihnen gegenüberstellen?“ fragt der Kommissar.
„Sicher“, erwidert Frau Gerda ruhig. „Ich glaube sogar zu wissen, wer der eine der beiden gewesen ist!“
„Und das sagen Sie uns erst jetzt?“
„Weil ich meiner Sache noch nicht sicher bin. Ich möchte unter keinen Umständen irgend jemand ungerecht verdächtigen!“
Sie wendet den Kopf und sendet Johanna einen langen Blick zu. Michael tritt eben wieder ein. Er erschrickt. Welch leidenschaftlicher Haß flammt da im Gesicht dieser Johanna auf!
Was bedeutet das? Er ruft sich blitzschnell in Erinnerung, was er bisher über das Verhältnis der beiden Frauen weiß. Johanna steht schon seit vielen Jahren in Frau Gerdas Diensten. Er erinnert sich jetzt an Kleinigkeiten, die er früher kaum beachtet hat, die ihm aber doch aufgefallen sind: An den stummen Widerstand, den Johanna allen Befehlen ihrer Herrin entgegensetzte. Die schweigende Vertraulichkeit, die sie an den Tag legte. Und eine seltsam träge Zurückhaltung, die sie allen Familienmitgliedern gegenüber zeigte.
Nur ein Mensch schien ihre ganze Liebe zu besitzen:
Ihr Sohn Alexander.
„Ich bitte um Verzeihung“, sagt Michael. „Ich muß fort. Man erwartet mich im Auswärtigen Amt.“
„Geduldigen Sie sich bitte noch einen Augenblick! Wir kommen gleich zu Ihnen“, erwidert der Regierungsrat.
„Wo ist Alexander?“ fährt Michael, zu Johanna gewendet, fort. „Ich möchte ihn mit einem Auftrag fortschicken.“
„Sie dürfen hier niemanden fortschicken!“ sagt der Regierungsrat schnell.
Michael sieht sich um. „Alexander ist ja auch nicht hier.“
Durch die offene Tür sieht man im anstoßenden Zimmer Hans, den Chauffeur des Hauses, zwischen der Zofe und der Köchin stehen.
„Wer ist das, Alexander?“ fragt rasch der Kriminalrat.
„Johannas Sohn.“
„Ja, mein Sohn!“ ruft Johanna unnatürlich laut. „Er hat ein kleinen Bummel gemacht und ist noch nicht zurückgekehrt.“
„Dann wird es aber Zeit, daß er jetzt nach Hause kommt“, bemerkt der Regierungsrat und sieht auf die Uhr. „Wie alt ist denn Ihr Sohn?“
„Siebzehn Jahre“, erwidert Johanna.
„Wäre es nicht besser, Sie ließen einen so jungen Mann nicht bis in den Morgen hinein bummeln?“ meint Trettner jovial. „Haben Sie denn so viel Geld, um dem Jüngling solche Nachtfahrten zu ermöglichen? Hat er keine Stellung?“
Hier mischt sich Frau Gerda ein:
„Alexander ist mein Gärtner.“
Einen Augenblick sehen die Beamten Frau Holl schweigend an.
„Dulden Sie denn, daß Ihr Angestellter die Nächte außer dem Hause verbringt? Ein so junger Angestellter?‘
Frau Gerda zuckt die Achseln.
„Was soll ich tun? Sie wissen ja, wie das heutzutage ist! Man hat keine Gewalt über die Leute.“
Die Blicke richten sich auf Johanna. Sie lacht frech. Michael, der noch immer im Zimmer steht, empfindet zum erstenmal gegen sie mehr als Unbehagen. Er haßt sie.
„Mit siebzehn Jahre schon Gärtner?“ bemerkt Trettner, sich an Frau Holl wendend. „Sie haben doch einen sehr gepflegten Garten. Diese Kreuzungen von Astern, die herrlichen Gladiolen.“
„Alexander ist kein gelernter Gärtner“, erwidert Frau Gerda.“ Er zieht stets einen Gärtner, der in der Kantstraße wohnt und stellungslos ist, zu Rate.“
Trettner schüttelt verwundert den Kopf.
Der Lärm von Stühle- und Schränkerücken, der schon lange in das Schlafzimmer Frau Gerdas gedrungen ist, verstärkt sich unangenehm.
„Was heißt das?“ fragt sie plötzlich zornig. Zum erstenmal verliert sie die überlegene Ruhe.
„Ich habe angeordnet, daß Haussuchung gehalten wird“, erwidert der Regierungsrat.
„Haussuchung? Das soll heißen, daß Sie mein Privatleben durchstöbern? Daß Sie meine Schränke durchsuchen lassen? Und nur deshalb, weil ich von Verbrechern überfallen worden bin?“
„Unsere Anordnungen stehen natürlich damit im Zusammenhang!“ fällt Trettner ein. „Wir müssen wissen, welche Leute als verdächtig gelten können. Und dann,“ hier ändert Trettner um eine Nuance den Ton, „und dann verstehen wir nicht, wie Sie, gnädige Frau, sich bezüglich der Zeit des Überfalls so irren konnten. Dieser Überfall hat in den frühen Morgenstunden stattgefunden. Sie nannten uns die elfte Abendstunde. Solche irrigen Aussagen erschweren uns natürlich die Nachforschungen ungemein, so daß wir umsomehr auf das Ergebnis unserer eigenen Feststellungen angewiesen sind.“
Frau Holl schaut die Anwesenden der Reihe nach an.
„Aber der Überfall hat tatsächlich abends zwischen elf und zwölf Uhr stattgefunden. Ich kann Ihnen nichts anderes sagen.“
„Der Tod Ihres Gatten ist erst gegen 3 Uhr morgens eingetreten“, wirft der Kriminalrat ein.
„Was beweist das? Er hat eben noch so lange gelebt.“ Sie bricht in Tränen aus. „Ich hätte ihn also noch retten können, wenn ich nicht hier hilflos angebunden gewesen wäre!“ ruft sie. „Mein Gott, wie entsetzlich, sich vorzustellen: Nebenan rang der Unglückliche stundenlang mit dem Tode ...“
„Wenn Sie glauben, der späte Tod Ihres Gatten beweise nichts gegen die Unrichtigkeit Ihrer Aussage, was die Zeit des Überfalls betrifft, so befinden Sie sich in einem verhängnisvollen Irrtum, gnädige Frau! Der Tote war regelrecht aufgehängt. In dieser Lage bleibt ein Mensch nicht viele Stunden hindurch am Leben!“
„Und wenn er nun erst später ermordet worden wäre? Wissen Sie und ich, was sich in dem Zimmer meines Mannes abgespielt hat, nachdem ich das Bewußtsein verloren hatte? Der Lärm, den ich hörte, muß ja nicht schon das Signal zur Ermordung meines Mannes gewesen sein!“
Trettner lächelt.
„Das ist richtig. Sie sind sehr scharfsinnig, gnädige Frau, aber diese seltsame Ruhe der Betrachtung des Falles, die Sie zur Schau tragen, ist mir, ich gestehe es offen, nicht sympathisch!“
Hier mischt sich Michael in die Vernehmung.
„Ich protestiere dagegen, daß Sie in versteckter Form Frau Holl geradezu der Mitwisserschaft oder Mittäterschaft an diesem furchtbaren Verbrechen bezichtigen!“ sagt er heftig. „Ich bin entschlossen, diesem unwürdigen Dialog ein Ende zu bereiten!“
„Herr Legationssekretär,“ sagt der Regierungsrat scharf, „ich bitte Sie, sich in einem der anstoßenden Zimmer zu unserer Verfügung zu halten. Ich habe schon einmal dieses Ersuchen an Sie gestellt. Wir werden Sie noch vernehmen, und schon deshalb dulde ich nicht, daß Sie länger bei Frau Holl verweilen!“
„Wahrscheinlich, weil ich auch verdächtig bin,“ lacht Michael zornig auf.
Trettner dreht ihm sein Gesicht zu:
„Verdächtig? Niemand ist hier zunächst verdächtig. Aber die Tatsache, daß Sie, Herr Legationssekretär, der letzte in dieser Nacht und der erste heute morgen — was dasselbe ist — in diesem Hause gewesen sind, werden Sie zugeben?“
Michael schaut den Kriminalrat mit hochgezogenen Brauen an. Wortlos verläßt er den Raum. An der Tür, schon im anderen Zimmer, wendet er sich um und zwingt den Polizisten, der den Regierungsrat und den Kriminalrat begleitet und die Tür hinter ihm schließen will, zurückzutreten: „Keine Sorge, Mama! Ich lasse Sie nicht aus den Augen! Es gibt noch höhere Instanzen als eine Mordkommission.“ Die Tür schließt sich hinter ihm. Er geht ins Eßzimmer und wird Zeuge einer Vernehmung, die ein Kriminalkommissar Weiß mit dem Personal anstellt.
Er hört eben:
„Und wer hat Ihnen und der Köchin für diese Nacht Erlaubnis zum Ausgang erteilt?“
„Frau Holl“, erwidert heulend die Zofe.
„Das ist aber ein ganz ungewöhnlicher Vorgang! Oder haben Sie öfter schon Erlaubnis bekommen, die ganze Nacht außer dem Hause zu verbringen?“
„Oh ja“, sagt die Köchin, eine breitspurige Ostpreußin mit rotem Gesicht. „Was ist denn dabei? Wir wollen uns auch mal Berlin ansehen! Oder glauben Sie, das Vergnügen ist nur für die reichen Leute da?“
„Darnach hat Sie niemand gefragt“, erwidert der Kommissar. „Haben Sie selbst für diese Nacht um Urlaub nachgesucht — oder wurde er Ihnen angeboten?“
Die beiden Mädchen sehen sich an.
„Frau Holl,“ beginnt die Köchin zögernd, „Frau Holl hat gesagt, wenn wir wieder mal fortwollten, heute Nacht hätte sie nichts dagegen — das hat Frau Holl gesagt!“
„Und sonst — wenn Sie sonst ausgingen — wurde Ihnen da auch von Frau Holl ein solcher Vorschlag gemacht — oder haben Sie sonst immer selbst um Urlaub nachgesucht?“
„Ja, sonst haben wir das wohl so gehalten!“
„Achten Sie auf Ihre Aussage: Sie ist von großer Wichtigkeit! Bitte: Erinnern Sie sich an einen einzigen Fall, wo Frau Holl Ihnen einen nächtlichen Urlaub angeboten hat — außer gestern?“
„Nee“, erwidert statt der Köchin die Zofe, eine richtige Berliner Pflanze, mit einer kecken Stupsnase und einem phantastischen Wuschelkopf. „Nee! Sonst hat sie immer geschimpft, wenn wir nachts fortwollten...“
Der Kommissar nickt befriedigt und diktiert einer Stenotypistin, die teilnahmslos und verschlafen stenographiert, die Aussagen.
Was heißt das alles? denkt Michael. Plötzlich wird ihm erschreckend klar, daß die ganze Voruntersuchung immer mehr gegen Frau Gerda geführt wird. Ein heißer Haß gegen die Polizei quillt in ihm auf.
Aber er schweigt. Er nimmt sich vor, aufmerksamer Zuhörer zu sein, um im entscheidenden Moment einzugreifen.
Plötzlich fällt ihm Helen ein.
Helen!
Er will hinaus, um ein Telegramm an sie aufzugeben.
Arme Helen! denkt er. Arme, arme Helen! Zum Glück ist wenigstens deine Mutter am Leben geblieben! Was wirst du zu diesem traurigen Ende deines Vaters sagen? Er sieht sie in Gedanken vor sich: Im dunklen Reisekleid, die maßlos erschreckten Augen auf eine Zeitung geheftet — —
„Verzeihung“, sagt der Polizist, der die Tür besetzt hält. „Ich kann Sie nicht hinauslassen!“
„Herr Kommissar!“ ruft Michael. „Bin ich hier gefangen?“
„Keineswegs, mein Herr! Aber wir können nicht dulden, daß Sie sich entfernen, ehe Ihre Vernehmung stattgefunden hat.“
„Ich habe aber ein wichtiges Telegramm aufzugeben!“
„Wir werden es besorgen. An wen wollen Sie depeschieren?“
„An Helen Holl“, erwidert Michael widerwillig.
„Wer ist das?“
„Die Tochter des Hauses — und meine Braut!“
Der Beamte sieht ihn forschend an, wie Michael meint, nicht ohne Mitgefühl.
„Bitte schreiben Sie, wenn Sie wollen, bedienen Sie sich in meiner Gegenwart des Telephons! Die Post nimmt auch telephonische Aufträge für Telegramme entgegen.“
Michael depeschiert also an Helen:
„Abreise sofort! Säume keine Stunde. Ich erwarte dich! Michael.“
„Die Dame wird inzwischen aus den Zeitungen alles erfahren“, bemerkt Kommissar Weiß.
Michael schweigt. Er setzt sich und stützt den Kopf in die Hände. Es ist zu viel, was auf ihn einstürmt. Er stellt sich die zarte Helen vor, wie die Schreckensnachrichten über sie hinwegfluten — und er, Michael, kann sie nicht trösten, kann ihr nicht helfen!
„Ich werde ihr entgegenfahren“, sagt er, plötzlich aufspringend. „Ich verlange meine sofortige Vernehmung.“
Aber dann fällt ihm wieder die Gelähmte ein. Ehe er zu Frau Holl ins Schlafzimmer zurückkehrte, war er bei der unglücklichen Mutter Frau Gerdas gewesen.
Er hatte sie zwischen Beamten und Ärzten zurückgelassen. Nie im Leben wird er die todestraurigen Augen vergessen, mit denen sie ihm nachsah.
Aber alle Versuche, sie zum Sprechen zu bringen, waren erfolglos. Nicht einmal den Augapfel konnte sie bewegen. Richtete man Fragen an sie, dann veränderten ihre Augen die Farbe, den Glanz, den Ausdruck, — aber wer war imstande, diese Sprache zu verstehen?
Der Kommissar gab Michael die Erlaubnis, sich in Begleitung eines Polizisten wieder ins Erdgeschoß zu begeben. Aber er fand die Großmutter dort nicht vor. Polizisten und herbeigerufene Sanitätsbeamte hatten sie in das erste Stockwerk getragen, wo sich ihr Zimmer am Ende der Galerie befand.
Als Michael dort eintrat, fand er den Polizeiarzt, ferner Dr. Marholm, den Hausarzt der Familie, und einen Sanitätsbeamten vor.
„Frau Leyden will sich unter keinen Umständen aus dem Hause transportieren lassen“, sagt der Hausarzt zu dem eintretenden Michael.
„Aber sie kann ja gar nicht sprechen“, erwidert dieser und eilt zu der Gelähmten.
„Der Ausdruck ihrer Augen sagt mir alles“, meint Dr. Marholm. „Es liegt ein Bluterguß im Gehirn vor. Wir müssen darauf bestehen, daß Frau Leyden in ärztliche Behandlung in ein Sanatorium kommt. Vollkommene Lähmung, wie ich sie in dieser Form noch gar nicht beobachten konnte! Haben Sie übrigens eine Ahnung, Herr Michael, was die alte Dame gestern abend noch im Erdgeschoß zu suchen hatte?“
Michael fühlt die Augen des Polizeiarztes auf sich gerichtet. Er ist überreizt und nervös durch so viel kriminellen Spürsinn.
„Mein Gott“, sagt er, „sie wird etwas in der Küche gesucht haben! Das Personal war doch ausgegangen!“
„Aber es muß eine furchtbare Aufregung vorhergegangen sein! — Oder sie ist von einem schrecklichen Ereignis überrascht worden!“ sagt der Polizeiarzt.
Michael zuckt die Achseln. Ihm kam das alles gar nicht wahrscheinlich vor. Er fand, daß alle diese Leute die einfachsten Begebenheiten rein kriminell beurteilten und dadurch zu Fehlschlüssen gelangen mußten.
Der Anblick Frau Leydens war grauenerregend. Diese kluge Frau, immer voll Interesse für die Ereignisse des Tages, künstlerisch veranlagt, eine ausgezeichnete Kennerin der zeitgenössischen Literatur, saß vor Michael und den fremden Leuten, den Ärzten und den Beamten, unfähig, ein Glied zu rühren oder eine Auskunft zu erteilen, und sah nur, schaute nur! Lebte und war tot! Ein lebender Leichnam, ein atmender Mensch — und doch nur ein Phantom!
Was wußte sie?
War dieser schreckliche Schlaganfall wirklich ein Zufall gewesen? Oder hing er mit den geheimnisvollen Vorgängen dieser Nacht zusammen?
Der Hausarzt behauptete es. Konnte keine andere Erklärung der Katastrophe finden. „Nie habe ich Anzeichen für einen solchen Zusammenbruch an Frau Leyden bemerkt“, sagt er immer wieder. „Von Arterienverkalkung keine Rede!“
„Und was wollte sie zu so später Abendstunde im Erdgeschoß des Hauses?“ das war die immer wieder aufgeworfene Frage.
IV.
Ein seltsames Knurren ließ sie alle umblicken.
Da stand wie aus dem Boden gewachsen, mit heraushängender Zunge, ein Schäferhund. Ein schönes Exemplar aus edler, schottischer Rasse. Er zeigte die Zähne, sträubte das Fell und sah sich mit derselben Erregung um, die in allen diesen Menschen zitterte.
„Was soll das?“ fragt Kriminalrat Trettner, der mit dem Regierungsrat eben aus Frau Gerdas Zimmer kommt. „Wie kommt der Hund hierher?“
Niemand hat ihn hereingelassen. Der Hausarzt lockt das Tier. „Wolf, komm hierher! Was fehlt dir, Wolf? Wo bist du gewesen?“
Das Tier zieht die Rute ein, regt sich aber nicht von der Stelle.
„Holls Hund“, sagt der Arzt.
„Aber wo war der Hund?“ fragt der Regierungsrat. „Wie ist er aus dem Hause gekommen? Wie kam er wieder herein?“
Niemand hat den Hund bisher bemerkt. Von den Polizisten, die die Absperrung des Hauses durchführen — und die ganze Straße steht unter Bewachung — wird Auskunft eingeholt. Sie haben den Hund gesehen — er ist mit einem Menschen hereingekommen, der sich legitimiert hat. Ein schmächtiger, hochgewachsener Mann mit eingefallenem Gesicht löst sich aus einer dunklen Ecke der Galerie und tritt in das Zimmer.
„Ich habe den Hund hereingelassen“, sagt er lachend, im Berliner Jargon. „Die Herrschaften haben Rätsel geraten, was?“
„Wer sind Sie?“ fragt Trettner ärgerlich.
„Alexander Kargiewicz.“
„Ah! Alexander. Wo waren Sie in dieser Nacht?“
„In verschiedenen Lokalen. Weiß nicht mehr so genau!“
„Kommen Sie näher! Wir haben dringend mit Ihnen zu sprechen!“
Alexander gähnt, während er näher in den Kreis der Personen tritt.
„Sagen Sie mal, Menschenskind“, redet ihn der Kriminalrat an, „Sie kommen mit einem Witz hier herein! Wissen Sie denn nicht, was sich hier ereignet hat?“
Alexander, der die Gelähmte schon bemerkt haben muß, wirft der alten Dame einen kurzen Blick zu:
„Schlaganfall, was?“
„Ja, ahnen Sie denn wirklich nicht, daß hier ein Verbrechen geschehen ist?“
„Die Leute am Bau da drüben haben mir so etwas erzählt, als ich vorbeikam, ja!“
„Die Leute haben Ihnen doch sicher gesagt, daß Herr Holl ermordet wurde!“
„Ja, das haben sie gesagt. Und daß Frau Holl verhaftet wurde. Die hat doch den Mann schon lange über gehabt!“
„So! So! Also Sie wissen, daß sich hier etwas Furchtbares ereignet hat, und dann kommen Sie in einer Art herein, als ob hier ein Cabaret wäre! Mann! So betrunken sind Sie doch wohl nicht mehr!“
Alexander holt sich eine Zigarette aus der äußeren Brusttasche, aus der ein spitzenbesäumtes Taschentuch hängt. Dies, sein Gehabe, seine Haltung, alles wirkt feminin an ihm. Umsomehr fällt die Roheit seines Wesens auf. Der Kriminalrat nimmt ihm die Zigarette fort.
„Lassen Sie das! Beantworten Sie meine Frage: läßt Sie das vollkommen kalt, was hier geschehen ist?“
Alexander zieht einen schiefen Mund.
„Das sind Leuteschinder hier, verstehen Sie? Der Alte war so einer und die Gnädige ist auch so eine hochmütige Neureiche. Kann mich nicht berühren, wenn die auch mal unter die Räder kommen.“
Der Hund kam näher, sträubte das Fell und gab einen kurzen knurrenden Laut von sich.
Alexander versetzt ihm einen Fußtritt. Aufheulend weicht der Hund zurück, kommt aber sofort mit drohendem Knurren wieder näher. Bleibt in seiner rätselhaften, gespenstischen Stellung vor dem Beamten stehen und zeigt Alexander die Zähne. Seine Augen glühen unheimlich, und ganz plötzlich bricht er in ein wildes, feindseliges Bellen aus.
„Wo schläft der Hund für gewöhnlich?“ fragt Trettner sichtlich erregt die Zofe.
„Im Zimmer des Herrn Holl!“
„Was hat der Hund gegen Sie?“ wendet sich Trettner an Alexander. Ohne eine Antwort abzuwarten geht er wieder auf die Galerie hinaus und sagt nur:
„Folgen Sie mir!“
Der lange schmächtige Mensch leistet der Aufforderung sichtlich widerwillig Folge. Er schaut sich um. Überall stehen Polizeibeamte und beobachten ihn. Kopfschüttelnd geht er weiter.
Auf Befehl des Regierungsrates führt die Zofe, der das Tier das meiste Zutrauen bezeigt, den Hund hinterher.
Nun befinden sich der Regierungsrat, der Kriminalrat, der Kommissar und die Ärzte mit Alexander im Zimmer des Toten. Der Sanitätswagen, der die Leiche abholen soll, ist noch nicht eingetroffen. Der Tote liegt unter einem Leintuch auf dem Bett.
Trettner tritt an das offene Fenster und blickt hinaus. An der Mauer sind Spaliere mit wildem Wein angebracht.
„Klettern Sie einmal hier hinaus“, sagt der Kriminalrat zu Alexander.
„Hier hinaus? Nanu? Da müßte ich‘n Vogel haben!“
„Sie sind doch in dieser Nacht auch hier herausgeklettert!“
Alexander schaut den Beamten unsicher an und wird kreidebleich.
„Ich? Hier? Aber das ist ja ‘ne Erfindung!“
Der Hund neben ihm knurrt unausgesetzt.
„Versuchen Sie’s“, beharrt Trettner. „Steigen Sie wenigstens auf das Fensterbrett, ich will sehen, welchen Weg der Einbrecher genommen hat, als er das Haus verließ.“
Alexander setzt einen Fuß mühsam vor den anderen. Kaum steht er auf dem Fensterbrett, da reißt sich der Hund mit wütendem Geheul von der Hand des Mädchens los, das ihn am Halsband festhält. Sein Heulen geht in ein infernalisches Bellen über, und mit dem Ausdruck der höchsten Wut stürzt er sich auf Alexander Kargiewicz, der vom Fensterbrett förmlich heruntertaumelt und zu Boden stürzt. Der Ansatz des Hundes aber ist so stark und wild gewesen, daß er in weitem Bogen aus dem Fenster in den Garten geflogen ist.
Das Mädchen schreit auf. Aber der Kriminalrat beugt sich ruhig aus dem Fenster.
„Ein guter Springer. Eben biegt er wieder um die Ecke und jagt um das Haus herum. Nun wissen wir, wie das Tier in dieser Nacht aus dem Fenster kam! Es verfolgte den oder die Verbrecher, als sie den Rückweg antraten!“
Er wendet sich Alexander Kargiewicz zu:
„Sieht es nicht ganz so aus, als ob das Tier in Ihnen den Mann wiedererkannt hätte, der heute Nacht hier eingedrungen ist — der mindestens aus diesem Zimmer geflohen ist?“
„Unsinn“, stammelt Alexander. „Reiner Unsinn!“
Ein Beamter tritt ein. Er hat die Angaben Alexanders über seine nächtliche Bierfahrt in verschiedenen Lokalen telephonisch nachgeprüft.
Nach den ersten Informationen scheint nur ein Teil dessen zu stimmen, was Alexander Kargiewicz behauptet.
„Heben Sie die Arme hoch“, sagt Trettner und wirft dem Schutzpolizisten, der immer zur Verfügung steht, einen Blick zu.
Mit geschmeidigen und geübten Handgriffen durchsucht dieser den jungen Mann. Er fördert eine Menge Gegenstände zu Tage. Einen Dolch, eine Schußwaffe, Liebesbriefe, die auf den ersten Blick nach Handschrift und Orthographie als Absenderinnen Damen der Unterwelt verraten.
Schließlich eine dicke Brieftasche.
Trettner reißt sie auf.
Sie ist unnatürlich prall gefüllt und enthält in großen Scheinen viertausend Mark. Dazu kommen noch einige hundert Mark, die sich lose in der Seitentasche Alexanders vorfinden.
Über Trettners Gesicht geht es wie Wetterleuchten. Aber er legt die Brieftasche zunächst scheinbar achtlos beiseite.
„Wozu brauchen Sie einen Dolch, junger Mann?“
„Die Gegend ist unsicher, Herr Kriminalrat.“
„Und wozu brauchen Sie einen Browning? Wissen Sie nicht, daß es in Deutschland verboten ist, Waffen zu tragen? Sie haben sich bereits dadurch strafbar gemacht.“
„Aber wenn ich angefallen werde, soll ich mich mit Vergnügen killen lassen?“ erwidert Alexander frech. „Hier in der Gegend geht allerhand vor.“
„Das scheint mir auch“, entgegnet Trettner ironisch. „Sagen Sie mal: Sie haben bereits drei Schuß irgendwann abgegeben... wo war das? Wann war das?“
„Es ist lange her. Bei einen Ausflug im Grunewald.“
„Lügen Sie doch nicht so dumm, Mann“, erwidert Trettner zornig. „Wenn Sie im Grunewald dreimal schießen, sind Sie innerhalb einer halben Stunde festgenommen, darauf können Sie sich verlassen.“
„Es war aber doch im Grunewald, und ich wurde nicht festgenommen“, erwidert Alexander gereizt. „Es war nachts und da war weit und breit keiner zum Festnehmen zu sehen.“
Browning und Dolch wandern in die Hände des Polizisten.
Der Kriminalrat wiegt die Brieftasche, in die er die Scheine wieder zurückgeschoben hat, in der Hand.
Dann gibt er sie Alexander zurück.
Mit einer hastigen Bewegung steckt dieser die Tasche ein. In dem Gesicht des Regierungsrates steht das Staunen sichtlich und für jeden zu lesen. Aber auch der Schutzpolizist starrt seinen Vorgesetzten verständnislos an.
Aber niemand spricht ein Wort. Dr. Hofer greift mit keiner Bewegung in die Vernehmung ein.
„Setzen Sie Ihren Hut auf“, sagt Trettner streng.
Mit einer fremden Bewegung kommt Alexander diesem Befehl nach.
„Der Hut ist Ihnen ja zu groß! Ist das überhaupt Ihr eigener Hut?“
„Es ist ein alter Hut. Irgendwer hat ihn einmal bei uns zurückgelassen!“
„Warum tragen Sie einen fremden Hut?“
„Ich habe ihn in der Eile erwischt. Ein Zufall!“
„In der Eile? So eilig hatten Sie es, auf Ihre Bierfahrt zu kommen? Setzen Sie mal den Hut tief in die Stirne! Schlagen Sie den Rockkragen hoch!“
„Ich denke nicht daran, mich hier zum Narren machen zu lassen!“
„Ich rate Ihnen, sich diese Sprache abzugewöhnen! Gehorchen Sie!“
Widerwillig gehorcht Alexander.
Trettner geht wieder in das Zimmer Gerda Holls.
Sie ist aufgestanden und hat Toilette gemacht.
Der Kriminalrat betrachtet sie einige Augenblicke überascht. Sie wirkt wie ein junges Mädchen, denn sie beherrscht die kleinen Kunstgriffe der Kosmetik vollkommen, ohne sie zu übertreiben.
„Wollen Sie mir folgen, Frau Holl?“
„Gern, Herr Kriminalrat!“
Kaum hat sie das Zimmer, in dem ihr Mann gestorben ist, zögernd betreten, da stößt sie einen Schrei aus.
Ihre Augen haften auf dem Mann, den sie nicht erkennen kann, den sie mit hochgeschlagenem Rockkragen und mit tief in die Stirne gedrücktem Hut sieht.
„Ist das einer der Männer, die heute nacht hier eingedrungen sind?“ fragt der Kriminalrat und setzt in einem Tone, den man als Beeinflussung auslegen konnte, hinzu: „Ich bin überzeugt, wir haben den Richtigen.“
„Ja“, erwidert Frau Gerda tonlos. Ich glaube auch“ —
Alexander reißt den Hut vom Kopf und schreit Frau Gerda Holl eine unflätige Redensart ins Gesicht.
„Ich nehme Sie fest“, sagt Trettner und winkt den Schutzpolizisten näher heran.
Der stellt sich hinter Alexander. Frau Holl senkt vor den funkelnden Augen dieses jungen Mannes die ihren.
„Bitte, Frau Holl“, sagt Trettner nachdrücklich. „Sehen Sie sich den Mann an. Ist das einer der Eindringlinge von heute nacht?“
Frau Gerda hebt den Kopf. „Ich habe weder das Gesicht des einen noch des andern gesehen, Herr Kriminalrat.“
Trettner setzt Alexander den Hut wieder so auf, daß das Gesicht unkenntlich wird. Alexander reißt den Hut wieder herunter. Ein Wink Trettners, und schon sitzt die eiserne Acht an dem Handgelenk des Festgenommenen.
„So,“ sagt der Kriminalrat aufatmend, „junger Mann, nun werden Sie sich hoffentlich ruhiger verhalten.“
Er schlägt Alexander wieder den Rockkragen hoch, drückt ihm den Hut von neuem ins Gesicht.
„Sahen so die Leute aus, die bei Ihnen eindrangen?“ wiederholt er seine Frage an Frau Gerda.
„Ja, Herr Kriminalrat, so sahen die Leute aus.“
„Würden Sie also in diesem Menschen einen der Leute wiedererkennen, die Sie überfallen haben?“
„Ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, dieser und kein anderer ist der Mann, der mich mit einem Komplizen überfallen hat. Aber ich kann sagen: genau so sahen die Leute aus!“
Alexander ist ruhig geworden. Er gibt keinen Ton mehr von sich. Die Stahlfessel, an der der Schutzpolizist sein Handgelenk festhält, hat einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Er steht niedergeschlagen da und scheint sich in sein Schicksal zu ergeben. Von seiner Frechheit ist keine Spur mehr zu bemerken. Frau Holl hat sich wieder in ihr Zimmer zurückgezogen.
V.
„Wie sind Sie zu der großen Summe gekommen, die Sie bei sich tragen?“ fragt Trettner, jetzt erst, überraschend den Verhafteten.
Er schweigt.
„Nun, wollen Sie reden? Verstehen Sie noch nicht, wie gefährlich die Beweise sind, die gegen Sie sprechen?“
„Ach, Sie meinen, ich habe das Geld geraubt? Nee! Ich habe es geschenkt erhalten!“ lautet die Antwort.
„Von dem großen Unbekannten, nicht wahr? Die Antwort kennen wir schon von tausend anderen, die sich in der gleichen Lage befanden.“
„Nein, das Geld hat mir meine Mutter geschenkt!“
„So!“ Trettner winkt einem Polizisten zu, aber ehe der Johanna holen kann, meldet sie sich selbst.
Kaum war die Verhaftung Alexanders ausgesprochen, da hatte auch Johanna, die sich im Erdgeschoß befand, davon erfahren.
Wie eine Furie stürzte sie nach oben und warf sich dem Schutzpolizisten, der ihren Sohn festhielt, entgegen.
„Du willst den Jungen mitnehmen?“ schrie sie gellend. „Ihr wollt einen ganz Unschuldigen verhaften, weil ihr unfähig seid, den wahren Schuldigen zu finden?“
Zwei Polizisten schoben sie beiseite. Aber der Sohn klammerte sich blitzschnell an die Mutter, sie hing sich an den Arm des einen Beamten, kurz, es kam zu einer jener Szenen, die die Polizisten oft genug erleben, und die, je nach den Beteiligten, ihre Fassung erschüttern oder sie ernüchtern. In diesem Falle empfanden sie Widerwillen und Verachtung. Denn dieser Alexander machte nicht den Eindruck eines Menschen, dem man Mitleid entgegenbringen konnte. Und diese Frau benahm sich mit solcher Brutalität, daß die Polizisten sich berechtigt glaubten, sie ebenso zu behandeln.
Sie brach in ein Geschrei aus, das den Regierungsrat, der sich zum Verhör Michaels begeben hatte, auf den Schauplatz lockte.
„Was geht hier vor?“ fragte er, während Trettner schweigend, mit nach unten gezogenen Mundwinkeln, die widerwärtige Szene beobachtete.
Johanna wandte sich sofort gegen den neuen Gegner.
„Sie wollen einen Unschuldigen ins Gefängnis bringen?“ schrie sie. „Und warum? Weil die gnädige Frau Ihr Mitleid erregt hat. Weil man die gnädige Frau nicht scharf anpacken will! Weil man froh ist, wenn man überhaupt einen hat, und wenn man der gnädigen Frau weiter keine Ungelegenheiten zu bereiten braucht!“
Der Kriminalrat versuchte vergeblich, den Redestrom der frechen Person zu dämpfen. Sie schrie weiter:
„Mein Sohn ist unschuldig! Völlig unschuldig! Verstehen Sie?“
„Hüten Sie Ihre Zunge“, sagte Trettner jetzt. Er gab den Beamten ein Zeichen. Sie schleppten den brüllenden und mit Händen und Füßen um sich schlagenden Burschen schnell hinweg. Zwei andere Polizisten versperrten Johanna den Weg, die in den abscheulichsten Ausdrücken Frau Gerda Holl beschuldigte, genau zu wissen, wer die Mörder seien.
Trettner öffnete die Tür in das nächste Zimmer.
„Bitte!“ sagte er. „Bitte! Wir sind durchaus dankbar, wenn Sie uns Genaueres sagen wollen. Wir werden niemand schonen. Frau Gerda Holl ganz gewiß auch nicht. Aber Sie werden erst die Freundlichkeit haben, uns aufzuklären, was Sie über Frau Holl wissen und warum Sie eine Frau, in deren Diensten Sie sich so lange befinden, so haßerfüllt verdächtigen!“
Aber Johannas Kraft schien mit dem Paroxysmus ihrer Wut über die Verhaftung ihres Sohnes erschöpft zu sein.
Sie sah die Beamten böse an, aber sie schwieg.
Trettner verwarnte sie darauf noch einmal, Verdächtigungen auszusprechen, die sie nicht beweisen könnte. Aber der Versuch, gerade durch solche Zurechtweisungen Johanna zum Reden zu bringen, schlug fehl! Sie schwieg mit einem verbissenen Gesicht, aber man sah ihr an, daß sie etwas verschwieg, was sie in der ersten Erregung angedeutet hatte.
Da trat der Kommissar ins Zimmer und übergab dem Kriminalrat zwei Briefe.
„In der Privatschatulle Frau Holls gefunden“, sagte er.
Zwei Briefe! Trettner und der Regierungsrat traten ans Fenster und lasen.
„Von dem Liebhaber der gnädigen Frau!“ sagte Johanna bösartig. Aber niemand hörte auf sie. Es waren in der Tat Liebesbriefe. Sie waren in einem vornehmen, zurückhaltenden Ton geschrieben. Man konnte nichts weiter aus ihnen herauslesen, als daß dieser Alfred, der sie unterzeichnet hatte, Frau Holl liebte. Daß er wiedergeliebt wurde. Ja, auch das konnte man den Briefen entnehmen. Der letzte sprach von dem nächsten Beisammensein.
‚... aber, mein Liebling, ich bitte dich, sei vernünftig und versuche, meinen Standpunkt zu begreifen. Wenn dein Gatte nicht wäre, ja, dann könnte alles gut werden für dich und für mich. Aber so wie die Dinge nun einmal stehen — Liebling, ich kann meinen Grundsätzen nicht untreu werden, meiner Tochter wegen kann ich es nicht ...‘
Die Leiter der Mordkommission schauten sich betroffen an.
Dann gingen sie zu Frau Gerda.
Sie saß an einem kleinen Frühstückstisch, aber sie hatte nichts von den Speisen angerührt, die ihr Johanna serviert hatte.
Die Beamten wunderten sich, daß dieselbe Dienerin, die eben noch ihre Herrin in abscheulicher Weise beschuldigt hatte, sich jetzt sofort wieder um sie bemühte.
Sie legten Frau Gerda die Briefe vor.
Frau Holl erbleichte.
„Es ist richtig“, sagte sie verwirrt. „Diese Briefe sind von ihm.“
„Von ihm? Verzeihen Sie, das ist keine Auskunft“, erwiderte Trettner ein wenig ungeduldig. Er sah, wie Johanna sich an das Fenster lehnte und hämisch lächelte.
„Es sind Briefe von Herrn Alfred Kürtner“, erwiderte Frau Gerda.
„Sie stehen in Beziehungen — ich meine, Sie lieben diesen Mann?“
„Ja.“
„Wie soll ich diesen Satz verstehen ... er spricht davon, daß er seinen Grundsätzen nicht untreu werden könne, daß nur dann alles gut werden könne, wenn Herr Holl nicht wäre ...“
„Er will mich heiraten. Ja, ich will seine Frau werden.“ Und mit einer pathetischen Gebärde, die ebenso sehr eine theatralische Geste wie der Ausdruck eines völlig verwirrten Gemütes sein konnte, setzte sie hinzu: „Es ist genug! Ich habe genug getan und gelitten! Ich habe ein Recht auf das Leben! Ja, ich habe ein Recht darauf, noch einmal, ein einziges Mal glücklich zu sein!“
„Und die Grundsätze, die Herr Kürten in seinem Briefe betont?“ wiederholte Trettner seine Frage.
Frau Gerda antwortete nicht gleich. Sie warf einen unsicheren Blick auf Johanna, die anscheinend teilnahmslos zum Fenster hinaussah. „Die Scheidung von meinem Gatten war für mich eine beschlossene Sache“, sagte sie endlich. „Nach vollzogener Trennung von meinem Gatten wäre es mir unschwer gelungen, Herrn Kürten von seinen altmodischen Ansichten zu bekehren.“
„So? Nun ist ja die Scheidung überflüssig geworden“, bemerkte Trettner mit einem scharfen Blick auf Frau Gerdas unruhige Hände, die über der Tischplatte hin und herspielten.
„Ja“, meinte Frau Gerda. „Und so leid es mir tut —“
„Was?“
„Das tragische Ende meines Gatten, meines bisherigen Gatten — so leid es mir tut — einmal mußte eine Lösung kommen — irgendwie! Ich bin nicht schlecht, ich bin nicht verroht, aber — —“ sie schauderte und starrte mit fiebrig glänzenden Augen vor sich hin.
Die beiden Herren wußten nicht, was sie davon halten sollten. Aber Michael, der an der Tür lehnte — er war einfach nicht aus Frau Gerdas Nähe fortzubringen und hatte auch seinen Besuch im Auswärtigen Amt telefonisch abgesagt — Michael hatte die letzten Wort Frau Holls gehört und kam ihr zu Hilfe.
„Holl war nicht gut gegen Frau Gerda“, sagte er mit einer seltsam hohlen Stimme. Die Beamten sahen ihn an.
„Was heißt das? Sie sind schon wieder hier? Welchen Grund haben Sie, Frau Holl zu verteidigen? Stand Ihnen Ihr Freund Holl nicht näher?“
„Er stand mir sehr nahe, denn er war der beste Freund meines Vaters. Aber deshalb muß ich doch sagen, was ich beobachtet habe. Daß er seine Frau mißhandelt hat! Daß er sehr häßlich zu ihr war! Daß er sie grundlos verdächtigte! Kurz: er entpuppte sich in den letzten Jahren als ein Mann, der eine Frau, diese Frau, nicht zu schätzen wußte!“
„War er eifersüchtig?“ fragte der Regierungsrat.
„Sehr!“
„Grundlos?“
„Völlig grundlos!“
„Sind Sie überzeugt, daß Frau Holl ihrem Mann eine treue Gattin gewesen ist?“
„Durchaus! Es ist kein Zweifel erlaubt!“
„Dann schalten Sie als Entlastungszeuge aus, Herr Legationssekretär“, sagte der Kriminalrat höflich. „Da es aber notwendig ist, daß Sie über die Angelegenheit informiert sind, bitte ich Sie um eine Besprechung unter vier Augen!“
Frau Gerda saß unbeweglich. Ihr Gesicht war spitz, doch der Reiz ihrer jugendlichen Schönheit blieb trotzdem.
Es vergingen Minuten.
Frau Holl warf Johanna einen langen, traurigen Blick zu.
Der Regierungsrat, der im Zimmer geblieben war, sich aber abgewandt hatte, sah im Spiegel die höhnische Fratze dieser Frau.
Er drehte sich um.
„Hassen Sie Frau Holl?“ fragte er unvermittelt.
Johanna wurde rot.
„Hassen? Die gnädige Frau? Ich? Warum? Nein. Die gnädige Frau wird von mir über alle Maßen geschätzt!“
War das nun Hohn? War es Verstellung?
Der Regierungsrat konnte sich mit der Frage nicht weiter befassen, denn Michael kam mit dem Kriminalrat herein.
Seine Augen glänzten unnatürlich.
„Arme Mama!“ sagte er zum Erstaunen des Leiters der Mordkommission. „Arme Mama! Was müssen Sie gelitten haben!“
Er wandte sich an Regierungsrat Dr. Hofer.
„Nichts kann die Verehrung für die Mutter meiner Braut erschüttern! Nichts! Ich kenne sie! Wie sie auch gehandelt haben mag — wir sind alle Menschen! Und ich allein weiß, was sie hier gelitten hat!“
Damit waren die Vernehmungen im Hause des Mordes erledigt. Die Beamten fuhren ins Polizeipräsidium, die Schutzpolizei wurde zurückgezogen bis auf einen Polizisten, der zur Verfügung blieb. Frau Holl hatte erklärt, daß sie das Haus nicht räumen, nicht ins Hotel übersiedeln wolle. Michael nahm in einer Pension am Kurfürstendamm Wohnung.
Noch am gleichen Tage fuhr Kriminalrat Trettner nach Prenzlau und von dort mit einem Auto auf das Gut Alfred Kürtners.
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