Kitabı oku: «Papierrolle und Gedankenskateboard»
Robert Mirco Tollkien
Papierrolle und Gedankenskateboard
Ausgewählte Kurzgeschichten Band III
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Der letzte Blick hinab
Vor Angst im Tode erstarrt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Die Zauberflöte
Die Formeln meines Freundes
Kirschenzeit
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Die Dimensionen des Türstoppers
Kapitel 1
Kapitel 2
Die Ranke der schwarzen Pflanze
Papierrolle und Gedankenskateboard
Impressum neobooks
Der letzte Blick hinab
Von der höchsten Erhebung der Umgebung blickte das wunderschöne Geschöpf mit den schwarzen Flügeln nach einer langen Reise hinab auf das sich in der Unendlichkeit verlierende Paradies. Gleich goldenen Säulen fiel das Licht der Sonne auf tiefes, gesundes Grün dort unten, welches von den blauen Adern dreier Flüsse in geschlängelten Linien durchzogen wurde. Auf der hohen schwarzen Felsspitze assoziierte der Reisende das Attribut geschlängelt mit dessen Herkunftsnomen Schlange, worauf sich ein Grinsen auf dem schönen Gesicht ausbreitete. Manchmal überstieg die natürlich entstehende Ironie die erdachte um gewaltige Potenz.
Das Geschöpf dachte an seine Milliarden Lichtjahre anhaltende Reise zurück, die ihn doch nur kurze Momente gekostet hatte, da seine Schwingen die Fähigkeit besaßen, Raum und Zeit zu deformieren, zu verschieben, zu krümmen.
Es konnte seinen Blick einfach nicht von dem Zauber zu seinen Füßen lassen. Der Anblick dieser Pracht vertrieb dar die gar heftigen Selbstzweifel, welche ihn unablässig plagten, für eine Weile. Doch der Dämon kehrte rasch zurück, um ihn wie einen unbeliebten, alten Bekannten heimzusuchen, der sich einfach nicht abschütteln ließ.
Werde ich die gar heilige Aufgabe erfüllen? Nein! Das wirst du nicht! Erinnere dich an dein Lebenswerk, das du bis ins kleinste Detail geplant hattest und das bereits in der Anrollphase wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen ist! Erinnere dich an den Aufstand, der bereits in der Frühphase niedergeschlagen wurde! Dein Lebenswerk! Das bist du! Ein kläglicher Versager!
Doch! Natürlich werde ich das schaffen! Ich bin noch immer die Krone SEINER Schöpfung! Selbst deine ärgsten Feinde werden nicht müde, deine Intelligenz zu betonen! Du wirst es doch wohl schaffen, dieses Menschenkind hinters Licht im wahrsten Sinne des Wortes zu führen!
Ja, klar! Aber…
Das Geschöpf schüttelte diese lästigen Gedanken ab, blendete sie aus, verdrängte, was nicht leichtfiel, da er die Verantwortung für die gesamte Operation allein trug. Sie war sozusagen sein Kind und nicht von minderer Wichtigkeit, als es jener gescheiterte Plan vor so vielen Zeitaltern gewesen war. Nun gab es kein Zurück mehr.
Für einen kurzen Moment flimmerte die Luft um ihn herum, verzerrte sich die bewaldete Szenerie hinter dem Vorsprung der Hügelspitze zu einem seltsamen Gemisch, verschwand das hübsche Wesen zu einem dunklen Klecks, bevor alles erklarte und eine schwarz-grün gescheckte Schlange sich dort befand, wo er zuvor gewesen war. Das Tier besaß gigantische Ausmaße für eine solche Gattung und eine gewisse Schönheit konnte man ihm wohl nicht absprechen, wie es dort, Halse und Kopfe aufgerichtet, noch kurz verweilte, einen letzten Blick hinab ins Paradies zu werfen.
Nachdem die Schlange ein paar Mal hörbar laut aus- und eingeatmet hatte, setzte sie sich im goldenen Sonnenlichte in Bewegung, aber in der Ferne zogen bereits finstere Wolken auf.
So kroch der Satan fort in Richtung Edens Garten, zu verführen die erste Menschenfrau, auf dass Gottes liebste Kinder das Paradies auf ewig verlören.
Vor Angst im Tode erstarrt
Eine Kurzgeschichte in fünf Akten
Kapitel 1
Der März war sehr warm und dazu extrem regnerisch. Auf die kleine, beschauliche Stadt im Mittelgebirge gingen Unmengen an Regen nieder, während in den Ebenen und Tälern die Ströme über die Ufer traten. Wenn die Wolkendecke denn einmal aufriss, schien eine für die Jahreszeit ungemein kräftige Sonne vom Himmel und auf die Stadt herab, so dass deren Einwohner in T-Shirts zu flanieren begannen.
Eines nachts in der Mitte des Monats gab es in der Region bei vielen Computern und Geräten, welche solche in sich bargen, Störungen und Abstürze.
Kurze Zeit darauf fing Fabrikantensohn Sven Gellert an durchzudrehen. Er verlor seinen kompletten Verstand, brabbelte wirres Zeug von seltsamen Apparaturen, finsteren Tempeln, schrecklichen Göttern und der Geburt vor sich hin, wobei er durch die Straßen seiner Heimatstadt zog, ob es nun regnete oder die Sonne schien.
Die Unternehmerdynastie der Gellerts lebte seit der Industrialisierung in einer prächtigen Villa vor den Toren der Stadt. Das aktuelle Familienoberhaupt, Vater Hermann Gellert höchstpersönlich, ließ seinen ältesten Sohn in eine private Nervenklinik einweisen. Nachdem er etwa zwölf Wochen dort verbracht hatte, kehrte Sven nach Hause zurück. Keine fünf Tage später fand eine Spaziergängerin seinen leblosen Körper unter einer alten Eisenbahnbrücke. Sven baumelte von der Trägerkonstruktion hinab. Um seinem Hals saß ein Strick. Der arme, reiche Sohn war durch Freitod aus diesem Leben geschieden.
Mir fiel in den Tagen und Wochen danach die besondere Kühle seines Bruders auf, mit dem zusammen ich den örtlichen Schachverein angehörte. Er zeigte nicht den leisesten Hauch von Trauer und das Einzige, was er über den Verstorbenen sprach, waren folgende Worte zum Schatzmeister: „Sven wollte ja nicht aufhören mit diesen Chemodrogen. Die hat er aus der großen Stadt von seinem Studium mitgebracht und die haben ihn am Ende Verstand und Leben gekostet.“
Er sprach diese Worte in strenger Kälte und ohne jede Form von Empathie aus.
Kapitel 2
Wir schrieben einen gnadenlosen Sommer. Gleich einer glühenden Glocke lag die Hitze über dem Land und der Regen des frühen Frühlings schien eine jahrhundertealte Legende zu sein.
In der beschaulichen Fußgängerzone saßen Einheimische und Touristen an den Tischen der Kneipen, Cafes und Restaurants, welche die Gastronomen unter freiem Himmel aufgestellt hatten.
An einem dieser Tische traf ich Martin Zimmer. Zimmer war ein guter Klassenkamerad während der Grundschulzeit gewesen und bis zu meinem fünfunddreißigsten Lebensjahr hatten wir zusammen im Altherrenverein unseres Heimatstadtteils Fußball gespielt. Heute und seit über zwanzig Jahren arbeitete er in der Kfz-Werkstatt seines Vaters, welche er mittlerweile alleine führte. Wenn wir uns über den Weg liefen, pflegten wir stets mehr als den üblichen Smalltalk miteinander zu führen. So geschah es auch heute. Ich wusste, dass Martin eine gute Freundschaft mit Sven Gellert verbunden hatte, und so kondolierte ich ihm, berichtete zusätzlich über die Kälte von Svens Bruder im örtlichen Schachverein und dessen Worte.
Während Zimmer der Erzählung lauschte, nahm sein kantiges Gesicht immer wütendere Formen an.
„Was erzählt dieser Unsympath da bloß für dreiste Lügengeschichten! Sven hat nie was Härteres als Gras zu sich genommen und auch das nur selten, weil ihm in der Regel von Tabakrauch schlecht wurde. Ich habe schon gemerkt, dass er plötzlich nervlich mehr als nur durch gewesen ist, dass er professionelle Hilfe braucht und das habe ich ihm auch ehrlich gesagt und dann hat er mir auch die Gründe für seinen traurigen Zustand genannt.“
Empört klangen seine Worte und er hielt sich mit beiden Händen an seinem Weizenglas fest, als könne dieser Griff die Wut auf den kalten Bruder lindern.
„Was hat er denn gesagt?“, fragte ich eher beiläufig und schaute auf das Display meines Smartphones.
„Das ist eigentlich zu abgedreht, um wahr zu sein. Dennoch glaube ich, dass Sven es für wahr gehalten hat und auch deswegen durchgeknallt ist. Es hat aber nichts mit Drogen zu tun, sondern wahrscheinlich eher damit, dass die Familie Sven keine Liebe gegeben hat, weil er eben kein kaltes, raffgieriges Arschloch wie der Rest seiner Sippe ist! Das ganze jahrelange Runterputzen durch seine Eltern und den Bruder haben ihm den Verstand geraubt!“
Nun sprach er leise und mehr zu seinem Bierglas wie zu mir. Doch gerade dadurch wurde mein Interesse geweckt, denn von Kindesbeinen an mochte ich abgedrehte Geschichten.
„Dann sag` an! Ich mag abgedrehte Geschichten.“, lautete daher meine Forderung.
„Weißt du noch, wie wir damals in dem alten Garten von Opa Schröder mit Knallern im Hochsommer geböllert haben und dadurch die Grill- und Partyhütte von Opa Schröder abgebrannt ist!“, stellte er mehr fest, als dass er fragte. „Wir haben uns damals das feierliche Han Solo-Ehrenwort gegeben, niemals mit einem anderen Menschen außer uns darüber zu reden. Bis heute weiß keine Seele, dass wir es gewesen sind. Wenn du mir auch diesmal dein Ehrenwort gibst, erzähl ich es dir. Aber: Es ist wirklich widerwärtig abgedreht!“
Mein Interesse war nun gänzlich geweckt.
„Ich gebe dir mein Han Solo-Ehrenwort, dass ich niemanden auch nur ein Sterbenswort verrate!“
Meine Worte wählte ich nicht nur meiner Neugier wegen, sondern auch, weil es in der Luft greifbar war, dass es Martin verlangte, über den schrägen Sven zu reden, wahrscheinlich auch, um sich selbst ein wenig zu entlasten. Mit etwas neutraleren Leuten sprach es sich eben manchmal leichter als mit engen Freunden, Bekannten oder Verwandten.
„Sven hat mir erzählt, dass seine Familie seit Jahrhunderten Mitglied einer seltsamen, geheimen Bruderschaft ist. Der Vater soll da sogar ein richtig hohes Tier sein, so eine Art Priester. Sven hat mir von unheimlichen Ritualen erzählt, die in versteckten Tempeln unter der Erde von seiner Familie und anderen Mitgliedern des uralten Geheimbundes abgehalten werden.“, berichtete Martin und blickte mal zu mir, mal gedankenverloren in die einbrechende Dämmerung der Fußgängerzone hinein.
„Die Familie Gellert sind also allesamt Satanisten?“, fragte ich, der von dieser Thematik so überhaupt keine Ahnung hatte. Ich wusste nicht einmal richtig über das Christentum Bescheid, wusste nur, dass die Römer Jesus ans Kreuz geschlagen hatten und er danach irgendwann von den Toten auferstanden war. Aber all das lag lang, lang zurück, wenn es überhaupt jemals so stattgefunden hatte. Und einen Satan, der finster lächelnd in der Hölle unter der Erde hockte, gab es ganz sicher nicht. Menschen, die an solche Dinge glaubten, konnte man nur als Spinner bezeichnen. Ich nahm einen tiefen Schluck von meinem Bitburger.
„Das hat sich für mich nicht so angehört. Sven hat erzählt, dass die so eine Kreatur aus Pyramidenstücken anbeten und dazu noch eine Art Felsen mit Tentakeln und Kugeln oder so am Körper. Ich glaube kaum, dass das der Satan ist. Und die Geschichte, die er mir erzählt hat, wurde immer schlimmer.“
„Die haben diesen komischen Figuren Menschen und Tiere geopfert.“, spann ich Erzählung weiter, weil Martin zu seiner eckigen E-Zigarette griff und kurz darauf den gesamten Tisch in süßlichen Qualm hüllte.
„Das auch. Die haben nicht nur Menschen diesen Monstern geopfert, sondern sie auch heraufbeschwört.“, fuhr Zimmer schließlich fort und drehte dabei den kleinen Verdampfer in der Hand. „Und von Kindesbeinen an musste Sven all das mit ansehen, weil das eben bei denen Familientradition ist. Sein Bruder geht auf diesen Zirkus wohl voll ab, aber Sven kam da niemals drauf klar. Deshalb hat er auch seit Jahren Antidepressiva und Stimmungsaufheller verschrieben bekommen. Sonst hätte er das schon lange nicht mehr ausgehalten und reden konnte er ja auch mit niemanden darüber.“
Der Kellner kam und wir gaben eine neue Runde in Auftrag.
„` ist schon ganz schön schräg. Der arme Kerl muss wirklich ganz schön durchgeknallt sein.“, merkte ich an. „Vielleicht haben all die Psychopharmaka auch ihren Teil zum Durchdrehen beigetragen.“
„Pass auf, mein Bester! Das richtig Durchgeknallte an der Geschichte kommt erst noch. Sven hat mir erzählt, dass in einem geheimen, unterirdischen Labor sein Vater zusammen mit einem Wissenschaftler von einer anderen Welt, der wie eine menschliche Kakerlake ausgesehen hat, eine Kreatur erschaffen hat, deren Anblick alleine ausreicht, um einen normalen Menschen in den Wahnsinn zu treiben oder gar umzubringen. Der Mensch bekommt beim Anblick dieser Kreatur einen großen Angstanfall, so dass diese Angst den Menschen endlich tötet. Sven hat aber nur einen Knacks bekommen, weil er schreckliche Dinge von seiner Familie gewohnt ist. Nur wer wirklich durch und durch stark und innerlich verdorben ist, übersteht den Anblick dieser Kreatur schadlos. Deshalb haben die Gellerts es entwickelt; um die Starken von den Schwachen und die Bösen von den Guten zu trennen. Um die Guten und die Schwachen auszuschalten, damit das Böse auf Erden rasch die Macht übernehmen kann.“
„Du meine Güte!“, rief ich es beinahe laut aus, als der Kellner kam, um Getränke zu servieren. „Da fällt einem echt nichts zu ein. Hat er dir auch gesagt, wo dieses Monstrum sich nun seine Zeit vertreibt?“
Als der junge Mann mit geübter Geste das neue Bier auf der Tischplatte abstellte und die leeren Gläser von dort aufnahm, klirrten diese leicht aneinander. Rasch zog der Kellner wieder von dannen, das hohe Arbeitspensum dieses Abends zu erfüllen.
„Du wirst“, fuhr Martin fort und versuchte dabei möglichst leise zu sein, damit die fröhliche Truppe am Nachbartisch möglichst wenig von dieser bizarren Geschichte mitbekam, „es nicht glauben, aber dazu hat Sven tatsächlich etwas erzählt. Kennst du die Bank noch oberhalb des alten Steinbruchs, da wo wir als Kinder immer geruht haben, wenn wir den Steinbruch hochgeklettert sind?“
„Na, klar! Da bin ich letztens noch vorbeispaziert.“
Ich nahm einen großen Schluck Bier und verspürte das Verlangen nach einer selbstgedrehten Zigarette, welches immer ab dem dritten großen Pils auftrat. Unglücklicherweise war gar nicht geplant gewesen, mehr als einen Humpen zu nehmen, so dass ich mit diesem Drang nun leben musste, da der Tabak daheim lag.
„Hinter der Bank im Wald sollen drei Steine, große Steine, liegen. Da laufen angeblich unter der Erde irgendwelche Feldströmungen zusammen. Und unter diesen Steinen ist das Monster von eben diesen Feldlinien gefangen. Man kann die Steine aber aus dem Weg räumen lassen und die Feldlinien wegmachen. Dann kommt das Monster wohl heraus. In einem von den Steinen befindet sich wohl eine Art Symbol. Wenn man die Formen davon achtmal mit dem Zeigefinger der rechten Hand gegen den Uhrzeigersinn nachzieht, verschwinden die Steine für den Moment, die Feldlinien lösen sich kurz auf und die Kreatur kommt frei. Wie das technisch ablaufen soll, wusste Sven dann aber auch nicht. Ach ja! Er hat auch gesagt, dass dieses Monster im Wald Spuren hinterlassen kann. Dort, wo unterirdische Gewässer und Quellen sich befinden, hinterlässt das Wesen auf weichen Böden dreieckige Fußabdrücke, die dort auf ewig bleiben. Wie bei den Astronauten auf dem Mond. Sven tat mir am Ende echt leid, Mann!“
Nachdem Martin diese Worte gesprochen hatte, sah er tatsächlich mitgenommen und innerlich bewegt aus, so dass ich beschloss, dass Thema in eine andere Richtung zu lenken. Außerdem langte es mir für heute mit Einblicken in die seelischen Abgründe eines verlorenen Menschen.
Noch etwa eine halbe Stunde redeten wir über die Kommerzialisierung des Fußballs und der Welt im Ganzen, bevor ein Jeder seines Weges ging.
Kapitel 3
Zwei Wochen später war Martin Zimmer tot. Eine Gruppe spielender Kinder fand ihn im Wald unweit jener Bank, über welche er mir im Außenbereich der Kneipe erzählt hatte.
Seine Leiche, so berichtete unser Lokalradio auf seiner Homepage, habe mitten auf einem Wanderpfad gelegen. Später schrieben die Mitarbeiter der Online-Redaktion, dass Martin beim Spazierengehen einen Herzanfall erlitten habe.
Schnell machten in der Kleinstadt Gerüchte die Runde, Martin Zimmer habe an einer versteckten Herzkrankheit gelitten. Er sei gar süchtig nach Medikamenten gewesen oder Opfer eines Schlaganfalls geworden.
Von diesen Ammenmärchen glaubte ich kein Wort. Für mich war Martin ein Breitensportler in Topform, der auch mit über vierzig auf dem Fußballplatz zehn Jahre jüngeren Herren einen Knoten in die Beine hatte spielen können.
Kapitel 4
Stets fand am zweiten Wochenende im August unser gemütliches Kleinstadtfest statt. In jenen drei Tagen wimmelte die Hauptstraße vor Fahrgeschäften, Imbisswagen, Bierbuden und Menschen, welche man irgendwie kannte und irgendwie einmal im Jahr auf dieser Kirmes traf; ich traf an einer Bierbude Thorsten Richter.
Richter hatte auf dem humanistischen Gymnasium am Rande der beschaulichen Innenstadt seine Reifeprüfung abgelegt, bevor auch ich dort zwei Jahre später erfolgreich gewesen war. Heute arbeitete Richter bei der hiesigen Kriminalpolizei. Bereits leicht angetrunken kam Thorsten an diesem Samstagabend mit mir ins Gespräch, welches sich bald um Martin drehte.
„Ich war natürlich am Ort des Todes gewesen. Der arme Kerl lag mit dem Rücken quer über dem Waldweg. Sein Gesicht sah ganz schlimm aus. Nicht, dass es entstellt war oder so, aber trotzdem war es schrecklich. Es sah aus, als ob der Kerl vor irgendetwas solchen Schiss gehabt hätte, dass ihm davon die Pumpe rausgeflogen wäre. Das Gesicht war sozusagen in Todesangst erstarrt. Es hat ausgesehen wie eine Maske aus einem Horrorfilm, Mann! Da gab es kaum noch was Menschliches dran; eine Maske der Furcht, ohne Gesichtszüge, ein Abdruck der puren Angst. Sowas habe ich in all meinen Jahren bei der Polizei nicht gesehen!“
In den späten Stunden dieses Tages saß ich auf meinem Sofa und fand einfach keine Ruhe. Im Fernsehen lief eine Dokumentation über die Weiten des Weltalls. Was mir eigentlich ein Hochgenuss war, vermochte in jenen Stunden meinen Geist und somit die Konzentration nicht zu fesseln. Der plötzliche Tod des alten Jugendfreundes hatte sich ohnehin schwer auf meine Seele gelegt und nun sah ich das von Thorsten erwähnte Gesicht ständig an meinem inneren Auge vorbeiziehen. Schwer fand ich in den nächsten Nächten Schlaf.
Die lokalen Medien berichteten zeitnah über zwei weitere Todesfälle in der Region, die denen Martins glichen. Eine Frau und ein Mann seien auf ähnliche Art und Weise beim Spazierengehen verstorben, ohne dass es Anzeichen auf eine Herzkreislauferkrankung gebe. Schon machte das Gerücht von einem seltsamen Virus die Runde.
Zudem war ein wegen Bankraubes und Drogendelikten inhaftierter Freigänger durchgedreht und hatte am Wochenende Mutter und Vater ermordet.
Es waren dies Schlagzeilen, die die friedliche Region niemals zuvor geschrieben hatte.
Kapitel 5
Es waren die ersten zehn Tage des Septembers, als es mich wieder einmal in den Wald hinauszog. Thorsten hatte an der Bierbude genau beschreiben, wo die Leichen gelegen hatte. Aus unerfindlichen Gründen ging ich dorthin.
Am Fundort fiel die Spätsommersonne durch die Baumkronen und sorgte für ein golden-schwarzes Spiel von Licht und Schatten auf dem Waldboden, während die Vögel dieses Lebensraumes hoch oben ein lebhaftes Lied sangen. Hier, in dieser Idylle, schien es unmöglich, dass Dinge wie ein plötzlicher Herztod und erstarrte Grimassen am Ende eines Lebens überhaupt existierten.
Ich machte meinen Weg hinauf zur besagten Bank. Sie stand oberhalb der Steinbruchkante hinter einem verrostenden Zaun und vor den Tiefen des Waldes. Hier war ich nicht nur mit Martin als Kind spielen gewesen, sondern hatte auch schöne Momente mit meiner ersten festen Freundin erlebt. Noch immer standen unsere Initialen in einem Herzen eingeschnitzt auf der Rückseite der Lehne, allerdings nagte der Zahn der Verwitterung nach all den Jahren gehörig an diesem Symbol immerwährender Liebe, die doch nur ein paar Monate gedauert hatte.
Nachdem ich eine Weile abwechselnd auf das Herz und in die Ferne geschaut hatte, führten mich meine Schritte in den wilden Wald hinein. Der Boden bestand aus dem Laub vieler Zeiten, morschen Ästen, grünen Pflanzen und kaum hörte man meine Schritte, die der Gesang der Vögel mühelos übertönte.
Als ich für eine Weile hin und her, kreuz und quer durch das Unterholz gewatet war, erreichte ich drei größere, graue Steine, die auf einer Art Miniaturlichtung lagen. Ihre eiförmige Gestalt wurde teilweise von Moos bedeckt und in mir reifte die These, dass sie bereits seit der letzten Eiszeit hier lagen. Dennoch, was man an den Schleifspuren auf dem Boden ausmachen konnte, waren sie in letzter Zeit verrückt, bewegt worden.
Ein beklemmendes Gefühl machte sich in meiner Magengegend breit, während ich um die Findlinge herumschlich. Dann tauchte das Symbol auf; Vertiefungen im Gestein, aber viel zu perfekt, um Gletscherspuren zu sein. Es zeigte einen Kreis, darin in Achteck, welches wiederum einen Punkt enthielt und dass seine Konturen und Strukturen frei von Moos und Dreck waren, zeigte nur zu deutlich, dass sie in letzter Zeit häufiger Berührungen durch Menschenhand ausgesetzt worden waren. Mein Herz begann laut zu schlagen. Dennoch verweilte mein Blick beinahe hypnotisch auf diesem Symbol, bevor er eher zufällig eine Absonderlichkeit des Waldbodens streifte. Nun gefror mir das Blut in den Adern. Es war dies der etwa dreißig Zentimeter Abdruck eines Geschöpfes, welches dreieckige Füße besitzen musste. Dass er besonders tief im Grund sich befand, ließ auf die enorme Größe und Schwere des Verursachers schließen. Vor dem spitzen Ende gab es fünf kleinere Löcher im Boden, die sicherlich von gebogenen Krallen herrührten und inmitten des Abdrucks lag ein kleines Knäuel, welches verworrenem Draht mit Fischschuppen darin glich.
Einige Meter von hier entfernt bergab entsprang der Blaubach, so dass es durchaus im Bereich des Möglichen lag, dass sich hier eine unterirdische Wasserader befand. Der Abdruck zeigte mit der Spitze in Richtung Waldweg und Bank.
Auf einmal kam es mir ungemein wichtig vor, rasch von diesem Ort zu verschwinden.
So eilte ich davon und kam endlich wieder an der Bank an, wo ich für eine Weile rastete, um meine aufgekratzten Gedanken zu ordnen.
Kann es sein! Kann es sein! Kann es sein! Martin ist hierhergekommen, um sich nach Svens Tod selbst ein Bild zu machen. Er findet die Steine, befingert die Symbole im Gestein und dann passiert tatsächlich etwas. Die Steine bewegen sich wie von Geisterhand zur Seite und die Kreatur, wie auch immer sie ausgesehen haben mag, steigt empor. Martin läuft davon. Aber die Kreatur verfolgt ihn, was man an dem Fußabdruck erkennen kann, der in Richtung Bank zeigt. Das Wesen macht ihm solche Angst dabei, dass er ein paar hundert Meter weiter zusammenbricht, weil ihn diese Angst schlicht und einfach umgebracht hat. Denn von dem bisschen Laufen kriegt ein trainierter Mann wie Martin keinen Herzanfall! Nie im Leben! Doch wenn das Geschöpf befreit wurde durch Martin, wo ist es jetzt? Keine Frage! Es ist nun frei und die zwei seltsamen Todesfälle in der Gegend gehen ebenfalls auf das Konto dieser Kreatur! Es ist kein Virus! Es ist diese Kreatur! Sie irrt durch die Region und erschreckt in den Wäldern Spaziergänger zu Tode! Und der Kerl, der seinen Vater und seine Mutter umgebracht hat, ist dem Geschöpf begegnet, und er hat überlebt, weil er von Natur aus böse ist. Der Anblick der Kreatur hat seine Bösartigkeit wohl noch gesteigert. Er ist deswegen vom Dealer und Bankräuber zum Mörder geworden und hat seine Eltern mit dem Hammer erschlagen! Kann es sein! Kann es sein! Kann es sein! Und was ist mir der Anzeige, dem Artikel im Google Feed, die ich vorhin überflogen habe! Jetzt wird mir einiges klar!
Ich griff zu meinem Smartphone, ließ die Finger ein paar Mal über das Display fliegen und las.
Verwirrter Mann in Weißhorst aufgegriffen
In Weißhorst fiel Passanten ein Mann auf, der orientierungslos und wirres Zeug rufend im Bereich des Busbahnhofes umherirrte.
Hilfsbereite Mitmenschen sprachen die betreffende Person an, doch diese schien kaum aufnahmefähig, so dass eine Frau endlich die Polizei rief. Diese ging sehr behutsam nach dem Eintreffen vor und es gelang den Beamten endlich, ein leichtes Gespräch herzustellen und die Daten des Hilflosen aufzunehmen. Es handelte sich um den 47jährigen Walter P. aus dem dreißig Kilometer entfernten Biberbach. Auf die Frage, wie er nach Weißhorst gekommen sei, antwortete P. voller Überzeugung, dass er auf der Flucht vor einem Monster sich befände. Dieses Monster habe den Kopf einer Gottesanbeterin, den Körper einer Portugiesischen Galeere und insektenartige Beine voller Fischschuppen gehabt. Die Füße allerdings seien dreieckig gewesen und hätten aus Metall bestanden.
Weil der Mann aus Biberbach offensichtlich von seinen Worten überzeugt war, veranlassten die Polizisten die Einweisung in eine psychiatrische Klinik.
Die Zauberflöte
Unter dem Berge mit all seinen prächtigen Laub- und Nadelbäumen gebe es ein Tor zu den Sternen, pflegte der komische, alte Kauz aus dem Haus am anderen Ende der Straße stets zu sagen. Alle anderen in der Gegend behaupteten, er sei ein wenig verrückt, aber ich fand das eigentlich nicht. Ich mochte Onkel Carl, wie ihn unser Dorf nannte, wahrlich gerne und verbrachte viel Zeit bei ihm. Meine Eltern hatten nichts gegen diese Beziehung einzuwenden und pflegten darüber zu sagen, dass Onkel Carl ein einsamer Mann sei, der kaum einen Menschen in seinem näheren Umfeld habe. Mit meinen Besuchen und durch mein offenes Ohr täte ich also jede Menge Gutes, was mir der Liebe Gott sicherlich eines fernen Tages anrechne.
Lange, lange lag das jetzt zurück.
Vor zwei Jahren war Onkel Carl im hohen Alter von einundneunzig Jahren gestorben, was meine Mutter mir per Telefon erzählt hatte, weil sie immer noch in jenem Dorfe in den waldigen Bergen des Mittelgebirges lebte.
Mit einem Anruf begann auch jene gar unglaubliche Geschichte, die ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, hier erzähle.
„Mein lieber Junge!“, begann sie das Gespräch. „Heute hat ein Herr Justus Förster bei mir an der Tür geläutet. Er ist der einzig lebende Verwandte von Onkel Carl, ein Neffe, und hat sich um den Nachlass gekümmert. Ich frage mich dabei, warum der Kerl über ein Jahr gebraucht hat, um die paar Sachen von Onkel Carl zu sichten, aber egal. Jedenfalls hat er dir was hinterlassen. Justus Förster ist beim Sichten der Gegenstände auf ein Paket gestoßen, worauf ein Zettel geklebt war, auf dem stand, dass du diese Kiste erhalten sollst. Herr Förster sagte mir, er habe sie nicht aufgemacht und wisse nicht, was sie enthielte. Tja, wer es glaubt. Der Kerl ist irgendwie künstlich und aufgesetzt. Er hat bestimmt geschaut und sich dann gesagt, dass er den Inhalt nicht zu Geld machen könne. Wie dem auch sei. Ich habe jedenfalls nicht reingeschaut. Soll ich das jetzt tun, bevor ich dir das Paket zusende?“
Nachdem sie meine Freigabe erhalten hatte, hörte ich eine Klinge über Paketklebeband ratschen und im Anschluss das Rascheln von Papier.
„Herrje!“, rief meine Mutter schließlich aus. „Da liegt eine Querflöte drinnen. Onkel Carl dachte wohl, dass du Ian Anderson von Jethro Tull bist, dabei ist mein Sohn eines der unmusikalischsten Geschöpfe unter der Sonne. Aber schick sieht sie immerhin aus. Die kannst du sicherlich gut in deine Vitrine in der Diele packen. Eine schöne Erinnerung an Onkel Carl ist sie dennoch. Dann liegt noch ein Brief bei. Den mache ich jetzt aber nicht auf.“
Die Sache mit dem Unmusikalischen meinte sie nicht böse, denn es war endlich ein Faktum. Wir vereinbarten, weil unsere Wohnorte gute zweihundertfünfzig Kilometer auseinanderlagen, dass Mutti bei ihrem nächsten Spaziergang in den Ort das Paket auf der nahen Post aufgebe.
Da sie diesen Weg nicht zu sofort machte, dauerte es eine Woche, bis die Sendung von einem grimmigen DHL-Muffel bei mir vor der Tür abgestellt wurde.
Im Wohnzimmer öffnete ich das Paket und zwischen zahlreichen Zeitungartikeln aus den 1980er-Jahren, die zerknüllt als eine Art Polster dienten, lag tatsächlich eine silbern blitzende Querflöte.
Einen Moment fragte ich mich, warum Onkel Carl mir das hübsche Instrument vermacht habe und ob er mir dieses bereits in den 80er-Jahren beiseite gepackt hatte, als mir der Brief einfiel, der von meiner Mutter in dem Telefonat erwähnt worden war. Ich fand ihn unter all dem Papier und erkannte nach dem Öffnen sofort die messerscharfe Handschrift des alten Freundes.
Mein Bester!
Du hast nie an meinen Worten gezweifelt, mich nie als einen alten Spinner abgetan, wie es die anderen stets getan haben. Daher sollst du meinen wertvollsten Besitz nach meinem Ableben erhalten.
Es würde zu weit führen, hier den endgültigen Zweck dieses zauberhaften Instrumentes zu erörtern. Außerdem kennst du ja meine ausschweifende Art in vielerlei Dingen.
Mit wertvollstem Besitz meine ich hier nicht das verwendete Material oder die Kunst der Fertigung bei diesem Instrument. Der wahre Wert, der wahre Zweck findet sich erst, wenn man eine bestimmte Melodie auf genau dieser Flöte spielt. Die Noten zu dieser Melodie findest du auf der Rückseite dieses Schreibens.
Ich hoffe, dass Dich meine Zeilen bei bester Gesundheit erreichen und dass es Dir, was immer aus Dir geworden sein mag, gutgeht.
Liebe Grüße
Dein Onkel Carl
Ich nahm das Musikinstrument in die Hände, fühlte dessen beeindruckende Schwere, betrachtete es eine Weile im Sonnenlicht, welches durch die Fenster fiel und mein Erbe silbern funkeln ließ.
Natürlich erwartete ich nicht, dass beim Spielen etwas Weltbewegendes passierte, aber mir erschien es angebracht, die paar Noten auf der Rückseite hörbare Musik werden zu lassen, weil dieses auf eine bestimmte Art und Weise wohl Onkel Carls letzter Wille zu sein schein.
Eine gute Freundin von mir hatte an der weltberühmten Musikhochschule zu Detmold studiert und war nun Mitglied des Symphonieorchesters der Großstadt, in welcher wir lebten. Dort spielte sie Violine, aber meines Wissens nach beherrschte Katharina mindestens zwölf weitere Instrumente.
Ja, bestätigte die strohblonde Geigerin mir auf Nachfrage per WhatsApp, Querflöte könne sie problemlos spielen und stelle sich gerne bereit, den letzten Wunsch meines alten Freundes Wirklichkeit werden zu lassen. Sie wolle dafür keine Gegenleistung haben, aber meine Einladung zum Abendessen nehme sie dennoch gerne an. Es gäbe ihrerseits jede Menge Neues zu berichten, und wenn mir der Kopf danach stünde, würde sie im Anschluss an das Abendessen selbstverständlich noch den einen oder anderen anständigen Cocktail bezahlen.
So trafen wir uns an einem Samstagabend bei mir daheim, um die Musik aufleben zu lassen und danach mit der U-Bahn in die Innenstadt zu fahren.
„Das sind ganz schön komplizierte Notenkombinationen. Ich habe so etwas zuvor noch niemals gesehen. ` sieht mir fast wie etwas Fernöstliches aus. Aber, ich werde es hinkriegen!“, sagte Katharina, nachdem sich ihr erster Blick von der Tabulatur abgewendet hatte.
Und Katharina bekam es nach einer kurzen Vertiefung in die Noten tatsächlich mit einer prächtigen, akustischen Leistung hin. Wundervolle, exotische Klänge erfüllten mein Wohnzimmer; geheimnisvoll, verschnörkelt, zauberhaft. Die Komposition begann zärtlich sanft, steigerte sich dann und endete endlich in einem dynamischen Finale.
Als die letzten Klänge dieser Darbietung noch im Raume schwebten, geschah das Unglaubliche.
Ein kleiner, roter Punkt, der mich an ein überdimensioniertes Glühwürmchen erinnerte, tauchte aus dem Nirgendwo oder einer anderen Dimension heraus auf. Sein Licht besaß gleißende Helligkeit und zu sofort überstrahlte es die Standardbeleuchtung des Wohnzimmers. Es wuchs heran, wurde zu einer Kugel mit der Größe eines Fußballs, um endlich seine Form zu ändern und bogenförmig zu werden. Aus diesem bogenförmigen Lichtgebilde manifestierte sich schließlich ein Bogen mit silbernem Rahmen, der fast bis an die Zimmerdecke heranreichte und in dessen Zwischenraum es violett funkelte und leuchtete.
Synchron standen Katharina und mir die Münder offen und kein Wort kam über unsere Lippen, wobei wir unfähig waren, uns zu bewegen. Doch schließlich schaffte ich es, an dieses obskure Objekt heranzutreten, welches seichte, rauschende Geräusche von sich gab, als lausche man einer kräftigen Brandung in der Distanz. Ich erkannte, dass das violette Scheinen eine Art Schleier darstellte, welcher leicht vibrierte, nachdem meine Hand ihn durchdrungen hatte.
„Das ist ein Schleier oder Vorhang, aber richtig fest ist er nicht. Es kribbelt leicht, wann man seine Hand durchsteckt. Ein bissle ist es so, als wenn einem der Fuß einschläft. Und, du siehst es ja selber, obwohl dieses Objekt nur dreißig Zentimeter tief ist, verschwindet mein Arm gänzlich in ihm und kommt nicht auf der anderen Seite wieder heraus. Das scheint ein Tor in eine gänzlich andere Welt zu sein. Ich möchte wissen, was dahinterliegt.“, kam es mir endlich über die Lippen und meine Stimme klang merkwürdig fremd in meinen Ohren.
Faszination und Neugier hielten ihre starken Arme entschlossen um mich.
„Du wirst doch nicht etwa durch diesen Schleier gehen und in dieses Ding da rein!“, rief Katharina mit entsetzter Stimme aus. „Wer weiß, was dahinterliegt. Es könnte dich umbringen durch Strahlung oder so!“
Da hatte sie selbstverständlich recht, aber es kam mir vor, als zöge eine unsichtbare Kraft im Kopfe nun die Fäden. Ich musste diese Schwelle einfach passieren!
„Geh nicht weiter! Bleib stehen!“, hörte ich sie noch und trat durch den Schleier und das schmale Tor.
Es kribbelte einmal kurz am ganzen Körper und dann war ich hindurch und schwebte in endloser Weite, wo es weder ein Unten noch ein Oben gab, keinen Grund und keinen Himmel, keine Farbe in dem Äther, in dem ich mich nun befand. Es herrschten wohlige Temperaturen. Ich wendete meinen Blick, doch das durch Flöte und Musik geöffnete Tor war verschwunden. Statt des Gedankens, dass nun vielleicht die Tür in die vertraute Welt auf ewig zugefallen sein könnte und über diese Vorstellung Angst zu empfinden, keimte grenzenlose Hoffnung allmählich in mir auf. Wie ein Vogel in der Luft, dem hohen Gefühl der Freiheit in mir, flog ich vor und zurück und zurück und vor. Dann öffneten sich die Trichter. Überall um mich herum tauchten sie buchstäblich aus dem großen Nichts auf. In ihren Öffnungen erstrahlten die intensivsten Regenbogenfarben und sie füllten die gesamte Unendlichkeit aus.
Kurz nach deren Auftun fuhr das Wissen des gesamten Kosmos in mich hinein, was ein wahrhaft atemberaubendes Gefühl darstellte. Nun wusste ich, dass jede Welt, jede nur denkbare Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ihr eigenes Universum stets aufs Neue erschuf. Wahrscheinlich versagte bei der Gesamtzahl dieser Universen nicht nur die menschliche Vorstellungskraft, sondern scheiterte ein jeder Computer gleich von welcher Leistungskraft.
Zufällig flog ich auf einen dieser Trichter zu und als mein Flug eine gewisse Grenze zu diesem Objekt hin passiert hatte, zog eine leichte, doch bestimmende Kraft mich mit sich und in die bunte, flackernde Öffnung hinein. Ein knisterndes Geräusch drang an meine Ohren und ich musste an den Stromabnehmer einer Lokomotive denken, der bei strömendem Regen an eine triefendnasse Oberleitung kam. Alle nur erdenklichen Farben erschienen nun vor mir. Sie bildeten eine gleißende Röhre um mich herum, verschmolzen zu einer bunten Wand, die Struktur und Textur stetig änderte. Der Fallwind wehte durch meine etwas zu langen Haare, jedenfalls wenn es auf einen normalen Mann von Mitte vierzig bezog.
Dann stand ich von jetzt auf gleich am Ufer eines smaragdgrünen Ozeans im violetten Sand und sah, wie sich dessen magisches Wasser am Strande brach in silbern funkelndem Schaum. Den größten Teil des Himmels nahm ein tiefblauer Gasplanet ein, den ein prächtiges Ringsystem umgab, welches nicht minder silbern als die Brandung erstrahlte.
Hinter mir erhoben sich gewaltigen Dünen und die Luft besaß eine kaum beschreibbare Klarheit. Im Planetenlicht sahen die hier wachsenden Pflanzen orange und pink aus. Dahinter, jenseits der Düne, lag meine neue Heimat, das stand zweifelsohne fest. Das Schicksal hatte es immer schon so vorgesehen und so täte es nun auch kommen. Mir war weder bange noch einsam, hier lag die Wurzel meines Glückes, wobei ich noch nicht wusste, wie genau es ausschauen würde. Jedoch drängte die dahingehende Zeit auch nicht. Hier gab es keine Eile, keine Sorgen, keine Not, kein Leid.
Ich dankte Onkel Carl für all das, was geschehen war und noch geschehen sollte.
Bevor ich jedoch den Weg über die Dünen und in meine neue Welt hineintat, setzte ich mich in den warmen Sand am Ufer des smaragdgrünen Ozeans, um euch von dieser Geschichte zu berichten.
Die Formeln meines Freundes
Obgleich ich in Mathematik zu Schulzeiten immer eine ausgesprochene Null gewesen war, verband mich mit Hochschulprofessor Heinz Heumann, Inhaber des Lehrstuhls für Komplexe Analysis an der hiesigen Universität, eine innige Freundschaft. Wir hatten uns kennenglernt, weil er täglich seine Zeitungen und einmal in der Woche seinen geliebten, halbschwarzen Tabak in jenem Kiosk holte, welchen ich betrieb, seit ich mein Studium der Philosophie und Alten Sprachen in den Sand gesetzt hatte.
Philosophie sei eng mit der Mathematik verbunden, pflegte er beim Kaffee am Stehtisch vor der Lotto-Totto-Kasse stets zu sagen und dann verloren wir uns wieder in endlosen Diskussionen über diese Welt und was darüber hinausgehen mochte. Heumann gab sich nie mit Vermutungen und einfachen Aussagen zufrieden. Er wollte für alles stets den unwiderlegbaren Beweis, was, so vermutete ich jedenfalls, typisch für einen Mathematiker einer solchen Klasse war.
Sein plötzlicher Tod traf mich gleich des Faustschlages eines Schwergewichtmeisters. Seine erwachsene Tochter, eine promovierte Astronomin, die mit vage bekannt war, kam in den Kiosk und überbrachte mir unter Tränen die traurige Nachricht. Ihr Vater habe sich im Keller seines Hauses erhangen.
Es kam gänzlich ohne Vorwarnung und warf einen Berg an Rätseln auf, nachdem sich der Schock und die erste Welle der Trauer verzogen hatten.
Warum hat er sich mit zweiundsechzig Jahren umgebracht? Er stand fest im Leben und es gab wirklich nichts, um das er sich großartige zu sorgen brauchte. Die Scheidung von seiner Frau vor zehn Jahren hatte er längst kompensiert und gesundheitlich ging es ihm prima!
Irgendwann, nach unzähligen Stunden des Grübelns und des Strebens nach einer Lösung, sagte ich mir, dass er vielleicht doch eine Depression gehabt haben könnte, welche er vor der Welt versteckt habe. Man konnte Menschen eben nur vor den Kopf und nicht hineinschauen.
Die Beerdigung ging dreißig Minuten. Es war eine schreckliche halbe Stunde, das kann ich Ihnen sagen, liebe Leserinnen und Leser.
Zeit verstrich und eines Tages ging ich dann tatsächlich zu einer dieser Vorsorgeuntersuchungen, zu denen Männer von über vierzig sich eben ein- und damit abfinden müssen. Auf dem Weg in die Praxis fühlte ich mich seltsam, kam es mir denn so vor, als sei ich erst vorgestern zwanzig geworden.
Zwei Tage später saß ich dann auch meiner Ärztin gegenüber, die in den Monitor ihres MACs schaute, um die Ergebnisse des Check Ups vorzutragen.
Im Großen und Ganzen stünde es um meine Gesundheit nicht schlecht, allerdings seien Leber- und Cholesterinwerte leicht erhöht. Zudem trüge ich zehn Kilogramm Übergewicht mit mir herum. Ich solle doch die zwei halben Liter abendliches Hefeweizen weglassen, weniger Fleisch und Junk-Food essen und mich ausgewogener ernähren. Ein wenig Sport, zum Beispiel im Fitnessstudio, könne ebenfalls nicht schaden. In vier Wochen werde man mir erneut Blut abholen und dann sehen, in welche Richtung es gehe.
Ich bin kein besonders stringenter Mensch, sonst hätte ich mein Studium problemlos beendet, aber wenn ich etwas tat, dann machte ich es zumindest temporär richtig. Ich trank nur noch Wasser und ungesüßten Tee, ließ Fleisch und Süßwaren komplett weg und ernährte mich hauptsächlich von Obst, Gemüse und Brühe. Die Kohlenhydrate wurden ausschließlich über Basmatireis zu sich genommen und Softdrinks stellten ein absolutes Tabu dar.
Ich kann es Ihnen sagen, liebe Leserinnen und Leser, die ersten drei Tage waren eine halbe Hölle, da Körper und Geist einen wahren Zuckerentzug durchlitten. Das Verlangen nach einer Cola oder Fanta wütete gnadenlos in mir, Gereiztheit beseelte mein Gemüt und es kostete Mühen, diese vor den Kundinnen und Kunden zu verbergen. Meine Frau riet mir, doch bitte zur Pepsi zu greifen, damit diese schlechte Stimmung ein Ende fände. Des nachts wachte ich häufig schweißgebadet auf und musste die Kleidung wechseln, wahrscheinlich weil mein Körper all den Dreck ausdünstete, der über viele Jahre freiwillig in ihn hineingelangt war.
Doch nach drei unglaublich harten Tagen wurde es besser, ein wohliges Gefühl breitete sich in mir aus und je mehr Zeit verstrich, je mehr steigerte sich dieses gute Gefühl. Nach einer Woche stand ich mit einem dauerhaften Strahlen in meinem Kiosk, sang beim Kochen und unter der Dusche, tobte mit den beiden Kindern durch die Wohnung, so dass die liebe Nachbarin Frau Kuhlmann von unterhalb, die sich eigentlich nie beschwerte, an der Türe läutete und freundlich darlegte, ob wir nicht ein wenig leiser seien könnten, da sie ihre Serien auf Netflix kaum verstünde. Körperlich war ich problemlos in der Lage, Bäume auszureißen und tatsächlich griff ich wieder auf die Mitgliedschaft im Fitnessstudio zurück, die über Jahre sträflich vernachlässigt worden war. Nun standen zweimal in der Woche Eisen pumpen, Rudermaschine und Laufband auf dem Programm. Niemals zuvor in meinem Leben war der Schlaf derartig fest und erholsam gewesen und Schlaf soll nun auch den Übergang einleiten zur merkwürdigsten und zugleich unheilvollsten Geschichte meines Lebens.
Es trug sich an einem Montagabend zu. Müde von einem langen Tag schlief ich bereits auf dem Sofa ein, während meine Frau weiterhin das Programm eines Streamingdienstes aufmerksam verfolgte.
Zunächst befand ich mich in der seltsamen Welt zwischen Wachzustand, Halbschlaf und Schlaf.
Aus einem alten Röhrenradio, wie es meine Großeltern in den 1950er-Jahren zu nutzen pflegten, kommen die Dialoge aus der Serie, welche meine Frau in diesem Moment betrachtet. Das prächtige Gerät befindet sich in dem stets chaotischen Arbeitszimmer meines verstorbenen, guten Freundes Professor Heumann. Durch das Dachfenster fluten Sonnenstrahlen. Ich sitze an dem Schreibtisch, auf dessen Platte sich die unvermeidlichen Bücher und Zettel voller hochkomplexer, mathematischer Notizen verteilen. Meine Hände kritzeln mit einem blauen Bleistift etwas auf einen weißen Dina4-Bogen. Dann, in dem Moment, als im Röhrenradio die Stimmen der Serienschauspieler verstummen und durch seichte Jazz-Musik abgelöst werden, kommt die Erkenntnis, dass ich nicht ich bin, sondern im Körper des Professors stecke. Die Formeln, die ich auf das Papier zaubere, sind mir derartig vertraut, verständlich bis ins kleinste Detail. Natürlich; habe ich denn auch mein ganzes Leben der Mathematik und ihrer Erforschung gewidmet. An einem Punkt stockt meine Arbeit, die Konzentration muss gesteigert werden, um endlich mit der Behebung des Problems fortzufahren. Nachdem ich ein dickes Ausrufezeichen hinter das Ergebnis all der Berechnungen und Formeln gesetzt und damit eine jahrelange, intensive Arbeit beendet habe, geschieht es.
Die Außenwand löst sich langsam aus, wird erst milchig, dann transparent, endlich durchsichtig. Doch dahinter tut sich nicht die Straße in dem beschaulichen Vorort auf, in dem mein Haus liegt, sondern ein violett-schwarzer Strudel aus magnetischen Feldern und Wellen, der ein dumpf brummendes Geräusch von sich gibt. Von diesem Objekt geht eine sanfte Sogwirkung aus, die leicht an meiner Jeans und dem karierten Hemd zupft. Ich stehe auf, trete an die Krümmung der Raumzeit heran und in diese hinein. Es ist, als befände man sich in den Strudeln eines Spaß- und Erlebnisbades. Sie ziehen einen Menschen zwar bestimmend mit sich, ohne dass dieser sich dabei jedoch bedroht oder ausgeliefert fühlt.
Während der kurzen Passage über Abermillionen Lichtjahre hinweg sieht es aus, als schwebe man durch violett gefärbten Nebel. Er ist dicht, er ist um einen herum, er nimmt einem die Weitsicht, aber wahrlich anfassen, kann man ihn nicht. Ein Gefühl der Losgelöstheit erfasst mich, welches jedoch mit wachsender Anspannung einhergeht.
Dann stehe ich plötzlich in einer vegetationslosen Welt im roten Licht und das losgelöste Gefühl weicht sofort einer Form der Beklemmung. Um mich herum erheben sich schwarze, geometrische Figuren aller Art; Kegel, Zylinder, Pyramiden, Kugeln, Würfel, Quader. Zunächst erscheint es mir, als seien diese Objekte aus Gestein herausgehauen, doch beim Berühren eines Quaders muss ich an die dicke Haut eines Wales denken. Mein Blick fährt hinauf zum Himmel. Schmutzig grüne Wolkenfetzen treiben in einem rötlichen Firmament, scheinen unheilvolle Gestalten dort droben nachzuzeichnen; Mischwesen von erstaunlicher Grässlichkeit.
Die Angst an diesem Ort hämmert unablässig in mir fort. Dennoch bahne ich mir den Weg bei schwülwarmen Temperaturen durch dieses Labyrinth an finsteren, geometrischen Figuren und werde dabei angetrieben von einer seltsamen Form der Neugier und des unstillbaren Wissensdurstes, die in Kombination das Gefühl der Furcht zügeln. Einige der perfekt ausgeformten Objekte reichen mir lediglich bis zu den Knöcheln, wohingegen andere wiederum die Größe von Mehrfamilienhäusern besitzen.
Schließlich stoppe ich meine Schritte am Rande einer kraterhaften Ausbuchtung im Boden, über den zu laufen es sich anfühlt, als gehe man über eine dieser Matten, die beim Hochsprung zur Anwendung kommen. Mit vielleicht 45 Grad Gefälle geht der Hang etwa zwanzig Meter in die Tiefe hinab. Dort unten kräuseln sich schwefelgelbe Wolken, so dass ein Betrachten des Bodens von dieser Position aus unmöglich ist. Ein widerwärtiger Geruch kräuselt sich in meine Nase, der sich äußerst schwer beschreiben lässt. Stellt euch ungefähr eine Mischung aus süßlich riechenden Exkrementen, dem Gestank von Fleischabfällen eines Schlachthofes und den Ausdünstungen eines Kanalrohres vor.
Schlagartig wird mir nun klar, dass dieses der Geruch konzentrierter Angst ist, der von dort unten hinaufzieht. Am Grunde hinter dem schwefelgelben Schleier befindet sich die konzentrierte Furcht aller Welten des Universums und des darüber Hinausgehenden, die Summe aller nur erdenklichen Ängste und grausiger Taten und Gedanken.
Die Angst lodert in meinen Eingeweiden, brennt auf allerhöchster Flamme, um sich zeitgleich wie der Draht eines Würges um den Hals zu legen. Etwas in mir begehrt laut auf, kehrtzumachen, die Formel zu benutzen, welche mich wieder in mein behagliches Arbeitszimmer bringt, aber zu sehr wütet der Trieb nach Lösungen in mir. Ich muss die Gleichung auflösen über das Naturell der konzentrierten Abgründigkeit und Angst. Ich muss einen Blick auf das erhaschen, was sich dort unten hinter dem Schleier verbirgt. Ich brauch den Beweis, dass es das ist, für was es meine jahrelangen Berechnungen gehalten haben. Als wenn sich Einstein die Gelegenheit geboten hätte, über den Ereignishorizont eines Schwarzen Lochs zu schauen. Meine Furcht wird mich schon nicht umbringen, denn nur handelt es sich bei ihr um ein Gefühl.
Langsam und vorsichtig mache ich mich auf den Weg den Abhang hinab, taste mich Schritt um Schritt abwärts auf diesem merkwürdigen Untergrund, wobei mein Herz infernalisch laut hämmert und das Feuer in den Eingeweiden höher und höher lodert.
Allmählich kann ich sehen durch den Schleier und auf den Grund. Hinter der gelben Wand zeichnet sich eine achteckige Form ab, eine Art Teich, der mit einer schwarzen, viskosen Flüssigkeit gefüllt zu sein scheint, von der wiederum diese gelben Nebelwolken emporsteigen. Unter der Oberfläche dieser Flüssigkeit oder Masse liegt des Rätsels Lösung…
„Schatz! Wach auf!“
Vibrationen werden auf dem Weg gespürt.
Unter der Oberfläche dieser Flüssigkeit oder Masse liegt des Rätsels Lösung…
„Schatz, Herrgott, wach auf!“
Unter der Oberfläche dieser Flüssigkeit oder Masse liegt des Rätsels Lösung…
Die Vibrationen werden stärker, erfassen meinen gesamten Torso.
„Schatz! Was ist los? Komm zu dir!“
Meine Frau rüttelte an mir. Zunächst war ihr Gesicht lediglich ein verschwommenes Gebilde vor einem noch wesentlich unschärferen Hintergrund. Der graue Trainingsanzug, in dem ich eingeschlafen war, klebte förmlich an meinem Körper. Die Welt gewann ihre Konturen zurück; unser gemütliches Wohnzimmer im sanften Licht einer Stehlampe, der wohl sicherste Ort auf dieser Welt. Sorge lag auf dem Gesicht meiner Frau. Über den Smart-TV flimmerten die Bilder einer Serie, die in den 50er-Jahren in einer amerikanischen Kleinstadt spielte. Auf dem Sessel neben dem Sofa hockte die Chihuahua-Dame Kiki und beobachtete aufmerksam das Geschehen.
Erst jetzt wurde mir wahrhaft bewusst, dass es vorbei war und der Alptraum sich ausgeträumt hatte.
Langsam setzte ich mich auf. Meine Frau hielt ihre flache Hand auf meiner Schulter, drückte sie gelegentlich sanft dabei. Auf ihrem niedlichen Gesicht lag pure Gutmütigkeit, welche auch aus ihren braunen Augen strahlte.
Ja, es war in der Tat vorbei.
„Meine Güte, Schatz! Du hast im Schlafe um dich getreten und geschlagen. Du hast geschrien und wärest fast vom Sofa gefallen dabei. Ich musste dich einfach wecken!“, sprach sie sanft.
„Wie…wie…wie lang habe ich geschlafen?“, fiel mir das Sprechen zunächst schwer.
„Nicht lange. Allerhöchstens eine halbe Stunde. Die Serie ist noch nicht mal aus. Was hast du bloß geträumt?“
Ich berichtete ihr von diesem so seltsamen wie grauenhaften Traum und sie entgegnete, dass Träume Schäume seien und dieser sein Ende gefunden habe.
Nun ging es mir entschieden besser.
Für mich selbst durchlebte ich den Traum nochmals, arbeitete ihn auf, als ich auf meinem Roller in Richtung Fitnessstudio fuhr. Wenn ich Moped fuhr, fiel mir das Denken zumeist leichter. Im Rahmen der Aufarbeitung berichtete ich Markus, einem alten Freund, der heute weit entfernt lebte, in Form eines imaginären Telefonates meine ganz eigene Interpretation.
„Also Kollege, ich stelle mir das Ganze so vor: Durch die Diät ist nicht nur mein Körper, sondern auch mein Geist entgiftet worden und ich konnte deshalb auf die Erinnerungen meines verstorbenen Freundes, des Professors zugreifen. Ich habe sie gar aus seiner eigenen Sicht durchlebt. Man, das war, als wäre ich tatsächlich an diesem Ort gewesen, nur eben nicht als ich selbst, sondern als der Professor! Es mag total bescheuert klingen, aber wahrscheinlich sind Erinnerungen auch nach dem Tode einer Person nicht verloren, da sie an irgendeinem Ort, der jenseits unserer Vorstellungskraft liegt, gespeichert werden. Auf dieses Speichermedium konnte ich also im Traum zugreifen. Ich denke, dass es dem Professor tatsächlich gelungen ist, durch irgendwelche Rechenoperationen und mathematische Formeln das Tor zu einer, nennen wir es hier einfach Parallelwelt, aufzustoßen. In dieser Parallelwelt haben sich all das Schlechte und all die Ängste aller Welten, auf denen es intelligentes Leben gibt, an einem Ort manifestiert in Form eines seltsamen Gebildes oder eines Lebewesens, dessen Herz eine achteckige Pfütze mit einer dicken, schwarzen Flüssigkeit ist, die hinter einem gelblichen Dunstschleier verborgen liegt. Aus irgendwelchen Gründen hat mein alter Freund wohl bewusst nach diesem Platz oder diesem Lebewesen, oder was immer die Welt der geometrischen Figuren auch sein soll, gesucht. Vielleicht wollte er einfach nur die Ursache dafür finden, warum die Welt, in der wir leben, so schlecht ist; keine Ahnung.
Er ist jedenfalls hinab gestiegen zu dieser achteckigen Pfütze und hat in sie hineingeschaut. Danach haben ihn die Formeln wieder nach Hause gebracht, aber das, was er gesehen hat, war so dermaßen schrecklich, dass er mit niemanden drüber reden konnte und sich endlich im Keller seines Hauses aufgehangen hat, weil er mit diesem Wissen nicht weiterleben wollte. Zum Glück hat mich meine Frau geweckt, denn sonst hätte ich auch gesehen, was er gesehen hat. Herrje! Ich will gar nicht näher darüber nachdenken.“
Der imaginäre Freund stellte mir eine imaginäre Frage, so dass ich eine Weile schwieg.
„Garantiert werde ich niemals wieder einen solchen Traum träumen! Ich gehe zwar weiterhin ins Fitnessstudio, aber ich tue wieder Zucker in meinen Tee, esse Schokolade und trinke meine zwei Weizen pro Abend. Eine todsichere Methode, sich vor Erlebnissen einer solchen Art zu schützen!“
Ein herzhaftes Lachen erfüllte meinen Helm. Der Viertaktmotor meines violetten 50cc-Rollers dröhnte gleich einer Zwiebacksäge eintönig vor sich hin. Markus stellte eine weitere Frage, während mein Gefährt auf den Parkplatz vor dem hellerleuchteten Fitnessstudio fuhr.
„Natürlich habe ich einen Beweis dafür, dass das alles auch so passiert ist. Wir sind doch zusammen zur Schule gegangen und du weißt doch, was für eine Null in Mathematik ich gewesen bin. Nun weiß ich komischerweise, oder logischerweise, alles über Vektoren und deren Räume. Es fängt damit an, dass man Vektoren als Pfeil darstellen kann und endet mit komplizierten Berechnungen in ihren Räumen. Du bist der erste, dem ich davon erzähle und ich habe auch nicht bei Wikipedia geschummelt. Ich war in diesem Traum in Körper und Geist meines toten Freundes und ein Teil seines Wesens ist nun auf ewig mit mir verbunden.“
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