Kitabı oku: «James Bond 15: Colonel Sun»

Yazı tipi:

JAMES BOND


COLONEL SUN

von

ROBERT MARKHAM

Ins Deutsche übertragen von Anika Klüver und Stephanie Pannen


Die deutsche Ausgabe von JAMES BOND – COLONEL SUN

wird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.

Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern,

Übersetzung: Anika Klüver und Stephanie Pannen;

verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde;

Lektorat: Katrin Aust und Gisela Schell; Satz: Rowan Rüster/Amigo Grafik;

Cover Artwork: Michael Gillette. Printausgabe gedruckt von

CPI Morvia Books s.r.o., CZ-69123 Pohorelice.

Printed in the Czech Republic.

Titel der Originalausgabe: JAMES BOND – COLONEL SUN

German translation copyright © 2014, by Amigo Grafik GbR.


Copyright © Ian Fleming Publications Limited 1968 The moral rights of the author have been asserted. Die Persönlichkeitsrechte des Autors wurden gewahrt.

JAMES BOND and 007 are registered trademarks of Danjaq LLC, used under license by Ian Fleming Publications Limited. All Rights Reseved.

Print ISBN 978-3-86425-432-1 (September 2014) E-Book ISBN 978-3-86425-462-8 (September 2014)

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ÜBER DEN AUTOR

Robert Markham war das Pseudonym von Kingsley Amis, dessen Karriere als einer der am meisten respektierten Romanschriftsteller Großbritanniens mit dem Werk Glück für Jim begann, das im Jahr 1954 veröffentlicht wurde. Sein Roman The Old Devils wurde mit dem Booker Prize ausgezeichnet. Er starb im Jahr 1995.

Im Gedenken an IAN FLEMING

EINLEITUNG

Ich schrieb dieses Buch, für das ich aus meiner Karriere als ordentlicher Romanschriftsteller ausbrechen musste, weil man mich bat, es zu tun, und weil ich das Projekt unwiderstehlich fand. Als Ian Fleming 1964 viel zu früh verstarb, war man der Meinung, James Bond sei eine so beliebte Figur, dass man ihm nicht einfach erlauben könne, seinem Schöpfer zu folgen. Wen gab es also, der in der Lage wäre, einen angemessenen Nachfolger für den Fleming-Kanon zu schreiben?

Ich war zweifellos eine ebenso gute Wahl wie jeder andere. Mein letzter Roman, der unter meinem eigenen Namen erschienen war, handelte teilweise von Spionage. Wichtiger war jedoch, dass ich 1965 Geheimakte 007. Die Welt des James Bond veröffentlicht hatte, das als unbeschwerter und einfühlsamer Überblick über die bis dahin veröffentlichten dreizehn Bände gedacht war. Einen Großteil davon hatte ich vor Flemings Tod geschrieben, und er hatte alles bis auf drei Kleinigkeiten abgesegnet, die ich berichtigte. Und wie ich schon sagte, ich konnte es kaum abwarten, mich daran zu versuchen.

Die grobe Handlung hatte ich recht schnell entwickelt, allerdings kann ich mich wie bei meinen anderen Romanen nicht daran erinnern, in welcher Reihenfolge die einzelnen Ideen in meinem Kopf auftauchten. Doch die Frage nach dem Schauplatz, dem Wo, das in allen Bond-Abenteuern so wichtig ist, muss ganz am Anfang aufgekommen und eine meiner frühsten Entscheidungen gewesen sein. Er war noch nie auf dem griechischen Festland im Einsatz gewesen, ganz zu schweigen von den Inseln, ebenso wenig wie ich, aber ich hatte einen amerikanischen Freund, der Griechisch sprach und mir bereits versprochen hatte, mir alles von der Akropolis in Athen (und dem Restaurant Dionysos, von dem aus man sie überblicken kann) bis nach Rhodos auf der anderen Seite der Meerenge zwischen Griechenland und der Türkei zu zeigen (einschließlich Tintenfisch und Ouzo am Hafen).

Und das tat er dann auch und noch einiges mehr. Bevor ich mit dem Schreiben anfing, hatte ich schon eine ziemlich genaue Vorstellung, warum Bond nach Griechenland reisen muss. Der bösartige Colonel Sun befindet sich auf einer Insel in der Ägäis. Er wurde von seinen abenteuerlustigen Befehlshabern, den Chinesen, auf eine Mission geschickt, um einen Schlag auszuführen, der sich nicht nur gegen den Westen im Allgemeinen und Griechenland im Besonderen richtet, sondern gegen Russland (also bekommt Bond eine russische Gehilfin). Außerdem ist M dort, allerdings nicht freiwillig – und es gibt einen guten Grund für seine Anwesenheit: Bei einem Blick auf die Landkarte fiel mir auf, dass sein Haus in Windsor Park nur ein paar Kilometer vom Londoner Flughafen entfernt liegt, sodass jeder, der planen würde, ihn zu entführen und außer Landes zu schmuggeln …

Ich musste natürlich zwei Reisen unternehmen, nach Athen und Piräus und vorbei am Kap Sounion zur Kykladengruppe, bestehend aus Kea, Kythnos, Serifos, Sifnos, Paros, Naxos und Ios – zwischen den letzten drei platzierte ich meine erfundene Insel Vrakonisi. Die erste Reise diente der Inspiration, die zweite unternahm ich, um sicherzustellen, dass die Details stimmten, die in jedem Bond-Roman essenziell sind. Es war nicht weiter schwierig, die besten Oliven, die besten Krustentiere und den besten örtlichen Wein zu finden, und mit den Beschreibungen der Sonne, des Meers und der Inseln hätte ich Dutzende von Notizbüchern füllen können. Wir reisten mit einem fünfzehn Meter langen umgebauten Fischerboot namens Altair, dem Zwilling und Namensvetter des Boots im Buch, und über dieses Fahrzeug und diese Erfahrung gab es eine Menge zu erzählen. (Noch mal würde ich mich wohl nicht in diese trügerischen Gewässer wagen.)

Dieses Material besserte ich mit dem Geheimdienstjargon und dem mutmaßlichen organisatorischen Hintergrundwissen auf, das ich durch meine Lektüre von Flemings Romanen und bestimmten sachbezogenen Broschüren aufgesogen hatte. Es gab ein nützliches Themengebiet, mit dem ich mich aus persönlicher Erfahrung bestens auskannte: ein paar der Infanteriewaffen aus dem Zweiten Weltkrieg. Also erschießt der Gute den Bösen in Colonel Sun nicht mit einer zeitgenössischen Waffe, sondern mit einem etwas genaueren Lee-Enfield-Geradezugverschlussgewehr, und die Heldin benutzt eine Thompson-Maschinenpistole, eine Waffe, mit der ich mich wieder näher beschäftigte, als sich herausstellte, dass die echte Altair ein funktionstüchtiges Exemplar in ihrem Ausrüstungsschrank hatte – »in Griechenland kann man nie wissen«, sagte der Kapitän.

Doch der James Bond aus Dr. No und Goldfinger hätte sehr viel mehr technisches Fachwissen benötigt, als ich liefern konnte. Der Amis-Bond greift seinen Feind mit Handgranaten oder einem Jagdmesser an, vertilgt vor einem nächtlichen Angriff Würstchen und Obst und marschiert zu Fuß los, um seinen Feind zu töten. Kein Hovercraft, keine Hubschrauber, keine Raketen, keine doppelten Portionen Beluga-Kaviar, die weiß gekleidete Kellner im Kerzenlicht eines Restaurants servieren. Er hat keine Verwendung für einen Dietrich und einen Sendeempfänger und den ganzen Rest der technischen Spielereien, die ihm die Q-Abteilung bei seiner Abreise mitgibt. Seine eigene Stärke, Entschlossenheit und Erfindungsgabe genügen ihm.

Der Unterschied zum ursprünglichen Bond, dem echten Bond aus den Fleming-Romanen, ist geringer als der zum Bond aus den Filmen, dieser verwegenen, aber unbedeutenden Figur, die vor oder nach der Flucht mit dem Raketenrucksack oder dem tauchfähigen Auto mit eingebautem Raketenwerfer oder dem reaktorbetriebenen Eisberg ganz beiläufig lässige Sprüche reißt. Die bislang aberwitzigste Abweichung ist die zwischen dem Buch Der Spion, der mich liebte (1962), das von einer netten jungen Kanadierin handelt, die gerade ein wenig Pech im Leben hat und von einem anständigen englischen Polizisten namens James Bond vor zwei Schmalspurganoven gerettet wird, und dem Film mit demselben Titel (1977), in dem ein Psychopath versucht, den Dritten Weltkrieg auszulösen, indem er amerikanische und russische U-Boote entführt, und Bond sich enorm ins Zeug legen muss, um ihn aufzuhalten.

Flemings Bond fand jede Menge Zeit, sich ins Zeug zu legen (und zwar wesentlich glaubwürdiger und spannender), während er sich verhielt wie ein glaubhaftes reales menschliches Wesen. Niemand würde in ihm eines der bedeutenden Charakterporträts der englischen Literatur sehen, aber er hat sehr viel mehr Persönlichkeit als die bloße »Silhouette«, die ihn sein Schöpfer abschätzig nannte. Zäh, ja, einfallsreich, zweifellos, aber gleichzeitig durchaus fähig, Empörung, Gewissensbisse, Reue und Zärtlichkeit zu empfinden und einen Beschützerinstinkt gegenüber hilflosen Wesen zu entwickeln, wie zum Beispiel in »Die Hildebrand-Rarität« und Feuerball. Und deswegen sind seine Abenteuer so viel interessanter als die jugendlichen Fantasien des filmischen »James Bond«.

Es erscheint mir angemessen, diese Einleitung im Gedanken an Ian Fleming zu beenden, der ein meisterhafter Schriftsteller spannender Geschichten in der Tradition von Conan Doyle und John Buchan war. Ich persönlich fand es unmöglich, auf würdige Weise in seine Fußstapfen zu treten, aber ich fühle mich geehrt, dass ich die Gelegenheit erhielt, es zu versuchen, und es hat mir sehr viel Spaß gemacht.

Kingsley Amis

London, 1991

INHALT

1. Der Mann mit Sonnenbrille

2. In den Wald

3. Nachwirkungen

4. Grüße aus Paris

5. Nächtliche Beobachtungen

6. Der Schrein der Athene

7. Ein unsicheres Versteck

8. Kriegsrat

9. Die Altair

10. Dracheninsel

11. Tod im Wasser

12. Allgemeine Inkompetenz

13. Das kleine Fenster

14. Der Schlächter von Kapoudzona

15. »Gehen Sie, Mr Bond«

16. Der vorübergehende Kapitän

17. Über Bord

18. Die Klauen des Drachen

19. Die Theorie und Praxis der Folter

20. »Leb wohl, James«

21. Ein Mann aus Moskau


DER MANN MIT SONNENBRILLE

James Bond stand am mittleren Abschlag des achtzehnten Lochs auf dem neuen Golfplatz in Sunningdale und genoss die ruhige Normalität eines sonnigen englischen Nachmittags Anfang September. Er dachte darüber nach, dass der alte Platz mit seinen dichten Gruppen aus majestätischen Eichen und Kiefern landschaftlich charmant gestaltet war, aber etwas in seiner Natur fühlte sich von der nüchternen Strenge des neuen angesprochen. Hier gab es weniger Bäume, einen offenen Blick auf den Himmel und Flecken aus Heidekraut und schlanken Büschen auf dem sandigen Boden – und, weniger subjektiv betrachtet, eine Reihe von Löchern, die einen wirklich forderten. Bond war einigermaßen zufrieden mit sich, weil er auf der berüchtigten sechsten Bahn lediglich vier Schläge benötigt hatte. Dort sorgte eine leicht erhöhte Scholle in der Bahn schnell dafür, dass der Ball in einem teuflischen Gewirr aus Büschen und sumpfigen Hügeln landete. Er hatte es jedoch geschafft, den Ball zweihundertfünfzig Meter weit genau in die Mitte zu befördern, ein Schlag, der ihm seine gesamte Konzentration abverlangt und (welcher Segen) nicht die geringsten Beschwerden in dem Bereich hervorgerufen hatte, wo sich im vergangenen Sommer Scaramangas Derringerkugel in seinen Bauch gebohrt hatte.

In der Nähe wartete Bonds Gegner, der gleichzeitig auch sein bester Freund war, darauf, dass die vier Spieler vor ihnen zum nächsten Grün weiterzogen. Es handelte sich um Bill Tanner, Ms Stabschef. Nachdem Bond die tiefen Erschöpfungsfalten um Tanners Augen und seine fast schon alarmierende Blässe aufgefallen waren, hatte er den ungewöhnlich ruhigen Morgen im Hauptquartier dazu genutzt, ihn zu einem Ausflug in dieses verschlafene Eckchen von Surrey zu überreden. Zuerst hatten sie im Scott’s in der Coventry Street zu Mittag gegessen. Das Mahl hatte aus einem Dutzend frischer Whitstable-Austern pro Person bestanden, auf die ein kaltes Stück des besten Roastbeefs mit Kartoffelsalat gefolgt war. Begleitet wurde das Ganze von einer gut gekühlten Flasche Rosé d’Anjou. Das war vielleicht nicht der ideale Auftakt für eine Runde Golf und vermutlich sogar ein wenig maßlos. Aber Bond hatte kürzlich gehört, dass die gesamte Nordseite der Straße abgerissen werden sollte, und betrachtete daher jede Mahlzeit, die er in diesen ernsten, aber gemütlich eingerichteten Räumen genoss, als kleinen Sieg über das neue, verhasste London, das voll von eckigen Konstruktionen aus Stahl und Glas, Über- und Unterführungen sowie dem endlosen schrillen Dröhnen der Presslufthammer war.

Der Letzte der vier, der zuständige Caddie, trottete zum nächsten Grün weiter. Tanner ging zu seiner Schlägertasche – da sie sich während des Spiels über ein paar unwichtigere Geheimdienstangelegenheiten unterhalten wollten, trugen sie ihre Schläger selbst – und zog den neuen Ben-Hogan-Driver heraus, den er schon seit Wochen unbedingt ausprobieren wollte. Dann näherte er sich mit der für ihn typischen Bedächtigkeit seinem Ball. Der Einsatz bei diesem Spiel betrug lediglich symbolische fünf Pfund, aber Bill Tanner verfolgte jedes Ziel mit dem Maximum seines Könnens – eine Eigenschaft, die ihn zur besten Nummer zwei in der Branche machte.

Die Sonne brannte unerbittlich vom Himmel. Insekten summten in dem kleinen Gürtel aus Brombeersträuchern, Vogelbeerbäumen und Weißbirkentrieben zu ihrer Linken. Bonds Blick wanderte von der schlanken, konzentrierten Gestalt des Stabschefs zum Grün, das sich etwa vierhundert Meter entfernt befand, dann weiter zu der berühmten alten Eiche am achtzehnten Grün des alten Platzes und schließlich zu der reglosen Reihe geparkter Autos. War das die richtige Art zu leben? – eine anspruchslose Partie Golf mit einem Freund, auf die zu gegebener Zeit eine gemütliche Fahrt zurück nach London folgte (bei der man die M4 mied), und dann ein leichtes Abendessen allein in der Wohnung, ein paar Runden Piquet mit einem anderen Freund – 016 von Station B hatte Urlaub und war für zehn Tage aus Westberlin nach Hause gekommen – und zu guter Letzt um halb zwölf ab ins Bett. Es war zweifellos eine sehr viel vernünftigere und erwachsenere Routine als die Runde Gin und die Beruhigungsmittel, die er noch vor ein paar Jahren gebraucht hatte, vor seiner albtraumhaften Odyssee durch Japan und die UdSSR. Er sollte sich dafür auf die Schulter klopfen, dass er es durch diese schwierige Zeit geschafft hatte. Und dennoch …

Mit dem Geräusch eines hinabsausenden Säbels zischte Bill Tanners Driver durch die stehende, warme Luft, und sein Ball, der für einen Augenblick aus der Realität zu verschwinden schien, tauchte wieder auf und beschrieb einen weiten Bogen. Es war ein wundervoller, hoher Schlag, der so ausgeführt war, dass er den Ball weit genug nach links brachte, um nicht zwischen der Gruppe aus Waldkiefern zu landen, die schon viele vielversprechende Spielstände in letzter Minute ruiniert hatte. So wie die Dinge standen, musste er nur einen Gleichstand erzielen, um zu gewinnen.

»Sieht so aus, als wäre das Ihr Fünfer, so ungern ich es zugebe, Bill.«

»Wurde auch Zeit, dass ich Ihnen mal einen abnehme.«

Als James Bond vortrat, um seinen Schlag zu machen, kam ihm der Gedanke, dass es eine noch schlimmere Sünde als die Todsünde der Langeweile geben mochte. Gleichgültigkeit. Zufriedenheit mit dem Zweitbesten. Weich zu werden, ohne es zu merken.

Der Mann mit der ungewöhnlich großen und dunklen Sonnenbrille, der an den offenen Fenstern der Clublounge vorbei in Richtung des Grüns schlenderte, hatte keine Schwierigkeiten, die große Gestalt zu identifizieren, die sich in diesem Augenblick bereit machte, am achtzehnten Loch abzuschlagen. Er hatte im Laufe der vergangenen Wochen jede Menge Übung darin bekommen, sie zu identifizieren, sogar auf noch größere Entfernungen als diese. Und in diesem Moment schärfte Dringlichkeit seinen Blick.

Falls irgendein Mitglied des Clubs den Fremden mit der Sonnenbrille bemerkt hätte und mit der Frage, ob man ihm helfen könne, auf ihn zugekommen wäre, hätte diese Person die höfliche Antwort erhalten, dass er keine Hilfe benötige. Diese Antwort wäre mit einem nicht ganz britisch klingenden Akzent gegeben worden – nicht unbedingt fremdsprachlich, vielleicht südafrikanisch. Der Fremde hätte erklärt, dass er sich hier mit Mr John Donald treffen wolle, der jeden Moment zu ihm stoßen werde, um mit ihm die Möglichkeiten einer Mitgliedschaft zu besprechen. (Tatsächlich befand sich Mr John Donald derzeit in Paris, wie ein paar sorgsam geführte Telefonate früher an diesem Tag ans Licht gebracht hatten.) Doch niemand sprach den Mann mit der Sonnenbrille an. Keiner der Anwesenden bemerkte ihn auch nur. Das war nicht überraschend, weil eine langwierige, kostspielige Ausbildung dafür gesorgt hatte, dass er sehr gut darin war, nicht bemerkt zu werden.

Der Mann schlenderte über das Grün und schien mit Interesse das beeindruckende Zierblumenbeet mit seinen dichten Reihen aus Fackellilien und früh blühenden Chrysanthemen zu betrachten. Seine Haltung war vollkommen entspannt und sein Gesicht ausdruckslos, während die Augen hinter der Sonnenbrille in Richtung der Blumen schauten. Sein Verstand jedoch lief auf Hochtouren. Die heutige Operation war bereits drei Mal vorbereitet und dann jedes Mal in letzter Sekunde abgebrochen worden. Der Terminplan war so straff, dass eine weitere Verschiebung das gesamte Vorhaben zum Scheitern verurteilen mochte. Das hätte ihn sehr verärgert. Er wollte, dass die Operation durchgeführt werden konnte – nicht aus irgendwelchen ausgefallenen idealistischen oder politischen Gründen. Es ging um seinen beruflichen Stolz. Dieses Unternehmen wäre – sofern alles glatt lief – die unfassbarste und tollkühnste Gesetzesübertretung, von der er je gehört hatte. Mit dem Erfolg eines solchen Projekts in Verbindung gebracht zu werden, würde ihm zweifellos einen Aufstieg bei seinen Arbeitgebern einbringen. Ein Scheitern des Projekts hingegen …

Der Mann mit der Sonnenbrille schlang für einen Augenblick die Arme um seinen Körper, als hätte die herannahende Abenddämmerung eine verirrte kühle Brise mitgebracht, die ihn frösteln ließ. Der Moment verging. Er hatte kein Problem damit, sich wieder zu entspannen. Er dachte leidenschaftslos über die nicht zu leugnende Tatsache nach, dass der Zeitplan, nach dem er arbeitete, sogar noch straffer war als der Terminplan und kaum noch einzuhalten. Sie waren bereits eine halbe Stunde im Verzug. Dieser Bond und sein Begleiter hatten sich viel Zeit gelassen, um sich bei ihrem Mittagessen in dem Restaurant für reiche Aristokraten den Bauch vollzuschlagen. Wenn sie sich nun auch noch bei den Drinks Zeit ließen, die solche Leute um diese Uhrzeit einzunehmen pflegten, würde es sehr unangenehm werden.

Ein beiläufiger Blick zeigte ihm, dass die beiden Engländer ihre Runde dieses kindischen Spiels beendet hatten und sich nun dem Clubhaus näherten. Der Mann mit der Sonnenbrille, dessen Augen hinter den dunklen Gläsern nicht zu erkennen waren, beobachtete sie von der Seite, bis sie unter albernem Gelächter aus seinem Sichtfeld verschwanden. Es hatte keine weitere Verzögerung gegeben. Obwohl er seit einer halben Stunde nicht mehr auf seine Uhr geschaut hatte und es auch jetzt nicht tat, wusste er auf die Minute genau, wie spät es war.

Eine Pause entstand. Abgesehen von ein paar entfernten Stimmen, einem Motor, der auf dem Parkplatz angelassen wurde, und einem Jet irgendwo weit oben am Himmel herrschte Stille. Irgendwo schlug eine Uhr. Der Mann inszenierte eine knappe Geste, wie eine Person, die mit Bedauern beschloss, dass sie wirklich nicht noch länger warten konnte. Dann ging er gemächlich Richtung Eingang. Als er sich der Straße näherte, nahm er seine Sonnenbrille ab und ließ sie vorsichtig in die obere Jacketttasche seines unauffälligen hellgrauen Anzugs gleiten. Seine Augen waren von einem verwaschenen Blau, das auf seltsame Weise zu seinem tiefschwarzen Haar passte. In ihnen lag das kontrollierte Interesse eines Scharfschützen, der nach seinem Gewehr greift.

»Finden Sie, dass ich weich werde, Bill?«, fragte Bond zwanzig Minuten später, als sie an der Bar standen.

Bill Tanner grinste. »Ärgern Sie sich immer noch darüber, dass Sie mit zwei Punkten Abstand gegen mich verloren haben?« (Bond hatte auf dem letzten Grün einen Putt aus nur gut einem Meter Abstand verpatzt.)

»Das meine ich nicht, es ist nur … Also, es fängt schon damit an, dass ich unterbeschäftigt bin. Was habe ich dieses Jahr denn schon gemacht? Eine Reise in die Staaten, um etwas zu erledigen, das sich als eine Art Unhöflichkeitsbesuch herausstellte, und dann dieses elende Fiasko im Juni drüben im Osten.«

Bond war nach Hongkong geschickt worden, um den Transport eines gewissen Chinesen und einer Anzahl ungewöhnlicher Waren auf das kommunistische Festland zu überwachen. Der Mann war kurz vor Bonds Ankunft verschwunden und zwei Tage später in einer Gasse in der Nähe des Hafens gefunden worden. Sein Kopf war fast vollständig vom Körper abgetrennt. Nach drei weiteren Tagen, die hauptsächlich deswegen unvergesslich waren, weil in dieser Zeit ein gewaltiger und anhaltender Taifun tobte, war die Mission abgebrochen und Bond zurückgerufen worden.

»Es war nicht Ihre Schuld, dass unser Kontaktmann vor Ihrer Ankunft krank wurde«, sagte Tanner und verfiel automatisch in den Standardjargon des Secret Service, den sie in der Öffentlichkeit benutzten.

»Nein.« Bond starrte in seinen Gin Tonic. »Aber was mir Sorgen bereitet, ist die Tatsache, dass es mir nicht allzu viel auszumachen schien. Ich war sogar regelrecht erleichtert, dass mir diese Anstrengung erspart blieb. Irgendetwas stimmt nicht mit mir.«

»Aber nicht körperlich. Sie sind in besserer Form als in den letzten paar Jahren.«

Bond schaute sich in dem einfachen Raum mit den bequemen Bänken aus dunkelblauem Leder und den kleinen Gruppen aus Geschäftsleuten um – stillen, anständigen Männern, die sich in ihrem ganzen Leben noch nie gewalttätig oder verräterisch verhalten hatten. Sie waren bewundernswert, aber der Gedanke, zu einem von ihnen zu werden, widerte Bond plötzlich an.

»Ich höre langsam auf, ein tödliches Individuum zu sein«, sagte Bond nachdenklich. »Ich werde zu einem Gewohnheitstier. Seit meiner Rückkehr bin ich an drei von vier Dienstagen hier gewesen, komme immer ungefähr zur gleichen Zeit an, umgebe mich stets mit einem von drei immer gleichen Freunden, verlasse den Platz gegen halb sieben und fahre nach Hause, um dort meinen Abend auf die ewig gleiche Weise zu verbringen. Und ich kann daran nichts Falsches finden. Ein Mann in meiner Branche sollte aber nach einem Zeitplan leben. Das wissen Sie.«

Es stimmte durchaus, dass ein Geheimagent bei einem Auftrag nie in irgendeine Art von Routine verfallen durfte, die es seinen Gegnern ermöglichte, seine Schritte vorherzusehen, aber Bill Tanner sollte die seltsame unbeabsichtigte Bedeutung von Bonds Worten erst später erkennen.

»Ich kann Ihnen nicht ganz folgen, James. Das trifft doch sicher nicht auf Ihr Leben in England zu«, entgegnete Tanner mit ebenso unbeabsichtigter Ironie.

»Ich dachte eher an das große Ganze. Mein Leben verfällt in eine Art Muster. Ich muss eine Möglichkeit finden, daraus auszubrechen.«

»Meiner Erfahrung nach ereignet sich eine solche Umstrukturierung von ganz allein, sobald die Zeit reif dafür ist. Man muss deswegen nicht selbst etwas unternehmen.«

»Meinen Sie damit etwa das Schicksal oder so etwas?«

Tanner zuckte mit den Schultern. »Nennen Sie es, wie Sie wollen.«

Für einen Augenblick machte sich eine seltsame Stille zwischen den beiden Männern breit. Dann schaute Tanner auf die Uhr, leerte sein Glas und sagte munter: »Nun, ich denke, Sie wollen sicher langsam los.«

Bond wollte gerade zustimmen, doch er hielt sich zurück. »Zum Teufel damit«, sagte er. »Wenn ich mein Leben ein bisschen durcheinanderbringen will, kann ich ebenso gut sofort damit anfangen.«

Er wandte sich an die Bardame. »Noch mal das Gleiche, Dot.«

»Kommen Sie dann nicht zu spät zu Ihrem Treffen mit M?«, fragte Tanner.

»Er wird sich wohl einfach in Geduld üben müssen. Er isst nicht vor Viertel nach acht zu Abend, und momentan reicht mir eine halbe Stunde in seiner Gesellschaft vollkommen.«

»Ich weiß, was Sie meinen«, erwiderte Tanner mitfühlend. »Ich darf ihm im Büro immer noch nicht zu nah kommen. Wir sind dazu übergegangen, die meisten unserer Plaudereien über die Gegensprechanlage abzuhalten, was mir bestens passt. Ich muss nur sagen, dass es nach Regen aussieht, und schon schreit er mich an und verlangt, dass ich aufhöre, um ihn herumzuwuseln wie ein verwirrtes altes Weib.«

Es war eine lebensechte Imitation, und Bond lachte, aber er wurde schnell wieder ernst, als er sagte: »Das ist nur natürlich. Seeleute hassen es, krank zu sein.«

Im vergangenen Winter hatte sich M einen beunruhigenden Husten zugezogen und er weigerte sich standhaft, etwas dagegen zu unternehmen. Er hatte behauptet, dass er schon von allein verschwinden würde, sobald das Wetter wärmer wurde. Doch der Frühling und der Frühsommer hatten mit der Wärme auch Regen und Feuchtigkeit gebracht, und der Husten war nicht verschwunden. An einem Morgen im Juli hatte Miss Moneypenny einen Stapel Telegramme in sein Büro gebracht und ihn halb bewusstlos über seinen Schreibtisch gebeugt vorgefunden. Sein Gesicht war aschfahl gewesen, und er hatte nach Luft gerungen. Sie hatte Bond aus seinem Büro im fünften Stock nach oben gerufen, und auf das nachdrückliche Beharren des medizinischen Offiziers des Hauptquartiers hin hatten sie M halb mit Gewalt in seinen alten Silver Wraith Rolls Royce bugsiert und ihn nach Hause gebracht. Nach drei Wochen Bettruhe unter der hingebungsvollen Pflege des ehemaligen Chief Petty Officer Hammond und seiner Frau hatte sich M weitestgehend von seiner Bronchialanschoppung erholt, auch wenn seine Laune – wie Bond bei seinen regelmäßigen Besuchen hinreichend feststellte – wohl länger brauchen würde, um auszuheilen … Seitdem hatte Bond es sich zur Gewohnheit gemacht, bei seiner wöchentlichen Rückkehr von Sunningdale beim Achterdeck vorbeizuschauen, dem hübschen kleinen Herrenhaus im Regency-Stil am Rande von Windsor Park. Dabei tat er immer so, als wolle er ganz formlos ein wenig über die Angelegenheiten des Secret Service plaudern, doch in Wahrheit ging es ihm darum, Ms Gesundheit im Auge zu behalten und ein paar heimliche Worte mit den Hammonds zu wechseln, um herauszufinden, ob sich der alte Man auch an die Anweisungen des Arztes hielt, viel Ruhe bekam und, was besonders wichtig war, die Finger von seiner Pfeife und seinen täglichen giftigen schwarzen Zigarrenstumpen ließ. Er war auf einen von Ms typischen Wutausbrüchen vorbereitet gewesen, als er ihm den ersten dieser Besuche vorgeschlagen hatte, doch M hatte nur eine umgehende, wenn auch säuerliche Zustimmung gebrummt. Bond vermutete, dass er sich von der Welt abgeschnitten fühlte, da man ihn vorübergehend zu einer Dreitagewoche verdonnert hatte. (Der medizinische Offizier hatte dieses Zugeständnis nur erhalten, weil er damit gedroht hatte, ihn auf eine Kreuzfahrt zu schicken, wenn er nicht einwilligte.)

Nun sagte Bond: »Warum kommen Sie nicht auch mit, Bill? Ich könnte Sie danach mit zurück nach London nehmen.«

Tanner zögerte. »Ich denke nicht, James, aber trotzdem danke. Später wird noch ein recht wichtiger Anruf von Station L ins Büro durchgestellt, den ich gerne persönlich entgegennehmen würde.«

»Wofür gibt es denn den diensthabenden Offizier? Sie arbeiten doch jetzt schon so viel, dass es für zwei Männer reicht.«

»Nun ja … es ist nicht nur das. Ich würde M ohnehin nicht besuchen wollen. Dieses alte Haus ist mir irgendwie unheimlich.«

Eine Viertelstunde später, nachdem er den Stabschef am Bahnhof abgesetzt hatte, lenkte Bond die lange Motorhaube seines Bentley Continental nach links von der A30 hinunter. Vor ihm lag eine angenehme, gemütliche Fahrt von etwa zehn Minuten, die ihn über gewundene Nebenstraßen zum Achterdeck bringen würde.

Der Mann, der Bond zuvor beobachtet hatte, saß in einem gestohlenen Ford Zephyr, der unauffällig in fünfzig Metern Entfernung von der Abzweigung geparkt war. Nun sprach er ein einzelnes Wort in seinen Hitachi-Sendeempfänger. Gut sieben Kilometer entfernt bestätigte ein anderer Mann die Durchsage mit einem einsilbigen Wort, schaltete sein eigenes Gerät ab und stieg mit seinen beiden Begleitern aus dem dichten Walddickicht, in dem sie die vergangenen zwei Stunden gelegen hatten.

Der Fahrer des Zephyr saß eine weitere Minute lang still da. Es lag in seiner Natur, unnötige Bewegung zu vermeiden, selbst in Momenten wie diesem, in denen er so angespannt war, wie er es sich nur gestattete. Der Zeitplan der Operation war nun fünfzig Minuten im Verzug. Eine weitere große Verzögerung würde nicht nur einen Abbruch nach sich ziehen, sondern eine Katastrophe, denn die Phase, die sein Funksignal soeben eingeleitet hatte, war ebenso unumkehrbar wie brutal. Aber es würde keine weitere Verzögerung geben. Momentan kündigte sich keine an. Das verriet ihm seine Ausbildung.

Am Ende der Minute, die er nach sorgfältigen Berechnungen als den optimalen zeitlichen Abstand bestimmt hatte, um dem Bentley zu folgen, legte er den Gang ein und startete den Zephyr, um in Richtung der Abzweigung zu fahren.

Bond überquerte die Grafschaftsgrenze nach Berkshire und fuhr ohne Eile zwischen den hässlichen Ansammlungen moderner Wohnhäuser hindurch – Herrenhäuser in halbherzig nachgeahmtem Tudor-Stil, Bungalows und zweistöckige Kästen mit sinnlos bunten Holzverkleidungen und Ziegeln sowie verrückten Pflastersteinanordnungen vor den Haustüren und den unvermeidbaren Fernsehantennen, die aus jedem Dach emporwuchsen. Sobald er den Ort Silwood hinter sich gelassen und die A329 überquert hatte, lagen diese Anzeichen des Wohlstands hinter ihm, und der Bentley fuhr brummend einen sanft abfallenden Hügel zwischen Kiefernwäldern hinunter. Schon bald zeigten sich weitläufige Ackerböden zu seiner Linken und der künstlich angelegte Wald zu seiner Rechten. Orte wie dieser würden am längsten als Denkmäler dessen Bestand haben, was England einst gewesen war. Als wollte sie seiner Überlegung widersprechen, tauchte vor ihm eine Trident-Maschine von British European Airways auf, die gerade vom Londoner Flughafen abgehoben hatte und voller Touristen war, die ihre Fish-and-Chips-Kultur in die spanischen Urlaubsgebiete, in Portugals schöne Algarve-Region und nun, da sich die Reichweite der Flugrouten ständig vergrößerte, sogar bis nach Marokko trugen. Aber es war ungehobelt, das alles und die steigenden Gehälter, die es möglich machten, zu verdammen. Vergiss es. Konzentriere dich darauf, M aufzumuntern. Und auf die Piquet-Runde heute Abend. Erhöhe die Einsätze und spiele ernsthaft. Oder sag die ganze Sache ab. Ein paar Anrufe und ein Abend zu viert in der Stadt. Brich aus dem Muster aus …

Diese Gedanken wirbelten durch Bonds Kopf, während er fast schon automatisch die zahlreichen kleinen Bewegungen eines guten Autofahrers ausführte, natürlich einschließlich eines gelegentlichen Blicks in den Rückspiegel. Der Zephyr tauchte nicht ein einziges Mal darin auf. Bond hätte ihm auch keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt, wenn es doch der Fall gewesen wäre. Er hatte ihn noch nie zuvor gesehen und hätte ihn selbst dann nicht erkannt, wenn der Fahrer den Wagen auf eine Höhe mit seinem gebracht hätte. Obwohl er seit sechs Wochen unter strenger Beobachtung stand, war Bond nichts Ungewöhnliches aufgefallen. Wenn er sich nicht auf einem Auftrag im Ausland befindet, rechnet ein Geheimagent nicht damit, beobachtet zu werden. Es ist auch sehr viel einfacher, einen Mann zu beschatten, der einen regelmäßigen Tagesablauf sowie eine feste Wohnung und Arbeitsstelle hat. Daher war es zum Beispiel nicht nötig gewesen, irgendeinen Wachposten in der Nähe von Bonds Wohnung an der King’s Road aufzustellen oder ihm auf seinem Weg zwischen dort und dem Hauptquartier des Secret Service im Regent’s Park zu folgen. Noch wichtiger war, dass die Operation, die ihn betraf, für ihre Planer höchste Priorität hatte. Das bedeutete, dass ihnen ein großzügiges Budget zur Verfügung stand, was wiederum zur Folge hatte, dass eine ungewöhnlich große Anzahl von Agenten angeheuert werden konnte. Und das bedeutete, dass die Beobachter und Beschatter oft ausgetauscht werden konnten, bevor ihre wiederholte Anwesenheit dem fast schon unterbewussten Frühwarnsystem auffallen konnte, das sich im Laufe der vielen Jahre beim Secret Service in Bonds Verstand entwickelt hatte.

Der Bentley glitt über die Windsor-Bagshot Road. Auf der linken Seite erschienen die vertrauten Orientierungspunkte: der Squirrel Pub, die Stallungen des Arabergestüts, die Lurex-Garn-Fabrik (ein häufiges Ziel von Ms Empörung). Und nun tauchte auf der rechten Seite die bescheidene steinerne Einfahrt des Achterdecks auf, zuerst der kurze, gut gepflegte Kiesweg und dann das Haus selbst. Dabei handelte es sich um ein einfaches Rechteck aus Bath Stone, der durch die Verwitterung einen leicht grünlichen Grauton angenommen hatte und in der Abendsonne leuchtete. Teile des Hauses lagen im Schatten der dichten Plantage aus Kiefern, Birken, Weißbirken und jungen Eichen, die auf drei Seiten des Gebäudes wuchsen. Eine uralte Glyzinie wand sich bis zu dem winzigen Balkon im ersten Stock, hinter dem Ms Schlafzimmer lag, und darüber hinaus nach oben. Als er die Autotür zuschlug und auf den niedrigen Säulengang zumarschierte, hatte Bond den Eindruck, dass sich hinter den Glastüren zum Balkon flüchtig etwas bewegte. Das war zweifellos Mrs Hammond, die das Bett machte.

Unter Bonds Hand erklang in der Stille der scharfe Schlag der hängenden Messingglocke, die einst zu einem längst ausrangierten Kriegsschiff gehört hatte. Erneut folgte Stille, die nicht einmal von einem leisen Rascheln des Winds in den Baumwipfeln durchbrochen wurde. Bond stellte sich vor, wie Mrs Hammond noch immer im ersten Stock beschäftigt war und Hammond selbst gerade eine Flasche von Ms algerischem Lieblingswein – dem so treffend benannten »Infuriator« – aus dem Keller holte. Die Eingangstür des Achterdecks war zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang nie verriegelt. Sie gab unter Bonds Berührung sofort nach.

Jedes Haus hat sein eigenes, normalerweise nicht wahrnehmbares Hintergrundgeräusch, das aus fernen Stimmen, Schritten, Küchengeräuschen und all den gedämpften Lauten menschlicher Wesen besteht, die ihren Geschäften nachgehen. James Bond hatte kaum die Schwelle überschritten, als ihn seine gut ausgebildeten Sinne auf die vollkommene Abwesenheit dieser Klangkulisse aufmerksam machten. Plötzlich war er angespannt und schob die massive spanische Mahagonitür zum Arbeitszimmer auf, in dem M normalerweise seine Besucher empfing.

Der leere Raum starrte Bond düster an. Wie immer befand sich alles fein säuberlich an seinem Platz. Die Rahmen der Schiffsgemälde hingen absolut waagerecht, die Aquarellutensilien waren auf dem Maltisch am Fenster ausgebreitet, als würden sie zur Inspektion bereitliegen. Alles wirkte seltsam künstlich und entrückt, als wäre der Raum Teil eines Museums, in dem die Möbel und Gegenstände irgendeiner historischen Persönlichkeit so erhalten und ausgestellt wurden, wie sie zu ihren Lebzeiten in Gebrauch gewesen waren.

Bevor Bond mehr tun konnte, als sich kurz umzuschauen, zu lauschen und sich zu fragen, was los war, wurde die Esszimmertür auf der anderen Seite des Flurs, die einen Spalt offen gestanden hatte, ruckartig aufgestoßen, und ein Mann trat heraus. Er richtete eine langläufige Automatikwaffe auf Bonds Knie und sagte mit klarer Stimme: »Bleiben Sie, wo Sie sind, Bond. Und machen Sie keine plötzlichen Bewegungen. Wenn Sie es doch tun, werde ich Sie sehr schmerzhaft verstümmeln.«


IN DEN WALD

Im Laufe seiner Karriere war James Bond buchstäblich Dutzende Male auf diese Art und Weise festgehalten und bedroht worden – und oft, genau wie jetzt, von einem völlig Fremden. Der erste Schritt für erfolgreiche Gegenmaßnahmen bestand darin, ein wenig Zeit zu schinden und zu analysieren, welche Informationen umgehend zur Verfügung standen.

Bond schob jegliche Spekulation über das Ziel seines Gegners und die Frage, was mit M und den Hammonds geschehen sein mochte, als nutzlos beiseite. Stattdessen konzentrierte er sich auf die Waffe des Feindes. Er erkannte sofort, dass es sich um eine mit einem Schalldämpfer ausgestattete Luger 9 mm handelte. Die Auswirkung einer Kugel mit diesem Kaliber, die fast dreißig Gramm wog und sich mit Schallgeschwindigkeit bewegte, war enorm. Wenn ihn eine solche Kugel aus der momentanen Entfernung traf, selbst wenn sie nur einen Arm oder ein Bein erwischte, würde er zu Boden geschleudert werden und als Folge des Schocks vermutlich das Bewusstsein verlieren. Wenn sie ihn irgendwo in der Nähe des Knies traf, auf das die Waffe in diesem Augenblick gerichtet war, würde er mit großer Wahrscheinlichkeit nie wieder laufen können. Alles in allem war es die Waffenausrüstung eines Profis.

Der Mann selbst hatte ein dünnes, knochiges Gesicht und einen schmalen Mund. Er trug einen leichten dunkelblauen Anzug und ordentlich polierte Schuhe. Man hätte ihn für einen vielversprechenden angehenden Geschäftsführer in der Werbebranche oder beim Fernsehen halten können, der bei den Frauen Eindruck schinden wollte. An seinem Aussehen fiel Bond besonders auf, dass er so groß wie er selbst, aber schmaler gebaut war. Also würde er sich vielleicht in einem direkten Kampf als angreifbar erweisen, falls sich eine derartige Situation herbeiführen ließ. Was Bond beunruhigte, war die Knappheit und Stärke der Worte, die sein Gegenüber benutzt hatte, sowie der geschäftsmäßige Ton, in dem er sie ausgesprochen hatte. Er war frei von ordinären Drohungen oder Triumph gewesen, und vor allem hatte darin nicht der kleinste Hauch dieser gekünstelten Lässigkeit gelegen, die ihn als Amateur und damit als potenziellen Einbrecher gekennzeichnet hätte. Dies war der Beweis, dass er wusste, wie man die Waffe benutzte, und es auch ohne zu zögern tun würde, wenn er es für ratsam hielt.

Das alles raste innerhalb von etwa drei Sekunden durch Bonds Verstand. Bevor diese Zeit abgelaufen war, hörte er, wie ein Auto in die Einfahrt einbog, und verspürte einen Hauch von Hoffnung. Doch der Mann mit der Luger drehte nicht einmal den Kopf. Der Neuankömmling würde Bonds Chancen zweifellos verschlechtern und nicht verbessern. Nun erklangen schnelle Schritte auf dem Kies, und ein weiterer Mann betrat das Haus durch die Vordertür. Er würdigte Bond, der lediglich einen flüchtigen Eindruck verwaschener blauer Augen erhaschte, kaum eines Blickes. Der Mann strich sein kurzes schwarzes Haar zurück und zog hinter seiner rechten Hüfte eine Waffe hervor, bei der es sich ebenfalls um eine Luger zu handeln schien. Dann schlich er nach draußen, ließ seinen Begleiter zurück und postierte sich am Fuß der Treppe. Seine Bewegungen ließen das Ganze wie eine bestens geplante und einstudierte Übung wirken.

»Raus hier und langsam nach oben«, sagte der erste Mann im gleichen Tonfall wie zuvor.

Es ist an sich schon schwierig, in Gegenwart bewaffneter Feinde aus einem Raum im Erdgeschoss zu entkommen, doch die Situation wird nahezu aussichtslos, wenn sie in ein oberes Stockwerk verlagert wird und es am Treppenabsatz oder im Flur eine Wache gibt.

Bond war sich dessen sofort bewusst, befolgte aber einfach die Anweisung und setzte sich in Bewegung. Nachdem er drei Meter weit gegangen war, wich der Mann mit dem schmalen Gesicht zurück, um den Abstand zwischen ihnen aufrechtzuerhalten. Der zweite Mann stand auf dem Treppenabsatz, hielt die Luger mit festem Griff vor seinem Bauch und zielte auf Bonds Beine. Ja, diese beiden Männer waren zweifellos Profis.

Bond schaute sich in der unpassenden Normalität der Eingangshalle des Achterdecks um – die glänzenden Täfelungen aus Kiefernholz, das Model von Ms letztem Schiff, dem Schlachtkreuzer Repulse, im Maßstab 1:144, Ms altmodischer Ulster, der achtlos über den ebenso altmodischen Kleiderständer geworfen worden war. Diese Sache war wirklich übel. Übel in jeder Hinsicht, vor allem weil er keine Waffe hatte. Britische Agenten tragen in ihrem eigenen Land außerhalb des Dienstes keine Waffen. Übel war auch, dass die Bereitschaft zu verstümmeln, womöglich sogar zu töten, in Friedenszeiten nicht üblich war – es sei denn, es stand etwas schrecklich Wichtiges auf dem Spiel. Und nicht zu wissen, wie dieser wichtige Einsatz aussehen mochte, kam einem unerträglichen Durstgefühl gleich.

James Bonds Füße traten automatisch auf die mit abgenutztem, altem olivgrünem Axminster-Teppich bezogenen Treppenstufen. Die beiden bewaffneten Männer gingen im gleichen sicheren Abstand jeweils vor und hinter ihm. Trotz ihrer eindeutigen Kompetenz waren sie ganz offensichtlich Angestellte, Unteroffiziere, die für jemanden arbeiteten. Der befehlshabende Offizier dieser Operation, worum auch immer es dabei gehen mochte, würde sich zweifellos jeden Moment zu erkennen geben.

»Rein da.«

Dieses Mal hatte der zweite Mann gesprochen. Der andere wartete auf der Treppe. Bond überquerte die Schwelle zu Ms Schlafzimmer, diesem hohen, luftigen Raum mit den Brokatvorhängen, die von den geschlossenen Balkontüren zurückgezogen worden waren, und stand plötzlich M persönlich gegenüber.

Ein entsetztes Keuchen entrang sich Bonds Kehle.

M saß auf einem Chippendale-Stuhl mit hoher Lehne neben seinem eigenen Bett. Seine Schultern waren zusammengesackt, als wäre er um zehn Jahre gealtert, und seine Hände hingen schlaff zwischen seinen Knien. Nach einem Moment schaute er langsam auf und seine Augen richteten sich auf Bond. In seinem Blick lag kein Erkennen, er war vollkommen ausdruckslos. Die übliche eisige Klarheit war aus seinen Augen verschwunden. Aus seinem offenen Mund drang ein seltsamer Laut, vielleicht eine Äußerung der Verwunderung oder eine Frage oder eine Warnung, vielleicht auch alles gleichzeitig.

Adrenalin wird von den Nebennieren produziert, zwei kleinen Ausbuchtungen, die sich an der Oberseite der Nieren befinden. Wegen der Umstände, die seine Ausschüttung in den Blutkreislauf und seine Auswirkungen auf den Körper bedingen, wird es manchmal auch als Droge der Furcht, des Kampfes und der Flucht bezeichnet. Bei Ms Anblick verfielen Bonds Nebennieren in ihre ursprüngliche Aufgabe, pumpten ihr Hormon in seinen Blutstrom und beschleunigten damit seine Atmung, um sein Blut mit Sauerstoff anzureichern. Außerdem beschleunigten sie seinen Herzschlag, um die Blutversorgung der Muskeln zu verbessern, verschlossen die kleineren Blutgefäße in der Nähe der Haut, um den Blutverlust im Fall einer Verletzung so gering wie möglich zu halten, und sorgten sogar dafür, dass sich die Haare auf seiner Kopfhaut minimal aufrichteten, was ein Überbleibsel aus der Zeit war, in der die primitiven Vorfahren der Menschen für ihre Feinde bedrohlicher ausgesehen hatten, indem sie ihre haarigen Körper aufgerichtet und sich aufgeplustert hatten. Und während Bond noch immer entsetzt auf M starrte, wurde er plötzlich aus unerfindlichen Gründen, womöglich durch das Adrenalin selbst, von einem seltsamen Hochgefühl erfüllt. Er wusste sofort, dass er nicht weich geworden war, dass er im Ernstfall noch immer dieselbe effiziente Kampfmaschine war wie eh und je.

Eine Stimme sprach. Es war eine neutrale Stimme mit einem neutralen Akzent, und sie benutzte den gleichen praktischen, emotionslosen Tonfall wie die vorherigen Stimmen. Sie sagte streng, aber ohne Eile: »Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, Bond. Ihrem Vorgesetzten wurde kein Leid angetan. Er wurde lediglich unter Drogen gesetzt, um ihn gefügig zu machen. Sobald die Wirkung nachlässt, wird er wieder ganz er selbst sein. Sie werden jetzt eine Injektion mit der gleichen Droge erhalten. Wenn Sie sich wehren, hat mein Kollege hier Anweisung, Ihnen ins Knie zu schießen. Wie Sie wissen, würde Sie das umgehend vollkommen hilflos machen. Die Injektion ist schmerzlos. Halten Sie die Füße still und lassen Sie Ihre Hose herunter.«

Der Sprecher war ein bulliger Mann Mitte vierzig. Er war blass, hatte eine Hakennase, fast keine Haare mehr und wirkte auf den ersten Blick genauso unauffällig wie seine Untergebenen. Ein zweiter Blick hätte allerdings gezeigt, dass mit seinen Augen etwas nicht stimmte, oder besser gesagt mit den Augenlidern, die eine Nummer zu groß zu sein schienen. Ihr Besitzer war sich dieser Tatsache eindeutig bewusst, denn er hob und senkte sie unablässig, während er sprach. Anstatt affektiert zu wirken, hatte diese Angewohnheit etwas seltsam Verstörendes an sich. Wenn Bonds Verstand für derartige Überlegungen offen gewesen wäre, hätte ihn dieser Anblick vielleicht an einen Mann der deutschen Agentengruppe »Schwarzer Stein« aus John Buchans Spionageroman Die neununddreißig Stufen erinnert. Dieser Mann konnte seine Augen wie ein Falke bedecken und hatte in Bonds Jugend seine Tagträume heimgesucht. Doch Bonds Gedanken rasten in eine praktischere Richtung.

Er hatte sich vollkommen unbewusst die Positionen seiner Feinde eingeprägt: Ein bewaffneter Mann stand ihm gegenüber, ein weiterer befand sich irgendwo auf dem Absatz oder der Treppe und bewachte die Tür, und der Mann, der gesprochen hatte, stand mit dem Rücken zu ihm an den Glastüren, die auf den Balkon hinausführten. Ein vierter Mann, irgendein Arzt, der körperlich eher schwächlich wirkte und daher zu vernachlässigen war, stand mit einer Spritze in der Hand am Fußende des Betts. So viel dazu. Nun verlangten zwei Probleme nach einer Lösung, und Bond wusste, dass sie entscheidend waren, ohne den Grund dafür zu verstehen: Wo lag der Trugschluss in dem, was der Mann an den Balkontüren gerade gesagt hatte? Und was war die winzige, unwichtige Tatsache in Bezug auf diese Glastüren, die keinem der vier Männer bewusst war und die Bond sehr wohl kannte, sodass er sie nutzen konnte? Wenn er sich nur daran erinnern könnte.

»Bewegung.«

Die Augenlider schlossen sich gebieterisch und öffneten sich dann wieder. Die Stimme war kein bisschen lauter geworden.

Bond wartete.

»Sie werden dadurch nichts erreichen. Sie haben fünf Sekunden, um meiner Anweisung Folge zu leisten. Sollten Sie es nach Ablauf dieser Frist nicht tun, werden Sie kampfunfähig gemacht und erhalten die Injektion, sobald es uns passt.«

Bond verschwendete seine Aufmerksamkeit nicht auf die verstreichenden Sekunden. Bevor die Zeit abgelaufen war, hatte er die Lösung für das erste seiner beiden Probleme gefunden. Er hatte festgestellt, dass in dem Vorhaben, das man ihm erläutert hatte, ein Widerspruch lag. Es war sinnlos, einem bereits hilflosen Mann eine Injektion zu verabreichen, die ihn hilflos machen sollte. Warum verstümmelten sie ihn also nicht direkt, was in Anbetracht der Umstände schneller gehen und kein Risiko beinhalten würde, und vergaßen die Sache mit der Injektion, die sich bereits als mühselig erwiesen hatte? Sie wollten ihn also nicht nur hilflos haben, sondern hilflos und unverletzt. Die Chancen, dass die Drohung mit der Schusswaffe nur ein Bluff war, standen gut. Wenn das nicht der Fall war, wenn es noch einen zusätzlichen Faktor gab, den Bond nicht bemerkt hatte, würde die Strafe dafür schrecklich sein. Doch es gab keine Alternative.

Die Stimme hatte mit dem Zählen aufgehört, und Bond hatte sich nicht bewegt. In der Stille gab M einen weiteren leisen unverständlichen Laut von sich. Dann …

»Ergreift ihn.«

Bonds Arme wurden von hinten gepackt und auf seinen Rücken verdreht – er hatte nicht gehört, wie der Mann mit dem schmalen Gesicht den Raum betreten und sich ihm genähert hatte. Bevor der Nelson-Griff vollständig ausgeführt war, hatte Bond mit den Fersen nach hinten ausgetreten und etwas getroffen. Einen Arm konnte er befreien. Doch er wurde sofort von dem zweiten Mann geschnappt.

Bei dem darauffolgenden Gerangel herrschten trotz der Tatsache, dass nun zwei gegen einen kämpften, fast ausgeglichene Bedingungen, denn Bond schöpfte Kraft aus dem Wissen, dass er mit seiner Vermutung richtiggelegen und damit den ersten Punkt gewonnen hatte. Hinzu kam noch die erfreuliche Wiedererlangung des Vertrauens in seine Kampffähigkeiten. Und er hatte Möglichkeiten, sie zu verletzen, die ihnen nicht erlaubt waren. Doch er musste sich einem Mann stellen, dessen Körperbau seinem ähnelte, und einem weiteren, der zwar schmaler war, aber ein Talent dafür besaß, die schmerzhaftesten Nervengriffe anzuwenden. Zu allem Überfluss hatte er jedes Mal, wenn Bond sich aus einem losgerissen hatte, schon den nächsten parat.

Ein Ellbogenstoß, der seine Leistengegend knapp verfehlte, ließ Bonds Oberkörper nach vorne sacken. Bevor er sich erholen konnte, hatten sich zehn Finger, die sich wie Stahlbolzen anfühlten, in die Nervenknoten an seinem Halsansatz gebohrt. Seine Oberarmmuskeln schienen sich in dünne Ströme aus kaltem Schlamm zu verwandeln. Wieder versuchte er, seine Ferse nach oben zu bringen, doch dieses Mal wurden seine Beine von vorne gepackt und festgehalten. Ein Zerren, ein Hieven und Bond landete unsanft auf dem Fußboden. Er lag mit dem Gesicht nach unten da, während einer der Männer auf seinen Schultern kniete und der andere den unteren Bereich seines Körpers bewegungsunfähig machte. Er verhielt sich ganz ruhig, wehrte sich nicht unnötig und dachte über die Balkontüren nach, falls er sie je erreichen konnte, die Balkontüren …

»Die Spritze.«

Bond spürte, wie der dritte Mann, der Arzt, plötzlich über ihm stand, und sammelte seine Kräfte für eine enorme Anstrengung. In der nächsten Minute bewies er, wie schwierig es sogar für zwei starke, fähige und entschlossene Männer ist, einen dritten gleich starken Mann in einer vollkommen hilflosen Position zu halten, wenn sie ihm gegenüber keine richtige Gewalt anwenden dürfen, die ihn womöglich verletzen könnte. Bond nutzte diese Minute. Während er sich bemühte und schwitzte und einzig und allein das Ziel verfolgte, keinen wichtigen Teil seines Körpers der Spritze auszusetzen, wobei er am Rande mitbekam, dass sich zwischen dem Mann mit den zu großen Augenlidern und dem Arzt eine Art Diskussion abspielte, erinnerte er sich endlich an das, was ihm vorher nicht eingefallen war. Die Balkontüren konnten zwar geschlossen, aber nicht verriegelt werden. Der Haken war defekt. Hammond hatte es vergangene Woche erwähnt, und M hatte reizbar wie immer erwidert, dass er verdammt sein wolle, wenn er zuließe, dass irgendein Handwerker im Zimmer ein Durcheinander veranstaltete – es könne noch ein paar Wochen warten, bis M zu seinem jährlichen Lachsangelurlaub auf dem Test aufbrechen würde. Also würde ein heftiger Stoß an der Stelle, an der die Türen aufeinandertrafen …

Vielleicht hatte das Triumphgefühl darüber, dass er sich während der Unterhaltung – der Bond nicht bewusst gelauscht hatte – an diese wichtige Kleinigkeit erinnert hatte, dazu geführt, dass er sich für einen kurzen Augenblick entspannte. Vielleicht hatte einer der beiden Männer, die ihn festhielten, eine zusätzliche Kraftreserve gefunden. Auf jeden Fall wurde Bonds Handgelenk gepackt, und kurz darauf spürte er das Stechen der Nadel in seinem linken Unterarm. Er vertrieb die aufwallende Verzweiflung und die Abscheu, fragte sich, wie lange es wohl dauern würde, bis das Zeug wirkte, ließ sich versuchsweise schlaff zusammensacken, stellte fest, dass der Druck auf seinen Körper leicht, aber deutlich nachließ, und setzte sich in Bewegung.

In diesem winzigen Sekundenbruchteil gelang es ihm, sich teilweise dem Griff seiner Gegner zu entwinden. Er bog seinen Rücken durch und trat mit beiden Füßen um sich. Der Mann mit dem schmalen Gesicht schrie. Blut sprudelte aus seiner Nase. Er ging schwerfällig zu Boden. Der andere Mann hieb auf Bonds Nacken ein, doch es war zu spät. Bonds Ellbogen erwischte ihn fast genau an der Luftröhre. Der Mann mit den zu großen Augenlidern schwang einen Fuß, als Bond vom Boden hochkam, doch auch er war nicht schnell genug. Sein Eingreifen bewirkte lediglich, dass Bonds Weg zu den Balkontüren nun frei war. Die beiden Türhälften flogen mit wundervoller Bereitwilligkeit auf, als seine Schulter sie rammte. Er legte eine Hand auf das niedrige Steingeländer, sprang darüber, landete in einer perfekt ausbalancierten Haltung auf allen vieren auf der Erde, rappelte sich auf und rannte auf die nächstgelegenen Bäume zu.

Die ersten vereinzelten Kiefern verschafften ihm nur wenig Deckung, egal wie schnell er lief. Doch nun wurden sie zahlreicher. Hinzukamen Brombeersträucher und wild wachsende Rhododendronbüsche, die das Vorwärtskommen erschwerten. Es war sehr wichtig, dass er jetzt nicht stürzte. Und er durfte auch nicht langsamer werden. Warum? Er musste ihnen entkommen. Wem? Den Männern. Dem Mann mit den Falkenaugen. Dem Mann, der M etwas Schreckliches angetan hatte. Er musste M retten. Er musste umkehren und M retten. Nein. Weiter. Konnte er M retten, indem er davonlief? Ja. Weiter. Wohin? Weit weg. Immer weiter. Wie weit? Weit …

Bond war nun tatsächlich kaum mehr als eine Maschine. Schon bald hatte er alles vergessen, bis auf die Notwendigkeit, den nächsten Schritt zu machen und den nächsten und den nächsten. Als nichts mehr von seinem Verstand übrig war, rannte sein Körper noch etwa eine Minute lang weiter, so schnell wie zuvor, aber ohne jeglichen Sinn für Richtung. Danach verlangsamte er und blieb schließlich stehen. Er stand eine weitere Minute lang einfach nur da, keuchte mit offenem Mund und ließ die Arme schlaff herunterhängen. Seine Augen waren offen, aber sie sahen nichts. Dann machte James Bonds Körper angetrieben von einem letzten Funken Intelligenz oder Willenskraft ein Dutzend weitere Schritte, sackte zu Boden und legte sich der Länge nach ausgestreckt auf eine Stelle mit langem rauem Gras zwischen zwei Zwergpappeln, wo er für jeden, der in mehr als fünf Metern Entfernung daran vorbeiging, nahezu unsichtbar war.

Allerdings kam ihm niemand so nah. Die Verfolgung war von Anfang an hoffnungslos gewesen. Der Mann mit dem schmalen Gesicht, dessen Nase heftig blutete, war fast noch rechtzeitig – aber eben doch nicht schnell genug – vom Balkon gesprungen und um die Ecke des Hauses herumgelaufen, um Bond zwischen den Kiefern verschwinden zu sehen, aber es dauerte weitere zehn oder zwölf Sekunden, bis sein Kollege und der Mann mit den zu großen Augenlidern zu ihm stießen. Letzterer war offenbar nicht daran gewöhnt, von Balkonen zu springen, und musste die Treppe nehmen. Hätte der Mann mit dem schmalen Gesicht für eine Organisation gearbeitet, die Eigeninitiative förderte, wäre er ohne zu zögern in Richtung des Waldrands gelaufen und hätte gelauscht, um in der Lage zu sein, eine effektive Verfolgung aufzunehmen. Doch da das nicht der Fall war, befand sich Bond gerade so außer Hörweite, als das Trio die ersten Bäume erreichte. Sie bewegten sich für eine Weile in die offensichtliche und tatsächlich richtige Richtung, aber sie standen unter Zeitdruck. Es dauerte nicht lange, bis der Anführer auf seine Uhr schaute und den Befehl zum Anhalten gab.

»Zurück.«

Bevor sie sich abwandten, hob der Sprecher die Augenlider und starrte den Mann mit dem schmalen Gesicht mit einer seltsamen Entschlossenheit an. Der Mann wurde blass. Dann machten sich die drei auf den Rückweg. Die letzte ironische Tatsache an diesem Tag voller ironischer Tatsachen bestand darin, dass sie nur noch sechzig oder siebzig Meter weiter hätten gehen müssen, um genau die Stelle zu erreichen, an der Bond lag.

Mehr Zeit verstrich. Die Schatten im Wald wurden länger und vergingen schließlich im schummrigen Licht der Abenddämmerung. Das Summen der Insekten wurde zu einem Murmeln. Einmal sang eine Amsel. Abgesehen davon erklang kein Geräusch. Wenn Bond in der Lage gewesen wäre, sein Gehör bis an seine Grenzen zu strapazieren, hätte er vielleicht den fernen Schrei wahrgenommen, der abrupt verstummte, und dann, ein wenig später, ein Auto, das angelassen wurde und davonfuhr. Aber er hörte nichts. Er war nichts.

Der Raum war klein, aber es war trotzdem unmöglich zu bestimmen, was sich darin befand oder wo er war, und es schien auch vollkommen sinnlos zu sein, es zu versuchen. Diese Männer – es waren vermutlich zwei oder drei – sprachen wieder, erst einer, dann ein anderer. Ihre Stimmen klangen gedämpft, was an den langen, verhedderten Streifen aus grauem Stoff lag, die undeutlich und an den Rändern verschwommen vor ihnen in der Luft hingen. Diese grauen Streifen machten es auch schwer, ihre Gesichter zu erkennen. Oder erschwerten sie nur den Wunsch, ihre Gesichter zu sehen? Was befand sich wirklich dort? Spielte es eine Rolle? Dort war etwas, etwas wie ein Buch oder ein Mann oder ein Geheimnis oder ein Telefon, das bestätigte, dass es eine Rolle spielte. Das war vor langer Zeit gewesen, vor Hunderten umrundeter Ecken, Tausende langsamer, beschwerlicher Schritte zurück, doch es beharrte darauf, dass man niemals aufgeben durfte. Versuchen. Der Wille, zu versuchen. Versuchen, es versuchen zu wollen. Versuchen wollen zu …

Ein weiterer Mann, viel näher. Sein Gesicht war ganz nah. Er machte etwas mit seinem Auge. Er hielt sein Handgelenk. Er machte noch mehr mit seinem Auge. Ein Schnauben. Ein Gespräch. Sie gingen davon. Sie kehrten zurück. Und taten wieder etwas – was? Sie zogen und halfen ihm vom Stuhl hoch. Etwas mit einer Jacke. Etwas mit Hemdsärmeln. Ein kurzer Schmerz. Vorbei. Wieder zurück auf dem Stuhl.

»Nun, Doktor?«

»Er hat eine erhebliche Dosis irgendeiner Droge erhalten. Zu diesem Zeitpunkt ist es mir noch nicht möglich, sie genauer zu benennen. Könnte Scopolamin sein. Ich habe ihm etwas verabreicht, das ihm dabei helfen sollte, wieder zu sich zu kommen.«

»Also ist er ein Drogenabhängiger?«

»Schon möglich. Aber ich bezweifle es. Wir werden einfach abwarten müssen. Wie ist er hier gelandet?«

»Ein Autofahrer brachte ihn vor etwa einer halben Stunde her. Er sagte, er habe ihn auf einer Straße in der Nähe eines Eingangs zum Great Park gefunden, wo er ziellos umhergeirrt sei. Natürlich dachten wir zuerst, er wäre betrunken.«

»Die Auswirkungen sind ähnlich. Die ruhige Art von Trunkenheit. Ich kann mir keine bessere Methode vorstellen, um einen Mann gefügig zu machen. Wissen Sie, Sergeant, an dieser Sache, worum auch immer es dabei gehen mag, ist irgendetwas faul. Wer ist unser Freund?«

»Er heißt Bond, James Bond. Er hat eine Geschäftsadresse in London, irgendwo am Regent’s Park. Ich habe dort angerufen, um möglicherweise etwas über ihn herauszufinden, und man sagte mir, ich solle ihn festhalten und niemanden außer einem Arzt zu ihm lassen. Sie würden umgehend einen ihrer Leute herschicken. Der Inspector sollte auch bald hier sein. Er hat sich etwa zwei Minuten vor der Ankunft dieses Burschen auf den Weg zu einem Einsatz gemacht. Eine Massenkarambolage auf der M4. Wird eine ganz schön anstrengende Nacht werden.«

»Allerdings … Ah, ich glaube, jetzt dürfte er langsam wieder ansprechbar sein … Mr Bond? Mr Bond, Sie sind in Sicherheit und in wenigen Minuten werden Sie wieder ganz Sie selbst sein. Mein Name ist Doktor Allison und diese Herren von der Polizei sind Sergeant Hassett und Constable Wragg. Sie sind lediglich zu Ihrem Schutz hier. Sie befinden sich in einer Polizeiwache, aber Sie haben nichts Falsches getan. Sie müssen sich nur ein wenig ausruhen.«

James Bond hob langsam den Blick. Die verhedderten grauen Streifen, die seine Sicht und sein Hörvermögen beeinträchtigt hatten, waren verschwunden. Er sah ein sehr englisches Gesicht mit einer neugierigen spitzen Nase und zuverlässigen dunklen Augen, die in diesem Moment verwirrt und besorgt wirkten. Im Hintergrund waren zwei massiv aussehende Männer in dunkelblauen Uniformen sowie ein abgenutzter Schreibtisch mit einem Telefon darauf, Aktenschränke, Wandkarten, Grafiken und ein Poster, das einen Polizeiball ankündigte: alles alltägliche Dinge, die er wiedererkannte.

Bond schluckte und räusperte sich. Es war sehr wichtig, dass er das, was er zu berichten hatte, korrekt wiedergab, vor allem weil er immer noch nicht ganz sicher war, was das alles bedeutete oder warum er es diesen Leuten mitteilen musste.

»Legen Sie für eine Weile die Füße hoch, Mr Bond. Bringen Sie diesen Stuhl her, Wragg, ja? Könnten Sie uns eine Tasse Tee organisieren?«

Also dann, ganz langsam, Wort für Wort.

»Ich brauche«, begann Bond mit belegter Stimme, »ich brauche ein Auto. Und vier Männer. Bewaffnet. Sie müssen mit mir kommen. So schnell wie möglich.«

»Der arme Bursche ist immer noch ganz durcheinander«, sagte der Sergeant.

Der Arzt runzelte die Stirn. »Das bezweifle ich. Verwirrung ist in einem solchen Fall normal, aber kein richtiges Fantasieren.« Er lehnte sich vor und legte seine Hände fest auf Bonds Schultern. »Sie müssen uns mehr erzählen, Mr Bond. Wir hören Ihnen alle zu. Wir versuchen, Sie zu verstehen.«

»Admiral Sir Miles Messervy«, sagte Bond deutlich und sah, wie der Sergeant reagierte. Bonds Verstand wurde nun schnell klarer. »Es gab einen Zwischenfall in seinem Zuhause. Ich fürchte, er wurde entführt.«

»Sprechen Sie bitte weiter, Sir«, forderte ihn der Sergeant auf, der bereits nach dem Telefonhörer gegriffen hatte, bevor Bond den Satz beendet hatte.

»Da waren vier Männer. Sie hatten ihm eine Ladung von dem gleichen Zeug verabreicht, das sie mir gespritzt haben. Ich weiß nicht genau, wie ich entkommen bin.«

»Kein Wunder«, kommentierte Dr. Allison und bot Bond eine Zigarette und ein Feuerzeug an.

Bond sog den lebensspendenden Rauch tief in seine Lunge ein und stieß ihn genüsslich aus. Er fing an, schnell und besonnen zu überlegen, zu analysieren und vorherzusehen. Der Schluss, zu dem er umgehend kam, entsetzte ihn. Er sprang auf die Füße. Im gleichen Augenblick legte der Sergeant den Telefonhörer auf.

»Nummer nicht erreichbar«, verkündete er ernst.

»Natürlich«, murmelte Bond. »Geben Sie mir das Ding.« Als sich die Telefonistin der Polizei meldete, sagte er: »Londoner Flughafen. Oberste Priorität. Ich bleibe in der Leitung« und ballte seine Hand dabei unbewusst zur Faust.

Der Sergeant warf ihm einen kurzen Blick zu und verließ den Raum im Laufschritt.

Während Bond seinem Freund Spence, dem Sicherheitsbeamten am Flughafen, Beschreibungen von M und den vier feindlichen Agenten durchgab, traf der Inspector ein, dem eine Minute später auch Bill Tanner folgte. Bond beendete das Gespräch, legte auf und holte tief Luft, um Tanner die Lage zu erklären, doch genau in diesem Moment kehrte der Sergeant zurück. Sein rundes, gutmütiges Gesicht war blass. Er wandte sich an Bond.

»Ich habe einen Streifenwagen zum Haus geschickt«, sagte er und schluckte. »Sie haben sich gerade gemeldet. Ich fürchte, für Ihre bewaffneten Männer ist es jetzt zu spät. Aber wir werden Sie brauchen, Doktor. Allerdings werden auch Sie nicht mehr viel tun können.«


NACHWIRKUNGEN

Die Leiche des Mannes mit dem schmalen Gesicht lag auf dem Rücken in der Eingangshalle des Achterdecks. Von seinem Gesicht war nicht mehr viel übrig. Teile davon und von dem, was sich dahinter befunden hatte, klebten überall an den Wänden und der Decke. Die Luger-Patrone steckte einen guten Zentimeter tief in einer der Holzvertäfelungen.

Auf den ehemaligen Chief Petty Officer Hammond hatte man zwei Schüsse abgefeuert, einen in die Brust und einen weiteren, wohl um kein Risiko einzugehen, in den Nacken. Man ging davon aus, dass die Eindringlinge ihn umgehend aus dem Weg geräumt hatten, nachdem er ihnen die Tür geöffnet hatte, und dass sie in diesem Fall eine kleinkalibrige Waffe benutzt hatten, um in der Eingangshalle keine Spuren zu hinterlassen, die Bond bei seiner Ankunft hätten warnen können. Die Leiche hatten sie in die Küche befördert, in der man auch die dritte Leiche gefunden hatte.

Mrs Hammond hatte wenigstens nicht mitbekommen, was mit ihr passiert war. Der Mörder hatte bei ihr dieselbe kleinkalibrige Waffe benutzt und sie mit einem einzelnen gut gezielten Schuss in den Hinterkopf getötet, während sie am Herd oder am Spülbecken gestanden hatte. Sie lag direkt neben ihrem Ehemann, so nah, dass der Handrücken seiner ausgestreckten Hand an ihrer Schulter ruhte. Es sah aus, als hätte er versucht, ihr zu versichern, dass er sie nicht verlassen hatte, dass er in ihrer Nähe war, so wie er es zwanzig Jahre lang gewesen war. Seit Hammond gleich nach dem Krieg aus dem Dienst entlassen worden und mit seiner Frau hergezogen war, um M zu Diensten zu sein, hatten die beiden nicht eine Nacht getrennt verbracht.

Bond dachte darüber nach, während er neben Tanner und dem Inspector stand und auf die Überreste der Hammonds hinunterstarrte. Er verspürte den bedeutungslosen Wunsch, dass er Hammonds Anekdoten über das Marineleben vor dem Krieg in der Pazifikstation mehr Aufmerksamkeit geschenkt hätte, dass er die Zeit und Freundlichkeit gehabt hätte, Mrs Hammond für die Selbstaufopferung, mit der sie M während seiner Krankheit gepflegt hatte, zu danken und sie zu ermutigen. Bond gab einen gedämpften Laut von sich, eine Mischung aus Schluchzen und Knurren. Diese Tat, diese beiläufige Beseitigung zweier Leben, nur um sich Ärger zu ersparen – es hätte ein halbes Dutzend Möglichkeiten gegeben, die Hammonds mit einem Minimum an Gewalt zu neutralisieren, ohne sich einem Risiko auszusetzen –, würde er nicht einfach so hinnehmen. Die Männer, die das getan hatten, würden sterben.

»Nur gut, dass Sie nicht auf meinen Vorschlag eingegangen sind, heute Abend mit herzukommen, Bill«, sagte Bond.

Tanner nickte stumm. Dann wandten sich die beiden ab und überließen die Leichen dem Arzt und den Experten der Polizei. Obwohl niemand erwartete, dass sie dem, was bereits bekannt und allzu offensichtlich war, noch etwas hinzuzufügen hatten. Das Schicksal der Hammonds war wie ein offenes Buch. Was blieb, war natürlich die Frage, warum der Mann mit dem schmalen Gesicht erschossen worden war.

In Ms Arbeitszimmer beschlossen Bond und Tanner eine Minute später, sich mit der Beantwortung dieser Frage zu beschäftigen. Beide mieden stillschweigend den Hepplewhite-Lehnstuhl mit der geraden Rückenlehne, auf dem M immer zu sitzen pflegte, und nahmen jeweils auf einer Seite des niedrigen Steinkamins Platz, der zu dieser Jahreszeit leer und sauber gefegt war.

»Vielleicht hat ihn sein Boss in einem Wutanfall erledigt«, schlug Tanner vor. »Nach dem, was Sie mir auf dem Weg hierher erzählt haben, hat sich unser toter Freund bei dem Gerangel im Schlafzimmer nicht sonderlich geschickt angestellt. Das könnte sein Boss so ausgelegt haben, dass er Ihnen zur Flucht verholfen hat. Andererseits klingen diese Leute nicht so, als würden sie zu Wutanfällen neigen. Natürlich ist ein Mann mit einer blutigen Nase bis zu einem gewissen Grad verdächtig. Hätte das genügt, um ihm eine Kugel einzuhandeln? Falls ja, wäre das recht beängstigend.«

Bevor er antwortete, nahm Bond seinen Scotch mit Soda von dem Silbertablett, das auf einem niedrigen Tisch zwischen den beiden Männern stand. Er hatte sein Herz stählen müssen, um das Tablett aus der Küche mitzunehmen, wo Hammond es wie an den vergangenen Dienstagen schon für seine Ankunft bereitgestellt hatte.

»Das würde zu der Flughafentheorie passen.« Bond nahm einen großen, dankbaren Schluck. »Es wäre schon ein Risiko, mit M durch die Passkontrolle zu gehen und ihn, falls nötig, als ›nicht ganz auf der Höhe‹ auszugeben oder was auch immer sie sich dafür überlegt haben. Vermutlich wäre es ein noch größeres Risiko gewesen, wenn sie es geschafft hätten, mich dazu zu bringen, dass ich mich der Truppe anschließe. Oder nicht? Egal, das spielt jetzt keine Rolle. Wichtig ist nur eins: Ganz gleich, wie groß das Risiko war, sie waren in der Lage, sich bis ins kleinste Detail darauf vorzubereiten. Aber eine Sache haben sie nicht vorausgeahnt: Ein Mann, der offensichtlich gerade einen ernsthaften Kampf hinter sich hat, wäre genau das, was die gefährliche Aufmerksamkeit der Behörden auf sie gelenkt hätte. Ja, das passt. Und dennoch …«

Tanner warf ihm einen stummen Blick zu und suchte umständlich nach einer Zigarette.

»Ich werde einfach das Gefühl nicht los, dass da noch etwas anderes im Spiel ist. Irgendein zusätzlicher Punkt. Warum sollten sie ihn denn dann hierlassen? Damit haben sie uns weiß Gott wie viele Informationen auf dem Silbertablett präsentiert. Man sollte doch erwarten, dass sie zumindest versuchen würden, die Leiche zu verstecken.«

»Sie hatten keine Zeit dafür«, gab Tanner mit einem Blick auf seine Uhr zu bedenken. »Diese ganze Aktion muss auf die Minute geplant gewesen sein. Und da wir gerade von Zeit sprechen, wann lassen die endlich dieses verdammte Telefon reparieren? Wir sollten besser anfangen …«

»Das hat keine Eile. Ich wünschte, es wäre anders. Da vor einer Stunde oder länger der Schichtwechsel stattgefunden hat, wird Spence’ Aufgabe nicht leicht sein. Er muss all die Leute aufstöbern, die vorhin im Dienst waren. Und die Sicherheitsbelegschaft ist winzig. Sie werden voll und ganz damit beschäftigt sein, die Beschreibungen an all die anderen Flughäfen weiterzuleiten. Und außerdem …«

Ein Constable in einem kurzärmeligen Hemd klopfte und trat ein. »Das Telefon ist wieder in Ordnung, Sir«, sagte er. »Und der Sicherheitsdienst des Londoner Flughafens wurde wie von Ihnen gewünscht informiert.«

»Danke.« Sobald der Mann gegangen war, stellte Bill Tanner sein Glas mit einem lauten Knall ab. »Das ist ohnehin alles hoffnungslos«, stieß er mit plötzlicher Heftigkeit hervor. »Wir sollten uns in Bewegung setzen, James. Jede wichtige Person muss versammelt und über diese Angelegenheit informiert werden, und zwar schnell. Warum trödeln wir hier noch herum?«

»Wenn wir uns bewegen, sind wir nicht mehr in der Nähe des Telefons. Und wir müssen sichergehen, dass wir auf dieser Seite keine Spuren übersehen. Die Polizei wird sie finden, falls es welche gibt. Dieser Inspector Crawford ist ein fähiger Bursche. Und was meinen Sie überhaupt mit hoffnungslos? Wir haben doch die Häfen informiert und …«

»Hören Sie, James.« Tanner stand auf und fing an, auf dem abgewetzten Axminster-Teppich auf und ab zu gehen. Er schaute wieder auf seine Uhr. »Sie haben jetzt etwa vier Stunden Vorsprung …«

Bond atmete langsam ein und biss sich hart auf die Unterlippe. »Verdammt, Sie wissen ja nicht, wie sehr ich mir wünsche …«

»Seien Sie kein Narr, Mann. Niemand hätte mehr tun können als Sie. Reißen Sie sich zusammen und hören Sie mir zu.«

»Tut mir leid, Bill.«

»So ist es besser. Also. Vier Stunden. Sie haben sicher nicht mit sehr viel mehr gerechnet, egal, was passieren würde. Sie haben das Ganze bestimmt so knapp wie möglich geplant. Wenn sie ihn per Flugzeug außer Landes geschafft haben, wären sie in weniger als einer Stunde in der Luft gewesen, da der Flughafen ja ganz in der Nähe liegt. Es dauert höchstens eine weitere Stunde bis Orly oder Amsterdam, oder heutzutage sogar bis nach Marseille – und sie müssen an einen vergleichsweise nahen Ort geflogen sein. Sie hätten es nicht gewagt, sechs oder acht Stunden im Transit zu verbringen und damit zu riskieren, dass sie am anderen Ende von den falschen Leuten abgefangen werden … Also gut. Das sind zwei Stunden. Eine weitere halbe Stunde am Flughafen für Zoll- und Passkontrolle. Mittlerweile könnten sie sich etwa hundertzehn bis hundertdreißig Kilometer von ihrem Landepunkt entfernt befinden, nicht wahr? Oder draußen auf dem Meer?«

»Woher wollen Sie wissen, dass sie nicht in Ostberlin sind?«, fragte Bond tonlos. »Oder bereits auf halbem Weg nach Moskau?«

»Keine Ahnung.« Mit zitternden Fingern zündete sich Tanner eine weitere Zigarette an und fuhr sich mit einer Hand durch sein schütteres graues Haar. »Es klingt nicht nach denen. So Spiele treiben die nicht mehr. Zumindest glaube ich das. Aber vielleicht hoffe ich das auch nur.«

Bond hatte dazu nichts zu sagen.

»Vielleicht haben sie ihn gar nicht außer Landes gebracht. Möglicherweise ist das ihre beste Chance. Sie verstecken sich einfach mit ihm in Westmorland oder sonst wo und ziehen ihren Plan von einem verfallenen Cottage aus durch. Wie auch immer dieser verdammte Plan aussehen mag. Wir werden es zweifellos herausfinden, sobald sie es wollen. Wir sind erledigt, James. Wir haben ihn verloren.«

Das Telefon klingelte laut in seiner Nische im Flur (M hätte das verhasste Gerät niemals in Sichtweite aufgestellt). Tanner sprang auf. »Ich gehe dran. Bleiben Sie ganz ruhig.«

Bond lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und lauschte mit einem Ohr dem unterbrochenen Brummen von Tanners Stimme in der Nische. Die gedämpften Geräusche der arbeitenden Polizisten, ihre bedächtigen Schritte, klangen falsch und unmelodisch. Das Arbeitszimmer, in dem Bond saß – er bemerkte nun zum ersten Mal Ms alte Tabakspfeife, die in einem kupfernen Aschenbecher lag –, wirkte auf ihn sogar noch museumsartiger als zuvor. Es war, als hätte M es nicht vor Stunden, sondern vor Wochen oder Monaten verlassen. Es war eher ein vergessenes Bühnenbild als ein Museum. Bond hatte das beunruhigende Gefühl, dass sich die scheinbare Steinwand nach außen wölben und als Leinwand herausstellen würde, wenn er aufstehen und mit seiner Hand dagegen drücken würde.

Tanners plötzliche Rückkehr riss Bond aus seiner Trance – offenbar befanden sich noch immer Spuren der Droge in seinem Kreislauf. Das Gesicht seines Freundes war ernst und abgehärmt. Er sah schrecklich aus.

»Tja, James, ich hatte fast recht. Ein toller Trost.« Dann machte er sich wieder daran, auf dem Teppich auf und ab zu gehen. »Shannon. Sie sind um zwanzig vor neun mit dem Aer-Lingus-Flug 147A abgereist. Die Mitarbeiter, die zu dieser Zeit Dienst hatten, erinnern sich gut an sie. Die ganze Aktion war bis ins kleinste Detail durchgeplant – ein Muster vorangegangener Reisen, an denen angeblich dieselben vier Personen teilgenommen hatten, eine auf die Sekunde abgepasste Ablenkung, das volle Programm. Ich frage mich, was sie für Sie und unseren Freund in der Eingangshalle geplant hatten. Wie dem auch sei …

Sie sind etwa gegen halb zehn in Shannon gelandet. Das war vor … fast zweieinhalb Stunden, als Sie noch ziellos durch diesen Wald gewandert sind. Also sind sie jetzt weg. Sie wurden in Shannon mit einem Auto abgeholt und weiß der Himmel wohin gefahren. Ich kenne die Küste dort ein wenig. Vermutlich wollten sie zu einer der vielen Hundert abgelegenen kleinen Buchten. Diese Küste muss die einsamste in ganz Westeuropa sein. Danach … können Sie genauso gut würfeln, was passiert ist. Entweder sind sie mit einem Boot zu einem Schiff gerudert oder meinetwegen auch zu einem U-Boot – diese Angelegenheit scheint auf jeden Fall von dieser Größenordnung zu sein. Dann haben sie sich gute hundert Kilometer weit draußen auf dem Atlantik mit einem Flugschiff getroffen. Und jetzt könnten sie sich überall auf der Welt befinden.

Das sind also die Tatsachen«, beendete Tanner seine Ausführungen. »Wir werden die irische Küstenwache und Marine informieren. Sie sollen besonders wachsam sein. Das wird sehr hilfreich sein. Und wir schicken noch heute Nacht einen Mann dorthin. Er wird uns ebenfalls eine große Hilfe sein. Und dann sind da noch die diversen Parteien in London, denen wir zumindest mitteilen können, dass sie sich versammeln sollen. Kommen Sie, James, gehen wir ein bisschen telefonieren. Viel mehr können wir hier nicht tun. Dieses Haus war mir schon immer unheimlich.«

Inspector Crawford, ein großer, finsterer Mann Mitte vierzig, der Bond sofort sympathisch gewesen war, kam auf sie zu, als sie den letzten von drei Anrufen beendet hatten. Er hatte einen großen, unverschlossenen hellbraunen Umschlag bei sich.

»Wir sind hier so gut wie fertig, meine Herren. Wenn Sie aufbrechen wollen, denke ich, dass Sie alles, was Sie benötigen, hier drin finden werden.« Er reichte Tanner den Umschlag und deutete dann auf die Leiche auf dem Boden, ohne sie anzusehen. »Das ist der Inhalt der Taschen des Mannes. Wir waren recht überrascht, dass es darin überhaupt etwas gab. Man sollte meinen, sie hätten versucht, seine Identität zu verbergen. In dem Umschlag sind auch seine Kleidungsetiketten, die leider alle der Standardausführung entsprechen. Es gibt keine Wäschereietiketten. Außerdem finden Sie darin drei recht gute Fotografien von dem, was von ihm übrig ist, sowie einen Satz Fingerabdrücke, Größen- und geschätzte Gewichtsangabe. Er hatte keinerlei auffällige Merkmale. Aber wenn er in Ihren Akten steht, gehe ich davon aus, dass Sie in der Lage sein sollten, ihn in null Komma nichts zu finden, auch ohne sein Zeug. Schließlich konnte Mr Bond einen ausgiebigen Blick auf ihn werfen, als er noch lebte. Oh, und dann ist in dem Umschlag noch der vorläufige Bericht des Arztes, nur der Vollständigkeit halber. Das ist alles. Ich muss Sie bitten, für die Besitztümer des Toten zu unterschreiben, Sir. Und wir brauchen sie zurück, sobald Sie damit fertig sind.«

Tanner kritzelte seine Unterschrift auf das hingehaltene Formular. »Danke, Inspector. Ich fürchte, Sie werden uns umgehend nach London begleiten müssen, um an einer Besprechung teilzunehmen, die womöglich den Rest der Nacht in Anspruch nehmen wird. Das meiste davon wird Sie nicht betreffen, aber irgendjemand wird sich zweifellos beschweren, wenn Sie nicht vor Ort sind, um die Polizei zu repräsentieren. Ich nehme an, Sie verstehen das.«

Crawford nickte gleichgültig. »Ich denke schon, Sir. Wenn Sie mir nur noch zwei Minuten geben, stehe ich danach zu Ihrer Verfügung.«

»Ihnen ist natürlich klar, dass diese Angelegenheit als absolut geheim behandelt werden muss, nicht wahr? Teilen Sie Ihren Kollegen mit, dass sie das Telefon wieder funktionsunfähig machen sollen, sobald alle hier raus sind. Ich danke Ihnen für alles, was Sie und Ihre Männer getan haben. Wir treffen Sie dann draußen, sobald Sie aufbruchsbereit sind.«

Als sie das Haus verließen, warf Bond einen kurzen Blick auf die Leiche des Mannes, dessen Tod er unwissentlich herbeigeführt hatte. Sie lag da und wartete darauf, weggebracht und ordnungsgemäß entsorgt zu werden, ein Stück Schutt, vollkommen bedeutungslos. Bond hasste und fürchtete die halb verschleierte Absicht, die diese Männer in dieses Haus geführt hatte, doch er konnte nicht umhin, ein wenig Mitleid bei dem Gedanken an den beiläufigen Zufall zu empfinden, der zu diesem unerfreulichen Ergebnis geführt hatte. Würde James Bond ebenfalls so enden? Würde man ihm einen Kopfschuss verpassen und ihn dann wie einen Haufen ungewollter Kleidung beiseitewerfen, um einen kleinen Fehler in jemandes Plan auszubügeln?

Das enorme Strahlen der Sterne am samtschwarzen Spätsommerhimmel draußen vor dem Haus verscheuchte diese Gedanken. Das war gutes Flugwetter. Wohin brachten sie M? Das spielte momentan keine Rolle. Es hatte keinen Sinn, wild ins Blaue zu spekulieren. Ein frostiger Hauch lag in der Luft, und Bond merkte, dass er hungrig war. Das spielte jetzt ebenfalls keine Rolle. Vor seiner Ankunft in London würde er nichts zu essen bekommen und dort womöglich auch erst einmal nicht.

Gemeinsam mit Tanner passierte Bond die dunklen klobigen Gestalten der beiden Polizeiautos und ging auf seinen Bentley zu, der noch immer dort stand, wo er ihn vor einer gefühlten Ewigkeit geparkt hatte. Tanner legte ihm eine Hand auf die Schulter.

»Nein, James. Sie fahren mit mir. Ich werde mich morgen um Ihren Wagen kümmern.«

»Unsinn, ich bin vollkommen in Ordnung.«

»Und wir können nicht sicher sein, dass der Wagen nicht mit einer Sprengfalle versehen ist.«

»Das ist ebenfalls Unsinn, Bill. Sie wollten mich lebend und unversehrt.«

»Das war vor ein paar Stunden. Niemand weiß, was sie jetzt wollen.«


GRÜSSE AUS PARIS

Sir Ranald Rideout, der zuständige Minister, war nicht gerade erfreut darüber, dass man ihn urplötzlich von einer ausklingenden Abendgesellschaft wegholte, die eine österreichische Prinzessin gab, in deren gesellschaftliche Kreise er schon seit Jahren hatte vordringen wollen. Die telefonische Botschaft betonte das Ausmaß der Angelegenheit, die seine Aufmerksamkeit erforderte, ohne Hinweise darauf zu geben, worum es sich handelte. Der Untergebene, mit dem er sprach, hatte aufgelegt, bevor Sir Ranald Gelegenheit hatte, angesichts der Ungehörigkeit zu protestieren, dass er zu den Vereinbarungen für dieses Treffen oder diese Konferenz oder was auch immer es war nichts zu sagen hatte. Er sollte sich also in den Büros von Transworld Consortium, also dem Hauptquartier des Secret Service, einfinden? Demnach steckte dieser verwirrte alte Admiral, der für seinen sturen Widerstand gegen politische Führung berüchtigt war, in Schwierigkeiten. Den Burschen hätte man schon längst absägen sollen. Als Sir Ranald zu absolut ungehöriger Stunde um zwanzig nach eins die Treppe in dem großen grauen Gebäude hinaufstapfte, das über dem Regent’s Park aufragte, war er mehr als nur ein wenig verärgert. Er war ein flinker kleiner Bursche von sechzig Jahren und in bester körperlicher Verfassung. Diese war nicht das Ergebnis irgendeiner Selbstdisziplin, sondern der Gleichgültigkeit gegenüber dem Essen und Trinken, das so oft zum Leben der Mächtigen gehörte.

Die Tatsachen wurden ihm ohne Umschweife präsentiert. Er starrte mit gereizter Ungläubigkeit in die Gesichter der Personen, die rund um den abgenutzten Eichenholztisch saßen: der Ministerialrat seines Ministeriums, der stellvertretende Commissioner Vallance von Scotland Yard, dieser Tanner, in dessen Büro sie saßen und dessen Bedeutungslosigkeit sich schon allein am Zustand seines Mobiliars zeigte, der Spion namens Bond, der für dieses Durcheinander verantwortlich zu sein schien, und ein paar Polizisten aus Windsor.

»Also wirklich, meine Herren.« Sir Ranald blies die Backen auf und stieß die Luft langsam und geräuschvoll wieder aus. »Eine schöne Bescherung, das muss ich schon sagen. Damit werden wir uns an den Premierminister wenden müssen. Ich hoffe, das ist Ihnen klar.«

»Schön, dass Sie uns zustimmen«, erwiderte Tanner in gemäßigtem Ton. »Aber wie Sie wissen, ist der Premierminister heute – nein, gestern – nach Washington geflogen. Von dort aus kann er in dieser Angelegenheit nichts unternehmen, und ich bezweifle, dass er in der Lage sein wird, seinen Aufenthalt zu verkürzen. Also sieht es so aus, als müssten wir uns selbst darum kümmern.«

»Natürlich müssen wir das.« Dieses Mal schnaubte Sir Ranald nachdrücklich. »Natürlich müssen wir das. Die Frage ist, wo fangen wir an? Wo greifen wir ein? Sie scheinen nichts zu haben, das man als Spur bezeichnen könnte. Sehr ungewöhnlich. Nehmen Sie zum Beispiel diesen Mann, der erschossen aufgefunden wurde. Nicht der Bedienstete, der Gangster oder was immer er war. Alles, was Sie über ihn zu wissen scheinen, ist, dass er den Tod durch eine Kugel fand, die seinen Schädel zertrümmerte. Sehr hilfreich. Ist das wirklich alles, was man darüber sagen kann? Man hat doch sicher irgendeinen Hinweis bei ihm gefunden, oder?«

Inspector Crawford ergriff sofort das Wort, und Sir Ranald runzelte leicht die Stirn. Man sollte doch wohl erwarten, dass sich der unwichtigste Mann im Raum zuerst vergewisserte, dass niemand der vergleichsweise höhergestellten Anwesenden antworten wollte, bevor er sich in den Vordergrund drängte. Zumindest hätte man das wohl einst erwarten können.

»Seltsamerweise gab es tatsächlich einige Habseligkeiten, Sir«, erklärte der Inspector. Er nickte in Richtung des kleinen Haufens aus diversen Gegenständen, die Vallance hin und her drehte. »Aber sie verraten uns nicht viel. Außer …«

»Verraten Sie uns irgendetwas über die Identität des Mannes?«

»Meiner Meinung nach nicht, Sir.«

Vallance, der auch zu dieser frühen Stunde so adrett wie immer gekleidet war, warf Crawford einen Blick zu und schüttelte ebenfalls den Kopf.

»Darf ich dann so frei sein und meine Frage erneut stellen? Wer war er? Stellvertretender Commissioner?«

»Unsere Fingerabdruckdaten werden in diesem Moment durchsucht, Sir Ranald«, versicherte Vallance und schaute dem Minister direkt ins Gesicht. »Und natürlich ist es vorstellbar, dass dieser Bursche darin vermerkt ist. Wir überprüfen auch die Daten im Ausland mithilfe von Interpol und so weiter, aber es wird mindestens ein paar Tage dauern, bis alle Ergebnisse vorliegen. Und ich habe den starken Verdacht, dass wir dadurch nichts Brauchbares erfahren werden. So wie ich das sehe, beweist allein die Tatsache, dass er zurückgelassen wurde, dass uns das Wissen um seine Identität nicht weiterhelfen wird.«

»Ich stimme Vallance zu«, sagte Tanner. »Wir sind in genau der gleichen Situation und ich bin mir sicher, dass wir die gleichen Ergebnisse erhalten werden oder auch gar keine. Nein, Sir – dieser Bursche wird sich als einer dieser vergleichsweise neuen internationalen Verbrechertypen erweisen, die im Bereich der Sabotage und des Terrorismus in beunruhigend großer Zahl aufgetaucht sind. Leute ohne nachvollziehbare Vergangenheit, vermutlich weiße Afrikaner mit einem Groll, abtrünnige Amerikaner – aber das sind alles nur Mutmaßungen, weil sie wie aus dem Nichts aufzutauchen scheinen. Die Kollegen in unserem Archiv nennen sie die Männer aus dem Nirgendwo. Eine ziemlich alberne Groschenromanbezeichnung, aber sie beschreibt sie sehr treffend. Ich will damit sagen, Sir, dass der Versuch, herauszufinden, wer dieser Kerl war, Zeitverschwendung ist, weil er in gewisser Weise niemand war.«

»Das sind doch nur Spekulationen, oder, Tanner?«, hakte Sir Ranald nach. Kleine Lachfältchen umspielten seine Augen, während er sprach, um zu zeigen, dass er in dieser Angelegenheit noch nicht persönlich wurde. »Sie raten einfach nur. Sie würden es sicher als wohlbegründete Vermutungen bezeichnen, aber das ist Ansichtssache. Ich fürchte, ich wurde dazu ausgebildet, alles sorgfältig, unvoreingenommen und gründlich zu beobachten, bevor ich mich an die Formulierung einer Theorie heranwage. Also … Bond«, im Gesicht des Ministers flackerte ein kurzer Ausdruck des Missfallens auf, während er fortfuhr, als fände er den Namen in irgendeiner Weise unschön, »Sie haben diesen Mann getroffen, als er noch lebte. Welche hilfreichen Informationen können Sie uns über ihn mitteilen?«

»So gut wie nichts, Sir, fürchte ich. Er wirkte vollkommen gewöhnlich, abgesehen von seinem Geschick im unbewaffneten Nahkampf, aber diese Fähigkeit könnte er überall auf der Welt erlernt haben. Also …«

»Was ist mit seiner Stimme? Irgendetwas Auffälliges?«

Bond war völlig ausgelaugt. Sein Kopf pochte, und er hatte einen metallischen Geschmack im Mund. Die Teile seines Körpers, die der Tote bearbeitet hatte, schmerzten. Das Schinkensandwich und der Kaffee, die er sich beide schnell in der Kantine besorgt hatte, waren längst vergessen. Doch trotzdem hätte er nie die Antwort gegeben, die er nun gab, wenn ihn die überhebliche Art des Politikers in Anwesenheit von Männern, die zwanzig Mal so viel Wert waren wie er, nicht so angewidert hätte.

»Nun ja, er sprach Englisch«, erwiderte Bond. »Und meiner Meinung nach war auch seine Grammatik korrekt. Ich habe natürlich sorgfältig auf Hinweise eines russischen, albanischen oder chinesischen Akzents geachtet, aber ich konnte keine feststellen. Allerdings hat er in meiner Anwesenheit nicht mehr als zwanzig Worte gesprochen, was möglicherweise zu wenig ist, um zu einer sicheren Schlussfolgerung zu gelangen.«

Am anderen Ende des Tischs kämpfte Vallance mit einem leichten Hustenanfall.

Sir Ranald wirkte nicht im Geringsten verärgert. Er blickte einmal kurz zu Vallance und sprach in mildem Tonfall mit Bond. »Ja, Sie waren nicht sehr lange in dem Haus, nicht wahr? Sie waren darauf bedacht, dort herauszukommen. Ich beglückwünsche Sie zu Ihrer Flucht. Sie hätten es zweifellos als lächerlich altmodisch betrachtet, dortzubleiben und zu kämpfen, um Ihren Vorgesetzten vor dem wie auch immer gearteten Schicksal zu bewahren, das ihm drohte.«

Der Ministerialrat wandte sich abrupt ab und starrte in eine leere Ecke des Raums. Inspector Crawford, der Bond gegenübersaß, lief rot an und scharrte mit den Füßen.

»Mr Bond bewies großen Mut und erstaunlichen Einsatz, Sir«, sagte er laut. »Ich habe noch nie von jemandem gehört, der in der Lage gewesen wäre, eigenhändig und unbewaffnet vier fähige Männer zu überwältigen, ganz zu schweigen davon, dass er unter dem Einfluss einer Droge stand, die ihn wenige Minuten später außer Gefecht setzte. Wenn Mr Bond nicht entkommen wäre, wäre der Plan unserer Feinde vollständig aufgegangen. Nun müssen sie ihn an die Umstände anpassen und möglicherweise ist er sogar längst gescheitert.«

»Möglicherweise.« Sir Ranald wedelte mit der Hand in der Luft herum. Mit einer weiteren Grimasse des Missfallens wandte er sich an seinen Ministerialrat. »Bushnell, öffnen Sie bitte ein Fenster. Mit drei Kettenrauchern hier drinnen kann man nicht atmen.«

Während der Ministerialrat der Aufforderung eilig nachkam, verbarg Bond ein Grinsen bei der Erinnerung daran, dass er irgendwo gelesen hatte, eine Abneigung gegen Tabak sei ein häufiges Symptom für eine psychopathische Störung, an der unter anderen auch Hitler gelitten hatte.

Sir Ranald rieb sich eifrig die Hände, als hätte er eine wichtige Argumentation gewonnen, und fuhr hastig fort. »Nun denn, da wäre noch eine Sache, die mich stört. Es scheint keinerlei Wachposten oder Sicherheitspersonal in Sir Miles’ Wohnhaus gegeben zu haben. War das normal oder ist diesbezüglich jemandem ein Fehler unterlaufen?«

»Das war normal, Sir«, antwortete Tanner, der nun seinerseits rot anlief. »Wir befinden uns in Friedenszeiten. Was dort passierte, ist noch nie vorgekommen.«

»Allerdings. Sie stimmen vielleicht mit mir darin überein, dass man sich besonders gegen das noch nie Vorgekommene schützen muss?«

»Ja, Sir.« Tanners Stimme war so gut wie emotionslos.

»Gut. Also, haben wir irgendeine Ahnung, wer hinter dieser Sache stecken könnte und welchen Zweck er damit verfolgt? Ich möchte ein paar fundierte Vermutungen hören.«

»Ein feindlicher Geheimdienst ist auf jeden Fall die offensichtlichste Möglichkeit. Was den Zweck angeht, können wir eine einfache Lösegeldforderung wohl ausschließen, schon allein deswegen, weil sie das auch innerhalb des Landes hätten durchführen können und damit nicht das immense Risiko hätten eingehen müssen, mit Sir Miles – und vermutlich auch mit Mr Bond, wenn er ihnen nicht entkommen wäre – über die Grenze zu verschwinden. Und warum sollte man für eine Lösegeldforderung zwei Leute als Geiseln nehmen? Die gleiche Argumentation trifft auf die Überlegung zu, dass es möglicherweise um eine Befragung oder eine Gehirnwäsche oder Ähnliches gehen könnte. Nein, hier geht es um mehr, um etwas … Größeres als das, da bin ich sicher.«

Sir Ranald schnaubte erneut. »Ach ja? Um was denn genau?«

»Keine Ahnung, Sir. Wir haben keinerlei Hinweise.«

»Mm. Und vermutlich verfügen wir über ähnlich wenige Informationen, wenn es um die Frage geht, wo dieser Plan, wie immer er aussieht und wer immer ihn ausführt, zu einem Ende gebracht werden soll. Gibt es irgendwelche Berichte über ungewöhnliche Aktivitäten von Ihren Stationen im Ausland?«

»Nein, Sir. Natürlich habe ich sofort darum gebeten, dass unsere Mitarbeiter besonders wachsam sind.«

»Ja, ja. Also wissen wir nichts. So wie es aussieht, müssen wir einfach abwarten, bis die gegnerische Seite ihren Zug macht. Ich danke Ihnen allen für Ihre Hilfe. Ich bin mir sicher, dass keiner von Ihnen mehr hätte tun können, als er bereits getan hat. Es tut mir leid, wenn es den Anschein hatte, als hätte ich angedeutet, Mr Bond hätte sich in irgendeiner Weise anders verhalten können. Ich habe gesprochen, ohne nachzudenken. Ihre erfolgreiche Flucht ist das einzige positive Ergebnis dieser ganzen Angelegenheit.«

Der Minister sprach die Worte in einem Ton aus, der nach echter Aufrichtigkeit klang. Offenbar war ihm der Gedanke gekommen – ein wenig verspätet, aber er hatte schon immer dazu geneigt, seiner Ungeduld mit den Angehörigen der niederen Ränge freien Lauf zu lassen –, dass er zwar gerechterweise nicht für die Entführung des Leiters des Secret Service verantwortlich gemacht werden konnte, seine Kabinettskollegen insgesamt aber einen für Politiker typischen Gerechtigkeitssinn besaßen. Mit anderen Worten: Diese Angelegenheit könnte in den Händen eines jeden, der ihn möglicherweise aus dem Weg räumen wollte, in eine äußerst wirksame Waffe verwandelt werden. Neid, Boshaftigkeit und Ehrgeiz waren überall um ihn herum. Diese Leute hier mochten nicht die zufriedenstellendsten oder effektivsten Verbündeten sein, aber sie waren die einzigen, die ihm derzeit zur Verfügung standen. Er wandte sich an Vallance, den er in der Vergangenheit mehrfach als übertrieben gut angezogenen Lackaffen abgetan hatte, und sagte, während er unbewusst die Vorderseite seines eigenen azurblauen Rüschenhemds glatt strich, in demütigem Ton: »Was schlagen Sie in der Zwischenzeit wegen der Presse vor, stellvertretender Commissioner? Wäre eine Nachrichtensperre angebracht? Ich bin mehr als bereit, mich Ihrem Vorschlag zu fügen.«

Vallance wagte es nicht, zu Bond oder Tanner zu schauen. »Ich denke, wir sollten von einer Nachrichtensperre absehen, Sir. Der Admiral hat jede Menge Kontakte, und wir wollen schließlich nicht, dass diese Leute anfangen, Fragen zu stellen. Ich schlage einen kurzen, beiläufigen Absatz vor, in dem steht, dass seine Unpässlichkeit noch andauert und er den Rat erhalten hat, sich gründlich auszuruhen.«

»Ausgezeichnet. Ich überlasse Ihnen die Umsetzung. Also – sonst noch Vorschläge? Egal wie vage. Irgendjemand …?«

Crawford regte sich. »Nun, Sir, wenn ich vielleicht …«

»Sprechen Sie, Inspector. Bitte, sprechen Sie.« Erneut bildeten sich Lachfältchen um Sir Ranalds Augen. »Ihr Beitrag ist äußerst willkommen.«

»Es geht um dieses Stück Papier mit den Namen und Nummern, das wir uns vorhin angesehen haben. Wir fanden es zerknüllt in der Brieftasche des Mannes. Soweit ich weiß, bearbeiten die Dechiffrierungsexperten immer noch eine Kopie des Blattes, sind sich aber fast sicher, dass es Zeitverschwendung ist, weil sie über zu wenige Informationen verfügen. Ich habe mich gefragt, ob wir uns das vielleicht selbst noch mal ansehen sollten. Haben wir schon die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass es sich um Telefonnummern handeln könnte?«

»Ich fürchte, diese Idee führt zu nichts, Inspector«, sagte Tanner und rieb sich müde die Augen. »›Christiana‹ sieht natürlich wie Christiania in Norwegen aus, ›Vasso‹ könnte für Vassy im Nordosten Frankreichs stehen und wir alle wissen, wo Paris liegt, aber wir brauchten nicht einmal zehn Minuten, um festzustellen, dass diese Nummern ebenso wenig zu den Fernsprechämtern in diesen drei Orten passen wie beispielsweise Whitehall 123 zu London. Falls es sich um Telefonnummern handelt, sind sie vermutlich mithilfe einer Art Substitutionssystem verschlüsselt, das wir nicht knacken können, also stehen wir wieder am Anfang. Tut mir leid, Sie enttäuschen zu müssen.«

»Könnte es sich um Kartenbezüge handeln?«, warf der Ministerialrat ein.

Tanner schüttelte den Kopf. »Die Anzahl der Ziffern stimmt nicht.«

»Eigentlich, Sir«, fuhr der Inspector mit ruhiger Beharrlichkeit fort, »meinte ich es nicht ganz so. Nehmen Sie mal das Wort, das wir noch nicht erwähnt haben – Antigone. Welche Assoziation ruft das bei den Leuten hervor?«

»Griechische Tragödie«, sagte Tanner. »Von Sophokles, nicht wahr? Das könnte ein Codewort für weiß der Himmel was sein.«

»Das ist möglich, Sir. Aber Antigone ist nicht nur eine griechische Tragödie, richtig? Es ist auch ein griechischer Name. Ein Frauenname. Ich weiß nicht, ob er dort heutzutage noch gebräuchlich ist, aber ich weiß, dass das auf viele andere dieser klassischen Namen zutrifft. Und Christiana. Klingt das nicht auch wie ein Frauenname, so ähnlich wie Christine, Christina und so weiter? Christiana könnte die griechische Variante sein. Und Paris ist natürlich auch ein griechischer Name.«

Bill Tanner stand abrupt auf und eilte zu einem Telefon, das auf einem mit Tinten- und Zigarettenbrandflecken übersäten Tisch an der Wand stand.

»Was Vasso angeht, fürchte ich, dass ich nicht …«

»Worauf wollen Sie hinaus, Inspector?«, unterbrach ihn Sir Ranald, der nun wieder sein ursprüngliches Verhalten an den Tag legte.

»Dass unser Mann nach Griechenland reisen wollte und sich von irgendwoher ein paar Telefonnummer besorgt hat, damit er sich dort ein wenig weibliche Gesellschaft verschaffen konnte, falls er Lust darauf bekäme. Ich denke, dass diese Zahlen allesamt Telefonnummern desselben ungenannten Fernsprechamts sind. Vermutlich ein recht großes. Möglicherweise Athen. Oder zumindest sollen wir das denken.«

Sir Ranald runzelte die Stirn. »Aber Paris ist ein Männername. Ich glaube kaum …«

»Ganz richtig, Sir, der Entführer der Helena von Troja, der Mann, der den Trojanischen Krieg auslöste. Aber wenn Sie noch einmal genauer hinschauen …«

Crawford reichte ihm das kleine krumplige Blatt aus billigem liniertem Papier. Der Minister hatte noch immer die Stirn gerunzelt, setzte sich eine Brille mit einem schweren schwarzen Gestell auf die Nase und starrte auf die mit Kugelschreiber gekritzelten Wörter. Er schnaubte. »Nun?«

»Direkt über ›Paris‹, gleich dort, Sir … Es ist sehr undeutlich, aber für mich sieht es so aus, als stünde da ›Falls Angebote ausfallen‹ oder ›wegfallen‹. Falls Antigone und die anderen beiden unterwegs sein oder sie ihm nicht gefallen sollten oder sonst etwas, würde Paris in der Lage sein, ihm eine passende Dame zu besorgen.«

»Mm.« Sir Ranald nahm die Brille wieder ab und kaute auf dem Bügel herum. Seine Augen huschten kurz zu Tanner, der noch immer telefonierte. »Was sagten Sie darüber, dass wir das denken sollen?«

»Für mich sieht das nach einem absichtlich platzierten Hinweis aus, Sir. Wenn er echt ist, ist er uns aufgrund von mindestens drei Fehlern in die Hände gefallen. Sie haben die Leiche nicht weggeschafft. Sie haben die Taschen des Toten nicht geleert. Und sie haben die Taschen nicht einmal durchsucht. Nun ja …«

»Sie meinen, das ist eine falsche Fährte?«

»Nein, Sir, ganz im Gegenteil. Es ist ein direkter Fingerzeig in Richtung Griechenland, deutlich genug, aber nicht zu deutlich.«

Tanner legte auf und kehrte an seinen Platz zurück. Er warf Crawford einen Blick zu, der in seinem Ansehen soeben gestiegen war.

»Mary Kyris aus der Botschaft zufolge sind alle vier absolut gebräuchliche moderne griechische Vornamen. Und die Zifferngruppen könnten Telefonnummern in Athen, Thessaloniki und ein paar anderen Städten sein.«

»Wir sind etwas auf der Spur, meine Herren«, sagte Sir Ranald, und seine Augen verschwanden fast zwischen den Fältchen. »Wir sind etwas auf der Spur.«

»Und wir wissen genau, was.«

James Bonds Kopf ruhte auf seinen Händen, seit er vor einer Viertelstunde zum letzten Mal gesprochen hatte. Er hatte fast so gewirkt, als wäre er eingeschlafen. Und er hatte tatsächlich darum kämpfen müssen, sein erschöpftes Hirn dazu zu zwingen, den Verlauf dieser Diskussion unablässig zu analysieren und auszuwerten. Als seine Stimme durch den niedrigen, raucherfüllten Raum hallte, setzte er sich in seinem Stuhl auf und starrte Tanner an.

»Inspector Crawford hat recht. Es ist ein platzierter Hinweis. Oder nennen wir es einen Köder. Sie waren sehr erpicht darauf, mich in ihre Pläne zu involvieren. Das sind sie eindeutig immer noch. Die Namen und Nummern auf dem Papier sind eine brillante Improvisation, die geschaffen wurde, um mich dazu zu bringen, ihrer Spur mit Höchstgeschwindigkeit zu folgen. Was ich natürlich tun muss. So wie die Dinge stehen, hätten sie genauso gut GRIECHENLAND auf den Zettel schreiben und es dabei belassen können.«

Tanner nickte langsam. »Wo wollen Sie anfangen?«

»Ganz egal«, erwiderte Bond. »Sagen wir, Athen. Es spielt eigentlich keine Rolle, weil ich nicht nach ihnen suchen werden muss. Sie werden mich finden.«


NÄCHTLICHE BEOBACHTUNGEN

Die Insel Vrakonisi liegt auf halbem Weg zwischen den Küsten des südlichen Griechenlands und der südlichen Türkei. Genauer gesagt liegt sie in der Mitte des Dreiecks, das die drei größeren Inseln Naxos, Ios und Paros bilden. Wie ihre weiter entfernt liegende Nachbarinsel Santorin, fünfzig Kilometer südwestlich, ist Vrakonisi vulkanischen Ursprungs. Sie ist das Überbleibsel der Kraterwände eines riesigen Vulkans, der bereits in prähistorischen Zeiten erloschen ist. Uralte Erhebungen und Absenkungen haben ihr ein gezacktes Profil und ein missgestaltetes, halbrundes Rückgrat aus Hügeln verliehen, die an manchen Stellen eine Höhe von über dreihundertsechzig Metern erreichen. Aus der Luft sieht Vrakonisi wie die Klinge einer Sichel aus, die ein sehr betrunkener Mann gezeichnet hat. Die Spitze der Klinge ist abgebrochen, sodass einhundert Meter Ägäis zwischen dem Hauptteil der Insel und einem kleinen namenslosen Inselchen an ihrem nördlichen Ende liegen. Dieses Inselchen ist bewohnt, aber abgesehen von ein paar Fischerhütten steht dort nur ein einziges Haus, ein langes, niedriges Gebäude aus strahlend weiß getünchten Steinen zwischen Palmen und Kakteen am äußersten Ende. Der Besitzer, ein Jachtbauer aus Piräus, vermietet es in den Sommermonaten an ausländische Besucher.

In diesem speziellen Sommermonat wurde das Haus von zwei Männern bewohnt, die laut ihren Pässen Franzosen waren. Es handelte sich um mürrische, wortkarge Männer, deren Hautfarbe erahnen ließ, dass sie nur wenig Zeit in der Sonne verbrachten. Ihr Verhalten verstärkte diese Schlussfolgerung noch. Manchmal konnte man ihre blassen Körper in bunten Badehosen auf Liegestühlen sehen, eine Situation, in der sie sich eindeutig nicht wohlfühlten. Sie lagen dann immer über dem kleinen privaten Ankerplatz, der während ihres gesamten bisherigen Aufenthalts ungenutzt geblieben war, oder wateten mürrisch und sehr schnell hindurch. Für lange Zeit bekam man sie gar nicht zu Gesicht. Sie hatten das Auftreten von Männern, die die Zeit totschlugen, bis sie endlich anfangen konnten, das zu tun, weswegen sie den ganzen weiten Weg gekommen waren.

Ihre Identitäten, ihre Absichten und noch sehr viel mehr waren Colonel Sun Liang-tan vom Komitee für besondere Aktivitäten der Volksbefreiungsarmee bestens bekannt. Die beiden Männer auf dem Inselchen befanden sich außerhalb der Sichtweite des Colonels, als er am Fenster eines kleineren und sogar noch schlechter zugänglichen Hauses saß, das sich auf der Hauptinsel befand. Um auch nur die Chance auf einen Blick auf sie zu erhalten, hätte er nach draußen gehen und sich über eine überwucherte Hügellandschaft bis zu einem Punkt begeben müssen, der etwa fünfundsiebzig Meter über dem Meeresspiegel lag. Von dort aus hätte er dann über die weiter entfernten Abhänge, die Wasserausdehnung und das siebzig Meter lange Inselchen blicken müssen, also insgesamt etwa einen Kilometer weit. Doch seit er in der vergangenen Nacht über den Wasserweg hier eingetroffen war, hatte Colonel Sun das Haus nicht für einen Augenblick verlassen. Der sofort erkennbare asiatische Gesichtstyp an sich hat die Ausbreitung der chinesischen Infiltrierung und Spionage in den westlichen Ländern ernsthaft behindert, abgesehen von Ländern wie den Vereinigten Staaten und Großbritannien, in denen Asiaten kein ungewöhnlicher Anblick sind. Auf den griechischen Inseln sind sie jedoch enorm selten anzutreffen. Niemand auf Vrakonisi und auch niemand außerhalb Chinas wäre auch nur auf die Idee gekommen, dass hier in diesem Augenblick womöglich ein Chinese anwesend sein könnte.

Und niemand, der einen kurzen Blick auf den Colonel warf, hätte Zweifel an seiner Herkunft hegen können. Für einen Chinesen war er groß, fast eins achtzig, und er zählte zu den nördlichen Typen, die mit den Khampa-Tibetanern verwandt waren und große Knochen sowie lange Köpfe hatten. Doch seine Hautfarbe war von dem vertrauten matten Hellgelb, das Haar blauschwarz und vollkommen glatt, die Epikanthus-Falte der Augenlider deutlich ausgeprägt. Nur wenn man Sun direkt in die Augen sah, schien er nicht vollständig chinesisch zu sein. Die Iris waren von einem ungewöhnlichen und wunderschönen Zinngrau, wie die Augen eines Neugeborenen, möglicherweise das Vermächtnis eines mittelalterlichen Eindringlings aus dem Volk der Kirgisen oder Naimanen. Allerdings schauten Sun nicht viele Menschen direkt in die Augen. Zumindest nicht zwei Mal.

Der Colonel saß weiterhin auf seinem harten Holzstuhl, während es draußen dunkel wurde. Normalerweise war er ein unersättlicher Leser, doch heute Nacht bereitete er seinen Geist und seine Sinne auf das vor, was vor ihm lag. Zwei Mal rauchte er eine Zigarette, inhalierte den Rauch aber nicht, sondern ließ sie einfach zwischen seinen Lippen abbrennen. Es waren britische Zigaretten der Marke Benson & Hedges. Sun teilte die oft geäußerte Verachtung seiner Kollegen – in manchen Fällen vermutete er, dass es sich eher um Gewohnheit als um aufrichtige Abscheu handelte – für alles Britische nicht. Er schätzte viele Aspekte dieser Kultur und fand es in mancher Hinsicht bedauerlich, dass ihr nur noch so wenig Zeit blieb.

Die Männer (er hatte keine ihrer Frauen kennengelernt) hatten oft seine Bewunderung geweckt. Er war den Briten zum ersten Mal im September 1951 begegnet, in einem Kriegsgefangenenlager in der Nähe von Pjöngjang in Nordkorea. Dort hatte er als zwanzigjähriger Subalternoffizier in der Funktion eines stellvertretenden Verhörberaters unter Major Pak von der nordkoreanischen Armee gedient und die Gelegenheit gehabt, die britischen Soldaten sehr genau kennenzulernen. Nach dem September des Jahres 1953, als auch die Letzten von ihnen in die Heimat zurückgeschickt worden waren, beschränkte sich seine Erfahrung mit westlichen Menschen fast ausschließlich auf Franzosen, Australier und Amerikaner: in vielen Fällen interessante Persönlichkeiten, aber nichts im Vergleich zu den Briten – »seinen« Briten, wie er sie im Geiste bezeichnete. Er musste sich mit gelegentlichen Spionen begnügen, die innerhalb Chinas gefangen genommen worden waren, oder hin und wieder auf einen Gefangenen der US Army zurückgreifen, den man in Südvietnam aufgegriffen hatte und der sich dann als kürzlicher Einwanderer aus dem »Alten Land« herausstellte. Glücklicherweise war sein Ruf als Verhörführer und Experte für die Briten bei seinen Vorgesetzten bestens bekannt und hatte sogar die Ohren des Zentralkomitees erreicht, sodass es in der Tat nur selten vorkam, dass man einen britischen Gefangenen nicht an ihn weiterreichte. Doch die letzten dieser Gelegenheiten lagen nun schon fast sechs Monate zurück. Der Colonel konnte das leichte Kribbeln der Vorfreude bei dem Gedanken an die heutige nächtliche Wiedervereinigung mit seinen Briten und die zweiundsiebzig Stunden des ununterbrochenen Kontakts, die darauf folgen würden, nicht unterdrücken. In der Dunkelheit richteten sich seine zinngrauen Augen auf ihr Ziel.

Dann ertönte ein leises Klopfen an der Tür. »Ja, bitte komm herein«, rief Sun freundlich auf Englisch.

Die geöffnete Tür ließ einen Lichtstrahl herein, der die Umrisse einer jungen Frau umgab. Zögernd erwiderte eine von Natur aus barsche, aber leise Stimme: »Darf ich das Licht anschalten, Genosse Colonel?«

»Lass mich nur die Fensterläden schließen … Gut.«

Die plötzliche Helligkeit der nackten Glühbirne fiel auf einen blanken Steinboden, vier weiß getünchte Wände, einen billigen, unauffälligen Tisch und einen ebenso billigen und unauffälligen unbesetzten Stuhl. Die Verhörraumatmosphäre beruhigte den Colonel und fachte in einer Zeit wie dieser auch seinen Eifer an.

Nun blinzelten seine Augen weder aufgrund der plötzlichen Helligkeit noch angesichts des Anblicks der Frau, was sie durchaus hätten tun können, obwohl er sie seit seiner Ankunft auf der Insel schon ein Dutzend Mal gesehen hatte.

Die Albaner sind als Rasse nicht unbedingt für ihre Schönheit bekannt. Natürlich sind sie weniger eine Rasse als das Endprodukt einer Vermischung der ansässigen Völker – Römer, Slawen, Griechen, Turko-Tataren. Hin und wieder bringt dieser Vererbungscocktail allerdings ein Individuum hervor, das selbst nach den hohen Ansprüchen des östlichen Mittelmeerraums als körperlich attraktiv gilt. Die drei- undzwanzigjährige Doni Madan, Bürgerin von Korça im Südosten Albaniens und Besitzerin eines zeitlich begrenzten griechischen Passes (der dank der chinesischen Überwachung mit ungewöhnlicher Fachkenntnis in Tirana gefälscht worden war), war körperlich attraktiv.

Sie trug eine hautenge, niedrig geschnittene schlangengrüne Hose aus Thai-Seide und dazu eine einfache türkise Jacke aus dem gleichen Material sowie Ferragamo-Slipper aus besticktem Leder. Sonst nichts: Selbst in zwanzig Metern Entfernung zum offenen Meer können milde Septembernächte in diesen Breitengraden heiß und schwül sein. Obwohl diese Kleidung ausschließlich ausgewählt worden war, um deutlich zu machen, dass Doni zur standesgemäßen Hausgesellschaft eines wohlhabenden kosmopolitischen Urlaubers gehörte, hatte sie an ihr eine ganz besondere Wirkung.

Doni war etwas größer als eine durchschnittliche Frau und nur ein paar Zentimeter kleiner als Sun selbst, aber schlank und zierlich gebaut, mit einer schmalen Taille und großzügigen Rundungen an den entsprechenden Stellen. Ihre breiten Hüften und ihr ganz leicht hervortretender Bauch spannten den Stoff der Hose, und ihre üppigen Brüste sorgten dafür, dass die lässig zugeknöpfte Jacke gerade so weit reichte, dass ihre Taille frei lag. In ihren Wangenknochen und ihren stark ausgeprägten Kiefern spiegelte sich Asien, im ganzen Rest, abgesehen von den fast schwarz wirkenden dunkelbraunen Augen, Kleinasien. Der gerade, aber voluminöse Mund verriet hingegen, dass es unter ihren Vorfahren Menschen aus Venedig gegeben haben musste. Ihr hellbraunes Haar, das sie in einem einfachen Pagenschnitt trug, stellte einen seltsamen und aufregenden Kontrast zu ihrer feinen dunklen Hautfarbe dar. Sie stand in der Türöffnung des kahlen Raums und hatte eine passiv aggressive Haltung eingenommen, die Sun nicht einmal als Mann wahrnahm.

Alles noch Offensichtlichere wäre zweifellos verschwendet gewesen. Sun Liang-tan empfand nichts für Frauen, auch wenn er, falls man ihn zu diesem Thema befragt hätte, recht mechanisch geantwortet hätte, dass er sie als Ehefrauen, Mütter und Trostspenderinnen der Männer respektierte. Er schaute in Donis Richtung und fragte einfach: »Ja?«

»Ich mich frage, ob Sie essen wünschen«, erwiderte die leise, barsche Stimme.

Donis Italienisch, Serbokroatisch und Griechisch waren idiomatisch und relativ akzentfrei. Für ihr Englisch galt das nicht, aber mit ihrem derzeitigen Herrn konnte sie nicht anders kommunizieren. Gezwungen zu sein, die Sprache des Feindes zu benutzen, um mit europäischen Agenten zusammenzuarbeiten, bereitet chinesischen Staatsfeinden oft Probleme, aber die leichte Gereiztheit, die Sun nun zeigte, rührte von einem gegenteiligen Gefühl her.

Er verschränkte seine Finger hinter seinem langen Kopf und lehnte sich so weit zurück, wie der Stuhl es erlaubte. In seinem weißen T-Shirt und der ungefärbten Baumwollhose gab er ein seltsames halb verwestlichtes Bild ab. »›Ich habe mich gefragt‹«, korrigierte er langsam, »›ob Sie vielleicht etwas essen möchten. Ob Sie gerne … ob Sie Lust auf etwas zu essen hätten. Ob Sie möchten, dass ich schnell etwas zaubere.‹ Nein, das würden die Amerikaner sagen. ›Ob Sie Lust auf einen kleinen Snack hätten.‹ Versuch, nicht bei allem, was du sagst und tust, wie eine Bäuerin zu wirken, meine Liebe. Und die Antwort lautet Nein. Nein danke. Im Moment nicht. Wir sollten lieber noch ein wenig warten, bis deine Freunde zu uns stoßen, in Ordnung? Es dürfte nicht mehr lange dauern.«

Das Englisch des Colonels war durchaus korrekt – er hatte die Sprache zwei Jahre lang an der Universität von Hongkong studiert –, aber an seiner Aussprache hätte jeder Phonetiker seine helle Freude gehabt. Seine schnelle Auffassungsgabe für Sprachen und sein leidenschaftlicher Wunsch zu lernen hatten in Kombination mit einer vollkommenen Unkenntnis des britischen Dialektmusters zu einer Art Sprachsalat aus regionalen Eigentümlichkeiten geführt. Die Dialekte aus Manchester, Glasgow, Liverpool, Belfast, Newcastle, Cardiff und diversen Stadtteilen Londons wechselten sich in aufeinanderfolgenden Silben mit denen der Oberschicht ab. Das Ergebnis hätte einfach nur bizarr, ja sogar lächerlich klingen können, wäre es in Begleitung einer anderen Art von Blick aus einem anderen Mund als aus Suns gekommen.

Doni schaute seitlich an ihm vorbei. »Tut mir leid, Genosse Colonel«, sagte sie demütig. »Ich weiß, mein Englisch nicht gut.«

»Zumindest ist es besser als das der anderen«, entgegnete Sun mit einem toleranten Lächeln. Seine Lippen waren dunkel und hatten die Farbe von getrocknetem Blut, seine Zähne neigten sich vom Zahnfleisch leicht nach innen. Er fuhr fort: »Aber Schluss mit diesem ›Genosse Colonel‹. Du klingst wie jemand in einem progressiven Theaterstück. Nenn mich Colonel Sun. Das ist freundlicher. Und ich habe genug von dieser Einsamkeit – wir sollten geselliger werden, nicht wahr? Wo sind die anderen?«

Gefolgt von Doni verließ er den Raum, ging durch einen gepflasterten Korridor und in den Hauptwohnraum des Hauses, ein hohes luftiges Zimmer mit einem gepflasterten Boden, der leicht uneben war, und herrlichen formschönen Möbeln aus Olivenholz, die auf der Insel hergestellt worden waren. Die bunt gemusterten modernen Teppiche und Kissen sowie die beiden mittelmäßigen abstrakten Gemälde an der Rauputzwand wirkten irgendwie unpassend. Offene Doppeltüren führten auf eine schmale Terrasse mit Klappstühlen und einem niedrigen Tisch, dahinter lag nur das Meer. Es war glatt und ruhig und wurde so hell vom schnell aufgehenden Mond beleuchtet, dass es sowohl unendlich flüssig als auch unmöglich flach wirkte, ein hauchdünnes Laken aus Wasser, das sich bis zum Rand des Himmels erstreckte. Unsichtbare kleine Wellen verursachten ein leises Rauschen auf dem Kiesstreifen zwischen den beiden kurzen Molen des Ankerplatzes.

Sun stand einen Moment lang an der Tür und hielt sich bewusst im Schatten verborgen, während er auf das Wasser starrte. Er hatte das Meer seit fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen, und der Anblick faszinierte ihn nach wie vor. Es war das Element der Briten, auf dem sich die Männer von diesen kalten Inseln vor langer Zeit hinausgewagt hatten, um ein Viertel der Welt unter ihre Kontrolle zu bringen. Ein perfekter Schauplatz, dachte Sun begeistert und drehte sich wieder zum Raum um.

Die junge Frau, die ausgestreckt auf der quadratischen Schlafcouch lag, schaute schnell zu ihm hoch. Sie war so groß wie Doni, hatte die gleichen fast schwarzen Augen und trug die gleiche Kleidung (in ihrem Fall eine schwarze Hose und eine weiße Jacke), aber aufgrund ihrer Schlankheit wirkte die andere Frau neben ihr fast plump. Mit ihren langen Beinen und hohen Brüsten sowie dem elegant geformten kleinen dunkelhaarigen Kopf mit dem jungenhaften Kurzhaarschnitt war Luisa Tartini nicht nur dem Namen nach Italienerin. Genau wie Doni hatte jedoch auch sie die albanische Staatsangehörigkeit und besaß einen ähnlichen Pass. Aber sie wies nicht einmal ansatzweise die gleiche Unterwürfigkeit auf wie ihre Gefährtin, und in ihrem auf Sun gerichteten Blick lagen nun Abneigung und Angst.

Sun schien das nicht zu bemerken. »Was für ein schöner Abend«, sagte er freundlich. »Und wie dekorativ du dort aussiehst, meine Liebe.«

»Ist langweilig«, erwiderte Luisa schmollend und bewegte ihre schlanken Beine, damit Doni sich neben sie setzen konnte. »Was wir hier machen?«

»Wie ich dir bereits erklärt habe, besteht deine Hauptfunktion darin, unserer kleinen Gesellschaft den Anschein einer Gruppe von Freunden zu verleihen, die gemeinsam Urlaub machen. Das ist nicht sehr anspruchsvoll. Aber heute Nacht werden deine Pflichten, ähm, erweitert werden. Du und Doni werdet euch ein paar Männern zur Verfügung stellen, die bald hier eintreffen werden. Das mag sich als wesentlich anspruchsvoller erweisen.«

»Was für Männer?«, fragte Luisa und setzte sich auf, sodass ihre Schulter Donis berührte. »Wie viele?«

»Insgesamt sechs. Zwei sind Reaktionäre, um die ihr euch nicht weiter kümmern müsst. Die anderen vier sind Friedenskämpfer, die auf einer gefährlichen Mission waren. Ihr beide sollt ihnen den Aufenthalt hier so angenehm wie möglich machen.«

Die jungen Frauen sahen sich an. Luisa zuckte mit den Schultern. Doni setzte ein schläfriges Lächeln auf und legte einen braunen Arm um Luisas Taille.

»Und nun … Ah, genau rechtzeitig, Jewgeni. Was für ein guter Diener du bist. Du solltest das beruflich machen!«

Das vierte Mitglied des Haushalts, ein stämmiger, grobschlächtiger Russe, schob sich mit einem Tablett voller Getränke in den Raum. Jewgeni Rjumin hatte sich in der sowjetischen Botschaft in Peking unterbezahlt und perspektivlos gefühlt und war vor zehn Jahren ohne viel Aufhebens übergelaufen. Sein neuer Herr hatte schnell festgestellt, dass er zwar fantasielos, aber durchaus fähig und außerdem recht skrupellos war. Diese Eigenschaften sowie die Tatsache, dass er Europäer war, machten ihn in Suns Gruppe zu einem wunderbaren Mädchen für alles. Er stellte das Tablett auf einen stabilen runden Tisch und drehte seinen kurzgeschorenen Kopf in Richtung der Frauen.

Der Colonel beobachtete mit einem großzügigen Lächeln, wie Luisa einen Wodka on the rocks und Doni ein Fix-Bier gereicht bekam. Er selbst lehnte den angebotenen Drink ab und bedeutete dem Russen freundlich, sich zu nehmen, was er wollte.

Mit den Händen in der Tasche wandte sich Sun ab und schlenderte in Richtung der offenen Tür. Dort hielt er inne, stand einen Augenblick lang ganz still da und schaute auf seine Uhr, ein Modell von Longines mit Stahlgehäuse, das er nun seit fast fünfzehn Jahren besaß. Ihr früherer Besitzer, ein Captain des Gloucestershire-Regiments, war im Zuge eines Verhörs so tapfer gestorben wie nur wenige Männer, die Sun in seinem Leben kennengelernt hatte. Die Uhr war ein kostbarer Besitz, ein Andenken, keine Trophäe. »Jewgeni«, rief Sun barsch über seine Schulter. »Die Lichter. Alle.«

Rjumin stellte das Fix ab, von dem er gerade getrunken hatte. »Alle?«

»Alle. Was nicht verborgen werden kann, sollte offen zur Schau gestellt werden. Dort kommen die restlichen Gäste unserer kleinen Privatparty.«

Direkt unter dem Kamm der Hügelkette über dem Haus lagen die beiden Männer von dem Inselchen unter einem verkrüppelten Feigenbaum und sahen, wie die Terrasse und der Ankerplatz in gleißendes Licht getaucht wurden. Sie beobachteten das langsam näher kommende Motorboot und warteten reglos und stumm, während die Leinen ausgeworfen und festgemacht wurden. Der Wind trug fernes Gelächter und Begrüßungsrufe an ihre Ohren. Drei Männer gingen an Land. Einer von ihnen benötigte ein wenig Hilfe, die anderen beiden sprangen vom Boot und wurden sofort von den beiden Frauen aus dem Haus in Empfang genommen. Der Diener kümmerte sich um ein paar Koffer. Die Gesellschaft zog sich ins Innere des Hauses zurück. Das Boot, dessen Motor leise tuckerte, entfernte sich vom Ufer und wandte sich nach Westen. Zweifellos bereitete es sich darauf vor, die kleine Insel zu umrunden und den öffentlichen Anlegeplatz in der Mitte der inneren Bucht Vrakonisis anzusteuern.

In den Hügeln schaute der eine Mann den anderen an und breitete seine Hände aus. Die beiden standen auf und nahmen ihre mühselige und erfolglose Patrouille wieder auf. Sie mussten in dieser Nacht noch elf weitere Häuser überprüfen.

Im Haus saß Sun Liang-tan und beäugte die drei Neuankömmlinge. Er sagte nichts.

Der schwarzhaarige bewaffnete Mann, der James Bond vor dreißig Stunden vom Sunningdale-Golfplatz zum Achterdeck gefolgt war, ergriff das Wort. »Bond«, begann er, doch seine Kehle war trocken und er musste sich räuspern. »Bond ist uns in England entwischt.«

Sun nickte. Sein Gesicht war vollkommen ausdruckslos.

»Aber es wurden bereits Maßnahmen getroffen, um diesen Fehler wiedergutzumachen, und es besteht durchaus Grund zu der Hoffnung, dass er sich innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden in unserer Gewalt befinden wird«, erklärte der Mann hölzern, als würde er etwas wiedergeben, das er auswendig gelernt hatte.

Sun nickte erneut.

»HNC-16 wirkt nur dann umgehend, wenn es intravenös verabreicht wird«, ergänzte der zweite Mann. »Er hat sich so heftig gewehrt, dass mir lediglich eine intramuskuläre Injektion gelang, was bedeutet, dass er sich …«

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