Kitabı oku: «Weltordnungskrieg»

Yazı tipi:

Robert Kurz

Weltordnungskrieg

Das Ende der Souveränität und die Wandlungen des Imperialismus im Zeitalter der Globalisierung

Herausgegeben von Roswitha Scholz

Mit einem Nachwort zur Wiederauflage von Herbert Böttcher


Teils korrigierte Epub-Ausgabe der erweiterten Wiederauflage

© der Originalausgabe 2003 Horlemann Verlag · Bad Honnef

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ISBN Printausgabe: 978-3-86674-637-4

ISBN E-Book-Pdf: 978-3-86674-859-0

ISBN E-Book-Epub: 978-3-86674-898-9

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Den namenlosen Opfern

der demokratischen

Bombergemeinschaft und

des ökonomischen Terrors

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

EINLEITUNG Die Krise des Weltsystems und die neue Begriffslosigkeit

DIE METAMORPHOSEN DES IMPERIALISMUS

Pax Americana: Der Kampf um die kapitalistische Weltherrschaft ist entschieden

Die letzte Weltmacht an der historischen Systemgrenze

Vom territorialen Nationalimperialismus zum „ideellen Gesamtimperialismus“

Vom nationalen „Gutmenschen“-Pazifismus zum globalen Interventions-Bellizismus

Die NATO als supranationale Verlängerung des „ideellen Gesamtimperialisten“

DIE REALEN GESPENSTER DER WELTKRISE

Krisenpotentaten und neue Bürgerkriege

Die globale Plünderungsökonomie

Risikogesellschaft, Sachzwang und Gewaltverhältnisse

Die Logik der Abspaltung und die Krise des Geschlechterverhältnisses

Die Kälte gegen das eigene Selbst

Die Ökonomie der Selbstzerstörung: Globalisierung und „Ausbeutungsunfähigkeit“ des Kapitals

Die Metaphysik der Moderne und der Todestrieb des entgrenzten Subjekts

DIE POSTMODERNE WELTPOLIZEI

Neue Militärdoktrin und neue Kriegsökonomie

Der „Kampf der Kulturen“ als Kriegsideologie

Ideologie und Logik der Menschenrechte

Von der politischen Ökonomie zum postmodernen Kulturalismus

Sicherheitsimperialismus

Öl- und Gasimperialismus: die Sicherung der strategischen Rohstoffreserven

DER NAHE OSTEN UND DAS ANTISEMITISCHE SYNDROM

Kapitalistische Verbrennungsreligion und Ölregimes

Der Antiimperialismus und die antisemitische Krisenideologie

Der Staat Israel und sein paradoxer weltkapitalistischer Status

Das Ende der „nationalen Befreiungsbewegungen“ und der Spuk der palästinensischen Staatsgründung

Israel als „Alien“ der kapitalistischen Welt und der arabische Neo-Antisemitismus

Vom Zionismus zur Herrschaft der Ultras: Die innere Krise der israelischen Gesellschaft

DIE IMPERIALE APARTHEID

Eine Welt voller Flüchtlinge

Ausgrenzungsimperialismus: Mauer und Todesstreifen nach freiheitlicher Art

Die Illusion vom „Wiederaufbau“

Die Phantom-Ökonomie des humanitär-industriellen Komplexes

Sexuelle Gewalt- und Elendsökonomie

Vom Pufferstaat zum Ethno-Zoo

DIE GEMEINSAMKEIT DER DEMOKRATEN

Inländische Ausländer als Humanressourcen

Innere Menschenjagd und Abschiebungsterror

Das demokratische KZ

Zonen des Rassismus

Der demokratische Mob in Aktion

USA: Rassistische Basisidentität und Intergetto-Bürgerkrieg

Synthetische Identitäten und Neo-Rechtsradikalismus

Die Nützlichen und die Unnützen

Die Globalisierung der „Anständigen“

DAS IMPERIUM UND SEINE THEORETIKER

Das Reich und die neuen Barbaren (Jean Christophe Rufin)

Empire - die Krisenwelt als Disneyland der „Multitude“ (Michael Hardt/Antonio Negri)

DAS ENDE DER SOUVERÄNITÄT

Al Kaida: eine neue Qualität der postpolitischen Gewalt

Zweierlei Menschenopfer. Zur Theologie der demokratischen Empörung

Nationale Selbstverteidigung als logische Unmöglichkeit

Die totalitäre Macht der Moderne: der Begriff der Souveränität

Politisch-militärische Deterritorialisierung

Alle gegen alle: die anomische Transformation

Der Zusammenbruch des Völkerrechts

Das Bündnis mit den postsouveränen Mächten

Die Privatisierung des Gewaltmonopols

Der moralische Verschleiß der Institutionen und die Korrumpierung des demokratischen Nomos

Das Ende der Souveränität und die juristische Illusion

Kapitalismus geht nicht ohne Souveränität

DER GLOBALE AUSNAHMEZUSTAND

Das demokratische Feme-Tribunal

Das Ende der modernen Rechtsform und die Ideologie der „Legitimität“

Demokratische Kriegsverbrechen und demokratische Entrechtlichung

Anomischer Sicherheitsimperialismus nach innen

McCarthy lässt grüßen: die demokratische Hexenjagd

Kann denn Folter Sünde sein?

Die Logik des Ausnahmezustands

Zur Geschichte des Ausnahmezustands

Der permanente Ausnahmezustand

Das nackte Leben und der gebrochene Wille: Der Ausnahmezustand als verborgener Nomos der Moderne

Die Schreckenshäuser der Betriebswirtschaft: Kapitalismus als geronnener Ausnahmezustand

Die Verflüssigung des Ausnahmezustands als Verflüssigung der Souveränität

Ausbürgernde Einbürgerung und Elendsbürgerlichkeit

Juden und andere „Überflüssige“: die Struktur der einschließender Ausschließung

DER ANACHRONISTISCHE ZUG

Vulgärmaterialismus und Irrationalität des Systems

Immer wieder Erster Weltkrieg

Historische Geisterfahrer der Neuen Linken

Die radikale Linke als Epochenschläfer

Vom Ölfieber zum Seelenkoller

Deutschland als Weltmacht-macht-Phantom

Immer wieder Zweiter Weltkrieg

Das große Hitler-Spiel

Eine Verschwörungstheorie für intellektuell Arme

Die Globalisierung der „deutschen Ideologie“

Nach dem 11. September: das letzte Stadium des anachronistischen Denkens

VOM WELTORDNUNGSKRIEG ZUM ATOMAREN AMOKLAUF?

Die Rückkehr zum Paradigma der „Schurkenstaaten“

Die Krise der Finanzmärkte und der „Traum vom Öldorado“

Der atomare Todestrieb der Macht

Für eine Renaissance radikaler Gesellschaftskritik

NACHWORT ZUR NEUAUFLAGE

von Herbert Böttcher

LITERATUR

Über den Autor

EINLEITUNG Die Krise des Weltsystems und die neue Begriffslosigkeit

Soweit in einer Zeit, in der das herrschende System keiner Legitimation mehr zu bedürfen scheint, überhaupt noch reflexiv gedacht wird, wirkt dieses Denken merkwürdig anachronistisch. Das gilt nicht nur für den aktuellen Inhalt, sondern auch für die Kategorien selbst, in denen dieser Inhalt sich darstellt. Wie es in wachsendem Umfang neue und schreiende soziale Gegensätze gibt, die sich aber nicht mehr mit eindeutigen soziologischen Modellen oder Klassenbegriffen erklären lassen, ebenso sind neue globale Wirtschaftskonflikte, Kulturkämpfe und Kriege zu beobachten, die nicht mehr in den bisherigen Begriffen der Wirtschafts-, Innen- und Außenpolitik beschrieben werden können. Zwar nimmt die seit Anfang der 90er Jahre (ungefähr zeitgleich mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion) geführte sogenannte Globalisierungsdebatte eine ganze Reihe neuer Phänomene wahr, die jedoch durch das alte kategoriale Raster gefiltert werden, weil kein anderes begriffliches Bezugssystem zur Verfügung steht. So stellt man einerseits einen Bedeutungsverlust der Politik und einen Souveränitätsschwund der Staaten fest, drückt diese empirischen Erscheinungen andererseits gleichwohl immer noch in herkömmlichen Begriffen der Politik und der staatlichen Beziehungen aus.

Damit hängt zusammen, dass eine Orientierung, soweit sie überhaupt noch versucht wird, vornehmlich rückwärtsgewandt ist, nämlich als Hoffnung auf und Konzeptheckerei für irgendeine „Wiedergewinnung des Politischen“; und auch deswegen erweist sich die Sichtweise des Neuen als phänomenologisch beschränkt, während der Begriffsapparat der alte bleibt und krampfhaft festgehalten wird. Das zeigt sich nicht zuletzt auf der Ebene der internationalen oder zwischenstaatlichen Verhältnisse, wenn ebenso vollmundig wie unangemessen von einer „Weltinnenpolitik“ die Rede ist. Diese besonders in grün-sozialdemokratischen Kreisen beliebte und besinnungslos heruntergebetete Phrase beweist ganz unmittelbar, dass hier eine bloße Projektion alter bürgerlicher Begriffe auf eine unverstandene neue Entwicklung stattfindet.

Dabei drängt sich die Parallele zur Debatte um die Krise der Arbeitsgesellschaft auf. Auch in dieser Hinsicht wird ständig das Neue der Erscheinungen betont, während die Arbeitskategorie selber als stummes A priori geradezu tabuisiert bleibt und sämtliche Konzepte oder gar Heilsbotschaften auf die Erhaltung dieser Kategorie in irgendeiner Form und nahezu um jeden Preis hinauslaufen. Die Analogie in der Vorgehensweise verweist auf den inneren Zusammenhang der beiden Komplexe: Die Krise der Weltarbeit und die Krise der Weltpolitik stellen nur verschiedene Aspekte ein und desselben weltgesellschaftlichen Prozesses dar.

Solange der Kalte Krieg als Systemkonflikt zwischen zwei ungleichzeitigen Erscheinungsformen bzw. Entwicklungsstufen des modernen warenproduzierenden Systems tobte, überlagerte er ein tiefer liegendes Problem, das auf diese Weise verborgen blieb. Unter der Oberfläche des Kalten Krieges bildete sich eine globale prozessierende Krisenstruktur aus, die mit dem Zusammenbruch des Staatskapitalismus schlagartig ans Licht trat, jedoch unter dem Eindruck der Nachkriegsgeschichte nur ideologisch verzerrt wahrgenommen werden konnte.

Was als „Sieg“ des westlichen Kapitalismus erschien, entpuppte sich im Verlauf der 90er Jahre als irreversibler sozialökonomischer Zusammenbruch zunächst von großen Teilen der Peripherie des Weltmarkts. Im Zentrum dieses Krisenprozesses steht das Abschmelzen der reellen (real Wert bildenden) kapitalistischen Arbeitssubstanz durch die dritte industrielle Revolution, die zunehmende „Ausbeutungsunfähigkeit“ des Kapitals aufgrund seiner eigenen technologischen Produktivitätsstandards und damit die Entsubstantialisierung des Geldes (Entkoppelung der Finanzmärkte von der Realökonomie). Diese innere Logik der Krise wirkt sich jedoch nicht nur als Strukturbruch auf der Ebene der Weltmarktbeziehungen aus (Globalisierung des Kapitals), sondern auch als Strukturbruch auf der Ebene des weltpolitischen Systems (Ende der Souveränität und des Völkerrechts).

Was unter dem Rubrum der Globalisierung als weltumspannender positiver und zukunftsmächtiger Wandel verkauft wird, lässt sich in dieser Hinsicht längst als Zersetzungsprozess der herrschenden Produktions- und Lebensweise dechiffrieren, die in einen schrumpfenden globalen Minderheitskapitalismus einerseits und dessen Barbarisierungsprodukte andererseits zerfällt. Dabei kann der dem Kapitalverhältnis immanente strukturelle Widerspruch von Staat und Markt bzw. von Politik und Ökonomie sowohl auf der Ebene der Nationalstaaten als auch auf der Ebene des Weltsystems nicht mehr ausgehalten werden. Was sich innenpolitisch als Austrocknungsprozess der staatlichen Souveränität darstellt, erscheint außenpolitisch als Verfall der internationalen Beziehungen.

Auf beiden Ebenen gerät die Vermittlung des Widerspruchs ins Schwimmen. Zwar bestehen die Nationalstaaten als formale Hüllen und als (zunehmend repressiv in der Krisenverwaltung agierende) Apparate weiter, aber ihrer kohärenten nationalökonomischen Grundlagen beraubt. Umgekehrt wachsen die transnationalen Kapitale und ihre Märkte zwar über das bisherige nationale und internationale Bezugssystem hinaus, zerstören aber gerade dadurch zunehmend ihre eigenen Rahmenbedingungen. So entstehen unkontrollierte und unkontrollierbare Verlaufsformen, in denen die unheilbaren Selbstwidersprüche des Weltkapitals kulminieren.

Es ist nicht nur eine allgemeine Denkfaulheit, die es verhindert, dass eine den neuen Phänomenen entsprechende neue Begrifflichkeit entwickelt wird. Denn es handelt sich bei den in Frage stehenden Begriffen von Nationalökonomie, Nationalstaat, nationaler Innen- und Außenpolitik bzw. einer darauf beruhenden nationalen Interessen- und „Einfluss“-Politik (Imperialismus) nicht um Ausdrücke einer bestimmten vorübergehenden Entwicklungsstufe, sondern ähnlich wie beim Begriff der Arbeit um Grundkategorien des modernen Gesellschaftssystems selbst, und zwar in allen seinen Variationen. Die neuen Phänomene sind Krisenphänomene neuen Typs, weil sie in keinen höheren Aggregatzustand der bürgerlichen, über die Warenproduktion vermittelten Vergesellschaftung mehr führen, sondern deren eigene kategoriale Krise bilden.

Deshalb kann die Entwicklung auch nicht mehr vom Standpunkt der bestehenden Weltordnung aus bestimmt werden, sondern nur unter dem Gesichtspunkt von deren Selbstzerstörung. Genauer gesagt: Es gibt gar keine positive, tragfähige „Entwicklung“ auf diesem gesellschaftlichen Boden mehr. Das bedeutet, dass in die Analyse zusammen mit dem Verfall der zugrunde liegenden gesellschaftlichen Beziehungen auch der Zerfall der Begriffe mit eingehen muss, in denen diese Ordnung sich darstellt. Und in diesem Sinne sind nicht nur die Begriffe des ökonomischen, sondern auch die Begriffe des politischen Weltsystems obsolet.

Die verheerenden Terroranschläge gegen die USA am 11. September 2001 haben buchstäblich blitzartig deutlich gemacht, was längst vorher absehbar gewesen ist: Die weltumspannende gesellschaftliche Vernetzung nicht über bewusste Vereinbarungen und durch menschliche Selbstbestimmung, sondern über die blinden Gesetze der Konkurrenz und der Finanzmärkte bringt nicht nur neuartige strukturelle Krisen hervor, sondern auch ebenso neuartige subjektive Hass- und Vernichtungspotentiale, in denen sich die Zersetzung der bürgerlichen „politischen Subjektivität“ darstellt. Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer, die „unsichtbare Hand“ eines losgelassenen totalitären Ökonomismus schlägt ebenso erbarmungslos zu wie die andere „unsichtbare Hand“ einer blinden „postideologischen“ und „postpolitischen“ Wut, deren pseudo-religiöses Gestammel unfreiwillig beweist, dass sich jede rationalistische Legitimation der sogenannten „Modernisierung“ restlos erschöpft hat.

Die Ratio der warenproduzierenden, auf der unendlichen Verwertung als Selbstbewegung des Geldkapitals beruhenden Weltgesellschaft ist selber jener Schlaf der Vernunft. Aber diese zum „Pragmatismus“ herabgesunkene, also zur kritischen Reflexion und Selbstreflexion nicht mehr fähige moderne Rationalität eines irrationalen Selbstzwecks kann und will ihre Grenzen nicht sehen, und so macht sie einfach stur weiter und versucht, ihre eigenen Dämonen als ein fremdes und äußeres „Sicherheitsproblem“ zu definieren. Der unaufhaltsame Zerfall der Ökonomie soll mit ökonomischen, der ebenso unaufhaltsame Zerfall der Politik mit politischen Mitteln aufgehalten werden. Die Weltherrscher des Kapitals begreifen ihre eigene Welt nicht mehr.

Um das scheinbar Unbegreifliche dennoch begreifen zu können, ist es notwendig, in krassem Gegensatz zur pragmatischen Ideologie der herrschenden Funktionseliten, die heute in Wahrheit nur noch den totalitären Anspruch der Ökonomie an der Welt exekutieren, den ganz und gar nicht modischen Standpunkt radikaler Distanz und Kritik einzunehmen. Erst aus dieser Position ist es möglich, die Zersetzungs- und Selbstzerstörungsprozesse des Weltsystems als solche zu erkennen, die Zusammenhänge in ihrer historischen Dimension aufzurollen und gleichzeitig als aktuell erscheinende Grenze der kapitalistischen Dynamik zu dokumentieren.

DIE METAMORPHOSEN DES IMPERIALISMUS

In der Welt des modernen warenproduzierenden Systems ist die Politik immer schon die Fortsetzung der ökonomischen Konkurrenz mit anderen Mitteln, wie der Krieg (nach einem Wort von Clausewitz) die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist. Diese vermittelte Identität von Konkurrenz, Politik und Krieg ist es, die den Kampf um die planetarische Hegemonie impliziert und insofern kapitalistische Geschichte geschrieben hat.

Der ursprünglich polyzentrische Kampf um die kapitalistische Weltherrschaft war zunächst ein rein europäischer und hatte seine Wurzeln in der west- bzw. mitteleuropäischen Konstitutionsgeschichte der kapitalistischen Produktionsweise. Vom 16. bis zum 19. Jahrhundert bildeten sich dabei zusammen mit dem modernen warenproduzierenden System die europäischen territorialen Nationalstaaten heraus, deren Begriff der Nation auf die übrige Welt ausstrahlte und die globale Entwicklungsgeschichte bis zum Ende des 20. Jahrhunderts bestimmen sollte. Zunächst aber erschien die riesige Masse der außereuropäischen Weltregionen nur als politisch leerer Raum und als Zankapfel in der kolonialen Expansion Europas. Der europäische Staats- und Nationsbildungsprozess eskalierte dabei frühzeitig zu einem Konflikt der entstehenden nationalökonomischen bzw. nationalstaatlichen kapitalistischen Konstrukte um die Welthegemonie.

Da der Kampf auch immer um die kolonialen Gebiete und damit in Übersee geführt wurde, reimte sich Weltmarkt von Anfang an auf Weltkrieg. Das Ringen der kapitalistischen Nationalstaaten Europas um die globale Vormacht musste dabei letztendlich unentschieden bleiben, weil schon von den Ausgangsbedingungen her keiner von ihnen einen entscheidenden Vorteil geltend machen konnte. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wechselte die Rolle der Vormacht mehrmals, die identisch war mit der Rolle des jeweiligen Vorreiters in der kapitalistischen Entwicklung.

Zwar konnte dann Großbritannien für einen Großteil des 19. Jahrhunderts die Position der Weltmacht Nr. 1 einnehmen, insofern es als Schrittmacher der Industrialisierung lange Zeit die entscheidende Transformation dominierte, in der sich die kapitalistische Produktionsweise überhaupt erst auf ihren eigenen Grundlagen zu entwickeln begann. Aber die Aufholjagd Frankreichs und vor allem Deutschlands in der industriellen Entwicklung hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts diesen Vorsprung nahezu wettgemacht und damit auch das politisch-militärische Machtgleichgewicht erneut verschoben. In der Epoche der beiden industrialisierten Weltkriege und der damit verbundenen Weltwirtschaftskrise der Zwischenkriegszeit zerfleischten sich die europäischen nationalen Raubstaaten des Kapitalismus gegenseitig und blieben zu Tode erschöpft auf dem Schlachtfeld zurück. Der Weltmarkt brach praktisch zusammen; der Welthandel fiel auf ein Niveau zurück, das nur noch dem Stand gegen Ende des 19. Jahrhunderts entsprach. Damit aber drohte auch die weitere kapitalistische Entwicklung auf den nationalökonomischen Binnenmärkten und innerhalb der auf sich selbst zurückgeworfenen Nationalstaaten zu erlahmen.

Dieser Zusammenbruch als Folge des europäischen Kampfes um die kapitalistische Weltherrschaft war bereits der Vorschein einer absoluten Grenze des modernen warenproduzierenden Systems. Aber eben nur der Vorschein. Denn die weltweite sozialökonomische Katastrophenwelle in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war in erster Linie politisch-militärisch induziert, also in abgeleiteten Formen des Kapitalverhältnisses, während der ökonomische Spielraum weltkapitalistischer Entwicklung noch keineswegs ausgeschöpft war. Das konnte man damals aus der Binnenperspektive der Ereignisse natürlich nicht erkennen. Aus heutiger Sicht aber lässt sich sagen, dass es sich bei der Epoche der Weltkriege mit der darin eingeschlossenen Weltwirtschaftskrise um die letzte und größte Durchsetzungskatastrophe der kapitalistischen Produktionsweise (also innerhalb einer ökonomisch weiter aufsteigenden Bewegung) gehandelt hat, noch nicht um deren absolute innere Schranke, die das Ende der ökonomischen Aufstiegsbewegung selber markiert.

Pax Americana: Der Kampf um die kapitalistische Weltherrschaft ist entschieden

Als Resultat der Weltkriegsepoche war die aus dem gescheiterten europäischen Kampf um die kapitalistische Weltherrschaft resultierende Entwicklung wesentlich von einer politisch-militärischen Wachablösung bestimmt, und zwar in doppelter Weise.

Zum einen nutzten die kolonialen, abhängigen und/oder kapitalistisch „unterentwickelten“ Weltregionen an der Peripherie des Weltmarkts die Schwäche der blutenden und ihre Wunden leckenden europäischen Hegemonialstaaten des kapitalistischen Zentrums, um die koloniale Herrschaft Europas und damit ihre äußerliche politische Abhängigkeit abzuschütteln.

Den Startschuss für diesen das ganze 20. Jahrhundert durchziehenden Prozess der Entkolonisierung und „nachholenden Modernisierung“ gab unmittelbar am Ende des Ersten Weltkriegs die russische Oktoberrevolution, gewissermaßen die Französische Revolution des Ostens. Zwar gehörte das Zarenreich selber zu den traditionellen europäischen Mächten und hatte sich ebenfalls ein koloniales Imperium zusammengeraubt, wenn auch nicht in Übersee, sondern als Expansion in der kontinentalen eurasischen Landmasse. Aber gleichzeitig war Russland eben auch selber Peripherie ohne eigenständige industrielle Basis und in vieler Hinsicht den kolonialen und abhängigen Weltregionen strukturell durchaus verwandt. Lenin sah die russische Revolution immer im doppelten Zusammenhang von antieuropäischer kolonialer Revolution einerseits und „nachholender Modernisierung“ als bewusstes „Lernen von Westeuropa“ andererseits.

Die damit verbundene Zielbestimmung, obwohl als staatskapitalistischer „Sozialismus“ ideologisch verkleidet, konnte nur darin bestehen, eine eigenständige industrielle Basis und einen Binnenmarkt mit nationalstaatlichem Rahmen zu schaffen, um als selbständiges Nationalsubjekt am kapitalistischen Weltmarkt teilzunehmen. Und genau in dieser Hinsicht strahlte das Paradigma der Oktoberrevolution auf die gesamte Peripherie aus und machte die Sowjetunion zum „Gegenzentrum“ der mit dem Westen konkurrierenden historischen Nachzügler. Die schiere Masse von Bevölkerung, Land und naturalen Ressourcen, staatskapitalistisch mobilisiert im repressiven Industrialisierungsprozess der Stalin-Ära, machte das sowjetische Gegenzentrum auch politisch und militärisch zur Gegenweltmacht, der das von seinen zerfleischenden Kämpfen um die globale Hegemonie erschöpfte europäische Zentrum des westlichen Kapitalismus wenig hätte entgegensetzen können.

Aber in derselben Entwicklung, die den europäischen Kampf um die kapitalistische Weltherrschaft als Patt ausgelaugter und demoralisierter Nationalsubjekte hatte enden lassen, war auch das westliche kapitalistische Machtzentrum selber entscheidend und irreversibel transformiert worden. Denn zum andern hatten sich, parallel zur politisch-militärischen Emanzipation und „nachholenden Modernisierung“ des globalen Ostens und Südens, die USA auf gar nicht einmal so leisen Pfoten, aber dennoch in gewisser Weise hinter dem Rücken der ursprünglichen europäischen Zentralmächte des Kapitals, zur neuen Weltmacht Nr. l aufgeschwungen.

Das Machtzentrum des Kapitalismus hatte sich über den Atlantik nach Nordamerika verlagert. Durchaus ähnlich wie im Fall der Sowjetunion, nur in einer gänzlich anderen, nämlich konkurrenzkapitalistischen statt staatsbürokratischen Tradition, war es die schiere Bevölkerungsmasse auf einer bereits längst entwickelten industriellen Basis, die den Koloss USA im Vergleich zu den eher mickrigen europäischen Nationen als wirkliche Führungsmacht des Kapitals prädestinierte.

Der kontinentale Umfang des Landes zwischen Atlantik und Pazifik (mit dem Blick eines Januskopfes gleichzeitig nach Europa und Asien), die wie in Russland scheinbare Unerschöpflichkeit der natürlichen Ressourcen und die (im Unterschied zu Russland) geballte Masse der Kaufkraft konstituierten den bis heute größten Binnenmarkt der Welt. Deshalb gingen die wichtigsten kapitalistischen Entwicklungen, sozialen Strukturveränderungen, technologischen und kulturellen Trends zunehmend von den USA aus, um anschließend in mehr oder minder großem Ausmaß die Welt zu überrollen. Kein Wunder, dass das 20. Jahrhundert „das amerikanische Jahrhundert“ genannt wurde (zuerst von Henry Luce im Jahr 1941, wie der US-Historiker Paul Kennedy bemerkt).

Vor diesem Hintergrund wuchs auch die militärische Potenz der aufsteigenden Weltmacht USA in eine bis dahin unbekannte Dimension hinein. Schon die beiden Weltkriege waren nur durch das Eingreifen der USA entschieden worden, und die europäischen „Siegermächte“ sahen dem deutschen Verlierer nicht nur hinsichtlich der erlittenen Schäden zum Verwechseln ähnlich, sondern sanken auch rasch zu mehr oder weniger verschämten bzw. aufmüpfigen, die eigene imperiale „Ehre“ pflegenden Hintersassen der USA herab; dabei in mancher Hinsicht ehemaligen Diven vergleichbar, die im bitteren Alter den verflossenen Zeiten ihrer jugendlichen Erfolge nachtrauern.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs war die Überlegenheit der neuen Weltmacht Nr. l in jeder Hinsicht derart erdrückend, dass sie die wechselnden Vorteile aller früheren, immer nur vorübergehenden europäischen Vormächte weit übertraf. Nicht ohne Stolz stellt Paul Kennedy fest: „Weil der Rest der Welt nach dem Krieg so erschöpft war oder sich immer noch im Zustand kolonialer ,Unterentwicklung‘ befand, war die amerikanische Macht 1945 - in Ermangelung eines besseren Begriffs - künstlich so hoch wie beispielsweise die britische um 1815. Trotzdem waren die tatsächlichen Dimensionen ihrer Macht in absoluten Zahlen historisch beispiellos… In der Tat expandierte die Industrie in den Vereinigten Staaten in den Jahren 1940 bis 1944 schneller - über 15 Prozent im Jahr - als je zuvor oder danach… Der Lebensstandard und die Produktivität pro Kopf waren höher als in allen anderen Ländern. Die Vereinigten Staaten waren das einzige Land unter den Großmächten, das durch den Krieg reicher - und tatsächlich viel reicher - wurde statt ärmer“ (Kennedy 1991/1987, 533 f.).

Zwei Drittel der gesamten Goldreserven der Welt lagerten am Ende des Zweiten Weltkriegs in Fort Knox, dem Schatzhaus Washingtons. Und dieser monetären absoluten Überlegenheit entsprach die industrielle: „1945 befinden sich drei Viertel des auf der Welt investierten Kapitals und zwei Drittel der intakten industriellen Produktionskapazitäten in den USA“ (Ott/Schäfer 1984, 420). Mit dieser überwältigenden ökonomischen Macht im Rücken entstand seit dem Zweiten Weltkrieg die „permanente Kriegswirtschaft“ der USA, deren Rüstungsindustrie, Armeestärke, permanent weiterentwickelte technologische Ausrüstung und globale militärische Präsenz (heute in 65 Ländern aller Kontinente) für die übrigen Mächte des westlichen kapitalistischen Zentrums rasch uneinholbar wurden.

Nur die Sowjetunion als staatskapitalistische Gegenweltmacht der historischen Nachzügler konnte den USA nach 1945 politisch-militärisch noch einige Zeit Paroli bieten, wie umgekehrt allein die USA als westliche Vormacht an Stelle der abgetakelten europäischen Mächte das konkurrierende staatskapitalistische Gegensystem (und dessen Ausstrahlungskraft auf die gesamte Peripherie) in Schach zu halten vermochten.

Schon im 19. Jahrhundert hatte der französische Historiker und Gesellschaftstheoretiker Alexis de Tocqueville diese Konstellation in einer berühmten, immer wieder zitierten Prognose richtig vorausgesehen: „Es gibt heute auf Erden zwei große Völker, die, von verschiedenen Punkten ausgegangen, dem gleichen Ziel zuzustreben scheinen: die Russen und die Angloamerikaner. Beide sind im Verborgenen groß geworden, und während die Blicke der Menschen sich anderswohin richteten, sind sie plötzlich in die vorderste Reihe der Nationen getreten, und die Welt hat fast zur gleichen Zeit von ihrer Geburt wie von ihrer Größe erfahren. Alle anderen Völker scheinen die Grenzen ungefähr erreicht zu haben, die ihnen die Natur gezogen hat, und nur noch zum Bewahren dazusein; sie aber wachsen: alle anderen stehen still oder schreiten nur mit großer Mühe weiter; sie allein gehen leichten und raschen Schrittes auf einer Bahn, deren Ende das Auge noch nicht zu erkennen vermag. Der Amerikaner kämpft gegen die Hindernisse, die ihm die Natur entgegenstellt; der Russe ringt mit den Menschen. Der eine bekämpft die Wildnis und die Barbarei, der andere die mit all ihren Waffen gerüstete Zivilisation: so erfolgen denn die Eroberungen des Amerikaners mit der Pflugschar des Bauern, die des Russen mit dem Schwert des Soldaten. Um sein Ziel zu erreichen, stützt sich der eine auf den persönlichen Vorteil und lässt die Kraft und die Vernunft der einzelnen Menschen handeln, ohne sie zu lenken. Der zweite fasst gewissermaßen in einem Manne die ganze Macht der Gesellschaft zusammen. Dem einen ist Hauptmittel des Wirkens die Freiheit, dem andern die Knechtschaft. Ihr Ausgangspunkt ist verschieden, ihre Wege sind ungleich; dennoch scheint jeder von ihnen nach einem geheimen Plan der Vorsehung berufen, eines Tages die Geschicke der halben Welt in seiner Hand zu halten“ (Tocqueville 1987/1835, 613).

Was Tocqueville hier in der Sprache des 19. Jahrhunderts formuliert, ist erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wahr geworden: die Aufteilung der Welt unter die USA und die Sowjetunion, und die letzte Zuspitzung des Kampfes um die Weltherrschaft innerhalb des modernen warenproduzierenden Systems zwischen diesen beiden Mächten, die in der Epoche des Kalten Krieges auf durchaus zutreffende Weise im Unterschied zu den vorherigen Groß-, Vor- und Weltmächten als „Supermächte“ bezeichnet wurden; beide gleichermaßen und nicht zufällig „multiethnische“ Bundesstaaten von kontinentalen Ausmaßen, die über den beschränkten kapitalistischen Nationsbegriff Europas in allen seinen Varianten hinausgewuchert waren.

Auch an der gegensätzlichen Struktur dieser beiden Mächte, die nach 1945 als „Systemkonflikt“ begrifflich überdehnt wurde, hatte Tocqueville etwas Richtiges wahrgenommen, es allerdings bereits nicht weniger überspitzt und nur halb wahr formuliert wie die Protagonisten dieses Gegensatzes mehr als ein Jahrhundert später. Die heutige Welt ist noch immer ebenso unfähig, das gemeinsame kategoriale Bezugssystem der modernen Warenproduktion als eine distinkte historische Gesellschaftsform (statt als ahistorische gesellschaftliche Ontologie) wahrzunehmen wie die Zeit Tocquevilles. Was bereits diesem als grundsätzliche Differenz erschien, sind nur die beiden Pole kapitalistischer Vergesellschaftung von Markt und Staat; beide im gleichen Ausmaß repressiv, denn der bürokratischen Macht steht nicht die „Freiheit“ schlechthin gegenüber, sondern nur die durch den Zwang der Konkurrenz selber in Despotismus umschlagende sogenannte Marktfreiheit.

Der Staatskapitalismus war in Wahrheit nicht nur in Russland (schon zur Zarenzeit), sondern auch in West- und Mitteleuropa die ursprüngliche Konstitutionsform der kapitalistischen Produktionsweise, wie sie der feudalen Agrargesellschaft übergestülpt wurde. Es gehörte neben dem industriellen Entwicklungsstand und der kontinentalen Dimension des Binnenmarktes zur einzigartigen kapitalistischen Potenz der USA, dass dort diese ursprüngliche europäische Transformationsform überflüssig war und sich das Kapital von vornherein in systemisch fortgeschrittenen Formen entwickeln konnte; ganz unbehindert durch eine historische Sedimentierung vormoderner Produktionsweisen und Kulturen, denn die europäischen Kolonisatoren hatten ja nicht nur losgelöst von den zurückgelassenen Strukturen auf dem Nullpunkt eines neuen Entwicklungsniveaus beginnen können, sondern auch die Gesellschaften der Ureinwohner nahezu ausgerottet und auf diese Weise die nördliche Hemisphäre der „Neuen Welt“ zum gewissermaßen jungfräulichen Boden und einmaligen Experimentierfeld der Modernisierung gemacht. Sobald im 20. Jahrhundert Kapitalstock und Industrialisierungsgrad der USA über das Niveau der alten europäischen Zentralmächte hinauswuchsen, gab dieser besondere historisch-kulturelle Charakter dem Aufstieg zur Supermacht eine zusätzliche Schubkraft.

Im Verhältnis der beiden Supermächte waren also die USA eindeutig die bei weitem fortgeschrittenere Gesellschaft auf dem Boden des modernen warenproduzierenden Systems. Deshalb hätte es eigentlich keinen Zweifel geben dürfen, wie der letzte Kampf um die kapitalistische Weltherrschaft ausgehen musste. Diese Zweifel rührten auch immer nur daher, dass der Sowjetunion qua vermeintlich alternativer „sozialistischer“ Systemqualität eine Durchhalte- und Entwicklungsfähigkeit zugetraut wurde, die sie gar nicht hatte - eben weil die gemeinsame, über den Weltmarkt vermittelte Qualität als warenproduzierende Gesellschaft außerhalb der kritischen Analyse blieb. Genau dieser gemeinsamen gesellschaftlichen Basisform wegen war die Sowjetunion nun einmal keine historische Alternative, sondern nur die staatskapitalistische Gegenweltmacht der historischen Nachzügler und als solche auf die Dauer unterlegen.

Diese Unterlegenheit schlug sich nicht zuletzt auch in militärischer Hinsicht nieder. Weder von der Kapitalkraft noch von den wissenschaftlich-technologischen Mitteln her konnte die Sowjetunion den permanenten Rüstungswettlauf durchhalten. Wie das staatskapitalistische Gegensystem generell unfähig war, den Übergang zur dritten industriellen Revolution der Mikroelektronik in der gesamten gesellschaftlichen Reproduktion mitzuvollziehen, so fiel die sowjetische Militärmacht auch bei der mikroelektronischen Aufrüstung durch Hightech-Waffensysteme immer weiter hinter die USA zurück. Damit scheiterte der östliche Staatskapitalismus in den 80er Jahren ökonomisch am Weltmarkt, an dessen Kriterien und Standards er sich als warenproduzierendes System messen lassen musste, und er wurde gleichzeitig militärisch totgerüstet. Der vollständige Zusammenbruch war die logische Konsequenz.

War der polyzentrische Kampf der alten europäischen Kapitalmächte um die Welthegemonie seit der Mitte des 20. Jahrhunderts in das bipolare Ringen der beiden Supermächte umgeschlagen, so hat sich am Ende des 20. Jahrhunderts eine neue monozentrische Struktur und ein einheitliches kapitalistisches Weltsystem unter alleiniger Ägide der USA herausgebildet. Es ist keine Macht mehr denkbar, die sich auf der gesellschaftlichen Grundlage des modernen warenproduzierenden Systems noch einmal zur welthegemonialen Rivalität aufschwingen könnte, weder hinsichtlich der militärisch-technologischen Potenz noch hinsichtlich der ökonomischen und politischen Dimension oder der Finanzkraft.

Die USA sind heute wirklich „die einzige Weltmacht“, wie der US-Politologe Zbigniew Brzezinski (Professor für Außenpolitik in Baltimore und Berater am „Zentrum für Strategische und Internationale Studien“ in Washington) in seinem so betitelten, 1997 erschienenen Buch über die globale US-Hegemonie feststellt: „Im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hat sich die Weltlage tiefgreifend verändert. Zum ersten Mal in der Geschichte trat ein außereurasischer Staat nicht nur als der Schiedsrichter eurasischer Machtverhältnisse, sondern als die überragende Weltmacht schlechthin hervor. Mit dem Scheitern und dem Zusammenbruch der Sowjetunion stieg ein Land der westlichen Hemisphäre, nämlich die Vereinigten Staaten, zur einzigen und im Grunde ersten wirklichen Weltmacht auf“ (Brzezinski 1999, 15).

Dieser neue Charakter der einzigen übrig gebliebenen Supermacht ist nicht allein durch die besonderen historischen Qualitäten und die äußere Dimension der USA bestimmt, sondern auch durch den kapitalistischen Entwicklungsstand am Ende des 20. Jahrhunderts. Erst die mikroelektronische dritte industrielle Revolution, an der die Gegensupermacht Sowjetunion mangels Kapitalkraft gescheitert ist, hat überhaupt eine Weltmacht im buchstäblichen Sinne ermöglicht, also eine unmittelbare globale Zugriffsfähigkeit. Zwar erfordern großangelegte militärische Expeditionen weiterhin eine entsprechend weiträumige und aufwendige Logistik, aber diese wird durch eine weltumspannende Kommunikationstechnologie bedeutend erleichtert.

Mussten sich die alten europäischen Großmächte auf der Basis der klassischen Industrialisierung noch mit schwerfälligen und schwer kontrollierbaren militärischen Aufmärschen begnügen, die heute fast schon antik wirken (etwa mittels Schlachtschiffen und Panzerarmeen), so kann die Kriegsmaschine der USA inzwischen tatsächlich bis zu einem gewissen Grad als omnipräsent und universell einsetzbar gelten - allerdings nur auf der Ebene des Krieges zwischen regulären Armeen. Militärische Großexpeditionen wie in den beiden Weltordnungskriegen nach dem Untergang des Staatskapitalismus (gegen den Irak und gegen Restjugoslawien) werden dadurch nicht bloß vereinfacht, sondern auch durch vorher nie dagewesene Zugriffsfähigkeiten ergänzt. An die Stelle schwerfälliger Boden- oder Wasseroperationen (die allerdings nicht völlig überflüssig werden) können inzwischen sehr flexible, mikroelektronisch gesteuerte Luftschläge treten.

Zwar wurde schon Nazi-Deutschland zu einem erheblichen Grad durch die seit 1944 drückende Luftüberlegenheit der Alliierten und den Bombenhagel aus der Luft (Zerstörung der Kriegsindustrien, der Nachschubwege usw.) besiegt, auch wenn das keineswegs der einzige kriegsentscheidende Faktor war. Aber außerdem mussten die Luftflotten selber erst mühsam in den Radius der Einsatzzonen verschafft werden. War die Atlantiküberquerung im Flugzeug bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts noch ein Abenteuer, so kann die US-Luftwaffe heute von eigenem Territorium aus jeden beliebigen Ort der Welt in einer beispiellos kurzen Zeit erreichen. Gleichzeitig ermöglicht die ebenfalls mikroelektronisch gesteuerte Satellitenüberwachung vom Weltraum aus mit einem Auflösungsvermögen von großer Genauigkeit eine weiter gehende Kontrolle aller oberirdischen Bewegungen und Operationen auf dem Globus als jemals in der Vergangenheit. Im Verein mit der kontinentalen Dimension ihres Territoriums, der Kapitalkraft und der führenden Rolle in der Kommunikationstechnologie bedingen die konkurrenzlosen und ständig weiterentwickelten High-Tech-Waffensysteme der USA eine qualitativ neue Art der globalen Hegemonie in der kapitalistischen Staatenwelt.

Eine derartige Überlegenheit verführt leicht dazu, die Kontrollfähigkeit der US-Supermacht zu verabsolutieren und die tatsächliche Erweiterung der mikroelektronisch gestützten Zugriffsmöglichkeiten zu einem „elektronischen Waffenmythos“ zu überhöhen, obwohl die Fähigkeit zur unmittelbar globalen Operation keineswegs gleichbedeutend mit absoluter Kontrolle ist (was eine logische und praktische Unmöglichkeit wäre). Vor allem, und das ist hier schon festzuhalten, bezieht sich die politisch-militärische Hegemonie der USA eben nur auf die Welt der kapitalistischen Nationalstaaten und die dazugehörigen industriellen, gleichsam „fordistischen“ Armeen, also gewissermaßen auf die Makro-Ebene der internationalen kapitalistischen Verhältnisse. In dieser Hinsicht ist die Hightech-Armee der USA uneinholbar überlegen und kann demnach jeden größeren oder kleineren Krieg gegen jede beliebige Armee von einzelnen oder koalierenden Nationalstaaten dieser Welt gewinnen.

Die letzte Weltmacht an der historischen Systemgrenze

Überwältigend ist die Hegemonie der einzigen übrig gebliebenen Supermacht USA somit im Verhältnis zu den anderen sogenannten Mächten der kapitalistischen Welt, seien es die Europäische Union (EU), Japan, das heruntergekommene und auch militärisch verlotterte Russland oder die Pseudo-Regionalmächte vom Iran bis zu Indien, Pakistan oder gar dem vermeintlichen Koloss China, dessen ungeheure Bevölkerungsmasse im umgekehrten Verhältnis zu seiner sowohl ökonomischen als auch politisch-militärischen Potenz steht. Darin zeigt sich eine grundlegende Tendenz der weltkapitalistischen Entwicklung, in der die Ungleichzeitigkeiten, Disparitäten und uneinholbaren Abstände in der Reproduktionsfähigkeit des Kapitals umso mehr zunehmen, je unwiderstehlicher sich das Kapitalverhältnis irreversibel als unmittelbares Weltverhältnis darstellt und die nationalen Grenzen in vieler Hinsicht zu verschwimmen beginnen.

Die USA sind allerdings ironischerweise nur in dem Maße zur nicht mehr einholbaren Weltmacht Nr. 1 des Kapitals geworden, wie sich die kapitalistische Produktionsweise als solche zu erschöpfen beginnt. Hatten die früheren europäischen Vormächte ihre nationalen Trümpfe in bestimmten Epochen des kapitalistischen Aufstiegs zum globalen System ausgespielt, also im Binnenraum der bürgerlichen Modernisierungsgeschichte, so ist die Hegemonie der USA bereits an den Grenzen des Kapitalismus als gesellschaftlicher Reproduktionsform angesiedelt. Insofern sind die USA am Ende des 20. Jahrhunderts nicht nur die einzige, sondern auch die letzte Weltmacht. Es ist wie im Märchen: In dem Augenblick, in dem sich der Traum erfüllt, wird er zum Alptraum und unwahr, weil sich die Brüchigkeit und geradezu die Absurdität seiner Voraussetzungen enthüllt.

Der Prozess, in dem sich der unaufhaltsame Aufstieg der USA zur einzigen und letzten Welt- und Supermacht vollzog, war gleichzeitig die Entfaltung der Krise des modernen warenproduzierenden Systems. Konnte die zweite industrielle Revolution des so genannten Fordismus (Automobilmachung, Wirtschaftswunder) in der Nachkriegsgeschichte noch eine Art „Weltentwicklungsplan“ suggerieren, so hat die dritte industrielle Revolution der Mikroelektronik das globale Entwicklungsgefälle derart verschärft, dass ganze Weltregionen aus der kapitalistischen Reproduktionsfähigkeit herauszufallen beginnen.

Gleichzeitig hat sich der sozialökonomische Krisenprozess seit den 80er Jahren bis in die Zentren des Kapitals vorangefressen. Das Ausbrennen der kapitalistischen „Arbeitssubstanz“ kann nur noch durch den Vorgriff auf real nie mehr eintreffende zukünftige Geldeinkommen und Profite kaschiert werden, also durch ausufernde globale Verschuldungsprozesse sämtlicher Wirtschaftssubjekte (Staaten, Unternehmen, Private) und durch das Aufblähen historisch beispielloser spekulativer Finanzblasen auf den Aktienmärkten. Das Recycling stets wachsender Massen von „fiktivem Kapital“ (Marx) in den Wirtschaftskreislauf hat das Abheben der Finanzmärkte von der Realökonomie zur Grundbedingung der globalen Kapitalverwertung gemacht. Das Weltkapital ist in einen Zustand der Simulation übergegangen, der die Weltgesellschaft wie nie zuvor polarisiert: Auf dem einen Pol häufen sich Massenarmut und Elend an, ökonomische Zusammenbruchsprozesse wiederholen sich in kurzen Abständen. Auf dem anderen Pol häuft sich ein ebenso astronomischer wie substanzloser Geldreichtum an, dessen Brüchigkeit auf den prekär gewordenen Charakter der kapitalistischen Produktionsweise als solcher verweist.

Die monozentrische Hegemonie der USA steht im Mittelpunkt dieser herangereiften Widersprüche des Weltkapitals. Zwar ist die politisch-militärische Überlegenheit der letzten Weltmacht nicht mehr zu übertrumpfen (und nur insofern „absolut“), aber gleichzeitig erleidet die Politik als solche, auch in ihrer Gestalt als hegemoniale Weltpolitik, einen wesentlichen Bedeutungsverlust gegenüber den weltökonomischen Prozessen, die sich auf eine qualitativ neue Weise krisenhaft verselbständigt haben; ablesbar übrigens nicht zuletzt daran, dass das politische Personal wie überall in der Welt auch in den USA im Verhältnis zur ökonomischen Funktionselite auf ein drittklassiges Niveau herabgesunken ist. Die letzte Weltmacht sieht sich mit einem inneren wie äußeren Krisenprozess konfrontiert, der die ganze Welt erfasst und seiner Natur nach durch keinerlei politisch-militärisches Potential in Schach zu halten ist.

Die früher oder später zwangsläufig zur Zerreißprobe führenden Widersprüche zwischen dem monozentrischen Weltmachtcharakter der USA und dem Krisencharakter der dritten industriellen Revolution, wie er die herrschende Produktionsweise von innen heraus zerstört, werden dabei in mehrfacher Hinsicht deutlich.

Politische Mächte können überhaupt nur auf nationalstaatlicher Grundlage existieren und sich entfalten, auch wenn es sich um einen der Herkunft seiner Bürger nach bunt gemischten Großstaat von kontinentalen Ausmaßen handelt. Dieser nationalstaatliche Charakter auch der letzten Weltmacht steht aber im Widerspruch zur transnationalen Metamorphose des Kapitals durch den Prozess der Globalisierung. In demselben Maße, wie die strukturelle Krise Massenarbeitslosigkeit und/oder große Billiglohnsektoren erzeugt, den Sozialstaat zurückfährt usw., wird die Kaufkraft auf den nationalen Binnenmärkten abgeschmolzen und das Kapital ist gezwungen, sich mit einer nie dagewesenen Dynamik betriebswirtschaftlich über die Weltmärkte zu zerstreuen, um das globale Kostengefälle optimal zu nutzen und andererseits Kaufkraft auf sich zu ziehen, wo immer es diese noch gibt auf der Welt.

Diese Transnationalisierung des Kapitals und die gleichzeitige, ebenfalls und sogar noch mehr transnational bestimmte Flucht in den neuen simulativen Finanzkapitalismus ist es aber, die dem Nationalstaat sukzessive die ökonomischen Grundlagen entzieht; und das gilt eben auch für die übrig gebliebene Supermacht USA. Auch das US-Kapital macht die transnationale Metamorphose durch und damit ungewollt den Weltmachtstaat obsolet.

Andererseits können die USA als ein trotz ihres Supermachtstatus begrenzter Nationalstaat auch nicht unmittelbar als Weltstaat agieren, der in der Lage wäre, das transnational werdende Weltsystem der kapitalistischen Krisenökonomie zu regulieren, wie bisher die Nationalstaaten ihre jeweilige Binnenökonomie reguliert hatten. So erweist sich die letzte Weltmacht als getrieben von den Zwängen und Verlaufsformen eines längst mit politischen Mitteln unbeherrschbaren Weltkrisenprozesses, auf den sie mitsamt ihrer militärisch unbesiegbaren Hightech-Armee immer nur äußerlich und letzten Endes inadäquat reagieren kann.

Dass die USA bloß die Vormacht eines unheilbar an sich selbst erkrankten und vergifteten Weltsystems sind, zeigt sich auch am Zustand ihrer eigenen Binnenökonomie unter Einschluss des Staates. Innerhalb der USA ist der abstrakte Geldreichtum nicht nur am stärksten innerhalb der westlichen Welt polarisiert, sondern auch sein Glanz am meisten von ökonomischem Talmi herrührend. Denn die USA sind heute, ganz im Gegensatz zu ihrer komfortablen und auch ökonomisch konkurrenzlosen Ausgangsposition am Ende des Zweiten Weltkriegs, das Land sowohl mit der größten Binnenverschuldung als auch der größten Außenverschuldung der Welt. Die absolute Überlegenheit ist rein auf das militärische Potential zusammengeschrumpft.

Man könnte einwenden, der den phantastischen Verschuldungsprozess der USA tragende Zustrom von Geldkapital aus aller Welt sei eben der Tribut, den diese kapitalistische Welt ihrer Führungsmacht zollen muss. Aber es handelt sich dabei nicht um einen Tribut herkömmlicher Art, wie ihn stets besiegte oder unterlegene „Völker“ und „Nationen“ als solche entrichten mussten, sondern um einen Zustrom von transnationalem privatem Geldkapital, das als Kreditgeld eine gefährliche Forderung an die US-Ökonomie darstellt, weil es jederzeit abgezogen werden (oder durch Finanzkräche gewissermaßen „verdampfen“) und dadurch die ganze Weltmachtherrlichkeit zum Einsturz bringen kann.

Diese Gefahr betrifft nicht zuletzt den Hightech-Militärapparat selbst, der ja permanent Unsummen verschlingt und damit erst recht am Tropf des transnationalen Finanzkapitals hängt. Denn es handelt sich dabei um eine abgeleitete Finanzierung, die somit reell auf einer eigenständigen nationalökonomischen Potenz beruhen müsste, die den USA jedoch schon längst abhanden gekommen ist. Das militärische Potential für sich allein ist in seiner gewissermaßen „naturalen“ Gestalt nicht lebensfähig, da es eben wie alles in der kapitalistischen Welt durch das Nadelöhr der „Finanzierbarkeit“ hindurch muss.

Das gilt keineswegs allein für sozialstaatliche Leistungen oder die medizinische Versorgung, sondern ganz genauso für Cruise Missiles, Stealth-Bomber und Flugzeugträger. Rein ökonomisch gesehen unterscheiden sich Sozialstaat und Militärapparat nicht, in beiden Fällen ist eine vermittelte, externe Finanzierung durch staatliche Geldabschöpfung erforderlich. Und wer oder was auch immer sich durch Raketen und Fernbomber in die Knie zwingen lässt, die transnationalen Finanzmärkte gehören jedenfalls nicht dazu. Wenn also die globale Finanzblase platzt, wird die militärische Welthoheit der USA gleich mit in die Luft fliegen.

Der arrogante und militärisch muskelstrotzende Koloss der letzten Weltmacht steht auf tönernen Füßen. Aber nicht mehr deswegen, weil noch einmal ein anderer Koloss heranwachsen würde, der ihn stürzen könnte. Sondern allein aus dem Grund, dass die aller modernen Weltmacht zugrunde liegende kapitalistische Produktionsweise an ihre absolute Grenze zu stoßen beginnt. Die USA können nicht mehr an einer konkurrierenden Weltmacht scheitern, aber sie werden an ihrer eigenen Logik scheitern, und das ist die Logik des kapitalisierten Geldes. Die globale Kontrollfähigkeit der letzten Weltmacht geht zusammen mit der Pseudozivilisation des Geldes unter.

Deshalb kann es auch keinen Weltkrieg vom Typus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts mehr geben, der daraus entstanden war, dass gleichwertige Weltmächte innerhalb eines polyzentrischen Weltsystems im Kampf um die Hegemonie aufeinander prallten. Schon in der bipolaren Struktur des Kalten Krieges war dieser Zusammenstoß durch das atomare „Gleichgewicht des Schreckens“ blockiert worden; die Sowjetunion konnte nicht in einem Weltkrieg besiegt, sondern musste ökonomisch niederkonkurriert und militärisch totgerüstet werden.

In der monozentrischen Hegemonie der letzten Weltmacht gibt es auf dieser Ebene überhaupt keine Konkurrenz mehr, also noch viel weniger das Potential für einen Weltkrieg zwischen ebenbürtigen Großmächten. Aber die transnationale Krisenkonkurrenz lässt erst recht keinen „kapitalistischen Weltfrieden“ zu (was ein Widerspruch in sich wäre), sondern setzt als ihre Fortsetzung mit anderen Mitteln neue Formen bewaffneter Zusammenstöße frei, die nicht mehr auf der Ebene der alten Großmachtkonflikte liegen und nicht mehr in deren Kategorien beschrieben werden können. In dieser neuen Weltkrisenkonstellation vollendet sich eine tiefgreifende qualitative Metamorphose des imperialen Zugriffs, die ihren Anfang schon in der bipolaren Supermachtstruktur der Nachkriegsgeschichte genommen hatte.

Vom territorialen Nationalimperialismus zum „ideellen Gesamtimperialismus“

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind die USA nicht nur die letzte und andererseits „erste wirkliche“ Weltmacht, sondern sie sind damit auch in einen anderen Status als alle vorherigen imperialen Mächte eingerückt. Der monozentrische Charakter dieser Weltmacht, die an den historischen Grenzen der kapitalistischen Produktionsweise gewissermaßen die globalen Widersprüche verwalten muss, verweist auf eine Transformation des Imperialismus, in der dieser nicht mehr seinem bisherigen Begriff entspricht, sondern auf einer anderen Widerspruchsebene angesiedelt ist.

In der Reife ihrer Macht müsste die Position der USA - vom Standpunkt des alten, bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts gültigen Verständnisses aus gesehen - sogar als eine gewissermaßen „postimperialistische“ erscheinen. Gewaltsamkeit, Brutalität und Zynismus der Zugriffe und ihrer Legitimation sind um keinen Deut geringer geworden, aber der Inhalt hat sich qualitativ vom ursprünglichen Begriff eines modernen „Imperiums“ entfernt. Den drei Entwicklungsstadien der polyzentrischen, der bipolaren und der monozentrischen politisch-militärischen Hegemonie in der modernen Welt entspricht ein fortlaufender Veränderungsprozess im Charakter des Imperialismus, der den Übergang von der Aufstiegs- und Durchsetzungsgeschichte des kapitalistischen Weltsystems zu seiner Krisenreife widerspiegelt.

In der Epoche des alten, polyzentrischen Imperialismus der industriekapitalistischen europäischen Mächte (ungefähr von 1870 bis 1945) ging es vor allem um die territoriale Aufteilung der Welt in nationale Kolonien und „Einflussgebiete“. Dieser klassische europäische Nationalimperialismus war im territorialen Prinzip des bürgerlichen Nationalstaats verwurzelt, wie es sich im Gegensatz zum dynastischen oder personalen Prinzip der feudalen Agrargesellschaft herausgebildet hatte. Die territoriale Expansion der kapitalistischen Nationalstaaten, die schon in der frühen Neuzeit begonnen hatte, setzte sich dabei auf industrieller Grundlage und im großen Maßstab fort; Ziel war stets die Ausdehnung der eigenen territorialen Kontrolle. Kein grenzenloser Weltmarkt lag dieser Entwicklung zugrunde und schon gar keine transnationale Globalisierung des Kapitals, sondern genau umgekehrt eine zunehmend staatsökonomische und nationalzentrierte Formierung des Akkumulationsprozesses. Die Expansion der ökonomischen Bewegung nahm daher die Form eines Strebens nach bloß partiellen und relativen, von nationalen „Großreichen“ kontrollierten „Weltwirtschaften“ (im nationalen Plural) an.

Ganz in diesem Sinne war in allen europäischen Großmächten des Kapitals die außen- und gesellschaftspolitische Debatte nach einem Wort des wilhelminischen Generals Friedrich von Bernhardi von der nationalzentrierten Parole „Weltmacht oder Niedergang“ (zit. nach: Gollwitzer 1982/2, 25) gekennzeichnet. Als Grundlage für strategische Orientierungen entwickelte sich dabei die sogenannte „Geopolitik“, in Deutschland vor allem durch Karl Haushofer (1869-1946), der im Nazireich zum führenden strategischen Stichwortgeber aufstieg. Schon der Titel seines dreibändigen Werkes „Macht und Erde“ verweist auf den territorialen Charakter der damaligen imperialen Expansionstendenz. In einem anderen exemplarischen Text Haushofers heißt es dementsprechend: „Großmächte sind ‚Ausdehnungsstaaten‘… Deshalb sehen wir sie alle mit einem größeren oder kleineren Anhang von Einflussgebieten auftreten, die zum Begriff der Großmacht gehören wie der Schweif zum Kometen…“ (zit. nach: Gollwitzer, a.a.O., 562).

Ein zentraler Begriff dieser territorialen Expansion war der des „Großraums“, d.h. eines nationalimperial beherrschten partiellen Weltreichs auf der Grundlage einer kohärenten kapitalistischen „Großraumwirtschaft“, die nichts anderes sein konnte als die Erweiterung einer großen Nationalökonomie um Kolonien, abhängige Zonen und schlicht annektierte Gebiete. Der unheimliche Jurist und reaktionäre Gesellschaftstheoretiker Carl Schmitt, der sich lange Zeit den Nazis zur Verfügung stellte, verfasste dazu zeitlich passend 1939 (mit der 4. Auflage schon 1941) die rechtstheoretische Schrift „Völkerrechtliche Großraumordnung mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte. Ein Beitrag zum Reichsbegriff im Völkerrecht“ (zit. nach: Gollwitzer, a.a.O., 567).

Dieser geopolitische Begriff des Großraums, oft vitalistisch umgeformt zum „Lebensraum“, gehörte bekanntlich auch zum Lieblingsvokabular Hitlers. „Volk ohne Raum“ hieß der einschlägige Roman-Bestseller des völkischen Kolonialschriftstellers Hans Grimm (1926). Nachdem der Welthandel zwischen den Großmächten in der Zwischenkriegszeit tief eingebrochen war, erhielten sogar Bestrebungen einer nationalen Autarkie Oberwasser, die schon von Anfang an den klassischen Imperialismus begleitet hatten. Ziel dieser Autarkiepolitik war, so auf einem wirtschaftsliberalen Gegenkongress Anfang der 30er Jahre der Volkswirtschaftler Wilhelm Gerloff, die „Schaffung eines sich in Produktion und Konsumtion selbst genügenden Wirtschaftsgebietes, das jedoch auf so große Räume und so reiche Hilfsquellen gestellt ist, dass es allen wirtschaftlichen und kulturellen Daseinsbedingungen seiner Mitglieder genügen kann…“ (Gerloff 1932, 13).

Dass dies keineswegs bloß eine durch ideologische Gegnerschaft motivierte Zuschreibung war, geht aus der politisch-ökonomischen Strategie und Weichenstellung der Nazis hervor. Werner Daitz, einer der obersten „Wirtschaftsführer“ der NSDAP, formulierte die autarkistische Tendenz des Nationalimperialismus ausdrücklich gegen das „jüdisch-materialistische Denken liberaler Wirtschaftswissenschaftler“, deren „unvölkisches Gelddenken“ die deutsche Wirtschaft in die „Weltwirtschaft“, also in „Freihandel und internationale Arbeitsteilung“ geführt habe, zu ihrem Schaden im Weltkrieg und in der Weltwirtschaftskrise. Daitz setzt dieser wirtschaftsliberalen Weltmarktorientierung die autarkistische Programmatik der Nazis für ein autonomes Nationalimperium entgegen: „Die Entdeckung neuer freier Räume und ihre Besiedlung (Kolonisation)… bedeutet nur dann eine Stärkung der Wachstums- und Lebenskräfte der heimatlichen Volkswirtschaften, wenn sie ihrer Disziplin und ihrem Machtbereich nicht entgleiten… Jede Volksgemeinschaft muss ihre Wirtschaftsführung so disziplinieren, dass sie die eiserne Ration an Nahrungsmitteln und gewerblichen Rohstoffen stets innerhalb ihrer Mauern hat“ (Daitz 1938 I, 64 f.).

In diesem autarkistischen Sinne definiert er auch die vom Nazi-Reich anzustrebende europäische „Großraumwirtschaft“ unter deutsch-völkischer Kontrolle: „Kontinentaleuropa kann sich … unter den übrigen Erdteilen als wirtschaftliche und kulturelle Einheit nur selbst behaupten, wenn es aus der eigenen Kraft seiner Völker und seines Raumes im Notfall allein leben kann. Deshalb muss Kontinentaleuropa als raumpolitische Einheit von Gibraltar bis zum Ural und vom Nordkap bis zur Insel Zypern reichen. Nur in diesem Raum sind alle Möglichkeiten an landwirtschaftlichen Erzeugnissen und Erdschätzen vorhanden, die mit Hilfe einer hochentwickelten Technik den Völkern dieses Raumes bei entsprechender Zusammenarbeit ein Leben aus eigener Kraft ermöglichen“ (Daitz 1938 II, 45 f.).

Dabei handelte es sich keineswegs um ein bloßes Fernziel oder einen Traum der Nazi-Strategen, sondern zum Zeitpunkt des Räsonnements von Daitz bereits um eine knallharte reale Wirtschafts- und Außenpolitik, die vom Management der deutschen Konzerne aus klaren Eigeninteressen heraus im wesentlichen gebilligt und unterstützt wurde, wie die einschlägige Zeitgeschichtsschreibung feststellt: „Die von Hitler getroffene Entscheidung, ohne Rücksicht auf Kostendeckung in den Sektoren Brennstoffversorgung und Eisenproduktion sowie synthetischer Gummiherstellung (Buna) eine 100%ige Autarkie binnen vier Jahren zu erreichen, wurde von den führenden Wirtschaftsvertretern einerseits aus Profitinteressen, andererseits wegen der Schwierigkeiten, den Weltmarkt binnen kürzester Frist zu reorganisieren, gutgeheißen. Die ohnehin an staatlichen Protektionismus seit 1879 gewöhnte Eisen-, Kohle- und Stahlindustrie vermochte ihre kontinentale Hegemonie weiter auszubauen, im Weltmaßstab war sie ohnehin nicht konkurrenzfähig, und zielte in ihren politischen Ambitionen fortan, analog zu den Friedensplänen der Alldeutschen im Ersten Weltkrieg, auf einen deutsch beherrschten mitteleuropäischen Großwirtschaftsraum“ (Martin 1989, 203).

Die Autarkiepolitik der Nazis setzte also nur die bereits vor dem Ersten Weltkrieg angelegte, nationalimperial bestimmte Tendenz fort. Dieser Logik folgte aber nicht allein das Deutsche Reich etwa aufgrund seiner besonderen nationalpolitischen Entwicklung seit dem Kaiserreich. Ein ähnliches autarkistisches Denken für nationalimperiale „Großraumwirtschaften“ findet sich vielmehr sowohl in der Vor- als auch in der Zwischenkriegszeit in allen Ländern des kapitalistischen Zentrums, wenn auch sicherlich im angelsächsischen Bereich nicht derart ausgeprägt wie bei den Nazis.

Der wirklichen Sachlage und dem vorherrschenden imperialen Diskurs gemäß hatte Lenin in seiner berühmten Schrift „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ (1917) das nationalimperiale Bestreben wesentlich als territoriale Annexionspolitik bestimmt: „Jetzt sehen wir, dass … ein ungeheurer ‚Aufschwung‘ der kolonialen Eroberungen beginnt und der Kampf um die territoriale Aufteilung der Welt sich im höchsten Grade verschärft… Die Jagd aller kapitalistischen Staaten nach Kolonien gegen Ende des 19. Jahrhunderts und besonders seit den achtziger Jahren ist eine allbekannte Tatsache in der Geschichte der Diplomatie und der Außenpolitik… Für den Imperialismus ist … das Bestreben charakteristisch, nicht nur agrarische Gebiete, sondern sogar höchst entwickelte Industriegebiete zu annektieren (Deutschlands Gelüste auf Belgien, Frankreichs auf Lothringen), denn erstens zwingt die abgeschlossene Aufteilung der Erde, bei einer Neuaufteilung die Hand nach jedem beliebigen Land auszustrecken, und zweitens ist für den Imperialismus wesentlich der Wettkampf einiger Großmächte in ihrem Streben nach Hegemonie, d.h. nach der Eroberung von Ländern, nicht so sehr direkt für sich als vielmehr zur Schwächung des Gegners und Untergrabung seiner Hegemonie…“ (Lenin 1970/1917, 82 f., 97).

Auch wenn Lenins Analyse von einem arbeiterbewegungsmarxistisch beschränkten und verkürzten Begriff des Kapitals ausgeht, der eine falsche Gegenüberstellung von Konkurrenz- und sogenanntem Monopolkapitalismus impliziert, so trifft er mit seiner Charakterisierung des Imperialismus als polyzentrischer nationaler Annexionspolitik durchaus die tatsächliche Erscheinungsform der damaligen weltkapitalistischen Entwicklung. Diese Epoche, die 1945 zu Ende gegangen ist, war aber eben noch keineswegs das „letzte und höchste Stadium des Kapitalismus“, das Lenin zeitbedingt vor allem unter dem Aspekt weniger einer kategorialen Krise der ökonomischen Formen, als vielmehr des politischen Zusammenbruchs der bisherigen weltkapitalistischen Konstellation sah.

Solange sich die USA noch im Windschatten der polyzentrisch um die Welthegemonie kämpfenden europäischen Großmächte entwickelten, also im 19. und im frühen 20. Jahrhundert, folgten sie ebenfalls der Logik einer nationalimperialen „Ausdehnungsmacht“. Schon 1823 hatte der damalige US-Präsident James Monroe die nach ihm benannte Doktrin verkündet, wonach die USA keine europäische Intervention auf amerikanischem Boden dulden wollten. Die Monroe-Doktrin, die den lateinamerikanischen Unabhängigkeitskampf gegen Spanien zum Hintergrund hatte und die USA zur selbsternannten „Schutzmacht“ des südlichen Teilkontinents machte, wurde geradezu ein Präzedenzfall; nicht umsonst berief sich noch Carl Schmitt in seiner Schrift über „Großraumordnung und Interventionsverbot“ darauf. Auch die nationalimperiale direkte Annexionspolitik war den USA nicht fremd: 1848 rissen sie sich nach dem erfolgreichen Krieg gegen Mexiko Texas, New Mexico und Kalifornien mitsamt den dortigen Goldfeldern unter den Nagel; 1898 annektierten sie im Krieg gegen Spanien die Philippinen, die (nach der japanischen Besetzung im Zweiten Weltkrieg) erst 1946 in die staatliche Unabhängigkeit entlassen wurden.

Schon in der Epoche von „Wirtschaftswunder“ und Kaltem Krieg, in der die USA zur alleinigen Führungsmacht des westlichen Kapitalismus aufstiegen, änderte sich jedoch die Sachlage grundsätzlich. Unter dem Dach der Pax Americana machte der Status der Weltmacht zusammen mit der Entwicklung des Weltkapitals eine entscheidende Metamorphose durch, in der die alte nationalimperiale Expansionspolitik obsolet zu werden begann. Als erste Weltmacht im buchstäblichen Sinne konnten die USA keine territoriale „Ausdehnungsmacht“ mehr sein, und das galt eine Etage tiefer auch für die nunmehr abhängigen, als Vormächte abgetakelten europäischen Nationalstaaten. Diese grundsätzliche Metamorphose war vor allem durch zwei Momente bestimmt, ein politisch-militärisches und ein ökonomisches.

Zum einen war der Kalte Krieg mit der Gegenweltmacht der „nachholenden Modernisierung“ von vornherein nicht mehr im Stil einer nationalökonomisch fundierten territorialen Kontrolle über ein partikulares „Weltreich“ zu führen, sondern nur als langfristige strategische Orientierung in einem unmittelbar globalen Maßstab. Als „Weltpolizist“ mit dem selbst gegebenen Auftrag, das staatskapitalistische Gegenimperium und „Reich des Bösen“ (Reagan) niederzuringen, musste der US-Imperialismus gewissermaßen zum „ideellen Gesamtimperialisten“ werden, also auf einer Meta-Ebene jenseits der bloß nationalen Expansion operieren.

Es ging insofern nicht um eine neue Konstellation innerhalb der alten Logik der Konflikte, sondern um einen transitorischen Charakter des Konflikts selbst. Schon der Ausdruck „Weltpolizist“, ursprünglich wohl in einem kritischen Sinne gemeint, verweist ja ungewollt darauf, dass es dabei um die Option eines militärisch gestützten globalen Kontrollmonopols jenseits der nationalökonomischen Grenzen ging statt um deren Hinausschieben als Erweiterung des eigenen Territoriums.

Auf dieser Ebene war also nicht mehr der Gedanke eines eigenen imperialen „Großraums“ und einer dazugehörigen „Großraumwirtschaft“ bestimmend, sondern die globale Absicherung der kapitalistischen Produktionsweise als solcher. Die USA wurden insofern gewissermaßen zur weltweiten „Schutzmacht“ des Kapitals überhaupt, wobei dieses nur in seiner westlichen, privat- und konkurrenzkapitalistischen Form akzeptiert wurde und die östlich-südlichen Varianten des Staatskapitalismus als feindliches Störprinzip erschienen.

Der Drang ging dahin, den eisernen Vorhang zu durchbrechen und die gesamte Welt für den privatkapitalistischen Zugang (welcher Nationalität auch immer) zu „öffnen“, also ein einheitliches kapitalistisches Weltsystem herzustellen. In diesem Sinne gründeten die USA 1949 die NATO, deren Organisationsrahmen dazu diente, die zweit- und drittrangig gewordenen europäischen Nationalstaaten direkt in die strategischen Operationen der weltkapitalistischen US-„Schutzmacht“ einzubinden und sie als „Flugzeugträger“ der US-Army zu benutzen.

Weil aber dieser Weltmacht-Status den Charakter eines „ideellen Gesamtimperialisten“ implizierte und nicht mehr unmittelbar identisch sein konnte mit einem nationalimperialen Expansionsinteresse, machte sich der Widerspruch zwischen den USA als Nationalstaat und den USA als Weltmacht neuen Typs durch zunehmende Reibungsverluste bemerkbar. Zwar verwenden die USA bis heute für ihr globales Vorgehen als „Weltpolizist“ gewohnheitsmäßig und geradezu unschuldig den Begriff des „nationalen Interesses“, und sie nutzen ihre Weltmachtposition, die Rolle des Dollar als Weltgeld etc. natürlich auch weidlich für sich selbst aus, wo es nur möglich ist. Trotzdem waren der im Verlauf des Kalten Krieges erlittene Verlust jener am Ende des Zweiten Weltkriegs erreichten absoluten ökonomischen Übermacht, der Rückgang des nationalen Weltmarktanteils, das relative Zurückfallen in der industriellen Produktivität und schließlich die exorbitante Innen- und Außenverschuldung zu großen Teilen auf die kapitalistisch unproduktive Last des politisch-militärischen „Weltmachtkonsums“ zurückzuführen.

Dieser Sachverhalt ist mehrfach beschrieben und beklagt worden, zuletzt wieder von Paul Kennedy, der dabei Analogien zu den früheren Vormächten der Modernisierungsgeschichte seit dem 16. Jahrhundert aufmacht (Kennedy 1991/1987). Die Rolle als „Weltpolizist“ oder „ideeller Gesamtimperialist“ blieb daher in den außen- und gesellschaftspolitischen Debatten der USA stets umstritten; aber gleichzeitig waren diese durch die weltkapitalistische Entwicklung gewissermaßen zu dieser Rolle verdammt.

Zum andern wurde die alte nationalimperiale Annexionspolitik aber nicht nur durch die äußerliche weltpolitische Konstellation des Kalten Krieges und seiner bipolaren Machtstruktur obsolet, sondern auch durch den inneren ökonomischen Prozess der kapitalistischen Produktionsweise selbst - wofür allerdings die weltumspannende politische Vereinheitlichung des Privatkapitals durch die Supermacht USA durchaus eine Rahmenbedingung bildete. Denn unter dem Dach der Pax Americana wurde der bereits von Lenin und Rudolf Hilferding als neues Strukturmerkmal des Kapitals ausgerufene Kapitalexport überhaupt erst in einem großen Maßstab real.

Lenin hatte den Kapitalexport (im Unterschied zum bloßen Warenexport) noch in der alten Konstellation der nationalökonomisch zentrierten „Ausdehnungsmächte“ gesehen. Aber auf diesem Entwicklungsniveau des Weltkapitals konnte der Kapitalexport noch gar kein relevantes Ausmaß annehmen. Bis 1913 expandierte zwar der Welthandel unter den kapitalistischen Nationalökonomien stetig, aber die Auslandsinvestitionen (vor allem in Sachkapital) blieben fast ganz auf die eigenen nationalen Kolonien oder Einflusszonen beschränkt, also auf den jeweiligen nationalimperialen „Großraum“. Im polyzentrischen Kampf der europäischen Großmächte um die kapitalistische Hegemonie war gar nichts anderes möglich.

Im Rahmen der Pax Americana nach dem Zweiten Weltkrieg dagegen wurde nicht nur das politische Weltsystem unter den bipolaren „Systemkonflikt“ zwischen Privat- und Staatskapitalismus subsumiert, sondern gleichzeitig die westliche Hemisphäre bereits monozentrisch ausgerichtet. Unter der politischen Glocke dieses Monozentrismus wurde überhaupt erst die Bedingung für ein rapides Anwachsen des Kapitalexports geschaffen: nämlich die Möglichkeit, innerhalb der entwickelten industriekapitalistischen Länder selber Kapital in einem nie dagewesenen Umfang zu exportieren, also große Produktionsunternehmen im früheren „Feindesland“ zu eröffnen. Pax Americana bedeutete in dieser Hinsicht nichts anderes, als dass sich die in diesem Rahmen entstehenden multinationalen Konzerne (Multis) allmählich gegen ihren nationalökonomischen Zusammenhang zu verselbständigen begannen. Damit wurde schon die Krisenstruktur eines neuen Widerspruchs von Einzelkapital einerseits und Nationalökonomie bzw. Nationalstaatlichkeit andererseits in ersten Konturen sichtbar.

Vom nationalen „Gutmenschen“-Pazifismus zum globalen Interventions-Bellizismus

Im Prozess der betriebswirtschaftlichen Globalisierung machte die Ideologie des zum „ideellen Gesamtimperialisten“ gewordenen US-Imperialismus eine eigenartige Metamorphose durch, die dem Status der USA gemäß zur westlich-privatkapitalistischen Gesamtideologie mutierte. In den USA hatte es gegen die alte nationalimperiale Annexionspolitik stets eine idealistische „Gutmenschen“-Opposition gegeben, die sich aus den demokratischen Illusionen über den Charakter des Kapitalismus speiste und das bürgerliche Ideal (ein Kantischer „ewiger Friede“ zwischen den Handel treibenden Nationen) gegen die damalige kapitalistische Wirklichkeit (nationalimperialistische Raubkriege) einklagte. Dieser ursprünglich antiimperialistische Pazifismus entpuppte sich in der Nachkriegsgeschichte allmählich als neue imperialistische Legitimation für die veränderte Rolle der USA als „Weltpolizist“.

War diese Ideologie nämlich in der alten Konstellation grundsätzlich „isolationistisch“ gewesen, also gegen eine äußere Interventionspolitik der USA gerichtet, so konnte sie in der neuen Konstellation mit den USA als alleiniger Vormacht des Westens plötzlich umgekehrt selber als Rechtfertigung von Interventionen fungieren. Denn nun ging es ja nicht mehr in erster Linie um die Ausdehnung des vom nationalen US-Imperialismus definierten „Großraums“, sondern um die globale Erhaltung und Ausdehnung des privatkapitalistischen, wirtschaftsliberalen „Prinzips“ und seiner demokratischen Legitimationsmuster. Das bürgerliche Ideal konnte in diesem Sinne mit der immer noch unfriedlichen kapitalistischen Wirklichkeit scheinbar zur Deckung gebracht werden, weil es nun nicht mehr so sehr um allzu durchsichtige nationale Raubinteressen ging, sondern um die angebliche Erhaltung und Durchsetzung des „demokratischen Weltfriedens“ gegen sogenannte „undemokratische Friedensfeinde“; in der bipolaren Supermachtstruktur zunächst definiert als das „totalitäre“ östliche „Reich des Bösen“ und dessen Vasallen.

Die neue Weltmachtrolle der USA konnte also mit einem fast schon religiösen Sendungsbewusstsein aufgeladen werden: Die westliche Supermacht mutierte zum globalen Propagandisten und geradezu Missionar der privat- und konkurrenzkapitalistischen Produktions- und Lebensweise einschließlich ihrer kulturellen Komponenten („American Way of Life“). In diesem Sinne hatte Präsident Truman bereits 1947 die nationalimperial beschränkte Monroe-Doktrin verworfen und mit der „Truman-Doktrin“ die angebliche Hilfe der USA für die „in ihrer Freiheit bedrohten freien Völker“ beschworen, die den Interventionismus auf einer Meta-Ebene des Weltsystems jenseits bloß nationaler Ausdehnungsinteressen implizierte.

Truman operierte dabei nicht im ideologisch luftleeren Raum. Er setzte nur den Geist jener im alten, ursprünglich antiinterventionistischen US-Idealismus wurzelnden demokratischen „Völkergemeinschafts“-Ideologie fort, wie sie außenpolitisch schon US-Präsident Woodrow Wilson (1856-1924) in seinem Vierzehn-Punkte-Plan von 1918 als Vorgriff auf die spätere US-Meinungsführerschaft formuliert hatte.

In diesem idealisierenden Konstrukt, wie es der harmonistischen Weltanschauung der traditionellen demokratischen Mittelklassen entspricht, wird der brutale Konkurrenz- und Überlebenskampf auf dem Weltmarkt feierlich in die friedliche Zusammenarbeit einander wohlwollender und durch „Volkssouveränität“ legitimierter Staaten umdefiniert; eine durch und durch verlogene Interpretation der kapitalistischen Weltrealität, die sowohl bei der von Wilson angeregten Gründung des sogenannten Völkerbunds (1920) als auch bei dessen Erneuerung als sogenannte Vereinte Nationen (UNO) am Ende des Zweiten Weltkriegs Pate gestanden hat.

Dass sich die Sowjetunion als Gegenweltmacht der „nachholenden Modernisierung“ in die eindeutig von den westlichen Ländern unter Führung der USA beherrschte UNO eingliedern ließ, war nur die folgerichtige politische Entsprechung der ökonomischen Tatsache, dass der Staatskapitalismus als warenproduzierendes System naturgemäß Teilnehmer am Weltmarkt sein und sich dessen Kriterien anbequemen musste. Mit dem Zusammenbruch der Gegenweltmacht nach 1989 und dem Einrücken der USA in die Position der letzten Weltmacht hat sich deren Rolle als „ideeller Gesamtimperialist“ eines nunmehr planetarisch vereinheitlichten kapitalistischen Weltsystems noch einmal verändert.

Trotz allen Ableugnens, aller Schönfärberei und Hoffnungsmacherei bilden die schleichende Weltkrise und die darin eingeschlossene Globalisierung des Kapitals den Hintergrund dafür, dass die nunmehr wirklich universell gewordene Pax Americana alles andere als eine befriedete Welt hervorbringt. Weit davon entfernt, im Sinne der universellen kapitalistischen Herrschaft überflüssig zu werden, ist seither die Bedeutung der USA als „Weltpolizist“ eher noch gestiegen, wie schon die beiden Weltordnungskriege der 90er Jahre gezeigt haben. Jetzt geht es freilich nicht mehr gegen eine klar definierte vermeintliche Gegenmacht, sondern auf Biegen und Brechen um den Erhalt des einheitlichen kapitalistischen Weltsystems, obwohl dieses global den größten Teil der Menschheit nicht mehr reproduzieren kann. Mit anderen Worten: Der Kampf des „Weltpolizisten“ und seiner europäischen Hilfssheriffs gegen die Krise der kapitalistischen Kategorien selbst nimmt zwangsläufig den Charakter eines Feldzugs gegen Gespenster oder fast schon im Stil von Don Quichotte gegen Windmühlenflügel an.

In dieser globalisierten Auseinandersetzung mit den Dämonen der kapitalistischen Weltkrise verblasst das Muster der alten nationalimperialen „Ausdehnungsstaaten“ noch mehr als schon während des Kalten Krieges. Auch diese weitergehende Metamorphose hat wieder ein politisch-militärisches und ein ökonomisches Moment. Noch weitaus stärker als bei der strategischen Einschnürung des staatskapitalistischen Systems ist im hoffnungslosen Kampf um eine „Befriedung“ des kapitalistischen Weltkrisenprozesses jede nationalzentrierte „Geopolitik“ sinnlos und kontraproduktiv geworden. Die Welt ist sowieso vom Kapital supranational vereinheitlicht, aber unter der dünnen Hülle des gemeinsamen Weltsystems schwelt die Krise und führt mal hier, mal dort zu katastrophalen Eruptionen. Sowohl politisch als auch militärisch ist nur noch eine Strategie der weltweiten „flexiblen Intervention“ durch Krisen- und Reisediplomatie ebenso wie durch „mobile Eingreiftruppen“ und gezielte Luftschläge angesagt.

Dem entspricht gleichzeitig die krisenökonomische Metamorphose des Kapitals zu einer unmittelbar betriebswirtschaftlichen Globalisierung über den bloßen Kapitalexport hinaus. Wo die große Masse der „Hände“ kapitalistisch unbrauchbar geworden ist, kann die „Aneignung“ von Territorien und ihren Bevölkerungen nicht einmal mehr in den gierigsten Träumen eine Option zusätzlicher Akkumulationschancen eröffnen; territoriale Annexionen machen in der kapitalistischen Logik endgültig keinen Sinn mehr und könnten von vornherein nur noch eine Last statt ein Gewinn sein. In demselben Maße, wie die betriebswirtschaftliche Reproduktion des Kapitals und der Nationalstaat auseinander treten, erlaubt das transnational über den ganzen Globus (allerdings mit höchst unterschiedlicher Dichte) gestreute Finanz- und Sachkapital überhaupt keine nationalzentrierte kapitalistische Strategie der Expansion mehr.

Dieser neuen Weltlage entsprechend wurde die im Kalten Krieg entwickelte (ursprünglich im pazifistischen US-„Gutmenschentum“ wurzelnde) westliche Interventions-Ideologie von „freedom and democracy“ in Windeseile auf den paradoxen globalen „Befriedungskrieg“ der NATO unter Führung der USA umgepolt. So interpretiert der gegenwärtig hegemoniale liberaldemokratische Diskurs die Reaktionen des Westens auf die von seinem eigenen „objektiven“ Wirtschaftsterrorismus verursachte globale Krise mit dem Phrasen-Repertoir derselben demokratischen Quacksalberphilosophie, wie sie schon die vorherige Epoche gekennzeichnet hatte.

In Europa ist der idealistische Pazifismus der „Gutmenschen“-Friedensbewegung innerhalb weniger Jahre folgerichtig in einen global orientierten Interventions-Bellizismus umgeschlagen. Damit wiederholen die linksbürgerlichen europäischen „Gutmenschen“ nur jene Wendung und Metamorphose ihrer US-amerikanischen Vettern, die sich schon seit Wilsons Zeiten entwickelt hatte. Der innerkapitalistische ideologische Gegensatz von nationalimperialen, interventionistischen Interessenpolitikern und antiinterventionistischen Idealisten fällt in der Weltkrise endgültig in sich zusammen: Gnadenloser Systemerhalt, kapitalistische Selbstbehauptung um jeden Preis und demokratisch-idealistische Phrase werden im „Weltpolizeidenken“ gegen die scheinbar aus den Abgründen der Geschichte aufgetauchten Ausgeburten der Krise unmittelbar identisch.

Die westlichen Strafexpeditionen in die nach dem Epochenbruch von 1989 ins Chaos versunkene kapitalistische Peripherie werden in diesem Geiste als legitime Aktionen der „internationalen Gemeinschaft“, der „demokratischen Völkergemeinschaft“ etc. dargestellt. Systematisch lügt sich der demokratische Weltkonsens darüber hinweg, dass die wunderbare Weltmarktwirtschaft selbst der Schoß ist, der zusammen mit den Krisen und Zusammenbrüchen der sozialökonomischen Reproduktion auch jene „Unfriedlichkeit“ gebiert, gegen die dann das freundliche Herrenmenschentum eben dieser Weltmarktwirtschaft mit triefendem Idealismus und Flächenbombardements zu Felde zieht. Die Unwahrheit dieser Legitimation zeigt sich schon allein daran, dass sie mit einer hysterischen Kreuzzugsstimmung einhergeht, die über die demokratisch-kapitalistischen Medien unisono angeheizt wird, als stünden sie allesamt unter dem Befehl eines allmächtigen Zensors.

Die NATO als supranationale Verlängerung des „ideellen Gesamtimperialisten“

Die NATO bildet den politisch-militärischen Rahmen der Pax Americana und der in dieser Epoche beginnenden krisenhaften Globalisierung des Kapitals. In diesem Bezugsfeld musste sie sich von vornherein grundsätzlich von den früheren imperialen Bündniskonstellationen unterscheiden. Weder konnte es sich um ein bloß äußerliches Verhältnis von Vormacht und Vasallen im traditionellen imperialen Sinne handeln, noch um ein mehr oder weniger gleichrangiges Bündnis nationalimperialer Mächte. Vielmehr verlangte der widersprüchliche Doppelstatus der USA als Nationalstaat bzw. Nationalökonomie einerseits und als „ideeller Gesamtimperialist“ andererseits eine analoge Metamorphose der sekundär gewordenen europäischen Staaten des kapitalistischen Zentrums mit einem ähnlich widersprüchlichen Charakter: Einerseits können sie wie die USA nicht aufhören, Nationalstaaten zu sein; andererseits müssen sie sich doch in die neue Struktur eines globalen Kontrollanspruchs eingliedern, ohne direkt zu einem Bestandteil der USA werden zu können.

Auf diese widersprüchliche Weise wurde die NATO über die bloß militärische Funktion hinaus zur gesamtwestlichen politischen Instanz, um die europäischen Staaten des kapitalistischen Zentrums am hegemonialen System des neuen „ideellen Gesamtimperialisten“ zu beteiligen und sie gewissermaßen in dieses System einzuschmelzen, also sie aus bloß zweitrangigen „Mächten“ alten Typs selber zu integralen Bestandteilen eines gemeinsamen „ideellen Gesamtimperialismus“ zu machen. Die Alternative ist jetzt nicht mehr diejenige zwischen einem unabhängigen Status als alte nationalimperiale Macht und einem Vasallenstatus gegenüber der Supermacht USA, sondern diejenige zwischen einem gewichtigeren oder geringeren Status innerhalb der NATO als politischer und legitimatorischer Verlängerung der US-Welthegemonie neuen Typs.

Die NATO erweist sich so einerseits als ein tatsächlich supranationales Gebilde eines gesamtimperialistischen Kontrollanspruchs gegenüber einer Welt betriebswirtschaftlicher Globalisierung und gleichzeitig krisenhaften Zerfalls. Andererseits ist sie gar nicht denkbar ohne den weiterhin nationalstaatlich zentrierten und kontrollierten Hightech-Gewaltapparat der USA, dessen Konkurrenzlosigkeit die US-Hegemonie innerhalb des widersprüchlichen weltimperialen Gesamtkunstwerks aufrecht erhält. In einer barbarischen Ordnung hat in letzter Instanz immer derjenige das Sagen, der den größten Knüppel bereit halten kann. Und im Rahmen kapitalistischer Kriterien und kapitalistischer Technologie wird Europa nie mehr den größten Knüppel haben können.

Das bürgerliche europäische Räsonnement urteilt darüber sehr lapidar und nüchtern, etwa im „Handelsblatt“: „Eine europäische Sicherheitsidentität ist grundsätzlich sinnvoll, derzeit aber nicht realisierbar. Hierfür nötige Rüstungsprogramme können nicht finanziert werden… Die jüngste Kosovo-Intervention hat erneut offenbart, wie sehr die Europäer den USA unterlegen sind, wenn es darum geht, militärische Macht jenseits der eigenen Landesgrenzen zur Geltung zu bringen. Fast 80 % aller Kampfeinsätze und 90 % der verwendeten Bomben und Raketen gingen auf das Konto der USA. Selbst vor ihrer eigenen Haustür konnten die Europäer nur einen marginalen Beitrag zum Niederringen einer drittklassigen Militärmacht leisten… Solange die USA ein verläßlicher Sicherheitspartner bleiben, sollte keine europäische Rüstungspolitik auf Kosten der Haushaltskonsolidierung betrieben werden“ (Wolf 1999).

In der Tat sind die europäischen Staaten des kapitalistischen Zentrums weder jeweils für sich allein noch gemeinsam in größerem Maßstab militärisch interventionsfähig. Dafür fehlen schlichtweg die militärischen Mittel wie strategische Bomberflotten, Flugzeugträger und Lenkwaffenarsenale; nicht nur von der Menge, sondern auch vom technologischen Niveau her. Befindet sich etwa die BRD in dieser Hinsicht heute ungefähr auf dem Niveau eines globalen Dorfpolizisten, so geht es Großbritannien und Frankreich trotz der Erfahrung postkolonialer Kriege und damit bis heute verbundener militärischer Ansprüche kaum besser. Im absurden Falklandkrieg konnten sich die Briten gerade noch gegen die argentinische Marine behaupten; und die diversen französischen Mini-Interventionen in Afrika verdienen kaum das Prädikat des Militärischen. Die französische Presse spottete über das Desaster des Nuklear-Flugzeugträgers „Charles-de-Gaulle“, der schon havarierte, kaum dass er in Dienst gestellt war, und mühsam von seinem bereits ausrangierten Vorgänger „Clemenceau“ abgeschleppt werden musste.

Stellt man in Rechnung, dass innerhalb der EU 60 bis 70 Prozent aller für militärische Entwicklung und Beschaffung aufgewendeten Mittel allein auf Großbritannien und Frankreich entfallen, lässt sich der geringe europäische Spielraum für ein Rüstungs- und Interventionsprogramm ermessen. Die BRD rangiert rüstungspolitisch eindeutig unter „ferner liefen“. Kein Wunder, dass die geplante EU-Streitmacht schon im Vorfeld als „Papier-Truppe“ bezeichnet wird.

Eine grundsätzliche Veränderung des militärischen Kräfteverhältnisses, wenn sie denn gewollt wäre, ist tatsächlich auch finanziell schlichtweg utopisch. Es wäre der ökonomische Ruin, wollte die EU in einem rüstungspolitischen Kraftakt (wofür sie überdies politisch niemals genug vereinheitlicht werden könnte) mit dem Militärpotential der USA gleichziehen. Nirgendwo sind Faktoren ersichtlich, wie die dafür nötige Umkehr der globalen Kapitalströme bewerkstelligt werden sollte; und gelänge dies trotzdem, würde die Weltwirtschaft erst recht zerrüttet und das ohnehin fragile Gebäude des globalen Finanzkapitalismus zum Einsturz gebracht.

Die vorherrschende politische Meinungsbildung macht sich auch gar keine Illusionen, dass das gegenwärtige Kräfteverhältnis noch einmal geändert werden könnte: „Eine grundsätzliche Verschiebung der Gewichte zeichnet sich nicht ab… Europas ökonomische Basis für eine eventuelle Herausforderung der USA und ihrer Weltordnungskonzepte ist… nicht verbreitert worden, sie hat sich verringert… Im militärischen Bereich tritt die transatlantische Diskrepanz noch deutlicher zu Tage. So haben die europäischen NATO-Staaten in den vergangenen fünf Jahren etwa nur halb so viel für militärische Beschaffung ausgegeben wie die USA. In Forschung und Entwicklung hat sich die Lücke noch weiter vergrößert“ (Wolf 2001). Aber dies sind sowieso nur hypothetische Überlegungen, denn abgesehen davon existiert ja auch gar kein ökonomisch-„materialistischer“ Beweggrund für territoriale Annexions- und „Einfluss“-Strategien im Rahmen eines innerimperialistischen Großkonflikts mehr.

Das heißt nicht, dass es keinerlei europäische Profilierungsversuche gegenüber der letzten Weltmacht USA geben würde, die allerdings im Zweifelsfall eher von Frankreich als von der BRD ausgehen. Aber dabei handelt es sich um ein bloßes Kompetenzgerangel oder um „Dezernatskämpfe“ innerhalb der Hackordnung des „ideellen Gesamtimperialismus“ unter unzweifelhafter US-Hegemonie, nicht um das Geltendmachen eines eigenständigen imperialen Anspruchs. Auch ökonomische und vor allem handelspolitische Widersprüche zwischen der EU und den USA werden immer wieder ausgetragen, ohne dass dabei aber jemals ernsthaft das gemeinsame globale Dach der Pax Americana in Frage gestellt würde.

John C. Kornblum, bis 2001 US-Botschafter in der BRD, bringt die kapitalistische Unvermeidlichkeit der in der NATO verkörperten Allianz wie deren Problem in einem Atemzug zum Ausdruck: „Die Angst, Europäer und Amerikaner würden sich in miteinander konkurrierende Lager aufspalten, ist unbegründet. Europa und die Vereinigten Staaten sind so stark aneinander gebunden, dass ein Bruch nicht vorstellbar ist… Was ist in der gegenwärtigen Situation so besonders? Selten zuvor hat eine neue amerikanische Regierung die Amtsgeschäfte in einer solch unsteten Zeit übernommen. Und selten zuvor spürten Europäer und Amerikaner gleichermaßen eine solche Hilflosigkeit angesichts dieses weltweiten Durcheinanders“ (Kornblum 2001). Die „unstete Zeit“ und das „weltweite Durcheinander“, eine ebenso begriffslose wie larmoyante Formulierung für das Zerbrechen des modernen warenproduzierenden Systems an seinen eigenen Widersprüchen, macht die NATO nach dem Ende des Kalten Krieges erst recht zur Instanz des Gesamtimperialismus, hinter deren Räson alle Binnenkonflikte und Reibereien zurücktreten müssen.

Dies gilt auch für Streitpunkte wie die neuerliche unmotivierte Bombardierung des Irak durch die USA unter der neuen Führung des ultrakonservativen Präsidenten Bush, Washingtons Pläne für eine „nationale Raketenabwehr“ (NMD) oder umgekehrt das Projekt einer gemeinsamen europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP). Wenn dabei jedesmal von „Irritationen“ im Verhältnis zwischen den USA und der EU gesprochen wird, deutet dieser Begriff einer eher schwachen Differenz mehr auf den objektiven Zwang zur gesamtimperialen Herrschaftspolitik als auf ein Zerreißen dieses Zusammenhangs hin.

Alle Spekulationen, dass solche wechselseitigen „Verstimmungen“ der Anfang eines grundsätzlichen Umbruchs in der kapitalistischen Weltkonstellation sein könnten, entbehren jeder Grundlage: „Mit diesen an der Tagespolitik orientierten Überlegungen verkennen die Skeptiker … die grundlegende Bedeutung struktureller Faktoren, die über den Tag hinauswirken und eindeutig für die Fortsetzung der transatlantischen Partnerschaft sprechen. Zwar wird es immer wieder Irritationen geben, dauerhafte Konflikte oder gar eine weltpolitische Rivalität werden daraus aber nicht erwachsen“ (Wolf 2001).

Die Verstimmungen, sogenannten Irritationen, Profilierungsversuche und Eigenmächtigkeiten verweisen zwar auf die Weiterexistenz der für das Kapitalverhältnis unaufhebbaren nationalstaatlichen Form mit ihrer Eigenlogik und damit gleichzeitig auf die Widersprüchlichkeit in der Struktur des „ideellen Gesamtimperialismus“; dieser hat aber dennoch als solcher irreversibel die supranationale Gestalt der NATO angenommen. Diese Unhintergehbarkeit der NATO als gesamtwestliche Interventionsmacht unter Führung der USA entspricht auch den dominierenden Kapitalinteressen, die ja im Zuge von Krise und Globalisierung ebenfalls direkt transnational geworden sind. So „stärkt die globale Integration der Märkte diejenigen, die von der Globalisierung profitieren und deshalb an zwischenstaatlicher Zusammenarbeit interessiert sind. Dies gilt vor allem für transnationale Konzerne sowie Anleger von Finanzkapital“ (Wolf 2001). Übersetzt man die euphemistische Formel von der „zwischenstaatlichen Zusammenarbeit“ in diejenige eines „gesamtimperialen Weltordnungskriegs“, so ist damit der reale Hintergrund der heute dominierenden Kapitalinteressen benannt. Sollten sich die Widersprüche auf der Ebene des Weltsystems dramatisch zuspitzen, so ist viel eher mit unkontrollierten Alleingängen einer in Panik verfallenden US-Regierung als mit einer europäischen Herausforderung der USA zu rechnen.

Der gesamtimperiale und globalisierungs-ökonomische Zusammenhang gilt auch im engeren Sinne für die Rüstungsindustrie selbst, die ebenso wie die übrigen Kapitalien rasant in transnationale Strukturen hineingewachsen ist. Aus den einstmals streng national ausgerichteten Waffenschmieden mit enger Anlehnung an den jeweiligen nationalen Staatsapparat und dessen territoriale Kontroll- und Expansionsansprüche sind großenteils „global players“ mit einer breit gestreuten betriebswirtschaftlichen Diversifizierung geworden, die sich sowohl auf die USA als auch auf die EU (und teilweise auf den asiatischen Raum) bezieht. Im Rüstungssektor gibt es daher inzwischen ebenso wie in allen anderen Bereichen transkontinentale Überkreuz-Beteiligungen, „strategische Allianzen“, Fusionen und Übernahmen, wobei die US-Rüstungsindustrie klar dominiert.

So wurden etwa aus ökonomischen Gründen alle Weichen dafür gestellt, dass der staatliche spanische Rüstungskonzern Santa Bárbara Blindados (SBB) im Zuge seiner Privatisierung nicht an einen europäischen Rüstungskonzern fällt, sondern an den US-Rüstungsriesen General Dynamics, der über diesen Zukauf womöglich auch bei der Münchner Panzerschmiede Krauß-Maffei Wegmann (KMW) einsteigt; SBB baut den Leopard-Panzer von KMW in Lizenz. Umgekehrt will der europäische Luft- und Raumfahrtkonzern EADS (die Mutterfirma von Airbus) künftig Militärflugzeuge in den USA mit einem US-Partnerkonzern (Lockheed Martin oder Northrop) bauen, um an lukrative Aufträge des Pentagon heranzukommen. Inzwischen kooperiert EADS bereits mit Boeing bei der Raketenabwehr. Beschlossene Sache ist auch die Übernahme der deutschen Marinewerft HDW durch eine Mehrheitsbeteiligung des US-Finanzinvestors One Equity Partners (OEP), was als verdeckte Übernahme durch den US-Rüstungsriesen General Dynamics gilt. HDW baut und vermarktet seit Herbst 2002 gemeinsam mit der US-Rüstungsfirma Northrop Grumman U-Boote. Zwar gibt es Vorbehalte seitens der EU-Kommission, aber auf die Dauer, so ein deutscher Rüstungslobbyist, wird die gesamte europäische Rüstungsindustrie vom US-Beschaffungsmarkt abhängig sein und sich darauf durch transnationale Beteiligungen ausrichten müssen: „Ohne Amerika geht gar nichts“ (Wirtschaftswoche 40/2001).

Allen „Irritationen“ und Querschüssen der nationalen politischen Klassen zum Trotz wird die Transnationalisierung der Rüstungsindustrie innerhalb der westlichen kapitalistischen Zentren fortschreiten; schon gibt es auch Projekte eines transnationalen elektronischen Beschaffungsmarktes für die Rüstungs- und Flugzeugkonzerne.

Es existiert eben kein essentieller Grund für national oder selbst auf die EU beschränkte Rüstungsschmieden mehr; einschlägige Debatten und Vorbehalte sind nicht mehr strategisch und damit erstrangig bestimmt, sondern bewegen sich auf der Ebene des sekundären Kompetenzgerangels. Nicht nur von den allgemeinen ökonomischen Grundlagen des globalisierten Krisenkapitalismus her, sondern auch unmittelbar rüstungstechnisch und rüstungsökonomisch bildet die NATO eine gesamtimperiale Zugriffsmacht und ein gesamtkapitalistisches Weltordnungskonzept.

Der Begriff des „ideellen Gesamtimperialismus“, angelehnt an die Marxsche Formulierung vom Nationalstaat als dem „ideellen Gesamtkapitalisten“, verweist natürlich ebenso wie diese nicht etwa auf eine bloß „immaterielle“ Einflussnahme; vielmehr handelt es sich um einen umfassenden Apparat von Hightech-Gewalt und weltweiter politischer Intervention, der einen universell gültigen kapitalistischen Handlungsrahmen zu setzen versucht und in diesem Sinne einen ebenso universellen Kontrollanspruch erheben muss. Allerdings ist der globale „ideelle Gesamtimperialist“ viel mehr auf die politisch-militärische Ebene beschränkt, als es der nationalstaatliche einstige „ideelle Gesamtkapitalist“ war: Er fasst nicht die Kapitalien seines Machtbereichs in einem auch ökonomischen Ordnungsrahmen zusammen, sondern muss umgekehrt der enthemmten, jeden Ordnungsrahmen sprengenden Konkurrenz der Kapitalien gehorchen, auf die er nur noch äußerlich und ohne eigenständige wirtschaftspolitische Eingriffskompetenz reagieren kann.

Die NATO ist ebenso wenig wie die USA ein „Weltstaat“, der die alte nationale Staatsfunktion auf einer höheren, supranationalen Ebene übernehmen könnte. Sie ist eben nur der (erweiterte) „ideelle Gesamtimperialist“, also eine reine Instanz der Gewalt und politischen Pression, keine Instanz einer umfassenderen Regulation. Somit kann die NATO den Widerspruch des globalen Krisenkapitalismus nicht lösen, sondern in ihrer eigenen widersprüchlichen Struktur als supranationales Gebilde unter der nationalstaatlichen Hegemonie der „letzten Weltmacht“ nur in periodischer Gewaltsamkeit zum Ausdruck bringen.

Auf den ersten Blick könnte dieser monozentrische „ideelle Gesamtimperialismus“ des beginnenden 21. Jahrhunderts an den fast vergessenen Begriff eines sogenannten „Ultraimperialismus“ erinnern, wie ihn der alte sozialdemokratische Chefideologe Karl Kautsky zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Imperialismusdebatte mit Rosa Luxemburg und Lenin kreiert hatte. Aber die Analogie ist nur eine sehr oberflächliche. Kautsky schrieb 1914 in der „Neuen Zeit“: „Eine ökonomische Notwendigkeit für eine Fortsetzung des Wettrüstens nach dem Weltkrieg liegt nicht vor, auch nicht vom Standpunkt der Kapitalistenklasse selbst, sondern höchstens vom Standpunkt einiger Rüstungsinteressen. Umgekehrt wird gerade die kapitalistische Wirtschaft durch die Gegensätze ihrer Staaten aufs äußerste bedroht. Jeder weitersehende Kapitalist muss heute seinen Genossen zurufen: Kapitalisten aller Länder, vereinigt euch!… Natürlich, wäre die jetzige Politik des Imperialismus unerlässlich zur Fortführung der kapitalistischen Produktionsweise, dann vermöchten die eben erwähnten Faktoren keinen nachhaltigen Eindruck auf die herrschenden Klassen zu machen und sie nicht zu veranlassen, ihren imperialistischen Tendenzen eine andere Richtung zu geben. Wohl aber ist dies möglich dann, wenn der Imperialismus, das Streben jedes kapitalistischen Großstaates nach Ausdehnung des eigenen Kolonialreiches im Gegensatz zu den anderen Reichen dieser Art, nur eines unter verschiedenen Mitteln darstellt, die Ausdehnung des Kapitalismus zu fördern… Die wütende Konkurrenz der Riesenbetriebe, Riesenbanken und Milliardäre erzeugte den Kartellgedanken der großen Finanzmächte, die die kleinen schluckten. So kann auch jetzt aus dem Weltkrieg der imperialistischen Großmächte ein Zusammenschluss der stärksten unter ihnen hervorgehen, der ihrem Wettrüsten ein Ende macht. Vom rein ökonomischen Standpunkt ist es also nicht ausgeschlossen, dass der Kapitalismus noch eine neue Phase erlebt, die Übertragung der Kartellpolitik auf die äußere Politik, eine Phase des Ultraimperialismus, den wir natürlich ebenso energisch bekämpfen müssten wie den Imperialismus, dessen Gefahren aber in anderer Richtung lägen, nicht in der des Wettrüstens und der Gefährdung des Weltfriedens“ (Kautsky 1914, 920 f.).

Es ist offenkundig, dass Kautskys Argumentation zu seiner Zeit (und noch auf Jahrzehnte hinaus) völlig unzutreffend war, weil die Epoche der nationalimperialen Expansion sich damals keineswegs erschöpft hatte. Aber Kautsky ist bei näherem Hinsehen auch kein guter Prophet einer noch weit entfernten Zukunft. Zwar hat er (ähnlich wie bei Lenin abgelöst von jeder begrifflichen Durchdringung der übergreifenden kapitalistischen Gesellschaftsformen) die abstrakte Möglichkeit einer anderen, gesamtimperialen Konstellation durchaus richtig gesehen, aber eben gerade nicht unter dem Aspekt eines globalen gesellschaftlichen Zerfalls an den inneren Grenzen der kapitalistischen Produktionsweise, sondern nur als „andere Mittel, die Ausdehnung des Kapitalismus zu fördern“. Denn Kautskys Position wird ganz und gar bestimmt durch den sozialdemokratischen Diskurs an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, der offiziell die Krisen- und Zusammenbruchstheorie ad acta gelegt hatte und seine Hoffnungen auf eine weitere kapitalistische Entwicklungsfähigkeit setzte, die von der Arbeiterbewegung durch einen friedlich-parlamentarischen Übergang zum Staatssozialismus gekrönt werden sollte.

Wie bei Lenin ist auch bei Kautsky das Thema nicht die (damals „undenkbare“) Krise und Kritik der klassenübergreifenden gesellschaftlichen Formen, sondern der bloß soziologisch fundierte und politisch in Erscheinung tretende „Klassenwille“ zur „Ausbeutung“ einerseits und zu deren Überwindung andererseits. Im Gegensatz zu Lenin entwickelt er diese verkürzte Analyse aber nicht auf dem Boden der historisch aktuellen Tatsachen, also der wirklichen Konkurrenz nationalimperialer Ausdehnungsmächte, sondern als blamabel opportunistische Phantasmagorie. Es gehört schon eine Mischung aus Augenwischerei und Selbstbetrug dazu, ausgerechnet im Kanonendonner des beginnenden industriellen Weltkriegs eine friedliche Allianz des Gesamt- oder Ultraimperialismus zwecks gemeinsamer „Ausbeutung der Welt“ für die Zeit nach dem Weltkrieg zu postulieren, als gäbe es dessen Realität gar nicht oder diese wäre schon Geschichte geworden (eine typische Manier des demokratisch-reformistischen Räsonnements zu „gefährlichen“ Fragen bis heute).

Aber eben deshalb trifft Kautskys „Nostradamus-Vision“ eines demokratischen Sesselfurzers für den heutigen tatsächlichen „ideellen Gesamtimperialismus“ der NATO erst recht nicht zu. Denn erstens geht es dabei gar nicht mehr um eine gemütliche „gemeinsame Ausbeutung“ bislang noch kapitalistisch unerschlossener Weltregionen, sondern vielmehr um das Problem einer sich voranfressenden Weltkrise, die gerade dadurch bestimmt ist, dass der Kapitalismus des Zentrums auf der erreichten Höhe seines eigenen Produktivitäts- und Rentabilitätsstandards zunehmend „ausbeutungsunfähig“ wird und der Weltmarkt wachsende Zonen einer ökonomisch „verbrannten Erde“ zurücklässt, die ihre kapitalistische Erschließungsfähigkeit schon hinter sich haben.

Und zweitens ist gerade deswegen die NATO auch eine ganz und gar unfriedliche Allianz des Gesamtimperialismus, weil sie alle Hände voll zu tun hat, auf die politisch-militärischen, barbarisierenden Folgen der unbewältigbaren Krise einzudreschen. So entspricht es zwar den Tatsachen, dass es 80 Jahre nach Kautskys These keinen innerimperialistischen Konflikt nach dem Muster des Ersten Weltkriegs mehr gibt, aber der widersprüchliche supranationale Charakter der NATO fußt auf ganz anderen Entwicklungen, als sie Kautsky vorgeschwebt hatten; und so handelt es sich eben nicht um eine parlamentarisch transformationsfähige kapitalistische Friedensära, sondern um einen barbarischen Weltordnungskrieg ohne jede zivilisatorische Perspektive. Die Analogie von Kautskys Konstrukt des „Ultraimperialismus“ und des wirklichen „ideellen Gesamtimperialismus“ der NATO ist eine ganz äußerliche und unwahre.

Dass es im 21. Jahrhundert keine Neuauflage der früheren nationalimperialen territorialen Einflusskämpfe um die Welthegemonie geben wird, dafür sprechen allerdings nicht nur die ökonomischen und politisch-militärischen Fakten im Kontext von Pax Americana und Globalisierung. Auch die kulturelle und ideologische Entwicklung lässt nicht im geringsten erkennen, dass die alten Mächte der Weltkriegsepoche demnächst zur dritten Runde antreten werden und die NATO bloß eine vorübergehende Erscheinung in der Epoche des kalten Krieges gewesen sein könnte.

Bei einer weltpolitischen Konfliktkonstellation müssen die beteiligten Gesellschaften ja nicht nur politisch-ökonomisch und militärisch, sondern auch kulturell und ideologisch formiert und vorbereitet werden. Man muss sich nur einmal ansehen, mit welch ungeheurem Aufwand und historisch weitem Ausgreifen die jeweiligen Feindbilder sowohl in der Weltkriegsepoche zwischen 1870 und 1945 als auch in der bipolaren Nachkriegskonstellation zwischen 1945 und 1989 aufgebaut und kultiviert wurden. Das „perfide Albion“, der französische „Erbfeind“ und umgekehrt die deutschen „Hunnen“ usw. oder später das „totalitäre Reich des Bösen“ im Osten erfuhren eine nicht bloß propagandistische, sondern auch künstlerische, volks- und popkulturelle Pflege und Ausmalung bis in den Alltag hinein. Dafür wurden alle medialen Register gezogen, vom akademischen Disput bis zum Kinderbuch, von der Denkmalpflege bis zur patriotischen Lyrik. Nichts dergleichen lässt sich heute über einen systematischen Aufbau von neuen und wechselseitigen innerimperialistischen Feindbildern sagen. Sogar der traditionelle europäische Antiamerikanismus ist nicht nur marginal, sondern selber schon „amerikanisiert“.

Das heißt keineswegs, dass nicht nationalistische, antisemitische, „volksgemeinschaftliche“, rassistische usw. kulturelle und ideologische Muster wiederkehren und in den Krisenprozessen der Globalisierung verstärkt abgerufen würden. Aber im Unterschied zur Weltkriegsepoche stehen diese Muster nicht im Kontext einer nationalimperialen Formierung für den Vernichtungskampf der kapitalistischen Großmächte untereinander um „geostrategische Großräume“. Schon das Feindbild des sowjetischen „Reichs des Bösen“ war auf einer anderen Ebene herausgebildet worden; es reflektierte nicht mehr die Konkurrenz der nationalimperialen Staaten des westlichen industriekapitalistischen Zentrums untereinander, sondern die Konkurrenz des Zentrums als Ganzem mit den historischen Nachzüglern der Peripherie und deren innerkapitalistischem „Gegensystem“.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Kriegs kehren nicht die vorherigen alten Feindbilder zurück, sondern es wird ein neues, wesentlich diffuseres Feindbild aufgebaut, das überhaupt nicht mehr in erster Linie von irgendeiner in imperiale Politik verlängerten Konkurrenz innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise bestimmt ist (dies galt nur für deren historischen Aufstiegsprozess), sondern unmittelbar von den Zerfallserscheinungen in der kapitalistischen Weltkrise: Diese sollen ideologisch veräußerlicht und personifiziert werden, um den Charakter der Krisenerscheinungen im Dunkeln zu lassen und ihre Ursachen zu verschleiern.

DIE REALEN GESPENSTER DER WELTKRISE

Natürlich will die demokratisch-kapitalistische Ideologie nicht wahrhaben, dass es sich beim neuen Weltfeind um das globale Zersetzungsprodukt des eigenen Systems handelt. Deshalb ist die offizielle Bestimmung der Lage auch bar jeder realistischen Analyse. Stattdessen wimmelt es beim Versuch, das Ziel zu identifizieren, wie in einem Kaleidoskop nur so von seltsamen Regimes, anachronistischen Clans, Terrorgruppen, fundamentalistischen Bewegungen, sogenannten „Schurkenstaaten“ usw. Die Generalbösewichte und jeweiligen Feinde Nr. 1, die undemokratischen Monster und Schlächtergestalten lösen einander in rascher Folge ab, ohne dass sich jemals ein klares Bild des Feindes herausbilden würde. Vom Standpunkt des kapitalistischen Weltsystems aus gibt es einfach keinen Begriff dafür.

Was sich feststellen lässt, ist eine gewisse Abstufung in den unklaren weltdemokratischen Feindbildern und in der Vorgehensweise. Im Falle des Irak und seines Diktators Saddam Hussein handelt es sich einerseits in gewisser Weise um ein Relikt des kalten Krieges und seiner „heißen“ Stellvertreterkriege, da der Irak wie viele Staaten der Dritten Welt zwischen den beiden Machtblöcken laviert und in deren Schatten sein weltregionales Aufrüstungssüppchen gekocht hatte. Andererseits war diese Aufrüstung des Irak auch bereits durch die neue Konstellation der Weltkrise nach dem Epochenbruch bestimmt, insofern es ironischerweise der Westen selbst war, der die Waffenarsenale für den blutigen irakischen Golfkrieg der 80er Jahre gegen das benachbarte Mullah-Regime des Iran geliefert hatte.

Saddam Hussein, ursprünglich im Kalten Krieg von der Sowjetunion protegiert, war in den 80er Jahren (wie verwandte Diktatoren-Gestalten der Peripherie sowohl vorher als auch nachher) zum Monster-Baby der westlichen Weltdemokraten selber mutiert, das sie aufgepäppelt hatten, um es in eine neue Art von Stellvertreter-Krieg gegen den damaligen iranischen „Schurkenstaat“ Nr. 1 zu schicken. Diese Option wurde mit großem Aufwand wieder revidiert und der Westen musste die von ihm selber gelieferten zweitklassigen und veralteten Waffensysteme zusammenschießen, was nicht gerade für ein schlüssiges Konzept der Weltordnungskrieger spricht.

Um das eigentliche Problem verstehen zu können, ist es notwendig, das zu tun, was die westlich-demokratischen Ideologen des Weltordnungskriegs um jeden Preis zu vermeiden suchen: nämlich die schwankenden Definitionen der „Weltfeinde“ auf den wirklichen Prozess der kapitalistischen Weltkrise zu beziehen, aus deren Verlauf erst auf die Entwicklung des Feindbildes geschlossen werden kann. Bei dieser Betrachtung stellt sich die Konstellation des Kriegs gegen den Irak Anfang der 90er Jahre als ein Übergangsphänomen heraus.

Krisenpotentaten und neue Bürgerkriege

Kann der erste demokratische Weltordnungskrieg gegen den Irak zumindest teilweise noch als Überhangproblem des Kalten Kriegs nach dem Epochenbruch verstanden werden, so war der zweite Weltordnungskrieg gegen Restjugoslawien schon viel stärker von den Folgen der neuen Weltkrise bestimmt. Im Unterschied zu Saddam Hussein, der vor den Sanktionen noch aus dem Vollen des Ölreichtums schöpfen konnte, war die neue Unperson Milosevic kein übrig gebliebener Diktator aus der Epoche des Kalten Krieges, sondern bereits ein typischer Krisenpotentat, hervorgegangen aus dem Zusammenbruch der vom Weltmarkt zermalmten jugoslawischen Nationalökonomie. Insofern verweist die jugoslawische Krise auf eine andere, höhere Qualität des Weltordnungskriegs; denn auf dem Balkan geht es nicht mehr um die Zähmung einer dysfunktional gewordenen Diktatur alten Zuschnitts, sondern um die Intervention gegen die politisch-militärischen Konsequenzen ökonomischer Zusammenbruchsprozesse.

Aber auch der Typus des Krisenpotentaten, wie ihn Milosevic repräsentierte, ist noch nicht die letzte Stufe in der Phänomenologie politisch-ökonomischer Zerfallsformen. Dort, wo dieser vom Weltkapitalismus induzierte Zerfall bereits auf der substaatlichen Ebene angekommen ist, löst sich das demokratische Feindbild endgültig in Irrationalität auf. Die fast schon mythische Figur eines Osama bin Laden etwa lässt erkennen, dass die Begriffslosigkeit der sterbenden bürgerlichen Politik nach Bildern und Imaginationen sucht, um dem für sie Unbenennbaren eine Art Gesicht zu geben, in das man schlagen kann. Mafia, Räuberbanden, Gotteskrieger, verborgene Fürsten des Terrors: Was in der zerbrechenden Welt der fruchtlosen Weltordnungskriege nach dem Typus Milosevic kommt, liegt bereits jenseits des modernen politisch-militärischen Konflikts, wie er zumindest der äußeren Form nach mit dem irakischen oder restjugoslawischen Regime noch ausgetragen werden konnte.

In allen Fällen aber handelt es sich bei den ursprünglichen, dem jeweiligen Unruheherd zugrunde liegenden Konflikten um ebenso mörderische wie scheinbar atavistische Bürgerkriege, die sich also weniger nach außen als nach innen richten - wobei das „Innen“ eine mehr oder weniger marode oder bereits zerstörte Nationalökonomie bezeichnet, deren staatlicher Rahmen auseinander bricht. Selbst im Irak, dessen Konfliktpotential teilweise noch auf einer anderen Ebene zu liegen schien (nämlich im Hinblick auf die versuchte Annexion Kuweits), spielte dieses Moment durchaus eine Rolle, etwa im inneren Krieg gegen die Bevölkerung der kurdischen Gebiete. Der jugoslawische Krieg ist bereits ein typischer Bürgerkrieg der inneren Krisenkonkurrenz, wie er längst in fast ganz Afrika und neuerdings auch in großen Teilen der ehemaligen Boomländer Asiens geführt wird. Die Bilder im Kosovo und in Bosnien, in der Osttürkei, im Kaukasus, in Afghanistan, Indonesien und auf den Philippinen, in Ruanda, Uganda oder dem Kongo gleichen sich aufs Haar.

Wenn die Dajak auf Borneo Autokorsos veranstalten, bei denen sie die aufgespießten Köpfe ihrer aus Madras eingewanderten Nachbarn mit sich führen, dann ist das kein Hinweis auf ein Hervorbrechen atavistischer Muster, vormoderner Relikte oder gar mörderischer Urtriebe ehemaliger Kopfjäger, wie es gängige Interpretationen gern hätten, sondern es handelt sich eindeutig um Verzweiflungsakte einer Überlebenskonkurrenz, die ebenso eindeutig in letzter Instanz vom Weltmarkt und den Funktionsgesetzen des kapitalistischen Weltsystems induziert sind. Es besteht ein ursächlicher Zusammenhang zwischen den „marktwirtschaftlichen Strukturreformen“, wie sie von den Beratern der Weltbank und den Schattenregierungen des IWF durchgesetzt werden, und den Macheten-Massakern, Massenvergewaltigungen und riesigen Flüchtlingsströmen, mit denen die kapitalistischen Medien den demokratischen Idealismus aufgeilen.

Im wesentlichen ist es die „Fortsetzung der Konkurrenz mit anderen Mitteln“, die in den Krisen- und Zusammenbruchsregionen die Gewalt gebiert. In gewisser Weise ist diese neue Reaktionsform der alten kapitalistischen Politik und der alten Logik imperialer Expansion durchaus wesensverwandt. Auch die bürgerliche Politik als solche ist ja nichts anderes als eine „Fortsetzung der Konkurrenz mit anderen Mitteln“; und als imperiale Außenpolitik mündete sie stets in die unregulierte Gewaltanwendung. Die Gewalt der Krisenkonkurrenz an der Schwelle des 21. Jahrhunderts bildet freilich nur noch die grausame Karikatur dieses bürgerlichen Grundverhältnisses. Und dass diese Gewalt sich im wesentlichen nach innen statt nach außen richtet, ist ein weiteres Zeichen für den Zerfall der zu Grunde liegenden Scheinzivilisation des Geldes. Das Verhältnis hat sich umgekehrt: Nicht mehr der äußere, sondern der innere Feind bestimmt die Konfliktdefinition. Mit demselben kulturellen und psychischen Aufwand wie in der Vergangenheit das äußere, wird jetzt das innere Feindbild konstruiert und bis zum exzessiven Ausbruch entwickelt.

Dabei ist es offenbar völlig egal, ob alte, schon halb vergessene Kriegsbeile zwischen bestimmten Bevölkerungsteilen wieder ausgegraben oder ganz neue Feindbilder erfunden werden. Ebenso gleichgültig bleibt es, ob ethnische und rassistische, religiöse oder andere Zuschreibungen die Krisenkonkurrenz dominieren. Oft handelt es sich um völlig willkürliche Eklektizismen, etwa wenn im jugoslawischen Krieg die einen Kombattanten über die Sprache („Kosovaren“), die anderen über die Religion (bosnische „Moslems“) oder über ethnische und kulturelle Muster („Serben“, „Kroaten“) definiert werden. Ebenso wenig spielt es eine Rolle, ob bestimmte Menschengruppen gewaltsam ausgegrenzt und vertrieben (wie in Borneo oder Ruanda) oder gewaltsam eingegrenzt und einem bestimmten Staatsapparat unterworfen bleiben sollen (wie im Kosovo oder den türkischen Kurdengebieten).

Alle ideologischen Kostüme, soweit sie überhaupt noch getragen werden, sind mehr als fadenscheinig geworden, ideelle und metaphysische Bezüge nur noch Vorwand. Das gilt selbst für den bewussten Rückgriff auf scheinbar vormoderne Weltanschauungen. Der sogenannte „islamische Fundamentalismus“ etwa hat so gut wie gar nichts mit den wirklichen islamischen Kulturen der Vergangenheit zu tun; er ist vielmehr die typische Erscheinungsform einer „postmodernen Verwilderung des Patriarchats“ (Scholz 2000).

Längst sind die Übergänge zwischen Mafia, Sekte, ethnischem Separatismus, Nazi-Bande, Räuberhorde, Guerilla etc. fließend geworden. Und der Phänotyp der Gemetzel ist überall derselbe: der moralisch und kulturell verwahrloste, völlig bindungslose „junge Mann“ zwischen 15 und 35 als Exekutor der Krisenkonkurrenz - ein wahrer „Selbstunternehmer“ mit Handy und Turnschuhen von Reebok oder Adidas, lässig die kühle Maschinenpistole als Attribut und Mordinstrument umgehängt, der die unmittelbare physische Macht und die Angst des menschlichen Freiwilds genießt, weil er sonst nichts mehr hat: „Es ist High Noon. Die Männer haben abenteuerliche, zusammengewürfelte Uniformen, dazu komische Hüte und modische Sonnenbrillen. Je nach Status tragen sie Maschinenpistolen oder Kalaschnikows“ (Neue Zürcher Zeitung, 26.3.2001). Diese Impression von der „Wildwest-Stimmung“ in der südserbischen Pufferzone ist eine für alle einschlägigen Konfliktgebiete in der zerbrechenden One World des Kapitals. Vielleicht wird heute bereits der größere Teil der Erdoberfläche von diesem Typus real beherrscht.

Die globale Plünderungsökonomie

Der Wahn, der sich in solchen Verhältnissen Bahn bricht, ist nur die Weiterentwicklung des ganz normalen kapitalistischen Wahns unter den Bedingungen der qualitativ neuen Weltkrise. Deshalb liegt diesem mörderischen Verhalten auch durchaus eine gewisse ökonomische Rationalität zu Grunde; nur dass diese aus der äußeren Regulation und Verrechtlichung kapitalistischer Verhältnisse und einer daran gebundenen Bewusstseinsform zu unmittelbaren Gewaltverhältnissen auch im gesellschaftlichen Binnenraum - „zurückkehrt“ kann man nicht sagen, denn der historische Durchgang durch die kapitalistische Form ist natürlich irreversibel. Was hier entsteht, sind keine kulturell eingebundenen unmittelbaren Gewaltverhältnisse mehr wie in vormodernen agrarischen Gesellschaften, sondern „entbundene“ Gewaltstrukturen, wie sie aus dem Zerfall der warenproduzierenden Anti-Zivilisation des Geldes hervorgehen.

Die unmittelbare Brutalität dieser Gewalt erscheint daher zwar oberflächlich als archaisch (im Unterschied zur „zivilisierten Barbarei“ der kapitalistischen Bürokratien und Schreibtischtäter bis hin zur äußersten Zuspitzung durch die Nazi-Mordmaschine); aber dahinter verbirgt sich ein von der bürgerlichen ökonomischen Konkurrenz wie von der damit verbundenen Individualisierung geformtes, gleichzeitig allerdings aus bürgerlichen Rechtsverhältnissen herausgefallenes Bewusstsein.

Die ökonomische Ratio des Irrationalen, die sich aus dieser negativen „Freisetzung“ ergibt, ist zunächst die Gewaltvernunft einer Plünderungsökonomie, wie sie inzwischen in Wahrheit die vorherrschende Form moderner kapitalistischer Verhältnisse in den großen Krisen- und Zusammenbruchsregionen der Welt bildet. Natürlich folgen die Bluträusche, Massaker und spontanen Grausamkeiten der inzwischen die Welt überziehenden „Bürgerkriege“ (selbst dieser Begriff ist brüchig geworden und kann das wirkliche Szenario nur andeuten) keinerlei ökonomischer Logik mehr. Aber sogar die meisten Gotteskrieger oder Ethnobanditen besitzen so viel von kapitalistischen Kriterien geformten Willen zur Selbstbehauptung, dass sie nach Geld und Gütern des modernen bzw. „postmodernen“ Massenkonsums gieren; auch wenn diese „Selbstbehauptung“ andererseits in gewisser Weise schon keine mehr ist, weil ihr der gesellschaftliche Funktionszusammenhang kapitalistischer Reproduktion abhanden gekommen ist.

Es leuchtet ein, dass diese Plünderungsökonomie keiner betriebswirtschaftlichen Produktionsweise mehr entspricht, eben weil diese in der jeweiligen Region bereits zerbröselt bzw. ganz zusammengebrochen ist oder sich davongemacht hat und somit die Konkurrenz auch nicht mehr in der Realisationssphäre des Marktes, sondern nur noch in der Realisationssphäre des bewaffneten Übergriffs ausgetragen werden kann. Die Voraussetzungen gleichen sich wie die sekundär-barbarischen Krieger aufs Haar: ausweglose Außenverschuldung und Selbstaufgabe der jeweiligen Nationalökonomie; an Beschäftigte und Beamte werden nur noch sporadisch oder gar keine Löhne und Gehälter mehr gezahlt; Verlotterung und schließliche Liquidation (soweit überhaupt vorhanden) der Infrastrukturen von der Müllabfuhr bis zum Gesundheitswesen; Rückfall großer Bevölkerungsteile in primitive Subsistenzwirtschaft usw.

Es ist eine „verlorene Generation“ ebenso tatkräftiger wie desorientierter junger Männer, die auf ihre kapitalistische „Überflüssigkeit“ bösartig reagiert und sich in den hoffnungslosen Milizen dieser Welt wiederfindet. Natürlich kann nichts geplündert werden, was nicht produziert worden ist. In einigen Ländern bietet sich dafür zum Beispiel der Restbestand an legaler und illegaler (Drogen) Rohstoffproduktion für den Weltmarkt an. So waren die so genannten radikalislamistischen afghanischen Taliban in den 90er Jahren zu den größten Heroindealern der Welt aufgestiegen, noch vor der kolumbianischen Drogenmafia.

Selbstverständlich gehen solche Strukturen von krimineller Ökonomie und Plünderungen im fast schon volkswirtschaftlichen Maßstab über das Potential der destruktiven Energie von arbeitslosen bewaffneten Jugendlichen hinaus. Es sind „Paten“, die das System der Plünderungsökonomie organisieren und beherrschen. Einerseits wird das organisierte Verbrechen in den konkurrenzschwachen und schließlich vom regulären Weltmarkt abgekoppelten Regionen längst vor dem manifesten nationalökonomischen Zusammenbruch zu einem entscheidenden sekundären Wirtschaftsfaktor. Es sind die Mafiabosse und Bandenhäuptlinge des illegalen Drogen-, Frauen- und Waffengeschäfts, die in den vom Gesetz des Weltmarkts induzierten gesellschaftlichen Erschütterungen schnell zu Quasi-Armeeführern aufsteigen und eine pseudo-politische Qualität gewinnen, die Bestandteil des Übergangs zur Plünderungsökonomie (in alter marxistischer Terminologie: gewissermaßen deren „politischer Überbau“) wird. So bestand etwa der Kern der so genannten „bosnischen Armee“ zu Beginn des Bürgerkriegs mit den Serben schlicht aus der Kommandostruktur der mit Handfeuerwaffen ausgerüsteten heimischen Kriminalität.

Nicht selten sind es allerdings auch ursprünglich ganz gewöhnliche Geschäftsleute, Händler, Fabrikdirektoren, Banker usw. (in vielen Weltgegenden mehr oder weniger identisch mit den Oberhäuptern von patriarchalischen Großfamilien-Clans), für die sich natürlich in einer Zusammenbruchsregion das Geschäftsfeld ebenso verändert wie das Geschäftsgebaren. Als Paten der Plünderungsökonomie können sie ihren regulären Bankrott kompensieren. Für den Fall, dass sie noch kapitalkräftig sind, eröffnen sich neue Anlagefelder, während die alten marktregulären unsicher werden oder ganz verschwinden.

Schon vorher ist der Übergang von größerer oder kleinerer Geschäftstätigkeit zur Kriminalität fließend, wie der Fall des inzwischen unter dubiosen Umständen erschossenen Serben Zeljoko Raznjatovic zeigt, der unter seinem Kriegsnamen „Arkan“ berüchtigt geworden ist: „Dieser … Warlord betätigte sich ursprünglich als Kneipier in Belgrad. Sein Café, das sich unmittelbar neben dem Belgrader Fußballstadion befand und das vornehmlich von den Fanclubs von Roter Stern Belgrad frequentiert wurde, warf aber keinen sonderlichen Gewinn ab. Raznjatovic wechselte daher das Metier und ging zunächst einmal ins Ausland. Wegen Bankraubs in Schweden, in der Bundesrepublik, in Belgien und in Holland mit Haftbefehl gesucht, zog sich Raznjatovic nach einigen Jahren vor dem Fahndungsdruck von Interpol wieder in das heimatliche, gerade im Auseinanderbrechen begriffene Jugoslawien zurück. Dort verstand er es, seine alten Kontakte als Kneipier nutzbar zu machen, und baute mit Hilfe seiner alten Stammgäste seine ‚Tigertruppe' auf' (Lohoff 1996, 165 f.).

Nicht zu vergessen sind die Paten aus der Diaspora: nach Westeuropa oder in die USA ausgewanderte Einheimische, die dort als Geschäftsleute zu Geld gekommen sind und nun gönnerhaft in die heimatliche Zusammenbruchsökonomie zurückkehren, um sich als marktwirtschaftliche „Entwicklungshelfer“ zu gerieren. Soweit sie nicht durch äußerlich reguläre Geschäfte zum Beispiel die Kreditgelder von IWF und Weltbank absahnen, gefallen sich viele von ihnen in der Rolle von Geldgebern irgendwelcher Milizen oder sie treten gleich selber als Hobby-Generäle auf.

Schließlich sind auch die Chargen des jeweiligen, nahezu platt gemachten Staats- und Verwaltungsapparats nicht zu vergessen, die ebenfalls umso leichter und geschmeidiger in die Rolle von Paten der Plünderungsökonomie fallen, je gewohnheitsmäßiger sie schon vorher in den schwelenden sozialökonomischen Krisenprozessen der Korruption gefrönt hatten: „Von der treulosen Gesellschaft im Stich gelassen, verschwindet der entkoppelte Staatsapparat aber nicht einfach spurlos. Wenn die Staatsbediensteten mit keinem nennenswerten Einkommen aus Steuermitteln mehr rechnen können, sind sie darauf angewiesen, ihr Auskommen aus anderen Quellen zu sichern… Aus dem idealiter symbiotischen Verhältnis zur Gesellschaft entlassen, nach wie vor aber mit hoheitlichen Rechten und den damit verbundenen Durchsetzungsmöglichkeiten ausgestattet, liegt es für Teile der staatlichen Apparate nahe, zur Plünderung der Gesellschaft überzugehen“ (Lohoff 1996, 163). Dieser Fall, hier aus einer Studie über die Entwicklung Jugoslawiens, findet sich überall in der vom Weltmarkt überrollten, niederkonkurrierten und zusammenbrechenden Peripherie. Zu den Plünderern gehören auch die längst verwilderten offiziellen Armeen, Polizei- und Sicherheitskräfte. Vom Verwaltungs- oder Polizeichef zum Bandenchef ist der Schritt schließlich so groß nicht.

Die Motive all dieser Paten wie ihrer Klienten und ihres bewaffneten Fußvolks sind äußerst durchsichtig; irgendwelche ideologischen Rechtfertigungen sind für sie weniger wert als eine löchrige Unterhose. Inzwischen müssen sogar die offiziellen supranationalen Institutionen einer schnöden ökonomischen Interpretation der globalen „Störungspotentiale“ Rechnung tragen. Eine Studie der Weltbank vom Sommer 2000, verfasst von Paul Collier, Forschungsdirektor der Abteilung Entwicklungsökonomie, kommt zu dem Schluss: „Interne kriegerische Auseinandersetzungen rund um die Welt sind entgegen gängiger Auffassung bzw. öffentlicher Wahrnehmung selten von politischen Zielsetzungen oder ethnischen und religiösen Streitigkeiten, sondern maßgeblich von wirtschaftlichen Motiven getrieben… Politische Motive werden … meist nur als Rechtfertigung und zu internationalen Public-Relations-Zwecken vorgeschoben. Collier vertritt die Meinung, Rebellenorganisationen seien vielfach genauso wenig ideologisch motiviert wie die Mafia… Als größten Risikofaktor für interne kriegerische Auseinandersetzungen nennt der Bericht die hohe Abhängigkeit von Rohstoffexporten. Diamanten, Kaffee und andere Rohstoffe könnten leicht geplündert und von Guerillaorganisationen als Finanzquelle benützt werden“ (Neue Zürcher Zeitung, 17.6.2000).

Treuherzig fügt das Schweizer Urblatt des Wirtschaftsliberalismus hinzu: „Bei den Wirren in Jugoslawien dürfte Colliers These allerdings ins Wackeln kommen“ (ebda.). Tatsächlich sind jedoch ausnahmslos alle „Wirren“ und „Bürgerkriege“ zu Beginn des 21. Jahrhunderts Moment einer Plünderungsökonomie. Die Besetzung von Diamantenfeldern etc. in Afrika (Angola, Kongo) stellt nur einen Spezialfall dieses globalen Phänomens in wenigen Ländern dar. Die meisten Banden, Milizen, Warlords, Regionalfürsten usw. müssen sich mit einfacheren Formen der Plünderung begnügen, wie die Berichte aus Tschetschenien, Ex-Jugoslawien, Afghanistan oder Somalia einhellig vermerken. Das Beutegut holt man sich natürlich zuerst beim offiziellen ethno-religiösen oder sonstigen Bürgerkriegsgegner; beide Seiten plündern aber ebenso auch die „eigenen Leute“ aus.

Teilweise handelt es sich dabei um Sekundärkreisläufe des Weltmarkts, ähnlich wie das inzwischen auch in den Zentren zu beobachtende Elendsunternehmertum, die allerdings nicht mit dem Händewechsel von Ware (Elendsware bzw. Elendsdienstleistung) und Geld enden, sondern in der Mündung einer Handfeuerwaffe. Um sich in Geld oder Ware verwandeln zu können, muss das Plünderungsgut dann zwar wieder auf Märkte und damit in Tausch Verhältnisse zurückkehren; aber an irgendeiner Stelle ist der Händewechsel von Ware und Geld durch ein unmittelbares Gewaltverhältnis unterbrochen.

Auf der Geldebene handelt es sich meistens um Devisen-Ersparnisse (Dollar oder DM), die von aus der EU oder aus Nordamerika heimgekehrten Arbeitsmigranten mitgebracht oder von dort beschäftigten Familienangehörigen geschickt wurden; auf der Bank, sofern es noch eine gibt, ist das Geld aber nicht sicher, weil es sich „in Luft auflöst“, gesperrt oder von der Regierung konfisziert wird, wie zu ihrem Leidwesen nicht nur die jugoslawischen Arbeitsmigranten erfahren mussten. So landen die Devisen nach großmütterlicher Manier im Sparstrumpf oder unter dem Kopfkissen - und werden zur leichten Beute der Kalaschnikow-Jünger. Auf der Warenebene sind es oft westliche Hilfsgüter aller Art für die Krisen- und Hungergebiete, die sich in Plünderungsgut für die Sekundärkreisläufe verwandeln.

Teilweise werden die Zusammenbruchsregionen auch zur Drehscheibe für global operierende Mafia-Organisationen. Albanien oder Montenegro etwa leben großenteils vom Schmuggel mit Drogen, Waffen und Zwangsprostituierten über die Adria gen EU. Im Kosovo werden von den „Befreiungskämpfern“ minderjährige Mädchen für die Zwangsprostitution auf offener Straße weggefangen; und wenn kein menschliches Raubgut der „feindlichen“ Bevölkerungsgruppe greifbar ist, tut es auch das „ethnisch“ eigene Fleisch, wie ein Bericht aus dem „befreiten“ Kosovo zeigt: „Nach 20 Uhr verwaist der Boulevard von Prístina. Vor allem jüngere Frauen und Mädchen bleiben zu Hause… Gegen 20 albanische Frauen sind angeblich alleine in Prístina verschwunden. Niemand kennt die genaue Zahl… Werden die Frauen nach Italien verschleppt und dort zur Prostitution gezwungen?… Gewalt richtet sich längst nicht mehr nur gegen Angehörige der Minderheiten im mehrheitlich albanischen Kosovo“ (Handelsblatt, 16.12.1999). In Afghanistan gründeten Milizangehörige sogar Knabenbordelle, deren Insassen wahllos aus der Bevölkerung gegriffen wurden. Es gibt keine Bande oder Miliz, die in ihrem Gebiet nicht eine Schreckensherrschaft ausüben würde.

Schließlich reproduziert sich die Plünderungsökonomie schlicht durch Ausschlachtung der ökonomischen Ruinen und durch Raub von noch aus der Vergangenheit vorhandenen Gütern. So heißt es in einem Bericht über Tschetschenien: „Nicht nur Alu-Kabel bringen Geld. Die gesamte Infrastruktur, von Industrieanlagen bis zu Leitungsrohren, wird ausgeschlachtet, auch Altmetall lässt sich verkaufen… Herausgerissen und gestohlen werden Röhren, Zäune, Ausrüstungsgegenstände und andere Anlagen aus Metall…“ (Avenarius 2000). Bei der individuellen Plünderung werden den Opfern die Devisen, das Auto, der Fernseher, die Waschmaschine und andere elektronische Geräte abgeknöpft - in dieser Reihenfolge. Zu großen Teilen tauchen die naturalen Raubgüter dieser Art auf den Second-Hand-Märkten wieder auf, die sich legal und halblegal durch ganze Kontinente ziehen (in Ost- und Südosteuropa von der polnischen Ost- und Westgrenze bis nach Istanbul).

Auf der untersten Stufe der Plünderungsökonomie geht es nur noch um Nahrungsmittel und Früchte der primitiven Subsistenzproduktion. Die Schrebergärten im Weichbild von Moskau werden ebenso ausgeraubt wie die Gemüsefelder in Asien. Eine Reportage über die Schikanen serbischer Polizisten gegen in Südserbien wohnende Albaner berichtet, die Paramilitärs hätten mit vorgehaltener Pistole das „Kochen von Mittagessen“ verlangt.

Von den Krisenpotentaten und lokalen Warlords bis zu derartigen Niederungen des unmittelbarsten Mundraubs hat sich ein ganzes Spektrum von Erscheinungen und Verkettungszusammenhängen der globalen Plünderungsökonomie herausgebildet, die dem Prozess der betriebswirtschaftlichen, krisenhaften Globalisierung des Kapitals folgen wie ein Schatten. Auf beiden Seiten verflüchtigen sich die traditionellen politischen und ideologischen Motive, denn die postmoderne Sekundärbarbarei, wie sie aus dem Zerfall des modernen warenproduzierenden Systems hervorgeht, ist nicht weniger „realökonomistisch“ als der transnational über seine eigenen Kategorien hinausschießende Kapitalismus selbst.

Der Begriff des „Ökonomismus“ bezeichnet hier nicht etwa eine fehlerhafte oder unzureichende Art der gesellschaftstheoretischen Reflexion, die etwa andere Lebensbereiche, Ursachenkomplexe und Motivzusammenhänge nicht genügend berücksichtigen würde - inzwischen ein billiges Allzweckargument linker wie rechter und liberaler Ignoranten, die bloß bequem in den herrschenden Kategorien weiterdenken wollen und deshalb vor lauter angeblicher Multikausalität und Kontingenz etc. den harten und weltzerstörenden logischen Kern des Systems nicht mehr wahrnehmen wollen. Vielmehr ist es gerade dieser harte Kern, dem ein nicht bloß subjektiver oder theoretischer, sondern objektiver und praktischer Ökonomismus als strukturbildendes Wesen innewohnt; eben ein „Realökonomismus“ unduldsamer kapitalistischer Kriterien, der in seiner Eindimensionalität alle anderen „Bereichslogiken“, die er aus sich herausgesetzt hat, systematisch übergreift und schließlich überrollt - und der in alle Motivzusammenhänge auf allen Ebenen einsickert.

Keimhaft und latent immer schon ein Wesensmerkmal der kapitalistischen Produktions- und Lebensweise, ist dieser „Realökonomismus“ in der Aufstiegs- und Durchsetzungsgeschichte des warenproduzierenden Weltsystems immer deutlicher hervorgetreten, gedämpft und vermeintlich konterkariert nur durch die scheinbar „außerökonomischen“ ideologischen und politischen Formierungsprozesse, wie sie sich aus der Zersetzung und Transformation agrarischer Lebensweisen, traditioneller Loyalitäten, vormoderner Relikte etc. ergaben. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts, an den Grenzen des Systems, tritt der dem Kapital Verhältnis inhärente ökonomische Reduktionismus bis in die Intimität hinein so grell wie nie zuvor in Erscheinung; nicht nur in den Hightech-Klitschen der New Economy und ihrer zum westlichen Leitbild erhobenen Denkweise (falls man hier noch von „Denken“ sprechen kann), sondern eben auch und erst recht in den Strukturen und Motiven der globalen Plünderungsökonomie, die als Kehrseite des abgehobenen Finanzkapitalismus selber eine „New Economy“ darstellt.

Risikogesellschaft, Sachzwang und Gewaltverhältnisse

Es mag für das gewöhnliche bürgerliche Bewusstsein vielleicht so erscheinen, dass der Realökonomismus des warenproduzierenden Systems, die damit verbundene Art der Verfolgung von „Interessen“ und der darin eingelagerte spezifische (von der destruktiven gesellschaftlichen Form bestimmte) Selbsterhaltungstrieb schlecht zu den Gewalt- und Risikostrukturen einer Plünderungsökonomie passen, weil das „Geschäftsrisiko“ dabei ja auch die Möglichkeit der eigenen physischen Vernichtung einschließt. So war es wohl nicht gemeint, als der deutsche Soziologe Ulrich Beck in den 80er Jahren sein phänomenologisch beschränktes Theorem einer fröhlichen „Risikogesellschaft“ in die Welt setzte.

Da die kapitalistische Produktionsweise ein System universeller Konkurrenz darstellt, ist damit natürlich auch prinzipiell die Logik des „Risikos“ impliziert, und der drohende Verlust bezieht sich nicht nur auf konjunkturelle oder persönliche Schwankungen des Einkommens, sondern auf die soziale oder sogar die physische Existenz überhaupt. Für die Mehrzahl der unter dem kapitalistischen Joch lebenden Menschen war das „Risiko“ schon immer ein Armuts- und Elendsrisiko. Und schon immer sorgte die gewaltsame „Fortsetzung der Konkurrenz mit anderen Mitteln“ dafür, dass als letzte Instanz periodisch das unmittelbare Todesrisiko in Erscheinung trat.

Die Vorstellung vom an sich friedlichen Charakter der „Geschäfte“ im Namen des systemischen Verwertungszwangs war nie etwas anderes als eine fromme Lüge der großen und kleinen Bürger in den Schönwetter-Zonen der Besserverdienenden, in denen die Bestie der Gewaltkonkurrenz nur so lange schlummert, wie sie die Blut- und Schmutzarbeit an ihre Spezialtruppen und an ihre Gewaltkreaturen in den weniger glücklichen Zonen des Planeten delegieren können. Zwar sah sich Ulrich Beck schon vor mehr als fünfzehn Jahren „auf dem zivilisatorischen Vulkan“ (Beck 1986, 23), aber offensichtlich aus der Perspektive eines immer noch komfortablen weltgesellschaftlichen Logenplatzes.

Die oberflächliche Wahrnehmung einer neuen Entwicklungsstufe des Kapitalverhältnisses, auf der die aus sozial, kulturell und politisch formierten „Klassenstrukturen“ entbundenen abstrakten und atomisierten Individuen sich einem anonymen, technologisch verselbständigten gesellschaftlichen Risiko-Apparat gegenüber sehen (damals manifestiert in der Atom-Katastrophe von Tschernobyl), war zwar in mancher Hinsicht durchaus zutreffend. Aber weil die Reflexion von Beck auf die Erscheinungsebene beschränkt blieb, zog er daraus nicht die Konsequenz einer auf höherem Abstraktionsniveau erneuerten und radikaleren Kapitalismuskritik, sondern wollte ganz im Gegenteil „neben vielen Risiken und Gefährdungen“ jede Menge „Chancen“ in seiner wunderbaren „Risikogesellschaft“ entsolidarisierter abstrakter Individuen erkennen. Aus dieser Sicht sollte die kapitalistische Modernisierung in „reflexiver“ Form weitergehen und das Risikopotential durch eine erweiterte sogenannte Sub- und Bürgerpolitik, durch „universalisierte Bürgerwiderständigkeit im Sinne von aktiver Mit- und Gegenwirkung“ (Beck 1986,371) beherrschbar bleiben. Beck beschwor so „die bewusste Gestaltung und Wahrnehmung der Handlungsspielräume, die die Moderne inzwischen erschlossen hat“ (a.a.O., 372) und behauptete: „Es herrschen keine Sachzwänge mehr, es sei denn, wir lassen und machen sie herrschen“ (ebda).

Gründlicher kann man den Kapitalismus im allgemeinen und die zeitgenössische Entwicklung zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht missverstehen und fehldeuten. Beck, der seine berufsoptimistische Chancen-Phänomenologie seither nur noch soziologie-feuilletonistisch breitgetreten hat, beschränkt seine Analyse nicht nur in falscher Weise auf das kapitalistische Zentrum hauptsächlich am Beispiel der BRD, wobei er kontrafaktisch eine Irreversibilität sozialstaatlicher Sicherungssysteme voraussetzt; und er verengt den Risiko-Begriff nicht nur in erster Linie auf technologische Gefährdungspotentiale. Vielmehr verfehlt er schon im Ansatz das Wesen des Kapitalverhältnisses, indem er die „Sachzwänge“ auf der Erscheinungsebene als demokratisch, „subpolitisch“ usw. verhandelbar und damit im Prinzip als überwunden darstellt, während sie sich in Wirklichkeit auf einer den Individuen immer schon vorausgesetzten subjektlosen Ebene blinder Systemprozesse abspielen und heute mehr denn je überwältigend geworden sind.

Wenn Kapitalismus, dann gnadenloser Sachzwang der objektivierten Verwertungs- und Konkurrenzlogik, und sonst gar nichts. Die falschen Sachzwänge können nur dann aufhören, wenn sich die Gesellschaft in einer umwälzenden Bewegung von der kapitalistischen Form der Reproduktion, das heißt vom Zwang zur „Verwertung des Werts“ emanzipiert. Was inzwischen aus eigener bitterer Erfahrung jedes Kind weiß und jeder Sachzwangverwalter des ökonomischen Terrors als demokratische Schicksalsfrage der „Konkurrenzfähigkeit“ und „Finanzierungsfähigkeit“ im Standardrepertoire hat, daran möchten sich die Schwadroneure einer „Neuerfindung des Politischen“ (Beck) und akademischen Souffleure von „Neuer Mitte“ oder „New Labour“ pfeifend vorbeimogeln.

Beck setzt frei entscheidungsfähige Subjekte voraus, ohne (wie alle Demokraten) zu begreifen, dass der „Sachzwang“ schon in der apriorischen Form des Geld- und Konkurrenzsubjekts selber gesetzt ist. Sein Krisenbegriff bleibt ebenso oberflächlich wie seine Analyse auf kunterbunte und vermeintlich einzeln bewältigbare „kontingente“ Erscheinungen beschränkt, während die tatsächliche Weltkrise als innerer Selbstwiderspruch des Kapitals die bürgerliche Subjektform selber erfasst. In der Verwilderung der globalen Krisenkonkurrenz auf allen Ebenen verwildern auch die Subjekte, deren Form zerfällt und ihren Gewaltkern auf neue Weise offenbart.

Gewalt, Blut und Angst zeigen sich nicht als dem ökonomischen Reduktionismus äußerlich hinzutretende Erscheinungen, sondern als dessen integrale Bestandteile. Die postmoderne Plünderungsökonomie und ihre Greueltaten verweisen am Ende des Kapitalismus verräterisch auf seine Anfänge und seine Gründungsverbrechen; denn entgegen ihren legitimatorischen Legenden entsprang die moderne Geldmaschine keinem friedlichen Handel und Wandel, sondern der frühmodernen Feuerwaffen-Ökonomie und deren Militärdespotien. Die Konstitution und Durchsetzung der Moderne war nicht äußerlich, sondern wesentlich geprägt von Terror, Massakern und Zwangsgewalt, von Plünderung und Zwangsarbeit als dem Urgrund von „freier“ Lohnarbeit und kapitalistischer Individualisierung, die das Zwangsverhältnis bloß verinnerlicht haben.

Die Logik der Abspaltung und die Krise des Geschlechterverhältnisses

Das aus solchen Gründungsverbrechen entstandene gesellschaftliche Zwangsverhältnis war immer gleichzeitig auch ein entsprechendes Geschlechterverhältnis: Wiederum entgegen allen aufklärerischen Legenden hat die warenproduzierende Moderne die Unterdrückung der Frau nicht gemildert oder gar dem Anspruch nach überwunden, sondern vielmehr als systematisches „Abspaltungsverhältnis“ (Roswitha Scholz) zugespitzt, was sich aus den Ursprüngen der modernen militärischen Revolution erklärt. Im Kern ist Kapitalismus nichts anderes als die Militarisierung der gesellschaftlichen Reproduktion; nicht allein im äußeren Bezug auf die ökonomischen Erfordernisse der ursprünglichen Feuerwaffenproduktion, sondern auch als quasi-militärische Formierung der gesamten Produktionsweise, in der Form von „Armeen der Arbeit“, in der Form der universellen Konkurrenz als eines permanenten ökonomischen Krieges aller gegen alle usw. Alle Momente der Reproduktion und des Lebens, die nicht in diesen Formen aufgehen, werden als „weiblich“ konnotiert, abgespalten, „inoffiziell“ gemacht, als minderwertig gesetzt und ausgegrenzt. Das Warensubjekt ist also seinem Wesen nach „männlich“ und latentes oder manifestes Gewaltsubjekt, auch wenn es partiell Frauen in sich einbegreift. Und in diesem Sinne enthält die kapitalistische Gesellschaft das Moment der Gewaltbereitschaft bis in die Poren des Alltags.

Dieser Gewaltkern des Kapitals, wie er manifest die äußere und innere Kolonisierungsgeschichte bestimmt hat, ist durch alle Formen des kapitalistischen Regimes hindurch bis heute präsent geblieben. Nicht umsonst sind die westlichen Demokratien der Gegenwart in einem historisch beispiellosen Maße militärisch aufgerüstet und mit Vernichtungskapazitäten ausgestattet, während der nach innen gerichtete ebenso beispiellose Apparat der kapitalistischen Menschenverwaltung polizeilich bis an die Zähne bewaffnet und jederzeit auf „innere Unruhen“ oder auch nur Opposition gegen kapitalistische Entscheidungsprozesse gewalttätig zu reagieren bereit ist.

Das Gewaltverhältnis, das die Menschen zu fremdbestimmter, in vieler Hinsicht irrationaler Tätigkeit zwingt, das sie aber gleichzeitig längst in ihrer eigenen bürgerlichen Subjektform mit sich herumschleppen und es selber „sind“, auch im abgespaltenen „weiblichen“ Moment der Reproduktion, ist in stummen ökonomischen und juristischen Formen erstarrt, aber auch in seiner Latenz als direkte männliche Gewalt alltäglich spürbar. Es hat sich in den kapitalistischen Zentren bloß verpuppt und (auch hinsichtlich des Geschlechterverhältnisses) mit der typisch demokratischen Karikatur von Teilhabe maskiert, die in Wahrheit nichts als eine Nötigung zur Selbstverhöhnung darstellt, während die wirklichen Entscheidungen immer schon durch den blinden Gang der Markt- und Konkurrenzprozesse vorprogrammiert sind. In den Zusammenbruchsregionen bricht der latent vorhandene Gewaltcharakter des Kapitalismus offen hervor, weil er nicht mehr juristisch, sozialstaatlich usw. kaschiert und notdürftig pazifiziert werden kann. Die Gewalt der Ökonomie und die Ökonomie der Gewalt sind nur die beiden Seiten derselben Medaille.

Noch in den gebrochensten postmodernen Formen macht sich der männlich-patriarchale und gewaltsame Charakter von Ökonomie wieder unmittelbar geltend, so domestiziert er den blauäugigen postmodernen Demokratietrommlerinnen erschienen war. Noch während die abgerüsteten (Ex-)Feministinnen der „neuen Mitte“ die vermeintliche neue Geschlechtergleichheit als kapitalistische Chancengleichheit feierten, kam in den Strukturen der globalen Plünderungsökonomie stattdessen eben jene „Verwilderung des Patriarchats“ zum Vorschein.

In den prekären Sekundärökonomien am Rande des Weltmarkts, die sich inzwischen auch in den kapitalistischen Zentren breit machen, und die in der Peripherie eng mit der Plünderungsökonomie verzahnt sind, erscheint der abspaltende Charakter des modernen Geschlechterverhältnisses auch dort wieder, wo scheinbar Frauen zunehmend sozial „männlich“ und Männer durch Depravierung sozial „verweiblicht“ werden: „Das Gesamtresultat dieser unaufgehobenen, in der Zersetzung und im Gestaltwandel begriffenen Abspaltung ist prinzipiell gesehen nach wie vor eine Zurücksetzung von Frauen im Gegensatz zu Männern, gerade auch in der epochalen Krise… Dabei sind Frauen heute für ‚Geld und (Über-)leben‘ gleichermaßen zuständig. Dass Frauen nun Funktionen übernehmen, die traditionell Männersache waren, trifft nicht bloß auf,Drittweltländer‘ etwa infolge von Migrationsbewegungen zu, sondern ebenso für die hochindustrialisierten Länder. So müssen zum Beispiel alleinerziehende Mütter auch hierzulande nicht selten im Alltag Mutter und Vater zugleich sein… Dabei treibt selbst dann, wenn … die Erosion des warenproduzierenden Patriarchats sichtbar wird, der Androzentrismus als ‚psychogenetisches Unterbauphänomen‘… immer noch sein Unwesen, auch in modifizierten Leitbildern, emotionalen Befindlichkeiten und Codes, wie sie mit einer veränderten ökonomischen Lage einhergehen“ (Scholz 2000, 132 f.).

Wenn etwa Frauen fast zu 100 Prozent die diversen Selbsthilfeinitiativen in den peripheren Krisen- und Zusammenbruchsregionen tragen (vgl. Scholz, a.a.O., 125), dann geht dies nicht mit einer „politischen“ Aufwertung einher, sondern ist bloß Ausdruck der Abwertung und Auflösung des Politischen, in der die abgespaltene „Weiblichkeit“ die Kastanien aus dem Feuer holen soll. Dasselbe gilt für die Übernahme „männlicher“ ökonomischer und sozialer Funktionen durch alleinerziehende Frauen sowohl in den Zentren wie in der Peripherie: Auch in diesem Sinne gibt es keine Aufwertung des abgespaltenen „Weiblichen“, sondern die Abwertung der sozialökonomischen Reproduktion überhaupt zugunsten der unmittelbaren männlichen Gewaltmenschlichkeit. Der Mann ist jetzt kein pater familias mehr, aber eben nicht zugunsten der Frauen, sondern als völlig entwurzeltes monadisches Konkurrenzsubjekt, das als Gewaltsubjekt die absolute Grenze der modernen gesellschaftlichen Konstitution erscheinen lässt. Es sind fast ausschließlich Männer, von denen die „Armeen“ der Plünderungsökonomie gebildet werden; total verantwortungslose „Streuner“, oft noch halbe Kinder, die durch den Lauf der Kalaschnikow die ältesten Codes des warenproduzierenden Patriarchats in einem absurden Alptraum reproduzieren. Das männliche bewaffnete Kind als letzte misogyne Horrorgestalt der Moderne ist schon mehr als ein Menetekel.

Vielleicht in keinem Punkt hat sich die postmoderne „Chancen“-Ideologie so grausam blamiert wie hinsichtlich des Geschlechterverhältnisses. Die viel beschworene Individualisierung in der globalen „Risikogesellschaft“ sieht eben für Frauen und Männer durchaus verschieden aus, soweit sie sich nicht auf den Karriere-Etagen des neuen Finanzkapitalismus und seiner bizarren Sekundärformen tummeln. Der Kern des ökonomischen Subjekts der Moderne entpuppt sich als männlicher Gewalttäter wie in den frühesten Anfängen dieser Subjektform. Die prekäre „Feminisierung der Beschäftigung“ oder überhaupt der völlige Zusammenbruch der kapitalistischen Re-Produktion wird von einem postmodernen männlichen Realökonomismus anti-emanzipatorisch beantwortet durch zunehmende Gewalt gegen Frauen und Kinder, durch Vergewaltigung, Raub und Mord.

Die Kälte gegen das eigene Selbst

Der marodierende Realökonomismus darf als Motivzusammenhang freilich nicht in falscher Unmittelbarkeit verstanden werden. Das nicht mehr anders als gewaltsam geltend zu machende Geld- und Konkurrenzmotiv bildet den Hintergrund und die Triebkraft der (männlichen) Plünderungsökonomie. Trotzdem bedarf es dafür der nicht unmittelbar ökonomischen „Feinddefinition“, selbst wenn diese inhaltlich beliebig bleibt und sich die Gewaltsamkeit keineswegs auf die mehr oder weniger willkürlich definierte Feindpopulation beschränkt. Die Ideologie welcher Couleur auch immer verwildert und verwahrlost ebenso wie die Konkurrenz und ihre Subjektform, aber sie verschwindet nicht.

Außerdem besteht nicht nur ein direktes Verhältnis von Verelendung und Macht der Banden. Das Elend bildet den gesellschaftlichen Humus der Gewalt, aber es äußert sich nicht unbedingt selber gewaltsam oder jedenfalls nicht allein. Die eigentlichen Lazarus-Schichten sind meist gar nicht mehr fähig, zur Waffe zu greifen. Sie dienen nur noch als Opfermasse oder bleiben überhaupt einem kraftlosen Vegetieren überlassen. Die Milizen rekrutieren sich eher aus der perspektivlos gewordenen männlichen Jugend der bis vor kurzem noch mit einer Fassade der Normalität ausgestatteten Industriearbeiterschaft oder des Mittelstands. Gerade auch viele Angehörige der „Jeunesse dorée“, der trotz Krise noch Bessergestellten, der Reichen und Superreichen, der Krisen- und Globalisierungsgewinnler finden sich darunter.

Das Elend macht eben auch denen Angst, die noch nicht direkt davon erfasst sind, weil es eine Drohung für die eigene Zukunft darstellt. Es erzeugt nicht notwendig Mitleid und emanzipatorische Gesellschaftskritik, sondern auch Wut auf die Elenden und Verwahrlosung der Sitten gerade bei denen, die noch oben schwimmen in der Elendsgesellschaft. Zur „verlorenen Generation“ gehören nicht nur die jungen Dauerarbeitslosen und „Überflüssigen“, sondern auch die davon nicht oder noch nicht unmittelbar betroffenen (männlichen) Jugendlichen werden vom Klima der gesellschaftlichen Krise geprägt und verwildern moralisch. Die meisten Milizen und Banden in den Krisen- und Zusammenbruchsregionen stellen so eine merkwürdige Mischung aus barbarisierten Arbeitslosen und einer ebenso barbarisierten „Jeunesse dorée“ dar (deren Väter oft als Paten und Unterpaten fungieren).

Wenn die gesellschaftliche Reproduktion als Ganzes nicht mehr funktioniert, wenn die Quantität von Armut, Elend und Verzweiflung ein bestimmtes Maß überschreitet, dann kann es keine Insel der Wohlanständigkeit mehr geben. Das Fluidum der Angst und des Hasses durchdringt mühelos alle Hochsicherheitszäune, hinter denen sich die Obszönität des Krisenreichtums verschanzt hat. Die Ankoppelung von „erfolgreichen“ Minderheiten an die Globalisierung selbst noch in den Zusammenbruchsregionen konstituiert keinen sozialen Raum, der sich geistig und psychisch exterritorial halten könnte. Die Gesellschaft ist eben doch unteilbar. Geschäft und Gewalt, noch nie grundsätzlich geschieden, beginnen zu verschmelzen - und diese Kernschmelze der kapitalistischen Vernunft greift mit Windeseile auf die Weltzonen der vermeintlichen Normalität und Legalität über.

Die Konkurrenz wird in der Weltkrise zur ökonomischen Vernichtungskonkurrenz, somit zur sozialen Existenzkonkurrenz, und diese schlägt um in die unmittelbare „maskulinistische“ Gewaltkonkurrenz. Wenn dabei das Risiko des eigenen gewaltsamen Todes zum Alltag wird, jetzt im Mikrobereich der Lebenswelt wie einst an den Fronten der Weltkriege, steht dies nicht unbedingt im Widerspruch zum „egoistischen Interesse“ und zu den Begierden des Warenkonsums. Was dabei zum Vorschein kommt, ist die buchstäblich mörderische Selbstwidersprüchlichkeit des Konkurrenzsubjekts, indem sich - durch die Krise verschärft - die Selbstwidersprüchlichkeit der kapitalistischen Logik auch in den Individuen reproduziert; aufgrund ihrer Sozialisation vor allem in den männlichen. Die Ausweglosigkeit der kapitalistischen Form zerreißt die Motive, Gedanken und Empfindungen in gegensätzliche, unvereinbare und unlebbare Widersprüche. Die Gier nach Erfolg, Konsum usw. in dieser Form wird konterkariert durch die vollkommene Trostlosigkeit und geistige Ödnis des ökonomischen Imperativs, dessen Inhalte sich als immer alberner und gleichzeitig immer destruktiver darstellen.

Im schwülen Klima dieser zugespitzten Widersprüche gleitet das Konkurrenzbewusstsein leicht in einen Zustand, der über den Begriff des bloßen „Risikos“ oder „Interesses“ hinausweist: Die Gleichgültigkeit gegenüber allen anderen schlägt um in die Gleichgültigkeit gegen das eigene Selbst. Ansätze dieser neuen Qualität sozialer Kälte als „Kälte gegen sich selbst“ zeigten sich schon in den großen Krisenschüben der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, auch wenn diese Erfahrungen vorübergehend zu sein schienen. Hannah Arendt hat in ihrem berühmten Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ für die Zwischenkriegszeit eine „Atmosphäre allgemeiner Zersetzung“ konstatiert, in der eine Kultur der „Selbstverlorenheit“ entstanden sei (Arendt 1986/1951). Und auch damals schon waren es in erster Linie Männer und vor allem sehr junge Männer, die davon erfasst wurden.

Es war also viel mehr als bloß der Verlust beruflicher und materieller Sicherheit, so Arendt, der diese Individuen innerlich zum blinden Selbstopfer bereit machte: „Aber selbst diese egozentrische Bitterkeit, die individuell psychologisch gesehen das Kennzeichen einer ganzen Generation wurde, war nicht etwas, was sie gemeinsam hatten, obwohl alle individuellen Unterschiede schließlich in einem allgemeinen Ressentiment untergingen; der Egozentrismus konnte keine gemeinsamen Interessen entstehen lassen, und er war daher sehr oft mit einer typischen Schwächung des Instinkts der Selbsterhaltung verbunden. Selbstlosigkeit, nicht als Güte, sondern als Gefühl, dass es auf einen selbst nicht ankommt, dass das eigene Selbst jederzeit und überall durch ein anderes ersetzt werden kann, wurde ein allgemeines Massenphänomen, das wohl den einzelnen dazu bewegen konnte, sein Leben in die Schanze zu schlagen, aber mit dem, was wir gewöhnlich unter Idealismus verstehen, nicht das geringste zu tun hatte. Diese Menschen … hatten bereits sehr viel mehr verloren als die Kette des Elends und der Ausbeutung, als das Interesse an sich selbst ihnen aus der Hand geschlagen wurde… Mit ihrer Weltlosigkeit verglichen waren die christlichen Mönche weltverhaftet, voller Interesse für weltliche Angelegenheiten… Seit dem Beginn des neunzehnten Jahrhunderts haben viele bedeutende Historiker und Staatsmänner das Herannahen eines Massenzeitalters prophezeit… Alle diese Prophezeiungen sind nun in der Tat eingetroffen, aber, wie es mit Prophezeiungen meist zu gehen pflegt, in einer Art und Weise, die doch von den Propheten nicht vorhergesehen war. Was sie kaum vorausgesehen oder doch in seinen eigentlichen Folgen nicht richtig eingeschätzt hatten, war dies ganz unerwartete Phänomen eines radikalen Selbstverlusts, diese zynische oder gelangweilte Gleichgültigkeit, mit der die Massen dem eigenen Tod begegneten oder anderen persönlichen Katastrophen, und ihre überraschende Neigung für die abstraktesten Vorstellungen, diese leidenschaftliche Vorliebe, ihr Leben nach sinnlosen Begriffen zu gestalten, wenn sie dadurch nur dem Alltag und dem gesunden Menschenverstand, den sie mehr verachteten als irgend etwas sonst, entgehen konnten… Der Mangel an wirklicher Urteilskraft geht hier Hand in Hand mit der eigentümlichen, modernen Selbstlosigkeit, und beides findet nur zu sehr seine Entsprechung in dem Drang der Massen in eine fiktive Welt…“ (Arendt 1986/1951, 510 ff., 539).

Ebenso wie bei zahlreichen anderen Momenten ihrer Analyse des Totalitarismus entgeht es Hannah Arendt, dass sie hier weit mehr und Grundsätzlicheres beschreibt als bloß eine bestimmte historische Entwicklung des politischen Totalitarismus nach dem Ersten Weltkrieg, der bürgerlichen „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts. Das totalitäre Moment wohnte dem modernen warenproduzierenden System von Anfang an inne; es bildet seinen Kern, der ein Gewaltkern ist: die vollständige Unterwerfung des Menschen mit Haut und Haar, mit Leib und Seele, mit Kind und Kegel unter das abstrakte, an sich völlig inhaltslose Prinzip der Kapitalverwertung, deren sekundärer Ausdruck die moderne Staatlichkeit (das Souveränitätsprinzip) nur ist. Indem die Imperative dieser irrationalen Logik die Gesellschaft in eine sekundäre Naturwüste des Überlebenskampfes verwandelt haben, hat sich nur scheinbar die abstrakte Selbstbehauptung als oberstes Prinzip der Individuen (in ihrer modernen Form als strukturell „männliche“ Subjekte) konstituiert. Dahinter lauert vielmehr die ebenso abstrakte Selbstverleugnung; genauer gesagt: Selbstbehauptung und Selbstverleugnung sind in ihrer völligen Trennung von jeder sozialen Gemeinsamkeit an sich identisch, und diese Identität erscheint auch praktisch in den großen kapitalistischen Gesellschaftskatastrophen.

Elemente davon finden sich eben schon in der Urgeschichte moderner bürgerlicher und männlicher Subjektivität zu Beginn der sogenannten Neuzeit, bei den marodierenden Banden des Dreißigjährigen Kriegs und bei den Protagonisten jener zahlreichen Bürgerkriege, in denen sich das moderne Gesellschaftssystem herausbildete. Die Selbstlosigkeit und Selbstverlorenheit der Massen in der Durchgangsepoche des politischen Totalitarismus manifestierte auf hohem Entwicklungsniveau denselben Kern moderner Subjektivität, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in jenem zu sich kommenden Realökonomismus des Weltsystems, das heißt im ökonomischen Totalitarismus, entpuppte.

Wie sich alle allgemeinen Eigenschaften des Totalitären, die Hannah Arendt vermeintlich (ihrem Selbstverständnis nach) ausschließlich auf die politische Durchsetzungs- oder Verpuppungsform der totalitären Regimes bezog, in viel reinerer Form im ökonomischen Totalitarismus des sich globalisierenden Kapitalverhältnisses wiederfinden lassen, so auch und nicht zuletzt jene Kultur der Selbstlosigkeit, Selbstverlorenheit und Selbstvergessenheit, jener völlige Verlust der Urteilsfähigkeit. Dieser im totalen ökonomischen Imperativ angelegte totale Selbstverlust der abstrakten Individuen entfaltet sich am Ende des 20. Jahrhunderts, in der neuen Weltkrise an der absoluten inneren Schranke des Kapitalverhältnisses, mit einer nie dagewesenen Wucht und Ausdehnung. Was in der Vergangenheit nur temporärer Zustand war, wird zum Normal- und Dauerzustand; der „zivile“ Alltag selbst geht in die totale Selbstverlorenheit der Menschen über.

Wem wäre jemals mehr „das Interesse an sich selbst aus der Hand geschlagen“ worden, wer hätte jemals mehr das Gefühl haben müssen, dass es „auf einen selbst nicht ankommt“, dass alle Individuen jederzeit durch andere ebenso gleichgültige Charaktermasken der totalitären Verwertungsbewegung ausgetauscht werden können - als es den „überflüssigen“ Massen der dritten industriellen Revolution ebenso wie den ökonomischen Charaktermasken des globalisierten Finanzkapitals heute widerfährt? Und davon wird erneut in erster Linie ein männliches Selbstverständnis getroffen, auch wenn diese Verlorenheit in bestimmten Bereichen der Ökonomie empirisch Frauen nicht weniger betrifft. Es ist ein identischer Selbstverlust, der Schlägerbanden, Plünderer und Vergewaltiger ebenso kennzeichnet wie die Selbstausbeuter der New Economy oder die Bildschirmarbeiter des Investmentbanking.

Die Ökonomie der Selbstzerstörung: Globalisierung und „Ausbeutungsunfähigkeit“ des Kapitals

Hans Magnus Enzensberger hat im direkten Anschluss an Hannah Arendt versucht, den gemeinsamen Nenner der Selbstlosigkeit in den flächendeckenden wie in den „molekularen“ Bürgerkriegen des neuen Krisenzeitalters zu beschreiben: „Was hier wie dort auffällt, ist zum einen der autistische Charakter der Täter, und zum anderen ihre Unfähigkeit, zwischen Zerstörung und Selbstzerstörung zu unterscheiden. In den Bürgerkriegen der Gegenwart ist jede Legitimation verdampft… Der einzig mögliche Schluss ist, dass die kollektive Selbstverstümmelung nicht ein Nebeneffekt ist, der in Kauf genommen wird, sondern das eigentliche Ziel. Die Kämpfer wissen sehr wohl, dass sie nur verlieren können, dass es keinen Sieg gibt. Sie tun alles, was in ihrer Macht steht, um ihre Lage bis ins Extrem zu verschärfen. Sie wollen nicht nur die anderen, auch sich selber in den ‚letzten Dreck‘ verwandeln. Ein französischer Sozialarbeiter berichtet aus der Banlieu von Paris: ‚Sie haben schon alles kaputtgemacht, die Briefkästen, die Türen, die Treppenhäuser. Die Poliklinik, wo ihre kleinen Brüder und Schwestern gratis behandelt wurden, haben sie demoliert und geplündert. Sie erkennen keinerlei Regeln an. Sie schlagen Arzt- und Zahnarztpraxen kurz und klein und zerstören ihre Schulen. Wenn man ihnen einen Fußballplatz einrichtet, sägen sie die Torpfosten ab.' Die Bilder vom molekularen und vom makroskopischen Bürgerkrieg gleichen sich bis ins Detail. Ein Augenzeuge gibt wieder, was er in Mogadiscio gesehen hat. Der Berichterstatter war dabei, wie eine Bande von Bewaffneten ein Hospital zertrümmerte. Das war keine militärische Aktion. Niemand bedrohte die Männer; Schüsse waren in der Stadt nicht zu hören. Das Krankenhaus war bereits schwer beschädigt und nur noch mit dem Nötigsten ausgestattet. Die Täter gingen mit wütender Gründlichkeit vor. Betten wurden aufgeschlitzt, Flaschen mit Blutserum und mit Medikamenten zerschmettert; dann machten sich die Bewaffneten in ihren verdreckten Tarnanzügen über die wenigen Apparate her. Sie waren erst zufrieden, als sie das einzige Röntgengerät, den Sterilisator und den Sauerstoffapparat unbrauchbar gemacht hatten. Jeder von diesen Zombies wusste, dass ein Ende der Kämpfe nicht in Sicht war; jeder wusste, dass schon am nächsten Tag sein Leben davon abhängen konnte, ob ein Arzt da wäre, der ihn zusammenflicken würde. Es ging ihnen offenbar darum, jede, auch nur die geringste Überlebenschance zu vernichten. Man könnte das die reductio ad insanitatem nennen. Im kollektiven Amoklauf ist die Kategorie der Zukunft verschwunden. Es gibt nur noch die Gegenwart. Konsequenzen existieren nicht mehr. Das Regulativ der Selbsterhaltung ist außer Kraft gesetzt“ (Enzensberger 1993,20,31 ff.).

Die Beschreibung ist zutreffend, die Tatsachen werden scharfsinnig analysiert; selbst der Hinweis auf den geschlechtlichen Charakter dieser Täterschaft fehlt nicht. Aber wie in anderer Weise bei Hannah Arendt bleibt der Grund auch bei Enzensberger unausgelotet. Das Bemühen wird erkennbar, die Phänomenologie des Schreckens von Selbstverlust und Selbstzerstörung irgendwie in ihrer Fremdheit einzugrenzen und damit aus der eigenen Lebenswelt auszugrenzen, um selber nichts damit zu tun haben zu müssen. Immerhin benennt Enzensberger (allerdings eher nebenbei) durchaus den äußeren sozialen Zusammenhang von kapitalistischer Globalisierung, neuen Bürgerkriegen und Selbstverlust der marodierenden Individuen: „Unstrittig produziert der Weltmarkt, seitdem er keine Zukunftsvision mehr ist, sondern eine globale Realität, mit jedem Jahr weniger Gewinner und mehr Verlierer, und zwar nicht nur in der Zweiten und Dritten Welt, sondern auch in den Kernländern des Kapitalismus. Fallen dort ganze Länder, ja Kontinente aus den internationalen Tauschbeziehungen heraus, so sind es hier wachsende Teile der Bevölkerung, die im Wettbewerb der Qualifikationen, der sich rapide verschärft, nicht mehr mithalten können“ (Enzensberger, a.a.O., 39).

Zwar hebt sich dieser Tatsachenrealismus auf den ersten Blick angenehm ab vom falschen Berufsoptimismus der offiziellen „Chancen“-Rhetorik, wie sie die akademische Volkswirtschaftslehre oder etwa die „spin doctors“ von „New Labour“ und „Neuer Mitte“ repräsentieren. Aber Enzensberger verdreht die Anerkennung der negativen Tatsachen in einer affirmativen Volte; das soziale Zerstörungspotential der kapitalistischen Globalisierung verwandelt sich ihm unter der Hand in eine dürftige Apologetik des Westens: „Die politischen Folgen, die von den marxistischen Theoretikern prophezeit wurden, sind jedoch ausgeblieben. Insofern sind ihre Thesen falsifiziert. Der internationale Klassenkampf findet nicht statt… Die Verlierer, weit davon entfernt, sich unter einem Banner zu versammeln, arbeiten an ihrer Selbstzerstörung, und das Kapital zieht sich, wo immer es kann, von den Kriegsschauplätzen zurück. In diesem Zusammenhang ist es nötig,… dem hartnäckigen Glauben einen Dämpfer zu versetzen, dass sich Ausbeutungsverhältnisse auf ein reines Verteilungsproblem reduzieren ließen, so als ginge es um die gerechte oder ungerechte Distribution eines Kuchens von gegebener Größe… Vorgetragen wird (dieses Klischee) am liebsten in Form der Behauptung, ‚wir‘ lebten auf Kosten der Dritten Welt; weil wir, das heißt, die Industrieländer, sie ausbeuteten, seien wir so reich. Wer sich auf diese Weise an die Brust schlägt, kann mit Tatsachen nicht viel im Sinn haben. Ein einziger Indikator genügt: der Anteil Afrikas an den Weltexporten liegt bei 1,3 %, der lateinamerikanische bei 4,3 %. Ökonomen, die der Frage nachgegangen sind, bezweifeln, ob die Bevölkerung der reicheren Länder es merken würde, wenn die ärmsten Kontinente von der Landkarte verschwänden… Theorien, welche die Armut der Armen ausschließlich durch externe Faktoren erklären, bieten nicht nur der moralischen Empörung wohlfeile Nahrung, sie haben noch einen anderen Vorzug: sie entlasten die Herrscher der armen Welt und schieben die alleinige Verantwortung für die Misere dem Westen zu… Von Afrikanern, die diesen Trick durchschaut haben, kann man unterdessen hören, dass es nur eines gebe, was schlimmer sei, als von Multis ausgebeutet zu werden, nämlich: nicht von ihnen ausgebeutet zu werden…“ (Enzensberger, a.a.O., 40 ff.).

Enzensberger möchte sich aus der Affäre ziehen, indem er die Problematik des neuen universellen Krisenkapitalismus, der absoluten inneren Grenze der planetarisch gewordenen kapitalistischen Produktions- und Lebensweise, auf die vergangene aufsteigende Linie des Kapitalismus, auf seine Durchsetzungsgeschichte und deren innere Kämpfe zurückprojiziert. Der zentrale Konflikt in diesem Sinne war in der Tat der sogenannte Klassenkampf, der jedoch seinem Wesen und seiner Natur nach nichts anderes war als erstens der „Kampf um Anerkennung“ der Lohnarbeit in den Rechts- und Politikformen des Kapitals (einschließlich des kapitalistischen Geschlechterverhältnisses), und zweitens der ökonomische Verteilungskampf um „Anteile“ innerhalb der Verwertungsbewegung des Kapitals.

In beiden Fällen handelte es sich um die Auseinandersetzung von kapitalistisch konstituierten Subjekten innerhalb der überhaupt nicht in Frage gestellten Formen des warenproduzierenden Systems. Mit anderen Worten: Es handelte sich um eine „Immanenz“ der sozialen Auseinandersetzung, die gerade aufgrund der anhaltenden Aufstiegs- und Ausdehnungsbewegung der kapitalistischen Form im „eisernen Gehäuse“ (Max Weber) dieser Form sich entfalten konnte, ohne darüber hinauszugehen; also eben (noch) nicht um eine „Immanenz“, die aufgrund der eigenen inneren Krisendynamik des Weltsystems über dessen Grenzen hinausgetrieben und dazu gezwungen worden wäre, dieses „eiserne Gehäuse“ der Form (und damit der eigenen Subjektform) selber aufzusprengen.

Dass der immanent bleibende „Klassenkampf‘ auf dem neuen Krisenterrain nicht mehr stattfinden kann, wird für Enzensberger zum Argument, sich am Problem der sozialen Beziehungsform und der Subjektform vorbeizumogeln, statt darin die Grenze, Krise und Unhaltbarkeit dieser Form selber zu erkennen. Denn warum kann denn der „Klassenkampf“ innerhalb der bürgerlichen Kategorien nicht mehr stattfinden, warum arbeiten denn speziell die männlichen Verlierer (und eben nicht nur die augenfälligen Verlierer!) nur noch an ihrer Selbstzerstörung? Eben deshalb, weil in den kategorialen Formen der warenproduzierenden Moderne keine tragfähige Entwicklung mehr stattfindet, weil nicht einmal mehr eine illusionäre zivilisatorische Perspektive gewonnen werden kann. Was heißt es denn, dass wachsende Teile der Weltbevölkerung nicht einmal mehr ausgebeutet, dass sie „überflüssig“ werden, dass ganze Kontinente weitgehend von der kapital-ökonomischen Landkarte verschwinden? Doch nichts anderes, als dass die kapitalistische Form, die Gesellschaftsform der Moderne, das warenproduzierende System also, für die globale Mehrheit (und letzten Endes für alle) reproduktionsunfähig wird; dass somit die Kritik und Überwindung des Form-Gehäuses selber ansteht, in dem sich der vergangene „Klassenkampf“ noch bewegen konnte.

Enzensberger jedoch macht aus der Tatsache, dass die Menschen zunehmend „nicht einmal mehr ausgebeutet“ werden, absurderweise ein Argument für den Kapitalismus bzw. für das westliche Zentrum des Kapitalismus. Dass es sich in der Tat um kein bloßes Verteilungsproblem innerhalb der kapitalistisch produzierten Form des Reichtums mehr handelt, gerät ihm zur Rechtfertigung dieser Form, was natürlich nichts anderes heißt, als dass er darin eine unüberwindbare ontologische Grundbedingung menschlicher Existenz überhaupt statt eine begrenzte historische Formation sehen will. Die Armut der Armen ist aber nur insofern nicht auf „externe Faktoren“ zurückzuführen (dies war das falsche, verkürzte Paradigma der bloß antikolonialen, nationalen Befreiungsbewegungen der Vergangenheit), als sich der Kapitalismus aus einem kolonialen Verhältnis von Zentrum und Peripherie zu einem unmittelbaren, negativ universellen Weltsystem gemausert hat, für das es kein „Außen“ mehr gibt.

Unter den Bedingungen der dritten industriellen Revolution, die diese Unmittelbarkeit des Weltmarkts hergestellt hat, werden die Produktivkräfte und Produktionsmittel im größeren Teil der Welt mangels betriebswirtschaftlicher Rentabilität stillgelegt, ohne dass jedoch gleichzeitig die Menschen aus der kapitalistischen Form (die eben längst auch ihre innere Subjektform ist) entlassen werden, wobei diese Subjektform immer auch durch das moderne Geschlechterverhältnis aufgeladen, also geschlechtlich modifiziert ist.

Soweit sie nicht gänzlich stillgelegt werden, erfahren die Produktionsmittel (nicht zuletzt fruchtbares Ackerland) eine zwangsweise Ausrichtung auf den universellen Weltmarkt, was zum Beispiel im Rahmen des globalen Agro-Business die arbeitsarme Hightech-Produktion von Luxusgütern wie Schnittblumen und Genussmitteln für die westlichen Zentren bedeutet, während die einheimische Bevölkerung von ihrem Land vertrieben und von ihren ökonomisch-wertförmig nicht oder nicht mehr darstellbaren Lebensressourcen abgeschnitten wird, ohne auf dem neuen Niveau der Produktivkräfte auch nur repressiv als „hands“ in die Weltmarktproduktion einbezogen werden zu können.

Die Waren- und Geldströme, in denen sich die marginalisierte Agro-Produktion oder punktuelle billige Lohnveredelungen etc. darstellen, sind zwar in der Tat im Verhältnis zum globalen Gesamtprodukt und insbesondere zum Volumen des inhaltsleeren Finanzkapitals vernachlässigenswert klein; aber eben in dieser relativ mikroskopischen Dimension der auf Weltniveau „gültigen“ Wertschöpfung verschwindet das Leben riesiger Bevölkerungsmassen von „Überflüssigen“. Der (selber bloß abstrakte und destruktive) Reichtum der westlichen Kernländer beruht nicht auf der Masse an billigen Schnittblumen aus Kolumbien oder Zentralafrika, die per Jet in die Metropolen verfrachtet werden; aber für diese paar Schnittblumen werden ganze Populationen sozial hingeopfert, eben weil die Weltmarktexistenz mit eiserner Konsequenz als die einzig mögliche Existenzform gesetzt ist.

Die Argumentation von Enzensberger ist durchsichtig apologetisch, und das weiß er wohl selber am besten. Offensichtlich zieht er es vor, perspektivische Hilflosigkeit in Zynismus umzusetzen. Aus der historisch konkreten Problemlage flüchtet er sich so in vermeintliche anthropologische Unausweichlichkeiten, in einen ahistorischen Existentialismus und Nihilismus: „Alte anthropologische Fragen stellen sich in dieser Lage neu“ (a.a.O., 11). Da ist dann hinsichtlich der neuen Qualität in der Vernichtung Wehrloser die Rede vom leider autistisch gewordenen „testosteronbedingten Energiestau der Jugend“ (a.a.O., 22). Das Verhältnis von moderner Subjektform und modernem Geschlechterverhältnis wird so an der globalen Krisenschranke des Systems nicht kritisch thematisiert, sondern ideologisch anthropologisiert, um sich dieser Krise nicht stellen zu müssen. Als die „eigentlich Schuldigen“ erscheinen dann die barbarischen „Herrscher der armen Welt“ (a.a.O., 41) usw. Der Westen, Zentrum der weltzerstörenden universellen Form des Kapitalverhältnisses, soll sich für sein eigenes Weltsystem unzuständig erklären, das westliche Publikum nicht länger mit den „unverständlichen Beweggründen“ (a.a.O., 78) der verrückten Mordfraktionen in exotischen Gegenden belästigt werden.

Der positive Eurozentrismus westlicher Allzuständigkeit im Namen des abstrakten Universalismus, der für die kapitalistische Ausbeutbarkeit der Welt stand, schlägt bei Enzensberger um in einen negativen Eurozentrismus der Ignoranz, der die inneren weltsystemischen Katastrophen veräußerlichen und verdrängen möchte, eben weil die Welt kapitalistisch ausbeutungsunfähig wird. Der Abschied von „moralischen Allmachtsphantasien“ (a.a.O., 86) gerät so zur alten Spießerweisheit einer Kirchturmspolitik: „Doch insgeheim weiß jeder, dass er sich zuallererst um seine Kinder, seine Nachbarn, seine unmittelbare Umgebung kümmern muss“ (a.a.O., 87). Das ist bloß die Umkehrung der westlichen militärischen Interventionspolitik, aber keine Kritik der zugrunde liegenden Verhältnisse. So konnte Enzensberger von einem fanatischen Interventionsphilosophen wie André Glucksmann „Flucht aus der Verantwortung“ vorgeworfen werden, wobei dann die „Verantwortung“ für Glucksmann eben darin besteht, auf die unkontrollierbaren Krisengebiete Bomben regnen zu lassen.

So oder so erscheint nicht eine weitergehende, auf die Form des modernen Systems und seiner Subjektivität zielende radikale Kritik angesagt, sondern, wie Enzensberger meint, die „Triage“, die Notlagen-Selektion als „Zwangslage“ (a.a.O., 88 f.) unter unveränderlichen ontologischen Existenzbedingungen des warenproduzierenden Systems. „Was aus Angola werden soll, darüber müssen in erster Linie die Angolaner entscheiden“ (a.a.O., 90) - als würde die Globalisierung die angolanischen Mordbanden nicht zu ebenso direkten „Nachbarn“ machen wie die deutschen jugendlichen Mordbanden in „Hoyerswerda und Rostock, Mölln und Solingen“ (a.a.O., 90). Das universelle „Innen“ lässt sich nicht externalisieren und partikularisieren.

Die Metaphysik der Moderne und der Todestrieb des entgrenzten Subjekts

Natürlich fragt sich, wie Enzensberger aus einer durchaus hellsichtigen Analyse in eine derart gewollte Ignoranz und friedliche Koexistenz mit der Unbewältigbarkeit von „Zwangslagen“ abstürzen kann. Die Alternative zur westlichen Militärintervention gegen die vom globalen Kapitalverhältnis selbst induzierten Barbarisierungsprozesse ist schließlich nicht der aussichtslose Rückzug auf die vermeintliche Bewältigungskompetenz im eigenen Vorgarten, sondern eben die Erweiterung der nur noch im globalen Kontext zu formulierenden Gesellschaftskritik auf die unhaltbar gewordenen Formen des modernen warenproduzierenden Systems und seiner (strukturell „männlichen“) Subjektivität. Das Paradigma des form-immanenten Klassenkampfs ist abzulösen durch das Paradigma einer Kritik des gemeinsamen, klassen-übergreifenden Formzusammenhangs moderner, auf anonymer Monetarisierung und Konkurrenz wie auf dem geschlechtlichen Abspaltungsverhältnis beruhender negativer Gesellschaftlichkeit.

Woher also die Scheu nicht nur Enzensbergers, zu dieser Formkritik überzugehen? Der Grund dürfte darin liegen, dass eine solche weitergehende, kategoriale Kritik der Moderne alles vertraute Gelände verlassen müsste. Alle bisherige Gesellschaftskritik, nicht nur diejenige der Arbeiterbewegung im engeren Sinne, hatte sich im Zuge der kapitalistischen Aufstiegs- und Ausdehnungsbewegung positiv auf das Ideensystem der bürgerlichen Aufklärung im 18. Jahrhundert und damit auf die Konstitution des bürgerlichen Subjekts bezogen. Dieses immer schon primär männlich gedachte Subjekt sollte gerade qua seiner Form emanzipativ handeln, in welcher ideologischen Verkleidung auch immer. Diese kategorial in der warenförmigen Vergesellschaftung befangene Vorstellungswelt hat nicht nur die sogenannte Neue Linke von der alten Arbeiterbewegung geerbt, sondern auch speziell die deutsche Nachkriegs-Intelligentsia gegen das Verhängnis der deutschen Geschichte geltend gemacht. Aufklärung, Subjekt, Politik, Demokratie: das waren Marx und die Propheten.

Umso schwerer fällt jetzt die Einsicht, dass die deutsche Geschichte unter Einschluss des Nationalsozialismus integraler Bestandteil der weltkapitalistischen Geschichte war, dass es keine positiv zu besetzende Alternative innerhalb dieser Form mehr gibt und dass im Zentrum der heutigen Weltmisere die ausweglos gewordene Form des modernen bürgerlichen Subjekts selber steht. Jetzt, an den Grenzen von bürgerlicher Aufklärung und warenförmiger Reproduktion, zeigt sich die reale Metaphysik der Moderne in ihrer abstoßendsten Weise. Nachdem das bürgerliche, aufgeklärte Subjekt alle seine Hüllen abgestreift hat, wird deutlich, dass sich unter diesen Hüllen NICHTS verbirgt: dass der Kern dieses Subjekts ein Vakuum ist; dass es sich um eine Form handelt, die „an sich“ keinen Inhalt hat. Was Enzensberger exotisieren möchte, ist sein eigenes gesellschaftliches Wesen als bürgerliches (und natürlich männliches) Aufklärungssubjekt. Wenn er meint, die Exotik des „Unverständlichen“ zu beschreiben, beschreibt er die Metaphysik der westlichen Moderne selbst: „Was dem Bürgerkrieg der Gegenwart eine neue, unheimliche Qualität verleiht, ist die Tatsache, dass er ohne jeden Einsatz geführt wird, dass es buchstäblich um nichts geht“ (a.a.O., 35). Aber genau dieses Unheimliche ist nicht das Fremde, Äußerliche, sondern es kommt nur das innerste Selbst des Waren-, Geld- und Konkurrenzsubjekts, das Wesen des demokratischen Staatsbürgers zum Vorschein. Das Nichts, um das es geht, ist die vollkommene Leere des sich verwertenden „automatischen Subjekts“ (Marx) der Moderne.

Denn die im Geld sich ausdrückende Form des Werts, der als objektivierte metaphysische Realabstraktion das moderne Dasein als „säkularisierter“ und verdinglichter Gott beherrscht und dessen Kehrseite die Metaphysik demokratischer Staatsbürgerlichkeit nur ist, hat „an sich“ keinerlei sinnlichen oder sozialen Inhalt; sie ist als negative Kraft in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt. Das metaphysische Vakuum des Werts ist es, das hinter den scheinbar so rationalen Interessenkämpfen und dem scheinbaren Selbstbehauptungswillen der abstrakten Individuen steht. Dieses Gorgonenhaupt der weltlosen Leere im Zentrum der Moderne möchten Leute wie Beck und Enzensberger lieber nicht zur Kenntnis nehmen. Aber es ist eben diese metaphysische Monstrosität, die hinter dem fröhlichen individualisierten „Selbstmanager“ der Postmoderne zum Vorschein kommt.

In einem Weltklima der wechselseitigen Vernichtungskonkurrenz, der permanenten Gefährdung der sozialen Existenz und gleichzeitig eines prekären spekulativen Geldreichtums, der sich jeden Moment in Luft auflösen kann, gedeiht so ein diffuser Vernichtungswille, der jenseits äußerlicher „Risikoverhältnisse“ agiert und der ebenso abstrakt und inhaltsleer ist wie die gesellschaftliche Form, die dem Verwertungsprozess des Kapitals zugrunde liegt. Die Form „Wert“ und damit die Form „Subjekt“ (Geld und Staat) ist sich ihrem metaphysischen Wesen nach selbst genug und muss sich doch in die wirkliche Welt „entäußern“; aber nur, um stets zu sich selbst zurückzukehren. Dieser metaphysische Ausdruck der scheinbar banalen (und in sinnlich-sozialer Hinsicht tatsächlich grauenhaft banalen) Verwertungsbewegung bildet das eigentliche Thema der gesamten Aufklärungsphilosophie, sehr deutlich bei Kant und insbesondere bei Hegel, der die dialektische Bewegungsform dieses „Entäußerungsprozesses“ eines metaphysischen Vakuums in die wirkliche Welt präzise und affirmativ nachgezeichnet hat.

In dieser Selbstgenügsamkeit, dennoch nötigen Entäußerungsbewegung und letztlichen Selbstbezüglichkeit der leeren metaphysischen Form „Wert“ und „Subjekt“ gründet ein Potential der Weltvernichtung, weil nur im Nichts und damit in der Vernichtung der Widerspruch zwischen metaphysischer Leere und „Darstellungszwang“ des Werts in der sinnlichen Welt zu lösen ist. Die Inhaltsleere von Wert, Geld und Staat muss sich in ausnahmslos alle Dinge dieser Welt entäußern, um sich als real darstellen zu können: von der Zahnbürste bis zur subtilsten seelischen Regung, vom einfachsten Gebrauchsgegenstand bis zur philosophischen Reflexion oder zur Umgestaltung ganzer Landschaften und Kontinente. Leben und Tod, das gesamte menschliche Dasein und das gesamte Dasein der Natur dienen einzig dieser proteusartigen Selbst-Darstellungsfähigkeit des gesellschaftlichen metaphysischen Vakuums von Kapital und Staat.

In dieser unaufhörlichen metaphysischen Selbstzweckbewegung (die Zwecke des Begehrens der konkurrierenden Individuen sind in diesen übergeordneten Selbst-Reflexionsprozess des „automatischen Subjekts“ eingeschlossen) werden die Dinge dieser Welt und das Begehren der Individuen nicht in ihrer Eigenqualität anerkannt, sondern diese wird ihnen vielmehr genommen, um sie in bloße „Gallerten“ (Marx) der metaphysischen Leere zu verwandeln und sie damit der immergleichen Wertform anzuverwandeln (oberflächlich betrachtet: sie zu „ökonomisieren“, also zum bloßen und gleich-gültigen Material der Verwertungsbewegung zu machen).

Daraus entsteht ein doppeltes Potential der Vernichtung: ein „gewöhnliches“, gewissermaßen alltägliches, wie es sich schon immer aus dem Reproduktionsprozess des Kapitals ergibt, und ein gewissermaßen finales, wenn der „Entäußerungsprozess“ an absolute Grenzen stößt. Die Realmetaphysik des modernen warenproduzierenden Systems zerstört die Welt partiell als „Nebenwirkung“ ihrer „gelingenden“ Entäußerung; und sie wird zum absoluten Weltvernichtungswillen, sobald sie sich nicht mehr in den Weltdingen selbst-darstellen kann. Insofern könnte man von einem Todestrieb der kapitalistisch verfassten modernen Menschheit sprechen, der eben auch einen geschlechtsspezifischen Ursprung hat. Im Zentrum der Aufklärungsphilosophie steht der ideelle Ausdruck dafür, die Anbetung der leeren Abstraktion „einer Form überhaupt“ (Kant).

Diese Vemichtungslogik kann sich auf schleichende Weise im ganz normalen Gang der Geschäfte äußern, etwa in der Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen durch die betriebswirtschaftliche Externalisierung von „Kosten“, in der mangelnden Versorgung ganzer Bevölkerungsgruppen mit Lebensmitteln und medizinischer Hilfe qua mangelnder „Finanzierungsfähigkeit“, im unnötigen Massensterben von Säuglingen und Kleinkindern in den globalen Armutsregionen usw.

Dieselbe Vernichtungslogik kann aber auch unmittelbar als Gewaltexplosion in Erscheinung treten und dabei jene Entgrenzung des Selbst-Bewusstseins auslösen, wie sie nicht erst an den Fronten der kapitalistischen Kriege zu beobachten war, sondern auch binnengesellschaftlich in den großen Krisenschüben des 20. Jahrhunderts. Heute scheint diese Entselbstung zum Weltprinzip zu werden. Der finale Vernichtungswille des metaphysisch konstituierten Subjekts richtet sich schließlich gegen dieses Subjekt selbst, soweit es von dieser Welt, also sinnlich existent ist. Und keineswegs zufällig bricht bei dieser Orgie der Selbstzerstörung das „männliche“ Wesen dieses Subjekts wieder ganz unverhüllt an die Oberfläche durch.

Natürlich ist es nicht unmittelbar das realmetaphysische Vakuum des Werts, der gesellschaftlichen Form der Kapitalbewegung, das „am“ oder „im“ Subjekt handelt, sondern dieses Krisenhandeln, dieser Übergang zur entgrenzten Gewalt findet über die Transmission von Sozialisationsformen und psychischen Mechanismen statt. Dabei erweist sich gerade die vielbejubelte postmoderne Individualisierung, die in Wahrheit nur die äußerste Steigerung der abstrakten (getrennten) Subjektivität des kapitalistisch konstituierten Menschen bis zum Grad vollkommener Verlassenheit ist, als die Übergangsform zur absoluten Entselbstung, in der sich die psychischen Mechanismen des Todestriebs bis zur unmittelbaren Manifestation entfalten, wie es der Sozialwissenschaftler und Gefängnispsychologe Götz Eisenberg eindringlich beschreibt: „Gesellschaftliche Konflikte werden reprivatisiert und stauen sich in einem seelischen Innenraum, der für das Austragen solcher Energien ungeeignet ist. Er ist zu eng. Das eingekapselte Unglück kann nicht stillstehen, sucht nach einem Ausweg… Hinter den Bildern aktuell erfahrener Kränkungen tauchen Bilder aus der lebensgeschichtlichen Vergangenheit auf, die in der Kindheit belichtet wurden, aber erst jetzt aus dem Entwickler gezogen werden. Wie ein Verstärker schließen sich uralte Kränkungs- und Zurückweisungserfahrungen an die aktuellen Demütigungen an und verleihen diesen so erst ihre Wucht… Die ins Innere zurückgenommene emotionale Energie diffundiert, setzt sich an anderer Stelle neu zusammen, verschiebt sich und geht neue Legierungen ein… Die Innenwelt verwandelt sich in ein Kaleidoskop durcheinanderwirbelnder Fragmente, die sich zu immer skurrileren und ängstigenderen Bildern zusammenfügen. Psychotische Persönlichkeitsanteile, die wir als nur ‚partial Sozialisierte‘ (Mitscherlich) alle in uns tragen, schieben sich in den Vordergrund und erringen eine Art von psychischer Hegemonie. Ein archaischer Hass auf verfolgende innere und äußere Objekte macht sich breit, die Wahrnehmung trübt sich ein, die Welt verdunkelt sich, bis schließlich alles zum ‚bösen, verfolgenden‘ Objekt wird. Jetzt funktionieren Ruhe und Selbstbeherrschung nur noch mühsam; sie brüten etwas aus. Paranoide Phantasien beginnen, das gesamte innere Blickfeld auszufüllen. Jetzt bedarf es nur noch eines letzten Anstoßes, und die Unglücksmechanik kommt ins Rollen“ (Eisenberg 2002, 24 f.).

Die Abstraktheit dieses Vernichtungswillens spiegelt die Selbstwidersprüchlichkeit des Kapitalverhältnisses in doppelter Weise: Einerseits zielt er auf die Vernichtung der „anderen“ zwecks scheinbarer Selbsterhaltung um jeden Preis, andererseits ist es gleichzeitig auch ein Wille zur Selbstvernichtung, der die Sinnlosigkeit der eigenen marktwirtschaftlichen Existenz exekutiert. Mit anderen Worten: Die Grenze zwischen Mord und Selbstmord verschwimmt. Es geht über das „Risiko“ der Konkurrenz hinaus um eine derart entgrenzte Vernichtungswut, dass die Unterscheidung des eigenen Selbst von dem der anderen zu verschwinden beginnt, was sich wiederum als psychischer Mechanismus darstellen lässt: „Um der eigenen narzisstischen Katastrophe zu entgehen und unerträgliche Gefühle von Angst, Ohnmacht und Hilflosigkeit abzuwehren, wird das eigene Innere nach außen gestülpt und mörderisch-selbstmörderisch in Szene gesetzt. Der Erhalt des Selbstwerts und der Integrität der Persönlichkeit kann ein Motiv menschlichen Handelns sein, das höher wiegt als die Sicherung des eigenen reduzierten Überlebens. Bevor innere Spannungen das Selbst sprengen, sprengt der Täter in einer Art von Vorwärtsverteidigung Teile der Außenwelt in die Luft… Die Zerstörungswut des Kleinkindes, das sich verlassen, missachtet und verzweifelt fühlt und deshalb am liebsten alles in Stücke schlagen möchte, ist durch seine mangelnde Körperkraft begrenzt; jetzt steckt dieselbe raptusartige Wut im Körper eines Erwachsenen, der sich Zugang zu Waffen, Autos oder gar Flugzeugen verschaffen kann“ (Eisenberg, a.a.O., 25 f.).

Das abstrakte Selbst des Geldsubjekts löst sich in der finalen Krisenkonkurrenz auf und bringt den in seinem Inneren schon immer lauernden Kern, das mit Selbstzerstörung identische Vakuum seiner Existenz zum Vorschein. In den sich häufenden Zusammenbrüchen der sozialökonomischen Beziehungen, wie sie vom Weltmarkt der Globalisierung induziert werden, im Zersetzungsprozess ganzer Gesellschaften ist keine Selbstdefinition der Individuen mehr möglich, solange sie sich in der herrschenden gesellschaftlichen Form weiter bewegen (was sie bis jetzt spontan auch tun). Die demokratische Phrase kann die Wut nur steigern und anfachen, weil sie ja selber ein bloß heuchlerischer und frömmlerischer Ausdruck derselben Vernichtungslogik gegen Mensch und Natur ist.

Die Erscheinungen der Selbstverlorenheit und Selbstzerstörung, wie sie Enzensberger an der männlichen Jugend beschreibt, sind heute in mehrfacher Weise universell geworden. Zum einen sind es nicht nur die (von Jahr zu Jahr zahlreicher werdenden) Täter der unmittelbaren Vernichtung und Selbstvernichtung, die dieser Selbstverlorenheit angehören. Die augenfälligen Täter bilden nur die Spitze des Eisbergs, die manifeste Erscheinung eines viel allgemeineren gesellschaftlichen Zustands. Auf jeden mörderischen und selbstmörderischen Exekutor kommen Tausende und Millionen, die ähnlich empfinden, diese Empfindung aber (noch) nicht zur Tat werden lassen, sondern in der Phantasie damit spielen oder sich mit einschlägigen medialen Produkten abreagieren (allein dass solche Produkte, sogenannte Gewaltvideos und zahlreiche andere Ausdrucksformen medialer Gewaltverherrlichung, in profitabler Massenproduktion hergestellt werden können, spricht für den gesellschaftlichen Tiefgang des Problems).

Zum zweiten sind es eben nicht nur die manifesten Verlierer wie in der Banlieu oder in Mogadischu, die aufeinander schießen oder sich bewusst selber den Lebensfaden abschneiden. Der molekulare Bürgerkrieg findet auch und gerade unter der Jugend der abgeschotteten Scheinnormalität, der Besserverdienenden, Krisengewinnler und Fanatiker der Wohlanständigkeit statt, deren seelische Unbehaustheit und Selbstverlorenheit derjenigen der jugendlichen Killer aus den Slums in nichts nachsteht. Der Kult von Mord und Vergewaltigung als Sport ebenso wie der Kult des inszenierten Selbstmords grassiert auch in den Villenvierteln von Rio de Janeiro, New York oder Tokio. Der sprichwörtlich gewordene Amoklauf mit anschließender Selbsthinrichtung an den High Schools der USA entspringt der Imagination von Sprösslingen der betuchten Mittelklassen. Und auch die Selbstmord-Attentäter in Palästina oder Sri Lanka kommen in aller Regel aus „besseren Kreisen“.

Schließlich sind es auch nicht ältere Schichten vormoderner Kultur, die etwa in Gestalt des in der moslemischen Welt grassierenden Islamismus bei den „Herausgefallenen“ unter der Oberfläche kapitalistischer Modernität und globalistischer Universalität hervorbrechen würden. Zwar ist das eine, universelle, weltumspannend-realmetaphysische System des Kapitals in den verschiedenen Weltregionen kulturell unterschiedlich eingefärbt, je nach dem Muster älterer Traditionen, religiöser Vorstellungen, sozialer und ästhetischer Verhaltensweisen usw. Aber diese Farbe, diese kulturelle Differenz bildet nicht das Eigentliche, das tiefgehende Innere, im Verhältnis zu dem die kapitalistische Verfasstheit und Eingebundenheit in den Weltmarkt bloß eine Art äußerlicher Firnis wäre. Es verhält sich genau umgekehrt. Nach Jahrhunderten kapitalistischer Zurichtungsgeschichte und nach der Durchsetzung des Kapitalverhältnisses als unmittelbares Weltverhältnis ist es die eine, universelle, das überall identische metaphysische Vakuum des Werts „verkörpernde“ Subjektform, die das innere Selbst der Individuen als vollkommen farbloses, ja überhaupt qualitätsloses Wesen konstituiert, während die kulturelle Differenz nur noch eine äußerliche, quasi folkloristische Bemalung darstellt.

Deshalb sind die „lebenden Bomben“ (Enzensberger, a.a.O., 36), die durch die Welt des globalisierten Kapitals irren, auch die ureigensten Produkte dieser Welt: identische Subjekte derselben Realmetaphysik, in denen der Todestrieb dieser negativen Vergesellschaftung manifest geworden ist. Die Amokläufer an den US-High-Schools und die islamistischen Selbstmordattentäter sind mehr durch ihre Subjektform und damit in ihren Taten geeint als durch ihren unterschiedlichen kulturellen Hintergrund getrennt.

Was bei den Amokläufern augenfällig ist, gilt auch für die scheinbar mehr ideologisch gesteuerten Selbstmordattentäter: Auch bei ihnen hat, wie es Hannah Arendt bereits für die verlorene Generation der Zwischenkriegszeit erkannte, die Bereitschaft, das eigene Leben zu opfern, „nicht das geringste mit dem zu tun, was wir gewöhnlich unter Idealismus verstehen“. Die religiösen Motive, wie sie nicht zufällig die eigentlichen modernen Ideologien abgelöst haben, sind Ausdruck jener universellen Selbstverlorenheit, die in die „leidenschaftliche Vorliebe“ der Verlorenen mündet, „ihr Leben nach sinnlosen Begriffen zu gestalten“ und es endlich wegzuwerfen wie ein gebrauchtes Papiertaschentuch.

Der weltweit grassierende religiöse Wahn, wie er ja auch im Westen eine Unzahl von Sekten (und eben auch dezidierten „Selbstmordsekten“) hervorgebracht hat, besitzt keinerlei Kohärenz mehr; er mischt sich synkretistisch aus allen möglichen religiösen Versatzstücken und reichert sich mit den Verwesungsprodukten vergangener Ideologien an, von der Hitlerverehrung bis zur „Schwarzen Messe“. Der absurde Kult des Bösen korrespondiert mit dem Todestrieb im freigesetzten leeren Zentrum der aufklärerischen Vernunft.

In der Weltkriegsepoche hatte dieser Zersetzungsprozess bereits begonnen, lediglich unterbrochen durch den letzten fordistischen Entwicklungsschub des Kapitalismus nach 1945. Tatsächlich kann die Nazi-Ideologie als eine Art Vorläufer oder Prototyp des giftigen ideellen Gebräus verstanden werden, wie es heute weltweit in verschiedenen Mixturen zirkuliert. Auch die Nazis mischten sich ihre wahnhafte „Weltanschauung“ aus disparaten pseudoreligiösen Motiven, synthetischen archaischen Mythen, modernen Ideologien und Abfallprodukten des mit dem kapitalistischen Aufstieg verbundenen naturwissenschaftlichen Denkens. Auch die Nazis waren bestimmt vom Kult der spezifisch modernen gewaltsamen „Männlichkeit“ und ihrer Codes. Und auch schon den Nazis ging es nicht oder zumindest nicht nur um imperiale Interessen, sondern auch um eine selbstzweckhafte Vernichtungswut, die in einer Orgie der Selbstvernichtung und Selbstopferung gipfelte.

Heute wird derselbe Motivzusammenhang aber nicht mehr national und spezifisch deutsch freigesetzt, sondern global und universell; der mörderische Wahn organisiert sich nicht mehr als nationalimperiales „Reich“, sondern im Kontext des „ideellen Gesamtimperialismus“ und in der molekularen Zerstreuung über den gesamten Globus.

Die Überbetonung äußerer kultischer Akte bei den westlichen Sekten wie bei den Islamisten verweist auf die identische Leere des Inhalts. Hatten die alten Religionen stets den reproduktiven Hintergrund agrarischer Zivilisationen, so ist nichts dergleichen mehr für die Zombie-Ideen der neuen, diesmal globalen „verlorenen Generationen“ festzustellen, für die es in ihrer kapitalistischen Verfasstheit keine Zukunft geben kann. Andererseits kann der „Interessenhintergrund“ der früheren modernen Ideologien aus der Aufstiegsgeschichte des Kapitalismus keine ideelle Kohärenz mehr stiften: Das „Interesse“ selber verwildert und zerfällt, und mit ihm die Ideologie, die ebenso jedes kohärenten Inhalts beraubt wird.

Die Gier nach dem Markt-Erfolg bei den Sprößlingen der minoritären Globalisierungsgewinnler und die plünderungsökonomische Gier nach „westlichen Waren“ in den Zusammenbruchsregionen schlägt unvermittelt in die leere totale Interesselosigkeit des männlich-jugendlichen Amok- und Selbstmordsubjekts um. McDonald’s und Dschihad bilden tatsächlich die beiden Seiten derselben Medaille, noch weit furchtbarer, als es Benjamin Barber in seinem Buch „Coca-Cola und Heiliger Krieg“ (Barber 1996) dargestellt hat. Das „Dürsten nach dem Tod“ ist kein spezifisch islamisches Motiv, sondern der universelle Verzweiflungsschrei einer sich in ihrer kapitalistischen Weltform selbst hinrichtenden Menschheit. Und die Täter sind zu 90 oder fast 100 Prozent konkurrierende Gewaltmänner, am Ende nicht weniger als am Anfang dieser wunderbaren „Zivilisation“.

DIE POSTMODERNE WELTPOLIZEI

Bei dem neuen „Feind“ der bombenden Hightech-Weltdemokraten handelt es sich nicht mehr um einen imperialen Gegner auf derselben Ebene von Machtstruktur und politisch-ökonomischen Kriterien. Das geht schon aus der Art der militärischen Zurüstungen hervor. Auf den ersten Blick könnte man sogar versucht sein, die seit dem Ende des Kalten Krieges laufenden Umgruppierungen der Militärapparate tatsächlich mit einer Abrüstung zu verwechseln. Denn überall wird die Quantität der Armeen vermindert und die klassische „schwere“ Rüstungsindustrie teilweise abgebaut, sehr zum Jammer aller daran hängenden Interessen-Lobbys. In der BRD zeigt sich die Bundeswehr hart getroffen vom „Sparkurs“ der rot-grünen Regierung, in der Presse wird über die „gefährdete Einsatzfähigkeit“ der Panzertruppen schwadroniert, und die Bürgermeister jener nicht weniger als 59 Gemeinden, in denen die Armee-„Standorte“ geschlossen werden sollen, haben sich aus ökonomischen Gründen zu einer tränenreichen Standort-Verteidigungsgemeinschaft zusammengeschlossen. Ähnliche Militärreformen stehen in allen NATO-Ländern auf der politischen Agenda, je mehr die Ära des Kalten Kriegs entrückt.

Neue Militärdoktrin und neue Kriegsökonomie

Es handelt sich dabei aber keineswegs um eine Abrüstung, sondern vielmehr um eine Umrüstung für andere Aufgaben. Die Verschlankung der Militärapparate folgt nicht nur der zur alleinseligmachenden Religion erklärten betriebswirtschaftlichen Politik der Kostensenkung in allen gesellschaftlichen Bereichen, sondern ergibt sich auch aus einer mit dem ökonomischen Paradigma vermittelten Umorientierung der Militärdoktrin selbst. Die Strategie kann nicht mehr durch die Logik einer nationalimperialen Ausdehnungsmacht bestimmt sein, ebenso wenig aber durch das Ziel, eine antipodische Gegenmacht auf globaler Ebene niederzuringen.

Da auf diese Weise endgültig die Option entfällt, große territoriale Räume militärisch zu erobern oder zu verteidigen und besetzt zu halten, müssen zwangsläufig alle territorialen Aspekte des Militärischen bis hin zur technischen Ausrüstung schrumpfen. Die „Deterritorialisierung“ der Gesellschaft, die ökonomisch im Krisenprozess der Globalisierung und politisch in der Paralyse nationalstaatlicher Regulation erscheint, macht sich auch militärisch als Abbau der traditionellen großen Landarmeen bemerkbar, womit die fordistische motorisierte Infanterie- und Panzertruppe ebenso wie die klassische Artillerie, die entsprechende Logistik etc. einen relativen militärischen Bedeutungsverlust erleiden.

Was zwar nicht völlig an die Stelle dieser traditionellen Landarmeen, aber doch eindeutig in den Mittelpunkt der Militärstrategie tritt, sind eben jene „mobilen Eingreiftruppen“ und Hightech-Gewaltapparate für „Luftschläge“ (elektronisch bestückte Bomberflotten und Raketensysteme aller Art), wie sie in den beiden Weltordnungskriegen der 90er Jahre in größerem Maßstab erprobt worden sind. Keineswegs zufällig erinnert das Vokabular dieser militärischen Umrüstung an die Kampagnen zur „Flexibilisierung der Arbeitskraft“, womit nur der niemals unterbrochene innere Strukturzusammenhang von moderner Kriegsökonomie und kapitalistischer Entwicklung abermals deutlich wird: Wie in der prekären Reproduktion des Krisenkapitals an die Stelle massenhafter und hochkonzentrierter fordistischer „Armeen der Arbeit“ ein System global diversifizierter, extrem verschlankter betriebswirtschaftlicher Funktionsbereiche mit hoher Mobilität tritt, jeweils organisiert als nomadische „Profit-Center“ mit erst recht hohen Flexibilitätsanforderungen - ebenso löst militärisch das Paradigma flexibler und weltweit mobiler Einheiten von „schlanken“ Spezialtruppen mit Hightech-Ausrüstung, die vorwiegend aus der Luft operieren, das Paradigma infantristischer und gepanzerter Massenarmeen ab.

Nicht nur im Anforderungsprofil, sondern auch in der grundsätzlichen Logik entsprechen sich ökonomische und militärische Entwicklung im Zuge der dritten industriellen Revolution: Die menschliche Arbeitskraft wird auch als Vernichtungskraft überflüssig; auch der militärische Schreibtischtäter braucht fast keine „Hände“ mehr. Mit immer weniger menschlicher Energie wird immer mehr produziert und gleichzeitig immer mehr vernichtet. Das Verhältnis von Sachkapital und lebendiger Arbeit ist sowohl auf dem Sektor der Produktivkräfte als auch auf dem Sektor der Destruktivkräfte endgültig umgekippt. Der „organischen Zusammensetzung des Kapitals“ (Marx) entspricht die „organische Zusammensetzung“ des Vernichtungsapparats. In der Produktion wie beim Militär wird der technologische Mitteleinsatz entscheidend.

Der ersten industriellen Revolution (Einsatz von Dampfmaschinen usw.) war noch keine einschneidende Änderung von Kriegführung und Militärdoktrin gefolgt; vielmehr war diese industrielle Revolution umgekehrt selber eine Folge der vorhergehenden militärischen Revolution (Feuerwaffen-Technologie) seit dem 15./16. Jahrhundert. Erst in der zweiten industriellen Revolution des „Fordismus“ seit Beginn des 20. Jahrhunderts kehrte sich das Verhältnis um; jetzt revolutionierten die neuen kapitalistischen Technologien (Verbrennungsmotor, Flugzeuge, U-Boote, neue elektronische Nachrichtensysteme etc.) ihrerseits den Gewaltapparat: Der Krieg selber wurde im großen Maßstab industrialisiert. Auf der Stufe der fordistischen industriellen „Massenarbeit“ entwickelten sich nicht nur entsprechende neue Rüstungsindustrien, sondern auch entsprechende neue Armeen von industriellen Facharbeitern wie „Massenarbeitern“ des Todes in Gestalt von motorisierter Infantrie, Panzertruppen und „Luftwaffen“. Indem nun die dritte industrielle Revolution auch die Kriegführung immer weiter elektronisiert und robotisiert, bleibt nur noch ein Bodensatz menschlicher Spezialtruppen mit gigantischen Ausrüstungen und hochgezüchteten Apparaturen zurück. Die Kosten pro „Arbeitsplatz“ wie pro „Mordplatz“ schnellen qua exorbitant erhöhtem Sachkapital-Einsatz in die Höhe; dafür sinken die Produktionskosten pro Auto wie pro Leiche entsprechend.

Ein Moment dieser Veränderungen ist es, dass das Militär aufhört, ein gesellschaftspolitisch eingebundener Bereich zu sein. Es wird zum „Job“ für gut trainierte Profis wie Fliesenlegen oder Autos verkaufen. Selbst die „Privatisierung“ der Hightech-Weltpolizei ist denkbar; warum auch nicht, wenn selbst die Gefängnisse privatisiert werden? Deshalb liegt das Ende der Wehrpflichtigenarmee oder „Bürgerarmee“ in der Logik dieser Umrüstung, die mit einem numerischen Abbau der Streitkräfte einhergeht. Andererseits bedeutet dies, dass die industriell „Überflüssigen“ auch militärisch „überflüssig“ werden; die Armeen bilden keine Reserve-Kapazitäten mehr, um die Krisen des ökonomischen Zyklus aufzufangen. Ebenso wenig kann die Militarisierung der Gesellschaft real Massen von Menschen erfassen, sondern bleibt im ideologischen Sektor stecken; ein weiterer innerer Widerspruch der Entwicklung des „ideellen Gesamtimperialismus“ zur kapitalistischen Weltpolizei mit globalem Kontrollanspruch.

Es versteht sich von selbst, dass diese Weltpolizei-Verbände - wiederum analog zur ökonomischen Entwicklung - von vornherein multi- oder transnational im Rahmen der NATO aufgebaut werden. Schon Anfang der 90er Jahre wurden nach dem Kollaps der Sowjetunion Pläne für erste Verbände einer neuen „multinationalen, luftbeweglichen“ Eingreiftruppe entwickelt: „Angesichts der inzwischen erfolgten sicherheitspolitischen Umwälzung in Europa, die neue strategische und operative Gegebenheiten sich herausbilden lässt, läuft nun ohnehin vieles auf Multinationalität hinaus. So soll für die schnellen Eingreiftruppen des Bündnisses ein multinationales Korps, das ‚Allied Rapid Reaction Corps‘ (ARRC), zusammengefügt werden - unter britischem Oberbefehl voraussichtlich aus zwei britischen Divisionen, einer deutschen Division und einem multinationalen Verband…“ (Neue Zürcher Zeitung, 27.9.1991). Heute sind diese neuen militärischen Strukturen bereits weit fortgeschritten und auch für die deutsche Bundeswehr zum Alltag geworden. So üben auf dem Truppenübungsplatz Hammelburg regelmäßig Soldaten für den Einsatz als „Krisenreaktionskräfte“; sinnigerweise in einem fiktiven Land namens „Krisovo“ mit mehreren hundert Statisten, die orientalisches Verhalten mimen (Pfeiffer 1999).

Auch in dieser Hinsicht ist und bleibt es der Gewaltapparat der „letzten Weltmacht“ USA, der das Muster für die Umorientierung bildet: „Seit den achtziger Jahren schrumpfte die Army um 40 Prozent - von 780.000 auf etwa 470.000 Soldaten. Sie verfügte einst über 18 Divisionen; heute sind es nur noch zehn, sechs stark gepanzerte und vier leichte Infanterie- oder Luftlandedivisionen. Gleichwohl hat die Army immer noch genauso viel zu tun (!) wie einst“ (Myers 1999). Die übrigen NATO-Staaten folgen mit ihren Militärreformen mehr oder weniger schnell den US-Vorgaben; die diversen Debatten über und Maßnahmen zur Verschlankung der Armee und Abbau, Einschränkung oder gänzlichen Aufhebung der Wehrpflicht gehen alle in dieselbe Richtung, wie sie von der Logik des neuen Interventionismus vorgezeichnet ist.

Der Begriff der „Weltpolizei“ erhält in diesem Zusammenhang erst seinen vollen Sinn, tritt aus einem bloß metaphorischen Verständnis heraus und wird buchstäblich. Als Resultat zeichnen sich über die bisherige Struktur der NATO hinaus die Konturen supranational organisierter Weltpolizeitruppen ab, ohne dass damit die Widersprüchlichkeit von nationalstaatlicher Form und supranational-globaler Funktion aufgehoben werden könnte.

Derselbe Widerspruch, wie er im Gegensatz von kapitalistisch unabdingbarer nationalstaatlicher Form und globalem Kontrollanspruch erscheint, drückt sich auch in der Diskrepanz von eigentlich binnenstaatlich beschränkter Polizeifunktion und globalem Einsatzbereich, von großflächig orientierten militärischen Vernichtungspotentialen und auf Personen oder Gruppen orientierten polizeilichen „Sicherheitsfunktionen“, von anonymer Hightech-Fernwirkung und gesellschaftlichem Nahbereich des Polizeibegriffs aus. Die angeblichen Präzisions-Wunderwaffen der elektronischen Rüstungsschmieden, die den selektiven weltpolizeilichen Zugriff ermöglichen sollen, sind in Wirklichkeit schwere militärische Streuwaffen mit Flächenwirkung, die ganze Landschaften verwüsten, ganze Straßenzüge und Stadtteile in Schutt und Asche legen. Dabei werden regelmäßig viel mehr Unbeteiligte und im juristischen Sinne Unschuldige getötet als definierte „Feinde“, die sich von der „Bevölkerung“ der marktwirtschaftlich ruinierten Krisenregionen schwer unterscheiden lassen und deren Definition ohnehin unklar und zweifelhaft ist.

Im Alltagsbewusstsein der weltpolizeilichen Funktionsträger nimmt die Pathologie all dieser Widersprüchlichkeiten, die zwanghaft auf den ökonomisierten Alltag verengt werden, geradezu monströse Formen an; die Hightech-Vernichtungsmaschinen erscheinen tatsächlich als ganz normale „Arbeitsplätze“. So heißt es in einer Reportage über die US-Bombereinsätze in Jugoslawien: „Vor ein paar Tagen flog der Pilot eines B2-Tarnkappenbombers der US-Air Force von Knob Noster, Missouri, aus nach Jugoslawien. Dort warf er mehr als ein Dutzend 900-Kilo-Bomben ab, die sogar Bunker zerstören können. Danach drehte er ab und flog ohne Zwischenlandung wieder zurück zu seiner Basis im Mittleren Westen der USA… Als er heimkam, so der Pilot, ,küsste mich meine Frau und sagte: Mäh bitte den Rasen, ich gehe derweil die Kinder abholen. Als die häuslichen Pflichten erledigt waren, gingen wir zu Pizza Hut, weil es einen besonderen Anlaß gab‘ - sein erster erfolgreicher Kampfeinsatz. Zum erstenmal in ihrer Geschichte führen die USA einen anhaltenden Bombenkrieg - zum Teil von ihrem eigenen Boden aus. Der Tarnkappenbomber, ein Flugzeug, das mit seiner Spannweite von 52,5 Metern wie ein riesiges Raumschiff von der Form eines Bumerangs aussieht, flog im vergangenen Monat mehr als 30-mal den 30-Stunden-Einsatz von der Luftwaffenbasis Whiteman nach Jugoslawien und zurück. Die 45 in Whiteman stationierten Bomberpiloten erleben etwas Einmaliges in der Geschichte des US-Militärs: Sie wohnen zu Hause und kämpfen gleichzeitig in einem Krieg in einem fernen Land, über das ihre Nachbarn wenig wissen. ‚Der erste Einsatz war an seinem Geburtstag‘, so die Frau eines Piloten. ‚Ich gab ihm ein Lunchpaket mit Geburtstagskuchen mit. Am folgenden Tag hatte mein Sohn ein Fußballspiel und schoss sein erstes Tor‘. Ihr Mann, rechtzeitig wieder zurück, sei darauf sehr stolz gewesen. Dennoch fand sie diese Erfahrung ‚sehr seltsam - erst Bomben werfen, heimkommen und das Fußballspiel des Sohnes anzuschauen‘. Es sei irgendwie unheimlich, sich in seinem eigenen Badezimmer anzukleiden und dann in den Kampf zu ziehen‘, berichtet auch ein Pilot… Wenn sie den feindlichen Luftraum wieder verlassen, ruft ein Offizier auf der Basis ihre Frauen daheim in Knob Noster an… ‚Dann‘, so ein Pilot, ‚holt uns die Wirklichkeit ein.‘ Als er von seinem ersten Bombardierungseinsatz heimkam, war seine Frau noch bei der Arbeit. ‚Ich habe lange geduscht, zwei Stunden geschlafen und dann für meine Frau zum Abendessen Spaghetti gekocht…“ (Ricks 1999).

So haben wir es mit einer Polarisierung zu tun, die exakt den beiden Seiten von Krise und Globalisierung entspricht: Oben der postmoderne Hightech-Spießer, der sich seiner Bombenlast entledigt und an den häuslichen Feierabend denkt; unten der postmoderne scheinbare Archaiker, der mit Flinte, Axt und Messer plündernd und vergewaltigend auf seine Umgebung losgeht. Und es ist nicht zu entscheiden, welcher von beiden das schlimmere Monster darstellt. Beide sind gleichermaßen von Ignoranz und Begriffslosigkeit gegenüber den gesellschaftlichen Zusammenhängen gezeichnet, die sie hervorgebracht haben.

Die Nemesis der demokratischen Weltignoranz erweist sich allerdings an der durchschlagenden Erfolglosigkeit der Weltordnungskriege, misst man deren Ausgang an ihrem eigentlichen Zweck. Zwar werden Armeen wie die irakische oder die jugoslawische regelmäßig besiegt, aber auf dieser Ebene liegt ja gar nicht das Problem und ist deshalb so auch nicht zu lösen. Woran die selbsternannte Weltpolizei notwendig scheitert, das ist eben ihre polizeiliche Mission, die nicht mit einer politisch-militärischen Option alten Stils verwechselt werden darf. Der „ideelle Gesamtimperialismus“ steht auf hoffnungslosem Posten im Kampf gegen eine Hydra, deren Köpfe er selbst tagtäglich durch sein eigenes weltbeherrschendes, aber nicht mehr reproduktionsfähiges System nachwachsen lässt. Was er umbringen will, züchtet er gleichzeitig.

Das Motiv, das noch am ehesten an die militärischen Aspekte der früheren Außen- und Weltpolitik erinnert, ist die Zwangsabrüstung und Pazifizierung der in ihren Modernisierungsruinen sich verselbständigenden und verwildernden, funktionslos gewordenen Diktaturen, Schurkenstaatsapparate und altertümlichen fordistischen Armeen mit den Waffensystemen einer gescheiterten Industrialisierung. Aber nicht einmal dieses Programm gelingt. Auf jeden gestürzten Krisenpotentaten kann nur ein anderer, womöglich noch schlimmerer folgen. Die unkontrollierten Waffenarsenale, keine Herausforderung auf der Ebene imperialer Gegenmacht, aber Machtmittel für die „Störpotentiale“, füllen sich immer wieder neu. Eine zerbrechende, auf einem riesigen Atomwaffenarsenal sitzende Ex-Weltmacht wie Russland (und in naher Zukunft wahrscheinlich China) steht außerhalb jeder weltpolizeilichen Option; verwahrloste Staatsapparate von Krisen- und Zusammenbruchsökonomien wie Indien und Pakistan haben jetzt erst erfolgreich nach der Atombombe gegriffen und damit das Risiko weltpolizeilicher Eingriffe schlagartig erhöht.

Vor allem deswegen haben sich die USA zu dem vermutlich ebenso technisch undurchführbaren wie unbezahlbaren NMD-Projekt hinreißen lassen: Diese wuchernden und perspektivlosen Gewaltapparate der ökonomisch und zivilisatorisch untergehenden Peripherie sind militärstrategisch gesehen zu unbedeutend, weltpolizeilich gesehen jedoch zu unberechenbar für die gesamtimperialen Zugriffsmittel. Man kann gegen sie keinen großen Atomkrieg führen, sie aber auch nicht totrüsten wie die Sowjetunion (eben weil sie von vornherein gar nicht als globale Gegenmacht operieren) und sie ebenso wenig durch „chirurgische“ Luftschläge und mobile Eingreiftruppen befrieden. Das strategische Format ist immer entweder eine Nummer zu groß oder eine Nummer zu klein.

Vollends die Warlords und bewaffneten Bürgerkriegsbanden, aber auch die von religiösen Wahnvorstellungen getriebenen Terrorgruppen der global verzweigten Plünderungsökonomie, wie sie hinter den löchrigen Staatsfassaden operieren, tauchen einfach unter den Hightech-Gewaltapparaten weg; ihre „Kriege“ sind von keinem weltdemokratischen Pazifizierungsprogramm erreichbar, das gerade darin besteht, die Wirkungen des globalen Krisenkapitalismus gewaltsam ignorieren zu wollen. Ein Machetenkämpfer kann nicht gegen Tarnkappenbomber antreten, aber das gilt auch umgekehrt. Es gibt gar keine gemeinsame Kampfebene mehr.

Die längst postpolitischen und in gewisser Hinsicht auch postmilitärischen „Kräfte“, die sich hier äußern, sind im Fadenkreuz der Weltpolizei nicht einmal organisatorisch eindeutig zu erfassen: „Nicht klar definierte Kommando- und Führungsebenen, wie man sie etwa von der Rote-Armee-Fraktion oder der Irisch-Republikanischen Armee her kennt, sind für solche Gruppen charakteristisch. Vielmehr handelt es sich um amorphe, oft sehr zufällig zusammengewürfelte Gebilde mit flacher Hierarchie, großer Autonomie und dezentralen Organisationsformen…“ (Neue Zürcher Zeitung, 6.5.2000).

Es ist die selber flexibilisierte und individualisierte Barbarei, wie sie ihre Abkunft vom demokratischen Weltkapitalismus der Globalisierung nicht verleugnen kann. Der flexibilisierte, deterritorialisierte Terror und die flexibilisierte, deterritorialisierte Hightech-Weltpolizei entsprechen einander auch auf dieser Ebene spiegelbildlich. Je archaischer vordergründig das Muster des Vorgehens, desto deutlicher gleichzeitig die postmoderne, medial sich tummelnde, bloß etwas andere Subjektivität: So firmieren die tschetschenischen Warlords ebenso wie die als „Moslemrebellen“ titulierten Banditen der philippinischen Abu Sayyaf wie ganz normale Geschäftsleute (die sie ja in gewisser Weise auch sind) im Internet.

Militärische Überlegenheit ist nutzlos, wenn es um einen „molekularen Bürgerkrieg“ (Enzensberger) der Krisenkonkurrenz geht. Die Sfor-Truppen im Kosovo oder in Bosnien, Mazedonien und anderswo gleichen einem überlegen bewaffneten Sheriff in einem Slum, der sich bloß einen Moment umzudrehen braucht - und schon kracht es wieder, eben weil er nichts als der hoffnungslose Garant für die friedliche Erhaltung dieses Slums sein soll. Man kann nicht hinter jeden weltkapitalistisch „überflüssigen“ oder moralisch verwahrlosten Jugendlichen der „verlorenen Generation“ einen Weltpolizisten stellen. Der Versuch, in einer ökonomisch deterritorialisierten Welt die vom Weltmarkt verwüsteten Großterritorien mit einer deterritorialisierten Hightech-Weltpolizei im Zaum zu halten, ist zum Scheitern verurteilt. Gerade deshalb kann er sich quälend lange hinziehen, solange der Crash der Finanzmärkte die weltdemokratische Hybris nicht in ihre Schranken weist und der Weltpolizei die finanzielle Grundlage entzieht.

Der „Kampf der Kulturen“ als Kriegsideologie

Die neue Weltpolizei und ihre Hightech-Eingreiftruppen werden definiert durch die „politische Weltkriminalität“, wie sie sich für das Verständnis kapitalistischer Logik darstellt und in vieler Hinsicht an die Stelle des bisherigen staatskapitalistischen „Reichs des Bösen“ im Osten tritt: Wieder gibt es, nur in anderer Weise, einen gemeinsamen Gegner, dem gegenüber die Differenzen innerhalb des kapitalistischen Zentrums (soweit sie nicht ohnehin durch den Status der USA gegenstandslos gemacht wurden) weiter verblassen. Dabei geht es angesichts der Warlords und plünderungsökonomischen Strukturen um eine manifeste oder befürchtete Störung kapitalistischer Funktionsgesetze, die niemals aus dem Inneren dieser Logik selbst abgeleitet wird, sondern immer aus dem äußerlichen subjektiven Fehlverhalten von moralisch zu verurteilenden Personen, Institutionen und „Mächten“ aller Art. Diese werden in bestimmten Fällen zu Feinden erklärt, die man auch militärisch-weltpolizeilich bekämpfen muss.

Aber im Unterschied zur imperialen Konkurrenz auf gleicher Ebene ist der Konflikt in der neuen Konstellation gar nicht eindeutig darzustellen. Weil sich die demokratischen Weltpolizisten im Vergleich zur politisch-militärischen „Fortsetzung der Konkurrenz mit anderen Mitteln“ in den vergangenen Epochen schwer damit tun, ein kohärentes Feindbild hinsichtlich der „Störer“ des kapitalistischen Weltsystems aufzubauen, schleicht sich eine seltsame Willkür in den Definitionen ein. Je schwankender die Bestimmungen, desto erbärmlicher der doppelzüngige demokratische Moralismus. Kunststück, handelt es sich doch um die eigenen Krisengespenster, die verjagt werden sollen, gerade um die dieser Krise zu Grunde liegende Produktionsweise unter allen Umständen zu erhalten: Ein weiterer Hinweis darauf, dass die kapitalistische Irrationalität eine neue und zusätzliche Dimension gewonnen hat.

In der Not der absoluten Definitionsmacht, die dennoch nichts mehr definieren kann, gibt es Versuche wie den des Harvard-Professors Samuel P. Huntington, den demokratischen Weltordnungskrieg des Westens gegen seine eigenen Dämonen zum „Kampf der Kulturen“ (The Clash of Civilizations) zu überhöhen (Huntington 1996), um dem „ideellen Gesamtimperialismus“ ein neues Feindbild zu bescheren; insbesondere gegenüber dem „islamischen Krisenbogen“ von Pakistan bis Nordafrika. Huntington versucht, den negativ universalisierten totalen Raum des einheitlichen real-ökonomistischen Weltsystems als stummen Hintergrund wegzublenden, um die aus diesem Raum aufsteigenden Barbarisierungsprozesse in ein Ringen von einander ganz äußerlichen und fremden „Kulturen“ oder „Zivilisationen“ umzudeuten. Während der westliche „ideelle Gesamtimperialismus“ mit harter Hand eine in ihrer materiellen Reproduktion durch und durch nach seinem Bilde geformte Welt beherrscht, mit der er großenteils gar nichts mehr anfangen kann, beschwört Huntington kontrafaktisch eine angeblich „wachsende Macht nichtwestlicher Kulturkreise“ (Huntington 1996, 507).

Da sich außer dem als „konfuzianisch“ ausgemalten China zum Beleg dieser dreisten Behauptung nur die (untereinander verfeindeten, keineswegs einheitlichen) islamischen Sektenbewegungen, Terrorgruppen, Massenstimmungen etc. und die einigermaßen klägliche und rückständige Aufrüstung einiger islamischer „Schurkenstaaten“ anführen lassen, muss Huntington eine historische Erbfeindschaft zwischen Abendland und Islam konstruieren, die für die heutige Weltlage ungefähr so erhellend ist wie die im Alten Testament beschriebenen Konflikte, die Schlacht auf den Katalaunischen Feldern oder die Kreuzzüge des 11. und 12. Jahrhunderts.

Dass es bei diesem anachronistischen Bezug nicht bloß um die weltpolizeiliche Eindämmung terroristischer Attacken geht, sondern tatsächlich um die Konstruktion eines umfassenden, vermeintlich globalstrategischen Feindbilds, daran lässt Huntington keinerlei Zweifel; wettert er doch ausdrücklich gegen alle westlichen „Weicheier“ und Multikultis: „Manche Westler, unter ihnen auch Präsident Bill Clinton, haben den Standpunkt vertreten, dass der Westen Probleme nicht mit dem Islam, sondern mit gewalttätigen islamistischen Fundamentalisten habe. Die Geschichte der letzten 1400 Jahre (!) lehrt etwas anderes. Die Beziehungen zwischen dem Islam und dem Christentum - dem orthodoxen wie dem westlichen - sind häufig stürmisch gewesen. Sie betrachten sich gegenseitig als den Anderen. Der Konflikt zwischen liberaler Demokratie und Marxismus-Leninismus im 20. Jahrhundert war ein flüchtiges und vordergründiges Phänomen, verglichen mit dem kontinuierlichen und konfliktreichen historischen Verhältnis zwischen Islam und Christentum. Manchmal stand friedliche Koexistenz im Vordergrund; häufiger war das Verhältnis eine heftige Rivalität oder ein heißer Krieg unterschiedlicher Intensität… Die Ursachen für den erneuten Konflikt zwischen dem Islam und dem Westen sind … in grundlegenden Fragen der Macht und Kultur zu suchen… Wer (beherrscht) wen? Diese zentrale Frage jeder Politik, wie sie Lenin definiert hat (!), ist die Wurzel des Ringens zwischen dem Islam und dem Westen… Solange der Islam der Islam bleibt (und er wird es bleiben) und der Westen der Westen bleibt (was fraglicher ist), wird dieser fundamentale Konflikt zwischen zwei großen Kulturkreisen und Lebensformen ihre Beziehungen zueinander weiterhin und auch in Zukunft definieren, so wie er sie 1400 Jahre lang definiert hat… Das tiefere Problem für den Westen ist nicht der islamische Fundamentalismus. Das tiefere Problem ist der Islam, eine andere Kultur, deren Menschen von der Überlegenheit ihrer Kultur überzeugt und von der Unterlegenheit ihrer Macht besessen sind. Das Problem für den Islam sind nicht die CIA oder das US-amerikanische Verteidigungsministerium. Das Problem ist der Westen, ein anderer Kulturkreis, dessen Menschen von der Universalität ihrer Kultur überzeugt sind und glauben, dass ihre überlegene, wenngleich schwindende Macht ihnen die Verpflichtung auferlegt, diese Kultur über die ganze Erde zu verbreiten. Das sind die wesentlichen Ingredienzien, die den Konflikt zwischen dem Islam und dem Westen anheizen“ (Huntington, a.a.O., 334 f., 339).

Solche Ausführungen hätte man noch bis vor kurzem normalerweise keinem Erstsemester in Geschichtswissenschaft durchgehen lassen. Dass Huntington überhaupt ernst genommen wird, zeigt an, wie tief das intellektuelle Niveau der westlich-demokratischen Ideologen gesunken ist. Es gehört schon einiges dazu, sich derart wilde und willkürliche Gleichsetzungen und Zuordnungen zu erlauben, deren rein phantasmatischer Charakter offensichtlich ist. War der Konflikt zwischen westlicher Marktdemokratie und östlicher Parteidiktatur, zwischen Privatkapitalismus und Staatskapitalismus, Konkurrenzsystem und bürokratischer Planung noch ein wirklicher Modernisierungskonflikt gewesen, nämlich derjenige zwischen dem westlichen kapitalistischen Zentrum und den historischen Nachzüglern der Peripherie, so hat Huntingtons Konstrukt keinerlei Realitätsbezug mehr. Es handelt sich vielmehr um den Versuch, die in den Kategorien des modernen warenproduzierenden Systems nicht mehr fassbaren Zersetzungsprozesse dieses Systems selbst in den Rahmen eines herkömmlichen Konflikts von „Mächten“ zu bannen und sie in Konflikte einer weitergehenden „Modernisierung“ umzudeuten, der sich der Islam angeblich verweigert - obwohl der größere Teil der Welt (nicht nur die moslemischen Länder) das völlige Scheitern der „Modernisierung“ bereits hinter sich hat und es gar keine weitere „Modernisierung“ mehr gibt.

Die daraus entstehenden Potentiale der Entmenschung und deren gewaltsame Entladungen als die Pseudo-Kontinuität eines 1400-jährigen Ringens zweier Religionen oder „Kulturkreise“ zu deuten, gehört in die Rubrik irrationaler Weltanschauungspolitik; vergleichbar allenfalls dem synthetischen Mythos von der „arischen Rasse“ und ihrem Äonenkampf gegen die „semitische“ Fremdrassigkeit etc. In Wirklichkeit ähnelt der ideelle Gegensatz von Osama bin Laden und US-Präsident Bush eher noch dem „unternehmenskulturellen“ Konflikt zwischen Coca Cola und Pepsi Cola als den religiösen Konfliktformulierungen vormoderner agrarischer Zivilisationen.

Die identitätspolitische Aufrüstung, wie Huntington sie empfiehlt und betreibt, hat keinerlei intellektuelle Stringenz aufzuweisen; sie ist theoretisch irrelevant und haltlos. Darauf kommt es freilich auch gar nicht an. Es geht allein um eine medial aufzubereitende Legitimation, und sei sie noch so absurd, für die Militärschläge der westlich-kapitalistischen Weltpolizei gegen die „Störpotentiale“ und „Unruheherde“, denen irgendwie eine Feindbezeichnung gegeben werden muss. Dass es ums Zuschlagen und um sonst gar nichts geht, auch daran lässt der neue Gobineau oder Chamberlain keinerlei Zweifel: „Die militärische Bedrohung aus dem Osten ist praktisch verschwunden, und nun richtet sich die Planung der NATO zunehmend auf potentielle Bedrohung aus dem Süden. Ein Analytiker der U.S.Army bemerkte 1992, die ‚Südliche Reihe‘ ersetze heute die Mittlere Front und werde ‚sehr rasch zur neuen Frontlinie der NATO‘… Diese Bedrohungen sind auch die Grundlage für das Verbleiben einer gewichtigen militärischen Präsenz der USA in Europa… Angesichts der Meinung, die Muslime und Westler derzeit voneinander haben, und angesichts des Aufstiegs des islamistischen Extremismus ist es kaum verwunderlich, dass im Anschluss an die iranische Revolution 1979 ein interkultureller Quasi-Krieg zwischen dem Islam und dem Westen ausbrach… Außerdem haben beide Seiten eingeräumt, dass dieser Konflikt ein Krieg ist… Auf westlicher Seite haben die USA sieben Länder als terroristische Staaten‘ eingestuft, von denen fünf muslimisch sind…“ (Huntington, a.a.O., 346 ff.).

Nun mag aber die Weltpolizei noch so hart zuschlagen, sie wird den Feind nicht wirklich treffen, weil sie ihm seinen richtigen Namen nicht geben kann. Versuche wie der von Huntington (der trotz oder gerade wegen seiner Flachheit eine gewisse Prominenz erhalten hat) können die Kohärenz des Feindbildes nicht zurückbringen. Diese ist mit dem Ende des bipolaren Weltkonflikts für immer entschwunden, da das praktisch universalisierte, monozentrische Weltsystem der Globalisierung eben kein „Außen“ mehr hat und damit auch keine Veräußerlichung des Feindbilds mehr ermöglicht.

Ideologie und Logik der Menschenrechte

Was denn nun eigentlich das neue „Böse“ ist (nicht im Sinne bloß gewaltsamer oder sonst wie inakzeptabler Handlungen, sondern seinem gesellschaftlichen, sozialen Wesen nach), lässt sich aus der verblendeten demokratischen Sicht nicht mehr an ihm selber eindeutig bestimmen, sondern es kann nur noch ein diffuses Erscheinungsbild barbarischer Tatbestände ex negativo durch Gegenüberstellung mit der Idealisierung „westlicher Werte“ benannt werden. Denn selbstverständlich ist es das unhinterfragbare Axiom dieser Ideologie, dass „Marktwirtschaft-und-Demokratie“ das an sich immer schon „Gute“ (oder jedenfalls für die Menschheit Bestmögliche) darstellen.

Zu der damit einhergehenden Begriffsheuchelei gehört auch die inzwischen bis zum Überdruss strapazierte Kategorie der „Menschenrechte“, die als Antidot zum Krisenfundamentalismus der Herausgefallenen und der Selbstverlorenen verkauft wird. Nachdem der Kapitalismus mit seiner stummen Funktionslogik große Teile der Welt ökonomisch in die Barbarei gebombt hat, erregt er sich „menschenrechtlich“ über eben diese von ihm selbst verursachte Barbarei und möchte sie nunmehr militärisch wegbomben, weil ihm nichts anderes mehr einfällt.

Tatsächlich machen jedoch die so genannten Menschenrechte schon ihrer bürgerlich-aufklärerischen Herkunft nach allein unter der Bedingung der „funktionierenden“ kapitalistischen Reproduktions- und Subjektform überhaupt Sinn - wenn auch nur einen ideologischen, der die zugrunde liegende negative und zwanghafte gesellschaftliche Beziehung mit Formeln einer Orwellschen Sprache verhüllt: „Mensch“ in diesem Sinne ist in Wahrheit nichts anderes als ein warenproduzierendes und geldverdienendes Wesen, das elementare „Rechte“ seiner Existenz, sogar das auf „Leben und körperliche Unversehrtheit“, überhaupt nur besitzen kann, soweit es etwas oder wenigstens sich selbst (und im äußersten Fall seine Organe) zu verkaufen hat, also seinerseits zahlungsfähig ist.

Nur in dem Sinne ist ein Mensch überhaupt rechtsfähig, also auch menschenrechtsfähig, dass er in den kapitalistischen Funktionsgesetzen funktionieren kann, die zum Naturgesetz der Gesellschaft erklärt worden sind. Man muss sich nur einmal die seit 200 Jahren immer wiederholten Essentials von Aufklärung, Liberalismus, Volkswirtschaftslehre und demokratischer Politik ansehen, um zu begreifen, dass „Menschsein“ hier nicht als leibliche Existenz von Individuen verstanden wird, sondern einzig und allein als Existenz von Subjekten der abstrakten „Arbeit“ in betriebswirtschaftlichen Funktionsräumen und des Warentauschs (sprich: der Realisationssphäre der Kapitalverwertung). Es wird unterstellt, „der Mensch“ sei in dieser Form zur Welt gekommen, die sich im Lauf der Geschichte nur systemisch „ausdifferenziert“ hätte. Und es wird unterstellt, dass sich „der Mensch“ als Mensch überhaupt nur in dieser Form darstellen könne, die ein Optimum seiner Entwicklungsmöglichkeiten garantiere.

Der Fall ist gar nicht vorgesehen, dass Menschen überhaupt als Menschen aus diesen Voraussetzungen herausfallen könnten. Genau dieser Fall ist aber im Zuge der dritten industriellen Revolution im Weltmaßstab massenhaft eingetreten. Der größere Teil der Weltbevölkerung kann beim besten Willen nicht mehr nach kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten funktionieren und ist schlicht „überflüssig“ geworden. Es wird zwar unterstellt, dass dieses Herausfallen nur vorübergehend sei. Aber selbst die dümmsten Ideologen der Menschenrechte wissen ganz genau, dass sich angesichts der erreichten Produktivitätsstandards des elektronisch aufgerüsteten Sachkapitals für die Mehrheit der „Überflüssigen“ in den Zusammenbruchsregionen die kapitalistische Funktionsfähigkeit nie wieder herstellen lässt. Das ist schließlich die Kehrseite der neuen Militärdoktrin im Namen der „Menschenrechte“.

Damit aber trifft auf diese Menschen die Voraussetzung nicht mehr zu, die in der aufklärerisch-kapitalistischen Definition des Menschen gemacht worden ist. Bei ihnen handelt es sich demzufolge nach der stummen kapitalistischen Logik auch nicht mehr um die Kategorie „Mensch“, auch wenn das selten offen gesagt wird, sondern nur implizit in der Definition selbst enthalten ist. Im Sinne dieser stummen Voraussetzung führen sich deshalb die „Menschenrechte“ in den globalen Zusammenbruchsregionen selber ad absurdum. Die Exekutoren der Krisenkonkurrenz führen eindrücklich diese Wahrheit vor, die das weltdemokratische Räsonnement bloß nicht zur Kenntnis nehmen will.

Es widerspricht in diesem Sinne durchaus nicht dem Begriff der Menschenrechte, wenn die Verfolgung, Folterung, Ausplünderung und Ermordung von Bevölkerungsgruppen dort weltpolizeilich bewusst hingenommen wird, wo sich die Machthaber, Warlords usw. durch Wohlverhalten auszeichnen und auf ihrem Territorium etwa US-Kampfbomber stationieren lassen (wie die Türkei oder Saudi-Arabien). Dieses Vorgehen, das sich schon bei den diversen „Stellvertreterkriegen“ in der Epoche der bipolaren Supermachtstruktur bewährt hatte, setzt sich im Kontext der monozentrischen Weltordnungskriege umso hemmungsloser fort, gerade weil das Feindbild immer schwammiger, unschärfer und bizarrer wird.

Da die Definition des „Menschen“ praktisch auf die Kompatibilität mit kapitalistischen Kriterien eingeengt ist, heißt das im Zweifelsfall: Interventionsrecht bricht physisches Existenzrecht, und dabei dürfen dann eben die menschlichen Späne beim Hobeln fallen. Schon im Vietnamkrieg und bei ähnlichen, kleineren Interventionen hatten die aufgeklärten USA derart barbarisch gemetzelt, dass Dschingis Khan vor Neid hätte erblassen müssen; und die angeblichen „chirurgischen Präzisionsschläge“ der neuen Weltordnungskriege, die gewohnheitsmäßige Bombardierung des Irak, die diversen Interventionen in Ex-Jugoslawien usw. haben ebenfalls locker in Kauf genommene mörderische Auswirkungen. Allein im Irak sind durch westliche Hightech-Waffen mehr als 100.000 Menschen umgekommen; die demokratische Bombergemeinschaft hat nur die steigenden Kosten des Vemichtungs-Sachkapitals zu beklagen.

Peinlicherweise macht sich der perfide Charakter der Menschenrechts-Legitimation gelegentlich sogar durch diplomatische Reibungsverluste innerhalb der institutionellen Trägersubjekte bemerkbar, wie sich etwa während des Kosovo-Krieges zeigte: „Die UNO-Menschenrechtskommissarin, Mary Robinson, hat nach ihrer Rückkehr aus Jugoslawien und anderen Staaten der Region die NATO-Kriegführung scharf kritisiert. In einem Interview mit der BBC sprach sie von nahezu wahllosen Angriffen auf militärische und zivile Ziele“ (Neue Zürcher Zeitung, 15.5.1999). Aber solche Äußerungen machen eine Offizielle, die sich einen Blick auf die Realität erlaubt, bei den zentralen weltdemokratischen Machtinstanzen nicht anders als in jeder Diktatur schnell zur persona non grata, die sich nur durch umso heftigeres Wohlverhalten rehabilitieren kann. Selbstverständlich bleibt ein solcher Ausrutscher medial im Kleingedruckten verborgen und völlig folgenlos. Weder das legitimatorische Konstrukt noch das tatsächliche Vorgehen werden davon berührt.

Im Unterschied zu den heißen „Stellvertreterschlachten“ des Kalten Krieges wie in Korea, Vietnam etc. gibt es dabei allerdings auf westlicher Seite keine Kriegshelden mehr, weil es auch keinen ebenbürtigen (auf derselben imperialen Ebene agierenden) und ideologisch eindeutig definierbaren Feind mehr gibt, dessen Bekämpfung Lorbeeren eintragen könnte. Die Polizeikriege unter Führung der letzten Weltmacht erwecken vielmehr den sachlichen Anschein einer Art chemisch-elektronischen Schädlings- und Ungeziefervertilgung oder gleichen im öffentlichen Bewusstsein Waldbrand- und Erdbebeneinsätzen von dafür ausgebildeten Spezialisten. Diese Versachlichung des Tötens ist im Begriff der Menschenrechte insofern enthalten, als der kapitalistisch versachlichte Mensch in der Gestalt des Herausgefallenen eben sogar weniger als eine Sache ist.

Wie dunkel das Bewusstsein dieses Zusammenhangs auch immer sein mag, es äußert sich in ebenjener Selbstverlorenheit der Individuen, die schon immer im Kern moderner Subjektivität enthalten ist und umso heftiger hervorbricht, je deutlicher das sachliche Herausfallen aus dem demokratischen Menschsein wird. Die Menschenrechte münden schließlich ihrer eigenen inneren Logik nach in das einzige und totale „Recht auf Selbstlosigkeit“ und Entselbstung, das jetzt massenhaft wahrgenommen wird als letzte und einzige Option.

Damit wird zwar die offizielle Legitimation unglaubwürdig, die natürlich den Begriff des Menschenrechts rein positiv interpretiert; aber auf Glaubwürdigkeit kommt es ja auch sonst nicht mehr an. Entscheidend ist allein die medial durchzusetzende „Akzeptanzfähigkeit“, die Erzeugung von passenden „Stimmungen“ und deren Inszenierung. Obwohl die gesellschaftliche Militarisierung im großen Maßstab praktisch nicht mehr über den ideologisch-medialen Bereich hinausgreifen kann, arbeiten die militärischen Medienstrategen bereits mit Hochdruck daran, die sachliche Kälte und Gleichgültigkeit der Gesellschaft hinsichtlich der mörderischen Weltpolizei zu überwinden und die medial beschränkte Militarisierung dennoch in eine heiße Herzensangelegenheit zu verwandeln.

Vielleicht erleben wir es noch, dass für die namentlich herausgestellten Leistungsträger bei den High-tech-Schlachtfesten Fanclubs gegründet und Devotionalien vermarktet werden, um die weltpolizeilichen Einsätze begeisterungsfähig zu machen wie die durchkommerzialisierte Fußballweltmeisterschaft, den Ski- und Tenniszirkus oder die Formel 1. Jetzt schon werden die elektronischen Bombenwerfer als die „guten Jungs“ mit menschenrechtlichem Fairness-Potential herausgestellt, während der konstruierte „Feind“ als monströses Alien erscheint.

Während die demokratische Feigheit dabei jeden Kratzer am Leib eines Kampfpiloten zur Schlagzeile macht und bange Fragen nach dem „Sinn“ von Blutvergießen aufwirft, erscheinen die ebenso namenlosen wie massenhaften Opfer der Bombardements unter dem Stichwort der „Kollateralschäden“ eher als Nebenwirkung beim Einsatz einer Reinigungsfirma (und dieser Sachlichkeitsgeruch lässt sich in der Tat schwer zu einem sportlichen Flair der demokratischen Menschenjagd umdeuten). Nichts könnte deutlicher machen, was „Menschenrecht“ letzten Endes heißt: die buchstäbliche Wertlosigkeit der Unverkäuflichen, die noch als verbrannte Kadaver „stören“, nämlich das „zivile“ Bild der demokratischen Weltgemeinschaft. Sie sind tatsächlich nicht mehr als Ungeziefer, dessen Menschenantlitz vom demokratischen Prozedere ungültig gestempelt worden ist.

Daraus erhellt schon, wie hoffnungslos naiv es ist, wenn wohlwollend moralisierende demokratische Friedens- und Menschenfreunde die barbarischen Weltpolizeikriege ihrerseits unter Berufung auf die Menschenrechte zu kritisieren suchen oder die Opfer ausgerechnet im Namen des Prinzips verteidigen, das sie zu Opfern gemacht hat.

Sicherlich wäre es ganz falsch, die Tätigkeit der verschiedenen zivilen Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International usw. einfach unter die kapitalistische Menschenrechtsideologie zu subsumieren und deswegen abzulehnen. Mit ihrem unmittelbaren Einsatz für die Opfer von Krieg und Verfolgung, ihrer Unbestechlichkeit und ihrem oft gezeigten Mut gegen die herrschenden Gewalten bilden sie eine wichtige Instanz der praktischen Hilfe und auch der empirischen Kritik und Anklage. Aber darauf sind sie eben auch beschränkt. Sie können die notwendige Gesellschaftskritik nicht ersetzen; ihre Tätigkeit kann die Ursachen von Gewalt und Verfolgung so wenig berühren, wie das Rote Kreuz den Ersten Weltkrieg verhindern konnte. Vor allem aber macht der ideologische Titel ihrer Selbstbenennung zwar nicht ihre empirische Tätigkeit selber, aber doch deren Legitimation äußerst zweischneidig. Sie kritisieren die Wirkungen gewissermaßen im ideologischen Namen der Ursache. Dadurch geraten sie in die Gefahr, dass sogar ihre Existenz und ihr Wirken noch zur Legitimierung des westlichen Gesamtimperialismus beigezogen und dafür instrumentalisiert wird.

Die Menschenrechtsideologen „der anderen Seite“, der immerhin helfenden und kritischen, haben den Charakter der bürgerlichen Rechtsform im allgemeinen und der Menschenrechte im besonderen nicht begriffen. Diese Rechte sind kein Versprechen, sondern eine Drohung: Wenn du nicht mehr funktionsfähig bist, bist du auch nicht mehr rechtsfähig, und wenn du nicht mehr rechtsfähig bist, bist du auch kein Mensch mehr.

Deshalb ist abzusehen, dass das Vorgehen gegen die „störenden“ Gotteskrieger, Warlords, Banden und Paten der Plünderungsökonomie usw. mehr und mehr umschlägt in einen heimlichen und zuletzt gar nicht mehr so heimlichen Ausrottungsfeldzug gegen die „Überflüssigen“ dieser Erde. Der Feldzug für die Menschenrechte ist seiner Natur nach ein Feldzug für die kapitalistische Form des Menschen, die als die einzig und allein gültige definiert ist, und damit zwangsläufig implizit ein Vernichtungsfeldzug gegen alle Menschen (perspektivisch gegen die globale Mehrheit), die als Folge der kapitalistischen Entwicklung selber aus dieser Definition herausfallen und damit nicht erst als Gotteskrieger oder Krisenbanditen, sondern schon durch ihre schiere leibliche Existenz „stören“.

Von der politischen Ökonomie zum postmodernen Kulturalismus

Es ist bezeichnend, wie die offenkundigen Zusammenhänge von Krise und Globalisierung, von Weltmarkt und Barbarei in der verzerrten Wahrnehmung des weltdemokratisch-marktwirtschaftlichen Bewusstseins und seiner Medien erscheinen. Der dreiste Zynismus, im sich fortpflanzenden globalen Elendsunternehmertum, in den traurigen Flohmärkten, auf denen Rentner ihre letzte Habe verscherbeln, oder in den Secondhand-Märkten der globalen Plünderungsökonomie eine Art zukunftsfreudige marktwirtschaftliche Folklore erblicken zu wollen („alles so schön bunt hier“), korrespondiert mit der ideologischen Veräußerlichung der gewaltsamen und zersetzenden Erscheinungen, als gehörten sie gar nicht eigentlich dazu.

So hat sich eine weltdemokratische Leier eingespielt, von der die Existenz der Krisenpotentaten, der Banden und Milizen etc. regelmäßig so dargestellt wird, als wären es diese Erscheinungen, die das eigentlich notwendige und mögliche Funktionieren der marktwirtschaftlich-kapitalistischen Produktionsweise und deren segensreiche Prosperität verhindern. Die Frage, woher denn eigentlich all diese negativen und destruktiven Gespenster ihrerseits kommen, bleibt entweder im Dunkeln oder wird so beantwortet, dass die vom Weltmarkt ausgehende sozialökonomische Zerstörungskraft systematisch ausgeblendet bleibt. Aber irgendwie muss die fortschwelende Krise ja beim Namen genannt und einer Deutung zugeführt werden.

Dabei hat sich während des vergangenen Jahrzehnts ein deutlicher Wandel in den Erklärungsmustern vollzogen. Anfang der 90er Jahre, als die Welt noch ganz unter dem Eindruck des Kalten Krieges und des Systemkonflikts zwischen Staatskapitalismus und Konkurrenzkapitalismus seit der Mitte des 20. Jahrhunderts stand, war in den Deutungen die politökonomische Auseinandersetzung zwischen Staatsorientierung und Marktorientierung bestimmend. An den westlichen Universitäten hatten bis zur Mitte der 80er Jahre politische Wissenschaften und politische Ökonomie Konjunktur gehabt wie selten zuvor. Dementsprechend wurde der Zusammenbruch des Staatskapitalismus am Ende dieses Jahrzehnts vor allem in politisch-ökonomischen Kategorien wahrgenommen. Das vom oberflächlichen Schein der Ereignisse geblendete Urteil lautete daher: ökonomische Staatsorientierung ist Todsünde. Plötzlich waren alle glühende Marktwirtschaftler, selbst die meisten ehemaligen Neomarxisten. In seinem Siegesrausch verkündete der Neoliberalismus für alle Krisen- und Zusammenbruchsregionen die alleinseligmachende Doktrin der „marktwirtschaftlichen Reformen“: bekanntlich Abbau des Sozialstaats, Deregulierung, Privatisierung, Freihandel, Entfesselung der Konkurrenz.

Diese Interpretation musste die Wirklichkeit verfehlen, weil sie nicht begreifen wollte, dass Staat und Markt nur die beiden Pole kapitalistischer Vergesellschaftung darstellen und nicht gegeneinander ausgespielt werden können. Es wurde ganz in der Manier des klassischen Wirtschaftsliberalismus quer durch das ideologische Spektrum so getan, als wäre der Staat eine Art Fremdkörper im kapitalistischen Mechanismus, statt ihn als logische Kehrseite des Marktes zu erkennen. Der Gegensatz von Markt und Staat ist nicht der von Kapitalismus und Nicht-Kapitalismus, sondern ein Gegensatz innerhalb des Kapitalismus selbst. In seinem Wahn konnte der marktwirtschaftliche Triumphalismus die ökonomische Staatsorientierung nur als ideologisches Feindbild wahrnehmen, statt sie in ihrer historischen Bedingtheit zu verstehen. Aus dieser verkürzten Sicht waren Staatseigentum und Staatseingriffe nichts als „Fehler und Irrtümer“, die notwendig zum Scheitern führen mussten.

Damit wurde jedoch Ursache und Wirkung verwechselt. Überblickt man die Geschichte des 20. Jahrhunderts als Ganzes, dann hat nicht die Staatsökonomie die Krise hervorgebracht, sondern sie war ihrerseits schon eine Antwort auf vorhergehende Krisen. Das Gefälle der globalen kapitalistischen Entwicklung, das mit den Mitteln marktwirtschaftlicher Konkurrenz nicht zu überwinden war, hatte seit dem Ende des Ersten Weltkriegs im Osten und Süden als Idee und Praxis jener „nachholenden Modernisierung“ den Staat als „nationalen Gesamtunternehmer“ hervorgebracht; ebenso war der westliche keynesianische Staatsinterventionismus eine Reaktion auf die katastrophale Erfahrung der Weltwirtschaftskrise gewesen.

Als Summe könnte man daher die Schlussfolgerung ziehen: Nicht eine bestimmte wirtschaftspolitische Orientierung innerhalb des Systems von Markt und Staat bringt die Krise hervor, sondern die basale Logik des Systems selbst, der betriebswirtschaftliche Verwertungsprozess. Deshalb konnten östlicher Staatskapitalismus und westlicher Keynesianismus Krise und „Unterentwicklung“ letzten Endes nicht besiegen, sondern mussten nach einer Inkubationszeit von mehreren Jahrzehnten an den Systemkriterien scheitern. Noch viel schneller scheitert nun der neoliberale Marktradikalismus, dessen Rezepte die Krise in großen Weltregionen eher verschlimmert als überwunden haben. Wie etwa der jugoslawische Bürgerkrieg seit Anfang der 90er Jahre bereits ein Resultat „marktwirtschaftlicher Reformen“ innerhalb des Tito-Staatskapitalismus gewesen war, so wird nun ein Jahrzehnt später deutlich, dass die weitergehenden „marktwirtschaftlichen Reformen“ unter neoliberaler Ägide ganze Weltteile vollends ins Chaos stürzen und die Milizen, Warlords, Terroristen, Fundamentalisten usw. umso mehr wie die Pilze aus dem Boden schießen lassen.

Statt sich jedoch die Paralyse des modernen warenproduzierenden Weltsystems in allen seinen Variationen einzugestehen, haben es die demokratischen Ideologen und wissenschaftlichen Mandarine im Laufe der 90er Jahre vorgezogen, die im globalen Maßstab unbewältigbar gewordenen Probleme der politischen Ökonomie einfach zu ignorieren und auf ein ganz anderes Feld auszuweichen, um dennoch den Anschein einer konformistischen Erklärung und einer Perspektive der Bewältigung erwecken zu können. Diese neuerliche Wende des intellektuellen Mainstreams, die inzwischen weltweit von Politik und Medien aufgenommen worden ist, hat sich aus verschiedenen Momenten oder Triebkräften heraus gebildet, die zu einem neuen Muster der Interpretation zusammengeflossen sind.

Zunächst haben wir es dabei mit einem lange vorbereiteten und grundlegenden Wechsel der intellektuellen und akademischen Mode in den Gesellschafts- und Geisteswissenschaften zu tun. Seit der zweiten Hälfte der 80er Jahre ist der von Frankreich ausgehende Siegeszug der so genannten postmodernen und poststrukturalistischen Theorien von Philosophen wie Lyotard, Derrida, Baudrillard, Foucault und anderen bis in die Proseminare und an die Mensatische vorgedrungen. Trotz aller Unterschiede und Gegensätze im Einzelnen lässt sich ein gemeinsamer Wesenszug dieser Theorien erkennen: Das Paradigma der politischen Ökonomie ist durch das Paradigma des Kulturalismus ersetzt worden. Mit derselben Inbrunst, wie man in den 70er Jahren Klassenkämpfe und Krisentheorien studierte, wurden nun kulturelle Formen, „kulturelles Kapital“ (Bourdieu), Lebensstile, Identitätsformen usw. studiert.

Keineswegs zufällig und keineswegs bloß zeitlich schließt diese intellektuelle Wende komplementär an die sozial- und wirtschaftspolitische Wende des Neoliberalismus an. Die Gesellschaft wird nicht mehr wesentlich als Produkt der politischen Ökonomie, sondern als Produkt eines „kulturellen Diskurses“ begriffen, statt das kulturelle Moment zur Dynamik der Kapitalakkumulation und ihrer Krisen in Beziehung zu setzen (Pierre Bourdieu, der dies nur äußerlich und daher verkürzt auf die soziologische Phänomenologie versucht, würde sich selbst nicht als „postmodern“ verstehen, eher im Gegenteil, aber er hat mit seiner Begrifflichkeit vom „kulturellen Kapital“ ungewollt dem postmodernen Affen Zucker gegeben). Soziale Bewegungen, gesellschaftliche Eingriffe und Veränderungen setzen den postmodernen Theorien zufolge nicht an den „harten“ Strukturen an, sondern „performativ“ am „Diskurs“ im weitesten Sinne, am kulturellen Habitus, an sozialem Design und symbolischer Selbstdarstellung.

Demzufolge ist die politische Ökonomie als solche kein Gegenstand der Reflexion mehr, schon gar nicht der Kritik (höchstens wird noch von „ökonomischen Stilen“ gesprochen, die das kategoriale Gerüst der kapitalistischen Verwertung gar nicht berühren, sondern nur dessen kulturelle Einkleidung darstellen). Die politisch-ökonomischen Kategorien und Prozesse bilden nur noch das leise, unreflektierte Hintergrundrauschen des „Diskurses“. In dieser Wahrnehmung findet eine merkwürdige Verkehrung statt: Je mehr in der gesellschaftlichen Realität der 80er und 90er Jahre die Kultur ökonomisiert wurde, desto mehr wurde umgekehrt im ideologischen Denken die Ökonomie kulturalisiert. In diesem paradoxen Vorgang wird deutlich, dass wir es mit einer kollektiven Verdrängungsleistung des gesellschaftlichen Bewusstseins zu tun haben, die im Lauf der 90er Jahre in die Interpretation von Weltkrise und Weltordnungskriegen eingegangen ist.

Der zu kurz greifende intellektuelle Ökonomismus innerhalb der Grenzen des Systems wurde also bloß durch einen erst recht defizitären intellektuellen Kulturalismus vor dem nicht mehr thematisierten Hintergrund der Formen des Systems ausgetauscht, just während dieses seinen totalitären Realökonomismus zu offenbaren begann. Einerseits drückt sich in der oberflächlichen Beliebigkeit und im schnellen Wechsel der kulturalistischen Orientierung die Beliebigkeit des Warenkonsums aus; andererseits ist diese Orientierung aber auch bestens dafür geeignet, sich vor den ungelösten und unlösbaren Problemen der politischen Ökonomie davonzustehlen.

Für große Teile der linken Intelligentsia bot der postmoderne Kulturalismus eine intellektuelle Entlastung: Man konnte mit dem Zeitgeist schwimmen und sich trotzdem auf einer symbolisch-performativen Ebene weiterhin als „radikal kritisch“ gerieren. Für die Ideologen des totalen Marktes selbst war die Möglichkeit einer intellektuellen Entlastung durch Elemente des postmodernen Denkens sogar noch verlockender: Nachdem sie das Staatsversagen durch den puren Markt kurieren wollten, können sie nun das prompte Marktversagen durch das Umschalten auf kulturalistische Interpretationen abermals, nur in anderer Weise, unter Verweis auf angeblich „außerökonomische Ursachen“ kaschieren und wegerklären.

Die „kulturalistische Wende“ wurde so zum gefundenen Fressen für die weltdemokratische Heuchelei und Ignoranz, die sich nun umso mehr auf verkürzte „ethnische“ oder „religiöse“ Zuschreibungen und Scheinerklärungen der global sich voranfressenden Gewaltstrukturen versteifen kann, je offenkundiger der Zusammenhang von Weltmarkt und Globalisierung, ökonomischer Krise, Terrorismus und Plünderungsökonomie wird. Als Grund für den Krieg in Jugoslawien fiel der westlichen Presse nichts anderes ein, als einen volkstümlichen und kulturell vermittelten „tiefsitzenden Hass“ der diversen Völkerschaften anzunehmen, der vom Tito-Regime nur künstlich unter dem Deckel gehalten worden sei: „Der Kommunismus hielt die zerstrittenen Völkerschaften Südslawiens mit eiserner Faust zusammen“, so das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ im Frühjahr 1999.

Kein Ton über die sozialökonomische Leidens- und Zusammenbruchsgeschichte der jugoslawischen Volkswirtschaft schon seit den 70er Jahren, obwohl darüber ausführliche kritische Analysen nachzulesen gewesen wären (vgl. vor allem Lohoff 1996). Aber solche Analysen will man eben nicht zur Kenntnis nehmen, weil sie immer nur auf die verheerenden Destruktionsmechanismen der geheiligten Weltmarktwirtschaft selber zurückverweisen.

So waren es in den 90er Jahren nur vereinzelte Stimmen, die sich vom weltdemokratischen Konsens nicht völlig irremachen ließen und sogar aus akademisch fachspezifischer Sicht die platten kulturalistischen Erklärungsmuster in Frage stellten, um den wirklichen sozialökonomischen Hintergrund aufzuhellen, auch wenn sie nicht auf eine kritische politisch-ökonomische Analyse der Weltmarktprozesse zurückgreifen konnten.

Der Berliner Ethnologe Georg Elwert etwa entwickelte Mitte der 90er Jahre einen historisch-empirischen Begriff der „Gewaltmärkte“, in denen er eine Wiederkehr katastrophischer Transformationsprozesse früherer Modernisierungsschübe (etwa in China, Afrika etc.) sieht: „Emotionen, Hass und Stammessolidarität seien es, die zur Gewalt führen, hören wir beständig. Selbst Wissenschaftler begeben sich auf diese Fährte der Erklärung. Strategisches Handeln und militärische Logistik setzen jedoch kühlen Kopf und langfristige Planung voraus. Daher möchte ich eine andere Deutung vorschlagen. Rational nachvollziehbares ökonomisches Handeln bestimmt die langfristig stabilen Grundmuster dieser Gewaltmärkte. Emotionen wie Hass und vor allem Angst werden in diesem Rahmen genutzt, sind aber nicht selbst strukturbildend… Es fällt uns schwer, in Handeln und Strukturen, welche uns zuwider sind, Arbeit oder Märkte zu sehen. Doch damit verraten wir nur, dass wir diese Begriffe jenseits unserer fachlichen Definition emotional positiv besetzen… Das ‚Marodieren‘, der systematische Raub durch Soldaten, ist… eine naheliegende Form der Reproduktion der Arbeitskraft. Wir finden es sogar, dass ein Markt für das Marodieren entsteht. Das heißt, man bezahlt eine Gefahr, um an organisierten Raubzügen teilnehmen zu können… In gewaltoffenen Räumen bildet sich eine völlig deregulierte Marktwirtschaft, eben eine radikalfreie Marktwirtschaft. Die kulturalistische Brille führt zum Missverstehen dieser Struktur. Nicht Ethnien und Clans, sondern wirtschaftliche Interessen (vom Profit über Sold, vom Erlös aus Raubesgut bis zur einfachen Subsistenz) stehen in diesen Bürgerkriegen gegeneinander...“ (Elwert 1996).

Elwert sieht die „Gewaltmärkte“ direkt als „eine Form von Modernisierung“ und stellt damit halbwegs diesen demokratischen Modebegriff in Frage, obwohl er selbst noch in der demokratischen Ideologie befangen ist: „Die Gewaltmärkte als Teil von Modernisierung anzusprechen, unterstreicht die Fragilität unseres eigenen Projektes von ‚Moderne‘ und erinnert daran, dass sich in Bosnien nicht die von Atavismen besessenen Relikte vergangener Zeiten schlagen, sondern Menschen aus einem bürokratischen Industriestaat, dessen führende Akteure fast durchgängig als Industriearbeiter oder Intellektuelle ins hochindustrialisierte Westeuropa migriert waren“ (Elwert 1996).

Diese Argumentation ist sachlich-empirisch zutreffend und hebt sich positiv vom ideologischen Rechtfertigungsschema der Weltdemokraten ab. Sie bleibt aber insofern inkohärent, als sie die Phänomenologie der „Gewaltmärkte“ nur vage als eine mögliche (vielleicht falsche, durch eine bessere Alternative innerhalb desselben Horizonts ersetzbare) Version der Modernisierung identifiziert, ohne sie systematisch in Beziehung zur Entwicklung und Krise des warenproduzierenden Weltsystems zu setzen. Diese Inkohärenz kann nur durch eine zureichende krisentheoretische Fundierung überwunden werden, in der die „Modernisierung“ endgültig ihren falschen Heiligenschein verliert: Aus einer solchen weiter reichenden Sicht handelt es sich bei den heutigen „Gewaltmärkten“ nicht etwa um einen bedauerlichen Nebenpfad dieser ewigen „Modernisierung“ und auch nicht um eine bloße Analogie zu ähnlichen Versionen anderswo und zu anderen Zeiten, sondern um ihre Konsequenz und ihr desaströses Ende; denn die gegenwärtige globale Plünderungsökonomie steht nicht mehr wie die frühmodernen Transformationskrisen am Anfang, sondern am Ende der Modernisierungsgeschichte. Sie bildet heute im größeren Teil der Welt das Resultat der gescheiterten „nachholenden Modernisierung“ und verweist auf die Grenzen des modernen warenproduzierenden Systems überhaupt.

Deshalb wäre es an der Zeit, die Begriffe von „Arbeit“ und „Markt“ nicht nur ihrer positiven emotionalen Besetzung verlustig gehen zu lassen und sie auch nicht mehr als neutrale, beliebig zu füllende ontologische Begriffe zu akzeptieren, sondern ihre grundsätzliche Negativität und ihren repressiven, zerstörerischen Charakter auf einer Meta-Ebene jenseits der alten staatssozialistisch-staatskapitalistischen Orientierung neu zu bestimmen.

Um den wahren Charakter der Weltkrise weiter verdrängen zu können, hat der weltdemokratische Konsens in den letzten Jahren das ethno-religiöse Erklärungsmuster mit seinen falschen Zuschreibungen gewissermaßen ökonomietheoretisch erweitert und flankiert. Zu diesem Zweck wird der postmoderne Kulturalismus mit einer bestimmten Richtung innerhalb der Volkswirtschaftslehre verbunden, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts als sogenannter „Institutionalismus“ bzw. als „Institutionenökonomie“ firmiert und lange Zeit eher ein Schattendasein geführt hatte. Ursprünglich verstand sich dieser von Thorstein Veblen begründete Ansatz als eine pragmatische Kritik am Ökonomismus der klassischen Volkswirtschaftslehre: Der Mensch sollte nicht einseitig als „homo öconomicus“ verstanden werden, sondern in einem umfassenderen Sinne als soziales Wesen; und demzufolge erschien es als notwendig, die ökonomische Theorie mit anderen Sozialwissenschaften anzureichern, um das ökonomische Handeln und seine Institutionen in der Wechselwirkung mit anderen sozialen Organisationsformen, Motiven und Handlungsmustern (Recht, Traditionen, Ideologien, Religionen, außerökonomischen Normen, Lebens- und Verhaltensweisen etc. - und eben „Kultur“ im weitesten Sinne) zu untersuchen.

So richtig diese Kritik am eindimensionalen Ökonomismus im Prinzip auch war, sie griff insofern zu kurz, als sie keinen kritischen Begriff des Gesamtsystems entwickelte, sondern die verschiedenen sozialen Handlungsformen und ihre jeweiligen Institutionen nur äußerlich nebeneinander stellte. Deshalb wurde der von Veblen kritisch gemeinte Institutionalismus auch anfällig für eine system-konformistische Instrumentalisierung.

Diese apologetische Wende besorgte die so genannte „Neue Institutionenökonomik“ nach dem Zweiten Weltkrieg, vertreten vor allem durch den Hardcore-Neoliberalen James M. Buchanan, der dafür 1986 den Nobelpreis erhielt - gerade rechtzeitig, um den umfrisierten Institutionalismus als Waffe von hohem Renommée (und im Verbund mit dem kulturalistischen Ansatz) im politökonomischen Erklärungsnotstand der 90er Jahre einsetzen zu können. Buchanan und andere Ökonomen seiner Richtung interpretierten das Problem der außerökonomischen Institutionen im Gegensatz zu Veblen ganz im Sinne des ökonomischen Totalitarismus: Rechtsformen, Traditionen, Regeln, Lebenseinstellungen und kulturelle Muster etc. werden nicht neutral in ihrem Wechselverhältnis zur kapitalistischen Ökonomie betrachtet, sondern normativ unter dem Aspekt bewertet, ob sie dem „homo öconomicus“ als dem „eigentlichen Menschen“ freie Bahn geben oder nicht.

Mit anderen Worten: Die Beachtung außerökonomischer Handlungsformen dient allein dem Zweck, optimale institutionelle Rahmenbedingungen für die Entfesselung des totalen Marktes zu bestimmen. Dazu gehören laut Buchanan vor allem verfassungsrechtliche Regeln zum Schutz der betuchten Individuen gegen den „öffentlichen Sektor“, die juristische Sicherheit kapitalistischer Transaktionen und die Garantie der privaten Eigentumsrechte (Property-Rights), also die Möglichkeit der Besitzenden, andere Personen von der Nutzung angeblich „knapper Güter“ auszuschließen.

Aus dieser Sicht des „neuen Institutionalismus“ kann es gar kein Marktversagen geben, sondern nur mangelnde juristische, kulturelle und sonstige institutionelle Rahmenbedingungen, sprich: eine mangelnde kulturelle Ausrichtung des gesamten Lebens auf den ökonomischen Totalitarismus. In Verbindung mit dem postmodernen Kulturalismus wurde nun daraus im Laufe der 90er Jahre das neue Paradigma einer größeren oder geringeren Höhe der „ökonomischen und politischen Kultur“ zusammengeschustert.

Neben dem Rückgriff auf Buchanan spielt dabei die einschlägige Theorie des Ökonomen Mancur Oison eine herausragende Rolle. Oisons spezifische Weiterentwicklung des Institutionalismus kapriziert sich auf das Modell der größeren oder geringeren Möglichkeit von kapitalistischen „Interessenkoalitionen“, Kompromiss-Strukturen und Aushandlungen etc., die vor dem Hintergrund des Marktmechanismus eine Art „zweite unsichtbare Hand“ konstituieren sollen; in diesem Sinne sei die unproduktivste Wirtschaftsform die „instabile Diktatur“, einigermaßen produktiver die „stabile Diktatur“ und am produktivsten natürlich die wunderbare Demokratie kapitalistischer Wirtschaftssubjekte, weil sie am wenigsten „marktwidriges Verhalten“ impliziere. Neben den Property-Rights und anderen institutionellen Voraussetzungen sei es also die Rahmenbedingung demokratisch verhandelbarer Interessenstrukturen, die den größeren oder geringeren Erfolg des an sich richtigen und „natürlichen“ Marktmechanismus ausmache (vgl. Olson 2000).

Im Zusammenhang mit diesen Konstrukten der institutionalistischen ökonomischen Theorie konnte das neue Paradigma kapitalistischer Rechtfertigungsideologie angesichts der weitergehenden Weltkrise entfaltet werden, ohne sich dem Versagen des globalen Marktmechanismus stellen zu müssen. Es wurde Mode, von einer betriebswirtschaftlichen „Unternehmenskultur“ oder von einer nationalen „Kultur des Unternehmerischen“ zu reden, von der „Aktienkultur“ oder der „Kultur der Rechtssicherheit“ eines Landes, von einer „Kultur des Aushandelns“ und schließlich von der „demokratischen Kultur“ schlechthin nicht nur als weltweit zu verankerndem Leitbild, sondern als institutioneller Voraussetzung ökonomischen Wachstums, ohne die der segensreiche Marktmechanismus leider nicht funktionieren könne.

Und alsbald konnte man dieses ideologische Amalgam von Institutionenökonomie und Kulturalismus mit dem neuen globalen Feindbild des Westens verbinden; Huntington lieferte mit seinem Schlagwort vom „Kampf der Kulturen“ den passenden Rahmen der Interpretation. Wie sehr Huntington sich vom postmodernen Kulturalismus nährt, zeigt seine einschlägige Definition von Gesellschaft und Geschichte, die dem Konstrukt des Feindbilds als Axiom zugrunde liegt: „Die menschliche Geschichte ist die Geschichte von Kulturen. Es ist unmöglich, die Entwicklung der Menschheit in anderen Begriffen zu denken (!)… Zu allen Zeiten waren Kulturen für die Menschen Gegenstand ihrer umfassendsten Identifikation“ (Huntington, a.a.O., 49). Der Begriff der „Kultur“ oder „Zivilisation“ wird von seinem materiellen reproduktiven Zusammenhang gelöst, um einerseits die (ursprünglich vom Westen ausgegangene) kapitalistische Reproduktionsform ahistorisch auf die Ebene von Naturprozessen und Naturgesetzlichkeiten zu bringen und andererseits die kulturellen Muster an ihrer Kompatibilität mit dieser kapitalistischen angeblichen „Naturform“ der Gesellschaft zu messen.

Man brauchte diesen Kontext nur auf die Frage der institutionellen und ökonomischen „Kultur“ zu erweitern, um das lästige Problem der trotz aller „marktwirtschaftlichen Reformen“ immer dichter aufeinander folgenden Krisen und Zusammenbrüche aus dem Bereich der politischen Ökonomie zu eskamotieren: Nicht die segensreiche kapitalistische Produktionsweise und die ungefilterte Öffnung zum Weltmarkt könne die Ursache sein, so der Tenor, sondern den ökonomie-kulturell ungesitteten „Barbaren“ im Osten und Süden mangle es eben noch an institutionellen Rahmenbedingungen, an marktwirtschaftlichem Bewusstsein, an demokratischem Prozedere, „Property Rights“ und überhaupt an „unternehmerischer Kultur“.

Diese jüngste westliche Rechtfertigungsideologie will sogar im krisengeschüttelten Japan und in den am Boden liegenden asiatischen Tigerländern, soeben noch als beeindruckende Leitbilder eines erfolgreichen,,asiatischen“ oder,,konfuzianischen“ Kapitalismus gefeiert, plötzlich nur noch „unmoderne“ Strukturen der Loyalität, dysfunktionalen Autoritarismus, Korruption, Kleptokratie, Clanwirtschaft und Nepotismus erkennen. Diese Mängel der institutionellen Struktur, des nationalen Bewusstseins und der „ökonomischen Kultur“ sollen es angeblich sein, die den Nährboden für „Wirren“ und Fundamentalismen, Mafia, Warlords usw. bilden, während es in Wirklichkeit der objektive und kapitalistisch-systembedingte (also durch keinerlei bloß kulturelle bzw. institutionelle Reform herbeizuholende) Mangel an Kapitalkraft ist, der in der Weltkrise der dritten industriellen Revolution die Gesellschaften reihenweise auseinanderbrechen lässt.

In der neuen Ideologie des ökonomischen Kulturalismus wird das Verhältnis von Ursache und Wirkung ebenso auf den Kopf gestellt wie schon vorher beim Verhältnis von Krise und Staatsökonomie. In Wirklichkeit bringen nicht Korruption, Mafia-Herrschaft, Terrorismus, schlechthin „marktwidriges Verhalten“ und einschlägige kulturelle Muster etc. die Krise hervor, so wenig wie die frühere ökonomische Staatsorientierung, sondern genau umgekehrt ist es die vom Scheitern des jeweiligen Landes am Weltmarkt ausgehende sozialökonomische Krise, die den institutionellen Zusammenhang bürgerlicher „Rechtssicherheit“ und „Kultur“ zerstört oder gar nicht erst entstehen lässt.

Aber weil zusammen mit dem staatskapitalistischen Paradigma der „nachholenden Modernisierung“ jedwede Ökonomiekritik gleich mit entsorgt wurde, darf der wahre Ursachenkomplex der Krise nicht mehr benannt werden. So flüchten sich nicht zuletzt die Ideologen der „Zivilgesellschaft“, die zu Stichwortgebern von Rot-Grün, New Labour etc. und der entsprechenden „links-neoliberalen“ Regierungen geworden sind, in das schwache Argument der kulturalistisch mobilisierten „Institutionenökonomie“, um den ökonomischen Kern der Krise wegzuerklären, nunmehr demokratisch-institutionelle Rahmenreformen zu beschwören und im Verein mit Huntingtons Konstrukt die Legitimation für das weltdemokratische Feindbild zu liefern.

Dieses den Sachverhalt auf den Kopf stellende Billigargument ist zum Credo sogar vieler ehemaliger Kritiker der kapitalistischen Weltmarkt-Vergesellschaftung geworden: „Ohne Rechtssicherheit ist wirtschaftliche Entwicklung nun mal nicht zu haben“ (Cremer 2001), so tönt es nun auch bei den ehemals antikapitalistischen Initiativen zur Misere der Dritten Welt.

Sowohl die „Zivilgesellschafts“-Ideologie der Realos als auch die von Konformismus getriebene „institutionalistische“ Wende großer Teile der Dritte-Welt-Solidaritätsbewegung stehen in einem Kontext, dem auch die so genannte „Regulationstheorie“ angehört; ebenfalls ein Produkt linker und ex-linker Rückzugsgefechte und Ausweichbewegungen. In diesem seit Anfang der 80er Jahre von Frankreich ausgehenden und in der BRD-Linken rezipierten Theorem werden unter „Regulation“ die institutionellen, kulturellen, politischen usw. Modi der Kapitalakkumulation verstanden.

Statt vom staatskapitalistisch verkürzten positivistischen Verständnis der politischen Ökonomie zur unausweichlich gewordenen Kritik an den Grundkategorien des modernen warenproduzierenden Systems überzugehen, also zur Kritik von „Arbeit“, Wertform, Geld, Markt, betriebswirtschaftlicher Rationalität und Staat, bleiben gerade diese Grundkategorien weitgehend außerhalb der Betrachtung, um stattdessen bloß den jeweils spezifischen Modus ihrer Gültigkeit in den Mittelpunkt zu rücken: Nicht um die Sache selber geht es, sondern gewissermaßen nur um ihre Begleitmusik. Demzufolge handelt es sich der „Regulationstheorie“ zufolge bei den globalen Verwerfungen seit Ende der 80er Jahre nicht um eine kategoriale Krise der warenproduzierenden Moderne, sondern lediglich um die Krise eines bestimmten „Akkumulations“- und damit „Regulationsmodells“ - woraus dann wiederum geschlussfolgert wird, dass es nicht um die kategoriale Kritik des Kapitalismus ginge, sondern bloß um das „kritische Mitmischen“ bei der Herausbildung des hoffnungsvollen nächsten „Regulationsmodells“ (von dem nirgends eine Spur zu sehen ist), seiner institutionellen und politischen Modi, also gewissermaßen seiner „Regulationskultur“.

Es ist leicht erkennbar, dass auch die „Regulationstheorie“ Bestandteil jener großen, weltweiten Wende in theoretischer und gesellschaftspolitischer Hinsicht ist, wie sie durch den Neoliberalismus einerseits und den postmodernen Kulturalismus andererseits gekennzeichnet wird. Im Grunde genommen handelt es sich um eine „linke“ Variante jenes „neuen Institutionalismus“ von Buchanan und Olson. Die Paradoxie eines „links-neoliberalen“ Amalgams findet sich also nicht nur bei Rotgrün und New Labour, sondern zieht sich in vielfältigen Mischformen von Kulturalismus, Institutionenökonomie und Zivilitätsduselei quer durch das Spektrum der lediglich graduell verschieden kapitulierenden Gesellschaftskritik. Kein Wunder, dass heute große Teile der vom marktwirtschaftlichen „Realismus“ durchseuchten früheren Solidaritätsbewegungen in Gestalt sogenannter Nichtregierungsorganisationen Seite an Seite mit der Weltbank an der Front lächerlich harmloser Anti-Korruptions-Kampagnen stehen.

Im Sinne institutionalistisch-kulturalistischer Scheinanalysen will die vereinigte Weltdemokratie nun allenthalben auch die ökonomische Misere Restjugoslawiens erklären und sie allein dem Milosevic-Regime in die Schuhe schieben: „Die Serben sehen sich von ihm bestohlen. 13 Jahre Lebensarbeit sind von seinem Mafiaregime verpulvert und als Devisenmillionen ins Ausland verschoben worden“ (Schmidt-Häuer 2001). Demgegenüber kann gar nicht oft genug betont werden, dass es der Weltmarkt war, der die „Lebensarbeit“ der serbischen Warensubjekte längst vorher durch den Finanzkollaps in Rauch aufgelöst hatte - und dass ein Milosevic das Produkt dieser Krise war, nicht ihr Urheber.

Wie sehr die billige Lösung Konjunktur hat, Korruption und „Mafiaregimes“ - als wären sie vom Himmel gefallen - zur Letztursache der Misere zu erklären, zeigt die Karriere der einschlägigen Anti-Korruptions-Initiative „Transparency International“ (TI): „Im Laufe der neunziger Jahre ist aus der kleinen Initiative eine mächtige Bewegung gewachsen, auf deren Veranstaltungen sich Staatspräsidenten, Minister, Banker, Industrielle und sogar der Generalsekretär von Interpol die Ehre geben. Der alljährliche Korruptionsindex von Transparency wird von Konzernchefs studiert, und manche Regierung fürchtet ihn aus gutem Grunde - er beeinflusst Investitionsströme, Kreditvergaben und Entwicklungszuschüsse. In diesem Jahr wird erstmals auch eine Weltrangliste der bestehenden Staaten veröffentlicht“ (Grill 1999). Der Kongress von TI ist zum Großereignis mit Delegierten aus 135 Ländern geworden. Es hat Züge einer Groteske, wie sich da Offizielle und Inoffizielle, Linke und Rechte zusammenfinden, um zu beschwören, dass Aids von den roten Flecken auf der Haut komme.

Auf dieser Welle des Zeitgeistes schwimmend, hat es der greise US-amerikanische Wirtschaftshistoriker David Landes fertiggebracht, Ende der 90er Jahre mit seinem Werk „Wohlstand und Armut der Nationen. Warum die einen reich und die anderen arm sind“ (Landes 1999) einen weltweiten Bestseller zu landen. Landes entblödet sich nicht, in einer unglaublich rohen Geschichtsklitterung, die anachronistisch die modernen kapitalistischen Kriterien bis in die Antike und ins Mittelalter zurückprojiziert, sämtliche Schweinereien der europäischen Geschichte in ebenso viele kulturelle Vorteilfaktoren für die allgemeine Reichtumsproduktion umzudefinieren und die blutige Konstitution des Kapitalismus als „Kultur“ einer kommerziellen Idylle darzustellen: „Als die Europäer sich endlich einigermaßen sicher vor Angriffen von außen sahen (ab dem elften Jahrhundert), waren sie in der Lage, wie nie zuvor und wie nirgends sonst ihren eigenen Nutzen zu verfolgen… Auch dass sich Gelegenheit bot, die Raufbolde an ferne Fronten abzuschieben (man denke an die Kreuzzüge), trug zur Befriedung bei… Die ökonomische Entfaltung des mittelalterlichen Europas wurde … durch eine Folge von organisatorischen Neuerungen und Anpassungen befördert… Die Herrscher, sogar regionale Machthaber, wetteiferten in dem Bemühen, mit der Entwicklung Schritt zu halten, Aufgeschlossenheit zu beweisen, Arbeitskräfte verfügbar zu machen (!), Unternehmungen anzulocken und die Steuern einzustreichen, die sie abwarfen. Gleichzeitig erfand die Geschäftswelt neue Gesellschafts-, Vertrags- und Austauschformen, um Investitionen zu ermöglichen und Zahlungsvorgänge zu erleichtern… Diese kommerzielle Revolution‘ ging fast zur Gänze von den Kreisen der Handeltreibenden selbst aus… Dadurch erreichten sie einen wesentlichen Zuwachs an Sicherheit … und eine Ausdehnung des Marktes, die der Spezialisierung und Arbeitsteilung Vorschub leistete. Es war die Welt von Adam Smith, die bereits fünfhundert Jahre vor ihm Gestalt anzunehmen begann“ (Landes 1999, 55, 59 f.).

Diese Geschichtsklitterung ist ein simples Produkt der Paradigmen von Institutionenökonomie und Kulturalismus, nach deren Muster völlig divergente historische Erscheinungen anachronistisch eingeebnet werden, sodass das Resultat kaum noch überraschen kann: „Wenn wir aus der Geschichte der wirtschaftlichen Entwicklung etwas lernen, dann dies: Kultur macht den entscheidenden Unterschied… Die ökonomischen Erfolge Japans und Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg konnte man durch eine Betrachtung der Kultur durchaus vorhersehen. Dasselbe gilt für Südkorea im Vergleich zur Türkei und für Indonesien im Vergleich zu Nigeria… Auch die entgegengesetzte Reaktion ist möglich: Kultur kann sich unternehmerischen Initiativen entgegenstellen. Diesen Fall haben wir in Russland, wo 75 Jahre markt- und profitfeindlicher Ideologie und Privilegienwirtschaft unternehmensfeindliche Haltungen zementiert und verankert haben… Besonders dringlich stellt sich das Problem in Ländern, in denen unternehmerische Aktivitäten rar sind. In einer Welt des raschen Wandels und der internationalen Konkurrenz kann es sich eine Gesellschaft kaum leisten, auf Privatinitiative zu warten…“ (Landes 1999, 517 ff.).

Landes macht sich einer doppelten intellektuellen Sünde schuldig, die einem identischen ideologischen Denkfehler entspringt. Zum einen misst er die Geschichte von Jahrtausenden an den Kriterien des irrationalen kapitalistischen Selbstzwecks der Verwertung des Werts und beurteilt so vom alten Griechenland und dem alten China bis zur heutigen Staatenwelt sämtliche Länder und Kulturen danach, ob sie (seiner Meinung nach) der Herausbildung kapitalistischer Strukturen förderlich waren oder nicht. Was die gegenwärtige kapitalistische Peripherie angeht, wurden seine Kriterien sogar rein immanent betrachtet schon zum Zeitpunkt des Erscheinens seines Buches blamiert, denn nach dem Zusammenbruch der Tigerstaaten hat sich in ökonomischer Hinsicht Südkorea der Türkei und Indonesien Nigeria ziemlich angenähert. Dieses Desaster allerdings war durch keinerlei „Betrachtung der Kultur“ vorauszusehen.

Zum anderen entwickelt Landes die peinlich zirkuläre Argumentation, dass unter der blinden Voraussetzung kapitalistischer Produktionsbedingungen eine den kapitalistischen Motiven förderliche Kultur, wer hätte das gedacht, „erfolgreicher“ ist als andere, wobei er nicht einmal vergisst, hinzuzufügen, dass sogar der Erfolg Gewinner und Verlierer auf einer ganz existentiellen Ebene impliziert. Die Unverschämtheit der Argumentation besteht wie überhaupt in der bürgerlichen Ideologie darin, dass der Kapitalismus nicht mehr als historische Gesellschaftsformation, sondern als überhistorische Menschheitsbedingung schlechthin dargestellt wird. So kann Landes den postmodernen Kulturalismus prononciert wenden, indem er ihn (wiederum parallel zu Huntington!) zum Vehikel eines expliziten neuen Eurozentrismus macht, wobei er sich darin „tabubrecherisch“ gefällt und sozusagen genüsslich wälzt: Die westliche Version des Menschseins erscheint abermals als überlegene im Zeichen der totalitären Marktwirtschaft.

Dieser neue, gewissermaßen sekundäre Eurozentrismus überschwemmt nun die viel zu kurz greifende kulturalistische Kritik am alten (kolonialistischen) Eurozentrismus. Der linke Postmodernismus wird mit seinen eigenen Waffen geschlagen und apologetisch instrumentalisiert. Auch in den Krisen- und Zusammenbruchsregionen selbst macht sich der antikritische neoliberal-postmoderne Geist als Scheinalternative zur Barbarei der korrupten Warlords und Plünderungsökonomien breit. Es sind meist im Westen und dessen Zeitgeist erzogene intellektuelle Musterschüler, die nun die Ursache der Misere nicht mehr im kapitalistischen „Terror der Ökonomie“, sondern in der institutionellen und kulturellen Rückständigkeit der vom Weltmarkt ausgespuckten Menschenmassen suchen wollen. So behauptet etwa die Afrikanerin Axelle Kabou unter dem tosenden Beifall der westlichen Legitimationsideologen und der kapitalistischen Leitmedien: „Afrika liegt nicht im Sterben, sondern es begeht in einer Art kulturellem Rausch (!), der lediglich moralische Befriedigung hervorbringt, Selbstmord. Die umfangreichen Kapitalspritzen werden daran nichts ändern können. Man müsste zunächst die afrikanische Mentalität entgiften (!), die Uhren richtig stellen (!) und die Menschen in Afrika mit ihrer Verantwortung konfrontieren (!)…“ (Kabou 1993,40).

Es hat etwas Trauriges, wie hier vom kapitalistischen Zeitgeist „mental vergiftete“ afrikanische Intellektuelle restlos die alte kolonialistische Matrix in einer postmodern reformulierten Weise übernehmen, um die „faulen Neger“ endlich zu einer kapitalistischen „Kultur der Selbstverantwortung“ zu nötigen, obwohl Afrika bereits das Gros der im Weltsystem „Überflüssigen“ stellt.

In dieselbe Kerbe schlägt der berüchtigte peruanische „Entwicklungsökonom“ Hemando de Soto, der schon früher durch seine Verherrlichung der Elendsökonomie als „Marktwirtschaft von unten“ aufgefallen war, indem er nun ebenfalls auf der Welle der „Institutionen-Ökonomie“ reitend „Freiheit für das Kapital!“ (de Soto 2002) fordert, um die nunmehr bereits durchgekaute Ideologie vom „Mangel an verlässlichen Institutionen“ noch einmal wiederzukäuen und entsprechend hochtrabend zu „warnen“.

Damit entpuppt sich die kulturalistische Ideologie der „political correctness“, die vor allem in den USA formal emanzipatorisch interpretiert wurde, als neues Herrschaftsinstrument, ganz im Sinne von Landes. Der gesellschaftskritisch viel zu oberflächliche postmoderne Impuls, die „Identitäten“ und Traditionen der farbigen Menschen und der nichteuropäischen Kulturen offiziell anzuerkennen, in den akademischen Kanon aufzunehmen und mit Quotengarantien zu versehen, wird nun umgedreht und richtet sich gegen seine vermeintlichen Nutznießer: Die Marktwirtschaftsfrömmler nageln sie pejorativ auf ihre „ethnischen“ und kulturellen Identitäten fest, die sich plötzlich als Makel und Stigma mangelnder Kompatibilität mit dem allherrschenden ökonomischen Totalitarismus erweisen. Also sind sie an ihrer Armut und an ihren Krisen selber schuld, weil sie nicht genügend „Kapitalkultur“ in ihren Köpfen und Institutionen haben.

Die soll ihnen nun wie gehabt der glorreiche Westen gnädig als eine „Entwicklungshilfe“ verabreichen, die rein ideologisch ist und deshalb gar nichts mehr kostet. Der kapitalste aller Böcke, eben das kapitalistische Weltsystem samt seinen ehrenwerten Repräsentanten, wird zum globalen Menschengärtner geadelt, und damit lassen sich die Wirkungen der Systemkrise zu äußerlichen Ursachen umdefinieren. Man hat Schuldige, und man hat seine sozialökonomische Ignoranz gerettet.

Zuletzt landet die jeweils neueste Mode der kapitalistischen Legitimationsideologie dann bei den großen institutionellen Wiederkäuern, und so ist denn inzwischen auch die Weltbank auf den postmodern-kulturalistischen und institutionen-ökonomischen Trip gekommen: „Institutionen für Märkte schaffen“ (Weltbank 2002) hat sie einen ihrer jüngsten Weltentwicklungsberichte betitelt, um darin treu und brav „das Verständnis für die Rolle marktunterstützender Institutionen“ (Wolfensohn 2002) einzuklagen und ihren „Auftrag“ entsprechend zu reinterpretieren: „Für den Auftrag der Weltbank, die Armut zu bekämpfen, ist die Schaffung wirksamer Institutionen eine entscheidende Herausforderung. Da wir uns der zentralen Bedeutung von Institutionen im Entwicklungsprozess bewusst sind, haben wir einen ‚Umfassenden Entwicklungsrahmen‘ (Comprehensive Development Framework) geschaffen, der die enge Verknüpfung zwischen Institutionen und den menschlichen, physischen und makroökonomischen Aspekten der Entwicklung hervorhebt“ (Wolfensohn, a.a.O.).

So ist denn glücklich das Verhältnis von Krise und institutioneller Verwahrlosung kausal auf den Kopf gestellt und die kapitalistische Ignoranz ideologisch wasserdicht gemacht, was natürlich am Fortschreiten der realen Krisen- und Zusammenbruchsprozesse nicht das geringste ändert. Während der ökonomische Terror den Horizont für eine wachsende Mehrzahl der Menschen und nicht zuletzt der Jugend zubetoniert, darf ein deutscher Sprachkünstler und Meisterdenker liberaldemokratischer Ausgewogenheit über „offene Horizonte“ fabulieren, „in die die heute Jungen hineinwachsen“, und unberührt von den Welttatsachen eine „zweite Phase“ der glorreichen Globalisierung des Kapitals verkünden: „So wird in der zweiten Phase der Globalisierung eine doppelte Erkenntnis an Boden gewinnen: Die Welt insgesamt, und vor allem die alten Industriestaaten werden insgesamt und ökonomisch reicher werden… (Der) wachsende wirtschaftliche Reichtum der Nationen kommt gleichsam sponte sua, wie von selbst, den Gesetzen der Ökonomie, des technologischen Fortschritts und der internationalen Arbeitsteilung folgend“ (Dettling 2001). Aber natürlich nur, wenn die Menschen sich „kulturell“ und institutionell dem Liebreiz des Kapitals und seiner Zumutungen öffnen.

„Sponte sua“ bringt die Weltdemokratie eben immer wieder ihr Generalmotto zum Ausdruck, und das lautet ganz schlicht: Frechheit siegt! Für die unpassenden Tatsachen ist nunmehr das aus Kulturalismus und Institutionenökonomie destillierte Feindbild einer der an sich „guten“ Marktwirtschaft als fremd und äußerlich gegenübergestellten Weltkorruption, Weltkriminalität, Weltbarbarei usw. zuständig. Diese in ihrer Genesis völlig unerklärten Phänomene gelten als die niederzuringenden Kräfte, die angeblich irgendwie aus dem „Bösen“ an sich aufgestiegen sind, wobei das so gewonnene völlig verzerrte und auf den Kopf gestellte Bild der kapitalistischen Krisenwelt mit einer ebenso kulturalistischen Frontstellung des „Abendlands“ gegen die fiktiv zurechtkonstruierten afrikanischen, asiatischen, islamischen usw. Gegenwelten angereichert wird. Und dieses dreist-verlogene Erklärungsmuster ist in den zunächst marktwirtschaftsfromm gewordenen und dann zum Bellizismus bekehrten demokratischen „Gutmenschen“-Idealismus eingeflossen, der so erst interventionstauglich wird.

Sicherheitsimperialismus

Es erhebt sich natürlich die Frage: Wozu all der Aufwand? Warum will der „ideelle Gesamtimperialismus“ der NATO unter unanfechtbarer Führung der USA mit derart brüchiger ideologischer Legitimation unbedingt eine Welt militärisch befrieden, mit der er sowieso größtenteils territorial nichts mehr anfangen kann? Warum überlässt er die Masse der „Herausgefallenen“ nicht einfach ihrem Schicksal und ihrem dunklen Drang, in der Fortsetzung kapitalistischer Konkurrenz mit anderen Mitteln sich gegenseitig umzubringen?

Im Einzelfall kann dies durchaus auch eine Option sein. So wurde die noch mit UNO-Mandat 1993 durchgeführte Intervention in Somalia jämmerlich abgebrochen, nachdem die aus vielen UNO-Staaten bunt zusammengewürfelten Interventionstruppen in peinlich erfolglosen Gefechten mit einheimischen Clan-Milizen aufgerieben zu werden drohten und sich aus den undurchsichtigen Zusammenhängen eines bereits weit fortgeschrittenen Staatszerfalls nicht einmal andeutungsweise so etwas wie ein „politischer“ Ansprechpartner herausdestillieren ließ. Dass der damalige deutsche Verteidigungsminister Volker Rühe beim pompösen Truppenbesuch vor laufenden Kameras im Wüstensand stolperte und der Länge nach hinschlug, hatte symbolischen Charakter.

Der Rückzug war einer der kläglichsten und von unmissverständlichen Erscheinungen am Flughafen von Mogadischu begleitet: „Die Schützenpanzer der pakistanischen Blauhelme waren im Morgengrauen noch nicht abgerückt, da strömte die Menge auf das Gelände und trug in fliegender Hast Möbel, Teppiche, Elektroeinrichtungen und alles irgendwie Verwertbare fort. Die abrückenden 1500 Pakistaner, die letzten Blauhelme in Somalia, zogen sich in den Seehafen Mogadischus hinter die Linien der amerikanischen und italienischen Marinesoldaten zurück, die die Evakuierung der Blauhelme absichern. Bewaffnete Anhänger des somalischen Milizenführers Mohammed Farah Aidid vertrieben die Plünderer schließlich mit Schüssen vom Flughafen und übernahmen die Kontrolle des Geländes“ (dpa, März 1995). Das einzige Resultat der ganzen Operation bestand also darin, dass die unorganisierte Plünderungsökonomie wieder von der organisierten Bandenherrschaft abgelöst wurde.

Nicht zuletzt aus dieser Erfahrung heraus zog man die Schlussfolgerung, sich bei weltpolizeilichen Aktionen mehr auf die NATO, auf Hightech-Militär und auf gezielte Luftschläge zu konzentrieren, wie sie dann vor allem gegen Jugoslawien und im endlosen Folgekonflikt mit dem Irak zum Einsatz kamen. Damit ist allerdings der Aktionsradius der kapitalistischen Weltpolizei bereits arg reduziert: Einerseits gibt es Länder und Regionen wie Russland, China, Pakistan, Indien etc., an die man sich selbst bei kapitalistischem Befriedungsbedarf kaum heranwagen kann; andererseits hat die Somalia-Erfahrung dazu geführt, dass andere Länder und Regionen wie ganz Zentralafrika etc. als zu unbedeutend eingestuft und tatsächlich vorerst ihrem Schicksal der inneren Zerfleischung in der barbarisierten Krisenkonkurrenz überlassen wurden.

Aber der weltpolizeiliche Herrschaftsanspruch kann dennoch nicht fallengelassen werden. Es stimmt nicht, wenn Enzensberger behauptet, dass sich das Kapital und seine Gewalt-Repräsentanz „von den Kriegsschauplätzen zurückzieht“. Der Kontrollanspruch muss sich weiterhin und sogar verstärkt dort manifest äußern, wo die Einstufung von Risiko und „Interventionswert“ es zulässt; und er muss als grundsätzliche Drohung auch dem Rest der Welt gegenüber latent bleiben. Wie in kapitalistischen Verhältnissen nicht anders zu erwarten, lässt sich auch dieser „Interventionswert“ letztlich als ökonomische Bestimmung erklären.

Dabei sind zwei Dinge in Erinnerung zu rufen. Zum einen hat die Krise der dritten industriellen Revolution ja längst auch die Staaten des kapitalistischen Zentrums selbst erfasst. Zwar ist die Weltkrise dort noch nicht so weit fortgeschritten wie in den großen Räumen der Peripherie, aber durchaus bereits präsent genug, um weit gehende Handlungszwänge zu setzen. Auch im Westen schrumpft die Kaufkraft großer Massen, auch im Westen hat sich bereits ein Menschensockel von „Überflüssigen“ gebildet, auch im Westen ist letzten Endes die Reproduktionsfähigkeit des Kapitals gefährdet.

Zum andern hat die Globalisierung als Reaktion auf dieses Problem dazu geführt, dass sich die einzelnen Kapitalien betriebswirtschaftlich über den Globus zerstreuen. An die Stelle territorialer Reproduktionsräume des Kapitals treten deterritorialisierte Profit- und Produktivitäts-Inseln: weltweite betriebswirtschaftliche Wertschöpfungsketten, die quer zu den austrocknenden nationalökonomischen Territorien verlaufen. Die deterritorialisierte Betriebswirtschaft simuliert eine reproduktionsfähige Welt des Kapitals, die mit den Territorien der „Überflüssigen“ nichts mehr zu tun haben und diese doch an der Kandare halten soll.

Natürlich verteilt sich diese Betriebswirtschaft des transnationalen Kapitals mit unterschiedlicher Dichte über den Globus. In der Triade des kapitalistischen Zentrums (Japan, Nordamerika, Westeuropa) findet sich auch die größte Dichte des transnationalen Kapitals; der Löwenanteil globalisierter Wertschöpfungsketten und der dazugehörigen transnationalen Investitionen und Ströme des Finanzkapitals konzentriert sich auf diese verhältnismäßig kleinen Weltregionen, während die Dichte der Globalisierung in der Peripherie immer mehr abnimmt und gegenwärtig vor allem in Afrika nur noch als gewissermaßen homöopathische Dosis zu verzeichnen ist.

Aber Kleinvieh macht eben auch Mist. Will sagen: Je deutlicher die inneren Schranken der kapitalistischen Produktionsweise in Erscheinung treten, desto größer wird auch das Bedürfnis des transnationalen Kapitals, selbst noch die kleinste Insel von Kosten-Rentabilität, Kaufkraft und Profitmöglichkeit ausnutzen zu können. Deterritorialisierung verlangt punktuelle Omnipräsenz in allen Zonen kapitalistischer Reproduktionsfähigkeit, um überall abschöpfen zu können, wo es noch irgendetwas abzuschöpfen gibt.

Dieses punktuelle Interesse kann in den riesigen, ökonomisch größtenteils unverwertbaren Räumen der Peripherie verschiedene Formen annehmen. Noch das kleinste Rinnsal der abnehmenden Kaufkraft, und sei es eine plünderungsökonomisch vermittelte, soll auf die Mühlen des transnationalen Kapitals gelenkt werden. Dasselbe gilt für kleine und kleinste Produktivitäts-Inseln, wo sich (oft nur vorübergehend) Prozesse der Lohn Veredelung im Rahmen transnationaler Wertschöpfungsketten rechnen, auch wenn die große Masse der jeweiligen Bevölkerung unbrauchbar bleibt.

Vor allem aber müssen die Räume der Peripherie dem Kapitalismus als Rohstoffreservoirs erhalten werden; von seltenen Metallen bis hin zu den pharmakologischen Reserven der tropischen Wälder, deren Ausbeutbarkeit im Zeitwettlauf mit der kapitalistischen Vernichtung dieser Wälder garantiert bleiben soll, solange es sie noch gibt. Und schließlich besteht ein Interesse daran, die klimatische und landschaftliche Erbaulichkeit der peripheren Weltregionen, solange auch diese noch nicht kapitalistisch ruiniert ist, für einen ebenso punktuellen Tourismus der Besserverdienenden aus den Zentren (allerdings gilt auch hier: solange es sie noch gibt!) zur Verfügung zu halten.

Die kapitalistische Weltdemokratie verlangt also von einer größtenteils unverwertbar gewordenen Welt, dass der Verwertungs- und Verwüstungsprozess dort ungestört weiterlaufen kann, wo er auch nur im Miniaturmaßstab noch möglich ist. Die Unbrauchbaren sollen sich in ihr Schicksal fügen und „standortpolitisch“ zu Billigstbedingungen um die Aufmerksamkeit der „Investoren“ betteln; „frei“ und ungehindert soll der Zugang zu den Inseln der Profitabilität in den Ozeanen des Elends sein; die guten Dinge der ansonsten unbrauchbaren Welt sollen zu Elendspreisen ohne Ende in den kapitalistischen Reproduktionskreislauf eingespeist werden oder verrotten. Auf dem Weg zum Strand sind gefälligst die Jammergestalten wegzuräumen, damit ihr Anblick das Auge der Weltdemokraten nicht beleidigt und die ausgestreckten Hände das Entspannungsvergnügen der hart arbeitenden Marktwirtschaftsmenschen nicht belästigen. Wer in einem Hungergebiet einen Delikatessenladen für die restlichen Zahlungsfähigen eröffnet, soll unbeeinträchtigt vom „Neid“ der Unbrauchbaren seinen für die Region doch allemal segensreichen Geschäften nachgehen können; und im Prinzip sollte selbst ein Warlord vom Nachbarpotentaten nicht umgebracht werden, bevor er seine Benz-Karosse bezahlt hat. Mit einem Wort: Das Interesse geht dahin, den Kapitalismus samt seiner „Marktwirtschaft-und-Demokratie“ auch dort als die einzig „gültige“ Reproduktionsform zu erhalten, wo das Kapital kein allgemeines gesellschaftliches Verhältnis mehr sein kann.

Es geht also nicht mehr um territoriale, aber um soziale, „postpolitische“ und weltpolizeiliche Kontrolle im Sinne einer Eingrenzung der katastrophalen Folgeprozesse, wie sie aus den in dichter Folge ablaufenden ökonomischen Zusammenbrüchen herauswachsen. Der Zentralbegriff für das dabei entstehende Problem heißt „Sicherheit“. Der „ideelle Gesamtimperialismus“ der NATO ist daher im wesentlichen ein Sicherheitsimperialismus: Die Sicherheit der insularen Geschäftsabläufe transnationaler Wertschöpfungsketten, Rohstofflieferungen, Geldanlagen usw. in den ansonsten unbrauchbaren Weltterritorien soll unter Ignoranz gegenüber der jeweiligen gesamtgesellschaftlichen Reproduktionsunfähigkeit gewährleistet werden.

Unerwünschte Störfaktoren dieser Sicherheit lassen sich auf einer Makro- wie auf einer Mikro-Ebene feststellen. Auf der Makroebene sind es unliebsame, „wildgewordene“, aus anderen Konstellationen übrig gebliebene oder sonst wie sich der Kontrolle etwa der internationalen Finanzinstitutionen entziehende Regimes staatlicher oder halbstaatlicher Natur, die sich in irgendeiner Weise querlegen, den freien Zugang des transnationalen Kapitals zu Naturressourcen, Restmärkten etc. verweigern oder geld- und wirtschaftspolitisch krampfhaft (und oft schon verknüpft mit plünderungsökonomischen oder rein kleptokratischen Interessen) an alten nationalökonomisch-nationalstaatlichen Regularien festhalten wollen, durch eigenmächtige binnengesellschaftliche Militäroperationen die Geschäftssicherheit gefährden, als „Unterstützer des Terrorismus“ gelten usw.

An Kandidaten für den Status des Verbrecherregimes oder Schurkenstaats in diesem weltpolizeilichen Sinne herrscht wahrlich kein Mangel. Außer dem Irak und Restjugoslawien wurden bereits der Iran, der Sudan und Libyen mit diesem Titel belehnt; Indonesien, Malaysia, die Philippinen und Mugabes Simbabwe sind zeitweilig knapp daran vorbeigeschrammt. Ein Problem bei der Somalia-Mission war wohl, dass nicht rechtzeitig und eindeutig ein Generalschurke definiert worden war.

Auf der Mikroebene handelt es sich um die zahllosen Terrorgruppen, Mafiabanden, lokalen Warlords, um die marodierenden Restbestände zerfallender Staatsapparate und ziellos gewordener Guerillaorganisationen, schließlich auch um die vielfältigen Erscheinungen individueller Massenkriminalität, wie sie aus den sozialökonomischen Krisen- und Zusammenbruchsprozessen notwendig hervorgehen.

Es stört den kapitalistischen Funktionszusammenhang, wenn in Lateinamerika US-Manager des transnationalen Kapitals fast schon gewohnheitsmäßig zwecks Lösegeld gekidnappt werden (dort hat sich eine regelrechte „Kidnapping-Industrie“ entwickelt), wenn jugendliche Einbrecher in der chinesischen Provinz einen deutschen Siemens-Manager samt Familie abmetzgern, wenn europäische Touristen auf den Philippinen monatelang als Geiseln von Separatisten gehalten, in Kenia von arbeitslosen Stromern ausgeraubt und vergewaltigt, in Ägypten von islamischen Fundamentalisten verbrannt und in die Luft gesprengt werden.

Das Drama der aus einem malaysischen Touristencamp von philippinischen „Moslemrebellen“ verschleppten deutschen Familie Wallert z.B. wurde zum Stoff der Regenbogenpresse und brachte selbst den vernageltsten deutschen Tourismus-Spießern aus den Provinz-Idyllen der Besserverdienenden einen Hauch von Barbarisierung der kapitalistischen Weltgesellschaft nahe. Wie bei allen anderen Krisenerscheinungen werden allerdings auch diese wieder sekundär vom kapitalistischen Bewusstsein und dem entsprechenden Geschäftssinn besetzt. Zu den Entführern auf den Philippinen pilgerten die internationalen Medien und machten eine quotenträchtige Inszenierung daraus, nicht zuletzt aus der Aufführung der Frau Wallert, die das Verhältnis von Hysterie und Verständnislosigkeit im demokratischen Hirn einer anspruchsberechtigten westlichen Urlauberin angesichts der Dritte-Welt-Realität darstellen durfte. Bei wirklichen Katastrophen werden solche Panik-Solisten, denen gar nichts fehlt, die aber ihr vorrangiges Recht auf Rettung lautstark und effektvoll inszenieren, meistens tatsächlich als erste gerettet, oft auf Kosten der stilleren Verzweiflung und der ernsthafter Verletzten. Spötter könnten sagen, dass vielleicht nicht viel daran fehlte, und die Kidnapper hätten selber die Zahlung von Lösegeld angeboten, um die Dame wieder loszuwerden, weil sie auf die Furchtbarkeit einer deutschen Mittelstandsfrau einfach nicht vorbereitet waren. Dazu passt, dass Familie Wallert ihr Abenteuer auch noch geschäftstüchtig medial vermarktet hat, wenn man einschlägigen Presseberichten trauen darf.

Solche und ähnliche Erscheinungen tauchen zunehmend im Kontext der touristischen Krisenzonen auf. Hier deutet sich allmählich ein perverser Sekundärmarkt für Abenteuertourismus an; etwa wenn junge westliche Touristen eigens in den Jemen reisen, um sich von einheimischen Clans entführen und von den jeweiligen Botschaften oder Konsulaten wieder auslösen zu lassen. Nichts ist unmöglich, was die absurde Konsumwut und Erlebnisgeilheit der geistig abgestumpften Geldverdiener angeht. Aber diese Erscheinungen bleiben sekundär. Aufs Ganze gesehen ist das wachsende Sicherheitsdefizit in den globalen Krisenregionen Sand im Getriebe des Weltsystems und die Auswirkungen schlagen negativ als Verluste und Kostenfaktoren zu Buche.

Empfindliche Störungen machen sich auch bei den maritimen Handelswegen und Versorgungsstrecken des transnationalen Kapitals bemerkbar. Denn die Plünderungsökonomie bezieht sich nicht nur darauf, dass zusammengebrochene Nationalökonomien ausgeschlachtet und als Feind definierte Ethno-Gruppen oder schlicht irgendwelche Familien und Individuen in den sozialökonomisch verödeten Regionen ausgeraubt werden. Geplündert werden auch „die Schiffe mit den Schätzen der Weltwirtschaft“ (Der Spiegel 34/2001). Es ist ein starkes Indiz für den globalen Zusammenbruchsprozess der warenproduzierenden Moderne, dass eine Erscheinung aus ihrer Frühzeit massiv zurückkehrt: die Piraterie. Im asiatischen Pazifik, im Indischen Ozean, im Arabischen Meer, im Atlantik zwischen Afrika und Südamerika „erlebt der Totenkopf eine Renaissance“ (a.a.O). Mit Macheten und Äxten wie in klassischen Zeiten, aber auch längst mit modernen Schnellbooten, Schnellfeuergewehren und sogar schweren Waffen machen die Piraten Jagd auf Frachter wie auf simple Fischerboote. Und wie bei den Warlords zu Lande hat die neue Piraterie bereits ihre legendären Gestalten hervorgebracht: „Einer der brutalsten Nachfahren der Freibeuter ist Aliasa Bungalos, der in den Gewässern der Südphilippinen als ‚Commander Alex‘ auf Jagd geht“ (a.a.O.). Erbeutet wird alles, was nicht niet- und nagelfest ist, Geld, Schmuck, Sachgüter, aber auch ganze Schiffe. Die Brutalität nimmt dabei, ebenfalls wie bei der Festland-Plünderungsökonomie, Züge von sinnlosen Bluträuschen an: „Seeräuber waren in einer Novembernacht des Jahres 1998 in Zöllneruniform auf den Frachter ‚Cheung Son' gekommen, der Hochofenschlacke von Schanghai nach Malaysia bringen sollte. Sie überwältigten und knebelten die Besatzung. Zehn Tage nachdem sie das Schiff gekapert hatten, erschlugen die Piraten ihre Gefangenen; die 23 Toten warfen sie, an Gewichte gekettet, über Bord… Doch auch die Killer überlebten das Blutbad nicht lange. Polizisten aus Südchina stießen bei einer Razzia auf Bilder der Seeräuber, die sich bei dem Massaker gegenseitig fotografiert hatten. Die Schlächter wurden hingerichtet“ (Der Spiegel, a.a.O.).

Der rapide absinkende Sicherheitsstandard auf den Weltmeeren hat nicht nur Reedereiverbände, Versicherungen und Tourismusunternehmen alarmiert. Mit zunehmender Professionalität der Piraten geht auch immer mehr wertvolles Frachtgut verloren, darunter ganze Öltanker samt Ladung, die dann auf den transnationalen Schwarzmärkten verscherbelt wird. Das besonders von Seetransporten abhängige Japan fürchtet bereits um seine Hauptversorgungsadern. Und die zunehmende Piraterie lässt sich wie ihre Schwesterunternehmen zu Lande eindeutig auf die von der Logik des Weltmarkts verursachten sozialökonomischen Zusammenbruchsprozesse zurückführen; nicht zuletzt in Südostasien, wo die sozialen Folgen der Krise von 1997/98 erst richtig einsetzen, während auf der Ebene der Finanzmärkte eine (falsche und kurzsichtige) Entwarnung gegeben wurde: „Die Piraten von heute sind Opfer und deshalb auch Resultat des Zusammenbruchs der Tigerstaaten. Die Firmenbankrotte von 1998 schlugen mit Verspätung in den Dörfern an der Küste durch; die Läden waren leer, die Ersparnisse weg - und draußen auf dem Meer wurden die Schätze der Weltwirtschaft vorbeigeschippert: Elektronik, Lebensmittel, Öl“ (der Spiegel, a.a.O.).

Nur selten taucht dieser reale Zusammenhang von Ursache und Wirkung in den westlichen Medien auf, überhaupt nie im Räsonnement der weltdemokratischen Ideologie. Wenn in Südostasien die Ersparnisse der Massen „weg“ sind, dann natürlich deswegen, weil deren finanzkapitalistische Verbrennung identisch war mit der Sanierung der westlichen „Investoren“ durch den IWF.

Egal ob Kidnapping, Ausplünderung und Ermordung von Touristen oder eben Piraterie: Im Einzelfall gibt es auf dieser Mikroebene der globalen „Unsicherheit“ gleichfalls Interventionen in Form von geheimdienstlichen Aktivitäten, Satellitenüberwachung, Einsatz von Sonderkommandos usw. So werden zunehmend detaillierte Pläne für Auslandseinsätze im Mikro-Maßstab entwickelt, die nichts mehr mit den alten nationalimperialen Strategien zu tun haben, sondern weltpolizeilichen Charakter tragen: „Die Bundeswehr plant eine neue Spezialtruppe für Einsätze an fernen Küsten. Generalinspekteur Harald Kujat will ein Regiment Marine-Infanteristen mit rund 1000 Soldaten aufstellen, ähnlich den,Ledernacken‘ der US-Marines… Für den Transport der Truppe soll die Marine zwei große Landungsschiffe … anschaffen. Sie werden Hubschrauber tragen und als schwimmende Kommandozentrale und Lazarett dienen - etwa bei der Befreiung von Touristen aus der Hand von Geiselnehmern“ (Der Spiegel 29/2001).

In der Regel ist dieses Feld freilich zu weit, als dass es dem direkten Zugriff eines globalen Sicherheitsimperialismus ausgesetzt sein könnte. Stattdessen werden die diversen Regimes periodisch ermahnt, ihre „Sicherheitsstandards“ zu erhöhen, sie bekommen weltpolizeiliche Hilfe aller Art (z.B. Schulung von Polizeitruppen) angeboten etc. Und auch in dieser Hinsicht wird zwischen gutwilligen und weniger gutwilligen Regimes und Krisenpotentaten unterschieden, um mit Restriktionen oder Belohnungen (in erster Linie durch Kredithilfen von IWF und Weltbank) winken zu können.

Die Mikro- und die Makro-Ebene des Sicherheitsimperialismus und seiner Motive gehen ständig ineinander über; die fortschreitende Weltkrise bringt in dieser Hinsicht immer neue und überraschende Erscheinungen hervor. Tatsache ist, dass die gewünschte „Sicherheit“ letzten Endes nicht hergestellt werden kann, eben weil der ökonomische Totalitarismus der kapitalistischen Weltdemokratie selber die Ursache des allgemeinen Sicherheitsverlusts ist.

So hat sich einerseits das globalisierte Kapital zunehmend darauf eingestellt, mit den „Sicherheitsrisiken“ in einer wachsenden Zahl von Weltregionen leben zu müssen. Die punktuellen Geschäfte werden trotzdem gemacht, die vor Ort eingesetzten Manager und Angestellten samt ihren Familien haben dieses Risiko eben zu tragen. Für die meisten Länder Afrikas, Asiens und Lateinamerikas (und inzwischen auch für Osteuropa) gibt es „Sicherheits-Guides“ mit entsprechenden Verhaltensempfehlungen; oft werden auch einheimische Body-Guards angeheuert oder gleich eigene Sicherheitsdienste mitgebracht. Andererseits hat sich der politische und militärische Apparat des Sicherheitsimperialismus darauf eingestellt, einen Endloskrieg gegen die „Störpotentiale“ zu führen, der zwar nicht gewonnen werden, aber diese doch hinhaltend eindämmen kann.

Die Großinterventionen auf der Makro-Ebene staatlicher oder pseudostaatlicher Verhältnisse und Konflikte stellen nur die augenfälligste Aktivität dieses globalen Interventionismus dar. Strategisch durchkalkuliert werden dabei nur Interventionen, die in die Größenordnung von veritablen Weltordnungskriegen hineinreichen wie die Strafexpeditionen gegen die Regimes von Saddam Hussein und Milosevic. In den meisten Fällen handelt es sich eher um symbolische Aktionen, die Präsenz zeigen und das weltdemokratische Drohpotential vorführen sollen.

Dass etwa im Sudan nachgewiesenermaßen eine harmlose Arznei- und Düngemittelfabrik von US-Kampfbombern in Schutt und Asche gelegt wurde, hat deswegen so wenig Aufregung verursacht, weil es dabei gar nicht auf ein taktisches militärisches Ziel ankam, sondern nur auf die abschreckende Wirkung - und weil dieses Motiv von der weltdemokratischen Öffentlichkeit weitgehend geteilt wird. Sobald es um die „Sicherheit“ des eigenen bornierten Weltbildes geht, ist die Frage der empirischen Wahrheit gegenstandslos geworden und die „freien“ Medien erweisen sich als eine Mauer des Schweigens. Die Bevölkerungen der vom Weltmarkt überrollten Krisen- und Risikogebiete sind nicht nur Geiseln ihrer Krisenpotentaten, sondern eben auch Kanonenfutter für den westlichen Sicherheitsimperialismus, um die größeren und kleineren Machthaber Mores zu lehren und um überhaupt die gefährliche Masse der Herausgefallenen einigermaßen unter Kontrolle zu halten.

Öl- und Gasimperialismus: die Sicherung der strategischen Rohstoffreserven

Aus der Vielfalt der Erscheinungen von Krisenpotentaten, Plünderungsökonomie und weltpolizeilichem Sicherheitsimperialismus ragt allerdings ein Aspekt hervor, der über das Interesse an punktuellen Verwertungsmöglichkeiten verschiedenster Art hinausgeht; und das ist die Sicherung der strategischen Rohstoffreserven, vor allem Erdöl und Erdgas. In diesem Punkt lässt das weltdemokratische Regiment des ökonomischen Terrors am wenigsten mit sich spaßen, denn die fossilen Energieträger mit dem Erdöl an der Spitze bilden den Treibstoff der kapitalistischen Weltmaschine.

Zwar muss auch den borniertesten Akteuren des Weltsystems klar sein, dass der ungeheure Raubbau durch systembedingte permanente Wachstumsökonomie, Individualverkehr, Jets, Militärapparate und Tourismus die zu einigermaßen günstigen Bedingungen abbaubaren Lagerstätten fossiler Energie im Lauf der nächsten Jahrzehnte mit Sicherheit erschöpfen wird (entgegen allen periodisch wiederholten Entwarnungen in dieser Hinsicht). Aber auch in dieser Hinsicht gilt dem weltdemokratischen Kapitalismus umso mehr das Prinzip „nach uns die Sintflut“, und gerade deswegen hat die militärische Sicherung des Zugangs zu dieser entscheidenden Naturressource und ihres permanenten Zuflusses zu den zentralen kapitalistischen Industrien einen hohen Stellenwert für den „ideellen Gesamtimperialismus“ und seine Weltpolizei.

Das Zentrum dieses sicherheitsimperialistischen Interesses Nr. 1 liegt nach wie vor im Nahen Osten; aber zunehmend rückt auch der kaspische Raum mit seinen bis jetzt nur gering erschlossenen Lagerstätten ins Visier der weltdemokratischen Sicherheits-Strategen, zumal diese Weltregion nach dem Zusammenbruch der staatskapitalistischen Sowjetunion in die typischen Verlaufsformen von Staatszerfall, Plünderungsökonomie usw. übergegangen ist und insofern im Hinblick auf die strategischen Energiereserven ein hohes Unsicherheitsniveau, also auch „Befriedungsbedarf“ aufweist.

Es wäre allerdings verfehlt, die bisherigen Weltordnungskriege und weltpolizeilichen Interventionen seit dem Ende der bipolaren Konstellation direkt und eindimensional aus diesem energiepolitischen Interesse abzuleiten und eine ebenso umfassende wie weitreichende, einzig darauf bezogene sicherheitsimperialistische Strategie zu unterstellen, in der insbesondere die Balkan-Interventionen einen eindeutigen Status hätten. Ebenso wenig handelt es sich um einen nunmehr auf rein energiepolitische Interessen reduzierten Anschluss an die alte „Geopolitik“, die ja ihrem Wesen nach nationalimperial und territorial bestimmt war.

Vielmehr überlagern sich bei den diversen Interventionen allgemeine ökonomische, „symbolische“ (Statuieren von Exempeln) und spezifisch energiepolitische Interessen des Sicherheitsimperialismus, der überdies von großen Unklarheiten geprägt, von irrationalen Ängsten und Zwängen getrieben, also selber Moment eines blinden Weltkrisenprozesses und alles andere als ein souveräner Akteur ist.

Wichtig im Sinne des kruden, aber nicht isolierbaren energiepolitischen Interesses ist dabei nicht mehr irgendeine nationale Kontrolle über die Rohstoffgebiete vor allem im Nahen Osten und neuerdings am kaspischen Meer; diese würde ja auch gar keinen Sinn machen angesichts einer transnationalen Zerstreuung der Betriebswirtschaft über alle Räume der Kapitalverwertung. Das gilt auch für die im neu zu erschließenden kaspischen Raum agierende Erdölindustrie selbst. Durch die Bank sind dabei transnationale Ölkonzerne die wichtigsten Akteure. Soweit in diesem Zusammenhang überhaupt ein nationaler Akzent sichtbar ist, handelt es sich um das Übergewicht US-amerikanischer Muttergesellschaften, was in diesem strategischen Sektor nur der irreversiblen politisch-militärischen US-Hegemonie entspricht.

Davon abgesehen sind es Konsortien, die gemeinsam von transnationalen Mineralölkonzernen gebildet werden; darunter außer US-amerikanischen vor allem französische, italienische und norwegische Unternehmen - auch deutsche, aber bislang eher unter „ferner liefen“. Auf nationale Zugehörigkeiten verweisende Firmennamen sind dabei sowieso irreführend, denn die Konkurrenzverhältnisse der Konsortien im kaspischen Raum verlaufen völlig quer zu nationalen Zuordnungsverhältnissen. Das gilt auch für die Besitzverhältnisse, in denen sich wie auch sonst in der globalisierten Ökonomie des Kapitals immer weniger nationale Zugehörigkeiten ausmachen lassen: wie sich ein deutsches Unternehmen tatsächlich in japanischem, amerikanischem, französischem usw. Besitz (und umgekehrt) befinden kann, so wird auch die Exploration und Förderung des strategischen Rohstoffs Nr. 1 zunehmend von bunt gemischten und oft undurchsichtigen Konzern-Konglomeraten betrieben.

So war bei den zahlreichen Pipeline-Projekten aus dem kaspischen Raum die argentinische Gesellschaft Bridas der Hauptkonkurrent der kalifornischen Erdölfirma Unocal, was wohl kaum auf die strategische Positionierung eines „argentinischen Nationalimperialismus“ in Mittelasien hindeutet (wie es aus der Sicht der notorischen „geopolitischen“ Quacksalber eigentlich erscheinen müsste). Das Konsortium „Kazgermunai“ für die Erschließung von Ölfeldern in Kasachstan wiederum, an dem zu 42,5% die deutschen Firmen RWE-DEA Aktiengesellschaft für Mineralöl und Chemie und die Erdöl-Erdgas Gommern GmbH beteiligt sind, zu 7,5% die Weltbanktochter International Finance Corporation und zu 50% die einheimische Ölgesellschaft KazachOil, wäre ein schlechtes Beispiel für eine vermeintliche deutsch-nationalimperiale Ölstrategie - denn die KazachOil ist längst von dem kanadischen Konzern Hurricane Kumkol Munai (HKM) übernommen worden.

Angesichts der sich globalisierenden und gleichzeitig an ihre Grenzen stoßenden Ökonomie des Kapitals kommt es überhaupt nicht auf nationale Machtverhältnisse bei der Sicherung der strategischen Rohstoffreserven an; auch die USA agieren sowohl im Nahen Osten als auch im kaspischen Raum in diesem Sinne nicht als nationalimperialer Akteur, sondern eben als Haupt des globalen Sicherheitsimperialismus im Namen des „freien internationalen Zugangs“ zu den Ölreserven nach Maßgabe der Zahlungsfähigkeit. Wichtig ist einzig und allein, dass überhaupt der zentrale „Stoff“, das Lebenselixier für die destruktive kapitalistische Verbrennungskultur, weiterhin reichlich und ungehemmt, möglichst auch zu billigen Preisen fließen kann.

Wie auch in anderer Hinsicht tritt der „ideelle Gesamtimperialismus“ in der Energiepolitik als Garant für die unersättlichen Bedürfnisse der transnationalen Kapitale auf, die ihrerseits die Bedingung seiner Existenz bilden. Und wie auf allen anderen Ebenen müssen auch hinsichtlich der strategischen Rohstoffreserven die übrig gebliebenen nationalen Rivalitäten in den Hintergrund treten.

Gerade beim Poker um das kaspische Öl finden die hauptsächlichen Rangeleien auf westlicher Seite weniger zwischen unterschiedlichen „nationalen Interessen“ als vielmehr zwischen den ökonomischen und den politisch-militärischen Akteuren statt: Während vor allem die US-amerikanischen Öl-Multis aus schieren Kostengründen vehement Pipeline-Routen über russisches bzw. russisch kontrolliertes und sogar iranisches Territorium befürworten, wollen die ebenfalls hauptsächlich US-amerikanischen Strategen der sicherheitsimperialistischen Administration unbedingt ziemlich kostenträchtige und unrentable Routen über die Türkei auf den Weg bringen. Aber für diese „politische Pipeline“ finden sich vorerst keine Investoren.

Selbstverständlich sind auch die sicherheitsimperialistischen Vorbehalte gegenüber Russland, China und dem Iran in Mittelasien nicht „geostrategisch“ im alten nationalimperialen Sinne begründet, sondern aus dem Argwohn heraus, dass diese nationalstaatlichen Akteure selber zu instabil und unberechenbar sind, um als Garanten für eine Sicherung der kaspischen Rohstoffreserven mitwirken und eingespannt werden zu können. Für alle strategischen Rohstoff-Regionen gilt: „Stabilität“ und kapitalistische „Freiheit des Zugangs“ um jeden Preis hat Priorität, egal wer sie mit welchen Mitteln unterstützt.

Im übrigen darf der Run auf den kaspischen Ölreichtum auch nicht überschätzt werden. Abgesehen von den enormen Erschließungs- und Transportkosten ist die Lagerkapazität vermutlich geringer als zunächst angenommen: „Die geschätzten Erdölreserven im Kaspischen Meer sind bei weitem nicht mit jenen in der Golfregion zu vergleichen. Der Umfang der vermuteten Vorräte liegt in der Größenordnung der Reserven in der Nordsee, vielleicht etwas darüber, also unter fünf Prozent der geschätzten Weltreserven“ (Neue Zürcher Zeitung, 14.12.1998). Die Euphorie von Mitte der 90er Jahre über eine angebliche „zweite Golfregion“ ist denn auch inzwischen weitgehend verflogen; die Pipeline-Projekte wurden großenteils nicht verwirklicht, die Ölkonzerne haben ihre Präsenz auf eine verhältnismäßig kleine Dimension zurückgefahren.

Mittelasien wird als Rohstoffregion weder im phantasmatischen „geostrategisch-nationalimperialen“ noch im realen sicherheitsimperialistischen Sinne eine Art weltstrategischen Showdown erleben. Was bleibt, ist der Stellenwert einer flankierenden Option gegenüber den weiterhin zentralen strategischen Ölreserven der Golfregion: Die langsame aber sichere Erschöpfung anderer Reserven (nicht zuletzt in der Nordsee) aufgrund des kapitalistischen Raubbaus hat bereits jetzt den Anteil des Nahen Ostens an der globalen Ölförderung trotz aller Diversifizierungsmaßnahmen des Westens derart in die Höhe getrieben (bis 2010 wird er auf 50% hochschnellen), dass der kaspische Ölreichtum längerfristig auch bei gedämpften Erwartungen als Ausweichreserve interessant bleibt.

Ob im Nahen Osten, im kaspischen Raum oder anderswo: Es ist der „ideelle Gesamtimperialismus“ des Westens, der seine gepanzerte Faust auf alle, auch auf die letzten Reserven der fossilen Energieträger dieser Erde legt. Je näher das sozialökonomische Ende der kapitalistischen Verbrennungskultur rückt und je mehr sich auch die physischen Reserven erschöpfen, desto unerbittlicher müssen die politisch-militärischen Apparate des transnationalen Kapitalismus den „ungehinderten Zugang“ noch zur letzten Ölquelle freischießen. Die fossilen Brennstoffe, an vorderster Stelle das Erdöl, sind und bleiben die energetische Basis der kapitalistischen Selbstzweck-Ökonomie; auf dem Boden dieser Produktions- und Lebensweise, im Rahmen ihres Naturverständnisses und ihrer Denkweisen gibt es keine andere Möglichkeit. Und die Welt kann sicher sein: Um die Gier nach dem versiegenden Treibstoff ihrer Weltmaschine zu befriedigen, wird die vereinigte Weltdemokratie notfalls nicht nur einzelne „Schurkenstaaten“, sondern auch halbe Kontinente in Trümmer legen.

DER NAHE OSTEN UND DAS ANTISEMITISCHE SYNDROM

Im Prozess der Barbarisierung und Selbstzerstörung des herrschenden Weltsystems gibt es einen Brennpunkt, in dem sich die destruktive kapitalistische Globalisierung, die Geschichte und die Ideologiebildung der modernen Welt an ihren historischen Systemgrenzen auf besondere Weise bündeln - und das ist der Nahe Osten mit Israel und dem sogenannten Palästinakonflikt im Zentrum. Vordergründig scheint es hier zunächst um das wichtigste Feld des westlichen Öl-Imperialismus zu gehen. Und im Hinblick auf das krude Interesse der kapitalistischen Verbrennungskultur ist das natürlich auch völlig richtig. Aber darin geht dieser Konflikt bei weitem nicht auf; er enthält noch eine ganz andere, wesentliche Dimension: nämlich die Logik des Antisemitismus als zentraler kapitalistischer Krisenideologie und die damit verbundene Konstitution des Staates Israel, der eben deswegen kein Staat wie andere Staaten ist.

Kapitalistische Verbrennungsreligion und Ölregimes

Dennoch wäre das Bild unvollständig und falsch, würde man im Hinblick auf den Nahost-Konflikt vom Interessen-Hintergrund des westlichen Öl-Imperialismus völlig absehen. Da der Nahe Osten aus natürlich-geografischen Gründen der Lagerstätten die Hauptquelle des Treibstoffs für die kapitalistische Weltmaschine ist und bleibt, muss sich hier auch der weltpolizeiliche Zugriff des „ideellen Gesamtimperialisten“ konzentrieren. Das ist ein nicht unwesentlicher Aspekt der kulturalistischen Feinddefinition gegen den Islam; denn gerade an den geheiligten Quellen der kapitalistischen Verbrennungsreligion, in der sich der irrationale Selbstzweck der „Verwertung des Werts“ gewissermaßen energetisch materialisiert, müssen die islamistischen Barbarisierungsprodukte der Globalisierung natürlich als besonders „störend“ und gefährlich empfunden werden (weitaus mehr als etwa in Pakistan oder Indonesien).

Wie in jeder anderen Hinsicht verwickelt sich der „ideelle Gesamtimperialismus“ aber auch und gerade auf diesem spezifischen Terrain von Globalisierung und weltpolizeilichem Zugriff in unauflösliche Widersprüche, die hinter der praktischen Zweckrationalität den objektivierten Wahn des Systems und seiner Macher aufscheinen lassen.

Dies betrifft zunächst die Art und Weise der Positionierung gegenüber der arabisch-moslemischen Welt selbst. Die offene westliche Militärdiktatur über den gesamten Raum der zentralen Ölförderung wäre ein kaum dauerhaft durchzuhaltender Notstand mit wahrscheinlich katastrophalen Rückwirkungen auf das fragile Babel-Gebäude des abgehobenen transnationalen Finanzkapitals. Deshalb muss die gesamtimperiale Weltpolizei nach durchaus traditionellem Muster unbedingt darauf setzen, autochthone Regimes der Region an sich zu binden und sie als legitimatorische Sub-Souveräne, „Flugzeugträger“ und militärische Hilfssheriffs zu benutzen.

Im brodelnden Hexenkessel eines Raums, in dem hunderte Millionen von Menschen leben und Jahr für Jahr mehr von ihnen unter dem Juggernaut-Rad der kapitalistischen Globalisierung sozial zermalmt werden, kann eine derartige weltpolizeiliche Strategie letzten Endes nur schief gehen. Der Ölreichtum, aufgrund seines besonderen Status im Gefüge des Weltsystems ein materialisierter spekulativer Gegenstand mit deshalb wild schwankendem Preisniveau, hat extrem ausschließenden Charakter: Die überwältigende Mehrzahl der Araber wird auf ein Armuts- und Elendsniveau gedrückt, während sich die winzige Oberschicht des energetischen Krisenreichtums mit einer selbst für Dritte-Welt-Verhältnisse außergewöhnlichen Obszönität darstellt. Die binnenökonomischen „Entwicklungsprojekte“ der diversen arabischen Öl-Regimes, besonders derjenigen in der Golf-Region mit den bei weitem größten Fördermengen und Reserven, sind trotz der immensen Kapitalkraft großenteils verbal und kosmetisch geblieben; die „Petro-Dollars“ wurden und werden in ihrer Masse postwendend in die transnationalen Finanzmärkte gepumpt statt in Realinvestitionen angelegt und bilden ein Segment des globalen „fiktiven Kapitals“ im spekulativen Finanzüberbau der dritten industriellen Revolution.

Insgesamt zerfallen die nahöstlichen Öl-Regimes der arabischen Länder und des Iran allerdings in zwei auch heute noch abgeschwächt sichtbare unterschiedliche Formen, die auf ursprünglich ganz entgegengesetzte Ausgangspunkte verweisen. Zum einen handelt es sich um typische ehemalige Regimes nachholender Modernisierung mit inzwischen durch die Bank gescheiterten, aber in der Vergangenheit ernst gemeinten Industrialisierungsprojekten, mit republikanischer Staatsform und diktatorischem „Führerkult“, wie ihn etwa Saddam Hussein oder Ghaddafi repräsentieren. Zum andern haben wir es mit der Form nach archaischen Monarchien zu tun, die ein klerikal-feudales Schreckensregiment ausüben und einer Hollywood-Version des „finsteren Mittelalters“ oder der pubertären Phantasie eines Karl May entsprungen sein könnten. Waren die republikanisch-diktatorischen Modernisierungsregimes wie in Ägypten, dem Irak, Algerien usw. in der Regel laizistisch, so stellten die (durchwegs sunnitischen) Monarchien, Sultanate, Emirate etc. und ihre bizarren Prinzengarden von Anfang an synthetische „Gottesherrschaften“ mit einer erzreaktionären islamistischen Legitimation dar, deren religiöser Ausdruck in keiner Weise auf den vormodernen Islam zurückgeht, sondern ganz im Gegenteil ein Resultat der absurden, in sich widersprüchlichen Einbindung in kapitalistische Moderne und Weltmarkt ist.

Das gilt ganz besonders für das saudische Wüstenregime, das in seiner jetzigen staatlichen Gestalt überhaupt erst im 20. Jahrhundert entstand. Die Dynastie der Saudis gründet sich auf die sunnitische religiöse Bewegung der Wahhabiten, die Ende des 18. Jahrhunderts von dem Sektenführer Abd al-Wahhab gegründet wurde und den Wüstenscheich Ibn Saud für sich gewann. Den Wahhabiten ging es von Anfang an um die reaktionäre Wendung zu einer phantasmatischen „ursprünglichen Form“ des Islam, verstanden als rohe Buchstäblichkeit und verbunden mit besonders rigiden rituellen Äußerlichkeiten, drakonischer Henkersherrschaft und extremer Unterdrückung der Frauen. In Gestalt der saudischen Monarchie hat dieses religiöse Wahngebilde, eine frühe moslemische Version der heute im postmodernen Zerfallsprozess global und massenhaft sich ausbreitenden quasipolitisch-religiösen Sektenbewegungen, die äußere Form eines modernen Staatswesens angenommen und sich mit dem kapitalistisch vermittelten Ölreichtum aufgeblasen.

Eine Zwischenstellung zwischen den gescheiterten laizistischen Modernisierungsregimes und den monarchisch-reaktionären Gottesherrschaften, die von vornherein nur religionspolitische Nischenformen und gleichzeitig ein unselbständiges Segment des globalen Finanzkapitalismus bildeten, nimmt das Regime des schiitischen Islamismus im Iran ein, das aus dem gewaltsamen Sturz der Schah-Monarchie (1979) hervorgegangen ist: Hier überschneiden sich Modernisierungsversuche im Hinblick auf Industrieprojekte und rückwärtsgewandte Gottesherrschaft, republikanische Form und quasi-religiöse Konstitution, sodass sich (abgesehen von der mehr religiösen als politischen Ikonisierung der Figur Khomeini) kein „Führerprinzip“ wie in den laizistischen Diktaturen herausbilden konnte.

Im Krisenprozess der Globalisierung sind nun inzwischen die eigenständigen Modernisierungsversuche auch im Nahen Osten derart vollständig ruiniert und aufgerieben worden, dass ein Verwilderungs- und Konversionsprozess sämtlicher Regimes eingesetzt hat. Die letzten Dinosaurier-Diktatoren der gescheiterten Industrialisierung, die gleichzeitig nicht mehr wie im Kalten Krieg zwischen den Supermächten lavieren können, werden unberechenbar und neigen zu herostratischen Abenteuern wie etwa Saddam Hussein; unter den bröckelnden Fassaden der Staatsformen macht sich wie auch sonst in der Welt eine bewaffnete Clan- und Bandenherrschaft breit; und das ideologische Moment der gesellschaftlichen Allgemeinheit verlagert sich mehr und mehr auf die Form des militanten pseudoreligiösen Wahns.

Die Religion kann dabei auf der Basis von kapitalistischer Warenproduktion und Weltmarkt weder zur reproduktiven Konstitution der Gesellschaft wie in den vormodernen agrarischen Zivilisationen zurückkehren noch kann sie an die Stelle der modernen Politik treten; sie wird vielmehr im Nahen Osten so extrem wie nirgendwo sonst zur destruktiven und mörderischen Krisenideologie, die das unhaltbare Regime kapitalistischer Konkurrenzverhältnisse nicht überwindet, sondern in einer phantasmatischen Gestalt zuspitzt und dem Todestrieb der modernen Vernunft in ihrem weltlichen Scheitern Ausdruck verleiht. Weil der Nahe Osten in vieler Hinsicht einen Brennpunkt der aktuellen weltkapitalistischen Widersprüche bildet, nimmt der manifeste Todestrieb dort auch besonders drastische gesellschaftliche Ausmaße an. In diesem Sinne gehen sämtliche moslemischen Länder des Nahen Ostens, auch die bislang laizistischen, in einen islamistischen Zersetzungsprozess über und laden sich mit scheinreligiösen Hassideen auf.

Es ist bezeichnend, dass der gesamtwestliche Öl- und Sicherheitsimperialismus unter Ägide der USA seine Herrschaft über diesen zentralen strategischen Raum von Anfang an in erster Linie vermittels der reaktionären monarchischen Gottesherrschaften zu festigen suchte. Nicht die vordergründig der westlichen Lebensweise eigentlich viel näher stehenden laizistischen Modernisierungs-Regimes wurden als autochthone Sub-Repräsentanten bevorzugt, sondern die im Sinne der Modernisierung bloß dysfunktionalen, klerikal-politischen Alptraumregimes der saudischen Monarchie, der Sultanate, Emirate und Folter-Königreiche; und nicht obwohl, sondern gerade weil sie ihrem Wesen nach sich als besonders finster und gleichzeitig ökonomisch wie militärisch absolut unselbständig darstellen. Keineswegs zufällig waren es andererseits Staaten wie der Irak, Libyen und die schiitisch-islamistische Republik des Iran, die zu „Schurkenstaaten“ erklärt wurden, obwohl dort zum Beispiel die Position der Frauen auch heute noch erwiesenermaßen relativ besser ist als in den reaktionären Gottesmonarchien.

Der „ideelle Gesamtimperialismus“ hat sich zielsicher die instabilsten, absurdesten, wie einem blutigen Märchen entsprungenen Wahn- und Terror-Regimes der zentralen Ölregion als „befreundete Mächte“ ausgesucht. Indirekt und unfreiwillig ist es ein doppeltes Eingeständnis: nämlich erstens, dass der westliche Herrschaftsanspruch seinem Wesen nach selber bösartig und irrational ist; und zweitens, dass „Entwicklung“ und „Modernisierung“ gerade für die wichtigste Region der Ölförderung trotz gegenteiliger offizieller Ideologie in Wirklichkeit niemals vorgesehen waren. Es bedurfte der Teufelspakte mit den schlimmsten, reaktionärsten, von Anfang an durch islamische Bigotterie und Terrorherrschaft der (archaisch interpretierten) „Scharia“ gekennzeichneten Feudalmonster, um den schnöden und scheinrationalen Interessen-Materialismus der kapitalistischen Verbrennungskultur in der zentralen Ölregion abzusichern. Je mehr „Schurkenstaaten“ der Westen definiert, desto mehr sehen seine eigenen Freunde und Helfer in den Krisenregionen wie Hollywood-Schurken oder wie von Hieronymus Bosch erfundene Figuren aus.

Die Nemesis einer derartigen Ausgeburt imperialer Legitimation ließ nicht auf sich warten. In den Brüchen und Erschütterungen der Globalisierung, von denen die sozialökonomische Grundlage sämtlicher Regimes des Nahen Ostens ins Wanken gebracht oder schon hinweggefegt wurde, bilden gerade die mit dem Westen befreundeten klerikal-feudalen Regimes den Schoß, der die Dämonen des „antiwestlichen“ Islamismus ohne jede emanzipatorische Lebensperspektive gebiert. Wie auch sonst in der Welt und wie in seinem eigenen Inneren sind es auch hier und vor allem hier die eigenen Kreaturen des „ideellen Gesamtimperialismus“, die in der neuen Qualität gesellschaftlicher Zersetzungsprozesse aus seinen politisch-strategischen Labors entfliehen und mit besonderer Intensität als „Störfaktoren“ eines blind zuschlagenden Terrors durch das Ölimperium irren.

Keineswegs zufällig ist es gerade die wahhabitische Version einer besonders primitiven und brutalen islamistischen Sektenreligion, wie sie gleichzeitig die saudische Staatsreligion bildet, die zum Quellgrund eines Großteils des islamischen terroristischen Untergrunds und seiner Strömungen geworden ist. Die Fürsten des Terrors mit dem zu trauriger Berühmtheit gelangten Osama bin Laden an der Spitze, ihre Ideologen, Organisatoren und Helfershelfer sind zu neunzig Prozent Abkömmlinge der feudal-klerikalen Clans, auf die sich der Westen stützt, weil ihre Schreckensgestalt seinem eigenen imperialen Herrschaftsanspruch am besten entspricht. In der immer weniger beherrschbaren sozialökonomischen Krise werden jedoch die selbstgezüchteten Dämonen viel unberechenbarer und gefährlicher als die übrig gebliebenen Dinosaurier der gescheiterten Modernisierungs-Regimes. Der Westen bekommt mit den wahhabitischen und verwandten geheimen Terrorgesellschaften nicht nur, was er verdient, sondern auch, was er selbst gepäppelt und herangezogen hat.

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Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
851 s. 2 illüstrasyon
ISBN:
9783866748989
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