Kitabı oku: «Ciros Versteck», sayfa 2

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Es werden dieselben Dinge passieren, sie werden wieder passieren.

Konstantinos Kavafis

2.

Die ganze Nacht hindurch saß Gabriele Santoro im Sessel seines Arbeitszimmers, wachte über den Jungen und trat hin und wieder ans Bett, um das Fieber zu kontrollieren oder ihm die Decke zurechtzuziehen. Mehrmals hörte er ihn im Schlaf stöhnen, und als die Temperatur abermals stieg, legte er ihm nasse Lappen auf die Stirn.

Weil es ihn beschäftigte, nicht zu wissen, was los war, machte er sich den schwachen Moment des Jungen zunutze und fragte ihn nach dem Grund seiner Flucht. Doch wieder verkroch sich Ciro in undurchdringliches Schweigen und blieb ein Rätsel. Resigniert wartete Gabriele Santoro ab, bis dem Jungen die Augen wieder zufielen, und schloss ebenfalls die Lider.

Gegen fünf Uhr glitt er endlich erschöpft in den Schlaf. Als er nach zwei Stunden erwachte – die Uhr zeigte zehn vor sieben –, trat er zu dem schlummernden Jungen, berührte ihn und stellte fest, dass er sich kühler anfühlte. Erleichtert ging er ins Bad, um sich zu waschen.

Bedächtig und – sofern möglich – mit noch größerer Pedanterie, als er sie sonst bei seiner Morgenhygiene an den Tag zu legen pflegte, begann er sein Gesicht einzuseifen. Als sämtliche zu rasierende Partien mit Schaum bedeckt waren, betrachtete er sich im Spiegel. Ihm wollte kein Vers einfallen, nicht einmal einer von Kavafis. Als wäre die Dichtung der Welt mit einem Mal verstummt. Er musste an das verstörende Flehen in den Augen des Jungen denken, an die Wucht seines unergründlichen Blickes. Was wollten diese Augen? Vor wem hatten sie Angst? Und warum hatte er sich darauf eingelassen, ihn bei sich aufzunehmen?

Er ließ den Rasierer über die Haut gleiten und empfand dabei eine Art wundersame Verlangsamung der Zeit, als wäre die Welt plötzlich stehen geblieben und die Angst des Jungen in ihrem Innehalten ebenso verschwunden wie sein Drang, sie zu verstehen. Dieses Wunder vermochte ihm sonst nur die Musik zu bescheren. Die in einem unendlich komplexen Augenblick gebündelte Zeit, der den Sinn der Ereignisse wandelte und eine Ahnung dessen aufscheinen ließ, was die Zukunft bringen mochte.

Als er die Rasur beendet hatte, wusch er sich das Gesicht und stellte fest, dass er blutete. Ein winziger Schnitt unter der Lippe, eine Lappalie.

Um am Ritual eines gewöhnlichen Morgens festzuhalten, ging Gabriele Santoro zuerst bei Marianos Kiosk vorbei und kaufte sich eine Zeitung. Während er das geschuldete Geld abzählte – sie hatten eine monatliche Vereinbarung und es war der 30. September –, kam ein Mann auf den Kioskbetreiber zu, flüsterte ihm etwas ins Ohr, nahm dessen Kopf in einer vermeintlich herzlichen, aber versteckt bedrohlichen Geste fest zwischen beide Hände und verschwand.

Als sie wieder allein waren, wechselten er und Mariano einen Blick, der für gewöhnlich keinerlei Erklärung bedurft hätte. Doch an diesem Morgen wollte der Maestro nichts ungeklärt lassen, und als er die leise Angst im Gesicht des Mannes sah, mit dem er seit zwanzig Jahren seinen Tag zu beginnen pflegte, fragte er ihn, ob etwas nicht in Ordnung sei. Der Kioskbetreiber antwortete nicht sofort. Er steckte das Geld weg, trat aus dem Büdchen auf den menschenleeren Platz hinaus, stellte sich schweigend vor ihn hin und blickte ihn an.

„Der Sohn von Carmine Acerno is’ verschwunden, Ciro“, raunte er dann wie ein Bauchredner. „Die dreh’n völlig durch, um ihn zu finden. Und dann gehen sie mir damit auf den Sack, als wär’ ich bei ihren Sauereien der Aufpasser.“

Gabriele Santoro beschränkte sich auf ein Nicken.

„Wie ist er denn verschwunden?“, fragte er gespielt beiläufig.

„Abgehauen“, lautete die lapidare wie rätselhafte Antwort.

Die vermeintlich neutrale Information ließ Gabrieles Puls ein wenig schneller gehen.

„Wieso?“

Eine gewagte Frage, wusste er doch, dass die Grundhaltung des Viertels ein Übermaß an Neugierde nicht billigte. Tatsächlich verzog Mariano das Gesicht zu einer ohnmächtig betrübten Miene und breitete die Arme aus.

Unterdessen hatte es heftig zu regnen begonnen. Hastig und ohne, dass es eines weiteren Wortes bedurfte, gingen die beiden auseinander. Mariano verkroch sich wieder in seinen Kiosk, und als könnte die vom Himmel niederstürzende Sintflut seine Unrast fortspülen, machte sich der Maestro im strömenden Regen auf den Weg, um einen Kaffee zu trinken.

Als das Mädchen hinter dem Tresen ihn durchweicht und sichtlich verloren hereinkommen sah, drückte sie ihm eine Rolle Küchenpapier in die Hand und forderte ihn mit einem Kopfnicken auf, sich notdürftig abzutrocknen. Gabriele Santoro lächelte dankbar, und um sie nicht zu enttäuschen, verdrückte er sich auf die Toilette.

Der Raum war klein und ungewöhnlich sauber. In dem winzigen runden Spiegel wirkte sein Gesicht so fehl am Platz wie ein vom Grund der Tiefsee geborgenes Wrack.

Er riss ein Stück Küchenpapier ab und betupfte seinen durchnässten Ärmel. Durch die Kabinenwand zur Damentoilette war eine heisere Frauenstimme zu hören, die jemandem von einem kürzlichen Vorfall berichtete.

„Die Ärmste liegt mit ’nem gebrochenen Oberschenkel und Schädelbruch im Cardarelli, ihr Zustand is’ kritisch. Der steht mit einem Fuß im Grab, der Ciro. Carmine muss ihn finden. Den Rosario, den Sohn von Amitrano, haben sie sich schon geschnappt.“

Dann, als hätte ihr Gegenüber sie zum Leise-Sein ermahnt, verfiel die Frau in einen Flüsterton, der zu einem unverständlichen Wispern verklang.

Begierig auf weitere Gesprächsfetzen, drückte der Maestro sein Ohr an die Kabinenwand, doch gleich darauf war die Klospülung zu hören, dann eine quietschende Türklinke und schließlich die sich entfernenden Schritte zweier Personen. Er wartete ein paar Sekunden, verließ dann ebenfalls das Bad und sah gerade noch, wie die beiden Frauen, von denen er eine als Ciros Mutter erkannte, durch die Eingangstür verschwanden. Er kehrte an den Tresen zurück und bestellte einen Espresso.

Als er die Bar verlassen hatte, begab sich Gabriele Santoro mit hypnotischer Langsamkeit zum Supermarkt, den er mit triefenden Kleidern betrat, womit er die entgeisterten Blicke sämtlicher Anwesender auf sich zog, vor allem der neugierigen Kassiererin, die es sich einfach nicht nehmen ließ, sich ständig in seinen Ernährungsplan einzumischen.

Tropfend steuerte er auf das Gebäckregal zu und wählte zwei unterschiedliche Kekssorten aus, Schokoladenplätzchen und Hagelzuckerkringel, dann setzte er seinen Einkauf fort, griff sich ein Glas Bio-Orangenmarmelade, eine Tüte Milch, Schmelzkäseecken, vier Steaks, eine kleine Packung Ricotta, Tomaten, zwei Mozzarellas, Obst, eine Tüte Chips, vier Dosen Cola und Brot.

„Haben Sie Gäste?“, fragte die Kassiererin gewohnt vorwitzig.

„Nein, ich kaufe nur ein paar Vorräte, in den nächsten Tagen muss ich meinen Unterricht vorbereiten und werde wohl kaum dazu kommen, aus dem Haus zu gehen“, erwiderte der Maestro gelassen.

„Ah“, sagte die Frau nur und zog die Lebensmittel über den Scanner. Bei den Käseecken hielt sie inne.

„Die sollten Sie besser dalassen, die sind ungesund, ich hab mal eine Doku darüber gesehen, was die da alles reintun, sogar alte Schuhabsätze tun die da rein …“

Der Maestro setzte ein verhaltenes Lächeln auf und gab ihr mit einer knappen Geste zu verstehen, sie einzulesen.

Als er wenig später seinen Hauseingang betrat, kam ihm Gaudenzi entgegen, ein netter Mann, der ebenfalls im Haus wohnte und im Postamt arbeitete. Gabriele grüßte ihn im Vorbeigehen, eilte mit baumelnden Einkaufstüten auf die geöffnete Fahrstuhltür zu und sah, dass bereits jemand im Aufzug stand: Carmine Acerno, Ciros Vater.

So nah war er ihm noch nie gekommen, bislang waren sie einander nur flüchtig auf der Straße begegnet. Der Mann war um die fünfzig und hatte ein rundes, glattes Gesicht, das in unergründlicher Stumpfheit versunken schien.

Wie üblich grüßten sie einander mit einem unmerklichen Nicken. Der Maestro schloss die Tür, drückte den Knopf seines Stockwerks – das vierte –, drehte sich hastig um, um dem Mann nicht den Rücken zuzuwenden, und hatte ihn so dicht vor der Nase, dass er seinen säuerlichen Dunst wahrnehmen konnte. Der Mann stierte ihn an, als wollte er seine Seele durchleuchten. Er sah aus, als hätte er ebenfalls die ganze Nacht kein Auge zugetan.

Um das spürbare Unbehagen zu überspielen und als wollte er die quälende Langsamkeit des Fahrstuhls messen, fing Gabriele Santoro an, mit der Hand metronomisch den Takt zu schlagen. Als er Carmines Blick nicht mehr standhalten konnte, sah er in den Spiegel und traf auf sein verschwitztes, müdes, verschrecktes Gesicht.

Mit einem Ruck hielt die Kabine auf dem Stockwerk, die Türen öffneten sich, und endlich konnte der Maestro mit rasendem Herzen aussteigen, doch als eingefleischter Perfektionist und fieberhaft darum bemüht, sich seine Verstörung nicht anmerken zu lassen, bedachte er seinen Mitfahrer mit einem letzten, förmlichen Nicken, ehe sich die Türen wieder schlossen.

Kaum war er in seiner Wohnung, stellte er die Tüten auf dem Boden ab und machte sich auf die Suche nach dem Jungen. Im Arbeitszimmer war er nicht. Vermutlich war er in der Küche. Doch nachdem er die gesamte Wohnung einschließlich des Hängebodens hektisch abgesucht hatte, musste er sich der unerfreulichen Tatsache stellen: Ciro war fort.

Ungläubig starrte er aus dem Fenster. Auf dem kleinen Platz stritten zwei Typen miteinander, Carmines übrige Kinder spielten Fußball, der Tabakladenbesitzer, das Hinkebein, stand vor der Ladentür und rauchte eine seiner täglichen fünf Zigaretten. Sonst war niemand zu sehen.

Niedergeschlagen und erleichtert zugleich ließ Gabriele Santoro sich in den Sessel seines Arbeitszimmers fallen, wo er bis elf Uhr sitzen blieb und seinen Gedanken nachhing. Er überlegte, ob der Junge wohl zu seinen Eltern zurückgekehrt und liebevoll von ihnen aufgenommen worden war. Nicht sonderlich überzeugt von dieser Vermutung und um die Nervosität loszuwerden, legte er in voller Lautstärke eine seiner Lieblingsplatten auf, die Sonate für Violine und Klavier in A-Dur von César Franck, gespielt von David Oistrach und Swjatoslaw Richter. Doch mitten im Allegretto gellte plötzlich der durchdringende Ton der Türklingel durch die Wohnung: einmal, zweimal, dreimal.

Er lief zum Spion, doch dort war niemand. Er wollte gerade kehrtmachen, als es wie wild an die Tür hämmerte. Hastig riss er die Tür auf und blickte in die eingefallenen Augen des Jungen, die ihn herausfordernd anstarrten. Er zerrte ihn in die Wohnung, spähte auf den Treppenabsatz hinaus, um sicherzugehen, dass niemand sie beobachtet hatte, und schloss die Tür.

„Bist du irre? Wo warst du?“, blaffte er mit mühsam unterdrückter Wut.

„Ich hab dich nicht gefunden und hab gedacht, du bist bei mein’ Papa.“

„Und wo hast du dich versteckt?“

„In der leeren Pförtnerwohnung, da bin ich immer mit Rosario.“

„Wer ist Rosario?“

„Mein Freund, Rosario Amitrano.“

Damit erschöpfte sich das Gespräch und wich einer stummen Feindseligkeit, die den ganzen Vormittag anhielt.

Gegen zwei Uhr kam der Junge zu ihm und verkündete, er habe Hunger, woraufhin der Maestro wortlos in der Küche verschwand, um ein Steak zu braten und Tomaten zu schneiden, und kurz darauf saßen sie noch immer wortlos bei Tisch und wechselten nur gelegentlich lange, fragende Blicke.

Als sie mit dem Essen fertig waren, fragte er Ciro abermals, wovor er davonlaufe. Und abermals blieb ihm der Junge eine Antwort schuldig.

„Also, deinen Freund, Amitranos Sohn, den haben sie schon geschnappt. Wenn du willst, dass ich dir helfe, solltest du mir besser sagen, was ihr ausgefressen habt.“

Bei dieser Nachricht erstarrte die Miene des Jungen zu einer steinernen Maske.

„Woher weißt du das?“, fragte er.

„Ich weiß es“, gab der Maestro lakonisch zurück. Ciro sprang auf, flitzte davon und warf sich aufs Bett.

Als er die nervöse Anspannung gegen vier Uhr nachmittags nicht mehr ertrug, beschloss Gabriele Santoro schweren Herzens, seinen Bruder Renato anzurufen, der Staatsanwalt war, und ihn um ein Treffen zu bitten, um mit ihm über die merkwürdige Misslichkeit eines Freundes zu sprechen. Der Jurist schwieg einen langen Augenblick und entgegnete dann, er habe über ein Jahr nichts von ihm gehört.

„Du meldest dich nach so langer Zeit, um mich um einen Rat für deinen Freund zu bitten? Vielleicht sollten wir erst einmal unsere eigenen Angelegenheiten klären, meinst du nicht, Gabriè?“

Der Maestro hatte mit dem Unmut des Bruders gerechnet, er war darauf eingestellt, ein weiteres Mal das sinnlose Ritual zu durchlaufen, mit dem sie ihren Zwist zelebrierten und Probleme aufrührten, für die es nie eine Lösung geben würde. Also verabredeten sie sich für den nächsten Tag in einer Trattoria unweit der Staatsanwaltschaft beim Centro Direzionale.

Gabriele Santoro verbrachte die Nacht mit der halbherzigen Lektüre einer Ravel-Biografie, doch die meiste Zeit betrachtete er den schlafenden Jungen, als könnte er so hinter das unlösbare Rätsel gelangen, das in seinen Zügen aufschimmerte.

Als sie am nächsten Morgen beim Frühstück saßen, stellte Ciro ihm aus heiterem Himmel eine Frage, die ihn zutiefst verstörte: „Was hast du mit mir vor?“

Statt zu antworten, behauptete er, darüber habe er noch nicht nachgedacht. In Wirklichkeit hatte er die ganze Zeit nichts anderes getan, doch die sich überschlagenden Ereignisse hatten ihm nicht die nötige innere Ruhe gelassen, einen Plan zu schmieden.

Als er die Wohnung verließ, verabschiedeten sie sich voneinander, als würden sie schon seit einer Ewigkeit zusammenwohnen. „Ich muss was erledigen“, sagte der Maestro nur zu dem Jungen, der beklommen nickte. Auf dem Weg zur Treppe fragte er sich, ob er ihn einschließen sollte. Ja, beschloss er, das sollte er, auch wenn er sich dabei wie ein Gefängniswärter vorkam.

Die Botschaften waren falsch, (Oder wir haben sie nicht gehört oder schlecht verstanden).

Kostantinos Kavafis

3.

Der Bruder war ein gut aussehender, nicht uneitler Mann. Gabriele betrat die Trattoria und blieb stehen, um ihn heimlich zu mustern und sich über das fragliche Thema noch einmal klarzuwerden, ehe er es damit aufnahm. Mit dem gemessenen Habitus eines Menschen, der sich stets im Zentrum der Aufmerksamkeit wähnt, schrieb der Staatsanwalt etwas in ein Notizbuch.

„Ciao, Renato“, sagte der Maestro verhalten. Langsam und mit kaum verhohlenem Unmut drehte sich der Angesprochene um.

„Du bist zwanzig Minuten zu spät, nicht ein einziges Mal geht es ohne deine Laxheit.“ Obwohl er der jüngere Bruder war, lag in seiner Stimme ein unüberhörbar paternalistischer Ton.

„Pünktlichkeit ist der Dieb der Zeit, pflegte Oscar Wilde zu sagen. Und es sind nur zehn Minuten. Deine Uhr geht ein wenig vor.“

„Na schön, Gabriè, lass gut sein. Schau lieber nach, was du essen willst, ich habe nämlich schon bestellt.“

Renato reichte ihm die Speisekarte, die der Maestro eingehend studierte, während er sich darüber klarzuwerden versuchte, wie er das Gespräch beginnen sollte.

„Ich glaube, ich nehme die Pasta mit Kartoffeln, und du?“

„Ich nehme gedämpften Graubarsch mit Bohnen.“

„Willst du Wein?“

„Du weißt, dass ich um diese Uhrzeit nicht trinke.“

„Ich nehme einen Viertelliter.“

Nachdem der Kellner die Bestellung aufgenommen hatte, stürzten sich die beiden Brüder in die Abgründe ihrer leidigen Familienangelegenheiten. Eine rechte Höllenfahrt. Sie führten das hinlänglich erprobte Theaterstück des Familienstreits auf, die improvisierte Dramaturgie eines Szenariums, das nie einen Schluss haben würde.

Renato spielte den Pflichtbewussten und schob dem Bruder die Rolle des verantwortungslosen, asozialen Egoisten zu. Teilnahmslos hörte Gabriele zu und wich den Vorwürfen und Anfeindungen mit eleganter Gleichgültigkeit aus, als säße er gelangweilt in einem Film, den er bereits kannte.

Als ihm das bleierne Schweigen nach der unerquicklichen Diskussion unerträglich wurde, kam der Staatsanwalt auf den eigentlichen Grund ihres Treffens zu sprechen:

„Was wollte denn dieser Freund, den du am Telefon erwähnt hast?“

Also begann der Maestro, sich seine Geschichte von der Seele zu reden, als hätte er nichts damit zu tun. Er berichtete von einem Typ, einem Kollegen, in dessen Wohnung eines Abends plötzlich ein zehnjähriger Junge gestanden und ihn um Hilfe gebeten habe. Der Junge wohnte im selben Mietshaus und wollte sich verstecken, weil er etwas Schlimmes ausgefressen hatte und fürchtete, dafür bestraft zu werden. Am meisten schreckte ihn die Aussicht, zum Vater zurückgebracht zu werden. Weil dem Freund der Verdacht gekommen sei, die Camorra hätte etwas damit zu tun, habe er ihn bei sich versteckt und versuche nun, einen Ausweg aus diesem Schlamassel zu finden. Aber was hätte er sonst tun sollen? Den Jungen zu den Eltern zurückbringen, vor denen er weggelaufen war? Oder hätte er ihn der Polizei übergeben sollen, die ihm gesagt hätte: Guter Mann, wir kümmern uns um Verbrechen, nicht um Vermutungen. Ganz zu schweigen davon, dass das zuständige Kommissariat bei De Vivo, dem Boss des Viertels, gelinde gesagt, ein Auge zudrückte. Also? Wie konnte man ihm helfen? Was sah das Gesetz in einem solchen Fall vor?

Nachdem er die Geschichte in einem Atemzug erzählt und seine Fragen gestellt hatte, hielt Gabriele Santoro erwartungsvoll inne.

Sein Bruder musterte ihn noch immer mit undeutbarer Miene und setzte schließlich seinen eisigen Robespierre-Blick auf, den der Maestro nur zu gut kannte.

„Ich glaube dir kein einziges Wort“, hob Renato zischend an, „und ebenso wenig glaube ich, dass diese Geschichte einem Freund von dir passiert ist, in Wahrheit geht es um dich, aber du hast nicht den Mumm, es zuzugeben, und das völlig zu Recht, denn die Angelegenheit könnte dir zum Verhängnis werden, mein lieber Gabriele, zum Ver-häng-nis.“

Der Staatsanwalt verstummte, ließ den Blick über den Tisch wandern, goss sich nervös einen Schluck Wein ein und leerte das Glas in einem Zug.

„Dass du leichtfertig bist, wusste ich schon immer“, fuhr er mit gepresster Stimme fort, „aber dass es so weit mit dir kommen würde, hätte ich nicht für möglich gehalten. Du musst diesen Jungen unverzüglich zu seiner Familie zurückbringen, das ist das Einzige, was du tun kannst. Andernfalls riskierst du eine Anklage wegen Kindesentführung, dafür kannst du drei bis zwölf Jahre kriegen, das sage ich dir gleich. Und ich muss dir gewiss nicht erklären, was die Camorristi mit dir anstellen, sobald sie spitzkriegen, dass du den Jungen versteckst. Ist dir das klar?“

Gabriele Santoro ließ die drohende Frage an sich abperlen und sah Ciros Gesicht vor sich, in dem der Blick eines gehetzten Tieres lag.

Die ganze Sache war vollkommen wahnsinnig, in diesem Punkt war er mit seinem Bruder einig, doch die möglichen Konsequenzen ließen ihn völlig kalt.

„Das heißt, von Gesetzes wegen ist dieser Junge geliefert?“ Er rückte noch ein Stück an Renato heran und blickte ihm geradewegs in die kalten, strengen Augen. Die Frage war denkbar einfach und die einzige, die für ihn zählte.

Er konnte die auflodernde Wut seines Bruders spüren, und schon ging eine aufgebrachte Wortlawine über ihn nieder.

„Von welchem Gesetz redest du überhaupt, von welchem Scheißgesetz redest du, Gabriele, von dem Gesetz, das du dir ausgedacht hast? Als könntest du nach Lust und Laune darüber verfügen, als wäre es dazu gemacht, um es der Fantasie zu überlassen. Denn von nichts anderem reden wir hier, wir reden von einer Geschichte, die sich ein Kind mit allzu lebhafter Fantasie zurechtgesponnen hat und über die du nichts weißt. Nullum crimen sine lege, nulla poena sine judicio, in dubio pro reo, audiatur et altera pars. Sagt dir das gar nichts? Von welcher Rechtsprechung redest du?“

„Antigone, sagt dir der Name nichts, Renato?“ Verärgert, dass er sich zu einer Erwiderung hatte hinreißen lassen, biss sich der Maestro auf die Zunge.

„Na bitte. Antigone hat gerade noch gefehlt. Leute wie du müssen sie immer wieder hervorkramen, ihr könnt einfach nicht anders, ohne das Fräulein der schönen Seelen lohnt es sich nicht zu tanzen. Nun, ich muss dich enttäuschen, Gabriele, doch mein Gesetz ist das des engstirnigen Kreon. Sein Bemühen, das Urteil zu entpersönlichen und Ordnung in das Chaos zu bringen, erscheint mir nützlicher, konkreter und maßvoller als Antigones Reinheitsdurst. Das ist Gerechtigkeit, der bescheidene Versuch, Ordnung in das Chaos zu bringen, die Finsternis, die uns umgibt, mit dem matten Licht zu erhellen, über das wir verfügen, und nicht mit dem Licht des Absoluten. Das gehört in die Literatur.“

Sie verfielen in abgründiges, feindseliges Schweigen und Gabriele dachte wieder an Ciro, überlegte, was er wohl gerade machte, und fragte sich, ob er sich noch fürchtete. Ihm kamen Abraham und dessen Sohn Isaak in den Sinn und in einem wirren Gedankenstrudel landete er schließlich bei Jeremias und den Kinderspuren.

Schließlich sprang sein Bruder auf, um zu zahlen, und der Maestro versuchte gar nicht erst, ihn davon abzuhalten und halbe-halbe zu machen. Er wartete, bis er zurückkehrte, und sagte:

„Es tut mir leid, dass du so denkst.“

Wie zu erwarten, wollte Renato ihm nicht das letzte Wort überlassen, sondern nahm sogleich wieder Platz, ergriff seinen Arm und bedachte ihn in gefasstem Ton mit einer letzten Warnung:

„Hör mal, Gabriele, wir beide werden uns nie verstehen, du hast vor vielen Jahren deine unbegreiflichen Entscheidungen getroffen und zahlst mit deinem beschissenen Leben in einem beschissenen Viertel voller beschissener Menschen tagtäglich den Preis dafür. Das war dir lieber als deine eigene Geschichte, weil dir, wie du selbst gesagt hast, vor der Familie graust. Ich habe andere Entscheidungen getroffen und bin endlich an einem entscheidenden Wendepunkt angelangt. Wenn nämlich alles so läuft, wie es soll, werde ich in einem Monat in den Obersten Gerichtsrat gewählt, und glaub mir, diesmal werde ich nicht zulassen, dass du mir wie schon so manches Mal dazwischenfunkst. Nein, das werde ich nicht zulassen. Also, ruf mich nicht an, schreib mir nicht, vergiss, dass es mich gibt, vergiss sogar, dass ich dein Bruder bin. Aber ich will dir noch etwas sagen. Hör gut zu, Gabriele, ich glaube, dass es in deiner Lage ein Irrsinn wäre, mit diesem Abenteuer weiterzumachen. Sollten dir die Polizei oder die Justiz auf die Schliche kommen, und ich hoffe inständig, das wird nicht passieren, wärst du in ernsten Schwierigkeiten, verstehst du?“

Renato schüttelte ein letztes Mal seinen Arm, stand auf und verließ das Lokal.

Der Maestro war sprachlos, er hatte nicht damit gerechnet, dass sein Bruder so feiger Gedanken fähig wäre.

Als er das Restaurant verlassen hatte, streifte er eine Stunde lang ruhelos umher und fand sich schließlich unversehens vor dem Eingang einer Polizeiwache wieder. Er betrat die Halle, und ein albinotischer Polizist fragte ihn, wie er helfen könne. Er wünsche mit dem diensthabenden Beamten zu sprechen, nuschelte der Maestro zerfahren.

„Worum geht es?“, erkundigte sich der Polizist.

„Das ist vertraulich“, flüsterte Gabriele Santoro. Es sei nur der Vizekommissar im Haus, doch der habe gerade zu tun, entgegnete der Polizist und wies ihm das Wartezimmer.

Der enge, ringsum verglaste Raum war voller Menschen. Der Maestro nahm Platz, musterte die Gesichter seiner Leidensgenossen und versuchte, sich zum Zeitvertreib die Straftaten, Diebstähle und Gewalttaten auszumalen, von denen sie Meldung machen wollten.

Nach einer Weile befiel ihn ein eigenartiges Unbehagen, als entwüchse der Verbindung zwischen den anwesenden Gesichtern und seinen Mutmaßungen etwas zutiefst Verstörendes. Also beschloss er, sich in sich selbst zu verkriechen, und tauchte erst wieder auf, als aus dem Korridor schallendes Gelächter herüberdrang.

Ein Mann mit stumpfem Bulldoggengesicht und pockennarbiger Haut flachste mit zwei Typen, die Gabriele Santoro als De Vivos Männer erkannte.

Schließlich umarmten ihn die beiden, küssten ihn und gingen davon. Der albinotische Beamte nutzte die Gelegenheit, näherte sich dem hundegesichtigen Mann und murmelte ihm etwas zu. Aus der Art, wie der Mann sich umdrehte und zu ihm herübersah, schloss der Maestro, dass er der Vizekommissar sein musste. Ihre Blicke trafen sich kurz, dann schnippte der Mann seine Zigarette auf den Boden, trat sie zweimal mit dem Schuh aus und verkroch sich wieder in seinem Büro.

Der Albino betrat das Wartezimmer, flüsterte ihm salbungsvoll zu, er müsse sich noch eine Minute gedulden, und verschwand wieder.

Kurz darauf stand Gabriele Santoro auf und ging.

Ruhelos wanderte er durch die Straßen und verlor sich in düsteren, zermürbenden Gedankenschleifen. Irgendwann fand er sich erschöpft auf der Uferpromenade der Via Partenope wieder.

Es herrschte der übliche Rummel, Kellner versuchten, ausländische Touristen anzulocken, doch das Meer funkelte in warmem Licht, auf das eine gelegentliche schwarze Wolke ihren düsteren Schatten warf. Eine Weile stand er da und betrachtete das Treiben der Menschen in den Gassen des Borgo Marinaro, dann kam ihm in den Sinn, dass Ciro sich inzwischen bestimmt Sorgen machte. Ich sollte besser zurückgehen, sagte er sich. Immerhin hatte er nie jemanden gehabt, der daheim auf ihn wartete – ein völlig neues und keineswegs unangenehmes Gefühl.

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