Kitabı oku: «Sprachwitze»
Robert Sedlaczek
Sprachwitze
Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln
Mit mehr alsv 500 Beispielen
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Der Kalauer ist tot, es lebe der Flachwitz! – Sprachwitze sind in Mode
„Nein, der Witz geht ganz anders!“ – Ein Witz und viele Versionen
Sprachwitze in den verschiedenen Witzetypen
Rückständig, dumm oder hinterhältig – Witze über Burgenländer, Polen, Türken und andere
Kampf der Geschlechter – Blondinenwitze und die „Rache der Blondinen“
Der soziale Abstieg des niederen Adels – Graf-Bobby-Witze
Eine Neureiche blamiert sich – Frau-Pollak-von-Parnegg-Witze
Von Mittler über Herz-Kestranek zu Slupetzky – Schüttelreime
Dumme Feststellungen werden gespiegelt – No-na-Witze
Die Mutter aller Sprachwitze – Die Klabriaspartie
Die jüdischen Wurzeln der Sprachwitze
Eine Typologie der Sprachwitze
„Einer ist der Gscheite, der andere ist der Blöde“ – Dialoge mit Missverständnissen
„Wo sich die Katze einen Muskelkater holt“ – Unabsichtlich missverstanden
„Two to Tolouse!“ – Absichtlich missverstanden
„Bring die Veranda einfach mit!“ – Unverstandene Lehnwörter
„Passts auf, es kumman no’ drei Bsoffene!“ – Die Faszination der Dreizahlwitze
„Ich hätte gern einen Verlängerten!“ – Ein Wort, zwei Bedeutungen
„Gott ist kein Löffel!“ – Kinder nehmen alles wörtlich
„Der Rehbock rennt schon zum Notar!“ – Die Sprachspiele der Erwachsenen
„Was sind Levkojen?“ – Auffrischung einer verblassten Bedeutung
„Leere Flaschen und Flaschen, die Lehrer sind!“ – Verschiedene Wörter, gleicher Klang
„Mit Fair Trade hat sie mir den Kopf verdreht!“ – Verschiedene Wörter mit Klangähnlichkeit
„Kkkommt gggleich!“ – Stottererwitze
„Hätte ich Strawinski sagen sollen?“ – Tierwitze
„Darf ich Ihnen mein Liebstöckel zeigen?“ – Assoziationswitze
„Ein Nickerchen bei offenem Nenster!“ – Buchstabenspiele
„Trauring, aber wahr!“ – Wortmischung
„O na, nie!“ – Zerlegungswitz
„Im Hundekuchen ist kein Hund!“ – Falsche Wortbildung
„Heute so, morgen so!“ – Betonungswechsel
„Blumento-Pferde“ und „Alpeno-Strand“ – Falsche Abtrennung
„Seeschlacht. Ich seeschlacht! Du seestschlacht! Er seetschlacht!“ – Auch Substantive werden konjugiert
„Eine Leidenschaft, die Leiden schafft“ – Mehrfachverwendung desselben Materials
„Sankt Eiermark“ – Ortsnamenwitze
„Was hat das ‚w‘ gekostet?“ – Personennamenwitze
„O Greta, nun a tergo!“ – Palindrome
„Kein Problem, Alan!“ – Anagramme
„Güllehülle“, „Langfingfang“ und „Mahatmakindigt!“ – Sprachparodiewitze
„Gut, dass du das einmal ansprichst!“ – Verschiedene Sprachregister
„Für meine Gesundheit ist mir nichts zu teuer!“ – Verschiebungswitze
„Redscht oanfoch so wia r i!“ – Dialektwitze
„Bayerischer Mistwagen“ und „Fehler in allen Teilen“ – Abkürzungswitze
„Und die Lappen? Gscherte im Pelz!“ – Vergleiche und Gleichnisse
„Der Pathologe weiß alles, aber zu spät“ – Unterschiedswitze
„Was, es gibt keine Kontos mehr?“ – Witzige Regelverstöße
„Der ist von der Griminal-Bolizei!“ – Knackpunkt Aussprache
„Tagsüber heißt es ‚der Weizen‘, abends ‚das Weizen‘!“ – Die Artikelfalle und andere Tücken der deutschen Sprache
„Bitte eine Salzstreuerin!“ – Witze über den Sprachwandel
„Das Passwort Penis ist zu kurz!“ – Aus der schönen neuen Computerwelt
Nachwort und Zusammenfassung
Quellen und Anmerkungen
Literaturverzeichnis
Dank
Robert Sedlaczek
Zum Autor
Impressum
Der Kalauer ist tot, es lebe der Flachwitz! – Sprachwitze sind in Mode
Der Zeit ihre Witze! Kurze Witze mit einem Doppelklang als Pointe entsprechen unserer schnelllebigen Zeit. Sie werden nicht nur erzählt, sondern auch getextet, gemailt und gepostet. Nicht jeder kann über sie lachen, aber offensichtlich haben sie eine große Anhängerschaft.
Egal wie viel Curry du isst – Freddy ist Mercury.
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Wie nennt man einen Arbeiter, der morgen frei hat? – Morgan Freeman.
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Was passiert, wenn man Cola und Bier mischt? – Es kollabiert.
Es könnte sein, dass Sie jetzt „Auweh!“ schreien. Vielleicht fragen Sie sich auch: „Wo ist denn da der Witz?“
Ein Wesenselement aller Witze ist der Überraschungseffekt. Wenn die Pointe kommt, sind wir zunächst verblüfft. Dann entlädt sich die Verblüffung in einem Lachen, Lächeln oder Schmunzeln. Und dass diese Witze mit ihrer Pointe Verblüffung auslösen, wird niemand bestreiten.
Wir haben es hier mit einer neuen Art von Sprachwitzen zu tun. „Mehr Curry“ klingt genauso wie der Name des Sängers der Popgruppe Queen. Und der Name des Schauspielers Morgan Freeman wird wörtlich genommen und ins Deutsche übertragen. Das dritte Beispiel funktioniert ein wenig anders: Die Wörter Cola und Bier werden zusammengehängt, aus der Wortmischung entsteht ein Verb: kollabieren. Wer hätte gedacht, dass darin zwei Getränke stecken?
Inzwischen gibt es zahllose Witze dieser Art. Auf den Witzeseiten im Internet werden sie als Flachwitze kategorisiert, und die entsprechenden Sites werden häufiger besucht als so manche Seite mit alten, herkömmlichen Witzen.
Viele Flachwitze sind Scherzfragen. Dabei handelt es sich um ein unerratbares Rätsel, das auf Witzigkeit angelegt ist. Der Witzeerzähler stellt eine Frage, der Witzezuhörer sagt: „Weiß ich nicht.“ Dann folgt die Pointe.
Wie heißt das Reh mit dem Vornamen? – Erdäpfelpü!
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Was ergibt drei mal sieben? – Feinen Sand.
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Warum werden Eskimos so alt? – Weil sie nicht ins Gras beißen können.
Manchmal werden ganze Ketten von Flachwitzen gebildet. In diesem Fall sollte der letzte dieser Einzeiler besonders schräg sein.
Wie heißt ein brauner Bär? – Braunbär.
Wie heißt ein Bär mit einem Becher Eis in der Hand? – Eisbär.
Wie heißt ein roter Bär? – Himbär.
Und wie heißt ein Bär, der fliegen kann? – Hubschraubär.
Vermutlich werden Sie jetzt einwenden: Sind das nicht Kalauer? Die wissenschaftliche Witzeforschung ist sich darüber nicht einig. Ist Flachwitz ein anderes Wort für Kalauer oder der Ausdruck für etwas Neues? Die Kalauer-Experten in Kalau (= alte Bezeichnung für Calau), einem Ort in Brandenburg, wo diese Witze entstanden sein sollen, sind der Meinung, dass es seit Jahrzehnten keine neuen, echten Kalauer mehr gibt. Wenn man in Kalau den Kalauer für tot erklärt, dann muss schon etwas Wahres dran sein.
Außerdem ist Kalauer in Wirklichkeit eine Verballhornung des französischen Begriffs calembour(g) (= Wortspiel). Ein Zusammenhang zwischen dem Kalauer und dem Ort Kalau wurde erst in den 1860er Jahren hergestellt. Die Zeitschrift Kladderadatsch hat dabei kräftig mitgeholfen. Sie druckte Kalauer unter dem Titel Aus Kalau wird berichtet ab.
Unter calembour(g) versteht man in Frankreich ein Wortspiel, das sich auf die unterschiedliche Bedeutung zweier Wörter gründet, die gleich ausgesprochen werden – so definiert es beispielsweise das Wörterbuch Petite Larousse. Ein Beispiel sind die Ausdrücke „Veilchen“ und „Feilchen“ (= kleine Feile).
Der Häftling öffnet das Päckchen, das ihm seine Frau geschickt hat. „Ach, wie schön“, sagt er, „die ersten Feilchen!“
Nach dieser Definition wären alle anderen Witze keine klassischen Kalauer.
Viele Flachwitze leben einzig und allein vom Wortspiel. Ein zusätzlicher Sinn, eine Tendenz (siehe S. 24), lässt sich nur in ganz seltenen Fällen erkennen. Der Text dient lediglich dazu, mit der Sprache zu spielen.
Ich bin der Auffassung, dass die Flachwitze in die Fußstapfen der Kalauer getreten sind, und kann das auch belegen. Seit es das Internet gibt, wird die Häufigkeit von Wörtern im Rahmen des Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache (DWDS) erhoben. Das Projekt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften stützt sich auf gigantische Textkorpora und ist beispielhaft. Ein paar Klicks – und auf der DWDS-Website sieht man, wann der Terminus Flachwitz entstanden ist: Ende der 1990er Jahre. Zwei Jahrzehnte später sind die Belege in die Höhe geschnellt. Gleichzeitig ist der Kalauer in der Statistik abgestürzt.
Für mich ist der Flachwitz eine neue Kategorie, und in diese fallen nicht nur die klassischen Kalauer. Viele Flachwitze haben einen anderen Bauplan, sie bedienen sich einer komplizierteren Technik.
Wie heißt der Bruder von Elvis? – Zwölvis.
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Warum wurde der Dimmer festgenommen? – Es bestand Verdunkelungsgefahr.
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Was ist die Lieblingsspeise von Piraten? – Kapern.
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Wie nennt man eine Demonstration von Veganern? – Gemüseauflauf!
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Was trinken Firmenchefs? – Leitungswasser.
Daneben gibt es auch noch die Methode, Wörter zu zerlegen und neu zusammenzusetzen:
Was ist das Gegenteil von Reformhaus? – Reh hinterm Haus.
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Kommt ein Pferd in das Blumengeschäft und fragt: „Ham-Sie-Ma-geritten?“
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Was sagt ein Gen, wenn es ein anderes trifft? – Halogen.
Manche Witze sind surrealistisch, es werden Geschichten erzählt, die zur Realität in krassem Widerspruch stehen.
Gehen zwei Penisse ins Kino. Sagt der eine zum anderen: „Hoffentlich ist es kein Porno, sonst müssen wir wieder stehen.“
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Kommt ein Neutron zur Disco. Sagt der Türsteher: „Tut mir leid, nur für geladene Gäste!“
Vielleicht schmunzeln wir in diesem Fall deshalb, weil Penisse und Neutronen eben nicht sprechen können und im Witz so reagieren, wie wenn sie Menschen wären.
Ein Vampir auf dem Fahrrad kommt in eine Polizeikontrolle. Polizist: „Haben Sie etwas getrunken?“ Vampir: „Nur zwei Radler.“
Flachwitze können die Wirklichkeit auch völlig auf den Kopf stellen.
Treffen sich zwei Bakterien. Fragt die eine: „Ich habe dich seit Wochen nicht gesehen, warst du krank?“ – „Ja“, antwortet die andere, „ich hatte Penizillin.“
Früher wurden Witze in Printmedien veröffentlicht und mündlich verbreitet. Heute werden Witze auch ins Netz gestellt und verlinkt. Einige funktionieren nur schriftlich, man kann sie ohne anschließende Erklärung nicht erzählen.
Wie heißt eine Schlange, die genau 3,14 Meter lang ist? – πton.
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Was macht ein Mathematiker auf dem Pissoir? – ππ.
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Welches Tier schreibt man mit nur einem Buchstaben? – Die Q.
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Achtung vor Twitter! – Warum? – Bei Gwitter darf man sich nicht unter Bäume stellen.
Hier geht es nicht nur darum, dass das englische Wort twitter – deutsch übrigens „Gezwitscher“ – und das deutsche Wort „G(e)witter“ ähnlich klingen – oder anders betrachtet, dass bei twitter eine verkürzte Form der Vorsilbe Ge- vorangestellt wird. Der Witz schöpft seine Kraft auch aus dem Umstand, dass wir mit der Pointe zu den datenschutzrechtlichen und gesellschaftspolitischen Problemen der sozialen Medien geleitet werden. Twitter wird mit einem Unwetter verglichen, vor dem man sich adäquat schützen sollte. Es hilft nicht, sich schnell unter einen Baum zu stellen.
Kalauer haben den Ruf, „wenig geistreiche“ Witze zu sein. Das sagt man auch den Flachwitzen nach. Eigentlich haben wir es mit „Aphorismen ohne Sinn“ zu tun. Wer Aphorismen liebt und in Flachwitzen einen Sinn sucht, muss zwangsläufig enttäuscht sein. Und manche Flachwitze sind wirklich schlecht.
Was ist braun und fährt die Piste herunter? – Ein Snowbrot.
Die Wörter „Brot“ und „Board“ sind klanglich weit voneinander entfernt, sodass eine gedankliche Verbindung schwer herzustellen ist. Aber vielleicht ist es ein Unsinnswitz, und es könnte sein, dass Sie gerade deshalb über diesen Einzeiler lachen.
Sigmund Freud bezeichnet in seinem Buch Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten die Kalauer als die „billigsten“ Witze, weil sie mit leichtester Mühe gemacht werden können (Freud, S. 60). Dies gilt auch für die Flachwitze. Sie haben einen Mitmacheffekt. Man fühlt sich animiert, neue Flachwitze zu erfinden und zu verbreiten.
Aber etwas anderes faszinierte Sigmund Freud ganz besonders: Der Erzähler eines Flachwitzes – und in gewisser Weise auch der Zuhörer – fühlt sich durch Regression in seine Kindheit zurückversetzt, in eine Zeit, in der noch keine Denk- und Realitätszwänge herrschten (Freud, S. 139–140). Es gebe eine „Lust am befreiten Unsinn“. Freud sah in diesen Witzen „eine große Erleichterung der psychischen Arbeit“, weil es ursprünglich jedem Menschen näherliegt, „sich an den Klang, statt an den Sinn zu halten“.
Interessant ist, dass Freud in großer Zahl Aphorismen analysiert und daneben nur einige Sprachwitze in Dialogform. Dies hängt damit zusammen, dass Anfang des 20. Jahrhunderts Witze mit prononcierten Pointen, wie wir sie heute kennen, erst im Entstehen waren. Auch Situationswitze gab es damals noch nicht. Das sind Witze mit einem Handlungsablauf, aus dem heraus sich die Pointe entwickelt. Aus diesen Witzen könnte man ein Video machen und auf YouTube publizieren.
Ein Radfahrer fährt Schlangenlinien genau vor der Straßenbahn. Der Straßenbahnfahrer flucht in sich hinein, schließlich lehnt er sich aus dem Seitenfenster und brüllt: „Du hirnloser Depp! Kannst du nicht woanders fahren?“ Darauf der Radfahrer grinsend: „Ich schon!“
Wortspiele und Sprachwitze auseinanderzuhalten, ist schwierig. Das von Freud zitierte Kunstwort famillionär – eine Wortmischung aus „familiär“ und „Millionär“ – ist auf sich allein gestellt ein schwer verständliches Wortspiel. Taucht famillionär aber in einem Kontext auf – in diesem Fall in einem Text Heinrich Heines, der den Besuch bei einem Rothschild darstellt – wird es zu einem Sprachwitz. Wir werden uns später damit ausführlich befassen (siehe S. 209).
Einfacher ist die Unterscheidung zwischen Witz und Humor. Witze sind Dialoge oder kurze Erzählungen, die den Zuhörer oder Leser mit einem überraschenden Ausgang zum Lachen bringen sollen – in einer abschließenden Pointe. Manche Witze haben überdies eine Zwischenpointe, bei der die Geschichte schon zu Ende sein könnte. Humor ist die Begabung eines Menschen, den Unzulänglichkeiten der Welt zu begegnen, die alltäglichen Schwierigkeiten und Missgeschicke mit heiterer Gelassenheit zu ertragen: Humor ist, wenn man trotzdem lacht.
Josef Joffe, Herausgeber der Wochenzeitung Die Zeit und Autor des Buches Mach dich nicht so klein, du bist nicht so groß, meinte einmal: „Der jüdische Witz ist gekennzeichnet durch Selbstironie, durch die Fähigkeit, über sich selber zu lachen, aber auch durch Galgenhumor.“ In diesen seltenen Fällen treten also Witz und Humor gepaart in Erscheinung. Im Verlauf des Buches werden Sie auf einige Beispiele stoßen (siehe S. 79 ff., 117 ff., 167 ff.).
Zurück zu den Flachwitzen, die heute omnipräsent sind. Einzeiler, bestehend aus Frage und Antwort oder aus einer Feststellung, werden oft auch in ein dazu passendes Foto oder Video gestellt und dann im Internet verbreitet. Diese Form von Flachwitz wird Meme genannt. Die originellsten von ihnen werden unzählige Male geteilt. Sie haben oftmals einen Bezug zu einem aktuellen Ereignis oder zu einem Film beziehungsweise einer TV-Serie.
Im Internet habe ich ein Porträt von Eddard „Ned“ Stark gefunden, dem Lord von Winterfell aus der TV-Serie Game of Thrones. In das Foto wurde ein mundartlicher Text montiert.
Ma foahrt neid oafoch ohne Keittn aufn Pötschn.
Das klingt wie die Warnung eines Steirers, den Pötschenpass an der oberösterreichisch-steirischen Grenze nicht ohne Ketten in Angriff zu nehmen, und ist zweifellos witzig – wenn es aus dem Mund des Lords von Winterfell kommt und gleichzeitig sein Bild zu sehen ist. Aufgrund des beschränkten Platzangebots sind die Texte immer Einzeiler – sie bestehen oft nur aus ein paar Wörtern.
Die Herkunft des Begriffs Meme (das Meme, Mehrzahl: die Memes) oder Mem (das Mem, Mehrzahl: die Meme) ist strittig. Oft wird der britische Evolutionsbiologe Clinton Richard Dawkins als Erfinder des Ausdrucks genannt. Zwar hat er 1976 analog zum englischen gene den Begriff meme verwendet, aber er war nicht der erste. Der Ausdruck Mem findet sich bereits in einem 1948 erschienenen Buch des österreichischen Physikers und Kybernetikers Heinz von Foerster. Jedenfalls wurde das Wort von der Online-Community aufgegriffen und dazu verwendet, eine neue Art von Bild-Text-Botschaft zu benennen.
Früher hat ein Mensch anderen Menschen einen Witz erzählt. Heute kann diese Form der Kommunikation auch im Dialog mit einer Maschine stattfinden. Der digitale Assistent von Amazon, genannt Alexa, ist zuhause ein Helferlein von frühmorgens bis spätabends. Gleiches leistet der Google Assistant, wenn man unterwegs ist. Mit beiden kann man Wetterberichte abhören, Abfahrts- und Ankunftszeiten von Zügen erfahren, sich mit jeder Art von Musik unterhalten lassen und vieles mehr. Das Gleiche leistet das Apple-Programm Siri. Man könnte diese Angebote mit dem Slogan „Sie suchen, wir finden!“ umschreiben.
Alexa, Google und Siri reagieren auch auf die Aufforderung: „Erzähle mir einen Witz!“ Nicht überraschend sind es kurze Witze, und viele davon weisen eine sprachliche Komponente auf.
Fragt die Lehrerin: „Franzi, warum heißt unsere Sprache auch Muttersprache?“ – „Weil Vati in ihr nicht zu Wort kommt.“
Einmal wollte ich den Assistenten von Google aufs Glatteis führen. Ich fragte ihn: „Bist du verliebt?“ Die Antwort war ein Sprachwitz mit Doppelsinn.
Ich glaube, ich werde für immer suchen. Das ist wahrscheinlich vorprogrammiert.
Ruud Klein, der Illustrator des wöchentlichen Leitartikels im Profil, verwendet Sprachwitze in seinen Zeichnungen. Einmal legte er einem Koch, der einen riesigen dampfenden Topf in seinen schon glühenden Händen hielt, folgenden Satz in den Mund:
Seit dem blöden Topftuchverbot verbrenn ich mir dauernd die Pfoten.
Ein andermal kommentiert er die Diskussion über die Zukunft der EU. Wir sehen einen alten Mann mit Bart, der in einem Fauteuil sitzt und sagt:
Europa? Ach so. Ich dachte die ganze Zeit, ihr wollt alle zu Opa …
Auch auf Hitradio Ö3 wird immer wieder sprachspielerisch gewitzelt. Im Sommer 2019 lief auf diesem Sender die Comedyserie Casa Chaos mit witzigen Dialogen aus einer Wohngemeinschaft. Einige Male wurde in Casa Chaos auch auf tagesaktuelle Ereignisse Bezug genommen, so auf den Dopingskandal unter Skilangläufern im Februar 2019.
Reini: Also diese Langlauf-Dopingskandale im ÖSV sind eh dauernd. Da kriegt der Name Schröcksnadel eine völlig neue Bedeutung.
Sarah: Geh Reini, der Skisport ist für Österreich ungemein wichtig. So was kannst echt ned sagen. Des is Spitzensport.
Reini: Ja, Spritzensport.
Auch manche Dialoge des Ö3-Callboys sind Sprachwitze. Als Beispiel möchte ich zwei Anrufe von Gernot Kulis verkürzt wiedergeben, einen bei der Wiener Städtischen Versicherung, einen bei einer Trafikantin.
Ö3-Callboy: Do is’ Mirko, Grieß Gott. Ich hobe Party. Wos kostet fier a Wochenende dreißig Stuck Stehtische.
Wiener Städtische: Ich weiß nicht, was Sie wollen.
Ö3-Callboy: Dreißig Stuck Stehtische. Ich habe schon alles eingekauft, Getränke, alles. Barhocker habe ich. Jetzt braucht er Stehtische.
Wiener Städtische: Stehtische?
Ö3-Callboy: Ich habe angerufen in Linz. Aber jetzt braucht er Wiener Stehtische.
Wiener Städtische: Ich kann Ihnen eine Versicherung anbieten für eine Veranstaltung.
Ö3-Callboy: Versicherung? Bitte ned! I’ pass auf … Auf Stehtische. Verspricht er.
Wiener Städtische: Wir haben aber keine Stehtische. Wo soi ma die hernehma?
Ö3-Callboy: Wieso? Ist dort nicht die „Wiener Stehtische“?
Wiener Städtische: Der Name: „Wiener Städtische Versicherung“! Aber Stehtische bekommen Sie bei uns keine!
(Kulis, Wiener Stehtische, CD, Track 10)
◊
Ö3-Callboy: Könnts ös ma zwanzig Rubbellose auf die Seit’n leg’n? Und zwoa ganz bestimmte. Mei’ Bua hat gsagt, es gibt’s neue Lose da im Herbst. Was habts da?
Trafikantin: Hennen-Rennen, Double Win, Fünfundzwanzig fette Jahre.
Ö3-Callboy: Herbstzeit-Lose hat ihm die Lehrerin gsagt.
Trafikantin: Herbstzeit-Lose? Des sagt ma goa nix.
Ö3-Callboy: Die soll’s jetzt geben – mit der Jahreszeit.
Trafikantin: Ich stehe grad vor die Lose …
Ö3-Callboy: Habts ös Brieflose?
Trafikantin: Ja, die hamma scho’.
Ö3-Callboy: Vielleicht liegen daneben die Herbstzeit-Lose …
Trafikantin: Na.
Ö3-Callboy: Habts ös Arbeits-Lose?
Trafikantin: Na, hamma aa ned … Wollen S’ mich jetzt verarschen?
Ö3-Callboy: Habts ös Tuberku?
Trafikantin: Was is’ das?
Ö3-Callboy: Tuberku-Lose. Aber mei’ Bua hat gsagt, er möcht’ unbedingt Herbstzeit-Lose.
Trafikantin: Was is’ mit Ihna? Wissen Sie was? Sie und Ihna Bua san Ahnungs-Lose!
(Kulis, Herbstzeit-Lose, gesendet auf Hitradio Ö3 am 19. 9. 2019)
Es ist erstaunlich, dass es Gernot Kulis immer wieder gelingt, bei anonymen Anrufen Dialoge zu produzieren, die reif fürs Kabarett wären. Dass er auf Verwechslungen wie „Stehtische“ und „Städtische“ baut oder zusammengesetzte Wörter wie „Herbstzeitlose“ falsch zerlegt, erweist ihn als Kenner der Witzetechniken.
Vielleicht wird es Ihnen beim Lesen dieses Buches so wie mir ergehen. Anfänglich konnte ich mit Flachwitzen nicht viel anfangen. Aber je länger ich mich damit beschäftigte, desto mehr faszinierten sie mich.
Daneben gibt es auch noch längere Sprachwitze, die ein Wortspiel enthalten oder durch Verwendung sprachlicher Mittel zustande kommen. Das halte ich übrigens für eine recht brauchbare Definition für den Terminus „Sprachwitz“.
Geht eine Katze ins Fitnessstudio. Fragt die Trainerin: „Was machst du denn hier?“ Darauf die Katze: „Mein Frauerl hat mir erzählt, dass man sich hier einen prima Muskelkater holen kann.“
Auf diesen intelligent konstruierten Dialog werde ich später zurückkommen (siehe S. 116), genauso auf den folgenden Witz, der von einem regionalen Sprachunterschied handelt (siehe S. 283 f.).
In Tirol. Ein Förster führt Urlauber aus dem hohen Norden durch den Wald. „Sagen Sie mal, Herr Förster, wie nennen Sie denn die Blaubeeren da?“ – „Schwarzbeeren.“ – „Die sind aber doch rot!“ – „Ja, weil s’ noch grün san.“
Sprachwitze und Wortspiele existieren in so gut wie allen Kulturen. Den Begriff calembour(g) im Französischen habe ich bereits erwähnt, im Englischen wird ein Wortspiel pun genannt. In den Theaterstücken und Sonetten von William Shakespeare finden sich viele puns, es sollen mehr als dreitausend sein. Hier ein oft zitiertes Beispiel aus Richard III.:
Now is the winter of our discontent made glorious summer by this son/sun of York.
Richard, der hier von sich spricht, ist ein Sohn des Hauses York. Shakespeare verwendet das Wortspiel zwischen den gleichklingenden Wörtern son (= Sohn) und sun (= Sonne), um einen Gegensatz zwischen Winter und Sommer herzustellen.
Vor allem die intelligenten Figuren in den Shakespeare’schen Stücken sind regelrechte punster:
Auf einem Friedhof fragt Hamlet einen Arbeiter, für wen er gerade ein Grab gräbt. Der Arbeiter, der in dem Grab steht, sagt: „Mine, Sir.“ Darauf Hamlet: „I think it be thine indeed, for thou liest in it.“
Hamlet nimmt die Neckerei des Friedhofsarbeiters auf und beschuldigt ihn, dass er lüge – wobei „liegen“ und „lügen“ im Englischen gleich klingen.
Von Shakespeare stammt auch ein Satz, der gerne fälschlich als Hinweis verstanden wird, dass unsere heutigen Witze kurz sein müssen. Es sagt nämlich der Schwätzer Polonius in Shakespeares Hamlet (II. Akt, 2. Szene):
Weil Kürze dann des Witzes Seele ist, / Weitschweifigkeit der Leib und äußre Zierat, / Fass’ ich mich kurz.
Puns waren nicht immer und nicht bei allen so beliebt. Für den Schriftsteller Samuel Johnson, Herausgeber einer epochalen Shakespeare-Ausgabe, stellten sie „the lowest form of humor“ dar. Die gegensätzlichen Beurteilungen reichen bis in die Gegenwart. So war beispielsweise Alfred Hitchcock ein begeisterter Anhänger von Wortspielen: „Puns are the highest form of literature.“ Andere haben ihm heftig widersprochen.
Friedrich Schiller lässt in Wallensteins Lager (8. Auftritt) den Kapuziner, der Abraham a Sancta Clara nachgebildet ist, in Klangwitzen und Wortspielen schwelgen.
Lässt sich nennen den Wallenstein, / Ja freilich ist er uns allen ein Stein / Des Anstoßes und Ärgernisses. / Kümmert sich mehr um den Krug als den Krieg, / Wetzt lieber den Schnabel als den Sabel, / Frisst den Ochsen lieber als den Oxenstirn’ / Der Rheinstrom ist geworden zu einem Peinstrom / Die Klöster sind ausgenommene Nester / Die Bistümer sind verwandelt in Wüsttümer, / Die Abteien und die Stifter / Sind nun Raubteien und Diebesklüfter / Und all die gesegneten deutschen Länder / Sind verkehrt worden in Elender.
Heinrich Böll legt in Die verlorene Ehre der Katharina Blum seiner Hauptfigur am Ende der Erzählung folgenden Satz in den Mund:
Dieser Kerl wollte bumsen – und ich dachte: Gut, jetzt bumst’s.
Dann fällt der sexuell aufdringliche Zeitungsschreiberling tödlich getroffen zu Boden. Böll hat also in die Schlüsselszene seiner Erzählung einen Sprachwitz eingebaut. Einige Kritiker meinten, ein derartiges Wortspiel wäre eines angesehenen Schriftstellers nicht würdig gewesen.
Wortspiele polarisieren, und sie sind so alt wie die Sprache selbst. Belege aus der Antike stammen aus Mesopotamien, aus Ägypten und aus China. Auch in den Hieroglyphen der Mayas sind Wortspiele zu finden.
Den ältesten belegten Witz verdanken wir der sumerischen Kultur Mesopotamiens. Er datiert aus der Zeit von etwa 1900 bis 1600 v. Chr., könnte aber bereits 2300 v. Chr. erzählt worden sein.
Was ist seit Urzeiten noch nie geschehen? – Eine junge Frau, die auf dem Schoß ihres Mannes nicht furzt.
Der zweitälteste Witz ist auf einer ägyptischen Papyrusrolle verzeichnet, diese wird mit 1600 v. Chr. datiert.
Wie kannst du einen gelangweilten Pharao aufheitern? – Du schickst ein Boot mit jungen Frauen, die nichts weiter als Fischernetze am Leib tragen, den Nil stromabwärts und drängst den Pharao, fischen zu gehen.
Der drittälteste Witz stammt aus der Zeit 1200 v. Chr., er wurde in Adab, Mesopotamien, aufgezeichnet. Der Ort liegt heute im Irak.
Drei Ochsentreiber streiten darüber, wem ein neugeborenes Kalb gehört. Der König soll schlichten, er bittet eine Priesterin um Hilfe. Diese will auch die Ehefrauen der drei Männer in die Entscheidung einbeziehen …
Der Text ist leider nicht vollständig lesbar, die Pointe kann nur erraten werden, sie dürfte obszön gewesen sein. Paul McDonald, Professsor für kreatives Schreiben an der Universität Wolverhampton, der 2008 die zehn ältesten Witze für einen TV-Sender eruiert hat, konstatiert: „Allen gemeinsam ist ihr Bruch mit Tabus und eine gewisse Rebellion.“
Die älteste erhaltene Witzesammlung ist der Philogelos (Lachfreund), die darin enthaltenen Witze, 265 an der Zahl, sind in griechischer Sprache verfasst. Als Autoren werden zwei ansonst unbekannte Griechen namens Hierokles und Philagrios genannt. Die Zusammenstellung wird wohl erst nach der römischen Kaiserzeit abgeschlossen worden sein, weil die Tausendjahrfeier Roms im Jahr 248 n. Chr. erwähnt wird. Andere Witzsammlungen aus der Antike werden in diversen Quellen erwähnt, sind aber nicht erhalten.
Der Philogelos ist thematisch gegliedert. Es gibt Witze über unfähige Wahrsager und dümmliche Gelehrte, über Säufer, Witzbolde, Frauenhasser und Menschen mit starkem Mundgeruch. Einige Witze sind obszön, andere frauenfeindlich. Witze über Homosexualität sind in der Sammlung nicht enthalten, obwohl Geschlechtsverkehr unter Männern üblich war.
In zahlreichen Witzen ist die Hauptfigur eine dumme Person: ein Abderit, Kymenier oder Sidonier. Die Einwohner der griechischen Städte Abdera und Kymene sowie der hellenisierten ehemaligen Phönizierstadt Sidon waren die Ostfriesen der Antike. Oft wird der Dumme auch als Scholastikos bezeichnet, das entspricht nach dem heutigen Verständnis am ehesten einem zerstreuten Professor. Aber einen Scholastikos hat es in so gut wie jedem Beruf gegeben, und er konnte jung oder alt sein. „Er ist der Typ des Erz-Dummkopfs, des pedantischen, gar nicht unsympathischen ‚Denkers‘, der mit messerscharfer Logik schlussfolgert – nur eben völlig falsch, weil er in seiner Zerstreutheit, Beflissenheit oder vermeintlichen Geistesschärfe von allem Gebrauch macht, nur nicht vom gesunden Menschenverstand.“ (Weeber, S. 46)
Die dümmlichen Hauptfiguren im Philogelos sind austauschbar. Ein Witz, der als Abderiten-Witz gebracht wird, kommt später als Scholastikos-Witz noch einmal daher oder umgekehrt.
Kommt ein Mann zu einem Scholastikos und sagt: „Der Sklave, den du mir verkauft hast, ist gestorben.“ – „Bei den Göttern“, antwortet der, „solange er bei mir war, hat er nichts dergleichen getan.“ (Nr. 18)
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Ein Mann hänselt einen Witzbold: „Ich habe deine Frau umsonst gehabt.“ Darauf der Witzbold: „Es ist meine eheliche Pflicht, dieses Übel zu ertragen. Aber du? Wer zwingt dich?“ (Nr. 263)
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Ein junger Mann sagt zu seiner Frau: „Herrin, was tun wir? Wollen wir essen oder haben wir Sex?“. Darauf die Frau: „Wie du willst. Brot ist keins da.“ (Nr. 244)
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Ein Scholastikos will seinem Esel lehren, nicht zu fressen, und wirft ihm kein Futter vor. Als der Esel des Hungers stirbt, sagt der Scholastikos: „Wie schade! Als er gelernt hatte, nicht zu fressen, da ist er gestorben.“ (Nr. 9)
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Ein Scholastikos hat geträumt, er sei in einen Nagel getreten. Er verbindet sich deshalb den Fuß. Ein anderer Scholastikos fragt ihn, warum er das getan habe, und als er den Grund erfährt, sagt er: „Mit Recht werden wir für dumm gehalten. Warum gehst du auch ohne Schuhe ins Bett?“ (Nr. 15)
In diesem Witz wird die Dummheit des einen durch die Dummheit des anderen überboten. Wir werden auf diese Technik später zurückkommen (S. 79 ff.).
Ein Scholastikos hat eine Sklavin geschwängert. Nach der Geburt rät ihm sein Vater, er solle das Kind töten. Darauf der Scholastikos: „Begrab du erst deine Kinder, und dann rate mir, meines umzubringen!“ (Nr. 57)
Manchmal entpuppt sich der dumme Scholastikus als der Gescheite. Väter hatten das Recht, ihre Kinder zu töten. Der Scholastikos rebelliert gegen dieses Prinzip und gleichzeitig gegen seinen Vater.
Unfähige Wahrsager haben große Probleme, die Zukunft vorherzusagen. Aber sie können sich auf eine neue Sachlage prompt einstellen. Dadurch nehmen Witze eine überraschende Wendung.
Ein unfähiger Wahrsager stellt ein Horoskop für einen kleinen Buben auf. „Der wird einmal ein Rechtsanwalt“, sagt er, „dann Präfekt, dann Statthalter.“ Als das Kind wenig später stirbt, beschwert sich die Mutter beim Astrologen: „Er ist tot! Dabei sollte er doch Rechtsanwalt, Präfekt und Statthalter werden!“ – „Ich schwöre es bei seinem Andenken“, antwortet der Wahrsager, „wäre er am Leben geblieben, wäre alles genau so eingetreten!” (Nr. 202)
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Ein Mann kommt von einer langen Auslandsreise heim und fragt einen unfähigen Wahrsager, wie es seiner Familie geht. Da antwortet der Wahrsager: „Allen geht es gut, nur deinem Vater nicht.“ – „Aber mein Vater ist doch vor zehn Jahren verstorben!“ – Darauf der Wahrsager: „Du kannst doch gar nicht wissen, wer dein Vater ist.“ (Nr. 201)
Im Mittelpunkt des folgenden Selbstmörderwitzes steht wieder einmal ein Abderit und sein unlogisches Handeln:
Ein Abderit will sich erhängen, aber der Strick reißt und er schlägt sich ein Loch in den Kopf. Da lässt er sich ein Pflaster geben und legt es auf die Wunde. Dann geht er wieder hin und erhängt sich.
Ich habe den Philogelos nach Sprachwitzen durchsucht und einige gefunden. Meist basieren sie auf dem Doppelsinn eines Wortes oder einer Wendung.
Ein Abderit hat gehört, dass Zwiebeln und Bohnen Winde machen. Als auf einer Seefahrt eine Flaute eintritt, hängt er einen Sack mit Zwiebeln und Bohnen am Hinterteil des Schiffes auf. (Nr. 73)
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Ein Witzbold wird von einem geschwätzigen Friseur gefragt: „Wie darf ich die Haare schneiden?“ Darauf der Witzbold: „Schweigend!“ (Nr. 148)
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Kommt ein Mann zu einem schlecht gelaunten Arzt: „Herr Doktor, ich kann weder liegen noch stehen und auch nicht sitzen.“ Darauf der Arzt: „Dann bleibt Ihnen nichts anderes übrig: Hängen Sie sich auf!“ (Nr. 183)
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Ein Witzbold trifft einen Zuhälter, der eine schwarze Prostituierte anbietet, und fragt ihn: „Was kostet die Nacht?“ (Nr. 151)
Hier wird der Gedanke „schwarz wie die Nacht“ weitergesponnen, wodurch ein Doppelsinn entsteht: Gemeint ist einerseits die Frau, andererseits die Dauer des Liebesdienstes.
Ein Mann mit stinkendem Atem fragt seine Frau: „Herrin, warum hasst du mich?“ Sie antwortet: „Weil du mich liebst.“ (Nr. 234)
Das in der Pointe auftauchende Verb hat neben „lieben“ noch einen zweiten Sinn: „küssen“.
Ein Abderit ist einem Mann einen Esel schuldig. Da er keinen hat, bittet er, stattdessen zwei Halbesel geben zu dürfen. (Nr. 127)
Der Maulesel ist das Kreuzungsprodukt eines Pferdehengstes und einer Eselsstute. Daher lag es nahe, einen Maulesel als „Halbesel“ zu bezeichnen und die einfache Gleichung aufzustellen: 2 Maulesel = 1 Esel.
Ein Witzbold besucht ein Badehaus, da wollen sich zwei Männer von ihm den bronzenen Schaber leihen, der zum Entfernen des Öls vom Körper dient. Den einen kennt er nicht, den anderen kennt er als Dieb. Da sagt er: „Dir leihe ich ihn nicht, weil ich dich nicht kenne, und dir leihe ich ihn nicht, weil ich dich kenne.“ (Nr. 150)
In diesem Fall wird in der Pointe eine Wendung wiederholt und modifiziert.
Eine spezielle Kategorie sind Witze über Männer mit Mundgeruch. Einen davon haben Sie bereits gelesen, andere haben einen fäkalen Hintergrund.
Ein Mann mit stinkendem Atem begegnete einem Tauben und sagt: „Guten Tag!“ Der darauf: „Pfui!“ Da sagt der erste: „Was habe ich denn gesagt?“ Der Taube: „Du hast gepfurzt!“ (Nr. 233)
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Ein Mann mit stinkendem Atem kommt zu einem Arzt und sagt: „Sieh, Herr! Mein Zäpfchen hat sich gesenkt!“ Dabei macht er den Mund weit auf. Der Arzt wendet sich ab und sagt: „Nicht dein Zäpfchen hat sich gesenkt, dein Arschloch hat sich gehoben.“ (Nr. 235)
Derartige Ekelwitze sind Tabubrüche: Über Fäkales redet man nicht gern. Das muss auch damals so gewesen sein, sonst wären diese Dialoge keine Witze. Nach Freud besteht in der frühkindlichen Entwicklung eine Lust an den Vorgängen der Verdauung. Die normale Reaktion von Erwachsenen gegenüber den Exkrementen ist hingegen die des Ekels.
Womit ich das Buch Philogelos zumache und das Thema abschließe. Einige Witze erinnern mich an die Geschichten aus Schilda, also an die Schildbürgerstreiche, oder an die jüdischen Witze über die Einwohner von Chelm. Manche sind eher schwach, andere wirken modern und zeitlos, haben sogar ein Pendant in der Gegenwart.
Hirsch wird erzählt, dass seine Frau ihn mit seinem Teilhaber betrügt. Er will es nicht glauben. Dann beschließt er aber, eines Tages unerwartet heimzukommen – und findet tatsächlich seinen Kompagnon bei seiner Frau. Ungläubig schüttelt er den Kopf und sagt schließlich: „Ich muss – aber du?“ (Goldscheider, S. 28)
Ich habe aus dem Philogelos die besten Witze ausgesucht, das mag ein verzerrtes Bild bei der Beurteilung ihrer Qualität ergeben. Viele sind äußerst kurz, so kurz wie die heutigen Flachwitze. Die meisten Witze sind Dialoge „und die Pointe besteht (meist) in einem Ausspruch, viel weniger oft in einem Tun“, konstatiert der Altphilologe Andreas Thierfelder, der die Witze des Philogelos übersetzt und kommentiert hat (Thierfelder, S. 22). Gemeint ist: Situationswitze kommen im Philogelos nicht vor.
Zwar keine Sprachwitze, aber interessante Wortspiele sind in der Bibel zu finden, sowohl im Alten als auch im Neuen Testament. Hier ein oft zitiertes Beispiel aus Matthäus 16,18:
Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen.
Dass ein Wortspiel vorliegt, zeigt nicht nur der griechische Urtext, sondern auch der lateinische: „tu es Petrus, et super hanc petram aedificabo ecclesiam meam …“ Petrus hieß mit einem Übernamen Kephas, und daraus wurde, ins Lateinische übersetzt, Petrus, was auf petra (= Felsen) deutet. (Gauger, 2006, S. 26–27)
In diesem Buch über Sprachwitze geht es schwerpunktmäßig um jene Witzekultur, die für Österreich typisch ist und zu einem Teil jüdische Wurzeln hat. Ein ähnliches Buch über die Sprachwitze bei Christian Morgenstern, Heinz Erhardt, Otto Waalkes und bei einigen anderen müsste noch geschrieben werden.
Vielleicht sollte ich hier gleich das Problem streifen, dass man Witze nicht erklären darf. Wenn jemand in einer Gesellschaft einen Witz erzählt und anschließend die Pointe erläutert, dann hat er sich als Witzeerzähler disqualifiziert. Wer ein Buch über Sprachwitze schreibt und die dahinterstehende Technik erläutert, muss also zwangsläufig gegen dieses eherne Gesetz des Witzeerzählens verstoßen. Anders geht es leider nicht. Die eine oder andere Erläuterung habe ich in den Anhang verschoben, dort finden Sie auch Quellenangaben und zusätzliche Informationen, die den Lesefluss stören würden.
Genauso unmöglich ist es, die Regeln der Political Correctness bei der Auswahl der Witze einzuhalten. Freud hat festgestellt, dass in Witzen häufig das zum Vorschein kommt, was üblicherweise unterdrückt wird, zum Beispiel infolge einer Hemmung, sexuelle oder aggressive Triebe auszuleben. Der Witz baut diese Hemmung kurzzeitig ab, dadurch entsteht ein Lustgewinn aus erspartem psychischem Aufwand (Freud, S. 132 ff.). Diese Auffassung wird auch als Entladungstheorie bezeichnet.
Freuds Buch Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten gilt nicht nur als Schlüsselwerk der Psychoanalyse, sondern auch der Witzeforschung. Für mich waren vor allem jene Kategorisierungen hilfreich, die den ersten Teil seines Buches ausmachen. Fachbegriffe wie Wortmischung, Mehrfachverwendung desselben Materials, Modifikation, Verschiebung, Unifizierung, Darstellung durchs Gegenteil und Aufsitzer gehen auf ihn zurück oder wurden von ihm popularisiert.
Freud unterscheidet zwischen Technik und Tendenz eines Witzes. Die Technik ist das Hauptthema meines Buches, aber die Tendenz spielt oft eine zusätzliche Rolle.
Freud stellt bei den Tendenzwitzen vier Kategorien auf:
obszöne, entblößende Witze,
aggressive (feindselige) Witze,
zynische Witze (kritische, blasphemische),
skeptische Witze.
Die Tendenz weckt Gefühle beim Zuhörer, sie ist „das Körnchen Salz“ oder „das Tröpfchen Adrenalin“, wie es Arthur Koestler formuliert (Koestler, S. 52). In obszönen Witzen geht es um Sexuelles, das gesellschaftlich tabuisiert ist, im Witz hingegen angesprochen wird – oft verklausuliert, verhüllend. Aggressive Witze richten sich gegen das Fremde oder gegen politische Gegner. Zynische Witze attackieren Grundsätze, die allgemein anerkannt sind. Zu dieser Gruppe gehören auch blasphemische Witze. In diesen werden religiöse Dogmen oder der Gottesglaube selbst angegriffen. Skeptische Witze zweifeln jede Form der Erkenntnis an, in Tierwitzen und Kinderwitzen lösen sie beim Zuhörer ein Gefühl der Rührung aus. Die meisten Flachwitze haben keine Tendenz.
Wieso können Seeräuber keinen Kreis fahren? – Weil sie π-raten.
Hier werden keine Gefühle angesprochen. Es geht einzig und allein darum, das Zeichen π zu verbalisieren und die Lösung „Piraten“ zu finden. Dass Seeräuber und Piraten ein und dasselbe sind, ergibt sich sofort. Wir lächeln über derartige Witze einzig und allein deshalb, weil sie uns überraschen, und der Zuhörer darf ein wenig stolz sein, dass er das Rätsel entschlüsselt hat.
Ich habe einen Hipster ins Bein geschossen – jetzt hopster.
Als Hipster bezeichnet man eine Person mit starkem Szenebewusstsein, womit eine Abgrenzung vom Mainstream signalisiert wird. Dies äußert sich in der Bekleidung: Flanellhemden, Hornbrillen, Schlauchschals, Röhrenjeans, Converse-Schuhe, Tätowierungen und Piercings, aber auch im Getränkekonsum: Hipster trinken Szenegetränke wie Club-Mate-Limonade. Sie verwenden Smartphones, Tablets und MacBooks.
Der Hipster ist in diesem Witz im wörtlichen Sinn eine Zielscheibe: Auf ihn wird geschossen. Nach der analytischen Methode Sigmund Freuds ist er auch im übertragenen Sinn eine Zielscheibe: Er ist neben dem Erzähler und dem Zuhörer jene dritte Person, gegen die sich die aggressive Tendenz des Witzes richtet. Wer vom Mainstream abweicht, wird bestraft.
„Nein, der Witz geht ganz anders!“ – Ein Witz und viele Versionen
Ich habe für dieses Buch sowohl alte als auch neue Witze ausgewählt, wobei die alten Witze meist Klassiker sind und bereits viele Jahre auf dem Buckel haben. Aber: Es gibt Witze, die muss man einfach kennen.
Besonders die älteren existieren oft in verschiedenen Versionen, und dann taucht die Frage auf: „Welche ist die bessere?“ Leidenschaftliche Witzeerzähler lassen in dieser Hinsicht keine Kompromisse gelten. Sie warten, bis die Pointe fertig ist, und sagen dann: „Nein, der Witz geht ganz anders!“ – und beginnen ihn neu zu erzählen.
Wenn man die äußerst umfangreiche wissenschaftliche Literatur über Witze und die Witzesammlungen durchsieht, fällt auf, dass einzelne Witze immer wieder in verschiedenen Abwandlungen auftauchen. Aber schon kleine Änderungen können einen Witz beschädigen oder völlig zerstören. In diesem Buch werden Sie einige Beispiele dafür finden.
Oft ist auch das subjektive Empfinden ganz entscheidend. Ich meine, dass sich Witze durch Kürze und Zielstrebigkeit auszeichnen sollen. Hans-Martin Gauger, ein langjähriger Professor für Romanistik an der Universität Freiburg im Breisgau und der einzige Wissenschafter, der sich in den letzten Jahrzehnten mit Sprachwitzen befasst hat, verlangt in seinem Buch Das ist bei uns nicht Ouzo von einem Witz folgende Eigenschaften: „Ein Witz sollte um des Hörers oder Lesers willen schnell sein Ziel erreichen. Andererseits muss alles – dann aber wiederum nur das – gesagt werden, was zur Realisierung der Pointe nötig ist. Es ist der Witz selbst, der Kürze will. Genauer: Nicht er selbst, sondern unser Bewusstsein von ihm. Metaphorisch aber ist es in der Tat ‚er selbst‘. Er will also möglichst schnell zur Pointe und – mit ihr und durch sie – zu der kleinen Explosion kommen, die das Lachen oder das Lächeln des Hörers sind.“ Gauger vertritt daher das Prinzip: „so lang wie nötig, so kurz wie möglich“, schränkt jedoch anschließend ein: „Zur nötigen Länge gehört aber auch (rien n’est simple) eine gewisse Farbigkeit, eine gewisse andeutend situierende Ausgestaltung, also durchaus nicht nur das rein logisch oder intellektuell Notwendige.“ (Gauger, 2006, S. 14–15)
„Witze, sind die kürzeste und präziseste Form erzählter Literatur“, meinte einmal Hellmuth Karasek, er war einer der vier Diskussionsteilnehmer des Literarischen Quartetts. Gute Witze unter Literatur einzureihen, wird nicht falsch sein – in einem gut erzählten Witz muss jedes Wort „sitzen“. Und manche Sprachwitze, die sich der Dialogform bedienen, sind eigentlich allerkürzeste Minidramen. Situationswitze sind allerkürzeste Kurzgeschichten.
Mit dem Satz „Nein, der Witz geht ganz anders“ könnte man auch die viel beachtete Polemik Friedrich Torbergs gegen Salcia Landmann und ihr 1960 im Schweizer Walter Verlag erschienenes Buch Der jüdische Witz überschreiben. Salcia Landmann, geboren in Żółkiew, damals Galizien, heute Ukraine, war die Tochter des Ehepaares Israel Passweg und Regina Passweg, geborene Gottesmann. Während des Ersten Weltkriegs übersiedelte sie mit ihrer Familie in die Schweiz nach St. Gallen. Sie promovierte in Philosophie und heiratete den Philosophen Michael Landmann. Ihre schriftstellerische Arbeit verstand sie als „stilles Requiem auf die untergegangene ostjüdische Kulturwelt“.
Das erinnert ein wenig an Friedrich Torbergs Bestreben, der jüdischen Kultur, die durch die Schoah vernichtet wurde, ein Denkmal zu setzen. Sein erfolgreichstes Buch, Die Tante Jolesch, trägt den Untertitel „Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten“.
Im Oktober 1961 erschien in der Zeitschrift Der Monat jene Polemik Torbergs, die in der Folge hohe Wellen schlagen sollte. Ihr Titel: „Wai geschrien!“ oder Salcia Landmann ermordet den jüdischen Witz. Anmerkungen zu einem beunruhigenden Bestseller. Torbergs Aufsatz wurde seither oft in Auszügen zitiert, ich wollte den gesamten Artikel lesen. Also bestellte ich in der Nationalbibliothek den 14. Jahrgang der Berliner Zeitschrift und las in Heft 157 den durchaus vergnüglichen Beitrag. Anhand einiger Beispiele zeigt Torberg, wie Salcia Landmann die Witze ruiniert hat. Der folgende Witz über das Witzeerzählen selbst war bereits in den 1930er Jahren publiziert worden, in einem Buch, das im Titel nicht das Wort „Witze“, sondern den Ausdruck „Schwänke“ stehen hatte.
Ein Bauer lacht dreimal über einen Witz: das erste Mal, wenn man ihn erzählt, das zweite Mal, wenn man ihn erklärt, und das dritte Mal, wenn er ihn verstanden hat.
Ein Pachtherr lacht zweimal: das erste Mal, wenn man ihm den Witz erzählt, das zweite Mal, wenn man ihn erklärt. Verstehen wird er ihn nie.
Ein Büttel (= Polizist) lacht nur einmal: wenn man ihm den Witz erzählt; denn er verbietet dir, den Witz zu erklären, und verstehen wird er ihn deshalb nie.
Erzählst du den Witz einem Juden, so unterbricht er dich: „Ach, was, ein alter Witz!“ und er kann ihn dir besser erzählen.
(Joffe, S. 37, basierend auf Olsvanger, S. 3)
Das ist ein schöner Metawitz, ein Witz über den Witz beziehungsweise über das Witzeerzählen, und er hat einen subtilen Inhalt. Die beste Interpretation dieses Witzes habe ich in Josef Joffes empfehlenswertem Buch über den jüdischen Humor mit dem Titel Mach dich nicht so klein … gefunden. „Die Gojim, also die Christen, sind aus Sicht des Erzählers grundsätzlich nicht besonders helle“, schreibt der angesehene Herausgeber der Wochenzeitung Die Zeit, „aber der Landbesitzer und der Polizist, die Mächtigen, sind noch blöder als der Bauer, der in der Hierarchie nur knapp über dem Juden steht und deshalb schon fast ‚einer von uns‘ ist.“ Auf diese Weise „erhebt sich der Jude über seine Umwelt“. Für den osteuropäischen Schtetlbewohner, der selber fast nie Land besitzen durfte, „ist der Verpächter eine wirtschaftliche und der Polizist eine existenzielle Bedrohung, weil er eine willkürliche Staatsmacht vertritt. (…) Diesen Typen ihren geistigen Rückstand zu bescheinigen, bietet seelischen Trost in auswegloser Lage.“ Eine andere Interpretation könnte lauten: „Bleib auf dem Teppich. Du hast zwar die besseren Pointen, aber die haben die Macht.“ (Joffe, S. 37–38)
Landmann kannte die Quelle, aber sie veränderte den Schluss.
Erzählt man aber einem Juden einen Witz, so sagt er: „Den kenn’ ich schon!“ – und erzählt einen noch besseren. (Landmann, 1960, S. 510)
Dass Torberg diese Veränderungen sauer aufstießen, ist verständlich. „Nein! Nein! Erstens sagt er nichts, denn das würde bedeuten, dass er den Witz bis zum Ende anhört – er unterbricht ihn. Zweitens erzählt er nicht einen noch besseren, denn das würde bedeuten, dass er den ersten für gut hält – er hält ihn aber für schlecht. Und drittens erzählt er überhaupt keinen besseren, denn das würde bedeuten, dass er einen anderen erzählt – er erzählt aber den gleichen Witz anders, weil er überzeugt ist, ihn besser erzählen zu können.“ (Torberg, Wai, S. 49)
Ein Geschäftsmann kehrt von einer längeren Reise zurück und erfährt, dass in der Zwischenzeit einer seiner besten Freunde gestorben ist. Sogleich begibt er sich auf den Friedhof, um am Grab des Verstorbenen das Totengebet zu verrichten.
Hier ruht Samuel Kohn
Ein ehrlicher Mensch
Ein guter Kaufmann
lautet die Inschrift, die er auf dem Grabstein liest.
„Armer Sami“, murmelt er. „Mit zwei wildfremde Leut’ haben sie dich ins Grab gelegt.“ (Torberg, Wai, S. 49)
Ein großartiger Witz. Was hat Salcia Landmann daraus gemacht?
Eine Jüdin spaziert auf dem Friedhof umher und liest die Aufschriften auf den Grabsteinen. Sie liest unter anderem
Hier ruht Jossel Rosenblum, Kantor
Ein frommer Mann
Ein tugendhafter Mann
„Gott über die Welt“, ruft die Jüdin entsetzt, „drei Juden unter einem einzigen Stein.“ (Landmann, 1960, S. 214)
Torbergs Kommentar liest sich auch in diesem Fall amüsant: „… was soll damit gewonnen sein, dass Jossel Rosenblum Kantor ist? Seit wann werden auf den Grabsteinen die Ruf- oder Kosenamen der Beerdigten angegeben (Jossel statt Josef)? Seit wann ‚spazieren‘ Jüdinnen auf Friedhöfen? Und wer, vor allem, hat jemals von jüdischen Lippen den Ausruf ‚Gott über die Welt‘ gehört?“ (Torberg, Wai, S. 50)
Weil die von Torberg inkriminierten Witze im Original so großartig sind, noch ein drittes Beispiel, auf das ich in einem späteren Kapitel zurückkommen werde (siehe S. 245 f.).
„Ornstein, was ist los mit Ihnen?“, ruft aufgeregt ein Passant, der im Straßengewühl auf einen anderen zugetreten ist. Früher waren Sie groß – jetzt sind Sie klein. Früher waren Sie dick, jetzt sind Sie mager. Früher hatten Sie eine Glatze, jetzt haben Sie Haare. Früher …“ – „Aber ich heiße ja gar nicht Ornstein“, kann der Angeredete endlich unterbrechen. „Was?! Ornstein heißen Sie auch nicht mehr?“ (Torberg, Wai, S. 50)
Salcia Landmann lässt den Rufer seinen Text abspulen, nachdem er über den Irrtum informiert wurde.
„Hallo Ornstein!“ – „Ich heiße doch gar nicht Ornstein.“ – „Herr des Himmels! Wie kann sich ein Mensch nur so verändern. Die Figur ist verwandelt, die Haarfarbe, die Nase auch – und sogar der Name ist ein anderer geworden.“ (Landmann, 1960, S. 237)
Torberg kritisiert außerdem Fehler in Landmanns Buch, „über die sich nicht streiten lässt“: Falsche Sterbedate von Arthur Schnitzler und Henri Bergson, ein falsches Geburtsdatum von Sigmund Freud, der noch dazu, „man fasst es nicht (und nicht einmal Alfred Adler wird sich darüber freuen“, als „Individualpsychologe“ bezeichnet wird. (Torberg, Wai, S. 52) Hier der Landmann’sche Lapsus:
„Der Großteil wirklich guter Witze, die wir kennen, lässt sich leicht auf jüdischen Ursprung zurückverfolgen. Der Individualpsychologe Freud hat sich um diese Seite der Frage wenig gekümmert. Doch sind die meisten von ihm zitierten Witzbeispiele dem jüdischen Bereich entnommen. Auch dass er selber, der Analytiker des Witzes, Jude war, empfand er bestimmt nicht als Zufall.“ (Landmann, 1960, S. 33–34)
Dem streitbaren und brillant formulierenden Autor ist in vielen Punkten zuzustimmen: Salcia Landmann gibt Witze als jüdisch aus, die keine jüdischen Witze sind. „Einfach dadurch, dass man einen Popen oder einen Dorfpfarrer zum Rabbiner macht, werden russische, polnische oder böhmische Geschichten noch nicht jüdisch.“ (Torberg, Wai, S. 60) Salcia Landmann habe mit ihrer Sammlung den jüdischen Witz als solchen zur Unkenntlichkeit verstümmelt. „Sie hat ihn, wai geschrien, ermordet.“ (Torberg, Wai, S. 65) Torberg vermutet, dass „dieses schnöde Machwerk“ deshalb zu einem Bestseller werden konnte, weil es den Lesern „das Gefühl gibt, sie haben die Vergangenheit bewältigt und haben sich dabei auch noch gut unterhalten“. Obwohl es nicht ihre Absicht gewesen sei, habe sie dem Antisemitismus Vorschub geleistet. „Diese Unempfindlichkeit, die fundamentale Gefühl- und Instinktlosigkeit gegenüber allem, aber auch wirklich allem, was das Wesen des jüdischen Witzes ausmacht, musste zwangsläufig zum antisemitischen Effekt des Buches führen.“ (Torberg, Wai, S. 56)
Im Jahr 1971 erschien im Berliner Colloquium Verlag das Buch Der echte jüdische Witz. Der Autor, Jan Meyerowitz, geboren in Breslau, war in die USA emigriert und hatte sich als Komponist, Dirigent, Pianist einen Namen erworben. Meyerowitz teilte Torbergs Kritik, ja er verschärfte sie sogar. Die „Soziologie und Sammlung“ jüdischer Witze – so der Untertitel von Landmanns Buch – sei „der Aufgabe so ziemlich alles schuldig geblieben, und die weite Verbreitung des Buches ist ein großes, vielleicht unreparierbares Missgeschick. Wir würden gar nicht darüber reden, wenn es nicht eine solche historische Entgleisung wäre.“ Die einzige protestierende Stimme, jene Friedrich Torbergs, dürfte wirkungslos verhallt sein. „Auf viele Juden hat die ‚Soziologie und Sammlung‘ jedenfalls fast so abstoßend und schmerzlich gewirkt wie so manches in der Nazizeit Geschriebene …“ Salcia Landmann habe bei der Auswahl der Witze wenig Takt bewiesen. „Ihre besondere Vorliebe gehört anscheinend dem oft sehr unglücklich wirkenden Witz über die verschmutzten Gettos und der Einwohner und über jüdische Gaunereien.“ Viele dieser hässlich wirkenden Witze seien „echt“, also weder antisemitischer Herkunft noch unjüdisch, doch dürfen sie heute „keinesfalls ohne sorgfältige historische und psychologische Erklärung im Druck erscheinen“. (Meyerowitz, S. 13–15)
Meyerowitz spricht damit das Hauptproblem des Buches an. Der erste Teil mit dem Titel Einleitung enthält die historischen und psychologischen Erklärungen, der zweite Teil ist die Witzesammlung. Wer in dieser blättert, ohne die Einleitung gelesen zu haben, erfährt nichts über den Hintergrund. Meyerowitz hingegen hat einen durchgeschriebenen Text abgeliefert, in den die Witze als Belege eingebaut sind.
Salcia Landmann hat als Reaktion auf ihr Buch unzählige Witze von Juden aus aller Welt geschickt bekommen. Im Jahr 1972 veröffentlichte sie einen Ergänzungsband. Im Vorwort wies sie darauf hin, dass ihr erstes Buch über den jüdischen Witz mit Begeisterung aufgenommen worden sei. „Mit dem wachsenden Erfolg des Buches, es liegt heute in verschiedenen Ausgaben in über 500.000 Exemplaren vor, kamen natürlich auch Angriffe. Etliche aus den ehemaligen jüdischen ‚Witzezentren‘ – also Wien, Berlin etc. – aus der Feder jüdischer Kollegen. Sie übersahen unter anderm, dass es hierfür ziemlich solider Kenntnisse der jüdischen Geistestradition bedarf.“ Was Torberg als Problem des Buches ansah, definiert sie als seine Stärke. „Man empfand es als einen Schritt zur Normalisierung der Beziehungen zwischen Deutschen und Juden. Man war erleichtert, nach den fürchterlichen Vorgängen der Nazizeit endlich auch wieder anders als nur mit Schreck und Gram an die Juden Europas denken zu dürfen.“ (Landmann, 1972, S. 7) Ihr ging es darum, möglichst viele Witze zu sammeln und für die Nachwelt zu dokumentieren; sie veröffentlichte im Anhang ihrer späteren Bücher Listen der „Spender von Witzen“.
In einem entscheidenden Punkt geht Torbergs Kritik ins Leere. Er klassifiziert die kurzen Sprachwitze in der Landmann’schen Sammlung als „die ödesten Kalauer“ (Torberg, Wai, S. 56). Auch die „Schirm-Scharm“-Witze, auf die ich später zurückkommen werde (siehe S. 98, S. 203), missfallen ihm.
Torberg hat diese Sprachwitze nicht gemocht und als witzlos abgetan, das ist sein gutes Recht. Aber er hat übersehen, dass sie spezifisch jüdisch sind und in einem Buch über den jüdischen Witz nicht fehlen dürfen. Armin Berg, den Torberg geschätzt und immer wieder lobend erwähnt hat, trug genau solche Witze unter dem Jubel des Publikums vor.
Torberg hatte sich schon Mitte der 1970er Jahre einem verwandten Thema gewidmet, den Anekdoten aus dem jüdischen Milieu. Sein Buch Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten sollte ein ebenso großer Bestseller wie Salcia Landmanns Witzesammlung werden, wobei sich auch Torberg einige Schlampigkeitsfehler zuschulden kommen ließ.
Für mein Buch Die Tante Jolesch und ihre Zeit studierte ich in der Handschriftensammlung der Nationalbibliothek den Briefwechsel Torbergs mit Zeitgenossen. Gewissenhafte Leser seines Anekdotenbandes wiesen ihn auf zahlreiche Irrtümer hin (Sedlaczek/Mayr, S. 161). Verglichen mit jenen Böcken, die Salcia Landmann geschossen hat – wir erinnern uns: sie verwechselte Sigmund Freud mit Alfred Adler –, waren Torbergs Fehler grosso modo weniger gravierend. Schlimm ist jedoch ein falsch wiedergegebenes Karl-Kraus-Zitat, das eigentlich ein Sprachwitz ist. Zu finden in der Fackel, Nr. 381–383, 19. 9. 1913, S. 71. Im Original lautet es:
Einen Brief absenden heißt in Österreich einen Brief aufgeben.
Friedrich Torberg macht daraus:
Einen Brief befördern, heißt in Österreich einen Brief aufgeben. (Torberg, Tante Jolesch, S. 172)
Nicht die Post gibt Briefe auf, sondern der Absender. „Ich beknirsche mich ganz besonders wegen des falschen Kraus-Zitats; das hätte mir nicht passieren dürfen“, antwortete Torberg dem Leserbriefschreiber. (Torberg, zitiert in Sedlaczek/Mayr, S. 163) – und versäumte es in der Folge, das Zitat in den Nachauflagen zu korrigieren. Auch in der heutigen Taschenbuchausgabe findet sich das entstellte Kraus-Zitat – und der 2. Wiener Gemeindebezirk, „der fast ausschließlich von Juden bewohnt war“, wird in dem Buch fälschlich „Leopoldstraße“ genannt – statt richtig: „Leopoldstadt“. (Torberg, Tante Jolesch, S. 40) Das ändert aber nichts an meiner Einschätzung, dass Die Tante Jolesch ein geniales und zugleich vergnügliches Buch ist.
Für unser Thema nicht uninteressant ist der Einwand eines Leserbriefschreibers gegen die Pointe der folgenden Anekdote. Ich reduziere sie auf den Kern.
In Wien gab es vor 1938 zwei beliebte koschere Restaurants, das Neugröschl und das Tonello. Eines Tages bestellt ein Gast im Tonello zu früher Stunde ein Scholet. Als der Kellner aus der Küche kommt und bedauert, dass das Scholet noch nicht fertig sei, ruft der enttäuschte Gast: „Was? Halb eins und noch kein Scholet? Bei Neugröschl wird schon gerülpst!“ (Torberg, Tante Jolesch, S. 69)
Der Leserbriefschreiber wandte ein, dass der Gast im Tonello nicht das Wort rülpsen verwendet habe. Der Ausspruch sei anders verbürgt: „Bei Neugröschl prallen sie schon.“ Torberg rechtfertigte sich in seiner Antwort an den Leserbriefschreiber damit, dass er aus Gründen der sogenannten „guten Manieren“ den Ausspruch des Gastes absichtlich falsch zitiert habe, „weil in diesem Zusammenhang der von mir verwendete Ausdruck die gleichen Dienste tut wie der originale. Hier wird keine Korrektur erfolgen.“ (Torberg, zitiert in Sedlaczek/Mayr, S. 157)
Schon Jahre vor dem Erscheinen der Tante Jolesch erzählte Fritz Muliar die Geschichte als Witz – sie ist zu finden auf Preiser Records und im Buch Das Beste aus meiner jüdischen Witze- und Anekdotensammlung.
(…) Dort beim Tonello kommt herein um dreiviertel zwelf ein Mensch. Elegant, groiße Erscheinung, schmeißt den Hut auf dem Haken und schreit: „Kellner! Eine Bohnensuppe!“ – „Verzeihen Se, es is dreiviertel zwelf, die Bohnensuppe is nich fertig.“ – „Wos“, sogt er, „nich fertig!? Beim Neugröschl prallen se schon!“ (Muliar, S. 20)
Salcia Landmann bringt den Witz ebenfalls, aber sie siedelt ihn nicht in Wien an, sondern „in zwei koscheren Restaurants, Ascher und Milowicz“. Ihre Pointe lautet: „Bei Ascher grebezzn (= aufstoßen) sie schon.“ (Landmann, 2007, S. 222–223) Ohne die Einwände gegen Torbergs Version zu kennen, ist sie also in diesem einen Punkt einer Meinung mit ihm.
In einer Neuausgabe ihrer jüdischen Witzesammlung verzichtet Salcia Landmann bei einem anderen „Tscholent“-Witz hingegen nicht auf die Pointe mit dem volkstümlichen Ausdruck für Flatulenz.
Schmul musste sich einer Magenoperation unterziehen. Nachher schreibt ihm der Professor eine strenge Diät auf. Schmul möchte aber auf den herrlichen, fetten Tscholent nur ungern verzichten. Der Professor bleibt jedoch unerbittlich.
Schmul geht zu einem zweiten Arzt. Der lässt sich genau beschreiben, was Tscholent ist – und er verbietet ihn ebenfalls.
Da geht Schmul zu seinem jüdischen Hausarzt und klagt ihm sein Leid. Ein Jude wird doch Verständnis haben für seinen Kummer? „Iss Tscholent so viel du willst!“, sagt der Hausarzt. „Bloß: prallen wirst du schon im Himmel.“
(Landmann, 2010, S. 425–426; 2007, S. 220–221)
Witze haben üblicherweise keinen Urheber, keinen Autor. Im Reich der Witze gibt es kein Privateigentum. Witze werden in Umlauf gebracht und weitergereicht, sie kursieren und zirkulieren. Dabei werden sie adaptiert, verbessert, manchmal auch verschlechtert. Auch die erstmalige schriftliche Fixierung ist in der Regel nicht die Geburtsstunde eines Witzes. Außerdem werden Witze oft von einem Genre in ein anderes verschoben: Aus einem Burgenländerwitz wird ein Blondinenwitz, aus einem Frau-Pollak-von-Parnegg-Witz ein Graf-Bobby-Witz usw. Wenn ich in der Folge aus einer Sammlung zitiere, werde ich mir daher dann und wann das Recht herausnehmen, den Text geringfügig zu verändern.
Des Öfteren werde ich aus Salcia Landmanns Büchern zitieren. Diese liegen aktuell in zwei Ausgaben vor: einer Hardcoverausgabe Der jüdische Witz. Soziologie und Sammlung, lieferbar bei Patmos, und einer dtv-Taschenbuchausgabe Jüdische Witze. Der Klassiker von Salcia Landmann. In der neuen Hardcoverausgabe, erstmals 2010 erschienen, wurden die von Torberg aufgezeigten Fehler ausgebessert. Die Taschenbuchausgabe, erschienen 2007, enthält eine Kurzfassung der Einleitung und die besten Witze aus der ursprünglichen Hardcoverausgabe. Die Witze sind weiterhin nach Themenschwerpunkten geordnet, beim Kapitel Medizin und Hygiene gibt es zu Beginn den Hinweis: „Über den Wert der Hygienewitze vgl. Einleitung S. 60.“ Dort liest man unter anderem: „Ohne Zweifel sind die Badewitze nicht jüdischen, sondern antisemitischen Ursprungs. Aber die Bereitschaft der Juden zur Selbstkritik bringt es leicht mit sich, dass sie auch den unberechtigten Spott der Feinde in ihre Selbstverspottung einbauen.“
Die seinerzeit berechtigten Einwände von Torberg und Meyerowitz sind somit für den heutigen Buchkäufer nicht relevant. Beiden Witzebüchern von Salcia Landmann, dem Hardcover wie dem Taschenbuch, ist der große Erfolg zu gönnen. Das Buch von Jan Meyerowitz ist leider vergriffen. In Internetantiquariaten, zum Beispiel bei eurobuch.com, ist es aber erhältlich.
Andere wichtige Quellen waren für mich fünf kleine Bücher mit jüdischen Witzen. Sie sind unter dem Namen Avrom Reitzer um 1900 zunächst in Preßburg bei A. Akalay und dann bei J. Deubler’s in Wien erschienen. Im Titel findet sich oft das Wort „Lozelech“, im Untertitel „… für ünsere Leut’“. Es waren also Witze, die von Juden gesammelt wurden und für Juden bestimmt waren. Damals sprach man noch nicht von „Witzen“, erst in späteren Auflagen taucht das Wort am Cover auf.
Diese „Lozelech-Bücher“ waren hart gebunden und hatten jeweils hundertzwölf Seiten Umfang. Sie dürften reißenden Absatz gefunden haben. In der Buchhandelswerbung von J. Deubler’s wird der Bestsellercharakter der Titel hervorgestrichen. Den Buchhändlern wird empfohlen, sie in den Auslagen zu platzieren, um gute Umsätze zu machen.
Nicht weniger wichtig waren für mich Heinrich Eisenbach’s Anekdoten, gesammelt und vorgetragen in der Budapester Orpheumsgesellschaft in Wien – so lautete der Titel von vierundzwanzig kleinen Büchern, die ab dem Jahr 1905 innerhalb kurzer Abstände in der k. k. Universitätsbuchhandlung Georg Szelinski erschienen. Eisenbach war Schauspieler, Sänger, Komiker, Filmschauspieler und zwanzig Jahre lang Direktor der Budapester Orpheumgesellschaft in Wien. Jedes Büchlein mit kartoniertem Umschlag hatte sechzehn Seiten Umfang und kostete vierzig Heller – nach heutiger Währung wären das 2,60 Euro. Es waren nicht Anekdoten, sondern Witze mit Pointen. Da der Begriff „Witze“ noch nicht populär war, entschloss man sich, den Inhalt der Bücher als „Anekdoten“ zu bezeichnen. Die kleinen Bücher fanden reißenden Absatz. Als sie in zweiter Auflage erschienen, wurden sie sogar in die kaiserlich-königliche Hofbibliothek aufgenommen.
In den Büchern von Avrom Reitzer, vermutlich ein Pseudonym, und von Heinrich Eisenbach habe ich viele ursprüngliche und urtümliche Fassungen von Witzen entdeckt, die später bei Sigmund Freud, bei Salcia Landmann und anderen Autoren auftauchten – und noch heute erzählt werden. Die über hundert Jahre alten Bücher wurden bisher kaum beachtet, obwohl sie authentisch sind und einen Blick auf die Frühphase der Witzekultur freigeben.
Da Salcia Landmanns Bücher so erfolgreich waren, entschloss sich der Schweizer Walter-Verlag ein ähnliches Projekt mit dem Titel „Der klerikale Witz“ in Angriff zu nehmen. Das Buch erschien 1970, Herausgeber war Hans Bemmann, ein in der Nähe von Leipzig geborener Sohn eines evangelischen Pfarrers. In den 1950er Jahren arbeitete er als Lektor beim Österreichischen Borromäuswerk, mit dem Roman Stein und Flöte gelang ihm später auch ein literarischer Durchbruch. Der österreichische Kulturhistoriker und Linkskatholik Friedrich Heer stellte eine essayistische Einleitung zur Verfügung. Das Buch enthält jene Witze, „die sich häufig entzünden an den Auseinandersetzungen und Zwangslagen eines im Widerspruch zur übrigen Welt stehenden Berufes und Standes, an der Diskrepanz zwischen den Forderungen des Glaubens und der Unzulänglichkeit des Menschen“, so der Klappentext. Das Buch erzielte mehrere Auflagen, auch im Taschenbuch, ist heute allerdings vergriffen.
Im Nachlass Friedrich Heers, das im Literaturarchiv der Nationalbibliothek aufbewahrt wird, findet sich eine Erstausgabe von Salcia Landmanns Buch. Friedrich Heer hat vor Abfassung des Esssays sowohl die Einleitung als auch die Witzesammlung gewissenhaft studiert und einzelnen Zeilen unterstrichen, um sie später leichter zu finden.
Es ist erstaunlich, wie sich manche Witze im Laufe der Zeit verändert haben. Deshalb finden Sie da und dort die Fundstellen vermerkt. Dies dient dazu, Entwicklungsstränge sichtbar zu machen und historische Witze aus ihrem Kontext heraus zu verstehen.
Sprachwitze in den verschiedenen Witzetypen
Gleich zu Beginn meiner Sammeltätigkeit hat sich herausgestellt, dass Sprachwitze in bestimmten Witzetypen besonders häufig vorkommen. Es sind dies Burgenländerwitze, Blondinenwitze, Graf-Bobby-Witze und Frau-Pollak-von-Parnegg-Witze. Sie haben auch noch etwas anderes gemeinsam: Es sind Witze mit einem interessanten historischen Hintergrund – und im Mittelpunkt steht jeweils eine dümmliche Figur.
Beschäftigt man sich dann noch mit dem jüdischen Einfluss auf die Entwicklung von Sprachwitzen, gelangt man unversehens zu den No-na-Witzen und zu den Schüttelreimen. Letztere sind zwar nicht von Juden erfunden, aber von diesen begeistert aufgenommen und kultiviert worden.
Unter „Witz“ verstehen wir „eine (prägnant formulierte) kurze Geschichte, die mit einer unerwarteten Wendung, einem überraschenden Effekt, einer Pointe am Ende zum Lachen reizt.“ So lautet die Definition im Deutschen Universalwörterbuch des Duden (7. Auflage). Der „Sprachwitz“ ist offensichtlich so alt wie die Sprache selbst, aber Witze mit prononcierten Pointen als ein Massenphänomen gibt es erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Das Wort „Witz“ ist eine Abstraktbildung zu „wissen“ und bedeutete ursprünglich „Wissen, Verstand, Klugheit“, wie noch im Wort „Mutterwitz“ erkennbar ist. Seit dem 17. Jahrhunder nahm das Wort unter Einfluss des französischen esprit die Bedeutung „Geist, geistvolle Art, Scharfsinn“ an. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts verstand man unter Witz auch eine kurze Geschichte oder einen Dialog mit einer überraschenden Pointe, die zum Lachen anregt.
Das deutsche Wort „Witz“ hat also zwei Bedeutungen. Im Englischen werden diese durch das Wortpaar wit und joke abgedeckt. Nur wenn wir im Deutschen die Mehrzahl verwenden und von „Witzen“ sprechen, ist klar, dass jokes gemeint sind.
Bei der Übersetzung des Titels von Sigmund Freuds Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten ins Englische wird manchmal jokes und manchmal wit verwendet. Freud analysiert viele Aphorismen, die man nicht unter jokes im klassischen Sinn einordnen kann, aber wie Witze funktionieren.
Rückständig, dumm oder hinterhältig – Witze über Burgenländer, Polen, Türken und andere
Jeder hat sie schon gehört und vielleicht nur verstohlen darüber gelacht; die Burgenländerwitze sind ein Teil der Ethnowitze, in denen eine Gruppe von Menschen – in diesem Fall die Einwohner eines Bundeslandes – auf die Schaufel genommen wird. Burgenländerwitze sind, wie weithin bekannt ist, ein Import aus Deutschland und eine Analogie zu den Ostfriesenwitzen.
Warum nehmen Ostfriesen ein Messer mit ans Meer? – Um damit in See zu stechen.
Da es im Burgenland kein Meer gibt, wird dieser Witz kurzerhand an den Neusiedler See verlegt. Aus „die See“ wird „der See“.
Ähnliche Witze gibt es auch über die Einwohner anderer Bundesländer. Oft werden Burgenländerwitze einfach auf andere Bundesländer übertragen. Nur wenige Witze sind spezifisch für ein bestimmtes Bundesland und nicht austauschbar.
Wie bringen die Kärntner ihren Kindern Deutsch bei? – Sie werfen sie in den Wörthersee.
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Was ist der Unterschied zwischen einem intelligenten Tiroler und dem Ötzi? – Den Ötzi hat man schon gefunden.
Der Typus des Ostfriesenwitzes entstand nach einer Lesart gegen Ende der 1960er Jahre in Deutschland. Das Gymnasium in Westerstede im Ammerland, einer Nachbarregion Ostfrieslands, wurde und wird auch von ostfriesischen Schülern besucht. Wie bei vielen benachbarten Regionen gibt es zwischen den Bevölkerungen Ostfrieslands und des Ammerlands häufig Sticheleien und Neckereien. Die Schüler des besagten Gymnasiums veröffentlichten in ihrer Schülerzeitung eine Serie namens Aus Forschung und Lehre. In dieser wurde der sogenannte „Homo ostfrisiensis“ als unbeholfen und dumm karikiert.
Lutz Röhrich, ein langjähriger Professor für deutsche Philologie und Volkskunde an der Universität Freiburg im Breisgau und Autor des Lexikons der sprichwörtlichen Redensarten, hielt hingegen die Ostfriesenwitze für einen Import aus den Vereinigten Staaten. In seinem 1977 erschienenen Buch Der Witz schreibt er: „Mit einer gewissen Kulturverspätung ahmt heute Europa die amerikanischen Witzmoden nach. Die Mode begann in den frühen 1960er Jahren. Doch waren die amerikanischen Polack Jokes schon in der mündlichen Überlieferung, bevor sie gedruckt wurden und bevor das Fernsehen sie aufnahm. Der Polackenwitz ist ein antipolnischer Witz, weil die Polen in einigen Gebieten der USA zur lower middle class gehören.“ (Röhrich, S. 273)
Was den Ostfriesen im Witz vorgeworfen werde, sei zivilisatorische Rückständigkeit, Dummheit und Unsauberkeit. „Der Witz will uns glauben machen, dass Ostfriesen alles auffressen, was grün ist (…), sie hängen das Toilettenpapier zum Trocknen auf die Wäscheleine, oder sie streuen Pfeffer auf den Fernseher, damit das Bild schärfer wird.“ (Röhrich, S. 270)
Ostfriesenwitze sind der Form nach meist ein Frage-Antwort-Spiel. Schon die Fragestellung ist provozierend und soll die Aufmerksamkeit des Zuhörers wecken, weil sie auf etwas Absurdes abzielt. Wenn der Zuhörer den Witz noch nicht gekannt hat, kann er die Antwort nicht erraten.
Warum nehmen die Ostfriesen eine Schachtel Streichhölzer und einen Stein mit ins Bett? – Mit dem Stein werfen sie das Licht aus, und mit den Streichhölzern schauen sie nach, ob das Licht auch wirklich aus ist.
Nur wenige Ostfriesenwitze folgen nicht dem Schema eines angedeuteten Dialogs zwischen Erzähler und Zuhörer.
Die Dame an der Kinokasse fragt: „Haben Sie nicht schon dreimal eine Karte gekauft?“ Antwortet der Ostfriese: „Ja, aber der Mann am Eingang zerreißt sie mir immer.“
Ob diese Witze aus den USA nach Deutschland kamen oder in Deutschland ihren Anfang nahmen, ist ungewiss und im Grunde irrelevant. Wir haben ja gesehen, dass es ähnliche Witze schon in der Antike gab. Jedenfalls gelangte der Typus Ostfriesenwitz von Deutschland nach Österreich, wo die Burgenländer zur Zielscheibe wurden.
Das Burgenland ist das jüngste Bundesland, es galt lange Zeit als rückständig und war auch rückständig. Viele Burgenländer emigrierten im 19. Jahrhundert als Wirtschaftsflüchtlinge in die USA, um den ärmlichen Verhältnissen zu entfliehen. Heute ist das Burgenland eine prosperierende Region – dank des Fleißes der Burgenländer und der großzügigen EU-Grenzlandförderung. Die Rückständigkeit des Burgenlandes ist passé, die Burgenländerwitze sterben allmählich aus.
Vielleicht kennen Sie den folgenden Sprachwitz, der wie gewohnt als Frage formuliert ist. Ich werde ihn später ausführlich analysieren. (Siehe S. 158)
Warum stehen im Burgenland um Mitternacht immer Männer auf dem Dach der Wirtshäuser? – Weil der Wirt sagt: Die letzte Runde geht aufs Haus.
In diesem Fall könnte man die Ortsbezeichnung „im Burgenland“ auch weglassen. Damit würden sich der Charakter des Witzes und seine Zielrichtung ändern. Wir hätten es dann mit einem Antimännerwitz zu tun: So dumm sind sie, die Männer! (Siehe S. 49 ff.)
Ein Metawitz zu den Burgenländerwitzen geht so:
„Kennen Sie den neuesten Burgenländerwitz?“ – „Vorsicht! Ich bin ein Burgenländer!“ – „Dann erzähl’ ich ihn auch ganz langsam.“
(vgl. Koch, S. 37)
In Ethnowitzen wird meist ein Bevölkerungsteil an der Peripherie oder die Bevölkerung eines benachbarten Staates aufs Korn genommen. Die Australier erzählen sich Witze über die Tasmanier, die Griechen über die griechischen Pontier an der Küste des Schwarzen Meeres und die Dänen über die Bevölkerung von Aarhus – die Stadt liegt am Kattegat zwischen Jütland (Dänemark) und der schwedischen Westküste. Die Schweden witzeln über die Finnen und die Norweger, die Finnen wiederum über die Karelier. (Davies, S. 164 ff.)
In unseren Ethnowitzen werden häufig „die Polen“ pauschal zu Dieben erklärt.
Welchen Vornamen geben Polen ihrem Erstgeborenen? – Klaus!
Wer kein Pole ist, kann vielleicht darüber lachen – der Vorname Klaus kann als Imperativ des Verbs „klauen“ ausgelegt werden: „Klau es!“ Ethnowitze haben eine aggressive Tendenz, sie richten sich gegen das Fremde allgemein. Aber im Ausland sind auch wir Fremde, und so kursieren auf den Witzeplattformen auch etliche Ethnowitze über Österreicher. Diese „Ösi“-Witze funktionieren meist ähnlich wie Burgenländerwitze beziehungsweise wie Ostfriesenwitze.
Ein Österreicher bei McDonald’s. „Ich hätte gern was vom Huhn.“ – Der Angestellte: „Ah, Sie meinen Chicken?“ – „Nein, ned schicken! Ich ess es gleich.“
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In letzter Zeit haben sich die österreichischen Jäger gegenseitig auf der Jagd erschossen. Mittlerweile hat man auch festgestellt warum. – Die Jäger hatten auf den Schuhen Reebok stehen.
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Zwei Österreicher unterhalten sich über ihren Beruf. „Wos bist’n du von Beruf?“ – „I bin a Diplominschenör. Und wos bist du?“ – „I bin a Kraafiker.“ – „Aha, a Kraafiker … Owa wos mochst im Winta wanns weggflogn san?“
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Warum ist die österreichische Flagge oben und unten rot? – Damit man sie auf jeden Fall richtig aufhängt.
Das ist immerhin einer der wenigen maßgeschneiderten „Ösi“-Witze. Er ist nicht auf andere Nationen in unserem geografischen Umfeld übertragbar.
„Bilder“ von Volksgruppen und Nationen sind „Kondensate von sehr unterschiedlicher Herkunft und Motivation für unterschiedliche Zweckbestimmungen“, schreibt die Jenaer Universitätsprofessorin Gabriella Schubert in einem Aufsatz über die „Ungarnbilder“ in den Baron-Mikosch-Witzen. „Je nach Ausmaß der in ihnen enthaltenen Brechungen und Verfälschungen kann man sie als Klischees, Stereotype, Vorurteile oder sogar Feindbilder bezeichnen.“ Bei den Vorstellungen von „den Italienern“, „den Türken“, „den Polen“ oder „den Österreichern“ wird davon ausgegangen, dass es so etwas wie einen „Nationalcharakter“ gibt, was natürlich nicht stimmt und nicht beweisbar ist. Zweifellos besteht aber in jeder Gesellschaft ein von Zeit und Ort abhängiger typischer Habitus beziehungsweise Lebensstil, „der sich auf die Denk- und Verhaltensweisen seiner Mitglieder auswirkt“.
Inzwischen sind die Polenwitze von den Türkenwitzen weitgehend abgelöst worden.
Ein junger Türke kommt ins Sozialamt, geht zum Schalter und sagt zu dem Beamten: „Challo, isch wolle nix lebe mehr von die Stütze, isch wolle gehe arbeite.“ Der Beamte des Sozialamtes strahlt den Mann an: „Sie haben irrsinniges Glück. Wir haben hier das Stellenangebot eines reichen Herrn, der einen Chauffeur und Leibwächter für seine nymphomanische Tochter sucht. Sie müssen mit einem riesigen schwarzen Mercedes fahren und ein- bis zweimal täglich Sex mit dem Mädchen haben. Ihnen werden Anzüge, Hemden, Krawatten und Freizeitkleidung gestellt. Weil Sie viele Überstunden leisten, werden Ihnen sämtliche Mahlzeiten bezahlt. Da die junge Dame oft verreist, werden Sie diese auf ihren Reisen begleiten. Das Grundgehalt liegt bei hunderttausend Euro jährlich.“ Darauf der junge Türke zum Beamten: „Du Idiot, willsu mich verarschen?!“ Antwortet der Beamte: „Wer hat denn damit angefangen?“
Die Aussage des Türken enthält Fehler in der Aussprache („Challo“ statt „Hallo!“, „Willsdu?“ statt „Willst du?“), in der Konjugation („von die Stütze“ statt „von der“), in der Wortstellung („Isch wolle nix lebe mehr von die Stütze!“ statt „Ich will nicht mehr von der Unterstützung leben!“) und in der Lexik („Stütze“ statt „Arbeitslosenunterstützung“). Dies ist in derartigen Witzen üblich, es soll damit ein komischer Effekt erzielt werden, wobei nicht bestritten werden soll, dass Türken, die die deutsche Sprache nicht gut beherrschen, so reden.
Aus inhaltlicher Sicht werden in diesem Witz die Türken pauschal als arbeitsunwillig dargestellt, und es wird ihnen vorgeworfen, dass sie unser Sozialsystem missbrauchen. Soziolinguisten weisen darauf hin, dass derartige Witze auch einen Rückkoppelungseffekt haben. Die Türken sind in diesem Fall die Outgroup, der Witzeerzähler und seine, nennen wir es: Lachgemeinschaft sind die Ingroup. Das Klischee über die Outgroup besteht darin, dass alle Türken faule Sozialschmarotzer sind. Für die Lachgemeinschaft ist hingegen ein fleißiger Arbeitseinsatz selbstverständlich und ein allgemein anerkannter Wert, dessen Verbindlichkeit mit dem Erzählen des Witzes unterstrichen wird. (Baur, Wiegeler) Außerdem dient eine Outgroup oft als Sündenbock bei Verteilungsfragen, sie wird beispielsweise zum alleinigen Verursacher für aus dem Ruder laufende Kosten im Gesundheitswesen oder bei der Arbeitslosenversicherung erklärt.
Manche Türkenwitze sind Nachahmungen der bösesten antisemitischen Judenwitze oder mit diesen gedanklich verknüpft. Es ist gut, dass diese menschenverachtenden Witze sozial geächtet sind, und schlimm, dass sie trotzdem im Internet in großer Zahl kursieren und abgerufen werden können.
Es gibt aber auch mildere Türkenwitze, und diese werden oft sogar von türkischen Comedians in voll besetzten Stadthallen vorgetragen.
Ein Krokodil fragt: Wer bin ich? Antwort: Großes Maul, kurze Beine, Lederjacke – ein Türke!
Die Witze sind teilweise selbstironisch, wobei offensichtlich gezeigt werden soll: Selbst die Türkenwitze können wir besser als ihr! „Neu ist, dass die Witzeerzähler sich selbst in eine Opferhaltung begeben. Als würde ihnen irgendjemand die Witze verbieten wollen. Als gehörte der Türkenwitz neuerdings zum Widerstand“, sagt der türkischstämmige Bühnenkünstler Murat Kayi. „Im besten Fall wird der Witz zum Zeichen von Unbefangenheit, Toleranz und Gleichberechtigung. Ich glaube, dass jeder das Recht hat, in einem Witz verarscht zu werden. Ich bin in den Siebzigern in Deutschland aufgewachsen, mit dem Begriff Kümmeltürke. Meine Mutter hat noch still darunter gelitten. Meine Generation hat angefangen, selbst Türkenwitze zu erzählen. Und damit das Machtgefüge geändert.“ (Der Spiegel, 13/2017)
In vielen der milderen Türkenwitze geht es um die Unterschiede zwischen der türkischen und der deutschen Sprache oder um Verständigungsprobleme zwischen Türken und Deutschen beziehungsweise Österreichern. Im zweiten Teil des Buches werden Sie einige davon finden: den „Döner ohne Dativ“-Witz (siehe S. 107 ff.), den „Weißt du?“-Witz (siehe S. 110) und den „Aldi“-Witz (siehe S. 115). Es sind durchwegs Dialoge.
Franzi und Ali sitzen in der Schule. Lehrerin: „Bitte alle die Hand heben, die Österreicher sind.“ Alle außer Ali heben die Hand. Franzi: „Ali, du bist doch hier in Österreich geboren und aufgewachsen, also bist du Österreicher. Melde dich.“ Ali meldet sich.
Als Ali dann nach der Schule nachhause kommt und dem Vater davon erzählt, holt dieser aus und haut dem kleinen Ali eine runter. Ali dreht sich um und sagt: „Oh Mann, kaum ist man Österreicher, schon hat man Stress mit den Türken.“
Dieser Witz illustriert einen Generationenkonflikt in Alis Familie. Ali findet nichts dabei, als Österreicher zu gelten, wenn er dazu aufgefordert wird, er möchte zur Ingroup der Österreicher gehören. Für den Vater sind die Österreicher hingegen eine Outgroup und werden es vermutlich auch bleiben.
Kampf der Geschlechter – Blondinenwitze und die „Rache der Blondinen“
Die Blondinenwitze, deren Popularität langsam im Abklingen ist, basieren auf dem Vorurteil, dass blonde Frauen strohdumm sind. Sie verstehen alles falsch und finden sich im Alltagsleben nicht zurecht. Die Witze, die ich hier zitiere, gehören noch zu den besseren und intelligenteren, weil sie eine sprachliche Komponente aufweisen. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass sie reaktionär und anti-emanzipatorisch sind.
Warum trinken Blondinen die Joghurts immer gleich im Supermarkt? – Weil auf dem Packerl steht: „Hier öffnen!“
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Warum freut sich eine Blondine so, wenn sie ein Puzzle nach sechs Monaten fertig hat? – Weil auf der Schachtel steht: „2–4 Jahre“.
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Eine Blondine sitzt mit ihrer Oma im Auto. Oma: „Stell mir bitte den Sitz vor!“ Blondine: „Oma – Sitz! Sitz – Oma!“
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Was ist eine Blondine zwischen einer Brünetten und einer Rothaarigen? – Eine Bildungslücke.
Manche dieser Witze bauen auf dem Vorurteil auf, dass sich Frauen in der Welt der Computer, angeblich eine Domäne der Männer, nicht zurechtfinden.
Was macht die Blondine, wenn der Computer brennt? – Sie drückt die Löschtaste.
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Warum gießt eine Blondine ihren Computer? – Weil sie im Internet surfen will.
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Warum stellt eine Blondine ihren Computer auf den Boden? – Damit er nicht abstürzen kann.
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„Der Computerriese IBM ist pleite!“ – „Wieso?“ – „Die haben zehn Blondinen eingestellt, und die haben die ganzen Chips gefuttert.“
Die angebliche Dummheit der Blondinen ist die eine Seite dieser stereotypen Vorstellung. Hinzu tritt die Behauptung, dass Blondinen jederzeit für jede Art von Sex zu haben sind.
Zwei Blondinen unterhalten sich, sagt die eine: „Von neuen teuren Schuhen bekomme ich immer Blasen.“ Die andere: „Komisch, bei mir ist es gerade umgekehrt.“
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Eine Blondine fährt mit ihrem Auto an die Tankstelle, steigt aus, tankt und läuft schnurstracks zum Tankwart. Sie kniet sich vor ihm nieder, öffnet seine Hose und bläst ihm einen. Nach vollendetem Werk steht die Blondine auf und der Tankwart fragt verwundert: „Womit habe ich das verdient?“ Die Blondine zeigt Richtung Tanksäule: „Da draußen steht doch: Blasen – frei zapfen!“
Sigmund Freud unterscheidet zwischen dem obszönen Witz und der Zote (Freud, S. 111). Der „Tanksäulen“-Witz ist eine Zote, das Sexuelle wird unverhüllt ausgesprochen, außerdem wird die Frau herabwürdigend dargestellt. Da hilft auch nicht das sprachspielerische Element, dass die Aufschrift an der Tanksäule in ihre Bestandteile zerlegt und neu zusammengesetzt wird (siehe S. 214).
Der erste Witz hat dieselbe sexuelle Praxis zum Thema, aber sie wird verhüllt dargestellt, in Form einer Anspielung. Es ist Aufgabe des Zuhörers, den Umkehrschluss zu ziehen. Bei vielen Umkehrwitzen kann der Erzähler zum Zuhörer sagen: Ich habe es nicht ausgesprochen – du hast es so interpretiert.
Was ist das einzige Fremdwort, das eine Blondine kennt? – Fiktiv.
Auf den Witzeseiten im Internet wird häufig das -t- im Wortinneren großgeschrieben – damit auch jeder Mann den Witz versteht.
Laut Freud sind Zoten „beim gemeinen Volk“ beliebt. In „feiner gebildeter Gesellschaft“ werde hingegen das Mittel der Anspielung eingesetzt. Der Zuhörer müsse „ein im entfernten Zusammenhang Befindliches“ in seiner Vorstellung zur vollen und direkten Obszönität rekonstruieren. „Je größer das Missverhältnis zwischen dem in der Zote direkt Gegebenen und dem von ihr im Hörer mit Notwendigkeit Angeregten ist, desto feiner wird der Witz, desto höher darf er sich dann auch in die gute Gesellschaft hinaufwagen.“ (Freud, S. 114–115) Auf die höchste Stufe stellt Freud einen Witz, der später von Witzetheoretikern immer wieder zitiert werden sollte.
Eine Frau ist wie ein Regenschirm – man nimmt sich dann doch einen Komfortabel. (Freud S. 93 und S. 125)
Salcia Landmann bringt den Witz so:
Wiener Ausspruch: Eine Ehefrau ist wie ein Regenschirm – man nimmt sich dann doch einen Komfortabel. (Landmann, 1960, S. 391 und 1988, S. 386)
Die Erweiterung von „Frau“ zu „Ehefrau“ ist zwar sachlich nicht falsch, aber unnötig; die Quelle nicht zu erwähnen, ist merkwürdig. „Komfortabel“ war ein einspänniges öffentliches Fuhrwerk, also eines, das von jedermann benutzt werden konnte, es war überdacht, wodurch der Fahrgast nicht nur vor Regen, sondern auch vor den Blicken neugieriger Passanten geschützt war. Den „verblüffenden, anscheinend unmöglichen Vergleich“ zwischen einer Ehefrau und einem Regenschirm erklärt Freud so: „Man heiratet, um sich gegen die Anfechtungen der Sinnlichkeit zu sichern, und dann stellt sich doch heraus, dass die Ehe keine Befriedigung eines etwas stärkeren Bedürfnisses gestattet, geradeso wie man einen Regenschirm mitnimmt, um sich gegen den Regen zu schützen, und dann im Regen doch nass wird. In beiden Fällen muss man sich um stärkeren Schutz umsehen, hier öffentliches Fuhrwerk, dort für Geld zugängliche Frauen nehmen. (…) Dass die Ehe nicht die Veranstaltung ist, die Sexualität des Mannes zu befriedigen, getraut man sich nicht laut und öffentlich zu sagen (…) Die Stärke dieses Witzes liegt nun darin, dass er es doch – auf allerlei Umwegen – gesagt hat.“ (Freud, S. 125–126) Er bezeichnet diesen Vergleichswitz als Beispiel für einen zynischen Witz.
Freud argumentiert sehr vorsichtig, er redet von „Frauen, die für Geld zugänglich sind“. Theodor Reik ist wesentlich direkter: „Komfortabel bedeutet hier so viel wie ein für die Benützung durch jedermann dienendes öffentliches Fuhrwerk – eine Prostituierte. Diese Symbolik aber wird für die Frau überhaupt gebraucht. Der zynische Witz bringt sie oft mit einem Fuhrwerk zusammen.“ Als Beispiel zitiert er einen Vergleichswitz.
Laufe nie einer Elektrischen (Straßenbahn) oder Frau nach! In ein oder zwei Minuten kommt eine andere. (Reik, 1929, S. 22)
Zurück zu den Blondinenwitzen, die zu Sigmund Freuds Zeiten noch nicht existierten. Herabwürdigende Witze über Frauen gab es aber sehr wohl, noch dazu in großer Zahl. Sie waren äußerst beliebt und wurden auch in den Kabarettprogrammen häufig erzählt. Manche Kabarettszenen aus der Zwischenkriegszeit sowie aus der Nachkriegszeit sind deswegen kaum noch spielbar.
Die Blondinenwitze weisen Gemeinsamkeiten mit den Valley-Girl-Witzen auf. Gemeint sind die Frauen des San Fernando Valley, eines Talkessels an der südkalifornischen Pazifikküste, der zu Los Angeles gehört, aber nicht so attraktiv wie die schönen Viertel von Los Angeles ist. In den frühen 1980er Jahren hat sich das Stereotyp verbreitet, dass in dieser Region ungebildete junge und blonde Frauen der oberen Mittelklasse einen für die Region typischen Slang sprechen und ihren Lebenssinn in Shopping und Mode sehen.
I walked into a Valley hotel and asked the receptionist: „Excuse me, do you have a Jacuzzi, spa, or a sauna?“ She started looking through the guest list.
Menschen in den hochentwickelten Regionen machen sich über jene lustig, die nicht das Privileg haben, unter derart günstigen Verhältnissen zu leben. Wenn dann die Aufsteiger auch noch einen Lebensstandard beanspruchen, der ihnen aufgrund ihres Bildungsniveaus nicht zusteht, werden sie zur Zielscheibe von Witzen.
Hinzu kommt, dass Schauspielerinnen wie Goldie Hawn wiederholt kichernde, naive Blondinen spielten, die dem Stereotyp der Valley Girls entsprachen. Das war ein zusätzliches Motiv, über diesen Frauentyp Witze zu machen.
Valley girls are big fans of the philosopher Descartes. Their life philosophy is „I shop, therefore I am.“
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„I’m into the Valley car culture. I have a telephone and television in my car, and in the back seat an emergency manicurist.“
Frank Zappa nahm mit seiner Tochter das Lied Valley girl auf: „She’s a valley girl / In a clothing store / Okay, fine / Fer sure.“ Das Lied enthält auch Anspielungen auf eine Sprachgewohnheit, die man den Valley Girls nachsagte: Sie sollen an jeder passenden und unpassenden Stelle „like“ sagen, ein ähnlicher Diskursmarker wie „so“ oder „weißt du“ im Deutschen. Diese sprachliche Eigenart der Valley Girls wird allerdings auch anderen amerikanischen Frauen nachgesagt.
Nach einem ähnlichen Konzept funktionieren in Großbritannien die Essex-Girl-Witze. Sie kamen ebenfalls in den 1980er Jahren auf. Den Frauen in Essex, nordöstlich von London, wird laut einer stereotypen Vorstellung nachgesagt, sie seien dumm, ungebildet und promisk. Essex Girls tragen knappe Minikleider und Schuhe mit hohen Absätzen, färben sich die Haare blond und verwenden künstliche Bräunungsmittel, was zu einer merkwürdigen, orangefarbenen Hauttönung führt. Sie lassen sich ihre Brüste künstlich vergrößern, außerdem sind sie laut und vulgär, wobei sie einen Slang sprechen, der dem Cockney ähnlich ist.
Why do Essex Girls wear slip-on shoes? – You need an IQ of at least 4 to tie a shoelace.
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What does an Essex Girl say after Sex? – „Wow, do you really all play for the same football team?“
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Why do Essex Girls laugh three times when they hear a joke? – Once when it is told, once when it is explained to them, and once when they understand it.
Das klingt wie eine Kurzfassung des alten jüdischen Metawitzes am Eingang des Buches (siehe S. 27–28). Natürlich ließe sich ausgiebig darüber streiten, ob die Blondinenwitze, die etwas später im deutschen Sprachraum aufkamen, Epigonen der Valley-Girl-Witze oder der Essex-Girl-Witze sind. Jedenfalls sind viele Blondinenwitze wortident mit Witzen über die Girls im San Fernando Valley oder in Essex.
How do you know, that an Essex Girl has been using your laptop? – There’s Tipp Ex on the screen.
Andererseits entstehen in Ländern mit einem ähnlichen gesellschaftspolitischen und kulturellen Hintergrund zwangsläufig ähnliche Witze. Aber nicht nur das: Unabhängig von der jeweiligen Kultur gibt es überall Witze, die auf Archetypen – also auf Urbilder, die im Menschen verwurzelt sind – zurückgehen.
Bemerkenswert ist, dass im Deutschen die Blondinenwitze nicht auf eine bestimmte Gesellschaftsschicht in einer bestimmten Region zugeschnitten sind. Nur aufgrund der Haarfarbe werden den Frauen die Attribute „ungebildet“, „dumm“ und „promisk“ umgehängt. Damit sind sie ein müder Abklatsch ihrer amerikanischen und englischen Pendants.
Inzwischen haben die Frauen mit Antimännerwitzen zurückgeschlagen. Während Sigmund Freud meinte, „dass die Ehe nicht die Veranstaltung ist, die Sexualität des Mannes zu befriedigen“ (Freud, S. 126), geht es in diesen Witzen explizit darum, dass Männer die sexuellen Bedürfnisse der Frau nicht befriedigen. Ein zu kurzer Penis und mangelnde sexuelle Leistungsfähigkeit sind die Grundthemen vieler Antimännerwitze, die ein Wortspiel enthalten.
Auf einer Party wird eng getanzt. Er: „Puppe, du hast aber wenig Holz vor der Hütt’n.“ Sie: „Um dieses kleine Würstchen zu braten, wird es schon reichen.“
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Zwei Nachbarinnen unterhalten sich: „Mein Mann ist heute zum Zeugen geladen worden.“ – „Ach, das ist eine gute Idee. Meinen sollte ich auch einmal laden lassen.“ (Hirsch, S. 79)
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Eine Frau kommt euphorisiert vom Gynäkologen und erzählt ihrem Mann: „Liebling, stell dir vor, der Gynäkologe hat zu mir gesagt: Sie haben Beine wie eine Zwanzigjährige.“ Er brummt Unverständliches. – „Der Gynäkologe hat gesagt: Sie haben eine Brust wie eine Dreißigjährige.“ – „Und über deinen fünfzigjährigen Arsch habt ihr nicht geredet?“ – „Nein Liebling – kein Wort über dich.“ (Fritsch, S. 22)
Dieser Witz stammt aus dem Buch Wenn Frauen herzhaft lachen. Die besten Witze über Männer. Das Buch der Journalistin Sibylle Fritsch ist 1998 erschienen. Aus sprachlicher Sicht geht es um einen Doppelsinn des Wortes Arsch.
Auch in einigen anderen Witzen steht das umgangssprachliche Wort für Gesäß im Mittelpunkt.
Warum gibt es die Pille für den Mann noch nicht? – Weil man für Ärsche normalerweise Zäpfchen nimmt.
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Die Männer schauen den Frauen auf den Hintern und denken: „Boah, was für ein Arsch!“ Das tun Frauen auch, nur dass sie den Männern dabei ins Gesicht schauen.
Bei diesem Witz erlaubt die Pointe zwei Interpretationen: Hat der Mann „ein Arschgesicht“ oder „verhält er sich wie ein Arsch“? Ein milderes Exemplar dieses Witzetypus geht so:
Ein Paar sitzt im Restaurant beim Essen. Der Mann patzt sich an und sagt: „Na geh, jetzt schau ich aus wie ein Schwein!“ Darauf seine Frau: „Ja, und angepatzt hast du dich auch noch!“
Bleiben wir noch bei den Antimännerwitzen, aber gehen wir kurz noch in eine andere Richtung.
Ein Ehepaar hat zwei wunderschöne Töchter und jetzt einen abgrundtief hässlichen Sohn bekommen. Da sagt der Ehemann: „Hast du mich etwa betrogen?“ Die Ehefrau: „Nein, dieses Mal nicht!“
Der Witz spielt darauf an, dass Männer kein gesichertes Wissen über die Vaterschaft besitzen. Das war auch schon in der Antike Thema von Witzen (siehe S. 20).
Die Witzekultur war zu Freuds Zeiten männlich dominiert. Dies hängt damit zusammen, dass ein aggressives verbales Verhalten bei Männern akzeptiert wurde, bei Frauen jedoch verpönt war. Relevant ist auch, dass der Witzeerzähler während des Erzählens im Mittelpunkt der Gesellschaft steht – auch das wurde den Frauen damals noch nicht zugestanden. Außerdem entwickeln Männer eher jenes Gefühl der Selbstsicherheit, das beim Erzählen eines Witzes notwendig ist. Wenn ich mit einem einleitenden Rahmen „Kennst du den?“ zu erzählen beginne, dann muss ich darauf vertrauen, dass ich die Anwesenden zum Lachen oder zumindest zum Schmunzeln bringe. „Insgesamt können sich Mädchen und Frauen zwar noch immer nicht uneingeschränkt in allen Formen von Humor den Jungen und Männern ähnlich sanktionsfrei betätigen“, schreibt die Freiburger Linguistin Helga Kotthoff, „ihr Handlungsspielraum hat sich aber erweitert“ (Kotthoff, S. 164). Sibylle Fritsch sieht es ähnlich: „Langsam, aber konsequent sind Frauen in die Imperien der Männer eingedrungen. (…) In Frauenwitzen werden Männer gnadenlos betrogen und als impotent hingestellt, oder sie sind überhaupt das Letzte. Eine Kostprobe gefällig? Was macht eine Frau morgens mit ihrem Arsch? Sie schmiert ihm Brote und schickt ihn zur Arbeit. Die Schärfe der Frauenwitze mag eine Antwort sein auf mehrere 1000 Jahre Patriarchat.“ (Fritsch, S. 94)
Die folgende Scherzfrage, mit der ich dieses Kapitel abschließe, ist eine Reaktion der Frauen auf die Blondinenwitze und gleichzeitig auch ein Metawitz:
Weshalb sind Blondinenwitze immer so kurz? – Damit sie auch die Männer verstehen!
Wahrscheinlich ist in diesem Fall jener Burgenländerwitz Pate gestanden, den Sie auf Seite 40 gelesen haben. Kurz sind sie allesamt: die Ostfriesenwitze, die Burgenländerwitze und die Blondinenwitze – wenn sie in Form einer Scherzfrage daherkommen.
Der soziale Abstieg des niederen Adels – Graf-Bobby-Witze
Nun zu einem ganz anderen Typus, auch er ist historisch. Dumm, begriffsstützig und naiv ist in diesem Fall ein Mann. Die Rede ist von Graf Bobby. Viele Witze rund um diese fiktive Person haben eine sprachliche Komponente.
Graf Bobby war eine Wiener Witzefigur, die um 1900 in der Spätphase der k. u. k. Monarchie entstanden ist und bis in die frühen 1990er Jahre populär war. Ich beginne mit einem gelungenen Witz. Es ist zwar kein Sprachwitz, aber für mich ist es der Archetypus eines Graf-Bobby-Witzes.
Graf Bobby steigt in Salzburg in den Zug und trifft dort seinen Freund, einen Esterházy. Beide unterhalten sich angeregt über dies und das. Schließlich meint Graf Bobby: „Siehst den Fortschritt der Technik? I fahr’ nach Innsbruck, du fahrst nach Eisenstadt, und beide hock’n wir im selben Zug!“ (vgl. Landmann 1960, S. 269)
Häufig fungieren in diesen Witzen Bobbys Freunde als Stichwortgeber: Graf Rudi, Baron Mucki, Graf Poldi und Baron Schmeidl. Die Kunstfigur wurde so populär, dass derartige Witze nicht nur in Anthologien und Sammlungen erschienen, sondern auch Filme mit Graf Bobby produziert wurden. In dem Film Die Abenteuer des Grafen Bobby (1961) spielte Peter Alexander die Hauptrolle, Gunther Philipp stellte den Grafen Mucki dar.
In einer Art Eingangscouplet charakterisieren sich die Grafen Bobby und Mucki selbst.
„Wir sind zwei Witzfiguren, sind überall bekannt.“
„Der Bobby und der Mucki, so werden wir genannt.“
„Man sagt, dass wir zwei blöd sind, doch scher’n wir uns nicht drum.“
„Von blöd ist keine Rede, wir sind nur bisserl dumm.“ (…)
(beide) „Na bitte sehr, man sagt ja nix, man red’t ja nur davon.“
In der nächsten Strophe wird ein Graf-Bobby-Witz in Reimform wiedergegeben.
„Ich habe gehört im Jockey Club den Grafen Rudi sag’n, / du hättest einen Unfall gehabt mit deinem Wag’n.“
„Es war nur a Missverständnis, wir fuhren quer durch Wien / mit 100 Kilometer, ich und Contess Pauline. / Da stoppt ein Polizist mich und sagt: ‚Mein Herr, / man fahrt durch eine Stadt doch mit 50 und nicht mehr!‘ / ‚Das war a Missverständnis, ich dachte pro Person.‘“
(beide) „Na bitte sehr, man sagt ja nix …“
Der Jockeyclub am Schubertring in Wien zählt zusammen mit dem Rennverein und dem St. Johanns Club zu den drei exklusiven Wiener Freizeitclubs. Im Jockeyclub trifft sich vor allem der Adel.
Auch Schallplatten mit Graf-Bobby-Witzen erschienen in den 1960er und 1970er Jahren. Hier waren unter anderem Peter Igelhoff als Bobby und Fred Rauch als Rudi bekannte Darsteller.
Die Klassiker unter den Graf-Bobby-Witzen sind landauf und landab erzählt worden, sie wirken heute abgedroschen.
Bobby trifft beim Spaziergang im Park die Gräfin Ariadne. „Meine Verehrung, Gnädigste. Wie geht’s denn dem werten Töchterlein?“ „Danke der Nachfrage. Es läuft schon seit 14 Tagen.“ „Oh“, staunt Bobby, „da muss es ja schon fast in Venedig sein.“ (Böhm, S. 10)
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Graf Bobby kommt zu Besuch. In der Wohnung schreit dauernd ein kleines Kind. „Was hat denn das Kind?“, erkundigt sich Bobby höflich. Sagt die Mutter: „Es bekommt Zähne.“ – Darauf Bobby: „Ja will’s denn keine?“ (Böhm, S. 19)
Die Witzefigur Graf Bobby ist ideal für Unbildungswitze. Manche von ihnen können richtig wehtun.
Graf Bobby steht vor der Abendkassa der Staatsoper: „Was wird denn heute gegeben?“ – „Tannhäuser oder der Sängerkrieg auf der Wartburg“ – „Schlamperei“, sagt Graf Bobby, „jetzt könnte das Programm eigentlich schon feststehen.“ Verärgert geht er die Ringstraße entlang zum Burgtheater: „Was steht heute auf dem Programm?“ – „Was ihr wollt.“ – „Gut, dann spielen Sie die Klabriaspartie!“ (bei Muliar, S. 24–25, als Teil einer längeren jüdischen Anekdote; bei Böhm, S. 174, bis zur Zwischenpointe)
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Graf Bobby wird vom Heiligen Vater in Privataudienz empfangen. Er begrüßt ihn ehrfürchtig. Der Kardinalkammerherr deutet ihm hinter dem Rücken des Heiligen Vaters mit der ringbewehrten Rechten mehrmals den Handkuss. Bobby reagiert vorerst nicht. Dann aber geht es wie ein Leuchten über seine Züge: „Und fast hätt’ ich vergessen, Eure Heiligkeit – einen Handkuss an die gnädige Frau Gemahlin!“ (Bemmann, 1970, S. 130–132, 1973, S. 168–170)
In der ungarischen Reichshälfte spielte der Baron Mikosch eine vergleichbare Rolle. Da diese Figur nicht nur dumm war, sondern auch Deutsch mit ungarischem Einschlag sprach, hatten die Witze einen fremdenfeindlichen Anstrich, wenn sie in Österreich oder Deutschland erzählt wurden – wobei das Ungarische vom Deutschen so weit entfernt ist wie das Türkische. Die Sprachprobleme sind also verständlich.
Mikosch: Is sich dumme Sproch’, dos Daitsch; gibt’s do Worte, wo man konn dovor setzen jedden Artikel und haßt sich donn immer onders.
Deutscher: Lieber Baron, da werden Sie mir wohl den Beweis schuldig bleiben, das gibt es nicht.
Mikosch: Ober, bitt’ ich Ihnen, zum Baispül, sog’ ich: der Regent, is sich dos Monorch; sog’ ich ober: die Regent, is dos Monn mit Taktstock; und wenn ich soge: das Regent, werd’ ich noss und muss Regenschirm aufsponnen. (Arnheim, S. 19)
Baron-Mikosch-Witze wurden erstmals unter dem Titel Baron Mikosch, der ungarische Witzbold 1889 in Berlin publiziert. Die hier zitierten Witze sind einer Sammlung von J. C. Arnheim aus dem Jahr 1913 entnommen.
Mikosch ist angetrunken und erkundigt sich nachts um 1 Uhr auf der Straße nach der Zeit. Der Gefragte gibt ihm eine Ohrfeige und sagt: „Es hat eins geschlagen.“ „Teremtete“, sagt der Baron, sich die Wange reibend, „hob’ ich Glück gehobt in Unglück; wenn hätt’ ich ihn gefrogt vor einer Stund’, hätt’ er mir zwölf gegeben.“ (Arnheim, S. 12)
Der Baron Mikosch verwendet gerne das Fluchwort teremtete. Es ist gleichbedeutend mit „Zum Teufel!“. Morphologisch ist es ein Participium Passivum vom Verbum teremteni (= schaffen, herbeischaffen, hervorbringen), mit dem es aber den Zusammenhang schon verloren hat. Dagegen hat die ungarische Sprache von teremteni ein anderes Wort abgeleitet: teremtettezni (= fluchen). Dieser Baron-Mikosch-Witz ist die Abwandlung eines alten jüdischen Witzes mit der Pointe: „No, wenn er mich hätt’ um ä Stund früher gefragt, hätt’ ich zwölf Pätsch gekriegt.“ (Eisenbach, VI, S. 8–9)
Man spricht über Musiker und Mikosch sagt: „Geb’ ich nit viel auf olle haitige Pianisten, seit ich hob’ gehört Zweischock auf Klafünf.“ – „Sie irren sich, lieber Baron, Sie meinen wohl Dreyschock auf dem Klavier.“ – „Konn sich dos auch so sein; hob ich mir gemerkt, dass’s mocht zusommen sieben.“ (Arnheim, S. 18)
Alexander Dreyschock (1818–1869) war ein böhmischer Klaviervirtuose, der zu seiner Zeit als einer der bedeutendsten Pianisten galt. Im Übrigen gehört der Witz auch in die Kategorie der Mnemotechnikwitze (siehe S. 66).
Aber vielleicht war auch das ursprünglich gar kein Baron-Mikosch-Witz, sondern ein jüdischer Witz. Jan Meyerowitz hält diesen Witz sogar für „das erste große ‚Sujet‘ des jüdischen Witzes wie wir ihn kennen“. Als im 18. Jahrhundert die aufklärerische Bewegung Haskala entstand, die sich für eine kulturelle Annäherung in die christliche Mehrheitsgesellschaft einsetzte, wurde sie „von Gegnern wie auch von wohlwollend ironischen Anhängern in unzähligen Witzen lächerlich gemacht“. (Meyerowitz, S. 49)
Ein Jude kehrt von einer Reise nach Budapest, wo er den damals berühmten Pianisten Dreyschock gehört hat, in seine Kleinstadt zurück und erzählt stolz: „Ich bin gegangen ins Konzert – hab’ ich gehört Zweischock auf Klafünf.“ – „Du meinst Dreyschock auf Klavier.“ – „Ach, hab’ ich mir nur gemerkt: Macht zusammen siebene!“ (Meyerowitz, S. 49)
Weil wir gerade bei den Mnemotechnikwitzen sind, gleich noch einer mit dem Baron Mikosch als Hauptfigur:
Baron Mikosch kommt nach Wien und fragt einen Wiener: „Wo ist bittaschän Kupferplotz?“ Der Wiener überlegt: „Kupferplatz, nie gehört. Wir haben einen Stephansplatz, einen Michaelerplatz, einen Goetheplatz …“ – „Igen! Goetheplatz! Hob ich verwächselt Goethä mit Schillär, Schillär mit Lessing, Lässing mit Mässing und Mässing mit Kupfär.“ (vgl. Ott, S. 89)
Mikosch rückt ein war der Titel eines Kinofilms unter der Regie von Johann Alexander Hübler-Kahla. Die Besetzung der deutsch-ungarischen Produktion aus dem Jahr 1952 stand dem zuvor erwähnten Graf-Bobby-Kinofilm um nichts nach.
Die Graf-Bobby-Witze und die Baron-Mikosch-Witze hatten ein Pendant im deutschen Kaiserreich.
Major von Zitzewitz und Major von Bülow treffen sich im Casino.
Von Bülow: Wo waren Sie denn jestern Abend?
Von Zitzewitz: Jestern Abend … Theater jewesen!
Von Bülow: Und, was haben Sie jesehen?
Von Zitzewitz: Seltsame Sache! Stück von Schiller. Zivilist schießt auf Obst.
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Ein Offizierskollege zu Graf Zitzewitz: „Heute im Casino jewesen, Beethoven gespielt.“ Darauf Zizewitz: „Und, jewonnen?“
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Graf Zitzewitz zum Ober: „Bin heut Abend im Kasino, könnense mir nichen Witz erzählen?“ – „Sehr wohl Herr Graf.“ Der Ober nimmt drei Bohnen, legt sie auf den Tisch, nimmt dann eine Bohne und legt sie etwas zur Seite auf den Tisch. „Was ist das, Herr Graf?“ Zeigt auf die Bohne. – „Na, was solln des sein? Ne Bohne natürlich!“ – „Schauen Sie, Herr Graf …“ Er legt die Bohne zu den zwei anderen und dann wieder zur Seite: „Bohn apart, Bonapart.“ – „Famos, muss ich sofort im Casino erzählen, famos.“
Am Abend im Kasino. „Hören Se ma, Leutnant, hab’ da nen großartigen Witz jehört – Ober, nu bringense ma ne Handvoll Bohnen her.“ Der Ober bringt die Bohnen. Graf Zitzewitz legt den Großteil der Bohnen in die Tischmitte und einige wenige an den Rand. „Na, Leutnant, was is das?“ – „Das ist ein Teil der Bohnen.“ Zitzewitz: „Nee, mein Lieber, das ist Napoleon!“
Version 2
Der Ober bringt Erbsen, weil keine Bohnen vorhanden sind. (…) „Na, Leutnant, was is das?“ – „Ja, Herr Graf, würde sagen Erbsen.“ – „Aber nein, nein, is doch janz einfach: Napoleon!“
Das ist ein Zerlegungswitz, der Name Bonaparte wird zerteilt, wodurch ein annähernder Gleichklang mit „Bohne“ und „apart“ entsteht – Letzteres hier allerdings nicht mit der heute gängigen Hauptbedeutung: von eigenartigem Reiz, besonders reizvoll, geschmackvoll. Gemeint ist im Witz eine alte Bedeutung, die schon verblasst ist: einzeln, gesondert – im Wort Apartheid (= Politik der Rassentrennung) ist sie noch sichtbar.
Nur so nebenbei sei gesagt, dass auch ein Baron-Mikosch-Witz, den Hans Weigel – und nicht nur er – erzählt hat, ähnlich strukturiert ist.
Baron Mikosch ließ sich gerne vom Portier des Hotels Bristol Witze erzählen. Einmal fragte ihn der Portier des Hotels Bristol: „Wer ist das, Herr Baron? Es ist nicht mein Bruder und nicht meine Schwester und ist doch das Kind meiner Eltern?“ – „Weiß ich, bitte, nicht.“ – „Das bin ich.“ – „Großartig, muss ich zuhause gleich erzählen.“
Mikosch kommt nachhause und fragt alsbald die Runde seiner Freunde: „Wer ist das? Ist nicht mein Bruder und nicht meine Schwester und ist doch das Kind meiner Eltern … Wisst ihr nicht? Das ist der Portier vom Hotel Bristol.“ (Ott, S. 17–18, Weigel, S. 11)
Diese Witze waren ursprünglich eine mit Schadenfreude durchwachsene Reaktion der Bildungsbürger auf den Niedergang des Adels. Dieser begann 1848, führte 1907 zur endgültigen Abschaffung des Kurienwahlrechts und Einführung des allgemeinen Wahlrechts für Männer über 24 Jahre und endete 1919 mit der Verabschiedung des Adelsaufhebungsgesetzes. Nach dem Ende der Monarchie Österreich-Ungarn stand fest, „dass eine demokratische Republik unmöglich einen neuen Adel schaffen kann“, schrieb die Neue Freie Presse am 4. April 1919. „Denn das ganze Wesen eines solchen Freistaates beruht auf der Gleichberechtigung. Wird von der Demokratie die Gleichberechtigung abgezogen, dann bleibt eine Regierungsform zurück, von der alle Schichten des Volkes bedrückt werden, die nicht zu den herrschenden Klassen gehören.“ Fortan war es verboten, Adelszeichen wie „von“, „Edler“, „Erlauchter“, „Durchlaucht“ oder „Hoheit“ zu verwenden. Abgeschafft wurde auch das Recht zur Führung von Standesbezeichnungen wie Freiherr, Fürst, Graf oder Ritter – ebenso wie das Führen von Familienwappen. Bei Zuwiderhandeln drohten Strafen von bis zu zwanzigtausend Kronen oder Arreststrafen bis zu einem halben Jahr. Adalbert Graf Sternberg, Abkömmling eines böhmischen Adelsgeschlechts, ließ sich auf seine Visitenkarte einen Text drucken, der eigentlich ein Sprachwitz ist:
Adalbert Sternberg
Geadelt von Karl dem Großen, entadelt von Karl dem Renner
Ihre Hochblüte erlebten die Witze rund um den Grafen Bobby und den Baron Mikosch allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg, also eine Generation später. Wer dann noch immer seine (niedrige) adelige Herkunft demonstrativ vor sich hertrug, rückwärtsgewandt und gleichzeitig ungebildet oder begriffsstützig war, verdiente sich den Spott der Lachgemeinschaft.
Eine Neureiche blamiert sich – Frau-Pollak-von-Parnegg-Witze
Eine österreichische Herkunft weisen auch die Frau-Pollak-von-Parnegg-Witze auf. Salcia Landmann negiert sie in ihrer ersten Sammlung aus dem Jahr 1960, erst in der Taschenbuchausgabe 1962 tauchen diese Witze auf – in einem eigenen Kapitel, das sie mit folgender Einleitung versieht: „Frau Pollak von Parnegg, die Gattin eines getauften und geadelten Wiener Industriellen, hat wirklich gelebt. Sie war eine populäre Figur. Man behauptet, ihre Söhne hätten alle Aussprüche, die man ihr jeweils unterschob, gesammelt und ihr unter dem Titel ‚Ausflüsse aus dem Muttermund‘ dargebracht.“ (Landmann, 1962, S. 202) In der erweiterten Ausgabe 1988 fügt sie einen Satz hinzu: „Beim Einmarsch Hitlers in Wien stürzte sie sich aus dem Fenster.“ (Landmann, 1988, S. 439)
Während die Tante Jolesch eine von Friedrich Torberg erfundene literarische Figur ist, hat die Frau Pollak wirklich gelebt. Jene biografischen Angaben, die über sie kursieren, sind allerdings zum größten Teil falsch, wie der Genealoge Georg Gaugusch herausfand. Im zweiten Band seines epochalen Werkes Wer einmal war. Das jüdische Großbürgertum Wiens 1800–1938 stellt der Eigentümer und Geschäftsführer eines noblen Tuchgeschäfts am Michaelerplatz klar: Gemeint ist Mathilde von Pollack Parnegg, geboren am 25. Oktober 1845 in Prag. Am 7. April 1867 heiratete sie als Einundzwanzigjährige den aus Nikolsburg (Mähren) stammenden und um sechs Jahre älteren Leopold Pollack, ebenfalls aus einer jüdischen Familie. (Gaugusch, Bd. 2, S. 2593–2597) Dieser übernahm von seinem Vater ein kleines Kurrentwarengeschäft – als Kurrentwaren bezeichnete das damalige Handelsrecht Baumwolltextilien. Aus dem kleinen Geschäft entwickelte er gemeinsam mit seinem Bruder Bernhard ein europaweit agierendes Textilimperium mit rund fünftausend Beschäftigten. Er war einer der erfolgreichsten Großindustriellen seiner Zeit und galt als Wortführer der damaligen Textilindustrie. (Gaugusch, Bd. 2, S. 2594) Im Jahr 1894 wurde ihm der Adelsstand verliehen – unter Hinweis auf seine langjährige Tätigkeit als Präsident der Wiener Kaufmannschaft. Fortan ist er „Freiherr von Parnegg“, in den Witzen wird er meist zum Baron erhoben. Die Schreibung des Familiennamens wird in den Witzen von „Pollack“ auf „Pollak“ geändert, damit die erste Silbe betont wird. Ohne -c- schrieben sich übrigens die Vorfahren des Industriellen – ein -ck gibt es im Tschechischen nicht. Leopold Pollack wechselte nicht vom Judentum zum Christentum. Dass sich seine Frau Mathilde, eine Jüdin, taufen ließ, ist ebenfalls eine Legende. Auch sie blieb ihrer Religion treu. Und sie sprang nicht im Jahr 1938 beim Einmarsch der Nazitruppen aus dem Fenster, wie in einigen Witzesammlungen zu lesen ist, sondern starb am 26. November 1923 an einem Herzschlag, nachdem sie vorher entmündigt worden war. Sie überlebte ihren Mann nur um eineinhalb Jahre. Die Gefühlskälte, die ihr im folgenden Witz angedichtet wird, ist wohl frei erfunden. Oder ist es vielleicht ein surrealistischer Witz?
Man sucht überall nach Herrn Pollak von Parnegg, ruft im Büro, im Klub bei Freunden an – er ist nirgends zu finden. Frau Pollak geht ins Schlafzimmer, da liegt er tot unter dem Bett. Sie läutet dem Stubenmädchen und sagt streng: „Sehen Sie, so räumen Sie auf!“ (Landmann, 1962, S. 202–203)
Die Tageszeitung Die Stunde schrieb am 13. März 1923 unter dem Titel „‚Frau von Pollack‘ – entmündigt“: „Das ist leider kein ‚Frau von Pollack-Witz‘. Wie wir erfahren, ist die bejahrte Dame – Frau Mathilde Pollack-Parnegg steht im 78. Lebensjahre – wegen Geistesschwäche voll entmündigt und zu ihrem Kurator ihr Sohn, Herr Felix Pollack-Parnegg, der leitende Chef der großen Textilfirma Hermann Pollacks Söhne, bestellt worden. Neben der Metternich war ‚Frau von Pollack‘ wohl die populärste Frau in Wien. Nicht so sehr wegen ihrer gesellschaftlichen Stellung, denn sie führte ein zurückgezogenes, ja, für ihre materiellen Verhältnisse recht bescheidenes Leben, sondern wegen ihrer auf wenig Kenntnissen, einem entzückenden Missverstehen aller Fremdworte und einer beispiellosen Misshandlung der deutschen und französischen Sprache beruhenden Aussprüche, die man ihr in den Mund legte. Natürlich hat sie die Ungereimtheiten, über die man sich so köstlich unterhielt, nie gesagt, und es spricht nur für ihr gütiges, unbefangenes Wesen, dass sie selbst über all die vielen Witze herzlich lachen konnte und auch ihrem Sohn, dem Herrn Dr. Otto Pollack-Parnegg nicht gram war, von dem angeblich die meisten und besten ‚Frau von Pollack-Witze‘ stammen sollen.“
Freundin von Frau Pollak auf dem Hausball. „Ein eleganter Mann, der Legationsrat. Er tanzt mit einer gewissen Nonchalance.“ Frau Pollak: „Was fällt ihnen ein! Das ist doch die Siddi Braun!“ (Landmann, 1988, S. 447)
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Frau Pollak besucht mit ihrem Mann eine Galerie. Sie stehen vor einem Bild, auf dem ein ruhendes Mädchen zu sehen ist. „Was stellt dieses Bild dar?“, will sie wissen. „Siesta.“ – „Was heißt sie esst da? Sie schloft da!“ (Landmann, 1962, S. 203)
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Frau Pollak hat einen Teppich annonciert. „Gnädige Frau, der Herr Rappaport ist unten, er reflektiert auf ihren Teppich.“ – „Wischen Sie’s weg und machen Sie kein Aufsehen!“ (Weigel, S. 16; vgl. Landmann, 1988, S. 440)
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Bei einer Ballveranstaltung trifft Frau Pollak den General von François und sagt zu ihm: „Herr Frankoa, tanzen Sie denn gar nicht?“ – „Von François bitte!“ In dem Augenblick kommt etwas dazwischen. Später sieht Frau Pollak wieder den General und wiederholt ihre Frage: „Aber Herr Frankoa, tanzen Sie überhaupt nicht?“ „Von François bitte! Ich habe eine Cédille unterm c!“ Darauf Frau Pollak: „Ach so, wenn Sie etwas am Fuß haben, können Sie natürlich nicht tanzen.“ (vgl. Koch, S. 87–88, vgl. Landmann, 1972, S. 165)
Frau Pollack von Parnegg war nicht eine Jüdin aus ärmlichen Verhältnissen, die in eine reiche Industriellenfamilie eingeheiratet hat. Sie erlebte den Aufstieg Leopold Pollacks zum Großindustriellen von Beginn an als Ehefrau mit. Aber natürlich war sie ein Emporkömmling, allerdings – wenn man dem Zeitungsbericht Glauben schenkt – nicht mit einem protzenden Lebensstil. In den Salons der Stadt, wo man die über sie gemachten Witze erzählte, waren diese Fakten sicherlich bekannt.
Die Witze hatten damals auch einen bitteren Beigeschmack. In einer Phase des aggressiven Antisemitismus unter Bürgermeister Karl Lueger entsprachen Witze über eine reiche Jüdin, die sich fortwährend blamiert, dem Zeitgeist. Die Witze hatten also eine antisemitische Wirkung, wenngleich sie von Juden erzählt, wenn nicht sogar erfunden wurden. Offensichtlich hat man deshalb irgendwann nach ihrem Tod zwei fiktive Elemente in die biografischen Angaben eingefügt: Sie sei zum Christentum konvertiert und sie habe sich im März 1938 nach dem Einmarsch der Nazitruppen aus dem Fenster gestürzt.
Herr und Frau Pollak kommen nach Paris, steigen in einem noblen Hotel ab, und Frau Pollak trägt sich ins Gästebuch ein: Le Baron et la Baronne Pollak de Parnegg, parvenus de Vienne. (franz. venu = gekommen, parvenu = aufgekommen) (Landmann, 1988, S. 443)
Die Frau Pollack stammte offenbar aus einem bildungsfernen Prager Elternhaus, die Geschichten, die über sie erzählt wurden, waren Übertreibungen, aber man kann davon ausgehen, dass sie einen wahren Kern hatten. Gewitzelt wurde über sie, weil sie nicht ein Bildungsniveau anstrebte, das dem sozialen Status ihres zum Großindustriellen aufgestiegenen und geadelten Mannes entsprach.
Frau Pollak besucht eine Ausstellung: „Ich wusste gar nicht, dass der Prinz Eugen ermordet wurde!“ – „Wie kommen Sie drauf?“ – „Lesen Sie selber. Hier steht: Prinz Eugen nach einem Stich von Bernard Picart.“ (Landmann, 2010, S. 578–579 und Ott, S. 175, beide mit „Friedrich der Große“ und „Adolf Menzel“)
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Für ihre nächste Soirée möchte Frau Pollak etwas Besonderes haben. Eine Freundin rät ihr zum Roséquartett. Nach der Soirée fragt sie, wie der Erfolg war. Darauf Frau Pollak: „Komischer Mensch, der Roséquartett. Ich habe ihn engagiert – und er hat sich gleich noch drei andere mitgebracht.“ (Landmann, 2010, S. 582; 2007, S. 281)
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Frau Pollak hat ihre Freunde eingeladen und erzählt ihnen: „Wie wir jetzt in Venedig waren, habe ich einen fabelhaften Tizian gekauft. Aber weil die Behörden die Ausfuhr verboten haben, habe ich mir von einem Maler einen Mussolini drübermalen lassen. Wie ich das Bild hab’ abwaschen lassen, hat mir der Trottel auch den Tizian weggewaschen.“ – „Großer Gott“, sagt einer der Gäste, da haben Sie doch einen großen Schaden erlitten!“ Darauf sagt Frau Pollak: „Zum Glück war der Schaden nicht groß, denn stellen Sie sich vor: Unter dem Tizian war noch ein Bild von unserem seligen Kaiser Franz Joseph.“ (vgl. Landmann, 1988, S. 448–449) ◊
Frau Pollak ruft ihren alten, schwerhörigen Buchhändler an: „Ich möchte ‚Die Fackel‘ abonnieren.“ Der Buchhändler: „Ich höre schlecht, wollen Frau Baronin bitte buchstabieren!“ – „Also passen S’ auf: F wie Ferd. A wie Ampire. C wie zem Beispiel. K wie Krist. E wie ebberhaupt. L wie Lektrische.“ (Landmann, 1988, S. 440)
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Frau Pollak besucht mit ihrem Mann eine Bildergalerie. „Du Moritzleben, was stellt dieses Bild dar?“ – „Stillleben.“ – „Warum? Man wird doch noch fragen dürfen.“ (Landmann, 1988, S. 440)
In diesem Witz heißt Frau Pollaks Ehemann nicht Leopold, sondern Moritz. Aber „Moritzleben“ und „Stillleben“ in einen Zusammenhang zu bringen, ist jedenfalls eine raffinierte Witzetechnik.
Das angehängte „-leben“ in „Moritzleben“, „Tateleben“ etc. geht auf jiddisch leb zurück, mit der Bedeutung „mein Lieber“. So bedeutet tate leb, auch tate leben, so viel wie „lieber Vater“; „Stillleben“ wird von Frau Pollak als sei still, mein leben (= sei still mein Lieber) interpretiert. Das Herkunftswort ist mittelhochdeutsch liep, liup (= lieb). Vielleicht ist die Bedeutung auch durch hebräisch lew (= Herz) beeinflusst. (Wolf, S. 138). Dass Salcia Landmann auch das Wort „Lebkuchen“ mit hebräisch lew in Verbindung bringt, ist nicht durch Forschungsergebnisse der Sprachwissenschaft gedeckt.
Seit wann gibt es die Frau-Pollak-von-Parnegg-Witze? Sie dürften kurz nach der Jahrhundertwende entstanden sein, wie Gaugusch aus verschiedenen Presseberichten abgeleitet hat. (Gaugusch, Bd. 2, S. 2596) In den kleinen Witzebüchern von Heinrich Eisenbach, erschienen ab 1905, heißt die neureiche und ungebildete Jüdin meist noch Baronin von Barches, Baronin Parcheweg oder Baronin Parchenek.
„Barches“ ist die westjiddische Variante des ostjiddischen Wortes „Challa“. Es bezeichnet im 4. Buch Mose 15,17–21, wo die Erstlingsopfer beschrieben sind, den Teil des Brotteiges, der als Opfergabe abgesondert und den Priestern des Tempels gegeben wurde. Nach der Zerstörung des Tempels wurde von den Rabbinern festgelegt, dass ein kleiner Teil des Teiges auch weiterhin abzusondern ist. Da er jedoch nicht mehr den Priestern gegeben werden kann, wird er stattdessen verbrannt.
Wenn Eisenbach im Witz „eine Baronin von Challa“ auftreten lässt, so ist damit diese Person im Publikum unverrückbar als Jüdin identifiziert.
Bei „Baronin Parcheweg“ oder „Baronin Parchenek“ ist wiederum eine Klangähnlichkeit mit „Freiherr von Parnegg“ erkennbar. Zumindest ein Teil der Theaterbesucher wird auch diesen Hinweis verstanden haben.
Die Baronin von Barches spricht mit einem Herrn über Reisen und der Herr sagt, er war jetzt in Italien und hat den Vesuv gesehen. Darauf sagt die Frau Baronin: „Nu, wie sieht er aus?“ Drauf sagt der Herr: „Er raucht ununterbrochen Tag und Nacht.“ Da sagt die Baronin: „Hat der gar nix anderes zu tun?“ (Eisenbach, XV, S. 8)
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Die Baronin Parcheweg hat eine Jause gegeben und der Zucker wurde ohne Zuckerzange serviert, worauf ihr eine Dame gesagt hat: „Frau Baronin, schau’n Sie, es ist ja nichts dabei, aber man muss eine Zuckerzange haben, wenn man bedenkt, dass einige der Herren herausgeh’n, dann kommen sie herein und nehmen den Zucker mit den Fingern und das ist höchst unappetitlich.“ Bei der nächsten Jause war wieder keine Zuckerzange am Tisch und dieselbe Dame sagt: „Frau Baronin, Sie haben wieder die Zuckerzange vergessen.“ Drauf sagt die Baronin: „Ich hab’ nicht darauf vergessen. Überzeugen Sie sich selbst, am Klosett hängt e silberne Zuckerzange.“ (Eisenbach, XIX, S. 13, Landmann, 1962, S. 203, Ott, S. 26, Habres, S. 55)
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In einer Gesellschaft bei der Baronin Parchenek wirft ein Herr die Frage auf: „Was ist der schönste Teil des Weibes? Der eine sagt: Der Mund, der andere, das Auge, ein dritter, der Fuß, wieder ein anderer, die Büste.“ Drauf sagt die Hausfrau: „Herts scho auf, sonst sagt ana wirklich das Richtige!“ (Eisenbach, XIV, S. 8–9)
Vor allem die Witze mit sexuellen Themen werden in einer durch bürgerliche Doppelmoral gekennzeichneten Gesellschaft ein Riesengelächter ausgelöst haben – wenn sie der großartige Schauspieler Eisenbach auf der Bühne darbrachte. Nicht weniger groß wird die Lachkraft gewesen sein, wenn sie ein Leser in dem Büchlein Heinrich Eisenbach’s Anekdoten, gesammelt und vorgetragen in der Budapester Orpheumgesellschaft in Wien vorfand. Außerdem schlug sich Eisenbach mit diesen Witzen auf die Seite der ärmeren Juden – es waren also Schadenfreudewitze und Witze eines Juden „für ünsere Leut‘“.
Aber Eisenbach wurde noch deutlicher. In zwei Witzen, die er auf der Bühne erzählte und in Buchform publizierte, kommt Frau Pollack sogar mit ihrem richtigen Namen vor – es sind die ältesten Belege eines Frau-Pollak-von-Parnegg-Witzes, die ich finden konnte. Dass es sich um eher harmlose Witze handelt, ist nachvollziehbar. Vermutlich dienten sie hauptsächlich dazu, die Verbindung zwischen der realen Frau Pollack und den Witzefiguren Baronin Parcheweg und Baronin Parchenek herzustellen. 1905 gab es ja noch eine strenge Theaterzensur, und angesichts der Deftigkeit mancher Witze über die real existierende Frau Pollack schwebte über dem Kopf des Witzeerfinders auch eine Verleumdungsklage.
Pollack ist geadelt worden und seine Frau stellt ihre Buben vor: „Der Älteste, Max von Pollack, das ist mein Sohn Bernhard von Pollack, hier meine Tochter Malvine von Pollack, hier meine Tochter Ernestine von Polack.“ Darauf sagt die kleine Ernestine: „Nu, ich bin nix von Pollack.“ (Eisenbach, V, S. 7)
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Frau Pollak kommt am Markt und fragt: „Was kosten die Eier?“ Drauf sagt das Marktweib: „3 Stück 10 Kreuzer.“ Drauf die Frau Pollak: „Früher hab’ ich 4 gekriegt. Warum sind die Eier so teier?“ Darauf sagt das Marktweib: „Weil die Hendeln jetzt kane Eier legen, um die Zeit.“ So sagt Frau Pollak: „Und für 10 Kreuzer legen Sie jo Eier?“ (Eisenbach, VIII, S. 7)
Im Jahr 1905, als Heinrich Eisenbach diese Witze in Umlauf brachte, war Frau Pollack von Parnegg eine rüstige Sechzigjährige. Drei Jahre später diente sie dann einem „geistvollen Humoristen“ sogar als Hauptfigur für eine Burleske, die in ihrer Heimatstadt Prag vom Deutschen Männergesangsverein aufgeführt wurde, wie Georg Gaugusch herausfand. Das Stück Soirée bei Frau von Pollak war die Modernisierung einer Offenbach’schen Operette. (Gaugusch, Bd. 2, S. 2596, Anm. 7)
In einem am 25. Februar 1927 in der Kleinen Volkszeitung erschienenen Nachruf auf Anton Dennemayer, einen langjährigen Darsteller des Kellners Moritz in dem Jargonstück Die Klabriaspartie, ist die Meinung einer Leserbriefschreiberin zu finden, wonach die Frau-Pollak-von-Parnegg-Witze bereits in den 1890er Jahren aufkamen und „nur die Epigonen“ der Dialoge in der Klabriaspartie waren. Die zeitliche Datierung kann in etwa stimmen, ist aber wahrscheinlich etwas zu früh angesetzt. Leopold Pollack wurde 1894 zum „Freiherr von Parnegg“, was in den Wiener Salons sicher Gesprächsthema war. Aber eine Neureiche passte nicht in das Milieu der Klabriaspartie. Die Pollacks zählten bekanntermaßen zu den angesehensten und reichsten Leuten Wiens. Allenfalls die falsche Interpretation von Lehnwörtern – Spiritus/Spiritist, Klabrias/Klarinett’ etc. – könnte Vorbild für einige Frau-Pollak-von-Parnegg-Witze gewesen sein.
Ein Beitrag in der humoristischen Zeitschrift Die Muskete vom 11. Jänner 1906 ist im Grenzbereich zwischen Witz und Anekdote angesiedelt – wenn man die heutigen Definitionen dieser zwei Begriffe hernimmt:
(…) Als sich nach dem Ministerrat endlich die Tür öffnete, blieb der Handelsminister auf der breiten, teppichbelegten Treppe stehen, zündete sich eine Zigarette an und sagte zu seinem Kollegen: „Die Eisenbach-Scherze, die der Justizminister erzählte, waren wirklich gelungen.“ Der Ackerbauminister antwortete: „Die neuen Witze von der Frau Pollack, die der Minister des Inneren zum Besten gab, waren auch famos. Wenn nur der Finanzminister nicht gar so fad wäre! Der verdirbt uns mit seinem Leichenbittergesicht jede Sitzung.
In dieser Geschichte werden also die „Eisenbach-Scherze“ in einem Atemzug mit den „Frau-Pollack-Witzen“ genannt. Der Autor des Zeitungsbeitrages wird wohl gewusst haben, dass Eisenbach der Erfinder dieser Witze war, er wollte offensichtlich implizit darauf hinweisen.
In Wien hieß eine koschere Würstelei „Piowati“, und eine koschere Konditorei gehörte einem Herrn „Tonello“. Kommerzienrat Braun zu Herrn Pollak: „Sagen Sie mal, Ihre Gattin erzählt überall, Sie seien eifersüchtig wie Piowati. Was bedeutet das?“ Herr Pollak: „Das ist ganz einfach. Meine Frau meint, eifersüchtig wie Othello. Und um sich ‚Othello‘ zu merken, denkt sie an Tonello. Und Tonello verwechselt sie mit Piowati.“ (Landmann, 1962, S. 202)
Dass sie sich „Othello“ mithilfe der Mnemotechnik merken will, ist allein schon lachhaft. Hinzu kommt die falsche Anwendung dieses Assoziationsverfahrens, das für Witzeerzähler und Kabarettisten ein beliebtes Thema war. Hugo Wiener lässt sie von einer seiner Figuren, dem Herrn Reis, so erklären: „Ich denke an etwas anderes, und dabei fällt mir das Richtige ein.“ Wir werden später in dem Sketch „Etwas über Botanik“ darauf zurückkommen (siehe S. 163 ff.).
Dass die Frau-Pollak-von-Parnegg-Witze so erfolgreich waren, hatte auch einen gesellschaftspolitischen Hintergrund. Es ist kein Zufall, dass sie um die Jahrhundertwende aufkamen. Damals waren unter den Juden „die Unterschiede zwischen den Gebildeten und den Neureichen so groß, dass die Spannung sich in Witzen entlud, die teilweise etwas gehässig waren“, schreibt Eike Christian Hirsch in seinem Witzableiter (Hirsch, S. 73–74).
Genauso gewaltig war auch der Gegensatz zwischen armen und reichen Juden. Über Jahrhunderte war den Juden die Ausübung vieler Berufe sowie der Zutritt zu den Handwerkerzünften untersagt, genauso das Studium an den Universitäten und die Ausübung akademischer Berufe. Deshalb verlegten sie sich auf Geldgeschäfte und auf den Handel. Da sich die meisten Christen bis zum späten Mittelalter an das grundsätzliche Verbot von Zinsgeschäften hielten, wurde das Bankwesen zwangsläufig zu einer jüdischen Domäne. Nicht weniger erfolgreich waren Juden in den letzten Jahrzehnten der Habsburgermonarchie im Bereich der Baumwollspinnerei und Weberei. Einige von ihnen schafften es, innerhalb kurzer Zeit ein Firmenimperium aus dem Boden zu stampfen, begünstigt durch überaus firmenfreundliche Steuergesetze. So war der Onkel von Franz Jolesch – bekannt durch Torbergs Anekdotensammlung – nicht „eine Art Prinzengemahl“, der „ohne die Tante (in dem Buch) gar nicht vorgekommen wäre“. (Tante Jolesch, S. 17) Julius Jolesch war ein zielstrebiger Industrieller, der in Iglau einen erfolgreichen Familienbetrieb aufbaute und später bei dem Großindustriellen Isidor Mautner als Geschäftsführer anheuerte – genau genommen sogar zu dessen rechter Hand wurde.
Bei einem Gedicht von Armin Berg, das dieser in seinen Auftritten vortrug und auch in einem Heftchen publizierte, konnte man an Julius Jolesch, Isidor Mautner oder Leopold Pollak denken.
Mit einer Hose kam Herr Kohn / Nach Wien – jetzt hat er ä Million. / Oft hab’ ich drüber nachgedacht / Was der mit so viel Hosen macht. (Berg, Trommel-Verse, Vers Nr. 21)
Neben dem Doppelsinn von „Million“ – zunächst auf den Geldreichtum Kohns bezogen, dann als Hinweis auf den gigantischen Umsatz des Unternehmens – soll die Schlusszeile wohl implizieren: Was macht dieser Industrielle mit so viel Geld?
In einer älteren Version, einem Kindermundwitz, geht es nicht um Hosen, sondern um Hemden.
„Siehst du, mein Kindleben, was Fleiß tut! Gottlieb Berger ist mit einem Hemd hierhergekommen und jetzt hat er eine Million.“ – „Mame, mei’ Neschome (= Seele), was soll er mit e Million Hemden.“ (Reitzer, Rebbach, S. 8)
Am anderen Ende der sozialen Leiter gab es viele arme Juden, die ums Überleben kämpften. Manche waren mit hohen Erwartungen aus dem Osten des Habsburgerreiches nach Wien gezogen, fanden sich jedoch in der Reichshaupt- und Residenzstadt nicht zurecht. Sie schlugen sich als Hausierer, Gelegenheitsarbeiter, Schnorrer und Zechpreller durchs Leben – oder spielten als Theaterfiguren im Café Spitzer Klabrias.
Zum Verständnis des folgenden Witzes muss man wissen, dass nü so viel wie „na und“ bedeutet.
Frau Pollak: Baron, Sie machen sich keine Vorstellung, was wir haben gegeben gestern für ein Menu (gesprochen mit u) …
Baron Schönfeld (höflich korrigierend): …nü!
Frau Pollak: Wie haißt „nü“? Zuerst gab es Kaviar und Austern, dann Spargel und Hummer, dann Ente mit Orange, zuletzt Fürst-Pückler-Eis … Also ich sage Ihnen, ein Menu (wieder gesprochen mit u)!
Der Baron: …nü!
Frau Pollak: „Nü“?! Ist Ihnen das noch nicht genug? (Landmann, 1972, S. 171)
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Frau von Pollak verbringt Weihnachten auf dem Semmering. Als sie eines Abends mit einem Bekannten eine Partie Schnapsen spielt, gesellt sich ein Kiebitz hinzu, der sie fragt: „Haben Sie Schi (gesprochen Schi) mitgenommen, Gnädigste?“ Frau von Pollak: „No na! Barfuß werd’ ich im Schnee herumrennen!“ (sie versteht Schuh) Hierauf er wieder: „Ich meine, ob Sie Skis (gesprochen Sk…) haben?“ Frau von Pollak: „Wieso, Sie sehn doch, dass mer schnapsen!“ (sie versteht Skis oder Sküs, die höchste Karte im Tarockspiel) Der Kiebitz gibt noch nicht auf. „Verzeihung, Gnädigste, ich wollte nur wissen, ob Sie Schis haben.“ Darauf Frau Pollak mit indigniertem Blick: „Schiss? Wovor?“ (Landmann, 1972, S. 173)
Wer diesen Dreizahlwitz heute erzählt, muss beim Zuhörer altes Wissen über Kartenspiele voraussetzen oder den Witz erklären.
In den Landmann’schen Sammlungen finden sich auch einige wenige Witze, in denen die Unbildung eines Mannes angeprangert wird.
Korngelb, reich geworden, lässt seinem Sohn Klavierunterricht geben. Vom Nebenzimmer aus hört er zu. Plötzlich kommt er außer sich vor Zorn ins Musikzimmer hineingestürzt und schreit den Klavierlehrer an: Ich hab’ Sie engagiert, damit Sie mei’ Sohn das Klavierspielen beibringen – und Sie wagen es mit ihm stattdessen Karten zu spielen?“ – „Aber wie kommen Sie darauf“, fragt der Klavierlehrer erstaunt. „Ich habe ganz deutlich gehört, wie Sie zu meinem Sohn gesagt haben: Jetzt spielst du das As!“ (Landmann 1972, S. 161)
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Herr und Frau Blau kommen nach Wien und gehen ins Theater. Gespielt wird die Operette „Madame Pompadour“. Das Stück hat schon angefangen, als Frau Blau ihren Mann fragt: „Wer war Madame Pompadour?“ Herr Blau weiß es auch nicht. Er fragt den Herrn, der neben ihm sitzt. Der gibt zur Antwort: „Eine Rokokokokotte.“ – „Ich hatte Pech“, flüstert Blau seiner Frau zu, „der Herr neben mir stottert.“ (Landmann, 1988, S. 430–431)
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Silberstein, reich geworden, geht zum bekanntesten Modemaler der Stadt, um sich Bilder für seine neue Villa auszusuchen. Vor einem der Gemälde bleibt er stehen. „Was stellt das dar?“ – „Die zwölf Söhne Jakobs.“ – „Hat nicht auch Reichstein von Ihnen ein Bild mit den zwölf Söhnen Jakobs?“ – „Ja.“ – „Für mich malen Sie vierzehn Söhne!“ (Landmann, 1972, S. 165–166)
Version 2
Herr Neureich geht zum bekanntesten Modemaler der Stadt. (…)
„Die zwölf Apostel.“ (…) „Für mich malen sie vierzehn Apostel!“
Welche Version die ältere ist, lässt sich nicht feststellen. Aus Jakobs Söhnen gehen die Zwölf Stämme Israels hervor, die zwölf Apostel sind von Jesus Christus mit der Verkündigung des Glaubens beauftragt worden.
Während die Graf-Bobby-Witze so gut wie ausgestorben sind, leben Witze über Neureiche weiter – Emporkömmlinge gibt es in jeder Gesellschaft.
Lutz Röhrich weist darauf hin, dass derartige Witze häufig in einer Großstadt angesiedelt sind, wo Neureiche eher anzutreffen sind als auf dem Lande. In Berlin werden die dummen Aussagen einem Herrn und einer Frau Raffke in den Mund gelegt, weshalb sie Röhrich mit berlinerischer Dialektfärbung erzählt (Röhrich, S. 229–230).
Raffke wird gefragt: „Kann Ihre Tochter Esperanto?“ – „Na klar, wie ne Einjeborene.“
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Frau Raffke erzählt stolz: „Unsere Wohnung ist voller Tizians.“ Fragt Frau Neureich: „Könn’ Se nich mal ’n Kammerjäger komm’n lassen?“ (vgl. Landmann, 2010, S. 588, mit „Frau Pollak“ und „Kokoschka“)
Frau Neureich ist ein sogenannter sprechender Name, er gibt Auskunft über den Namensträger – wie Nestroys Zwirn, Knieriem und Leim – und tritt im Witz an die Stelle eines konkreten Familiennamens.
Bei einem Aufenthalt in Florenz sagt Herr Neureich zu seiner Gattin: „Heute beim Mittagessen hast du dich wieder schön blamiert. Botticelli ist doch kein Wein, sondern ein Käse!“
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Familie Neureich besucht eine Ausstellung und lässt sich von einem Führer durch die Räume begleiten. Gleich beim ersten Bild platzt Frau Neureich voll Freude heraus: „Ah, ein Michelangelo!“ – „Nein, meine Dame, das ist ein da Vinci, Leonardo da Vinci!“ – „Ach so? Aber hier, dies hier ein Schiele!“ – Der Ausstellungsführer geduldig: „Nein, tut mir leid, aber das ist ein Klimt, Gustav Klimt!“ – „Ach so? Aber das da ist ein Van Gogh!“ Die Antwort kommt mit einem Seufzer: „Nein, leider, das ist ein Rubens, meine Dame, Peter Paul Rubens!“ Frau Neureich gibt nicht auf: „Wirklich? Aber das, das muss ein Picasso sein!“ – „Nein, meine Dame, das ist, mit Verlaub, ein Spiegel …“
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Frau Neureich hat eine Schiffsreise bei Neckermann gebucht, und dazu gehört natürlich auch das Kapitänsdinner. Frau Neureich steht dabei an der Salatbar und füllt ihren Teller. Da kommt ein Offizier, um ebenfalls Salat zu nehmen. Frau Neureich sieht ihn ganz verzückt an und fragt, wer er sei. Da antwortet der Mann: „Ich bin der 1. Deckoffizier.“ Darauf Frau Neureich: „Mein Gott, Neckermann denkt wirklich an alles!“
Der recht junge Neureich-Witz – Neckermann bot 1963 erstmals Reisen an – entwickelt eine beachtliche Lachkraft, weil es nicht nur um eine Missinterpretation der Bezeichnung „Deckoffizier“ geht. Bekannte Firmenslogans waren „Besser dran mit Neckermann“ und „Neckermann macht’s möglich“. Im Witz erweckt der Firmenname den Eindruck, als würde „ein Mann“ eine Touristin „necken“. Es ist also auch ein Namenwitz. Wer in diesem Witz „Neckermann“ durch „Ruefa“ oder „Kuoni“ ersetzt, wird nur wenige Lacher ernten.
Die Frau-Pollak-von-Parnegg-Witze werden auch heute noch adaptiert und modernisiert: Hier zunächst ein Witz in einer ursprünglichen Fassung, aufgezeichnet von Salcia Landmann. Es ist ein Witz mit aneinandergereihten Paronymen, das sind ähnlich klingende Wörter innerhalb einer Sprache oder eines Dialekts, die oft verwechselt werden. In diesem Witz wird immer das falsche Wort verwendet, das richtige muss vom Zuhörer assoziiert werden (siehe S. 125 f., 195 f.).
Frau von Pollak: Unsere Älteste heiratet den jungen von Salomon. Wir haben ihr eine Wohnung eingerichtet – das glauben Sie nicht! In einem todschickeren (schicker = betrunken) Haus mit lauter Marmor und Fahrstuhl mit echtem Liftgoj. Überall echte Perverser, auf dem Tisch achtarmige Kadaver, die Wände makkaronigetäfelt, die Tischtücher reines Damaszenerlinnen, das Schlafzimmer im Stil Louis Quatorze, dem Fünfzehnten, das Spielzimmer im Vampyrstil, das Speisezimmer à la Gebrider-Meyer, und auf der Steppdecke haben wir die verschlungenen Genitalien des Paares einsticken lassen. (Landmann, 1988, S. 441–442)
Die modernisierte Variante habe ich im Internet gefunden. Aus dem Frau-Pollak-von-Parnegg-Witz wird ein Blondinenwitz. Die Hauptfigur ist eine Neureiche mit Bildungsmanko – wie die Witzefigur in den Valley-Girl-Witzen (siehe S. 47 f.).
Eine Blondine geht an einem Juweliergeschäft vorbei und sieht in der Vitrine ein Diadem mit Smaragden und Amethysten. Sie geht in das Geschäft und sagt: „Guten Tag, sind Sie der Jubilar?“ Der Inhaber stutzt und antwortet: „Ja, gnädige Frau, ich bin der Juwelier, was kann ich für Sie tun?“ – „Sie haben da draußen in der Latrine so ein wunderbares Diadom liegen, mit Schmarotzern und Atheisten besetzt. Was soll das bitte kosten?“ Der Juwelier schluckt und sagt: „Liebe, gnädige Frau, das kostet fünfundzwanzigtausend Euro.“ Sie: „Mein Mann hat mir zwar plein pissoir gegeben, aber das übersteigt im Moment mein Bidet. Kann ich bitte telefonieren?“ – „Aber natürlich, gnädige Frau. Links herum, die Treppe hinauf, dort sehen Sie es schon.“ „Oh, sind Sie explosiv eingerichtet, diese Makkaronidecke und die Lavendeltreppe, so etwas habe ich in einem Geschäft noch nicht gesehen.“ Sie telefoniert mit ihrem Mann und kommt zurück: „Das geht dann in Ordnung, mein Mann holt das Diadom morgen für mich ab.“ – „Entschuldigen Sie, aber woran erkenne ich Ihren Mann, gnädige Frau?“ – „Gut, dass Sie mich fragen, er kommt in einem bordellfarbenen Mustang vorgefahren und hat vorne seine Genitalien eingraviert.“
In der Schlusspointe mit Selbstentlarvung wird angedeutet, dass jener Mann, der das Diadem mit den Smaragden und Amethysten bezahlen wird, ein Bordellbesitzer ist. Ausschlaggebend ist die Assoziationstechnik, der ich später ein eigenes Kapitel widme (siehe S. 192 ff.).
Ein Student bei der Prüfung in Geschichte. „Wie heißt der Franzose, der General war, dann Erster Konsul und später Kaiser?“ Der Kandidat denkt angestrengt nach, schüttelt den Kopf und sagt: „Weiß nicht.“ – „Napoleon Bonaparte!“, brüllt der Professor. Der Kandidat steht auf und geht zur Tür. „Halt, wo wollen Sie hin?“, ruft der Professor. „Ach so, Verzeihung“, murmelt der Kandidat, „ich habe geglaubt, sie wollen schon den nächsten aufrufen.“ (Hirsch, S. 144)
Aktives Wissen ist ständig und dauerhaft abrufbar, wenn man gefragt wird. „Wie heißt der Franzose, der General war, dann Erster Konsul und später Kaiser?“ Mit dieser Frage will der Professor das aktive Wissen des Studenten prüfen. Passives Wissen bedeutet, dass man etwas zwar nicht sagen oder erklären kann, wenn man danach gefragt wird, es jedoch erkennt, wenn man es hört. Eigentlich wäre zu erwarten gewesen, dass der Student „Napoleon Bonaparte“ als richtige Antwort erkennt, sobald der Name gefallen ist.
Zwei Mütter unterhalten sich. „Mein Sohn wird gemobbt.“ – „Oh wirklich? Meiner kann sich selbst waschen.“
Das ist ein moderner Flachwitz, er könnte genauso gut aus dem Repertoire der Frau Pollak von Parnegg stammen.
Von Mittler über Herz-Kestranek zu Slupetzky – Schüttelreime
Schüttelreime sind eine Unterkategorie jener Sprachwitze, bei denen Laute ausgetauscht werden. In den Witzen rund um die Wörter „Schirm“, „Scharm“ etc. sind es die Vokale im Wortinneren (siehe S. 98, 203 f.), bei den Schüttelreimen die Konsonanten der letzten und der vorletzten Silbe.
Und weil er Geld in Menge hatte, / Lag stets er in der Hängematte.
Dieses Beispiel bringt Sigmund Freud in seinem Buch über den Witz (S. 105). Wir sehen, dass nicht die Schriftform entscheidend ist, es geht um die gesprochene Sprache: „Menge hatte“ – „Hängematte“. Bei einem Schüttelreim reimt sich also nicht nur der Schluss („hatte“ und „Matte“), es reimen sich auch Silben davor („Menge“ und „Hänge“), wobei zusätzlich Buchstaben ausgetauscht werden.
Dabei können auch Wörter zerteilt werden. Im Folgenden einige Beispiele aus Benno Papentrigk’s Schüttelreime wie er sie seiner Freundschaft auf den Ostertisch zu legen pflegte, erschienen 1939:
Bello die Wurst vom Teller schnappt; / Der Bösewicht wird schnell ertappt.
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Nackt tanzen auf dem Rasen Nymphen, / die Neider ihre Nasen rümpfen.
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Der Juchzer von den Höhn erschallt / Des Jägers Jagdhorn schöner hallt.
Schüttelreime sind im deutschen Sprachraum seit dem 13. Jahrhundert eine bekannte Gedichtform. So richtig popularisiert wurden sie 1882 in Berlin vom Juxclub „Allgemeiner Deutscher Reimverein“, ein Vordenker war der Ingenieur und Schriftsteller Heinrich Seidel (1842–1906). Es galt als große Kunst, lange Texte in Schüttelreimen zu verfassen, sogar ganze Bücher wurden in Schüttelreimform herausgegeben, zum Beispiel Versionen von Goethes Faust. Später waren Schüttelreime vor allem witzige Zweizeiler.
Für Freud sind Schüttelreime „die harmlosesten aller Witze“ (Freud, S. 105). Ihre Technik sei „die mehrfache Verwendung desselben Materials mit einer ganz eigenartigen Modifikation“.
Schüttelreime haben also keine jüdischen Wurzeln, aber das Schütteln wurde von Juden besonders gepflegt, erinnert es doch frappierend an eine Methode zur Exegese der heiligen Schriften der Juden. Darauf werde ich später zurückkommen (siehe S. 98 ff.).
Die vielleicht berühmteste Sammlung von Schüttelreimen ist jene von Felix Mittler, er war Pianist bei den Vorträgen von Karl Kraus. Friedrich Torberg hat diese gesammelten Schüttelreime von allhöchster Qualität herausgegeben.
Du glaubst, dir ist die Lotte treu? / Das ist die ärgste Trottelei.
◊
Nur Kindern droht der Spuk des Erlkönigs / Erwachsenen tut dieser Kerl eh nix.
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Was einstmals war des Ghettos Brut, / Verdient heut’ an Librettos gut.
Ein Kapitel des Buches ist mit dem Titel Leicht dialektgefärbt versehen.
Nur wegen dieser schiachen Katz / Vergriff er sich am Kirchenschatz.
◊
Was ist’s mit dir, du stierer Hund? / Auf dich wart’ ich schon hier a Stund!
◊
Mein Lieber, ohne Dritten sama / Zu wenig für ein Sittendrama.
Die „leichte Dialektfärbung“ trägt dazu bei, dass Schüttelreime möglich werden, die in der Standardsprache nicht funktionieren würden: „schiachen“ (= hässlichen) und „Kiachn“, „stiera“ (= sturer) und „hier a“ (= hier eine), „sama“ (= sind wir) und „Drama“.
Große Anerkennung und Bewunderung unter den Schüttelreimen genießen die Vierzeiler.
Macht man denn aus Kalk die Terzen?! / Nein, man macht aus Talg die Kerzen. / Also heißt’s kerziärer Talg? / Nein, mein Kind: tertiärer Kalk!
In dem Sketch Urlaubssorgen spielt Karl Farkas in gereimter Form auf ein politisches Ereignis aus den 1920er Jahren an.
Und in Frankfurt ward mir auf ein Haar / Der Unterschied zwischen Wienern und Frankfurtern klar. / Denn die Frankfurter werden mit Senf garniert / Und die Wiener, die werden in Genf saniert.
Dieser Schüttelreim hatte damals einen aktuellen Bezug. Im Jahr 1922 übernahmen mit der „Genfer Anleihe“ einzelne Völkerbundstaaten Garantien für österreichische Auslandskredite, um einen Kollaps des Staatshaushalts und der Wirtschaft zu verhindern. Diese Anleihe war mit scharfen Auflagen verbunden, wogegen die Opposition begreiflicherweise polemisierte.
Wer einmal schüttelt, der schüttelt immer. Das folgende Beispiel stammt aus einer Doppelconférence vom 30. Juni 1970, zu der Karl Farkas seinen kabarettistischen Konkurrenten Gerhard Bronner eingeladen hatte. Farkas nennt seinen Schüttelreim Song im Iglu.
Der Eskimo hat fahle Wangen, / Wie gerne möchte er Wale fangen. / Seit Wochen gab’s – zum Weinen – Aal, / Doch endlich sieht er einen Wal. / Der Eskimo führt leicht das Ruder, / Doch nimmer er erreicht das Luder. / Das schwimmt um die polarsche Eckn / Und denkt: Kannst mich am …
Schüttelreime sind also besonders schräge Reime, und schräge Reime sind auch dann witzig, wenn nicht geschüttelt wird.
Der folgende Dialog aus einer Kabarettnummer der Zwischenkriegszeit wurde von Karl Farkas und Franz Engel dargeboten. Farkas gab vor, ein Blitzdichter zu sein. Man müsse ihm nur ein Stichwort zurufen, und schon könne er aus dem Stegreif einen Reim daraus machen. Dass die Zurufe spontan aus dem Publikum kamen, ist eine Legende, worauf Gerhard Bronner in Interviews später hingewiesen hat. Entweder saß ein zuvor ausgewählter Zurufer versteckt im Publikum oder der Stichwortgeber war ein Schauspielerkollege auf der Bühne. In beiden Fällen war vorher ausgemacht, wie die Stichwörter lauteten.
Engel: Machen Sie einen Reim auf folgenden Satz: „Wenn der Feber vorbei ist, dann märzelts.“
Farkas: I kannt’ eine Maid voll raffinierter Finessen. / Sie ist bei einem Frühlingsfest im Likörzelt gesessen. / Und da sprach sie im Innersten des Likörzelts: / Wenn der Feber vorbei ist, dann märzelts. (Karl Farkas, Franz Engel: Dichterschlacht am Mikrofon)
Karlheinz Hackl und Heinz Marecek feierten große Erfolge mit einer Wiederauflage der legendären Doppelconférencen von Fritz Grünbaum und Karl Farkas aus den 1920er und 1930er Jahren. Sie brachten in dem Programm Was lachen Sie? schräg gereimte Spontangedichte und noch schrägere Schüttelreime.
Leubusch: Was ist der Lieblingswunsch Ihres Sohnes?
Stransky: A braunes Lederjackl.
Leubusch (schüttelt): Heutzutag will jeder Lackl / Schon ein braunes Lederjackl. (Marecek, S. 44)
Nach einer Lernphase gelingt auch Stransky, dargestellt von Karlheinz Hackl, ein guter Schüttelreim …
Stransky: Man verdient, wenn man Arzt in Prein an der Rax is’ /
Ein paar Hunderttausend, rein an der Praxis. (Marecek, S. 45)
… und er kann in der Folge vom Schütteln nicht mehr lassen:
Stransky: Man darf sich ja unter den Pöbel mischen / Aber sollte nie unter die Möbel …
Der bedeutendste Schüttelreimer der Gegenwart, und auch Sammler von Schüttelreimen, ist zweifellos Miguel Herz-Kestranek.
Sein Buch Mir zugeschüttelt, erschienen bei Christian Bandstätter, enthält ein umfangreiches Kapitel, das mit Erotisches überschrieben ist, und ein weiteres mit Mehr Erotisches bis Pornografisches. „Jaaa, ich weiß, der Leser, der nicht ins Inhaltsverzeichnis geschaut und nicht sofort hierher geblättert hat, ist nun eeendlich bei den beiden Kapiteln angelangt, deretwegen solche Bücher in Wahrheit gekauft werden“, schreibt Herz-Kestranek in der Einleitung. Dies wisse er „von einem Buchhändler, der sich auskennt“. Nun gilt aber wirklich die verkaufsfördernde Warnung: „Nix für Kinder!“ Auf Popmusik-CDs steht heute in solchen Fällen: „Parental Advisory. Explicit Content“.
Die Nacht lang spielt der Witzler Karten, / ich muss mit prallem Kitzler warten.
◊
„Was hast du so a Wut, Fee?“ / „Mir tut heut so die Fut weh!“
Lewinsky sagt: „Dreh’s Licht weg, / wenn ich an deinem Wicht leck’!“
Das sei in den Abhörprotokollen der CIA zu lesen gewesen, ergänzt Herz-Kestranek, in denen die Gespräche zwischen Bill Clinton und Monica Lewinsky aufgezeichnet worden waren.
Eine ganze CD mit Schüttelreimliedern brachte Stefan Slupetzky mit seinem Trio Lepschi unter dem Titel Warz und Schweiß heraus. Die komplexen Geschichten mit vielen Strophen sind zum Teil im Wiener Dialekt gehalten.
Vüü gscheida, ois a Heisl z baun / is, si auf d Nocht ins Beisl z haun, / wäu, wear am ochtn Kriagl ziagt, / gaunz von allaa an Ziagl kriagt …
In diesem Fall muss man wissen, dass im Wienerischen ein halber Liter Bier ein „Krügel“ ist und der Rausch auch „Ziegel“ genannt wird.
In dem Lied Saunamassaker wird nicht dialektal, sondern standardsprachlich geschüttelt.
Am Anfang saßen sie mit blassen Nasen, / die Füße suchten auf dem Boden Halt. / Doch bald schon stöhnten sie mit nassen Blasen, / der Schweiß, er tropfte von den Hoden bald …
Für das Lied Fernsehkoch, das in französisierendem Tonfall vorgetragen wird, rezitiert Slupetzky lange Zutatenlisten. Herausgekommen sind dabei kulinarische Köstlichkeiten wie …
… ein Hirschenkalb, zwei Kirschen halb, / ein Kalberlschwanz, zwei Schwalberl ganz.
Das Menü kulminiert in dem Sinnspruch:
Merke: Ist das Fleischerl bockig, / wird auch meist das Beischerl flockig! / Darum gehört auch das Kalb gehackt, / Gut faschiert ist halb gekackt!
In dem Booklet zur CD erläutert Slupetzky, wie das Erfinden von Schüttelreimen abläuft: „Die Manie des Schüttelreimens lässt den Reimenden fortwährend in die Sumpflöcher des Unkorrekten und Obszönen stürzen … Ohne eine Chance auf Linderung müssen wir jedes Wort so lange schnetzeln und pürieren, bis etwas Schlüpfriges, Brutales oder wenigstens Verschrobenes dabei herauskommt.“
Während bei den Witzen mit sexuellen Themen die Frauen längst die Herrschaft übernommen haben, sind die Schüttelreime noch immer eine Domäne der Männer.
Die Produzenten und Konsumenten von Schüttelreimen diskutieren auch gerne darüber, welcher Schüttelreim der kürzeste ist. Hier einige Kandidaten, die Hans Weigel genannt hat:
Du bist / Buddhist! ◊ Ick war / Vikar ◊ Wo bist / Bovist?
(Weigel, 1963, S. 29)
Dumme Feststellungen werden gespiegelt – No-na-Witze
Jeder kennt sie, sie sind zeitlos. Ganz alte No-Na-Witze habe ich bei Heinrich Eisenbach gefunden. Seine Witzesammlungen erschienen 1905 und 1906. Die Pointe wurde damals noch mit „Nü na“ und mit „Nu na“ eingeleitet:
In einer galizischen Provinzstadt kommt ein Reisender ins Hotel. Wie er das unreine Zimmer sieht, fragt er den Hotelier: „Haben Sie do of die Wänd Wanzen?“ Drauf sagt der Hotelier: „Nü na, e Tizian wer’ ich Ihnen hinhängen.“ (Eisenbach, VII, S. 12)
◊
In einem Kaffeehaus steht am Anstandsort die Aufschrift: „Juden hinaus!“ Der Kohn schreibt darunter: „Nu na, do wer ma bleiben!“ (Eisenbach, VII, S. 13)
Ein Kennzeichen für die Talmud-Debatte ist laut Salcia Landmann die klärende e-contrario-Frage. Juristen sprechen von einem argumentum e contrario, einem Umkehrschluss oder Gegenschluss, der zur Auslegung von Gesetzen dient. „Hunde ohne Maulkorb haben keinen Zutritt!“ Dies bedeutet, dass Hunde mit Maulkorb mitgenommen werden dürfen. Die No-na-Witze sind laut Landmann eine dem Talmud bereits entfremdete Form würden aber mit gutem Grund als jüdisch empfunden werden. (Landmann, 2010, S. 47)
Außerdem sieht sie einen Zusammenhang mit der phänomenologischen Reduktion Edmund Husserls – sie wird auch eidetische Reduktion genannt. Laut Husserl ist das Bewusstsein immer auf einen Inhalt beziehungsweise ein Objekt gerichtet, wobei unter Objekt auch ein komplexes inneres Erlebnis wie Liebe, Angst etc. verstanden werden kann. Wenn man zum Wesen eines Objekts vordringen will, dann müsse man das Gemeinsame, das Gleichbleibende, das Notwendige erkennen und alles andere ausblenden. Das Gemeinsame der Objekte „Auto“ sind „vier Räder“ und „ein Motor“, nicht Attribute wie „verschmutzt“, „mit Metallic-Lackierung“ oder „teuer“.
Lutz Röhrich bezeichnet die No-na-Witze als typisch wienerisch: „Mit den stehenden Figuren Graf Bobby und Frau Pollak erschöpft sich (…) der Wiener Witz nicht. Es gibt zum Beispiel noch eine andere Kategorie von Wiener Geschichten. Es sind die sogenannten No-na-Witze, in denen die witzige Replik mit einer stereotypen sprachlichen Formel, eben einem wienerisch-raunzigen ‚No-na!‘ eingeleitet wird.“ (Röhrich, S. 248)
Die No-na-Witze sind aber nur insoweit wienerisch, als sie im jüdischen Milieu Wiens besonders kultiviert wurden.
Die Bauart dieser Witze ist immer gleich: Die einleitende Frage oder Feststellung ist unlogisch, unnötig oder sonstwie provoziernd. Eigentlich müsste die Reaktion lauten: „Frag nicht so dumm!“ Geantwortet wird aber mit einem Gedanken, der die vorherige Aussage ad absurdum führt.
Im Restaurant bestellt der Gast eine Kalbsbrust. „Mit Salat?“, fragt der Kellner. „No na, mit Büstenhalter!“ (Landmann, 1988, S. 218; 2007, S. 93)
In diesem Witz besteht das entscheidende Merkmal des Objekts darin, dass es dazu dient, den Inhalt eindrucksvoll zu präsentieren. Die Vorstellung, dass ein Koch seine kulinarische Kreation mit einem BH auf dem Teller serviert, ist die durch Unsinn geprägte Pointe. Aber nicht alle No-na-Witze funktionieren nach diesem Muster, und nicht alle sind Unsinnswitze.
Beim Kartenspiel. „Moische, du schaust mir in die Karten!“ – „No na, hasardieren werd’ ich.“ (Landmann, 1988, S. 219; 2007, S. 94)
In diesem Fall ist der einleitende Satz ein berechtigter Vorwurf, und Moisches überraschende Antwort ist nicht unsinnig. In seiner Verteidigungsrede leugnet er gar nicht. Zu erwarten wäre, dass er sagt: „Ich schau’ dir doch gar nicht in die Karten!“ oder „Halt die Karten zurück, sonst sehe ich zwangsläufig dein Blatt!“ Moische aber nennt sogleich das Motiv für sein Verhalten: „Warum soll ich nicht in dein Blatt schauen? Dadurch erhalte ich zusätzliche Informationen, wie ich spielen soll.“ Witze mit einem einleitenden „No na“ können auch mit einer Aussage enden, die man als Chuzpe bezeichnen kann.
Die No-na-Witze sind vermutlich deshalb zeitlos, weil jeder von uns im täglichen Leben immer wieder mit Aussagen konfrontiert wird, die ein „No na“ rechtfertigen würden. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht ist dieses „No na“ ein Diskursmarker: Er lässt den Zuhörer des Witzes aufhorchen, er wird neugierig, wartet auf eine unsinnige Feststellung. Wird bei einem No-na-Witz der Diskursmarker weggelassen, kommt das Gefühl auf: Hoppla, da fehlt doch was!
Ich zitiere in der Folge aus Hellmuth Karaseks Buch Soll das ein Witz sein?
Ein Zug setzt sich langsam in Bewegung. Sagt ein Passagier zu dem ihm gegenübersitzenden Juden: „Scheint’s fahren wir schon.“ „Die Häuser werden sie für uns vorbeitragen“, sagt der andere. (Karasek, S. 90)
Da fehlt das „No na“, und das ist eine Katastrophe. Dabei will Karasek offensichtlich zeigen, dass Witze mit derartiger Technik jüdischen Ursprungs sind. Der Witz impliziert aber auch, dass ein Jude auf die beiläufige Bemerkung eines Goj mit hämischer Schärfe reagiert. Die Version von Salcia Landmann vermeidet diese negative Wirkung:
Zwei Reisende sitzen im Abteil. Der Zug setzt sich in Bewegung. Der eine: „Mir scheint, wir fahren schon.“ Der andere: „No na, die Fassaden wird man an uns vorbeiziehen!“ (Landmann, 2007, S. 95)
Manche No-na-Witze haben die Judenverfolgung durch die Nazis als Hintergrund.
Hält ein Gestapobeamter einen Mann auf der Straße an, zeigt auf den Judenstern und fragt: „Jude, was?“ Drauf der andere: „No na, Sheriff.“
Der Judenstern und der Sheriffstern haben mehrere gemeinsame Merkmale: Sie sind mehrzackig und werden sichtbar am Gewand getragen. Selbst die Farbe ist ähnlich: Der Judenstern ist gelb, der Sheriffstern ist meist goldfarben.
Mit dem Satz „No na, Sheriff.“ wird dieser Zusammenhang zwischen den beiden Zeichen genial auf den Punkt gebracht. Gleichzeitig ist die Antwort ein Triumph des Unterdrückten über seinen Unterdrücker – ihr habt die Macht, aber wir haben den Witz!
Sigmund Freud bezeichnet in seiner Witzeanalyse Gemeinsamkeiten verschiedener Dinge als Unifizierung. Aber neben dem Gemeinsamen muss auch Unterschiedliches hinzukommen, damit ein Kontrast entsteht. Während der Sheriffstern Ausdruck einer staatlichen Macht ist und den Träger gegenüber den anderen Menschen emporhebt, leistet der Judenstern das genaue Gegenteil: Der Träger wird zum „Untermenschen“, wie es die Nazis in ihrer antisemitischen und rassistischen Diktion formulierten.
Kohn kommt auf den Bahnsteig gerannt und sieht nur noch die Rücklichter des abfahrenden Zuges. Der Bahnhofsvorstand: „Na? Zug verpasst?“ – „No na, verscheucht werd’ ich ihn haben!“
Man muss annehmen, dass der Bahnhofsvorstand ein Nazi ist, er will Kohn mit einer provozierenden und hämischen Frage, eingeleitet mit einem „Na?“, demütigen. Auch in diesem Fall kann der Jude durch die No-na-Antwort für einen Augenblick über den Beamten triumphieren: „Wie absurd! Ihr scheint uns Juden sogar zuzutrauen, dass wir einen Zug verscheuchen!“
Salcia Landmann bringt in diesem Fall eine irritierende Version. In ihrer Fassung wird ein „teilnahmsvoller“ Bahnvorstand von einem Juden arrogant zurechtgewiesen.
Schmul stürzt auf den Bahnhof, sieht aber nur noch die Schlusslichter des abfahrenden Zuges. Teilnahmsvoll erkundigt sich der Bahnvorstand: „Haben Sie den Zug versäumt?“ Schmul: „No na, verscheucht hab’ ich ihn.“ (Landmann, 2007, S. 94)
Hellmuth Karasek macht aus dem klassischen Zwei-Personen-Dialog eine Geschichte mit drei Personen. Das jüdische Milieu ist nicht mehr erkennbar, auch in diesem Fall fehlt das „No na“. Dabei soll dieser Witz doch den jüdischen Humor illustrieren – die Fähigkeit, selbst über die Häme der Antisemiten Witze zu machen.
Ein Reisender sieht einen anderen auf den Bahnsteig stürzen, atemlos schaut der den Schlusslichtern des abfahrenden Zuges hinterher. Fragt ein anderer Mann auf dem Bahnsteig: „Haben Sie den Zug verpasst?“ Antwortet der: „Verscheucht werd’ ich ihn haben!“ (Karasek, S. 90)
Sigmund Freud erwähnt No-na-Witze mit keinem Wort. Aber er beschreibt einen Typus, der den No-na-Witzen nahekommt. In seinen Beispielen geht es nicht um eine dumme Frage, die ad absurdum geführt wird, sondern um eine dumme Verhaltensweise, eine dumme Einstellung etc.
Itzig ist zur Artillerie assentiert worden. Er ist offenbar ein intelligenter Bursche, aber ungefügig und ohne Interesse für den Dienst. Einer seiner Vorgesetzten, der ihm wohlgesinnt ist, nimmt ihn beiseite und sagt ihm: „Itzig, du taugst nicht zu uns. Ich will dir einen Rat geben. Kauf dir eine Kanon’ und mach dich selbständig!“ (Freud, S. 71–72)
Der Offizier hätte laut Freud sagen können: „Itzig, ich weiß, du bist ein intelligenter Geschäftsmann. Aber ich sage dir, es ist eine große Dummheit, wenn du nicht einsiehst, dass es beim Militär unmöglich so zugehen kann wie im Geschäftsleben, wo jeder auf eigene Faust und gegen den anderen arbeitet. Beim Militär heißt es sich unterordnen und zusammenwirken.“
Freud spricht in diesem Fall von einem Unsinnswitz. Es werde in der Pointe des Witzes etwas Dummes, Unsinniges vorgebracht, um zu veranschaulichen, dass das zuvor Gesagte ebenfalls dumm und unsinnig war. Freuds Definition wird durch das folgende Beispiel noch deutlicher:
Ein Mann, der verreisen muss, vertraut seine Tochter einem Freunde an mit der Bitte, während seiner Abwesenheit über ihre Tugend zu wachen. Er kommt nach Monaten zurück und findet sie geschwängert. Natürlich macht er dem Freund Vorwürfe. Der kann sich den Unglücksfall angeblich nicht erklären. „Wo hat sie denn geschlafen“, fragt endlich der Vater. „Im Zimmer mit meinem Sohn.“
„Aber wie kannst du sie im selben Zimmer mit deinem Sohn schlafen lassen, nachdem ich dich so gebeten habe, sie zu behüten?“ – „Es war doch eine spanische Wand zwischen ihnen. Da war das Bett von deiner Tochter, da das Bett von meinem Sohn und dazwischen die spanische Wand.“ – „Und wenn er um die spanische Wand herumgegangen ist?“ – „Außer das“, meint der andere nachdenklich. „So wäre es möglich.“ (Freud, S. 73; vgl. Landmann, 2010, S. 489)
Eine Reduktion des Witzes aus der Sicht des Freundes könnte so lauten: „Wie kannst du denn so dumm sein, deine Tochter in ein Haus zu geben, in dem sie in der beständigen Gesellschaft eines jungen Mannes leben muss? Als ob es einem Fremden möglich wäre, unter solchen Umständen für die Tugend eines Mädchens einzustehen!“ Die scheinbare Dummheit des Freundes ist also nur die Spiegelung der Dummheit des Vaters.
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