Kitabı oku: «Die Herren von Hermiston»
Die Herren von Hermiston
Robert Louis Stevenson
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
I Leben und Sterben von Mrs. Weir
2 Vater und Sohn
3 Betrifft das Hängen von Duncan Jopp
4 Ansichten des Richterkollegiums
5 Winter auf den Mooren
6 Ein Blatt aus Christinas Gesangbuch
7 Eintritt Mephistopheles'
8 Ein nächtlicher Besuch
9 Neben des Webers Stein
Impressum
Vorwort
In den öden Ausläufern eines schottischen Heidekirchspiels, weit außer Sichtweite von irgendeiner menschlichen Behausung, erhebt sich inmitten Heidekrauts ein Grabhügel sowie ein wenig östlich davon, dem Laufe des Baches folgend, ein Grabmal mit einigen halbverwitterten Versen. Dies ist der Ort, an dem Claverhouse mit eigener Hand den betenden Weber von Balweary erschoß, und die Sichel des Sensenmannes selbst hat gegen jenen einsamen Grabstein geklirrt. Weltgeschichte und lokale Geschichte haben demnach beide jenes kleine Tal zwischen den Bergen mit blutigem Finger gezeichnet; und seit der Cameronier dort vor zweihundert Jahren ohne Verständnis und ohne Bedauern, einer herrlichen Torheit zuliebe, sein Leben opferte, ist das Schweigen der Moore noch einmal durch den Knall von Feuerwaffen und den Schrei eines Sterbenden zerrissen worden.
Das Teufelsmoor war der alte Name des Ortes; jetzt aber heißt er Francies Grab. Eine Weile behaupteten die Leute, daß Francie umginge. Aggie Hogg traf ihn einmal in der Dämmerstunde neben dem Grabhügel; er sprach sie an, und seine Zähne klapperten dabei so stark, daß sie kein Wort verstehen konnte. Er verfolgte Rob Todd (falls auch nur eine Seele Robbie glauben könnte) eine halbe Meile weit mit jämmerlichen Bitten. Aber unser Zeitalter ist das Zeitalter der Skepsis; diese abergläubischen Verbrämungen bröckelten sehr bald ab, und nur die Tatsachen der Begebenheit selbst leben, dem Gebein eines dort verscharrten und halb ausgegrabenen Riesen gleich, nackt und unvollkommen im Gedächtnis der weit verstreuten Einwohner fort. Bis auf den heutigen Tag erzählt man an Winterabenden, wenn der Hagel gegen die Fenster prasselt und die Kühe im Stalle schlafen, unter dem andächtigen Schweigen der Jugend und den Zusätzen und Zurechtweisungen des Alters die Geschichte des Lord Oberrichters und seines Sohnes, des jungen Hermiston, der auf immer aus der Menschen Gesichtskreis schwand; der beiden Kirsties und der vier schwarzen Brüder von Cauldstaneslap sowie des »jungen Narren von Advokaten«, Frank Innes, der hinaus in diese Moore kam, seinem Verhängnis zu begegnen.
I
Leben und Sterben von Mrs. Weir
Der Lord Oberrichter galt in jenem Teile des Landes als ein Fremder; aber seine gnädige Frau Gemahlin war allen schon von Kindheit an bekannt, wie ihr Geschlecht vor ihr bereits bekannt gewesen war. Die alten »reitenden Rutherfords von Hermiston«, deren letzter Sproß sie war, standen von alters her in berüchtigtem Ansehen: lauter schlechte Nachbarn, schlechte Untertanen und schlechte Gatten, wenn auch tüchtige Hauswirte. Anekdoten gingen über sie um auf zwanzig Meilen in der Runde, und ihr Name fand sich sogar schwarz auf weiß in den Blättern unserer schottischen Geschichte, obschon nicht immer zu ihrem Ruhme. Der eine mußte zu Flodden den Staub küssen; ein anderer wurde von Jakob V. an seinem eigenen Burgtor aufgehängt; ein dritter sank tot um bei einem Zechgelage mit Tom Dalyell, während ein vierter (Johannas eigener Vater) als Vorsitzender des Höllenfeuerklubs starb, den er selbst begründet hatte. Damals wurden zu Crossmichael ob dieses Gottesurteils gar viele Köpfe geschüttelt, zumal der Mann bei groß und klein, bei den Frommen wie bei den Weltleuten einen verabscheuungswürdigen Ruf besaß. Im Augenblick seines Ablebens hatte er bei den Assisen nicht weniger als zehn Klagen angestrengt, von denen acht auf Unterdrückung der Schwachen abzielten. Das gleiche Schicksal erstreckte sich sogar auf seine Verwalter. Des Gutsherrn Inspektor, seine rechte Hand in manchem linkshändigen Geschäft, fiel eines Nachts vom Pferde und ertrank in dem Torfmoor bei Kye-skairs; ja selbst sein Anwalt sollte ihn nicht lange überleben (obwohl doch Advokaten bekanntlich mit langen Löffeln essen). Er starb ganz plötzlich an einem Schlagfluß.
In allen diesen Generationen, solange ein Rutherford mit seinen Burschen im Sattel saß oder im Wirtshaus sich raufte, gab es daheim auf der alten Burg oder in dem späteren Herrenhaus ein bleiches Ehegespons. Es scheint, daß diese lange Reihe von Märtyrerinnen sich in Geduld faßte, aber endlich sollte ihnen doch ihre Rache werden; das geschah in der Person ihrer letzten Nachkommin Johanna. Sie trug zwar den Namen der Rutherfords, aber sie war die Tochter der zitternden Ehefrauen. Anfänglich entbehrte auch sie nicht des Reizes. Die Nachbarn erinnerten sich, in ihr als Kind Züge eines schwachen, elfenhaften Mutwillens wahrgenommen zu haben, sanfte, kleine Widerspenstigkeiten, traurige, kurze Anfälle von Heiterkeit, ja selbst einen Morgenstrahl von Schönheit, dessen Verheißung jedoch niemals in Erfüllung ging. Sie welkte bereits im Blühen und erreichte ihre Reife (sei es durch die Sünden der Väter oder die Leiden ihrer Mütter) geknickt, ja gleichsam entblättert – ohne Lebenssaft, Kraft und Frohsinn; fromm, sorgenvoll, empfindsam, tränenreich und untüchtig.
Vielen war es ein Wunder, daß sie überhaupt geheiratet hatte – sie war so ganz aus dem Holz, aus dem man die alten Jungfern schnitzt. Aber ein Zufall warf sie Adam Weir, dem neugebackenen Lord Staatsanwalt, einem anerkannt tüchtigen, zu hohen Ehren emporgestiegenen Manne, in den Weg, diesem Sieger über viele Hindernisse, der sich jetzt in vorgerückten Jahren nach einer Gattin umzuschauen begann. Er war ein Mann, der mehr auf Gehorsam als auf Schönheit sah; dennoch schien er gleich auf den ersten Blick einen tiefen Eindruck von Johanna empfangen zu haben. »Wer ist die da?« fragte er seinen Wirt und fügte hinzu, als dieser ihm geantwortet hatte: »So, so; sie sieht recht sittsam aus. Sie erinnert mich –«, und nach einer Pause (die etliche die Kühnheit hatten, einer sentimentalen Erinnerung zuzuschreiben) forschte er weiter: »Ist sie religiös?« Kurz danach wurde er auf sein eigenes Gesuch ihr vorgestellt. Diese Bekanntschaft, die man nur profanerweise als eine Liebeswerbung bezeichnen kann, wurde von Mr. Weir mit gewohnter Energie gepflegt und lebte lange Zeit als Fabel, oder besser als Quelle von allerlei fabelhaften Gerüchten, im Parlamentshaus fort. Man schilderte, wie Weir, ganz rosig vom vielen Portwein, den Salon betrat, schnurstracks auf die Dame zusteuerte und sie mit allerhand Scherzen bestürmte, auf welche die verlegene Schöne nur mit einem qualvollen »Herrjeh, Mr. Weir!« oder »Liebe Zeit, Mr. Weir!« oder »Gott schütz uns, Mr. Weir!« zu antworten vermochte. Noch am Vorabend ihrer Verlobung wollte jemand, der sich dem zärtlichen Paare genaht, gehört haben, wie die Dame im Tone eines Menschen, der, nur um nicht zu schweigen, redet, fragte: »Großer Gott, Mr. Weir, und was tat man mit ihm?« Worauf die tiefe Stimme des Freiers antwortete: »Ihn henken, Madame, ihn henken!«
Die Motive auf beiden Seiten wurden viel erörtert. Mr. Weir muß seine Braut aus irgendeinem Grunde für eine sehr passende Lebensgefährtin gehalten haben; vielleicht gehörte er zu jener Klasse Männer, die einen schwachen Verstand bei Frauen schätzen – eine Auffassung, die schon in diesem Leben unfehlbar bestraft wird. Abstammung und Vermögen der Dame waren jedenfalls tadelfrei. Ihre räuberischen Ahnen und ihr händelsüchtiger Vater hatten Johanna mit Glücksgütern bedacht. Es waren sowohl weite Äcker wie bares Geld vorhanden, bereit, dem Gatten ein für allemal überantwortet zu werden, seinen Nachkommen Würde und ihm selbst einen Titel zu verleihen, wenn man ihn erst auf den Richterstuhl berufen hätte. Andererseits bestand für Johanna wohl ein gewisser Reiz der Neugier diesem unbekannten, männlichen Tier gegenüber, das sich ihr mit der Rauheit eines Bauern und dem Aplomb des Advokaten näherte. Da er einen so schneidenden Gegensatz zu allem bot, was sie kannte, liebte und verstand, mag er ihr sehr wohl als das Extrem, wenn auch nicht als das Ideal seines Geschlechts erschienen sein. Außerdem war er ein Mann, dem man so leicht keinen Korb geben konnte. Wenn auch nur wenig über vierzig, sah er zur Zeit seiner Heirat doch bereits älter aus; dem Gewichte der Mannheit gesellte sich die senatorische Würde der Jahre hinzu; zwar betrachtete sie ihn mit unheiliger Ehrfurcht, aber mit Ehrfurcht trotz alledem. Das Richterkollegium, die Anwaltschaft, die gerissensten und widerspenstigsten Zeugen – alle neigten sich seiner Autorität – weshalb da nicht auch die kleine Hanna Rutherford?
Jene Ketzerei betreffs törichter Ehefrauen wird, wie gesagt, stets bestraft, und Lord Hermiston begann auf der Stelle die Buße zu zahlen. Sein Haus in George Square wurde entsetzlich schlecht geführt; nichts stand im entsprechenden Verhältnis zur Höhe des Aufwands als sein Weinkeller, den er persönlich verwaltete. Wenn bei der Tafel alles verkehrt ging, was ständig der Fall war, pflegte Mylord über den Tisch hinweg seine Frau anzublicken: »Mir scheint, diese Brühe ist besser zum Baden als zum Essen geeignet.« Oder zu dem Haushofmeister gewandt: »Hier, M'Killop, fort mit diesem radikalen Gigot – bring's den Franzosen, Kerl, und hol mir ein paar Frösche. Es ist doch eine harte Sache, daß ich den ganzen Tag im Gerichtshof Radikale aufhängen muß und nachher zu Hause nicht mal was zu essen bekomme.« Natürlich war das nur eine Redensart; niemals in seinem Leben hatte er einen Mann seines Radikalismus wegen gehenkt, da das Gesetz, dessen treuer Diener er war, es anders bestimmte. Und ebenso natürlich war dieser knurrende Protest als eine Art Witz gedacht, aber es war ein versteckter Witz; und mit tönender Stimme vorgetragen und von jenem Ausdruck begleitet, den man im Parlamentshaus als »Hermistons Henkergesicht« bezeichnete, erfüllte er die Frau mit lähmender Bestürzung. Da saß sie ihm gegenüber, sprachlos und zitternd; bei jedem Gang hing ihr Blick, wie bei einer Feuerprobe, unsicher an Mylords Antlitz, nur um sich sogleich wieder zu senken. Aß er schweigend, so war unaussprechliche Erleichterung ihr Los, klagte er, versank die Welt in Finsternis. Dann pflegte sie die Köchin, die stets »ihre Schwester im Herrn« war, aufzusuchen. »Ach, Liebste, es ist ein schrecklich Ding, daß Mylord niemals in seinem eigenen Hause zufriedengestellt werden kann«, so lautete der Anfang; und dann weinte sie und betete mit der Köchin; und dann betete die Köchin mit Mrs. Weir; und am folgenden Tage pflegte die Mahlzeit nicht um einen Penny besser zu sein – und die nächste Köchin war (wenn sie überhaupt erschien) womöglich noch schlechter, aber nicht minder fromm. Vielfach wunderte man sich, daß Lord Hermiston die Sache so ruhig nahm; in Wahrheit war er ein stoischer, alter Genüßling, zufrieden mit solidem Wein, und zwar in reichlichen Mengen. Dennoch gab es Momente, in denen ihm die Geduld riß. Vielleicht ein halbes dutzendmal in der Geschichte seiner Ehe brach er mit fürchterlicher Wut und ein paar knappen Gebärden in die Worte aus: »Hier, schaff das fort, und bring mir ein Stück Brot und Käse.« Niemand fiel es ein, zu protestieren oder sich zu entschuldigen; die Mahlzeit wurde abgebrochen; Mrs. Weir flennte unverhohlen am Kopfende der Tafel, während seine Lordschaft ihr gegenüber mir betonter Gleichgültigkeit sein Brot und seinen Käse kaute. Ein einziges Mal nur hatte Mrs. Weir hilfesuchend eine Bitte gewagt. Das geschah, als er auf dem Wege in sein Studierzimmer an ihrem Stuhl vorbeischritt.
»Ach, Adam«, jammerte sie mit einer Stimme, tragisch von vielen Tränen, und streckte ihm, in der einen Hand ein triefendes Taschentuch, beide Arme entgegen.
Er hielt mit zornigem Ausdruck inne; allmählich jedoch, während er sie musterte, stahl sich ein Funken von Humor in seinen Blick.
»Unsinn!« sagte er. »Du mit deinem Unsinn! Was nützt mir eine christliche Familie? Eine christliche Suppe will ich! Hol mir 'ne Dirn, die eine simple Kartoffel kochen kann, und wär's eine Hure von der Straße.« Und mit diesen Worten, die in ihren zarten Ohren wie Blasphemie widerhallten, war er an ihr vorüber in sein Zimmer geschritten und hatte die Tür hinter sich geschlossen.
So war die Hauswirtschaft in George Square. Besser war es damit auf Hermiston bestellt. Dort ruhten alle Lasten auf Kirstie Elliott, der Schwester eines kleinen Grundbesitzers aus der Nachbarschaft, die zugleich im achtzehnten Grade mit Mylady verwandt war und dort ein geordnetes Haus wie eine gute, ländliche Tafel führte. Kirstie war eine Frau unter tausend, sauber, tüchtig, bemerkenswert, ehemals eine Helena der Heide und noch immer ansehnlich schön wie ein rassiges Pferd und so gesund wie der Wind von den Bergen. Vollbusig, vollstimmig und vollblütig, führte sie mit ganzer, leidenschaftlicher Seele und viel Lärm, der nicht ohne heftige Zusammenstöße verlief, die Wirtschaft. Sie war kaum frömmer, als der Anstand der damaligen Zeit es verlangte, und bot Mrs. Weir daher Anlaß zu vielen sorgenvollen Bedenken und tränenreichen Gebeten. Haushälterin und Herrin erneuerten in ihrer Person die Rollen von Martha und Maria, und Maria stützte sich, wenn auch mit nagendem Gewissen, auf die Stärke Marthas wie auf einen Fels. Selbst Lord Hermiston brachte Kirstie besondere Hochachtung entgegen. Wenigen Menschen gegenüber zeigte er sich so leutselig, wenige beehrte er mit so zahlreichen Scherzen. »Kirstie und ich müssen unseren Spaß haben«, erklärte er in glänzender Laune, während er Kirsties frische Haferkuchen mit Butter bestrich und Kirstie ihm bei Tisch aufwartete. Für diesen Mann, den es weder nach Liebe noch nach Popularität gelüstete, für diesen scharfsichtigen Kenner von Menschen und Ereignissen gab es vielleicht nur eine Wahrheit, die er sich niemals träumen ließ: niemals vermutete er, daß Kirstie ihn haßte. Er hielt Herrn und Dienerin für trefflich gepaart; beide waren sie harte, tüchtige, gesunde, derbe Schotten, ohne eine Spur von Firlefanz. Tatsache war, daß Kirstie die schwache, weinerliche Dame zur Göttin und zu ihrem einzigen Kinde erhoben hatte; ja mitunter, wenn sie bei Tisch bediente, juckte es sie in den Fingern, mit Mylords Ohren nähere Bekanntschaft zu schließen.
So genoß nicht nur Mylord, nein auch Mrs. Weir ihre Ferien, wenn sich die Familie auf Hermiston befand. Befreit von dem fürchterlichen Ausblick auf ein verunglücktes Essen, nähte Madame ihren Saum, las ihre Andachtsbücher und machte (auf Befehl von Mylord) ihren Spaziergang, mitunter allein, mitunter aber auch in Begleitung Archies, des einzigen Kindes dieser kaum natürlichen Verbindung. Das Kind war das Band, das sie am innigsten mit dem Leben verknüpfte. Die erfrorene Knospe ihres Gefühls erblühte von neuem, tief sog sie den Atem des Lebens ein, entfesselte in des Kindes Gesellschaft die Ströme ihres Herzens. Das Wunder ihrer Mutterschaft blieb ihr ewig neu. Der Anblick des kleinen Kerls an ihrem Rockzipfel berauschte sie mit einem Gefühl der Macht, während gleichzeitig das Bewußtsein der Verantwortlichkeit ihr das Blut in den Adern gefror. Sie blickte in die Zukunft und sah ihn im Geiste heranwachsen und auf der Weltbühne eine vielgestaltige Rolle spielen: sogleich hielt sie den Atem an und gab mit lebhafter Willensanstrengung ihrem Mute neuen Schwung. Nur in des Kindes Gegenwart vermochte sie sich ganz zu vergessen und wenigstens zu Momenten natürlich zu sein; und doch war es ihr wieder nur dem Kinde gegenüber möglich, konsequent zu bleiben. Archie sollte ein großer und ein guter Mann werden, wenn möglich ein Diener des Herrn, ein Heiliger ganz gewiß. Sie versuchte ihn für ihre Lieblingsbücher zu interessieren: Rutherfords »Briefe«, Scougals »Fülle der Gnade« usw. Es gehörte zu ihren liebsten Gewohnheiten (eine Tatsache, die jetzt wundernimmt), das Kind nach dem Teufelsmoor zu tragen, sich dort mit ihm auf des »Betenden Webers« Stein zu setzen und ihm von den Covenanters zu erzählen, bis ihnen beiden die Tränen über die Backen rannen. Ihre Auffassung der Weltgeschichte war völlig naiv, eine Zeichnung in Schnee und Tinte; liebliche Heilige mit Psalmen auf den Lippen einerseits, auf der anderen Seite die Schar der Verfolger, gespornt, blutrünstig, vom Weine erhitzt: hie leidender Christ, dort rasender Beelzebub. Verfolger: das war das Wort, das der Frau ans Herz griff, das für sie den Gipfel des Bösen bedeutete, und sein Makel lastete auch auf ihrem Hause. Ihr Ururgroßvater hatte auf dem Schlachtfelde von Rullion Green gegen die Gesalbten des Herrn das Schwert gezogen und der Überlieferung zufolge in den Armen des abscheulichen Dalyell sein Leben ausgehaucht. Auch vermochte sie sich der Wahrheit nicht zu verschließen, daß, hätten sie in den alten Zeiten gelebt, Hermiston selbst zu den Reihen des Blutigen Mackenzie und der Schlauköpfe Lauderdale und Rothes, kurz zu der Horde von Gottes persönlichen Feinden gehört haben würde. Dieses Bekenntnis bewegte sie tief im Innersten und peitschte sie zu noch glühenderer Andacht auf; die Stimme, in der sie das Wort »Verfolger« aussprach, erschütterte das Kind bis ins Mark hinein; und als eines Tages der Pöbel sie alle in Mylords Reisewagen auspfiff und verhöhnte und »Nieder mit dem Verfolger! Nieder mit dem Henker Hermiston!« schrie, während Mama die Hand vor ihre Augen hielt und weinte und Papa lediglich die Fensterscheibe herunterließ und den Mob mit seinem drolligen, fürchterlichen, bitteren und doch zugleich lächelnden Ausdruck musterte – dem Ausdruck – so sagten die Leute –, den er mitunter hatte, wenn er jemandem sein Urteil verkündete – ja, da war Archies grenzenlose Verwunderung viel zu groß, um das Gefühl der Furcht aufkommen zu lassen. Kaum jedoch war er mit seiner Mutter allein, als seine schrille Kinderstimme eine Erklärung forderte: Weshalb hatten sie Papa einen »Verfolger« genannt?
»Gott schütz uns, mein Liebling!« rief sie. »Gott schütz uns! Die Sache ist eine politische Sache, mein Schatz! Niemals darfst du nach einer politischen Sache fragen, Archie. Dein Vater ist ein großer Mann, mein Schatz, und es kommt weder dir noch mir zu, ihn zu richten. Es würde uns allen zum Ruhme gereichen, wenn jeder von uns sich in seiner Stellung so führte, wie dein Vater in seinem hohen Amt; laß mich nie wieder eine so unehrerbietige und pflichtvergessene Frage hören! Nicht etwa, daß du die Absicht hattest, unehrerbietig zu sein, mein Lämmchen. Deine Mutter weiß das schon – sie weiß es ganz genau, mein Herzblatt.« Und damit glitt sie zu gefahrloseren Themen über, hinterließ jedoch in dem Kindergemüt ein dumpfes, aber unauslöschliches Gefühl des Unrechts.
Mrs. Weirs Lebensphilosophie ließ sich in ein Wort zusammenfassen: Empfindsamkeit! So wie sich ihr das ganz von der Glut der Höllentore erleuchtete Weltall malte, waren gute Menschen verpflichtet, in einer Art Ekstase der Empfindsamkeit durchs Leben zu gehen. Die Tiere und Pflanzen besaßen zwar keine Seelen, aber sie waren ja nur auf einen Tag geschaffen; mochte dieser Tag ihnen sanft verrinnen! Und was die unsterblichen Menschen betraf – wie abschüssig war der Pfad, den viele von ihnen gingen – wie grausam die Ewigkeit, in die er mündete! »Kauft man nicht zwei Sperlinge –« »So dir jemand einen Streich gibt –« »und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte« »Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet« – diese Texte bedeuteten für sie das A und O des Gottesworts. Sie zog sie morgens mit ihren Kleidern an und legte sich des Nachts mit ihnen schlafen; sie gingen ihr unablässig im Kopfe herum wie eine geliebte Melodie und umschwebten sie gleich einem Lieblingsparfüm. Der Familiengeistliche war ein kerniger Ausleger der Schrift, dem Mylord mit Behagen lauschte; allein Mrs. Weir verehrte ihn nur von ferne, hörte sein nützliches Dröhnen jenseits der Rampen des Dogmas (gleich den Kanonen einer belagerten Stadt) und weilte inzwischen innerhalb wie außerhalb der Schußweite in ihrem privaten Garten, den sie mit dankbaren Tränen wässerte. Seltsam zu sagen, war diese farblose und rückgratlose Frau wahrhaft fromm; sie hätte der Sonnenschein und der Ruhm eines Klosters werden können. Vielleicht kannte niemand außer Archie ihre Beredsamkeit; er allein hatte seine Mutter mit geröteten Wangen und verschlungenen oder bebenden Händen gesehen, ganz sanfte Glut. In dem Parke von Hermiston gibt es einen Winkel, von wo aus man einen unerwarteten Blick auf den Gipfel des Schwarzen Berges hat, der mitunter nichts weiter ist als die grasige Kuppe einer Anhöhe, mitunter aber auch (um Mrs. Weirs eigenen Ausdruck zu gebrauchen) einem kostbaren Juwel in einer Wolkenfassung gleicht. Wenn der Berg an solchen Tagen plötzlich vor ihr auftauchte, preßten ihre Finger sich um die des Kindes, und ihre Stimme schwang sich zu einem Liede auf. »Auf die Berge möcht' ich steigen!« sang sie und fügte hinzu: »Ach, Archie, sind sie nicht wie die Hügel Naphtalis?«, und ihre Tränen strömten.
Auf ein eindrucksfähiges Kind mußte diese ständige, sanfte Begleitmusik des Lebens eine tiefe Wirkung ausüben. Der Frau Quietismus und Frömmigkeit gingen ungeschmälert auf seine völlig verschiedene Natur über; aber während sie dort dem eingeborenen Gefühl entsprangen, waren sie hier nur ein eingepflanztes Dogma. Natur und des Kindes Kampflust lehnten sich manchmal dagegen auf. Ein Proletarierjunge aus der Potterrow schlug ihn eines Tages auf den Mund; er schlug zurück, die beiden trugen die Sache in einer Gasse hinter den Ställen bei den Meadows aus, und Archie kehrte mit einer beträchtlich verminderten Anzahl Vorderzähne nach Hause zurück, wo er in wenig erbaulicher Weise mit den Verlusten seines Feindes prahlte. Das war ein schlimmer Tag für Mrs. Weir; sie betete und weinte über dem jugendlichen Sünder, bis die Zeit von Mylords Heimkehr vom Gericht herannahte und sie die Miene zittriger Ruhe aufsetzen mußte, mit der sie ihn zu begrüßen pflegte. Der Richter war an jenem Tage in beobachtender Laune und bemerkte sehr bald die fehlenden Zähne. »Ich fürchte, Archie hat mit einem der Burschen aus dem Hinterhause gerauft«, sagte Mrs. Weir.
Mylords Stimme dröhnte, wie sie das in der Zurückgezogenheit seiner Häuslichkeit selten tat. »Dergleichen Dinge verbitte ich mir, Junge! Hast du mich verstanden? – Alle dergleichen Dinge! Ich dulde nicht, daß sich ein Sohn von mir mit irgendwelchem schmutzigen Pöbel in der Gosse wälzt!«
Die besorgte Mutter war dankbar für eine so kräftige Unterstützung; sie hatte eher das Gegenteil befürchtet. Und als sie an jenem Abend das Kind zu Bett brachte, sagte sie: »Jetzt siehst du's, mein Herz. Ich hab' dir ja vorausgesagt, was dein Vater davon denken würde, wenn er erführe, daß du dich zu dieser schrecklichen Sünde hast verleiten lassen; und jetzt wollen du und ich zu Gott beten, daß er dich vor einer ähnlichen Versuchung bewahren oder dir Kraft verleihen möge, ihr zu widerstehen!«
Die weibliche Lüge war in diesem Falle umsonst. Eis und Eisen lassen sich nicht zusammenschweißen, und die Standpunkte des Lord Oberrichters und Mrs. Weirs waren nicht weniger antagonistisch. Charakter und Stellung seines Vaters waren Archie schon längst ein Stein des Anstoßes, und die Schwierigkeit wuchs mit jedem Jahre, das er älter wurde. Der Mann verhielt sich meistens schweigsam; wenn er aber überhaupt redete, geschah es, um weltliche Dinge in durchaus weltlichem Geiste vorzutragen, teils in einer Sprache, die man den Jungen gelehrt hatte als roh zu betrachten, teils sogar mit Worten, die er als direkt sündhaft erkannte. Zärtliche Sanftmut war die vornehmste Pflicht, und Mylord war unfehlbar hart. Gott war die Liebe; der Name Mylords lautete (für alle, die ihn kannten) Furcht. In dem Weltschema, das die Mutter Archie aufgebaut hatte, war eines derartigen Geschöpfes Platz gezeichnet. Dort gab es Menschen, die man bemitleiden mußte und für die zu beten gut, wenn auch wahrscheinlich vergeblich war. Diese wurden Verworfene, Böcke, Feinde Gottes genannt, Fackeln, die sich selbst verzehrten; Archie fand ein jedes Merkmal hier vertreten und zog den unvermeidlichen Schluß, daß der Lord Oberrichter der größte aller Sünder sei.
Der Mutter Aufrichtigkeit war kaum vollkommen. Einen einzigen Einfluß gab es, den sie für ihr Kind fürchtete und im geheimen bekämpfte: den Mylords; und halb unbewußt, halb in willkürlicher Blindheit fuhr sie fort, ihres Gatten Stellung bei ihrem Sohne zu unterminieren. Solange Archie schwieg, tat sie dies erbarmungslos, den Blick einzig auf des Kindes Seelenheil gerichtet; aber es kam der Tag, da Archie redete. Es war im Jahre 1801, als er das siebente Jahr vollendet hatte und für sein Alter bereits eine ungewöhnliche Wißbegier und Logik zeigte. War es Sünde und verboten, andere zu richten, weshalb war Papa dann ein Richter? Und machte aus der Sünde einen Beruf? Und trug ihren Namen als eine Auszeichnung?
»Ich verstehe es nicht«, sagte der kleine Rabbi und schüttelte altklug den Kopf.
Mrs. Weir floß über von Gemeinplätzen.
»Nein, ich kann es trotzdem nicht verstehen«, wiederholte Archie. »Und ich will dir was sagen, Mama, ich glaube nicht, daß du und ich berechtigt sind, bei ihm zu bleiben.«
Das rüttelte die Frau auf; sie sah sich abtrünnig von ihrem Mann, ihrem Gebieter und Ernährer, von ihm, für den sie (soweit Weltlichkeit überhaupt in ihrer Natur lag) einen gewissen unterdrückten Stolz empfand. Sie tat sofort Buße in Form eines Vortrages über Mylords Ruhm und Größe, seine verdienstvollen Leistungen in dieser Welt des Leides und des Unrechts und über den Platz, den er einnähme, hoch erhaben über Kinder und Unmündige, die ihn niemals zu erkennen oder zu kritisieren hoffen dürften. Aber Archie hatte seine Antwort parat: Waren nicht Kinder und Unmündige Typen des Gottesreichs? Waren Ruhm und Größe etwa nicht der Welt Abzeichen? Und überhaupt, wie war das mit dem Mob gewesen, der Mylords Wagen umbrandet hatte?
»Das ist alles schön und gut«, schloß er, »aber meine Meinung ist, Papa hat kein Recht, Richter zu sein. Und das ist anscheinend noch nicht mal das Schlimmste. Es scheint, sie nennen ihn den ›Henker-Richter‹ – es scheint, daß er grausam ist. Ich will dir was sagen, Mama, ich muß immer an den Text denken: ›Besser wäre es für jenen Menschen, man hinge ihm einen Mühlstein um den Hals und würfe ihn in die tiefste See.‹«
»Ach, mein Lamm, nie wieder darfst du so etwas sagen!« jammerte sie. »Du sollst Vater und Mutter ehren, mein Herz, auf daß du lange lebest auf Erden. Das sind nur Atheisten, die sich gegen ihn auflehnen – französische Atheisten, Archie. Du willst dich doch nicht mit französischen Atheisten auf ein und dieselbe Stufe stellen? Es würde mir das Herz brechen, wenn ich das von dir glauben müßte. Ach Archie, Archie, bist du es denn nicht selber, der sich jetzt zu seinem Richter aufwirft? Hast du Gottes unmißverständliches Gebot – das erste mit einer Verheißung – schon so rasch vergessen? Denke an den Splitter des anderen und an den Balken im eigenen Auge!«
Nachdem sie also den Krieg ins feindliche Lager getragen, vermochte die geängstigte Dame wieder zu atmen. Ohne Zweifel ist es auch leicht, ein Kind derart mit Schlagworten zu überfallen, aber es ist noch sehr die Frage, inwiefern es wirksam ist. Ein Instinkt in der Brust des Kindes entdeckt die Sophisterei und verdammt sie. Es wird sich zwar sogleich unterwerfen, insgeheim aber an seiner Ansicht festhalten. Denn selbst in der primitiven und uralten Beziehung zwischen Mutter und Kind gebiert eine scheinheilige Lüge die andere.
Als in jenem Jahre die Gerichtsferien anbrachen und die Familie nach Hermiston übersiedelte, fiel es allgemein im Lande auf, daß die gnädige Frau arg kränkelte. Sie schien unversehens ihren Halt am Leben zu verlieren und dann wiederzugewinnen; mitunter saß sie teilnahmslos, ja in grenzenloser Verwirrung; dann wieder erwachte sie zu fieberhafter, schwächlicher Tätigkeit. Sie lungerte bei den Mägden und deren Hausarbeit herum und beobachtete sie mit stumpfen Blicken, schickte sich an, in alten Schränken und Kommoden zu kramen, wobei sie die Arbeit halb verrichtet wieder liegenließ, und pflegte allerlei Bemerkungen mit großer Lebhaftigkeit anzufangen, nur um sie widerstandslos wieder abzubrechen. Im allgemeinen gemahnte sie an jemand, der etwas vergessen hat und sich nun vergeblich daran erinnern möchte, und während sie so nacheinander die wertlosen und rührenden Andenken ihrer verlorenen Jugend durchstöberte, hätte man meinen können, daß sie in ihnen nach jenem vergessenen Gedanken suche. Etwa um dieselbe Zeit teilte sie zahlreiche Geschenke unter den Nachbarn und Hausdirnen aus, jedoch gleichsam mit einem Ausdruck des Bedauerns, der die Empfänger verlegen machte. An ihrem letzten Abend auf Erden war sie mit einer Handarbeit beschäftigt und lag ihr mit so unverhohlenem Eifer ob, daß selbst Mylord (der nicht oft neugierig war) sie fragte, was sie denn da mache.
Sie errötete bis über die Ohren. »Ach, Adam, es ist für dich! Pantoffeln! Ich – ich habe dir niemals Pantoffeln gestickt.«
»Du verrückte, alte Kruke!« war seiner Lordschaft Erwiderung, »'ne nette Figur würd' ich abgeben, wenn ich in Pampuschen herumschlurfte!«
Am folgenden Tage zur Stunde des Spazierengehens mischte sich Kirstie ein. Kirstie nahm das Hinsiechen ihrer Herrin sehr schwer, verübelte es ihr, zankte sie aus und überhäufte sie mit Vorwürfen, die Besorgnisse echter Liebe unter der Maske der Übellaunigkeit verbergend. An diesem Tage von allen Tagen bestand sie äußerst unehrerbietig, ja mit einer Art bäurischer Wut darauf, daß Mrs. Weir zu Hause bleibe. Aber deren Antwort lautete nur: »Nein, nein, es ist Mylords Befehl«, und sie brach wie gewöhnlich zu ihrem Spaziergang auf. Archie spielte auf dem Sumpfacker irgendein kindliches Spiel, dessen Gegenstand Schlamm war; sie blieb stehen und sah zu ihm hinüber, als wolle sie ihn rufen. Dann überlegte sie es sich anders, seufzte, schüttelte den Kopf und setzte allein ihren Rundgang fort. Am Bach stieß sie auf die Hausmägde beim Waschen und ging mit ihrem schlenkernden, müden, nachlässigen Schritt vorüber.
»'s ist doch 'n jämmerliches Geschöpf, die Frau«, sagte eine der Dirnen.
»Unsinn«, meinte die andere, »das Weib ist krank.«
»Pah, ich seh' keinen Unterschied«, entgegnete die erste. »Ein saftloses Frauenzimmer, ein elendes, altes Weibsbild.«
Das so besprochene arme Wesen schlenderte währenddessen verloren durch das Grundstück. In ihrem Geiste wogten und verebbten die Strömungen und rissen sie wie Seetang hin und her. Sie schlug den einen Pfad ein, blieb stehen, kehrte um und versuchte es mit einem neuen, immer suchend, suchend und hatte doch schon im nächsten Augenblick ihr Vorhaben wieder vergessen, da das Wahlvermögen in ihrem Busen längst erloschen oder zum mindesten jeder Konsequenz beraubt war. Plötzlich jedoch war es ihr, als habe sie sich des Vergessenen erinnert oder einen Entschluß gefaßt; sie wandte sich eilig, hastete zurück und erschien im Speisezimmer, das Kirstie gerade aufräumte, wie jemand, der einen wichtigen Auftrag zu erledigen hat.
»Kirstie«, hub sie an und stockte; dann fuhr sie mit Überzeugung fort: »Mr. Weir ist nicht geistlich gesinnt, aber er ist mir ein guter Mann gewesen.«
Es war vielleicht das erstemal seit ihres Mannes Aufstieg, daß sie das Vorwort zu seinem Namen, auf das die zärtliche, inkonsequente Frau nicht wenig stolz war, vergaß. Und als Kirstie der Sprechenden ins Gesicht blickte, erkannte sie, daß dort eine Veränderung vorgegangen war.
»Gott steh uns bei, was fehlt Ihnen, Madame?« rief die Haushälterin und erhob sich hastig von dem Teppich.
»Ich weiß nicht«, erwiderte kopfschüttelnd ihre Herrin. »Aber er ist nicht geistlich gesinnt, meine Liebe.«
»Hier, setzen Sie sich! Um Gottes willen, was fehlt der Frau?« rief Kirstie, eilte, sie zu stützen, und drückte sie in Mylords eigenen Sessel neben dem Kamin.
»Gott schütz uns, was ist das?« keuchte Mrs. Weir. »Kirstie, was ist es nur? Ich fürchte mich.«
Das waren ihre letzten Worte.
Es war um die Dämmerstunde, als Mylord heimkehrte. Der Sonnenuntergang, eine strahlende Wolkenmasse, stand ihm im Rücken, und vor ihm am Wegrande entdeckte er wartend Kirstie Elliott. Sie war in Tränen aufgelöst und redete ihn in den hohen, falschen Tönen barbarischer Trauer an, wie man sie heute noch, wenn auch gemildert, in der schottischen Heide findet.
»Der Herr erbarme sich Eurer, Hermiston! Der Herr gebe Euch Kraft!« schrillte sie. »Weh über mich, daß ich es Euch verkünden muß!«
Er parierte sein Pferd und blickte mit seinem Henkergesicht auf sie herab.
»Sind die Franzosen gelandet?«
»Mann, Mann«, rief sie, »ist das alles, woran Ihr zu denken vermögt? Der Herr gebe Euch Geduld: der Herr tröste und schütze Euch!«
»Ist jemand gestorben?« fragte seine Lordschaft. »Doch nicht Archie?«
»Gott sei Dank, nein!« rief das Weib, vor Schreck in einen natürlichen Ton fallend. »Nein, nein, so schlimm ist es nicht, 's ist die Frau, Mylord; vor meinen Augen ist sie verschieden. Einen einzigen Seufzer stieß sie aus und war hinüber. Ach, mein süßes Fräulein Hannchen; ich sehe sie noch vor mir!« Und wieder brach sie in eine Klageflut aus, von der Art, in der Frauen ihrer Klasse stets schwelgen und exzellieren.
Lord Hermiston saß aufrecht im Sattel und musterte sie. Dann schien er seine Selbstbeherrschung zurückzugewinnen.
»Nun, es ist etwas plötzlich gekommen«, meinte er. »Aber sie war immer schon ein schwächliches Frauenzimmer.«
Und er ritt in eiligem Trabe heim, Kirstie an seinem Sattelknopf. In den Kleidern ihres letzten Ausganges hatten sie die tote Frau auf ihrem Bette aufgebahrt. Im Leben war sie niemals interessant gewesen; sie war auch nicht ergreifend im Tode; und als ihr Gatte jetzt vor ihr stand, die Hände hinter seinem mächtigen Rücken verschränkt, erschien ihm das, was er aus seiner Höhe dort betrachtete, als eine Verkörperung alles dessen, was in der Welt unbedeutend ist.
»Sie und ich waren niemals füreinander zugeschnitten«, bemerkte er endlich. »Es war eine verdrehte Heirat.« Und er fügte mit ausnehmender Sanftheit hinzu: »Arme Krott, arme Krott!« Dann plötzlich: »Wo ist Archie?«
Kirstie hatte ihn in ihr Zimmer gelockt und ihm eine Marmeladenschnitte gegeben.
»Einen Funken von Verstand hast du ja«, bemerkte der Richter und betrachtete grimmig seine Haushälterin. »Alles in allem – es hätte können schlimmer kommen –, ich hätte auch eine keifende Jesabel wie dich heiraten können!«
»Wer denkt jetzt an Euch, Hermiston!« rief die gekränkte Frau. »Wir denken nur an sie, die endlich ihren Leiden entrückt ist. Hätte sie es etwa schlechter treffen können, Hermiston – antwortet mir darauf, hier vor ihrer starren Leiche!«
»Nun, es gibt immer welche, die nie zufrieden sind«, bemerkte seine Lordschaft.
2
Vater und Sohn
Mylord, der Oberrichter, war vielen bekannt, der Mensch, Adam Weir, wohl niemandem. Der hatte nichts zu zeigen oder zu verbergen; der war restlos und schweigend sich selbst genug; und jener Teil unserer Natur, welcher (nur allzuoft mit falscher Münze) Ruhm und Liebe zu erwerben sucht, war bei ihm anscheinend vergessen worden. Er strebte nicht nach Liebe, er fragte nicht danach, ja höchstwahrscheinlich war ihm nicht einmal der Gedanke an sie je gekommen. Er war ein vielbewunderter Jurist, ein äußerst unbeliebter Richter und sah herab auf alle, die in diesen beiden Eigenschaften, sei es als weniger scharfsinnige Juristen oder als minder verhaßte Richter, unter ihm standen. Sonst war in all seinem Leben und Wirken keine Spur von Eitelkeit; er durchmaß das Dasein fast wie ein Nachtwandler, mit einem mechanischen Rhythmus, der an das Erhabene grenzte.
Seinen Sohn sah er nur selten. Wenn die üblichen Kinderkrankheiten den Jungen heimsuchten, pflegte er sich täglich nach ihm zu erkundigen und ihm täglich einen Besuch abzustatten, wobei er das Krankenzimmer mit einem fürchterlichen, humoristisch sein wollenden Ausdruck betrat, pflichtgemäß ein paar Scherze vom Stapel ließ und sich zu des Patienten Erleichterung sehr bald wieder entfernte. Einmal, als die Gerichtsferien in einen gelegenen Moment fielen, ließ Mylord seinen Wagen vorfahren und brachte das Kind persönlich nach Hermiston, dem gewöhnlichen Erholungsort. Es ist anzunehmen, daß er sich in diesem Falle ganz besonders um Archie sorgte, denn jene Reise stand einzig da in des Jungen Gedächtnis, da der Vater ihm von Anfang bis zu Ende und mit allen Einzelheiten drei authentische Mordfälle auseinandersetzte. Archie durchlief den üblichen Bildungsgang der Edinburger Jugend: das Gymnasium und die Universität, und Hermiston sah ihm von ferne zu, oder richtiger blickte hinweg, ohne auch nur ein schwaches Interesse für seine Fortschritte zu heucheln. Täglich nach dem Diner wurde Archie auf ein Zeichen zu ihm hereingeführt, erhielt eine Handvoll Nüsse und ein Glas Portwein und wurde einer sardonischen Musterung sowie einem sarkastischen Verhör unterzogen. »Nun, junger Mann, was haben wir heute gelernt?« lautete Mylords gewöhnliche Begrüßung, und zugleich ging er dazu über, ihm auf Juristenlatein allerlei Fragen zu stellen. Für ein Kind, das sich gerade durch seinen Corderius durchackerte, erwiesen Papinian und Paul sich als unüberwindlich. Aber Papa hatte alles andere selbst verlernt. Er war nicht etwa hart gegen den angehenden kleinen Gelehrten, da er sich vom Richterstuhl her einen unermeßlichen Vorrat an Geduld angeeignet hatte, aber ebensowenig gab er sich Mühe, seine Enttäuschung auszudrücken oder zu verbergen. »Na, du hast ja noch eine nette Strecke Wegs vor dir!« – so ungefähr lautete sein Kommentar, und in zwei Fällen von vier versank er sogleich von neuem in seine Gedanken, bis die Stunde des Schlafengehens schlug und er Karaffe und Glas ergriff und sich in sein Hinterzimmer mit dem Blick über die Meadows zurückzog, um dort noch bis tief in die Nacht hinein seine Akten zu bearbeiten. Im ganzen Richterkollegium gab es keinen beschlageneren Menschen; sein Gedächtnis war schier wunderbar, obwohl lediglich auf juristische Dinge beschränkt; galt es extempore zu arbeiten, so kam ihm keiner gleich, und doch war niemand so sorgfältig vorbereitet wie er. Wenn er so die Nächte durchwachte oder bei Tisch die Gegenwart seines Sohnes vergaß, schöpfte er ohne Zweifel tief aus verborgenen Genüssen. Gleich ihm sich völlig einer einzigen intellektuellen Übung hingeben bedeutet den sicheren Erfolg im Leben; und vielleicht vermögen nur die Jurisprudenz und die höhere Mathematik ohne Reaktion eine derartige Hingabe zu erzeugen und ohne Erregungen so unerschöpflichen Lohn zu spenden. Diese Atmosphäre gediegensten Fleißes war der beste Teil von Archies Erziehung. Sicherlich bot sie ihm nicht die leisesten Reize; sicherlich stieß sie ihn eher ab und bedrückte ihn. Und doch war sie allgegenwärtig, unauffällig wie das Ticken einer Uhr, ein dürres Ideal, ein unschmackhafter Stimulans in des Knaben Leben.
Aber Hermiston war nicht völlig aus einem Holze. Er war auch ein gewaltiger Zecher, der bis zum Morgengrauen beim Wein zu sitzen vermochte und sich dann direkt von der Tafel weg mit fester Hand und klarem Kopf auf den Richterstuhl begab. Nach der dritten Flasche verkündete er in immer größer werdenden Lettern den Plebejer; der breite, gewöhnliche Akzent wurde breiter, der gemeine, schmutzige Humor noch gröber; er wirkte jetzt weniger schreckenerregend, aber unendlich viel abstoßender. Nun hatte aber der Junge von Johanna Rutherford ein mimosenhaftes Zartgefühl geerbt, das sich nur schlecht mit einer Anlage zum Jähzorn paarte. Auf dem Spielplatz unter seinen Altersgenossen vergalt er einen gemeinen Ausdruck mit einem Hieb, an seines Vaters Tisch (als die Zeit kam, da er an dessen Gelagen teilnehmen mußte) erbleichte er und versank in angeekeltes Schweigen. Von allen Gästen, die er dort traf, vertrug er nur einen einzigen: David Keith Carnegie, Lord Glenalmond. Lord Glenalmond war hochgewachsen und hager mit schlanken, zarten Händen; man hatte ihn häufig mit Forbes Statue von Cullodon im Parlamentshaus verglichen, und seine blauen Augen hatten, selbst über die Sechzig hinaus, sich noch etwas von dem Feuer der Jugend bewahrt. Der vollendete Gegensatz, den er zu den anderen Gästen bot, seine Erscheinung, die der eines Künstlers und Aristokraten glich, welcher unversehens in rüde Gesellschaft geraten ist, fesselten des Knaben Aufmerksamkeit; und da Neugier und Interesse diejenigen Dinge sind, die auf dieser Welt den raschesten und sichersten Lohn ernten, fühlte sich Lord Glenalmond auch seinerseits von dem Knaben angezogen.
»Das ist also Ihr Sohn, Hermiston?« fragte er und legte seine Hand auf Archies Schulter. »Er wird mal ein großer Junge werden!«
»Pah!« sagte der gnädige Vater. »Ganz seiner Mutter Ebenbild – wagt nicht, buh zu 'ner Gans zu sagen!«
Aber der Fremde hielt den Jungen fest, verwickelte ihn in ein Gespräch über sich selber und entdeckte in ihm einen Geschmack an Büchern sowie eine reine, begeisterungsfähige, bescheidene jugendliche Seele. Er lud ihn ein, ihn an Sonntagabenden in seinem kahlen, kalten, einsamen Eßzimmer zu besuchen, wo er selbst in der Verlassenheit eines alten, in vornehmer Zurückgezogenheit ergrauten Junggesellen über seinen Büchern saß. Die schöne Sanftmut und Anmut des alten Richters, die Zartheit seiner Person, Gedanken und Sprache redeten unmittelbar in seiner eigenen Zunge zu Archies Herzen. In ihm wuchs der Ehrgeiz, ein ebensolcher Mann zu werden; und als der Tag erschien, da er sich einen Beruf wählen mußte, geschah es in Nacheiferung Lord Glenalmonds und nicht Lord Hermistons, daß er sich für die Jurisprudenz entschied. Hermiston begegnete dieser Freundschaft mit geheimem Stolz, öffentlich jedoch mit der Unduldsamkeit der Verachtung. Nur selten ließ er sich eine Gelegenheit entgehen, das Paar durch groben Spott zu ducken; und das war, um die Wahrheit zu sagen, nicht schwer, denn beide waren nicht schlagfertig. Er hatte ein verächtliches Wort für die ganze Horde von Poeten, Malern, Musikanten und deren Bewunderer: die Bastardrasse der Amateure. Es gab ein Wort, das er wieder und wieder gebrauchte. »Signor Fiedeldumdei«, pflegte er zu sagen. »Um Gottes willen, nichts mehr von dem Signor!«
»Sie und mein Vater sind sehr befreundet, nicht wahr?« fragte Archie einmal.
»Es gibt niemanden, den ich höher achte«, entgegnete Lord Glenalmond. »Er hat zwei unschätzbare Eigenschaften. Er ist ein großer Jurist, und er ist so aufrecht wie der Tag.«
»Sie und er sind so verschieden«, sagte der Junge, und sein Blick ruhte in dem seines alten Freundes wie der eines Liebhabers in den Augen seiner Herrin. »In der Tat«, erwiderte der Richter, »sehr verschieden. Und ich fürchte, du und er seid es auch. Und doch würde es mir sehr mißfallen, wenn mein junger Freund seinen Vater falsch beurteilte. Er besitzt alle Tugenden eines Römers: Cato und Brutus waren Männer seines Schlages; ich meine, ein Sohn müßte stolz sein, von solch einem Manne abzustammen.«
»Und ich wollte, er wäre ein einfacher Bauer!« rief Archie mit plötzlicher Bitterkeit.
»Das ist weder sehr klug noch, glaube ich, ganz ehrlich«, antwortete Glenalmond. »Wenn du es dir recht überlegst, wirst du finden, daß einige dieser Ausdrücke dir wie Reue in der Kehle aufsteigen werden. Sie sind rein literarisch und dekorativ; sie drücken nicht deine wahren Gedanken aus; auch hast du diese Gedanken selbst nicht klar erfaßt. Zweifellos würde dein Vater (wäre er jetzt hier) ›Signor Fiedeldumdei!‹ rufen.«
Mit dem unendlich feinen Takt der Jugend mied Archie von jener Stunde an das Thema. Das war vielleicht schade. Hätte er nur gesprochen – sich frei ausgesprochen – sich selbst in einen Strom von Worten aufgelöst (wie es die Jugend liebt und das ihr gutes Recht ist) – es hätte vielleicht nie eine Geschichte derer von Hermiston zu schreiben gegeben. Jedoch bereits der Schatten einer Drohung von Lächerlichkeit genügte; aus der milden Schärfe jener Worte las er ein Verbot, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß Glenalmond es auch als solches beabsichtigt hatte.
Diesen Greis ausgenommen, besaß der Junge keinen Vertrauten oder Freund. Ernst und feurig legte er den Weg durch Schule und Universität zurück und bewegte sich unter einer Schar von Gleichgültigen in dem unsichtbaren Panzer seiner Schüchternheit. Er wuchs heran, ein schöner Mensch, mit offenem, sprechendem Antlitz und anmutigem, jugendlichem Wesen; er war klug, errang sich Auszeichnungen, glänzte im »Speculative Club«. Von Rechts wegen hätte er den Mittelpunkt eines Freundeskreises bilden sollen; allein etwas, das teils seiner Mutter Feinfühligkeit, teils seines Vaters Strenge war, hielt ihn allen fern. Es ist eine Tatsache – und obendrein eine äußerst sonderbare –, daß Hermistons Sohn unter seinen Altersgenossen als ein echter Sproß vom alten Stamme galt. »Sie sind ein Freund Archie Weirs?« bemerkte einst jemand zu Frank Innes; und Innes antwortete mit seiner üblichen Frivolität und mit mehr als gewöhnlicher Einsicht: »Ich kenne Weir, aber mit Archie hatte ich noch nie das Vergnügen.« Niemand kannte Archie, eine Krankheit, die vornehmlich einzigen Söhnen eigen ist. Er segelte unter eigener Flagge, und keiner achtete darauf; es war, als sei er in eine Welt verpflanzt, wo selbst die Hoffnung auf Intimität verbannt war, und er blickte um sich: auf das Treiben seiner Kommilitonen und vorwärts in die Zukunft und sah nichts als banale Tage voll banaler Bekanntschaften, ohne Hoffnung und ohne Interesse.
Als die Zeit verstrich, fühlte sich der alte, zähe Sünder immer mehr zu dem Sohne seiner Lenden und dem einzigen Stammhalter des neubegründeten Geschlechts hingezogen, und das mit einer Weichheit des Gefühls, die er selbst kaum zu glauben vermochte und die auszudrücken er sich völlig außerstande sah. Mit einem Gesicht, einer Stimme und einem Wesen, in vierzig Jahren geschult, Schrecken und Widerwillen einzuflößen, wird Rhadamanth vielleicht groß, niemals jedoch liebenswürdig erscheinen. Daß er Archie zu gewinnen versuchte, ist eine Tatsache, jedoch nicht gering genug zu bewerten, so unauffällig war der Versuch, so stoisch wurde sein Scheitern ertragen. Eiserne Naturen wie die Hermistons dürfen kein Mitgefühl beanspruchen. War es ihm mißlungen, seines Sohnes Freundschaft, ja auch nur dessen Duldung zu erringen – nun, so mußte er seinen Weg aufwärts über die mächtige, öde Treppenflucht seiner Pflicht allein, ungestützt, aber auch unverzagt fortsetzen. Vielleicht hätte er seinen Beziehungen zu Archie ein wenig mehr Freude abgewinnen können, das sah er zu Momenten ein; aber Freude war in der seltsamen Chemie des Lebens lediglich ein Nebenprodukt, auf das nur Narren rechneten.
Schwieriger ist es, Archies Standpunkt verständlich zu machen, da wir inzwischen alle erwachsen sind und die Tage unserer Jugend vergessen haben. Er machte auch nicht den leisesten Versuch, diesen Mann zu verstehen, mit dem er beim Frühstück und beim Abendessen beisammensaß. Scheu vor Schmerz, Gier nach Genuß – das sind die beiden einander ablösenden Pole der Jugend; und Archie neigte mehr zu dem ersteren. Der Wind blies kalt aus der einen Richtung – er kehrte ihr den Rücken, blieb so wenig wie irgend möglich in seines Vaters Gesellschaft und wandte, wenn dort, den Blick, soweit der Anstand das erlaubte, von seines Vaters Gesicht. Viele Hunderte von Tagen spielte das Lampenlicht bei der Tafel über diesen beiden Gesichtern – Mylords, gerötet, finster, geringschätzig; Archies, voll potentiellen Lebens, das jedoch in dieser Gesellschaft stets gedämpft und wie unter einem Schleier erglänzte; vielleicht gab es in der ganzen Christenheit keine zwei Wesen, die einander so radikal fremd waren. Der Vater sprach entweder mit großartiger Einfachheit nur von dem, was ihn selbst interessierte, oder bewahrte ein ungekünsteltes Schweigen. Der Sohn zerbrach sich währenddessen den Kopf nach irgendeinem ganz sicheren Thema, das ihm erneute Beweise von Mylords eingeborener Grobschlächtigkeit oder restloser Inhumanität ersparen möchte. Dabei betrat er die Wege der Unterhaltung zimperlich gleich einer Dame, die auf einer Nebengasse ihre Röcke hochrafft. Machte er einen Mißgriff und floß Mylord über von verletzenden Reden, so straffte sich Archies Gestalt, seine Stirn verfinsterte sich, sein Anteil an dem Gespräch erstarb; Mylord dagegen fuhr getreulich und unbekümmert fort, vor seinem schweigenden und beleidigten Sohne sein schlimmstes Selbst zu entbreiten.
»Nun, der ist ein armer Teufel, der nicht auch einen guten Tag zu genießen versteht«, pflegte er am Schluß solch einer nachtmahrähnlichen Unterhaltung zu bemerken. »Aber ich muß jetzt wieder an meinen Pflug!« Und er zog sich, wie gewöhnlich, in sein Hinterzimmer zurück, während Archie zitternd vor Feindseligkeit und Verachtung in die Dunkelheit und auf die Straße hinausstürzte.
3
Betrifft das Hängen von Duncan Jopp
Eines Tages im Jahre 1813 verirrte sich Archie durch Zufall in den Kriminalgerichtshof. Der diensttuende Beamte schaffte dem Sohne des Vorsitzenden Platz. Dort vor den Schranken, im Mittelpunkt aller Augen, stand eine elende, gemeine Mißgeburt von einem Menschen, ein gewisser Duncan Jopp, im Kampf um seinen Kopf. Seine Geschichte, wie sie an diesem öffentlichen Ort mühsam aus ihm herausgepreßt wurde, bot ein Abbild der Schande, des Lasters und der Feigheit, kurz, des Verbrechens in seiner nacktesten Gestalt, und das Geschöpf dort lauschte ihr zeitweilig, als habe es sie begriffen – als vergäße es mitunter das Grauen seiner Umgebung und erinnere sich der Schmach, die es hierhergebracht. Sein Haupt war auf die Brust gesunken, seine Hände umklammerten zuckend die Schranken; die Haare hingen ihm wirr ins Gesicht, und von Zeit zu Zeit warf er sie in den Nacken zurück; jetzt blickte er sich hastig voll abgründigen Entsetzens im Publikum um, jetzt betrachtete er das Antlitz des Richters und schluckte krampfhaft. Um seinen Hals hatte er einen Fetzen schmutzigen Flanells gebunden; das war es vielleicht, was das zwischen Ekel und Mitleid schwankende Zünglein der Waage in Archies Herzen zu seinen Gunsten sich neigen ließ. Das Wesen dort stand vor dem Sprung ins Nichts; noch eine kleine Weile, noch das pomphaft rohe Possenspiel des Endes, und es hatte zu leben aufgehört. Inzwischen aber pflegte es mit einem letzten menschlichen Zug, der den Zuschauer selbst an der Kehle packte, einen wehen Hals. Ihm gegenüber, in der roten Robe der Kriminaljustiz, saß Lord Hermiston, das Gesicht von einer weißen Perücke umrahmt. Ehrlich wie er war vom Scheitel bis zur Sohle, gab er sich nicht die Mühe, die Tugend der Unparteilichkeit zu heucheln. Der vorliegende Fall verlangte auch keine Feinfühligkeit; hier war ein Mann, der gehenkt werden mußte – so etwa würde Hermistons Auffassung gelautet haben –, und er war dabei, ihn zu henken. Auch konnte man seine Lordschaft unmöglich von einer gewissen Freude an seiner Aufgabe freisprechen. Es war klar, er schwelgte im Gebrauch seines geschulten Intellekts, in der klaren Einsicht, mit der er sofort die Lücken in dem Tatbestand entdeckte, in dem groben, unverhohlenen Spott, mit dem er die fadenscheinigen Vorwände der Verteidigung zerpflückte. Er hatte es sich bequem gemacht, er scherzte und benahm sich an diesem feierlichen Ort mit der Ungeniertheit der Schenke; und der Fetzen Menschheit mit dem Flanellappen um den Hals wurde unter Hohn- und Spottgelächter zum Galgen gejagt.
Duncan besaß eine Geliebte, eine kaum weniger jämmerliche Kreatur, wenn auch weit älter als er selbst, die jetzt knicksend und winselnd vortrat, um noch das Gewicht ihres Verrats hinzuzufügen. Mylord sprach ihr in seinen donnerndsten Tönen die Eidesformel vor und schloß mit einer schneidenden Ermahnung.
»Achte auf deine Worte, Janet. Ich hab' schon längst ein Auge auf dich gerichtet und lasse nicht mit mir spaßen.« Bald darauf hatte sie zitternd ihre Aussage begonnen. »Und wie kamst du dazu, so zu handeln, alte Urschel?« mischte sich der hohe Gerichtshof ein. »Willst du mir etwa sagen, daß du des Kerls Hure warst?« »Zu Befehl, Mylord«, wimmerte das Frauenzimmer. »Gott steh uns bei! Ihr macht ein sauberes Paar!« bemerkte seine Lordschaft, und in seiner Verachtung lag eine so wilde Drohung, daß nicht einmal die Galerie zu lachen wagte.
Die Schlußrede enthielt ein paar Leckerbissen.
»Diese zwei erbärmlichen Geschöpfe scheinen einander in die Hände gearbeitet zu haben – die nähere Erklärung kommt mir nicht zu.« – »Der Angeklagte ist (was immer er sonst sein mag) gleich abstoßend an Geist wie an Körper.« – »Weder der Angeklagte noch das alte Frauenzimmer scheinen auch nur so viel Verstand gehabt zu haben, im erforderlichen Moment zu lügen.« Und im Verlauf der Urteilssprechung bekannte sich Mylord zu folgendem obiter dictum: »Ich bin unter Gott das Werkzeug gewesen, bereits einen stattlichen Haufen Gesindels an den Galgen zu bringen, aber noch nie einen so gottverlassenen Lumpen wie Euch.« Die Worte waren an sich schon stark, allein die Schärfe und Wucht und Betonung, mit der sie gesprochen wurden, und die barbarische Freude, die der Redner an seiner Aufgabe hatte, bewirkten, daß sie allen noch lang in den Ohren klangen.
Als alles vorüber war, trat Archie hinaus in eine veränderte Welt. Hätte das Verbrechen auch nur einen Schatten versöhnender Größe gezeigt, etwas Dunkles, Geheimnisvolles, er hätte vielleicht verstanden. Aber der Delinquent stand dort in seinem Todesschweiß, ohne Abwehr, ohne Entschuldigung, mit einem wehen Hals, ein Etwas, das Scham einen jeden zu verhüllen zwang: ein Wesen, so weit unter der Grenze der Sympathie und des Mitleids, daß es fast harmlos anmutete. Und der Richter hatte es mit monströser, mit genießerischer Heiterkeit, ein Bild aus einem Albtraum, über alle Maßen furchtbar, in den Tod gehetzt. Einen Tiger erlegen ist ein ander Ding als eine Kröte zertreten; selbst das Schlachthaus besitzt seine Ästhetik; und das Abstoßende, das Archie bei Duncan Jopps Anblick empfand, hatte auf seinen Richter übergegriffen und verpestete dessen Bild.
Unter wirren Reden und Gesten schritt Archie auf der Hauptstraße an seinen Freunden vorüber. Wie im Traum erblickte er Holyrood, Erinnerung an dessen romantische Geschichte erwachte und verblaßte wieder, visionär sah er die alten, strahlenden Gestalten: Maria Stuart, Prinz Charlie, den gekrönten Hirsch, den Glanz und die Verbrechen, Samt und funkelnden Stahl der Vergangenheit. Er verscheuchte das alles mit einem schmerzlichen Aufschrei. Jetzt lag er stöhnend auf der feuchten Erde von Hunters Bog, und die Himmel über ihm waren verdunkelt und die Gräser auf dem Felde ein Greuel in seinen Augen. »Das ist nun mein Vater«, dachte er. »Von ihm habe ich das Leben empfangen; das Fleisch auf meinen Knochen ist sein Fleisch, das Brot, das ich esse, ist der Lohn dieser Scheußlichkeiten.« Er gedachte seiner Mutter und trommelte mit der Stirn gegen den Boden. Er dachte an Flucht und an ein neues Leben. Wohin sollte er wohl fliehen? Und gab es überhaupt ein Leben, des Lebens wert, in dieser Höhle blutrünstiger, schadenfroher Tiere?
Die Zeit bis zur Hinrichtung verging ihm wie ein quälender Traum. Er kam mit seinem Vater zusammen, allein er konnte ihn nicht ansehen, er brachte es nicht über sich, mit ihm zu sprechen. Man hätte glauben können, jedes lebende Wesen müsse unverzüglich diese schwelende Feindschaft empfinden, aber des Lord Oberrichters Fell blieb unverletzt. Wäre Mylord zum Sprechen aufgelegt gewesen, der Waffenstillstand hätte niemals dauern können; aber zum Glück befand er sich gerade in einer seiner Launen sauertöpfischen Schweigens, und so nährte Archie die Begeisterungsflamme der Rebellion unter den Breitseiten des Feindes selbst. Ihn dünkte es von der Höhe seiner neunzehnjährigen Erfahrung herab, als sei er von Geburt aus dazu bestimmt, Träger irgendeiner großen Tat zu werden, die am Boden liegende Barmherzigkeit neu aufzurichten und den Teufel samt Hörnern und Klauen, der ihren Thron usurpiert, zu stürzen. Verführerische, jakobitische Trugschlüsse, die er im Speculative Club häufig widerlegt, tauchten vor seinem geistigen Auge auf und erschreckten ihn mit ihren Stimmen; und es war ihm, als wandle er in Begleitung einer fast greifbaren Gegenwart neuer Grundsätze und Pflichten einher.
An dem betreffenden Morgen begab er sich an den Ort der Hinrichtung. Er sah den grinsenden Pöbel, sah die Vorführung des zitternden Verbrechers. Eine Weile war er Zeuge einer Art parodistischer Andachtsübung, die dem bejammernswerten Geschöpf noch seinen letzten Anspruch auf Menschentum zu rauben schien. Dann folgte der brutale Akt der Vernichtung und das armselige Zappeln der Überreste gleich denen eines zerbrochenen Hampelmannes. Er war auf etwas Furchtbares gefaßt gewesen, nicht auf dieses Schauspiel tragischer Gemeinheit. Einen Augenblick verharrte er in seinem Schweigen, dann brüllte er: »Ich verdamme dies als einen gotteswidrigen Mord!«, und sein Vater, der zwar den Inhalt jenes Ausrufs zurückgewiesen haben würde, hätte doch die Stentorstimme, mit der dieser vorgebracht wurde, schwerlich verleugnen können.
Frank Innes schleppte ihn mit Gewalt hinweg. Die beiden hübschen jungen Burschen folgten demselben Studium und den gleichen Vergnügungen und fühlten sich, hauptsächlich durch ihr gutes Aussehen, zueinander hingezogen. Dieses Gefühl ging jedoch niemals tief; Frank war von Natur ein schmächtiges, zynisches Geschöpf, weder fähig, Freundschaft zu empfinden noch einzuflößen, und die Beziehungen zwischen den beiden waren rein oberflächlich und wurzelten in gemeinsamen Kenntnissen sowie in den Annehmlichkeiten, die einem gemeinsamen Bekanntenkreise entspringen. Um so anerkennenswerter war es von Frank, daß er sich über Archies Ausbruch ehrlich entsetzte und zum mindesten den Vorsatz faßte, ihn tagsüber im Auge und, wenn möglich, unter seiner Zucht zu behalten. Aber Archie, der soeben Gott oder dem Satan – es war unklar, welchem von beiden – getrotzt hatte, wollte auf das Wort eines Studiengenossen nicht hören.
»Ich werde nicht mit Ihnen gehen«, sagte er. »Ich wünsche Ihre Begleitung nicht, Herr; ich will allein sein.«
»Weir, Mensch, machen Sie sich nicht lächerlich«, sagte Innes und hielt ihn hartnäckig am Ärmel fest. »Ich lasse Sie nicht fort, bis ich nicht weiß, was Sie vorhaben; es hat gar keinen Zweck, derart mit dem Stocke herumzufuchteln.« Im Augenblick hatte Archie tatsächlich eine rasche, vielleicht sogar kampflustige Bewegung gemacht. »Das hier war kompletter Wahnsinn; Sie wissen es selber ganz genau. Sie wissen genau, daß ich jetzt lediglich den barmherzigen Samariter spiele. Ich will ja nichts weiter, als daß Sie sich beruhigen.«
»Wenn das alles ist, Mr. Innes«, entgegnete Archie, »und Sie mir versprechen, mich in Ruhe zu lassen, kann ich Ihnen das eine verraten: Es ist meine Absicht, aufs Land zu gehen und die Schönheiten der Natur zu bewundern.«
»Ehrenwort?« forschte Frank.
»Ich pflege nicht zu lügen, Mr. Innes«, lautete Archies Erwiderung. »Ich habe die Ehre, Ihnen einen guten Tag zu wünschen.«
»Sie werden doch nicht vergessen, in den Speculative Club zu kommen?«
»Den Speculative Club? O nein, ich werde es nicht vergessen.«
Und der junge Mann trug seinen gefolterten Geist hinaus aus der Stadt wegauf, wegab, einen ganzen Tag lang, auf eine endlose Pilgerfahrt der Qual, während der andere sich lächelnd beeilte, die Nachricht von Weirs Wahnsinnsanfall zu verbreiten und auf den Abend hin den ganzen Speculative Club zusammenzutrommeln mit der Mitteilung, daß weitere exzentrische Entwicklungen mit Gewißheit zu erwarten ständen. Es ist zu bezweifeln, ob Innes selbst ernstlich an seine Voraussage glaubte; wahrscheinlich entsprang diese vor allem dem Wunsche, eine gute Geschichte auszuschmücken und den Skandal so groß wie möglich zu machen, und das nicht etwa aus bösem Willen gegen Archie, sondern lediglich, um den Kreis gespannter Gesichter zu sehen. Trotzdem waren seine Worte prophetisch. Archie vergaß den Club nicht; er war pünktlich zur Stelle und hatte vor Ablauf des Abends seinen Kameraden einen denkwürdigen Schock versetzt. Zufällig führte er an jenem Abend den Vorsitz. Er saß in dem nämlichen Zimmer, in dem auch heute noch der Club tagt – nur waren die jetzigen Porträts noch nicht vorhanden: die Männer, die für sie saßen, standen damals noch an den Anfängen ihrer Laufbahn. Aber die nämliche Lichtflut zahlreicher Kerzen umspielte die Versammlung; ja, vielleicht saß Archie in dem gleichen Sessel, auf dem seither so viele von uns gesessen. Zeitweilig schien er die Geschäfte des Abends ganz zu vergessen; aber auch in diesen Momenten zeigte sein Ausdruck trotzige Energie und Entschlossenheit. Dann wieder griff er bitter und unberufen in die Debatten ein und erhob mit herausfordernder Miene Geldbußen, welche die kostbare und selten benutzte Artillerie des Vorsitzenden bilden. Schwerlich ahnte er, wie sehr er dabei seinem Vater glich und daß seine Freunde darüber kichernd ihre Bemerkungen machten. Bislang schien er dort auf seinem erhöhten Sitze über die Möglichkeit eines Skandals erhaben; aber er hatte seinen Beschluß gefaßt – er war fest entschlossen, sein Vergehen bis in dessen letzte Konsequenzen zu verfolgen. Durch ein Zeichen berief er Innes (den er soeben gestraft hatte und der gegen seine Art, den Vorsitz zu führen, protestierte) auf den Präsidentenstuhl, trat von dem Katheder herunter und nahm seinen Platz neben dem Kamin ein, wo der Glanz vieler Wachskerzen sein bleiches Gesicht erhellte und die rote Glut des Feuers die Umrisse seiner schlanken Gestalt klar abzeichnete. Als Amendment zu dem nächsten auf der Liste stehenden Gegenstande hatte er Folgendes vorzuschlagen: »Ist die Todesstrafe mit Gottes allmächtigem Willen und menschlicher Politik vereinbar?«
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