Kitabı oku: «Ein moderner Lederstrumpf»

Yazı tipi:

Ein

moderner

Lederstrumpf

Robert Kraft

Inhaltsverzeichnis

1. Capitel. Aus Laune.

2. Capitel. Zu spät gekommen.

3. Capitel. Ein Weltenbummler.

4. Capitel. Der achte September.

5. Capitel. Wieder verdorben.

6. Capitel. Ach, wenn er doch käme.

7. Capitel. In der Prairie.

8. Capitel. Das Verhältniss ändert sich nicht.

9. Capitel. Die Reise wird gefährlich.

10. Capitel. Die Ankunft.

11. Capitel. Auseinandersetzungen und Entdeckungen.

12. Capitel. Ruhetage.

13. Capitel. Mister Schade.

14. Capitel. Die Fahrradprobe und eine Schwimmlection.

15. Capitel. Die unglückliche Hose.

16. Capitel. Die letzte Stadt.

17. Capitel. In der Prairie.

18. Capitel. Das Kriegszeichen.

19. Capitel. Fünf Tage Verlust.

20. Capitel. Colonel Sidney Horst.

21. Capitel. Belagert.

22. Capitel. All Heil!

23. Capitel. Ohne Wasser.

24. Capitel. Ohne Hoffnung.

25. Capitel. Ausgespielt und ausgefochten.

26. Capitel. Der verhängnissvolle Schuss.

27. Capitel. Schluss.

Impressum


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Alle Rechte vorbehalten

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1. Capitel.

Aus Laune.

Pall-Mall heisst der Stadttheil Londons, in welchem sich die Paläste der vornehmen Clubs befinden, deren Mitgliedssteuer im Jahre durchschnittlich zwanzig Pfund Sterling beträgt. Fast das Doppelte und hundert Pfund Eintritt kostet der Lady-Champion-Club.

Seine Mitglieder sind fast nur unverheirathete Damen, meist selbstständig, alleinstehend. Was soll man denn nur mit der fürchterlich vielen Zeit anfangen! Die Eine sammelt Briefmarken, die Andere führt Buch über die ihr täglich begegnenden Schimmel, die Dritte liest alte Stiefeleisen von der Strasse auf — man dressirt Meerschweinchen und füttert Möpse todt — sie spielen Whist, Theater, Billard, Lawn-Tennis — sie reiten, turnen, fechten, schwimmen, fahren Rad und rennen mit dem Kraftwagen den festesten Laternenpfahl und den standhaftesten Policeman über den Haufen. Der Club ist die einzige Zuflucht vor dem schrecklichen Gespenst der Langenweile, hier kann man wenigstens in Gesellschaft gähnen — bis Heirath oder ein anderes Ereigniss ihrem Leben eine nützlichere Richtung giebt, ausgenommen bei einigen emancipirten Fanatikerinnen, welche am liebsten die ganze Männerwelt als einen Missgriff der Schöpfung ausrotten möchten.

In dem prunkvollen Bibliothekszimmer befanden sich zwei junge Damen. Die Eine, vor dem Tische stehend und mit einem Cirkel auf Landkarten messend, vertrat den Typus der normannischen Rasse, welche zur Zeit, als sie England eroberte, schon stark mit französischem Blute gemischt war: schwarz, tiefbrünett, klein, zierlich, aber voll; im uebrigen ein schönes, gereiftes Weib, Lady Judith Barrilon, eine kinderlose Wittwe. Die Andere dagegen, welche sich in dem amerikanischen Schaukelstuhle wiegte, Miss Ellen Howard, war angelsächsischen Stammes, die echte, schlanke Engländerin mit dem aschblonden Haar, den blaugrauen Augen, der geraden, stolzen Nase und dem wunderbaren Teint, welcher an Schläfe und Hals die blauen Aederchen durchscheinen lässt.

»Nun? Wieviel Meilen sind es?«

»Einen Augenblick noch, liebe Ellen, ich bin gerade bei Europa.«

Seit gestern prangte an allen Ecken Londons ein riesengrosses Plakat in bunten Farben, einen von einem langhaarigen Windhunde begleiteten Radfahrer darstellend, der sich in einem ganz merkwürdigen Lande in einer ganz gefährlichen Lage befand. Zunächst versuchte ihn ein hinter ihm her in Carriere reitender Araber mit seiner Lanze anzuspiessen; dann wollte ihm ein Australneger, der mit dem Pferde gleichen Schritt hielt, mit der Kriegskeule den Schädel einschlagen; ein Indianer, welcher auch nicht schlecht laufen konnte, hatte es offenbar auf seinen Scalp abgesehen; ein Malaye wollte ihn mit dem Kris anstechen; bequemer hatte es ein Tatar hoch zu Kameel, und diesen zweifüssigen Verfolgern schlossen sich ein zähnefletschender Löwe, ein Panther und sogar eine Riesenschlange an.

Doch das Publicum brauchte so wenig wie der Radfahrer Angst zu haben, denn darüber stand in grossen Lettern: »Das Globe-Rad holt Niemand ein« und darunter: »In fünfhundertundzwölf Tagen auf ein und demselben Globe-Rade rund um den Erdball« und dann weiter wurde gesagt, dass dies der berühmte Mr. Harry C. Stout sei, über dessen Abenteuer die Globe-Rad-Fabrik eine Broschüre herausgegeben habe, welche Jedem gratis und franco zugeschickt würde.

Nun, lauter Schwindel war dies nicht. Jener Stout hatte diese Reise gemacht. Man hatte oft in den Zeitungen von dem Weltenfahrer gelesen, manchmal hatte Jemand im Ausland, der ihm begegnet, einen Bericht über ihn geschickt; als einmal in Beludschistan ein europäischer Radfahrer massacrirt worden war, hatten sich auch Andere als nur Sportsmen für ihn interessirt — doch Mr. Stout war das nicht gewesen, denn der war vor einigen Tagen gesund zurückgekehrt; das Rad, das er benutzt, stand jetzt lorbeerbekränzt und noch mit dem letzten Schmutze bedeckt in einem Schaufenster der Regentstreet. Und die Maschine sah allerdings aus, als ob sie etwas erzählen könne; in den Knochenhandgriffen waren ganz deutlich die Fingerabdrücke zu erkennen, und da waren einige Reparaturen vorgenommen und in einer Weise ausgeführt worden, welche einen Fahrradschlosser oder auch einen knotenkundigen Matrosen über die technische Geschicklichkeit dieses Sportsmans nachdenklich machen musste.

Lady Judith maass den zurückgelegten Weg aus. Von London mit dem Schiffe nach New-York, quer durch Amerika nach San Francisco, wieder mit dem Dampfer über Singapore nach Calcutta, und nun die grosse Landtour Nagpore, Bombay, nordwärts die Küste entlang über Hyderabad am Indus, durch Beludschistan, durch Persien über Kerman und Ispahan, weiter über Bagdad, Aleppo, Constantinopel, Belgrad, Wien, Frankfurt a. M., Antwerpen zurück nach London.

»Das sind,« sagte jetzt Lady Judith, »rund 8500 Meilen, welche er per Rad zurückgelegt hat, und ich kann ja nur die Luftlinie von Stadt zu Stadt messen; was mag da Alles noch dazukommen. Eine ganz erstaunliche Leistung!«

»Wie viel Meilen kommen da durchschnittlich auf den Tag?« Jene nahm statt des Cirkels den Bleistift zur Hand. »Da ist zunächst die Seefahrtszeit abzurechnen. Die Reise von San Francisco nach Calcutta wird allein vier bis fünf Wochen in Anspruch nehmen — ich will, um eine runde Zahl zu bekommen, auch die Wartezeit bedenkend, 62 Tage abziehen. 8500 Meilen dividirt durch 450. Sagen wir: 19 Meilen den Tag.«

»Nicht mehr?!« erklang es verächtlich vom Schaukelstuhle her. »Da sehen Sie, wie man sich von grossen Zahlen täuschen lässt. 19 Meilen den Tag! Das ist ja ein Kinderspiel.«

»Na, na, liebe Ellen, machen Sie das einmal nach. Und dann müssen Sie doch auch die Verhältnisse bedenken. Man fährt nicht in der Luft, sondern auf krummen Wegen, und was für Wege mögen dies manchmal sein.«

»Immerhin, dies verdient wirklich keine Bewunderung. 8500 durch 30 macht ungefähr 280 — sagen wir 32 Meilen pro Tag — jawohl, ich will die ganze Geschichte in 300 Tagen machen.«

Die längere Pause entstand dadurch, dass Lady Judith ein silbernes Etui aus der Tasche zog, ihm eine Cigarette entnahm, diese bedächtig anbrannte und erst einige Rauchwölkchen durch die kleine, gebogene Nase blies.

»Sie?« lachte sie dann spöttisch, und merkwürdig war es, dass sie erst so spät lachte. »Verzeihen, Sie, Miss Howard — aber wirklich — ich stellte Sie mir nämlich vor, wie Sie durch Indien radeln, jeden Tag 32 Meilen. Ich war schon in Indien. Nein, liebe Ellen, das könnten Sie nicht fertigbringen.«

»Ich spreche ja gar nicht von mir,« rief Ellen gereizt, hustend und mit dem Taschentuche wedelnd. »Aber glauben Sie denn, ich könnte nicht 32 Meilen den Tag fahren?«

»Jawohl, auf der Landstrasse von London nach Oxford, den Wind im Rücken, und hinterher ruhen Sie sich drei Tage lang aus,« spottete die Cigarettenraucherin weiter.

»Oho, ich bin von hier nach Edinburg in 7 Tagen gefahren, das sind ungefähr 40 Meilen am Tage, und ich war nicht im geringsten ermüdet. — Bitte, Judith, blasen Sie den Qualm doch nach der anderen Seite.«

»Aber das war immer nicht in Indien, dort dürfte Cigarettenrauch das kleinste Uebel sein. Nein, meine Liebe, geben Sie sich doch keinen Illusionen hin. In 300 Tagen können Sie diese Strecke, zu welcher jener Mann 512 Tage gebraucht hat, nicht machen. Ich habe ihn gesehen, er ist übrigens ein Deutscher, »stout« ist auf deutsch »stark«, Curt Starke heisst er, und der sieht gar nicht aus, als ob er sich mit Kinderspielereien abgebe.«

»Wie der aussieht, ist mir ganz gleichgültig, und ich behaupte: ich könnte dieselbe Tour in 300 Tagen zurücklegen. Ueberlegen Sie sich doch die Sache, Judith. Auch Sie lassen sich wiederum von Zahlen täuschen. 32 Meilen den Tag, was ist denn das!! Wie der Weg auch beschaffen ist, vier Meilen in der Stunde mache ich doch, das ist nur wenig schneller als ein Fussgänger, ich trete also jeden Tag meine acht Stunden ab, in aller Ruhe, suche mir dazu die beste und kühlste Tageszeit aus, dann kann ich ja wieder 16 Stunden Pause machen und wenn ich auch einmal viele Tage lang das Rad schieben muss, so hole ich die verlorene Zeit auf gutem Wege wieder ein. In 300 Tagen mache ich es bequem.«

»Ja, mit dem Munde.«

Mit einem Ruck blieb der Schaukelstuhl plötzlich stehen.

»Bitte, Mylady, erinnern Sie sich gefälligst, dass Sie nicht mit Ihrer Kammerjungfer sprechen, welche derartige Ausdrücke von Ihnen gewöhnt sein mag — ich bin's nicht!«

Wie sich die beiden Freundinnen hassten! Natürlich stand »Er« zwischen ihnen.

Lady Judith wandte ihr den Rücken zu und hob die vollen Schultern.

»Dann sprechen Sie doch nicht so, meine Liebe. Oder beweisen Sie es doch, machen Sie es uns vor. Sie können es nicht.«

»Was kann ich nicht? Was gilt die Wette? 10 000 Pfund?«

Mit hochrothem Gesicht hatte es Ellen gerufen, unüberlegt, es war ja auch nur eine Frage gewesen.

Blitzschnell drehte sich Judith um. In diesem Augenblicke kam eine Schaar Damen aus dem Nebenzimmer in die Bibliothek, sie hatten die ethnographischen Sachen gemustert, welche ein sich in China aufhaltendes Mitglied dem Club geschickt hatte.

»Meine Damen, soeben hat Miss Howard mit mir gewettet, denselben Weg, den Mr. Stout um die Erde genommen hat, in 300 Tagen auf dem Rade zurückzulegen!«

Rufe der Ueberraschung wurden laut; man umdrängte die aufgestandene Ellen, und nur Wenige waren darunter, welche sie bestürmten oder mit ruhigen Worten baten, doch von solch' einem Unternehmen, dessen Gefährlichkeit sie wohl gar nicht ermesse, abzustehen; das könne doch nicht ihr Ernst gewesen sein. Die Meisten waren vielmehr gleich Feuer und Flamme, die Eine fragte schon, ob sie da Rock oder Hose trüge, eine Andere erbat sich aus jeder Stadt eine Ansichtspostkarte und aus dem Ganges ein lebendes Krokodil, das wenigstens einen Menschen gefressen hatte.

Eine ältere, hagere Dame, eine von jenen, welche den Schwur der Ledigkeit abgelegt hatte, nahm die Sache sofort mit englischer Wichtigkeit in die Hand.

»Zu welchen Bedingungen. Die Seefahrtszeit mit in die 300 Tage gerechnet? Gut. Allein oder in Begleitung?«

»Allein, natürlich allein.''

Wieder hatte es Ellen ohne jede Ueberlegung gesagt. Dieses Drängen, dieses Fragen verwirrte sie immer mehr.

»Sie, Miss Howard, behaupten, Sie können es in 300 Tagen leisten? Sie, Lady Barrilon, behaupten, Miss Howard kann es nicht? Allright, das ist eins zu eins. Um was geht die Wette?«

»Um 10 000 Pfund. Eins gegen eins.«

Diesmal aber hatte es Ellen mit Ueberlegung gerufen, und sie sah, wie die Gegnerin die Lippen zusammenpresste.

Genau so viel betrug das Vermögen der jungen Wittwe, und hätte es Sir Barrilon nicht in zwölfprocentigen Gwalioractien angelegt gehabt, sie hätte nicht in diesem Club verkehren, nicht einmal standesgemäss in London leben können. Für Miss Howard dagegen, deren Vater bei Lebzeiten den Pelzmarkt beherrscht hatte, bedeuteten 10 000 Pfund kaum eine jährliche Rente. Und schliesslich war es doch der gleiche Einsatz: hier Leben und Gesundheit, dort das Vermögen.

Es war auch nichts mehr zurückzunehmen, dafür sorgten die begeisterten Damen, welche schon Wetten unter sich auf die Beiden abschlossen.

Die Hauptwette wurde in schriftliche Worte gekleidet, der Weg in grossen Strichen markirt, und das, worauf es ankam, detaillirt. Es war ja ganz einfach. Ausser Schiff und Boot, um über Wasser zu kommen, durfte nur ein durch die Füsse in Bewegung gesetztes Zweirad benutzt werden. Schieben und tragen konnte sie es natürlich, so viel wie sie Lust hatte. In 300 Tagen, von der Abfahrt von London gerechnet, musste sie wieder englischen Boden betreten. Ausserdem allein, also ohne jede Begleitung.

»Halt, hiergegen muss ich mich verwahren,« fiel Ellen ein. »Ich verpflichte mich, keinen Führer zu engagiren, keine Begleitung zu erbitten, aber ich kann Niemandem verbieten, neben mir zu fahren, und sei es wochenlang, und wenn ich Jemand nach dem Wege frage, und er geht, fährt oder reitet mir aus Höflichkeit voraus, so kann ich ihn nicht zurückweisen. Auch muss ich gegen das Verbot der Benutzung eines Wagens eine Einwendung machen. Es kann mir etwas zustossen; ich nehme an, ich werde ohnmächtig, oder ich bin gefangen, kurz, ohne meinen Willen fährt man mich auf einem Wagen, hebt mich auf ein Pferd, so kann dies nicht einen definitiven Verlust der Wette für mich bedeuten.«

Man gab ihr vollkommen Recht. Die Damen wussten ja, um was es sich im Princip handelte, und auf Miss Howard konnte man sich verlassen, da gab es keine Deutelei. Wenn die in einem weltverlassenen Winkel der Erde dies Radfahren überdrüssig bekam, so begab sie sich auf die nächste Station, fuhr mit der Eisenbahn und telegraphirt, so bald sie kommt, nach London: ich habe verloren — und nicht etwa, dass sie, wenn sie sich in der Eisenbahn ausgeruht hatte, ihre Radtour wieder aufnahm. Ja, fast alle Damen glaubten, so würde es kommen, weil eben 10 000 Pfund für sie gar kein Verlust waren; nur eine dachte gerade das Gegentheil, Lady Judith, und sie grub die weissen Zähnchen noch tiefer in die Unterlippe.

Durch die vielen auf sie gerichteten Blicke, durch diese Förmlichkeiten, besonders auch durch das Bewusstsein, dass es nun Ernst geworden, war über Ellen eine unnatürliche Ruhe und Besonnenheit gekommen.

»Heute haben wir den 29. August. Jeden Ersten geht von Liverpool ein Schnelldampfer nach New-York, das weiss ich. Lange vorzubereiten habe ich mich nicht. So werde ich am 1. September England verlassen — und wann müsste ich da wieder hier sein?«

»Am 27. Juni,« wurde ausgerechnet.

»Am 27. Juni werde ich wieder den Boden Englands betreten. Meine Damen, auf Wiedersehen morgen Abend.«

Sie gewinnt nicht, es ist unmöglich, sie wird es bald aufgeben, und ein Glück ist es nur, dass sie mit den Vereinigten Staaten beginnt, wo sie mehr Gelegenheit zur schnellen Rückfahrt mit der Eisenbahn hat als dort unten bei den Heiden - so lautete das allgemeine Urtheil der Zurückgebliebenen, als man sich die Tour auf der Landkarte näher besah und nach gegenseitiger Uebereinstimmung wurden die kleinen Wetten ohne Reugeld zurückgenommen, da aber doch etwas dabei sein musste, wettete man, wie weit sie kommen würde.

Nur die tolle Oliva Hobwell, die Tochter eines der sieben Lords, denen ganz London gehört, welche immer grübelte, wie sie allein ihr Nadelgeld auf eine anständige Weise los würde, sagte phlegmatisch:

»Ich mache Buch für Miss Howard, wer wettet gegen Lady Barrilon, und ganz London soll sich daran betheiligen; die armen Leute, die immer auf ihr Pferd verlieren, wollen auch einmal gewinnen.«

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2. Capitel.
Zu spät gekommen.

»Ist Miss Ellen Howard zu sprechen? Dann bitte diese Karte abgeben.«

Mit Kennerblick musterte die Zofe den jungen Herrn. Dunkle Beinkleider bei der Hitze? Das hübsche Gesicht mit dem flotten Bärtchen war doch für gewöhnlich sicher nicht so feierlich wie jetzt? Und seit wann nennt man denn den Vornamen, wenn man einer Dame einen Besuch abstattet? Entweder war's ein Crimineller, die Gnädige hatte wieder einmal etwas auf dem Kerbholze, obgleich sie doch gar nicht mehr Rad fuhr — oder er wollte sie heirathen.

Der verdächtige Mann stand im Empfangssalon vor einem Gemälde und schlug mit dem Cylinder auf seinem eigenen Rücken den Tact zu dem Concert, welches »Die beiden Musikanten« machten.

Sir Robin Munro war der zweite Sohn eines Lords, führte daher nur den Titel Baronet mit einem »right honorable«, hatte keinen Sitz im Parlament, dagegen, als einziges Kind aus zweiter Ehe, eine sehr reiche Mutter gehabt, und so konnte er unabhängig Zinsen verzehren, die sein Stiefbruder, der Lord im Oberhause, nicht besass. Auch stand auf seinen gewöhnlichen Visitenkarten einfach »Robin Munro«, nichts weiter. Viele, die mit ihm schon jahrelang verkehrten, wussten nicht einmal, dass er mit jener gräflichen Familie auch nur verwandt sei, und aus alledem lässt sich schliessen, dass der junge Mann Verstand genug besass, um sich aus seiner Freiheit und seinem Gelde ein recht hübsches Leben zusammenzuzimmern. Anstatt die kostbare Zeit in tausend Thorheiten zu vertändeln, wie es meist die jeunesse d'orée that, erweiterte er seine Sprachkenntnisse; er trieb Musik, malte und daneben huldigte er mit weiser Vernunft einem gesunden Sport; er ritt, er spielte jeden Dienstag Nachmittag mit Anstand Lawn-Tennis; er übte Hand und Auge durch Fechtstunden, er war überhaupt keinem Sport abgeneigt — — — — aber nur nicht radfahren! Er hasste das Radfahren! Er verachtete alle Radfahrer! Radfahrer kamen gleich hinter Anarchisten! Rowdies, Raufbolde, Räuber, Raubmörder, Radfahrer ....

Er übertrieb immer etwas mit Absicht, lächelte über sich selbst. Aber nicht, wenn die Sprache auf die radelnde Frau kam! Oh Schmach der Menschheit, Scandal der Weltgeschichte, barbarischer Hohn aller Aesthetik! Jawohl, da sitzt sie und trampelt — womöglich gar noch in Pumphosen — und zu Hause liegen die zerrissenen Strümpfe; der Mann näht sich die Knöpfe selbst an, das Essen kocht über, und aus der Wiege stürzt das Kind. Wenn er in Eifer kam, konnte er auch noch weiter erzählen: der erschrockene Vater springt auf, reisst den Petroleumofen um, die Gardine brennt, die Stube brennt, das Haus brennt, die Strasse brennt, das Stadtviertel brennt, ganz London brennt, die Bank von England verbrennt mit, die Soldaten bekommen keinen Lohn, Meuterei, Irland reisst sich los, die Russen fallen in Indien ein, die Vereinigten Staaten nehmen Canada, Frankreich macht auch mit, Deutschland wird mit in den allgemeinen Weltkrieg verwickelt, Oesterreich und Italien helfen natürlich, die Chinesen gehen gegen die Japaner los — und dies Alles wegen solch einer Radlerin in Pumphosen! Doch nein, Scherz bei Seite — die radelnde Frau war ihm eine unästhetische Scheusslichkeit. —

Lady Barrilon war es gewesen, welche dafür gesorgt, dass Sir Munro einmal zu dem grossen Herrenabend des Damen-Clubs eingeladen wurde, denn sie hatte auf den jungen reichen Mann, dessen Titel so gut zu dem ihren passte, schon speculirt, als ihr kränklicher Gatte noch gar nicht richtig todt gewesen. Er war gekommen. Sie fuhren gern Alle Rad — na, schliesslich waren es doch auch Menschen, und er wollte sich diese Champion-Damen einmal in der Nähe betrachten.

Da hatte er auch Miss Howard kennen gelernt, und schon an jenem Ahend dachte Lady Judith ernstlich darüber nach, ob es nicht ein unauffällig, aber sicher wirkendes Gift gäbe, das die Gerichtsärzte dann nicht an der Leiche nachweisen könnten.

Sie sahen sich noch öfters, Miss Howard und Sir Munro, auf Bällen, im Theater, im Hyde-Park, und obgleich er sie auch mehrmals zu Rade gesehen hatte, sagte er doch eines Abends in einer Tanzpause, als sie in einer einsamen Fensternische sassen: Ich möchte Sie heirathen.

Das heisst, er gebrauchte viel mehr Zeit dazu; aber diese vier Worte bildeten doch den kurzen Inhalt seiner langen, wohlgesetzten Rede.

Sie hatte ein paar Mal den Fächer auf- und zugeklappt, betrachtete nachdenklich die Spitzen ihrer Tanzschuhe und wendete das Gesicht ihm zu.

»Nicht wahr, Sie fahren wohl Rad?''

»Nein, und wenn Sie meine Gattin sind, wenn Sie also Liebe für mich empfinden, so werden Sie mir zu Liebe das Radfahren aufgeben.«

»Ach, wie schade, mein lieber Sir Munro! Ich habe mir nämlich gerade gestern eine neue Maschine mit zweijährigem Garantieschein gekauft.«

»Und Sie wollen diesen Garantieschein erst abnutzen.«

»Wenigstens für ein Jahr. Länger hält das Ding doch nicht.«

»So werde ich mir erlauben, in einem Jahre wieder vorzufragen.«

Sprach's, stand auf, machte eine vorschriftsmässige Verbeugung und ging.

»Vorausgesetzt, dass Sie radeln,« erklang es ihm nach. Natürlich war es nur Scherz gewesen. Sie liebte ihn, er wusste es. Wie könnte ein Rad der Liebe im Wege stehen! Sie war noch jung, sie wollte noch ein Jahr frei sein, und er wartete geduldig. Aber radeln that sie doch noch. Allerdings nur noch dreiviertel Jahr, dann rannte ihr eine scheu gewordene Droschke in die Maschine. Sie kam mit einer verstauchten Hand weg, das Rad dagegen ging in tausend kleine Stücke, und das Geschäft, welches den Garantieschein ausgestellt hatte, wollte von einer kostenlosen Reparatur nichts wissen; sie solle sich an den Droschkengaul halten. Seit dieser Zeit radelte Ellen nicht mehr. Nun hätte er kommen können, aber er kam nicht; Munro war in allen Geschäftssachen auffallend pünktlich.

Aber jetzt war das Jahr um; jetzt hatte er seine Visitenkarte mit Titel und Adelswappen abgegeben.

»Miss Howard lässt bitten,« sagte die Kammerzofe, schloss hinter ihm die Thür und legte das Ohr an das Schlüsselloch.

Ellen sass vor einem Tisch, auf dem eine grosse Landkarte ausgebreitet lag, stand auf, neigte den Kopf, machte eine Handbewegung nach einem Stuhl und setzte sich selbst nieder.

»Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches, Sir Munro?«

»Vor einem Jahre fragte ich Sie, ob Sie meine Gattin werden wollten,« steuerte der junge Engländer frischweg auf sein Ziel los. »In einem Jahre sollte ich die Frage wiederholen, ich thue es hiermit, denn meine Liebe zu Ihnen ist dieselbe geblieben.«

»Ich entsinne mich noch recht genau. Ja, Sir Munro, haben Sie unterdessen radfahren gelernt?«

Diesmal klang es gar nicht scherzhaft; sie sah auch recht bleich aus.

»Nein. Sie kennen meine Ansicht darüber. Dagegen weiss ich, dass Sie, seitdem Sie vor drei Monaten den schweren Sturz thaten, noch kein Rad wieder bestiegen haben.«

»Ganz richtig, aber was berechtigt Sie zu dem Glauben, dass ich deswegen nie mehr radfahren werde? Ich beabsichtige das Gegentheil, und ich muss fast annehmen, dass Sie Ihrer Frau diesen Sport verbieten werden. Ich aber würde mir das unschuldige Vergnügen nicht verbieten lassen.«

»Oh Ellen, wie können Sie so sprechen!« sagte er leise, und dabei blickte er sie so treuherzig und wehmüthig zugleich an, dass sie die Augen zu Boden schlagen musste. »Genügt Ihnen denn nicht meine Erklärung: Ich liebe Sie? Glauben Sie wirklich, ich könnte Ihnen eine Freude missgönnen, weil sie nicht mit meinen Neigungen oder Ansichten übereinstimmt? Nein, nein, Ellen! Fahren Sie ruhig Rad, und wenn Sie mich lieben, werden Sie es dennoch aufgeben, nicht meiner Launen wegen, sondern weil ich ständig in Todesangst sein werde, wenn ich meine geliebte Ellen durch die Strassen fahren weiss.«

Mit ihrer erkünstelten Fassung war es vorbei; tief liess sie das Haupt sinken.

»Ich kann nicht mehr,« flüsterte sie und ihre Augen füllten sich mit Thränen, »Sie sind zu spät gekommen.«

Eine lange Pause entstand. Schmerzlich blickte er sie an.

»Zu spät?« flüsterte auch er. »Dann freilich ....«

»Nein, nein,« unterbrach sie ihn hastig. »Ich bin frei. Aber ich habe vorhin gewettet, in 300 Tagen auf dem Rade um die Erde zu fahren und so müssen Sie wieder ein Jahr warten.«

Er glaubte nicht recht gehört zu haben. Es war aber doch eigentlich merkwürdig, sie sprach doch ganz deutlich und er hörte ganz gut. So beugte er sich etwas vor.

»Bitte, um — um — um was wollen Sie fahren?«

»Um die Erde.«

»Um — um — um die Erde?« lächelte er verlegen. »Bitte, ich verstehe immer noch nicht recht. Was ist das: die Erde? Habe noch nie davon gehört.«

»Nun, unsere Erde hier. In 300 Tagen.«

»Um — um unsere Erde hier wollen Sie fahren? Auf dem Rade? Sie meinen unsere Erde, auf der wir leben? Rund herum?«

»Jawohl, rund herum, dieselbe Tour, welcher jener Stout gemacht hat, aber in 300 Tagen, und zwar ganz allein.«

Munro fiel mit dem Rücken schwer gegen die Lehne des Stuhls, liess die Arme hängen, streckte die Beine aus, weiter als es der Anstand erlaubte, und machte sogar den Mund auf. So blieb er sitzen. Dann zog er wieder die Beine an, und um den geschlossenen Mund trat abermals jenes verlegene Lächeln, als er seitwärts nach dem Mädchen blickte.

»Nein — ach nein, Ellen! Nicht wahr, Sie machen nur ein Spässchen?«

»Leider nicht!« Und plötzlich brach ihre Verzweiflung aufrichtig durch. »Oh, Robin, warum sind Sie nicht gestern gekommen!!«

Da erstarb sein Lächeln, er sprang auf.

»Um Gottes willen! Was ist denn da passirt?« Sie erzählte. Er vergass sich so weit, dass er im Zimmer auf und ab rannte, er murmelte vor sich hin, es klang bald wie »verfluchter Club« und »verrückteWeiber«; als sie aber geendet und er vor ihr stand, da lachte er wieder fröhlich.

»Nu, was ist denn da weiter dabei! Da bezahlen Sie einfach die 10 000 Pfund und bleiben hübsch zu Hause.«

»Das kann ich nicht, nur das nicht,« wehrte aber Ellen, ihre Energie zusammennehmend, ab. »Ja, wenn es nicht gerade die Lady Barrilon wäre.«

Er sah sie aufmerksam an.

»Ah, Sie beabsichtigen, diese Dame zu ruiniren, Miss Howard, das ist — nicht schön von Ihnen.«

Jetzt stand auch sie auf, ihre Augen begannen zu blitzen.

»Sie werden mich nicht lehren, was recht ist und was nicht,« rief sie unmuthig. »Allerdings, ich möchte sie büssen lassen, und nimmermehr werde ich ihr 10 000 Pfund in den Schooss werfen.«

»Nimmermehr? Nun, Sie werden ihr die 10 000 Pfund ja doch geben müssen.«

»Wieso denn?«

»Miss Howard,« sagte er staunend, »glauben Sie denn wirklich ernstlich daran, diese Wette gewinnen zu können, diese sinnlose Fahrt überhaupt anzutreten ......«

»Wie meinen Sie das? Sinnlos?« unterbrach ihn Ellen entrüstet. »Ich werde es der Welt beweisen, was eine Engländerin zu leisten vermag.«

»Sie können es nicht, was meinen Sie denn wohl! 32 Meilen jeden Tag fahren! Schon innerhalb der ersten acht Tage brechen Sie verzweifelt zusammen.«

Ach, hätte er dies doch nicht gesagt! In anderer Weise wäre es ihm wahrscheinlich möglich gewesen, sie von ihrem Vorhaben abzuhalten.

»Ich könnte es nicht? Sie werden es sehen. Ich fahre übermorgen von Liverpool ab.«

Die Gefährlichkeit der Reise kam ihm erst jetzt richtig zum Bewusstsein, und er jammerte darüber.

»Sie wissen ja gar nicht, was Sie thun wollen! Und nun allein, mein Gott, allein!! Denken Sie doch nur an die Indianer, an die Thuys in Indien, an die Araber in Kleinasien, denken Sie an die Löwen, Tiger und Schlangen ......«

»Löwen giebt es auf meiner Tour nicht, und durch jenes prachtvolle Bild können Sie mich nicht bange machen. Ich werde beweisen, wie auch ein Weib mit etwas Courage und einem Revolver überall durchkommt.«

»Jawohl, aber Ueberschwemmungen, Tropenregen, Sonnengluth, Durst, Hunger, Fieber und Pestilenz, die sind nicht mit auf dem Bilde angegeben! Mein Gott, mein Gott! 8500 Meilen! Wissen Sie denn, eigentlich, wie viel das ist? Sehen Sie diesen langen Tisch, setzen Sie diesen acht und eine halbe Million mal zusammen, dann haben Sie 8500 Meilen.«

»Ich will keine Tische zusammensetzen, sondern ich will um die Erde in 300 Tagen radeln. Oder gut, setzen Sie die acht Millionen Tische aneinander, dann kann ich darauf fahren.«

Plötzlich verstummte der jammernde Baronet, steif blickte er sie an.

»Ellen, mir kommt ein Gedanke! Wenn Sie nun einmal darauf bestehen, so werde ich Sie wenigstens begleiten.«

Freudig schrak Ellen auf.

»Robin! Das wäre vortreff — — doch nein; ich darf ja Niemand zu meiner Begleitung auffordern — brauche ihn freilich auch nicht zurückzuweisen — nein, mein Herr, ich reflectire nicht auf Ihre Begleitung.«

Sie sagte es glücklächelnd — und da verdarb er wieder Alles.

»Ah, Sie meinen, ich werde noch in aller Schnelligkeit Radfahren lernen, um Ihnen Gesellschaft zu leisten? Nein, Miss Ellen, da irren Sie sich. Allerdings werde ich mich immer in Ihrer Nähe aufhalten, aber nur, um sofort zur Stelle zu sein, wenn Sie selbst aus Verdruss über Ihren Eigensinn Ihr Rad in Stücke schlagen, und dann werde ich Sie abermals fragen, ob Sie nun meine nicht mehr radelnde Frau werden wollen. Empfehle mich.«

Hinaus war er, und diesmal stand Ellen zur Statue erstarrt da.

»Das werden Sie nicht thun, Sir Munro!!« erklang es in etwas kreischendem Tone.

Es kam keine Antwort. Er war fort, war so von ihr gegangen! Die Statue wurde wieder lebendig, die schlanken Hände ballten sich zu kleinen Fäusten.

»Wenn er es thäte,« kam es keuchend über ihre Lippen, wenn er mich verlieren lassen will — und darauf kommt es ihm nur an — und er wird es thun — er will mich demüthigen — und eigensinnig hat er mich genannt — — das — das — kann ich ihm niemals verzeihen!«

Vielleicht bildete sie sich jetzt ein, ihn zu hassen; aber plötzlich warf sie sich laut anfschluchzend auf das Sopha, sie weinte bittere Thränen, und die Worte, welche sie schluchzte, zeugten eigentlich von keinem Hasse gegen ihn:

»Nun habe ich auch ihn verloren! Und das hat sie ja nur gewollt! Ach, mein Eigensinn, mein unglücklicher Eigensinn!«

Doch nicht lange währte ihre Verzweiflung. Es war eben ihr Trotz, welcher wieder siegte, jener herrliche, stolze, götterbezwingende Trotz — ohne den wir bekanntlich heutzutage noch keine Streichhölzchen hätten.

Als sie sich erhob, seufzte sie etwas, strich das Haar aus den Schläfen und kehrte zurück zu der Landkarte.

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3. Capitel.
Ein Weltenbummler.

Vor der Villa hielt Sir Munro's Equipage; auf dem Bocke sass der Rosselenker, ein Diener hielt den geöffneten Schlag.

»Hôtel Alexander,« sagte der Einsteigende, und auch der Diener stieg auf den Bock.

Wenn ein Diener auf den Bock klettert, so ist das von keiner grossen Bedeutung; aber dieser kleine, schmächtige Mahn in Livree kletterte nicht, sondern er stieg hinauf, und wie er es that, das war wenigstens merkwürdig. Er benutzte nämlich nicht die beiden Tritte, sondern er hob den einen Fuss, immer höher, bis in Kopfeshöhe, so setzte er ihn oben auf den Bock hinauf, und dann sass er selbst oben. Wer dies beobachtet hatte, und er wollte es zu Hause nachzumachen versuchen, der hätte gefunden, dass er es nicht fertig brachte.

Munro war so in Gedanken versunken, dass er nicht merkte, wie der Wagen schon das Hôtel erreicht hatte und wie es vor dem Portal von Menschen wimmelte, welche alle oben nach den Fenstern starrten. Erst als der Wagen hielt und der Diener den Schlag aufriss, erwachte er und sprang heraus.

Neben der Portierloge stand ein Garçon in der beliebten Kellnerstellung von unnachahmlicher Grazie: die Beine so breit als möglich, den Bauch herausgereckt, vor den Beinen die mit beiden Händen auseinander gespannte Serviette: — »Ich bin Ich, und was kann aus mir noch Alles werden!«

»Nicht wahr, in diesem Hôtel wohnt Mr. Stout, der Erdumradler?«

»Mr. Starke ist sein Name, Curt Starke, er will nicht anders genannt sein,« beeilte sich der Garçon zu sagen, nachdem er die Beine zusammengeklappt hatte. »Jawohl, er logirt hier, ich bin sein Zimmerkellner.«

»Anwesend? Ich möchte den Herrn sprechen.«

»Bedauere. Mr. Starke empfängt keinen Besuch. Es waren schon sehr viele da — äh — besonders auch — äh — sehr viele Damen. Mr. Starke empfängt Niemanden.«

»Na, probiren wir's mal. Sir Munro lässt um eine Unterredung bitten. Melden Sie es.«

Der Titel und die vor dem Portale haltende Equipage verfehlten ihre Wirkung nicht, der Kellner eilte, Munro folgte ihm langsam nach. Auf der Hälfte der ersten Treppe trafen sie wieder zusammen.

»Bedauere, äh,« der Ganymed tastete an seiner Halsbinde herum, »Eure Herrlichkeit — äh — sollten sich verkehrt aufhängen lassen, mit den Beinen nach oben. Verzeihung, aber das hat Mr. Starke wirklich gesagt.«

Es war trotzdem ein starkes Stück, dass der Kellner dies wiederholte. Dabei sah das Kerlchen gar nicht so dreist aus, vielmehr recht bescheiden. Doch dieser Baronet fühlte sich nicht erhaben über den anderen Pöbel; er lachte belustigt.

»Versuchen wir es auf eine andere Weise, bei dem gestrengen Herrn eine Audienz zu erhalten. Hier,« er entnahm der Brieftasche eine Visitenkarte, schrieb unter seinen Namen eine Zeile und gab dem Kellner die Karte, »bringen Sie ihm dies, und wirkt das nicht, dann brauche ich ihn auch nicht mehr zu sprechen.«

Wieder fühlte der Garçon an seiner Halsbinde herum.

»Bedauere. — Aeh, wenn ich noch einmal käme, dann wollte er — ich — mir meinen zarten Hals umdrehen. Das ist nicht etwa ein Witz von mir, das hat er wirklich gesagt.«

Immer mehr belustigt, drückte Munro dem Aengstlichen eine halbe Krone in die Hand, und daraufhin riskirte dieser seinen Hals.

»Wenn ich ihn auch nicht gebrauchen kann...es muss doch schon interessant sein, diesen stolzen Grobian kennen zu lernen,« dachte der Baronet, und da kam der Abgesandte mit der frohen Botschaft schon zurück.

»Euere Herrlichkeit sind angenehm.«

Die Thür des comfortablen Hôtelzimmers im ersten Stock wurde von dem Kellner geöffnet, und:


»Sie wollen mich zu einer Radtour um die Erde engagiren? Well, was zahlen Sie mir?« klang es ihm sofort entgegen.

Munro's erster Blick war auf einen grossen, gelben, langhaarigen Windhund gefallen, welcher auf dem Plüschsopha lag, den Eintretenden nicht beachtend. Sein zweiter Blick traf den Mann, der in der Nähe des Fensters an einem Tische sass und, wie Munro erkannte, getrocknete Pflanzen in ein Herbarium klebte. Er hatte jene Worte gesprochen, ohne nach der Thür zu sehen. Erst jetzt stand er langsam auf.

Da er sich durch seinen selbstständigen Charakter von den Durchschnittsmenschen unterschied, verdient auch sein Aeusseres eine nähere Beschreibung.

Es war — um ein gewöhnliches Maass für Körpergrösse beizubehalten — eine etwas über sechs Fuss hohe Gestalt, schlank, aber mit sehr breiten Schultern, während auf dem starken muskulösen Halse ein kleiner Kopf sass. Die ungewöhnliche Körperkraft erkannte man aus den grossen und dennoch schlanken Händen, an denen Alles von Muskeln, Sehnen und Adern starrte, obschon sie jetzt wohl keine schwere Arbeit mehr verrichteten, denn die Fingernägel waren gut gepflegt. Tief braun wie diese Hände war das Gesicht mit der grossen, kräftigen Nase, und eine Stulpnase hätte auch nicht zu dieser Figur gepasst; blau das Auge, das dünne Bärtchen noch etwas heller als das lichtblonde, schlichtgescheitelte Haar. Bei einem Manne soll man nicht von »schön« und »hübsch« sprechen, ein pomadisirter Adonis mit Wachspuppengesicht mag »hübsch« sein — dies hier war ein charaktervoller Männerkopf.

Wie er so dastand, hochaufgerichtet, lag etwas Bewegungsloses in ihm, nicht nur darum, weil er sich jetzt nicht bewegte — er glich einer ehernen Statue, und auch nicht nur wegen seiner broncenen Hautfarbe. Das Gesicht wohl tiefernst, doch nicht unfreundlich — ein unbewegliches Gesicht; die blauen Augen kalt wie Eis und dennoch blitzend wie scharf geschliffener Stahl; Alles aus einem Erzguss. Er bewegte sich, er sprach, aber das Bild von der ehernen, unbeweglichen Statue wollte nicht weichen, denn auch die Stimme schien von hartem, wohlklingendem Metall erzeugt zu werden. Ruhe, eine eiserne, durch nichts zu erschütternde, über jeden Wechsel erhabene Ruhe - das war in seinem Aeusseren ausgedrückt, und diese Ruhe schien auch sein innerstes Wesen zu sein. Er sprach, wie er sich bewegte, langsam und bedächtig, und ehe er eine Antwort gab, liess er für gewöhnlich eine lange Pause eintreten, auch wenn gar keine Ueberlegung nöthig war. »Well, Sir, was zahlen Sie mir?«

Noch immer staunte Munro das broncene Standbild an. Es konnte ja sprechen? Ob denn dieses Gesicht wohl auch lachen und weinen könnte? Dann raffte er sich auf.

»Das Bezahlen ist für mich ganz Nebensache .....«

»Für mich die Hauptsache. Sie müssen erst eine Idee von meinen Forderungen bekommen. Ich verlangte und erhielt von den Globe-Fahrradwerken pro Tag ein Pfund Sterling Reisespesen und pro Tag 10 Schilling Gehalt, und dies für zwei Jahre, während welcher ich um die Erde zu kommen versuchen sollte. Verstehen Sie? Auf ein Risico, auf eine Wette und dergleichen lasse ich mich meinerseits nicht ein. Dagegen erhielt ich für jeden Tag, den ich an den 780 Tagen ersparte, eine Prämie von 5 Pfund. Das war mein Verdienst. Die Reisespesen für zwei Jahre mussten mir im Voraus bezahlt werden, damit ich sie auf die einzelnen Stationen vertheilen konnte; das Gehalt für zwei Jahre, also 365 Pfund, wurde deponirt. Dies ist Alles. Keine Lebensversicherung. Ich mache keinen schriftlichen Contract. Wem ich nicht auf sein einfaches Wort hin traue, mit dem lasse ich mich nicht ein. Das Deponiren des Geldes ist nur der geschäftlichen Wechselfälle wegen. Nun kennen Sie ungefähr meine Bedingungen, unter welchen ich solch eine Reise mache.«

»Ich finde sie sehr bescheiden,« entgegnete Munro. »Glauben Sie, ganz genau dieselbe Tour, zu welcher Sie 512 Tage gebraucht haben, in 300 Tagen machen zu können?«

Diesmal war die lange Pause begreiflich.

»Ja,« sagte dann die metallische Stimme kurz. »In diesem Falle aber beanspruche ich pro Tag 30 Schillinge Spesen und ein Pfund Gehalt, ferner für jeden Tag, den ich erspare, 20 Pfund Prämie. Doch dies letztere nur, wenn es Ihnen hierauf ankommt, sonst werde ich die 300 Tage einhalten.«

»Gestatten Sie erst noch eine Frage. Halten Sie es für möglich, dass eine junge Dame, gesund und kräftig für ihr Geschlecht, diese Tour in 300 Tagen machen kann?«

»Nein.«

»Warum nicht?''

»In Nebraska wird sie scalpirt, in Beludschistan schneidet man ihr den Kopf ab. Menschenfresser giebt es auf meiner Tour nicht, desto mehr Seelenverkäufer und Mädchenhändler. Nein, ich halte es nicht für möglich.«

»Auch nicht, wenn Sie die Dame begleiten?«

»Das haben Sie noch nicht gesagt. Wenn nur die Radfahrt als solche in Betracht kommt, dann glaube ich, dass ein gesundes, kräftiges und etwas energisches Mädchen, welches will, wirklich will, diese Strecke in 300 Tagen machen kann, denn vor den Gefahren und was sonst noch in Betracht kommt, kann ich die Dame schützen, so weit ein sterblicher Mensch versprechen darf. In diesem Falle aber verlange ich 30 Schilling pro Tag Gehalt, die Spesen bleiben dieselben, vorausgesetzt, dass die Dame ihre Kosten selbst bestreitet.«

»Also Sie halten es für möglich!« meinte Munro sinnend. »Ja, energisch ist Miss Howard zweifellos. Aber glauben Sie denn nun nicht, Mr. Starke, dass ein Mädchen, und sei es auch noch so energisch, endlich verzweifelt zusammenbrechen wird. Es ist doch eine fürchterliche Leistung; es muss ja nervenzerreibend sein.''

»Ich verstehe, was Sie meinen. Dass sie sich nicht übernimmt, nicht zusammenbricht, nicht verzweifelt; dafür bin ich eben da; ich treibe und zügele, ich kenne Mittel, um immer wieder neue Spannkraft zu verleihen, das beste ist mein Beispiel, und das ist es, was ich mir besonders honoriren lasse.«

So vernahm Munro, wie hier aus ruhigem Munde das Unternehmen, welches er für ganz sinnlos gehalten, als eine Möglichkeit besprochen wurde. Er hatte es nicht zu hören geglaubt, sich den Weltreisenden auch ganz anders vorgestellt; sein Herkommen hatte überhaupt etwas ganz anderes bezweckt.

»Nun lassen Sie noch ein Wort mit sich sprechen, Mr. Starke. Die Dame, welche ihre Tour in 300 Tagen machen will, ist Miss Ellen Howard, und ich — ich darf sie als meine Braut betrachten. Es handelt sich um eine Wette, an welcher ich jedoch nicht betheiligt bin. Miss Howard ist — etwas eigensinnig. Ob sie gewinnt oder nicht, ist mir ganz gleichgiltig; die 10 000 Pfund Einsatz bedeuten für sie auch gar keinen Verlust, ich trüge ihn gern selbst, mir liegt nur daran, sie von ihrem Eigensinn zu heilen. Sie verstehen wohl, Mr. Starke. Sie sollen Sie begleiten, beschützen, dass ihr kein Haar auf dem Haupt gekrümmt wird, es ist ja mein Theuerstes auf Erden, ich selbst werde sie begleiten, wenn auch nicht per Rad, aber — ich möchte eben gerade, dass sie unterwegs verzweifelt zusammenbricht, das Marterrad mit Abscheu von sich wirft, und dies sollen Sie herbeiführen.«

Die gewöhnliche Pause entstand; die blauen Stahlaugen blitzten den Baronet an.

»Ist denn Miss Howard hiermit einverstanden?«

Ob solch einer thörichten Frage verlor Munro beinahe die Fassung. Dieser Mann sah doch eigentlich gar nicht so dumm aus.

»Natürlich nicht!« rief jener erregt. »Sie will doch die Wette gewinnen!«

In die eherne Statue kam zum ersten Male wieder Leben, sie machte eine abwehrende Handbewegung.

»Dann suchen Sie sich einen anderen,« erklang es ruhig und kühl. »Das, was Sie von mir verlangen, ist für mich unehrliches Spiel.«

Wie niedergedonnert stand Munro einige Augenblicke da. Diese Worte, so hervorgebracht, hatten ihn wie wuchtige Schläge auf den Kopf getroffen.

»Aber ich meine es doch nur gut mit ihr!« rief er dann aus. »Was kümmern uns denn die 10 000 Pfund! Und ich bezahle Ihnen Alles, was Sie ...«

»Genug. Jedes Wort in diesem Sinne gesprochen, ist vergebens. Vor allen Dingen, verschonen Sie mich mit Geldversprechungen. Für so etwas bin ich nicht zu haben. Lieben Sie die Dame, und sind Sie ein Mann, so bitten Sie sie, dass sie die Fahrt nicht unternimmt, verbieten Sie es ihr, wenn Sie ein Recht dazu zu haben glauben, aber nicht, dass Sie sie hinterrücks zu Falle bringen wollen.«

Ei, konnte der Mann die Wahrheit sagen! Und Munro war ihm gegenüber ganz ohnmächtig, konnte sich nicht vertheidigen, nur entschuldigen, er wurde immer verlegener, purpurroth, stammelte immer mehr davon, wie er es ja nur gut meine.

Bewegungslos dastehend, liess ihn Starke ruhig reden, bis er in einer Pause einmal zu Worte kommen konnte. »Sie haben da viele Worte verschwendet. Gut, engagiren Sie mich doch, ich will die Dame begleiten, natürlich werde ich mein Möglichstes thun, dass sie die Wette gewinnt; aber ich glaube Ihnen auch die Versicherung geben zu können, dass die Dame nach Beendigung der Fahrt nicht so leicht wieder ein »Marterrad« besteigt, denn darauf, scheint mir, kommt es Ihnen doch nur an.«

Wieder erstarrte Munro, während jetzt aber ein Lächeln sein Gesicht zu verklären begann. Wahrhaftig, der Mann hatte Recht. Denn Ellen zu demüthigen, daran hätte er ja nie gedacht, und auch jetzt glaubte er noch nicht daran, dass sie die furchtbare Tour aushalten würde. Aber dieser Mann imponirte ihm immer mehr, den musste er als ihren Begleiter haben.

»Famos! Das hätten Sie mir übrigens auch eher sagen können! Sie wollen also Miss Howard begleiten?«

»Gewiss. Wird die Dame aber auch mit meiner Begleitung einverstanden sein?«

Oh, da kam schon wieder etwas dazwischen. Ellen hatte ihm die Bedingungen ganz genau geschildert, er that es jetzt Starke gegenüber. Also allein, doch wenn ihr Munro für sein Geld diesen Mann beigesellte, ohne ihre Einwilligung, so konnte ihre Gegnerin, Lady Barrilon, nichts dagegen einwenden. Aber würde sich dieser Mann, der offenbar eine gute Portion Stolz besass, auf so etwas einlassen? Er sollte sich zum Begleiter einer gebildeten Dame aufdrängen. Und da kam es auch schon.

»Wenn ich nach dem, was ich nun über die Dame gehört habe, Miss Howard beurtheile, so scheint es mir, als könne ich ihr als Begleiter nicht angenehm sein, gerade ich, Curt Starke. Die jedenfalls etwas stolze Engländerin will beweisen, dass sie, ein Mädchen, das in 300 Tagen fertig bringt, wozu ein professioneller Wanderfahrer, ein starker Mann, 512 Tage gebraucht hat. Sollte es nicht so sein?«

Munro gab es ehrlich zu, und zaghaft blickte er den Hünen an.

»Die Landstrasse ist frei wie die Prärie und die Wüste,« lautete aber dessen Antwort, welche Munro von allen Sorgen befreite, »sie kann mich nicht hindern, neben ihr zu fahren und zu halten, wenn sie hält, und ausserdem ist es ja mein Weg, den sie benutzt. Ja, ich begleite sie, empfindlich bin ich nicht, und mit der Zeit werden wir schon gute Freundschaft schliessen.«

Starke wandte sich gegen den Tisch, stopfte eine Holzpfeife aus einem Lederbeutel und zündete sie in seiner bedächtigen Weise an.

Es war noch kein Gontract gemacht. Und da fiel es dem englischen Baronet zum ersten Male ein, was dieser Contract für eine Bedeutung haben würde.

Konnte denn jener Mann Gedanken lesen? Schliesslich lag die Frage sehr nahe, er hatte sie durch seine letzten Worte selbst angeregt. Er hielt sich von Munro halb abgewendet, rauchte und betrachtete ein Oelbild, welches das alte Thema von dem Liebespaare auf der Gartenbank mit den beiden sich schnäbelnden Turteltauben behandelte.

»Wir haben noch nichts abgemacht,« sagte seine tiefe, ruhige Stimme. »Ja, Sir Munro, wissen Sie denn, wer ich bin? Ich soll also eine junge Dame, welche Ihre Braut ist, um die Erde begleiten. Ich werde für 300 Tage ihr ständiger Gesellschafter sein, von übermorgen an. An Bord werden wir noch nicht in nähere Berührung kommen. Dann aber werden wir im Hôtel unter einem Dache schlafen, jedenfalls stets Zimmer an Zimmer, dafür muss ich sorgen. Ich soll sie ja beschützen. Wir werden auch in mancher Hütte mit nur einem Raum übernachten. Oftmals werden wir am einsamen Lagerfeuer campiren. Haben Sie sich dies Alles auch recht überlegt, Sir Munro?«

Mit ausgestreckter Hand ging der junge Mann auf ihn zu.

»Eben durch diese offenen Worte haben Sie jedes Misstrauen beseitigt. Hier meine Hand.«

»Nein, ich nehme sie nicht. Sie wissen ja gar nicht, ob Sie Ihre Hand nicht einem Schurken geben. Ich nehme Ihre Hand nicht.«

Munro musste sie zurückziehen. Er stand einem Räthsel gegenüber.

»So erzählen Sie mir doch, wer Sie sind.«

»Das können Sie haben.«

Er ging an das Fenster und lehnte sich mit dem Rücken dagegen, kreuzte die Arme über der breiten Brust.

»Was ist das?« fragte Munro, als er auf der Strasse ein Stimmengewirr vernahm.

»Ich lasse etwas meinen Rücken bewundern, Tag und Nacht stehen die kleinen und die grossen Kinder unten. Nun also: Harry Curt Starke. Geboren im Dorfe Nowawes bei Potsdam. Der Geburtstag interessirt Sie doch nicht. Jetzt bin ich 34 Jahre alt. Meine Mutter war Waschfrau, mein Vater vertrank ihren Verdienst. Ich war von je ein Taugenichts und ein Vagabund. So sagte man. Thatsächlich, wenn ich nur konnte, so lief ich hinter die Schule, um im Grunewald zu wilddieben. Mit Grashüpfern und Eidechsen fing ich an, mit Wildschweinen und Sechszehnendern hörte ich auf. Aber ich war damals noch ein Kind, dachte mir nichts dabei. Eines Tages, in meinem zwölften Jahre, wurde ich dabei erwischt, lief immer geradeaus, kam nach Hamburg, kroch in ein Schiff, auf hoher See tauchte ich wieder auf. Da war ich Schiffsjunge auf einem amerikanischen Schooner. Sie sehen, ich habe etwas früh angefangen. Der Capitain war eigentlich Walfischjäger, ging in New-York zum alten Beruf, nahm mich mit. Ich lernte etwas. Hatte schon damals Knochen und Schultern. Mit fünfzehn Jahren, in einem Alter, wenn sich andere Jungen erst nach einem Berufe umsehen, war ich schon erster Harpunier, liess in New-York auf meine Kunst bieten, harpunirte nicht unter 50 Dollar Fangprämie. Kurz, Geld verdiente ich wie Heu. Ich erwähne dies nur, damit Sie nicht glauben, ich bummelte in der Welt herum, weil ich nichts gelernt hätte. Ausserdem bin ich ein vermögender Mann. Nun, ich wollte noch mehr sehen als nur Eismeere und Schneefelder. So trieb ich mich in der ganzen Welt herum, bin ziemlich Alles gewesen, habe Kriege mitgemacht, mich auch sonst in allen Erdtheilen herumgeprügelt ....«

Der Erzähler brannte die ausgegangene Pfeife wieder an und fuhr in demselben ruhigen Tone fort:

»Einmal erinnerte ich mich, dass ich noch eine Heimath hatte, der ich Pflichten schuldig war. Ich ging nach Deutschland, stellte mich der Militärbehörde. Nein, man kannte mich nicht mehr. Heimathlos. — Heimathlos. — Ein schlimmes Wort. Ich hatte den Fluch selbst beschworen. Denn ein Fluch lastet auf mir. Rastlos wie der ewige Jude muss ich wandern, wandern, immer wandern. Ich muss, ich muss. Warum? Fragen Sie den Zigeuner, fragen Sie den Wandervogel nach dem Warum. Wenn mir die Kleider in Fetzen vom Leibe fallen, fühle ich mich am allerwohlsten. Keine Heimath, keine Hütte, keine Höhle, kein Nest. Kaum kann ich es noch unter einem Dache aushalten, in keinem Bette, dort auf der nackten Diele schlaf ich jede Nacht ..... —«

Forschend blickte Munro den Sprecher an. Vergebens. Keine Bewegung, keine Wehmuth, kein Zittern der Stimme, sie war unerschütterlich wie das broncene Gesicht.

Es war nur eine Pause im Zuhören, nicht im Erzählen gewesen.

».... und ich habe mich daran gewöhnt, habe den Fluch in Segen zu verwandeln gewusst, bin zufrieden. So wandere ich umher und suche das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, bin Führer von Jagd- und Forschungsexpeditionen, jetzt habe ich Reclame für eine Fahrradfabrik gemacht. Das heisst, sie macht Reclame mit mir, ich nicht für sie. — Das war in kurzen Worten ein langes Leben. — Vorbestraft bin ich, habe schon oft hinter Kerkermauern gesessen, bin aber immer wieder ausgebrochen. Sie verstehen wohl, da kommt es oft vor, dass Einen ein Pascha in's Loch wirft. Sonst, abgesehen von meiner frühesten Jugend, da ich wilddiebte, wie der Jugend gemauste Aepfel ja überhaupt am besten schmecken, habe ich noch nie betrogen oder gestohlen. Nun entscheiden Sie sich kurz, ob Sie mich engagiren wollen oder nicht.«

Gern hätte Munro noch mehr über diesen seltsamen Mann erfahren, zunächst aber musste er antworten.

»So engagire ich Sie hiermit zu Ihren mir gegebenen Bedingungen.«

»Gut. Ihr Wort genügt mir. Lassen Sie uns das Weitere besprechen.«

Starke stopfte sich eine neue Pfeife. Hinter Munro gähnte es, und wie er sich schnell umdrehte, sah er eben noch das furchtbare Gebiss in dem kleinen, aber sehr langen Kopfe des persischen Windhundes.

»Ein prachtvolles Exemplar.«

»Es ist Hassan el Seba, Sohn des Jussuf ben Nadir und der Fatime.«

Munro blickte sich um, ob auf dem Tische vielleicht das Bild eines Arabers lag, von welchem jener sprechen könnte.

»Ich meine diesen persischen Windhund.«

»Ich auch. Es ist aber kein persischer Windhund, auch kein russischer, wie man hier immer sagt, sondern es ist ein arabischer Antilopenjäger aus der lybischen Wüste.«

»So, so,« brummte Munro. »Ein herrliches Thier. Wieviel haben Sie dafür bezahlt? Oder wie sind Sie sonst dazu gekommen?«

Starke war zu ihm an das Sopha getreten.

»Diesen Hund kann man nicht kaufen, er lässt sich auch gar nicht verkaufen, nicht verschenken. Der Scheich der Beni-Surfs hat ihn mir zur Erziehung gegeben.«

Wieder durfte Munro von dieser Antwort denken, was er wollte. Er blickte den Hund an, und dieser ihn.

»Seit drei Jahren begleitet er mich,« fuhr Starke fort, »hat schon manche Meile zurückgelegt, auch jetzt wird er meinem Rade wieder folgen. Neulich, als ich Rad fuhr, hielt mich ein Schutzmann an, ob dies mein Hund sei, und ich musste wegen Thierquälerei eine ganz gehörige Strafe zahlen. Wer dieses englische Gesetz, dass ein Radfahrer keinen Hund mit sich nehmen darf, gemacht hat, das muss aber ein Hundekenner gewesen sein!«

»Kann ich ihn streicheln?«

»Beissen würde er nicht. Aber thun Sie es nicht, ich liebe es auch nicht, wenn mir ein Fremder am Körper herumgreift, Sie doch auch nicht.«

»Na, Mr. Starke,« lachte jetzt Munro, »bitte, nun erklären Sie mir endlich, was es mit diesem Wesen für eine Bewandtniss hat. Ist das auch wirklich ein Hund oder etwas Höherentwickeltes.«

»Wie ich Ihnen sagte, es ist ein arabischer Windhund. Ich sehe, Sie kennen die Verhältnisse nicht, Sir Munro, Sie sind Baronet. Es giebt keinen englischen Lord und Peer, keinen Fürsten in Europa, dessen Stammbaum so alt und so rein ist wie der von diesem Thiere; überhaupt wie alle dieser Wüstenhunde. Bekannter ist nur der Adel der arabischen Pferde geworden. Sie wissen, der Prophet Muhamed hatte fünf Stuten — Tayes, Manekeye, Koheye, Saklawy und Djulf — von diesen gingen die ersten Stammbäume ab; die dieser Hunde sind noch um viele Jahrhunderte älter, und sie haben wirkliche Stammbäume, auf Pergament gezeichnet, und wie Ihnen jeder Araber, wenn ihm Pferde seiner Heimath vorgeführt werden, sagen kann: das ist eine Koheye, das dort ist eineDjulf - so wird er sofort, wenn er diesen Hund hier sieht, sagen: das ist ein Enkel von Nadir el Seba - und er wird sich vor ihm bis an die Erde verneigen.«

Dies that Munro zwar nicht, aber er betrachtete den Hund, gegen dessen Adel der seine ein ganz frischbackener war, jetzt doch mit etwas mehr Ehrfurcht. Hassan der Löwe seufzte tief auf, warf ihm einen verächtlichen Blick zu, drehte sich herum und steckte die Schnauze zwischen die Hinterbeine — und das brachte der englische Baronet auch nicht fertig.

Ehe die Reise selbst besprochen wurde, fiel Munro noch etwas Anderes ein. Auch er wollte sich ja anschliessen, wollte immer von Station zu Station mit der Eisenbahn oder mit sonstigen Gelegenheiten vorausreisen, immer für Räder sorgen u. s. w., kurz, er wollte den Beiden die Wege ebenen, so viel er konnte, und hierbei würde Ellen auch seine ergebene Treue erkennen. Aber er wünschte nicht, dass Ellen sofort erführe, wie er diesen Begleiter für sie engagirt habe. Denn er kannte die selbstständige Ellen, konnte sich recht lebhaft vorstellen, wie sie — anfangs wenigstens — die Sache auffassen würde. Was, einen Vormund? Einen Beschützer? Den brauchte sie nicht. — Starke sollte also seinen Auftraggeber verleugnen. Später machte sich ja das Alles von selbst.

Geduldig wie immer hatte ihn Starke ausreden lassen.

»Das kann ich nicht,« entgegnete er aber dann. »Wenn sie mich fragt: hat Sie Sir Munro als meinen Schatten angestellt? so werde ich mit einem Ja antworten. Denn ich lüge nicht. Allerdings täusche ich meinen Feind, und dem Räuber zeige ich einen falschen Weg, um meinen Freund zu retten. So weit treibe ich den kategorischen Imperativ nicht. Aber sonst lüge ich nicht. Warum ich wandre, warum ich auf der nackten Erde schlafe? Nein, fragen Sie nicht den Zigeuner, ich selbst kann Ihnen eine bessere Antwort geben. Weil ich frei sein will, damit ich nicht zu lügen brauche. Das ist die Antwort. Es mag Menschen geben, welche stets die Wahrheit sagen — doch ich bin noch keinem begegnet, und ich glaube, heutzutage darf man nicht mehr das Fass des Diogenes zur Wohnung haben, um schadlos die Wahrheit sprechen zu können. Ich darf es — denn ich habe nichts mehr zu verlieren, nachdem ich die Heimath verlor. Sir Munro, vernehmen Sie von mir ein grosses Wort, welches sonst vermessen klingt, aber nicht von mir, denn ich spreche es aus mit kühler Ueberlegung: Sie sehen vor sich einen zufriedenen Mann, dessen Glück durch nichts, durch gar nichts zu erschüttern ist. Ich habe der Welt entsagt, und deshalb gehört mir die ganze Welt. Ich lüge nicht, ich brauche nicht zu lügen, denn ich habe mir das Recht, die Wahrheit sagen zu dürfen, durch schweren Kampf errungen. — Ich lüge nicht.«

Diesmal war es wirklich ehrerbietiges Staunen, mit welchem Munro zu dem hünenhaften Sprecher emporblickte. Ich lüge nicht! Aus meinem Munde kommt kein unwahres Wort! Wo ist der Mensch, der so sprechen darf. Er wäre gesellschaftlich eine Unmöglichkeit. Er müsste als Einsiedler in die Wüste gehen oder ungefähr so leben, wie dieser Mann lebte.

Schon längst war Munro einem geheimnissvollen Zauber unterlegen. Er fühlte förmlich den kühlen Hauch von Ruhe, Kraft und Wahrheit, der von diesem Manne ausging. Solch' einen Mann zu seinem Freunde zu haben! Und dieser Hauch wirkte nervenstärkend.

Ja, richtig — seltsamerweise dachte Munro in diesem Augenblick daran — der kleine Zimmerkellner, der war auch von diesem Hauche getroffen, angesteckt worden, dass er so unverfroren wiederholen konnte: Eure Herrlichkeit sollen sich verkehrt aufhängen lassen — das hat er gesagt.

»Kein Wort weiter, Mr. Starke, ich bin mit Allem einverstanden.«

»Dann wollen wir die Reise, die Stationen besprechen, wie wir uns immer verständigen können, und bedenken Sie, dass, wenn ich morgen Abend schon nach Liverpool reisen soll, wir kaum noch 30 Stunden Zeit haben, und ich muss auch noch einige Vorbereitungen treffen, mein Rad nachsehen.«

»Sie werden wieder ein Globe-Rad fahren?«

»Ich werde mich hüten! Die Werkzeuge sammelten sich nach and nach zu einem halben Centner an, den ich mitschleppen musste, jeden Tag hatte ich fünf Stunden an der Jammermaschine zu doctorn. Doch was geht's mich an, wenn sie mit mir Reclame machen, ich halte mich nicht verpflichtet, dagegen zu eifern, und Thatsache ist es, dass ich nur die eine Maschine benutzt habe. Nein, ich habe in London noch ein Rad stehen, welches ich mir vor zwei Jahren selbst gebaut habe, das werde ich für's Erste gebrauchen.«

Er sprach durchaus nicht immer so ernst, wie er aussah; manchmal recht humoristisch, nur dass sich sein Aeusseres nie dabei veränderte, dass er nie lachte.

Munro öffnete das Fenster. Unten hielt ja noch seine Equipage.

»Dick,« rief er hinab, »fahr nach Hause und packe die beiden Seekoffer reisefertig.«

Dann wurden auch hier Landkarten ausgebreitet. 8500 Meilen sollten in kurze Strecken von Station zu Station eingetheilt werden. Es wurde Nacht, sie assen und arbeiteten bei Lampenlicht weiter. Sie waren erst im Lande der Mormonen am grossen Salzsee, und Starke wollte wenigstens noch bis nach San Francisco kommen, Munro erklärte, nicht mehr zu können; die Augen fielen ihm zu. Er legte sich gleich hier in's Bett, in diesem Zimmer, und als er am anderen Morgen ziemlich spät erwachte, sass Starke noch immer am Tisch neben dem offenen Fenster, im Coursbuche blätternd, schreibend und rauchend, und schon nach seiner geleisteten Arbeit konnte Munro beurtheilen, dass er nicht geschlafen hatte. Er schien keines Schlafes zu bedürfen.

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4. Capitel.
Der achte September.

»Haben Sie etwas Verzollbares bei sich? Spitzen, Pretiosen, Spirituosen?«

Unter dem scharfen Blicke des amerikanischen Zollbeamten erröthete Ellen bis in die Schläfen, sie wurde immer verlegener, konnte nur noch flüstern — gerade jetzt, da sie sich vorgenommen hatte, offen aufzutreten, und sie hatte ja auch gar nichts bei sich. Und nun erröthete sie.

Erstens machte sie der Gedanke verlegen, dass jetzt die Augen aller Passagiere mit spöttischem Staunen auf sie gerichtet seien, denn Angesichts der Freiheitsstatue im New-Yorker Hafen präsentirte sie sich zum ersten Male in ihrem Weltreisecostüm, und zu diesem gehörten Hosen; denn sie benutzte ein Herrenrad, und Hosen hatte Ellen noch nie gegen den eleganten Radlerrock vertauscht gehabt.

Der Spiegel in der Cabine, in welcher jetzt ihr Reisekleid dem zur Verfügung stand, der es zuerst fand, hatte ihr zwar gesagt, dass sie recht fesch in dem abenteuerlichen Herrencostüm aussah, in dem dunkelbraunen Lodenanzug, mit den hohen, gelben Schnürstiefeln, wie unter dem schottischen Mützchen die blonden Locken hervorquollen, ein frisches, edles Gesicht einrahmend; auch der Revolver im Futteral am Gürtel gab ihr etwas von ritterlicher Verwegenheit, der Tornister auf dem Rücken entstellte das ganze Bild auch nicht — ja, sie sah recht gut aus, aber sie hätte schon kaum gewagt, aus der Cabine herauszutreten, und als sie dann ihr Rad über Deck fuhr, und als sie einen Mann vor Staunen förmlich zurückprallen sah, da wünschte sie, schon in der einsamen Mongolensteppe zu sein. Ach, diese Hosen! Es war ein grässlicher Gedanke.

Zweitens kam nun der Zollbeamte mit seinem durchdringenden Blick.

Sie hatte schon genug davon gehört, sie fühlte sich bereits von fremden Händen ausgeschält. Jacke, Weste, Hose, Stiefel, Strümpfe aus, Alles aus bis auf's Hemd, ob sie nicht eine Leibbinde von Brüsseler Spitzen trüge, und wenn es auch Frauenhände waren, in einer abgeschlossenen Kammer, es war doch furchtbar — und es musste so kommen, denn sie erröthete ja immer mehr, obgleich sie doch gar nichts Verzollbares hatte.

Aber Ellen irrte sich. Einmal hatten die Passagiere soviel mit ihren Koffern und mit sich selbst zu thun, dass sie das Mädchen im Männercostüm gar nicht beachteten, und dann wissen die Zollbeamten, dass gerade jene Damen und Jünglinge, welche gleich so erröthen und zittern, die allerunschuldigsten sind, die geben sich nicht mit Pascherei ab. Aber die, welche ein keckes Nein sagen und dreist den Blick erwidern, die haben sie schärfer im Auge, und überhaupt, diese Zollbeamten sehen, riechen und fühlen mehr als andere irdische Menschen, manchmal scheinen sie wirklich hellsehend zu sein.

»Nein, ich habe wirklich nichts,« stammelte Ellen.

»Ringe? Es ist nur ein Diamantring frei.«

Gehorsam streckte Ellen die Hände aus. Die linke trug nur einen oxydirten Kupferring, der nicht einmal einen Australneger gereizt hätte, und für Ellen vertrat er die Visitenkarte. »Ellen Howard, London« war darauf eingravirt, falls man einmal eine Leiche, nach Jahren ein Skelett finden sollte. »Dieses neue Rad muss verzollt werden.«

»Ich will — ich möchte — um die Erde fahren,« stotterte Ellen mit bittendem Blick und knöpfte das Jäckchen, auf, um den englischen Pass hervorzuholen.

»Schon gut,« wehrte der Beamte ab, der nicht einmal das leiseste Staunen bei dieser Erklärung zeigte. »Schläuche auf — Schläuche auf, Schläuche auf!« drängte er, als seiner Aufforderung nicht gleich nachgekommen wurde.

Ellen stützte sich auf das Rad, es zischte; sie sank etwas zusammen. Eine fremde Hand war es gewesen, welche die Ventile geöffnet hatte, eine braune, muskulöse Hand, die sich aus einem gelben Lederärmel hervorreckte. Nur wie im Nebel sah Ellen neben sich einen gelben Riesen stehen, der auch ein Rad bei sich hatte.


Der Beamte hob die Maschine etwas, wirbelte die Räder herum und brachte das Ohr in die Nähe der schlaffen Gummireifen. Denn was kann der intelligente Mensch nicht Alles in diese hineinpfropfen! Im Anfange, als die Pneumatics aufkamen, waren die vom Continent nach England gehenden regelmässig mit Tabak gepolstert, aber auch Schnaps wurde hineingepumpt, und das wurde im Grossen betrieben, bis die Zöllner eben dahinter kamen.

Der Zollbeamte ging. Plötzlich stand neben dem Schnelldampfer ein grosses Haus. Wie es hierher kam, wusste Ellen nicht, da aber alle Passagiere hineingingen, wollte sie es auch thun. Halt, erst musste sie ja die Schläuche wieder aufpumpen. Ach, nun fing die Aufschnallerei mit der Rahmentasche an, und sie brachte die Schnalle immer nicht auf und nicht wieder zu, und die schreckliche Pumperei ....

»Lassen Sie nur, Miss,« sagte der gelbe Mann neben ihr. Ellen sah ihn niederknieen, ein kleines, blankes Ding zog sich in seinen Händen meterlang aus, eins — zwei — voll waren die Reifen und die Ventilstöpsel wieder darauf.

Ehe Ellen noch danken konnte, wurde sie fortgeschoben. Gott mochte wissen, wo sie sich eigentlich befand, sie nicht. Es war ein grosses Bureau.

Fragen wurden gestellt, woher, wohin, ob sie verheirathet oder sonst schon einmal krank gewesen sei, ob sie auch lesen und schreiben könne.

»Haben Sie denn einen Waffenpass?«

»Nein, aber ich will eine Radfahrt um die Erde machen, und wenn ich ....«

»Allright, allright, go on! Next one.«

»Curt Starke, geboren zu Potsdam,« hörte die weitergeschobene Ellen hinter sich eine tiefe Stimme sagen.

»Was, sind Sie schon wieder hier? Machen Sie, dass Sie fortkommen.«

Mehr hörte Ellen nicht, und dann stand sie plötzlich mit ihrem Rade auf einer breiten, von Menschen und Fuhrwerken wimmelnden Strasse. Zunächst wäre sie bald überfahren worden, dann drohte ihr ein getragener Balken den Kopf einzustossen.

»Bitte, wo ist hier der Weg nach Trenton?« redete sie einen Mann an.

Dieser blieb gar nicht stehen, und sie hätte noch lange fragen können. Wer wusste hier etwas von einem Wege nach Trenton.

Da tauchte wieder der grosse, gelbe Mann auf mit dem gelben Hunde, den sie schon immer an Bord gesehen hatte.

»Folgen Sie mir immer, ich zeige Ihnen die Landstrasse nach San Francisco.«

Ellen hörte nicht den Witz heraus, sie empfand nur die Erleichterung, hier einen Wegekundigen zu haben; er mochte vorhin ihre Frage nach Trenton gehört haben, dort fuhr er schon; schnell schwang sie sich auf ihr Rad und fuhr ihm nach.

Sie wusste, dass dies jener Stout oder richtiger Starke war, der Weltumradler. Auch sie hatte oftmals vom ersten Promenadendeck aus den hünenhaften Mann bewundert, dessen enganliegender Lodenanzug den athletischen Gliederbau zeigte, und diese Ruhe, die er beim Gange, bei jeder Bewegung offenbarte, war wahrhaft majestätisch zu nennen. Gepanzert musste dieser Mann sein, sitzend auf gepanzertem Schlachtross, in der gepanzerten Faust das Schwert, welches unsere heutige Generation nicht mehr zu regieren vermag — es war die eherne Statue eines ausgestorbenen Geschlechtes.

Wollte er schon wieder eine abenteuerliche Fahrt antreten? Doch was ging es Ellen an. Ja, sie stand mit ihm allerdings in inniger Beziehung, sie wollte ja seinen Weg machen, wollte beweisen, dass sie, ein Weib, dasselbe in wenig mehr als die Hälfte der Zeit leisten könne, was jener kraftvolle Mann geleistet, aber sie kam gar nicht dazu, mit ihm auch nur ein Wort zu wechseln, nicht darum, weil er zweiter Cajüte fuhr, sondern weil sich ihre Bewunderung bald in Abneigung gegen diesen Mann verwandelt hatte.

Einmal hatte sie beobachtet, wie eine Dame den an Deck Promenirenden lächelnd und fächerwedelnd ansprach. Und was that dieser Mensch? Er liess sie einfach lächelnd und fächerwedelnd stehen, gab einfach gar keine Antwort. Ellen konnte ja auch stolz und reservirt sein, aber diese amerikanische Sitte, einen freundlich fragenden Menschen als Luft zu behandeln, weil es Einem eben gerade nicht passt, mit ihm zu sprechen, fand sie empörend.

Ein andermal wollte eine Dame dem schönen Hunde Zucker geben, und als er diesen nicht nahm, streichelte sie ihm wenigstens den Kopf.

»Lassen Sie doch meinen Hund in Ruhe!« rief der Kerl in barschestem Tone.

Da war es aus. Sie hasste den Grobian förmlich. Na, was sollte man auch von solch' einem Weltenbummler viel verlangen, ein ungebildeter, ungehobelter Geselle war's. Nein, sie hasste ihn nicht, jetzt war er Luft für sie.

In diesem Augenblicke, wie sie hinter ihm her fuhr, allerdings nicht. Da sorgte sie, dass sie ihn nicht aus den Augen verlor. Er schien doch wieder eine lange Radreise antreten zu wollen.

Auch er trug einen Tornister auf dem Rücken, nur viel umfangreicher als der ihre, hinten auf der sehr starken Maschine war noch ein grosses Pack angeschnürt; vorhin hatte sie gesehen, dass er am Gürtel zwei gewaltige Revolver in Futteralen hängen hatte. Die Landstrasse nach San Francisco wollte er ihr zeigen? Gut, sie benutzte ihn als Führer, bis sie aus der Stadt heraus war, dann, wenn sie den Weg allein wusste, blieb sie zurück oder sie jagte mit einem Worte des Dankes auf ihrem leichten Rade an ihm vorbei.

Dann drängte sich ihr mit Macht ein Gedanke auf: nun geht es los! Und mit einem Male hätte sie, schon hier zwischen Häusermauern im Strassengewühl, laut aufjubeln mögen. Nun geht es los! Geradeaus, immer geradeaus in die schöne Welt hinein! Es giebt keine Rückfahrt, keine Heimkehr mit der schmutzigen Eisenbahn! Immer geradeaus auf geflügeltem Stahlross!

Der zehn Schritt vorausfahrende Starke blickte sich einmal nach ihr um. Er wusste sehr geschickt stets den freiesten Weg zu nehmen. Und merkwürdig, der grosse, gelbe Hund hielt sich nie neben seinem Herrn, sondern immer dicht neben ihrem Rad.

Wagen und Menschen wurden spärlicher, Starke bog in eine breite, einsame Strasse ein und schlug auf dem Asphalt ein sehr flottes Tempo an. Die folgende Ellen bemerkte jetzt, dass er für seine grosse Maschine eine recht kleine Uebersetzung hatte, kleiner als die ihre, und dann wunderte sie sich, wie der Hund neben ihr bei dieser raschen Fahrt lief. Er jagte nicht in Sprüngen, sondern er trabte immer noch, warf die Vorderbeine einzeln hoch, es erinnerte ganz an den Lauf des mächtig ausgreifenden, englischen Wagentrabers. Diese Ruhe, wie der Hund gleich wie auf elastischen Sprungfedern vorwärts flog, ohne Hast, ohne Keuchen; das fiel ihr wirklich auf, es imponirte ihr.

Es kamen Gärten mit Villen, die Häuser wurden kleiner, dann wieder das rege Treiben einer Fabrikvorstadt mit dampfenden Schloten; hier roch es nach verbranntem Horn, dort nach parfümirterSeife, dann war der Duft kein Geruch mehr zu nennen, wieder eine ruhige Strasse, wieder Villengärten, die Häuser wurden immer ländlicher — und da eine Chaussee, eine richtige Landstrasse mit Aepfelbäumen, und da grünte in der lachenden Morgensonne das erste Feld!

Ellen hatte bedauert; dass der Antritt der Reise nicht in das Frühjahr fiel. Und nun war sie im September, dennoch plötzlich im Frühling! Dort sprang ja eben erst die Saat mit frischem Grün aus der Erde.

Es war die zweite Aussaat, welche noch in dem Nordamerika eigenthümlichen Nachsommer, dem sogenannten indianischen, zur Reife kommt; und jetzt war der Frühling dieses indianischen Sommers. Die Uhr der letzten Dorfkirche zeigte die neunte Morgenstunde. Jubilirend stieg eine Feldlerche auf.

Jetzt musste sich der gelbe Mann dort vorn verabschieden, damit sie ungestört mitjubiliren konnte.

Zuerst versuchte sie ihn zu überholen. Es gelang nicht. Er schien es zu merken, fuhr noch schneller. Nun, so fuhr sie einmal fünf Minuten langsam, dann war er verschwunden. Sie that es. Der Hund schoss an ihr vorüber, war mit drei Sätzen an seines Herrn Seite; und plötzlich fuhr dieser auch langsamer. Sie noch langsamer, er blickte sich um und that desgleichen.

Was sollte das? Nun vorwärts, vorbei an ihm! Und sie flog vorüber.

»Besten Dank, Mr. Starke.«

»Immer gerade aus, bis nach Newark sind es sieben englische Meilen.«

So, nun hatte sie ihn hinter sich. Richtig, nach Newark hätte sie fragen sollen, nicht nach Trenton. Rüstig trat sie in die Pedale, immer schneller, sie wollte ihn weit hinter sich bekommen. Er hatte sich ja jetzt recht freundlich gezeigt, aber sonst war sein Wesen so roh wie sein Gesicht roth.

Die Aepfel reiften. Im schnellen Vorbeifahren haschte sie einen rothwangigen, und wie sie ihn in der Hand hielt und schon zum Munde führen wollte, fiel ihr der Diebstahl ein. Vor ihr war ja Niemand, neben der Landstrasse lief der hohe Eisenbahndamm, aber hinter ihr? Sie wendete sich etwas im Sattel.

»Immer pflücken Sie ab, das ist hier erlaubt, wenn man nicht gerade mit dem Wagen einsammelt.«

Da war dieser Mensch schon wieder dicht hinter ihr! Er musste ihr überhaupt immer so nahe gefolgt sein. Sie fuhr langsamer — er kam nicht an ihr vorüber. Sie fuhr ganz, ganz langsam, blickte sich um — er fuhr auch ganz, ganz langsam. Sie fuhr schneller — er auch. Sie sprang ab — er kippte mit dem Rade um und pflückte einen Apfel ab. Jetzt war aber Ellen nicht mehr befangen.

»Was wünschen Sie eigentlich von mir, mein Herr?«

»Nichts.«

»Ja, was haben Sie eigentlich vor, mein Herr?«

»Ich beabsichtige jetzt diesen Apfel zu essen.«

»Sie wollen mir folgen.«

»Jawohl,« kam es mit unerschütterlichem Gleichmut aus kauendem Munde.

»Wissen Sie nicht, dass dies unanständig ist?«

»Nein.«

»Ich verbitte es mir aber!«

»Sie können es sich wohl verbitten, es mir aber nicht verbieten.«

Was sollte Ellen thun? Sie konnte nur die Stirn runzeln und dem Unverschämten drohende Blicke zuschleudern.

»Wie weit habe ich denn noch Ihre lästige Begleitung zu ertragen? Doch nicht bis nach Newark?« »Vorläufig bis nach San Francisco.«

Eine Art von Erstarrung überkam Ellen.

»Bis — nach — San — Fran ....«

».... cisco. Allein kämen Sie überhaupt gar nicht hin.«

»Sie wollen mich begleiten?« fuhr sie auf. »Herr, das verbiete ich Ihnen!«

»Sie können es nicht. Diese Landstrasse steht mir so zur Verfügung, wie Ihnen. Halten Sie sich doch nicht auf, es nützt nichts, ich bleibe bei Ihnen.«

Von New-York her kam ein Schnellzug gebraust. Ein Mann stand am Coupéfenster, schien sich schnell zurückziehen zu wollen, blieb aber doch stehen, wedelte mit einem Taschentuche. Dann war der Zug wie ein Phantom vorüber.

Sir — Robin — Munro! Und plötzlich ging ihr eine fürchterliche Ahnung auf, als sie sich mit wahrhaft entgeisterten Augen an den sich gleichmüthig auf sein Rad stützenden Mann wendete.

»Hat Sie vielleicht ein Sir Robin Munro engagirt, mich zu begleiten?«

»Jawohl.«

Ellen wollte ihr Rad gegen den Apfelbaum lehnen, aber damit war das Rad nicht einverstanden, eigensinnig lief es in den Graben; sie liess es liegen, machte mit geballten Fäusten einen Gang über die Landstrasse. Als sie zurückkam, hatte er es aufgehoben und fest gegen den Stamm gelehnt.

»Das werden Sie nicht thun! Ich brauche Ihre Begleitung nicht!«

»Ich werde es doch thun.«

Ellen sah ein, dass mit Schreien gegen solchen kalten Gleichmuth nichts auszurichten war, sie bezwang sich, schlug einen ruhigeren Ton an.

»Mr. Starke, lassen Sie vernünftig mit sich reden. Ich halte Sie für einen Ehrenmann, und wenn ich Ihnen deshalb sage, dass ich diesen Baronet hasse ....«

»Ich denke, Sie sind seine Braut.«

Da war es schon wieder vorbei mit ihrer Ruhe.

»Was, das hat er gesagt?« rief sie ausser sich.

»Na, dann liebt er Sie wenigstens. Geben Sie sich keine Mühe, mich werden Sie nicht los.«

»Sie — Sie — sind mir ein Ekel,« ging jetzt Ellen zu Beleidigungen über.

»Mir ganz gleichgültig.«

»Sie sind ein Schurke!«

»Oh, oh, Miss! Erst nennen Sie mich einen Ehrenmann und nun einen Schurken. Sie werden inconsequent. Wer mich kennt, glaubt Ihnen das auch gar nicht. Und warum halten Sie mich denn für einen Schurken?«

»Sie sind von Sir Munro engagirt worden, mir Schwierigkeiten in den Weg zu legen; ich soll meine Wette verlieren, er will mich demüthigen!«

»Ganz im Gegentheil, werthe Miss. Ich werde mein Möglichstes thun, dass Sie gewinnen, und dafür bezahlt mich Sir Munro. Bitte, überlegen Sie sich die Sache doch ruhig. Dass Sie die Kraft und die Ausdauer haben, meine Strecke in 300 Tagen zurückzulegen, daran, zweifele ich nicht. Aber Sie haben vergessen, dass ich mir diesen Weg erst gesucht habe, Sie vergessen, dass es schon hier in dem doch ziemlich cultivirten Nordamerika keine Landstrasse mit Wegweisern nach San Francisco giebt, und nun kommen Sie erst nach Asien. Sie werden wochenlang geradeaus fahren, plötzlich gebietet Ihnen eine Schlucht Halt, Sie müssen wochenlang zurückfahren, um auf den richtigen Weg zu kommen, und es ist vielleicht doch noch nicht der richtige. Jetzt aber weiss ich den Weg, ich werde Ihnen als Führer dienen, und Sie werden glänzend gewinnen, dennoch durch eigene Kraft, und gegen die Bedingungen geht meine Begleitung ja nicht, Sie wünschen mich nicht, das haben Sie mir deutlich genug gezeigt, ich aber lasse mich nicht abweisen, ich stehe in den bezahlten Diensten eines Anderen.«

Es waren ruhige, vernünftige Worte gewesen. Er hatte auch nicht, nun ihren Charakter kennend, von Beschützung und dergleichen gesprochen. Nur am Schlusse hatte er den guten Eindruck in etwas wieder verdorben.

Aber Ellen hatte ihn überhaupt gar nicht gehört, wollte nichts hören. Sie wurde ganz von dem Gedanken beherrscht, dieser ihr so unsympathische Mann solle ihr ständiger Gesellschafter werden. Und dann blitzte ihr ein rettender Gedanke auf; sie riss ein Checkbuch aus der Tasche.

»Wieviel zahlt Ihnen Sir Munro für Ihre Dienste?«

»Pro Tag drei Pfund Sterling inclusive Spesen. Doch schreiben Sie keinen Check aus, ich nehme ihn nicht an, ich bin unbestechlich.«

Diese Ruhe, die allein schon seine Stellung ausdrückte, sagte mehr als viele Worte. Hier war Alles vergeblich. Wüthend schob Ellen das Buch in die Tasche zurück und machte noch einen Gang über die Landstrasse. Dann blieb sie vor ihm stehen, die Hand am Revolverkolben.

»Ich möchte Sie niederschiessen!«

»Erstens dürfte Ihnen dies nicht gelingen. Zweitens, wenn es Ihnen gelänge, wären Sie eine Mörderin und würden jedenfalls gehenkt. Drittens aber würden Sie nicht gehenkt, denn in demselben Augenblick, wo Sie die Waffe gegen mich erheben, würde Ihnen dieser Hund die Kehle durchbeissen. Nun probiren Sie es — oder fahren Sie lieber weiter.«

Ellen fuhr herum, nahm das Rad vom Baume und sprang darauf.

»Bleiben Sie mir wenigstens aus den Augen, Sie — Sclavenseele.«

»Ueber meine Aufdringlichkeit werden Sie sich nie zu beklagen haben.«

Die Morgensonne lachte noch, die frische Saat grünte und die Lerche jubilirte noch ebenso — aber Alles nicht mehr für Ellen. Für sie war plötzlich Alles finster und todt geworden, die schöne Reise, auf welche sie sich während der letzten Tage wirklich gefreut hatte, sollte ihr also eine widerliche Fahrt werden, denn immer war ja dieser Kerl um sie und an alledem war Sir Munro schuld.

Wie sie, Thränen der Wehmuth in den Augen, zornig in die Pedale trat, das hatte wenigstens das Gute, dass sie schnell vorwärts kam, die ständige Steigung der Strasse merkte sie gar nicht.

Eine grosse Heerde Ochsen mit riesigen Hörnern wandelte des Weges einher. Vielleicht mochten sie noch keinen Radfahrer gesehen haben, vielleicht doch schon — jedenfalls fesselte diese Weltenradlerin ihr Interesse. Sie blieben stehen, brüllten, senkten die furchtbaren Hörner und blähten die Nüstern. Ellen's Herz stockte, sie trat langsamer. Ochsen sind immer Ochsen, sie können unangenehm werden, zumal, wenn sie solche Schraubenzieher am Kopfe haben.

»Frisch mittendurch, die Stiere thun uns nichts, sie weichen aus; folgen Sie dem Hunde!« rief es hinter ihr. Vor ihr trabte der gelbe Hund, und wirklich, achtungsvoll traten die intelligenten Ochsen zurück.

Als sie die vermeintliche Gefahr hinter sich hatte und der Hund wieder verschwunden war, überkam Ellen etwas wie Scham, die sie jedoch schnell in Aerger über sich selbst zu verwandeln wusste. Ochsen sollten sie nicht wieder bange machen.

Sie erreichte Newark, fuhr die Hauptstrasse immer geradeaus, bis sie an das leicht erkennbare Postgebäude kam. Hier wollte sie an den Champion-Club ein Telegramm absenden. Nun konnte sie dem Begleiter auch gleich beweisen, wie überflüssig er war. Auch Starke war abgestiegen, und anstatt ihr Rad unter seiner Aufsicht zu lassen, hing sie es sich über die Schulter, erklomm mit der Last die Steintreppe, trug es immer weiter, bis sie es in dem Telegraphenbureau an die Wand lehnte. Sie schrieb die Depesche, warf noch einen Blick nach der Maschine, trat an den von ziemlich viel Menschen umstandenen Schalter. Sie kam in's Gedränge, kam wieder heraus — weg war das Rad.

Noch einen erschrockenen Blick durch das Zimmer, dann wusste sie nicht, wie sie die Treppe hinabgekommen war. Unten stand Starke, ihr Rad haltend.

»Ich nahm es dem Burschen ab. Arretiren habe ich ihn nicht lassen, gab ihm ein Paar hinter die Ohren. Der verliebt sich sobald nicht wieder in ein fremdes Rad.«

Nur um ihre Schamröthe nicht merken zu lassen, schwang sich Ellen schnell anf ihre Maschine und jagte davon.

Ich hätte mir einfach eine andere gekauft, beruhigte sie sich wieder.

»Sie fahren ja zurück, Miss Howard,« erklang es da abermals.

Ach, was kann einem Culturmenschen, der den Instinct des Wilden verloren hat, doch nicht Alles passiren!

»Ich weiss es,« sagte sie trotzig, lenkte langsam um, fuhr einem Gentleman in den Rücken, ohne die Balance zu verlieren, und radelte nun erst recht mit fieberhafter Eile vorwärts. Die Hauptstrasse spaltete sich, sie fuhr geradeaus.

»Zurück und links ab, dort geht es direct nach dem Nordpol,« ertönte eine Stimme hinter ihr.

Was sollte sie thun? Nach dem Nordpol wollte sie nicht, sie müsste wohl oder übel umkehren, und sie beugte ihr schamgeröthetes Gesicht nur noch tiefer über die Lenkstange. Ueber ihre Empfindungen vergass sie auch ganz, dass sie irgendwo etwas hatte trinken wollen, und erst, als sie die Stadt schon weit hinter sich hatte und sie einen hübschen Ornamentbrunnen erblickte, der den Eingang eines Villenparkes schmückte, erinnerte sie sich des quälenden Durstes.

Sie stieg ab, zog den Gummibecher aus der Jackentasche, drückte den Knopf, spülte in dem Strahle der Wasserleitung den Becher aus und leerte ihn mehrere Male. Dann beschäftigte sie sich mit der Maschine, untersuchte die Kette, welche etwas zu knacken begann, und beobachtete dabei Starke. Dieser nahm den breitkrempigen Hut, ebenfalls von Leder, vom Kopf, wischte den Schweiss etwas mit dem Ellenbogen aus, liess ihn voll laufen und trank.

Das sah solche einem Bummler so recht ähnlich! Hätte er den schweissigen, staubigen Hut nicht wenigstens erst ausspülen können? Hierauf liess er den Hund aus dem Hute saufen und — wahrhaftig, er trank nochmals von demselben Wasser, in welches schon das Thier seine Nase gesteckt hatte!

Die prüde Engländerin schüttelte sich vor Grauen. Was wollte er nun wieder von ihr? Er trat auf sie zu, hielt etwas in der Hand, was ihr so bekannt vorkam; wortlos überreichte er es ihr ........

Auch das noch! Sie hatte ihre Brieftasche, Checkbuch und alles Papiergeld enthaltend, verloren gehabt!

Nur ein gemurmeltes »Danke«, dann weiter, immer weiter!

Schliesslich beruhigte sie sich. Es will eben Alles in der Welt gelernt sein, selbst eine Brieftasche einstecken. Der be- und erfahrene Radler, wenn er die Ausrüstung zur langtägigen Tour zusammenstellt, wird sich vielleicht lächelnd erinnern, wie unpraktisch er doch war, als er seine erste Landparthie antrat. Er hat sich seine Erfahrung wirklich erfahren. —

Obwohl die Gegend hin und wieder schon hier, wo es Ellen noch gar nicht vermuthet hätte, im cultivirtesten Theile dieses Erdtheils, recht an Prairie erinnerte, gute, chaussirte Wege führten doch immer durch. Solche meilenweite Prairiestrecken findet man aber auch noch in England genug, in der dichtesten Nähe von London. Nicht etwa Wiese, keine Weiden, sondern noch völlig jungfräuliches Land, noch von keinem Spaten berührt. Das hängt mit der ausgebreiteten Schafzucht zusammen.

Es war Mittag geworden. Sonnendurchbrannt machte Ellen in einem Städtchen mit nur einer Strasse Halt vor einem Gasthause, dessen reizendes Gärtchen mit seinen Weinlauben zur Rast einlud. Schon diese Weinlauben verriethen den deutschen Wirth.

Sie verwahrte das Rad, wusch sich und liess sich in einer Laube nieder. Starke that desgleichen in einer anderen. Sie verlangte Mittagsessen, oder richtiger ihren »Lunch«. »Beefsteak mit irgend welchem Gemüse,« bestellte sie, nichts weiter. Sie hattet vorhin geglaubt, Hunger zu haben, aber die Nähe dieses Menschen verbitterte ihr selbst das Essen.

Unterdessen studirte Ellen die Karte des Staates New-York. 23 Meilen war sie schon von der Küste entfernt, und wenn sie jetzt zur Zeit der Sonnengluth bis um 4 Uhr ruhte, konnte sie heute noch 20 bis 30 Meilen machen. Von morgen an begann das Tagewerk immer noch vor Sonnenaufgang.

Hier dürfte ein Sachverständiger kopfschüttelnd fragen, wie es möglich ist, dass Jemand, der ein Vierteljahr lang auf keinem Radsattel mehr gesessen hat, am ersten Tage 12 deutsche Meilen machen kann und am nächsten Tage noch vor Sonnenaufgang weiter will.

Ellen hatte die letzten Stunden ihres Aufenthalts in England auszunützen verstanden. Am 1. September früh um 9 Uhr musste sie in Liverpool an Bord sein. Kurz vorher traf dort der Londoner Schnellzug ein. Am Abend zuvor schickte sie ihr weniges Gepäck, von dem das schnell gefertigte Herrenkostüm die Hauptsache bildete, nach Liverpool, nahm Abschied vom Champion-Club, nur eine Freundin, eine enragirte Radlerin, begleitete sie. Sie benutzten den Personenzug; in Stote verliessen sie ihn Nachts um 3 Uhr, etwa 12 deutsche Meilen noch von Liverpool entfernt; es war schön und windstill, und nun stellte sich Ellen die Aufgabe, bis um 8 Uhr per Rad dort zu sein. Die Freundin diente als Schrittmacherin. Hielt sie nicht aus, so musste sie nur eine Hauptstation erreichen, um den Morgenschnellzug benutzen zu können. Aber es gelang, noch vor 8 Uhr war sie am Quai von Liverpool, freilich in welcher Verfassung! Sie fiel vom Rad, sie kroch über die Landungstreppe; drei Tage lang konnte sie weder gehen noch stehen, an Sitzen gar nicht zu denken, beim Liegen hatte sie die wenigsten Schmerzen; so machte sie auch die Seekrankheit durch, dann erholte sie sich — und nun war sie wieder sattelfest.

Das Essen kam. Zunächst erschrak Ellen vor dem ungeheuren Beefsteak, dann Kartoffeln, Cabbage, Blumenkohl und Spargel, dazu zweierlei Compots und Salate; zum Schluss, aber gleich mit auf den Tisch gestellt, verschiedenes Obst und einen appetitlichen Pudding. Ja, essen thut man in Nordamerika nicht schlecht.

Es ist zwar in Amerika Sitte, das Getränk gleich beim Empfang zu bezahlen, doch nicht das Essen. Der biedere Wirth musste wohl schon zechprellende Radler kennen gelernt haben, dass er gleich die Rechnung beglichen haben wollte. Ellen glaubte nicht recht gehört zu haben. Das sind 2 Mark, aber in Amerika bedeuten sie doch nur 50 Pfennige.

Und dennoch war dieser deutsche Wirth gar nicht so billig. Um die Lebenspreise richtig kennen zu lernen, orientirt man sich am besten unter kleinen Verhältnissen mit dem grössten Consum. In einem Boardinghouse, d. i. eine Arbeiterherberge im Centrum New-Yorks gelegen, kostet die volle Pension pro Tag einen Dollar, und dafür erhält man zum Frühstück Kaffee, Thee, frisch gebratenes Beefsteak, Eier, Schinken, Brot, Butter und verschiedenen Kuchen, Alles, so viel man mag; zum Mittag drei bis vier Gänge, darunter Fisch und Geflügel, alle Gemüse der Saison, Spargel und Artischocken, Früchte, Käse, mehrere süsse Speisen, und nicht etwa zur Auswahl, Alles steht auf dem Tische, immer frische Schüsseln kommen; am Abend noch einmal dasselbe, aber frisch, andere Sachen; wer Nachmittags Zeit hat, erhält Thee oder Kaffee mit Kuchen. Nur das Schlafen ist elend, kasernenähnlich.

Solch eine Mittagsmahlzeit nennt man table d'hôte und sie kostet in einer Restauration Deutschlands 4 – 5 Mark. Ein amerikanischer Arbeiter im schmutzigen Kittel stochert mit verdriesslichen Gesicht darin herum, und wenn einmal die Butter nicht rechtzeitig auf Eis gesetzt worden ist, so heisst es: kommt, wir gehen anderswohin.

Fleisch, Frucht, Gemüse kostet in Nordamerika ja fast gar nichts. Aber der Ochsentreiber will wie der Kirschenpflücker für sein Talent bezahlt sein, dann der Fleischer, der Kellner und nun erst der Koch! Wenn die Wandertauben kommen, kostet ein zartes Paar auf dem New-Yorker Markte einen Cent — vier Pfennige — und auf der Speisekarte im Hôtel am Broadway stehen sie mit einem Dollar, denn der Koch lässt sich sein Genie mit Geld bezahlen, der Wirth will auch etwas verdienen.

Je weiter man sich nun von der Stadt entfernt, desto billiger wird es, bis zuletzt Alles gar nichts mehr kostet, weil man sich freut, einen Gast bewirthen zu können.

Das mit der Essenverbitterung war von Ellen doch nur Einbildung gewesen, sie ass, was sie früher nie für möglich gehalten hätte, dieses ungeheure Beefsteak auf und dann — sie begann sich vor sich selbst zu fürchten —noch ein zweites, wofür sie natürlich noch einen halben Dollar zu bezahlen hatte. Dass freilich das Fläschchen Limonade auch einen halben Dollar kostete, das war eigentlich unverschämt. Starke arbeitete sein viergängiges table d'hôte ab, trank eine Flasche Wein dazu, und für alles dies zusammen wurde auch nur ein halber Dollar verlangt.

Sie hatte erst ihr Rad nachsehen wollen, fühlte sich aber doch recht müde. Ja, die Hängematte dort zwischen den Bäumen dürfe sie gern benutzen. Bald schwebte Ellen unter Baumesschatten in einem tiefen Schlafe.

Ein Schuss weckte sie. Starke hatte mit dem Revolver nach irgend einem Ziele geschossen. Merkwürdig, gerade um 4 Uhr, da sie fortfahren wollte, und ohne diesen Schuss hätte sie es verschlafen, wahrscheinlich bis morgen früh.

»Bitte, Miss, 50 Cents für die Hängematte,« sagte der Wirth, als sie von ihm das Rad forderte.

Der lernbegierige Deutsche war schon ganz ein braver Yankee geworden.

Das Rad stand im Schuppen, blitzblank geputzt, geölt.

»Wer hat mein Rad geputzt?«

»Ich. 50 Cents, für das Räderputzen, bitte.«

»Geben Sie es ihm nicht,« liess sich Starke vernehmen. »Ich habe es ja gethan.«

»Ah so. I beg your pardon. Richtig, dieser Gentleman war es.«

»Was kostet denn mein Revolverschuss vorhin?« spottete Starke, wenn auch in seiner gleichmüthigen Weise, dass man es für eine ernste Frage nehmen konnte.

Der Wirth blinzelte ihm nur pfiffig mit einem Auge zu, dann fuhr Ellen ab, ihr nach Starke.

Noch einige Städtchen und Ansiedlungen, manchmal schon recht hinterwäldlerisch aussehend, dazwischen Felder, Wiesen und jene prairienähnlichen Weiden mit viel Vieh, ein grosser Wald, für ein Londoner Kind schon ein undurchdringlicher Urwald, aber immer guter Weg; auf der Landstrasse Viehheerden, Wagen, Reiter und Fussgänger, ab und zu auch ein Radfahrer, einmal gleich fünf Automobile hintereinander; einmal eine Rast in einem idyllischen Farmhause, in welchem man Milch, Maiskuchen und die köstlichen Aepfel durchaus nicht bezahlt haben wollte, und mit der untergehenden Sonne sah sich Ellen nach einem Nachtquartier um.

Sie hatte wirklich fast noch 30 Meilen gemacht, heute im Ganzen 50, und das in aller Bequemlichkeit. Allerdings unter den günstigsten Bedingungen, am Nachmittage hatte sich der Weg immer gesenkt. Aber dafür war es auch der erste Tag, ihre Leistungsfähigkeit würde sicher zunehmen. So sagte sie sich.

An einem Kreuzwege stand ein Gasthaus, etwas armselig aussehend, nur eine Schänke für Viehtreiber. Ach was, Hôtels gab es in England genug, sie brauchte nur ein Bett, nur ein Brett; sie musste sich doch daran gewöhnen.

»Bis nach Shrywell, einer ansehnlichen Stadt, sind nur noch 2 Meilen.«

Nun natürlich erst recht hinein!

Der grosse, von einer Hängelampe erleuchtete Raum diente gleichzeitig als Wohnstube, als Schankzimmer und als Küche, vielleicht auch noch zum Schlafen für die Familie. Hinter der mit Flaschen und Gläsern besetzten Bar hantirte der Wirth; die unsauber aussehende Frau schälte Kartoffeln und schimpfte über die um sie herumspielenden Kinder; vor dem offenen Heerdfeuer, über dem einige Kessel hingen, sassen vier Männer, die Füsse auf dem Ofensims, und spuckten abwechselnd unter die Töpfe in's Feuer. Es mochten Ochsen- oder Schweinetreiber sein, verwitterte Gestalten, auch ihre Kleider mehr verwittert als zerlumpt. Mit einem Grusse trat Ellen, ihr Rad durch die Thüre zwängend, ein, ihr nach Starke. Einen Augenblick aufmerksamer Musterung, die vier Männer hörten auf, zu spucken, wendeten die Köpfe; dann wurde tactmässig weiter gespuckt. Es waren Amerikaner, deshalb mokirten sie sich nicht, selbst wenn sie noch keine Dame im Herrenkostüm gesehen hätten, besonders darum nicht, weil es eben eine Lady war.

Ellen fragte den Wirth, ob sie ein gutes Zimmer und Abendbrot bekommen könne.

»Sind Sie englisch, Missis?« meinte Jener, in ihrer Sprache die NasalIaute der Yankees vermissend. »Ich bin's auch, halte mir noch den Londoner Morning Leader. Ja, ein Zimmer können Sie bekommen, haben schon einmal so ein paar drin geschlafen, die auf solchen Dingern gefahren kamen.«

»Natürlich für mich allein, ich kenne diesen Mann gar nicht!«

»So, so. Können Sie auch haben, ein feines Zimmer. Gekochtes Hammel- und Rindfleisch giebt es. Alte, bediene die Lady.«

Auf ihren Wunsch, sich zu waschen, wurde ihr in dieser Stube ein Pferdeeimer mit Wasser auf eine Bank gesetzt — draussen war es ja schon dunkel —, ein Stück Seife und ein wenigstens sauberes Handtuch daneben gelegt, auf welchem mit grossen Buchstaben gedruckt stand: gestohlen aus Jefferkins Boardinghouse.

Es ging wirklich schon recht hinterwäldlerisch zu, mitten im Staate New-York, und Ellen erfasste diese Romantik; lächelnd half sie sich, wie sie konnte. Gestern und heute, welch ein Unterschied! Denn sie übersprang im Geiste die ganze Seereise, sie durfte es thun, und von welchem Luxus und von welchen Bequemlichkeiten war sie da noch umgeben gewesen. Miss Howard wusch sich im Pferdeeimer, trocknete sich mit einem gestohlenen Handtuch ab, in solcher Gesellschaft — sie musste ein lautes Auflachen unterdrücken. Ja, es war wirklich herrlich. Einer der spuckenden Männer hob die Beine noch höher, um die Frau nach den Töpfen durchkriechen zu lassen, bald standen vor Ellen auf dem Holztisch zwei Teller, auf jedem ein Berg dampfendes Fleisch — so, Vogel, nun friss oder stirb. Alles sah so unappetitlich aus wie die Teller schmutzig waren, wie Messer und Gabel, wie der Tisch, wie die Frau.

Aber Ellen wollte nun einmal mitmachen, sie wollte sich auf Künftiges vorbereiten; wer wusste, was sie noch vorgesetzt bekam, und der Wille bezwingt Alles. Mit diesem Entschlusse langte sie zu, und dann wunderte sie sich doch selbst, wie ihr das so gut schmecken konnte, und zugleich freute sie sich. Als Starke, welcher sich einige Zeit entfernt hatte, wieder eintrat, hielt er ein frisch geschlachtetes, aber schon gerupftes Huhn in der Hand. Zuerst blickte er aufmerksam nach ihrem Tische, und wenn er auch nicht den Kopf schüttelte, Ellen glaubte es doch zu sehen. Dann traf er Vorbereitungen zu seiner Abendmahlzeit, er schien selbst kochen zu wollen, wusch auch noch ein rohes Stück Fleisch ab, scheuerte eine Pfanne aus, roch an der Butter.

»Macht Platz, Gentlemen, ich will mein Fleisch braten.«

Der Eine nahm die Stiefel vom Sims und rückte zur Seite, dass er an's Feuer konnte. Die Butter begann zu prasseln.

»Nun hört gefälligst auf zu spucken, wenn ich koche.«

Ein Murmeln entstand; sie meinten, das thäte doch dem Essen nichts schaden, wenn sie in's Feuer spuckten, in die Töpfe spuckten sie doch nicht.

»Ich liebe es aber nicht, wenn man mir unter die Töpfe spuckt!«

War bei dieser Beschreibung der Bissen in Ellen's Munde gequollen, so sah sie jetzt angstvoll nach den wilden, vom Feuer gerötheten Gestalten, welche ebenfalls das Revolverfutteral am Gürtel hatten. Hoch aufgerichtet stand Starke vor ihnen, mit dem Haupte fast die Decke berührend, und wenn er jetzt auch noch statt des Revolvers die prosaische Bratpfanne in der Hand hielt — Ellen ahnte, was kommen musste, sie hatte schon genug solche wilde Scenen gelesen, sie hörte schon die Revolverschüsse krachen.

Ellen hatte falsch geahnt. Die vier Männer standen einfach auf und setzten sich anderswo hin. Jetzt griff Starke in die Tasche und warf einen Silberdollar auf den Tisch.

»Einen drink für die Gentlemen.«

Wie ein Alp fiel es von Ellen's Brust. Sie beobachtete scharf und dachte gern über ihre Beobachtungen nach. Wenn er dies gleich gethan, hätte er klüger gehandelt; dass er aber erst nachträglich für die Männer ein Getränk bestellte, als er sein Ziel schon erreicht, das war entschieden männlicher.

Der Wirth bekam eine complicirte Aufgabe zu lösen. Der Eine verlangte Whisky mit wenig Wasser und viel Zucker, der Andere Brandy mit gar kein Wasser und wenig Zucker, der Dritte Gin und Pfeffermünz, der Vierte bestellte einen cock-tail und rührte die vielerlei Ingredienzien mit einem Eifer zusammen, wie der Alchimist die Substanzen zum Steine des Weisen. Starke trank Rum.

»Auf Ihre Gesundheit, Miss,« sagte er.

Mit einem Ruck fuhr Alles herum und hob ehrerbietig das Glas.

»Good luck, Miss.«

Ellen wäre kein Weib gewesen, wenn sie nicht erröthend und freundlich lächelnd gedankt hätte, und kein gebildetes, wenn sie nicht die ihr widerfahrene Ehre, oder den eigentlichen Kern der Huldigung, verstanden hätte. In diesem Augenblicke, als sie mit einem Glückwunsch das Glas gegen die fremde Dame erhoben, waren diese zerlumpten, rohen, wüsten Gesellen wirkliche Gentlemen, vornehm, stolz, und doch ehrerbietig. Es imponirte, das war amerikanisch, so etwas findet man bei keinem anderen Volke.

Starke wusch einen Teller ab und ass statt des ausgekochten und dennoch harten Fleisches Hammelcotelettes, Lendensteaks und ein junges Huhn. Ja, er verstand auf seinen Wanderungen

doch zu leben, Ellen konnte noch viel von ihm lernen. Merkwürdig war nur, dass er jetzt so eigen mit der Sauberkeit war, während er heute Morgen nicht einmal den schweissigen Hut ausgespült, überhaupt gethan hatte, als sei jeder Wassertropfen Gold.

Der Wirth brannte ein dickes Wachslicht an und führte die danach Begehrende hinauf, ihr Rad tragend. Das »feine« Zimmer war eine elende Kammer, nichts weiter als ein mit Wolldecken belegtes Bett und einen alten Holztisch enthaltend, nicht einmal einen Stuhl. Aber ein Schlüssel war vorhanden.

Das Licht wurde auf den Tisch geklebt, und der Wirth schickte sich zum Gehen an.

»Sonst noch etwas? Wasser ist unten im Hofe. Wenn Sie frühzeitig abfahren wollen, wie die damals auch thaten — das Haus ist immer offen, die Hunde wachen, lassen Jeden hinaus, aber keinen herein. In einer halben Stunde bringt Jim den Morning Leader, wenn Sie ihn lesen wollen.«

Ellen bat darum und sie war allein. Erst putzte und ölte sie die Maschine, dann setzte sie sich auf das Bett, sann eine Weile vor sich hin und plötzlich begann sie zu weinen. Es war Heimweh. Nicht die nackte Kammer, nicht das erbärmliche Bett, es war eben Heimweh, sie sehnte sich nach ihrem Club, nach ihrer Zofe, nach Londons erleuchteten Strassen, sie kam sich so allein vor.

Lange währte dieser Gefühlsausbruch freilich nicht. Aergerlich über sich selbst lachend, wischte sie die Thränen aus den Augen. Vorwärts, um die Erde, morgen schien die Sonne wieder, und wenn es regnete, wurde einfach im Regen geradelt, und um am Tage Kraft zu haben, muss man des Nachts schlafen, was brauchte sie die englische Zeitung!

Sie schloss die Thüre ab und begann sich zu entkleiden. Da kam Starke, sie erkannte ihn schon, am Schritt. Jetzt setzte er das Rad nieder. Ah, er schlief hier in der Kammer neben ihr. Halbangekleidet blieb Ellen auf dem Bette sitzen und lauschte, während ihr die Gedanken durch den Kopf jagten.

Er rumorte drüben, als habe er viele Möbel zum Umräumen. Dann wurde es still. Flötentöne. Ein Läufer, ein Triller, eine Fuge, sehr fingergewandt und rein, ein Volkslied, dann ging es in ein Stück über, welches Ellen doch — — richtig, am Beethoven-Abend in der Exceterhalle hatte sie es gehört. Wie kam denn dieser ungebildete Mensch dazu, dieses klagende Adagio von Beethoven auf der Flöte zu spielen, noch dazu in solch' schmelzenden Tönen?

Dann wurde es wieder still. Dafür ein neuer Schritt; der auf seine englische Zeitung an der Landstrasse ungemein stolze Wirth fragte, ob sie den Morning Leader haben wolle, und nun nahm ihn Ellen doch, liess sich das Papier durch die Thürspalte zustecken.

Die dicke Wachskerze brannte hell und sehr langsam.

Der »Morning Leader« ist ein Sensationsblatt ersten Ranges. Am liebsten ist es der Redaction, wenn jeden Tag ein Raubmord passirt und eine Pulverfabrik explodirt, und in jeder Feuilleton-Nummer wird Jemand lebendig begraben, wenn man ihn nicht zu Tode martert.

Es war die Nummer vom 1. September. Ein Raubmord fehlte, aber dafür fett gedruckt »Eine sensationelle Wette.«

Ellen las über ihre eigene Angelegenheit, im blüthenreichen Reporterstil abgefasst, und der Berichterstatter wusste Alles, als ob er selbst damals im Champion-Club zugegen gewesen sei, und dabei war nichts Wunderbares: die Züngelchen der Champion-Damen würden schon dafür gesorgt haben, dass die neueste Neuigkeit schnell unter das Publicum kam. Auch sonst wusste der Schreiber Alles — solch ein englischer Reporter ist ja überhaupt allwissend — sogar, in welchem Frisirsalon sie sich das Haar hatte kürzen lassen, um wieviel Decimeter und Millimeter — und da, richtig, da war natürlich auch ihr Bild. Sie sah schrecklich verwegen aus, sogar eine Elephantenbüchse hatte sie über der Schulter.

Die Leserin lächelte. Recht so, nach 300 Tagen sollte man sich noch viel mehr mit ihr beschäftigen. Dann aber erweiterten sich ihre Augen.

»Gleichzeitig hat Sir Robin Munro mit Lord Wood, dem bekannten Sportsman, eine andere Wette abgeschlossen, welche eng mit jener zusammenhängt. Sir Munro, obgleich ein grundsätzlicher Gegner alles Radfahrens, ist verlobt mit Miss Howard. Als es ihm nicht durch fussfällige Bitten und Thränen gelang, das zarte Mädchen von dem gefährlichen Wagestück abzuhalten, erhob er sich mit stolzer Manneswürde und erklärte seiner Braut, so werde er selbst sie begleiten, natürlich zu Pferd, denn noch nie hat Sir Munro ein Rad bestiegen, er wolle sie schützen gegen jegliche Gefahr, sie durch Feuer und Wasser tragen, und wenn sie ohnmächtig von der Maschine stürze, so wolle er sie auffangen und fragen, ob sie nun seine gehorsame, ihn liebende Gattin werden möge. Darauf eilte er hinweg, der Bitten seiner Braut, dies doch nicht zu thun, nicht achtend. Er traf seinen Freund Lord Wood, und diesem theilte er seine feste Absicht mit, zugleich hinzufügend, dass es Miss Howard, ein schwaches Mädchen, doch nicht einmal bis nach San Francisco aushielte. Lord Wood denkt anders über das schwache Geschlecht, insbesondere über Miss Howard. Hieraus entsprang die Wette, welche um nicht weniger als 60 000 Pfund Sterling geht. Lord Wood sagt: Miss Howard erfüllt ihre Bedingungen; und Sir Munro behauptet: sie kommt nicht einmal bis nach San Francisco, sie wird nie mehr radfahren, und ausserdem soll sie innerhalb von 100 Tagen, von heute an gerechnet, meine Frau sein ............«.

Mit einem unterdrückten Schrei schleuderte Ellen das zusammengeballte Blatt an den Boden.

»Das mir, das mir!« keuchte sie, aufspringend. »Oh, dieser Elende! So will er mich demüthigen!«

Sofort wusste sie, was sie zu thun hatte; hastig kleidete sie sich wieder an, hob die Zeitung auf und öffnete die Thür. Sie musste etwas Schweres zurückschieben, das aber gleich von selbst wich. Es war der Hund gewesen, der vor ihrer Thür gelegen hatte. Sie klopfte an der benachbarten Kammer an.

»Mr. Starke, sind Sie noch wach?«


»Come in.«

Die Thür war nicht verschlossen. Er hatte alle Betten aus dem Holzgestelle geworfen, lag auf der Pritsche, statt des Kopfkissens seinen Tornister, war vollständig angezogen, Stiefel an, selbst den Hut noch auf dem Kopfe, rauchte und las in einem dünnen, abgegriffenen Büchelchen im Schein seiner Wachskerze.

»Was wünschen Sie?« fragte er, ohne aufzustehen, ohne seine Lage zu verändern.

»Hier, lesen Sie das!«

Er legte das Buch auf den Tisch und nahm die Zeitung.

Für fünf Minuten war Ellen beschäftigungslos. Sie sah auf dem Tische eine kleine, hölzerne, ganz einfache Holzpfeife liegen, und obgleich ihre aufgeregten Gedanken mit etwas ganz Anderem beschäftigt waren, wunderte sie sich doch in diesem Augenblicke, wie er diesem simplen Instrumente solche weiche Töne entlocken, mit ihm solche künstliche Melodien spielen könne. Und was las er? Das Titelblatt lag aufgeschlagen. Ellen traute ihren Augen nicht. Es war eine französische Ausgabe von Larochefoucauld's Reflexionen und Maximen!

So berühmt dieses Buch des philosophischen Herzogs auch ist, Ellen hatte es doch nur einmal zufällig in die Hände bekommen. Und die bitteren Betrachtungen über das Leben unter Ludwig XIII. und XIV. bildeten die Abendlectüre dieses Menschen? Sie sah auf der Innenseite des Einbandes etwas Geschriebenes stehen; sie beugte sich herab, es zu lesen: Seinem Freunde Gurt Starke zur Erinnerung, Paris, im Februar 1889 — Alexandre, Vicomte de Larochefoucauld.

»Mumpitz,« sagte Starke, und sie dachte nicht mehr an diese Widmung.

»Wie meinen Sie?«

»Das heisst auf englisch: nonsense. Das riecht nach englischem Zeitungsklatsch.«

»Sie glauben nicht daran? Aber ich! Ich halte Sir Munro für fähig, mich so im Schmutze herum zu ziehen. Solch eine Gemeinheit!«

»Nicht so schnell. Man soll keinen Menschen verurtheilen, ohne ihn erst gehört zu haben, Jeder muss sich vertheidigen können. In Indianopolis treffen wir uns wieder, und ich werde ihn fragen, ob dies auf Wahrheit beruht oder nicht. Wenn es der Fall ist, stehe ich nicht mehr in seinen Diensten.«

Ellen stutzte. Deshalb war sie ja eben gekommen. Doch konnte sie ihn auch nicht recht verstanden haben.

»Dann würden Sie mich nicht mehr begleiten?« fragte sie mit leisem Staunen.

»Dann stände ich nicht mehr in seinen Diensten. Ich glaubte mich von einem Ehrenmanne engagirt, und wenn er wirklich diese Wette hinter meinem Rücken abgeschlossen hat, so ist er ein Lump, und einem Lumpen diene ich nicht.«

Ellen bekam doch etwas Hochachtung vor diesem Mann und seinen Kraftausdrücken. Ausserdem aber sah sie sich schon von dem ihr so unliebsamen Begleiter befreit, und wenn selbst nur unliebsam deshalb, weil er ihren Ruhm schmälerte.

»Ich zweifle nicht im geringsten, dass er es gethan hat, er liess mir gegenüber thatsächlich ganz dieselben Worte fallen. Wann werden wir in Indianopolis sein?«

»In 12 — 13 Tagen, wenn Sie so weiterfahren. Ich will 15 bis 16 rechnen.«

»Wir können telegraphisch anfragen ....«

»Nicht telegraphisch, nicht brieflich. Ich muss ihm in's Auge sehen, wenn ich ihn frage, dann weiss ich, ob er die Wahrheit spricht oder nicht.«

»Also nochmals: wenn dieser Bericht den Thatsachen entspricht, so werden Sie mich verlassen?«

,,Ja, wenn Sie es fordern.«

»Ich danke Ihnen, Mr. Starke.« Sie nahm die Zeitung wieder mit.

Drüben las sie den Bericht noch einmal; erst jetzt brach die bittere Empfindung bei ihr durch, und diesmal waren es keine Thränen des Heimwehs, sondern solche des Jammers. Sie liebte ihn — oder sie hatte ihn doch geliebt, und unter Thränen schlief sie endlich ein.

Mitten in der Nacht erwachte sie. Der Mondschein hatte durch das unverhüllte Fenster ihr Gesicht getroffen, und dieser weckte sie immer. Ihre Uhr zeigte einhalb Drei. Einen Blick zum Fenster hinaus — klarer Himmel, Vollmond, anscheinend windstill. Schnell hatte das thatkräftige Mädchen seinen Entschluss gefasst. Jener Mann dort drüben sollte merken, dass sie ihn nicht brauchte, dass er ihr überhaupt gar nicht folgen konnte, wenn sie nicht wollte. Seine gelassene Ruhe, wie er gestern Morgen behauptete, er würde sie begleiten, ob sie nun wolle oder nicht, steckte ihr doch noch recht in den Gliedern, und diese Glieder waren auch recht steif; aber es würde gehen, es musste gehen, er sollte sie nicht einholen! Nur heimlich entfernen musste sie sich.

Also leise, ganz leise angekleidet, nicht einmal Licht gemacht, der Mond leuchtete hell genug, sie zog auch noch nicht die Stiefel an; nun zunächst die Thür geöffnet — aber oh weh, seinen Hund hatte sie ganz vergessen, den sie jetzt zurückschob.

Doch dieser schien sich nicht um die nächtliche Ausreisserin zu kümmern, lag wohl nur zufällig gerade vor der Thür. Er stand auf und rollte sich neben der Thür seines Herrn gleich wieder zusammen.

Jetzt das Rad über die Schulter genommen, auf dem Gange ein Streichholz angebrannt, geräuschlos schlich sie die Treppe hinab, geräuschlos öffnete sie die Hausthür, sie stand im Freien. Nun noch schnell die Stiefel angeschnürt und dann hinauf auf's Rad und losgetreten! Die Petroleumlampe brauchte sie nicht, es war tageshell; verfahren konnte sie sich nicht, hier gab es nur noch directe Hauptstrassen.

So, wenn dann die Sonne aufging, konnte sie ihr ungestört entgegenjubeln, und nun sollte er sie wieder einzuholen versuchen! Sie jubelte schon jetzt, weit genug entfernt war sie bereits.

Sie jauchzte nochmals auf, sie fühlte sich so leicht, so frei, gar nicht mehr so beengt ....

»Good morning, Miss!« sagte es da dicht hinter ihr. »Sie haben Ihren Gürtel mit dem Revolver und der Patronentasche liegen lassen.«

Beinahe wäre Ellen vor Schreck vom Rade gefallen.


— — — — — — — —

Im Lady-Champion-Club war »kleiner Abend«. Die Erste, welche ihre Garderobe abgab, war Judith; dann kam als Zweite die tolle Lady Oliva Hobwell.

Judith konnte sonst dieses verrückte Weib mit ihrem verrückten Benehmen und haarsträubenden Redensarten um den Tod nicht leiden, heute eilte sie ihr gleich entgegen,

»Wissen Sie schon? Es ist Thatsache, Sir Munro hat jenen Curt Starke engagirt, Miss Howard zu begleiten. Hiergegen lege ich ...!«

»Sie legen gar nichts, weder Eier noch Proteste,« unterbrach sie die tolle Lady, während sie die Handschuhe von den diamantengepanzerten Fingern streifte. »Sonst mache ich Sie herunter, dass kein Hund ein Stückchen Brot mehr von Ihnen nimmt.«

»Waas?« hauchte Judith erbleichend. Das war toller als toll.

»Lassen Sie mich ausreden. Mir ist es ganz gleichgültig, ob Ellen diese alberne Wette gewinnt oder verliert, aber wenn Sie etwas dagegen einzuwenden haben, dass dieser Curt Starke die Ellen begleitet, so werde ich etwas von Ihnen erzählen. Ich war nämlich heute Morgen auf der Redaction der »Chronicle Post«. Dieses Schundblatt hatte ohne meine Erlaubniss mein Bild gebracht. Da hörte ich im Nebenzimmer eine Unterhaltung .... Sehen Sie? Trotz Ihrer dunkelen Couleur werden Sie weisser als ein Schneeball. Gut, Sie wissen also, was ich meine. So lassen Sie sich nur noch Eines sagen und Sie werden mir kein Wort erwidern: Sie sind ein ganz miserabeles Frauenzimmer. Pfui Deibel!!«

Und die tolle Lady warf die knisternde Seidenschleppe über den Arm, dass man ihre spitzenbesetzten Beinkleider trotz deren Kürze sah, und liess Judith stehen.

Es kamen hier manchmal wuchtige Scenen vor, besonders wenn sich die Champion-Damen in die Haare geriethen, aber solche starke Worte waren doch noch nicht gefallen.

Es war noch nicht Alles: Zwei andere Damen traten ein, freudestrahlend hüpfte die tolle Lady auf sie zu.

»Wissen Sie schon? Zu übermorgen hat Lady Judith uns alle zum Souper in ihre Wohnung, eingeladen. Und extra für mich will sie selber die Schlagsahne peitschen, das könnte sie grossartig. Nicht wahr, liebste Judith?«

»Wenn es den Damen angenehm ist,« lächelte Judith höflich.

Da war die Lady Oliva schon wieder bei ihr, klopfte ihr hinten auf die Schulter und blickte ihr ebenfalls lächelnd in's Gesicht.

»Aber recht steif schlagen, liebste Judith, nicht wahr? Sonst frisst mein Mops sie nicht.«

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5. Capitel.
Wieder verdorben.

Neben einem klaren Bache im Schatten einer Sykomore lag Ellen da, wo vor Kurzem die Morgensonne noch den Thau getrocknet hatte, und verzehrte zum Frühstück das aus dem Papiere gewickelte Brathuhn. Erst 8 Uhr und schon fast 30 Meilen zurückgelegt. Erst der fünfte Tag und schon über 250 Meilen hinter sich. Dort im Westen erhoben sich schon die Gipfel des Alleghani-Gebirges. Es war ja ein Kinderspiel! Freilich immer bei gutem Wetter und Wind, ein Regentag hatte erst spät begonnen, die Strasse war noch nicht aufgeweicht gewesen, und am anderen Morgen Alles wieder hart und glatt. Aber das war es ja eben, bei diesen 5 Tagen mit gutem Wetter und Weg hatte sie 2, sogar 3 Tage erspart, diese konnte sie schon wieder zusetzen, und dies geschah noch nicht bei schlechtem Wetter und schlechtem Weg, da wollte sie ihre 32 Meilen noch immer machen, sie brauchte ja nur täglich 8 Stunden langsam zu treten. Nein, ihre Rechnung stimmte.

Ausserdem war es überhaupt herrlich. Dieser köstliche Appetit! Hunger hatte sie überhaupt fortwährend, wie — wie ein Wolf. Und solch' ein Trunk aus einem frischen Quellbache! Sie hatte ja lange Touren auch schon in England gemacht, aber dort war es doch etwas ganz anderes gewesen, dort war sie — ja, worin lag denn nur eigentlich der Unterschied? Zunächst wohl darin, dass sie hier nicht an die Umkehr denken musste. Hier war sie frei, frei! Hier legte sie sich mit dem Gesicht ins Gras und streckte sich behaglich aus, und wenn Carossen vorüberfuhren, sie blickte nicht auf. Hätte ihr der Wind die Mütze entführt, ein Dorn ihr die Kleidung von oben bis unten aufgeschlitzt, sie wäre seelenvergnügt barhäuptig und zerrissen durch die vornehmste Strasse der nächsten Stadt gefahren. Und dann immer wieder dieser köstliche Hunger und Durst! Ein gebratenes Huhn könnte sie in England auch essen, aber nicht so wie hier. Den dumpfig riechenden Gummibecher hatte sie schon längst weggeworfen — aus den hohlen Händen geschlürft, gleich den Mund zur kühlen Quelle hinabgebeugt, sie genirte sich nicht mehr, mitten in der belebten Strasse die Pumpenschwengel in Bewegung zu setzen und aus der Mütze zu trinken — und nun sollte sie sich so in England vorstellen! Eine Unmöglichkeit.

Das Geheimniss des Unterschiedes, welches Ellen mit den Worten Freiheit, Ungebundensein und Selbstständigkeit zu lösen suchte, lag vielleicht allein in den Worten »Weltenbummler«.

Dort lag er, der Radbummler par excellence, in der immer von ihm eingehaltenen Entfernung von sechs Metern und schlug mit dem Nickfänger in einen grossen Schinken ein.

Ja, was hatte sie eigentlich gegen diesen Mann? Wenn sie sich nicht beim Fahren nach ihm umsah und bei der Rast nicht nach ihm blickte, so wusste sie überhaupt gar nichts von seiner Existenz. Seit damals, als er trotz ihrer heimlichen Entfernung sofort wieder hinter ihr her war, ihr den liegengelassenen Gürtel mit Revolver bringend, hatte er noch nicht ein einziges Wort wieder zu ihr gesprochen, und das war nun schon vier Tage her. Denn Ellen hütete sich, wieder solch' einen Fehler zu begehen, deshalb lernte sie schnell die Praxis.

Er war sogar bescheidener als ihr Schatten. Dieser lagerte sich neben ihren Tisch, jener lebendige setzte sich beim Essen an einen anderen, suchte beim Lagern im Freien einen vor ihren Augen möglichst versteckten Platz. Konnte man mehr verlangen? Dieser sich selbstständig bewegende Schatten war auch sehr aufmerksam. Hatte Ellen ihr Rad noch nicht geputzt und nicht in eigenem Verschlusse, so wusste sie bestimmt, dass sie es tadellos rein, geölt und mit aufgepumpten Schläuchen wiederfand, und hatte die Kette vorhin geknackt, so war dies jetzt nicht mehr der Fall, war der Handgriff locker gewesen, jetzt war er fest, die Bremse war richtiger eingestellt worden — aber das Heinzelmännchen arbeitete nur, wenn man es nicht beobachtete.

Wirklich, sie that ihm Unrecht, wenn sie ihn einen unverschämten, aufdringlichen Gesellschafter nannte, schon hatte sie es ihm im Stillen abgebeten.

Auch dieser schöne, grosse Hund war still und bescheiden wie sein Herr. Ueberhaupt ein ganz merkwürdiger Hund. Ein vornehmer, reservirter Hund. Ein Gentleman von einem Hund. Noch nie war er schwanzwedelnd zu ihr gekommen, hatte ihr nie die geringste Vertraulichkeit gezeigt. Und das ist bei einem Hunde, in dessen Nähe man sich fünf Tage befindet, seltsam. Ja, er lag jede Nacht vor ihrer Thür, aber öffnete sie diese, so liess er sie passiren, ohne sich mit einem Blicke um sie zu kümmern. Er bellte auch niemals. Nie liess er sich mit einem anderen Hunde ein, nicht mit der schönsten Vertreterin des anderen Hundegeschlechts, und als sich ihm einmal eine prachtvolle Bulldogge mit schwellenden Muskeln dreist genähert, hatte der schmächtige Windhund sie abgeschüttelt, dass ihr Hören und Sehen vergangen war. —

Ellen hatte ja genug Zeit zu solchen Beobachtungen, und so beobachtete sie ferner, wie gentlemanlike dieser Hund von seinem Herrn behandelt wurde. Anstatt ihm einfach seinen Teller mit den Resten der Mahlzeit auf den Boden zu setzen — oft jedoch bekam der Hund sein eigenes Gericht, Milch spielte immer die Hauptrolle — forderte Starke für ihn stets einen reinen Teller, wischte ihn womöglich noch mit der Serviette ab, und in einem grossen Hôtel, als der Oberkellner eine höfliche Bemerkung machte, hatte er dann diesen Teller zertreten und bezahlt.

So ganz schweigsam war Starke auch nicht, er sprach nur nicht zu ihr, desto mehr zu seinem Hunde, den er Hassan el Saba oder nur Hassan anredete, oft hörte sie ihn hinter sich lange Reden halten, in einer Sprache, welche sie für arabisch hielt, und der Hund mit seinen klugen Augen musste ihn wohl verstehen.

Weiter studirte Ellen, wie dieser Mann lebte. Eigentlich ganz anders, wie sie bei solch' einem professionellen Bummler vermuthet hatte. Dass er sehr, sehr stark ass, war bei der ständigen Bewegung im Freien begreiflich. Ellen merkte es ja an sich selbst, und er musste den Oxydationsprocess eines ganz anderen Körpers als den ihren unterhalten. Dass er immer das Beste ass, was nur zu haben war, ist schliesslich auch einem Bummler entsprechend, wenn er Geld hat. Aber auffallend war doch, wie sorgsam er seine Auswahl traf, wie er sein Menu zusammenstellte, kein Pariser Gourmand konnte penibler sein; lange studirte er erst die Weinkarte, wenn eine solche vorhanden, prüfend kostete er den ersten Schluck lange auf der Zunge, und schmeckte er ihm nicht, bestellte er gleich eine andere Flasche, die erstere stehen lassend. Dabei war es ganz gleich, ob er sich im grossen Hôtel oder in der elendesten Spelunke befand. Dort ass er die theuersten Austern und trank französischen Champagner, durch den Kellner liess er den Koch bitten, den Kapaun nicht mit Aepfeln, wie auf der Speisekarte stand, sondern mit Oliven zu füllen. Hier suchte er sich mit Kennerblick das beste Stück Fleisch aus und briet es selbst mit Umständlichkeit, plünderte alle Gewürzdüten, roch an jeder Flasche. Und dieselbe Sorgfalt gab er auch auf sein Aeusseres, war immer rasirt, er polirte sogar seine Fingernägel.

Nun sollte man sich diesen peniblen, pedantischen Herrn in der Wüste, im Urwalde vorstellen, vielleicht monatelang am Lagerfeuer campiren müssend!

Aber Ellen erkannte das Richtige heraus. Er würde, Angesichts des Hungertodes, seine Stiefelsohle mit derselben Umständlichkeit in Stücke schneiden und die Stücke mit demselben Behagen zum Munde führen, wie er im Speisesaale sich mit dem mit Oliven gefüllten Kapaun beschäftigte, wie er jetzt von dem mächtigen Schinken lange Schnitte absäbelte.

Die finstere Schweigsamkeit dieses Mannes hatte sich vor Ellen's Augen nach und nach in ein ruhiges Behagen verwandelt. Ja, das war es! Alles an ihm war ruhige, behagliche Zufriedenheit, die durch nichts zu erschüttern war. Ihr brauchte er es nicht zu sagen, denn sie fühlte selbst, wie sie von ihm aus auf sie überströmte.

Und dann, noch Eins erkannte sie. Wo der sich hinlegte, irgendwo auf der Erde, so sagte er stets, wenn auch ohne Worte: so, hier liege ich, nun mag's regnen, schneien oder blitzen; hier ist meine Heimath, hier bin ich zu Hause.

Es ist ein liederliches, aber classisches Lied:

Ich hab' mein Sach auf Nichts gestellt, juchheh!

Und mir gehört die ganze Welt, juchheh!

Goethe muss wohl manchmal ähnlich gefühlt haben.

Ellen fühlte es jetzt, und das Herz wurde ihr an diesem schönen Morgen weiter.

»Schmeckt es Ihnen, Mr. Starke?« rief sie hinüber.

Kein verwundertes Aufblicken bei dieser ersten, so freundlichen Anrede. Er kannte so etwas nicht.

»Danke, Miss. Mir schmeckt es, Gott sei Dank, immer. Wenn man das Leben von der einfachsten und dennoch hauptsächlichsten Seite betrachtet, so sind Hunger, Durst und ein tiefer Schlaf die schönsten Geschenke einer gütigen Natur, und jeder freie Mensch kann sie sich verdienen, muss sie sich durch eigene Anstrengung verschaffen, denn zu kaufen sind sie nicht für alles Geld der Welt.«

Ellen war es, welche erstaunt aufblickte. Er sprach ganz aus ihrer Seele.

»Schon allein, wenn man Ihnen beim Essen zusieht, muss man ja Appetit bekommen.«

»HabenSie noch welchen? Wollen Sie ein Stück von meinem Schinken? Mein Hund isst keinen geräucherten Schinken.«

Zunächst musste Ellen hell auflachen. Erst kam also sein Hund, dann sie, und durch den trockenen Ton wirkte es urkomisch.

»Oh ja, bitte, gehen Sie mir ein Stück. Es ist doch fabelhaft, was man beim Radfahren für einen unerschöpflichen Hunger bekommt.«

»Wenn man sich nicht überanstrengt. Sonst schlägt es in das Gegentheil um.«

Er schnitt das Zweipfundstück durch, aber anstatt nun ihr die Hälfte zu bringen, blieb er gemütlich liegen, pflückte ein grosses Blatt ab, wickelte das Stück hinein und warf es ihr zu, allerdings so, dass es ihr direct in den Schooss fiel.

Doch gerade diese collegiale Gemüthlichkeit gefiel ihr wiederum. Sollte er etwa aufstehen und eine Verbeugung machen? Das konnte sie im Hôtel genug haben, hier hätte es nicht gepasst.

»Mr. Starke,« begann sie nach einer Weile wieder, »glauben Sie, dass ich die Tour in 300 Tagen machen kann?«

»Wenn Sie so fortfahren wie bisher, glaube ich es. Lassen Sie sich noch etwas Anderes sagen. Mir ist während des letzten Tages in London Einiges zu Ohren gekommen. Sie haben gesagt: wenn ich täglich nur acht Stunden fahre, so werde ich auch beim schlechtesten Wege, wenn ich nur im Sattel sitzen kann, meine 32 Meilen machen und kann mich 16 Stunden wieder ausruhen. — Bleiben Sie bei diesem Princip, und ich weiss es ganz bestimmt, dass Sie Ihre Wette gewinnen werden.«

Mit freudiger Ueberraschung sah Ellen zu ihm hinüber.

»Wirklich? Das ist Ihre ehrliche Ueberzeugung?«

»Ich spreche immer, wie ich denke. Machen Sie sich ein bestimmtes Programm, einen Stundenplan. Sie stehen halb 4 Uhr auf, Punkt 4 fahren Sie ab, Punkt 8 machen Sie den ersten Halt, zur Frühstückspause. Dann wieder von 9 bis 11. Dann grosse Pause mit Hauptmahlzeit und zwei Stunden Schlaf. Dann nochmals von 4 bis 7 im Sattel, und damit ist es aus. Halten Sie diese Zeiten mit der pedantischsten Pünktlichkeit bis zur Secunde inne. Machen Sie sich ganz unabhängig von Weg, Wetter und Wind. Gesetzt den Fall, Sie haben Nachmittags von 4 bis 7 schlechten Weg und Gegenwind, mit einem Male springt der Wind um, der Weg wird ausgezeichnet, sie wollen und können an diesem Abend noch 20 Meilen machen — nein, thun Sie es nicht, steigen Sie Punkt 7 vom Rade. Bald werden Sie merken, was für ein physiologisches, vielleicht auch psychologisches Geheimniss in diesem starren Einhalten des Princips steckt. Etwas Anderes ist es natürlich, wenn Klima, Regenzeit in Betracht kommen. Dann wird eben ein anderer Stundenplan gemacht und dieser ebenso pedantisch eingehalten. Folgen Sie meinem Rathe und soweit es ein Mensch kann und darf, garantire ich Ihnen dafür, dass Sie nicht einmal 300 Tage brauchen; Sie werden in der nächsten Stunde nach Ihrer Rückkehr mit fröhlichem Muthe Lawn-Tennis spielen können, und in Ihrer Erinnerung wird die ungeheuere Radtour eine schöne Spazierfahrt gewesen sein.«

Wie eine dankbare Erleichterung überkam es Ellen. Die felsenfeste Gewissheit lag besonders in dem einfachen Tone, mit dem er diese Worte sprach.

»Dann noch eins,« fuhr er fort. »Quälen Sie sich doch nicht unnöthig mit Entbehrungen. Diese kommen ganz von selbst, dann wird ihr Ertragen auch noch gelernt. Nehmen Sie das Beste, was Ihnen die Erde bietet, so lange Sie es noch haben können. Suchen Sie sich das weichste Bett aus, so lange Sie noch darin zu schlafen vermögen! Denn es dürfte noch die Zeit kommen, wo Sie sich wohl nach einem Bette sehnen, aber wenn Sie es haben, können Sie nicht mehr darin schlafen; stundenlang wälzen Sie sich in den Kissen, bis Sie endlich aufstehen und sich daneben auf den Boden legen und gleich sind Sie sanft, entschlafen. Provociren Sie diesen Zustand nicht, er ist manchmal nicht schön. Nehmen Sie Alles mit, auch, wenn es die Zeit Ihres Stundenplans erlaubt, Theater, Concerte und Kunstgalerien.«

Konnte es vernünftigere Worte geben?

»Ich werde Ihren Rath befolgen und ich danke Ihnen, Mr. Starke.''

Der neben seinem Herrn liegende Hund stand auf, ging zu Ellen und blieb dicht vor ihr stehen. Sie wunderte sich, dass er plötzlich zu ihr kam.

»Ach so, der arme Kerl hat ja heute kein Frühstück bekommen, weil er keinen Schinken frisst und sein egoistischer Herr nur an sich selbst gedacht hat!« bedauerte sie scherzhaft.

»Er erhält nur einmal, des Abends, satt zu essen, er weiss es, und was vom Frühstück und Mittag abfällt, ist für ihn nur ein Gelegenheitsbissen, beanspruchen thut er es nicht.«

Jetzt speculirte Hassan offenbar auf die im Papier liegenden Hühnerknochen. Ellen nahm einen. Eine besondere Hundefreundin war sie nicht, sie hatte das furchtbare Gebiss des Thieres schon gesehen; sie fürchtete sich etwas, deshalb warf sie ihm den Knochen mit einem »Fang!« zu.

Aber der Hund fing nicht, kümmerte sich auch nicht um den im Grase liegenden Knochen, sondern warf Ellen einen seiner verächtlichen Blicke zu und wandte ihr den Rücken, blieb aber noch stehen.

Dieses Benehmen war so menschlich gewesen, dass Ellen förmlich erschrak.

»Oh, jetzt haben Sie ihn beleidigt,« sagte Starke. »Ich hätte Ihnen freilich sagen sollen, dass er höchstens etwas aus der Hand nimmt. Auf der Erde darf nichts gelegen haben. Nun kommt er nicht so leicht wieder zu Ihnen.«

»Was für ein merkwürdiger Hund!« rief Ellen. »Ist er denn so heikel?«

»Er trinkt aus jeder Pfütze, wenn er Durst hat, isst Cadaver, wenn er hungrig ist, aber das frische Wasser, welches ihm vorgesetzt wird, wird er nicht berühren, wenn Jemand seine Hand hineingetaucht hat, und ich glaube, er fühlt es — nicht, dass er es riecht, sondern er fühlt es heraus. Ich muss es annehmen.«

»Was ist denn das nur für ein Hund?«

»Ein Beduinenhund. Kein bevorzugtes Exemplar, sondern die ganze Race ist so. Hier haben Sie ein Beispiel, was der Mensch aus einem Thiere durch Erziehung machen kann. Aus dem Wolfe gewannen wir den treuen Hund. Aus dem Hunde hat der von der Jagd lebende Beduine der lybischen Wüste im Laufe vieler, vieler Jahrhunderte ein Thier geschaffen, welches — für welches ich keinen Namen habe. Kein Anlernen, keine Dressur, allein die Behandlung von Generation zu Generation ist es. Der Hund gehört zur Familie unter das Zelt. Denken Sie: wenn sich eine Hündin mit einem unebenbürtigen Hunde eingelassen hat, oder wenn man sonst den Vater nicht kennt, so werden ihr die Jungen im Leibe todt gedrückt, was gewöhnlich auch ihren Tod bedeutet. Ich habe viele Jahre unter den Beduinen gelebt, aber nur ein einziges Mal ist dieser Fall vorgekommen, und da habe ich gesehen, wie die gefallene Hündin stillschweigend ihre Leiden ertrug und stillschweigend starb. Nie kann ich es vergessen, nicht etwa, wie sie litt, sondern wie sie ihre Ehrlosigkeit wusste, und wie sie dann, durch ihre Sühne von der Schuld erlöst, als gerechter Beduinenhund verschied. Das war kein Hund mehr. Ja, die Ehre ist es! Wir ziehen den Hund auf Muskeln und Dressur, die Beduinen erziehen ihn zum Ehrgefühl. Wenn dagegen eine Hündin in aller Ehre entbunden wird, so ist der Jubel im Zeltlager unermesslich — doch nicht laut, die junge Mutter braucht Stille. Zuerst, wenn es ihr Zustand erlaubt, kommt der Scheich, gratulirt ihr — nicht dem Besitzer — hängt ihr etwa ein Perlenhalsband um. Dann kommen die anderen Honoratioren mit Glückwünschen und Geschenken. Schliesslich alle Beduinenfrauen, sie haben das schönste Geschenk hervorgesucht, sie bringen Kraftsüppchen, sie schmeicheln und bewundern die Jungen, und nun sollten Sie sehen, wie gravitätisch und stolz sich solch eine glückliche Hundemutter im Kindbett benimmt. So werden dann auch die Jungen erzogen.«

»Aber das ist ja Thieranbeterei!« rief Ellen.

»Nicht doch. Sie müssen bedenken, dass ein Paar solcher Hunde dort für den Ernährer einer grossen Familie gilt. Die Wüstenantilopen lassen sich nicht schiessen, das schnellste Pferd holt sie nicht ein, nur der Windhund, und zwei sind nöthig, das hakenschlagende Thier abzufangen. Jene Beduinen leben fast nur von der Antilopenjagd, daher wird der die Nahrung bringende Hund so verehrt. Wer ihn beleidigt, der beleidigt seinen Herrn; wer ihn schlägt, der verliert die rechte Hand; wer ihn tödtet, dessen Leben wird wieder gefordert. So ist das Gesetz der Wüste. Durch diese Hochachtung, welche man ihm entgegenbringt, ist dieser Hund entstanden. Wollen Sie meine besondere Ansicht darüber hören?«

»Ich bitte, ich interessire mich sehr dafür.«

»Sehen Sie Hassan an. Viele Jahre habe ich mich mit Beduinenhunden beschäftigt, vier Jahre speciell mit diesem Hunde, habe ihn beobachtet und studirt, und noch immer ist er mir ein Räthsel. Ich werde immer sagen müssen: ich weiss es nicht, ich glaube es nur, ich nehme es an. Ich weiss nicht, ob Hassan jedes meiner Worte versteht. Manchmal muss ich es fast annehmen, aber dann sträube ich mich wieder gegen den Glauben, diesem Hunde fehle nichts weiter als die Sprache und die menschliche Form, um ein Mensch zu sein. Nein, ein Thier ist es. Ich glaube das Geheimniss in etwas Anderem gefunden zu haben. Verliere ich etwas unterwegs, Hassan wird es mir nachbringen. Lese ich in einer Zeitung, der Wind entführt mir das Blatt, Hassan wird es mir ohne Aufforderung zurückbringen. Sage ich zu ihm: hole mir dies und jenes — und er kennt den Namen des Gegenstandes — er wird ihn mir sofort bringen. Das thut jeder gut dressirte Hund. Dieser Hund ist aber gar nicht dressirt! Hebe ich einen Stein vor ihm auf, werfe ihn fort — Hassan, hole ihn! — er wird mich erstaunt ansehen, warum ich denn den Stein erst fortwerfe, und wenn ich mein Verlangen mehrmals wiederhole, mehrmals Steine fortwerfe, würde er mich verlassen und irgendwo kläglich verenden. Ich weiss es, deshalb wage ich solch' ein Experiment gar nicht, ich habe es früher bei anderen Hunden probirt. Sehen Sie, als ich dies erkannte, da bin ich erschrocken gewesen. Was soll man davon denken? Ist dies nicht menschlicher Verstand, der Zweck von Zwecklosigkeit zu unterscheiden weiss? Ich habe so lange darüber nachgegrübelt, bis ich die Erklärung gefunden zu haben glaube. Wir sagen: der Mensch, und auch das höher entwickelte Thier, hat fünf Sinne. Solch' eine Eintheilung dürfte aber doch recht illusorisch sein. Wir haben offenbar noch mehr Sinne, wir sind uns dessen nur nicht bewusst, deshalb haben wir keine Bezeichnung dafür. Ich bin fest überzeugt, dass der Mensch mit seiner Entwickelung in der Cultur Sinne verloren hat. Ich will Sie in ein finsteres Zimmer stellen, Sie einige Male im Kreise herumdrehen, und Sie können mir nicht sagen, wo Ost und wo West ist. Thun Sie dasselbe mit einem Wilden, mit einem von der Jagd lebenden Indianer, und er wird Ihnen immer ganz genau angeben können, wo Sonnenaufgang und Sonnenuntergang ist. Das ist der uns Culturmenschen verloren gegangene Orientirungssinn. Dann habe ich auch noch einen anderen Sinn erkannt, den ich den des Gleichgewichts nennen möchte. Ich kannte einen Mann, einen Ingenieur, ein grosser Turner und Radfahrer und vor allen Dingen ein sehr gewandter Salonmensch. Er wurde einmal zwischen einer Maschinerie am Kopfe gequetscht und musste hinter beiden Ohren operirt werden. Es hatte gar nichts zu sagen, er genas, sein Gehirn und Denkvermögen hatte nicht im mindesten gelitten, er war noch ganz derselbe Ingenieur. Auffallend war nur, dass er das Gehen erst wieder wie ein kleines Kind von Neuem lernen musste; auf einem Beine stehen konnte er nicht mehr; er besass noch dieselben Muskeln, dieselbe Beweglichkeit, aber mit dem Turnen war es für immer vorbei; nie wieder kam er auf ein Rad hinauf, er fiel immer herunter; und mit einem Male war er ein schüchterner, zaghafter Mensch geworden, der in der Gesellschaft den Mund nicht aufzuthun wagte, vor lauter Verlegenheit fortwährend Dummheiten beging. Aber dabei war er immer noch derselbe geistvolle Ingenieur. Er hatte den Sinn des Gleichgewichts verloren. Nun wieder zu dem Hunde. Durch jahrhundertlange Erziehung und Behandlung hat sich bei seiner Race ein besonderer Sinn entwickelt, welchen ich den der Sympathie nennen will. Das ist also eine Art von Ahnung, oder richtiger sehen ohne Auge, riechen ohne Nase, fühlen ohne Tastsinn: Meinetwegen mag man es auch Instinct nennen, obgleich dies gar nichts bedeutet. Ich nenne es Sympathie. Wenn man Hassan mit Zucker und Peitsche behandeln wollte, so würde man mit der Zeit sicher einen vorzüglich dressirten Hund aus ihm machen, aber ich bin überzeugt, dass er, wenn er über den Stock springen und Pfötchen geben kann, auch diesen besonderen Sinn der Sympathie wieder verloren haben würde. Ich sagte Ihnen schon,dass Hassan kein Wasser anrührt, in welches Jemand seine Hand getaucht hat, er braucht es gar nicht gesehen zu haben. Nun, das könnte er ja riechen. Dasselbe ist aber natürlich auch bei der Milch der Fall. Bei der Milch ist eine Berührung mit der Hand kaum zu vermeiden, sie wird gemolken. Das genirt den Hund nicht. Es trägt ihm Jemand Wasser oder Milch zu, die Schüssel kippt, seine Hand kommt mit der Flüssigkeit wiederholt in Berührung — der Hund trinkt sie ruhig. Sobald aber Jemand, oder auch ich selbst, hinter seinem Rücken, in einer anderen Stube, mit Absicht die Hand hineintauche, rührt er sie nicht mehr an. Woher er es weiss? Mir ist es unfassbar. Er ahnt es, er fühlt es, eben durch einen besonderen Sinn.«

»Das ist allerdings wunderbar,« sagte Ellen. »Da kann ich Ihnen eine Ergänzung geben. Einige englische Gelehrte haben jüngst ihre Beobachtungen über Vögel veröffentlicht; sie behaupten, dass die Vögel frisches Wasser nicht nur durch Gesicht und Geruch wahrnehmen.«

»Und da haben sie Recht. Ich selbst habe mich davon überzeugt bei durstigen Hühnern. Sie finden das frische Wasser immer, man mag den Saufnapf noch so gut verstecken, auch wenn man ihnen Nasenlöcher und Augen mit Wachs verklebt. Sie wittern es auf eine andere Weise. Nun aber etwas Anderes, was beweist, dass dieser Sinn, den ich meine, wirkliche Sympathie ist. Um wen ich mich nicht kümmere, um den kümmert sich auch Hassan nicht. Einmal hatte ich gegen einen Menschen einen Widerwillen, liess es mir aber nicht merken, durch kein Wort, durch keinen Blick. Plötzlich fing Hassan, was er sonst nie thut, zu knurren an, sobald sich dieser Mensch ihm näherte, und wehe ihm, hätte er ihn anzufassen gewagt. Ein anderes Mal hatte ich gegen eine Person eine herzliche Zuneigung gefasst. Sie ahnte es nicht, Niemand ahnte es, ich wusste meine Gedanken zu zähmen. Plötzlich war der Hund um diese Person herum, liebkoste sie, rieb sich an ihr — ich staunte selbst — Hassan hätte mich bald verlassen, um ihr zu folgen. Das ist Sympathie, er fühlt wie ich.«.

Ellen gab keine Entgegnung mehr, sie blickte zur Seite, die Lippen fest geschlossen.

Ja, dieser Mensch hatte durch die unnatürliche Ruhe, die er sich angeeignet, auch einen Sinn verloren, den man sonst von jeder gebildeten Person verlangt.

Wusste denn Starke gar nicht, wie beleidigend er einem jungen, feinempfindenden Mädchen gegenüber sprach?

Das hiess ja mit anderen Worten, auf gut deutsch gesagt: Du bist mir völlig schnuppe, das erkennst du aus dem Benehmen meines Hundes.

Nun, bei solch' einem originellen Charakter musste man eben ein Loch zurückstecken.

Ellen wandte das Gesicht wieder ihm zu.

»Bei derartigen Eigenschaften ist die Liebe des Beduinen zu seinem Hunde begreiflich.«

»Liebe? Es ist mehr Hochachtung. Freilich ist auch Liebe dabei, Freundschaftsliebe. Das ist es eben. Sie werden auch nicht von Ihrem Freunde verlangen, dass er zehnmal hintereinander den Stein apportirt oder aus Gefälligkeit eine ähnliche, den Menschen entsprechendere Handlung ausführt. Sonst ist er am längsten Ihr Freund gewesen. Das nennt man cujoniren. Allerdings, nach langer Trennung, da kann man auch bei dem ernsten, schweigsamen Beduinen und seinem stolzen Hunde die Liebe hervorbrechen sehen. Kommt er nach tagelangem Wüstenritt heim, so fliegt ihm der Hund entgegen, springt ihm in den Sattel und küsst seinen menschlichen Freund, und dieser drückt ihn ans Herz, überhäuft ihn mit Kosenamen — »du Sonne meines Lebens, du Weide meiner Augen, meine Braut, mein Glück, meine Seligkeit«. Dann eilt der Beduine zu seinen Pferden; auch diese wiehern ihm freudig entgegen, und dann erst kommen Kinder und Frau daran. Und sie haben Recht:

»Ein guter Hund, ein schnelles Pferd

Sind mehr als zwanzig Frauen werth.«

Plötzlich stand Ellen schnell auf, sprang auf ihr Rad und fuhr davon.

Starke zeigte keine Verwunderung, blickte ihr nicht nach; er erhob sich gemächlich, klopfte die Pfeife aus und schnallte den Gürtel ein Loch enger.

»Hassan,« sagte er dabei zu seinem Hunde, ebenfalls auf gut deutsch, »bei der sind wir Beide wieder mal in's Fettnäpfchen getreten.«

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6. Capitel.
Ach, wenn er doch käme.

Ja, Ellen fühlte sich äusserst beleidigt in ihrem ganzen Geschlecht.

Sie dachte recht vernünftig über die Frauenfrage, sie gehörte nicht zu denen, welche das Weib am Ruder der Menschheit sehen und das Vaterland vertheidigen lassen wollen, welche den Mann an den Waschtrog gestellt wissen möchten. Die Frau soll im Erwerbs- und Geistesleben jede Stellung einnehmen, zu welcher sie befähigt ist, an welcher ihr Geschlecht sie nicht hindert, in welcher sie sich kraft ihrer Geschicklichkeit und Kenntnisse behaupten kann. Dazu vielleicht noch Stimmberechtigung, besonders in gewissen Sachen. Und das kommt ja Alles von ganz allein, das ist der Lauf der Entwickelung, Niemand kann es hindern, und die Querköpfe, die von ihren Isolirschemeln dagegen eifern, werden auch noch einmal einsehen, dass sie sich lächerlich gemacht haben. Allerdings giebt es Berufe, Stellungen, Aemter, zu denen sich die Frau nicht eignet, oder wenn sie sich dazu eignet, passen sie nicht für sie, eben weil es eine Frau ist, hierzu ist ein Mann fähiger, und indem Ellen diese Ueberlegenheit des Mannes in vieler Hinsicht offen anerkannte, durfte sie mit Recht eines von ihm fordern: Achtung vor der Frau.

Und nun sah sie sich einem Manne gegenüber, der hierüber dieselben Ansichten hatte wie ungefähr ein Hottentotte, wie ein Indianer! Der die Frauen wie ein Türke in den Harem sperren wollte!

Nein, das konnte sie ihm nicht verzeihen. Oder konnte sie es, so war das doch keine Gesellschaft für sie. Gebildet war er, aber Bildung und Gemüth ist zweierlei. Er war gemüthsroh. Eigentlich schade. Aber nun mochte sie eben auch nicht mehr in seiner Gesellschaft bleiben, hoffentlich wurde sie in Indianopolis von seiner Begleitung erlöst.

Es ging bergan, es wurde immer steiler, Ellen brachte ihre Maschine nicht mehr vorwärts, sie kippte um. Starke fuhr immer noch, dazu, wie sie jetzt bemerkte, nur mit einem Fusse; er sprang neben ihr ab und zeigte das abgebrochene Pedal.

»Ich habe mir die Maschine selbst gebaut, hatte aber vor zwei Jahren noch nicht die Erfahrung wie jetzt, und auch meine Muskelkraft ist gewachsen; ich glaube, jetzt trete ich Alles durch. In einer Stunde ist der Schaden reparirt.«

Sie hatten den Gipfel des Hügels erreicht, unten lag ein hübsches Dörfchen, jenseits erhoben sich jäh die Alleghany-Berge.


»Sehen Sie, gleich am Wege das Häuschen mit dem rauchenden Schornsteine, es ist eine Schmiede, hat auch eine gute Drehbank. In einer Stunde ist der Bolzen fertig, selbst wenn ich ihn erst schmieden muss.«

»So werde ich einstweilen vorausfahren, kommen Sie nach.«

»Nein, Miss, warten Sie diese Stunde auf mich. Sie müssen nach Ludgate, kaum 12 Meilen von hier entfernt; das dort ist der Bärenpass, ganz leicht zu befahren, aber allein würden Sie den Weg sicher verfehlen.«

»Ich werde ihn zu finden wissen, und im Uebrigen befolge ich Ihre Vorschrift: immer pedantisch den Stundenplan einhalten. Jetzt wird gefahren.«

Sie rollte den Hügel hinab. Starke war wieder an ihrer Seite.

»Hören Sie auf mich, Miss. Ausnahmen kommen immer einmal vor. Es treiben sich arbeitslose Goldwäscher und Bergleute hier herum. Fortwährend durchkreuzen Schluchten und Thäler den Pass; die siebente grössere Schlucht müssen Sie links einschlagen, aber das ist eine ganz ungenaue Angabe, es kommen unzählige andere dazwischen. Finden Sie nicht die richtige Schlucht, so kommen Sie auf ganz unfahrbare Wege, verirren sich in ein Labyrinth, oder Sie erreichen die offene Prairie, und heute giebt es noch Regen.«

Aber Ellen that, als höre sie nicht. Das Thal hatte sie erreicht, sauste eben in voller Fahrt an der Schmiede vorbei, als plötzlich Starke, schon zu Fuss, eine Hand an der Lenkstange, die andere am Sattel, ihr Rad mit einem Ruck zum Stehen brachte.

Wie er dies fertig gebracht, wusste sie nicht, wunderte sich jetzt auch nicht darüber.

»Lassen Sie mich los!« rief sie, hochroth vor Entrüstung.

»Nur eine Stunde. Ich sorge mich wirklich um Sie, Sie werden sich verirren.«

»Wollen Sie mich jetzt freigeben, Sie unverschämter Mensch?!«

Statt dessen zwang er sie durch Umlegen des Rades zum Absteigen.

»Wenn Ihnen mein Hund folgte, würde ich Ihnen den zum Schutze mitgeben.«

»Ich würde ihn erschiessen! Ich brauche keinen Schutz!«

»Ich hätte Lust, einen Schlauch zu zerschneiden, dass Sie nicht weiterkönnen.«

»Ja, das sähe Ihrer Rohheit ganz ähnlich!« stiess Ellen hervor, jetzt vor Entrüstung bleich werdend.

Starke bat nicht, drohte nicht; seine ruhige Stimme war keiner Wandlung fähig.

»Gut, folgen Sie Ihrem Willen. Prägen Sie sich meine Worte dem Gedächtniss ein. Von hier bis zum Anfange des Passes, den Sie schon merken werden, sind es fünf Meilen. Die fahren Sie in einer halben Stunde. Dann sehen Sie nach der Uhr, fahren Sie schnell 25 Minuten lang, Sie werden drei Meilen machen können, beachten Sie nicht die Querthäler, sondern spähen Sie nach diesen 25 Minuten immer rechts nach einem metergrossen Steine an der Felswand, der gerade wie ein Menschenkopf aussieht. Zu verkennen und zu übersehen ist er nicht, wenn Sie nur nach rechts sehen. Hinter diesem die erste Schlucht links ab, das ist der richtige Weg; und wenn er auch anfangs etwas holperig ist, er wird bald besser, und dann immer gerade aus, Sie kommen direct nach Ludgate. Mögen Sie Ihren Eigensinn nicht bereuen.«

Er trat zurück, Ellen stieg auf und jagte davon. Hatte er sie nicht auch eigensinnig genannt? Solch' ein Unhold.

Immer noch zürnend, passirte sie den Eingang des Passes in die Felsen, was allerdings nicht zu verkennen war, denn diese Felsen hüben und drüben, himmelhoch ansteigend, erhoben sich jäh aus ebenem Boden, und bei diesem Gegensatze von Berg und Ebene blieb es, das war ein richtiger Engpass, und man kommt auf die Vermuthung, dass dieser Bärenpass einst das Bett eines Stromes gewesen ist, der sich durch die Felsen gebrochen hat, obgleich hiermit nicht die vielen Querthäler übereinstimmen wollen.

Das ganze Alleghany-Gebirge setzt sich aus solchen parallelen Gebirgsstreifen zusammen; hier treten sie in Form von Felswänden am dichtesten zusammen, nur zwei deutsche Meilen breit. Es war einst die Hauptstrasse, die jetzt, seitdem die Eisenbahn hinüberfährt, kaum noch benutzt wird.

Der Weg war von Natur ausgezeichnet, der Felsboden glatt wie ein Tisch, nur wenig ansteigend, dazu Rückenwind, Ellen flog spielend hinauf. Links und rechts aber, in den Schluchten, da sah es fürchterlich aus, da hätte man wohl, das Rad über die Schulter, von Stein zu Stein balanciren müssen.

So flog sie immer weiter, bewunderte die schauerliche Romantik der Zwischenthäler und freute sich über diesen glatten Weg im Gegensatz zu jenen, bis sie an das Linksabbiegen dachte. Einen menschenkopfähnlichen Stein hatte sie noch nicht gesehen, leider auch nicht nach der Uhr; jetzt war es bald elf, sie fuhr und fuhr, und der Stein wollte immer noch nicht kommen. War sie schon daran vorüber? Wie in aller Welt sollte man denn aber auch in solch' einer Schlucht fahren können? Die bezeichnete musste doch wohl noch kommen.

Aber weder der auffallende Stein noch ein links liegendes Thal mit passablem Weg war zu erblicken. Dafür erreichte sie jetzt die Höhe. Nun war sie sicher vorbei geradelt. Gut, dann ging es einmal in die offene Prairie, so hatte er ja wohl gesagt. Diese herrliche Thalfahrt konnte sie sich nicht entgehenlassen. Sie brauchte sich ja dann nur links zu halten, so musste sie wieder auf den richtigen Weg kommen. Also die Füsse auf die Stützen gestemmt, die Bremse vorsichtig in die Hand, und hinab ging es in sausendem Fluge. Der Luftzug milderte die Hitze, dabei vergass sie auch die Trockenheit des Gaumens.

Dort vorn wurde der Weg anders. Er war mit Steinen bedeckt, ein herabgestürzter Felsblock mochte zersplittert sein. Ehe Ellen abbremsen konnte, war sie mitten drin, über einige kleine Steine hinweg, grössere konnte sie umfahren, sie hatte das Rad wieder in der Gewalt, es wurde ihr etwas ängstlich um's Herz, weil die Steine gar so spitz waren ...........

Pfffhhh — sagte es, und durch Ellen's Körper ging ein unangenehmes Rütteln.

Erschrocken sprang sie ab. Sie hatte einmal gehört, dass man nicht auf leeren Schläuchen fahren könne, die Felgen würden sich gleich verbiegen.

Der Hinterreifen war schlaff. Das Loch war leicht zu finden, der spitze Stein steckte noch drin. Nun, für solche Fälle war sie ja mit Allem versehen. Die Werkzeugtasche aufgeschnallt, das Reparaturkästchen herausgenommen, auch das Instrument, um den Laufmantel abzuheben.

Eigentlich ist es gar nicht so einfach, einen Laufmantel abzunehmen, als es sich zusieht, wenn es ein anderer macht. In ihrem ganzen Leben hatte es Ellen noch nie gethan, noch weniger einen Luftschlauch geflickt. Wenn ihr in England einmal so etwas passirte, ging sie in die nächste Reparaturwerkstätte, oder war ihr das zu weit, in's nächste Wirthshaus, gegen Bezahlen der Kosten und ein gutes Trinkgeld wurde ihr die kranke Maschine nach Hause geschickt, sie selbst fuhr mit der Eisenbahn voraus.

Aber sie brachte den Schlauchmantel herab, wenn auch nicht ohne Schwierigkeit. Dem Kästchen lag eine Gebrauchsanweisung bei, sie wurde aufmerksam studirt; nun konnte sie es. Alles war vorhanden, sie kratzte, pinselte und klebte so, nun die Luftpumpe heraus, wozu erst der Widerstand der infamen Schnalle überwunden werden musste. Sie pumpte. War das fürchterlich heiss unter der Mittagshitze in diesem Engpass. Und dieser Durst! Sie pumpte und pumpte — wurde er denn noch immer nicht fest? Keine Spur. Die Zähne zusammengepresst, pumpte sie weiter, bis sie endlich merkte, dass die Luft ebenso schnell aus der Wunde wieder entwich, wie sie durch das Ventil hineinkam. Also nochmals die Anweisung gelesen, nochmals gekratzt, gepinselt und geklebt, nochmals gepumpt. Und das war heiss! Und dieser Durst! Aber nun hielt es auch, der Schlauch schwoll. Nicht allzufest, bei dieser Gluth könnte er leicht platzen. Ellen wäre sehr fröhlich gewesen, wenn nicht wieder die elende Schnalle an der Rahmentasche zu überwinden gewesen wäre.

Diesen spitzen Steinen traute sie nicht mehr. Die schienen bald aufzuhören. Ellen nahm das Rad über die Schulter, und wenn es auch wie Feuer brannte, sie trug es wie ihr geliebtes, krankes Kind, wohl eine viertel Stunde lang.

Wirklich, jetzt war der Weg wieder frei von den bösen Steinen.

Ihre Liebe wurde belohnt. Nun aufgestiegen und frisch drauf ......

Pfffhhhtsch — sagte das Hinterrad.

Ellen hätte die ganze Maschine am liebsten gegen die Wand werfen mögen. Hatte sie das etwa verdient? Nein. Das war eine Niederträchtigkeit, besonders von dem Hinterrade.

Aber Energie besass Ellen doch. Sie fing noch einmal an. Zunächst die verfl..... Schnalle, Ellen fluchte wirklich, und da gab die Schnalle klein bei. Also nochmals gekratzt, gepinselt, geklebt und gepumpt, wenn auch unter Thränen. Nein, dieser Durst, dieser Durst! Und der Pumpencylinder brannte wie glühendes Eisen in ihren Händen. Sie hatte es noch nicht für nöthig befunden, sich eine Korbflasche zuzulegen, unnützer Ballast hier mitten in der Cultur. Starke hatte immer eine grosse Lederflasche in der linken Jackentasche, und wenn der jetzt hier wäre, sie wollte trinken, trinken, trinken ..... Herr Gott, der Schlauch wollte schon wieder keine Luft annehmen!

»Nein, das ist doch zu schändlich!« weinte Ellen. »Ach, lieber Gott, mach mir doch meinen Schlauch voll.«

Das Gebet wurde nicht erhört, und ihre Seele dem Teufel zu verschreiben, daran dachte sie im Augenblicke nicht, sonst würde sie es vielleicht gethan haben.

Gebrochen sank Ellen auf einen Stein. Sie trug sich mit Todesahnungen herum. Was sollte denn auch aus ihr werden? Den Weg von 8 Meilen zurück zu Fuss? Es graute ihr schrecklich davor. Bei dieser furchtbaren Hitze! Schliesslich aber blieb ihr wohl nichts anderes übrig. Zunächst wollte sie warten, ob Starke nicht käme. Es war zwar eine kühne Annahme, dass Starke ebenfalls diesen offenbar falschen Weg einschlagen würde, doch Ellen baute fest darauf, mindestens musste sein Hund ihrer Spur folgen können, wozu hatte er denn sonst einen Hund, wozu hatte denn dieser Hund sonst eine Nase, und Ellen hatte wohl Recht, wenn sie sich diesen Mann vorstellte, wie er sofort erkennen würde, aus irgend einem Anzeichen, dass sie nicht den richtigen Weg eingeschlagen habe; er war ja so ein halber Trapper, dann musste er auch Indianersinne besitzen, und es war wohl auch richtig, wenn sie sich vorstellte, wie der kluge Hund, die Nase am Boden, der Fährte des Gummireifen folgen würde.

Zunächst glaubte Ellen, die ersten Qualen des Verschmachtungstodes durchzukosten. Schon sah sie in der öden Felsenwildniss grüne Oasen mit springenden Quellen, der glitzernde Spiegel eines See's winkt ihr — das heisst, sie bildete sich nur ein, schon solche Visionen zu haben, weil sie davon gelesen hatte; so weit war es doch noch nicht mit ihr. Was sie aber plötzlich veranlasste, mit einem Schmerzensschrei aufzuspringen, diese Empfindung war echt: der Stein, auf dem sie sass, war heiss wie eine glühende Ofenplatte, es ging nach und nach durch das Lodentuch.

»Starke, so kommen Sie doch nur endlich!« jammerte sie.

Das Echo verspottete sie.

»Ach, mein lieber Starke, kommen Sie doch, ich will ja auch immer zu Ihnen gut sein!«

»Gut sein — gut sein,« lachte das Echo, und Ellen empfand den Spott; Scham überkam sie.

Lächerlich, es war ja nichts weiter als ein kleines Löchelchen in dem Gummischlauche, sollte denn das nicht zuzustopfen sein? Andere konnten es ja auch, und es war so einfach, wenn man zusah. Ellen kratzte und pinselte und brachte ihren ganzen Vorrath von Gummi darauf. Nun wieder gepumpt. Es hielt, es hielt! Sie legte sich schwer auf den Sattel — es hielt, er liess keine Luft mehr! Vorwärts, aufgesprungen, sie musste heraus aus diesem schrecklichen Felsenpass, sie musste doch hier, in einer bevölkerten Gegend, bald auf Menschen stossen, wenn sie nur fuhr, und wenn sie erst ihren Durst gelöscht hatte, dann wollte sie auch wieder den richtigen Weg finden.

Sie hatte erst einige Radumdrehungen gemacht, als die Strasse abermals sehr steinig wurde, sie wollte den defecten Reifen lieber schonen .... Bhhh — sagte da dieser schon, diesmal ganz bescheiden.

Nun freilich war es mit Ellen vorbei. Sie liess die Maschine fallen, wie sie fiel, und fiel selbst daneben, jetzt nicht mehr den heissem Boden achtend, der ihr auf die Haut wirkliche Blasen zog.

Das ist mein Tod, dachte sie, hier wird man eine Leiche finden. Und das hat Judith nur gewollt. Fluch ihr, Fluch der ganzen Radlerei. Starke, Starke, du bist gerächt! — Und dann dachte sie trotzdem: ach, wenn er doch käme!

Aber Starke kam nicht.

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7. Capitel.
In der Prairie.

Wie sie so langgestreckt auf dem glühenden Boden lag, das Gesicht in den Armen vergraben, alles Feuer, Lippen und Gaumen brennend, glaubte sie ein Geräusch wie von rieselndem Wasser zu vernehmen. Sie glaubte es nur, redete sich ein, es sei nur eine Hallucination.

Es ist überhaupt manchmal nicht vortheilhaft, ein gebildeter, belesener Culturmensch zu sein, besonders wenn man noch einige Phantasie besitzt.

Bei Ellen musste dieses Geräusch partout eine Gehörs-Hallucination sein. Merkwürdig nur, wie deutlich es klang, gerade als ob — Ellen hob den Kopf — gerade als ob es Wirklichkeit sei. Natürlich, das war auch wirkliches Wasserplätschern, dicht in der Nähe, und Ellen sprang auf.

Zwischen der Strasse und der rechten Felswand befand sich ein tiefer Riss im Gestein, mit der Strasse parallel fortlaufend, und etwa 2 Meter unter Ellen's Füssen entsprang der Wand eine Quelle, in der noch etwas tieferen Spalte abwärts fliessend.

Beim Anblick des Wassers kehrte Ellen's Lebensmuth und ruhige Ueberlegung zurück. Obgleich sie nicht hinabgelangen konnte, sah sie sich doch vom Verschmachtungstode gerettet; ihre ganze Verzweiflung fand sie mit einem Male komisch. Den Gummibecher besass sie nicht mehr, sie hatte nicht einmal einen Bindfaden bei sich. Nun, so zerschnitt sie einfach ihre Jacke oder auch ihr Hemd in Streifen und ließ ihre Mütze oder auch die Rahmentasche an dem so hergestellten Stricke hinab, zog sie mit Wasser gefüllt wieder herauf, und dann musste sie eben die acht Meilen rückwärts zu Fuss gehen, drei Stunden kräftigen Marschirens, wenn sie auf der Karte nicht mit Sicherheit feststellen konnte, einer anderen Ansiedlung näher zu sein.

Im Nu hatte Ellen diesen Plan klar gefasst. Was war eigentlich mit ihr vorgegangen? Lächerlich. Wie kleinmüthig! Sie, welche die ganze Erde allein umradeln wollte, hatte gleich beim ersten bischen Durst die Flinte in's Korn geworfen! Weil sie den Pneumatic nicht dichtmachen konnte! In der nächsten Reparaturwerkstätte wollte sie es lernen, und dann immer mit Bindfaden versehen sein! Wieder um eine Erfahrung bereichert.

Ehe sie ihre Bekleidung in Stücke schnitt, wollte sie doch nachsehen, ob das Wasser nicht an einer anderen Stelle erreichbar sei. Sie blickte nach der Uhr. Eine Viertelstunde wollte sie die Spalte verfolgen. So lange musste sie schlimmstenfalls ihren Durst noch ertragen, sie musste!

Es steckte doch Energie in dem Mädchen. Ellen liess nicht einmal das Rad liegen, nahm die gewichtige Maschine über die Schulter, obgleich der Weg über die grossen Steine eine Klettertour war und der heisse Rahmen ihr förmlich in's Fleisch brannte. Sie wollte!

Die Viertelstunde war noch nicht vergangen, als die immer tiefer werdende Spalte in der Felswand verschwand, mit ihr das Wasser, ohne dass Ellen einen Abstieg gefunden hatte. So musste sie eben zurück, musste die Jacke zerschneiden.

Da — Pferdewiehern, Menschenstimmen!

Ellen hatte gar nicht des Weges geachtet. Dort hörte die Strasse plötzlich auf, dort sah es wenigstens ganz anders aus, die Felsberge, schienen zurück zu treten; sie hatte einen weiten Blick über ein hügeliges Terrain. Das war das Ende des Passes, die Grenzen des ganzen, sich jäh aus der Ebene erhebenden Gebirges, das war die offene Prairie, von der Starke gesprochen — und dort mussten Menschen sein, sie hatte Stimmen gehört.

Nur zehn Minuten brauchte sie zu marschiren, als sich vor ihr plötzlich die wellige Prairie ausbreitete, mit niederliegendem, grauem Gras bedeckt, wie Heu aussehend, nur dass dieses noch im Boden wurzelte.

»Halloh, was ist denn das für ein blutiger Fremder?«

Ellen, jetzt ihr Rad schiebend, sah in einiger Entfernung zwei Reiter, welche sofort auf sie zu galoppirten. Es waren abenteuerliche, wilde Gestalten, die Anzüge so zerfetzt wie die schwarzbraunen Gesichter, an den Füssen drei Zoll lange Sporen, ausser dem Revolver am Gürtel das Bowiemesser in der Scheide, um den Hüften den Lasso — Cowboys. Der eine ritt ein mageres Thier, der andere, ein alter Kerl mit einem pockennarbigen, wüsten Gesicht, ein sehr schönes Pferd, mit dem er in beständigem Kampfe lag. Es sprang, tanzte und bockte, versuchte den Reiter in die Beine zu beissen, aber jedes Mal traf dafür ein Fausthieb die Schnauze, und dies Alles hinderte den Cowboy nicht, seine Aufmerksamkeit der Erscheinung des fremden Menschen zu widmen und sich mit dem Kameraden zu unterhalten. Jeder Huf des unbändigen Thieres trug eine lederne Schlinge, welche Alle in der Hand des Reiters zusammenliefen.

»Das ist ja ein blutiges Mädel!«

»Habt Ihr nicht einen Trunk Wasser?« fragte Ellen.

»Einen blutigen Schuss weit ist blutiges Wasser genug,« lautete die Antwort, und dies genüge, um die Ausdrucksweise der Cowboys zu charakterisiren. Sie konnten kein Hauptwort sagen, ohne ein »blutig« vorzusetzen. Ellen fiel dies nicht besonders auf; auch dem englischen Arbeiter ist dies recht geläufig.

»Sie kommt aus dem Bärenpass. Wo will die hin?«

»Guck, Sam, das ist eine verdammte Mähmaschine. Ne, 's ist wahrhaftig, ein Mädel! Was will die hier mit der Mähmaschine?«

»Habt Ihr nicht Wasser?« wiederholte Ellen. »Ich verschmachte fast vor Durst.«

»Wasser? Ne, hier nicht. Wo kommt Ihr denn her? Seid Ihr allein?«

Zwei andere Cowboys kamen angesprengt. Das gleiche Staunen, dieselben Fragen. Woher? Wohin? Was ist das für ein curioses Ding da?

Ellen hatte einige Geschichten gelesen, welche unter Cowboys spielten. Ein rohes Gesindel, unwissend, aber doch mit schönen Zügen, romantisch, ritterlich, gastfreundlich. Man musste sich ihnen nur verständlich machen.

»Hört doch, Ihr guten Leute, ich habe furchtbaren Durst,« wiederholte Ellen zum dritten Male. Sie übersah ganz, was für Blicke gewechselt wurden.

»Durst? Wir haben auch welchen,« grinste der Alte. »Wer seid Ihr denn eigentlich? Seid Ihr wahrhaftig ein Mädel?«

»'S ist eine Dirne,« kam ihr ein Cowboy zuvor.

»Seid Ihr denn allein?« forschte der Alte weiter.

»Ich bin allein. Ich mache auf dem Bicycle eine Reise um die Erde. Wo ist der Brunnen oder die Quelle, von der Ihr vorhin sprachet?«

Wieder schnelle Blicke, ein verständnissvolles Grinsen. Drei Cowboys sprangen gleichzeitig aus den Sätteln, die Pferde frei stehen lassend. Der vierte, der Alte, brachte mit einem Ruck der Schlingen sein Thier zum Sturz, stand aber selbst auf den Beinen schlug einen Knoten und kümmerte sich nicht mehr um das sich wälzende Ross. Nun steckten sie auch noch die Köpfe zusammen und zischelten, die mit Blut gewürzten Worte wurden lauter.

»Eine feine Dirne — sie ist allein — sie ist aus der Stadt — hat sich verirrt ....«

Da plötzlich, ging Ellen eine fürchterliche Ahnung auf über das, was ihr bevorstehen konnte, vergessen war ihr Durst. Aber die Besinnung, behielt sie doch, vor allen Dingen wollte sie Gleichgiltigkeit zeigen.

»Also Ihr habt kein Wasser? Nun, bis nach Ludgate halte ich es auch noch aus. Nicht wahr, dort ist der Weg nach Ludgate?«

Sie deutete nach Süden, und sie sah den Alten auf sich zukommen, ein vertrauliches Lächeln in dem pockennarbigen Gesicht, und eben so sacht schlichen auch die Anderen herbei.

»Kommt nur mit, wir haben schon Wasser,« grinste er, »in Billy's Hütte — und Whisky ist auch dort. Was, Sam?«

»Plenty Whisky,« feixte Sam.

»Was wollt Ihr von mir?« stiess Ellen mit farblosen Lippen hervor, und ihre zitternde Hand suchte den Revolverkolben.

»Komm nur, wir thun Dir nichts.«

»Zurück, oder ....«

Lachend umdrängten sie die Cowboys. Eine starke Faust, der gezogene Revolver war ihr aus der Hand gerungen, ein Arm umschlang sie. Ellen sah sich verloren.

»Barmherzigkeit! Nehmt mir alles Geld ....«

»Ach was, ziere Dich nicht, Püppchen.«

»Starke, zu Hülfe, Starke!«

»Gieb ihr eins aufs Maul, wenn sie schreien will.«


»Hoch die Hände!!«

Die donnernde Stimme, welche diesen Befehl gab, klang in Ellen's Ohren wie Engelsmusik. Sie wurde freigelassen, acht Hände fuhren in die Höhe.

Sie hatte ihn nicht kommen sehen, als sie seinen Namen gerufen.

Dort lief sein Rad noch, und da stand er, in jeder Hand einen Revolver, auf die Cowboys angeschlagen, und neben ihm kauerte, zum Sprunge geduckt, sein Hund. Er musste in voller Fahrt abgesprungen sein, seine Füsse gruben sich förmlich im Boden ein.

»Miss Howard, nehmen Sie ihnen die Waffen ab — schnell!«

Aber Ellen, obgleich sie die Situation erkannte, war nicht fähig dazu, sie lag auf den Knieen. Es wäre auch zu spät gewesen. Eine Hand zuckte herab, eine andere, alle — — zwei Feuerstrahle mit nur einem Knall; zwei Cowboys stürzten mit durchbohrter Stirn nieder, schon hatte Starke den dritten gefasst, schmetterte ihn zu Boden; ein gelber Streifen sauste durch die Luft, auf der Brust des vierten lag der Hund; ein gellendes Geheul, Hassans furchtbares Gebiss hatte die nach der Waffe greifende Hand zermalmt, und da erhob sich Starke schon wieder; er hatte seinem Manne Füsse und Hände mit dem Lasso gebunden, nahm dem vierten den Revolver ab und fesselte ihm die Füsse.

Alles dies hatte sich in wenigen Augenblicken abgespielt, und Ellen glaubte, eine Vision zu haben. Da lagen zwei Menschen, jeder ein hässliches Loch mitten in der Stirn, das Blut sickerte heraus, die Augen starr, gebrochen, als wenn sie — — nein, es war nicht möglich! Das war wirklich nur eine Hallucination!

»So, nun wollen wir nach Ihrem Maschinchen sehen. Mir scheint, der Hinterreifen ist undicht. Ich bemerkte es gleich, als ich angefahren kam. Entschuldigen Sie nur, dass ich so lange ausblieb. Auch der Bolzen vom anderen Pedal war schon angebrochen, es ging nicht Alles so glatt; auf der Drehbank war auch gerade etwas aufgespannt, da wurden zwei Stunden aus der einen. Richtig, an der abzweigenden Schlucht sagte mir Hassan, dass Sie geradeaus gefahren wären. Na, ich bin ja gerade noch zur rechten Zeit gekommen.«

Er sagte es nicht anders, als wenn er sonst etwas erzählte. Nicht die geringste Bewegung, Alles Ruhe, Gleichgültigkeit.

Ellen aber kam es jetzt zum Bewusstsein, dass sie nicht nur träumte.

»Zum Mörder geworden! Meinetwegen,« brachte Sie ächzend hervor.

Starke holte sein Rad, öffnete die Werkzeugtasche.

»Mörder? Ich? Nein, das bin ich nicht. Hier heisst es einfach: wer ist schneller? ich oder du — — — oho, Sie haben ja ein ganzes Gummilager draufgeklebt, das muss wieder herunter. Nein, Miss Howard, machen Sie sich keine Gewissensbisse, die überlassen Sie mir, und ich habe keine. Habe ich unrecht Blut vergossen, so komme es auf mein Haupt. Hier stehen wir unter den Gesetzen der Prairie. Die Männer wussten,was das Wort »Hände hoch!« bedeutet. Sie haben es riskirt, nach der Waffe zu greifen, und sie haben sich dabei verspekulirt. Hätte ich sie nicht tödtlich getroffen, ich würde mich in ihren Augen unsterblich blamirt haben. Die Ueberlebenden erstatten keine Anzeige, wissen gar nichts von so etwas; für sie habe ich auch nur recht und billig gehandelt, für sie bin ich ein tüchtiger Kerl, höchstens dass sie den Tod ihrer Kameraden zu rächen suchen. Da geht man ihnen einfach aus dem Wege. Also weg mit allen Kopfschmerzen. — So, der wäre geflickt, dieses Pflaster hält ewig.«

Aufmerksam blickte Starke die noch immer Knieende an. Er mochte aus ihren glänzenden Augen und trockenen Lippen erkennen, was ihr vor allen Dingen fehlte, er zog die grosse Lederflasche aus der Tasche und schraubte den Stöpsel ab.

»Haben Sie Durst? Trinken Sie. Es ist Thee mit Citronensäure.«

Die Natur siegte über das Entsetzen. Ellen erhob sich, mit zitternden Händen griff sie nach der Flasche, setzte sie an und trank — und trank — und glaubte, noch nie solch ein Entzücken empfunden zu haben. Neues Leben durchrieselte ihren Körper.

Starke hatte die Instrumente wieder geborgen. Jetzt durchschnitt er die Riemen des gefesselten Pferdes, sprang zurück, um von den Hufen des aufschnellenden Tieres nicht getroffen zu werden, es jagte davon, während die anderen drei ruhig dastanden. Er hetzte sie mit dem Lasso fort.

Die Lederflasche fasste einen ganzen Liter, sie war voll gewesen. Mit einem Zuge konnte Ellen sie nicht leeren, tief aufathmend setzte sie ab, wollte sie zurückgeben.

»Trinken Sie, trinken Sie«, ermunterte Starke, »es wird bald mehr Wasser geben, als wir wünschen. Wir müssen uns beeilen, eine möglichst grosse Strecke zwischen uns und diese Cowboys zu bringen. Tödten darf ich die Wehrlosen natürlich nicht, das ginge gegen mein Gewissen, gegen das Gesetz der Prairie. Die Beiden werden sich schliesslich doch zu befreien wissen, werden ihre Pferde oder andere wiedererlangen, vielleicht auch von Kameraden Hülfe bekommen, und dann werden sie uns verfolgen, und wenn der Regen den Boden aufweicht, sind uns die Berittenen überlegen. Machen Sie sich zur Abfahrt bereit.«

Ellen hob ihr Rad auf, und als er zurückkam, reichte sie ihm die geleerte Flasche. Eines Wortes war sie noch immer nicht mächtig, nicht einmal eines Dankes. Sie wurde noch immer von dem schrecklichen Gedanken beherrscht, was ihr bevorgestanden hätte, wäre Starke nicht gekommen.

Sie hatte die drohenden Anzeichen in der Atmosphäre noch gar nicht beachtet: Ein starker Wind blies aus Süden, wurde aber beständig durch noch stärkere Stösse aus Westen unterbrochen; zwei Windströmungen rangen um die Herrschaft, und im Westen stieg eine schwarze Wand mit schwefelgelbem Saume auf.

»Sie müssen Vorspann nehmen, das geht doch nicht gegen die Bedingungen,« sagte Starke, als er die Lederjacke aufknöpfte, unter welcher auch er einen Lasso um die Hüften trug. Er wickelte ihn ausserhalb der Jacke um den Leib, nahm Maass, dass die Enden gleich lang wurden, und befestigte diese an den Lenkstangen ihres Rades, sie zum Aufsteigen auffordernd.

Noch einen Blick in die starren Augen der Todten, auf die Gefesselten, welche ebenso unbeweglich dalagen, und die Fahrt auf dem zum Tandem zusammengekoppelten Räderpaar begann. Gleich im Anfange merkte Ellen, dass sie allein keinen Schritt vorwärts, gar nicht in den Sattel gekommen wäre. Der Boden war uneben, voll Buckel und Löcher; das sich um die Speichen wickelnde Gras hinderte ungemein; ein Windstoss von vorn bremste die Fahrt ganz ab, der von der Seite drohte sie umzublasen.

Aber dort vorn der Mann, der mit dem Gesicht auf der Lenkstange lag, zog wie eine Dampfmaschine. Er mochte sich nicht zum Flieger eignen, dazu war er zu gross, zu schwer, sein Gang so langsam und wuchtig wie sein ganzes Wesen, aber für seine Durchtrittskraft schien es kein Hinderniss zu geben.

So verging eine Stunde, und der lederne Lasso blieb straff wie Stahl gespannt. Ellen that ihr Möglichstes, ihm das Ziehen zu erleichtern. Der Westwind siegte, er wurde zum Sturm, es ging ihm direct entgegen, Ellen konnte nicht mehr athmen, noch viel weniger treten, und dennoch machten sie wohl noch 4 Meilen in der Stunde.

Höher und höher stieg die schwarze Wand, sie überzog den ganzen Himmel, es wurde Nacht.

Plötzlich trat eine völlige Windstille ein. Dieser Wechsel war zu unheimlich, als dass sich Ellen darüber hätte freuen können, und da ging auch schon ein Heulen und Pfeifen durch die Luft, ein furchtbarer Blitz erhellte die Nacht mit gleichzeitigem Donnerschlag.

Mit einem Ruck wurde Ellen aus dem Sattel geschleudert, der schon abgesprungene Starke fing sie auf, etwas Weiches, Haariges wurde der halb Besinnungslosen in die Hand gedrückt.

»Der Hurican!« schrie er ihr in's Ohr. »Mir nach! Laufen Sie um Ihr Leben! Halten Sie Hassans Schwanz fest!«

Alle Elemente der Hölle schienen entfesselt zu sein, es heulte in allen Tonarten, ein einziges Feuermeer, ein ununterbrochenes Krachen und Schmettern. — Ellen verging Hören und Sehen, sie sah nur Starke mit weiten Sätzen rennen, über jeder Schulter ein Rad; sie rannte schon mit, ohne es zu wissen, den Hundeschweif krampfhaft gepackt, Hassan riss sie mit fort.

Nur einige Minuten ging es so vorwärts, den Sturm von der Seite. Ein neues Flammenmeer zeigte ihr in der Ferne Bäume, und Starke stand.

»Der Wald, der Wald!« schrie sie. »Dort sind, wir geborgen!«

»Um Gottes Willen! Vorwärts, mir nach, jetzt fliegen wir mit dem Winde!«

Er stürmte weiter, in einer anderen Richtung, und Ellen flog wirklich, ihre Füsse berührten kaum den Boden. Ein Hinderniss stellte sich ihr entgegen, es war eine Böschung, sie stürzte, wurde aufgerissen, einige Schritte getragen, wieder hingelegt, oder richtiger hingeworfen, sie fühlte Eisentheile, Speichen, sie lag neben den Maschinen.

»Fürchten Sie nichts, die Gummidecke isolirt!«

Es war das Letzte, was sie von seiner Stimme vernahm, Dunkelheit umgab sie, eine Decke legte sich über sie, dafür aber war das bisherige Krachen und Heulen der Elemente eine Kleinigkeit gewesen gegen das, was jetzt losbrach, unbeschreiblich, gleichzeitig stürzte eine schwere Last auf sie hernieder, es rauschte wie ein Wasserfall.

»Der Weltuntergang!« Das war Ellen's letzter Gedanke, dann verliess sie, vor körperlicher und seelischer Erschöpfung und vor Entsetzen, das Bewusstsein. Doch es war keine krankhafte Ohnmacht, sie fiel in einen tiefen Schlaf.


— — — — — — — — — — — —

Als sie wieder zu sich kam, fühlte sie sich auf weichem Heu gebettet, sie tastete abermals an Eisentheilen, und dass es so dunkel war, daran musste eine Decke schuld sein — oder es war Nacht. Das kräftige Mädchen brauchte nicht lange Zeit, um völlig bei Besinnung zu sein. Gleich erinnerte sie sich an Alles. Die Elemente wütheten nicht mehr, und sie befand sich noch am Leben. Zuerst gab sie sich allerdings einer behaglichen Empfindung hin. Sie fühlte sich wirklich so behaglich; sie lag so weich gebettet, es war so hübsch warm hier — und sie war dem Verderben entgangen.

Ja, was war denn nun aber aus Starke geworden, aus seinem treuen Hunde, der sie zuletzt kraftvoll gezogen hatte? Sich jetzt dieser Behaglichkeit hinzugeben, das war ja der reine Egoismus.

Sie lüftete die Decke, ein heller Lichtschein — sie schlug die Decke ganz zurück, eine tiefstehende, blendende Sonne — und da — Ellen traute ihren Augen nicht ....

»Guten Morgen, Miss Howard. Haben Sie gut geschlafen? Ungefähr 14 Stunden sind's gewesen.«

Dort im nassen Grase sass breitbeinig Starke, schnitt Stücke von einem kalten Rinderbraten ab, streute Salz darauf und schob die Bissen abwechselnd sich und dem neben ihm kauernden Hunde in den Mund, dies Alles auf einer kleinen Insel. Die Prairie hatte sich in einen unübersehbaren See verwandelt; nur hier und da tauchte der Gipfel eines höheren Hügels als Eiland aus dem Wasser.

»Ja, was ist denn das?«

»Es war ein kleiner Wolkenbruch, nichts weiter, es giebt noch ganz andere. Aber der Hurrican war gut, der liess nichts zu wünschen übrig. Blicken Sie dorthin. Sehen Sie das Gestrüpp? Manchmal einen Baumstamm, Wurzeln und Aeste aus dem Wasser streckend. Das ist der Wald, in dem Sie gestern Zuflucht suchen wollten. Das dürfen Sie nie thun, wenn Gewitter und Sturm im Anzuge sind. Da bringt man selten ein Bein und einen Arm gesund wieder heraus.«

Ellen erkannte das Werk der Zerstörung — ja, Alles zerschmettert, und sie selbst wäre es jetzt ebenfalls — und sie schauderte zusammen. Dann wanderten ihre Blicke zurück zu Starke. Sein lederner Anzug hielt das Wasser nicht, aber feucht war er doch, der Hund noch ganz nass, so nass wie das heuähnliche Gras.

»Und Sie? Sie haben mich mit Ihrer Decke geschützt, während Sie die ganze Nacht im Regen und Sturm zugebracht haben! Sie beschämen mich.«

»Oh, das macht uns nichts, über solche Kleinigkeiten sind wir erhaben,« erklang es gleichgültig zurück. »Erst habe ich beobachtet, wie die Blitze in das Wasser einschlugen, dann bin ich sanft neben Hassan eingeschlafen. Solch eine Gummidecke schaffen Sie sich in der nächsten Stadt auch an, man fühlt ihr Gewicht nicht und sie ist oft unentbehrlich; man sichert sich mit ihr ein trockenes Plätzchen, ehe es zu regnen anfängt, in der Kälte wärmt sie; gegen die Gefahr, vom Blitz getroffen zu werden, giebt es keinen besseren Schutz, und das hat besonders beim Radfahrer etwas zu sagen. Hier in der Prairie, wo meilenweit kein Eisen den Blitz ablenkt, hätten ihn unsere Räder unfehlbar angezogen. Nun frühstücken Sie erst, Proviant haben Sie nicht bei sich, nehmen Sie mit meinem Rinderbraten fürlieb. Als Getränk giebt es Regenwasser, aber auch mit Citronensäure gewürzt. Ich sehe inzwischen nach den Maschinen.«

Er hatte sich erhoben und deckte ihr den Tisch, das zusammengelegte Gummituch, stellte die geöffnete Ledertasche daneben. Unverwandt schaute ihn Ellen an. Heiss stieg ihr das Blut aus dem Herzen in den Kopf, die Gedanken schneller jagen machend. Was hatte sie ihm nicht für Namen gegeben? Am ersten Tage war wohl »Sclavenseele« das letzte Wort gewesen. »Sie sind mir ein Ekel — unverschämter Mensch — aufdringlicher Gesellschafter.«

»Mr. Starke, geben Sie mir Ihre Hand — schlagen Sie mir die Bitte nicht ab.«

»Weshalb?«

»Was wäre aus mir geworden, hätte ich Sie nicht gehabt. Verzeihen Sie, ach, verzeihen Sie meine Undankbarkeit.«

Diesmal nahm er die ihm gebotene Hand, er drückte sie sogar.

»Wenn Sie glauben, einer Verzeihung zu bedürfen, so gebe ich meine Hand gern. Zu danken brauchen Sie mir nicht, ich werde für meine Dienste bezahlt.«

Schliesslich war er doch wieder derselbe. Immer kalt, immer zurückhaltend, ohne Herz. Aber sein Händedruck war dennoch herzlich gewesen. Er konnte eben nicht anders sprechen, und da dies Ellen erkannte, fühlte sie sich nicht gekränkt durch seine kühle Abweisung.

Während sie es sich schmecken liess, ölte er die Maschinen und spannte die Ketten.

»Das Wasser wird sich bald verlaufen haben, und sobald wir nur waten können, muss es sofort weiter gehen,« meinte er dabei. »Erst strömte es mächtig nach dem tieferen Norden, jetzt steht es so ziemlich; die festgebrannte Bodenschicht weicht auf, dann wird die durstige Erde schon schlucken, das Uebrige besorgt die Sonne. In einer Stunde wird Alles wieder trocken sein.«

»Und so lange wollen wir nicht warten, bis es wieder trocken ist?« fragte Ellen, mit einigem Schaudern an eine Watparthie über den sumpfigen Boden denkend.

»Erinnern Sie sich der beiden noch lebenden Cowboys, von denen wir nur 6 - 8 Meilen entfernt sein mögen. Vielleicht sind sie ertrunken — das belastete mein Gewissen sehr wenig, dann sind es eben Tölpel gewesen, die sich nicht zu helfen gewusst haben. Wahrscheinlich aber wussten sie sich eben zu helfen, Einer löste mit den Zähnen die Knoten des Anderen, auch ein Knebel hätte sie nicht lange daran gehindert, und ich möchte meinen Kopf darauf setzen, dass wir sie bald hinter uns haben werden. Verstehen Sie nun? Jetzt sitzen die auch auf einer Insel, und sobald sie die Möglichkeit haben, die ihrige zu verlassen, um ihre Kameraden aufzusuchen, müssen wir von der unsrigen herunter. Da ist jeder gethane Schritt unschätzbar. Von 100 Schritten kann unser Leben abhängen, ob wir z. B. dann die Räder auf einen guten Weg setzen können oder nicht, ehe wir in Schussweite ihrer Revolver sind.«

»Oh mein Gott,« hauchte Ellen mit bleichen Lippen, »so sind wir also noch gar nicht ausser Gefahr.«

»Machen Sie sich keine Sorge, so lange es nicht nöthig ist. Wir werden uns schon durchschlagen. Und wenn sie uns auch kriegen, zum Schiessen lasse ich es dann nicht kommen, und ausserdem habe ich immer noch allerlei Mittelchen in der Tasche. Denken Sie doch, es ist nicht das erste Mal, dass ich ein derartiges Abenteuer erlebe. Nun essen Sie, essen Sie; mit leerem Magen ist der Mensch nichts werth.«

Wirklich, Ellen konnte noch immer mit Appetit essen. Solche Worte, so einfach und sorglos gesprochen, wirkten geradezu herzstärkend. Plötzlich schwand vor ihren Augen jede Gefahr. Was sollte sie denn auch fürchten, wenn sie diesen Mann an ihrer Seite hatte.

Starke hatte sich wieder gesetzt, er band die breiten Lederstreifen ab, welche er als Gamaschen von den Fussgelenken an bis an die Kniee trug, und wickelte sie fester. Dass seine Stiefeln hackenlos waren, hatte Ellen schon bemerkt, und nun sah sie, dass er nur dünne Halbschuhe trug, richtige indianische Mokassins. Wahrhaftig, dann war dies ja ein ......

»Mr. Starke, kennen Sie Cooper's Lederstrumpf?«

»Natürlich kenne ich den, wenn auch nicht persönlich. Als Kind habe ich ihn mehrmals verschlungen. So,« er hatte jeden Mokassin noch besonders mit zwei kurzen Riemen am Fusse befestigt, »nun gestatten Sie, dass ich Ihnen die Beine auszureissen versuche. Halten Sie sich am Grase fest.«

Fassungslos blickte Ellen den auf sie Zukommenden an. Dass er eine gute Portion Humor besass, Witze machen konnte, hatte sie schon mehrmals bemerkt, nur dass er nichts davon durch sein Äusseres verrieth. Gerade dadurch vielleicht wirkten seine trockenen Worte um so komischer. Was wollte er aber jetzt von ihr?

»Halten Sie sich fest,« sagte er nochmals, und ehe sich Ellen versah, hatte er ihren Fuss in der Hand und riss aus Leibeskräften daran, nun hielt sich Ellen von ganz allein fest, und ebenso probirte er dann den anderen Fuss.

»Fest sitzen die Schnürstiefel, Sie werden keinen im Sumpf stecken lassen. Ich rathe Ihnen aber doch, sich Gamaschen und dünne, hackenlose Schuhe anzuschaffen, wie ich sie benutze. Oder ich werde Ihnen nächstens ein Paar anfertigen. Diese starken Stiefel haben beim Radfahren gar keinen Vortheil, und Sie können in ihnen keine 80 Meilen marschieren, ohne sich wunde Füsse zu holen. Werden sie nass, bekommen Sie sie nicht aus und nicht wieder an. Gewöhnen Sie sich an meine Fussbekleidung; sie verbindet alle Vortheile. Lernen Sie wieder so laufen, wie eine weise Natur es uns vorgeschrieben hat, ohne Hacken. Die kleinen Menschlein wollen nur immer grösser erscheinen, als sie sind — besonders die Damen. Wenn Sie nun bereit sind, wollen wir den Wasserspaziergang antreten.«

Ellen war bereit dazu. Er hing sich beide Räder, an denen er vorher seine und Ellen's Schusswaffen und Munition befestigte, über die Schultern, sie folgte ihm; das Wasser ging ihr fast immer bis an die Kniee, manchmal bis an den halben Leib, Hassan schwamm beständig.

»Es ist immer noch besser als es in einer viertel Stunde sein wird,« sagte er mit schlechtem Trost, »jetzt ist der Boden wenigstens noch weich, dann aber, wenn kein Wasser mehr darüber steht, wird er uns wie mit Klammern festhalten. Doch das wird auch vorüber gehen. Können Sie schwimmen? Ja? So bitte ich Sie, als Pfadfinder vorauszugehen. Es ist doch wohl besser, wenn die Räder nicht unter Wasser kommen.«

Das sah Ellen ein. Sie war sogar mit Vergnügen dazu bereit, wenn nur ein Loch käme, in dem sie ...... Da war sie auch schon verschwunden und als sie wieder auftauchte, festen Boden suchend, blies sie lustig und lachend das Wasser von sich.

Das war es ja, was sie sich immer gewünscht, solche urwüchsige Romantik zu erleben, das könnte sie in England nicht haben. Schade nur; dass der Gedanke an die Cowboys die Harmlosigkeit des Abenteuers etwas trübte.

Starke hatte Recht. Das Wasser schwand zusehends, der Boden mochte auch steigen; aus dem Waten im Wasser wurde ein solches im Schlamm, und jetzt kam erst die Anstrengung; nach einer halben Stunde drohte Ellen die Kraft in den Knieen zu versagen, sie fühlte schon jetzt die spätere Gliedersteifheit.

»Jeder gewonnene Schritt ist unschätzbar,« wiederholte sie aber für sich Starke's Worte, und sie kämpfte sich tapfer vorwärts.

Auch dies wurde überstanden. Der Boden der Prairie, hier nur mit spärlichen Grasbüscheln bedeckt, nahm jene schlüpfrige Beschaffenheit an, welche Jeder von der schlechten, aufgeweichten Landstrasse her kennt.

»Hier wird es per Rad schneller gehen als zu Fuss,« meinte Starke, die Maschine niedersetzend, »probiren Sie, wie es sich fährt«

Zwei Mal versuchte Ellen vergeblich, in den Sattel zu kommen, das dritte Mal brachte sie auch nur einige Umdrehungen fertig, sie kippte wieder um. Die schmalen Räder drangen doch noch sehr tief in den Schlamm ein.

»Da werden wir wohl wieder Vorspann nehmen müssen,« sagte Starke gutmüthig, den Lasso von den Hüften lösend.

Während er die Lederriemen an die Lenkstange knüpfte und Ellen ihren Revolver an sich nahm, stiess Hassan ein leises Knurren aus. Starke folgte seinem Blicke, Ellen gewahrte nichts, er zog ein kleines Fernrohr aus der Tasche, richtete es rückwärts und stellte es ein. Der Hund knurrte drohender.

»Da sind sie. Vielleicht zwanzig. Hören Sie Hassan erzählen? Er sagt mir, dass es Feinde sind. Sonst könnte ich das nicht wissen. Es könnten ja auch andere Reiter sein. Aber Hassan irrt sich nicht, er wittert es. Jetzt unterscheide ich sie deutlicher. Sie jagen in voller Carriere, haben uns gesehen. Nun auf das Rad und in die Pedale getreten, was das Zeug hält. Wohl beugen Sie den Kopf herab, um die Luft zu durchschneiden, aber in Gedanken halten Sie den Kopf hoch — sie sollen uns nicht bekommen.«

Er hatte sein Rad sofort in der Gewalt, und da er das andere hochzog, kam Ellen leicht auf das ihre.

»Vorwärts! Nicht umgesehen! Lassen Sie den Revolver stecken, Instructionen gebe ich Ihnen später, wenn es nöthig sein sollte.«

Die Locomotive zog an, in den Lederriemen krachte es, schneller und schneller drehten sich die Kurbeln. Der zähe Schlamm konnte diesen Mann nicht hindern. Ellen wurde nur von einem Gedanken beherrscht: wenn jetzt etwas bricht, etwas reisst, sind wir verloren. Sie setzte ihre ganze Kraft ein, um sich möglichst wenig ziehen zu lassen, sie keuchte vor Anstrengung.

Immer fester wurde der sterile Boden, die Strömung des Wassers hatte mit dem Schlamme die Unebenheiten ausgeglichen, immer schneller und schneller ging es. Ellen's Füsse wirbelten nur noch herum, ihre Kraft war erschöpft.

Ein Blockhaus tauchte auf, ein weisser Streifen zog sich durch die braune Prairie — und hinter ihnen ertönte ein gellendes Geheul. Ellen erblasste.

»Das ist die alte Poststrasse, dort am Blockhaus ist die Grenze!« schrie Starke.

Ellen hörte die Aufforderung heraus, noch einmal raffte sie alle Kraft zusammen.

Ein tiefer Graben längs der Strasse, Starke sprang ab, fing sie auf, war mit beiden Rädern hinüber, er schnitt den Riemen ab, Ellen sah hinter sich, dort raste die brüllende Reiterschaar, noch etwa 300 Meter entfernt, sie schwangen die Lassos — da war sie schon wieder mit einem Griff auf ihr Rad gehoben, es wurde fortgestossen, Starke war an ihrer Seite.

Die Strasse war eben und hart wie Stein, es herrschte Windstille, den Sturm erzeugten die Fahrer selbst. Aber ein klapperdürrer, schonungslos angetriebener Prairiegaul, dem das Blut aus den Flanken spritzt, greift anders aus als ein wohlgenährtes Gendarmeriepferd.

Das Blockhaus sauste vorbei, vor Ellen's Augen und Ohren sauste Alles. Nur schattenhaft sah sie grosse Rinderheerden, auch vor ihr jagten Reiter wie Schemen über die Prairie, verschwanden hinter einer Waldecke.

Starke blickte sich um.

»Sie sind über der Grenze,« sagte er ganz ruhig. »Wir haben sie schon nicht mehr hinter uns. Jetzt kommt eine andere Nummer des Programms; dort sammeln sich schon die Ohiojungen. Bremsen Sie, springen Sie ab, Sie sollen etwas zu sehen bekommen, was in Ihrer Erinnerung nicht fehlen darf.«

Er fuhr langsamer und sprang ab, Ellen that desgleichen, stemmte sich auf das Rad, um nicht zusammenzubrechen. Alles war ihr unfassbar.

Nein, verfolgt wurden sie nicht mehr. Warum ritt denn die Reiterschaar jetzt drüben auf der anderen Seite der Landstrasse?

Da brach es hinter jener Waldecke wie ein donnernder Wirbelwind hervor; zwei Dutzend Cowboys, die geschwungenen Revolver blitzten in der Sonne.

»Hip hip hurrah für Ohio!« brüllte es jauchzend auf der einen Seite.

»Hip hip hurrah für Virginia!« antwortete es auf der anderen.

In rasender Flucht jagten die beiden Reitertrupps auf einander zu, jetzt knatterten die Revolver, schon gab es herrenlose Pferde, jetzt prallten sie zusammen; Schüsse fielen nicht mehr, dafür blitzten die breiten Bowiemesser, sie hielten sich zum Ringkampf umschlungen, immer mehr ledige Pferde, die Reiter stürzten, rissen sich aus den Sätteln, kämpften am Boden mit dem Messer weiter ......


»Was — träume ich denn? Ist das nicht eine richtige Schlacht.« flüsterte Ellen.

»Nein, das ist nur ein unschuldiges Sonntagsnachmittagsvergnügen in der Prairie. Bilden Sie sich einmal fest ein, Sie befänden sich im Theater. Denn für diese dort ist das nichts weiter als eine lustige Comödie, die sie spielen. Bei uns gehen die jungen Leute am Sonntagnachmittage zum Kegelschieben, hier wird, seitdem die Cowboys keine Indianer mehr zum Scalpiren haben, ein fideler Grenzkrieg arrangirt. Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht. Es geht dabei auch ganz chevaleresk zu. In einer Entfernung von 20 Galoppsprüngen darf nicht mehr geschossen werden, dann fängt das Bowiemesser an zu arbeiten, wer am Boden liegt, den darf man nicht mehr stechen. Freiwillig legen sie sich natürlich nicht hin, so kitzlich sind die nicht. Dann, wenn das Spielchen aus ist, begraben sie die Todten, nachdem sie ihnen die Silbersporen und Waffen abgenommen haben; lachend schneiden sie sich einander die Kugeln heraus, nähen die Messerschlitze mit Schusterzwirn zu; wer einen caputgeschossenen Finger hat, der hackt ihn sich selber ab und macht einen guten Witz dabei — dann ziehen die beiden feindlichen Parteien brüderlich vereint zum nächsten Storekeeper, setzen die Hinterlassenschaft der Todten in Whisky um, und beim Becherklang machen Sie das Rendez-vous zum fröhlichen Spiel für den kommenden Sonntag aus. O ja, es lässt sich gemüthlich leben in der Prairie. — Doch kommen Sie, der Vorhang wird bald fallen, wir wollen mit der liederlichen Schauspielerbande nicht noch einmal in Berührung kommen, die pumpt einen nur an.«

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8. Capitel.
Das Verhältniss ändert sich nicht.

Ellen konnte sich nicht helfen, sie musste lachen, obgleich sie vor Schreck über diese blutige Scene noch eben erstarrt gewesen war. Im Weiterfahren erzählte ihr Starke noch mehr über das Leben in der Prairie, über die Cowboys; hier musste das Wort »blutig« allerdings sehr häufig angewandt werden, und trotzdem, Ellen fühlte den Bann des Entsetzens immer mehr von sich weichen; sie lachte über den trockenen Humor; die Sonne schien ihr wieder heiter, und das schien Starke mit seinen haarsträubenden Geschichten auch nur erreichen zu wollen. So muss dem zukünftigen Arzte die Leichenscheu benommen werden. Es war ja auch ganz einfach: diese Cowboys betrachten das Leben als nur dazu vorhanden, um es aufs Spiel zu setzen, und wie sie wegen jeder Kleinigkeit nach einem anderen Menschen schiessen — geschossen muss überhaupt immer werden, wozu ist denn sonst das Pulver erfunden worden — so nehmen sie es auch nicht übel, wenn man ihnen nach dem Leben trachtet. Bei solchen Ansichten können sich die ästhetischen Gefühle natürlich nicht gut entwickeln; aber sonst haben sie auch ihre ritterlichen Seiten, auch ist ihnen die Gastfreundschaft heilig, ebenso wie die Blutrache. Eine radelnde Dame passt freilich nicht unter sie. Was hat denn auch eine Dame in der Prairie zu suchen!

Nach und nach lenkte Starke auf ein anderes Thema über. Von den Reitern kam er auf ihre Pferde zu sprechen, auf die wilden Mustangs und deren Abkömmlinge, auf das ganze Thierreich der Prairie.

»Sehen Sie den kleinen Vogel dort, der sich unter den Grasbusch duckt? Betrachten Sie ihn sich genau, er ist selten sichtbar, und es ist ein gar berühmter Vogel.«

»Ein berühmter Vogel?«

»Es ist eine amerikanische Nachtigall, uns literarisch gebildeten Europäern bekannt unter dem indianischen Namen Whip-por-wil.«

Hiermit hatte das harmlosere Gespräch begonnen. Er erzählte immer weiter; von jedem Thierchen, das da kroch oder flog, von jedem Baume, jeder Blume wusste er etwas Interessantes mitzutheilen, dabei war er immer einfach, er wollte nicht belehren, er erzählte nur im leichten Plauderton.

Wie im Fluge vergingen die Stunden. So hätte Ellen ihm immer zuhören mögen. Nach und nach aber kam es ihr zum Bewusstsein, wie tief ihre Bildung in dieser Hinsicht doch unter der jenes Mannes stand. Für sie war all das grüne Zeug, das da auf der Prairie wuchs, einfach »Gras«. Dazwischen, ein paar Blumen, ein Busch, dort stand ein Baum und da flog ein grosser Vogel und da ein kleiner. Die Londonerin konnte keine Buche von einer Linde unterscheiden, und da sie zufällig keine Vogelliebhaberin war, auch keinen Finken von einer Drossel. Ein des Weges daherkommendes Maulthier hielt sie für einen Maulesel. Ja, erst seit der Zeit, als sie auf dem Rade fast täglich in's Freie gekommen war, die Saat nach und nach keimen, grünen und Aehren tragen sehend, hatte sie wenigstens so viel Interesse bekommen, um sich einmal von einem Bauern erklären zu lassen, wie man denn Roggen von Weizen unterscheide.

Sie war sich bewusst, wie schlimm es mit solchen Kenntnissen bei den Stadtleuten aussieht. Das möchte man fast auch einen verloren gegangenen Sinn nennen. Denn sie scheinen wirklich blind geworden zu sein. Dass die ganze Menschheit nicht von Adam und Eva abstammt, das kann einem heutzutage jeder zehnjährige Schuljunge an den Fingern vorrechnen; es ist ja überhaupt nur ein Märchen, so dumm wie das mit dem Klapperstorche —aber kaum noch wissen sie am nächtlichen Himmel den Polarstem zu finden, von Sternbildern keine Spur, gar keine Ahnung.

Jetzt fühlte Ellen einmal wirkliche Scham. Immer nur zuhören, höchstens fragen, keine Gegenbemerkung machen zu können! Es war dem Mädchen verzeihbar, wenn es nachsann, ob es diesem Manne nicht durch etwas Anderes zu imponiren vermöchte. Musik? Er spielte classische Weisen. In der Literatur war er jedenfalls bewandert. Nur eins blieb ihr noch. Starke machte sie auf einen verkrüppelten Cactus aufmerksam, dessen nördlichste Grenze sonst die Riviera sei, er müsse sich hier acclimatisirt haben. Dies gab die Veranlassung zum grossen Sprunge.

An der Riviera war sie auch gewesen, war von Genua nach Nizza geradelt. Er hatte dieselbe Tour einmal gemacht. Genua, diese herrlichen Paläste mit ihren Kunstschätzen! Ob er im Palazzo Bianco gewesen sei. Gewiss.

»Können Sie sich der herrlichen Madonna zwischen den beiden Heiligen erinnern, rechts neben dem grossen Spiegel mit dem Rococco-Rahmen?«

Ellen konnte sich vor einem Bilde erwärmen, begeistern, doch eigentliches Kunstverständniss besass sie nicht. Kritische Fragen lagen ihr ganz fern. Als sie damals im Palazzo Bianco gewesen, hatten sich gerade vor dem erwähnten Madonnenbilde zwei englische Kunstmäcene heftig gestritten; der eine behauptete, es sei von Floris, wie es im Kataloge stand, der andere, es sei von Gerard David.

»Verzeihung, es ist ein sogenannter Barock-Rahmen, von Filippo Parodi geschnitzt. Sie meinen die Madonna zwischen dem heiligen Hieronymus und Nicolaus von Tolentino? Dieses Bild ist nicht von Floris, wie es immer heisst und wie es auch zu meiner Zeit im Kataloge stand, es ist von Gerard David. Aber waren Sie auch im Musée Municipal zu Nizza? Dort hängt, gleich im ersten Saale, eine Madonna zwischen Johannes dem Täufer und Johannes dem Evangelist. Im Katalog wird es als unbekannter Meister aus der Sienesischen Schule angeführt. Unsinn! Das eben ist das vermeintlich verschollene Bild von Floris.«

Ellen war wie niedergeschmettert. Ach, hätte sie doch nicht davon begonnen! Er sprach weiter und nun konnte sie gar nichts mehr sagen. Er hatte ja wohl alle Gallerien auf der ganzen Welt besucht, stand mit allen Madonnen auf Du und Du, mit und ohne Kindern, allein oder zwischen Heiligen!

Ein klagender, melodischer Ton erscholl über ihnen in der Luft. Aufblickend, gewahrten sie einen grossen Schwarm Vögel dem Süden zuziehend.

»Das sind die, deren Loos das meine gleicht,« sagte Starke.

»Kraniche?«

»Nein, aber Wildgänse. Sie kommen von den canadischen Seen. Kraniche trompeten grässlich. Sehen Sie dort hinten den einzelnen Nachzügler? Sie ist zu schwer, zu fett, sie wird bald stürzen und fällt einem Schakal zur Beute. Das ist der Fluch der Völlerei.«

Starke zog den Revolver und schoss, ohne zu zielen, ohne mit der raschen Fahrt einzuhalten, und dennoch wunderte sich Ellen nicht, das Thier wirbelnd herabkommen zu sehen.

Wenn der schnell dahin fliegende Radler eine Pause macht, und er blickt wieder auf, so sieht er ein anderes Bild, und das Rückwärtsblicken ist beschwerlich. Hier kam ein kleines Wäldchen.

»Es ist gerade 11 Uhr,« sagte Starke, »ich schlage vor, nach dem Stundenplane abzusteigen und in diesem Gehölz Rast zu machen. Eine klare Quelle entspringt darin, daneben steht ein Pfirsichbaum mit Früchten zum Dessert.«

Sie machten Halt und drangen durch das mit Bäumen versetzte Buschholz, bis sie eine Blösse erreichten, und wirklich: aus einem moosigen Steinhügel sprang eine Quelle, zwischen den Felsen wurzelte ein Pfirsichbaum mit reifen Früchten.

»Woher wussten Sie denn das?« rief Ellen staunend.

»Nun, ich mache doch meinen alten Weg wieder. Hier habe ich schon einmal gelagert. Passen Sie auf, wenn Hassan kommt, wird er sofort, wenn er kann, sein linkes Hinterbein lecken.«

Eben wollte Ellen erst anfangen, über diesen ihr ganz unverständlichen Sinn nachzugrübeln, wollte fragen, wo denn eigentlich der Hund geblieben sei, als die Zweige knackten und Hassan erschien, die geschossene Wildgans im Maule. Er legte sie seinem Herrn vor die Füsse, krümmte den Leib und leckte sich das linke Hinterbein.

»Nein, sind Sie denn allwissend? Oder warum thut er das?«

»Weil er sich dieses Platzes in seinem Hundegedächtniss ebenso gut erinnert wie ich. Sehen Sie dort das Loch im Boden? Hassan interessirt sich schon sehr dafür. Das vorige Mal hauste ein Fuchs darin. Hassan zu Liebe räucherte ich ihn aus, der Fuchs fuhr aus dem Bau und biss ihn in's Bein — konnte freilich nur einmal beissen — und nun erinnert sich Hassan mit Vergnügen dieses Abenteuers; das Lecken der alten Wunde ist eine Reflexbewegung. Nun, Miss Howard, ich glaube, es macht Ihnen Spass, ein regelrechtes Lagerfeuer anzuzünden und Vorbereitungen zum Gänsebraten zu treffen, während ich mich der prosaischeren Beschäftigung des Rädernachsehens hingebe.«

Und ob so etwas Ellen Spass gewährte! Mit Eifer wollte sie sich daran machen — ach, da fehlten ihr ja schon die Streichhölzer! Sie, die Weltenfahrerin, die an Bord des Dampfers schon immer von nächtlichen Urwaldslagerfeuern geträumt hatte, ohne Streichhölzer! Sollte sie Starke danach fragen? Zum Anzünden seiner Pfeife gebrauchte er immer Stahl, Feuerstein und Zunder, die er in einem Beutelchen am Gürtel trug, das war praktischer. Nein, ein besserer Gedanke fiel ihr ein, sie wollte es wenigstens versuchen, hoffentlich gelang es ihr.

Sie nahm eine Revolverpatrone, die Kugel war mit dem Messer leicht zu entfernen, einen öligen Putzlappen hatte sie seit einigen Tagen immer in der Tasche — früher hätte sie einen solchen nicht einmal angefasst — das Pulver tüchtig eingerieben, die Patrone in den Revolver geschoben, das Knallquecksilber genügte noch, um einen Feuerstrahl zu erzeugen — wirklich, der Lappen glimmte und zischte, nun schnell trockenes Laub darauf und geblasen, immer geblasen, was die Lunge hielt, die Blätter brannten, kleine Aestchen darauf, dann grössere, und das Feuer war gesichert.

»Bravo«, erklang es vom unteren Theile der Quelle, »Sie wissen sich zu helfen, Sie eignen sich zum Hinterwäldlerleben.«

Stolz schwellte Ellens Herz, zugleich die reinste Freude. Nun wollte sie auch mit der Gans fertig werden. Wie man sie rupft und ausnimmt, hatte Ellen kaum je gesehen, aber was that's, sie riss und rupfte und stach und schnitt und tauchte die blutigen Hände in's Innere und zog heraus, was sie darin fand. Dabei lachte sie immer seelenvergnügt vor sich hin, Miss Ellen Howard nahm eine Gans aus! Der auf das »Curée«, das Anrecht des Jagdhundes an das Wild, wartende Hassan mochte innerlich ebenfalls seelenvergnügt schmunzeln; Nieren, Leber, Magen, Herz, das gab ihm sein Herr niemals von der Jagdbeute. Sie schnitt auch Gabelzweige zurecht, nur noch die Frage wegen des Bratspiesses war zu lösen.

»Nehmen Sie einen starken, grünen Ast, lassen Sie ihn etwas ankohlen«, sagte der die Gedanken errathende Starke, näher kommend, »und erst auswaschen und dann inwendig mit Salz einreiben.«

Er hob den Vogel an den Beinen empor und betrachtete ihn von allen Seiten mit kritischen Blicken. Ellen wiederum sah ihm ängstlich in's Gesicht, wie der Schuljunge, der vom Lehrer die Censur erwartet. Aber aus seinen tiefernsten Zügen war nichts zu lesen.

»Hm, das scheint eine herzlose Gans gewesen zu sein, ohne Seele, ohne Gemüth, sogar ohne Leber, aber auch ohne Galle. Haben Sie das noch nie gemacht? Dann ist's für das erste Mal sehr gut. Ich habe einmal eine junge Dame gesehen, die häutete eine Gans wie einen Ochsen ab, und als ihr das nicht gelingen wollte, schälte sie das Thier wie eine Kartoffel. — Sorgen Sie für ein tüchtiges Feuer, dass wir nachher Gluth haben, ich will sie inzwischen waschen, dann braucht sie nur noch gesengt zu werden und sie ist zum Braten reif.«

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528 s. 31 illüstrasyon
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9783754183892
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