Kitabı oku: «Traum-Heiler»

Yazı tipi:

Das Buch

„Wir verlieren die Seele, wenn wir unsere Träume nicht erfüllen“, sagt der renommierte schamanische Traumtherapeut Robert Moss. Dieser „Seelenverlust“ kann unterschiedlichste Gründe haben: ein Job, der unserer Berufung nicht entspricht, die Trennung von einem Partner, ein Verkehrsunfall, Missbrauch oder andere Verletzungen, die, obwohl verdrängt und vergessen, uns so lange Lebensenergie abziehen, bis wir uns wirklich mit ihnen ausgesöhnt haben. Wie diese verletzten Anteile durch schamanische „Traumarbeit“ geheilt werden können, zeigt dieses Buch: Mit geführten Traumreisen, Heilritualen und Beispielen aus der Praxis demonstriert Robert Moss, wie wir unsere Lebensträume und unser inneres Kind heilen können, um endlich das Leben zu leben, das wir uns aus tiefstem Herzen schon immer gewünscht haben!

Der Autor

Robert Moss hatte als Kind drei Nahtod-Erfahrungen, die sein Leben prägten: Er entwickelte eine hellsichtige träumerische Begabung, wie sie häufig bei Schamanen-Heilern zu finden ist. Er erforschte das alte schamanische Wissen der Traumheilung, studierte die moderne Traumtherapie und begründete die wegweisende Heilmethode des „Aktiven Träumens“. Heute leitet er Seminare und Trainings weltweit und publizierte bislang neun viel beachtete Bücher zum Thema schamanisches Heilen, bewusstes Träumen und die Kraft der inneren Vorstellung. Robert Moss lebt im Staat New York, USA.

Robert Moss

Traum-Heiler

Lebensträume erfüllen, Verletzungen heilen

durch schamanisches Heilwissen

Übersetzt von Johanna Ellsworth


Inhaltsverzeichnis

Umschlag

Das Buch / Der Autor

Titel

Inhaltsverzeichnis

Einleitung - Die träumende Seele

1. Schamanen als Träumer

2. Träumer als Schamanen

3. Seelenverlust verstehen

4. Traumwege zur Ganzheit

5. Der Königsweg zur Seelenheilung

6. Der Seelenbaum

7. Die Höhle und der Hochsitz

8. Das Windpferd

9. Das Haus der Heilung

10. Die Begegnung mit der Seele der Seele

11. Die Heilung der Ahnen

12. In der geheimen Bibliothek

13. Traumarchäologie und kulturelle Seelenheilung

14. Die Seele im Multiversum

15. Folgen Sie Ihrem eigenen Merlin

Epilog: Die Heimkehr

Danksagungen

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

Über den Autor

Impressum

Für den Träumer in jeder Seele

Nur derjenige, auf dem sich die Seele niederlässt, durch den die Seele spricht, kann andere lehren. - Ralph Waldo Emerson, Ansprache vor der Harvard Divinity School im Jahr 1835

Einleitung
Die träumende Seele

Die Zeit wird kommen, wenn du dich freudig selbst an deiner Tür begrüßt, dir im Spiegel begegnest und ihr beide über das Willkommen des anderen lächelt. - Derek Walcott, »Love after Love«

Meistens sind die wichtigen Dinge ganz einfach. Und sie sind offene Geheimnisse in der Hinsicht, dass niemand uns das Wissen vorenthält - außer uns selbst.

Dieses Buch handelt von einer ganz einfachen Wahrheit, auf der die Menschheit basiert. Wir sind mehr als nur Körper und Verstand: Wir sind auch Geist und Seele. Doch wir Menschen sind vergessliche Tiere. Wir vergessen, dass wir eine Geschichte haben, die über unsere jetzige Situation hinausgeht. Wir vergessen, dass wir vielleicht mit einer Aufgabe und einer Identität auf diese Welt gekommen sind, die unserem jetzigen Leben vorausgehen und nicht mit dem Tod enden. Und da wir vergessen, wer wir sind und welche Aufgabe unsere Seele auf dieser Welt hat, geraten wir in alle möglichen Schwierigkeiten. Noch schlimmer wird es, wenn wir einen Teil unserer Lebensessenz verlieren, weil wir unangenehme Dinge erleben und wir in gewisser Weise aus unserem Körper herausschlüpfen wollen. Möglicherweise gelingt uns das sogar. Schamanen bezeichnen diesen Zustand als Verlust von Seelenanteilen, und Psychologen nennen ihn Dissoziation.

Der Lakota-Indianer und Traumschamane Lame Deer hat davor gewarnt, wohin so ein Zustand führt: »Die Menschen sind an einen Punkt gelangt, an dem sie nicht mehr wissen, wozu sie überhaupt auf der Welt sind ... Sie kennen das Wissen, das der Geist jedem Einzelnen von uns mitgegeben hat, nicht mehr ... und so stolpern sie blindlings auf dem Weg ins Nichts dahin - auf dem betonierten Highway, den sie selbst ausgehoben und asphaltiert haben, um noch schneller zu dem großen, leeren Loch zu gelangen, das am Ende auf sie wartet, um sie zu verschlucken. Es ist eine schnelle, bequeme Superautobahn, aber ich weiß, wohin sie führt. In meiner Vision bin ich dort gewesen, und mir schaudert, wenn ich nur daran denke.«1

Dieses Buch enthält das Gegengift zu diesem Zustand. Es ist aus lebenslanger Erfahrung und unabhängigen Studien und einem Vierteljahrhundert praktischer Anwendung heraus entstanden. Ich habe als Kind in meiner Heimat Australien Seelenanteile verloren, als ich sehr krank, einsam und traurig war. Damals war ich zwischen meinem dritten und elften Lebensjahr die Hälfte der Zeit ans Krankenbett gefesselt. In diesen Jahren litt ich unter Lungenentzündung (beider Lungenhälften) und geriet drei Mal in den Zustand, den man heute Nahtoderlebnis nennt. Als Jugendlicher führte ich mitten in der Nacht Gespräche mit einem Traumbesucher, einem strahlenden jungen Mann, der anscheinend aus dem Osten der hellenistischen Welt Griechenlands kam. Wie er mir sagte, erhalten wir alles wahre Wissen durch Anamnese. Dieses ziemlich komplizierte griechische Wort bedeutet wörtlich »sich erinnern«. In der neoplatonischen Philosophie hat es eine besondere Bedeutung: die Erinnerung an das, was auf der Ebene der Seele oder des Geistes zu uns gehört hat, bevor wir in unserem jetzigen Körper auf diese gute Erde gekommen sind. Es geht um die Erinnerung der Seele.

Als ich in meinen mittleren Jahren auf eine Farm im Norden des Hudson Valley im Bundesstaat New York zog, um den Großstädten und dem Alltagsstress zu entkommen, erhielt ich noch eine Lektion über dieses Thema. Nachts beim Einschlafen merkte ich, dass ich aus meinem Körper schlüpfte und anfing, wie ein Vogel über das schlafende Land zu schweben. Mir war, als würde ich auf den Flügeln eines Rotschwanzhabichts sitzen - eines Vogels, mit dem ich in dieser Gegend vertraut geworden war. In meiner spontanen Nachtreise flog ich über Wälder und Seen zu einer Hütte im Wald irgendwo in der Nähe von Montreal. Ich wurde von einer uralten Indianerin empfangen, deren rhythmische Sprechweise wie Wasser klang, das ans Seeufer schwappt. Sie sprach ihre eigene Sprache und ich konnte sie nicht verstehen, bis ich schließlich Mohawks fand, die mir die phonetischen Laute, die ich aufgeschrieben hatte, übersetzten. Wie sie mir mitteilten, waren die Worte zwar aus der Sprache der Mohawks, doch eine recht altertümliche Version. »Du redest so, wie wir vor dreihundert Jahren gesprochen haben, und darunter ist auch ein bisschen Dialekt der Gegend um den Huron-See.«

Allmählich begriff ich, dass ich zusammen mit einer der Vorfahren des Landes, auf dem ich lebte, geträumt hatte. Ich nannte sie Inselfrau, was einer ihrer Mohawk-Namen sinngemäß bedeutet. Wie ich herausfand, war sie eine atetshents. Dieser Begriff der Mohawks bedeutet wörtlich »Jemand, der träumt« und auch »Schamane, Heiler und Arzt«. Gemäß der Tradition der Inselfrau muss man ein Träumer sein, um in einer dieser Berufungen erfolgreich zu sein. Das Wort hat in der Sprache der Mohawks eine stärkere Bedeutung als in unserer heutigen Sprache. Die atetshents sind starke Träumer. Im Traum kann die Inselfrau Zeit überwinden. Sie kann für andere träumen, sie kann ihren Traumraum betreten und ihnen Heilung bringen oder den Weg, der vor ihnen liegt, auskundschaften und Informationen sammeln, die für ihr Überleben wichtig sein könnten. Im Traum kann sie an Orte des Lernens und der Initiation in anderen Dimensionen der Realität reisen. Sie träumt mit dem sprechenden Land und spricht für die Bäume und Berge. Sie träumt mit den Tieren und Vögeln und kann sich ihre Gestalt leihen oder sie als ihre Vertreter oder Boten aussenden. In ihren Traumreisen begegnet sie Seelen der Lebenden und der Toten und kann sie retten.

Meine eigenen Begegnungen mit der Inselfrau erinnerten mich an Sehens-, Seins- und Heilarten, die alle unsere Vorfahren aufweisen. Vor allem erinnerte ich mich wieder daran, dass es immer um die Seele geht. Eines der seltsamen Wörter, die die Inselfrau in den ersten Gesprächen verwendete, klang wie on-dee-noonk. In einem Schreiben eines jesuitischen Missionars, das aus dem 16. Jahrhundert stammt und halb verkohlt, halb erfroren zwischen einem Feuer und einem Schneesturm in einer Hütte am Huron-See aufgeschrieben wurde, entdeckte ich das Wort ondinnonk. Der Jesuit berichtete einem höheren Geistlichen, dieser ondinnonk sei für den Geist der »Wilden« von unglaublicher Wichtigkeit. Wie er erklärte, ist ondinnonk »der geheime Wunsch der Seele, der sich vor allem in Träumen offenbart«. Er schilderte, dass das Teilen von Träumen in den Dörfern der Menschen, unter denen die Inselfrau geboren wurde, eines der wichtigsten Gemeinschaftsrituale überhaupt war. Träume wurden nach Hinweisen auf die Zukunft und nach Botschaften aus der spirituellen Welt durchforscht. Vor allem wurden Träume als Seelensprache durchleuchtet. Die Gemeinde war verpflichtet, sich um einen Träumer zu versammeln. Sie sollte ihm dabei helfen, die Wünsche seiner Seele herauszufinden, die sein Traum offenbarte, und sich anschließend aktiv an der Erfüllung dieser Wünsche beteiligen.2

Das wurde als Kern des Heilprozesses aufgefasst. Wenn wir die Wünsche der Seele verleugnen, dann wird die Seele verärgert und entzieht unserem Leben notwendige Lebensenergie. Dann werden wir für Krankheiten und Unglück anfällig. Folgen wir hingegen den geheimen Wünschen der Seele, können wir auf den natürlichen Weg unserer Energien zurückkehren und Vitalität, Gesundheit und Glück wiederherstellen. Dieser Vorgang kann in einer Runde des Traumteilens sofort beginnen, wenn wir es zulassen, uns mit der Energie eines Traums zu bewegen, statt nur über ihn zu reden. Das Volk der Inselfrau saß nicht lange still herum, wenn Träume erzählt wurden. Sobald wie möglich fingen die Leute an, die Träume nachzuspielen, zu singen und in die Hände zu klatschen. So was mögen Seelen.

In den Traumkreisen und Traumworkshops, die ich seit Ende der 1980er Jahre leite, testete ich die Dinge, die ich von der Inselfrau lernte. Und ich fand heraus, dass sie funktionieren. Wie ich schon bald feststellte, ist das Träumen echte Magie - die Kunst, Geschenke aus einer anderen Welt in unsere herüberzubringen. Ich merkte, wie es die Menschen begeisterte, dass sie durch das Teilen ihrer Traumgeschichten einen Bezug zu den größeren Geschichten ihres Lebens und den Kräften der Traumzeit herstellen konnten. Es faszinierte mich, wie sich unser kindliches Selbst - das vielleicht schon seit Jahrzehnten verloren gegangen ist - zeigte, um mit uns zu spielen, wenn wir Träume in Theaterszenen oder spontane ausdrucksvolle Kunstwerke mit Kreide und Buntstiften auf dem Boden umwandelten. Und ich lernte dabei noch mehr über die träumende Seele.

Träume zeigen uns nicht nur, was die Seele will, sondern auch, wohin sie gegangen ist. Wir träumen immer wieder von unserem alten Elternhaus oder Großmutters Haus, unserer Schule oder der Wohnung, die wir mit einem früheren Partner geteilt haben. Diese Träume wollen uns möglicherweise klarmachen, dass wir einen Teil unserer Lebenskraft und Identität in dieser Lebensphase zurückgelassen haben. Vielleicht träumen wir auch von einer jüngeren Begleiterin oder einem Begleiter unseres eigenen Geschlechts und stellen fest, dass wir von einem jüngeren Teil von uns träumen, der in diesem Traumalter verloren ging. Der Grund dafür war, weil damals schlimme Dinge geschahen oder weil wir eine schlechte Wahl treffen mussten und ein Teil von uns mit der Entscheidung nicht einverstanden war und sich deswegen abgespalten hat. Oder aber wir träumen von einem verhungernden Pferd, einer schlafenden Löwin oder einem wütenden Bären, und damit erscheinen uns animalische Geister, die uns Kraft und Heilung bringen können, wenn wir lernen, sie zu nähren und in unserem Körper erwachen zu lassen - und wenn wir bereit sind, es mutig mit ihnen aufzunehmen. Wir können auch von den Ahnen unserer Gegend oder unseren Vorfahren oder unserer größeren spirituellen Familie träumen, die viele Kulturen umfasst. Dadurch werden wir aufgefordert, mit der uralten Seele Verbindung aufzunehmen oder über Generationen hinweg Heilung zu bewirken. Immer wieder und wieder verfolgt uns unser höheres oder größeres Selbst in unseren Träumen und gibt uns die Chance, eine Verbindung zu knüpfen, die unserem Körper mehr seelische oder spirituelle Anteile zuführen kann, als wir bisher hatten.

Der wichtigste Beitrag, den die uralten Träumer - die Schamanen wie die Inselfrau - zu unserer heutigen Medizin und Heilmethoden leisten, ist das Verständnis, dass man im Leben Seelenanteile verlieren kann, und dass wir uns über die Bedeutung der Seelenheilung klar werden müssen, wenn wir gesund und ganz werden wollen.

Auf der instinktiven Ebene wissen wir alle, wie der Verlust von Seelenanteilen zustande kommt. Wir erleben Schmerz, ein Trauma oder Misshandlungen, wir werden von Trauer oder Scham überwältigt und ein Teil von uns verschwindet, weil er nicht in einer Welt bleiben will, die so hart und grausam scheint. Wir müssen eine schmerzhafte Entscheidung treffen, einen Partner, einen Job oder unser Zuhause verlassen, und ein Teil von uns stellt sich gegen unsere Entscheidung. Deshalb löst er sich von der dominierenden Seite unserer Persönlichkeit und hält an der alten Beziehung oder dem alten Ort fest. Der Verlust von Seelenanteilen verstärkt sich, wenn wir in eine Depression oder eine Sucht verfallen oder wenn wir mit der Welt, wie wir sie begreifen, Kompromisse eingehen und unsere großen Lebensträume aufgeben. Ohne den Mut und genug Selbstvertrauen, um unsere Kreativität zu leben oder an unsere Liebe zu glauben, ziehen wir uns feige aus der Affäre - und ein Teil unserer strahlenden Seele macht sich voller Verachtung über uns aus dem Staub.

Gute Psychoanalytiker und Therapeuten können uns helfen, Seiten unserer selbst zu erkennen, die wir unterdrückt und verleugnet haben, wie beispielsweise der berühmte Schatten. Vor allem Jungianer verwenden diesen Begriff, um das zu bezeichnen, was wir in den Keller des Unbewussten abzuschieben versuchen, weil wir es nicht als einen Teil unserer selbst akzeptieren wollen. Das schamanische Konzept des Verlusts von Seelenanteilen geht noch weiter. Es erkennt, dass es bei der Seelenheilung nicht nur darum geht, Aspekte des Selbst, die wir verdrängt oder verleugnet haben, zu erkennen und zu integrieren. Es geht auch darum, Seelenanteile zurückzuholen, die buchstäblich verloren gegangen sind und die gefunden werden müssen, um sie zur Rückkehr in den Körper, in den sie gehören, zu bewegen.

In meiner eigenen Praxis unterscheide ich mittlerweile fünf Formen von partiellem Seelenverlust oder von Abspaltung, die geheilt werden müssen. Ich bin noch keinem Menschen begegnet, der gegen sie immun gewesen wäre.

VERLUST VON LEBENSENERGIE

Sie leiden unter chronischer Müdigkeit. Sie sind schlapp und lustlos und kommen morgens nur schwer aus dem Bett. Jeder Tag wirkt freudlos und grau. Ihr Immunsystem spielt verrückt und Sie scheinen jeden Virus einzufangen, der in der Luft herumschwirrt. Irgendwas fehlt Ihnen innerlich und Sie versuchen, diese Leere mit Zucker oder Alkohol zu stopfen.

VERLUST IHRES JÜNGEREN SELBST

Jüngere Versionen Ihrer selbst sind Ihnen verloren gegangen - das kleine Kind, das vor Energie und wundervoller Fantasie sprudelte, der romantische Teenager, der verletzt oder verraten wurde, der Dichter oder Unternehmer in Ihnen, der ganz andere Wege gehen wollte als die, die Sie gegangen sind. Diese jüngeren Teile Ihres Selbst haben Talente und Kräfte, die Sie in Ihrem heutigen Leben nutzen können, wenn Sie herausfinden, wo sie stecken und wie Sie sie zurückholen können.

VERLUST VON ANIMALISCHEN KRÄFTEN

Wie Naturvölker und Schamanen wissen, sind wir alle mit der Welt der tierischen Kräfte verbunden. Wenn wir unsere Verbindung zu den animalischen Kräften erkennen und nähren, finden wir den natürlichen Weg unserer Energien und folgen ihm. Doch viele von uns haben diese ursprüngliche Verbundenheit verloren oder kennen sie nur als etwas Oberflächliches, Möchtegernsymbolisches, das sie in Büchern und auf Tarotkarten nachsehen, ohne es täglich zu füttern und zu leben.

VERLUST DER AHNEN-SEELE

Dies ist ein zweischneidiges Schwert. Wenn wir ohne das Bewusstsein leben, dass wir uns immer in der Gegenwart unserer Ahnen befinden - der Ahnen unseres Familienstammbaums, des Landes, auf dem wir leben, und der unserer spirituellen Verwandten im weiteren Sinne -, werden wir wahrscheinlich zum Spielball und möglicherweise sogar zum Wirt von Wesen, die wir vermutlich nicht in unserer Nähe haben wollen. Wenn wir uns der Seele unserer Ahnen bewusst werden, sind wir bereit, die Verbindung zu den Hütern der Weisheit und den Beschützern aufzunehmen, die uns helfen können, wieder gesunde seelische Grenzen zu setzen und das zu entfernen, was nicht zu uns gehört.

VERLUST DER VERBINDUNG ZUM GRÖSSEREN SELBST

Letztendlich können wir unter den vielen Seiten unseres Selbst nur dann Frieden schaffen und einen Weg der wahren spirituellen Entwicklung gehen, wenn wir eine unmittelbare und bewusste Verbindung zu dem Selbst auf einer höheren Ebene herstellen - dem Selbst, das kein Fremder für uns ist. Wenn wir die richtige Stelle in unserem verkörperten Selbst freimachen, sind wir womöglich bereit für den tiefen und wunderschönen Akt des Seelenwachstums, den ich spirituelle Krönung nenne, denn er bringt einen Teil des größeren oder höheren Selbst in unseren Körper und dann durchdringen seine Strahlen unseren Körper und unser ganzes Leben.


Wie bekommen wir mehr Seelenanteile in den Körper? Wie können wir die zerrissenen Verbindungen reparieren und uns der Ganzheit und dem höheren Selbst annähern? Um unser animalisches Wesen wiederherzustellen und verloren gegangene Seelenanteile zurückzuholen, kann ein Schamane oder eine Schamanin eine Seelenheilung für uns durchführen. Dafür wird er/sie die eigenen spirituellen Verbündeten einbinden und für uns auf die Reise gehen, um das Krafttier oder die verlorenen Seelenanteile aufzuspüren. Dann werden diese in unseren Körper zurückgebracht. Normalerweise geschieht das, indem der Schamane in unser Herz oder unseren Kopf bläst, da sich der Geist auf dem Atem fortbewegt.

Sandra Ingerman, eine weise schamanische Lehrmeisterin, betont in ihrem Lehrbuch Auf der Suche nach der verlorenen Seele, dass dies keine Selbsthilfemethode ist. Die Technik birgt Risiken und Gefahren für den Heiler und den Hilfesuchenden. Für eine erfolgreiche Seelenrückführung könnte es nötig sein, unerwünschte Wesen und Energien aus dem Körper zu vertreiben, die sich in der Person mit partiellem Seelenverlust festgesetzt haben, weil eine Leere gefüllt werden musste. Auf dem Weg zur Seelenheilung muss der Schamane möglicherweise Diebe austricksen, die die vereinnahmte Seele nicht mehr herausrücken wollen. Die Seelenrückführung kann eine Reise an sehr dunkle Orte in der nicht alltäglichen Realität bedeuten, an die sich niemand freiwillig begeben würde. Darunter befinden sich auch Totenreiche, in denen Reisende ihr Licht verbergen müssen.

Eine Herausforderung bei der Seelenrückführung kann sein, Erinnerungen an frühere Traumata zu integrieren. Wie bei jeder Therapie besteht die Gefahr, eine übermäßige Abhängigkeit zum schamanischen Heiler zu entwickeln. Wie in jedem Beruf gibt es ganz unterschiedliche Schamanen. Womöglich müssen Sie feststellen, dass Sie mit jemandem arbeiten, der unfähig ist zu erkennen, was wirklich zu Ihnen gehört und was nicht, oder dessen persönliche Energien ambivalent sind, so dass Sie riskieren, etwas Unerwünschtes von ihm zu empfangen.

Im Gegensatz zur Seelenrückführung ist die Seelenheilung eine Handlung, bei der wir uns gegenseitig dabei helfen, Selbstheiler und Schamanen unserer eigenen Seele zu werden. Dafür müssen wir mutig genug sein, über unsere bisherigen Grenzen hinauszugehen. Wir sollen dabei nicht für andere den Schamanen spielen. Diese Methode minimiert auch das Risiko der Abhängigkeit und des Annehmens von Dingen, die nicht zu uns gehören. Wir wissen, wann für uns der richtige Zeitpunkt gekommen ist, diesen Weg zu gehen, wenn wir uns durch unsere innere Führung lenken lassen. Wir wissen, welche Tore wir öffnen müssen, weil sie uns in unseren Träumen und Bildern, die in uns hochsteigen, gezeigt werden.

In diesem Buch geht es darum, wie wir die Techniken des luziden Träumens anwenden können, um mehr Seelenanteile in den Körper zu holen und anderen zu helfen, ganz zu werden. Indem wir lernen, Träume auf die richtige Weise mit anderen zu teilen, schaffen wir einen sicheren Raum, in dem die jüngeren und strahlenderen Anteile unseres Selbst sich annähern können und wir anfangen werden, Gemeinschaften aus Seelenfreunden aufzubauen. Und indem wir lernen, einen Traum als Tor zu nutzen, durch das wir - in bewussten schamanischen Wachträumen - hindurchreisen, können wir an die Orte gehen, an denen verlorene Seelen gefunden und zurückgeholt werden können, und uns gegenseitig dabei unterstützen.

Dieses Buch zeigt Ihnen, wie Sie Schamane Ihrer eigenen Seele werden und anderen helfen können, Heiler ihres eigenen Lebens zu werden. Ich bin überzeugt, dass dieser Weg allen Menschen offensteht, die bereit sind, mit ihren eigenen Träumen zu arbeiten, selbst wenn (wie wir sehen werden) der letzte erinnerte Traum schon dreißig Jahre zurückliegt. Für die meisten von uns gilt: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Wenn uns eigene Träume zur Verfügung stehen - selbst uralte -, sind wir im Besitz der Landkarten und der Grundausstattung, die wir für unsere persönliche Reise der Seelenheilung brauchen. Wenn wir uns mit dem Willen, Heilung zu finden, in den Wald aus Träumen hineinwagen, sichern wir uns die Unterstützung der Mächte der tieferen Welt. Wie Schamanen sagen, gefällt Geistern diese Arbeit.

Die Seelenheilung ist zwar eine Methode der Selbstheilung, doch sie ist mehr als nur eine Selbsthilfemethode. Wie Sie feststellen werden, müssen Sie über Ihr gewöhnliches Selbst hinausgehen, um einen bestimmten Punkt zu überschreiten - auf das höhere oder größere Selbst hinzu, den Gott/die Göttin, mit dem oder der Sie kommunizieren können -, und mit spirituellen Verbündeten zusammenarbeiten. Sie werden Freundschaften auf einer tieferen Ebene knüpfen und Teil einer Gemeinschaft aus Seelenfreunden werden, die sich gegenseitig bei Wachstum und Heilung unterstützen. Sie werden entdecken, wie Laotse gelehrt hat: »Von einem anderen innig geliebt zu werden, gibt Kraft, während einen anderen innig zu lieben Mut macht.« Wenn Sie Ihren Kreis aus Seelenfreunden finden und aufbauen, werden Sie merken, dass Sie auch anderen bei ihren eigenen Bemühungen um Ganzheit und Heilung helfen wollen.

***

In den Adirondacks in der Nähe von North River, New York, gibt es einen Berg, der gut für die Seele ist. Zweimal im Jahr, im Frühling und im Herbst, gehe ich zu einem ganz besonderen Wochenendtreffen von aktiven Träumern, die aus aller Welt kommen, um miteinander Abenteuer zu erleben und mit den Geistern des Bergs zu kommunizieren. Es ist ein Berg aus rotem Feuer und sein Herz ist aus Granat. Es ist ein Ort, an dem die Heilkraft des Wilds stark vorhanden ist und an dem auch manchmal Drachen zu sehen sind.

Dann trommeln wir vor einem großen offenen Feuer und verwandeln auf einer Lichtung zwischen den Nadelbäumen und Silberbirken unsere Träume in Tänze und Schauspiel, in derben Komödien und Tragödien (in drei Akten). Wir reisen gemeinsam in schamanischen Gruppenreisen mit abgestimmten Reisezielen. Wir sind auch schon in die Zellenstruktur des Körpers gereist, um zu untersuchen, ob man auf diese Weise heilen und Diagnosen erstellen kann. Wir haben Gruppenexpeditionen zu anderen Kulturen, Zeiten und Dimensionen durchgeführt. An diesem Ort mache ich häufig meine Testflüge in neuen Techniken, wie zum Beispiel dem Blitz-Traumarbeitsprozess, der zu einer schnellen und unterhaltsamen Methode des alltäglichen Teilens von Träumen geworden ist, die immer zu Aktivität führt, um Führung und Energie aus der Traumwelt in den Alltag zu bringen.3

Als ich mir Gedanken über den Kern des Buchs machte - also wie man die Techniken des aktiven Träumens anwenden kann, um mehr Seelenanteile in den Körper zu holen und ganz zu werden -, hielt ich es für richtig und sogar nötig, dieses Thema meiner Seelenfamilie auf unserem Zauberberg anzusprechen.

Als unser Kreis sich vor einem lodernden Kaminfeuer in der Hütte versammelt hatte, gingen wir auf die Reise, um Verbindung zu den Geistern des Landes aufzunehmen und sie um ihren Segen für unsere Arbeit zu bitten. Dann verkündete ich eine Gruppenreise, um neue Techniken und Ressourcen für die Seelenheilung zu entdecken. Auf dieser Reise trommelte ich allein, während fünfunddreißig Leute mit geschlossenen oder verbundenen Augen auf dem Boden lagen oder sich in ihre Sessel zurücklehnten. Meine innere Sicht kam stark in Bewegung. Während ich den Rhythmus trommelte und über die Gruppe wachte, bewegte sich ein anderer Teil meines Bewusstseins mit hoher Geschwindigkeit zwischen vielen Szenen hin und her, die über unseren physikalischen Raum hinausgingen.

Plötzlich spürte ich einen sanften Schlag auf den rechten Oberarm. Mit geschlossenen Augen konzentrierte ich mich weiterhin auf das Trommeln und meine eigenen Visionen. Ich spürte einen zweiten sanften Klaps und ging davon aus, dass Carol, die neben mir saß und die schon seit über zwanzig Jahren auf diese Weise mit mir reiste, versuchte, meine Aufmerksamkeit zu erringen oder den Sinn für Raum verloren hatte, weil sie von ihren eigenen Visionen ergriffen wurde. Doch als ich widerwillig die Augen aufmachte, sah ich, dass Carol zu meiner Rechten saß, ohne sich zu rühren. Sie war eindeutig in ihre eigene Reise vertieft.

Ich machte die Augen wieder zu. Und wieder spürte ich den Klaps auf meinem Oberarm. Diesmal war er stärker. Wenn das keine Hand war, konnte es dann etwa ein ... Flügel sein? Jetzt sah ich ihn mit der inneren Sicht. Einen Flügel und dahinter den gesamten Körper des Rotschwanzhabichts. Das Habichtweibchen schwang sich vor mir in einer Pracht aus Federn und mit ausgebreiteten Flügeln in die Höhe. Als sie vom Boden abhob, spürte ich über meinen Schultern eine Bewegung. Der Habicht verlieh mir Flügel, wie er es schon früher getan hatte. Ich ließ mich in einem zarten Energiekörper aufsteigen, während mein physikalischer Arm weitertrommelte und ein Teil meines Bewusstseins weiterhin über die Gruppe wachte.

Ich wurde mit hoher Geschwindigkeit an einen Ort in den Wäldern im Norden getragen, der mir schon sehr vertraut war. Hierher war ich vor einem Vierteljahrhundert bei einer Nachtreise auf den Flügeln des Habichts gerufen worden. Ich befand mich wieder in der Gegenwart der Inselfrau, der uralten Träumerin und starken Frau.

Ich fand mich in einem weißen Licht wieder. Der Weiße Wolf war da. Im Norden, an der Lichtquelle, erkannte ich die strahlende Gestalt des Friedensstifters. Aus seinem Kopf wuchs ein enormes Geweih wie lebende Kronleuchter.

Die Informationen strömten so rasch wie ein geplatzter Schlauch auf mich ein. Ich wusste, dass der Habicht mich hergebracht hatte, um das aufzufrischen, was ich in meinen früheren Studien bei der Inselfrau gelernt hatte: nämlich dass unsere Träume uns die geheimen Wünsche der Seele zeigen und dass sich die Menschen in einer spirituell lebendigen Gemeinschaft um den Träumer versammeln, um ihm zu helfen, herauszufinden und umzusetzen, wonach die Seele sich sehnt. Und dass es nicht ausreicht, herumzusitzen und über Träume zu sprechen. Die Seele will singen und in die Hände klatschen. Wir sollten unsere Träume verkörpern, indem wir singen, spielen, tanzen - durch jede spontane kreative Ausdrucksform.

Die großartigen Lehrgeschichten der Leute der Inselfrau wurden in meiner Erinnerung wach. Es sind Codes für die Seelenheilung in unserem Leben und unserer Welt. Bei einem geht es um die Erschaffung unserer Welt, bei einem anderen um ihre Erlösung.

In der Schöpfungsgeschichte der Irokesen stürzt die Erste Frau in ein Loch, das sich Erde-im-Himmel nennt, oder wird hineingeschubst. Alles Vertraute und Sichere ist weg. Sie hat schreckliche Angst, während sie spiralförmig durchs All immer weiter nach unten fällt, auf ein formloses wasserartiges Chaos zu. Mitten im nackten Horror, in der wilden Dunkelheit, findet sie Helfer. Die Vogelwesen kommen ihr zu Hilfe. In der Originalversion der Geschichte sind es große blaue Reiher. Sie steigen zu ihr auf und bilden mit ihren weiten Flügeln einen lebendigen Teppich. Die Vögel haben zwar ihren Sturz abgefedert, aber dennoch fällt sie immer tiefer und tiefer, ohne festen Boden unter den Füßen zu spüren. Nun eilen neue Helfer herbei. Die Tiergeister beschließen, ihr die Anfänge einer neuen Welt zu schenken. Einer nach dem anderen taucht unter die aufgewühlte Wasseroberfläche, und schließlich taucht eines der Tiere - das kleinste und bescheidenste - mit einem winzigen Klumpen nasser Erde in der Pfote wieder auf. Das sieht nicht unbedingt nach dem Anfang einer neuen Welt aus. Und wo könnte man den Erdklumpen ablegen? Die Große Schildkröte beantwortet diese Frage. Sie steigt aus der Tiefe auf und bietet ihren Rücken als Fundament an. Die Erste Frau legt den Klumpen Schlamm auf den Rücken der Schildkröte und verschmiert ihn. Dann tanzt sie auf dem neuen Fleck Erde und breitet ihn mit jedem Schritt weiter aus. Immer wieder dreht sie sich in einem spiralförmigen Schöpfungstanz. Die Erste Frau tanzt so lange, bis sie eine Welt erschaffen hat.

Wenn wir glauben, unsere Welt sei verloren, wenn alles, worauf wir gebaut haben, eingestürzt ist, finden wir in dieser unglaublichen Geschichte Mut und Führung. Wenn Sie in Ihrer Welt durch ein Loch gefallen sind, dann stehen Sie auf und tanzen Sie sich eine neue Welt zusammen. Um sicher auf Ihre neue Erde zu gelangen, müssen Sie Verbindung zu Ihren animalischen Kräften aufnehmen.

Die großartige Erlösungsgeschichte der Leute der Inselfrau ist die Geschichte von Hiawatha und dem Friedensstifter. Bevor Hiawatha Sprecher und Meister für den Friedensstifter wurde, war er ein gefallener Mensch. Er stürzte so tief ab, dass er zum Kannibalen wurde, der sich von seinen Mitmenschen ernährte. Seine Transformation begann, als er sein wahres Gesicht im Spiegel sah - es spiegelte sich auf der Wasseroberfläche im Topf, in dem er die Organe eines abgeschlachteten Feindes kochen wollte. Als er die strahlende Schönheit seines größeren Selbst erblickte, gab er seine alten Gewohnheiten auf und machte sich auf den Weg seines Herzens. Am Ende wurde er der »Mann des guten Geistes«, der seine Leute aus den dunklen Zeiten herausführte.

Als Hiawatha seinen schlimmsten Feind, einen tyrannischen Zauberer, besiegt hatte, tötete er ihn nicht. Stattdessen kämmte er die Schlangen des Bösen aus den Haaren des Zauberers. Nach dieser spirituellen Reinigung nahm er seinen ehemaligen Feind in die Reihen der Männer des guten Geistes, die rotiyaner, auf. Sie werden von den Klanmüttern als die traditionellen Häuptlinge der Irokesen angesehen. Die Mohawks unter ihnen sind es, die das Tor zum Osten hüten.4

Es fiel mir schwer, die Tränen zurückzuhalten, als die Wahrheit der Inselfrau meinen Geist und meine inneren Sinne durchdrang. Die wichtigsten Erkenntnisse kommen durch die Wiederbelebung dessen, was die Seele längst weiß.

Meine Begegnungen mit der Inselfrau erweckten mich für Wege, die von den Weisen unter all unseren Ahnen gegangen wurden. Für den Frieden und die Heilung unserer Erde und unseres Lebens müssen wir diese Wege zurückholen, und mehr als je zuvor ist der richtige Zeitpunkt jetzt.

Hier sind ein paar der Dinge, die Sie auf der Reise, die nun in diesem Buch beginnt, entdecken werden oder an die Sie sich wieder erinnern werden:

 Die Essenz der schamanischen Kräfte zu reisen und zu heilen ist die Fähigkeit, intensiv zu träumen. In unserem modernen Alltag stehen wir am Rand dieser Kräfte, wenn wir träumen und uns daran erinnern, etwas aus diesen Träumen zu machen. Wenn Sie ein Schamane sein wollen, dann fangen Sie schon am Frühstückstisch damit an, indem Sie Ihre Träume auf die richtige Weise mit Ihrer Familie und Ihren Freunden teilen.

 Träume enthüllen Ebenen und Aspekte der Psyche, die schlummern oder im wachen Bewusstsein womöglich fehlen. Auch bieten sie uns Landkarten, die wir nutzen können, um dahin zu reisen, wo wir Teile unserer Lebensessenz finden und nach Hause mitbringen können. Der Königsweg zur Seelenheilung ist, wenn man einen Traum zum Tor seiner persönlichen Reise macht. Ein Traum ist eine Reise und er ist auch eine Stätte. Sie sind im Traum an irgendeinen Ort gegangen, der Ihrem normalen Lebensbereich nah oder fern sein kann. Da Sie an diesem Ort nun schon einmal gewesen sind, können Sie dorthin zurückkehren.

 Ein wesentlicher Schritt der Seelenheilung ist, Platz für mehr von Ihnen zu machen, indem Sie in sich und um sich herum etwas Platz freimachen. Sie werden einfache und praktische Methoden der spirituellen Reinigung kennen lernen. Darunter sind auch Techniken, wie Sie schwere und ungewollte Energien loswerden können, die nicht zu Ihnen gehören.

 Wir brauchen die Wege der Träume nicht alleine zu erkunden. Wenn wir die Fähigkeiten des Spurensuchers erlernen, können wir Freunde auf ihren Reisen begleiten, um Seelenanteile zurückzuholen und Angst und Bedauern zu überwinden, so wie wahre Seelengefährten es tun.

 Sie können im Reich der Fantasie ein Haus der Heilung errichten und ausbauen, zu dem Sie jederzeit reisen können.

 Träumer sind Zeitreisende. Sie können durch die Zeit reisen, um Probleme, die Widersacher in der Vergangenheit oder Zukunft betreffen, zu verstehen und zu lösen. Sie können auch jüngere Versionen von sich in deren Jetztzeit aufsuchen. Sie können einem jüngeren Selbst, das in einer Zeit unerträglicher Schmerzen oder Schwierigkeiten lebt, Mut machen und Ratschläge geben. Daraus kann eine deutliche Heilung für Sie beide in Ihrer jeweiligen (Jetzt-) Zeit eintreten.

 Vielleicht wollen wir uns nicht mit unseren Ahnen beschäftigen, doch sie beschäftigen sich mit uns. Ob wir es wollen oder nicht - wir sind mit den Ahnen unserer Blutsverwandten verbunden, und ihre Schablonen können unsere Gewohnheiten und Verhaltensweisen steuern, solange wir das Muster nicht erkennen und auflösen. Außerdem sind wir mit den Vorfahren des Landes, auf dem wir leben, verbunden. Wir sollten Seelenverbindungen zu unseren weisen Ahnen und Verstorbenen aufnehmen und pflegen, doch damit solche Beziehungen gedeihen können, müssen wir uns zuerst von ungesunden Vermächtnissen und damit verbundenen Energien reinigen.

 Sie können eine geheime Bibliothek aufsuchen, in der Sie Zugang zu jeder Information und zu jedem Thema erhalten, die Sie interessieren. Hier können Sie den Kontakt zu Lehrmeistern aufnehmen. Sie können möglicherweise Einblick in Ihr Lebensbuch nehmen - dem Buch, das Ihnen helfen wird, mehr über sich zu erfahren, wie beispielsweise Ihre Verbundenheit zu Persönlichkeiten in anderen früheren und zukünftigen Leben und das geheime Muster in Ihren gegenwärtigen Beziehungen. Wenn Sie richtig mutig sind, können Sie vielleicht sogar Ihren heiligen Vertrag einsehen, in dem auch die Aufgabe steht, die Sie vor der Geburt in Ihr jetziges Leben übernommen haben, und ihre Bedingungen.

 Das bewusste Zeitreisen ermöglicht es uns, in andere Zeiten zu gehen und Bedingungen aus erster Hand zu erfahren, die wir dann recherchieren und verifizieren können. Wir können Wissenschaftler und Heilspezialisten in ihren Bemühungen unterstützen, über das bisher Verstandene hinauszugehen. Wir können das Beste uralter Traditionen und Rituale auf authentische, hilfreiche und rechtzeitige Weise zurückholen. Und dadurch können wir bei der kulturellen oder kollektiven Seelenheilung behilflich sein.

 Von allen führenden und unterstützenden Kräften in unserem Leben ist die wichtigste wohl diejenige, die wir oft gar nicht erkennen, weil wir vergessen haben, dass es sie gibt, oder weil wir sie für etwas anderes halten. Dies ist ein Freund der Seele, der uns niemals belügt und nie verurteilt. Es ist das Selbst, das eine höhere Ebene als unser gewöhnliches Selbst einnimmt. Es ist das Gesicht, das uns das Größere Selbst zeigt, wenn wir bereit sind, es zu sehen. Sie werden lernen, wie Sie Ihre Verbindung zu dem, was Sufis so poetisch die Seele der Seele nennen, wiederherstellen und aufrechterhalten können.

Es geht nicht nur darum, die Seele im Körper zu lassen und uns daran zu erinnern, dass wir von den Sternen kommen und dass unsere Geschichten in mehr als nur einer Zeitphase - und auch jetzt - stattfinden. Es geht darum, die Seele wachsen zu lassen, mehr zu werden, als wir je waren, das größere oder höhere Selbst noch mehr zu verkörpern. Dazu brauchen wir den Willen, den kreativen Sprung zu machen und etwas Neues in unser Leben und unsere Welt hineinzubringen. Ein Mythos, den wir im Geist und im Leben wiederaufleben lassen, schenkt uns kreative Kraft und dient der Seele. Träumend finden wir die Mythen, die wir leben können, die Geschichten, die die Seele ans Steuer des Schiffs unserer Odysseen stellt.

1. Schamanen als Träumer

Um handeln zu können, brauchte ich Träume. - Isaac Tens, Gitksan-Schamane

Was ist ein Schamane? Das Wort wurde Anthropologen des Volkes der Tungus in Sibirien entliehen. Seine ursprüngliche Bedeutung ist unklar. Manche glauben, es bedeutet »Priester«, doch Schamanen, schamanische Heiler, die sich unmittelbar mit der Erleuchtung beschäftigen, sind etwas ganz anderes als Priester, die Hüter von empfangenen Doktrinen und Ritualen. Der Begriff Schamane wurde durch die Veröffentlichung von Mircea Eliades Klassiker Schamanismus und archaische Ekstasetechnik bekannt. Nach Eliades Darstellung ist ein Schamane ein spiritueller Meister in der Kunst des Reisens außerhalb des irdischen Körpers. Er reist auf diese Art, um mit den Geistern zu kommunizieren, die Seelen der Lebenden und der Toten zu lenken und ihnen Heilung zu bringen.

Hier sind einige der Merkmale, die Schamanen definieren:

 Sie können in versteckte Dimensionen der Realität reisen.

 Sie arbeiten mit Krafttieren und Geisthelfern.

 Ihr Aufgabengebiet ist die Fürsorge und Führung der Seele.

 Sie sind über den Tod hinausgegangen und zurückgekommen.

 Ihre Fähigkeiten und Dienste werden von ihrer Gemeinde geschätzt.

Bei den Völkern in Zentralasien ist die wichtigste Reiseausrüstung eines Schamanen die eingefasste einköpfige Trommel, die wir in Kreisen des aktiven Träumens verwenden. Es gibt eine Geschichte aus Buryat (der Mongolei) darüber, wie der Schamane zur Trommel gekommen ist. Vor langer Zeit beschwerte sich der Tod beim Hohen Gott darüber, dass ein mächtiger Schamane das Gleichgewicht aller Dinge stören würde. Dieser Schamane war in seinen Bemühungen, die Seelen der Sterbenden in den Körper zurückzuholen, so erfolgreich, dass der Tod um seinen Anteil betrogen wurde. Daraufhin griff der Hohe Gott hinunter auf die Erde, pflückte die lebendige Seele eines völlig gesunden Mannes aus dessen Körper, verbannte sie in eine Flasche und setzte sich wieder auf seinen hohen Thron. Dort wartete er ab, was der Schamane tun würde. Der Schamane, der von der Familie des unglücklichen leblosen Mannes aufgesucht worden war, bestieg seine Trommel - die er sein »Pferd« nannte - und ritt auf der Suche nach der vermissten Seele durch die Untere Welt und die Mittlere Welt. Um sein Ziel zu erreichen, musste er höher als je zuvor bis hinauf in die Obere Welt reisen, bis er schließlich den Hohen Gott auf seinem hohen Thron erblickte, der die Seele in einer Flasche festhielt. An diesem Punkt hätte wohl selbst der abgebrühteste Schamane aufgegeben. Doch unser Schamane weigerte sich, seine Mission abzubrechen. Er verwandelte sich in die Gestalt einer Wespe und stach den Hohen Gott in die Stirn. In seinem Schock und Schmerz ließ der Hohe Gott die Flasche los. Der Schamane griff nach der gefangenen Seele und galoppierte mit ihr zurück zu seinem Dorf. Zornig schleuderte ihm der Hohe Gott einen Blitz hinterher. Der Blitz schlug in die zweiköpfige Trommel des Schamanen ein und zerbrach sie in zwei Stücke. Daher kommt die klassische Form der Trommel, wie wir sie heute kennen.

Diese ungestüme archaische Geschichte zeigt mehrere ganz wichtige Aspekte, wie ein Schamane arbeitet. Er arbeitet mit Seelen. Er hat die Fähigkeit, durch ein dreischichtiges Universum zu reisen - die Untere Welt, die Mittlere Welt, die Obere Welt -, das sich in einen multidimensionalen Kosmos öffnet. Der Schamane übt die Kunst des »Shapeshifting« aus. Er ist mit dem Tod vertraut. Er ist bereit, die Grenzen des Möglichen zu testen. Und er dient der Gemeinschaft.

Diese Aussagen treffen auf echte Schamanen in vielen verschiedenen Kulturen zu. »Das einzig Wichtige am Menschen ist seine Seele«, sagte ein Schamane der Inuit, auch angakok genannt, zu dem Forscher Knud Rasmussen. Die alten Taoisten in China haben das Herzstück ihrer schamanischen Tätigkeit als »die Kunst, bei hellem Tageslicht vom Himmel zu steigen« beschrieben und sich in der Technik des »Kranichreitens« versucht - auf den Flügeln des Kranichs oder der Wildente, des Drachens oder des fliegenden Tigers zum Himmel aufzusteigen.1 Ein Geist der Aborigines, der gefragt wurde, wie er andere heilte, erklärte dem Jungianer Robert Bosnak: »Ich werde zum Adler«.2 Wie Holger Kalweit festgestellt hat, balanciert der Schamane am Rande des Todes. Er kennt die Wege des Jenseits, weil er sie selbst bereist hat. »Er stirbt tatsächlich und wird tatsächlich wiedergeboren.«3

In Kulturen der Naturvölker können Schamanen in eine bestimmte Blutlinie hineingeboren werden und eine rituelle Ausbildung, Prüfung und Einweihung absolvieren. Doch die Berufung zum Schamanen enthüllt sich gewöhnlich durch eine höchst individuelle Krise. Dies könnte beispielsweise eine ernste Krankheit oder ein Nahtoderlebnis sein. Meistens kündigt sich die Berufung zum Schamanen jedoch in Träumen und Visionen an. Bei den Ojibwa ist die Enthüllung der Berufung zum Schamanen - oder was immer die Aufgabe der Seele sein mag - häufig die Begabung zum Traumführer oder pawauganuk.

In allen Beschreibungen des Schamanen in der Literatur - als verwundeter Heiler, als Seelenführer, als Pendler zwischen den Welten, als einer, der mit Geistern verhandelt - findet sich ein wesentliches Element, das nur selten stark genug hervorgehoben wird und das manchmal sogar ganz übersehen wird. Der Schamane ist vor allem eines: ein Träumer. Schamanen werden in Träumen ihrer Berufung zugeführt. Sie werden in der Traumzeit eingeführt und ausgebildet. Der Kern ihrer Tätigkeit ist die bewusst gewollte Traumreise. Sie können Träume ausbrüten, um eine Diagnose zu stellen und die richtige Behandlung für den Patienten auszuwählen. Sie gehen - hellwach und bewusst - in ihren Traumkörpern auf die Reise, um verlorene Seelen wiederzufinden, mit den Geistern zu verhandeln, gegen Zauberer anzukämpfen und den Geist der Verstorbenen auf den richtigen Weg zu bringen.

Ja, Halluzinogene oder Entheogene sind in manchen Teilen der Welt - vor allem in Südamerika - charakteristische Merkmale schamanischer Traditionen. Doch die Meisterschamanen produzieren ihre eigenen Chemikalien im Körper und wirklich mächtige Träumer brauchen keine Halluzinogene. Ich selbst habe sie noch nie angewandt, aber ich wurde schon in früher Kindheit von Träumen berufen und habe die Realität anderer Welten während meiner lebensbedrohlichen Krankheit kennen gelernt. Daher verurteile ich andere nicht, die Hilfe suchen, indem sie das scharfe Auge der Vision öffnen.

Schamanen werden nicht nur durch Träume berufen, sondern das Träumen bildet auch den Kern ihrer Tätigkeit. Eine geläufige Beschreibung für Schamanen in der westlichen Hemisphäre ist ganz einfach »jemand, der träumt«. In der Sprache der Mohawks ist eine Schamanin, wie schon erwähnt, eine atetshents, »adze-edze-ots« ausgesprochen (die männliche Form lautet ratetshents). Das bedeutet »Träumer/in« im Sinne von jemandem, der lebhaft träumt, der die Wahrheit träumt, der im Traum reisen und andere im Traumraum heilen kann. Außerdem bedeutet es auch noch »Doktor« und »Heiler«. Hier findet sich das uralte Verständnis, dass man in den Traumwelten zu Hause sein muss, um ein Schamane, Arzt oder Heiler sein zu können.

Bei dem Daur-Stamm der zentralen Mongolei ist der Schamane (yadgan) ein starker Träumer, der in seinen Träumen sicher und effektiv Seelenwege beschreiten kann, auf denen andere sich verlaufen würden. Wenn die Vermutung eines partiellen Seelenverlusts naheliegt, versucht der Schamane, in einem besonderen Traum (soolong) die Wahrheit herauszufinden. »Der Soolong-Traum war die wichtigste Methode der Weissagung vor einer schamanischen Séance, und der Schamane konnte durch diese Methode den Leuten sagen, welcher Geist aktiv war, wo im Universum er sich befand und an welchem Tag die Zusammenführung stattfinden sollte.«4 Schamanen handeln mit ihrer Traumgabe wie mit einem kostbaren Gut, und es kann passieren, dass sie sich weigern, für andere zu träumen, solange sie nicht mit Geschenken und Anerkennung dazu bewogen werden. Die Familienangehörigen eines Sterbenden bitten einen Schamanen, »über seinen Traum zu wachen«, um herauszufinden, ob eine Nachtreise (dolbor) durchgeführt werden muss, und wenn ja, welcher Weg zu gehen ist.5 Der Daur-Schamane fordert seine Patienten auch auf, selbst zu träumen. »Wenn du keinen Traum hast, kann das Ritual nicht durchgeführt werden«, erklärte ein mongolischer Schamane einem Gast, der ihn wegen eines Magenleidens um Hilfe anflehte.6 Interessanterweise ist das mongolische Wort für den Traum des Schamanen, soolong, mit dem Wort für »Regenbogen« (solongo) verwandt. Daraus ergibt sich der Hinweis, dass ein Traum eine Regenbogenbrücke zwischen den Welten ist.

Unter den Worora in Australien heißt es: »Wenn ein Schamane mit den Geistern der Toten spricht, geschieht das, indem seine Seele seinen Körper im Schlaf verlässt.« Dann begegnet der Schamane dem »Schatten« des Verstorbenen, der ihn ins Reich der Toten und wieder hinaus führt. Der Schamane bringt heilige Tänze und Lieder (von seiner Reise) mit.7

Die Aborigines in Walcott Inlet, Australien, glauben, dass der Schlangengott Unggud potenzielle Schamanen in ihren Träumen zu sich ruft. Die Einweihung hängt von der Fähigkeit des Einzelnen ab, Mut zu beweisen und sich einer Reihe von beängstigenden Prüfungen zu unterziehen. Am Schluss wird er in einem neuen Körper und mit einem neuen Gehirn wiedergeboren, das mit Licht angefüllt ist. Nun besitzt der Schamane die Fähigkeit, ein Traumdouble zu projizieren. Seine Fähigkeiten werden miriru genannt. In Aboriginal Men of High Degree schreibt A. P. Elkin, dass miriru im Grunde genommen »die Fähigkeit eines Medizinmannes ist, sich in einen Traumzustand oder eine Trance mit all ihren Möglichkeiten zu versetzen«.8 In der Sprache des ältesten Menschenstamms findet sich das Verständnis, dass die Kraft eines Schamanen oder einer Schamanin in seiner oder ihrer Fähigkeit zu träumen liegt.

EIN SINGENDER SCHAMANE, DER VON DER EULE UND TRÄUMEN GERUFEN WIRD

Eine klassische Schilderung, wie Schamanen durch Träume zu ihrer Tätigkeit berufen werden, stammt von Isaac Tens, einem halaait (Schamanen) des Gitksan-Volkes im Nordwesten des Pazifiks. Der französisch-kanadische Wissenschaftler Marius Barbeau schrieb 1920 Tens’ Erzählung und seine Lieder in Hazelton, British Columbia, nieder. Es ist eine wilde Geschichte, in der Träume in die physikalische Welt überschwappen und in der sich Vögel und Tiere wie Geister benehmen (so wie Schamanen es von ihnen kennen).

»Dreißig Jahre nach meiner Geburt«, berichtet Tens, hätte er in der Dämmerung Holz gehackt, als eine riesige Eule auf ihn zugeflogen sei. »Die Eule hat mich gepackt, mein Gesicht ergriffen und versucht, mich hochzuheben.« Tens verlor das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kam, stellte er fest, dass er im Schnee gestürzt war und ihm das Blut aus dem Mund rann. Seine Welt wurde immer seltsamer. Während er sich nach Hause schleppte, schienen die Bäume sich über ihn zu beugen und ihm dann wie Schlangen hinterherzuschlängeln. Zu Hause im Bett verfiel er in einen wirren Zustand. Ihm war, als wäre er in eine starke Strömung gefallen.

Seine Familie holte zwei Schamanen herbei, die in diesem spirituellen Notfall eine mögliche Berufung sahen. Sie sagten Isaac Tens, er sei dazu bestimmt, ein Schamane wie sie zu werden. Doch das wollte er nicht hören. Als er sich wieder erholt hatte, ging er auf die Jagd. Er schoss und rupfte ein paar Eisvögel. Dann erblickte er wieder eine riesige Eule. Er schoss sie ab und sah, wie sie zu Boden fiel. Doch als er an die Stelle ging, um den Kadaver zu holen, war die Eule spurlos verschwunden. Als Tens in seine Hütte zurückkehrte, hatte er den Eindruck, als würde eine ganze Reihe von Geistern ihm folgen. Er fiel in Trance in den Schnee.

Als er sich wieder aufgerappelt hatte und über einen eingefrorenen Fluss nach Hause zurückging, schien sein Körper zu kochen und ein Lied stieg in seiner Kehle auf. »Gesang kam aus mir heraus, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte.« Um ihn herum und nur für ihn sichtbar waren Geistertiere. »Visionen wie diese tauchen auf, wenn ein Mensch dabei ist, ein halaait zu werden. Die Lieder steigen vollendet in ihm hoch, ohne jegliche Bemühung, sie zu komponieren.«

Die Schamanenlieder strömten weiterhin aus ihm heraus. Jetzt nahm er seine Berufung an. Ihm wurde geraten, zu ihrer Erlernung abgeschottet zu leben und nur mit vier Cousins in Verbindung zu bleiben. Sie waren Mitglieder des Wolfclans, die über ihn wachten. Das Schlüsselelement in dieser Trainings- und Vorbereitungsphase war das Träumen. »Um handeln zu können, musste ich träumen.«

Etablierte Medizinmänner teilten ihr Wissen mit Tens, als er anfing, mit eigenen Patienten zu arbeiten. Doch am stärksten wurde er von Träumen und Visionen geleitet. »Ich fing an, die Krankheitsfälle durchs Träumen zu diagnostizieren.« Seine Träume zeigten ihm, welche Lieder, Talismane und Tiergeister er in einem bestimmten Fall verwenden sollte. Um eine Krankheit - oder genauer gesagt, den bösen Geist, der die Krankheit in den Körper des Patienten getragen hatte - auszutreiben, legte er einen Talisman auf sich und verlängerte ihn, um den Patienten zu erreichen oder zu bedecken. Der Talisman »war nie ein realer Gegenstand, sondern immer einer, der mir in einem Traum erschienen war.«

Im Traum erhielt Tens ein Geistkanu, das er als Heilmittel einsetzte. »In einem Traum, den ich einmal über den Hügeln hatte, sah ich ein Kanu. Es erschien mir in vielen Träumen. Manchmal schaukelte das Kanu auf dem Wasser und manchmal auf den Wolken. Immer wenn irgendwo ein Problem auftauchte, konnte ich in Visionen mein Kanu sehen.«

Schließlich hatte er dreiundzwanzig Lieder der Energie und Heilkraft zusammen; die meisten wurden ihm unmittelbar in Träumen und Visionen überliefert. Er träumte ein Lied vom Lachs:

Das Dorf wird geheilt sein, wenn mein Lachsgeist hineinschwimmt.

Er träumte, dass seine beiden verstorbenen Onkel ihm für beide Hände Rasseln gaben und dass ein Grizzlybär durchs Haus rannte und sich dann hinauf in die Lüfte und zwischen die Wolken schwang. Er schwenkte die Rasseln in den Händen und machte die Geräusche des Bären nach, der es auf der Erde hatte donnern lassen und dann hinaufgeschwebt war.

In einer Vision reiste er in ein fremdes Land voller Bienen. Die Bienen zerstachen seinen ganzen Körper. Danach half ihm eine uralte Frau zu wachsen. Er sang:

Ein Bienenschwarm zerstach meinen Körper. Großmutter bringt mich in meiner Vision zum Wachsen. Eyiwaw!

In einer anderen Vision fiel er aus großer Höhe in ein Kanu, das ihn hinauf zwischen die Gebirgshöhen trug. Dort hörte er die Gebirgsgeister, die sich mit Stimmen unterhielten, die wie Glocken klangen. Er sang:

Die Berge sprechen miteinander.

Wenn er seine ernstesten Fälle behandelte, trug Isaac Tens ein Bärenfell mit einer Kapuze aus einer Bärenklaue und eignete sich die Kraft des größten Medizintiers in Nordamerika an, dessen Lied er in seinen eigenen Träumen übernahm. Bei solchen Anlässen versammelten sich die Familie, die Freunde und andere Schamanen, um eine heilende Gemeinschaft zu bilden.

Häufig ging es um die Rückführung einer Seele. »Wenn der Patient sehr geschwächt ist, fängt der Schamane seine Seele mit den Händen ein und bläst sanft darauf, um ihr mehr Atem einzuflößen. Bei einem noch geschwächteren Patienten nimmt der halaait einen heißen Stein von der Feuerstelle und hält die Seele darüber. Er kann auch ein wenig Fett auf dem heißen Stein zum Schmelzen bringen. Seine Hände drehen den Stein von einer Seite auf die andere und nähren so den kranken Geist.« Zum Schluss wird die Seele in den Kopf des Patienten geleitet.9

DIE DREIZEHN STUFEN SCHAMANISCHER TRÄUME

Ruby Modesto wuchs im Martinez-Reservat im Süden Kaliforniens auf. Ihre Träume wiesen sie an, eine pul - eine Schamanin - zu werden. Sie machten Ruby mit dem Adler bekannt, der ihr Verbündeter wurde und ihr Flügel verlieh. Sie brauchte die Medizinpflanzen, die manche Schamanen ihres Volkes, der Cahuilla, anwenden, nicht, da sie ihre Träume hatte.

Die Medizinpflanzen waren sehr wirksam. Doch nicht alle puls benutzten die starken Pflanzen. Das sollte von Anfang an klar sein.

Ich bin zwar ein pul, doch der »Verbündete«, wie Castaneda den spirituellen Helfer nennt, der einen pul von normalen Menschen unterscheidet, kam mir durch das Träumen und nicht durch die Wirkung einer Pflanze.

Wie Ruby Modesto herausfand, gibt es aufeinander folgende Traumebenen. Wenn man Ebene 3 oder eine höhere Ebene erreicht, erhält man eine sich steigernde Klarheit und nähert sich den wirklich guten Dingen an. Ihr Onkel war ein Traumschamane, der ihr beibrachte, wie man »das Träumen einrichtet«, um auf die interessanten Ebenen zu gelangen. Sie erklärte dem Anthropologen Guy Mount, wie das funktioniert:

Man erreicht es, indem man sich selbst auffordert, auf der ersten, gewöhnlichen Traumebene einzuschlafen. [In diesem ersten Traum] fordert man sich auf, sich hinzulegen und einzuschlafen. Dann träumt man einen zweiten Traum. Das ist die zweite Ebene und die Vorstufe des echten Träumens. Onkel Charlie nannte diesen Prozess »Das Träumen einrichten«. Man kann sich im Voraus sagen, wohin man gehen will oder was man sehen oder lernen möchte.

Auf der 3. Ebene lernt und sieht man ungewöhnliche Dinge, die nicht von dieser Welt sind. Die Hügel und die Landschaft sind ganz anders. Auf der 2. und der 3. Traumebene kann man mit Menschen reden und Fragen über Dinge, die man wissen möchte, stellen.10

Wie sie hinzufügt, »verlässt die Seele während des Träumens den Körper. Man muss also vorsichtig sein.« Als sie jung war, träumte sie bis in die dreizehnte Ebene hinein, doch dann wusste sie nicht, wie sie wieder zurückkommen sollte. »Ich hatte einen Traum nach dem anderen, schlief [auf jeder Traumebene] ein und geriet auf die nächste Ebene.« Bei diesem enormen, vielschichtigen Erlebnis begegnete sie ihrem schamanischen Verbündeten, dem Adler Ahswit. Doch ihr Geist hatte sich in den Traumwelten verlaufen. Sie war tagelang halb bewusstlos in einem Schlaf, aus dem keiner sie wecken konnte. Ihr Vater versuchte vergeblich, sie in ihren Körper zurückzuholen. Schließlich schaffte es Onkel Charlie, der auf die Seelenrückführung spezialisiert war, ihren Geist zu finden und wieder in ihren Körper zurückzuholen. »Als ich aufwachte, nahmen sie mir das Versprechen ab, nicht mehr so zu träumen, solange ich nicht wusste, wie ich von selbst zurückkehren kann.«11

Dafür muss man lernen, »gleichzeitig zu träumen und zu denken«, damit man nicht vergisst, wo man seinen Körper zurückgelassen hat, und sich daran erinnert, auf welcher Traumebene man sich gerade befindet, um sich für die Rückkehr klar orientieren zu können.

Und wieder stellen wir fest, dass das Träumen eine Disziplin ist. Auf die verschiedenen Ebenen zu gelangen und mit Gaben für unsere Welt zurückzukommen bedarf der Übung und Konzentration auf die Flugsicherheit und Navigation. Auch wenn wir alle träumen und wir alle davon profitieren können, wenn wir in unseren Träumen viel aktiver sind, eignet sich das Träumen bis zur dreizehnten Ebene nicht für die »Unbedarften« und wird niemandem als nächtliche Übung empfohlen!

Rubys Stimme zuzuhören, die von dem Anthropologen Guy Mount übermittelt wird, ist, als wäre man in der Gegenwart einer weisen Frau mit viel gesundem und ungewöhnlichem Menschenverstand und Intuition.

So wie ihr Großvater es ihr erzählt hat, erzählt sie uns, wie man mit dem Schöpfer spricht und wie man seine oder ihre Stimme in der Welt um uns herum findet.

Dazu sagt sie Folgendes:

Großvater Francisco hat mir beigebracht, wie man zu Umna’ah, unserem Schöpfer, betet. Er hat mir gesagt, ich solle allein ins Gebirge gehen, mir dort einen schönen, stillen Platz suchen und beten. Er sagte, ich solle über alles reden, alles sagen, was ich fühle oder brauche, und dann auf eine Antwort lauschen.

Das ist das Geheimnis: hinzuhören. Man muss alles sagen, was man auf dem Herzen hat, man soll weinen, bis man leer ist. Dann soll man lauschen. Er wird zu dir sprechen.12

Das ist wunderschön ausgedrückt und es ist ein guter Rat für jeden Tag, aber vor allem für die Tage, an denen wir uns verloren oder verwirrt fühlen. Gehen Sie an einen besonderen Ort, einen Ort, an dem Sie das Land sprechen hören können. Lassen Sie alles raus, was Sie zum Ausdruck bringen müssen. Rufen Sie es, schreien Sie es heraus, bis Sie innerlich leer sind. Lauschen Sie dann, bis Sie mit der Führung und Kraft erfüllt sind, für die Sie Raum geschaffen haben.

Für Ruby Modesto war dieser besondere Ort draußen in der Natur hoch oben im Santa Rosa Gebirge, das in der Nähe der alten Heimat ihres Stamms, des Dog Clan der Cahuilla, liegt. Für mich ist ein guter Ort, um mit dem Schöpfer zu sprechen, ein stiller See im Wald - es sei denn, ich gerate zu nahe an eine Biberburg, was den männlichen Biber dazu bringen wird, wütend mit dem Schwanz zu klopfen, oder das Rotschwanzhabichtweibchen spricht in seiner eigenen Sprache zu mir.

Für Rubys Stamm, die Wüsten-Cahuilla, gehörte die Seelenheilung zur Allgemeinmedizin. Ein pul der Cahuilla kann sich auf mehreres spezialisiert haben, je nachdem, was er persönlich erlebt und überlebt hat. Es ist nicht überraschend, dass die hauptsächliche Berufung eines Traumschamanen wie Onkel Charlie das »Heilen von partiellem Seelenverlust« ist.

Ein Traumschamane, dem die Wege und Tore vieler verschiedener Welten vertraut sind, ist am besten geeignet, den astralen Fußabdruck einer Seele ausfindig zu machen, die sich vom Körper weit entfernt hat. Wenn er seiner Berufung gerecht wird, verfolgt er die Spur, bis er das findet, was er gesucht hat. Dann muss er die verirrte Seele umgarnen, ihr schmeicheln oder sie austricksen, damit sie sich wie ein Schmetterling auf seiner Handfläche niederlässt. Er hält sie vorsichtig fest, bis er sie in den Kopf oder das Herz des Menschen einsetzen kann, dem sie fehlt.

Ruby Modesto beschreibt, wie Onkel Charlie die Seele eines Mannes mit chronischer Erschöpfung und Schlafkrankheit zurückgebracht hat. Der Mann schlief dauernd ein, konnte nicht mehr arbeiten, nicht Autofahren, sich auf nichts konzentrieren. Kein Wunder, dass seine Schlafkrankheit schnell als ein Symptom für partiellen Seelenverlust erkannt wurde. Er schlief ein, weil der wache, lebendige Teil von ihm irgendwo weit weg von seinem Körper war.

In diesem Fall holte sich Charlie Hilfe. In den Naturvölkern ist die Seelenheilung häufig eine Angelegenheit der Gemeinschaft. Man will Freunde und Familie und andere qualifizierte schamanische Heiler mit einbeziehen. Also sangen und tanzten Onkel Charlie und seine Lehrlinge, während der Kranke ins Feuer starrte. Dann döste der Patient ein - und die Schamanen sahen einen Teil seiner Seele zur Tür hinausschweben. Charlie rannte dem Teil hinterher. Er verfolgte ihn bis zum Friedhof. Dort sah er, wie der Seelenanteil versuchte, sich in die Erde zwischen den Gräbern verstorbener Verwandter einzugraben. Der Seelenanteil wollte in ein Grab gelangen, in dem eine verstorbene Person lag, die der kranke Mann geliebt hatte. Vielleicht war es aus Trauer oder vielleicht auch (wie Charlie glaubte) Abscheu über die Art und Weise, wie der Kranke sein Leben gelebt hatte. Was auch immer die Ursache sein mag - die Aufgabe des Schamanen ist es, Ergebnisse zu liefern. Also stampfte Charlie auf das Grab und versperrte so den Zugang der verirrten Seele zur Unterwelt. Dann fing er sie wie ein Flügelinsekt mit den Händen ein.

Als er wieder im Kreis der anderen vor dem Feuer saß, streckte er die Hand aus.

Und da war es: ein winziges Männchen. Es stand nackt auf Onkel Charlies Handfläche. Er blies Tabakrauch auf die Seele und setzte sie wieder in die Fontanelle ein. Dann strich er mit Adlerfedern über den Kopf des Mannes. Danach war der Mann gesund. Er wachte auf und hat seitdem nicht mehr so viele Probleme im Leben.13

Wenn wir die Seelenheilung auch in unserer Gesellschaft wieder anwenden, könnten auch wir aufwachen und brauchten nicht mehr »so viele Probleme« im Leben zu haben.

DER TRAUMSCHAMANE AUS DER SCHWEIZ

Wenn Sie wissen möchten, wie ein westlicher Traumschamane aussehen könnte, dann ziehen Sie Carl Gustav Jung und die neuen Enthüllungen in seinem Roten Buch in Erwägung. Das Material für Das Rote Buch - das mit seiner schönen Kalligraphie, den lebendigen Illustrationen und schmückenden Details einem bebilderten Manuskript aus dem Mittelalter gleicht - hat er aus den Tagebüchern und »schwarzen Büchern« geschöpft, die er in den Jahren seiner »Konfrontation mit dem Unbewussten« schrieb, als er die Gratwanderung zwischen Genie und Wahn machte. Wie er es schildert, hat der »Geist der Tiefe« ihn aus den bequemen, rationalen Anschauungen des »Geists unserer Zeit« gerissen und ihn Nacht für Nacht durch die unheimlichen Stufen der Initiation in der Unterwelt gezerrt.

Das Rote Buch ist nichts für schwache Nerven. Ja, es finden sich Passagen schillernder Schönheit, die vielleicht noch wundervoller sind als alles andere, was er geschrieben hat. Doch es enthält auch Sturzflüge in Abgründe des schieren Terrors und schreienden Wahns. Als ich es las, gab es einen Moment, in dem ich das Buch am liebsten quer durchs Zimmer geschleudert hätte - und das womöglich auch getan hätte, hätte es nicht den Umfang und das Gewicht eines Grabsteins, so dass zu befürchten war, dass meine Zimmereinrichtung Schaden erleiden würde.

In einem Krater einer dunklen, erschreckenden Welt in der Tiefe, wo schwarze Schlangen eine rote Sonne zu zerstören drohen, begegnet er dem Propheten Elias und dessen »Tochter« Salome, der bösen Schönheit, die die Enthauptung des biblischen Johannes des Täufers zu verantworten hat. Salome offenbart Jung - zu seiner Überraschung und Verwirrung -, sie seien Geschwister, die Kinder der Mutter Maria. Ungläubig und um seinen Verstand fürchtend schreit Jung sie an, dass sie und die Gestalt des Elias nur »Symbole« seien. Elias widerspricht ihm und weist ihn darauf hin, dass sie genauso real seien wie seine Mitmenschen. Indem er sie Symbole nannte, würde er gar nichts lösen. Wie Jungs Elias ihm außerdem sagte, seien Jungs Gedanken genauso außerhalb seiner selbst wie Bäume oder Tiere außerhalb des Körpers seien.14

Während C. G. Jung sich bemüht, weiterhin ein normales Leben als berühmter Psychoanalytiker und Vater von fünf Kindern zu führen, wird sein Realitätssinn durch die nackte Gewalt seiner nächtlichen Visionen und synchronischen Phänomene am Tag erschüttert, die ihm das Gefühl vermitteln, als würden die Mächte einer tieferen Welt an die Oberfläche kommen. Im Dezember 1913 hält er im gut geschnittenen Anzug vor der Psychoanalytischen Gesellschaft Zürich eine polierte Vorlesung. Drei Nächte später offenbart er Elias, ihm sei, als wäre er in der Unterwelt realer, doch er wolle nicht dort sein.15

Jung geht durch die Hölle. Er spricht mit einem roten Teufel. Er kämpft mit einem Stiergott und schrumpft ihn auf die Größe eines Hühnereis, das er in die Tasche stecken kann; dann lässt er den alten gehörnten Gott wieder aufleben. Er heult einen toten Mond und ein dunkles Meer wegen der Verbindung von Gut und Böse an, doch er traut seinen eigenen Rufen nicht.

In einem unheimlichen Waldsumpf gelangt er in eine Schlossbibliothek und hofft auf einen Ort des Rückzugs und der Reflexion. Als der Bibliothekar ihn auffordert, sich ein Buch auszusuchen, nennt er zum Erstaunen beider The Imitation of Christ von Thomas à Kempis, einem im Mittelalter beliebten Schriftsteller. Immer wieder merken wir, dass unser verzweifelter Reisender im mittleren Alter ist; vor wenigen Monaten wurde er vierzig. Er diskutiert mit dem Bibliothekar, was es heißen würde, heutzutage Jesus zu imitieren. Da Christus niemanden imitiert hat, findet er, dies würde bedeuten, seinen eigenen Weg zu gehen und einen hohen Preis für kreatives Schaffen von einer Art, wie sie noch keiner vor ihm aufgezeichnet oder angewendet hat, zu zahlen. Dann gelangt er in eine Küche neben der Bibliothek und spricht mit einer rundlichen, mütterlichen Köchin. Starke Unruhe liegt in der Luft. Ein Schwarm rastloser Toter fliegt durch den Raum und schreit etwas über »nach Jerusalem gehen«. Er fragt, warum die Toten nicht ruhen, und ihr Anführer weist Jung an, er solle ihnen das erklären. Jung sagt den Toten, sie könnten wegen dem, was sie im Leben versäumt hätten, nicht zur Ruhe kommen. Die Toten klammern sich an ihn und er ruft: »Lass los, Daimon, du hast dein Animalisches nicht gelebt« - womit er das instinktive, natürliche Leben der Sinne meint.

Das Geschrei dieses Streits wird so laut, dass die Polizei auftaucht und ihn in eine psychiatrische Anstalt bringt. Dort stellt ein dicker, kleiner Professor nach einer ganz kurzen Befragung »religiösen Wahn« fest. Er merkt an, dass das Imitieren von Christus einen heutzutage ins Irrenhaus bringe.

Jung wird zwischen zwei anderen Patienten - der eine ist in Lethargie verfallen und der andere leidet unter einem rasch schrumpfenden Gehirn - in einen Raum gesperrt. Jung vergleicht sich mit Jesus, der zwischen zwei Dieben gekreuzigt wurde, von denen einer hinauf- und der andere hinuntersteigen wird. Seine Gedanken wenden sich dem Problem zu, wie man mit den Toten umgehen soll. Ihre Anzahl ist viel größer, als er gedacht hat, wie die Küchenszene ihm gezeigt hat. Er merkt an, dass die Toten schon seit ewigen Zeiten durch die Luft geflattert und wie Fledermäuse unter unseren Dächern gewohnt hätten. Das erfordert »verborgene und seltsame Arbeit«, doch es ist ihm noch nicht klar, wie er das von seiner Zelle aus bewerkstelligen kann.

Er hört einer Stimme zu, die den Wahn anpreist, einer Stimme, die er als seine Seele identifiziert. Laut C. G. Jung ist Wahn eine besondere Form des Geistes, die sich an alle Lehren und Philosophien klammert, noch mehr jedoch an das tägliche Leben, da das Leben an sich unlogisch ist.

In der Nacht bewegt sich alles in seinem Zimmer in schwarzen Schwaden. Die Wände werden zu furchterregenden Wellen. Nun befindet er sich im Raucherzimmer eines großen Ozeandampfers, in dem der dicke, kleine Professor prachtvoll gekleidet wieder auftaucht und ihm einen Drink anbietet, während er ihm eröffnet, dass er, Jung, vollkommen verrückt sei und in eine Anstalt eingewiesen werden müsse. Sein apathischer Zimmernachbar taucht auf und verkündet, er sei Nietzsche und zugleich der Erlöser.

Jung schreibt, dass in dieser Nacht alle Dämme brachen, dass sich die Steine in Schlangen verwandelten und alles Lebendige erstarrte. Zurück in seiner verschlossenen Zelle im Irrenhaus kämpft er gegen verstrickende Spinnweben aus Worten und Gedanken. Er ermahnt sich, nichts, was er tut, zu einem Gesetz zu machen, denn das ist die Überheblichkeit der Macht. Dennoch merkt er, dass er ein Gesetz des Lebens nach dem anderen ausspricht, in der Art von Nietzsche, dessen Identität der Irre zu seiner Linken angenommen hat.

Jung weiß nicht, ob es Tag oder Nacht ist, als er einen rauschenden Wind hört und gleich darauf eine hohe dunkle Wand, die immer näher kommt. An ihr kriecht ein grauer Wurm aus Tageslicht entlang. Er hat ein rundes Gesicht und lacht. Jung öffnet die Augen und blickt auf in das fröhliche rundliche Gesicht der Köchin. »Sie haben fest geschlafen«, sagt sie zu ihm. »Sie haben über eine Stunde geschlafen.«

Jung glaubt zwar, wach zu sein, aber er befindet sich natürlich immer noch in einem Traum und entrückt von seinem physikalischen Zuhause. Anders als in den Klischeegeschichten, in denen das Unmögliche erklärt wird und die Handlung wieder aufgegriffen wird, sobald der Schlafende aus seinem Traum erwacht, gibt es hier nur das Erwachen innerhalb eines enormen, schnellen, unentrinnbaren Traums.

Der Augenblick, in dem ich nahe dran war, Das Rote Buch in die Ecke zu werfen, kam an dem Punkt, an dem C. G. Jung beschreibt, wie er von einer Frau, die sich seine Seele nannte, dazu gedrängt wurde, ein Stück der Leber eines ermordeten Mädchens zu verspeisen.16 Ich war angeekelt und hätte mich fast erbrochen. Doch ich zwang mich dazu, weiterzulesen, jeden Schritt mit Jung auf seiner beängstigenden schamanischen Reise durch die vielen Zyklen der Unterwelt zu gehen.

Wie Jung zugegeben hat, könnte jeder, der die letzten Kapitel von »Liber Primus«, dem ersten Teil des Roten Buchs, aus dem Zusammenhang gerissen liest, den Verfasser für verrückt halten. Zwar brillant und lehrreich, aber dennoch verrückt. Doch aus solchen gefährlichen Abenteuern jenseits des eingezäunten Gebiets des gesunden Menschenverstands leitete Jung seine Vorstellungen von »psychologischer Objektivität« ab, einem der stimulierendsten Elemente seiner späteren Arbeit. Aus seinen Dialogen mit seinen Traumfiguren und seinen Versuchen, die Kräfte, die mit ihnen einhergingen, zu integrieren und ins Gleichgewicht zu bringen, entwickelte er seine Praxis der aktiven Imagination. Wie er dem holländischen Dichter Roland Holst sagte, hatte er sein Werk Psychologische Typen aus dreißig Seiten seines Roten Buchs heraus entwickelt.17 Das waren offensichtlich die Seiten, auf denen die Begegnungen mit Elias und Salome stattfinden und auf denen - nachdem Jung so lange von einer riesigen schwarzen Schlange fest umschlungen wird, bis das Blut aus ihm herausspritzt und sein Kopf sich in einen Löwenkopf verwandelt - Salome zu ihm sagt: »Du bist Christus.«18

Auf diese Episode in seinem transpersönlichen Innenleben im Jahr 1925, die auf der Scheidelinie des katastrophalen Weltkriegs lag, den mehrere seiner Visionen vorausgenommen hatten, blickte C. G. Jung auf einem Seminar zurück, als er sagte, man könne sich dieser unbewussten Fakten nicht bewusst werden, ohne sich ihnen hinzugeben. Wenn man seine Ängste vor dem Unbewussten überwinden und sich fallen lassen kann, dann bekommen diese Fakten ein Eigenleben. Es kann passieren, dass man von den Vorstellungen so gepackt wird, dass man wirklich verrückt oder fast verrückt wird. Die Bilder formen einen Teil der uralten Mysterien. Es sind genau Fantasien, die die Mysterien geschaffen haben.19

In seinem Schlusswort zu Das Rote Buch schrieb er fast ein halbes Jahrhundert später, dass er tatsächlich verrückt geworden wäre, wenn er es nicht geschafft hätte, die überwältigenden Kräfte der ursprünglichen Erlebnisse zu absorbieren. Manche der Prozesse, die er dadurch entwickelte, sind für uns alle geeignet. Er schrieb sich durch die Phase hindurch, indem er alles notierte und dann seine Tagebücher schrieb. Er suchte nach und schuf Bilder der Ausgewogenheit und Integration, aus denen eine faszinierende Reihe von Mandalas wurde. Und er entwickelte die Technik, die er aktive Imagination nannte. Statt die Gestalten und Inhalte unserer Träume und Fantasien abzulehnen, arbeiten wir bei dieser Methode mit ihnen und tragen das Drama weiter zur Heilung und Erlösung.

Er sei ins Mysterium gefallen, sagt Jung, nachdem er von der schwarzen Schlange fast zerdrückt und von Salome salutiert wurde.20 Das Rote Buch zeigt uns den enormen Preis, den Jung für seine Erkenntnisse bezahlt hat, und das Ausmaß seines Muts und letztendlich seiner meisterhaften Selbstbeherrschung. Es ist die Dokumentation eines tiefgründigen schamanischen Abstiegs in die Unterwelt sowie eines langen Tests und einer ausführlichen Einweihung in Räumen des Dunklen, aus denen ein weniger starker Geist und eine schwächere Seele womöglich nie mehr den Weg zurück gefunden hätte.

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Aus der schamanischen Tiefe seiner persönlichen Erfahrungen, die auf der Wissenschaft, den Lehren und der analytischen Praxis beruhen, entwickelte Jung eine Tiefenpsychologie, in der Träume im Mittelpunkt stehen. Er erkannte, dass die meisten von uns nur ein oder zwei Stockwerke des Gebäudekomplexes bewohnen, aus dem unsere Psyche besteht, und sich der vielen anderen Ebenen und Räume gar nicht bewusst sind. Wie wir sehen werden, werden wir in unseren Träumen von Häusern (und anderen Träumen) wach für die Dinge, die sich auf den anderen Stockwerken befinden. Jung schuf den Begriff Individuation für den Prozess des Erkennens und Integrierens dessen, was in den restlichen Räumen unseres persönlichen Wohnhauses zu finden ist.

Außerdem erfand er einen Wortschatz für das, was auf den verschiedenen Ebenen dieser Wohnhäuser lebt. Viele Begriffe sind dank der Arbeit von Jungs Anhängern wohl bekannt, wenn auch nicht immer richtig angewandt. Es gibt die Schattenseite, die einen oder mehrere Teile unseres Selbst darstellt, den oder die wir nicht mögen, nicht kennen und auch nicht kennen lernen wollen. Der Schatten kann negativ oder positiv sein. Dann gibt es die Anima, die Frau im Mann, und den Animus, den Mann in der Frau. In seinen späteren Jahren sagte Jung, den Schatten zu erkennen sei das, was er die Lehre nennt. Aber sich mit der Anima auseinanderzusetzen sei das, was er das Meisterwerk nenne, das nicht viele erreichen würden.21 Konflikte unter den Hausbewohnern sind genauso unvermeidbar wie Konflikte und »Widersprüche« in unserer Welt. Es gäbe keine Auflösung, nur das geduldige Ertragen von Gegensätzen, die sich letztendlich aus dem eigenen Wesen ergeben, schrieb Jung in einem Brief. Man selbst ist ein Konflikt, der in sich und gegen sich wütet, um seine unvereinbaren Substanzen - das Männliche und das Weibliche - im Feuer des Leidens miteinander zu verschmelzen und so die feste, unveränderbare Form zu erschaffen, die das Lebensziel ist. Wir werden so lange zwischen den Gegensätzen gekreuzigt und der Folter ausgeliefert, bis das versöhnende Dritte Gestalt annimmt.22 Und was ist dieses »versöhnende Dritte?« Es ist die Bewegung auf das Selbst zu (das wir das Höhere Selbst nennen können). Es bezieht die »Annäherung an das Göttliche« mit ein, die Jung als das Herzstück seines Werks definiert hat. Wie er sagte, galt das Hauptinteresse seiner Arbeit nicht der Behandlung von Neurosen, sondern vielmehr der Annäherung an das Göttliche ... Für Jung war die Annäherung an das Göttliche die wahre Therapie und insofern man die göttliche Erfahrung macht, wird man vom Fluch des Pathologischen befreit. Sogar die Krankheit an sich nimmt eine göttliche Eigenschaft an.23

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In der Praxis übernahm Jung mehrere der charakteristischen Methoden des Schamanen, der weiß, dass das richtige Lied oder die richtige Geschichte das Verhalten des Körpers verändern und die Kraft der Seele anrufen kann. Einmal erklärte sich Jung bereit, eine Frau mit »unheilbarer Schlaflosigkeit« zu empfangen, bei der bisher kein Mittel gewirkt hatte. In ihrer Gegenwart erinnerte er sich an ein Gutenachtlied, das seine Mutter ihm in seiner Kindheit vorgesungen hatte. Er fing an, es laut zu summen. Das Lied handelt von einem Mädchen in einem kleinen Boot auf einem Fluss voller glänzender Fische. Es hat den Rhythmus von Wind und Wasser. Jungs Patientin war verzaubert. Seit dieser Nacht war ihre Schlaflosigkeit wie weggeblasen. Ihr Hausarzt wollte wissen, was Jungs Geheimnis war. Er fragt sich, wie er dem Hausarzt hätte erklären können, dass er einfach nur auf sein Inneres gehört hatte? Er war auf dem Meer. Wie hätte er dem Mann sagen können, dass er der Patientin nur mit der Stimme seiner Mutter ein Gutenachtlied vorgesungen hatte? Eine Verzauberung dieser Art sei die älteste Form von Medizin.24

Jung, der Traumschamane, wusste und bestand darauf, dass Träume uns zeigen, was die Seele im Leben will. In Erinnerungen, Träume und Gedanken schreibt er, ihm kämen den ganzen Tag über aufregende Ideen und Gedanken. Doch er beziehe nur die in seine Arbeit mit ein, zu denen seine Träume ihn leiten würden. Er war immer bereit, sich durch seine Träume in Bewegung zu versetzen und Kurskorrekturen von ihnen anzunehmen.

Während er heilige Stätten in Indien aufsuchte, wurde er plötzlich auf eine wichtige Mission zurück nach Europa geschickt. In seinem Traum befindet sich Jung mit Freunden auf einer Insel an der Südküste von England. Er steht unter dem Schutzwall eines Schlosses, das von Kerzen erleuchtet ist. Er erkennt das Schloss als Heimat des heiligen Grals. Doch der Gral ist noch nicht da. Im Traum erfährt Jung, dass seine Mission darin besteht, in der Dunkelheit zu einem leeren, abgeschiedenen Haus zu schwimmen, den dort versteckten Gral zu bergen und ihn zu seinem wahren Zuhause zu bringen. Jung deutet den Traum als Aufforderung, als westlicher Mensch zu sehen und zu handeln. Er schreibt, es sei, als würde ihn der Traum fragen: ›Was machst du in Indien? Suche lieber für dich und deine Mitmenschen das heilende Gefäß, salvator mundi, das ihr so dringend braucht.‹25

Ein Traum lieferte Jung ein Kraftbild zur Selbstheilung, als er nach einer Herzembolie im Jahr 1946 dem Tod nahe war. Er schrieb in seinem Bett mit Bleistift an einen englischen dominikanischen Priester (Victor White) über einen Traum, der ihm Hoffnung machte. Das Traumbild war ein bläulicher Diamant im Himmel, der sich in einem stillen, runden Teich spiegelte. Die ruhige Schlichtheit dieses Bildes nach den komplexen Stürmen seines früheren Lebens und seiner »Konfrontation mit dem Unbewussten« gab ihm Kraft und Zuflucht.

Nahe dem Ende seines Lebens wurde Jung von einem Traum zu einem entschiedenen Schritt angespornt, sein Werk Lesern außerhalb des recht kleinen Kreises von Akademikern, Wissenschaftlern und Analytikern zugänglicher zu machen.

Trotz des Überflusses an neuen Ausgaben und Auswahlbänden aus seinem Werk, die man in fast allen Buchhandlungen findet, lesen und verstehen heutzutage nicht viele Leute C. G. Jungs eigene Schriften (im Gegensatz zu jungianischen Erörterungen). Seine umfangreiche Lehre, einschließlich der Klassiker - deren Griechisch und Latein er für seine Monografien verwendet hat - ist für viele zu unförmig und abschreckend.

In seinem letzten großen Essay hat Jung es jedoch geschafft, seine besten und originellsten Ideen so zu formulieren, dass sie für eine breite Leserschaft einfach genug sind, ohne irgendetwas zu verwässern oder zu vereinfachen. Er tat dies aufgrund eines Traums.

1959 nahm Jung an mehreren sehr menschlichen gefilmten Interviews mit John Freeman von der BBC teil. Nachdem der Regisseur Aldus Books sie gesehen hatte, kam ihm eine glänzende Idee: Warum nicht Jung bitten, ein Buch für die Allgemeinheit zu schreiben? Als Freeman Jung auf Anweisung des Regisseurs fragte, war dessen Antwort ein glattes Nein. Er war mittlerweile über achtzig und wollte die Zeit, die ihm noch verblieb, nicht mit Bücherschreiben verschwenden. Doch dann träumte Jung, er würde an einem öffentlichen Ort stehen und vor einer bunten Menge von Menschen eine Vorlesung halten. Sie hörten nicht nur aufmerksam zu, sondern verstanden auch, was er sagte.

Durch diesen Traum änderte Jung seine Meinung. Er setzte sich an das Buch, das nach seinem Tod unter dem Titel Beiträge zur Symbolik des Selbst veröffentlicht wurde. Er sah es als ein Gemeinschaftsprojekt an und bat Kollegen, denen er vertraute - wie zum Beispiel Marie-Louise von Franz -, eigene Kapitel beizusteuern. Sein persönlicher Beitrag war ein langer Essay mit dem Titel »Annäherung an das Unbewusste« über das Unbewusste. Der Aufsatz ist das Einfachste, was Jung je verfasst hat. Das heißt, wenn Sie auf den ersten Seiten auf einen Begriff wie z. B. Misoneismus (Angst vor dem Neuen) stoßen, dann bleiben Sie gelassen.

In seinem Essay geht es hauptsächlich um Träume. Er hat ihn nur zehn Tage vor dem Beginn seiner letzten Krankheit verfasst; daher kann man diesen Text als sein Testament bezeichnen. Der Essay bezeugt vor allem die vorrangige Wichtigkeit, die Träume in Jungs Tiefenpsychologie und seiner Vision von der menschlichen Natur und ihrer Evolution einnehmen. Jung macht die unvergessliche Aussage, es sei eine uralte Tatsache, dass Gott hauptsächlich durch Träume und Visionen spreche.26

EINE SCHAMANISCHE TRÄUMERIN TRÄUMT SICH IN GÖTTLICHE GNADEN

Sandra Ingerman ist eine der authentischsten und wichtigsten schamanischen Lehrmeister und Heiler, die ich kenne. Auch gehört sie zu denen, die am meisten zu unserem Wissen beigetragen haben, warum die Seele den Körper verlässt und was wir tun müssen, um sie zurückzuholen und bei uns zu halten. Im Jahr 1991 fuhr ich in die Gegend von Boston, um an einem ihrer Workshops teilzunehmen, kurz nachdem ihr so schöpferisches Werk Auf der Suche nach der verlorenen Seele. Der schamanische Weg zur inneren Ganzheit erschienen war. Ich fasste auf Anhieb Vertrauen zu ihr. Hier war ein Mensch ohne Maske, eine integere Person, die für ihre Berufung lebte. Außerdem freute es mich sehr, einer Träumerin zu begegnen. Sandra sprach darüber, wie Träume ihr eigenes Leben gelenkt hatten. Sie schlug vor, dass die Workshop-Teilnehmer in der ersten Nacht um Träume bitten sollten, um sich auf die Durchführung der Seelenheilung am nächsten Tag vorzubereiten.

Als ich Sandra nach dem Workshop in Santa Fe besuchte, erzählte sie mir von einem Traum, in dem sie Tiefenheilung erhalten hatte. Aufgrund eines Symptoms, das kein Medikament bisher geheilt hatte, hatte sie chronische Schmerzen und betete um einen Heiltraum. Er kam nicht über Nacht. Sie betete über einen Monat lang Nacht für Nacht darum. Schließlich träumte sie, dass ein Indianer hinter dem Sofa in ihrem Wohnzimmer hervorkam. Er hatte eine durchsichtige blaue Rassel in der Hand. Er deutete mit der Rassel auf den Körperteil, der ihr wehtat. Er schüttelte die Rassel über der Stelle, bis der Schmerz in ihrem Traumkörper verschwunden war. Als sie aus dem Traum aufwachte, war auch der Schmerz in ihrem physikalischen Körper verschwunden. Als ich Sandra zwanzig Jahre später an dieses Ereignis erinnerte, sagte sie mir, dass sie seitdem schmerzfrei geblieben sei. Eine Lektion dieser Erfahrung ist die Notwendigkeit, beharrlich zu bleiben, wie wir beide feststellten.

Wenn Sie das, worum Sie bitten, nicht über Nacht bekommen, dann versuchen Sie es immer wieder. Ein Traum gab Sandra den Anstoß für ihr zweites Buch Die Heimkehr der verlorenen Seele, in dem es darum geht, was man tun muss, um nach tiefschürfender Arbeit an sich selbst die Seele im Körper zu halten. Mehrere Jahre lang tauchte in ihren Träumen wiederholt eine Botschaft auf, die auf einer Grundbedingung für Heilung bestand: »Der Erfolg jeder Heilung beruht auf der Fähigkeit des Klienten, die Heilung anzunehmen.«27 Sie hat es »kapiert«, als sie im Traumzustand vollständig fühlen konnte, wie es ist, auf der Zellebene Heilenergie zu erhalten.

Nach ihrem ersten Aufenthalt in Ägypten folgte ihr ein Wesen aus dem kollektiven Geist des altertümlichen Ägyptens nach Hause. Es war Anubis, den jedes Kind, das jemals eine ägyptische Museumsausstellung besucht hat, als Gestalt mit dem Kopf eines Hundes oder Schakals kennt. Für die alten Ägypter (und Menschen, die sich dieser Tradition verbunden fühlen) ist Anubis ein wichtiger Torwächter, Öffner der Wege zwischen den Welten und Schutzherr des Träumens und Astralreisens. In einem Traum stellte sich Anubis Sandra als »der Gott, der die Ebenen zwischen den Welten bewacht«, vor. Er wies Sandra darauf hin, dass in ihrer Arbeit etwas fehle: der fehlende Schlüssel war die »Transfiguration«.28 Auch wenn Schüler des Neuen Testaments (und Harry-Potter-Fans) das Wort kennen dürften, konnte sich Sandra nicht daran erinnern, es vor dem Traum jemals gehört zu haben. Der Hinweis aus ihrem Traum von Anubis führte zu der Entdeckung, dass Transfiguration »Shapeshifting« (eine andere Gestalt annehmen) bedeutet - und zwar auf Ebenen, die über ihre bisherige Praxis als Schamanin hinausgingen. Der Begriff bedeutet die Anhebung und Projektion von Licht, wie Jesus es tat, als er seinen Jüngern Licht einflößte.

Sandra Ingermans Roman Ein Fall mit Grace aus dem Jahr 1997 entfaltet sich als eine Verschachtlung von Träumen in Träumen. Die Protagonistin verlässt ihren Körper bei Vollnarkose auf dem Operationstisch und reist durch verschiedene Portale an viele Orte der nicht-alltäglichen Realität. Dabei begegnet sie einer Reihe von Geistführern und unterzieht sich Prüfungen und Initiationen. Die Szene, mit der der Roman beginnt, wurde Sandra in einem luziden Traum geschickt. Sie erinnert sich: »Ich hatte eine schwere Grippe. Daher beschloss ich, mich für ein paar Tage zu Hause in Santa Fe ins Bett zu legen, bis ich mich mit dem Auto nach Boulder aufmachen musste, wo ich am Ende der Woche einen Workshop leiten sollte. Ich hatte hohes Fieber. Ein Mann erschien mir und sagte mir, ich solle das Buch mit der Hauptperson im Operationsraum kurz vor der Krebsoperation beginnen - einer Krankheit, die ich nie hatte. Dann fällt durch ein Erdbeben im Krankenhaus der Strom aus, während die Protagonistin in andere Welten katapultiert wird. Der Mann sagte: Und jetzt stehe auf und schreibe es nieder. Ich wollte aber nicht aufstehen. Ich fühlte mich elend, doch er drängte mich so lange, bis ich aufstand und die Szene aufschrieb. Danach hatte ich die ersten drei Seiten.«29

Während Sandra ihren Weg als schamanische Heilerin, Hüterin der Erde und Träumerin fortsetzt, vertieft und erweitert sich ihre Arbeit. Sie unterstützt aktiv die Umwandlung der giftigen Energien in unserem Leben und unserer Welt. Sie hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, den Menschen in ihrer Umgebung Licht zu bringen. In ihrem persönlichen Schöpfungsmythos »hat das Licht Menschen erschaffen, damit sie spielen« und ihnen eine große Gabe mitgegeben: »Die Möglichkeit des Geistes, in einem Körper zu leben.« Wenn wir uns daran erinnern und es verkörpern, werden wir aufhören, uns und anderen Schaden zuzufügen.

Vor zwanzig Jahren schrieb Sandra in Auf der Suche nach der verlorenen Seele, dass die Seelenheilung keine »Selbsthilfetechnik« ist, doch wie sie festgestellt hat, helfen sich immer mehr Leute auf diesem Gebiet selbst durch ihre Träume, und zwar durch Träume, um die sie gebeten haben und die von alleine kommen. Sie sagte 2011 in einem Interview für meine Radiosendung: »Die Leute holen sich in ihren Träumen lebensnotwendige Essenz, und die Energie verbleibt ihnen hinterher. Auf diese Weise ist es ein vollständiger Prozess.«

Sie hat festgestellt: »Die Schleier zwischen den Welten werden immer dünner, während wir uns bewusst weiterentwickeln. Wenn deine Psyche sich erhebt, wird deine Traumwelt darauf reagieren. Wenn du den Willen hast, geheilt zu werden, entwickelt sich dein Träumen, und das, was zurückgeholt werden muss, wird durch das Träumen erreicht.«

2. Träumer als Schamanen

Seit der Ankunft der Seele auf der Welt heißt sie das, was am Schönsten und Göttlichsten ist, freudig willkommen und betrachtet es durch Träume. - Plutarch, »Amatorius«

Eine träumende Frau findet sich in einem anderen Körper wieder, in dem sie sich mit ihrem Volksstamm neben einem Fluss in einer wilden, unberührten Landschaft weiterbewegt. Sie ist mit dem Leben und den Beziehungen der Stammesangehörigen wohl vertraut und spürt, dass ein harter Winter naht.

Sie sieht einen Adler nahe am Flussufer fliegen, und jemand sagt zu ihr: »Du kannst mit ihm fliegen.« Sie hat Angst, sich zu weit vom Fluss zu entfernen, und so wartet sie, bis der Adler über ihrem Kopf schwebt. Später erzählte sie mir, dass dann Folgendes geschah:

Ich fliege einen Augenblick, der eine Ewigkeit währt, mit diesem herrlichen Vogel mit, der wunderschöne glänzende braune Federn mit goldenen Tupfern hat. Der Adler fliegt über mir, neben mir, landet dann im Fluss. Ich lande flussabwärts und lasse mich auf dem warmen weißen Schaum treiben, mit dem die Wasseroberfläche bedeckt ist.

Als ich wieder trocken bin, fliege ich erneut über den Fluss. Ich sehe an der Stelle, an der der Adler geflogen und gelandet ist, Schildkröten. Die Schildkröten sind dunkelgrün. Sie sind feste Punkte auf dem Schaum. Sie bewegen sich nicht, sondern sonnen sich nur friedlich.

Die Träumerin fragte mich, wie sie sich an die Bedeutung des Traums herantasten sollte. Für mich bedarf eine solche Erfahrung keiner Deutung, sondern nur der Annahme. Ihr Traum war eine Reise in die Lebensumstände eines Naturvolks, der Zugang zu einem »vergangenen« Leben, einem früheren Erlebnis ihres eigenen multidimensionalen Selbst (des Multiselbst) oder das eines Ahnen des Landes, auf dem sie lebt, oder auch das ihrer größeren spirituellen Familie. Bei dieser Lebenserfahrung lernte sie, was Träumer unter den Naturvölkern wissen: Man kann zu einem Adler werden.

Als der begabte Analytiker und Jungianer Robert Bosnak in der Zentralwüste meines Heimatlands Australien umherreiste, wollte er die Handhabung des Träumens der Pitjantjara verstehen lernen. Er sprach durch einen Dolmetscher mit einem »Spirit-Mann«, von dem gesagt wurde, er wüsste alles über das Träumen und die Traumzeit. Um das Eis zu brechen, versuchte Bosnak, seine eigene Traummethode zu erklären. Ich weiß nicht, wie das in der Sprache des Aborigines herüberkam. Der Spirit-Mann saß ungerührt da und wischte nur von Zeit zu Zeit die Fliegen weg. Als Bosnak ihn bat, ihm zu erklären, wie er mit Träumen arbeitete, lautete die Antwort durch den Dolmetscher: »Er wird zu einem Adler.« Als der Jungianer die Bedeutung dieser Aussage klären wollte, wurde der Satz nur wörtlich wiederholt: »Er wird zu einem Adler.«1

Es war eine nüchterne Aussage, die nur wenig mit archetypischen Symbolen zu tun hat. Als der Schamane der Aborigines sagte, er würde zu einem Adler, meinte er genau das: Er bewegte sich in seinem Traumkörper als Adler umher, sah mit scharfen Adleraugen und flog zu den Orten, die er aufsuchen musste.

Die amerikanische Träumerin, die mit dem Adler flog und in den Fluss tauchte, tat durch den spontanen Schamanismus des Träumens etwas Ähnliches. Träumen ist Reisen im Sinne der uralten Naturvölker, und solche Reisen beschränken sich nicht auf eine Form. Wenn man mit einem Adler fliegt, will man nicht zu viel Zeit darauf vergeuden, den Adler als Symbol zu erörtern. Man will die Verbundenheit feiern, etwas erschaffen oder finden, das man bei seinen Alltagsproblemen als Traum-Talisman behalten oder bei sich führen kann und das einen an die eigene Fähigkeit erinnert, sich auf eine höhere Perspektive zu schwingen und »viele Blicke weiter« zu schauen. Diese Formulierung stammt von den Irokesen, den Leuten des Longhouse, die den Adler auf ihren hohen Friedensbaum gesetzt haben, damit er wachen und vor Dingen warnen kann, die sich in der Ferne andeuten.

Der Vogel, der mir in meiner Kindheit am Vertrautesten war, war der Seeadler. Er ist in Nordaustralien und auch an der Nordküste von Schottland, der Heimat meiner Ahnen väterlicherseits, heimisch. Auf den Orkneys wurden Schamanen früher mit einem Seeadler begraben. Für die Inselbewohner der Torres Straits ist der Seeadler der bevorzugte Verbündete des zogo le, des Schamanen. Zwar habe ich den Großteil meines Erwachsenenlebens außerhalb von Australien verlebt, doch in den wichtigen Träumen kommt der Seeadler manchmal und verleiht mir Flügel, um in meine Heimat zurückzufliegen und etwas zu sehen, was ich sehen muss.

IN JEDEM, DER TRÄUMT,
STECKT EIN KLEINER SCHAMANE

Die Essenz der Fähigkeit des Schamanen zu reisen und zu heilen ist seine Fähigkeit, kraftvoll zu träumen. Im modernen Alltag stehen wir am Rand dieser Fähigkeit, wenn wir träumen und uns daran erinnern, etwas mit unseren Träumen zu machen.

Wir alle träumen, und wie die Kagwahiv aus Brasilien sagen: «Jeder, der träumt, ist ein kleiner Schamane.« Unsere Träume zeigen uns, wie weit wir gehen können und wann die Zeit für uns gekommen ist, uns auf tiefere Reisen zu begeben. »Die Arbeit wird dir zeigen, wie es geht«, lautet ein estländisches Sprichwort. In Bezug auf die Seele können wir sagen: Der Traum wird dir zeigen, wie du deine Seele heilen und nähren kannst.

Wenn Sie mehr darüber wissen möchten, was Träume sein können, dann sehen Sie sich näher an, was »Traum« in verschiedenen Sprachen bedeutet. Sie werden Hinweise darauf finden, was Träumen für unsere Ahnen bedeutete, bevor wir die Achtung vor Träumern und den Kontakt mit dem Träumen verloren haben.

 Für ein träumendes Volk aus Venezuela, die Makiritare, ist der Traum eine »Reise der Seele« (adekato).

 Laut dem alten Stamm der Assyrer ist ein Traum ein Zephyr, eine sanfte Brise, die durch das Schlüsselloch oder die Türritze weht und in Ihr Ohr flüstert.

 Für die alten Ägypter war ein Traum ein »Erwachen« (rswt).

 Nach griechischen Schriften des Altertums ist ein Traum ein »spiritueller Bote« (oneiros), der aus der Republik der Träume (Demos Oneiron) kommt

Im Altenglischen war ein Traum »Fröhlichkeit« und »Träumerei« der Art, die man erleben kann, wenn man zu viele Kelche Wein gebechert hatte. Doch zu Chaucers Zeiten bedeutete dasselbe Wort mit einer anderen, nördlichen Ableitung auch eine Begegnung mit den Toten. Und wie in Nordeuropa (dem deutschen Traum, dem holländischen droom und so weiter) leitet sich das englische Wort dream, das uns überliefert wurde, vom Altgermanischen Draugr ab, was einen Besuch der Toten bedeutet.

Wie der bedeutende Ethnograf des Indianervolks der Tuscarora, J. N. B. Hewitt, ausführt, bedeutet das alte irokesische Wort katera’swas zwar »ich träume«, doch es deutet noch viel mehr an als nur das, was wir normalerweise damit meinen. Katera’swas drückt das Träumen als Gewohnheit aus, als täglichen Teil des Auf-der-Welt-Seins. Der Ausdruck birgt auch die Nebenbedeutung von aktiver Glücksbringung - also: Ich bringe mir Glück, weil ich durch meine Träume Glück und Wohlstand manifestieren kann. Der verwandte Begriff watera’swo bedeutet nicht nur »Traum«, sondern lässt sich auch übersetzen mit: »Ich beschaffe mir Glück.«2 Wie frühe jesuitische Missionare berichteten, glaubten die Irokesen daran, dass das Vernachlässigen von Träumen Unglück bringen würde. Jean de Quens notierte während eines Besuchs bei den Onondaga: »Den Leuten wird gesagt, wenn sie ihre Träume missachten, werden sie Unglück haben.« Wenn Sie also Glück haben wollen, dann sollten Sie viel träumen.3

Unter den Stämmen der Dene werden dieselben linguistischen Begriffe verwendet, um Träume, Visionen und spontane Erscheinungen sowie Trancezustände auszudrücken.4 Das deutet darauf hin, dass sie alle den Träumer an denselben Ort - den Ort, an dem Schamanen tätig sind - bringen können. Unter den Wind River Shoshone bedeutet das Wort navujieip »Seele« und »Traum«. »Navujieip« wird lebendig, »wenn Ihr Körper ruht und in irgendeiner Form erscheint.«5

Im schottischen Gälisch findet sich ein reichhaltiger und spezieller Wortschatz für viele verschiedene Formen des Träumens und Sehens und der übersinnlichen Phänomene. Die beste Literaturquelle hierfür ist das Werk des Pastors John Gregorson Campbell, der Ende des neunzehnten Jahrhunderts auf der schottischen Insel Tiree gelebt hat. Er sammelte die mündlichen Überlieferungen gälischer Sprecher und verewigte sie in zwei Büchern, Superstitions of the Highlands and Islands of Scotland (1900) und Witchcraft and Second Sight in the Highlands and Islands of Scotland (1902).

Der Begriff da-shealladh (wird ungefähr »Dej-hejlouw« ausgesprochen) lässt sich häufig als »zweite Sicht« übersetzen, was buchstäblich »zwei Sichten« bedeutet. Er bezieht sich auf die Fähigkeit, Erscheinungen von Lebenden und Toten zu sehen. Der taibshear (»Teischer« ausgesprochen) ist der Seher, der sich darauf spezialisiert, das Energiedoppel (taibhs) zu beobachten. Ein Traum oder eine Vision ist ein bruadar (»Bru-itar«). Der bruadaraiche (ungefähre Aussprache: »Bru-i-teretscher«) ist mehr als nur ein Träumer im gewöhnlichen Sinne. Er ist die Art von Träumer, der in die Vergangenheit oder Zukunft sehen kann. Das ist ein Kleinod, das der näheren Untersuchung wert ist. Die Tiefe des Praktizierens von Träumen in einer Kultur spiegelt sich in ihrem aktiven Vokabular für solche Dinge. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob die heutige deutsche Sprache ein einziges Wort zur Verfügung stellt, das so reichhaltig wäre wie bruadaraiche, aber ich bezweifle, ob wir den schottischen Begriff importieren können, da er (zumindest so, wie er von meiner Zunge rollt) nach etwas klingt, das in einem Schafsmagen gekocht worden ist.

Die hawaiische Sprache bietet ein reichhaltiges Traumvokabular, das sich wunderbar für eine Studie eignet. Ein generelles Wort der Hawaiianer für Träume ist moe’ukane, das sich allgemein mit »Seelenschlaf« übersetzen lässt, jedoch eher als »Nacherlebnisse der Seele« verstanden wird, da es für die ursprünglichen Hawaiianer beim Träumen stark um das Reisen geht. Die Seele macht im Schlaf Ausflüge. Sie schlüpft aus ihrem normalen Körper - häufig durch den Tränenkanal, der auch als »Seelengrube« bezeichnet wird - und ist dann in einem »Körper aus Wind« unterwegs. Während dem Schlaf wird der Träumer auch von Göttern (akua) und Schutzgeistern der Ahnen (aumakua) aufgesucht, die die Gestalt eines Vogels, eines Fischs oder einer Pflanze annehmen können.

Wie alle praktischen Träumer erkennen die Hawaiianer, dass es große und kleine Träume gibt. Einem »Traum über einen wilden Meerbarben« (moe weke pahulu), der verursacht wird, wenn man etwas Falsches gegessen oder sein Essen zu schnell heruntergeschlungen hat, sollte man keine große Bedeutung beimessen. Der Ausdruck leitet sich von der weit verbreiteten Überzeugung ab, dass man krank wird und schlechte, wenn auch bedeutungslose Träume hat, wenn man Meerbarbenköpfe in der falschen Jahreszeit verspeist. Andererseits sollte man erkennen, dass ein Traum die Erinnerung an eine Reise in die Zukunft und damit äußerst wichtige praktische Informationen enthalten kann. Vor allem der »eindeutige« Traum (moe pi’i pololei), der klar ist und keiner Deutungen bedarf, ist besonders hilfreich.

Es gibt auch »Wunschträume« (moemoea), die einem etwas aufzeigen, wonach man sich sehnt. Dies kann in der normalen Realität erreichbar oder auch unerreichbar sein. Es gibt »Enthüllungen der Nacht« (ho’ike na ka po), die die Macht der Prophezeiung in sich bergen. Eine hochinteressante Kategorie hawaiischer Träume besteht aus Prophezeiungen, die als Geschenke der Schutzgeister unter den Ahnen angesehen werden und die Heilung der Beziehungen innerhalb einer Familie oder Gemeinschaft bewirken sollen. Träume werden außerdem von den aumakua zur Förderung der persönlichen Heilung geschickt.

Die Geister der Vorfahren vermitteln auch »Nachtnamen« (inoa po) für ungeborene Säuglinge, und es kursieren Warngeschichten über drohendes Unglück, das eintrifft, wenn die Eltern den Namen des Babys ignorieren, der ihnen in einem Traum mitgeteilt wurde. Die Hawaiianer achten ganz besonders auf Visionen, die in der Phase zwischen Schlaf und Erwachen auftauchen (hihi´o). Sie halten es für äußerst wahrscheinlich, dass solche Visionen klare Kommunikationen der Geister und »eindeutige« Einblicke in kommende Ereignisse enthalten.

In unseren Traumreisen können wir mit einem »Traummann« (kane o ka po) oder einer »Traumfrau« (wahine o ka po) zusammentreffen. Das mag zwar angenehm und sogar verlockend sein, doch die hawaiische Folklore lehrt, Vorsicht walten zu lassen. Wenn man zu viel Zeit außerhalb seines irdischen Körpers in seinem »Körper aus Wind« verbringt, könnte der physikalische Organismus geschwächt und schlapp werden. Außerdem sollte man sich vor Täuschern hüten, die die Gestalt verführerischer Sexpartner annehmen können, doch in Wahrheit etwas ganz anderes sind - nämlich trickreiche mo’o, eine Art Wasserkobold.

Wir sollten aus unseren saftigsten Träumen Energie für unser verkörpertes Leben schöpfen, statt sie dort zu lassen. Eine beliebte hawaiische Legende berichtet, wie eine Göttin das geschafft hat. Pele wurde auf ihrer Vulkaninsel durch rhythmisches Trommeln in der Ferne aufgeschreckt. Sie befahl ihren Dienern, sie drei Tage lang auf keinen Fall zu wecken, und ließ ihren Körper auf ihrem Bett aus Lava zurück. Dann reiste sie in ihrem »Körper aus Wind« so weit, bis sie schließlich die Quelle des magischen Trommelns fand: es war ein Luau-Fest, das ein stattlicher Prinz abhielt. Die Göttin und der Prinz verliebten sich und machten drei Tage lang stürmische Liebe. Anschließend kehrte Pele in den Körper zurück, den sie auf ihrem Lavabett zurückgelassen hatte. Da sie eine Göttin war, konnte sie arrangieren, dass ihr Prinz nach Big Island gebracht wurde, wo er fortan als ihr Begleiter mit ihr lebte. Für uns Menschen mag sich diese Art des Transfers zwar schwieriger gestalten, aber einen Versuch ist es immer wert!6

AUF DEN KORRIDOREN VON LEBEN UND TOD

Ich teile seit mehr als zwanzig Jahren Träume und Abenteuer mit Carol. Sie ist eine der Schwestern, die ich nie hatte, nach denen ich mich als Junge aber immer gesehnt habe. Als ich sie dann fand - und als Seelenschwester erkannte -, wurde eine Lücke in mir gefüllt. Wir sind die schmalen Grate der Erde miteinander gegangen. Wie so viele begabte schamanische Heiler hat Carol ein Kindheitstrauma überlebt. Wie so viele begabte Berater und Therapeuten gibt sie ihren Klienten den Willen und die Fähigkeit, Heilkräfte aus einer tieferen Quelle zu schöpfen, aus jener Tiefe, die sie »Das Mehr« des Lebens nennt.

Carol, die eine überzeugte Christin ist, war immer bereit, die schwierigsten Fragen zu stellen und sich ihnen zu stellen, wie zum Beispiel: Wo ist Gott, wenn guten Menschen schlimme Dinge zustoßen? Oder: Was passiert mit Tätern, wenn sie sterben und diese Welt unverändert verlassen?

Die folgende Geschichte gibt eine Antwort auf die letztere Frage. Sie kommt aus den Kräften der tieferen Welt, die uns durch Träume zugänglich wird. Die Geschichte erinnert uns daran, dass uns Hilfe und Seelenheilung immer zur Verfügung stehen. Sie ist ein weiteres Beispiel dafür, wie Träume die Tore zu tieferen Welten und einer tiefgreifenderen Lenkung sein können, wenn wir nur bereit sind, wieder durch diese Tore zu gehen.

Am Ende eines Sommers fand Carol eine Nachricht auf ihrem Anrufbeantworter vor, die ihr mitteilte, dass ihr Freund Patrick an AIDS gestorben war. Während sie in dieser Nacht trauernd im Bett lag, hörte sie ein Geräusch im Zimmer und fühlte, dass jemand da war. Sie wusste jedoch, dass sie vor Einbrechern sicher war, und ließ sich schließlich in den Schlaf sinken. Als sie in der Morgendämmerung aufwachte, hörte sie wieder ein Geräusch und achtete darauf. Wie ihr klar wurde, war ihr Freund Patrick bei ihr. Er sagte ihr: »Ich habe ein Vermächtnis für dich. Sieh unter meinen alten Briefen nach.« Sie sagte ihm, dass sie alle alten Briefe weggeworfen hatte und nicht glaubte, noch Briefe von ihm zu haben. »Dann sieh in deinen alten Tagebüchern nach«, wies der freundliche Geist sie an.

Als Carol das tat, fand sie einen alten Brief von Patrick, den er (wie er erwähnte) bei Sonnenaufgang über zehn Jahre zuvor geschrieben hatte. Es war eine lyrische Schilderung seiner Gefühle, während er die Sonne über dem Meer aufgehen sah, ein Gefühl der Weite in ihm, das »dem Atem des Horizonts« begegnete.

Carol überkam ein Gefühl der tiefen Erleichterung und war sicher, dass ihr Freund sich glücklich auf eine Reise begeben hatte, um dem Atem des Horizonts zu begegnen. Es war noch früh am Morgen und sie legte sich wieder ins Bett und bat um einen Traum, der ihr die Reisen der Seele näherbringen würde.

Träumen ist reisen. In ihrem Traum kam Carol in jener Nacht an einem Flughafen an. Sie hatte ein Flugticket und einen Koffer in der Hand und war bereit zum Abflug. Doch sie hatte keine Angst, sie könnte das Flugzeug verpassen. Sie wanderte durch die Abflughalle und beobachtete das Geschehen. Sie sah, wie sich ihre Eltern auf ihren Flug vorbereiteten und fand das seltsam, da beide Eltern schon tot waren. An diesem Punkt erlebte sie eine Erleuchtung. Sie sagte sich: Das hier ist ein Traum - also ist alles möglich, auch das Reisen mit den Toten.

Carol sah sich das Flugzeug, in dem sie abfliegen würden, näher an. Es war silbern und sein Rumpf schien aus altem polierten Silber zu sein - nicht nur aus Silberfarbe, sondern aus dem kostbaren Edelmetall. Warum eigentlich nicht? Träume haben eine andere Physik. Sie machte sich wieder auf und wanderte weiter durch den Terminal. Sie kehrte zu der Nische zurück, in der sie ihren Koffer abgestellt hatte. Dann öffnete sie ihn und fand mehrere sauber zusammengefaltete Flanellnachthemden. Lachend dachte sie: Ich habe mir für diesen Winter wohl vorgenommen, viel zu schlafen und zu träumen. Sie beschloss, den Koffer dort stehen zu lassen. Ihr war, als würde sie ihn da, wo sie hinfliegen würde, nicht brauchen.

Dann ging sie auf das silberne Flugzeug zu. Eine Mitarbeiterin der Fluglinie hatte die anderen Passagiere schon an Bord geschleust und war gerade dabei, die Türen zu verriegeln. »Hey!«, rief Carol. »Ich muss in das Flugzeug! Sagen Sie ihnen, sie sollen auf mich warten!«

»Das geht nicht«, sagte die Angestellte ruhig. »Aber Sie könnten einen Zug woandershin nehmen. Wie wär’s mit Florida? In Florida ist es schön.«

Carol dachte: Diese Frau will mich an einen Ort schicken, der nichts mit dem hier zu tun hat. Um die Situation besser einschätzen zu können, ging Carol auf den Flieger zu. Die Mitarbeiterin der Fluglinie wich lächelnd beiseite. Carol sah sich die Passagiere im Flugzeug an. Darunter waren auch ihre verstorbenen Eltern. Alle winkten zum Abschied, und ihr wurde klar, dass sie alle tot waren. Vielleicht war das der Grund, weshalb sie nicht in diesem Flugzeug saß. Aber sie hatte trotzdem ein Flugticket. Wofür? Carol ging zurück durch den Gang und merkte, dass sie bis an die Decke federn konnte. Je höher sie federte, desto höher wurde die Decke, und so schlug sie sich nicht den Kopf an. Es machte Spaß!

Sie erforschte den Flughafen noch weiter und entdeckte am Ende einer der Hallen eine Gruppe von Leuten, die dort ein Picknick veranstalteten. Ein Mann bückte sich unter den Picknicktisch und fing an, einen kleinen Jungen zu befummeln. Entsetzt rannte Carol hin und zog den Mann von dem Kind weg. Ein zweiter Mann eilte ihr zu Hilfe. Gemeinsam zerrten sie den Pädophilen von dem Jungen weg.

Der Helfer schubste den Täter in Carols Richtung, damit sie mit ihm fertig werden sollte, und nahm den kleinen Jungen in seine Obhut. Sie hatte das Gefühl, genug Kraft zu haben, um den Täter zu überwältigen. Sie packte ihn am Kopf und hielt ihn wie in einem Schraubstock fest, so dass er gezwungen war, ihr in die Augen zu sehen. »Sie brauchen Heilung«, sagte sie mit fester Stimme zu ihm. »Sie müssen da hingehen, wo Sie Heilung bekommen.« Dann schob sie ihn durch die Halle zu den anderen, die darauf warteten, ihn in Empfang zu nehmen.

Carol wachte fasziniert, berauscht und zugleich verwirrt aus diesem Traum auf. Was hatte sie am Flughafen gemacht? War ihr Freund Patrick unter den Passagieren des silbernen Flugzeugs? War das Kind, das beinahe zum Opfer geworden wäre, Patrick als kleiner Junge? Woher hatte sie im Traum gewusst, wohin sie den pädophilen Täter bringen musste, damit er Heilung erfahren könnte, und was dort auf ihn wartete? Und was hatte ihr Flugticket zu bedeuten? Was war ihr eigenes Reiseziel gewesen?

Carol glaubte, um echte Antworten auf diese Fragen zu erhalten, müsste sie zu dem Flughafen mit dem silbernen Flieger zurückkehren. Sie wollte dabei Unterstützung bekommen, und so erzählte sie den Traum in einem meiner Workshops. Nachdem wir über ihn diskutiert hatten, fand sie, dass sie als Allererstes mehr über ihr Flugticket herausfinden müsste. Bedeutete es etwa, dass sie eine Verabredung mit dem Tod hatte?

Während ich trommelte, streckte sich Carol auf dem Teppich aus und machte die Augen zu. Dann ließ sie ihr Bewusstsein zurück in die Flughalle gehen, während unser Kreis aus aktiven Träumern über sie wachte.

Bei diesem zweiten Besuch auf dem Flughafen blieb sie nicht lange im Terminal. Eine spirituelle Lehrmeisterin, die sie die uralte Ur-Mutter nennt, erschien ihr und trug sie »hinaus und hinauf«, damit sie sich den Flughafen von hoch oben ansehen konnte. »Wir passen auf dich auf«, sagte die uralte Ur-Mutter zu ihr. Carol fragte sie nach dem Flugticket. Die Ur-Mutter beruhigte sie: »Jeder hat ein Flugticket. Sieh dir deins mal näher an.«

Carol untersuchte ihr Ticket und ihr fielen mehrere Daten auf. Einige von ihnen waren aus der Vergangenheit. Als sie zurückdachte, merkte sie, dass diese Daten zu lebensbedrohlichen Krisen in ihrer Vergangenheit passten, darunter auch zur Herzoperation, die sie als Kind durchgemacht hatte. Außerdem entdeckte sie auf ihrem Flugticket ein Datum in der nicht allzu fernen Zukunft. »Mach dir deswegen keine Sorgen«, sagte die Ur-Mutter. »Diese Dinge sind nicht so fest vorherbestimmt, wie manche Menschen denken.«

Als Carol sich nach den Leuten erkundigte, die sie auf dem Flughafen gesehen hatte, machte die Ur-Mutter ihr deutlich, dass sie alle - nicht nur die Passagiere im Flugzeug - schon verstorben waren. »Über all das wirst du noch mehr erfahren. Jetzt musst du erst mal das hier erleben.« Die Ur-Mutter nahm Carol an der Hand und flog immer schneller immer höher, bis sie sich auszudehnen und in Licht zu bersten schienen. Carol empfand dabei freudige Verwunderung, Verbundenheit und Mitgefühl. »Ich sah die Verbindungen zwischen allem Leben. Ich begegnete dem Atem des Horizonts.«

Das Abenteuer, das mit dem silbernen Flugzeug angefangen hatte, setzte sich fort und vertiefte sich noch. In einem anderen Traum tauchte der Mann, der ihr geholfen hatte, den Kinderschänder festzunehmen, an Carols Seite auf. Er führte sie in einen Freizeitpark und brachte sie zum Lachen, indem er ein Lagerfeuerlied sang. Als sie ihn nach seinem Namen fragte, sagte er ihr, er sei ein Schutzgeist. Er wollte ihr seinen Namen noch nicht nennen, da sie dann womöglich anfangen würde, an der »Echtheit« ihres Erlebnisses zu zweifeln. Wenn sie mehr erlebt hatte, würde sie mehr erfahren. »Die Ur-Mutter hat mich geschickt, um dir zu helfen«, versicherte er Carol. »Du kannst dich bei ihr nach mir erkundigen.«

Nachdem sie sich verabschiedet hatten, ging Carol in ihrer Traumstadt eine Straße entlang und summte dabei das Lagerlied. Es war mehr als nur ein lustiges Lagerfeuerlied, wie ihr klar wurde; es ging darin um Einweihung und eine ganz besondere Prüfung.

Durch das Lied wurde ein ungewöhnlich großer Mann auf sie aufmerksam. Er ging mit einem kleinen Jungen spazieren, der dem Kind auf dem Picknick ähnelte.

Der große Mann blieb stehen und fragte sie nach dem Lied. Er sah aus wie ein riesiger Storch, der sich aus unglaublicher Höhe hinunterbeugte. »Moment mal«, forderte Carol ihn auf. »Würden Sie mir bitte sagen, was hier läuft?«

Die obere Hälfte des hochgewachsenen Mannes beugte sich vornüber und trennte sich vom Rest, so dass er ein normal großer Mann wurde. Jetzt bemerkte Carol, dass er auf den Schultern eines zweiten Mannes gestanden hatte, den sie als denjenigen wiedererkannte, der sich als Schutzgeist ausgegeben hatte. Merkwürdig. Doch wie sie festgestellt hatte, gelten in anderen Welten andere Gesetze. »Mein Name ist Raphael«, sagte der Beschützer.

»Du hast den Kinderschänder in meine Richtung geschubst, damit ich mich um ihn kümmere.«

»Ich wusste, du bist stark genug.«

»Und du hast dich um den kleinen Jungen gekümmert.«

»Ja.«

»Und du bist Raphael?« Langsam dämmerte ihr die Bedeutung seines Namens.

»Ich bin Raphael. Nicht analysieren, Carol. Geh jetzt mit meinem Freund.«

Carol wandte sich dem Mann zu, der auf seinen Schultern gesessen hatte. »Und du bist -?«

»Michael.«

Natürlich. Raphael und Michael. Carol hatte ihre Namen zwar in Gebeten gesprochen, doch sie hätte nie gedacht, ihnen jemals persönlich zu begegnen - und schon gar nicht auf diese ungewöhnliche Weise.

Michael sagte: »Ich weiß, du hast Fragen über dein Flugticket, vor allem über das Datum in der Zukunft. Ich werde dich hinbringen.«

»In die Zukunft?«

»Dir wird nichts geschehen.«

So ließ sich Carol von Michael leiten. Sie kamen so schnell wie Gedanken zu einer Versammlung im Freien. Carol kannte einige der Leute, doch sie sahen älter aus. Es wurden Tüten mit Fast Food herumgereicht. »Iss den Cheeseburger nicht«, sagte Michael zu Carol. Ihr wurde klar, dass sie eine Zukunftsversion von sich selbst sah, die schon graue Haare hatte. Die Carol der Zukunft wollte gerade in einen Cheeseburger beißen. Durch Michaels Aufforderung neugierig geworden, drang Carol in die Gedanken ihres zukünftigen Selbst. Iss diesen Cheeseburger nicht. Sie fühlte, wie es ihrem zweiten Ich widerstrebte zu gehorchen. Es gab hier nur Cheeseburger und sie hatte Hunger. Du willst nicht daran ersticken. Sie beobachtete, wie ihr zweites Ich die Finger vom Fast Food ließ.

Nun sagte Michael: »Sieh dir dein Ticket an.«

Carol betrachtete es und sah ihr Todesdatum in der Zukunft verblassen.

Michael führte sie zurück an die Stelle, an der Raphael auf sie wartete.

»Michael wird sich für eine Weile um dich kümmern«, sagte Raphael.

»Und wo wirst du sein?«

»Wir sehen uns auf den Korridoren zwischen Leben und Tod.«

»Ist das real?«, wunderte sich der Zweifler in Carols Psyche, als sie aus diesem Traum über Engel und Zeitreise zu einem zukünftigen Selbst erwachte. Sie suchte die Bestätigung wie ein aktiver Träumer, indem sie noch einmal durch das Tor ihres erinnerten Traums ging, nur diesmal hellwach und bewusst. Beinahe auf Anhieb erschien Raphael und umarmte sie. »Oh ja, Carol, das hier ist real.« Er wiederholte: »Wir sehen uns auf den Korridoren zwischen Leben und Tod.«

Zwei Wochen später praktizierte Carol Trauminkubation. Sie hatte in ihren bisherigen Traumreisen über den kleinen Jungen nachgedacht. Als sie am Abend zu Bett ging, bat sie darum, mehr über die Situation von Kindern an Übergangsorten im Jenseits zu erfahren - zum Beispiel auf dem Flughafen, an dem das silberne Flugzeug gewartet hatte.

In ihrem Traum war Carol wieder auf dem Flughafen. Dort entdeckte sie ein Kleinkind, das nach seiner Mutter weinte. Während Carol hinrannte, um das kleine Mädchen zu trösten, fragte sie sich, was ein winziger Säugling an diesem Ort tat. Das Kind war noch nicht alt genug, um ein Glaubenssystem zu haben, ganz zu schweigen von einer Ansammlung an Lebenserfahrungen, die es hierher bringen würden. Als sie das Kind auf den Arm nahm, sah sie ein kleines Mädchen. Es war ungefähr fünf Jahre alt und wirkte verängstigt und verwirrt. Als Carol es an die Hand nahm, stammelte das kleine Mädchen schluchzend etwas von »Absturz«. Da wurde Carol klar, dass die Mutter des Kindes tot war.

Sie wunderte sich über das altmodische Baumwollkleid, das das kleine Mädchen anhatte. »Weißt du, welches Jahr wir haben, Schätzchen?« Das Mädchen antwortete: »Daddy hat gesagt, es ist 1958.«

Carol empfand Liebe für die Kinder und das starke Verlangen, sie zu beschützen. Doch sie spürte auch Schock und Wut. Was machten die beiden Kleinen hier allein auf diesem fremden Flughafen? Es sollte jemand da sein, der sich um sie kümmerte. All die vielen Jahre in einer Warteschleife auf einem Flughafen.

»Oh Gott!«, rief Carol laut. »Das ist ja unglaublich!«

Eine innere Stimme - die Art von Stimme, der man vertraut - sagte ihr, sie solle die Kinder in das silberne Flugzeug setzen. Carol beschloss, die Kinder im Flieger zu begleiten und mit ihnen an ihr Ziel zu reisen, wo immer es auch war. Sie betrat mit dem Mädchen auf dem Arm, das sich an sie klammerte, das Flugzeug. Im Flieger erlebte Carol einen plötzlichen Zeitsprung. Sie schienen wieder in den 1950er Jahren zu sein. Die Sitze im Flugzeug waren mit weinrotem Plüsch bezogen. Carol fand Decken und machte es den Kindern bequem.

Sie blieb nicht lange allein mit ihnen.

Hinter ihr tauchte Raphael auf. »Ja, Carol, es ist das Jahr 1958 und du bist wirklich hier, um ihnen zu helfen.« Jetzt werde den Kindern nichts mehr passieren, versicherte er ihr. Carol brauchte sie auf ihrer Reise nicht zu begleiten; am anderen Ende wartete die Mutter der Kinder auf die beiden. Carol küsste die Kinder zum Abschied und wachte verwundert auf.

Der Flughafen tauchte in Carols weiteren Traumodysseen immer wieder auf. Während einer kritischen Phase in ihrer Arbeit als Therapeutin beschloss sie, ihn auf einer schamanischen Traumreise erneut aufzusuchen, um mehr darüber herauszufinden, was aus bestimmten Menschen nach ihrem irdischen Tod wird. Carol hatte schon viele Überlebende von sexuellem Missbrauch und Inzest therapiert; manche von ihnen wurden nach dem Tod ihrer Täter von beunruhigenden Träumen heimgesucht. Carol wollte mehr darüber erfahren, was im Jenseits mit den Tätern geschieht.

Sie erzählte in einem meiner Aktives-Träumen-Kreise, was sie vorhatte. Wir machten es zum Fokus einer schamanischen Reise, die durch Trommeln unterstützt wurde. Carol konnte ohne Schwierigkeiten auf den Flughafen zurückkehren. Dort wurde sie von der Mitarbeiterin der Fluglinie empfangen, die sie fragte: »Warum sind Sie hier?«

Als Carol ihr den Grund erklärte, zeigte die Angestellte auf eine der Flughallen. »Gehen Sie da durch.« Das beunruhigte Carol, da sie den Täter in diese Halle geführt hatte.

Da erschien Raphael neben ihr. »Ich komme mit.«

Selbst in Raphaels Begleitung fühlte sich Carol zutiefst verunsichert, während sie durch die Halle gingen. Sie bemerkte ein Türschild, auf dem Sicherheitspersonal stand. Vor der Tür standen Wachposten. In der Tür befand sich ein einseitiges Fenster, durch das sie in einen großen gesicherten Raum blicken konnte. Sie sah den Kinderschänder, den sie vor einiger Zeit unschädlich gemacht hatte. Warum war er immer noch hier?

»Dies ist eine Verwahrzelle im Flughafen«, erklärte Raphael. »Sie ist für Leute, die in einem destruktiven Muster gefangen sind und daher eine Gefahr für andere darstellen. Hier können sie niemandem schaden. Außerdem ist es eine Begutachtungsstelle, an der der nächste Schritt für sie festgelegt wird. Etwas Heilung kann schon hier erfolgen.«

Raphael forderte Carol auf, ihr inneres Licht zu nutzen. »Lass das Licht aus dir strömen und Liebe verbreiten. Sei Liebe, sei Licht.«

Carol spürte das Licht aus ihr heraus fließen und immer mehr Energie ansammeln. »Du kannst es ihm schicken«, sagte Raphael und zeigte auf den Gefangenen im verschlossenen Raum. »Du kannst das Licht durchs Fenster leiten. Vergiss nicht: Du bist Licht.«

Carol ließ das Licht von sich zu dem Täter strömen. Als es ihn berührte, heulte er vor Schmerzen auf, als hätte es ihn verbrannt. Carol war geschockt und entsetzt darüber, dem Mann wehgetan zu haben, egal, was er verbrochen hatte. Dann spürte sie den sanften Druck von Raphaels Hand auf ihrer Schulter. »Mach dir keine Sorgen. Mittlerweile kann er schon mehr Licht von dir aushalten als beim letzten Mal.«

Als Nächstes zeigte Raphael ihr Bereiche des Flughafens, die sie noch nicht kannte. Darunter war auch ein Ort des Friedens und Trosts - eine Kapelle, die Menschen aller Religionen offen stand.

Carols Reisen mit Raphael gingen weiter. Als sie einen Monat später einschlief und träumte, befand sie sich wieder auf dem Flughafen. Diesmal ging sie direkt zur Verwahrzelle, weil sie sehen wollte, was mit dem Täter geschehen war. Als sie durch das einseitige Fenster sah, stellte sie fest, dass der Kinderschänder verschwunden war.

Raphael gesellte sich zu ihr und erklärte: »Wir haben ihn woanders hingebracht. Jetzt durchläuft er die Pools aus Liebe.«

Ich bat Carol, für dieses Buch zu schildern, was ihre Beziehung zu Raphael und Michael für sie als Heilerin und auf ihrem persönlichen Seelenweg bedeutet hatte. Sie sagte mir:

Seit dieser Zeit rufe ich Michael und Raphael um Hilfe, wenn ich mit Menschen arbeite, die unter Missbrauch gelitten haben. Auch fordere ich andere Leute auf, sich direkt an sie zu wenden für Hilfe. Wenn eine Person dazu bereit ist, kann sie Helfer bei den Namen rufen, an die sie glaubt. Wenn sie einen Vorschlag braucht, wen sie um Hilfe bitten kann, schlage ich ihr Raphael und Michael vor. Sie sind besonders hilfreich, wenn es um verstorbene Täter geht. Ich habe selbst gesehen, wie sie bei der Trennung von Täter und Opfer helfen, indem sie den Toten von der missbrauchten Person trennen, um Raum für neues Leben zu schaffen. Als Ergebnis fühlen sich die Menschen sicherer und ihr kindliches Selbst kommt ihnen näher. Ich habe gesehen, wie sich Leute diese Art von Verständigung vorstellen, sie träumen oder zeichnen. Manche von ihnen sind einfach nur erleichtert über die Trennung und fühlen sich freier. All das öffnet das Tor zur Seelenheilung.

Wenn Raphael und Michael den verstorbenen Täter weggebracht haben, hat das Opfer häufig einen Traum über sein kindliches Selbst oder hat das Gefühl, als wäre sein jüngeres Selbst auf eine neue Weise präsent. Eine Frau erzählte mir, dass sie sich auf dem Heimweg einen Lutscher kaufte und das Verlangen verspürte, die bunten Farben zu tragen, die sie als Kind so geliebt hat. Sie hat sich sogar einen neuen Schal in vielen Farben gekauft! Ein Mann, der als Kind begeisterter Baseballfan war und nach dem Missbrauch jedes Interesse an Baseball verloren hatte, kaufte für sich und seine Familie Karten für ein Baseballspiel. Während des Spiels hatte er das Gefühl, sein Selbst als kleiner Junge, der gern Spaß hatte, zurückzubekommen. Dies gibt den Leuten die Kraft für weitere Heilprozesse, die sie womöglich anstreben müssen.

Raphael und Michael führen auch einen verstorbenen Täter in den Raum und halten ihn dort fest, damit das Opfer an einem sicheren Ort und in Gegenwart eines Zeugen die ungefilterte Wahrheit aussprechen kann. Hier kann das Opfer über erfolgte Verletzungen reden und sich seine Geschichte, sein Leben und seine Würde - also einen Aspekt seines tatsächlichen Lebens - vom Täter zurückholen. Manchmal spricht es auch ein letztes Lebewohl aus und manchmal ein letztes »Auf Nimmerwiedersehen«. Dann führen Raphael und Michael den Täter aus dem Raum hinaus. Dies ist häufig eine starke Heilerfahrung für das überlebende Opfer, das sich so sein Leben zurückholt. Es kann auch Teil eines Heilprozesses für den verstorbenen Täter sein, der nichts tun darf, außer mit Raphael und Michael in den Fesseln, die das Opfer für notwendig hält, den Raum zu betreten. Der Geist des Täters muss stillhalten und zuhören. Ich sehe es als Wiedergutmachung und Heilchance für den Täter an. Über diesen Aspekt spreche ich nicht unbedingt mit dem Opfer.

Was immer uns in Träumen erscheint - selbst wenn die Träume erschreckend sind -, so wissen wir doch, dass es sich um unsere persönlichen Angelegenheiten handelt und dass die Zeit reif ist, damit umzugehen. Wie Carol entdecken wir, dass wir die Kraft und Hilfe, die wir für den Weg brauchen, bekommen, wenn wir bereit sind, uns von unseren Träumen leiten zu lassen, wo immer sie uns auch hinführen. Wie Schamanen sagen, mögen Geister diese Arbeit, und die höhere Macht gibt uns nie mehr, als wir ertragen können.

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Litres'teki yayın tarihi:
23 aralık 2023
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350 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783941435506
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