Kitabı oku: «Die Grump-Affäre», sayfa 5
Riskantes Unterfangen
Am nächsten Morgen saßen die drei Männer bereits um sieben Uhr gemeinsam am Küchentisch und frühstückten. Es gab Espresso aus der kleinen Bialetti und gefüllte Brioches. Keiner sprach ein Wort, jeder hing seinen Gedanken nach. Was der Tag wohl bringen würde?
Für Toni und Marco stellte das Ausspionieren von Menschen sowohl in ethischer als auch in praktischer Hinsicht kein Problem dar. Offenbar hatten beide so etwas schon häufiger getan. Johns Zuversicht stieg, gleichzeitig machte er sich Sorgen, als Laie grundlegende Fehler zu begehen.
„Brauche ich irgendwelche spezielle Ausrüstung, oder muss ich auf bestimmte Dinge achtgeben?“, durchbrach er die Stille.
„Nun, es wäre gut, wenn man dich nicht sehen würde. Besser noch, wenn man dich nicht erwischte“, sagte Toni lachend.
„Nein, John, bleibe unauffällig und beobachte nur, ob die Zielperson sich so verhält, wie in dem FBI-Bericht geschrieben steht. Wir wollen auf Nummer sicher gehen, das ist alles. Notiere dir die wichtigsten Zeiten, wie Ankunft und Abfahrt, und wenn möglich mache ein paar Fotos mit deinem Handy, damit wir unbekannte Leute noch identifizieren können, vielleicht hat er ja seine Sicherheit erhöht. Wir treffen uns dann spätestens heute Abend wieder hier. Ich mache eine vorzügliche Pasta mit Thunfisch und Kapern, und wir bringen uns auf den neuesten Stand. Das Ziel von heute ist lediglich eine Überprüfung der Angaben aus dem FBI-Bericht. Hält sich Belaqua an den Zeitplan, oder haben wir mit massiven Abweichungen zu rechnen?“
Als die Männer das Haus verließen, bemerkte keiner von ihnen das zivile Polizeifahrzeug auf der anderen Straßenseite.
John fuhr mit dem Taxi zum Golfplatz. Der Weg über die Washington Bridge, vorbei am Crotona Park über den Westchester Creek war eine angenehme Gelegenheit, über die nächsten Schritte nachzudenken. Er beschloss, sich im Clubhaus an die Bar zu setzen und auf die Ankunft seiner Zielperson zu warten. Johns Plan war, Belaqua in einem Golf-Cart zu folgen und möglichst wie ein Golfspieler zu wirken, der sich die Anlage vor dem ersten Abschlag genau anschaut. Während der Fahrt überprüfte er erneut, ob das Handy ausreichend geladen war und ob er etwas zu schreiben dabeihatte. Alles war vorbereitet, die erste Überwachung seines Lebens konnte beginnen.
John stieg aus dem Taxi, überlegte kurz, ob er in das Restaurant Waterfront gehen sollte oder doch direkt ins Clubhaus. Am Ende entschied er sich, mit einem Blick auf die Uhr, hier auf dem Parkplatz zu warten. Er bestellte für 13:45 Uhr online ein Golf-Cart.
Fünf Minuten nach halb eins fuhr ein Cadillac Escalade vor dem Clubhaus vor.
Tatsächlich stiegen der Mafiaboss und zwei Bodyguards aus dem SUV. John folgte den drei Männern ins Clubhaus und ging an die Bar, um die Beobachtung unentdeckt fortsetzen zu können. Er bestellte sich ein Bier und schlenderte auf die Terrasse, um auf die Abfahrt des Flight zu warten. Er wollte die Verfolgung erst aufnehmen, wenn die Männer mindestens an Loch zwei angekommen waren. John musste nicht lange warten, und Belaqua und ein weiterer ihm unbekannter Mann stiegen in ein Golf-Cart. Die beiden hatten sich im Clubhaus getroffen, in einem Bereich, der nur für Mitglieder reserviert war.
Sofort machte John einige Aufnahmen mit seinem Handy, wobei er versuchte, möglichst nahe an das Gesicht des unbekannten Mannes heranzuzoomen. Ein Basecap und der schlechte Winkel verhinderten Fotos, die zur Identifizierung hätten benutzt werden können. Die beiden Bodyguards stiegen in ein eigenes Cart. Belaqua fuhr mit dem Fremden an Bord los, und der ganze Tross setzte sich in Bewegung. Zu seiner Überraschung startete ein weiteres Golf-Cart, besetzt mit zwei Männern im Anzug, das den beiden ersten folgte. Aufgrund der Statur vermutete John ebenfalls Bodyguards. Drei Carts für zwei Golfer, viel Schutz für einen Mafiapaten. Sie wirkten wie Fremdkörper. Alle Spieler und Gäste liefen in weißer oder bunter Spielkleidung von Loch zu Loch. Bei den Männern in dunklen Anzügen war schnell klar, dass sie nicht des Golfes wegen hier waren. Sie bewachten Belaqua und seinen Begleiter.
John wartete noch ein wenig ab, er wollte keinen Verdacht erregen. Mit einer Zeitverzögerung von fünf Minuten fuhr er mit seinem Golf-Cart der Fahrzeugkolonne hinterher.
An Loch drei hatte er endlich Blickkontakt zu Belaqua und seinen Beschützern herstellen können. John blieb mindestens 50 Meter entfernt und wünschte sich, ein anderes Handy mit besserer Kamera gekauft zu haben.
Der Versuch, Fotos zu machen, endete immer wieder mit verwackelten Bildern des fremden Mannes, die allesamt unscharf waren. Dabei möglichst nicht aufzufallen, war wesentlich schwerer, als er es sich vorgestellt hatte. Mit einem Mal hatte John die Idee, er würde sich vor die Gruppe setzen und an einem Loch seiner Wahl, bei dem er eine gute Kameraposition hatte, den Fremden fotografieren. So sprang John in das Cart und fuhr bis zu Loch fünf, immer Ausschau haltend nach Stellen, an denen er zum einen sein Gefährt stehen lassen konnte, ohne Aufsehen zu erregen, und zum anderen eine gute Perspektive hatte. Er fand lange nicht, was er suchte.
Endlich, bei Loch sieben, kam er an eine passende Stelle.
Hinter einem Abhang konnte er das Fahrzeug so im Dickicht verschwinden lassen, dass es nur noch sichtbar war, wenn man direkt davorstand. Ein paar Zweige und dichtes Unterholz verdeckten das Gefährt fast vollständig. Über einen Hügel hatte er eine gute Möglichkeit gefunden, den Weg zu fotografieren; die Fahne, die das Loch markierte, wehte gute 80 Meter hinter ihm auf dem Green.
John kniete sich hin und versuchte, ein Bild von dem Mann im Golf-Cart zu machen, das auf ihn zufuhr, als er mit einem Mal das Gefühl hatte, das Fahrzeug steure genau auf ihn zu.
Er sprang auf, als das Cart nur noch wenige Meter von ihm entfernt war, und musste zu seiner Bestürzung feststellen, dass die beiden anderen Carts dem ersten mit Belaqua am Steuer folgten.
Mist, jetzt haben sie mich entdeckt, schoss es John durch den Kopf. Das erste Golf-Cart fuhr keinen Meter an ihm vorbei und kam direkt vor dem Dickicht zum Stehen, in dem John sein eigenes Cart versteckt hatte. Belaqua stieg aus, und auch die beiden anderen Carts stoppten nur wenige Meter entfernt. John war wie umzingelt. Alle Männer stiegen aus und begannen sich umzusehen. John fühlte sich ertappt, und sein Herz schlug bis zum Hals. War er entdeckt worden? In dem Moment hörte er eine Stimme.
„Hier, Capo!“ Belaqua und der Fremde gingen zu der Stelle und fanden den gesuchten Ball vor dem Hinterreifen von Johns Golf-Cart.
John hatte keine Wahl, er kam aus seiner Deckung und ging auf sein Fahrzeug zu.
„Zum Glück habe ich ein paar starke Männer gefunden, ich bin mit meinem Drecksding in dieses Gestrüpp geraten. Ich hatte einen Streit mit meiner Frau, und während ich telefoniert habe, war ich so abgelenkt, dass ich mitten in das Dickicht gefahren bin. Könnten die Herren mir vielleicht helfen, das Cart wieder auf den Weg zu schieben? Es scheint festzustecken.“
Die Männer schauten John erstaunt an. Belaqua wies seine beiden Bodyguards mit einem Kopfnicken dazu an, das Cart zurück auf den Weg zu schieben.
Jetzt konnte John den Mann zum ersten Mal richtig sehen. Er traute seinen Augen nicht. Das Gesicht kannte in New York jeder.
Es war Ronald Grump, der berühmte Baulöwe, Immobilienmogul, Veranstalter von Miss-Wahlen, bekannt aus dem Fernsehen und der Klatschpresse.
John nahm allen Mut zusammen.
„Mr. Grump, es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen.“
Ronald antwortete nicht, sondern erwiderte Johns Worte nur mit einem Kopfnicken.
„Entschuldigen Sie, Mr. Grump, wäre es vielleicht möglich, ein Selfie mit Ihnen zu machen?“, fragte John.
Ronald nickte jovial.
Als die Bodyguards Johns Cart wieder auf den Weg zurückgeschoben hatten, warteten alle, bis Belaqua seinen Ball geschlagen hatte, und John klatschte Applaus für einen Hook, der ganz sicher nicht Richtung Fahne unterwegs war. Die Gruppe stieg wieder in ihre Fahrzeuge. Im Vorbeifahren reichte Ronald Grump John eine Autogrammkarte aus dem fahrenden Cart und rief in bester Laune:
„Für meine Fans bin ich immer da!“
Mit zitternden Knien stieg John wieder auf sein Gefährt und fuhr direkt zurück zum Clubhaus. Er wollte unter keinen Umständen noch einmal gesehen werden. John ging auf die Terrasse, bestellte ein Bier und positionierte sich so, dass er zwar alle ankommenden Personen sehen konnte, er aber selbst außer Sichtweite war. Vorsicht war oberstes Gebot, zweimal am selben Tag würde er nicht so unverschämtes Glück haben.
Er musste über eineinhalb Stunden warten, bis die gesuchten Personen in ihren Carts auftauchten. Ein Blick auf die Uhr sagte kurz nach vier. Die Notizen wurden vervollständigt. John ging zurück an die Bar, zahlte das Bier und ließ sich ein Taxi rufen.
Völlig erschöpft von der Aufregung, die langsam abflaute, erreichte er eine Stunde später Marcos Haus. Als er in die Küche kam, waren Marco und Toni bereits dabei, die Pasta vorzubereiten. Marco marinierte den Thunfisch und übergoss den Fisch mit Orangensaft. Beide schauten John an, der einigermaßen konfus wirkte, und Marco flötete: „Na, Schatz, wie war dein Tag?“ Alle drei mussten grinsen.
Während Marco und Toni sich weiter um die Zubereitung des Abendessens kümmerten, fing Toni an, von seiner Beschattung zu berichten.
Alles verlief, wie in dem FBI-Bericht vermerkt. Wenig Außergewöhnliches, außer dass es kleine Abweichungen im Zeitplan gab, aber sonst nichts Erwähnenswertes. Belaqua aß allein an einem speziellen Tisch, der immer für ihn reserviert war. Seine Bodyguards saßen am Nachbartisch und nahmen nur Vor- und Nachspeise zu sich. Kurz nach 12:30 Uhr verließen sie wieder das Restaurant und fuhren mit einem Cadillac-SUV davon.
John öffnete eine Flasche Weißwein und setzte sich an den Küchentisch, während Marco über seine Observierung berichtete.
Die Geschichte von Marco war schon spannender als die von Toni, natürlich, es kam ja auch eine schöne junge Frau darin vor: Belaquas Geliebte Jacqueline de Santos stellte sich als gebürtige Mexikanerin heraus und war nicht nur mit Belaqua liiert. Gegen zwölf Uhr wurde sie von einem älteren Mann mit einer gewaltigen europäischen Limousine abgeholt. Marco zeigte ein Foto, auf dem eindeutig ein Bentley Mulsanne abgebildet war. Das Nummernschild war perfekt zu erkennen.
„Daniel Harbour ist der Halter des Fahrzeugs, seines Zeichens Schauspieler in allerlei Hollywoodstreifen und offiziell mit Beatrice Harper, ebenfalls Schauspielerin, verheiratet. Sonst keine Auffälligkeiten, in keinem der Suchprogramme oder der FBI-Datenbank taucht der Name auf. Sie ist einfach eine Edelnutte.“ Marco fuhr fort.
„Nun, die Chance habe ich mir nicht entgehen lassen wollen und habe mich ein wenig in ihrer Wohnung umgesehen. Einrichtung und Geschmack wirklich erste Liga. Alles vom Feinsten. Allein der Fernseher so groß wie meine ganze Schrankwand. Esstisch aus Kristall, und Teppiche so tief, da versinkt man bis zu den Knöcheln. Ich hatte ein wenig Ausrüstung mit dabei und habe drei Kameras platziert, eine im Wohnzimmer, eine im linken Schlafzimmer und die letzte im rechten hinteren Schlafzimmer der Wohnung. Es sind die kleinen HD-Knopfkameras mit Bewegungssensor und Tonaufzeichnung.“
Marco musste lächeln, als er von seiner Ausrüstung sprach, und John wunderte sich, über welche Fähigkeiten sein Freund verfügte.
„Die Fenster sind alle mit Riegeln verschlossen und können von außen nicht geöffnet werden. In Summe war die Wohnung ganz gut gesichert, keine High-End-Anlage, aber doch so gut, dass ich fast drei Minuten gebraucht habe, um reinzukommen. Zahlenschloss an der Tür. Na ja, und eine Schwachstelle ist mir sofort aufgefallen. Vor dem Küchenfenster gibt es eine Feuerleiter, hier habe ich an dem Riegel ein wenig gearbeitet, sodass er bis zur nächsten Reparatur nicht mehr richtig schließt. Wir haben nun zwei Möglichkeiten reinzukommen, über die Tür und über das Küchenfenster. Egal wie, wir brauchen dann noch einen Plan, wie man die Gorillas ablenken will, wenn wir an Belaqua rankommen wollen.“
John und Toni nickten zustimmend.
Nun waren die Augen auf John gerichtet.
„Ähm, nun ja, bei mir lief es ein wenig anders, als ich es geplant hatte.“
John berichtete ausführlich, was passiert war und wie es zu dem unbeabsichtigten Treffen mit Ronald Grump kam. Als John von dem Selfie erzählte und wie es zustande kam, brach lautes Lachen in der Küche aus. Was für ein Zufall und welch glückliche Wendung, dass sie nicht aufgeflogen waren.
„Anfängerglück“, sagte Toni und klopfte John auf die Schulter.
Es wurde spät, Marco servierte seine berühmte Pasta mit Thunfisch, und die Männer sprachen über die nächsten Schritte, während eine Flasche Wein nach der anderen geöffnet wurde.
Nach wie vor bemerkte keiner von ihnen das zivile Polizeifahrzeug, das vor ihrer Haustür parkte.
DIe Kandidatur, Sommer 2015
Ronald traf sich wie verabredet am nächsten Tag mit Steve Bacon, um die Kampagne zu besprechen und den Zeitplan für die nächsten Wochen seiner Kandidatur abzustimmen.
Außer ihnen beiden wusste niemand von diesem Treffen. Das würden Breaking News, die den ganzen Erdball erschütterten: Ronald Grump steigt in das Rennen um das Präsidentenamt ein! Steve stellte den Plan so vor, dass anzunehmen war, Ronald könne ihm folgen. Er wusste genau, sein Kandidat verfügte über eine extrem kurze Aufmerksamkeitsspanne.
„Ronald, wir wollen die einfachen Leute aktivieren, die Leute, die sonst nicht zur Wahl gehen. Weiße, unterprivilegierte Arbeiter, einfache Büroangestellte und am besten noch ein paar religiöse Randgruppen, die noch nie einem Kandidaten getraut haben. Menschen, die Washington hassen und alles, wofür es steht.“
Steve ließ die Worte auf Ronald wirken, der aber weder eine Reaktion zeigte noch sich irgendwie angesprochen fühlte. Ronald verzog sogar die Mundwinkel leicht nach unten. Okay, Runde eins war kein Treffer.
„Weiter, wir wollen einen Handelskrieg mit China und Europa anzetteln, damit wir besser in deren Märkte kommen und wir dort einfach und besser bauen können, um Immobilien, zum Beispiel in China, erwerben zu können oder ganze Firmen.“
Ronalds Miene hellte sich merklich auf. Runde zwei. Treffer!
„Wir wollen die Zuwanderung begrenzen und die illegalen Einwanderer aus den USA wieder rauswerfen, egal ob Kubaner oder Leute aus Puerto Rico, aber vor allem aus Mexiko, um diese Jobs dann den weißen Amerikanern zu geben.“
Ronald hatte fast ein Lächeln auf den Lippen.
Runde drei. Treffer!
„Ronald, wir wollen in Washington aufräumen und die korrupten Politiker vernichten, nach Hause schicken und durch unsere Leute ersetzen, die hart für Amerika arbeiten. Solche Leute wie Sie, Ronald, das sind die Leute, die wir in Washington sehen wollen. Leute, die Deals machen zum Besten für Amerika!“
Ronald hatte eindeutig ein fettes Grinsen aufgesetzt. Runde vier. Volltreffer, versenkt!
„Das klingt gut, Steve, ich sehe es schon vor mir, wie wir die Massen mobilisieren können. Ich bin kein Politiker, und ich hasse die Illegalen, und ja, ich will nach China expandieren.“
Steve applaudierte und nickte mit dem Kopf, wobei er hinzufügte:
„Wir streben die Kandidatur bei den Republikanern an, die Partei ist bekannt für ihre Nähe zu den großen Konzernen und ihre konservativen Ansichten, da punkten wir am schnellsten und können die anderen Kandidaten sofort schlagen, erst dann wenden wir uns gegen die Demokraten. Wenn uns das aus irgendeinem mir nicht vorstellbaren Grund nicht gelingen sollte, können wir Sie als unabhängigen Kandidaten ins Ziel bringen.“
Ronald war sichtlich erfreut, er sprang auf, nahm ein großes Glas Scotch in die Hand und fing an, wie wild im Büro auf und ab zu laufen. Dies war seine Art, sich zu sammeln. „Gut, Steve, und was sind jetzt die ganz konkreten nächsten Schritte?“
„Kurz gesagt, wir werden Sie Ende der Woche offiziell als Kandidaten um das Rennen ins Weiße Haus vorstellen. Die Vorwahlen beginnen in gut sieben Monaten, bis dahin müssen wir die anderen Kandidaten vernichten und eine Stimmung des Aufbruchs erzeugen. Sie sehen, es geht schnell zur Sache. Ich richte mir hier in der Nähe ein Büro ein, und wir treffen uns täglich zu einem Briefing. Das Wichtigste ist jetzt, wir müssen für all Ihre Fehltritte, so nenne ich sie mal, Gegendarstellungen erarbeiten. Damit fangen wir sofort an, unser Rechtsbeistand steht draußen vor der Tür und wird uns unterstützen.“
Das Verhör, New York, Sommer 2015
Johns Handy klingelte ungewöhnlich früh. Inspector Tenner war am Apparat. Er bat John, gegen Mittag aufs Revier zu kommen, es hätten sich noch einige Fragen ergeben, die man schnell klären wollte. Johns Magen zog sich zusammen, ihm war klar, dass er einer der Hauptverdächtigen war, der Tonfall seines Gegenübers ließ nichts anderes vermuten.
Man hatte es so aussehen lassen, als sei er der einzige Begünstigte dieses Dramas. Das Konto, das leer war, die Lebensversicherung von Emma und dann noch der Hausverkauf, alles deutete auf ihn – wie ein großer Finger. Er konnte gut nachvollziehen, wie er zum Verdächtigen Nummer eins wurde, zumindest für einen Außenstehenden.
Mit diesem unguten Gefühl fuhr John zum Revier.
Eine Dame in Uniform verwies ihn in den Wartebereich. Hier schien die Luft zu stehen, jede Menge Leute. Das Publikum bestand aus Vertretern aller Hautfarben, wobei Weiß eindeutig in der Unterzahl war. Ein Sprachengewirr ging durch den Raum. Es war laut und stickig. Einige Leute warteten schon lange auf ihren Termin und wirkten genervt oder gehetzt, zwei Asiaten waren mit Handschellen an Stühle fixiert. Ein Geschäftsmann hielt ein Telefon ans Ohr, lief die ganze Zeit auf und ab, wobei er immer wiederholte:
„Das kann doch nicht wahr sein, diese Schweine!“
Es roch nach Desinfektionsmittel. Durch das Neonlicht hatten alle Personen im Raum eine unnatürliche Gesichtsfarbe – wie Wachsfiguren.
John musste eine halbe Stunde warten, bevor Inspector Banks im Wartesaal erschien und seinen Namen aufrief. Er folgte ihm durch eine ganze Reihe von Gängen und fuhr schließlich mit dem Aufzug in die vierte und letzte Etage. „Mordkommission“ stand an der Wand. Er hatte sich einen großen Raum mit vielen Schreibtischen und enormer Hektik vorgestellt, doch es herrschte völlige Stille. Ein langer Flur war alles, was man sehen konnte. Vor einer Tür mit der Beschriftung „Vernehmung drei“ blieb Tenner stehen. „Hereinspaziert und machen Sie es sich bequem“, eröffnete Tenner, fast schon gut gelaunt für seine Verhältnisse. „Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“
„Ja, ein Glas Wasser wäre angenehm“, antwortete John.
Er zog seine Jacke aus und setzte sich auf den ihm zugewiesenen Stuhl. Tenner verließ den Raum, um Wasser zu holen. Nach ungefähr zwei Minuten standen das Wasser sowie einen großen Aktenstapel vor John.
„John, ich darf doch John sagen, wir haben noch einige offen Fragen und hoffen, dass wir mit Ihrer Unterstützung die letzten Lücken schließen können. Aber fangen wir doch bitte ganz am Anfang an. Die Kameras sind eingeschaltet, und wir zeichnen das Gespräch auf, das ist Standard bei uns. Wir sind gesetzlich verpflichtet, so zu verfahren. Alles, was Sie hier sagen, kann vor Gericht gegen Sie verwendet werden. Sie erhalten ein Protokoll, das Sie bitte am Schluss unterschreiben. Haben Sie noch Fragen, bevor wir beginnen?“
John wurde wieder flau im Magen.
„Nein, keine Einwände.“
„Gut, dann sagen Sie bitte Ihren Namen und Wohnort und antworten Sie auf meine Fragen bitte möglichst konkret und vollständig wahrheitsgemäß.“
„John Brockmann, wohnhaft in der Baker Street 13, NY, Manhattan.“
„Mr. Brockmann, Sie wohnen aktuell nicht in der Baker Street 13, ich hatte Sie darum gebeten, wahrheitsgemäß zu antworten“, unterbrach ihn Inspector Tenner. John wirkte irritiert und hatte das Gefühl, die Temperatur im Raum fiele um gute zehn Grad.
„John Brockmann, aktuell ohne festen Wohnsitz. Ich lebe zurzeit bei einem Freund in der gleichen Straße, die Hausnummer kann ich Ihnen aus dem Kopf nicht sagen.“
„Gut, das hätten wir. Nun, wie ich hier sehe, waren Sie seit zwölf Jahren mit Ihrer Frau Emma verheiratet“, sagte Tenner und blätterte in den Akten.
„Ja“, antwortete John.
„Und wie würden Sie Ihre Ehe beschreiben?“
„Als sehr glücklich und inspirierend, auch nach über zehn Jahren noch“, antwortete John wahrheitsgemäß.
„Aber Sie wurden in letzter Zeit von finanziellen Sorgen geplagt?“
„Nein, ganz und gar nicht!“, schrie John fast. „Ich habe einen guten Job bei Twitter und bin seit vielen Jahren finanziell abgesichert, es gibt und es gab nie Engpässe bei uns. Meine Frau hat mit ihrem Job als Architektin noch dazuverdient, das Haus war abbezahlt, und wir haben keine finanziellen Verpflichtungen mehr. Ich habe Ihnen schon bei unserem letzten Gespräch gesagt, dass ich in den letzten Wochen unter Druck gesetzt wurde, das Haus zu verkaufen. Ich habe aber dankend abgelehnt.“
„Sie tischen hier eine ganz wilde Geschichte auf. Ich sage Ihnen mal, wie wir das sehen. Sie haben sich mit Ihren Aktienspekulationen verzockt. Sie waren bankrott. Wir haben uns unter anderem Ihr Aktiendepot angeschaut. Mit den Optionen, die Sie gekauft haben, werter Mister Brockmann, und die bald fällig werden, schulden Sie der Bank weitere eineinhalb Millionen Dollar. Sie mussten das Haus verkaufen, um Ihre Schulden zu tilgen. Doch das allein reichte nicht. Ohne die Lebensversicherung Ihrer Frau wären Sie immer noch nicht aus dem Schneider. Aber warum in Gottes Namen haben Sie auch noch Ihr Kind getötet? Oder war das so nicht geplant?“
In John stiegen die Tränen auf, als er an Felix dachte, er hatte die Bilder in seinem Kopf immer wieder zur Seite geschoben. Gleichzeitig machte sich unendliche Wut in ihm breit.
„Sind Sie eigentlich wahnsinnig, ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt. Ich liebe meine Frau und meinen einzigen Sohn. Ich hatte nie finanzielle Sorgen, und wenn Sie richtig recherchieren würden, kämen Sie drauf, wer einen wirklichen Nutzen aus dem Verkauf des Hauses ziehen würde. Ich bin heute hierhergekommen, weil ich gehofft hatte, Sie haben eine neue Spur. Jetzt merke ich, worauf das hinausläuft. Wir sollten hier abbrechen, und ich möchte einen Anwalt hinzuziehen.“
Tenner blätterte weiter in der Akte, ohne auf Johns Forderung einzugehen.
„Wir haben den abschließenden Bericht der Unfallermittler und der Feuerwehr vorliegen. Es war eindeutig kein Unfall. An der Gasleitung wurde manipuliert. Wir konnten Reste von Brandbeschleunigern im Keller finden. Was sagen Sie dazu?“
John sah Tenner direkt in die Augen und zischte: „Ich sage Ihnen, dass hier nicht der Täter sitzt und Sie auf der falschen Spur sind! Sie haben nichts unternommen, um meine Schilderung zu überprüfen. Sie wissen, dass ich ein Alibi habe und zur Tatzeit im Büro war. Sie haben sich weder die Grundbuchauszüge besorgt noch die Käuferfirma und deren Hintermänner untersucht. Sie haben nichts gemacht, außer weitere Indizien gegen mich zusammenzutragen. Noch einmal, ich möchte jetzt meinen Anwalt sprechen.“
Tenner hatte mit dieser Reaktion offensichtlich nicht gerechnet und erwiderte, nun deutlich freundlicher: „Sie haben insofern recht, als dass wir Ihr Alibi überprüft haben und es tatsächlich wasserdicht zu sein scheint. Was wir Ihnen aber aus ermittlungstaktischen Erwägungen noch nicht mitgeteilt haben, ist, dass die Explosion durch eine Vorrichtung mit Zeitzünder hervorgerufen wurde, also per Fernzündung ausgelöst wurde. Es ist somit unerheblich, wo Sie sich aufgehalten haben, da man die Explosion von jedem Ort aus mit einem handelsüblichen Handy auslösen konnte.“
John schien wie vor den Kopf gestoßen. Er brauchte Zeit, um das Gehörte zu verarbeiten. Sein Alibi war nichts mehr wert, und er war tatverdächtig, nur er. Wer immer dahintersteckte, diese Leute hatten sehr gründlich gearbeitet.
Das Verhör zog sich weitere zwei Stunden hin, und alle Kontaktpersonen von John wurden mit genauer Uhrzeit und Ortsangabe notiert, sein Tagesablauf mehrmals durchgegangen und alle noch so kleinen Geschehnisse des Tages immer wieder aufs Neue durchgekaut.
Völlig erschöpft verließ John am Nachmittag das Revier. Er hatte das Gefühl, beobachtet zu werden, und beschloss, nicht zu Marco zu gehen. Er sah eine Kneipe. Er brauchte jetzt ein paar Drinks, wollte vergessen. Vor der Tür der Bar entschied er sich dagegen, seinen Verstand zu vernebeln. John hatte nur noch eine Chance. Er musste Belaqua der Polizei liefern, am besten mit einem Geständnis. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr, Inspector Tenner hatte seinen Täter schon gefunden.
Er ging zu Fuß zu Marcos Elternhaus zurück. Das Laufen tat ihm gut.
Als er eintrat, stand sein Freund bereits in der Küche und kochte. Tagliatelle mit Blattspinat und Lachs in einer köstlichen Weißwein-Sahnesauce.
Der graue zivile Polizeiwagen war ihm unbemerkt gefolgt.
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